{"numero_id": "bm-bmtnabi-1858-10-09-01", "volume": "bmtnabi_1858-10-09_01", "ocr_sha256": "e4837180f8b6e91855c6e67c09346c977514f003182eb52b7cc2c1d014122389", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1858/10/09_01/bmtnabi_1858-10-09_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1858-10-09-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-10-09_01#c001", "volume": "bmtnabi_1858-10-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "321", "page_fin": "321", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "321", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 408, "texte": "Inhalt.\nJohann Gottfried Walther. Sein Leben und Wirken, seine Familie, sein musicalisches Lexikon. Mitgetheilt von\nErnst Pasque. Das dritte mittelrheinische Musikfest in Wiesbaden. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, der Violon-\ncellist Giovanni di Dio Gesellschafts-Concerte Fräul. 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Wohl haben wir\ndie vortrefflichen und ausführlichen Arbeiten eines Win-\nterfeld, Becker, Chrysander u.s.w., doch haben diese\nAutoren nur einzelne Momente und Zweige behandelt,\ndie durch eben ihre Ausführlichkeit uns das Dazwischen-\nliegende in um so tieferem Schatten sehen lassen. Unsere\nmusicalischen Kataloge weisen zwar auch noch eine Menge\nanderer Bücher historischen Inhalts, zusammenhangende\nGeschichten der Oper u. s. w. nach, doch nimmt man sich\ndie Mühe, sie durchzulesen, so wird man bald finden, dass\nsie fast alle mit Vorhandenem und unter einander über-\neinstimmen, dass das eine Werk aus dem anderen hervor-\ngegangen, mit Einem Worte: dass ein Autor den anderen\nabgeschrieben. Einzelne Momente und Epochen lernen wir\nin jenen Büchern, Dank den oben erwähnten Forschern,\nkennen; aber was jenen Momenten voranging, was zwi-\nschen jenen Epochen liegt, sie vorbereitete, erfährt man\nkaum oder nur höchst mangelhaft, eben weil jene Autoren\nselbst die Quellen nicht kennen oder nicht kennen und\nauffinden wollen, die im Stande sind, Licht über jenes\nDunkel zu verbreiten. S Wer nimmt sich auch wohl die\nMühe, die Folianten eines Mattheson, die Zeitschriften\nMitzler's und Marpurg's und andere Quellen, Werke\ndes vorigen Jahrhunderts, durchzugehen? Wie Wenige\nhaben wohl gar denMuth, im Staube der Archive zu wüh-\nlen, dort die unzähligen alten Handschriften durchzublättern\nund spärliche, doch bisher unbekannte und desshalb höchst\nwichtige Beiträge zu sammeln!\nEin gleiches Verhältniss findet bei der deutsche»\nTheater-Geschichte und bei den Lebens-Umständen äl-\nterer Musiker Statt. Einzelne Künstler kennt man genau,\nviele aber, die im Stillen, in der Oeffentlichkeit nicht gün-\nstigen Verhältnissen wirkten, sind dem Gedächtnisse ent-\nschwunden, und doch haben sie redlich, nach besten Kräf-\nten am Bau des grossen Ganzen mitgeholfen, sind vielleicht\nvon ihrer Zeit als Grössen anerkannt worden und würden\nheute noch der Welt in ihren Schöpfungen die schönsten\nResultate ihres künstlerischen Strebens zeigen, wenn diese\nWerke selbst nicht im Staube der Archive und Bibliothe-\nken vergraben lägen und mit ihren Urhebern der Verges-\nsenheit anheimgefallen wären.\nWohl ist viel in diesem Zweige in neuerer Zeit geschrie-\nben oder vielmehr abgeschrieben worden; man braucht\nnur die neun Bände Schilling's und das biographische\nWerk des Belgiers Fetis zu betrachten. Letzterer, sehr\nselbstständig und werthvoll für die französischen Artikel,\ngibt in den deutschen nur Copieen vorhandener Biogra-\nphieen und oftmals mit Auslassung der wichtigsten That-\nsachen und mit entstellenden Fehlern. Schilling, der nur\nselbstständig das geliefert hat, was der für ihn neuesten\nZeit angehörte, hat für die älteren Epochen den Gerber\nim vollsten Sinne des Wortes ausgezogen, doch dadurch\ngerade letzterem Autor einen wichtigen Dienst geleistet,\nseinen eigentlichen Werth festgestellt und sogar erhöht;\ndenn welcher Leser und Forscher wird sich mit den Schil-\nling'schen Artikeln begnügen? Man schlägt den Gerber\nnach, der in den von Schilling verübten Auslassungen nun\ngerade die schönsten Beiträge liefert. So ist denn dieses\nwichtige Buch, Gerber's Tonkünstler-Lexikon*),\ndas anfängt, in seinen beiden älteren Theilen recht selten\nzu werden, heute als Quelle (und fast als die einzige all-\n\n*) Aus dessen Werke: Der musicalischa Antiquarius\n(Manuscript).\n*) Das Werk erschien: der ältere Theil in zwei Bänden, Leipzig,\n1790 und 1792, der neuere Theil, als Fortsetzung, in vier Bän-\nden, Leipzig, 1812—1814."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "322", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5524, "texte": "gemein zugängliche) zu betrachten, die wir über Lebens-\numstände, Wirken und Werke älterer Musiker besitzen.\nWelche Mühe muss es jenem fleissigen Manne gekostet\nhaben, dieses umfangreiche Werk von sechs starken Bän-\nden zu Tage zu fördern! Dann noch eine Menge Material,\nNotizen, Nachträge dazu zu sammeln, die, so viel ich weiss,\nmit seinem ganzen Nachlass in den Besitz der Gesellschaft\nder Musikfreunde zu Wien übergegangen sind. Entfernt\nvon grösseren Städten, Bibliotheken, die ihn zu unterstützen\nvermocht hätten, lebte er zu Sondershausen, ganz auf sei-\nnen eigenen Vorrath von Büchern angewiesen, und doch\nbrachte er etwas zu Wege, das dem musicalischen For-\nscher heutzutage eines der schätzbarsten Bücher ist, das\neinzigste seiner Art und desshalb unentbehrlich *).\nIm Jahre 1790 erschien Gerber's erstes Werk, das\nso genannte alte Tonkünstler-Lexikon. In der Vorrede sagt\nGerber selbst, dass seine Büchersammlung „im Fache der\nin Deutschland gedruckten historisch-musicalischen grossen\nund kleinen Werke und Broschüren\" vollständig gewesen.\nAm Schlüsse führt er diese alle an, und wir sehen daraus,\ndass er deren siebenzig als Quelle benutzen konnte**), wo-\nmit indessen schon etwas anzufangen war, besonders da\nsich ungefähr fünf biographische Werke dabei befanden.\nUnter diesen kam ihm besonders Mattheson's Ehren-\npforte***) mit 148 Lebensbeschreibungen zu Statten; je-\ndoch seine Hauptquelle war Joh. Gottfried Walther's\nLexikon, d. h. Gerber's erstes Werk sollte sich an das\nWalther'sche anschliessen und eigentlich nur eine Fort-\nsetzung desselben sein.\nAlso hatte Gerber doch einen Vorgänger gehabt. Doch\nwer war dieser Walt her? wie war sein Werk beschaf-\nfen? Allerwärts fand ich ihn bei meinen Forschungen\nerwähnt, in Gerber, in Forkel's Literatur, in Marpurg's\nBeiträgen, kurz, in allen Werken musicalisch-historischen\nInhalts des vorigen Jahrhunderts, die ich durchgegangen;\nMarpurg in den fünfziger, Huller in den sechsziger\nJahren versprachen, Fortsetzungen zum „ Waltheru zu lie-\nfern, was sie aber beide nicht gethan, bis es endlich Ger-\nber, ohne es vorher zu versprechen, ausführte; stets und\nüberall ward auf ihn verwiesen, und so war es denn ganz\nnatürlich, dass ich begierig wurde, den Walther und sein\nBuch endlich kennen zu lernen. Ich forschte nach, suchte\n—doch vergebens! nirgends konnte ich ihn finden. Wal-\nther erschien mir als der „alte Ueberall und Nir-\ngends\" der musicalischen Literatur.\nEndlich hier in Weimar, am Orte, wo Walther ge-\nlebt und gewirkt, fand ich das langgesuchte Buch und in\nverschiedenen Schriften und Archiv-Acten noch mancherlei\nBeiträge zum Leben dieses merkwürdigen Mannes, die ich\nin diesen Blättern nebst anderen Mittheilungen—ebenfalls\ndem Staube der Archive und alten seltenen Druckwerken\nentrissen und den oben erwähnten dunkeln Epochen deut-\nscher Musik- und Theater-Geschichte angehörend, so wie\ndie Lebens-Umstände vergessener und verschollener Mei-\nster behandelnd niederlegen werde, die, wenn sie auch\nweiter kein Verdienst haben, dem Forscher doch gewiss\nBeiträge und Notizen liefern, und über einzelne jetzt noch\nin ziemlichem Dunkel liegende Epochen und Thatsachen\neiniges Licht verbreiten werden.\nMögen die Mittheilungen des „Antiquarius\" in diesem\nSinne aufgenommen und beurtheilt werden.\nJohann Gottfried Walther\nund sein musicalisches Lexikon.\nWalther's Jugend und sonstige Verhältnisse finden\nsich am besten dargelegt in seiner Selbst-Biographie, er-\nschienen in Mattheson's früher erwähnter Ehrenpforte,\n1740. Da dieses Werk aber äusserst selten ist, und es\nwohl am interessantesten sein dürfte, den Mann, dessen\nLeben und Wirken man kennen lernen will, selbst reden\nzu hören, so will ich Walther's Worte, wie sie die Ehren-\npforte bringt, hier mittheilen.\nMattheson beginnt den Artikel „ Waltheru in folgen-\nder Weise;\n„Johann Gottfried Walther, ein vortrefflich\ngründlicher Componist, gelehrter Organist und fürstlicher\nHofmusicus in Weimar, mit dem ich viele Jahre in Brief-\nwechsel zu stehen die Ehre habe, beschreibt seine Lebens-\numstände also: „ „Ich bin in Erfurt Anno 1684 den 18.\nSept. Gebohren, und den 21. in der Barfüsser-Kirche ge-\ntaufft. Meine Eltern sind gewesen Meister JohannS tephan,\nBürger, Zeug- und Taschmacher, und Frau Martha Do-\n\n*) Gerber gibt uns ein Beispiel seltener, wohl allzu grosser Be-\nscheidenheit, indem der fleissige Sammler es nicht einmal wagte,\nseinem ersten Werke, das doch so viele und ziemlich unbe-\ndeutende Namen enthält, die Biographie des Urhebers des Wer-\nkes einzureihen. Erst bei der Fortsetzung that er dieses, „um\nvielen Anfragen Genüge zu leistend Wahrhaft rührend hinge-\ngen ist die Sorgfalt, mit welcher er die Biographie seines Va-\nters schreibt, und die er mit folgenden Worten schliesst:\n„Möchte doch dieser kleine Kranz von Cypressen, der einzige\nDank, den ich dem würdigsten Vater geben kann, den Strom\nder Zeit unter grösseren mit hinabschwimmen und wenigstens\nseinen schwachen Urheber mit überleben!\"\n**) Forkel, der grösste Musikgelehrte seiner Zeit, gibt in seiner\n„allgemeinen Literatur der Musik\" (1792) nur 32 biographi-\nsche Werke an; also muss Gerber alles nur irgend Dienliche\nbenutzt haben.\n***) „Grundlage einer Ehrenpforte, worin der tüchtigsten Capell-\nmeister u. s. w. Verdienste u. s. w. erscheinen sollen. Zum\nferneren Ausbau angegeben.\" Hamburg, 1740. In 4to. Zwei\nAlphabete und zehn Bogen stark. Ein höchst seltenes Buch;\ndie hamburger Stadt-Bibliothek besitzt ein Exemplar, das dem\nSchreiber dieser Zeilen zu benutzen mehrmals freundlichst ge-\nstattet wurde."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "323", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5240, "texte": "rothea, geborene Lämmerhirtin, eine nahe Anver-\nwandtin der Bachischen Familie, beide auch aus Erfurt\ngebürtig: wie denn der Vater An. 1650 den 18. Decem-\nber, und die Mutter An. 1655 den 27. Juni das liebliche\nTages-Licht daselbst erblicket; selbiges aber am 18. De-\ncember 1731 und am 31. Januarii 1727 mit dem ewi-\ngen verwechselt haben.\n„ „Den Bund eines guten Gewissens mit Gott hat, Statt\nmeiner, aufgerichtet des damahligen Fürstl. Sachs, ge-\nsamten Ober-Geleitsmanns in Erfurt, wie auch Erb- und\nGerichtsherrn in Marckrippach und auf Dielsdorff, Herrn\nBartholomäi Keimers jüngerer Sohn Johann An-\ndreas, ein Jüngling von ohngefähr 11 Jahren, der, weil\ner noch nicht zum H. Abendmahle gegangen, deswegen\nsich hat examiniren lassen müssen. (Diese Familie ist nach-\nher geadelt worden; er aber, der Pathe, ist als ein Kai-\nserl. Pfaltz-Graf und fürstl. eisenacher Amts-Commissarius\nAn. 1734 im May-Monath verstorben.)\n„ „Im siebenten Jahre meines Alters bin ich in die\nKauffmanns-Schule gethan worden, nachdem vorher fast\n3 Jahr lang im Lesen und Schreiben Privat-Information\ngenossen. In nur gedachter Schule wurde zwischen An.\n1696 und 1697 von dem, zumahl im zierlichen Noten-\nSchreiben, ungemein accuraten Cantor Herrn Jacob\nAdelungen im Singen dergestalt unterrichtet, dass in\ndrey Viertel-Jahren einen Concertisten abgeben kunnte;\nwiewohl solche Fertigkeit meistens daher gekommen, weil\nmit dem Singen zugleich das Clavier-Spielen verbunden\nworden. Mein erster Lehrmeister hierin ist gewesen der\nannoch in Eisenach lebende Kammer-Musicus und Orga-\nnist, Herr Johann Bernhard Bach, der damals den\nOrganisten-Dienst an der Kauffmanns-Kirche bekleidete,\nund der zweite war dessen Nachfolger, Herr Andreas\nKretschmar.\n„ „Im May-Monath An. 1697 habe das Gymnasium se-\nnatorium bezogen, und An. 1702 den 8. November selbi-\nges wiederum verlassen, nachdem vorher in eben diesem\nJahre, nach abgelegter Probe am Tage Mariä-Heimsuchung,\nbei St. Thomä den Organisten-Dienst bekommen (dazu\nein Cantor an einer andern Gemeine, ohne meinen Bewust,\nmich vorgeschlagen hatte), und am elften September die\nmusicalische Composition zu erlernen angefangen. Auf der\nAcademie habe zwar einige Collegia in phibsophicis be-\nsuchet, imgleichen die Institutioncs juris, und Snobelium\nüber die Pandecten gehört, weil aber wegen nur gedach-\nter Erlernung der musicalischen Composition, wie auch der\nvielen Clavier-Information und des öffteren Orgel-Spielens\nbeym catholischen Gottes-Dienste viele Zeit zur Wieder-\nholung mir entzogen wurde, fassete den Entschluss, andere\nStudia fahren zu lassen und der Musik einzig obzuliegen.\nDieses deuchtete mir auch um so viel nöthiger zu seyn, da-\nmit nicht ein ex omnibus aliquid und am Ende\nheraus kommen mögte.\n„ „Ich schaffte mir also stumme Lehrmeister an, nem-\nlich Partituren und Bücher, so gut, als sie damals zu be-\nkommen waren, that An. 1704 gegen Michaelis (nachdem\ndes Jahres zuvor die Herbst-Messe zu Frankfurth am Mayn\nund die landgräfliche Residenz Darmstadt besehen) eine\nReise nach Halberstadt und Magdeburg, um den berühm-\nten Musicum Herrn Werckmeister kennen zu lernen\nund den schon vorhin mir bekannten Organisten Herrn\nJohann Grafen noch einmal zu hören. Beide liessen mich\nihre Orgeln (wiewohl mit ungleicher Wirkung) bespielen,\nund der erstere beschenkte mich nicht allein mit des Ba-\nryphoni Plejadibus musieis, sondern stifftete auch einen\nvergnügten Brief-Wechsel mit mir, wodurch ich manches\nschönes Clavier-Stück von des kunstreichen Buxtehu-\nden's Arbeit bekommen; in An. 1706 besuchte ich mei-\nnen Landsmann, gewesenen Nachbar und Spiel-Gesellen in\nder zarten Jugend, Herrn Wilh. Hieronymus Pach-\nelbel, in Nürnberg, um auch von diesem und anderen\nMusieis daselbst zu profitiren.\n„ „Hierauf sollte am Sonntage Sexagesimae An. 1707\nauf Veranlassung des mülhausischen Orgelmachers Herrn\nWenders und zweier dorthin gesendeter Kirchen-Stücke\nvon meiner Arbeit mich daselbst einfinden und die an der\nSt.-Blasius-Kirche durch den Tod desseel. Job. Rudolph\nAhlens ledig-gewordene Organisten-Stelle mittelst einer\nöffentlich abzulegenden Probe erlangen. Da aber solches\nVorhaben von einigen (vielleicht eigennützigen) Bekannten\nnicht für dienlich angesehen werden wollte, schrieb ich den\nTermin ab und erwartete eine andere Gelegenheit, die\nsich auch in nur gedachtem Jahre noch allhier in Weimar\nzeigte, da auf abgelegte Privat- und öffentliche Probe von\nE. Hoch-Edlen Rathe, mit Einwilligung des damahligen\nGeneral-Superintendenten, Herrn Johann Georg Lai-\nritzens, am 29. Julii zum Organisten-Dienste an der\nHaupt-Pfarr-Kirche zu St. Petri und Pauli die schrifftliche\nVocation erhalten.\n„ „Gleich nach meinem Antritt, welcher (wegen wäh-\nrender Kirchen-Trauer) erst auf Michaelis a. c. geschähe,\nbekam den Durchlauchtigsten Printzen, Herrn Johann\nErnsten, und die Durchlauchtigste Princessin Johannen\nCharlotten in die Clavier-Information, welchem hohen\nBeyspiele verschiedene andere Personen adelichcn und bür-\ngerlichen Standes folgeten. Ersteren habe auch, nach ge-\nschehener Wiederkunfft von der Universität Utrecht, vom\nJunio des 1713ten bis in den Mertz des 1714ten Jahres\nin der musicalischen Composition Lection zu geben und\nbey dieser Gelegenheit etliche mahl an Dero Tafel mit zu"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "324", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5398, "texte": "speisen, imgleichen des Nachts, währender Krankheit, öff-\nters bei Ihnen zu bleiben die Gnade und Ehre gehabt. Bei\nUnterweisung anderer habe auch nicht unterlassen, die\nComposition immer zu treiben, wie denn überhaupt bis\nhieher 92 Vocal- und 119 Clavier-Stücke über Choräle\n(die zusammen über viertehalb-hundert Variationes aus-\nmachen), imgleichen noch einige wenige Instrumental- und\nClavier-Sachen von mir verfertigt worden sind, die von\nanderen Verfassern gesetzte und von mir aufs Ciavier appli-\ncirte Stücke, 78 an der Zahl, nicht mit gerechnet. Unter\nden ersteren befinden sich 13 Stücke, die zum Ausgange\ndes 1708ten und Anfange des 1709ten Jahres dem da-\nmaligen Capellmeister in Gotha, Herrn Wolfgang Michael\nMylio, und noch einige andere, die zu gleicher Zeit einem\ngewissen Cantori in Westphalen zu Gefallen gesetzet; auch\nstecken verschiedene darunter, die ursprünglich Nacht-Mu-\nsiken gewesen und nachgehends mit convenablen geistli-\nchen Texten versehen worden sind. Von der zwoten Gat-\ntung sind An. 1713 die zwei Choräle: „„Meinen Jesum\nlass ich nicht\"\" u. s. w. und „ „Jesu, meine Freude\"\"\nu. s. w. von 6 und 10 Vorspielen, auf Kosten eines nahen\nAnverwandten, der sie selber in Kupfer radiret, und An.\n1738 der Choral: „ „Allein Gott in der Höh' sey Ehr'\"\"\nu. s. w., von 8 Veränderungen, zu Augspurg, in breit Fo-\nlio und Kupferstich, am St. Petri- und Pauli-Tage ans Licht\ngetreten*). Die noch übrig gehabte Zeit aber ist auf die\nVerfertigung des An. 1732 herausgekommenen musicali-\nschen Lexici gewendet worden**).\n„ „Seit dem 17. Juni 1708 lebe mit Frau Anna Maria,\nMeister J ohannDressler's, gewesenen Schneider und Ael-\ntesten zu Brunchewinda jüngere Tochter, in der Ehe und\nhabe von 8 Kindern zween Söhne und zwo Töchter noch\nam Leben. Der ältere Sohn, Johann Gottfried, ist ge-\nboren An. 1712 den 26. September, und der jüngere,\nJohann Christoph, An. 1715 den 8. Julii. Beyde stu-\ndiren seit Ostern An. 1732 unä 1736 zu Jena die Bechte;\njener spielet anbey die Violine und dieser das Ciavier.\nSchlüsslichen füge ich noch bey, dass von An. 1721 ohne\neiniges darum geschehenes Ansuchen ein Fürstlicher Hof-\nMusicus heisse.\"\"\nSo weit die Walther'sche Selbstbiographie und die\nBemerkungen Mattheson's.\nWalther stand nun fortan dem Organisten-Dienste an\nder Stadtkirche zu Weimar vor. 1741 liess er noch ein\nClavier-Concert ohne Accompagnement und eine Fuge zu\nAugsburg stechen, doch beschäftigte er sich hauptsächlich\nmit der Fortsetzung seines bedeutendsten Werkes, des\n„musicalischen Lexikons\". Gegen 1744 überfiel ihn eine\nKrankheit, die sich langsam und derart verschlimmerte,\ndass er im Herbste 1745 sich genöthigt sah, seinen zwei-\nten Sohn Johann Christoph, der mittlerweile ein tüch-\ntiger Musiker und Jurist geworden und in Jena ein gutes\nAuskommen gefunden, nach Weimar kommen zu lassen,\num ihm im Dienste zu helfen, wobei er zugleich daran\ndachte, dem Sohne nach seinem Tode, den er wohl heran-\nnahen fühlte, die Stadt-Organisten-Stelle zu verschaffen.\nDamals lebte zu Weimar der Hof-Organist Vogler.\nEr war der Nachfolger Schubart's*) und gleich diesem\nein Schüler des grossen J. S. Bach (bekanntlich von 1708\nbis 1717 Hof-Organist zu Weimar), und nach des Mei-\nsters Aussage sein bester. Vogler stand als Musiker beim\nHerzog Ernst August in besonderer Gunst, und als er\n1735 als Organist an die Marktkirche nach Hannover be-\nrufen wurde, der Herzog ihn aber nicht ziehen lassen\nwollte, machte ihn dieser, zur Entschädigung und um seine\nLage zu verbessern, zum Vice-Bürgermeister von seiner\nHauptstadt Weimar. Dieser Vogler nun hatte einen Sohn,\nder, von Profession ein Tuchmacher, nebenbei auch etwas\ndie Orgel zu schlagen verstand, und den der Vater, um\nihm eine bessere Versorgung zu verschaffen, schon längst\nim Stillen als Nachfolger Walther's im Stadt-Organisten-\nDienste bezeichnet hatte. Walther, dem dieses nicht ent-\ngangen war, richtete am 28. April 1747 von seinem Kran-\nkenlager eine rührende Bittschrift an seinen Herrn, den\nHerzog Ernst August, worin er um seiner vierzigjährigen\ntreuen Dienste willen bittet, seinem Sohne, der in allen\nFächern der Musik wohl bewandert sei, doch die bisher\nvon ihm innegehabte Stelle zu übertragen. Die Bitte des\nalten verdienten Mannes hatte leider keinen Erfolg. Wal-\nther sah sich bitter getäuscht, da man seine vielen gelei-\nsteten Dienste vergessen; er sah das Schicksal seiner Fa-\nmilie ungewiss, ihre fernere Existenz gefährdet, und diese\nherben Erfahrungen und Sorgen stürmten derart auf ihn\nein, dass sie rasch sein Lebensende herbeiführten. Er starb\nam 23. März 1748 im 64. Jahre seines Alters.\nDer junge Walther, der viele Stimmen für sich hatte,\nversah den Dienst seines Vaters an der Stadtkirche provi-\n\n*) Mit der Ueberscbrift: Walther's Denk-und Dankmahl u. s. w.,\nbei Johann Christian Leopold, Kunst-Verleger in Augsburg.\nMattheso n.\n**) Von diesem lautet es im Walther'schen Postscript also: Die\nFortsetzung des musicalischen Lexici ist zum Druck fertig,\naber wegen grosser Unbehülflichkeit derer, die es doch (auf\ngegebene Veranlassung) gar wohl hätten thun können, nicht\nstärker als 25 Bogen angewachsen. Sie mag demnach einen\nAnhang abgeben! Geschrieben in Weimar, den 28. December\n1739, erhalten den 31. Jenner 1740.\nMattheson*\n*) Schubart war, nachdem J S. Bach 1717 Weimar mit Cöthen\nvertauscht hatte, Hof-Organist geworden und am 2. April 1721\ngestorben, worauf Vogler «eine Stelle erhielt."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "325", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5312, "texte": "»orisch fort. Doch der Vice-Bürgermeister Vogler ruhte\nnicht und bearbeitete seine Collegen im Rathe derart und\n<o lange, bis endlich im November desselben Jahres der\nunge Tuchmacher Vogler zum Stadt-Organisten ernannt\nivurde*). Nun musste Walther die Wohnung, die sein Va-\ner über vierzig Jahre inne gehabt, mit seiner alten, schwa-\nchen Mutter und seinen Geschwistern räumen, die Orgel,\niuf der er schon als sechsjähriger Knabe vom Vater den\n•rsten Unterricht erhalten, die er nun schon beinahe drei\ni/ahre als Meister spielte und liebgewonnen, einem Ande-\nen, einem Tuchmacher, überlassen!—Am 23. November,\nim selben Tage, an dem Vogler seine Stelle als Stadt-Or-\nganist antrat, die Orgel des alten Walther zum ersten\nMale spielte, schrieb der junge Walther in gedrückter Lage\nund voll bitteren Unmuthes dem Herzog Ernst August.\nUm seines seligen Vaters willen, „dessen Meriten beson-\nders durch sein edirtes musicalisches Lexikon dergestalt\nbekannt sind, dass auch die späte Nachwelt seiner so leicht\nnicht vergessen wird\", bittet er, dem Hof-Organisten Vog-\nler als Adjunct beigesellt zu werden, oder um eine An-\nstellung als Clavicembalist bei den „wöchentlichen Concer-\nten\" des jungen Prinzen (Ernst August Konstantin), als\nEntschädigung dafür, dass er in Jena eine „honorable Stel-\nlung\" aufgegeben und über zwei Jahre die Dienste eines\nStadt-Organisten unentgeltlich versehen. Denn er muss le-\nben, muss in Weimar bleiben, weil er seine „alte, schwache\nMutter\" nicht verlassen darf; wäre dieses nicht, so wäre\ner schon längst in die weite Welt hinausgezogen.\nDiese Schrift blieb ebenfalls ohne Erfolg; sie konnte\nkeinen haben, weil der Herzog Ernst August noch in dem-\nselben Jahre starb.\nDie Walther'sche Familie lebte nun still und gewiss\nnicht ohne Sorgen in Weimar; da zeigte sich 1749 eine\nneue Aussicht für den jungen Musiker. Der verstorbene\nHerzog Ernst August hatte unterm 10. December 1735\ndie Stelle eines Musik-Directors am Gymnasium zu Wei-\nmar gestiftet, damit diejenigen Schüler, die sich zum Schul-\ndienste und Cantorat ausbildeten, guten Musik-Unterricht\nerhalten sollten, diese Stelle dann mit 100 Meissener Gul-\nden dotirt und sie den fürstlichen Kammermusikern Wey-\nmann und Eylenstein überwiesen. Diese hatten nun\ntäglich zwei Stunden Unterricht zu ertheilen und die an\njedem Samstage Statt findenden Concerte zu leiten. Wey-\nmann starb am 24. October 1744, und der alte Eylen-\nstein besorgte nun die Geschäfte allein mit Nutzniessung\ndes ganzen Gehaltes. Gegen Ende Mai des Jahres 1749\nstarb auch Eylenstein, und nun kam der junge Walther,\nder während der Krankheit des Letzteren dessen Dienst\nwieder unentgeltlich versehen, beim Ober-Consistorium\num diese Stelle nebst dem dafür ausgeworfenen Gehalte\nein, indem er sich erbot, „zu treuer und gründlicher Un-\nterrichtung in principiis compositionis, Generalbass, Cho-\nrälen und Präludiren.\"\nZugleich bewarb sich der Stadt-Cantor Johann Se-\nbastian Brunner um die Stelle; doch das Ober-Con-\nsistorium entschied sich für Walther, mit Vorbehalt Ge-\nnehmigung fürstlicher Ober-Vormundschaft; denn die 100\nMeissener Gulden wurden aus fürstlicher Privatcasse be-\nzahlt. Brunner wandte sich nun auch an jene oberste Be-\nhörde und erbot sich, die Stelle ohne alle Entschädigung\nzu versehen, wenn man ihm nur den Titel „Director Mu-\nsices\" geben wolle. Die fürstliche Ober-Vormundschaft\nbewilligte indess keines der Gesuche, sondern strich die\n100 Meissener Gulden vom Ausgabe-Etat, und die Stelle\nblieb unbesetzt und ging vor der Hand ein*).\nNun waren alle Hoffnungen Walther's im Vaterlande\nzerstört; da starb seine Mutter—die eine Schwester hatte\nunterdessen einen Weimarer Bürger, Namens Martini,\ngeheirathet (was aus den zwei anderen Geschwistern ge-\nworden, vermag ich nicht anzugeben) —, und nun schüt-\ntelte unser Walther den Staub von den Schuhen, drehte\nseiner Vaterstadt den Rücken und zog hinaus in die Fremde,\nsein Glück versuchend. Und siehe da, er fand es auch;\ndenn kaum zwei Jahre später, 1751, treffen wir ihn zu\nUlm als ersten Organisten und Musik-Director am dortigen\nMünster, gewiss der beste Beweis, dass er etwas Tüchtiges\nin seiner Kunst leistete. Neunzehn Jahre verwaltete er diese\nStelle, dann zog es ihn doch wieder nach der Heimat zu\nden Seinen hin (er selbst war unverheirathet), und so legte\ner denn 1770 seine Stelle in Ulm nieder und kehrte nach\nWeimar zurück. Doch genoss er die Ruhe in seiner Va-\nterstadt nicht lange; denn schon am 25. August 1771\nstarb er in einem Alter von 56 Jahren.\nDie Familie Martini's, seines Schwagers (bei der er\nwahrscheinlich gelebt hatte), erbte seinen musicalischen\nNachlass und somit auch den des Vaters, des alten Jo-\nhann Gottfried Walther.\nNach Gerber wurde Johann Christoph Walther unter\ndie stärksten Spieler gerechnet, und hinterliess noch den\nRuhm, bei seiner Geschicklichkeit als Orgel- und Ciavier-\nSpieler auch ein guter und besonders rechtschaffener und\nehrlicher Jurist gewesen zu sein.\n(Schluss folgt.)\n\n*) Einige frühere Stadt-Organisten waren: Lob er, dann Baitzer\nErben, welcher 1683 bei Hofe andere Dienste nahm. Ihm\nfolgte Nattermann, starb zu Weimar 1691; dessen Nach-\nfolger war Heintze, den 1709 wiederum Walt her ersetzte.\n*) Erst 1753 am 6. März wurde sie wieder durch den fürstlichen\nHautboisteu Könitzer besetzt, und zwar auf Befürwortung\nVogler1«."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-10-09-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-10-09_01#c003", "volume": "bmtnabi_1858-10-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "326", "page_fin": "328", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.2.3", "titre_corps": "Das dritte mittelrheinische Musikfest.", "titre_sommaire": "Das dritte mittelrheinische Musikfest.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "326", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4938, "texte": "Das dritte mittelrheinische Musikfest.\nWir haben im Jahrgange von 1857 in Nr. 29 vom\n15. Juli Nachricht von dem Entstehen des musicalischen\nBundes der mittelrheinischen Städte Darmstadt, Mannheim,\nMainz und Wiesbaden gegeben und das zweite Musikfest\ndesselben, das in Mannheim gefeiert wurde, an gedachter\nStelle besprochen.\nDer diesjährige Festort war Wiesbaden, und die\nTage der eigentlich musicalischen Feier waren der 26.\nund 27. September. Die Stadt, ihre Umgebungen, der\nGlanz der Cur-Anstalt, der herzogliche Hof alles das\nsind schon so viele und wirksame Anziehungsmittel für\nFremde, dass ein Musikfest unter diesem Reichthume dar-\ngebotener Zerstreuungen fast des Guten zu viel ist, zumal\nwenn man bedenkt, dass Wiesbaden, wie alle Bäder am\nRheine, im Sommer von Virtuosen überflutet wird, die—\nberühmt oder unberühmt hier ihre Aernte zu machen\nsuchen und den Geschmack des Publicum», wenn auch\nnicht geradezu verderben, doch himmelweit von der auf-\nmerksamen Sammlung und der ernsten Liebe zum Höch-\nsten in der Kunst entfernen, mit welcher die classischen\nWerke grosser Meister angehört werden müssen.\nWas man so ziemlich sicher erwarten konnte, ist ein-\ngetroffen. Die Stadt war von Sonnabend den 25. bis Mitt-\nwoch den 29. September von zahlreichen Fremden, beson-\nders auch aus der nächsten Umgegend, besucht, die Eisen-\nbahn-Züge von Mainz u. s. w. brachten in unabsehlichen\nReihen von Wagen Zug für Zug Tausende von Menschen,\nund doppelte und dreifache Extra-Züge genügten nicht,\ndie Strömung Nachts wieder zurück zu führen. Die Stadt\nhatte ein so festliches Ansehen, wie wir es fast nie bei\neinem Musikfeste gesehen haben; die zu dem Zweck der\nAufführungen erbaute Tonhalle (von Holz) hatte grossar-\ntige Maass-Verhältnisse und war mit Fahnen, Kränzen und\nBlumen reich, fast überreich geschmückt; Fröhlichkeit\nund buntes Gewimmel aller Stände wogte in den Strassen\nund Gärten auf und ab. Der Festzug, mit welchem die\nam Sonnabend Vormittags ankommenden Sangesgenossen\nund Musiker der verbündeten Städte eingeholt und mit\nSang und Klang und fliegenden Fahnen, sämmtliche Da-\nmen in eleganten Wagen, nach der Tonhalle geleitet wur-\nden, war prächtig, Beleuchtung des Curhauses, der Räume\nim Innern und der Colonnaden und Gewässer draussen,\nsehr schön. Allein schon am ersten Tage, noch dazu einem\nSonntage, war die Tonhalle nicht ganz von Zuhörern ge-\nfüllt— Se. Hoheit der Herzog und die Frau Herzogin mit\nGefolge beehrten jedoch das Concert mit ihrer Gegenwart\n—, und doch ist Haydn's „Schöpfung\" gewiss eines der\npopulärsten Oratorien. Und im zweiten Concerte, am 27.\nSeptember, war kaum die Hälfte der numerirten Plätze\nbesetzt, und auch die hinteren Räume des Saales zeigten\nviele Lücken. Dagegen war der Ball am Montag Abends\nüberfüllt, alle Säle des Curhauses voll drängender und\ngedrängter Menschen. Am dritten Tage vollends, wo kein\nConcert, sondern nur gesellige Versammlungen und Fest-\nlichkeiten auf dem Neroberg und Abends Feuerwerk Statt\nfanden, sollen 20—25,000 Fremde in Wiesbaden gewe-\nsen sein! Augenscheinlich war es an diesem Tage am\nvollsten.\nDie Vocal-Partie zählte folgende Mitwirkende :\nVerbündete Städte. Sopran Alt Tenor Bass Verein. Summe\n1. Darmstadt.\na. Musik-Verein ... 25 15 13 14 67\nb. Mozart-Verein ... 17 27 44\nc. Harmonischer Sän-\ngerkranz 13 10 23 134\n2. Mainz.\na. Damengesang-Verein 36 28 64\nb. Liedertafel ) 33 I 58 91 155\n3. Mannheim.\nMusik-Verein 34 13 11 j 16 74 74\n4. Wiesbaden.\nCäcilien- und Männer-\ngesang-Verein ... 5 34 46 68 203 203\n150 90 133 | 193 566 566\nHiernach zählte der Chor ungefähr 100 Mitglieder\nweniger, als zu Mannheim im vorigen Jahre; allein es\nfehlte keineswegs an frischen und klangvollen Stimmen;\nSopran und Alt sangen hell und kräftig durch, nur dass\nim ersteren die Höhe ein oder zwei Mal nicht ganz rein\nintonirt wurde. Bei der Theilnahme von mehreren Lieder-\ntafeln hätten wir den Männerchor stärker erwartet: der\nTenor war gut besetzt, aber von 179 Bassisten —so viel\nstehen wenigstens im Verzeichniss des Textbuches hätte\nman mehr sonore Kraft fordern können.\nDas Orchester bestand aus 53 Violinen (die Herren Con-\ncertmeister Baldenecker von Wiesbaden und Becker\nvon Mannheim an der Spitze), 16 Bratschen, 18 Violon-\ncellen, 16 Contrabässen, doppelt besetzten Holz-Blasinstru-\nmenten, 7 Hörnern, 4 Trompeten, 5 Posaumen, 1 Bass-\ntuba und Pauken. Die stehenden Capellen der Theater von\nWiesbaden, Darmstadt und Mannheim und die Mitglieder\ndes städtischen Orchesters von Mainz bildeten einen in Ge-\nsammtklang und Fertigkeit sehr tüchtigen Verein, in wel-\nchem auch die meisten Blasinstrumente sich durch Ton\nund guten Vortrag ihrer Soli auszeichneten. Dagegen dür-\nfen wir nicht verschweigen, dass einzelne Nachlässigkeiten\naus Unaufmerksamkeit oder Gleichgültigkeit vorkamen, die\nsehr störend waren, und dass bei aller technischen Tüch-\ntigkeit doch häufig in der Ausführung Schwung und Geist\nvermisst-wurden, welche durch Schnelligkeit und Fertigkeit"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "327", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5382, "texte": "nicht ersetzt werden können. Von Nachlässigkeiten erwäh-\nnen wir nur das häufige Vorschlagen der Hörner, das zu\nfrühe Einsetzen der Clarinetten im zweiten Theile des Fi-\nnale der Sinfonie von Schubert, das Ausbleiben des Flö-\nten-Solo's von fünf vollen Tacten im Es-dur-Terzett (im\nSchlusschor des zweiten Theils) der „Schöpfung\", welches,\nda der ganze zweistimmige Satz Poco Adagio bis zum Ein-\ntritt des Raphael nur mit Blasinstrumenten begleitet wird,\nganz unbegreiflich ist, wenn der Flötist nicht etwa spazi-\nren gegangen war. Wegen versäumter Beachtung der\nVortragszeichen im Allgemeinen bei Ausführung der Sin-\nfonie dürfen wir dem Orchester keinen Vorwurf machen,\nda bei den maasslos übertriebenen Tempi höchstens der\nrohe Unterschied von Fortissimo und Piano, von feinerem\nAusdruck aber nichts herauskommen konnte.\nDass Haydn's „Schöpfung\" am ersten Festtage\nkeinen bedeutenden Eindruck machte, das wird Niemandem\nvon den Anwesenden entgangen sein. Allein man sucht\nErklärungen der nicht zu läugnenden Thatsache da, wo\nsie nicht zu suchen sind. Da sollen denn z. B. die Chöre\n„zu kärglich bedacht\", „der Charakter des Oratoriums\nnicht für Massenwirkungen geeignet sein\" u. dgl. m. In\nder That, nach den unzähligen Aufführungen der „Schö-\npfung\" mit grossen Massen, die seit ihrer Erscheinung in\nganz Europa Statt gefunden und stets durchgeschlagen ha-\nben, ist eine solche Behauptung sehr wunderlich. „Und es\nward Licht!\" nicht auf Massen berechnet! und die eilf\ngrossen Chöre allzumal nicht für Massenwirkungen geeig-\nnet! Statt solcher Entschuldigungen für einen verfehlten\nEindruck erkläre man doch lieber gleich mit den Zukünft-\nlern die „Schöpfung\" für Zopf; dann weiss man doch,\nwoher die Glocken läuten!\nDie Wahrheit ist, dass bei vielen Chören der Schwung\nund die Begeisterung fehlte, und dass die schönen Gesammt-\nkräfte bei den auffallenden Missgriffen des Dirigenten im\nTempo nicht zur Geltung kommen konnten. Herr Hof-\nCapellmeister Vincenz Lachner übertrieb dasZeitmaass\nder meisten Chöre und Solostücke auf eine Weise, die\nsich weder mit der Tradition, welche doch wahrlich bei\nHaydn's beiden Oratorien fest genug überliefert ist, noch\nmit dem Charakter des Textes und der Musik, noch mit\nden Bezeichnungen des Componisten vereinigen lässt. Nicht\nbloss „etwas schnell\" genommen, was fast ohne Ausnahme\ngeschah, sondern gänzlich entstellt durch das übereilte\nTempo wurden im ersten Theile der Chor in A-dur, Al-\nlegro moderato, die Arie mit Chor in C-dur, der Schluss-\nchor in C:„Die Himmel erzählen\", der zuletzt in ein stets\nnoch getriebenes Presto ausartete; im zweiten die Sopran-\nArie in F, Moderato überschrieben, das Terzett in A-dur,\nebenfalls Moderato, der Chor mit Terzett: „Der Herr ist\nGross\", mit den Coloraturen in den Solostimmen, die Bass-\nArie in D-dur (Maestoso!),und als das\nvon Allem das _£Wwr-Duett: „Holde Gattin\", im dritten\nTheile.\nWas mit den vorhandenen Kräften für Wirkungen\nzu erreichen gewesen wären, zeigten die wenigen Chöre,\nnamentlich auch der Schlusschor des Werkes, die in besse-\nrem Zeitmaass gesungen wurden, als die vorher genannten.\nEs darf indess nicht unberücksichtigt bleiben, dass zu\ndem vollständigen Gelingen einer Aufführung der „Schö-\npfung\" auch die Ausführung der Solostücke von grösserer\nWichtigkeit ist, als bei manchen anderen Oratorien. Ab-\ngesehen von dem bereits erwähnten fehlerhaften Tempo\nbei einigen derselben, was vielleicht auch zum Theil den\nSolisten selbst zuzuschreiben ist Fräul. Lehmann we-\nnigstens eilte in ihren Arien zuweilen sehr merklich —,\nkonnte von den drei Solisten: Fräul. Caroline Leh-\nmann und Herrn Lipp vom Theater zu Wiesbaden, und\nHerrn Karl Schneider vom Theater zu Frankfurt, ge-\ngenwärtig an der königlichen Oper zu Berlin, nur letzterer\nals Oratoriensänger genügen. Seine Arie in „Mit\nWürd' und Hoheit angethan\", in richtigem Tempo mit\nschöner Stimme und ausdrucksvollem Vortrage, der den\nwirklichen Sänger bekundete, gesungen, war das einzige\nSolostück, welches Auszeichnung verdiente und durch leb-\nhaften Applaus auch fand. Dem Fräul. Lehmann kam das\nPublicum, wenigstens der Wiesbadener Theil desselben, sehr\nfreundlich entgegen; allein den Forderungen, die man an\neine Sängerin der Sopran-Partie in der „Schöpfung\" ma-\nchen muss, wenn man auch Jenny Lind gar nicht gehört\nhat, die freilich so leicht Keine in dieser Partie wieder er-\nreichen wird, konnte sie nicht genügen. Ihre Stimme ist\nzwar in den Mitteltönen voll und schön, allein mit dem\nzweigestrichenen fbeginnt der Ton scharf und zuweilen\nsogar unangenehm zu werden, und für den Vortrag von\nOratoriensachen fehlt es an musicalischer Bildung, an künst-\nlerischem Ausdruck, an Geschmack und Wärme. Colora-\ntur und Triller können vor einer kunstgemässen Prüfung\nnoch nicht bestehen. Vielleicht scheint dieses Urtheil etwas\nstreng, und wir wollen zugeben, dass es zum Theil in der\nEnttäuschung seinen Ursprung hat, die wir im Vergleich\nzu übertriebenen Anpreisungen empfanden. Es ist möglich,\ndass Fräul. Lehmann im Theater, wo das Publicum jetzt\nso Manches zu überhören sich gewöhnt hat, einen günsti-\ngen Eindruck macht. Herr Lipp, Bassist, besitzt eine aus-\ngiebige Stimme, der es aber an edelm Klang fehlt; wir\nglauben jedoch, dass sorgfältiges Studium in der Tonbil-\ndung diesen Mangel nach und nach verdecken kann, zu-\nmal wenn auch im Vortrag mehr Licht und Schatten, mehr\nAusdruck und Wärme sich erzeugt."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "328", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 259, "texte": "Nach allem diesem wird man begreifen, dass, wenn\ndie „Schöpfung\" dieses Mal nicht denselben Enthusiasmus\nim Publicum hervorrief, wie sonst immer, dies keineswegs\nan dem herrlichen Werke selbst lag, sondern an der Art\nder Ausführung desselben.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-10-09-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-10-09_01#c004", "volume": "bmtnabi_1858-10-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "328", "page_fin": "328", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "328", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.8", "debut_caractere": 261, "fin_caractere_exclue": 4320, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMSlei* Der vortreffliche Violoncellist Herr Giovanni di Dio,\nköniglich preussischer Kammermusicus, hat auf seiner Rückkehr von\neiner grossen Kunstreise durch England, wo er auch die Auszeich-\nnung genoss, zwei Mal vor Ihrer Majestät der Königin zu spielen,\ndurch Holland, die Schweiz, Ober-Italien und Deutschland unsere\nStadt besucht und durch seine Vorträge auf dem Violoncell (Melo-\ndie 2U Bach's Präludium Nr. 1 und Variationen von Servais) in der\nletzten Versammlung der musicalischen Gesellschaft alle Anwesenden\nzu dem lebhaftesten Beifall hingerissen.\nDie Gesellschafts-Concerte im Gürzenich werden Dinstag\nden 19. d. Mts. beginnen. Dem Vernehmen nach werden Frau Clara\nSchumann und Fräul. Auguste Brenken in dem ersten Con-\ncerte auftreten. Das Orchester wird mit der Sinfonie Nr. VIII. von\nBeethoven seine Leistungen beginnen.\nMan schreibt aus Leipzig, dass Fräul. Catharina Deutz\nvon Köln in dem ersten Gewandhaus-Concerte am 3. October aufge-\ntreten und durch den Vortrag der Concert-Arie von Mendelssohn\nund der F-dur-Arie aus Mozart's Figaro einen glänzenden Erfolg\nerrungen habe, der sich durch stürmischen Applaus und Hervorruf\nbekundete.\nVon F. Dräseke aus Dresden soll in Weimar eine dreiactige\nOper, „König Ligurd\" (nach Geibel's Epos), nächstens zur Auffüh-\nrung kommen„\nB. Scholz, von dessen Compositionen in diesen Blättern mehr-\nmals die Rede war, hat eine komische Oper vollendet, welche in\nWiesbaden zuerst zur Darstellung kommen soll. Dieser junge,\nstrebsame Componist ist für nächsten Winter als Capellrneister am\nStadttheater zu Nürnberg angestellt.\nHeräivK Im königlichen Opernhause wurde auf Allerhöchsten\nBefehl Isouard's Operette „Das Stelldichein'' mit vielem Erfolge ge-\ngeben. Frau Frieb-Blumauer parodirte Rossinfs Arie „Una voce poco\nfa\" als Einlagsstück mit glänzender Wirkung, und Herr Wolf er-\nrang mit dem Vortrage des ebenfalls eingelegten Gumbert'schen Lie-\ndes „Liebeslocken\" einen wahren Beifallssturm.\nDie in Paris und Baden-Baden mit sehr viel Beifall aufgenom-\nmene komische Oper „Die Königsmühle\" (Le moulin du roi) von\nAdrian Boieldieu wird auf höchsten Befehl für die königliche Oper\nübersetzt und bearbeitet. Die Aufführung des Lohengrin ist bis auf\ndas nächste Jahr verschoben worden. Die Sinfonie-Concerte der\nLiebig'schen Capelle brachten die Ouvertüren zur Zauberflöte, zu\nFigaro, Coriolan, Tigranes, Alceste, Tannhäuser, den Hochzeits-\nmarsch von Mendelssohn, die Sinfonie F-dur von Maurer, D-dur von\nMozart, G-dur von Haydn, C-nwll und Pastorale von Beethoven.\nWieifi. „Der falsche Lohengrin\" von Böhm, auf welchen Herr\nDirector Hoffmann eine glänzende Ausstattung gewandt hat, ent-\nsprach in seinem Erfolge den gehegten Erwartungen nicht; die Pa-\nrodie übt keine Zugkraft, Wir haben es nur mit der Musik des\ntüchtigen Herrn Capellmeisters Stolz zu thun, die, wenn sie auch\nnicht den früheren Compositionen desselben gleichgehalten wird,\ndennoch einen neuen Beleg für die Gewandtheit des talentvolle»\nTonsetzers und ausgezeichneten Dirigenten lieferte. Die Parodie\ndes „Tannhäuser\" von Nestroy ist dagegen sehr komisch und na-\nmentlich durch die Musik von Binder, welche eine köstliche Tra-\nvestie der Wagner'schen ist, höchst ergötzlich.\nDas „Deutsche Theater-Archiv\" bringt in seiner zweiten\nNummer eine Schilderung von Ludwig Devrient's erstem Auftreten\nin Berlin von Reilstab, dann ~Das Virtuosenthum in der Schauspiel-\nkunst\" von Rötscher, „Ueber antike Dramenstoffe\" (Schluss) von\nGottschall, „Das Theater in Sanssouci\" von Schneider, endlich Re-\npertoire-Berichte, Notizen und Anzeigen. Der Rötscher'sche Artikel\nschildert mit einigen kräftigen Strichen manche Uebergriffe, welche\nsich die „Virtuosen der Schauspielkunst\" zu Schulden kommen las-\nsen, und den nachtheiligen Einfluss, den jene entarteten Söhne und\nTöchter der Kunst, namentlich mit Hülfe der „Reclame\", auf die\nGestaltung der Kunstzustände ausüben.\nBerichtigung,\nIn der vor. Nr. d. 81. ist Seite 319, Spalte 2, Zeile 16 von oben,\nstatt malerischen Gestaltungen, zu lesen: melodischen Gestaltungen,"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "321", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nJohann Gottfried Walther. Sein Leben und Wirken, seine Familie, sein musicalisches Lexikon. Mitgetheilt von\nErnst Pasque. Das dritte mittelrheinische Musikfest in Wiesbaden. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, der Violon-\ncellist Giovanni di Dio Gesellschafts-Concerte Fräul. Catharina Deutz Weimar, neue Oper Wiesbaden, neue komische Oper\nBerlin, königliehe Oper Wien Das „Deutsche Theater-Archiv).\n\nJohann Gottfried Walther.\nMitgetheilt von Ernst Pasque*),\nSo reich an Literatur die Musik und besonders die\nOper der Gegenwart ist, so arm ist sie eigentlich an tüch-\ntigen Schriften über ihre Vergangenheit. Wohl haben wir\ndie vortrefflichen und ausführlichen Arbeiten eines Win-\nterfeld, Becker, Chrysander u.s.w., doch haben diese\nAutoren nur einzelne Momente und Zweige behandelt,\ndie durch eben ihre Ausführlichkeit uns das Dazwischen-\nliegende in um so tieferem Schatten sehen lassen. Unsere\nmusicalischen Kataloge weisen zwar auch noch eine Menge\nanderer Bücher historischen Inhalts, zusammenhangende\nGeschichten der Oper u. s. w. nach, doch nimmt man sich\ndie Mühe, sie durchzulesen, so wird man bald finden, dass\nsie fast alle mit Vorhandenem und unter einander über-\neinstimmen, dass das eine Werk aus dem anderen hervor-\ngegangen, mit Einem Worte: dass ein Autor den anderen\nabgeschrieben. Einzelne Momente und Epochen lernen wir\nin jenen Büchern, Dank den oben erwähnten Forschern,\nkennen; aber was jenen Momenten voranging, was zwi-\nschen jenen Epochen liegt, sie vorbereitete, erfährt man\nkaum oder nur höchst mangelhaft, eben weil jene Autoren\nselbst die Quellen nicht kennen oder nicht kennen und\nauffinden wollen, die im Stande sind, Licht über jenes\nDunkel zu verbreiten. S Wer nimmt sich auch wohl die\nMühe, die Folianten eines Mattheson, die Zeitschriften\nMitzler's und Marpurg's und andere Quellen, Werke\ndes vorigen Jahrhunderts, durchzugehen? Wie Wenige\nhaben wohl gar denMuth, im Staube der Archive zu wüh-\nlen, dort die unzähligen alten Handschriften durchzublättern\nund spärliche, doch bisher unbekannte und desshalb höchst\nwichtige Beiträge zu sammeln!\nEin gleiches Verhältniss findet bei der deutsche»\nTheater-Geschichte und bei den Lebens-Umständen äl-\nterer Musiker Statt. Einzelne Künstler kennt man genau,\nviele aber, die im Stillen, in der Oeffentlichkeit nicht gün-\nstigen Verhältnissen wirkten, sind dem Gedächtnisse ent-\nschwunden, und doch haben sie redlich, nach besten Kräf-\nten am Bau des grossen Ganzen mitgeholfen, sind vielleicht\nvon ihrer Zeit als Grössen anerkannt worden und würden\nheute noch der Welt in ihren Schöpfungen die schönsten\nResultate ihres künstlerischen Strebens zeigen, wenn diese\nWerke selbst nicht im Staube der Archive und Bibliothe-\nken vergraben lägen und mit ihren Urhebern der Verges-\nsenheit anheimgefallen wären.\nWohl ist viel in diesem Zweige in neuerer Zeit geschrie-\nben oder vielmehr abgeschrieben worden; man braucht\nnur die neun Bände Schilling's und das biographische\nWerk des Belgiers Fetis zu betrachten. Letzterer, sehr\nselbstständig und werthvoll für die französischen Artikel,\ngibt in den deutschen nur Copieen vorhandener Biogra-\nphieen und oftmals mit Auslassung der wichtigsten That-\nsachen und mit entstellenden Fehlern. Schilling, der nur\nselbstständig das geliefert hat, was der für ihn neuesten\nZeit angehörte, hat für die älteren Epochen den Gerber\nim vollsten Sinne des Wortes ausgezogen, doch dadurch\ngerade letzterem Autor einen wichtigen Dienst geleistet,\nseinen eigentlichen Werth festgestellt und sogar erhöht;\ndenn welcher Leser und Forscher wird sich mit den Schil-\nling'schen Artikeln begnügen? Man schlägt den Gerber\nnach, der in den von Schilling verübten Auslassungen nun\ngerade die schönsten Beiträge liefert. So ist denn dieses\nwichtige Buch, Gerber's Tonkünstler-Lexikon*),\ndas anfängt, in seinen beiden älteren Theilen recht selten\nzu werden, heute als Quelle (und fast als die einzige all-\n\n*) Aus dessen Werke: Der musicalischa Antiquarius\n(Manuscript).\n*) Das Werk erschien: der ältere Theil in zwei Bänden, Leipzig,\n1790 und 1792, der neuere Theil, als Fortsetzung, in vier Bän-\nden, Leipzig, 1812—1814."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "322", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.2", "texte": "gemein zugängliche) zu betrachten, die wir über Lebens-\numstände, Wirken und Werke älterer Musiker besitzen.\nWelche Mühe muss es jenem fleissigen Manne gekostet\nhaben, dieses umfangreiche Werk von sechs starken Bän-\nden zu Tage zu fördern! Dann noch eine Menge Material,\nNotizen, Nachträge dazu zu sammeln, die, so viel ich weiss,\nmit seinem ganzen Nachlass in den Besitz der Gesellschaft\nder Musikfreunde zu Wien übergegangen sind. Entfernt\nvon grösseren Städten, Bibliotheken, die ihn zu unterstützen\nvermocht hätten, lebte er zu Sondershausen, ganz auf sei-\nnen eigenen Vorrath von Büchern angewiesen, und doch\nbrachte er etwas zu Wege, das dem musicalischen For-\nscher heutzutage eines der schätzbarsten Bücher ist, das\neinzigste seiner Art und desshalb unentbehrlich *).\nIm Jahre 1790 erschien Gerber's erstes Werk, das\nso genannte alte Tonkünstler-Lexikon. In der Vorrede sagt\nGerber selbst, dass seine Büchersammlung „im Fache der\nin Deutschland gedruckten historisch-musicalischen grossen\nund kleinen Werke und Broschüren\" vollständig gewesen.\nAm Schlüsse führt er diese alle an, und wir sehen daraus,\ndass er deren siebenzig als Quelle benutzen konnte**), wo-\nmit indessen schon etwas anzufangen war, besonders da\nsich ungefähr fünf biographische Werke dabei befanden.\nUnter diesen kam ihm besonders Mattheson's Ehren-\npforte***) mit 148 Lebensbeschreibungen zu Statten; je-\ndoch seine Hauptquelle war Joh. Gottfried Walther's\nLexikon, d. h. Gerber's erstes Werk sollte sich an das\nWalther'sche anschliessen und eigentlich nur eine Fort-\nsetzung desselben sein.\nAlso hatte Gerber doch einen Vorgänger gehabt. Doch\nwer war dieser Walt her? wie war sein Werk beschaf-\nfen? Allerwärts fand ich ihn bei meinen Forschungen\nerwähnt, in Gerber, in Forkel's Literatur, in Marpurg's\nBeiträgen, kurz, in allen Werken musicalisch-historischen\nInhalts des vorigen Jahrhunderts, die ich durchgegangen;\nMarpurg in den fünfziger, Huller in den sechsziger\nJahren versprachen, Fortsetzungen zum „ Waltheru zu lie-\nfern, was sie aber beide nicht gethan, bis es endlich Ger-\nber, ohne es vorher zu versprechen, ausführte; stets und\nüberall ward auf ihn verwiesen, und so war es denn ganz\nnatürlich, dass ich begierig wurde, den Walther und sein\nBuch endlich kennen zu lernen. Ich forschte nach, suchte\n—doch vergebens! nirgends konnte ich ihn finden. Wal-\nther erschien mir als der „alte Ueberall und Nir-\ngends\" der musicalischen Literatur.\nEndlich hier in Weimar, am Orte, wo Walther ge-\nlebt und gewirkt, fand ich das langgesuchte Buch und in\nverschiedenen Schriften und Archiv-Acten noch mancherlei\nBeiträge zum Leben dieses merkwürdigen Mannes, die ich\nin diesen Blättern nebst anderen Mittheilungen—ebenfalls\ndem Staube der Archive und alten seltenen Druckwerken\nentrissen und den oben erwähnten dunkeln Epochen deut-\nscher Musik- und Theater-Geschichte angehörend, so wie\ndie Lebens-Umstände vergessener und verschollener Mei-\nster behandelnd niederlegen werde, die, wenn sie auch\nweiter kein Verdienst haben, dem Forscher doch gewiss\nBeiträge und Notizen liefern, und über einzelne jetzt noch\nin ziemlichem Dunkel liegende Epochen und Thatsachen\neiniges Licht verbreiten werden.\nMögen die Mittheilungen des „Antiquarius\" in diesem\nSinne aufgenommen und beurtheilt werden.\nJohann Gottfried Walther\nund sein musicalisches Lexikon.\nWalther's Jugend und sonstige Verhältnisse finden\nsich am besten dargelegt in seiner Selbst-Biographie, er-\nschienen in Mattheson's früher erwähnter Ehrenpforte,\n1740. Da dieses Werk aber äusserst selten ist, und es\nwohl am interessantesten sein dürfte, den Mann, dessen\nLeben und Wirken man kennen lernen will, selbst reden\nzu hören, so will ich Walther's Worte, wie sie die Ehren-\npforte bringt, hier mittheilen.\nMattheson beginnt den Artikel „ Waltheru in folgen-\nder Weise;\n„Johann Gottfried Walther, ein vortrefflich\ngründlicher Componist, gelehrter Organist und fürstlicher\nHofmusicus in Weimar, mit dem ich viele Jahre in Brief-\nwechsel zu stehen die Ehre habe, beschreibt seine Lebens-\numstände also: „ „Ich bin in Erfurt Anno 1684 den 18.\nSept. Gebohren, und den 21. in der Barfüsser-Kirche ge-\ntaufft. Meine Eltern sind gewesen Meister JohannS tephan,\nBürger, Zeug- und Taschmacher, und Frau Martha Do-\n\n*) Gerber gibt uns ein Beispiel seltener, wohl allzu grosser Be-\nscheidenheit, indem der fleissige Sammler es nicht einmal wagte,\nseinem ersten Werke, das doch so viele und ziemlich unbe-\ndeutende Namen enthält, die Biographie des Urhebers des Wer-\nkes einzureihen. Erst bei der Fortsetzung that er dieses, „um\nvielen Anfragen Genüge zu leistend Wahrhaft rührend hinge-\ngen ist die Sorgfalt, mit welcher er die Biographie seines Va-\nters schreibt, und die er mit folgenden Worten schliesst:\n„Möchte doch dieser kleine Kranz von Cypressen, der einzige\nDank, den ich dem würdigsten Vater geben kann, den Strom\nder Zeit unter grösseren mit hinabschwimmen und wenigstens\nseinen schwachen Urheber mit überleben!\"\n**) Forkel, der grösste Musikgelehrte seiner Zeit, gibt in seiner\n„allgemeinen Literatur der Musik\" (1792) nur 32 biographi-\nsche Werke an; also muss Gerber alles nur irgend Dienliche\nbenutzt haben.\n***) „Grundlage einer Ehrenpforte, worin der tüchtigsten Capell-\nmeister u. s. w. Verdienste u. s. w. erscheinen sollen. Zum\nferneren Ausbau angegeben.\" Hamburg, 1740. In 4to. Zwei\nAlphabete und zehn Bogen stark. Ein höchst seltenes Buch;\ndie hamburger Stadt-Bibliothek besitzt ein Exemplar, das dem\nSchreiber dieser Zeilen zu benutzen mehrmals freundlichst ge-\nstattet wurde."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "323", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.3", "texte": "rothea, geborene Lämmerhirtin, eine nahe Anver-\nwandtin der Bachischen Familie, beide auch aus Erfurt\ngebürtig: wie denn der Vater An. 1650 den 18. Decem-\nber, und die Mutter An. 1655 den 27. Juni das liebliche\nTages-Licht daselbst erblicket; selbiges aber am 18. De-\ncember 1731 und am 31. Januarii 1727 mit dem ewi-\ngen verwechselt haben.\n„ „Den Bund eines guten Gewissens mit Gott hat, Statt\nmeiner, aufgerichtet des damahligen Fürstl. Sachs, ge-\nsamten Ober-Geleitsmanns in Erfurt, wie auch Erb- und\nGerichtsherrn in Marckrippach und auf Dielsdorff, Herrn\nBartholomäi Keimers jüngerer Sohn Johann An-\ndreas, ein Jüngling von ohngefähr 11 Jahren, der, weil\ner noch nicht zum H. Abendmahle gegangen, deswegen\nsich hat examiniren lassen müssen. (Diese Familie ist nach-\nher geadelt worden; er aber, der Pathe, ist als ein Kai-\nserl. Pfaltz-Graf und fürstl. eisenacher Amts-Commissarius\nAn. 1734 im May-Monath verstorben.)\n„ „Im siebenten Jahre meines Alters bin ich in die\nKauffmanns-Schule gethan worden, nachdem vorher fast\n3 Jahr lang im Lesen und Schreiben Privat-Information\ngenossen. In nur gedachter Schule wurde zwischen An.\n1696 und 1697 von dem, zumahl im zierlichen Noten-\nSchreiben, ungemein accuraten Cantor Herrn Jacob\nAdelungen im Singen dergestalt unterrichtet, dass in\ndrey Viertel-Jahren einen Concertisten abgeben kunnte;\nwiewohl solche Fertigkeit meistens daher gekommen, weil\nmit dem Singen zugleich das Clavier-Spielen verbunden\nworden. Mein erster Lehrmeister hierin ist gewesen der\nannoch in Eisenach lebende Kammer-Musicus und Orga-\nnist, Herr Johann Bernhard Bach, der damals den\nOrganisten-Dienst an der Kauffmanns-Kirche bekleidete,\nund der zweite war dessen Nachfolger, Herr Andreas\nKretschmar.\n„ „Im May-Monath An. 1697 habe das Gymnasium se-\nnatorium bezogen, und An. 1702 den 8. November selbi-\nges wiederum verlassen, nachdem vorher in eben diesem\nJahre, nach abgelegter Probe am Tage Mariä-Heimsuchung,\nbei St. Thomä den Organisten-Dienst bekommen (dazu\nein Cantor an einer andern Gemeine, ohne meinen Bewust,\nmich vorgeschlagen hatte), und am elften September die\nmusicalische Composition zu erlernen angefangen. Auf der\nAcademie habe zwar einige Collegia in phibsophicis be-\nsuchet, imgleichen die Institutioncs juris, und Snobelium\nüber die Pandecten gehört, weil aber wegen nur gedach-\nter Erlernung der musicalischen Composition, wie auch der\nvielen Clavier-Information und des öffteren Orgel-Spielens\nbeym catholischen Gottes-Dienste viele Zeit zur Wieder-\nholung mir entzogen wurde, fassete den Entschluss, andere\nStudia fahren zu lassen und der Musik einzig obzuliegen.\nDieses deuchtete mir auch um so viel nöthiger zu seyn, da-\nmit nicht ein ex omnibus aliquid und am Ende\nheraus kommen mögte.\n„ „Ich schaffte mir also stumme Lehrmeister an, nem-\nlich Partituren und Bücher, so gut, als sie damals zu be-\nkommen waren, that An. 1704 gegen Michaelis (nachdem\ndes Jahres zuvor die Herbst-Messe zu Frankfurth am Mayn\nund die landgräfliche Residenz Darmstadt besehen) eine\nReise nach Halberstadt und Magdeburg, um den berühm-\nten Musicum Herrn Werckmeister kennen zu lernen\nund den schon vorhin mir bekannten Organisten Herrn\nJohann Grafen noch einmal zu hören. Beide liessen mich\nihre Orgeln (wiewohl mit ungleicher Wirkung) bespielen,\nund der erstere beschenkte mich nicht allein mit des Ba-\nryphoni Plejadibus musieis, sondern stifftete auch einen\nvergnügten Brief-Wechsel mit mir, wodurch ich manches\nschönes Clavier-Stück von des kunstreichen Buxtehu-\nden's Arbeit bekommen; in An. 1706 besuchte ich mei-\nnen Landsmann, gewesenen Nachbar und Spiel-Gesellen in\nder zarten Jugend, Herrn Wilh. Hieronymus Pach-\nelbel, in Nürnberg, um auch von diesem und anderen\nMusieis daselbst zu profitiren.\n„ „Hierauf sollte am Sonntage Sexagesimae An. 1707\nauf Veranlassung des mülhausischen Orgelmachers Herrn\nWenders und zweier dorthin gesendeter Kirchen-Stücke\nvon meiner Arbeit mich daselbst einfinden und die an der\nSt.-Blasius-Kirche durch den Tod desseel. Job. Rudolph\nAhlens ledig-gewordene Organisten-Stelle mittelst einer\nöffentlich abzulegenden Probe erlangen. Da aber solches\nVorhaben von einigen (vielleicht eigennützigen) Bekannten\nnicht für dienlich angesehen werden wollte, schrieb ich den\nTermin ab und erwartete eine andere Gelegenheit, die\nsich auch in nur gedachtem Jahre noch allhier in Weimar\nzeigte, da auf abgelegte Privat- und öffentliche Probe von\nE. Hoch-Edlen Rathe, mit Einwilligung des damahligen\nGeneral-Superintendenten, Herrn Johann Georg Lai-\nritzens, am 29. Julii zum Organisten-Dienste an der\nHaupt-Pfarr-Kirche zu St. Petri und Pauli die schrifftliche\nVocation erhalten.\n„ „Gleich nach meinem Antritt, welcher (wegen wäh-\nrender Kirchen-Trauer) erst auf Michaelis a. c. geschähe,\nbekam den Durchlauchtigsten Printzen, Herrn Johann\nErnsten, und die Durchlauchtigste Princessin Johannen\nCharlotten in die Clavier-Information, welchem hohen\nBeyspiele verschiedene andere Personen adelichcn und bür-\ngerlichen Standes folgeten. Ersteren habe auch, nach ge-\nschehener Wiederkunfft von der Universität Utrecht, vom\nJunio des 1713ten bis in den Mertz des 1714ten Jahres\nin der musicalischen Composition Lection zu geben und\nbey dieser Gelegenheit etliche mahl an Dero Tafel mit zu"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "324", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.4", "texte": "speisen, imgleichen des Nachts, währender Krankheit, öff-\nters bei Ihnen zu bleiben die Gnade und Ehre gehabt. Bei\nUnterweisung anderer habe auch nicht unterlassen, die\nComposition immer zu treiben, wie denn überhaupt bis\nhieher 92 Vocal- und 119 Clavier-Stücke über Choräle\n(die zusammen über viertehalb-hundert Variationes aus-\nmachen), imgleichen noch einige wenige Instrumental- und\nClavier-Sachen von mir verfertigt worden sind, die von\nanderen Verfassern gesetzte und von mir aufs Ciavier appli-\ncirte Stücke, 78 an der Zahl, nicht mit gerechnet. Unter\nden ersteren befinden sich 13 Stücke, die zum Ausgange\ndes 1708ten und Anfange des 1709ten Jahres dem da-\nmaligen Capellmeister in Gotha, Herrn Wolfgang Michael\nMylio, und noch einige andere, die zu gleicher Zeit einem\ngewissen Cantori in Westphalen zu Gefallen gesetzet; auch\nstecken verschiedene darunter, die ursprünglich Nacht-Mu-\nsiken gewesen und nachgehends mit convenablen geistli-\nchen Texten versehen worden sind. Von der zwoten Gat-\ntung sind An. 1713 die zwei Choräle: „„Meinen Jesum\nlass ich nicht\"\" u. s. w. und „ „Jesu, meine Freude\"\"\nu. s. w. von 6 und 10 Vorspielen, auf Kosten eines nahen\nAnverwandten, der sie selber in Kupfer radiret, und An.\n1738 der Choral: „ „Allein Gott in der Höh' sey Ehr'\"\"\nu. s. w., von 8 Veränderungen, zu Augspurg, in breit Fo-\nlio und Kupferstich, am St. Petri- und Pauli-Tage ans Licht\ngetreten*). Die noch übrig gehabte Zeit aber ist auf die\nVerfertigung des An. 1732 herausgekommenen musicali-\nschen Lexici gewendet worden**).\n„ „Seit dem 17. Juni 1708 lebe mit Frau Anna Maria,\nMeister J ohannDressler's, gewesenen Schneider und Ael-\ntesten zu Brunchewinda jüngere Tochter, in der Ehe und\nhabe von 8 Kindern zween Söhne und zwo Töchter noch\nam Leben. Der ältere Sohn, Johann Gottfried, ist ge-\nboren An. 1712 den 26. September, und der jüngere,\nJohann Christoph, An. 1715 den 8. Julii. Beyde stu-\ndiren seit Ostern An. 1732 unä 1736 zu Jena die Bechte;\njener spielet anbey die Violine und dieser das Ciavier.\nSchlüsslichen füge ich noch bey, dass von An. 1721 ohne\neiniges darum geschehenes Ansuchen ein Fürstlicher Hof-\nMusicus heisse.\"\"\nSo weit die Walther'sche Selbstbiographie und die\nBemerkungen Mattheson's.\nWalther stand nun fortan dem Organisten-Dienste an\nder Stadtkirche zu Weimar vor. 1741 liess er noch ein\nClavier-Concert ohne Accompagnement und eine Fuge zu\nAugsburg stechen, doch beschäftigte er sich hauptsächlich\nmit der Fortsetzung seines bedeutendsten Werkes, des\n„musicalischen Lexikons\". Gegen 1744 überfiel ihn eine\nKrankheit, die sich langsam und derart verschlimmerte,\ndass er im Herbste 1745 sich genöthigt sah, seinen zwei-\nten Sohn Johann Christoph, der mittlerweile ein tüch-\ntiger Musiker und Jurist geworden und in Jena ein gutes\nAuskommen gefunden, nach Weimar kommen zu lassen,\num ihm im Dienste zu helfen, wobei er zugleich daran\ndachte, dem Sohne nach seinem Tode, den er wohl heran-\nnahen fühlte, die Stadt-Organisten-Stelle zu verschaffen.\nDamals lebte zu Weimar der Hof-Organist Vogler.\nEr war der Nachfolger Schubart's*) und gleich diesem\nein Schüler des grossen J. S. Bach (bekanntlich von 1708\nbis 1717 Hof-Organist zu Weimar), und nach des Mei-\nsters Aussage sein bester. Vogler stand als Musiker beim\nHerzog Ernst August in besonderer Gunst, und als er\n1735 als Organist an die Marktkirche nach Hannover be-\nrufen wurde, der Herzog ihn aber nicht ziehen lassen\nwollte, machte ihn dieser, zur Entschädigung und um seine\nLage zu verbessern, zum Vice-Bürgermeister von seiner\nHauptstadt Weimar. Dieser Vogler nun hatte einen Sohn,\nder, von Profession ein Tuchmacher, nebenbei auch etwas\ndie Orgel zu schlagen verstand, und den der Vater, um\nihm eine bessere Versorgung zu verschaffen, schon längst\nim Stillen als Nachfolger Walther's im Stadt-Organisten-\nDienste bezeichnet hatte. Walther, dem dieses nicht ent-\ngangen war, richtete am 28. April 1747 von seinem Kran-\nkenlager eine rührende Bittschrift an seinen Herrn, den\nHerzog Ernst August, worin er um seiner vierzigjährigen\ntreuen Dienste willen bittet, seinem Sohne, der in allen\nFächern der Musik wohl bewandert sei, doch die bisher\nvon ihm innegehabte Stelle zu übertragen. Die Bitte des\nalten verdienten Mannes hatte leider keinen Erfolg. Wal-\nther sah sich bitter getäuscht, da man seine vielen gelei-\nsteten Dienste vergessen; er sah das Schicksal seiner Fa-\nmilie ungewiss, ihre fernere Existenz gefährdet, und diese\nherben Erfahrungen und Sorgen stürmten derart auf ihn\nein, dass sie rasch sein Lebensende herbeiführten. Er starb\nam 23. März 1748 im 64. Jahre seines Alters.\nDer junge Walther, der viele Stimmen für sich hatte,\nversah den Dienst seines Vaters an der Stadtkirche provi-\n\n*) Mit der Ueberscbrift: Walther's Denk-und Dankmahl u. s. w.,\nbei Johann Christian Leopold, Kunst-Verleger in Augsburg.\nMattheso n.\n**) Von diesem lautet es im Walther'schen Postscript also: Die\nFortsetzung des musicalischen Lexici ist zum Druck fertig,\naber wegen grosser Unbehülflichkeit derer, die es doch (auf\ngegebene Veranlassung) gar wohl hätten thun können, nicht\nstärker als 25 Bogen angewachsen. Sie mag demnach einen\nAnhang abgeben! Geschrieben in Weimar, den 28. December\n1739, erhalten den 31. Jenner 1740.\nMattheson*\n*) Schubart war, nachdem J S. Bach 1717 Weimar mit Cöthen\nvertauscht hatte, Hof-Organist geworden und am 2. April 1721\ngestorben, worauf Vogler «eine Stelle erhielt."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "325", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.5", "texte": "»orisch fort. Doch der Vice-Bürgermeister Vogler ruhte\nnicht und bearbeitete seine Collegen im Rathe derart und\n<o lange, bis endlich im November desselben Jahres der\nunge Tuchmacher Vogler zum Stadt-Organisten ernannt\nivurde*). Nun musste Walther die Wohnung, die sein Va-\ner über vierzig Jahre inne gehabt, mit seiner alten, schwa-\nchen Mutter und seinen Geschwistern räumen, die Orgel,\niuf der er schon als sechsjähriger Knabe vom Vater den\n•rsten Unterricht erhalten, die er nun schon beinahe drei\ni/ahre als Meister spielte und liebgewonnen, einem Ande-\nen, einem Tuchmacher, überlassen!—Am 23. November,\nim selben Tage, an dem Vogler seine Stelle als Stadt-Or-\nganist antrat, die Orgel des alten Walther zum ersten\nMale spielte, schrieb der junge Walther in gedrückter Lage\nund voll bitteren Unmuthes dem Herzog Ernst August.\nUm seines seligen Vaters willen, „dessen Meriten beson-\nders durch sein edirtes musicalisches Lexikon dergestalt\nbekannt sind, dass auch die späte Nachwelt seiner so leicht\nnicht vergessen wird\", bittet er, dem Hof-Organisten Vog-\nler als Adjunct beigesellt zu werden, oder um eine An-\nstellung als Clavicembalist bei den „wöchentlichen Concer-\nten\" des jungen Prinzen (Ernst August Konstantin), als\nEntschädigung dafür, dass er in Jena eine „honorable Stel-\nlung\" aufgegeben und über zwei Jahre die Dienste eines\nStadt-Organisten unentgeltlich versehen. Denn er muss le-\nben, muss in Weimar bleiben, weil er seine „alte, schwache\nMutter\" nicht verlassen darf; wäre dieses nicht, so wäre\ner schon längst in die weite Welt hinausgezogen.\nDiese Schrift blieb ebenfalls ohne Erfolg; sie konnte\nkeinen haben, weil der Herzog Ernst August noch in dem-\nselben Jahre starb.\nDie Walther'sche Familie lebte nun still und gewiss\nnicht ohne Sorgen in Weimar; da zeigte sich 1749 eine\nneue Aussicht für den jungen Musiker. Der verstorbene\nHerzog Ernst August hatte unterm 10. December 1735\ndie Stelle eines Musik-Directors am Gymnasium zu Wei-\nmar gestiftet, damit diejenigen Schüler, die sich zum Schul-\ndienste und Cantorat ausbildeten, guten Musik-Unterricht\nerhalten sollten, diese Stelle dann mit 100 Meissener Gul-\nden dotirt und sie den fürstlichen Kammermusikern Wey-\nmann und Eylenstein überwiesen. Diese hatten nun\ntäglich zwei Stunden Unterricht zu ertheilen und die an\njedem Samstage Statt findenden Concerte zu leiten. Wey-\nmann starb am 24. October 1744, und der alte Eylen-\nstein besorgte nun die Geschäfte allein mit Nutzniessung\ndes ganzen Gehaltes. Gegen Ende Mai des Jahres 1749\nstarb auch Eylenstein, und nun kam der junge Walther,\nder während der Krankheit des Letzteren dessen Dienst\nwieder unentgeltlich versehen, beim Ober-Consistorium\num diese Stelle nebst dem dafür ausgeworfenen Gehalte\nein, indem er sich erbot, „zu treuer und gründlicher Un-\nterrichtung in principiis compositionis, Generalbass, Cho-\nrälen und Präludiren.\"\nZugleich bewarb sich der Stadt-Cantor Johann Se-\nbastian Brunner um die Stelle; doch das Ober-Con-\nsistorium entschied sich für Walther, mit Vorbehalt Ge-\nnehmigung fürstlicher Ober-Vormundschaft; denn die 100\nMeissener Gulden wurden aus fürstlicher Privatcasse be-\nzahlt. Brunner wandte sich nun auch an jene oberste Be-\nhörde und erbot sich, die Stelle ohne alle Entschädigung\nzu versehen, wenn man ihm nur den Titel „Director Mu-\nsices\" geben wolle. Die fürstliche Ober-Vormundschaft\nbewilligte indess keines der Gesuche, sondern strich die\n100 Meissener Gulden vom Ausgabe-Etat, und die Stelle\nblieb unbesetzt und ging vor der Hand ein*).\nNun waren alle Hoffnungen Walther's im Vaterlande\nzerstört; da starb seine Mutter—die eine Schwester hatte\nunterdessen einen Weimarer Bürger, Namens Martini,\ngeheirathet (was aus den zwei anderen Geschwistern ge-\nworden, vermag ich nicht anzugeben) —, und nun schüt-\ntelte unser Walther den Staub von den Schuhen, drehte\nseiner Vaterstadt den Rücken und zog hinaus in die Fremde,\nsein Glück versuchend. Und siehe da, er fand es auch;\ndenn kaum zwei Jahre später, 1751, treffen wir ihn zu\nUlm als ersten Organisten und Musik-Director am dortigen\nMünster, gewiss der beste Beweis, dass er etwas Tüchtiges\nin seiner Kunst leistete. Neunzehn Jahre verwaltete er diese\nStelle, dann zog es ihn doch wieder nach der Heimat zu\nden Seinen hin (er selbst war unverheirathet), und so legte\ner denn 1770 seine Stelle in Ulm nieder und kehrte nach\nWeimar zurück. Doch genoss er die Ruhe in seiner Va-\nterstadt nicht lange; denn schon am 25. August 1771\nstarb er in einem Alter von 56 Jahren.\nDie Familie Martini's, seines Schwagers (bei der er\nwahrscheinlich gelebt hatte), erbte seinen musicalischen\nNachlass und somit auch den des Vaters, des alten Jo-\nhann Gottfried Walther.\nNach Gerber wurde Johann Christoph Walther unter\ndie stärksten Spieler gerechnet, und hinterliess noch den\nRuhm, bei seiner Geschicklichkeit als Orgel- und Ciavier-\nSpieler auch ein guter und besonders rechtschaffener und\nehrlicher Jurist gewesen zu sein.\n(Schluss folgt.)\n\n*) Einige frühere Stadt-Organisten waren: Lob er, dann Baitzer\nErben, welcher 1683 bei Hofe andere Dienste nahm. Ihm\nfolgte Nattermann, starb zu Weimar 1691; dessen Nach-\nfolger war Heintze, den 1709 wiederum Walt her ersetzte.\n*) Erst 1753 am 6. März wurde sie wieder durch den fürstlichen\nHautboisteu Könitzer besetzt, und zwar auf Befürwortung\nVogler1«."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "326", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.6", "texte": "Das dritte mittelrheinische Musikfest.\nWir haben im Jahrgange von 1857 in Nr. 29 vom\n15. Juli Nachricht von dem Entstehen des musicalischen\nBundes der mittelrheinischen Städte Darmstadt, Mannheim,\nMainz und Wiesbaden gegeben und das zweite Musikfest\ndesselben, das in Mannheim gefeiert wurde, an gedachter\nStelle besprochen.\nDer diesjährige Festort war Wiesbaden, und die\nTage der eigentlich musicalischen Feier waren der 26.\nund 27. September. Die Stadt, ihre Umgebungen, der\nGlanz der Cur-Anstalt, der herzogliche Hof alles das\nsind schon so viele und wirksame Anziehungsmittel für\nFremde, dass ein Musikfest unter diesem Reichthume dar-\ngebotener Zerstreuungen fast des Guten zu viel ist, zumal\nwenn man bedenkt, dass Wiesbaden, wie alle Bäder am\nRheine, im Sommer von Virtuosen überflutet wird, die—\nberühmt oder unberühmt hier ihre Aernte zu machen\nsuchen und den Geschmack des Publicum», wenn auch\nnicht geradezu verderben, doch himmelweit von der auf-\nmerksamen Sammlung und der ernsten Liebe zum Höch-\nsten in der Kunst entfernen, mit welcher die classischen\nWerke grosser Meister angehört werden müssen.\nWas man so ziemlich sicher erwarten konnte, ist ein-\ngetroffen. Die Stadt war von Sonnabend den 25. bis Mitt-\nwoch den 29. September von zahlreichen Fremden, beson-\nders auch aus der nächsten Umgegend, besucht, die Eisen-\nbahn-Züge von Mainz u. s. w. brachten in unabsehlichen\nReihen von Wagen Zug für Zug Tausende von Menschen,\nund doppelte und dreifache Extra-Züge genügten nicht,\ndie Strömung Nachts wieder zurück zu führen. Die Stadt\nhatte ein so festliches Ansehen, wie wir es fast nie bei\neinem Musikfeste gesehen haben; die zu dem Zweck der\nAufführungen erbaute Tonhalle (von Holz) hatte grossar-\ntige Maass-Verhältnisse und war mit Fahnen, Kränzen und\nBlumen reich, fast überreich geschmückt; Fröhlichkeit\nund buntes Gewimmel aller Stände wogte in den Strassen\nund Gärten auf und ab. Der Festzug, mit welchem die\nam Sonnabend Vormittags ankommenden Sangesgenossen\nund Musiker der verbündeten Städte eingeholt und mit\nSang und Klang und fliegenden Fahnen, sämmtliche Da-\nmen in eleganten Wagen, nach der Tonhalle geleitet wur-\nden, war prächtig, Beleuchtung des Curhauses, der Räume\nim Innern und der Colonnaden und Gewässer draussen,\nsehr schön. Allein schon am ersten Tage, noch dazu einem\nSonntage, war die Tonhalle nicht ganz von Zuhörern ge-\nfüllt— Se. Hoheit der Herzog und die Frau Herzogin mit\nGefolge beehrten jedoch das Concert mit ihrer Gegenwart\n—, und doch ist Haydn's „Schöpfung\" gewiss eines der\npopulärsten Oratorien. Und im zweiten Concerte, am 27.\nSeptember, war kaum die Hälfte der numerirten Plätze\nbesetzt, und auch die hinteren Räume des Saales zeigten\nviele Lücken. Dagegen war der Ball am Montag Abends\nüberfüllt, alle Säle des Curhauses voll drängender und\ngedrängter Menschen. Am dritten Tage vollends, wo kein\nConcert, sondern nur gesellige Versammlungen und Fest-\nlichkeiten auf dem Neroberg und Abends Feuerwerk Statt\nfanden, sollen 20—25,000 Fremde in Wiesbaden gewe-\nsen sein! Augenscheinlich war es an diesem Tage am\nvollsten.\nDie Vocal-Partie zählte folgende Mitwirkende :\nVerbündete Städte. Sopran Alt Tenor Bass Verein. Summe\n1. Darmstadt.\na. Musik-Verein ... 25 15 13 14 67\nb. Mozart-Verein ... 17 27 44\nc. Harmonischer Sän-\ngerkranz 13 10 23 134\n2. Mainz.\na. Damengesang-Verein 36 28 64\nb. Liedertafel ) 33 I 58 91 155\n3. Mannheim.\nMusik-Verein 34 13 11 j 16 74 74\n4. Wiesbaden.\nCäcilien- und Männer-\ngesang-Verein ... 5 34 46 68 203 203\n150 90 133 | 193 566 566\nHiernach zählte der Chor ungefähr 100 Mitglieder\nweniger, als zu Mannheim im vorigen Jahre; allein es\nfehlte keineswegs an frischen und klangvollen Stimmen;\nSopran und Alt sangen hell und kräftig durch, nur dass\nim ersteren die Höhe ein oder zwei Mal nicht ganz rein\nintonirt wurde. Bei der Theilnahme von mehreren Lieder-\ntafeln hätten wir den Männerchor stärker erwartet: der\nTenor war gut besetzt, aber von 179 Bassisten —so viel\nstehen wenigstens im Verzeichniss des Textbuches hätte\nman mehr sonore Kraft fordern können.\nDas Orchester bestand aus 53 Violinen (die Herren Con-\ncertmeister Baldenecker von Wiesbaden und Becker\nvon Mannheim an der Spitze), 16 Bratschen, 18 Violon-\ncellen, 16 Contrabässen, doppelt besetzten Holz-Blasinstru-\nmenten, 7 Hörnern, 4 Trompeten, 5 Posaumen, 1 Bass-\ntuba und Pauken. Die stehenden Capellen der Theater von\nWiesbaden, Darmstadt und Mannheim und die Mitglieder\ndes städtischen Orchesters von Mainz bildeten einen in Ge-\nsammtklang und Fertigkeit sehr tüchtigen Verein, in wel-\nchem auch die meisten Blasinstrumente sich durch Ton\nund guten Vortrag ihrer Soli auszeichneten. Dagegen dür-\nfen wir nicht verschweigen, dass einzelne Nachlässigkeiten\naus Unaufmerksamkeit oder Gleichgültigkeit vorkamen, die\nsehr störend waren, und dass bei aller technischen Tüch-\ntigkeit doch häufig in der Ausführung Schwung und Geist\nvermisst-wurden, welche durch Schnelligkeit und Fertigkeit"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "327", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.7", "texte": "nicht ersetzt werden können. Von Nachlässigkeiten erwäh-\nnen wir nur das häufige Vorschlagen der Hörner, das zu\nfrühe Einsetzen der Clarinetten im zweiten Theile des Fi-\nnale der Sinfonie von Schubert, das Ausbleiben des Flö-\nten-Solo's von fünf vollen Tacten im Es-dur-Terzett (im\nSchlusschor des zweiten Theils) der „Schöpfung\", welches,\nda der ganze zweistimmige Satz Poco Adagio bis zum Ein-\ntritt des Raphael nur mit Blasinstrumenten begleitet wird,\nganz unbegreiflich ist, wenn der Flötist nicht etwa spazi-\nren gegangen war. Wegen versäumter Beachtung der\nVortragszeichen im Allgemeinen bei Ausführung der Sin-\nfonie dürfen wir dem Orchester keinen Vorwurf machen,\nda bei den maasslos übertriebenen Tempi höchstens der\nrohe Unterschied von Fortissimo und Piano, von feinerem\nAusdruck aber nichts herauskommen konnte.\nDass Haydn's „Schöpfung\" am ersten Festtage\nkeinen bedeutenden Eindruck machte, das wird Niemandem\nvon den Anwesenden entgangen sein. Allein man sucht\nErklärungen der nicht zu läugnenden Thatsache da, wo\nsie nicht zu suchen sind. Da sollen denn z. B. die Chöre\n„zu kärglich bedacht\", „der Charakter des Oratoriums\nnicht für Massenwirkungen geeignet sein\" u. dgl. m. In\nder That, nach den unzähligen Aufführungen der „Schö-\npfung\" mit grossen Massen, die seit ihrer Erscheinung in\nganz Europa Statt gefunden und stets durchgeschlagen ha-\nben, ist eine solche Behauptung sehr wunderlich. „Und es\nward Licht!\" nicht auf Massen berechnet! und die eilf\ngrossen Chöre allzumal nicht für Massenwirkungen geeig-\nnet! Statt solcher Entschuldigungen für einen verfehlten\nEindruck erkläre man doch lieber gleich mit den Zukünft-\nlern die „Schöpfung\" für Zopf; dann weiss man doch,\nwoher die Glocken läuten!\nDie Wahrheit ist, dass bei vielen Chören der Schwung\nund die Begeisterung fehlte, und dass die schönen Gesammt-\nkräfte bei den auffallenden Missgriffen des Dirigenten im\nTempo nicht zur Geltung kommen konnten. Herr Hof-\nCapellmeister Vincenz Lachner übertrieb dasZeitmaass\nder meisten Chöre und Solostücke auf eine Weise, die\nsich weder mit der Tradition, welche doch wahrlich bei\nHaydn's beiden Oratorien fest genug überliefert ist, noch\nmit dem Charakter des Textes und der Musik, noch mit\nden Bezeichnungen des Componisten vereinigen lässt. Nicht\nbloss „etwas schnell\" genommen, was fast ohne Ausnahme\ngeschah, sondern gänzlich entstellt durch das übereilte\nTempo wurden im ersten Theile der Chor in A-dur, Al-\nlegro moderato, die Arie mit Chor in C-dur, der Schluss-\nchor in C:„Die Himmel erzählen\", der zuletzt in ein stets\nnoch getriebenes Presto ausartete; im zweiten die Sopran-\nArie in F, Moderato überschrieben, das Terzett in A-dur,\nebenfalls Moderato, der Chor mit Terzett: „Der Herr ist\nGross\", mit den Coloraturen in den Solostimmen, die Bass-\nArie in D-dur (Maestoso!),und als das\nvon Allem das _£Wwr-Duett: „Holde Gattin\", im dritten\nTheile.\nWas mit den vorhandenen Kräften für Wirkungen\nzu erreichen gewesen wären, zeigten die wenigen Chöre,\nnamentlich auch der Schlusschor des Werkes, die in besse-\nrem Zeitmaass gesungen wurden, als die vorher genannten.\nEs darf indess nicht unberücksichtigt bleiben, dass zu\ndem vollständigen Gelingen einer Aufführung der „Schö-\npfung\" auch die Ausführung der Solostücke von grösserer\nWichtigkeit ist, als bei manchen anderen Oratorien. Ab-\ngesehen von dem bereits erwähnten fehlerhaften Tempo\nbei einigen derselben, was vielleicht auch zum Theil den\nSolisten selbst zuzuschreiben ist Fräul. Lehmann we-\nnigstens eilte in ihren Arien zuweilen sehr merklich —,\nkonnte von den drei Solisten: Fräul. Caroline Leh-\nmann und Herrn Lipp vom Theater zu Wiesbaden, und\nHerrn Karl Schneider vom Theater zu Frankfurt, ge-\ngenwärtig an der königlichen Oper zu Berlin, nur letzterer\nals Oratoriensänger genügen. Seine Arie in „Mit\nWürd' und Hoheit angethan\", in richtigem Tempo mit\nschöner Stimme und ausdrucksvollem Vortrage, der den\nwirklichen Sänger bekundete, gesungen, war das einzige\nSolostück, welches Auszeichnung verdiente und durch leb-\nhaften Applaus auch fand. Dem Fräul. Lehmann kam das\nPublicum, wenigstens der Wiesbadener Theil desselben, sehr\nfreundlich entgegen; allein den Forderungen, die man an\neine Sängerin der Sopran-Partie in der „Schöpfung\" ma-\nchen muss, wenn man auch Jenny Lind gar nicht gehört\nhat, die freilich so leicht Keine in dieser Partie wieder er-\nreichen wird, konnte sie nicht genügen. Ihre Stimme ist\nzwar in den Mitteltönen voll und schön, allein mit dem\nzweigestrichenen fbeginnt der Ton scharf und zuweilen\nsogar unangenehm zu werden, und für den Vortrag von\nOratoriensachen fehlt es an musicalischer Bildung, an künst-\nlerischem Ausdruck, an Geschmack und Wärme. Colora-\ntur und Triller können vor einer kunstgemässen Prüfung\nnoch nicht bestehen. Vielleicht scheint dieses Urtheil etwas\nstreng, und wir wollen zugeben, dass es zum Theil in der\nEnttäuschung seinen Ursprung hat, die wir im Vergleich\nzu übertriebenen Anpreisungen empfanden. Es ist möglich,\ndass Fräul. Lehmann im Theater, wo das Publicum jetzt\nso Manches zu überhören sich gewöhnt hat, einen günsti-\ngen Eindruck macht. Herr Lipp, Bassist, besitzt eine aus-\ngiebige Stimme, der es aber an edelm Klang fehlt; wir\nglauben jedoch, dass sorgfältiges Studium in der Tonbil-\ndung diesen Mangel nach und nach verdecken kann, zu-\nmal wenn auch im Vortrag mehr Licht und Schatten, mehr\nAusdruck und Wärme sich erzeugt."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "328", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581009-01.1.8", "texte": "Nach allem diesem wird man begreifen, dass, wenn\ndie „Schöpfung\" dieses Mal nicht denselben Enthusiasmus\nim Publicum hervorrief, wie sonst immer, dies keineswegs\nan dem herrlichen Werke selbst lag, sondern an der Art\nder Ausführung desselben.\n(Schluss folgt.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMSlei* Der vortreffliche Violoncellist Herr Giovanni di Dio,\nköniglich preussischer Kammermusicus, hat auf seiner Rückkehr von\neiner grossen Kunstreise durch England, wo er auch die Auszeich-\nnung genoss, zwei Mal vor Ihrer Majestät der Königin zu spielen,\ndurch Holland, die Schweiz, Ober-Italien und Deutschland unsere\nStadt besucht und durch seine Vorträge auf dem Violoncell (Melo-\ndie 2U Bach's Präludium Nr. 1 und Variationen von Servais) in der\nletzten Versammlung der musicalischen Gesellschaft alle Anwesenden\nzu dem lebhaftesten Beifall hingerissen.\nDie Gesellschafts-Concerte im Gürzenich werden Dinstag\nden 19. d. Mts. beginnen. Dem Vernehmen nach werden Frau Clara\nSchumann und Fräul. Auguste Brenken in dem ersten Con-\ncerte auftreten. Das Orchester wird mit der Sinfonie Nr. VIII. von\nBeethoven seine Leistungen beginnen.\nMan schreibt aus Leipzig, dass Fräul. Catharina Deutz\nvon Köln in dem ersten Gewandhaus-Concerte am 3. October aufge-\ntreten und durch den Vortrag der Concert-Arie von Mendelssohn\nund der F-dur-Arie aus Mozart's Figaro einen glänzenden Erfolg\nerrungen habe, der sich durch stürmischen Applaus und Hervorruf\nbekundete.\nVon F. Dräseke aus Dresden soll in Weimar eine dreiactige\nOper, „König Ligurd\" (nach Geibel's Epos), nächstens zur Auffüh-\nrung kommen„\nB. Scholz, von dessen Compositionen in diesen Blättern mehr-\nmals die Rede war, hat eine komische Oper vollendet, welche in\nWiesbaden zuerst zur Darstellung kommen soll. Dieser junge,\nstrebsame Componist ist für nächsten Winter als Capellrneister am\nStadttheater zu Nürnberg angestellt.\nHeräivK Im königlichen Opernhause wurde auf Allerhöchsten\nBefehl Isouard's Operette „Das Stelldichein'' mit vielem Erfolge ge-\ngeben. Frau Frieb-Blumauer parodirte Rossinfs Arie „Una voce poco\nfa\" als Einlagsstück mit glänzender Wirkung, und Herr Wolf er-\nrang mit dem Vortrage des ebenfalls eingelegten Gumbert'schen Lie-\ndes „Liebeslocken\" einen wahren Beifallssturm.\nDie in Paris und Baden-Baden mit sehr viel Beifall aufgenom-\nmene komische Oper „Die Königsmühle\" (Le moulin du roi) von\nAdrian Boieldieu wird auf höchsten Befehl für die königliche Oper\nübersetzt und bearbeitet. Die Aufführung des Lohengrin ist bis auf\ndas nächste Jahr verschoben worden. Die Sinfonie-Concerte der\nLiebig'schen Capelle brachten die Ouvertüren zur Zauberflöte, zu\nFigaro, Coriolan, Tigranes, Alceste, Tannhäuser, den Hochzeits-\nmarsch von Mendelssohn, die Sinfonie F-dur von Maurer, D-dur von\nMozart, G-dur von Haydn, C-nwll und Pastorale von Beethoven.\nWieifi. „Der falsche Lohengrin\" von Böhm, auf welchen Herr\nDirector Hoffmann eine glänzende Ausstattung gewandt hat, ent-\nsprach in seinem Erfolge den gehegten Erwartungen nicht; die Pa-\nrodie übt keine Zugkraft, Wir haben es nur mit der Musik des\ntüchtigen Herrn Capellmeisters Stolz zu thun, die, wenn sie auch\nnicht den früheren Compositionen desselben gleichgehalten wird,\ndennoch einen neuen Beleg für die Gewandtheit des talentvolle»\nTonsetzers und ausgezeichneten Dirigenten lieferte. Die Parodie\ndes „Tannhäuser\" von Nestroy ist dagegen sehr komisch und na-\nmentlich durch die Musik von Binder, welche eine köstliche Tra-\nvestie der Wagner'schen ist, höchst ergötzlich.\nDas „Deutsche Theater-Archiv\" bringt in seiner zweiten\nNummer eine Schilderung von Ludwig Devrient's erstem Auftreten\nin Berlin von Reilstab, dann ~Das Virtuosenthum in der Schauspiel-\nkunst\" von Rötscher, „Ueber antike Dramenstoffe\" (Schluss) von\nGottschall, „Das Theater in Sanssouci\" von Schneider, endlich Re-\npertoire-Berichte, Notizen und Anzeigen. Der Rötscher'sche Artikel\nschildert mit einigen kräftigen Strichen manche Uebergriffe, welche\nsich die „Virtuosen der Schauspielkunst\" zu Schulden kommen las-\nsen, und den nachtheiligen Einfluss, den jene entarteten Söhne und\nTöchter der Kunst, namentlich mit Hülfe der „Reclame\", auf die\nGestaltung der Kunstzustände ausüben.\nBerichtigung,\nIn der vor. Nr. d. 81. ist Seite 319, Spalte 2, Zeile 16 von oben,\nstatt malerischen Gestaltungen, zu lesen: melodischen Gestaltungen,"}]}