{"numero_id": "bm-bmtnabi-1858-11-20-01", "volume": "bmtnabi_1858-11-20_01", "ocr_sha256": "a08accfc6619e983771efa495fff2dc6071e8689fb9e563d16c7b4135684aefd", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1858/11/20_01/bmtnabi_1858-11-20_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1858-11-20-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-11-20_01#c001", "volume": "bmtnabi_1858-11-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "369", "page_fin": "369", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "369", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 416, "texte": "Inhalt.\nDie Oper Lohengrin. Von Ed. Hanslick. Aus Dresden (Judith, Oper von Emil Naumann). Von U. Bei-\n* ° _ ~ 1 •• 1 - TT» '\nnard Hildebrand-Romberg f. Tages- und Un terh altungsbJatt Köln, Concertmeister Engel und Frau, Gebrüder Ries,\nErste Soiree für Kammermusik Neue Messe von F. Hiller Aachen, Concert von Guglielmi Neunter Jahresbericht des schwäbi-\nschen Sängerbundes Dresden, das Hünerfürst'sche Musikcorps)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-11-20-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-11-20_01#c002", "volume": "bmtnabi_1858-11-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "369", "page_fin": "374", "image_debut": 1, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.2.2", "titre_corps": "Die Oper „Lohengrin“.", "titre_sommaire": "Die Oper „Lohengrin“.", "signature_source": "Ed. Hanslick", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "369", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.1", "debut_caractere": 418, "fin_caractere_exclue": 4172, "texte": "Die Oper „Lohengrin“.\nVon Ed. Hanslick.\nDie Aufnahme, welche Richard Wagner's „Lohengrin\"\nvor drei Monaten in Wien gefunden, war eine so glänzende,\ndass einige Bemerkungen über das Werk vielleicht noch\nnicht zu spät kommen dürften. Wir können nicht entschei-\nden, ob, wie uns versichert wird, die Lohengrin-Begeiste-\nrung gegenwärtig doch schon im Sinken sei; genug, dass\nder Zudrang noch immer sehr bedeutend ist. Die durch-\nweg ausgezeichnete, von keiner deutschen Bühne zu über-\ntreffende Vorstellung würde allein schon diesen Zudrang\nerklären. Wenigstens dürfte ein Gehörloser, der bloss den\nEindruck der Decorationen, Aufzüge, Gruppen und des\nSpiels der Darsteller empfängt, den Enthusiasmus dafür\nnoch eher begreifen, als jemand, dem vom „Lohengrin\"\nnichts als die Musik bekannt wäre.\nSo übereinstimmend das Publicum en masse, so diver-\ngirend fanden wir das Urtheil der Einzelnen. Das Ergötz-\nlichste daraus, die mit saurem Schweiss erzwungene Be-\ngeisterung derjenigen, die in keinem Falle hinter dem\n„Fortschritt\" und der „Zukunft\" zurückbleiben wollen,\nmüssen wir freilich dem Figaro oder dem Kladderadatsch\nüberlassen. Aber auch die Aufrichtigkeit hat wunderliche\nExtreme aufzuweisen. Es ist Thatsache, dass Personen der\nverschiedensten Stände und Bildungsstufen, die aus ihrer\nGleichgültigkeit gegen alle Musik kein Hehl machen, auch\nsonst kaum in einer Oper oder Akademie zu sehen sind,\nein halb Dutzend Mal sich im „Lohengrin\" unterhalten.\nEben so ist es wieder Thatsache, dass mehrere unserer ge-\nbildetsten und unparteiischsten Musiker sich bei der ersten\nVorstellung des „Lohengrin\" so unparteiisch gelangweilt\nhaben, dass sie nach dem zweiten Acte das Weite suchten.\nEin sehr zahlreiches gemässigtes Centrum bezeichnet\ndie Novität ganz richtig als „interessant\"; in der näheren\nErklärung aber, worin dieses Interessante bestehe, begeg-\nnet man einer auffallenden Unsicherheit des Urtheils. Zahl-\nreiche Anhänger des „Lohengrin\", welche der Musik so\neut als nichts nachzurühmen wissen, finden sich durch den\n„unvergleichlichen Text\" vollkommen entschädigt. Ich muss\nunverhohlen bekennen, dass ich für das Textbuch mich eben\nso wenig zu begeistern im Stande bin, als für die Musik\ndazu.\nUm vom Textbuche zu beginnen, so haben wir leider\nauch hier erleben müssen, dass es für ein selbstständiges\nKunstwerk von höchster Poesie, für ein vollkommenes\nDrama ausgegeben wurde, das man ohne Weiteres als\nSchauspiel darstellen könnte. Den Trägern dieser Meinung\nwünschen wir unbarmherzig, dass damit wirklich der Ver-\nsuch gemacht werde. Wenn wir die Dichtung zum „Lohen-\ngrin\" als solche prüfen, so finden wir die Summe ihres Ver-\ndienstes in einigen poetisch, ich würde noch lieber sagen:\nmalerisch gedachten Situationen. In der Fabel und\nden Charakteren ist sie undramatisch, in der Diction pein-\nlich hart und schwülstig*). Wir schätzen im „Lohengrin\"\neinen sehr geschickt gemachten Operntext, der nicht bloss\nmusicalisch effectvoller, sondern auch an sich zusammen-\nhangender gedacht und sorgsamer ausgeführt ist, als die\nmeisten seiner Brüder; wem das für ein selbstständiges\nDrama genügt, der mag den „Lohengrin\" für eines halten.\n\n*) Auf jeder Seite kann man Verse im Geschmack der folgenden\nfinden:\n„Lass mich ihn seh'n, wie ich ihn sah,\nWie ich ihn sah, sei er mir nah' !' (]6 einsylbige Wörter.)\nOder: „Wie gab' es Zweifels Schuld, die grösser,\nAls die an Dich den Glauben raubt?\"\nIm Tannhäuser gibt es Stellen, die fast in der Zauberflöte\nstehen könnten, wie:\n„Ihr Edlen mögt in diesen Worten lesen,\nWie ich erkannt der Liebe reinstes Wesen.\"\nOder: „Hoch über aller Welt ist Gott,\nUnd sein Erbarmen ist kein Spott.\"\nDerlei Verse sind in der Oper gar nicht störend, man muss\nsie aber nicht für das Werk eines grossen Dichters ausgeben."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "370", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5491, "texte": "Vorerst ist die Wahl des Gral-Mythus sehr unglück-\nlich. Sie wird es doppelt neben Wagner's eigenen Anfor-\nderungen: ein Opern-Text müsse vor Allem volksthümlich,\nallgemein verständlich sein, die Nation in ihrem Innersten\nergreifen u. dgl. Nun, exclusiver kann wohl kein Opern-\nheld sein, als dieser Ritter vom heiligen Gral. Wer ist Lo-\nhengrin? Wer ist der heilige Gral? Bei welchem Publicum\nkann und darf man die Kenntniss dieses mittelalterlichen\nSagenkreises voraussetzen, um den sich im „Lohengrin\"\ndoch Alles dreht? Um eine Welt sind wir von der sittlichen\nAnschauung jener Zeit und ihrer Poesie getrennt, deren\nPathos man bewaffnete Verzückung nennen könnte. Selbst\nder ernste Literaturfreund, der sich gern in diese christ-\nlichen Epen des Mittelalters vertieft, wird sich dagegen\nverwahren, sie dramatisch zu finden. Die erste Forde-\nrung, die wir ans Drama stellen, ist, dass es uns Charak-\ntere vorführt, Menschen von Fleisch und Blut, aus deren\nHandlungen und Leidenschaften ihr Schicksal sich bereitet.\nWir wollen die Freiheit des Willens gegen grosse Confiicte\nreagiren sehen, um mit innerster Bewegung mitzufühlen,\nwie (nach Göthe's Wort) „dem Menschen zu Muth ist\".\nWas weiss Lohengrin davon? Er ist Ritter des heiligen Grals\nauf Monsalvat, jenes in kostbarer Edelsteinschale aufbe-\nwahrten Blutes Christi, das die Sage als wunderthätigen\nund herrschenden Mittelpunkt des göttlichen Reiches auf\nErden feiert. Der heilige Gral sendet seine Ritterschaft zu\nseinem Dienste auf Abenteuer aus, er allein bestimmt und\nerfüllt ihr Denken, Fühlen, Handeln. Sie sind durch ihn\ngöttlicher Natur, untäuschbar, fehlerfrei, doch müssen sie\ndas Geheimniss dieser wunderbaren Sendung wahren. Kann\nuns Lohengrin's Tugend und Gerechtigkeit bewegen, da\nsie nicht Ergebniss seines freien Willens, sondern der blosse\nAbglanz des Grals sind? Kann uns seine Liebe für Elsa\nzu Freude und Leid mitreissen, da wir doch wissen, er\nhabe eigentlich kein anderes Pathos, als sein Geheimniss?\nMüssen wir nicht sein Begehren unmenschlich finden, dass\nElsa, sein „geliebtes Weih\", ihn niemals nach Herkunft\nund Namen fragen dürfe? Der Liebe Band ist das Vertrauen\nund nicht das Geheimniss; wir stellen uns auf Elsa's Seite,\nals sie der „sträflichen Neugier\" verfällt und desshalb von\nihrem Gatten verlassen wird. Vergebens fleht sie zu Lohen-\ngrin's Füssen, er möge „als Zeuge ihrer Busse\" bleiben.\nEr hat keine Antwort für sie, als: „Ich muss, ich muss,\nmir zürnt der Gral, wenn ich noch bleib !\" Ein Wesen,\ndas muss („kein Mensch muss müssen\", sagt Lessing), ist\nkein Held eines Drama's, denn er ist keiner unseres Gleichen.\nEr ist nach Stahr's treffendem Ausdruck ein „seraphischer\nSoldat\", dessen Wille und Bewusstsein nicht in der eige-\nnen Brust ruht, sondern „in dem Stirnrunzeln seines gött-\nlichen Kriegsherrn\".\nDass R. Wagner selbst den „Lohengrin\" als den «Ty-\npus des eigentlichen, einzigen tragischen Stof-\nfes, überhaupt der Tragik des Lebens-Elementes der mo-\ndernen Gegenwart\" bezeichnet, davon wollen wir bei der\nbekannten Ruhmredigkeit der Wagner'schen Vorreden kein\nAufhebens machen. Es bleibt eine Verkehrtheit, die Wie-\nderbelebung der Oper in der Rückkehr auf derlei mystisch-\nsymbolische Stoffe zu suchen, die, an sich jeder dramati-\nschen Bewegung bar, längst im Bewusstsein der Nation\nzu leben aufgehört haben. Die wahre Oper der Zukunft\nist die historische.\nWas Wagner's christlich-mythische Opern-Texte vor\nden überwundenen classisch-mythologischen voraus haben,\nist das Vaterland. Sie sind deutsch, und die Scenen im\n„Lohengrin\", welche deutsche Sitte schildern, werden im-\nmer die nachhaltigste Wirkung hervorbringen, möge Wag-\nner selbst noch so hartnäckig das Mythisch-Symbolische\nals den wahren Kern der Oper bezeichnen. Eine specifisch\ndramatische Kraft im eminenten Sinne vermögen wir in\nder Dichtung des „Lohengrin\" nicht zu finden, sondern\nbloss lyrische Begabung, verbunden mit einem ungewöhn-\nlichen Theatergeschick. Wie arm erscheinen die einzelnen\nCharaktere im „Lohengrin\", die alle von Anfang bis\nzu Ende stereotyp ohne Entwicklung und Steigerung blei-\nben, gegen das Leben der Massen darin! Dieses Geschick,\nGruppen zu bilden und Situationen herbei zu führen, die\nnicht anders als malerisch ausfallen können, ist vielleicht\ndas Eigentümlichste in Wagner's Talent, und der Punkt,\nauf den in einer ausführlicheren Untersuchung, als sie uns\nhier erlaubt ist, vorzüglich eingegangen werden müsste.\nWagner ist weder ein grosser Dichter, noch ein grosser\nMusiker, allein man kann ihn ein im höheren Sinne deco-\nratives Genie nennen. Das Höchste, wozu solch decora-\ntives Genie, von Geist und Bildung getragen, es bringen\nkann, sind—Wagner'sche Opern. Wir können ihren\nSchöpfer bewundern ob der Einsicht und Energie, mit der\ner sich eine seinem Talente vollkommen adäquate Kunst-\nform geschaffen hat, die einzige artistische Specialität, die\nihm erreichbar, aber auch zugleich diejenige, die wohl\nnur durch ihn erreichbar gewesen. Der höchste Kunst-\ngewinn, der mit Wagner's Einsatz zu holen war, ist aber\nnoch nicht der höchste Gewinn der Kunst. Was gegen die\nvermeintlich absolute Grösse der Wagner'schen Opern ent-\nscheidend bleibt, ist ihre musicalischc Unfruchtbarkeit. Es\nfehlt ihnen, was sich nicht erwerben und nicht entbehren\nlässt: die göttliche Mitgift, die zeugende Kraft, der ange-\nborene Reichthum kurz: die ganze schöne Ungerech-\ntigkeit der Natur.\nAls der berühmte Jomelli in einem Streite über da»\nTalent Piccini's den Ausschlag geben sollte, that er es"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "371", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5418, "texte": "durch den feierlichen Ausruf: „Questi e inventoreJ\" Mit\ndiesen drei Worten dachte der Meister seiner Bewunderung\nfürPiccini den kräftigsten Ausdruck zu leihen; in der That\nhat er damit das Wesentliche der künstlerischen Produc-\ntion, das in der Musik mehr als in irgend einer anderen\nKunst ein fortwährendes Erfinden und Neuesschaffen ist,\ntreffend bezeichnet. Wer in der Musik kein „Erfinder\" ist,\nwer der geheimnissvolien Kraft entbehrt, in Tönen und aus\nTönen selbstständig Schönes zu schaffen, der kann allen-\nfalls der geistreichste Experimentator der Kunstgeschichte\nwerden ein Meister seiner Kunst, ein musicalisches Ge-\nnie nimmermehr.\nDen musicalisehen Standpunkt auch bei Wagner\nfestzuhalten, kann uns Niemand verwehren, so lange dessen\nOpern von einem Ende zum anderen gesungen und musi-\ncirt werden, und so lange noch vernünftige Leute der\nMusik zu Liebe in die Oper gehen. Es ist nur ein trauri-\nges Zeichen weitgreifender Bethörung, dass selbst Stim-\nmen, die WTagner's musicalische Ohnmacht zugestehen, für\nihn einen anderen, ganz eigenen Standpunkt beanspruchen\nund die „dramatische Uebereinstimmung seiner Musik mit\nder Dichtung\" als die grosse neue Errungenschaft feiern,\nneben der die Schönheit der Musik gar nie mehr in Frage\nkommen kann. Es wäre traurig, wenn das deutsche Publi-\ncum in Wahrheit so kurzes Gedächtniss hätte. Haben wir\ndenn wirklich bisher keine Opern gehabt, die den frische-\nsten Duft der Melodieen mit dem Ernste dramatischer\nWahrheit verbanden ? Haben die grössten Meister dreier\nNationen umsonst nach dem Ziele gestrebt, dramatische\nTonsetzer zu sein? War die ganze Geschichte der Oper,\nwie Wagner uns einreden möchte, wirklich nur ein fort-\ngesetzter Sündenfall, der auf die Erlösung durch „Lohen-\ngrin\" harrte?\nIch kann nicht finden, dass in prägnanter und ergrei-\nfender Darstellung der Situation Wagner weiter gekom-\nmen sei, als z. B. Beethoven im Fidelio, der doch über-\nall— abgesehen von dieser dramatischen Eigenschaft —-\nMusik im vollendeten Sinne ist. Gibt es im ganzen „Lohen-\ngrin\" eine Nummer, die das Herz des Hörers pochen\nmachte, wie das Terzett oder das Quartett im Kerker?\nHat Wagner mit seinem sublimirten declamatorischen Ap-\nparat jemals solchen Pulsschlag des Lebens hervorgebracht,\nals Beethoven mit rein musicalischen Mitteln? Oder hat\n„Lohengrin\" auch nur Einen Charakter aufzuweisen, der\nso plastisch und naturwahr sich von dem Grunde des Ge-\nmäldes abheben würde, wie die Personen im Don Juan?\nWas sind Telramund und Ortrud für Theater-Schablonen\ngegen ähnliche Charaktere bei Weber und Spontini?\nKann sich das Gottesgericht, unstreitig eine der besten\nScenen im „Lohengrin\", mit der ganz analogen in Marsch-\nner's Templer messen, wo die zum Feuertode verurtheilte\nRebekka angstvoll und doch gläubig nach einem Kämpen\nihrer Unschuld ausblickt? Wir lassen hier das eigentlich\nMusicalische noch ganz bei Seite und fragen bloss, ob\nWagner in der dramatischen Wahrheit, die man ihm\nso auszeichnend vindicirt, wirklich Neues und Ungeahntes\nerreicht; ob er in der Charakteristik einer Person oder\neiner Situation wirklich überholt oder nur erreicht, was\ndie genannten Meister bereits geboten haben. Die letzteren\nkannten und achteten die Forderungen des Dichters sehr\nwohl, aber zugleich waren sie Musiker, sie waren Erfinder.\nIhnen eignete die Kraft, die Wagner läugnen möchte, weil\nsie ihm fehlt: die Kraft der Melodie, des selbstständig schö-\nnen musicalischen Gedankens. Es ist ein grosser Irr-\nthum, die Melodie an sich und ohne Weiteres als Feindin\njeder dramatischen Charakteristik darzustellen; das thut\nnur, wer, von Natur melodielos, auf den kleinen Gewinn\ndurch geistreiche Effecte angewiesen ist. Vielmehr kann\nin dem gegliederten musicalischen Gedanken, in der Me-\nlodie selbst, eine dramatische Kraft wohnen, die das\ndeclamatorische Pathos und aller Instrumentalwitz der\nWelt niemals erreichen.\nWir haben Namen genannt, die uns der Beispiele hier\nfüglich entheben. Dabei braucht man sich keineswegs auf\ndieClassiker zu beschränken; man erinnere sich der „Hu-\ngenotten\". Die Missachtung Meyerbeer's, bekanntlich\nvon je her ein „Gesinnungs\"-Artikel der deutschen Kritik\n(die nebenbei für die ledernsten Capellmeister gern\nschwärmt), hat seit dessen maassloser Verunglimpfung\ndurch Wagner so sehr überhand genommen, dass es hohe\nZeit ist, an die Kehrseite zu erinnern. Das Blendwerk, wo-\nmit Meyerbeer sein grosses Talent verunziert, kann Niemand\naufrichtiger bedauern und rückhaltloser besprechen, als\nwir es aus Anlass des „Nordstern\" gethan; allein an der\nThatsache dieses grossen musicalischen Talentes\nlässt sich nicht rütteln. Nur zu oft reisst uns Meyerbeer\nnach den schönsten Nummern durch einige raffinirte Tacte\naus der Stimmung; allein immer wieder begrüssen uns\nStellen, die nur ein musicalisches Genie ersten Hanges ge-\nschrieben haben konnte. In jeder Oper, vielleicht in jedem\nActe Meyerbeer's sind solche musicalische Gedanken von\nbezwingender Neuheit und Schönheit, Gedanken, mit de-\nnen kein zweiter lebender Componist rivalisiren kann; mit\nEinem Worte: Gedanken, bei denen das Publicum auf-\njauchzt und der Musiker sagen muss: Questi einventore!\nKann man ein Gleiches von Wagner behaupten? Ich habe\nbei wiederholtem aufmerksamstem Studium des „Lohen-\ngrin\" inmitten der geistreichsten Intentionen und Züge nicht\nein Thema von acht Tacten auffinden können, von denen\nsich sagen liesse: Diese acht Tacte kann nur ein musicali-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "372", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5503, "texte": "sches Genie ersten Ranges geschrieben haben, sie sind das\nWerk eines Schöpfers in seiner Kunst.\nSo paradox es klingt, so wahr ist es im Grunde, dass\nWagner's Opernmusik im Wesentlichen aus Deel am a-\ntion und Instrumentirung besteht. Diese beiden Facto-\nren, welche bisher nur als Schmuck und Stütze des eigent-\nlichen musicalischen Inhalts galten, beherrschen bei Wag-\nner als emaneipirte Grössen den Vordergrund. Dass Wag-\nner zu declamiren versteht, ist einer seiner entschiedensten\nVorzüge; dass er vermeint, durch ein recitirendes Heben\nund Senken die Melodie zu ersetzen, ist zugleich Wurzel\nund Blüthe seines Irrthums. An die Stelle wahrhaften Ge-\nsanges tritt eine klangvolle Recitation. Es gilt hier gleich,\nob Wagner wirklich durch unabhängige Ueberzeugung oder\ndurch die Gränzen seiner Begabung zu dieser Theorie ge-\nführt wurde; ich glaube das Letztere; denn so lange es eine\nGeschichte der Musik gibt, war Verachtung der Melodie\nund Mangel an Melodie identisch. Das Wort also herrscht\nund geht voran, die Musik schleicht ihm in jeder Wendung\nmit Aufgebung ihrer eigenen Bedeutung und Würde nach.\nDie wahre musicalische Charakteristik, wie wir sie bei allen\ngrossen Tonkünstlern finden, zertrümmert nicht den Bau\ndes musicalischen Zusammenhangs, um mit den einzelnen\nSteinchen Wort für Wort des Textes zu belegen,—sie hält\nsich an die Stimmung des Ganzen. Nichts kläglicher, als jene\nCharakteristik in Duodezformat, wie sie uns täglich in di-\nlettantischen Lieder-Compositionen begegnet; bei einzelnen\nWorten, wie „Schauer\" oder „Grauen\" wird im Bass tre-\nmolirt, „Wald\" durch Hornsatz, „Vogel\" durch einen\nTriller in der Höhe repräsentirt, womit denn natürlich dem\nZusammenhange des Tonstücks und der Stimmung des Hö-\nrers zugleich der Garaus gemacht wird. Sehr viele Musik-\nfreunde und—Freundinnen lieben das leidenschaftlich; sie\nsitzen mit dem Textbuch in der Hand und freuen sich, wie\nZeile für Zeile, j_a, Wort für WTort, so prächtig stimmt.\nWir wissen von Haydn's „Schöpfung\" her, welche zuerst\ndurch ihre Tonmalereien populär wurde, welches Behagen\nfür ein grosses Publicum in dieser verstandesmässigen Be-\nthätigung, in diesem Vergleichen einer charakteristischen\nTonreihe mit einem bestimmten Objecte liegt. Je mosaik-\nartiger Text und Musik sich gegen einander zusammen-\nsetzen, desto besser unterhält sich ein grosser Theil der\n„gebildeten Dilettanten\", während der Musiker an dem mu-\nsicalischen Zusammenhange festhält, der selbstständig unter\ndem poetischen sich behauptet.\nDie despotische Herabsetzung der Musik zum blossen\nAusdrucksmittel erzeugt im „Lohengrin\" jene langgestreck-\nten Scenen, in denen man nicht viel mehr vernimmt, als ein\nfortgesetztes Gevvoge gestaltloser, gleichsam flüssiger Ton-\nkräfte. Denn was den eigentlichen musicalischen Körper\nbildet, die Melodie, der selbstständige Gesang, fehlt darin.\nMan denke an die Scenen Telramund's mit Ortrud, an die\nFinale des zweiten und dritten Actes. Was im „Lohengrin\"\nan eigentlicher Melodie erscheint, ist theils ganz alltäglich,\ntheils auffallende Reminiscenz an C. M. v. Weber. Wenn\nman manche Stellen Elsa's, das Trio im Hochzeitsmarsch,\nden Kirchgang im zweiten Acte, das in der schlimmsten\nWeise Weber's oder Marschner'sdreinjubelnde erste Finale\nu. dgl. betrachtet, so möchte man Wagner nicht sowohl\neinen Bahnbrecher der Zukunft nennen, als vielmehr den\nletzten der Romantiker. Dennoch finden diese wenigen Me-\nlodieen die dankbarste Aufnahme; denn welcher wirkliche\nGesang könnte zu unbedeutend sein, um nach den decla-\nmatorischen Uebungen des Königs und seines Heerrufers\nnicht wie Manna in der Wüste zu wirken?\nSehen wir, wie Wagner die einzelnen musicalischen\nFactoren zu seinem dramatischen Zwecke verwendet. Um\njeder Wendung des Dialogs durch ein überraschendes Co-\nlorit in der Musik zu entsprechen, greift er zu dem Mittel\nunausgesetzter Modulation. Ich kenne nichts, gar nichts,\nwas ermüdender wäre, als diese halb-recitativischen Gesänge\nim „Lohengrin\", die nicht vier Tacte lang in Einer lonart\nverbleiben oder schliessen, sondern, rastlos ausweichend, das\nOhr von Trugschluss zu Trugschluss täuschen, bis es end-\nlich, abgestumpft und resignirt, Alles über sich ergehen\nlässt. Am liebsten modulirt Wagner auf der Basis unver-\nmittelter reiner Dreiklänge; der Eindruck des Fremdarti-\ngen, Märchenhaften, der Anfangs dadurch erzielt wird, ver-\nliert sich natürlich durch das Uebermaass sehr schnell. In\ndiesem Sturzbade harmonischer Ueberraschungen gelangt\nder Hörer sehr schnell dahin, durch gar nichts mehr über-\nrascht zu werden.\nDie peinliche Unruhe, verbunden mit dem anspruchs-\nvollen Charakter dieser Modulationen, geben der Wagner'-\nschen Musik jenen Ausdruck des Dilettantischen und For-\ncirten, der von Mendelssohn und Schumann daran\ngerügt wurde. Die Harmonie entwickelt sich bei Wagner\nnicht nach ihren eigenen Gesetzen, er knechtet sie willkür-\nlich im Dienste seiner fessellosen, „aus dem Wortvers her-\nvorwachsenden \" Melodie.\nEs war ein Anhänger Wagner's, der zuerst diese an-\ngeblich charakteristischen Uebergänge für nichts weiter\nerklärte, als für „harte Griffe in unser Gehör\" (Hinrichs).\n„Das Zufällige, Willkürliche macht sich uns fühlbar; die\nMelodie vermag es unmöglich, die harmonischen Härten\nimmer durch prägnante Wendungen zu motiviren; man\nempfindet bald jene als Willkürlichkeiten und nimmt diese\nKeulenschläge des Orchesters in schweigender Ergebung\nhin; man lässt es ohne freie Betheiligung über sich walten,\nwie ein Schicksal.\" Man könnte kurz sagen, Wagner mal-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "373", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5410, "texte": "trailirt die Musik, um uns in fortwährender nervöser Auf-\nregung zu erhalten. Das gelingt ihm auch; er überrascht\nuns mit jedem Tact und spricht in lauter musicalischen\nPointen. Diese Manier hat etwas so Angespanntes, dass sie\nwirklich das declamatorische Pathos im „Lohengrin\" stets\nauf einer gewissen Höhe erhält; auf dieser Höhe aber be-\nwegt es sich in der hohlen Einförmigkeit gewisser Kanzel-\nredner. Hand in Hand mit dem Einerlei dieser aufreiben-\nden Modulationenjagd geht bei Wagner das Einerlei einer\ndürftigen Rhythmik. Aus den schleppenden Perioden zwei-\nund viertactiger Rhythmen kommt die Musik gar nicht\nheraus. Da nun auch die contrapunktischen Hülfsmittel\nund alles, was man „thematische Durchführung\" nennt,\nfür Wagner so gut als nicht existiren, welches Gegenge-\nwicht hat er gegen die herabziehende Schwere jener Mo-\nnotonie in die Wage zu legen?\nEs ist die Behandlung des Orchesters. Hierin leistet\nWagner nicht bloss Ausgezeichnetes, sondern auch theil-\nweise Neues. Mendelssohn und Berlioz schrieben (von\neinigen schnell verschollenen Jugend-Versuchen abgesehen)\nnicht für die Bühne; Wagner, der seine Instrumentirung\nmeist nach ihnen gebildet, ist somit der Erste, der den\nZauber neuer und kühner Orchester-Efi'ecte in vollster Aus-\ndehnung für dramatische Zwecke benutzt hat. Wag-\nner's Instrumentirung ist in ihrer geistreichen Verwendung\nder Klangfarben und dem elastischen Anschmiegen an den\nText interessant für den Musiker, hinreissend für den\nLaien. Sie ist es zumeist, welche der Wagner'schen Musik\nden blendenden Schein des Neuen, Fremdartigen, Märchen-\nhaften gibt und so vielen Hörern als vollständiger Ersatz\nfür wahre Musik gilt.\nDie dramatische Belebung des Orchesters, welche Ber-\nlioz für die Symphonie im Auge hatte, ist von Wagner\nganz eigentlich zum Theater gebracht. Einzuwenden ist da-\ngegen im Wesentlichen bloss die allzu grelle, betäubende\nVerwendung des Blechs und das Stereotypwerden mancher\nEffecte, wie das Tremoliren der getheilten Violinen in höch-\nster Lage u. dgl.\nWie aber der Orchesterglanz allein vielen Scenen im\n„Lohengrin\" über die Armseligkeit des musicalischen Ge-\ndankens hinaushilft, davon kann man sich mit mathemati-\nscher Evidenz überzeugen, wenn man den so genannten\n„vollständigen Clavier-Auszug mit Text\" studirt. Man wird\nstaunen, wie winzig da der Held im Hauskleid aussieht.\nDie Musik zum „Lohengrin\" hinterlässt trotz ihrer\nblendenden Aeusserlichkeit den Total-Eindruck einer uner-\nquicklichen Leere. Anfangs durch den Reiz der Instrumen-\ntirung und die Seltsamkeit der Modulation angeregt, sieht\nman sich, je weiter, desto mehr ermüdet von einer Com-\nposition, welcher der musicalische Kern fehlt. Man fühlt sich\nnirgend ruhig und sicher in der Empfindung, sondern wie\nunter dem Schwall eines unablässig arbeitenden Mühlrades.\nVon vielem Einzelnen lebhaft angesprochen, erinnere\nich mich doch nicht eines einzigen grösseren Musikstückes\nim „Lohengrin\", von dem ich sagen müsste, dass es den\nHörer mit unmittelbarer Gewalt ergreift, ihn in der Tiefe\nseines Gemüthes packt. Wagner'sche Musik ergreift weni-\nger die Seele, als die Nerven; sie ist nicht erschütternd,\nsondern nur unendlich aufregend, schmerzhaft zugespitzt,\nsinnlich und poetisch raffinirt. Die letztere Eigenschaft kann\nwohl nur dem leichtgläubigsten Enthusiasten entgehen. Das\nRaffinement, das im „Tannhäuser\" häufig dem ursprüng-\nlichen Auljauchzen des Gefühls Platz machte, wird im „Lo-\nhengrin\" vorherrschend. Wagner macht weit weniger den\nEindruck einer vulcanischen, alle Fesseln von sich schleu-\ndernden Natur, als den eines scharfsinnig combinirenden\nTalentes, das im heimlichen Bewusstsein seiner Nüchtern-\nheit sich fortwährend gewaltsam exaltirt.\nDie werthvollste, schönste Seite an Wagner's Thätig-\nkeit ist die Aufrichtigkeit und Kraft seines Strebens. Von\nSeiten seiner künstlerischen Sittlichkeit kann man Wagner\nnichts anhaben. Mit einer seltenen, ungebeugten Energie\nverfolgt er den Weg, der seiner Ueberzeugung nach der\nallein richtige ist. Diese ethische Wärme durchdringt auch\nden „Lohengrin\". Jeder fühlt instinctiv, dass er hier eine\nArbeit grösster und redlichster Anspannung vor sich habe.\nAuch an Einzelheiten fehlt es nicht, die inmitten der betäu-\nbenden Einförmigkeit des Ganzen erquickend wirken. Es\nsind dies fast durchaus jene Stellen, welche auf Wagner's\neigentlichem Boden, dem Phantastischen, sich bewegen:\nso das erste Erscheinen Lohengrin's mit dem schönen Chor-\nsatze in A-dur, dann einige wenige Sätze, welche einfach\nund zusammenhangend erhalten sind, wie das Brautlied\nu. dgl. Das Liebes-Duett im dritten Acte fanden wir nicht\nsowohl ergreifend oder tiefgefühlt, als interessant durch\nden geheimnissvollen Ausdruck einer gewissen lauernden\nSpannung.\nDie Rücksicht auf die Geduld des Lesers verbietet\nuns für diesmal jedes weitere Eingehen auf Einzelheiten.\nEs war uns vorläufig um eine Charakteristik im Grossen\nund Ganzen zu thun, und wenn dabei die negativen Seiten\nin den Vordergrund traten, so geschah es nicht aus Ta-\ndelsucht, sondern weil sie uns am meisten der Aufklärung\nbedürftig erschienen.\nZum Schluss nur noch eine Bemerkung über das so\nvielfach discutirte Verhältniss zum „Tannhäuser\". Dieser\ndünkt uns in Text und Musik entschieden glücklicher, als\n„Lohengrin\". Die Sage vom Tannhäuser und die damit\ngeschickt verflochtene des Wartburgkrieges stehen uns hi-\nstorisch und sittlich näher, als der Mythus vom heiligen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "374", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3061, "texte": "Gral. Das Dämonische ist im „Tannhäuser\" nicht nur mit\nMässigung, sondern, was entscheidend ist, als wirksamer\nGegensatz eingeführt. Elisabeth auf der einen, Frau Venus\nauf der anderen Seite, hier die Wartburg, dort der Hör-\nselberg, spannen sich gegen einander als äusserste Con-\ntraste, deren jeder sich dadurch um so kräftiger hervorhebt\nIm „Lohengrin\" ist das Dämonische dem Menschlichen\nnicht als Contrast entgegengestellt, sondern untrennbar da-\nvon in der Person des Lohengrin enthalten. Es äussert sich\nregelmässig darin, dass der Held überall, wo wir von ihm\nmenschliches Fühlen und Handeln erwarten, sich in seine\nseraphische Würde hüllt und so unsere Theilnahme ver-\neitelt. Auch technisch war das Buch zum „Tannhäuser\"\nviel geschickter angelegt, die Motive verständlicher, der\nKnoten straffer, die Katastrophe ergreifender.\nObwohl Wagner selbst und seine Ritterschaft den\nals entscheidenden Fortschritt gegen „Tann-\nhäuser\" bezeichnen, so dass das eigentliche himmlische\nReich der Zukunft erst mit jenem beginne, nehmen wir\nkeinen Anstand, den „Tannhäuser\" auch musicalisch höher\nzu stellen. Wir finden in diesem ungleich mehr frisches Le-\nben, das freilich auch durch langweilige Declamation arg\nniedergehalten wird, doch immer wieder freundlich durch-\nO 7 »\nblickt. Melodieen wie der Svrenenchor im Hörselberg, das\nLied vom Abendstern u. a. finden wir im „Lohengrin\"\neben so wenig, als Ensembles von der musicalischen Sym-\nmetrie und Wirkung des Männer-Sextetts. Das Unglück,\nworüber Wagner's Schüler wehklagen, nämlich, dass ihm\nim „Tannhäuser\" doch einige Melodieen entschlüpft seien,\nwar jedenfalls nicht so gross. Im „Lohengrin\" ist Wagner\neinheitlicher und consequenter, aber er ist zum Fanatiker\nder Melodielosigkeit geworden. „Tannhäuser\" halte neben\nden zukünftelnden Intentionen doch so viel musicalische Ge-\ngenwart, dass man erwarten konnte, der Componist werde,\nin Schönem und Bedeutendem fortschreitend, bald die deut-\nsche Bühne beherrschen. Nach der poetischen und musi-\ncalischen Richtung des „Lohengrin\", dann nach allem, was\nvon den „Nibelungen\" Wagner's verlautet, haben wir diese\nHoffnung etwas herabgestimmt. Wagner wird immerhin\nnls Stern am deutschen Opernhimmel glänzen, so lange,\nwie jetzt Alles um ihn her finster bleibt. Was sich von der\nTheilnahme des Publicums als reines Gold der Begeisterung\nneben den Schlacken der Neugier ausscheiden werde, dar-\nüber müssen die nächsten Jahre entscheiden. Es wird darauf\nankommen, ob eine gründliche Bekanntschaft der Wagner'-\nschen Musik derselben mehr schaden als nützen wird *).\nWenn es uns erlaubt ist, darüber eine Vermuthung zu\näussern, so glauben wir, das Publicum werde in dem Au-\ngenblicke dieser seltenen Leckerbissen satt sein, als drei\nbis vier andere Coinponisten sich beifallen lassen, in Wag-\nner's allein wahrer\" Manier zu schreiben. ,\n\n*) Bemerkenswerth schien uns, dass so viele enthusiastisch be-\nginnende Abhandlungen über Wagner im Verlauf immer mehr\nund Wichtigeres an ihm auszusetzen finden, so die geistreichen\nAtifsät'zc yoia Ilinrichs, Joseph Bayör u. A."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-11-20-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-11-20_01#c003", "volume": "bmtnabi_1858-11-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "374", "page_fin": "375", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.2.3", "titre_corps": "Aus Dresden.", "titre_sommaire": "Aus Dresden.", "signature_source": "U", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "374", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.6", "debut_caractere": 3063, "fin_caractere_exclue": 5223, "texte": "Aus Dresden.\n\nDen 12. November 1858.\nIch kann nach den zwei Aufführungen der Oper Ju-\ndith den 5. und 7. November) von Emil Naumann,\nllofkirchen-Musik-Director in Berlin, kein ausführliches\nund durch Einsicht der Partitur begründetes Urtheil über\ndiesen Versuch des talentvollen Tonkünstlers in der drama-\ntischen Musik abgeben, sondern nur im Allgemeinen über\nden Eindruck berichten, den die Oper auf das Publicum\nund auf mich gemacht hat. Wenn ich die Oper einen „Ver-\nsuch\" nenne, so beziehe ich dieses Wort sowohl auf die\nEntstehung derselben als Erstlingswerk des Componisten\nin dieser Gattung, als auch auf ihren Kunstwerth; denn\nüberall, in der Anlage und Bearbeitung des Textes und\nin der Musik, zeigen sich die Kennzeichen einer Versuchs-\nArbeit, die ganz achtungswerthe Resultate geliefert hat,\naber im Texte von dramatischer Gestaltung zu reicher und\nspannender Handlung, und in der Musik von produetiver\nKraft und eben so geist- als kenntnissreicher Behandlung\nund Gewandtheit in den Formen noch zu weit entfernt ist,\num auf den Namen eines Kunstwerkes Anspruch machen\nzu können.\nDem Vernehmen nach soll der Text vom Componisten\nherrühren. Ist dies der Fall, so hat sich derselbe dadurch\neinen durchschlagenden Erfolg selbst unmöglich gemacht;\ndenn es würde sogar einer Musik voll neuer und reicher\nErfindung kaum gelingen, dem Zuschauer Schwingen der\nBegeisterung zu verleihen, die stark genug wären, das Blei-\ngewicht des Textes, das ihn stets herabzieht, zu paralvsiren.\nDie ganze erste Hälfte der Oper, d. h. anderthalb Act, ist\nohne spannendes Interesse ja, man ist nicht ungerecht,\nwenn man sie reinweg langweilig nennt. Diesen Eindruck\nganz wieder zu verwischen, dürfte auch bei der besten\nAufführung, wie die hiesige eine war, der Handlung und\nMusik der anderen Hälfte nicht gelingen. Wäre aber auch\ndiese zweite Hälfte durchweg vortrefflich, so würde doch\nimmer das Ganze schon aus dem genannten Grunde eben\nso wenig wie eine Statue mit schönem Oberleibe und ver-\nkrüppelten Beinen den Eindruck eines Kunstwerkes ma-\nchen können.\nIn formeller Hinsicht ist der Ueberfluss an Recitatit\nund declamirtem Arioso, wobei die Declamation nicht im-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "375", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1530, "texte": "mer einfach und natürlich ist, zu rügen; ferner vermisst\nman das Maass und die concentrirte Form in einigen grös-\nseren Arien, z. li. in der Gesangscene der Judith, welche\ndurch ihre Länge und den Mangel an Fluss die Vorzüge\ndes dramatisch-musicalischen Charakters, der hier stellen-\nweise recht glücklich getroffen ist, zum Theil wieder ver-\ndunkelt. Endlich ist die Behandlung der Singstimme als\nsolcher oft rücksichtslos und überschreitet die Gränzen des\nnaturgemässen Umfangs. Besser gelingt dem Componisten\ndie Handhabung der Form in den Chören, auch in einigen\nEnsembles, z. B. dem Finale des zweiten Actes.\nFragen Sie mich nach der Hauptsache, nach der Seele\nder Musik, nach der Melodie in dieser neuen Oper, so ant-\nworte ich Ihnen, dass daran in der That kein Mangel ist.\nWir hören eine Menge recht melodischer Stellen, aber frei-\nlich nur wenige, die selbstständig und charakteristisch auf-\ntreten und von eigentlich musicalischem Genie zeugen.\nDas Publicum und die hiesige Kritik haben sich sehr\nwohlwollend gegen den Componisten gezeigt, was auch\nseinem eifrigen Fortstreben auf der Künstlerlaufbahn als\nLohn zu gönnen ist. Das erstere war auch gegen die pracht-\nvolle inscenesetzung und allerlei Gepränge nicht gleichgül-\ntig, noch weniger gegen die trefflichen Leistungen der Frau\n(Judith) und des Herrn Mittervvurzer (Ho-\nlofernes). Der Tenor (Tichatschek) ist nur wenig in der\nneuen Oper beschäftigt. Ob sie fernere Wiederholungen\nerleben und auf dem Repertoire bleiben wird, dürfte sich\nsehr bald entscheiden.\n\nU."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-11-20-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-11-20_01#c004", "volume": "bmtnabi_1858-11-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "375", "page_fin": "375", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.2.4", "titre_corps": "Bernard Hildebrand-Romberg", "titre_sommaire": "Bernard Hildebrand-Romberg", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "375", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.7", "debut_caractere": 1532, "fin_caractere_exclue": 4488, "texte": "Bernard Hildebrand-Romberg\ng\nUnter den mit der Austria Verunglückten befand sieh ein junger\nMann, dessen Ende geeignet ist, die Theilnahme auch entfernterer\nKreise zu erwecken: Herr Bernard Hildebrand-Romberg.\nJetzt, nachdem kaum noch eine Hoffnung vorbanden ist, dass wir\nvon fernerweit Geretteten erfahren, stehen wir nicht länger an, den\nTod des Künstlers, der von mütterlicher Seite einer berühmten Mu-\nsiker-Familie entsprossen, eine Zeit lang auf dem sicheren Wege\nwar, dereinst selber den Grossmeistern des Cello's zugezählt zu wer-\nden, als eine mit Gewissheit zu verbürgende Thatsache zu melden.\nHildebrand-Homberg, geboren 1833 zu Berlin, liess sich von 18\")0\nan in den vornehmsten Kunst-Ilauptstädten Europa's mit einem den\nNamen des Grossvaters, welchen er seinem väterlichen Namen ange-\nfügt hatte, ehrenden Beifall hören. Im Frühjahr 1856 aber schon\nnahm ein Uebel, von welchem die Hand des Virtuosen befallen wor-\nden war, eine so schlimme Gestalt an, dass Hildebrand-Romberg\n«eine Reise nach London aufgeben musste, wo er die musicalische\nSaison mit seinem Talente sollte ausstatten helfen. Noch mehr: seine\nöffentliche Laufbahn als Künstler überhaupt musste er aufgeben we-\ngen der Schwäche seiner Hand Im Herbste desselben Jahres fasste\ner den Entschluss, seinen musicalischen Beruf mit einer Wirksam-\nkeit im kaufmännischen Fache zu vertauschen. Das Jahr 18 )8 fand\nihn im Comptoir der hamburg-americanischen Dampfschiff-Gesell-\nschaft beschäftigt, wo er sich als ein vortrefflicher Arbeiter hervor-\nthat. Mit einem Boote dieser Gesellschaft, mit der Austria eben, un-\nternahm er eine Erholungsreise nach New-York, die seiner Gesund-\nheit förderlich sein und ihm das Vergnügen verschaffen sollte, seinen\nin America lebenden Bruder wiederzusehen. Sein geliebtes Cello be-\ngleitete ihn, und wie es heisst, erfreute er die Mitfahrenden noch\nan dem verhängnissvollen Tage selbst mit Vorträgen auf seinem In-\nstrumente. Einige Stunden später kämpfte er mit den Wellen des\nMeeres, in welchem die Gestirne Europa's untergehen. Hildcbrand-\nRornberg war eine Persönlichkeit von einem überaus stillen, sinnig\nin sich gekehrten Wesen. Seine Bescheidenheit muss als eine für\neinen Virtuosen fast allzu schüchterne bezeichnet werden. Lieber als\nim Gespräche, jedenfalls feuriger, wusste er sich in grösserer Ge-\nsellschaft auf seinem Instrumente mitzutheilen. Es bedurfte aber\nnicht erst seines Todes zu der Entdeckung, dass er ein liebenswür-\ndiger Mensch war. Sein braver Sinn, sein redliches Streben, die gute\nMeinung, die er den Menschen im Voraus entgegenbrachte, waren\nin jedem Kreise anerkannt, in welchem er sich bewegte Sein\nschmächtiger Körper schien seinem Leben keine lange Dauer zu ge-\nwährleistsn. I)a brachen die Flammen auf dem Schiffe hervor, dem\ner sich anvertraut hatte, und schlugen die Wogen, in die er sich\nvor dem Feuer flüchtete, über ihm zusammen, und er starb vor der\nFrist, die ihm seine Natur gesetzt hatte. (Hamb. Nachr.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1858-11-20-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1858-11-20_01#c005", "volume": "bmtnabi_1858-11-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "375", "page_fin": "376", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "375", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.7", "debut_caractere": 4490, "fin_caractere_exclue": 6744, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n22« In der musicalischen Gesellschaft am 13. d. Mts. trug\nHerr Concertmeister Engel aus Petersburg das Violin-Concert Nr.\n5 von David mit grossem Beifall vor, der sich besonders nach dem\nAdagio und dem letzten Satze am lebhaftesten aussprach. Herr En-\ngel spielt rein und technisch sehr fertig; sein Ton ist nicht gross-\nartig und breit, aber lieblich und glatt, das ganze Spiel fein und\nelegant. Frau Engel, die wir in einem Privatkreise hörten, ist\neine Sängerin von vortrefflicher Schule; ihr Vortrag von Liedern,\nsowohl russischen Volksmelodieen als deutschen Compositionen, ißt\nhöchst reizend, anmuthig und ausdrucksvoll. An demselben Abende\nwaren die Gebrüder Ries, Enkel von Ferd. Kies, hier; der ältere\ngeniesst als Violinspieler in London eines ehrenvollen Rufes in einer\ngesicherten Stellung, wie in diesen Blättern bereits öfter erwähnt\nist; der jüngere zeigte sich in dem Vortrage des ersten Satzes des\nCis-moll-Concertes von F. Ries als ein wackerer Clavierspieler. Er\ngeht ebenfalls nach London.\nAm 16. d. Mts. fand die erste diesjährige Soiree für Kam-\nmermusik in dem kleinsten Saale des Gürzenich Statt. Es zeigte\nsich, dass das Local, wenigstens bei der sehr unzweckmässigen Auf-\nstellung der Tonbühne u. s. w., nicht Raum genug gab; eine andere\nAufstellung dürfte mehr Platz und mehr Klang schaffen, am besten\nwäre jedoch wohl der Saal Nr. 11. (nach St. Martin) zu wählen. Wir\nhörten das Violin-Trio Op. 9, Nr. 1, G-dur, von Beethoven (Herr\nvon Königslöw Violine, Grunwald Bratsche, B. Breuer Cello\\ das\nClavier-Trio Op. 63, D-moll, von R. Schumann (Herr Breunung,\nvon Königslöw, Breuer) und das Quintett von Mo zart in D-dur\n(Königslöw, Derckum; Grunwald, Brambach; Breuer). lie Ausfüh-\nrung war überall eine ganz vorzügliche. Es ist sehr erfreulich, dass\nunsere beiden Concertmeister abwechselnd die erste Violine oder die\nBratsche im Quartett spielen werden, wodurch dieses nur gewinnen\nkann. Den lebhaftesten Beifall trug das Mozart'sche Quintett (?avon,\ndas mit Feinheit und Geist und herrlichem Gesammtklang, über\nwelchem in den geeigneten Stellen Herrn von Königslöw'ß Violine\nemporglänzte, gespielt wurde.\nAm Sonntag den 21. d. Mts. wird im Dome eine neue Messe\nvon Ferdinand Hill er aufgeführt."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "376", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5038, "texte": "Aachen, 10. Növ. Das Concert, welches Herr Guglielmi\nEnde vorigen Monats hier gab, befriedigte sehr, sowohl durch den\nreichen Inhalt seines Programms als durch die Leistungen der aus-\nführenden Künstler. Herr Guglielmi hat eine sehr klangvolle Bari-\ntonstimme und eine gute Schule; Beides machte er in allen Vorträ-\ngen, besonders in dem Duett von Rossini: I Marinari, mit Herrn\nGöbbels, in der Figaro-Arie : Non piti andrai, und vorzüglich in\ndem Liede ~Die Thräne\" von Lenau, componirt vom Grafen L. von\nStainlein, geltend. Unter den Gesangstücken des Abends hatte\nkeines einen so allgemeinen Erfolg, als diese schöne Composition,\ndie mehr den Charakter einer tief ergreifenden Elegie als eines Lie-\ndes trägt. Herr Göbbels sang ausser dem oben erwähnten Dnett noch\n„Den Wachtelschlag'* von Beethoven und eine italiänische Romanze\nrecht schön. Von den Vorträgen des Fräul. Wölfel gefiel besonders\nein Lied von Wüllner. Die Instrumentalstücke, ausgeführt von den\nHerren Wüllner und Gebrüder Wenigmann, Hessen nichts zu\nwünschen übrig.\nAuszug aus dem neunten Jahresbericht (November 1857\nbis November 1858) des Ausschusses des schwäbischen Sän-\ngerbundes (Dr. K. Pfaff, Dr. O. Elben, Prof. Dr. J. Faisst, Raux,\nG. A. Zumsteig).\nUnter den neu ernannten Ehren-Mitgliedern sind die Namen von\nU hl and und F. Sil eher.\nNeu eingetreten sind 48 Vereine. Von der bisherigen Gesammt-\nzahl von 356 sind 97 ausgetreten oder aufgelöst bleibt ein Be-\nstand von 259 Vereinen.\nVon der Liedersammlung des Bandes enthält die 11. Liefe-\nrung 2 Lieder von W. Speidel, 2 von L. Stark (beide in Stuttgart),\n1 von Lindpaintner, 1 von Schletterer, 1 von Baader (in Zürich).\nDa Auflagen von 1500—2000 per Stimme vergriffen sind, so wird\njetzt die ganze Sammlung stereotypirt.\nDas allgemeine Liederfest fand in Mergentheim Statt; Diri-\ngent statt des verhinderten Dr. Faisst war Herr Maschek aus\nHeilbronn. Der Sommer machte sich durch eine M«'.nge kleinerer\nFeste geltend. Der Ausschuss sagt in Bezug darauf:\n~Diese zahlreichen Kundgebungen der Sängerlust veranlassen\nuns zu einigen Bemerkungen. Es ist gewiss im Allgemeinen nur er-\nfreulich, wenn die Pflege des Männergesanges eine recht ausgedehnte\nist und die Vereine im Stande sind, ihre Fortschritte auch öffent-\nlich darzulegen. Doch scheint uns der ausserordentliche Reichthum\ndes Sommers 1858 an Liederfesten u. s. w. auch das Bedenken in\nden Vordergrund zu rufen, ob hier nicht eine allzu grosse Zer-\nsplitterung Statt gefunden habe. Wenn z. B. an Einem Tage in\nSüdwestdeutschland 8 Liederfeste Statt haben, wie am Pfingstmon-\ntag, so ist dies nur auf Kosten der Hauptfeste möglich. Die Elemente\nder Zersplitterung drängen sich überhaupt mehr, als gebührlich, auf.\nWir haben bereits die zwei hohenzollern'sclien Feste aufgeführt;\nvielen der Mitglieder wird beim Lesen dieses Berichtes auffallen,\ndass in Aalen neben der seit Gründung des schwäbischen Sänger-\nbundes demselben angehörenden Harmonia auf einmal zwei neue\nVereine dem Sängerbunde beigetreten sind, ja, dass in dem Dorfe\nBöckingen bei Heilbronn (1524 Einw.) zwei Liederkränze existiren!\nu. dgl. m. Wir halten es stets für unsere Pflicht, gegen Zersplitte-\nrung und Sonderbündelei, wo sich solche zeigen, energisch aufzu-\ntreten ; denn der ganze Charakter des volksthümliehen Männerge-\nsanges ist ein einigender, ein nothwendig auf Verbindung, auf Ver-\neinigung der Massen ausgehender. Die vielen Einzel-Productionen\nzeigen noch eine Klippe: es ist die Gefahr sehr nahe gerückt, dass\nhier der Männergesang von seiner Höhe herabsinke zum blossen Un-\nterhaltungsmittel, gleich einer Trompetermusik, wie denn Bogar in\nmehreren Fällen die Erhebung des Entree als Speculation benutzt\nwurde! Wir dürfen, um die Stufe des Geschmacks, zu welcher ein-\nzelne Productionen von Liederkränzen herabgesunken sin 1, zu be-\nzeichnen, nur nachstehende Reihenfolge aus dem Programm einer der\nFahnenweihen aufzählen: Fahnen-Enthüllung; Concert-Polka von\nKönig; Kein Sturmgebraus von Heim, allgemeiner Chor; Alte Zei-\nten, Lieder-Potpourri; Die Himmel rühmen von Beethoven, mit Mu-\nsikbegleitung: Papagino (sie!) Polka von Stasny; Dem Vaterland!\nvon Abt, allgemeiner Chor mit Musikbegleitung.44\nIn der augsburger Allg. Zeitung ist in einem Correspondenz-Be-\nrichte aus Wien von einer Differenz zwischen Herrn Dir. Nestroy\nund der Musicalienhandlung von Bote und Bock die Rede, weil\nauf dem Carltheater die Operette „Hochzeit bei Laternenschein4; zur\nAufführung gebracht sei, ohne sie jener Handlung, als der recht-\nmässigen Besitzerin für Deutschland, zu honoriren. Wir können die-\nsen Angaben vollständig widersprechen; Herr Dir. Nestroy hat da«\nAufführungsrecht der Operette von den Herren Bote und Bock er-\nkauft und befindet sich daher im rechtmässigen Besitze.\nDie Direction des vormaligen H iin e r fürs t 1 sehen\nMusikcorps, welches den Musikfreunden Dresdens durch seine treff-\nlichen Concerte so viele musicalische Genüsse bereitet hat, ist nach\nAbgang des Herrn Hünerfürst von Herrn Concertmeister Manns-\nfei dt, seither in Hamburg, übernommen worden."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "369", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie Oper Lohengrin. Von Ed. Hanslick. Aus Dresden (Judith, Oper von Emil Naumann). Von U. Bei-\n* ° _ ~ 1 •• 1 - TT» '\nnard Hildebrand-Romberg f. Tages- und Un terh altungsbJatt Köln, Concertmeister Engel und Frau, Gebrüder Ries,\nErste Soiree für Kammermusik Neue Messe von F. Hiller Aachen, Concert von Guglielmi Neunter Jahresbericht des schwäbi-\nschen Sängerbundes Dresden, das Hünerfürst'sche Musikcorps).\n\nDie Oper „Lohengrin“.\nVon Ed. Hanslick.\nDie Aufnahme, welche Richard Wagner's „Lohengrin\"\nvor drei Monaten in Wien gefunden, war eine so glänzende,\ndass einige Bemerkungen über das Werk vielleicht noch\nnicht zu spät kommen dürften. Wir können nicht entschei-\nden, ob, wie uns versichert wird, die Lohengrin-Begeiste-\nrung gegenwärtig doch schon im Sinken sei; genug, dass\nder Zudrang noch immer sehr bedeutend ist. Die durch-\nweg ausgezeichnete, von keiner deutschen Bühne zu über-\ntreffende Vorstellung würde allein schon diesen Zudrang\nerklären. Wenigstens dürfte ein Gehörloser, der bloss den\nEindruck der Decorationen, Aufzüge, Gruppen und des\nSpiels der Darsteller empfängt, den Enthusiasmus dafür\nnoch eher begreifen, als jemand, dem vom „Lohengrin\"\nnichts als die Musik bekannt wäre.\nSo übereinstimmend das Publicum en masse, so diver-\ngirend fanden wir das Urtheil der Einzelnen. Das Ergötz-\nlichste daraus, die mit saurem Schweiss erzwungene Be-\ngeisterung derjenigen, die in keinem Falle hinter dem\n„Fortschritt\" und der „Zukunft\" zurückbleiben wollen,\nmüssen wir freilich dem Figaro oder dem Kladderadatsch\nüberlassen. Aber auch die Aufrichtigkeit hat wunderliche\nExtreme aufzuweisen. Es ist Thatsache, dass Personen der\nverschiedensten Stände und Bildungsstufen, die aus ihrer\nGleichgültigkeit gegen alle Musik kein Hehl machen, auch\nsonst kaum in einer Oper oder Akademie zu sehen sind,\nein halb Dutzend Mal sich im „Lohengrin\" unterhalten.\nEben so ist es wieder Thatsache, dass mehrere unserer ge-\nbildetsten und unparteiischsten Musiker sich bei der ersten\nVorstellung des „Lohengrin\" so unparteiisch gelangweilt\nhaben, dass sie nach dem zweiten Acte das Weite suchten.\nEin sehr zahlreiches gemässigtes Centrum bezeichnet\ndie Novität ganz richtig als „interessant\"; in der näheren\nErklärung aber, worin dieses Interessante bestehe, begeg-\nnet man einer auffallenden Unsicherheit des Urtheils. Zahl-\nreiche Anhänger des „Lohengrin\", welche der Musik so\neut als nichts nachzurühmen wissen, finden sich durch den\n„unvergleichlichen Text\" vollkommen entschädigt. Ich muss\nunverhohlen bekennen, dass ich für das Textbuch mich eben\nso wenig zu begeistern im Stande bin, als für die Musik\ndazu.\nUm vom Textbuche zu beginnen, so haben wir leider\nauch hier erleben müssen, dass es für ein selbstständiges\nKunstwerk von höchster Poesie, für ein vollkommenes\nDrama ausgegeben wurde, das man ohne Weiteres als\nSchauspiel darstellen könnte. Den Trägern dieser Meinung\nwünschen wir unbarmherzig, dass damit wirklich der Ver-\nsuch gemacht werde. Wenn wir die Dichtung zum „Lohen-\ngrin\" als solche prüfen, so finden wir die Summe ihres Ver-\ndienstes in einigen poetisch, ich würde noch lieber sagen:\nmalerisch gedachten Situationen. In der Fabel und\nden Charakteren ist sie undramatisch, in der Diction pein-\nlich hart und schwülstig*). Wir schätzen im „Lohengrin\"\neinen sehr geschickt gemachten Operntext, der nicht bloss\nmusicalisch effectvoller, sondern auch an sich zusammen-\nhangender gedacht und sorgsamer ausgeführt ist, als die\nmeisten seiner Brüder; wem das für ein selbstständiges\nDrama genügt, der mag den „Lohengrin\" für eines halten.\n\n*) Auf jeder Seite kann man Verse im Geschmack der folgenden\nfinden:\n„Lass mich ihn seh'n, wie ich ihn sah,\nWie ich ihn sah, sei er mir nah' !' (]6 einsylbige Wörter.)\nOder: „Wie gab' es Zweifels Schuld, die grösser,\nAls die an Dich den Glauben raubt?\"\nIm Tannhäuser gibt es Stellen, die fast in der Zauberflöte\nstehen könnten, wie:\n„Ihr Edlen mögt in diesen Worten lesen,\nWie ich erkannt der Liebe reinstes Wesen.\"\nOder: „Hoch über aller Welt ist Gott,\nUnd sein Erbarmen ist kein Spott.\"\nDerlei Verse sind in der Oper gar nicht störend, man muss\nsie aber nicht für das Werk eines grossen Dichters ausgeben."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "370", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.2", "texte": "Vorerst ist die Wahl des Gral-Mythus sehr unglück-\nlich. Sie wird es doppelt neben Wagner's eigenen Anfor-\nderungen: ein Opern-Text müsse vor Allem volksthümlich,\nallgemein verständlich sein, die Nation in ihrem Innersten\nergreifen u. dgl. Nun, exclusiver kann wohl kein Opern-\nheld sein, als dieser Ritter vom heiligen Gral. Wer ist Lo-\nhengrin? Wer ist der heilige Gral? Bei welchem Publicum\nkann und darf man die Kenntniss dieses mittelalterlichen\nSagenkreises voraussetzen, um den sich im „Lohengrin\"\ndoch Alles dreht? Um eine Welt sind wir von der sittlichen\nAnschauung jener Zeit und ihrer Poesie getrennt, deren\nPathos man bewaffnete Verzückung nennen könnte. Selbst\nder ernste Literaturfreund, der sich gern in diese christ-\nlichen Epen des Mittelalters vertieft, wird sich dagegen\nverwahren, sie dramatisch zu finden. Die erste Forde-\nrung, die wir ans Drama stellen, ist, dass es uns Charak-\ntere vorführt, Menschen von Fleisch und Blut, aus deren\nHandlungen und Leidenschaften ihr Schicksal sich bereitet.\nWir wollen die Freiheit des Willens gegen grosse Confiicte\nreagiren sehen, um mit innerster Bewegung mitzufühlen,\nwie (nach Göthe's Wort) „dem Menschen zu Muth ist\".\nWas weiss Lohengrin davon? Er ist Ritter des heiligen Grals\nauf Monsalvat, jenes in kostbarer Edelsteinschale aufbe-\nwahrten Blutes Christi, das die Sage als wunderthätigen\nund herrschenden Mittelpunkt des göttlichen Reiches auf\nErden feiert. Der heilige Gral sendet seine Ritterschaft zu\nseinem Dienste auf Abenteuer aus, er allein bestimmt und\nerfüllt ihr Denken, Fühlen, Handeln. Sie sind durch ihn\ngöttlicher Natur, untäuschbar, fehlerfrei, doch müssen sie\ndas Geheimniss dieser wunderbaren Sendung wahren. Kann\nuns Lohengrin's Tugend und Gerechtigkeit bewegen, da\nsie nicht Ergebniss seines freien Willens, sondern der blosse\nAbglanz des Grals sind? Kann uns seine Liebe für Elsa\nzu Freude und Leid mitreissen, da wir doch wissen, er\nhabe eigentlich kein anderes Pathos, als sein Geheimniss?\nMüssen wir nicht sein Begehren unmenschlich finden, dass\nElsa, sein „geliebtes Weih\", ihn niemals nach Herkunft\nund Namen fragen dürfe? Der Liebe Band ist das Vertrauen\nund nicht das Geheimniss; wir stellen uns auf Elsa's Seite,\nals sie der „sträflichen Neugier\" verfällt und desshalb von\nihrem Gatten verlassen wird. Vergebens fleht sie zu Lohen-\ngrin's Füssen, er möge „als Zeuge ihrer Busse\" bleiben.\nEr hat keine Antwort für sie, als: „Ich muss, ich muss,\nmir zürnt der Gral, wenn ich noch bleib !\" Ein Wesen,\ndas muss („kein Mensch muss müssen\", sagt Lessing), ist\nkein Held eines Drama's, denn er ist keiner unseres Gleichen.\nEr ist nach Stahr's treffendem Ausdruck ein „seraphischer\nSoldat\", dessen Wille und Bewusstsein nicht in der eige-\nnen Brust ruht, sondern „in dem Stirnrunzeln seines gött-\nlichen Kriegsherrn\".\nDass R. Wagner selbst den „Lohengrin\" als den «Ty-\npus des eigentlichen, einzigen tragischen Stof-\nfes, überhaupt der Tragik des Lebens-Elementes der mo-\ndernen Gegenwart\" bezeichnet, davon wollen wir bei der\nbekannten Ruhmredigkeit der Wagner'schen Vorreden kein\nAufhebens machen. Es bleibt eine Verkehrtheit, die Wie-\nderbelebung der Oper in der Rückkehr auf derlei mystisch-\nsymbolische Stoffe zu suchen, die, an sich jeder dramati-\nschen Bewegung bar, längst im Bewusstsein der Nation\nzu leben aufgehört haben. Die wahre Oper der Zukunft\nist die historische.\nWas Wagner's christlich-mythische Opern-Texte vor\nden überwundenen classisch-mythologischen voraus haben,\nist das Vaterland. Sie sind deutsch, und die Scenen im\n„Lohengrin\", welche deutsche Sitte schildern, werden im-\nmer die nachhaltigste Wirkung hervorbringen, möge Wag-\nner selbst noch so hartnäckig das Mythisch-Symbolische\nals den wahren Kern der Oper bezeichnen. Eine specifisch\ndramatische Kraft im eminenten Sinne vermögen wir in\nder Dichtung des „Lohengrin\" nicht zu finden, sondern\nbloss lyrische Begabung, verbunden mit einem ungewöhn-\nlichen Theatergeschick. Wie arm erscheinen die einzelnen\nCharaktere im „Lohengrin\", die alle von Anfang bis\nzu Ende stereotyp ohne Entwicklung und Steigerung blei-\nben, gegen das Leben der Massen darin! Dieses Geschick,\nGruppen zu bilden und Situationen herbei zu führen, die\nnicht anders als malerisch ausfallen können, ist vielleicht\ndas Eigentümlichste in Wagner's Talent, und der Punkt,\nauf den in einer ausführlicheren Untersuchung, als sie uns\nhier erlaubt ist, vorzüglich eingegangen werden müsste.\nWagner ist weder ein grosser Dichter, noch ein grosser\nMusiker, allein man kann ihn ein im höheren Sinne deco-\nratives Genie nennen. Das Höchste, wozu solch decora-\ntives Genie, von Geist und Bildung getragen, es bringen\nkann, sind—Wagner'sche Opern. Wir können ihren\nSchöpfer bewundern ob der Einsicht und Energie, mit der\ner sich eine seinem Talente vollkommen adäquate Kunst-\nform geschaffen hat, die einzige artistische Specialität, die\nihm erreichbar, aber auch zugleich diejenige, die wohl\nnur durch ihn erreichbar gewesen. Der höchste Kunst-\ngewinn, der mit Wagner's Einsatz zu holen war, ist aber\nnoch nicht der höchste Gewinn der Kunst. Was gegen die\nvermeintlich absolute Grösse der Wagner'schen Opern ent-\nscheidend bleibt, ist ihre musicalischc Unfruchtbarkeit. Es\nfehlt ihnen, was sich nicht erwerben und nicht entbehren\nlässt: die göttliche Mitgift, die zeugende Kraft, der ange-\nborene Reichthum kurz: die ganze schöne Ungerech-\ntigkeit der Natur.\nAls der berühmte Jomelli in einem Streite über da»\nTalent Piccini's den Ausschlag geben sollte, that er es"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "371", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.3", "texte": "durch den feierlichen Ausruf: „Questi e inventoreJ\" Mit\ndiesen drei Worten dachte der Meister seiner Bewunderung\nfürPiccini den kräftigsten Ausdruck zu leihen; in der That\nhat er damit das Wesentliche der künstlerischen Produc-\ntion, das in der Musik mehr als in irgend einer anderen\nKunst ein fortwährendes Erfinden und Neuesschaffen ist,\ntreffend bezeichnet. Wer in der Musik kein „Erfinder\" ist,\nwer der geheimnissvolien Kraft entbehrt, in Tönen und aus\nTönen selbstständig Schönes zu schaffen, der kann allen-\nfalls der geistreichste Experimentator der Kunstgeschichte\nwerden ein Meister seiner Kunst, ein musicalisches Ge-\nnie nimmermehr.\nDen musicalisehen Standpunkt auch bei Wagner\nfestzuhalten, kann uns Niemand verwehren, so lange dessen\nOpern von einem Ende zum anderen gesungen und musi-\ncirt werden, und so lange noch vernünftige Leute der\nMusik zu Liebe in die Oper gehen. Es ist nur ein trauri-\nges Zeichen weitgreifender Bethörung, dass selbst Stim-\nmen, die WTagner's musicalische Ohnmacht zugestehen, für\nihn einen anderen, ganz eigenen Standpunkt beanspruchen\nund die „dramatische Uebereinstimmung seiner Musik mit\nder Dichtung\" als die grosse neue Errungenschaft feiern,\nneben der die Schönheit der Musik gar nie mehr in Frage\nkommen kann. Es wäre traurig, wenn das deutsche Publi-\ncum in Wahrheit so kurzes Gedächtniss hätte. Haben wir\ndenn wirklich bisher keine Opern gehabt, die den frische-\nsten Duft der Melodieen mit dem Ernste dramatischer\nWahrheit verbanden ? Haben die grössten Meister dreier\nNationen umsonst nach dem Ziele gestrebt, dramatische\nTonsetzer zu sein? War die ganze Geschichte der Oper,\nwie Wagner uns einreden möchte, wirklich nur ein fort-\ngesetzter Sündenfall, der auf die Erlösung durch „Lohen-\ngrin\" harrte?\nIch kann nicht finden, dass in prägnanter und ergrei-\nfender Darstellung der Situation Wagner weiter gekom-\nmen sei, als z. B. Beethoven im Fidelio, der doch über-\nall— abgesehen von dieser dramatischen Eigenschaft —-\nMusik im vollendeten Sinne ist. Gibt es im ganzen „Lohen-\ngrin\" eine Nummer, die das Herz des Hörers pochen\nmachte, wie das Terzett oder das Quartett im Kerker?\nHat Wagner mit seinem sublimirten declamatorischen Ap-\nparat jemals solchen Pulsschlag des Lebens hervorgebracht,\nals Beethoven mit rein musicalischen Mitteln? Oder hat\n„Lohengrin\" auch nur Einen Charakter aufzuweisen, der\nso plastisch und naturwahr sich von dem Grunde des Ge-\nmäldes abheben würde, wie die Personen im Don Juan?\nWas sind Telramund und Ortrud für Theater-Schablonen\ngegen ähnliche Charaktere bei Weber und Spontini?\nKann sich das Gottesgericht, unstreitig eine der besten\nScenen im „Lohengrin\", mit der ganz analogen in Marsch-\nner's Templer messen, wo die zum Feuertode verurtheilte\nRebekka angstvoll und doch gläubig nach einem Kämpen\nihrer Unschuld ausblickt? Wir lassen hier das eigentlich\nMusicalische noch ganz bei Seite und fragen bloss, ob\nWagner in der dramatischen Wahrheit, die man ihm\nso auszeichnend vindicirt, wirklich Neues und Ungeahntes\nerreicht; ob er in der Charakteristik einer Person oder\neiner Situation wirklich überholt oder nur erreicht, was\ndie genannten Meister bereits geboten haben. Die letzteren\nkannten und achteten die Forderungen des Dichters sehr\nwohl, aber zugleich waren sie Musiker, sie waren Erfinder.\nIhnen eignete die Kraft, die Wagner läugnen möchte, weil\nsie ihm fehlt: die Kraft der Melodie, des selbstständig schö-\nnen musicalischen Gedankens. Es ist ein grosser Irr-\nthum, die Melodie an sich und ohne Weiteres als Feindin\njeder dramatischen Charakteristik darzustellen; das thut\nnur, wer, von Natur melodielos, auf den kleinen Gewinn\ndurch geistreiche Effecte angewiesen ist. Vielmehr kann\nin dem gegliederten musicalischen Gedanken, in der Me-\nlodie selbst, eine dramatische Kraft wohnen, die das\ndeclamatorische Pathos und aller Instrumentalwitz der\nWelt niemals erreichen.\nWir haben Namen genannt, die uns der Beispiele hier\nfüglich entheben. Dabei braucht man sich keineswegs auf\ndieClassiker zu beschränken; man erinnere sich der „Hu-\ngenotten\". Die Missachtung Meyerbeer's, bekanntlich\nvon je her ein „Gesinnungs\"-Artikel der deutschen Kritik\n(die nebenbei für die ledernsten Capellmeister gern\nschwärmt), hat seit dessen maassloser Verunglimpfung\ndurch Wagner so sehr überhand genommen, dass es hohe\nZeit ist, an die Kehrseite zu erinnern. Das Blendwerk, wo-\nmit Meyerbeer sein grosses Talent verunziert, kann Niemand\naufrichtiger bedauern und rückhaltloser besprechen, als\nwir es aus Anlass des „Nordstern\" gethan; allein an der\nThatsache dieses grossen musicalischen Talentes\nlässt sich nicht rütteln. Nur zu oft reisst uns Meyerbeer\nnach den schönsten Nummern durch einige raffinirte Tacte\naus der Stimmung; allein immer wieder begrüssen uns\nStellen, die nur ein musicalisches Genie ersten Hanges ge-\nschrieben haben konnte. In jeder Oper, vielleicht in jedem\nActe Meyerbeer's sind solche musicalische Gedanken von\nbezwingender Neuheit und Schönheit, Gedanken, mit de-\nnen kein zweiter lebender Componist rivalisiren kann; mit\nEinem Worte: Gedanken, bei denen das Publicum auf-\njauchzt und der Musiker sagen muss: Questi einventore!\nKann man ein Gleiches von Wagner behaupten? Ich habe\nbei wiederholtem aufmerksamstem Studium des „Lohen-\ngrin\" inmitten der geistreichsten Intentionen und Züge nicht\nein Thema von acht Tacten auffinden können, von denen\nsich sagen liesse: Diese acht Tacte kann nur ein musicali-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "372", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.4", "texte": "sches Genie ersten Ranges geschrieben haben, sie sind das\nWerk eines Schöpfers in seiner Kunst.\nSo paradox es klingt, so wahr ist es im Grunde, dass\nWagner's Opernmusik im Wesentlichen aus Deel am a-\ntion und Instrumentirung besteht. Diese beiden Facto-\nren, welche bisher nur als Schmuck und Stütze des eigent-\nlichen musicalischen Inhalts galten, beherrschen bei Wag-\nner als emaneipirte Grössen den Vordergrund. Dass Wag-\nner zu declamiren versteht, ist einer seiner entschiedensten\nVorzüge; dass er vermeint, durch ein recitirendes Heben\nund Senken die Melodie zu ersetzen, ist zugleich Wurzel\nund Blüthe seines Irrthums. An die Stelle wahrhaften Ge-\nsanges tritt eine klangvolle Recitation. Es gilt hier gleich,\nob Wagner wirklich durch unabhängige Ueberzeugung oder\ndurch die Gränzen seiner Begabung zu dieser Theorie ge-\nführt wurde; ich glaube das Letztere; denn so lange es eine\nGeschichte der Musik gibt, war Verachtung der Melodie\nund Mangel an Melodie identisch. Das Wort also herrscht\nund geht voran, die Musik schleicht ihm in jeder Wendung\nmit Aufgebung ihrer eigenen Bedeutung und Würde nach.\nDie wahre musicalische Charakteristik, wie wir sie bei allen\ngrossen Tonkünstlern finden, zertrümmert nicht den Bau\ndes musicalischen Zusammenhangs, um mit den einzelnen\nSteinchen Wort für Wort des Textes zu belegen,—sie hält\nsich an die Stimmung des Ganzen. Nichts kläglicher, als jene\nCharakteristik in Duodezformat, wie sie uns täglich in di-\nlettantischen Lieder-Compositionen begegnet; bei einzelnen\nWorten, wie „Schauer\" oder „Grauen\" wird im Bass tre-\nmolirt, „Wald\" durch Hornsatz, „Vogel\" durch einen\nTriller in der Höhe repräsentirt, womit denn natürlich dem\nZusammenhange des Tonstücks und der Stimmung des Hö-\nrers zugleich der Garaus gemacht wird. Sehr viele Musik-\nfreunde und—Freundinnen lieben das leidenschaftlich; sie\nsitzen mit dem Textbuch in der Hand und freuen sich, wie\nZeile für Zeile, j_a, Wort für WTort, so prächtig stimmt.\nWir wissen von Haydn's „Schöpfung\" her, welche zuerst\ndurch ihre Tonmalereien populär wurde, welches Behagen\nfür ein grosses Publicum in dieser verstandesmässigen Be-\nthätigung, in diesem Vergleichen einer charakteristischen\nTonreihe mit einem bestimmten Objecte liegt. Je mosaik-\nartiger Text und Musik sich gegen einander zusammen-\nsetzen, desto besser unterhält sich ein grosser Theil der\n„gebildeten Dilettanten\", während der Musiker an dem mu-\nsicalischen Zusammenhange festhält, der selbstständig unter\ndem poetischen sich behauptet.\nDie despotische Herabsetzung der Musik zum blossen\nAusdrucksmittel erzeugt im „Lohengrin\" jene langgestreck-\nten Scenen, in denen man nicht viel mehr vernimmt, als ein\nfortgesetztes Gevvoge gestaltloser, gleichsam flüssiger Ton-\nkräfte. Denn was den eigentlichen musicalischen Körper\nbildet, die Melodie, der selbstständige Gesang, fehlt darin.\nMan denke an die Scenen Telramund's mit Ortrud, an die\nFinale des zweiten und dritten Actes. Was im „Lohengrin\"\nan eigentlicher Melodie erscheint, ist theils ganz alltäglich,\ntheils auffallende Reminiscenz an C. M. v. Weber. Wenn\nman manche Stellen Elsa's, das Trio im Hochzeitsmarsch,\nden Kirchgang im zweiten Acte, das in der schlimmsten\nWeise Weber's oder Marschner'sdreinjubelnde erste Finale\nu. dgl. betrachtet, so möchte man Wagner nicht sowohl\neinen Bahnbrecher der Zukunft nennen, als vielmehr den\nletzten der Romantiker. Dennoch finden diese wenigen Me-\nlodieen die dankbarste Aufnahme; denn welcher wirkliche\nGesang könnte zu unbedeutend sein, um nach den decla-\nmatorischen Uebungen des Königs und seines Heerrufers\nnicht wie Manna in der Wüste zu wirken?\nSehen wir, wie Wagner die einzelnen musicalischen\nFactoren zu seinem dramatischen Zwecke verwendet. Um\njeder Wendung des Dialogs durch ein überraschendes Co-\nlorit in der Musik zu entsprechen, greift er zu dem Mittel\nunausgesetzter Modulation. Ich kenne nichts, gar nichts,\nwas ermüdender wäre, als diese halb-recitativischen Gesänge\nim „Lohengrin\", die nicht vier Tacte lang in Einer lonart\nverbleiben oder schliessen, sondern, rastlos ausweichend, das\nOhr von Trugschluss zu Trugschluss täuschen, bis es end-\nlich, abgestumpft und resignirt, Alles über sich ergehen\nlässt. Am liebsten modulirt Wagner auf der Basis unver-\nmittelter reiner Dreiklänge; der Eindruck des Fremdarti-\ngen, Märchenhaften, der Anfangs dadurch erzielt wird, ver-\nliert sich natürlich durch das Uebermaass sehr schnell. In\ndiesem Sturzbade harmonischer Ueberraschungen gelangt\nder Hörer sehr schnell dahin, durch gar nichts mehr über-\nrascht zu werden.\nDie peinliche Unruhe, verbunden mit dem anspruchs-\nvollen Charakter dieser Modulationen, geben der Wagner'-\nschen Musik jenen Ausdruck des Dilettantischen und For-\ncirten, der von Mendelssohn und Schumann daran\ngerügt wurde. Die Harmonie entwickelt sich bei Wagner\nnicht nach ihren eigenen Gesetzen, er knechtet sie willkür-\nlich im Dienste seiner fessellosen, „aus dem Wortvers her-\nvorwachsenden \" Melodie.\nEs war ein Anhänger Wagner's, der zuerst diese an-\ngeblich charakteristischen Uebergänge für nichts weiter\nerklärte, als für „harte Griffe in unser Gehör\" (Hinrichs).\n„Das Zufällige, Willkürliche macht sich uns fühlbar; die\nMelodie vermag es unmöglich, die harmonischen Härten\nimmer durch prägnante Wendungen zu motiviren; man\nempfindet bald jene als Willkürlichkeiten und nimmt diese\nKeulenschläge des Orchesters in schweigender Ergebung\nhin; man lässt es ohne freie Betheiligung über sich walten,\nwie ein Schicksal.\" Man könnte kurz sagen, Wagner mal-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "373", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.5", "texte": "trailirt die Musik, um uns in fortwährender nervöser Auf-\nregung zu erhalten. Das gelingt ihm auch; er überrascht\nuns mit jedem Tact und spricht in lauter musicalischen\nPointen. Diese Manier hat etwas so Angespanntes, dass sie\nwirklich das declamatorische Pathos im „Lohengrin\" stets\nauf einer gewissen Höhe erhält; auf dieser Höhe aber be-\nwegt es sich in der hohlen Einförmigkeit gewisser Kanzel-\nredner. Hand in Hand mit dem Einerlei dieser aufreiben-\nden Modulationenjagd geht bei Wagner das Einerlei einer\ndürftigen Rhythmik. Aus den schleppenden Perioden zwei-\nund viertactiger Rhythmen kommt die Musik gar nicht\nheraus. Da nun auch die contrapunktischen Hülfsmittel\nund alles, was man „thematische Durchführung\" nennt,\nfür Wagner so gut als nicht existiren, welches Gegenge-\nwicht hat er gegen die herabziehende Schwere jener Mo-\nnotonie in die Wage zu legen?\nEs ist die Behandlung des Orchesters. Hierin leistet\nWagner nicht bloss Ausgezeichnetes, sondern auch theil-\nweise Neues. Mendelssohn und Berlioz schrieben (von\neinigen schnell verschollenen Jugend-Versuchen abgesehen)\nnicht für die Bühne; Wagner, der seine Instrumentirung\nmeist nach ihnen gebildet, ist somit der Erste, der den\nZauber neuer und kühner Orchester-Efi'ecte in vollster Aus-\ndehnung für dramatische Zwecke benutzt hat. Wag-\nner's Instrumentirung ist in ihrer geistreichen Verwendung\nder Klangfarben und dem elastischen Anschmiegen an den\nText interessant für den Musiker, hinreissend für den\nLaien. Sie ist es zumeist, welche der Wagner'schen Musik\nden blendenden Schein des Neuen, Fremdartigen, Märchen-\nhaften gibt und so vielen Hörern als vollständiger Ersatz\nfür wahre Musik gilt.\nDie dramatische Belebung des Orchesters, welche Ber-\nlioz für die Symphonie im Auge hatte, ist von Wagner\nganz eigentlich zum Theater gebracht. Einzuwenden ist da-\ngegen im Wesentlichen bloss die allzu grelle, betäubende\nVerwendung des Blechs und das Stereotypwerden mancher\nEffecte, wie das Tremoliren der getheilten Violinen in höch-\nster Lage u. dgl.\nWie aber der Orchesterglanz allein vielen Scenen im\n„Lohengrin\" über die Armseligkeit des musicalischen Ge-\ndankens hinaushilft, davon kann man sich mit mathemati-\nscher Evidenz überzeugen, wenn man den so genannten\n„vollständigen Clavier-Auszug mit Text\" studirt. Man wird\nstaunen, wie winzig da der Held im Hauskleid aussieht.\nDie Musik zum „Lohengrin\" hinterlässt trotz ihrer\nblendenden Aeusserlichkeit den Total-Eindruck einer uner-\nquicklichen Leere. Anfangs durch den Reiz der Instrumen-\ntirung und die Seltsamkeit der Modulation angeregt, sieht\nman sich, je weiter, desto mehr ermüdet von einer Com-\nposition, welcher der musicalische Kern fehlt. Man fühlt sich\nnirgend ruhig und sicher in der Empfindung, sondern wie\nunter dem Schwall eines unablässig arbeitenden Mühlrades.\nVon vielem Einzelnen lebhaft angesprochen, erinnere\nich mich doch nicht eines einzigen grösseren Musikstückes\nim „Lohengrin\", von dem ich sagen müsste, dass es den\nHörer mit unmittelbarer Gewalt ergreift, ihn in der Tiefe\nseines Gemüthes packt. Wagner'sche Musik ergreift weni-\nger die Seele, als die Nerven; sie ist nicht erschütternd,\nsondern nur unendlich aufregend, schmerzhaft zugespitzt,\nsinnlich und poetisch raffinirt. Die letztere Eigenschaft kann\nwohl nur dem leichtgläubigsten Enthusiasten entgehen. Das\nRaffinement, das im „Tannhäuser\" häufig dem ursprüng-\nlichen Auljauchzen des Gefühls Platz machte, wird im „Lo-\nhengrin\" vorherrschend. Wagner macht weit weniger den\nEindruck einer vulcanischen, alle Fesseln von sich schleu-\ndernden Natur, als den eines scharfsinnig combinirenden\nTalentes, das im heimlichen Bewusstsein seiner Nüchtern-\nheit sich fortwährend gewaltsam exaltirt.\nDie werthvollste, schönste Seite an Wagner's Thätig-\nkeit ist die Aufrichtigkeit und Kraft seines Strebens. Von\nSeiten seiner künstlerischen Sittlichkeit kann man Wagner\nnichts anhaben. Mit einer seltenen, ungebeugten Energie\nverfolgt er den Weg, der seiner Ueberzeugung nach der\nallein richtige ist. Diese ethische Wärme durchdringt auch\nden „Lohengrin\". Jeder fühlt instinctiv, dass er hier eine\nArbeit grösster und redlichster Anspannung vor sich habe.\nAuch an Einzelheiten fehlt es nicht, die inmitten der betäu-\nbenden Einförmigkeit des Ganzen erquickend wirken. Es\nsind dies fast durchaus jene Stellen, welche auf Wagner's\neigentlichem Boden, dem Phantastischen, sich bewegen:\nso das erste Erscheinen Lohengrin's mit dem schönen Chor-\nsatze in A-dur, dann einige wenige Sätze, welche einfach\nund zusammenhangend erhalten sind, wie das Brautlied\nu. dgl. Das Liebes-Duett im dritten Acte fanden wir nicht\nsowohl ergreifend oder tiefgefühlt, als interessant durch\nden geheimnissvollen Ausdruck einer gewissen lauernden\nSpannung.\nDie Rücksicht auf die Geduld des Lesers verbietet\nuns für diesmal jedes weitere Eingehen auf Einzelheiten.\nEs war uns vorläufig um eine Charakteristik im Grossen\nund Ganzen zu thun, und wenn dabei die negativen Seiten\nin den Vordergrund traten, so geschah es nicht aus Ta-\ndelsucht, sondern weil sie uns am meisten der Aufklärung\nbedürftig erschienen.\nZum Schluss nur noch eine Bemerkung über das so\nvielfach discutirte Verhältniss zum „Tannhäuser\". Dieser\ndünkt uns in Text und Musik entschieden glücklicher, als\n„Lohengrin\". Die Sage vom Tannhäuser und die damit\ngeschickt verflochtene des Wartburgkrieges stehen uns hi-\nstorisch und sittlich näher, als der Mythus vom heiligen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "374", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.6", "texte": "Gral. Das Dämonische ist im „Tannhäuser\" nicht nur mit\nMässigung, sondern, was entscheidend ist, als wirksamer\nGegensatz eingeführt. Elisabeth auf der einen, Frau Venus\nauf der anderen Seite, hier die Wartburg, dort der Hör-\nselberg, spannen sich gegen einander als äusserste Con-\ntraste, deren jeder sich dadurch um so kräftiger hervorhebt\nIm „Lohengrin\" ist das Dämonische dem Menschlichen\nnicht als Contrast entgegengestellt, sondern untrennbar da-\nvon in der Person des Lohengrin enthalten. Es äussert sich\nregelmässig darin, dass der Held überall, wo wir von ihm\nmenschliches Fühlen und Handeln erwarten, sich in seine\nseraphische Würde hüllt und so unsere Theilnahme ver-\neitelt. Auch technisch war das Buch zum „Tannhäuser\"\nviel geschickter angelegt, die Motive verständlicher, der\nKnoten straffer, die Katastrophe ergreifender.\nObwohl Wagner selbst und seine Ritterschaft den\nals entscheidenden Fortschritt gegen „Tann-\nhäuser\" bezeichnen, so dass das eigentliche himmlische\nReich der Zukunft erst mit jenem beginne, nehmen wir\nkeinen Anstand, den „Tannhäuser\" auch musicalisch höher\nzu stellen. Wir finden in diesem ungleich mehr frisches Le-\nben, das freilich auch durch langweilige Declamation arg\nniedergehalten wird, doch immer wieder freundlich durch-\nO 7 »\nblickt. Melodieen wie der Svrenenchor im Hörselberg, das\nLied vom Abendstern u. a. finden wir im „Lohengrin\"\neben so wenig, als Ensembles von der musicalischen Sym-\nmetrie und Wirkung des Männer-Sextetts. Das Unglück,\nworüber Wagner's Schüler wehklagen, nämlich, dass ihm\nim „Tannhäuser\" doch einige Melodieen entschlüpft seien,\nwar jedenfalls nicht so gross. Im „Lohengrin\" ist Wagner\neinheitlicher und consequenter, aber er ist zum Fanatiker\nder Melodielosigkeit geworden. „Tannhäuser\" halte neben\nden zukünftelnden Intentionen doch so viel musicalische Ge-\ngenwart, dass man erwarten konnte, der Componist werde,\nin Schönem und Bedeutendem fortschreitend, bald die deut-\nsche Bühne beherrschen. Nach der poetischen und musi-\ncalischen Richtung des „Lohengrin\", dann nach allem, was\nvon den „Nibelungen\" Wagner's verlautet, haben wir diese\nHoffnung etwas herabgestimmt. Wagner wird immerhin\nnls Stern am deutschen Opernhimmel glänzen, so lange,\nwie jetzt Alles um ihn her finster bleibt. Was sich von der\nTheilnahme des Publicums als reines Gold der Begeisterung\nneben den Schlacken der Neugier ausscheiden werde, dar-\nüber müssen die nächsten Jahre entscheiden. Es wird darauf\nankommen, ob eine gründliche Bekanntschaft der Wagner'-\nschen Musik derselben mehr schaden als nützen wird *).\nWenn es uns erlaubt ist, darüber eine Vermuthung zu\näussern, so glauben wir, das Publicum werde in dem Au-\ngenblicke dieser seltenen Leckerbissen satt sein, als drei\nbis vier andere Coinponisten sich beifallen lassen, in Wag-\nner's allein wahrer\" Manier zu schreiben. ,\n\n*) Bemerkenswerth schien uns, dass so viele enthusiastisch be-\nginnende Abhandlungen über Wagner im Verlauf immer mehr\nund Wichtigeres an ihm auszusetzen finden, so die geistreichen\nAtifsät'zc yoia Ilinrichs, Joseph Bayör u. A.\n\nAus Dresden.\n\nDen 12. November 1858.\nIch kann nach den zwei Aufführungen der Oper Ju-\ndith den 5. und 7. November) von Emil Naumann,\nllofkirchen-Musik-Director in Berlin, kein ausführliches\nund durch Einsicht der Partitur begründetes Urtheil über\ndiesen Versuch des talentvollen Tonkünstlers in der drama-\ntischen Musik abgeben, sondern nur im Allgemeinen über\nden Eindruck berichten, den die Oper auf das Publicum\nund auf mich gemacht hat. Wenn ich die Oper einen „Ver-\nsuch\" nenne, so beziehe ich dieses Wort sowohl auf die\nEntstehung derselben als Erstlingswerk des Componisten\nin dieser Gattung, als auch auf ihren Kunstwerth; denn\nüberall, in der Anlage und Bearbeitung des Textes und\nin der Musik, zeigen sich die Kennzeichen einer Versuchs-\nArbeit, die ganz achtungswerthe Resultate geliefert hat,\naber im Texte von dramatischer Gestaltung zu reicher und\nspannender Handlung, und in der Musik von produetiver\nKraft und eben so geist- als kenntnissreicher Behandlung\nund Gewandtheit in den Formen noch zu weit entfernt ist,\num auf den Namen eines Kunstwerkes Anspruch machen\nzu können.\nDem Vernehmen nach soll der Text vom Componisten\nherrühren. Ist dies der Fall, so hat sich derselbe dadurch\neinen durchschlagenden Erfolg selbst unmöglich gemacht;\ndenn es würde sogar einer Musik voll neuer und reicher\nErfindung kaum gelingen, dem Zuschauer Schwingen der\nBegeisterung zu verleihen, die stark genug wären, das Blei-\ngewicht des Textes, das ihn stets herabzieht, zu paralvsiren.\nDie ganze erste Hälfte der Oper, d. h. anderthalb Act, ist\nohne spannendes Interesse ja, man ist nicht ungerecht,\nwenn man sie reinweg langweilig nennt. Diesen Eindruck\nganz wieder zu verwischen, dürfte auch bei der besten\nAufführung, wie die hiesige eine war, der Handlung und\nMusik der anderen Hälfte nicht gelingen. Wäre aber auch\ndiese zweite Hälfte durchweg vortrefflich, so würde doch\nimmer das Ganze schon aus dem genannten Grunde eben\nso wenig wie eine Statue mit schönem Oberleibe und ver-\nkrüppelten Beinen den Eindruck eines Kunstwerkes ma-\nchen können.\nIn formeller Hinsicht ist der Ueberfluss an Recitatit\nund declamirtem Arioso, wobei die Declamation nicht im-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "375", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.7", "texte": "mer einfach und natürlich ist, zu rügen; ferner vermisst\nman das Maass und die concentrirte Form in einigen grös-\nseren Arien, z. li. in der Gesangscene der Judith, welche\ndurch ihre Länge und den Mangel an Fluss die Vorzüge\ndes dramatisch-musicalischen Charakters, der hier stellen-\nweise recht glücklich getroffen ist, zum Theil wieder ver-\ndunkelt. Endlich ist die Behandlung der Singstimme als\nsolcher oft rücksichtslos und überschreitet die Gränzen des\nnaturgemässen Umfangs. Besser gelingt dem Componisten\ndie Handhabung der Form in den Chören, auch in einigen\nEnsembles, z. B. dem Finale des zweiten Actes.\nFragen Sie mich nach der Hauptsache, nach der Seele\nder Musik, nach der Melodie in dieser neuen Oper, so ant-\nworte ich Ihnen, dass daran in der That kein Mangel ist.\nWir hören eine Menge recht melodischer Stellen, aber frei-\nlich nur wenige, die selbstständig und charakteristisch auf-\ntreten und von eigentlich musicalischem Genie zeugen.\nDas Publicum und die hiesige Kritik haben sich sehr\nwohlwollend gegen den Componisten gezeigt, was auch\nseinem eifrigen Fortstreben auf der Künstlerlaufbahn als\nLohn zu gönnen ist. Das erstere war auch gegen die pracht-\nvolle inscenesetzung und allerlei Gepränge nicht gleichgül-\ntig, noch weniger gegen die trefflichen Leistungen der Frau\n(Judith) und des Herrn Mittervvurzer (Ho-\nlofernes). Der Tenor (Tichatschek) ist nur wenig in der\nneuen Oper beschäftigt. Ob sie fernere Wiederholungen\nerleben und auf dem Repertoire bleiben wird, dürfte sich\nsehr bald entscheiden.\n\nU.\n\nBernard Hildebrand-Romberg\ng\nUnter den mit der Austria Verunglückten befand sieh ein junger\nMann, dessen Ende geeignet ist, die Theilnahme auch entfernterer\nKreise zu erwecken: Herr Bernard Hildebrand-Romberg.\nJetzt, nachdem kaum noch eine Hoffnung vorbanden ist, dass wir\nvon fernerweit Geretteten erfahren, stehen wir nicht länger an, den\nTod des Künstlers, der von mütterlicher Seite einer berühmten Mu-\nsiker-Familie entsprossen, eine Zeit lang auf dem sicheren Wege\nwar, dereinst selber den Grossmeistern des Cello's zugezählt zu wer-\nden, als eine mit Gewissheit zu verbürgende Thatsache zu melden.\nHildebrand-Homberg, geboren 1833 zu Berlin, liess sich von 18\")0\nan in den vornehmsten Kunst-Ilauptstädten Europa's mit einem den\nNamen des Grossvaters, welchen er seinem väterlichen Namen ange-\nfügt hatte, ehrenden Beifall hören. Im Frühjahr 1856 aber schon\nnahm ein Uebel, von welchem die Hand des Virtuosen befallen wor-\nden war, eine so schlimme Gestalt an, dass Hildebrand-Romberg\n«eine Reise nach London aufgeben musste, wo er die musicalische\nSaison mit seinem Talente sollte ausstatten helfen. Noch mehr: seine\nöffentliche Laufbahn als Künstler überhaupt musste er aufgeben we-\ngen der Schwäche seiner Hand Im Herbste desselben Jahres fasste\ner den Entschluss, seinen musicalischen Beruf mit einer Wirksam-\nkeit im kaufmännischen Fache zu vertauschen. Das Jahr 18 )8 fand\nihn im Comptoir der hamburg-americanischen Dampfschiff-Gesell-\nschaft beschäftigt, wo er sich als ein vortrefflicher Arbeiter hervor-\nthat. Mit einem Boote dieser Gesellschaft, mit der Austria eben, un-\nternahm er eine Erholungsreise nach New-York, die seiner Gesund-\nheit förderlich sein und ihm das Vergnügen verschaffen sollte, seinen\nin America lebenden Bruder wiederzusehen. Sein geliebtes Cello be-\ngleitete ihn, und wie es heisst, erfreute er die Mitfahrenden noch\nan dem verhängnissvollen Tage selbst mit Vorträgen auf seinem In-\nstrumente. Einige Stunden später kämpfte er mit den Wellen des\nMeeres, in welchem die Gestirne Europa's untergehen. Hildcbrand-\nRornberg war eine Persönlichkeit von einem überaus stillen, sinnig\nin sich gekehrten Wesen. Seine Bescheidenheit muss als eine für\neinen Virtuosen fast allzu schüchterne bezeichnet werden. Lieber als\nim Gespräche, jedenfalls feuriger, wusste er sich in grösserer Ge-\nsellschaft auf seinem Instrumente mitzutheilen. Es bedurfte aber\nnicht erst seines Todes zu der Entdeckung, dass er ein liebenswür-\ndiger Mensch war. Sein braver Sinn, sein redliches Streben, die gute\nMeinung, die er den Menschen im Voraus entgegenbrachte, waren\nin jedem Kreise anerkannt, in welchem er sich bewegte Sein\nschmächtiger Körper schien seinem Leben keine lange Dauer zu ge-\nwährleistsn. I)a brachen die Flammen auf dem Schiffe hervor, dem\ner sich anvertraut hatte, und schlugen die Wogen, in die er sich\nvor dem Feuer flüchtete, über ihm zusammen, und er starb vor der\nFrist, die ihm seine Natur gesetzt hatte. (Hamb. Nachr.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n22« In der musicalischen Gesellschaft am 13. d. Mts. trug\nHerr Concertmeister Engel aus Petersburg das Violin-Concert Nr.\n5 von David mit grossem Beifall vor, der sich besonders nach dem\nAdagio und dem letzten Satze am lebhaftesten aussprach. Herr En-\ngel spielt rein und technisch sehr fertig; sein Ton ist nicht gross-\nartig und breit, aber lieblich und glatt, das ganze Spiel fein und\nelegant. Frau Engel, die wir in einem Privatkreise hörten, ist\neine Sängerin von vortrefflicher Schule; ihr Vortrag von Liedern,\nsowohl russischen Volksmelodieen als deutschen Compositionen, ißt\nhöchst reizend, anmuthig und ausdrucksvoll. An demselben Abende\nwaren die Gebrüder Ries, Enkel von Ferd. Kies, hier; der ältere\ngeniesst als Violinspieler in London eines ehrenvollen Rufes in einer\ngesicherten Stellung, wie in diesen Blättern bereits öfter erwähnt\nist; der jüngere zeigte sich in dem Vortrage des ersten Satzes des\nCis-moll-Concertes von F. Ries als ein wackerer Clavierspieler. Er\ngeht ebenfalls nach London.\nAm 16. d. Mts. fand die erste diesjährige Soiree für Kam-\nmermusik in dem kleinsten Saale des Gürzenich Statt. Es zeigte\nsich, dass das Local, wenigstens bei der sehr unzweckmässigen Auf-\nstellung der Tonbühne u. s. w., nicht Raum genug gab; eine andere\nAufstellung dürfte mehr Platz und mehr Klang schaffen, am besten\nwäre jedoch wohl der Saal Nr. 11. (nach St. Martin) zu wählen. Wir\nhörten das Violin-Trio Op. 9, Nr. 1, G-dur, von Beethoven (Herr\nvon Königslöw Violine, Grunwald Bratsche, B. Breuer Cello\\ das\nClavier-Trio Op. 63, D-moll, von R. Schumann (Herr Breunung,\nvon Königslöw, Breuer) und das Quintett von Mo zart in D-dur\n(Königslöw, Derckum; Grunwald, Brambach; Breuer). lie Ausfüh-\nrung war überall eine ganz vorzügliche. Es ist sehr erfreulich, dass\nunsere beiden Concertmeister abwechselnd die erste Violine oder die\nBratsche im Quartett spielen werden, wodurch dieses nur gewinnen\nkann. Den lebhaftesten Beifall trug das Mozart'sche Quintett (?avon,\ndas mit Feinheit und Geist und herrlichem Gesammtklang, über\nwelchem in den geeigneten Stellen Herrn von Königslöw'ß Violine\nemporglänzte, gespielt wurde.\nAm Sonntag den 21. d. Mts. wird im Dome eine neue Messe\nvon Ferdinand Hill er aufgeführt."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "376", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18581120-01.1.8", "texte": "Aachen, 10. Növ. Das Concert, welches Herr Guglielmi\nEnde vorigen Monats hier gab, befriedigte sehr, sowohl durch den\nreichen Inhalt seines Programms als durch die Leistungen der aus-\nführenden Künstler. Herr Guglielmi hat eine sehr klangvolle Bari-\ntonstimme und eine gute Schule; Beides machte er in allen Vorträ-\ngen, besonders in dem Duett von Rossini: I Marinari, mit Herrn\nGöbbels, in der Figaro-Arie : Non piti andrai, und vorzüglich in\ndem Liede ~Die Thräne\" von Lenau, componirt vom Grafen L. von\nStainlein, geltend. Unter den Gesangstücken des Abends hatte\nkeines einen so allgemeinen Erfolg, als diese schöne Composition,\ndie mehr den Charakter einer tief ergreifenden Elegie als eines Lie-\ndes trägt. Herr Göbbels sang ausser dem oben erwähnten Dnett noch\n„Den Wachtelschlag'* von Beethoven und eine italiänische Romanze\nrecht schön. Von den Vorträgen des Fräul. Wölfel gefiel besonders\nein Lied von Wüllner. Die Instrumentalstücke, ausgeführt von den\nHerren Wüllner und Gebrüder Wenigmann, Hessen nichts zu\nwünschen übrig.\nAuszug aus dem neunten Jahresbericht (November 1857\nbis November 1858) des Ausschusses des schwäbischen Sän-\ngerbundes (Dr. K. Pfaff, Dr. O. Elben, Prof. Dr. J. Faisst, Raux,\nG. A. Zumsteig).\nUnter den neu ernannten Ehren-Mitgliedern sind die Namen von\nU hl and und F. Sil eher.\nNeu eingetreten sind 48 Vereine. Von der bisherigen Gesammt-\nzahl von 356 sind 97 ausgetreten oder aufgelöst bleibt ein Be-\nstand von 259 Vereinen.\nVon der Liedersammlung des Bandes enthält die 11. Liefe-\nrung 2 Lieder von W. Speidel, 2 von L. Stark (beide in Stuttgart),\n1 von Lindpaintner, 1 von Schletterer, 1 von Baader (in Zürich).\nDa Auflagen von 1500—2000 per Stimme vergriffen sind, so wird\njetzt die ganze Sammlung stereotypirt.\nDas allgemeine Liederfest fand in Mergentheim Statt; Diri-\ngent statt des verhinderten Dr. Faisst war Herr Maschek aus\nHeilbronn. Der Sommer machte sich durch eine M«'.nge kleinerer\nFeste geltend. Der Ausschuss sagt in Bezug darauf:\n~Diese zahlreichen Kundgebungen der Sängerlust veranlassen\nuns zu einigen Bemerkungen. Es ist gewiss im Allgemeinen nur er-\nfreulich, wenn die Pflege des Männergesanges eine recht ausgedehnte\nist und die Vereine im Stande sind, ihre Fortschritte auch öffent-\nlich darzulegen. Doch scheint uns der ausserordentliche Reichthum\ndes Sommers 1858 an Liederfesten u. s. w. auch das Bedenken in\nden Vordergrund zu rufen, ob hier nicht eine allzu grosse Zer-\nsplitterung Statt gefunden habe. Wenn z. B. an Einem Tage in\nSüdwestdeutschland 8 Liederfeste Statt haben, wie am Pfingstmon-\ntag, so ist dies nur auf Kosten der Hauptfeste möglich. Die Elemente\nder Zersplitterung drängen sich überhaupt mehr, als gebührlich, auf.\nWir haben bereits die zwei hohenzollern'sclien Feste aufgeführt;\nvielen der Mitglieder wird beim Lesen dieses Berichtes auffallen,\ndass in Aalen neben der seit Gründung des schwäbischen Sänger-\nbundes demselben angehörenden Harmonia auf einmal zwei neue\nVereine dem Sängerbunde beigetreten sind, ja, dass in dem Dorfe\nBöckingen bei Heilbronn (1524 Einw.) zwei Liederkränze existiren!\nu. dgl. m. Wir halten es stets für unsere Pflicht, gegen Zersplitte-\nrung und Sonderbündelei, wo sich solche zeigen, energisch aufzu-\ntreten ; denn der ganze Charakter des volksthümliehen Männerge-\nsanges ist ein einigender, ein nothwendig auf Verbindung, auf Ver-\neinigung der Massen ausgehender. Die vielen Einzel-Productionen\nzeigen noch eine Klippe: es ist die Gefahr sehr nahe gerückt, dass\nhier der Männergesang von seiner Höhe herabsinke zum blossen Un-\nterhaltungsmittel, gleich einer Trompetermusik, wie denn Bogar in\nmehreren Fällen die Erhebung des Entree als Speculation benutzt\nwurde! Wir dürfen, um die Stufe des Geschmacks, zu welcher ein-\nzelne Productionen von Liederkränzen herabgesunken sin 1, zu be-\nzeichnen, nur nachstehende Reihenfolge aus dem Programm einer der\nFahnenweihen aufzählen: Fahnen-Enthüllung; Concert-Polka von\nKönig; Kein Sturmgebraus von Heim, allgemeiner Chor; Alte Zei-\nten, Lieder-Potpourri; Die Himmel rühmen von Beethoven, mit Mu-\nsikbegleitung: Papagino (sie!) Polka von Stasny; Dem Vaterland!\nvon Abt, allgemeiner Chor mit Musikbegleitung.44\nIn der augsburger Allg. Zeitung ist in einem Correspondenz-Be-\nrichte aus Wien von einer Differenz zwischen Herrn Dir. Nestroy\nund der Musicalienhandlung von Bote und Bock die Rede, weil\nauf dem Carltheater die Operette „Hochzeit bei Laternenschein4; zur\nAufführung gebracht sei, ohne sie jener Handlung, als der recht-\nmässigen Besitzerin für Deutschland, zu honoriren. Wir können die-\nsen Angaben vollständig widersprechen; Herr Dir. Nestroy hat da«\nAufführungsrecht der Operette von den Herren Bote und Bock er-\nkauft und befindet sich daher im rechtmässigen Besitze.\nDie Direction des vormaligen H iin e r fürs t 1 sehen\nMusikcorps, welches den Musikfreunden Dresdens durch seine treff-\nlichen Concerte so viele musicalische Genüsse bereitet hat, ist nach\nAbgang des Herrn Hünerfürst von Herrn Concertmeister Manns-\nfei dt, seither in Hamburg, übernommen worden."}]}