{"numero_id": "bm-bmtnabi-1859-02-12-01", "volume": "bmtnabi_1859-02-12_01", "ocr_sha256": "78b85a0844fdf90ba51e01875e1821079994e070c4ccc8e8ce4c886ac499b896", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1859/02/12_01/bmtnabi_1859-02-12_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1859-02-12-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-02-12_01#c001", "volume": "bmtnabi_1859-02-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "49", "page_fin": "49", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 467, "texte": "Inhalt.\nGluck1 s Armide. Schluss. Aus Breslau (Die Partei der Zukünftler). Entzifferung der Neumenschrift des ur-\nalten Kirchen- und Choral-Gesanges. Von Dr. Mettenleiter, Tages- und Un ter h al tun gsbl a tt (Köln, Vierte Soiree für Kam-\nmermusik, Herr Angust Düpont, Fräulein Bochkoltz-Falconi, Marsehner's Vampyr, Concert des Männer-Gesangvereins - Aachen, Fünftes\nAbonnements-Coneert Wesel, Militär-Abonnements-Concerte Kreuznach, Concerte Frankfurt a. M. 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S. Nr 7.)\nIm dritten Acte ruft Armide die Furie des Hasses auf,\num sie von dem Gefühle, von dem sie beherrscht wird,\nzu befreien. Die Furie erhört ihren Wunsch, sie erscheint\nmit ihrem wilden Gefolge, schleudert Verwünschungen\nund Bannsprüche auf den Gott der Liebe und befiehlt ihm,\naus Armidens Busen zu verschwinden. Aber in Armidens\nHerzen ist die Liebe stärker als die Rache; sie bebt vor\ndem Gedanken zurück, dieses schmerzlich süsse Gefühl zu\nentbehren, und beschwört den Hass, es nicht aus ihrer\nBrust zu verbannen. Das empört die Furie des Hasses, sie\nverwünscht Armidens Schwachheit, überlässt sie der Liebe\nund weissagt ihr, dass diese gerade sie ins Elend stürzen\nwerde.\nDas musicalische Gemälde ist in dieser Scene von dü-\nsterer und furchtbarer Kraft und reisst Alles mit sich fort.\nWelch ein Genie war es, das nach den Honigbächen und\ndem Ambrosia-Duft in der Gartenscene für so ernste und\nfinstere Schilderungen Kraft und Leben finden lind dem\nSchrecken so tief ergreifende Töne verleihen konnte! Die-\nsen dritten Act der Armide müssen sich die neueren Mu-\nsiker zu einem besonderen Studium machen, die da glau-\nben, dass grosse Wirkungen nur durch brutale Lärm-\nstösse, die man dem Zuhörer versetzt, hervorgebracht wer-\nden können. Lärm ist stets das Zeichen der Ohnmacht bei\ndem Componisten; wer Phantasie und Gefühl hat, findet\nohne mühsame Anstrengung den richtigen Stil für seinen\nGedanken und verleiht ihm das gehörige Colorit durch\ndas Feuer der Begeisterung und Leidenschaft, nicht aber\ndurch Combinationen, deren ganzer Gehalt nur eine derbe\nKlangwirkung ist. Gluck ist einer von den vollkommenen\nMeistern, deren Gedanke an sich stark und voll ist und\nsich nicht durch die Masse von übermässigen Zuthaten er-\ndrücken lässt. Woher kommt es aber, dass Gluck ohne\ndie betäubenden und gemeinen Kunstmittel, ohne die Uni-\nsono's, ohne das ewige Dröhnen des Blechs, ohne das\nPauken- und Trommel-Gerassel, ohne allen diesen wohl-\nfeilen Prunk, der in seiner Ausartung weit weniger ein\nerhebender Glanz, als das ärmliche Erbtheil der Mittel-\nmässigkeit und das traurige Zeichen der Geistesdürre und\nder Geschmacks-Versunkenheit ist —, woher kommt es,\ndass er ohne dies alles mächtige Wirkungen hervorbringt?\nDaher, dass er das glückliche Talent der Erfindung, die\naus dem Herzen kommt, besitzt, die göttliche Flamme,\ndas pectus,was den Redner, den Dichter, den Musiker\nmacht. Häuft Combinationen auf Combinationen, verstärkt\nden Klang, so viel ihr wollt, macht Lärm über Lärm: ihr\nwerdet weiter nichts als gehaltloses Blendwerk für einen\nAugenblick schaffen, das der gute Geschmack und die Zeit\nnie als Kunstwerk bestätigen werden. Zur Unsterblichkeit\nführt allein die mens divinior, die Begeisterung, die nur\nGott seinen Auserwählten verleiht.\nDieser dritte Act, in welchem sich die Wogen von\nZorn und Hass auf einander drängen, beginnt mit einer\nArie voll Zartheit und Melancholie:\nArmide: Ali! sila liberte me doit etre ravie —.\nWir hören sie jetzt zuweilen in den Concerten des Conser-\nvatoires, aber sie macht keinen bedeutenden Eindruck,\nweil sie in dem matten und monotonen Stile einer Ro-\nmanze von Panseron gesungen wird. Freilich spricht Ar-\nmide auch von Schmerz und Ermattung, aber diese rührt\nnicht von einer Neigung her, die sie pflegt und hegt, son-\ndern von einer Leidenschaft, die ihren Stolz verletzt. Der\nAufschwung eines überwältigten Herzens steht den heftig-\nsten Ausbrüchen von Wuth sehr nahe, es ist die Wind-\nstille vor dem Sturme. Ein weichliches Schmachten im\nAusdruck nimmt ihm seinen ganzen Charakter. •\nGeht die Qual dieser Liebe ja doch so weit, dass ihr\nOpfer den Hass aufruft, sie davon zu befreien. Dieser Auf-\nruf: „ Venez! Haine implacable/\" ist eine Arie, die nicht"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5300, "texte": "ihres Gleichen hat. Der Plan derselben ist anderer Art, als\nbei Meverbeer's Aufruf der Nonnen im Robert, der übri-\n%)\ngens recht schön ist. Tasso's Verse:\nil raueo suon della Tartarea tromba\ngaben diesem letzteren das Recht, die ganze Blech-Macht\ndes Orchesters aufzubieten. Gluck wendet aber nicht ein-\nmal Trompeten dabei an; er unterstützt die Saiten-Instru-\nmente nur durch Hörner, Oboen und Fagotte. Die Oboen\nmischen nur hier und da einige Klagetöne in das loben\ndes Hasses der Zauberin. Die Pauken schweigen ganz\nstill; das Ohr folgt leicht und ohne Ermüdung den Fäden\ndieses wunderbaren Gewebes, das durch die einfachsten\nMittel die grösste Wirkung erreicht. Man höre nur den\ngehaltenen prägnanten Gang der Bässe, die in jedem Tacte\ndie zwei kräftigsten Noten des Accordes hinter einander\nangeben; dann wie sich die Accorde an einander ketten\nund durch Umkehrungen in den höchsten und schneidend-\nsten Tönen erscheinen; ferner die Violinen und Violen, die\nsich gleichsam tief aufathmend auf Sechszehnteln und syn-\nkopirlen Vierteln hinschleppen und von Seufzern unter-\nbrochen werden. Und welch ein Ausdruck von flehender\nBitte und Angst auf die Worte: l'amour!\"\nwelcher Ausbruch von wilder und schrecklicher Leiden-\nschaft am Schlüsse: „Ilendez-moi\nma für ew/\" Es ist nicht möglich, dieses gewaltige,\nBlitze sprühende Musikstück zu hören, ohne die Hände zu\nfalten vor Bewunderung.\nNun erscheint der Dämon oder die Furie des Hasses.\nMan erkennt sie an der Heftigkeit und Rauhheit ihrer\nTöne. Die Tonart A-dur leiht ihnen ihren Glanz, und der\nChor nimmt das Motiv der Arie wieder auf und macht es\nnoch rauher und schärfer durch geschickte Aenderungen\nund Ausführungen, die es bis zum höchsten Ausdruck von\nWuth und Leidenschaft steigern. Dann folgen zwei andere\nChöre; sie lassen die Spannung keineswegs ermatten, son-\nheben sie noch mehr durch ihren Ungestüm. Ich glaube\nnicht, dass die grosse Oper viele so kräftige, so leurige\nund so tragische Chöre besitzt. Das Ballet unterbricht sie:\ndie Furien schütteln ihre Fackeln. Man bedarf nicht des\nSchauens der Pantomime, um diese schauerlichen Bewoh-\nner des Abgrundes zu erkennen; die Musik allein macht\nsie sichtbar durch ihren drohenden Ton und ihren hölli-\nschen Jubel. Aber ohne alle kleinlichen Kunstmittel, ohne\nalle Marktschreierei; Gluck bedarf des Lärms der Blech-\nInstrumente und der raffinirten Klang-Zusammenstellungen\nnicht, die doch zu nichts weiter taugen, als zur Ver-\ndeckung der Leere und Bedeutungslosigkeit barocker Mo-\ntive. Man betrachte z. B. das Motiv des zweiten Tanzes in\n%-Tact, wie klar, frank und frei, entschieden, lebendig\nbetont! Die Violinen-Triolen sind scharf und herbe wie\ndas Zischen der Nattern auf den Häuptern der Eumeniden.\nDann arbeitet der Meister sein Thema mit gründlichem\nWissen aus, kühn, aber stets correct, stets dem gesunden\nGeschmacke gemäss, und seine überraschenden Modulatio-\nnen entwickeln sich auf chromatischem Grunde, der hier\nder Situation angemessen ist. Den Zuhörer sprechen diese\ndunkeln Tinten an, weil das Colorit des Ganzen sie ver-\nlangt. Diese Balletmusik ist ein Meisterstück von origineller\nErfindung und harmonischer Behandlung, und ich wun-\ndere mich, dass die Conservatoire-Concertc nicht manch-\nmal dem Ballette aus Iphigenie in Aulis, das alle Jahre\nzum Vortrage kommt, untreu werden, um ihrem so ge-\nduldigen, so lenksamen, so einerleifreundlichen Publicum\ndieses vollendete und höchst wirksame Stück vorzuführen.\nQuinault hatte den dritten Act mit den Verwünschun-\ngen der Furie des Hasses geschlossen. Gluck fürchtete,\ndass der düstere Charakter des Actes in den Zuhörern\neinen Eindruck von Monotonie hinterlassen könnte; er\nwünschte einen Contrast. Warum sollte Armidc, den\nSchmerzenspfeil im Busen, nicht den Gott der Liebe selbst\nanflehen, dessen Macht sie ja doch verfallen ist? Ihr Gebet\nwürde wie ein milder Lichtstrahl über den dunkeln\nSchreckenshimmel hinstreifen. Gluck fügte also vier erse\nin diesem Sinne hinzu:\nQuelle afreuse menace\nAmour, viens calmer ....\nund schlicsst den Act mit einem kurzen, sehr schönen An-\ndante der Armide, dessen Melodie aus der Tiefe des Her-\nzens quillt und mit bewundernswerther Kunst begleitet ist.\nIch möchte wohl wissen, welcher Componjst unserer\nTage es wagen würde, eine seiner grossen Scenen mit\neinem Sopran-Solo in ruhigem Tempo, ohne blühende Fer-\nmaten-Verzierung zu schliessen, oder ohne emphatisch\nsynkopirte Noten, die dem Sänger das Blut in den Kopf\ntreiben, bis der besoldete Enthusiasmus, von so grosser An-\nstrengung besiegt, das Zeichen zum Applaus gibt! Gluck\nkonnte allerdings mit einem furchtbaren Chor wie mit\neinem Gewitter zuletzt dreinschlagen; die neuere Oper\nwürde sich eine so willkommene Gelegenheit nicht nehmen\nlassen. Gluck hat sie verschmäht. Er war sich eines besse-\nren Mittels bewusst, die Seele des Zuhörers zu trcllen, er\nwandte sich an das Gefühl durch ergreifend rührenden\nGesang. Sein Triumph kann bei allen denen nicht zweilel-\nhaft sein, welche glücklich benutzte Gegensätze und natür-\nlichen Ausdruck durchdringendem Geschrei, forcirten\nSchluss-Tiraden und hyperbolischen Cadenzen vorziehen.\nWir kommen zum vierten Acte.\nÜbaldo und der dänische Bitter, von Gottfried gesandt,\num Rinaldo aus den Ketten Armidens zu befreien, haben\nden Widerstand der Phantome und reissenden Thiere,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5415, "texte": "welche die Zaubergärten umlagern, gebrochen und betre-\nten die reizenden Fluren. Hier versuchen die Dämonen\nihre Lockungen. Lucinde ladet sie durch einen lieblichen\nGesang, den der Chor bei der Wiederholung noch anmu-\nthiger macht, zu den Freuden ein, die ihrer hier harren.\nDer Tanz beginnt bei den Klängen einer Musik, welche\nwohl die reizendste sein möchte, die Genie und Grazie im\nBunde je erfunden haben. Diese frische, Lust und Liebe\nathmende Melodie hatte eine Popularität erlangt, deren\nNachhall wir noch in unserer Jugend gehört haben; sie\nwürde sie auch heute wieder finden, so rein und klar und\noriginel erfunden ist sie, so auserwählt in ihrem letzten\nRefrain. Es gibt Melodieen, die uns wie von einer günsti-\ngen Gottheit eingeflösst erscheinen; das Ohr schlürft sie\nmit Lust ein, das Gedächtniss sucht sie stets wieder, hegt\nund pflegt sie und hält sie auf immer fest. Eine solche ist\ndiese Tanz-Melcdie, eine Probe von der Sprache der Götter.\nAuch die folgende Arie der Lucinde, in welcher der\ndänische Ritter seine fern gewähnte Geliebte erblickt, ist\nso durchsichtig und lichtvoll, dass sie ebenfalls vom Him-\nmel herab gekommen zu sein scheint. Der Chor wieder-\nholt sie mit Zulhat schöner Harmonieen. Übaldo rettet\nden Gefährten: vor der Berührung mit seinem goldenen\nScepter verschwindet das Trugbild. Es sind dies musicali-\nsche Scenen, die in dem anmuthigen Stil, den Mozart sich\nip classischer Vollendung angeeignet hat, geschrieben sind.\nMozart hat, ich wiederhole es, Gluck gewiss sorgfältig\nstudirt. Er erinnert oft an ihn, ohne dadurch irgend etwas\nvon seiner Genialität und seiner Ursprünglichkeit zu ver-\nlieren. Es sind Meister von Einem und demselben Stamme,\nsie haben dieselbe Milch genossen und aus derselben gött-\nlichen Quelle getrunkeu.\nDie Verlockungen sind jedoch noch nicht am Ende;\nein anderes Trugbild, in Gestalt der Melissa, zeigt sich.\nDieses Mal glaubt Übaldo in ihr seine Geliebte zu sehen,\nund der strenge Held ist nahe daran, zu unterliegen, als\nder Gefährte ihm den Scepter entreisst und damit den\nTrug enthüllt. Ein heroisches Duett Beider schliesst den\nAct; es bildet einen stolzen Gegensatz gegen die weichen\nund zarten Gesänge, die vorhergehen. Das Terzett zwi-\nschen Melissa, Übaldo und dem dänischen Ritter ist melo-\ndisch und harmonisch recht hübsch und hat einige harmo-\nnische Aehnlichkeit mit dem ersten Theile des Sextetts im\nDon Juan oder mit den beiden Finalen in Figaro's Hochzeit.\nDer fünfte Act beginnt mit dem berühmten Duett\nO\nzwischen Armide und Rinaldo. Was für ein herrliches\nRecitativ leitet es ein! Welch ein Ausdruck! welch zartes\nund leidenschaftliches Gefühl in der Orchester-Begleitung!\nWTic wird das steife Französisch durch diese Musik ge-\nschmeidig und beinahe italiänisch! wie verschwinden die\nsonst so fatalen stummen e am Ende der Wörter unter\nden sanften Klängen! Mit wie kunstvoller Technik sind die\nWörter Armide, solitude, inquiet behan-\ndelt! - Aber auch alle Phrasen des Duetts sind ausge-\nzeichnet schön und charakteristisch, bald wahnsinnige Lei-\ndenschaft, bald ruhiges Entzücken. Die Melodie zu den\nWorten: „Non, rien nepeut changer mon ämeu, ist oft\nnachgeahmt worden; das ist das beneidenswerthe Loos der\nglücklichen Gedanken.\nArmide verlässt den Geliebten, die drohende Weissa-\ngung der Furie des Hasses lässt ihr keine Ruhe. Unter-\ndessen sollen von Neuem reizende Tänze und Gesänge\nRinaldo in Schlummer wiegen. Es gehörte ein fruchtbares\nGenie dazu, um bei diesen wiederholten einander ähnli-\nchen Situationen musicalisch nicht sich zu wiederholen und\nden Eindruck zu schwächen. Gluck ist hier aber wieder\nso neu und frisch, als hätte er den vierten Act gar nicht\ngeschrieben. Ausgezeichnet sind die Chaconne und der\nChor: „C'est l'amour\", dann die Sicilienne und das Solo\nmit Chor: „Jeunescoeurs\" etc.\nAber für Rinaldo hat nichts Reiz mehr, als Armidens\nLiebe und die Erinnerung daran. Er winkt Allen, sich zu\nentfernen, und spricht seine Stimmung in einer unvergleich-\nlich schönen Arie aus. Wiewohl deren Motiv sehr reii)\nund klar gezeichnet ist, so kann es doch nur in seiner\nwunderbaren Verschmelzung mit dem Gesänge der Instru-\nmente ganz gewürdigt werden; sein Charakter ist leiden-\nschaftliches Schmachten und tief rührende Melancholie.\nAlle Noten auf die Worte: etc. sind\nThränen. Ich begreife es nicht, dass unsere Tenoristen ihr\nRepertoire nicht mit diesem Stücke bereichern! Der sanfte,\nweiche Charakter schliesst indess eine gewisse Kühnheit\nbei den Worten: „Rien ne me—nicht aus; sie ent-\nspricht aber so gut der Aufregung der Seele und ist mit\nso viel Kunst und Maass angebracht, dass sie keineswegs\ngegen den Ton des Ganzen verstösst, sondern ihm im Ge-\ngentheil eine neue Würze gibt, die ihn noch mehr hervor-\ntreten lässt.\nDie beiden Ritter wählen den Augenblick der Einsam-\nkeit Rinaldo's, um ihm als Befreier zu nahen. In dem vor-\ngehaltenen Zauberspiegel sieht Rinaldo, vor Schaam errö-\nthend, seinen unwürdigen Zustand und rafft sich zu neuer\nT'natkraft empor. Armide erscheint; umsonst ihr Flehen\nund ihr Drohen: die beiden Ritter führen Rinaldo, ihn an\nEhre und Pflicht mahnend, von hinnen. Eine Arie der Ar-\nmide, die ihre Verzweiflung ausdrückt und einer der\nprachtvollsten lyrischen Ergüsse ist, krönt das tragische\nMeisterwerk. Die theatralische Maschinerie unterstützt den\nEffect des Schlusses; Armide befiehlt den Dämonen, den\nZauberpalast zu zerstören, um das Andenken an ihre Liebe\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2589, "texte": "unter seinen Trümmern zu begraben. Der Palast stürzt\nzusammen unter einem kräftigen Orchestersatze in D-moll,\nder plötzlich in D-dur schliesst ein Effect, der uns\ndurchschauert und seitdem freilich häufig geworden ist.\nDies ist die Oper Armide, die einst von Frankreich\nbewundert wurde und jetzt im Staube unter den vergesse-\nnen Partituren schläft. Nur einige Musikgelehrte kennen\ndas erhabene Werk und suchen darin den Genuss echter\nMusik oder studiren in ihm den Begriff von dem wahren,\neinfachen und natürlichen Schönen. Armidens und Rinal-\ndo's Partieen enthalten einen Reichthum von Pathos, der\ndie Begeisterung der grössten Künstler auf der Bühne an-\nregen sollte, und das ganze Werk würde ein gebildetes\nPublicum auch heute noch entzücken.\nNachdem Gluck am 15.*) November 1787 seine glän-\nzende Laufbahn beschlossen hatte, schlug sein Nebenbuh-\nler Piccini in dem Journal de Paris vor, eine Subscrip-\ntion zur Begründung eines Fonds für ein jährliches Con-\neert an dessen Todestage zu eröffnen. Dieses Concert sollte\nausschliesslich Compositionen von Gluck zur Aufführung\nbringen, „um, wie Piccini sagte, den Geist und Charakter\nderselben auf die nachfolgenden Jahrhunderte fortzupflan-\nzen und um als Muster des Stils und des Ganges der dra-\nmatischen Kunst den jüngeren Künstlern, die sich der\nMusik für das Theater widmen, vorgehalten zu werden\".\n(Grimm, Correspondence, Tb. 111., S. 691.) Aber leider\nist die Oper eine Schaubühne der Laune und der Unbe-\nständigkeit geworden. Ich habe die Höhe und das Sinken\nvon Paesiello und Cimarosa gesehen; im Jahre 1822\nhatte der Enthusiasmus für „Figaro's Hochzeit\" nur in\nder Bewunderung von Rossini's „Barbier\" seines Gleichen.\nZwanzig Jahre später blieb trotz Lablache und dem glän-\nzendsten Siebengestirn von Sängern „Figaro's Hochzeit\"\nverlassen um der süsslichen und weibischen Elegien Bel-\nlini's willen. Und Bellini, was ist aus ihm geworden? wo\nsind die Thränen der Rührung von ehemals geblieben?\nJa, Rossini selbst, dieser Fürst im Reiche der neueren\nMusik, theilt in seinem vergesslichen Vaterlande das Schick-\nsal der alten Classiker; man rühmt ihr Genie, man verehrt\nihre Namen, aber ihre Werke lies't Keiner mehr.\nMit Gluck ist es so weit gekommen, dass dasselbe\nOperntheater, dessen Gebieter und Ruhm er so lange war,\nnicht einmal einen Tag mehr für ihn übrig hat. Die Mode\nhat ihre Aenderungen, die Sonne ihre Finsternisse und das\nGlück seine Kehrseite:\n(Jesar n'a point d'asile repose,\nEt l'ami Pompignan cro\nValery (Eure), im October 1858.\n\nDer Präsident Troplong.\n\n*) Nicht am 17., wie irrthümlicli im Original stellt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-02-12-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-02-12_01#c003", "volume": "bmtnabi_1859-02-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "52", "page_fin": "54", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.2.3", "titre_corps": "Aus Breslau", "titre_sommaire": "Aus Breslau", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.4", "debut_caractere": 2591, "fin_caractere_exclue": 5215, "texte": "Aus Breslau\n)•\n[Die Partei der Zukünftler.]\nAuch in Breslau haben sich unter den Musikkennern,\nden wahren Künstlern (wozu sich natürlich alle diejeni-\ngen zählen, welche mit der Musik ihr Brod verdienen),\nden Dilettanten und Laien zwei Parteien gebildet, die ein-\nander feindlich gegenüber stehen: die Anhänger am Alten,\nd. h. am überwundenen Standpunkte, und die Verfechter\nder Zukunftsmusik. Schon vor ein paar Jahren spukte hier\nder Kobold der Zukunftsmusik in einem Paar Soireen, de-\nren Aufgabe darin bestehen sollte, das Terrain zu sondi-\nren, das Publicum für die mystischen Compositionen eines\nVolkmann, Brahms, C. Frank u. A. empfänglich zu ma-\nchen und so gewisser Maassen systematisch heranzubilden\nfür den bevorstehenden Genuss der „symphonischen Dich-\ntungen\" Liszt's. Merkwürdiger Weise verschwand dieser\nneckische Kobold alsbald wieder in das Reich des Unsicht-\nbaren. Nach zwei oder drei Soireen, in welchen die Zuhö-\nrer die Köpfe schüttelten oder gähnten, hatte dieser Spuk\ngeendet, wahrscheinlich weil sich das Publicum doch noch\n„zu dumm\" zeigte, um die ihm gebotenen gar zu hohen\nIdeen und phantastischen Ungeheuer verstehen und in suc-\ncum et sanguinemverwandeln zu können. Inzwischen\ngingen „Tannhäuser\" und „Lohengrin\" über die hiesige\nBühne; die Ruhigen, Besonnenen, die sich an das in ihren\nAugen immer noch einige Geltung habende Alte Anleh-\nnenden, fanden bei aller gerechten Anerkennung manches\nSchönen nicht das durchaus Neue, Bessere; das wilde Heer\naber der Zukunftsschwärmer kannte keine Gränzen, und\nwehe dem, der es gewagt hätte, noch fürder von einer\n„Iphigenie\", einem „Don Juan\", und wie das veraltete\nZeug heissen möge, zu sprechen. „Steinigt ihn! steinigt\nihn!\" mit diesem Rufe eines wüthenden, verblendeten Par-\nteigeistes übertäubte man Alles; die „Dummen\" liessen\nsich verblüffen und stimmten ein in das Freudengeschrei\nüber die Geburt des neuen Messias; die Klugen schwie-\ngen und trösteten sich mit dem Spruche: „Herr! vergib\nihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!\"\nMan suchte nun den Boden hier immer mehr und mehr\nzu bearbeiten und durch Wort und Schrift die unvernünf-\ntige Masse über die gewaltigen Offenbarungen der Zu-\nkunftsmusik unermüdlich aufzuklären, wozu sich auf dem\nFelde der Instrumentalmusik auch bald eine sehr günstige\nGelegenheit bot durch die Aufführung symphonischer Dich-\ntunsen von Fr. Liszt in einem Concerte der fürstlichen\nHofcapelle zu Löwenberg. Ein rühriger Diener des Herrn\nDr. Liszt, Herr Heinrich Gottwald, der schon einige Zeit\nvorher in hiesigen Zeitungen seine kritische Sendung als\n\n*) Auszug aus den wiener ??Recensionena u. s. w. Nr. 4."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5412, "texte": "Apostel der Zukunftsmusik angetreten, dem alten Gluck\nkindische Einfälle vorgeworfen hatte, u. dgl. m.—wall-\nfahrtete nun sofort zu dem gewaltigen Chef der Zukunfjg-\nmusiker, Fr. Liszt, nach Löwenberg und interpretirte dann,\nwie sich's gebührt, in den Zeitungen den immensen Gehalt\njener tiefsinnigsten Gedanken und Offenbarungen in den\nsymphonischen Dichtungen, die allerdings kein gewöhn-\nliches Ohr so leicht zu fassen vermöge, in die man sich\nerst mit innigster Liebe und Hingebung immer und immer\nwieder vertiefen .müsse, ehe es nur einiger Maasseh ge-\nlänge, dem räthselhaften Wesen dieser Schöpfungen auf\ndie Spur zu kommen oder zu deren Erfassung man, wie\nHerr Brendel meint, den Glauben mitbringen müsse.\nDass die Musiker von Fach zugleich die kritische Fe-\nder führen, ist ein charakteristisches Kennzeichen der Neu-\nzeit, und so sehen wir auch natürlich Herrn H. Gottwald\nseine kritischen Eier in das allgemeine Nest der Zukunfts-\nmusiker, die „Neue Zeitschrift für Musik\" in Leipzig,\nniederlegen.\nDurch gehaltvolle, wahrhaft künstlerische musicalische\nProducte sich in der Welt heutzutage Geltung zu verschaf-\nfen, ist gar zu sauer und zu schwer; viel leichter wird es,\nvon sich reden zu machen, wenn man sich irgend einer\nmusicalischen Clique anschliesst, bei einer höchst ober-\nflächlichen ästhetischen Bildung einige plausible Redens-\narten und gelehrt klingende Phrasen irgendwo zusammen-\nrafft und nun frisch weg durch die Verteidigung der Par-\nteisache, jedem Anderen ein gesundes Urtheil absprechend,\nsich den Anspruch auf Anerkennung und Dank der Ge-\nnossen vice versa erwirbt. Hauptsache dabei ist, vor allen\nDingen mit der erforderlichen Grobheit aufzutreten, da es\nsich weit weniger darum handelt, den Gegner durch über-\nzeugende Gründe zu schlagen, als ihn durch freches Ge-\nschrei zu betäuben.\nKurz darauf erschien als Kämpe für die Liszt'schen\nLorbern auf der musicalischen Schaubühne Herr Dr. Leo-\npold Damrosch, ein tüchtiger Geiger und wissenschaft-\nlich gebildeter Musiker, den die hiesige Musik-Gesellschaft\n„Philharmonie\" zu ihrem Dirigenten erwählt hatte. Der-\nselbe machte es sich zur Aufgabe, in den Concerten neuere\nCompositionen, hauptsächlich aber Werke der Zukunfts-\nmusik zur Geltung zu bringen, ausserdem die Schöpfungen\nBeethovens nicht als gewöhnlicher „Ruderknecht\"»son-\ndern im freiesten Liszt'schen Stile vorzuführen, wobei denn\ndurch willkürliche Beschleunigung und Zurückhaltung des\nTempo, durch allerhand überraschende Effecte und Schlag-\nlichter allerdings die bekannten Tonstücke eine gewisser\nMaassen neue, frappante Gestalt annahmen ob im Geiste\ndes Componisten oder Liszt's, wollen wir jedoch dahinge-\nstellt sein lassen.^—-Wir sind keineswegs so einseitiger Na-\ntur, dass wir nicht das Verdienst anerkennen möchten,\ndurch Vorführung neuerer Tonwerke die Kenntniss der\nmusicalischen Literatur zu erweitern; nur die Art und\nWeise, wie man dabei, lediglich im Geiste der Partei, ver-\nfährt, können wir nicht billigen. Den Glanzpunkt der Be-\nstrebungen des Herrn Dr. Damrosch bildete vor Kurzem\nsein. Benefiz-Concert, das ein Riesen-Programm von zehn\nPiecen darbot, deren letzte (nach zwei Ouvertüren, einem\nViolin-Concerte eigener Composition, dem Beethoven'schen\nClavier-Concerte in G-dur,den von Liszt, un-\ngarischen Rhapsodieen, mehreren Gesang-Piecen) ganz ge-\nmüthüch in der A-dur-Sinfonie von Beethoven bestand.\nMan sieht daraus, welche Ansprüche die Zukunftsmusiker\nan das Nerven-System der Zuhörer machen! Wir selbst\nleiden gerade an keiner schwächlichen Constitution, waren\naber nicht im Stande, das Programm bis zu Ende zu ver-\nschlingen, zumal uns durch ein im strengsten Stile der Zu-\nkunftsmusik gearbeitetes Violin-Conccrt des Herrn Dam-\nrosch und die Liszt'schen „Preludes\" gar zu wunderliche\nSpeisen vorgesetzt wurden. Herr von Bülow spielte das\nG-dur-Concvrt von Beethoven mit bekannter Virtuosität,\nentstellte aber diese wundervolle Composition durch einge-\nlegte Cadenzen (wahrscheinlich eigener Arbeit), die mit\ndem Geiste und dem Charakter des Concertes im grellsten\nWiderspruche standen.\nWir hatten nun die Verwegenheit, in einem Referate\nüber dieses Concert in der Schlesischen Zeitung unser Ur-\ntheil über die darin vorgeführte Zukunftsmusik ganz un-\numwunden, aber mit gerechter Anerkennung aller son-\nstigen Verdienste des Concertgebers auszusprechen, na-\nmentlich das Liszt'sche Wunderwerk\ndurchaus nicht so tiefsinniger Conception, so unergründ-\nlicher Natur zu finden, wie man uns gern glauben machen\nwollte; das Ganze erschien uns als der Erguss einer kran-\nken Phantasie, die sich gewaltig anstrengt, aber in ohn-\nmächtigem Kämpfen und Ringen nur eine Missgeburt zu-\nwege bringt. Diese Ansicht rief einen völligen Aufruhr\nim Lager der Zukunftsmusiker hervor. Herr Gottwald\nmachte seinem Groll folgender Maassen Luft in der Neuen\nZeitschrift für Musik: „Während Fachmusiker, die mit\nder neueren Richtung innig verwachsen, sich in den De-\ntails dieser wunderbaren Tonschöpfungen Liszt's nicht so-\nfort orientiren können, und der mächtige Zauber so vieler\nSchönheiten durch wiederholtes liebevolles Eingehen auf\ndie Intentionen des Componisten (ich sage mit Brendel weit\nwirksamer: durch den Glauben!) sich selbst diesen\nnach und nach erst vollständig entfaltet, haben wir in un-\nserem Breslau ein seltenes Phänomen musicalisch\nschneller Auffassung erlebt. In dem Berichte über\njenes Concert bemerkt ein namenloser Referent in einer"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3811, "texte": "hiesigen Zeitung: Ihr Gehalt (der der ist so\nseicht und auf der Oberlläche schwimmend, dass kein be-\nsonderer Scharfblick dazu gehört, ihn abzuwägen; sie ent-\nhalten nichts Reelles, nur Nebel und Rauch! 0 ihr vor-\ntrefflichen Leute! zu dem, was ihr herausgefunden habet,\ngehört allerdings kein besonderer Scharfblick, wohl\no O\naber zu dem, was ihr nicht herausgefunden habet\n(zu diesem nichts als der Glaube und immer wieder der\nGlaube, sage ich). Derselbige Ulibischeff (o, hättet ihr\ndoch so viel gesundes Gehirn, wie dieser Mongole!) hat so-\ngar, hört, hört! sentimentale Phrasen, wie sie in Ballets\nvorzukommen pflegen, herausgewittert. In solchen Aeusse-\nrungen spricht sich der entschiedenste musicalische Kreti-\nnismus aus (wahrscheinlich waren die Leute, welche sich\nselbst bei wiederholter Aufführung der Preludes immer\nnoch nicht in die Schönheiten des Werkes zu vertiefen\nvermochten, ja, sich sogar durch Murren und Zischen eine\nweitere Beglückung ihrer Gehörs-Werkzeuge mit diesem\nTonstücke verbaten sämmtlich „ „Kretins\"\"), dem wir\nunsere aufrichtige Theilnahme unmöglich versagen können.\nVor solchen Gegnern, die endlich nach Anhören eines so\nwunderbaren Tongebildes wie die sich zu dem\nAusrufe gedrängt fühlen, die heilige Cäcilia möge sie für\nalle Zukunft in Gnaden vor den Wärtern einer solchen\nProgramm-Musik bewahren, ist selbstverständlich für alle\nZukunft nichts zu erwarten.\" (Gewiss, nun und nimmer-\nmehr!)\nHerr Dr. Damrosch griff zu der gewohnten Taktik der\nZukunftsmusiker, ihre wenn auch verschmähten Producte\ndoch immer und immer wieder auf den Markt zu bringen,\nund kitzelte die widerspänstigen Ohren der Breslauer so\nlange mit den Zauberklängen des famosen Tonstückes\n„Les Preludes\" ,bis den gemarterten Zuhörern endlich der\nFaden der Geduld riss und sie den unliebsamen Gast, wie\nschon gesagt, durch wiederholtes Murren und Zi-\nschen los zu werden suchten. Darüber gerieth Herr Dr.\nDamrosch in Harnisch, trat hervor und bemühte sich,\ndurch eigenhändiges Klatschen dem Publicum den\nWerth des besagten Tongebildes zu octroyiren. Wiederum\nein höchst charakteristisches Zeichen an den Zukunftsmu-\nsikern, die sich von dem Geschmack des Publicums durch-\naus nicht irre führen lassen, sondern als „Alleinherr-\nscher auf dem Gebiete der Kritik\" unbarmherzig\ndie Knute schwingen, um die rebellischen Zuhörer zur\nRaison zu bringen. Hat doch Herr Hans von Bülow in\nseinem letzten Concerte im Saale der Sing-Akademie zu\nBerlin, das mit allen nur möglichen Leckerbissen der Zu-\nkunftsmusik ausgestattet war, noch ein viel stärkeres Mittel\nangewandt, die unliebsamen kritischen Aeusserungen der\n/\"uhörer niederzuschlagen, dadurch, dass er die Unzufrie-\ndenen aufforderte, den Saal zu verlassen. Nun, ihr\nHerren, so geht doch nur gleich einen Schritt weiter und\nlasset die Störenfriede (die sich allerwärts zu finden schei-\nnen), wenn sie für ihre klingende Münze sich ein Urtheil\nzu fallen erdreisten, sofort aus dem Saale hinauswerfen!\nDas ist einzig und allein das wirksamste Mittel, der Zu-\nkunftsmusik ungehindert Eingang zu verschaffen; denn\nnur dann, wenn kein einziger vernünftiger Mensch mehr\neuren schwülstigen Ausgeburten einer kranken Phantasie,\neuren krampfhaften Anstrengungen, auf Kosten der Wahr-\nheit und Schönheit durchaus „originel\" zu erscheinen,\nGehör leiht—erst dann werdet ihr euch ungestört in der\nOlla potridaungegohrener Gedanken mit stiller Liebe und\nInbrunst vertiefen können. In der guten alten Zeit wur-\nden schlechte Stücke und Komödianten ausgepfiffen, re-\nspective, wenn sie nicht weichen wollten, mit faulen Aepfeln\nvon der Bühne beseitigt; jetzt bat sich das Blatt gewendet,\ndie Künstler selbst üben die Kritik und werfen das Publi-\ncum zum Tempel hinaus, wenn dasselbe an kunstlosen\nProductionen keinen Gefallen findet. Die Welt ist rund\nund muss sich dreh'n."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-02-12-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-02-12_01#c004", "volume": "bmtnabi_1859-02-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "54", "page_fin": "55", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.2.4", "titre_corps": "Entzifferung der Neumenschrift des uralten Kirchen- und Choral-Gesanges.", "titre_sommaire": "Entzifferung der Neumenschrift des uralten Kirchen- und Choral-Gesanges.", "signature_source": "Mettenleiter", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.6", "debut_caractere": 3813, "fin_caractere_exclue": 5204, "texte": "Entzifferung der Neumenschrift des uralten Kirchen-\nund Choral-Gesanges.\n\nSt. Gallen, Mitte Januar 1859,\nIn der Stifts-Bibliothek von St. Gallen liegen, wie je-\ndem Archäologen wohlbekannt, eine Menge prachtvoller\nHandschriften aus dem neunten und zehnten Jahrhundert\nNamentlich reichhaltig ist die Sammlung alter Kirchenge-\nsänge, deren Melodieen in der so genannten Neu men-\nschrift notirt sind. Diese Handschriften sind wahre Pracht-\nwerke, auf feinem Pergamente, welches purpurroth ge-\nfärbt ist, mit Silber- oder Gold-Öinte geschrieben. Die\nAnfangsbuchstaben sind reich mit Gold verziert. Dieselben\nsind jetzt noch nach neunhundert bis tausend Jahren so\nfrisch erhalten, als wären sie kaum einige Tage alt. Der\ngelehrte St. Gallische Geschichtschreiber Ildefons von Arx\nsagt darüber in seinem Werke: „Man (die St. Gallischen\nBenedictiner-Mönche) arbeitete sich in die Hände; einige\nverfertigten das Pergament, andere zogen die Linien, an-\ndere schrieben die Bücher, andere vergoldeten die Titel\nund Anfangsbuchstaben, andere malten sie aus, und andere\nverglichen das Geschriebene, mit dem Original, und die\nletzten banden dasselbe gewöhnlich in fast einen Zoll dicke\neichene, mit Leder, Elfenbein oder Metall überzogene\nBretter. Weil die Bücher nicht in Cursiv, sondern in Mi-\nnuskel oder Uncial geschrieben wurden, und darum der\nSchreiber bei jedem Buchstaben absetzen musste, ging das"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3436, "texte": "Schreiben sehr mühevoll und langsam von Statten. Der\nDienst, welchen die Klöster mit diesem Bücherschreiben\nder Welt leisteten, kann nie hoch genug gewürdigt werden.\n„In der Musik waren die St. Gallischen Mönche die\ngrössten Meister jener Zeit; ihre Sequentiell wurden, nach-\ndem die Papste solche in den Messgesang aufgenommen\nhatten, in ganz Europa gesungen. Heute ist noch nie ein\nMusikstück der berühmtesten Tonkünstler mit grösserem\nEntzücken und Beifall aufgenommen worden, als König\nKonrad I. mit seinem Hofe ein Stück anhörte, welches ein\nMönch von St. Gallen zu Mainz, wo er Professor war, am\nOstertage mit zwei Bischöfen, seinen ehemaligen Lehrjün-\ngern, absang. Er, die Königin und des Königs Schwester\nrissen den Sänger zu sich, nahmen ihre Ringe von den\nHänden und steckten sie ihm an die Finger. Damals\nmachte immer derjenige, welcher die Sequenz erfand, auch\nden Sing-Text dazu. Für ihre Musiknoten hatten sie noch\nkeine Tonleiter, sie bedienten sich anstatt derselben ver-\nschiedener Zeichen, Striche und Punkte (d. h. der so ge-\nnannten Neumenschrift), um die Töne damit zu bestimmen»\nDie Musik ward den St. Gallern von Rom gebracht. Ro-\nman, ein Sänger des Papstes, welchen Kaiser Karl der\nGrosse für die Kirche zu Metz von Rom verschrieben halte,\ngab ihnen darin den ersten Unterricht, und zwar um desto\nlieber, weil er zu St. Gallen in einer Krankheit, von der\ner auf einer Reise nach Deutschland war befallen worden,\ndie bereitwilligste Unterstützung gefunden hatte. Ein Ge-\nsangbuch (Antiphonarium), welches ein aus dem durch die\nNormänner verwüsteten Gimedia entflohener Priester mit\nsich'nach St. Gallen brachte, belebte da die Musikkenner,\nbesonders den heiligen Notker, auf ein Neues.\"\n'So weit der ehrwürdige Ildefons von Arx, der letzte\nBenedictiner-Mönch St. Gallens, in seiner Geschichte, die\ner 1810 drucken liess. In einer hierauf bezüglichen Note\nfügt er noch bei, die Bedeutung derselben nämlich der\nunentzifferten Musikzeichen der Neumenschrift - könnte\nmit Beihülfe einer alten Handschrift des Gotteshauses Ein-\nsiedeln von einem Musikkenner leicht gefunden werden.\nSo leicht war denn dieses Auffinden des geheimniss-\nvollen verloren gegangenen Schlüssels zu jenen alten Me-\nlodieen doch nicht. Vergebens strengten die Forscher\nälterer und neuerer Zeit all ihren Scharfsinn an, um ein\nVerständniss dieser musicalischen Hieroglyphen zu er-\nzwecken; aller Mühe schienen die räthselhaften Zeichen\nzu spotten, bis es dem unermüdeten Eifer, der Begeisterung\nfür einen so edlen Zweck und dem wunderbaren Scharf-\nsinne des Paters Anselm Schubinger, Capitulars von\nEinsiedeln, gebürtig aus Uznach, Canton St. Gallen, ge-\nlang, die Pforten zu der verzauberten Burg des uralten\nKirchengesanges zu eröffnen. Welch ein herrliches Ereig-\nniss für alle Freunde jener lebenskräftigen, glaubens- und\nliebestarken dahingegangenen Jahrhunderte! Die gleiche\nNeumenschrift ist vor tausend Jahren von dem Stifte\nSt. Gallen aus für die Kirchen- und wahrscheinlich auch\nfür die profane Musik im ganzen Abendlande eingeführt\nworden, so dass die Entdeckung Schubinger's für die nä-\nhere Kenntniss des Mittelalters eine universelle genannt\nwerden darf. Herr P. Anselm Schubinger hat seine For-\nschungen in einem wahren Prachtwerke, Farbendruck und\nFacsimilibus Einsiedeln, Verlag von Gebrüder Benziger\nunter dem Titel: Die Sängerschule St. Gallens\nvom achten bis zum zwölften Jahrhundert, ver-\nöffentlich!;.\n\nDr. Mettenleiter."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-02-12-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-02-12_01#c005", "volume": "bmtnabi_1859-02-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "55", "page_fin": "56", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Untehaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Untehaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.7", "debut_caractere": 3438, "fin_caractere_exclue": 6134, "texte": "Tages- und Untehaltungs-Blatt.\nKöln« In der IV» Soiree für Kammermusik hörten wir:\nViolin-Quartett von Mozart, Nr. 3 in B-dur Clavier-Quartett\nvon Mendelssohn, Op. 3 in H-rnoU—Yiolin-Quartett von Beet-\nhoven, Op. 74 in Es-dur. Die Ausführenden erwarben sich nament-\nlich bei dem Vortrage des letztgenannten Quartetts durch Zusam-\nmenspiel, Reinheit, treffliche und nirgends affectirte Nuancirung und\nrichtige Auffassung auch in Hinsicht der Tempi wiederholten Ap-\nplaus. Die Clavier-Partie in dem Mendelssohn'schen etwas langen\nund unruhigen Quartett spielte Herr Breunung mit bekannter\nVirtuosität, die denn auch besonders die zwei letzten Sätze zu bei-\nfälliger Geltung brachte. Sollte sich keiner von unseren Claviefspie-\nlern entschliessen, das grosse Septett oder das Quintett in Es-moll\nvon einem gewissen Hummel, der allerlei hübsche Ciaviersachen\ngeschrieben haben soll, unserem Soiree-Publicum einmal vorzuführen?\nHerr August Dlipont aus Brüssel ist seit einigen Tagen\nhier und hat in Privatcirkeln durch sein ganz ausgezeichnetes Cla-\nvierspiel wahres Aufsehen erregt, was gerade in diesem Kunstfache\nhier eben nicht leicht zu erreichen ist. Wir haben vor einigen Jah-\nren, als Herr Düpont seinen ersten Ausflug nach Deutschland\nmachte, den jugendlichen Künstler warm empfohlen, und der Bei-\nfall, den er auch in anderen musicalisch bedeutenden Städten er-\nlangte, bestätigte unsere Erwartungen. Seitdem hat Herr Düpont\nnicht nur in seinem Vaterlande Belgien eine ehrenvolle Laufbahn\ngemacht (er ist Professor am Conservatoire zu Brüssel), sondern hat\nauch sein Talent als Componist nach stets edler Richtung hin mit\nEifer und Glück cultivirt, und als ausübender Künstler eine Höhe\nder Technik erreicht, die den Zuhörer schwindeln macht. Sein Vor-\ntrag des Ciavierstückes, das er Staccato perp 4tuel betitelt hat\nund das zugleich eine sehr interessante und geistvolle Original-Com-\nposition ist, nicht etwa eine klingelnde Stickerei auf eine Opern-\nMelodie, ist in der That Staunen erregend ; eine so enorme Fertig-\nkeit und Ausdauer -des Handgelenks in einem wenigstens 7—B Mi-\nnuten anhaltenden Staccato ohne die geringste Pause, in Dop>p-el-\ngri'ffen der mannichfachsten Combinationen und am Ende eine wahr-\nhaft erschütternde Steigerung der Kraft und des Tempo's ist sicher-\nlich noch bei keinem Pianofortespieler angetroffen worden; selbst\nDreyschock's mit Recht berühmtes Octavenspiel wird dadurch über-\ntroffen.\nFräulein Bochkoltz-Falconi wird in drei Gastrollen auf dem\nStadttheater singen. Von lange nicht hier gehörten Opern wird\ngegenwärtig Marschner1 s „Vampyr'* studirt.\nDas grosse Concert des kölner Männer-Gesangver-\neins zum Besten des Schiller-Vereins in Marbach findet"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6405, "texte": "Donnerstag den 17. d. Mts. im grossen Saale des Gürzenich\nStatt. Ausser den aufzuführenden Männerchor-Gesängen mit und ohne\nOrchester werden wir auch Solo-Vorträge von Fräulein Bochkoltz-\nFalconi, Herrn Concertmeister David aus Leipzig und Herrn\nFerdinand Breun ung von hier hören.\nJ&sicflieaa« Fünftes Abonnements-Concert. Ein ganz be-\nsonderes Interesse gewährte die Mitwirkung von Herrn Musik-Direc-\ntor Karl fleinecke, welcher uns zuerst unter seiner Leitung seine\nOuvertüre zum Trauerspiele „Sophonisbe\" hören liess, ein Werk,\nreich an ansprechenden Melodieen, dessen Haupt-Thema, von der\nVioline angegeben, von der Clarinette aufgenommen und bald in\nDur, bald in Moll wiederkehrend, immer gleich sehr anzieht. Auch\nglänzt diese Ouvertüre durch ein kräftiges Colorit, durch eine Fülle\nvon Episoden und reiche Instrumentation, und überall empfindet man,\ndass es sich hier um ein Werk handelt, das frisch aus dem Geiste\nentsprungen ist. Herr Reinecke hatte Ursache, mit der Ausführung\nzufrieden zu sein, denn das Orchester, einige Unsicherheit in den\nbeiden ersten Tacten beim Einsetzen der Posaunen abgerechnet, trug\nsein in der That schwieriges Werk ausgezeichnet vor, und das Pu-\nblicum spendete den lebhaftesten Beifall. In Beethoven's C-moll-\nConcert, Nocturne von Chopin und Variationen über ein Thema von\nBach von eigener Composition hat Herr Reinecke durch sein brillan-\ntes Spiel den guten Ruf, den er als Virtuose geniesst, befestigt. Das\nPublicum erwies sich dem Künstler durch wiederholten Hervorruf\ndankbar. In dem ~Herbste\" von Haydn wurden die Chöre\ndurch unsere Sänger und Sängerinnen mit einem Feuer vorgetragen,\ndass wir, bestärkt durch die Temperatur des Saales, eher geglaubt\nhätten, mitten in den heissesten Sommer versetzt zu sein. Die Soli\nwurden von Fräulein Wölfel, den Herren Göbbels und Ackens\ngesungen, Das Duo der beiden ersten verdiente den lebhaftesten Bei-\nfall. Fräulein Wölfel sang mit liebenswürdiger Einfachheit und wurde\nvortrefflich von Herrn Göbbels unterstützt. Unser wackerer Ca-\npellmeister Herr Wüllner hatte den grössten Fleiss auf eine mög-\nlichst vollkommene Ausführung der von Beethoven\nverwandt. Da die Dauer des Concertes die übliche Zeit etwas über-\nschritten hatte, so ver liess das Publicum tli eil weise den\nSaal mitten iu der Aufführung. (!!)\nIn der letzten Instrumental-Vereins-Soiree kam eine Ouvertüre\nzur neuen Oper „Carlo Rosa\" von Bernhard Scholz, Capellmei-\nster zu Nürnberg, zur Aufführung. Man sieht es diesem W erke an,\ndass dem Componisten, der durch gute Compositionen bereits sehr\ngünstig bekannt ist, die Technik zu Gebote stellt; dieses Mal aber\nscheint er zu sehr an die gelehrten Formen gedacht zu haben; die\nUnmittelbarkeit der melodischen Gedanken wird vermisst'•**). Die Aus-\nführung dieser Ouvertüre, so wie Beetlioven's Egmont-Ouverture,\nMozart's Es-dwrrSinfonie und besonders des Letzteren Quintett für\nCiavier und Blas-Instrumente (die Clavier-Partie durch Herrn Wüll-\nner) war ausgezeichnet. N.\ni\n*** e&el« Die Capelle des 17. Infanteite-Regiments hat un-\nter der Direction ihres Capellmeisters Herrn Weissenborn hier\nAbonnements-Concerte veranstaltet, welche einen erwünschten Fort-\ngang haben In dem zweiten Concerte führte Herr Weissenborn eine\nSinfonie von seiner Composition auf. Wir maassen uns nicht an,\nnach einmaligem Hören, ein apodiktisches Urtheil zu fällen, sprechen\naber gern aus, dass dem künstlerischen Streben des Componisten,\nder mitten unter den zeitraubenden Geschäften seines Berufes Müsse\nzu so ernsten Studien zu finden weiss, die vollste Anerkennung ge-\nbührt. Das Werk hat uns im Ganzen angesprochen, besonders der\nzweite Satz, ein Andante cantabile, Das pikante Scherzo gefiel sehr;\nder breite rauschende Schlusssatz erinnerte mit seinem Posaunen-\nschalle an den bekannten Pilgerchor. Die Orchester-Vorträge lei-\nden freilich insgesammt durch den Mangel an Violinen, denn unsere\nStadt zählt nicht mehr, wie früher, tüchtige Dilettanten zur Ver-\nstärkung des Orchesters. Auch auf Vocalmusik werden wir wohl\nverzichten müssen, denn eine Vereinigung der vier hiesigen Sing-\nVereine ist nicht wahrscheinlich, indem dieselben sich lieber jeder\nfür sich zu ergötzen scheinen. Wo sind die Zeiten hin, in denen\nWesel, eine Stadt von 16,001) Einwohnern einschliesslich der Garni-\nson, die Schöpfung, die Jahreszeiten, den Samson, den Paulus u. s.\nw. aufführte und die Kunstfreunde der Umgegend herbeizog ?\n!iLr©si2Esaa©lÄ. Unser Gesang-Verein „Liederkranz\" hat diesen\nWinter Abonnements-Concerte eingerichtet, welche vielen Anklang\nfinden. In dem zweiten derselben (3<*. Januar) hörten wir auch zwei\nauswärtige Künstler, den Pianisten Herrn W. Wülfinghoff aus\nWiesbaden und den Violoncellisten Herrn Heinrich Pfeifer aus\nFrankfurt. Letzterer spielte eine Phantasie über Thema's aus der\nStummen von eigener Composition und eine andere von Batta Herr\nWülfinghoff bewährte sich in Compositionen verschiedenster Gattung\n(C/s-Mo//-Phantasie von Beethoven, Nocturne und Berceuse von Cho-\npin, Transscription von Wagncr's „Ahendstern'* von Le Charit\ndes Flenrs von Ascher, La Cascade von Pauer) als einen tüchtigen,\ngewandten und geschmackvollen Ciavierspieler.\nr * JFnsaiÄii4«raE!*£ a» M« Endlich wird Frankfurt auch einen\nConcert- und Ball-Saal erhalten. Er wird da zu stehen kommen, wo\ndas alte Theater stand, in welchem bis um die neunziger Jahre\nVorstellungen gegeben wurden. Das Haus steht noch und dient als\nMagazin. Eine Gesellschaft hat nun das ganze Areal (4(\\oüo Quadrat-\nfuss des „Junghofes\" dem jetzigen Besitzer für 82,500 Gulden zu\nobigem Zwecke abgekauft. Den Unternehmern, die einem höchst\nfühlbaren, wirklichen Bedürfnisse abzuhelfen vorhaben, ist der beste\nErfolg zu wünschen.\nParis, G. Februar. Die Studien der neuen Oper von Meyer-\nbeer werden am Theater der Opera comiqae mit grossem Eifer fort-\ngesetzt. Mad. Cabel und die Herren Faure und Sainte-Foy haben\ndie Haupt-Partieen. —Figarol s Hochzeit ist im TUdtre lyrique\nam 3. Februar lur jetzt zum letzten Male gegeben worden, weil\nMad. Duprez-Vondenheuvel diese Bühne verlässt, um drei Monate in\nLyon zu singen.\nAm G. Februar ist im dritten Conservatoire-Concerte\nHaydn's Schöpfung\" (ganzj aufgeführt worden. Solisten Dem.\nDorii s, Tochter des berühmten Flötisten, Herr Stockhausen\nu. s. w.\n*) Wie ist das? In dem Berichte aus Nürnberg in Nr. 6 dieser\nZeitung ist gesagt, dass die Oper „Carlo Rosa'* gar keine\nOuvertüre habe? Die Redaction."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nGluck1 s Armide. Schluss. Aus Breslau (Die Partei der Zukünftler). Entzifferung der Neumenschrift des ur-\nalten Kirchen- und Choral-Gesanges. Von Dr. Mettenleiter, Tages- und Un ter h al tun gsbl a tt (Köln, Vierte Soiree für Kam-\nmermusik, Herr Angust Düpont, Fräulein Bochkoltz-Falconi, Marsehner's Vampyr, Concert des Männer-Gesangvereins - Aachen, Fünftes\nAbonnements-Coneert Wesel, Militär-Abonnements-Concerte Kreuznach, Concerte Frankfurt a. M. Paris).\n\nGluck’s Armide.\n\n(Schluss. S. Nr 7.)\nIm dritten Acte ruft Armide die Furie des Hasses auf,\num sie von dem Gefühle, von dem sie beherrscht wird,\nzu befreien. Die Furie erhört ihren Wunsch, sie erscheint\nmit ihrem wilden Gefolge, schleudert Verwünschungen\nund Bannsprüche auf den Gott der Liebe und befiehlt ihm,\naus Armidens Busen zu verschwinden. Aber in Armidens\nHerzen ist die Liebe stärker als die Rache; sie bebt vor\ndem Gedanken zurück, dieses schmerzlich süsse Gefühl zu\nentbehren, und beschwört den Hass, es nicht aus ihrer\nBrust zu verbannen. Das empört die Furie des Hasses, sie\nverwünscht Armidens Schwachheit, überlässt sie der Liebe\nund weissagt ihr, dass diese gerade sie ins Elend stürzen\nwerde.\nDas musicalische Gemälde ist in dieser Scene von dü-\nsterer und furchtbarer Kraft und reisst Alles mit sich fort.\nWelch ein Genie war es, das nach den Honigbächen und\ndem Ambrosia-Duft in der Gartenscene für so ernste und\nfinstere Schilderungen Kraft und Leben finden lind dem\nSchrecken so tief ergreifende Töne verleihen konnte! Die-\nsen dritten Act der Armide müssen sich die neueren Mu-\nsiker zu einem besonderen Studium machen, die da glau-\nben, dass grosse Wirkungen nur durch brutale Lärm-\nstösse, die man dem Zuhörer versetzt, hervorgebracht wer-\nden können. Lärm ist stets das Zeichen der Ohnmacht bei\ndem Componisten; wer Phantasie und Gefühl hat, findet\nohne mühsame Anstrengung den richtigen Stil für seinen\nGedanken und verleiht ihm das gehörige Colorit durch\ndas Feuer der Begeisterung und Leidenschaft, nicht aber\ndurch Combinationen, deren ganzer Gehalt nur eine derbe\nKlangwirkung ist. Gluck ist einer von den vollkommenen\nMeistern, deren Gedanke an sich stark und voll ist und\nsich nicht durch die Masse von übermässigen Zuthaten er-\ndrücken lässt. Woher kommt es aber, dass Gluck ohne\ndie betäubenden und gemeinen Kunstmittel, ohne die Uni-\nsono's, ohne das ewige Dröhnen des Blechs, ohne das\nPauken- und Trommel-Gerassel, ohne allen diesen wohl-\nfeilen Prunk, der in seiner Ausartung weit weniger ein\nerhebender Glanz, als das ärmliche Erbtheil der Mittel-\nmässigkeit und das traurige Zeichen der Geistesdürre und\nder Geschmacks-Versunkenheit ist —, woher kommt es,\ndass er ohne dies alles mächtige Wirkungen hervorbringt?\nDaher, dass er das glückliche Talent der Erfindung, die\naus dem Herzen kommt, besitzt, die göttliche Flamme,\ndas pectus,was den Redner, den Dichter, den Musiker\nmacht. Häuft Combinationen auf Combinationen, verstärkt\nden Klang, so viel ihr wollt, macht Lärm über Lärm: ihr\nwerdet weiter nichts als gehaltloses Blendwerk für einen\nAugenblick schaffen, das der gute Geschmack und die Zeit\nnie als Kunstwerk bestätigen werden. Zur Unsterblichkeit\nführt allein die mens divinior, die Begeisterung, die nur\nGott seinen Auserwählten verleiht.\nDieser dritte Act, in welchem sich die Wogen von\nZorn und Hass auf einander drängen, beginnt mit einer\nArie voll Zartheit und Melancholie:\nArmide: Ali! sila liberte me doit etre ravie —.\nWir hören sie jetzt zuweilen in den Concerten des Conser-\nvatoires, aber sie macht keinen bedeutenden Eindruck,\nweil sie in dem matten und monotonen Stile einer Ro-\nmanze von Panseron gesungen wird. Freilich spricht Ar-\nmide auch von Schmerz und Ermattung, aber diese rührt\nnicht von einer Neigung her, die sie pflegt und hegt, son-\ndern von einer Leidenschaft, die ihren Stolz verletzt. Der\nAufschwung eines überwältigten Herzens steht den heftig-\nsten Ausbrüchen von Wuth sehr nahe, es ist die Wind-\nstille vor dem Sturme. Ein weichliches Schmachten im\nAusdruck nimmt ihm seinen ganzen Charakter. •\nGeht die Qual dieser Liebe ja doch so weit, dass ihr\nOpfer den Hass aufruft, sie davon zu befreien. Dieser Auf-\nruf: „ Venez! Haine implacable/\" ist eine Arie, die nicht"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.2", "texte": "ihres Gleichen hat. Der Plan derselben ist anderer Art, als\nbei Meverbeer's Aufruf der Nonnen im Robert, der übri-\n%)\ngens recht schön ist. Tasso's Verse:\nil raueo suon della Tartarea tromba\ngaben diesem letzteren das Recht, die ganze Blech-Macht\ndes Orchesters aufzubieten. Gluck wendet aber nicht ein-\nmal Trompeten dabei an; er unterstützt die Saiten-Instru-\nmente nur durch Hörner, Oboen und Fagotte. Die Oboen\nmischen nur hier und da einige Klagetöne in das loben\ndes Hasses der Zauberin. Die Pauken schweigen ganz\nstill; das Ohr folgt leicht und ohne Ermüdung den Fäden\ndieses wunderbaren Gewebes, das durch die einfachsten\nMittel die grösste Wirkung erreicht. Man höre nur den\ngehaltenen prägnanten Gang der Bässe, die in jedem Tacte\ndie zwei kräftigsten Noten des Accordes hinter einander\nangeben; dann wie sich die Accorde an einander ketten\nund durch Umkehrungen in den höchsten und schneidend-\nsten Tönen erscheinen; ferner die Violinen und Violen, die\nsich gleichsam tief aufathmend auf Sechszehnteln und syn-\nkopirlen Vierteln hinschleppen und von Seufzern unter-\nbrochen werden. Und welch ein Ausdruck von flehender\nBitte und Angst auf die Worte: l'amour!\"\nwelcher Ausbruch von wilder und schrecklicher Leiden-\nschaft am Schlüsse: „Ilendez-moi\nma für ew/\" Es ist nicht möglich, dieses gewaltige,\nBlitze sprühende Musikstück zu hören, ohne die Hände zu\nfalten vor Bewunderung.\nNun erscheint der Dämon oder die Furie des Hasses.\nMan erkennt sie an der Heftigkeit und Rauhheit ihrer\nTöne. Die Tonart A-dur leiht ihnen ihren Glanz, und der\nChor nimmt das Motiv der Arie wieder auf und macht es\nnoch rauher und schärfer durch geschickte Aenderungen\nund Ausführungen, die es bis zum höchsten Ausdruck von\nWuth und Leidenschaft steigern. Dann folgen zwei andere\nChöre; sie lassen die Spannung keineswegs ermatten, son-\nheben sie noch mehr durch ihren Ungestüm. Ich glaube\nnicht, dass die grosse Oper viele so kräftige, so leurige\nund so tragische Chöre besitzt. Das Ballet unterbricht sie:\ndie Furien schütteln ihre Fackeln. Man bedarf nicht des\nSchauens der Pantomime, um diese schauerlichen Bewoh-\nner des Abgrundes zu erkennen; die Musik allein macht\nsie sichtbar durch ihren drohenden Ton und ihren hölli-\nschen Jubel. Aber ohne alle kleinlichen Kunstmittel, ohne\nalle Marktschreierei; Gluck bedarf des Lärms der Blech-\nInstrumente und der raffinirten Klang-Zusammenstellungen\nnicht, die doch zu nichts weiter taugen, als zur Ver-\ndeckung der Leere und Bedeutungslosigkeit barocker Mo-\ntive. Man betrachte z. B. das Motiv des zweiten Tanzes in\n%-Tact, wie klar, frank und frei, entschieden, lebendig\nbetont! Die Violinen-Triolen sind scharf und herbe wie\ndas Zischen der Nattern auf den Häuptern der Eumeniden.\nDann arbeitet der Meister sein Thema mit gründlichem\nWissen aus, kühn, aber stets correct, stets dem gesunden\nGeschmacke gemäss, und seine überraschenden Modulatio-\nnen entwickeln sich auf chromatischem Grunde, der hier\nder Situation angemessen ist. Den Zuhörer sprechen diese\ndunkeln Tinten an, weil das Colorit des Ganzen sie ver-\nlangt. Diese Balletmusik ist ein Meisterstück von origineller\nErfindung und harmonischer Behandlung, und ich wun-\ndere mich, dass die Conservatoire-Concertc nicht manch-\nmal dem Ballette aus Iphigenie in Aulis, das alle Jahre\nzum Vortrage kommt, untreu werden, um ihrem so ge-\nduldigen, so lenksamen, so einerleifreundlichen Publicum\ndieses vollendete und höchst wirksame Stück vorzuführen.\nQuinault hatte den dritten Act mit den Verwünschun-\ngen der Furie des Hasses geschlossen. Gluck fürchtete,\ndass der düstere Charakter des Actes in den Zuhörern\neinen Eindruck von Monotonie hinterlassen könnte; er\nwünschte einen Contrast. Warum sollte Armidc, den\nSchmerzenspfeil im Busen, nicht den Gott der Liebe selbst\nanflehen, dessen Macht sie ja doch verfallen ist? Ihr Gebet\nwürde wie ein milder Lichtstrahl über den dunkeln\nSchreckenshimmel hinstreifen. Gluck fügte also vier erse\nin diesem Sinne hinzu:\nQuelle afreuse menace\nAmour, viens calmer ....\nund schlicsst den Act mit einem kurzen, sehr schönen An-\ndante der Armide, dessen Melodie aus der Tiefe des Her-\nzens quillt und mit bewundernswerther Kunst begleitet ist.\nIch möchte wohl wissen, welcher Componjst unserer\nTage es wagen würde, eine seiner grossen Scenen mit\neinem Sopran-Solo in ruhigem Tempo, ohne blühende Fer-\nmaten-Verzierung zu schliessen, oder ohne emphatisch\nsynkopirte Noten, die dem Sänger das Blut in den Kopf\ntreiben, bis der besoldete Enthusiasmus, von so grosser An-\nstrengung besiegt, das Zeichen zum Applaus gibt! Gluck\nkonnte allerdings mit einem furchtbaren Chor wie mit\neinem Gewitter zuletzt dreinschlagen; die neuere Oper\nwürde sich eine so willkommene Gelegenheit nicht nehmen\nlassen. Gluck hat sie verschmäht. Er war sich eines besse-\nren Mittels bewusst, die Seele des Zuhörers zu trcllen, er\nwandte sich an das Gefühl durch ergreifend rührenden\nGesang. Sein Triumph kann bei allen denen nicht zweilel-\nhaft sein, welche glücklich benutzte Gegensätze und natür-\nlichen Ausdruck durchdringendem Geschrei, forcirten\nSchluss-Tiraden und hyperbolischen Cadenzen vorziehen.\nWir kommen zum vierten Acte.\nÜbaldo und der dänische Bitter, von Gottfried gesandt,\num Rinaldo aus den Ketten Armidens zu befreien, haben\nden Widerstand der Phantome und reissenden Thiere,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.3", "texte": "welche die Zaubergärten umlagern, gebrochen und betre-\nten die reizenden Fluren. Hier versuchen die Dämonen\nihre Lockungen. Lucinde ladet sie durch einen lieblichen\nGesang, den der Chor bei der Wiederholung noch anmu-\nthiger macht, zu den Freuden ein, die ihrer hier harren.\nDer Tanz beginnt bei den Klängen einer Musik, welche\nwohl die reizendste sein möchte, die Genie und Grazie im\nBunde je erfunden haben. Diese frische, Lust und Liebe\nathmende Melodie hatte eine Popularität erlangt, deren\nNachhall wir noch in unserer Jugend gehört haben; sie\nwürde sie auch heute wieder finden, so rein und klar und\noriginel erfunden ist sie, so auserwählt in ihrem letzten\nRefrain. Es gibt Melodieen, die uns wie von einer günsti-\ngen Gottheit eingeflösst erscheinen; das Ohr schlürft sie\nmit Lust ein, das Gedächtniss sucht sie stets wieder, hegt\nund pflegt sie und hält sie auf immer fest. Eine solche ist\ndiese Tanz-Melcdie, eine Probe von der Sprache der Götter.\nAuch die folgende Arie der Lucinde, in welcher der\ndänische Ritter seine fern gewähnte Geliebte erblickt, ist\nso durchsichtig und lichtvoll, dass sie ebenfalls vom Him-\nmel herab gekommen zu sein scheint. Der Chor wieder-\nholt sie mit Zulhat schöner Harmonieen. Übaldo rettet\nden Gefährten: vor der Berührung mit seinem goldenen\nScepter verschwindet das Trugbild. Es sind dies musicali-\nsche Scenen, die in dem anmuthigen Stil, den Mozart sich\nip classischer Vollendung angeeignet hat, geschrieben sind.\nMozart hat, ich wiederhole es, Gluck gewiss sorgfältig\nstudirt. Er erinnert oft an ihn, ohne dadurch irgend etwas\nvon seiner Genialität und seiner Ursprünglichkeit zu ver-\nlieren. Es sind Meister von Einem und demselben Stamme,\nsie haben dieselbe Milch genossen und aus derselben gött-\nlichen Quelle getrunkeu.\nDie Verlockungen sind jedoch noch nicht am Ende;\nein anderes Trugbild, in Gestalt der Melissa, zeigt sich.\nDieses Mal glaubt Übaldo in ihr seine Geliebte zu sehen,\nund der strenge Held ist nahe daran, zu unterliegen, als\nder Gefährte ihm den Scepter entreisst und damit den\nTrug enthüllt. Ein heroisches Duett Beider schliesst den\nAct; es bildet einen stolzen Gegensatz gegen die weichen\nund zarten Gesänge, die vorhergehen. Das Terzett zwi-\nschen Melissa, Übaldo und dem dänischen Ritter ist melo-\ndisch und harmonisch recht hübsch und hat einige harmo-\nnische Aehnlichkeit mit dem ersten Theile des Sextetts im\nDon Juan oder mit den beiden Finalen in Figaro's Hochzeit.\nDer fünfte Act beginnt mit dem berühmten Duett\nO\nzwischen Armide und Rinaldo. Was für ein herrliches\nRecitativ leitet es ein! Welch ein Ausdruck! welch zartes\nund leidenschaftliches Gefühl in der Orchester-Begleitung!\nWTic wird das steife Französisch durch diese Musik ge-\nschmeidig und beinahe italiänisch! wie verschwinden die\nsonst so fatalen stummen e am Ende der Wörter unter\nden sanften Klängen! Mit wie kunstvoller Technik sind die\nWörter Armide, solitude, inquiet behan-\ndelt! - Aber auch alle Phrasen des Duetts sind ausge-\nzeichnet schön und charakteristisch, bald wahnsinnige Lei-\ndenschaft, bald ruhiges Entzücken. Die Melodie zu den\nWorten: „Non, rien nepeut changer mon ämeu, ist oft\nnachgeahmt worden; das ist das beneidenswerthe Loos der\nglücklichen Gedanken.\nArmide verlässt den Geliebten, die drohende Weissa-\ngung der Furie des Hasses lässt ihr keine Ruhe. Unter-\ndessen sollen von Neuem reizende Tänze und Gesänge\nRinaldo in Schlummer wiegen. Es gehörte ein fruchtbares\nGenie dazu, um bei diesen wiederholten einander ähnli-\nchen Situationen musicalisch nicht sich zu wiederholen und\nden Eindruck zu schwächen. Gluck ist hier aber wieder\nso neu und frisch, als hätte er den vierten Act gar nicht\ngeschrieben. Ausgezeichnet sind die Chaconne und der\nChor: „C'est l'amour\", dann die Sicilienne und das Solo\nmit Chor: „Jeunescoeurs\" etc.\nAber für Rinaldo hat nichts Reiz mehr, als Armidens\nLiebe und die Erinnerung daran. Er winkt Allen, sich zu\nentfernen, und spricht seine Stimmung in einer unvergleich-\nlich schönen Arie aus. Wiewohl deren Motiv sehr reii)\nund klar gezeichnet ist, so kann es doch nur in seiner\nwunderbaren Verschmelzung mit dem Gesänge der Instru-\nmente ganz gewürdigt werden; sein Charakter ist leiden-\nschaftliches Schmachten und tief rührende Melancholie.\nAlle Noten auf die Worte: etc. sind\nThränen. Ich begreife es nicht, dass unsere Tenoristen ihr\nRepertoire nicht mit diesem Stücke bereichern! Der sanfte,\nweiche Charakter schliesst indess eine gewisse Kühnheit\nbei den Worten: „Rien ne me—nicht aus; sie ent-\nspricht aber so gut der Aufregung der Seele und ist mit\nso viel Kunst und Maass angebracht, dass sie keineswegs\ngegen den Ton des Ganzen verstösst, sondern ihm im Ge-\ngentheil eine neue Würze gibt, die ihn noch mehr hervor-\ntreten lässt.\nDie beiden Ritter wählen den Augenblick der Einsam-\nkeit Rinaldo's, um ihm als Befreier zu nahen. In dem vor-\ngehaltenen Zauberspiegel sieht Rinaldo, vor Schaam errö-\nthend, seinen unwürdigen Zustand und rafft sich zu neuer\nT'natkraft empor. Armide erscheint; umsonst ihr Flehen\nund ihr Drohen: die beiden Ritter führen Rinaldo, ihn an\nEhre und Pflicht mahnend, von hinnen. Eine Arie der Ar-\nmide, die ihre Verzweiflung ausdrückt und einer der\nprachtvollsten lyrischen Ergüsse ist, krönt das tragische\nMeisterwerk. Die theatralische Maschinerie unterstützt den\nEffect des Schlusses; Armide befiehlt den Dämonen, den\nZauberpalast zu zerstören, um das Andenken an ihre Liebe\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.4", "texte": "unter seinen Trümmern zu begraben. Der Palast stürzt\nzusammen unter einem kräftigen Orchestersatze in D-moll,\nder plötzlich in D-dur schliesst ein Effect, der uns\ndurchschauert und seitdem freilich häufig geworden ist.\nDies ist die Oper Armide, die einst von Frankreich\nbewundert wurde und jetzt im Staube unter den vergesse-\nnen Partituren schläft. Nur einige Musikgelehrte kennen\ndas erhabene Werk und suchen darin den Genuss echter\nMusik oder studiren in ihm den Begriff von dem wahren,\neinfachen und natürlichen Schönen. Armidens und Rinal-\ndo's Partieen enthalten einen Reichthum von Pathos, der\ndie Begeisterung der grössten Künstler auf der Bühne an-\nregen sollte, und das ganze Werk würde ein gebildetes\nPublicum auch heute noch entzücken.\nNachdem Gluck am 15.*) November 1787 seine glän-\nzende Laufbahn beschlossen hatte, schlug sein Nebenbuh-\nler Piccini in dem Journal de Paris vor, eine Subscrip-\ntion zur Begründung eines Fonds für ein jährliches Con-\neert an dessen Todestage zu eröffnen. Dieses Concert sollte\nausschliesslich Compositionen von Gluck zur Aufführung\nbringen, „um, wie Piccini sagte, den Geist und Charakter\nderselben auf die nachfolgenden Jahrhunderte fortzupflan-\nzen und um als Muster des Stils und des Ganges der dra-\nmatischen Kunst den jüngeren Künstlern, die sich der\nMusik für das Theater widmen, vorgehalten zu werden\".\n(Grimm, Correspondence, Tb. 111., S. 691.) Aber leider\nist die Oper eine Schaubühne der Laune und der Unbe-\nständigkeit geworden. Ich habe die Höhe und das Sinken\nvon Paesiello und Cimarosa gesehen; im Jahre 1822\nhatte der Enthusiasmus für „Figaro's Hochzeit\" nur in\nder Bewunderung von Rossini's „Barbier\" seines Gleichen.\nZwanzig Jahre später blieb trotz Lablache und dem glän-\nzendsten Siebengestirn von Sängern „Figaro's Hochzeit\"\nverlassen um der süsslichen und weibischen Elegien Bel-\nlini's willen. Und Bellini, was ist aus ihm geworden? wo\nsind die Thränen der Rührung von ehemals geblieben?\nJa, Rossini selbst, dieser Fürst im Reiche der neueren\nMusik, theilt in seinem vergesslichen Vaterlande das Schick-\nsal der alten Classiker; man rühmt ihr Genie, man verehrt\nihre Namen, aber ihre Werke lies't Keiner mehr.\nMit Gluck ist es so weit gekommen, dass dasselbe\nOperntheater, dessen Gebieter und Ruhm er so lange war,\nnicht einmal einen Tag mehr für ihn übrig hat. Die Mode\nhat ihre Aenderungen, die Sonne ihre Finsternisse und das\nGlück seine Kehrseite:\n(Jesar n'a point d'asile repose,\nEt l'ami Pompignan cro\nValery (Eure), im October 1858.\n\nDer Präsident Troplong.\n\n*) Nicht am 17., wie irrthümlicli im Original stellt.\n\nAus Breslau\n)•\n[Die Partei der Zukünftler.]\nAuch in Breslau haben sich unter den Musikkennern,\nden wahren Künstlern (wozu sich natürlich alle diejeni-\ngen zählen, welche mit der Musik ihr Brod verdienen),\nden Dilettanten und Laien zwei Parteien gebildet, die ein-\nander feindlich gegenüber stehen: die Anhänger am Alten,\nd. h. am überwundenen Standpunkte, und die Verfechter\nder Zukunftsmusik. Schon vor ein paar Jahren spukte hier\nder Kobold der Zukunftsmusik in einem Paar Soireen, de-\nren Aufgabe darin bestehen sollte, das Terrain zu sondi-\nren, das Publicum für die mystischen Compositionen eines\nVolkmann, Brahms, C. Frank u. A. empfänglich zu ma-\nchen und so gewisser Maassen systematisch heranzubilden\nfür den bevorstehenden Genuss der „symphonischen Dich-\ntungen\" Liszt's. Merkwürdiger Weise verschwand dieser\nneckische Kobold alsbald wieder in das Reich des Unsicht-\nbaren. Nach zwei oder drei Soireen, in welchen die Zuhö-\nrer die Köpfe schüttelten oder gähnten, hatte dieser Spuk\ngeendet, wahrscheinlich weil sich das Publicum doch noch\n„zu dumm\" zeigte, um die ihm gebotenen gar zu hohen\nIdeen und phantastischen Ungeheuer verstehen und in suc-\ncum et sanguinemverwandeln zu können. Inzwischen\ngingen „Tannhäuser\" und „Lohengrin\" über die hiesige\nBühne; die Ruhigen, Besonnenen, die sich an das in ihren\nAugen immer noch einige Geltung habende Alte Anleh-\nnenden, fanden bei aller gerechten Anerkennung manches\nSchönen nicht das durchaus Neue, Bessere; das wilde Heer\naber der Zukunftsschwärmer kannte keine Gränzen, und\nwehe dem, der es gewagt hätte, noch fürder von einer\n„Iphigenie\", einem „Don Juan\", und wie das veraltete\nZeug heissen möge, zu sprechen. „Steinigt ihn! steinigt\nihn!\" mit diesem Rufe eines wüthenden, verblendeten Par-\nteigeistes übertäubte man Alles; die „Dummen\" liessen\nsich verblüffen und stimmten ein in das Freudengeschrei\nüber die Geburt des neuen Messias; die Klugen schwie-\ngen und trösteten sich mit dem Spruche: „Herr! vergib\nihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!\"\nMan suchte nun den Boden hier immer mehr und mehr\nzu bearbeiten und durch Wort und Schrift die unvernünf-\ntige Masse über die gewaltigen Offenbarungen der Zu-\nkunftsmusik unermüdlich aufzuklären, wozu sich auf dem\nFelde der Instrumentalmusik auch bald eine sehr günstige\nGelegenheit bot durch die Aufführung symphonischer Dich-\ntunsen von Fr. Liszt in einem Concerte der fürstlichen\nHofcapelle zu Löwenberg. Ein rühriger Diener des Herrn\nDr. Liszt, Herr Heinrich Gottwald, der schon einige Zeit\nvorher in hiesigen Zeitungen seine kritische Sendung als\n\n*) Auszug aus den wiener ??Recensionena u. s. w. Nr. 4."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.5", "texte": "Apostel der Zukunftsmusik angetreten, dem alten Gluck\nkindische Einfälle vorgeworfen hatte, u. dgl. m.—wall-\nfahrtete nun sofort zu dem gewaltigen Chef der Zukunfjg-\nmusiker, Fr. Liszt, nach Löwenberg und interpretirte dann,\nwie sich's gebührt, in den Zeitungen den immensen Gehalt\njener tiefsinnigsten Gedanken und Offenbarungen in den\nsymphonischen Dichtungen, die allerdings kein gewöhn-\nliches Ohr so leicht zu fassen vermöge, in die man sich\nerst mit innigster Liebe und Hingebung immer und immer\nwieder vertiefen .müsse, ehe es nur einiger Maasseh ge-\nlänge, dem räthselhaften Wesen dieser Schöpfungen auf\ndie Spur zu kommen oder zu deren Erfassung man, wie\nHerr Brendel meint, den Glauben mitbringen müsse.\nDass die Musiker von Fach zugleich die kritische Fe-\nder führen, ist ein charakteristisches Kennzeichen der Neu-\nzeit, und so sehen wir auch natürlich Herrn H. Gottwald\nseine kritischen Eier in das allgemeine Nest der Zukunfts-\nmusiker, die „Neue Zeitschrift für Musik\" in Leipzig,\nniederlegen.\nDurch gehaltvolle, wahrhaft künstlerische musicalische\nProducte sich in der Welt heutzutage Geltung zu verschaf-\nfen, ist gar zu sauer und zu schwer; viel leichter wird es,\nvon sich reden zu machen, wenn man sich irgend einer\nmusicalischen Clique anschliesst, bei einer höchst ober-\nflächlichen ästhetischen Bildung einige plausible Redens-\narten und gelehrt klingende Phrasen irgendwo zusammen-\nrafft und nun frisch weg durch die Verteidigung der Par-\nteisache, jedem Anderen ein gesundes Urtheil absprechend,\nsich den Anspruch auf Anerkennung und Dank der Ge-\nnossen vice versa erwirbt. Hauptsache dabei ist, vor allen\nDingen mit der erforderlichen Grobheit aufzutreten, da es\nsich weit weniger darum handelt, den Gegner durch über-\nzeugende Gründe zu schlagen, als ihn durch freches Ge-\nschrei zu betäuben.\nKurz darauf erschien als Kämpe für die Liszt'schen\nLorbern auf der musicalischen Schaubühne Herr Dr. Leo-\npold Damrosch, ein tüchtiger Geiger und wissenschaft-\nlich gebildeter Musiker, den die hiesige Musik-Gesellschaft\n„Philharmonie\" zu ihrem Dirigenten erwählt hatte. Der-\nselbe machte es sich zur Aufgabe, in den Concerten neuere\nCompositionen, hauptsächlich aber Werke der Zukunfts-\nmusik zur Geltung zu bringen, ausserdem die Schöpfungen\nBeethovens nicht als gewöhnlicher „Ruderknecht\"»son-\ndern im freiesten Liszt'schen Stile vorzuführen, wobei denn\ndurch willkürliche Beschleunigung und Zurückhaltung des\nTempo, durch allerhand überraschende Effecte und Schlag-\nlichter allerdings die bekannten Tonstücke eine gewisser\nMaassen neue, frappante Gestalt annahmen ob im Geiste\ndes Componisten oder Liszt's, wollen wir jedoch dahinge-\nstellt sein lassen.^—-Wir sind keineswegs so einseitiger Na-\ntur, dass wir nicht das Verdienst anerkennen möchten,\ndurch Vorführung neuerer Tonwerke die Kenntniss der\nmusicalischen Literatur zu erweitern; nur die Art und\nWeise, wie man dabei, lediglich im Geiste der Partei, ver-\nfährt, können wir nicht billigen. Den Glanzpunkt der Be-\nstrebungen des Herrn Dr. Damrosch bildete vor Kurzem\nsein. Benefiz-Concert, das ein Riesen-Programm von zehn\nPiecen darbot, deren letzte (nach zwei Ouvertüren, einem\nViolin-Concerte eigener Composition, dem Beethoven'schen\nClavier-Concerte in G-dur,den von Liszt, un-\ngarischen Rhapsodieen, mehreren Gesang-Piecen) ganz ge-\nmüthüch in der A-dur-Sinfonie von Beethoven bestand.\nMan sieht daraus, welche Ansprüche die Zukunftsmusiker\nan das Nerven-System der Zuhörer machen! Wir selbst\nleiden gerade an keiner schwächlichen Constitution, waren\naber nicht im Stande, das Programm bis zu Ende zu ver-\nschlingen, zumal uns durch ein im strengsten Stile der Zu-\nkunftsmusik gearbeitetes Violin-Conccrt des Herrn Dam-\nrosch und die Liszt'schen „Preludes\" gar zu wunderliche\nSpeisen vorgesetzt wurden. Herr von Bülow spielte das\nG-dur-Concvrt von Beethoven mit bekannter Virtuosität,\nentstellte aber diese wundervolle Composition durch einge-\nlegte Cadenzen (wahrscheinlich eigener Arbeit), die mit\ndem Geiste und dem Charakter des Concertes im grellsten\nWiderspruche standen.\nWir hatten nun die Verwegenheit, in einem Referate\nüber dieses Concert in der Schlesischen Zeitung unser Ur-\ntheil über die darin vorgeführte Zukunftsmusik ganz un-\numwunden, aber mit gerechter Anerkennung aller son-\nstigen Verdienste des Concertgebers auszusprechen, na-\nmentlich das Liszt'sche Wunderwerk\ndurchaus nicht so tiefsinniger Conception, so unergründ-\nlicher Natur zu finden, wie man uns gern glauben machen\nwollte; das Ganze erschien uns als der Erguss einer kran-\nken Phantasie, die sich gewaltig anstrengt, aber in ohn-\nmächtigem Kämpfen und Ringen nur eine Missgeburt zu-\nwege bringt. Diese Ansicht rief einen völligen Aufruhr\nim Lager der Zukunftsmusiker hervor. Herr Gottwald\nmachte seinem Groll folgender Maassen Luft in der Neuen\nZeitschrift für Musik: „Während Fachmusiker, die mit\nder neueren Richtung innig verwachsen, sich in den De-\ntails dieser wunderbaren Tonschöpfungen Liszt's nicht so-\nfort orientiren können, und der mächtige Zauber so vieler\nSchönheiten durch wiederholtes liebevolles Eingehen auf\ndie Intentionen des Componisten (ich sage mit Brendel weit\nwirksamer: durch den Glauben!) sich selbst diesen\nnach und nach erst vollständig entfaltet, haben wir in un-\nserem Breslau ein seltenes Phänomen musicalisch\nschneller Auffassung erlebt. In dem Berichte über\njenes Concert bemerkt ein namenloser Referent in einer"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.6", "texte": "hiesigen Zeitung: Ihr Gehalt (der der ist so\nseicht und auf der Oberlläche schwimmend, dass kein be-\nsonderer Scharfblick dazu gehört, ihn abzuwägen; sie ent-\nhalten nichts Reelles, nur Nebel und Rauch! 0 ihr vor-\ntrefflichen Leute! zu dem, was ihr herausgefunden habet,\ngehört allerdings kein besonderer Scharfblick, wohl\no O\naber zu dem, was ihr nicht herausgefunden habet\n(zu diesem nichts als der Glaube und immer wieder der\nGlaube, sage ich). Derselbige Ulibischeff (o, hättet ihr\ndoch so viel gesundes Gehirn, wie dieser Mongole!) hat so-\ngar, hört, hört! sentimentale Phrasen, wie sie in Ballets\nvorzukommen pflegen, herausgewittert. In solchen Aeusse-\nrungen spricht sich der entschiedenste musicalische Kreti-\nnismus aus (wahrscheinlich waren die Leute, welche sich\nselbst bei wiederholter Aufführung der Preludes immer\nnoch nicht in die Schönheiten des Werkes zu vertiefen\nvermochten, ja, sich sogar durch Murren und Zischen eine\nweitere Beglückung ihrer Gehörs-Werkzeuge mit diesem\nTonstücke verbaten sämmtlich „ „Kretins\"\"), dem wir\nunsere aufrichtige Theilnahme unmöglich versagen können.\nVor solchen Gegnern, die endlich nach Anhören eines so\nwunderbaren Tongebildes wie die sich zu dem\nAusrufe gedrängt fühlen, die heilige Cäcilia möge sie für\nalle Zukunft in Gnaden vor den Wärtern einer solchen\nProgramm-Musik bewahren, ist selbstverständlich für alle\nZukunft nichts zu erwarten.\" (Gewiss, nun und nimmer-\nmehr!)\nHerr Dr. Damrosch griff zu der gewohnten Taktik der\nZukunftsmusiker, ihre wenn auch verschmähten Producte\ndoch immer und immer wieder auf den Markt zu bringen,\nund kitzelte die widerspänstigen Ohren der Breslauer so\nlange mit den Zauberklängen des famosen Tonstückes\n„Les Preludes\" ,bis den gemarterten Zuhörern endlich der\nFaden der Geduld riss und sie den unliebsamen Gast, wie\nschon gesagt, durch wiederholtes Murren und Zi-\nschen los zu werden suchten. Darüber gerieth Herr Dr.\nDamrosch in Harnisch, trat hervor und bemühte sich,\ndurch eigenhändiges Klatschen dem Publicum den\nWerth des besagten Tongebildes zu octroyiren. Wiederum\nein höchst charakteristisches Zeichen an den Zukunftsmu-\nsikern, die sich von dem Geschmack des Publicums durch-\naus nicht irre führen lassen, sondern als „Alleinherr-\nscher auf dem Gebiete der Kritik\" unbarmherzig\ndie Knute schwingen, um die rebellischen Zuhörer zur\nRaison zu bringen. Hat doch Herr Hans von Bülow in\nseinem letzten Concerte im Saale der Sing-Akademie zu\nBerlin, das mit allen nur möglichen Leckerbissen der Zu-\nkunftsmusik ausgestattet war, noch ein viel stärkeres Mittel\nangewandt, die unliebsamen kritischen Aeusserungen der\n/\"uhörer niederzuschlagen, dadurch, dass er die Unzufrie-\ndenen aufforderte, den Saal zu verlassen. Nun, ihr\nHerren, so geht doch nur gleich einen Schritt weiter und\nlasset die Störenfriede (die sich allerwärts zu finden schei-\nnen), wenn sie für ihre klingende Münze sich ein Urtheil\nzu fallen erdreisten, sofort aus dem Saale hinauswerfen!\nDas ist einzig und allein das wirksamste Mittel, der Zu-\nkunftsmusik ungehindert Eingang zu verschaffen; denn\nnur dann, wenn kein einziger vernünftiger Mensch mehr\neuren schwülstigen Ausgeburten einer kranken Phantasie,\neuren krampfhaften Anstrengungen, auf Kosten der Wahr-\nheit und Schönheit durchaus „originel\" zu erscheinen,\nGehör leiht—erst dann werdet ihr euch ungestört in der\nOlla potridaungegohrener Gedanken mit stiller Liebe und\nInbrunst vertiefen können. In der guten alten Zeit wur-\nden schlechte Stücke und Komödianten ausgepfiffen, re-\nspective, wenn sie nicht weichen wollten, mit faulen Aepfeln\nvon der Bühne beseitigt; jetzt bat sich das Blatt gewendet,\ndie Künstler selbst üben die Kritik und werfen das Publi-\ncum zum Tempel hinaus, wenn dasselbe an kunstlosen\nProductionen keinen Gefallen findet. Die Welt ist rund\nund muss sich dreh'n.\n\nEntzifferung der Neumenschrift des uralten Kirchen-\nund Choral-Gesanges.\n\nSt. Gallen, Mitte Januar 1859,\nIn der Stifts-Bibliothek von St. Gallen liegen, wie je-\ndem Archäologen wohlbekannt, eine Menge prachtvoller\nHandschriften aus dem neunten und zehnten Jahrhundert\nNamentlich reichhaltig ist die Sammlung alter Kirchenge-\nsänge, deren Melodieen in der so genannten Neu men-\nschrift notirt sind. Diese Handschriften sind wahre Pracht-\nwerke, auf feinem Pergamente, welches purpurroth ge-\nfärbt ist, mit Silber- oder Gold-Öinte geschrieben. Die\nAnfangsbuchstaben sind reich mit Gold verziert. Dieselben\nsind jetzt noch nach neunhundert bis tausend Jahren so\nfrisch erhalten, als wären sie kaum einige Tage alt. Der\ngelehrte St. Gallische Geschichtschreiber Ildefons von Arx\nsagt darüber in seinem Werke: „Man (die St. Gallischen\nBenedictiner-Mönche) arbeitete sich in die Hände; einige\nverfertigten das Pergament, andere zogen die Linien, an-\ndere schrieben die Bücher, andere vergoldeten die Titel\nund Anfangsbuchstaben, andere malten sie aus, und andere\nverglichen das Geschriebene, mit dem Original, und die\nletzten banden dasselbe gewöhnlich in fast einen Zoll dicke\neichene, mit Leder, Elfenbein oder Metall überzogene\nBretter. Weil die Bücher nicht in Cursiv, sondern in Mi-\nnuskel oder Uncial geschrieben wurden, und darum der\nSchreiber bei jedem Buchstaben absetzen musste, ging das"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.7", "texte": "Schreiben sehr mühevoll und langsam von Statten. Der\nDienst, welchen die Klöster mit diesem Bücherschreiben\nder Welt leisteten, kann nie hoch genug gewürdigt werden.\n„In der Musik waren die St. Gallischen Mönche die\ngrössten Meister jener Zeit; ihre Sequentiell wurden, nach-\ndem die Papste solche in den Messgesang aufgenommen\nhatten, in ganz Europa gesungen. Heute ist noch nie ein\nMusikstück der berühmtesten Tonkünstler mit grösserem\nEntzücken und Beifall aufgenommen worden, als König\nKonrad I. mit seinem Hofe ein Stück anhörte, welches ein\nMönch von St. Gallen zu Mainz, wo er Professor war, am\nOstertage mit zwei Bischöfen, seinen ehemaligen Lehrjün-\ngern, absang. Er, die Königin und des Königs Schwester\nrissen den Sänger zu sich, nahmen ihre Ringe von den\nHänden und steckten sie ihm an die Finger. Damals\nmachte immer derjenige, welcher die Sequenz erfand, auch\nden Sing-Text dazu. Für ihre Musiknoten hatten sie noch\nkeine Tonleiter, sie bedienten sich anstatt derselben ver-\nschiedener Zeichen, Striche und Punkte (d. h. der so ge-\nnannten Neumenschrift), um die Töne damit zu bestimmen»\nDie Musik ward den St. Gallern von Rom gebracht. Ro-\nman, ein Sänger des Papstes, welchen Kaiser Karl der\nGrosse für die Kirche zu Metz von Rom verschrieben halte,\ngab ihnen darin den ersten Unterricht, und zwar um desto\nlieber, weil er zu St. Gallen in einer Krankheit, von der\ner auf einer Reise nach Deutschland war befallen worden,\ndie bereitwilligste Unterstützung gefunden hatte. Ein Ge-\nsangbuch (Antiphonarium), welches ein aus dem durch die\nNormänner verwüsteten Gimedia entflohener Priester mit\nsich'nach St. Gallen brachte, belebte da die Musikkenner,\nbesonders den heiligen Notker, auf ein Neues.\"\n'So weit der ehrwürdige Ildefons von Arx, der letzte\nBenedictiner-Mönch St. Gallens, in seiner Geschichte, die\ner 1810 drucken liess. In einer hierauf bezüglichen Note\nfügt er noch bei, die Bedeutung derselben nämlich der\nunentzifferten Musikzeichen der Neumenschrift - könnte\nmit Beihülfe einer alten Handschrift des Gotteshauses Ein-\nsiedeln von einem Musikkenner leicht gefunden werden.\nSo leicht war denn dieses Auffinden des geheimniss-\nvollen verloren gegangenen Schlüssels zu jenen alten Me-\nlodieen doch nicht. Vergebens strengten die Forscher\nälterer und neuerer Zeit all ihren Scharfsinn an, um ein\nVerständniss dieser musicalischen Hieroglyphen zu er-\nzwecken; aller Mühe schienen die räthselhaften Zeichen\nzu spotten, bis es dem unermüdeten Eifer, der Begeisterung\nfür einen so edlen Zweck und dem wunderbaren Scharf-\nsinne des Paters Anselm Schubinger, Capitulars von\nEinsiedeln, gebürtig aus Uznach, Canton St. Gallen, ge-\nlang, die Pforten zu der verzauberten Burg des uralten\nKirchengesanges zu eröffnen. Welch ein herrliches Ereig-\nniss für alle Freunde jener lebenskräftigen, glaubens- und\nliebestarken dahingegangenen Jahrhunderte! Die gleiche\nNeumenschrift ist vor tausend Jahren von dem Stifte\nSt. Gallen aus für die Kirchen- und wahrscheinlich auch\nfür die profane Musik im ganzen Abendlande eingeführt\nworden, so dass die Entdeckung Schubinger's für die nä-\nhere Kenntniss des Mittelalters eine universelle genannt\nwerden darf. Herr P. Anselm Schubinger hat seine For-\nschungen in einem wahren Prachtwerke, Farbendruck und\nFacsimilibus Einsiedeln, Verlag von Gebrüder Benziger\nunter dem Titel: Die Sängerschule St. Gallens\nvom achten bis zum zwölften Jahrhundert, ver-\nöffentlich!;.\n\nDr. Mettenleiter.\n\nTages- und Untehaltungs-Blatt.\nKöln« In der IV» Soiree für Kammermusik hörten wir:\nViolin-Quartett von Mozart, Nr. 3 in B-dur Clavier-Quartett\nvon Mendelssohn, Op. 3 in H-rnoU—Yiolin-Quartett von Beet-\nhoven, Op. 74 in Es-dur. Die Ausführenden erwarben sich nament-\nlich bei dem Vortrage des letztgenannten Quartetts durch Zusam-\nmenspiel, Reinheit, treffliche und nirgends affectirte Nuancirung und\nrichtige Auffassung auch in Hinsicht der Tempi wiederholten Ap-\nplaus. Die Clavier-Partie in dem Mendelssohn'schen etwas langen\nund unruhigen Quartett spielte Herr Breunung mit bekannter\nVirtuosität, die denn auch besonders die zwei letzten Sätze zu bei-\nfälliger Geltung brachte. Sollte sich keiner von unseren Claviefspie-\nlern entschliessen, das grosse Septett oder das Quintett in Es-moll\nvon einem gewissen Hummel, der allerlei hübsche Ciaviersachen\ngeschrieben haben soll, unserem Soiree-Publicum einmal vorzuführen?\nHerr August Dlipont aus Brüssel ist seit einigen Tagen\nhier und hat in Privatcirkeln durch sein ganz ausgezeichnetes Cla-\nvierspiel wahres Aufsehen erregt, was gerade in diesem Kunstfache\nhier eben nicht leicht zu erreichen ist. Wir haben vor einigen Jah-\nren, als Herr Düpont seinen ersten Ausflug nach Deutschland\nmachte, den jugendlichen Künstler warm empfohlen, und der Bei-\nfall, den er auch in anderen musicalisch bedeutenden Städten er-\nlangte, bestätigte unsere Erwartungen. Seitdem hat Herr Düpont\nnicht nur in seinem Vaterlande Belgien eine ehrenvolle Laufbahn\ngemacht (er ist Professor am Conservatoire zu Brüssel), sondern hat\nauch sein Talent als Componist nach stets edler Richtung hin mit\nEifer und Glück cultivirt, und als ausübender Künstler eine Höhe\nder Technik erreicht, die den Zuhörer schwindeln macht. Sein Vor-\ntrag des Ciavierstückes, das er Staccato perp 4tuel betitelt hat\nund das zugleich eine sehr interessante und geistvolle Original-Com-\nposition ist, nicht etwa eine klingelnde Stickerei auf eine Opern-\nMelodie, ist in der That Staunen erregend ; eine so enorme Fertig-\nkeit und Ausdauer -des Handgelenks in einem wenigstens 7—B Mi-\nnuten anhaltenden Staccato ohne die geringste Pause, in Dop>p-el-\ngri'ffen der mannichfachsten Combinationen und am Ende eine wahr-\nhaft erschütternde Steigerung der Kraft und des Tempo's ist sicher-\nlich noch bei keinem Pianofortespieler angetroffen worden; selbst\nDreyschock's mit Recht berühmtes Octavenspiel wird dadurch über-\ntroffen.\nFräulein Bochkoltz-Falconi wird in drei Gastrollen auf dem\nStadttheater singen. Von lange nicht hier gehörten Opern wird\ngegenwärtig Marschner1 s „Vampyr'* studirt.\nDas grosse Concert des kölner Männer-Gesangver-\neins zum Besten des Schiller-Vereins in Marbach findet"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590212-01.1.8", "texte": "Donnerstag den 17. d. Mts. im grossen Saale des Gürzenich\nStatt. Ausser den aufzuführenden Männerchor-Gesängen mit und ohne\nOrchester werden wir auch Solo-Vorträge von Fräulein Bochkoltz-\nFalconi, Herrn Concertmeister David aus Leipzig und Herrn\nFerdinand Breun ung von hier hören.\nJ&sicflieaa« Fünftes Abonnements-Concert. Ein ganz be-\nsonderes Interesse gewährte die Mitwirkung von Herrn Musik-Direc-\ntor Karl fleinecke, welcher uns zuerst unter seiner Leitung seine\nOuvertüre zum Trauerspiele „Sophonisbe\" hören liess, ein Werk,\nreich an ansprechenden Melodieen, dessen Haupt-Thema, von der\nVioline angegeben, von der Clarinette aufgenommen und bald in\nDur, bald in Moll wiederkehrend, immer gleich sehr anzieht. Auch\nglänzt diese Ouvertüre durch ein kräftiges Colorit, durch eine Fülle\nvon Episoden und reiche Instrumentation, und überall empfindet man,\ndass es sich hier um ein Werk handelt, das frisch aus dem Geiste\nentsprungen ist. Herr Reinecke hatte Ursache, mit der Ausführung\nzufrieden zu sein, denn das Orchester, einige Unsicherheit in den\nbeiden ersten Tacten beim Einsetzen der Posaunen abgerechnet, trug\nsein in der That schwieriges Werk ausgezeichnet vor, und das Pu-\nblicum spendete den lebhaftesten Beifall. In Beethoven's C-moll-\nConcert, Nocturne von Chopin und Variationen über ein Thema von\nBach von eigener Composition hat Herr Reinecke durch sein brillan-\ntes Spiel den guten Ruf, den er als Virtuose geniesst, befestigt. Das\nPublicum erwies sich dem Künstler durch wiederholten Hervorruf\ndankbar. In dem ~Herbste\" von Haydn wurden die Chöre\ndurch unsere Sänger und Sängerinnen mit einem Feuer vorgetragen,\ndass wir, bestärkt durch die Temperatur des Saales, eher geglaubt\nhätten, mitten in den heissesten Sommer versetzt zu sein. Die Soli\nwurden von Fräulein Wölfel, den Herren Göbbels und Ackens\ngesungen, Das Duo der beiden ersten verdiente den lebhaftesten Bei-\nfall. Fräulein Wölfel sang mit liebenswürdiger Einfachheit und wurde\nvortrefflich von Herrn Göbbels unterstützt. Unser wackerer Ca-\npellmeister Herr Wüllner hatte den grössten Fleiss auf eine mög-\nlichst vollkommene Ausführung der von Beethoven\nverwandt. Da die Dauer des Concertes die übliche Zeit etwas über-\nschritten hatte, so ver liess das Publicum tli eil weise den\nSaal mitten iu der Aufführung. (!!)\nIn der letzten Instrumental-Vereins-Soiree kam eine Ouvertüre\nzur neuen Oper „Carlo Rosa\" von Bernhard Scholz, Capellmei-\nster zu Nürnberg, zur Aufführung. Man sieht es diesem W erke an,\ndass dem Componisten, der durch gute Compositionen bereits sehr\ngünstig bekannt ist, die Technik zu Gebote stellt; dieses Mal aber\nscheint er zu sehr an die gelehrten Formen gedacht zu haben; die\nUnmittelbarkeit der melodischen Gedanken wird vermisst'•**). Die Aus-\nführung dieser Ouvertüre, so wie Beetlioven's Egmont-Ouverture,\nMozart's Es-dwrrSinfonie und besonders des Letzteren Quintett für\nCiavier und Blas-Instrumente (die Clavier-Partie durch Herrn Wüll-\nner) war ausgezeichnet. N.\ni\n*** e&el« Die Capelle des 17. Infanteite-Regiments hat un-\nter der Direction ihres Capellmeisters Herrn Weissenborn hier\nAbonnements-Concerte veranstaltet, welche einen erwünschten Fort-\ngang haben In dem zweiten Concerte führte Herr Weissenborn eine\nSinfonie von seiner Composition auf. Wir maassen uns nicht an,\nnach einmaligem Hören, ein apodiktisches Urtheil zu fällen, sprechen\naber gern aus, dass dem künstlerischen Streben des Componisten,\nder mitten unter den zeitraubenden Geschäften seines Berufes Müsse\nzu so ernsten Studien zu finden weiss, die vollste Anerkennung ge-\nbührt. Das Werk hat uns im Ganzen angesprochen, besonders der\nzweite Satz, ein Andante cantabile, Das pikante Scherzo gefiel sehr;\nder breite rauschende Schlusssatz erinnerte mit seinem Posaunen-\nschalle an den bekannten Pilgerchor. Die Orchester-Vorträge lei-\nden freilich insgesammt durch den Mangel an Violinen, denn unsere\nStadt zählt nicht mehr, wie früher, tüchtige Dilettanten zur Ver-\nstärkung des Orchesters. Auch auf Vocalmusik werden wir wohl\nverzichten müssen, denn eine Vereinigung der vier hiesigen Sing-\nVereine ist nicht wahrscheinlich, indem dieselben sich lieber jeder\nfür sich zu ergötzen scheinen. Wo sind die Zeiten hin, in denen\nWesel, eine Stadt von 16,001) Einwohnern einschliesslich der Garni-\nson, die Schöpfung, die Jahreszeiten, den Samson, den Paulus u. s.\nw. aufführte und die Kunstfreunde der Umgegend herbeizog ?\n!iLr©si2Esaa©lÄ. Unser Gesang-Verein „Liederkranz\" hat diesen\nWinter Abonnements-Concerte eingerichtet, welche vielen Anklang\nfinden. In dem zweiten derselben (3<*. Januar) hörten wir auch zwei\nauswärtige Künstler, den Pianisten Herrn W. Wülfinghoff aus\nWiesbaden und den Violoncellisten Herrn Heinrich Pfeifer aus\nFrankfurt. Letzterer spielte eine Phantasie über Thema's aus der\nStummen von eigener Composition und eine andere von Batta Herr\nWülfinghoff bewährte sich in Compositionen verschiedenster Gattung\n(C/s-Mo//-Phantasie von Beethoven, Nocturne und Berceuse von Cho-\npin, Transscription von Wagncr's „Ahendstern'* von Le Charit\ndes Flenrs von Ascher, La Cascade von Pauer) als einen tüchtigen,\ngewandten und geschmackvollen Ciavierspieler.\nr * JFnsaiÄii4«raE!*£ a» M« Endlich wird Frankfurt auch einen\nConcert- und Ball-Saal erhalten. Er wird da zu stehen kommen, wo\ndas alte Theater stand, in welchem bis um die neunziger Jahre\nVorstellungen gegeben wurden. Das Haus steht noch und dient als\nMagazin. Eine Gesellschaft hat nun das ganze Areal (4(\\oüo Quadrat-\nfuss des „Junghofes\" dem jetzigen Besitzer für 82,500 Gulden zu\nobigem Zwecke abgekauft. Den Unternehmern, die einem höchst\nfühlbaren, wirklichen Bedürfnisse abzuhelfen vorhaben, ist der beste\nErfolg zu wünschen.\nParis, G. Februar. Die Studien der neuen Oper von Meyer-\nbeer werden am Theater der Opera comiqae mit grossem Eifer fort-\ngesetzt. Mad. Cabel und die Herren Faure und Sainte-Foy haben\ndie Haupt-Partieen. —Figarol s Hochzeit ist im TUdtre lyrique\nam 3. Februar lur jetzt zum letzten Male gegeben worden, weil\nMad. Duprez-Vondenheuvel diese Bühne verlässt, um drei Monate in\nLyon zu singen.\nAm G. Februar ist im dritten Conservatoire-Concerte\nHaydn's Schöpfung\" (ganzj aufgeführt worden. Solisten Dem.\nDorii s, Tochter des berühmten Flötisten, Herr Stockhausen\nu. s. w.\n*) Wie ist das? In dem Berichte aus Nürnberg in Nr. 6 dieser\nZeitung ist gesagt, dass die Oper „Carlo Rosa'* gar keine\nOuvertüre habe? Die Redaction."}]}