{"numero_id": "bm-bmtnabi-1859-03-05-01", "volume": "bmtnabi_1859-03-05_01", "ocr_sha256": "4b664f28854a5c69ec14db1f564411f3995d35f5506ffcf4d99fa209a8ab8910", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1859/03/05_01/bmtnabi_1859-03-05_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1859-03-05-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-03-05_01#c001", "volume": "bmtnabi_1859-03-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "73", "page_fin": "73", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 381, "texte": "Inhalt.\nDie Normal-Stimmung (Bericht der französischen Commission). Ernst Theodor Mosewius (Biographische\nNacmchen) I. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Concert von August Dupont Neuwied, Aufführunng der „Schöpfung\"\nBerlin, Mozart s Lost lau mite,Qrchester-Concert Karlsruhe, Theater-Verhältnisse Freiburg Kegensburg, von Dr\nl roske Leipzig Dresden München Wien St. Petersburg)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-03-05-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-03-05_01#c002", "volume": "bmtnabi_1859-03-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "73", "page_fin": "75", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.2.2", "titre_corps": "Die Normal-Stimmung.", "titre_sommaire": "Die Normal-Stimmung.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.1", "debut_caractere": 383, "fin_caractere_exclue": 4038, "texte": "Die Normal-Stimmung.\nUnsere Leser wissen, dass das französische Ministerium\nam 17. Juli 1858 eine Commission von Musikern, Musik-\nGelehrten und Physikern anordnete, um in Frankreich eine\nNormal-Stimmung festzusetzen *). Die Commission hat ihre\nArbeiten beendigt und unter dem 1. Februar dieses Jahres\nihren Bericht an den Minister Fould erstattet. Bei der hi-\nstorischen und praktischen Wichtigkeit der Sache und der\nzu wünschenden allgemeinen Annahme der nunmehr wirk-\nlich festgesetzten pariser Stimmung geben wir den genann-\nten Bericht ohne wesentliche Auslassungen**).\nI.\nEs ist ausgemacht, dass im Laufe eines Jahrhunderts\ndie Stimmung sich fortwährend erhöht hat. Wenn die\nPartituren von Gluck, Monsigny und Gretry durch die\nLage der Stimmen nicht hinlänglich zeigten, dass diese\nWerke unter dem Einflüsse einer viel tieferen Stimmung,\nals die gegenwärtige ist, geschrieben worden, so würden\ndie Orgeln aus ihrer Zeit den unwiderleglichster. Beweis\ndavon liefern. Die Commission glaubte sich zunächst Re-\nchenschaft über diese merkwürdige Thatsache geben zu\nmüssen, und wie ein geschickter Arzt die Quellen des\nUebels zu erforschen strebt, ehe er an dessen Behandlung\ngeht, so hat sie sich mit der Aufsuchung oder wenigstens\nmit der Prüfung der Ursachen der Erhöhung der Stim-\nmung beschäftigt.\nDie eben erwähnten Orgeln zeigen eine um einen gan-\nzen Ton tiefere Stimmung, als die heulige. Allein in der\nOper jener Zeit war dieselbe noch tiefer. Rousseau sagt\nin seinem Dicüonnaire de musiunter dem Artikel\n[das jetzt gebräuchliche, aus dem Griechischen genommene\nWort diapason für Stimmung und Stimmgabel kannte\nman zu seiner Zeit noch nicht], „dass der Ton der pariser\nOper tie'er wäre, als der Capell-Ton.\" [Man unterschied\nauch in Deutschland den Chor-Ton, d. i. die Stimmung\nder Orgel, von dem Kammer-Tone, d. i. der Orchester-\nStimmung, und eine Menge alter Orgeln stehen auch bei\nuns noch jetzt im Chor-Tone.] üie Orchester-Stimmung\nwar also zu Rousseau's Zeit um mehr als einen ganzen\nTon tiefer, als heutzutage.\nTrotzdem forcirten die Sänger nach gleichzeitigen\nZeugnissen ihre Stimmen, sie schrieen. Wenn sie dies\nbei so tiefer Stimmung thaten, so hatten sie kein Interesse\ndaran, sie in die Höhe zu treiben, da diese grössere An-\nstrengung von ihrer Seite erfordert haben würde; über-\nhaupt kann der Sänger zu keiner Zeit und in keinem\nLande, weder früher noch jetzt, er mag gut oder schlecht\nsingen, für eine höhere Stimmung eingenommen sein, da\nsie seine Stimme angreift, seine Anstrengung und Ermat-\ntung vermehrt und seine Künstler-Laufbahn verkürzt. Die\nSänger sind also an der Erhöhung der Stimmung nicht\nschuld.\nDie Componisten sind geradezu Gegner der hohen\nStimmung, welche sie offenbar genirt. Je höher sie ist,\ndesto eher erreicht der Sänger die Gränze seiner Stimme,\ndie Entwicklung der Melodie wird dadurch also eher ge-\nhindert als befördert. Der Componist trägt den natürlichen\nTypus der Stimmen in sich; was er schreibt, dictirt ihm\nein Sänger, den er allein hört, der stets rein und gut singt\nund dessen Stimme eine wahre und gemässigte Stimmung\nhat, die im Ohr des Componisten heimisch ist. [Das ist\nmehr scheinbar als wahr; der Componist wird in sich nie-\nmals eine tiefere Stimmung der Töne, die er niederschreibt,\nvernehmen, als diejenige, die er von Kindheit an gehört\nhat und die seinem Ohr zur Natur geworden ist.] Der\nComponist kann also nur Interesse daran haben, für eine\nStimmung zu schreiben, die dem Sänger bequem ist und\nihn seihst mit mehr Freiheit seiner Phantasie folgen lässt.\n\nSiehe VI. Jahrgang d. 81., Nr. 31 vom 31. Juli 1858.\n**) Die in [—] eingeschlossenen Zusätze sind Bemerkungen der\nBedaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5317, "texte": "Uebrigens besitzt er ja auch kein Mittel, die Stimmung zu\nerhöhen. Er fabricirt keine Stimmgabeln, er gibt dem Or-\nchester nicht das aan, und man hat nie gehört, dass ein\nMaestro sich eine persönliche Stimmgabel habe machen\nlassen, um den Orchester-Ton zu erhöhen. Nein, der Com-\nponist schafft die Stimmung nicht, er ist ihr unterworfen.\nDas Steigen der Stimmung ist eine allgemeine, nicht\nbloss auf Frankreich beschränkte Thatsache; man darf\nalso nicht, wie es zuweilen geschieht, Frankreich allein die\nSchuld davon beimessen. Es kann weder zufällige, noch\nauf ein besonderes Land beschränkte Ursachen gehabt\nhaben. Der Grund kann nur auf einem bestimmenden\nPrincip, au! einem Interesse beruhen, und wir müssen also\nder gemeingültigen Regel gemäss nach denen fragen, die\nein offenbares Interesse an der Uebertreibung der Stim-\nmung hatten.\nDies sind allein die Fabricanten von Instrumenten. Je\nhöher der Ton, desto glänzender ist er. Der Fabricant\nstrebte danach, seinen Instrumenten immer mehr Ton zu\nverschaffen u. s. w. u. s. w. [Sollte es aber nicht auch\nBläser gegeben haben, die dem Fabricanten aufgegeben,\nihnen ein höher intonirtes Instrument zu machen, um etwas\nBesonderes für sich zu haben?]\n[Der Bericht kommt sodann zu dem Einflüsse der Mi-\nlitärmusik auf die Stimmung. Gründlicher und authenti-\nscher hat sich A. Schindler schon im 111. Jahrgang die-\nses Blattes, Nr. 8 vom 24. Februar 1855, darüber ver-\nbreitet, aus dessen Aufsatze auch die Notizen genommen\nsind, welche der französische Bericht aus einem Schreiben\ndes Herrn Kittl in Prag anführt. Ob Herr Kittl der Com-\nmission seine Quelle angegeben hat, wissen wir nicht.\nMit der Conclusion des Berichtes, dass die Erhöhung durch\ndie Fabricanten und die ausübenden Instrumental-Künst-\nler—von letzteren war aber bis dahin gar nicht die Rede\n—entstanden sei, sind wir einverstanden, wiewohl wir der\nMeinung sind, dass bei allen Erklärungen der Thatsache\nzu viel auf die materiellen Veranlassungen und zu wenig\nauf die geistigen, die sich der Messung und Wägung\nentziehen, geachtet wird. Es gibt Strömungen des Zeit-\ngeistes, die nicht bloss auf den Charakter der Kunstwerke,\nsondern auch auf die Kunst mitt el, auf die Art und Weise,\ndie Kunstwerke zur Erscheinung zu bringen, von Einlluss\nsind, und so möchte der Hang zum Vorwärts, zum Wei-\nter, zum Empor, am Ende zum Extremen, der die Mensch-\nheit unseres Jahrhunderts charakterisirt, auch bei der all-\nmählichen Steigerung der musicalischen Stimmung in An-\nschlag zü bringen sein. Mit dem Schlüsse des ersten\nAbschnittes, „dass es im wahren Interesse der Kunst liege,\ndie Stimmung bis zu gewissem Maasse zu erniedrigen\",\nsind wir ebenfalls einverstanden.]\nII.\n| Ueber den gegenwärtigen Stand der Stimmung in\nden verschiedenen Städten nicht nur in Frankreich, son-\ndern in allen civilisirten Ländern, suchte die Commission\nsich Nachrichten zu verschaffen und wandte sich desshalb\nan eine Menge von Orchester-Dirigenten, zugleich auch\nmit dem Ersuchen, derselben ihre Ansichten über die\nRäthlichkeit einer Festsetzung, namentlich einer Erniedri-\ngung, der Stimmung mitzutheilen.]\nIn diesem Sinne haben wir, fährt der Bericht fort,\nnach Deutschland, England, Belgien, Holland, Italien,\nselbst nach America geschrieben und schätzenswerthe Aus-\nkunft und Zustimmung erhalten. Alle, von denen uns Mit-\ntheilungen zugegangen sind, erkennen die gegenwärtige\nUebertreibung der Stimmung an und erklären sich dage-\ngen. Drei Musiker, unsere Landsleute, die Herren Daus-\nsoigne-Mehul, George Hainl und August Morel, theilen\nzwar die allgemeine Meinung, wünschen indess die Fest-\nstellung der gegenwärtigen pariser Stimmung, um ein wei-\nteres Steigen zu verhindern [in der Commission selbst muss\nauch H. Berlioz derselben Ansicht gewesen sein: vgl. Nr.\n52 d. 81. vom 25. December v. J.]. Dies würde unserer\nAnsicht nach den Zweck nicht erreichen ; es wäre ein Mit-\ntel, welches das Uebel in Schutz nimmt, das Uebel dem\nUebel entgegenstellt und es sanetionirt, anstatt es auszu-\nrotten. Alle übrigen Correspondenten sind einig in dem\nWunsche einer weniger hohen, übereinstimmenden, unver-\nänderlichen, wirklich internationalen Stimmung, nach der\nsich Alles, Sänger, Instrumentalisten und Instrumenten-\nbauer aller Länder richten sollten. [Folgen die Anführun-\ngen von Complimenten auswärtiger Musiker an Frankreich\nüber das Ergreifen der Initiative. Wieprecht in Berlin und\nHerr Doctor Furke (?) haben längere Aufsätze eingesandt,\nin denen die Sache gründlich behandelt wird.]\nDiese zahlreichen Zustimmungen, und von so bedeu-\ntenden Autoritäten, haben uns überzeugt, dass der Vor-\nschlag einer Herabsetzung der Stimmung in ganz Deutsch-\nland gut aufgenommen werden würde. | Das glauben wir\nauch.] Wir müssen übrigens daran erinnern, dass schon\nim Jahre 1834 eine Tonkünstler-Versammlung in Stutt-\ngart eine Erniedrigung vorschlug, nach welcher das von\n880 Schwingungen in der Secunde (in Paris jetzt von 896,\nin Berlin von 903) die Normal-Stimmung sein sollte. Viel-\nleicht wird die Einführung Anfangs auf einige Schwierig-\nkeiten stossen, zumal da Deutschland in so viele verschie-\ndene Staaten zertheiit ist. Allein nach einigen Schwankun-\ngen wird sich sicherlich ein gemeinsamer und unabänder-\nlicher Typus in diesem Lande feststellen, welches ein so\ngrosses Gewicht in das Schicksal der Tonkunst legt."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3560, "texte": "Aus Italien haben wir nur ein einziges Schreiben er-\nhalten, von Herrn Coccia, Dirigenten der philharmonischen\nAkademie zu Turin und Dom-Capellmeister in Novara. Er\nsandte uns eine turiner Stimmgabel, die etwas niedriger\nals die pariser steht, und ist ebenfalls für eine „mildere\"\nStimmung, als die jetzige.\nDie Herren Broadwood in London haben uns drei\nStimmgabeln eingeschickt, t'-Gabeln, welche alle drei in\nihrer Pianoforte-Fabrik für besondere Zwecke gebraucht\nwerden. Die erste, /VTon tiefer als die pariser Stimmung,\nwar vor 25—30 Jahren maassgebend in der philharmo-\nnischen Gesellschaft zu London. Die Herren Broadwood\nhaben sie mit richtigem Urtheil als die angemessenste zum\nGesänge beibehalten, und stimmen diejenigen von ihren\nInstrumenten danach, die zur Begleitung für Vocalmusik\nbestimmt sind. Die zweite, die viel höher ist, höher als die\npariser, dient ihnen im Allgemeinen zum Einstimmen der\nFlügel u. s. w., und mit ihr stimmen die dortigen Instru-\nmentalisten. Die dritte, noch höhere, gilt jetzt in der phil-\nharmonischen Gesellschaft. Zwischen Nr. 1 und Nr. 3 fin-\ndet ein Unterschied von beinahe einem halben Tone Statt.\n|Dies wäre ja ein curioses Ding!]\nHerr Bender, Musik-Director bei dem Regiment der\nGuiden in Brüssel, hat uns zwei Stimmgabeln geschickt,\ndie um einen halben Ton'verschieden sind; die tiefere gilt\nfür die Oper, die höhere für die Regimentsmusik. Herr\nBender bleibt seiner Stellung getreu; seine Regiments-\nStimmgabel ist die höchste von allen, die wir erhalten ha-\nben, und ist für Gesang unmöglich.\nHerr Capellmeister H. Lübeck, Director der Musik-\nschule im Haag, hat uns seine Stimmgabel gesandt, die\nein klein wenig tiefer steht, als die hiesige. Auch er hat,\nwie er uns schreibt, das fortwährende Steigen der Stim-\nmung zu bekämpfen gehabt, und wird sein Möglichstes\nthun, um dem zu bestimmenden Normal-Tone auch in\nHolland Eingang zu schaffen.\nDie Akademie zu Lille hat die höchste Stimmung nach\nBrüssel (Regimentsmusik) und London, also eine höhere,\nals Paris. Bordeaux etwas niedriger als Paris, Marseille\nunbedeutend niedriger als Paris, Lyon = Paris. Herr\nHainl in Lyon, -Herr Morel in Marseille und Herr Daus-\nsoigne-Mehul, Director des Conservatoire in Lüttich, sind\nfür die Fixirung des jetzigen pariser Tones. Toulouse im\nTheater nicht so hoch als Paris, in der Musikschule unge-\nfähr /VTon tiefer, was besonders wichtig ist, da Toulouse\neine sehr musicalische Stadt ist, die von je her unserer\nOper gute Sänger geliefert hat.\nDiese Stimmgabel der Musikschule von Toulouse\nist mit derjenigen des Hoftheaters von Karlsruhe, von\nwelcher sie nur um 4 Schwingungen verschieden ist, die\ntiefste von allen, die zu unserer Kenntniss gekommen sind.\nDas höchste a,bei der Musik der Guiden in Brüssel, macht\n911 Schwingungen in der Secunde, das niedrigste in Karls-\nruhe nur 870. (Noch etwas tiefer, jedoch nur um zwei\nSchwingungen weniger, steht die Stimmgabel Nr. 1 von\nBroadwood in London.) Diese Differenz beträgt nicht viel\nweniger als einen halben Ton, innerhalb dessen die jetzt\ngebräuchlichen Stimmungen schwanken.\nDen fast einstimmigen Wünschen einer Ermässigung\nder Stimmung und den ganz einstimmigen einer Fixirung,\ndas heisst einer auf freier Uebereinkunft beruhenden Gleich-\nmässigkeit derselben, gegenüber hat die Commission nach\nreiflicher Erwägung als Princip folgende zwei Vorschläge\neinstimmig angenommen:\n1. Es ist zu wünschen, dass die Stimmung erniedrigt\nwerde.\n2. Es ist zu wünschen, dass die erniedrigte Stimmung\nals unveränderlicher Regulator allgemein angenommen\nwerde.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-03-05-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-03-05_01#c003", "volume": "bmtnabi_1859-03-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "75", "page_fin": "79", "image_debut": 3, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.2.3", "titre_corps": "Ernst Theodor Mosewius.", "titre_sommaire": "Ernst Theodor Mosewius.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.3", "debut_caractere": 3562, "fin_caractere_exclue": 4877, "texte": "Ernst Theodor Mosewius.\nI.\nWir haben bei der Nachricht von dem plötzlichen\nHintritte des Directors der breslauer Sing-Akademie sei-\nnem Andenken in Nummer 39 vom 25. September vori-\ngen Jahres einen kurzen Nachruf gewidmet. Jetzt liegt\nuns ein Schriftchen vor, das sich „Erinnerungen an\nE. Tb. Mosewius\" nennt (Breslau, bei Joh. Urb. Kern,\n1859, 47 S. 8.), das zwar keine Ansprüche auf eine Bio-\ngraphie macht, aber doch einige Nachrichten über den\nLebenslauf des Dahingeschiedenen, übrigens aber eine an-\nziehende und warme Schilderung seiner Wirksamkeit an\nder genannten Akademie enthält, die wir jedem Freunde\ndesselben und allen Leitern von ähnlichen Vereinen em-\npfehlen.\nAus den biographischen Nachrichten theilen wir das\nHauptsächlichste auszugsweise mit und werden daran\neinige Briefe von Mosewius an uns als Herausgeber der\nNiederrheinischen Musik-Zeitung, die von allgemeinerem\nInhalt in Bezug auf Musik sind, reihen.\n„In den lebhaft angeregten Künstlerkreis, dessen Mit-\ntelpunkt in Breslau in den ersten Jahren nach den Be-\nfreiungskriegen das Theater, namentlich durch Männer\nwie der dramatische Dichter Karl Schall und die Schau-\nspieler Anschütz, Seidelmann, Schmelka, Stawinsky u. s. w.,\nbildete, traten im Jahre 1816 Mosewius und seine Frau,\naus Königsberg, seiner Vaterstadt, kommend, ein. Am\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5530, "texte": "-25. September 1788 daselbst geboren, hatte er einen\ngründlichen Schulunterricht genossen und die Absicht ge-\nhabt, sich gelehrten Studien zu widmen. Allein seine Liebe\nzur Kunst führte ihn auf einen anderen Lebenspfad. Schon\nin früher Jugend hatte er verschiedene musicalische In-\nstrumente spielen gelernt. Um die Posaune zu erlernen,\nbesuchte er die Kirchen, der Trompete wegen den Schloss-\nthurm, von welchem des Morgens, Mittags und Abends\nnach allen vier Seiten ein Lied geblasen wurde; den Con-\ntrabass lernte er bei Quartett-Proben im Theater spielen.\nSeine Mussestunden benutzte er jedoch zum lleiss'gen Stu-\ndium der deutschen Literatur, der Musik und zur Auf-\nfassung der Opern in ihrem ganzen Umfange. Seiner Fer-\ntigkeit auf der Bratsche verdankte er den Vorzug, in der\nZeit, als sich der Hof in Königsberg aufhielt, in die klei-\nnen musicalischen Cirkel eingeführt zu werden, welche\ndaselbst veranstaltet wurden, und in den Quartetten mit-\nzuwirken, in denen Prinz Anton Radziwill das Cello mit\nbekannter Meisterschaft spielte. Der Umstand, dass Mose-\nwius in so früher Jugend das Glück gehabt hat, in der\nNähe so hochstehender Personen sich bewegen zu lernen\nund mit Männern dabei in Berührung zu kommen, deren\nBedeutung die spätere Zeit ihn erst im vollsten Umfange\nhat erkennen lassen diesem Zufalle dankt er, wie er oft\nselbst ausgesprochen, nachhaltigen Einlluss auf sein ganzes\nLeben. Hier zuerst, in diesen höchsten Kreisen, trat ihm\ndie Würdigung des Menschen und des künstlerischen Ta-\nlentes in einer Weise entgegen, die den jungen Mann in\ndem ernsten Streben befestigte, nie von der Bahn abzu-\nweichen, die zur Erreichung des höchsten künstlerischen\nZieles führt und ohne Adel der Gesinnung und Veredlung\ndes ganzen inneren Menschen nicht erreicht werden kann;\nmit Einem Worte: er erkannte die Kluft, die den musica-\nlischen Handwerker vom Künstler trennt. Durch den tüch-\ntigen italiänischen Sänger Cartellieri erhielt er Unter-\nricht im Gesänge, Friedrich II iiier, der Sohn des be-\nrühmten leipziger Adam Hiller, wurde sein Lehrer in\nder Harmonie, und der Musik-Director Streber und\nFriedrich Sore, als musicalischer Schriftsteller und\nComponist nicht unbekannt, wurden ihm leitende Freunde\nund belehrende Rathgeber. Diese Beiden besassen bedeu-\ntende musicalische Bibliotheken, welche ihn zur Bekannt-\nschaft mit Cherubini, Mehul, Cimarosa, Isouard und den\nälteren Italiänern führte, die er eifrig studirte. Auch\nII immel, der damals in Königsberg lebte, hatte ihn lieb\ngewonnen und erfreute sich des jungen musicalischen En-\nthusiasten so sehr, dass er ihn gern um sich hatte. Seine\nherrliche, sich zum Bass hinneigende Baritonstimme hatte\ner inzwischen so weit ausgebildet, dass er bedeutende Par-\ntieen in der Oper mit Beifall des Publicums ausführte.\nGleiche Fortschritte machte er in der Mimik und fand in\nden Bretzner'schen, Jünger'schen und Kotzebue'schen Lust-\nspielen eine vortreffliche Schule für die Buffo-Rollen in\nder Oper. Sein grosses dramatisches Talent hatte ihn von\nselbst auf die Bühne geführt, und nach wenig Jahren war\ner bereits ein hochgeschätztes und beliebtes Mitglied der-\nselben. Hier lernte er nun bald seine Frau kennen, eine\neben so tüchtige und musicalisch durchgebildete Sängerin\nals treffliche Hausfrau, und da er sich schon im Jahre\n1810 mit ihr verheirathete, so fand der junge Mann in\nseiner geordneten Häuslichkeit die beste Müsse, ernste\nStudien für seine aligemeine und künstlerische Ausbildung\nmit dem ihm innewohnenden Eifer unablässig lortzusetzen.\nIm Jahre 1811 machte er mit seiner Frau eine Reise\nnach Berlin, wo Beide gastirten, und fand dort durch die\nBekanntschaft mit B. A. Weber, Bighini, Iflland,\nGern, Eunike und anderen grossen Künstlern die vor-\nzüglichste Gelegenheit zur Weiteren Ausbildung seiner sich\nimmer herrlicher entwickelnden Talente. Den bleibendsten\nEindruck aber machte auf ihn die Sing-Akademie, die ihn\nveranlasste, die Werke älterer Meister aufzusuchen und\ngenauer kennen zu lernen. Nach seiner Rückkehr in seine\nVaterstadt wurde er Mitglied des Comite's, welchem die\nLeitung der Bühne anvertraut war, und als ivotzebue\nim Jahre 1814 dieselbe übernahm, wurde er zum Opern-\nDi rector ernannt. Kotzebue erkannte bald mit Kenner-\nblick das bedeutende Schauspieler-Talent des jungen\nKünstlers und wusste in gerechter Würdigung die weitere\nEntfaltung desselben immer mehr zu leiten. Allein schon\nnach zwei Jahren lös'ten sich die bestehenden Verhältnisse\nauf, und Mosewius, der sich durch den theatralischen\nirkungskreis doch nicht vollständig befriedigt fühlte,\nwar eben im Begriffe, eine Musiklehrer-Stelle anzunehmen,\nals Anschütz, ihm seit Jahren persönlich befreundet, ihn\nveranlasste, auf ein Engagement für sich und seine Frau\nin Breslau einzugehen.\nIn den vorhin erwähnten Künstlerkreis trat nun Mo-\nsewius. In seiner überreichen, nach allen Seiten hin em-\npfänglichen und anregenden Natur war der tief ernste Sinn\nfür das Höchste und Heiligste mit der seltenen Gabe ver-\nbunden, durch übersprudelnden Witz und geistreiche Kin-\nfäile seine Umgebung unwillkürlich in seine eigene Stim-\nmung zu versetzen, und fast immer oder nur dann, wenn\ner selbst es nicht wollte, wurde er unbewusst der Mittel-\npunkt des Kreises, in welchen er getreten war. Sein Er-\nscheinen an der breslauer Bühne war der Beginn einer\nneuen Aera für die Oper. Durch seinen ernsten Eifer für\ndie würdige Darteilung classischer Kunstwerke aller Zeit\nund aller Gattung half er Aufführungen hier zu Stande\nbringen, wie sie vorher und nachher nicht mehr hier ge-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5426, "texte": "sehen und gehört worden sind. Als Osmin im Belmonte,\nLeporeilo, Figaro von Mozart und Rossini, Caspar im Frei-\nschütz und ähnlichen Partieen feierte er Triumphe, wie\nsie selten einem Künstler in gleicher Weise geworden und\nallen, die ihn in seiner Blüthezeit auf der Bühne gehört\nhaben, unvergesslich geblieben sind. Und wenn er an\neinem Abende durch seinen Alles mit sich fortreissenden\nHumor das Publicum als Figaro entzückt oder als Caspar\nin die entgegengesetzte Stimmung versetzt hatte, so spielte\ner am anderen Tage den treuherzigen Hans von Kottwitz\nin Kleist's Prinzen von Homburg, oder den Pater Lorenzo\nin Shakespeare's Romeo und Julia mit gleicher Vollen-\ndung, mit gleicher Wirkung, mit gleicher Hingabe an die\ngestellte Aufgabe und mit gleicher Achtung vor der Kunst,\nohne je nach dem Beilalle der Menge zu ringen. In kurzer\nZeit zählte er die bedeutendsten Männer Breslau's zu sei-\nnen nächsten Freunden, und namentlich vermittelte\nSchall, der, ausserhalb der Bühne stehend, dennoch\neinen Mittelpunkt für Gelehrte, Literaten und Künstler\nabgab, bald seine nähere Bekanntschaft mit Braniss,\nSteffens, von Raumer, von der Hagen und einer\ngrossen Zahl jüngerer Männer von künstlerischer Bedeu-\ntung. Neben seiner vielseitigen Thätigkeit an der Bühne\nhatte Mosewius jedoch nie eine Richtung verlassen, der\ner sich von dem Beginn seiner musicalischen Studien an\nmit Ernst und Interesse gewidmet: der Kenntniss der hö-\nheren geistlichen Musik und dem Studium der Geschichte\nderselben. SQhon in Königsberg war er mit Eifer Mitglied\neines Gesang-Vereins gewesen und hatte die Hörer dort\ndurch seinen Vortrag kirchlicher Gesangs-Partieen erho-\nben und entzückt. In das Studium dieser Richtung vertiefte\ner sich jedoch in Breslau immer mehr und mehr durch\ndie nähere Bekanntschaft mit dem Ober-Landesgerichts-\nrath von Winterfeld, dem feinen und tiefen Kenner\nernster und heiliger Musik, in dessen Hause er mit dem\nfreundlichsten Wohlwollen aufgenommen wurde, um bis\nzu seinem Tode demselben eng und innig verbunden zu\nbleiben. Mit Raumer führte ihn der Zufall zuerst in\neinem antiquarischen Laden zusammen, in welchem Beide,\nnach Sebastian Bach'schen Werken suchend und sich auf\ngleichem Wege findend, von dem ersten Begegnen an sich\nin innigem Verkehr gegenseitig anzogen und befreundeten.\nSchon im Jahre 1819 vereinigte er sich mit diesem und\nvon Winterleid zur Veranstaltung grösserer kirchlicher\nAufführungen; allein schon nach zwei Jahren sah man\nsich veranlasst, das Unternehmen wieder aufzugeben.\nDas Theaterleben in seinen Schattenseiten fing an,\nMos ewius immer unerträglicher zu werden, und seine\nKunst-Ansichten vertrugen sich immer weniger mit den\nGrundsätzen, denen der Pächter (seit 1823) und das Pu-\nblicum huldigten. Zu Anfang des Jahres 1825 trat er in\ndas Privatleben zurück und beabsichtigte, vorläufig durch\nSing-Unterricht einen Schillerkreis sich zu erwerben. Da\ntraf ihn 'der harte Schlag, dass seine treue Gattin, die\nMutter seiner fünf kleinen Kinder, nach kurzem Kranken-\nlager ihm durch den Tod entrissen wurde. Dennoch machte\ndieser Unglücksfall ihn in dem Vorsatze nicht wankend,\nder Kunst fortan auf seine Weise zu dienen und sich einen\nneuen Wirkungskreis zu gestalten. Er ging, mit wirksa-\nmen Empfehlungen versehen, nach Berlin und empfing\nvon dem Minister des Cultus von Altenstein die Ver-\nsicherung thätiger Hülfe, wenn es ihm gelänge, eine Sing-\nAkademie in Breslau zu begründen. Mit Zelter wurde\nRath gepflogen und die Einrichtung und Leistung der ber-\nliner Akademie genau studirt. Demnächst nach Breslau\nzurückgekehrt, versammelte Mosewius seine Gesanges-\nfreunde und begründete am 17. Mai 1825 mit einer klei-\nnen Schar nur 26 Personen die Breslauische Sing-\nAkademie. Die Sommer-Ferien aber wandte er an, seine\nVaterstadt Königsberg wiederzusehen, wo er zwölf Gast-\nrollen gab, um noch die Summe zu erwerben, welche er\nfür den Anfang seiner neuen Laufbahn nöthig hatte. Seit\njenem Sommer hat er die Bühne nirgend mehr betreten.\nWährend er nun der Akademie seine eifrigste Thätig-\nkeit widmete, begründete er neben derselben einen Ele-\nmentar-Cursus für junge Mädchen als Pflanzschule für jene.\nAm ersten Jahrestage ihrer Stiftung zählte die Akademie\nschon 58 Mitglieder. Am 8. April 1827 trat sie zum er-\nsten Male mit einer grossen Aufführung des Messias mit\nOrchester-Begleitung in die Oeffentlichkeit.\nIn demselben Jahre trat eine sehr günstige Wendung\nfür Mosewius' äussere Stellung ein, als er nach Berner's\nTode die Stelle als Musiklehrer an der Universität und\nDirector des königlichen akademischen Instituts für Kir-\nchenmusik erhielt. Freilich konnte man es in gewissen\nKreisen noch immer nicht überwinden, dass der Künstler,\ndessen Leporeilo man auf der Bühne belacht hatte, nun\nernste und heilige Musik aufführte! Aber als am 3. April\n1830 die Aufführung der Passions-Musik nach dem\nEvangelium Matthäus von J. Seb. Bach Statt gefunden,\nverstummten jene Stimmen gänzlich vor der allgemeinen\nAnerkennung der Tüchtigkeit der Akademie und ihres\nDirectors. Es war dies die zweite Aufführung des Werkes\nin unserem Jahrhundert; die erste hatte F. Mendelssohn\nin Berlin am 11. März 1829 veranstaltet.\nAus dem immer tieferen Einleben in den Sinn und\nGeist Bach's ging Mosewius' „musicalisch-ästhetische Ana-\nlyse der Matthäus-Passion\" hervor, die zwanzig Jahre spä-\nter erschien. Sie bekundet ihn als einen der grössten Ken-\nner Bach'scher Musik und sichert ihm ein ehrenvolles"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5391, "texte": "Denkmal in der musicalischen Literatur. Schriftstellerische\nThätigkeit füllte überhaupt die wenigen Mussestunden aus,\ndie ihm von der Beschäftigung mit der Musik übrig blie-\nben. Eine Reihe von Jahren schrieb er in der Breslauer\nZeitung, mit P. B. unterzeichnet, musicalische Recensio-\nnen, in denen er Ansichten niederlegte, die für den besse-\nren Theil des Publicums maassgebend wurden. Auch flös-\nsen mehrere Aufsätze aus seiner Feder, die er meistentheils\nin der von ihm gestifteten „musicalischen Section\" der\n„vaterländischen Gesellschaft\" vortrug, deren Secrclär er\nbis zu seinem Tode geblieben.\nHatte er auch das Studium der kirchlichen Musik zu\nseiner Lebens-Aufgabe gemacht, so wandte er doch seine\nThätigkeit auch den anderen Gattungen mit Liebe zu.\nSchon 1823 hatte er an der Stiftung der Liedertafel\nTheil genommen und blieb ihr Dirigent bis zu seinem\nEnde; im Jahre 1833 gründete er den „musicalischen\nCirkel\", einen Verein, der noch jetzt besteht, für Opern-\nund Kammermusik, der sich wöchentlich versammelte\nund vier Mal im Laufe des Winters Aufführungen vor\nsämmtlichen Vereins-Mitgliedern und ihren Angehörigen\nund Freunden veranstaltete. liier wurden die weniger auf\nder Bühne erscheinenden Opern von Mozart und Gluck,\naber auch der lialiäner Salieri, Cimarosa, Paer, Cherubini\ntheils ganz, theils einzelne Arien, Ensemblestücke und Chöre\naus ihnen, aufgeführt; daneben erfreute sich das Lied und\ndie Ballade (z. B. die Löwe'schen, welche Mosewius selbst\nvortrefflich vortrug) vorzüglicher Pflege. Man ersieht hier-\naus, wie unbegründet der Vorwurf der Einseitigkeit war,\nder Mosewius zuweilen gemacht worden ist.\nNeben den Mühen und mancherlei Unannehmlichkei-\nten seines Berufes hatte Mosewius auch mit schwerer\nTrübsal in seiner Häuslichkeit zu kämpfen. Wenige Jahre\nnach dem Tode seiner Frau starb ihm ein lieblicher Knabe\nnach langen Leiden. Seine älteste Tochter, mit hervorra-\ngendem musicalischem Talente begabt, entwickelte eine\nherrliche, klangvolle Mezzo-Sopranstimme. Dabei besass\nsie schon als ganz junges Mädchen grossen Ernst und Aus-\ndauer als treffliches Erbtheil ihres Vaters, und nach kur-\nzer Zeit des Unterrichts sang sie die Alceste, Iphigenie und\nähnliche ernste Partieen mit einer Tiefe und Innigkeit, die\nden nachhaltigsten Eindruck zurückliess. Leider fand sich\njedoch ein dauerndes Halsleiden, welches ihre ferneren\nStudien verhinderte, und bald hielt der Arzt es für ange-\nmessen, ihr das Singen ganz zu untersagen. In dem Nach-\ndenken und Sinnen über das schmerzliche Aufgeben ihres\nkünstlerischen Strebens griff sie halb absichtslos zu Blei-\nstift und Pinsel, und aus den Versuchen, in ihren Musse-\nstunden die Geschwister abzuzeichnen, entwickelte sich\nnach und nach ein so bedeutendes Talent für Malerei, dass\nsie sich entschloss, ihren Beruf in dieser Kunstrichtung zu\nsuchen, und ihn gefunden hat. Allein es gab doch auch\nZeiten, wo dem Vater das Schicksal dieser Tochter schwere\nSorgen machte; er konnte vorher nicht wissen, dass ihre\nKraft sich so stählen würde, um ihren Lebensweg allein\nverfolgen zu können. Wusste er nun aber die Kinder mög-\nlichst gut versorgt, so eilte er auf einige Wochen in die\nFerne, sobald die Ferienzeit herbei kam. Jede Freude, die\ner auf seinen Reisen empfand, jeden Genuss, der ihm durch\nKunst oder Natur zu Theil ward, theilte er aber in war-\nmen, lebensvollen Schilderungen den zurückgebliebenen\nFreunden mit und licss sie daran Theil nehmen.\nDoppelt gestärkt an Geist und Körper, weilte er dann\nauf der Rückreise stets einige Tage in den grösseren\nStädten Deutschlands, um die dargebotenen Kunstgenüsse\nmit erneuter Empfänglichkeit in sich aufzunehmen, sich\ndaran zu belehren und zu erfreuen, und die gewonnenen\nErfahrungen dann in seinem Kreise weiter zu verbreiten\nund tliätig wirken zu lassen.\nIm August 1846 erhielt die Sing-Akademie Corpo-\nrationsrechte vom Staate. Werke wie Mendelssohn's- Pau-\nlus und Elias, Alhalia, Walpurgisnacht, Löwe's Sieben-\nschläfer, Haydn's Jahreszeiten, Felic. David's Wüste,\nRadziwill's Faust, vor Allen Händel's Oratorien wurden\nstudirt und aufgeführt. Ausserdem verdankte sie ihrem\nDirector die Kenntniss von beinahe einem halben Hundert\nder herrlichen Cantaten J. S. Bach's. Auch dessen „Weih-\nnachts-Oratorium \" wurde zuerst durch Mosewius aufge-\nführt; ferner im Jahre 1856 das und und\nam 3. Juli 1858 das Credo und aus der\nMesse.\nDie ausführliche Schilderung der Thätigkeit von Mo-\nsewius für die Akademie und die Darlegung der Grund-\nsätze, die ihn dabei leiteten, aus mündlichen und schrift-\nlichen Mittheilungen desselben, muss man in dem Schrift-\nchen selbst nachlesen.\nEr hatte sich im Jahre 1853 zum zweiten Male ver-\nheirathet. Eine ihm werth gewordene Schülerin hatte in\ninniger Liebe und Verehrung für den ausgezeichneten\nMann sich das schöne Ziel gesetzt, dem kräftigen, lebens-\nfrischen Greise die letzten Jahre zu erheitern und zu ver-\nschönern, und die ihm vielleicht bevorstehenden Leiden\nund Freuden in treuer Gemeinschaft tragen zu helfen. In\nwie ausgezeichneter Weise sie diese Aufgabe gelös't, er-\nkennen alle Freunde des theuren Verklärten innig dank-\nbar an. Schwere Schläge des Schicksals hatten jedoch den\nviel geprüften Mann in den letzten Jahren getroffen. Der\nälteste seiner Söhne, der die Rechte studirt und sehr viel\nspäter, als sein Vater gehofft, eine Anstellung erhielt, starb\n35 Jahre alt, nachdem die Seinigen noch lange hindurch"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1976, "texte": "Zeugen seiner qualvollen Leiden gewesen waren, die ihren\nGrund in einem Ilerzübel hatten.\nSeine zweite Tochter halte er 1849 an den Prediger\no\nUeberscheer verheirathet, der durch seine herrliche\nTenorstimme lange Jahre eine Zierde der x\\kademie ge-\nwesen war. Nach längerer unbestimmter Kränklichkeit\ndesselben entwickelte sich ein Gehirnteiden, und Mosewius\nmusste seinen Schwiegersohn in einer Irrenanstalt unter-\nbringen. Äm 22. Mai 1858 starb er daselbst. Mosewius\nverlor mit ihm, den er wie einen eigenen Sohn geliebt,\neinen Thcil seiner schönsten Lebenserinnerungen.\nKurze Zeit nachher beendete die Akademie ihre\nUebungen, und er begab sich mit seiner Gattin auf eine\nlängere Reise, welche ihn durch Thüringen, das Ruhr-\nund Wupperthal, über Köln, Bonn, Frankfurt, Heidelberg\nund Basel nach der Schweiz führte. Vielfaches Begegnen\nO o\nmit bedeutenden Menschen erhöhte seine geistige Lebhaf-\ntigkeit, und in Briefen, die er in die Heimat schrieb, er-\ngoss sich sein volles Herz in überströmendem Gedanken-\nReichthum und der klarsten, heitersten Stimmung. -Am\n11. September bei herrlichem Wetter war er auf dem\nRigi. Den 15. September hatte er für den Wiederbeginn\nder Sing-Akademie bestimmt; ungünstiges Wetter hatte\njedoch seine Reiseplane durchkreuzt, und an diesem Tage\ntraf ein heiterer Brief von ihm in Breslau ein, der seine\nverspätete Rückkehr entschuldigte und die ausführlichsten\nMittheilungen über alles Gesehene und Erlebte und den\nVerkehr mit wissenschaftlichen und künstlerischen Auto-\nritäten verhiess. Und gerade an diesem Tage, nachdem er\nam Abende vorher, sich schon unwohl fühlend, in Schaff-\nhausen angelangt war, ging seine Seele daselbst in ihre\newige Heimat ein. Seine Körperkraft erlahmte fast plötz-\nlich bei vollem Bewusstsein und geistiger Klarheit, und\nschon in der Ahnung seines nahen Todes gaben die Worte:\n„Ach, meine Sing-Akademie!\" den Beweis, dass seine\nletzten Gedanken sich ihr, die einen Thei 1 seines Wesens\nbildete, zugewandt hatten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-03-05-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-03-05_01#c004", "volume": "bmtnabi_1859-03-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "79", "page_fin": "80", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.7", "debut_caractere": 1978, "fin_caractere_exclue": 6231, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMolsi* Herr August Dupont hat vor seiner Abreise nach\nBerlin noch ein Ooncert im Theater gegeben, wo wir die zwei letz-\nten Sätze seines neuesten grossen Concertes für Pianoforte und Or-\nchester hörten. Den Mittelsatz bildet eine Ballade von sehr origi-\nnellem Charakter, in welcher das Orchester, vortrefflich instrumen-\ntirt, von besonders ansprechender Wirkung ist. Auch das Finale\nweicht von der gewöhnlichen Art der Concert-Finale's in so fern\nab, als es den Charakter eines glänzend variirten Menuetto-\nSclierzo trägt. Beide Sätze sind bedeutende Compositionen und\nwurden mit andauerndem Beifall aufgenommen, der sich bei den\nVorträgen einer Capriccio-Phantasie über Motive aus Meyerb'eer's\nKobert und des Staccato perpetuel enthusiastisch steigerte. Auch die\ngenannte Phantasie, das einzige Stück der Art, das Dupont geschrie-\nben, zeichnet sich vor anderen Stücken ähnlicher Art durch die Be-\narbeitung aus, welche in der Variirung und Verbindung der Motive\nden tüchtigen Musiker zeigt. Ausgezeichnet und ebenfalls von dem\nlebhaftesten Beifalle begrüsst war auch der Vortrag einiger kleineren\nCiavierstücke von J. S. Bach und von Scarlatti. Der Concert-\nfltigel aus dem Depot von J. M. Heimann erschien im Theater-\nLocale als ein ganz anderes Instrument an Klang und Auswerfen\ndes Tones, als in dem grossen Gürzenichsaale.\nMeaswie«!. Am 1. März wurde unter G. Flügel's Direction\nHaydn's „Schöpfung\" aufgeführt. Die Solisten waren für Sopran\"\nFrau Drobegg, geb. Prätorius, aus Coblenz, für Tenor Herr\nWolters aus Köln, für Bass Herr Karl Hil 1-Mal ap ert aus\nFrankfurt am Main.\nHeacliäio Mozart's Cosi fan lulle wurde hier in der Schneider*-\nschen Bearbeitung unter dem Titel „So machen es Alle\" am 1. Fe-\nbruar neu einstudirt zur Aufführung gebracht. Die Oper war von\nHerrn Wolf in Scene gesetzt und mit den Damen Köster, Herren-\nburg-Tuczek, Bauer, den Herren Krüger, Salomon und Bost be-\nsetzt worden.\nDas dritte Orchester-C oncert von Hans von Bülow am\n27. v. Mts. brachte Berlioz's Ouvertüre zum römischen Carneval\nWagner's Faust Ouvertüre, Franz Schuberts grosse Clavier-Phan-\ntasie, Op. 15, sinfonisch bearbeitet für Piano und Orchester von\nFranz Liszt, Capriccio über Motive aus Beethoven's Buinen von\nAthen für Piano mit Orchester von Liszt, Sinfonisches Orchester-\nstück von H. v. Bülow u. s. w.\nDie berliner National-Zeitung schreibt: „Von dem Werke Alexan-\nder UlibischefFs, ~Beelhoven, ses Critiques et ses Glossateurs\", über\ndas wir seiner Zeit in einer Reihe längerer Artikel berichteten, hat\ndie Brockhaus'sche Verlagshandlung eine deutsche Ausgabe veran-\nstaltet. Wir legten damals gegen eine Menge in jener Schrift enthal-\ntener Behauptungen Verwahrung ein, empfahlen sie aber zugleich\naufs nachdrücklichste der Beachtung aller, denen der Gegenstand\nam Herzen liegt. Selbst die Irrthümer eines geist- und phantasie-\nvollen Mannes und, was noch wichtiger ist, eines Schriftstellers, der\nes mit der Kunst ernst und aufrichtig meint, sind eine reiche Quelle\nder Belehrung. Die Arbeit des Uebersetzers, des Professors Ludwig\nBisch off, Redaeteurs der Niederrheinischen Musik-Zeitung, zeigt\ndie gründlichste Sachkunde und zugleich grosse Klarheit und Fluss\nim Ausdruck.\"\nIn den äusseren Verhältnissen des Theaters ist\nabermals eine Veränderung eingetreten: die administrative Hofstelle,\nheisse sie nun Intendanz oder Verwaltung, hat momentan aufgehört.\nIhr letzter Träger ist pensionirt, und die Direction ist gegenwärtig\nfactisch auch Intendanz ein Ziel, das längst angestrebt wurde\n—, ob nur vorübergehend oder auf die Dauer, das wird vielleicht\nvom Ausschlage des Versuchs abhangen. Im Interesse der Direction\nmöchte ich wünschen, dass ihre Gränzen nicht erweitert würden,\nzu ihrem eigenen Vortheile, zu ihrer eigenen Sicherheit Dem schwer\nzu behandelnden Volke der Künstler gegenüber mag es besser sein,\nwenn es über Mangel an Macht auf Seiten des Directors, als wenn\nes über dessen Willkür klagt, und dem Fluge der künstlerischen\nIntentionen mag eine nüchterne Finanzhand eine erwünschte Beglei-\nterin sein, damit nicht am Ende der gute Director am schlechten\nVerwalter scheitere.\nVreilllftFg (im Breisgau). Eine neue Oper, „Andreas Hofer\",\nMusik von Kirchhof, wurde hier zum ersten Male gegeben."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3865, "texte": "ÄRrlSi'Mla©» Dem „Theater-Archiv\" zufolge liefen im Jahre\n1858 beim Lese-Comitc des hiesigen Hoftheaters 40 einactige, 6\nzweiactige, 24 dreiactige, 11 vieractige und 43 fünfactige dramati-\nsche Gedichte (?) ein. Diese 124 Novitäten wurden nach dem Re-\nglement des Lese-Comite's durch schriftliche Inhalts-Angaben und\nBeurtheilungen, so wie durch die in den Sitzungen daran geknüpf-\nten Besprechungen geprüft. Drei Opern und dreizehn Stücke wurden\nzum Dienste vorbehalten und eilf bestimmt angenommen; sieben von\ndiesen sind bereits zur Aufführung gelangt.\nMitte Februar. Den Freunden der mittel-\nalterlichen Kirchenmusik erlaube ich mir die ihnen gewiss recht\nerwünschte Nachricht mitzutheilen, dass in wenigen Tagen dem Er-\nscheinen des dritten Bandes der Musica divina von Canonicus Dr.\nProske entgegen zu sehen ist. Von der Seltenheit und Reichhaltig-\nkeit des Inhaltes mögen nachstehende kurze Andeutungen Zeugniss\ngeben. Es finden sich Intonationen, Psalmen, Magnificat, Hymnen.\nAntiphonen, Marianische, von Palästrina, Orlando di Lasso, Yittoria,\nAnerio, Narini, Hasler, Ortiz, Porta, Pitoni, Suriano, Carini, Incerto,\nFux, Aichinger, Zachariis, Demantius, Giovanelli, Viadana,\nBernabei. Sobald ich im Stande bin, werde ich Ihnen ausführlicher\nberichten über diese jedenfalls ausgezeichnete Erscheinung auf dem\nFelde der Kirchenmusik.\nYon Professor Johann Christian Lobe in Leipzig, „wohl-\nbekannt\" als musicalischer Schriftsteller und Lehrer der musicali-\nschen Theorie wie als Componist und Virtuose, wird demnächst ein\ninteressantes und für den Musiker jedenfalls lehrreiches Buch er-\nscheinen: „Aus dem Leben eines Musikers\" (Leipzig, J. J. Weber).\nDer Verfasser schildert darin seine Künstler-Laufbahn und seinen\nBildungsgang, der ein ganz eigeuthümlicher war. Lobe ist nämlich\nfast ein reiner Autodidact in allen den Fächern, worin er sich her-\nvorgethan. Im Jahre 1797 zu Weimar geboren, kam er schon mit\nfünfzehn Jahren als Violinist in die dortige Hofcapelle; später trat\ner als Virtuose im Flötenspiel auf und componirte mehrere Opern.\nIn Leipzig lebt und wirkt er seit 1846. In der Ankündigung des\nBuches wird gesagt, dass es zugleich Zweck des Verfassers sei,\ndurch das Beispiel seines Lebens die Talente gegen ihre eigene\nSchwäche und gegen feindliche Verhältnisse zu stählen. Auch unter-\nhaltende Erinnerungen aus Lobe's Vaterstadt, dem Mnsensitze, und\nGespräche mit Göthe findet man in diesem Lebensberichte.\nDresden* Am 10. Februar kam auf unserer Hofbühne Wolf-\nsohn's „Czaar und Bürger\" neu einstudirt zur Aufführung. Wäh-\nrend des dritten Actes verbreitete sich in den zahlreich gefüllten\nZuschauerräumen plötzlich die Nachricht von dem Tode der Frau\nErbgrossherzogin Anna von Toscana. In Folge dieser Trauerkunde\nverliessen die sämmtlichen anwesenden Officiere, so wie ein beträcht-\nlicher Theil des Publicums die Vorstellung. Die General-Direction\nmachte Tags darauf bekannt, dass Allerhöchster Anordnung zufolge\ndas Hoftheater bis auf Weiteres geschlossen bleiben werde.\nUlikflielteaic Im Hoftheater hörten wir unlängst Gretry's\n„Richard Löwenherz\". Wie veraltet, ja, beinahe kindisch uns der\nText dieser Oper jetzt erscheinen mag, so hat doch die Musik we-\nder an Frische und Anmuth, noch an ergreifender Wirkung das\nGeringste eingebiisst.\nIm grossen Theater zu St. Petersburg wurde Flotow's „Mar-\ntha\" bereits drei Mal mit grossem Casse-Erfolg gegeben,* jede Ein-\nnahme brachte 3500 Rubel ein.\nlölriei£. Michael Hauser wird im Laufe der nächsten Woche\nim Carl-Theater einen Cyklus von Concerten eröffnen. Das Interesse,\nwelches dem Erscheinen dieses vielgereisten Künstlers vorangeht,\ndürfte seinen Productionen eine ungewöhnliche Theilnahme zuziehen.\nDer bekannte dänische Componist Herr Erik Siboni hat eine\neinactigc Oper ~Loreley\" (Text von Ryegaars) vollendet, welche\ndemnächst auf dem kopenhagener Theater zur Aufführung gelangt."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie Normal-Stimmung (Bericht der französischen Commission). Ernst Theodor Mosewius (Biographische\nNacmchen) I. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Concert von August Dupont Neuwied, Aufführunng der „Schöpfung\"\nBerlin, Mozart s Lost lau mite,Qrchester-Concert Karlsruhe, Theater-Verhältnisse Freiburg Kegensburg, von Dr\nl roske Leipzig Dresden München Wien St. Petersburg).\n\nDie Normal-Stimmung.\nUnsere Leser wissen, dass das französische Ministerium\nam 17. Juli 1858 eine Commission von Musikern, Musik-\nGelehrten und Physikern anordnete, um in Frankreich eine\nNormal-Stimmung festzusetzen *). Die Commission hat ihre\nArbeiten beendigt und unter dem 1. Februar dieses Jahres\nihren Bericht an den Minister Fould erstattet. Bei der hi-\nstorischen und praktischen Wichtigkeit der Sache und der\nzu wünschenden allgemeinen Annahme der nunmehr wirk-\nlich festgesetzten pariser Stimmung geben wir den genann-\nten Bericht ohne wesentliche Auslassungen**).\nI.\nEs ist ausgemacht, dass im Laufe eines Jahrhunderts\ndie Stimmung sich fortwährend erhöht hat. Wenn die\nPartituren von Gluck, Monsigny und Gretry durch die\nLage der Stimmen nicht hinlänglich zeigten, dass diese\nWerke unter dem Einflüsse einer viel tieferen Stimmung,\nals die gegenwärtige ist, geschrieben worden, so würden\ndie Orgeln aus ihrer Zeit den unwiderleglichster. Beweis\ndavon liefern. Die Commission glaubte sich zunächst Re-\nchenschaft über diese merkwürdige Thatsache geben zu\nmüssen, und wie ein geschickter Arzt die Quellen des\nUebels zu erforschen strebt, ehe er an dessen Behandlung\ngeht, so hat sie sich mit der Aufsuchung oder wenigstens\nmit der Prüfung der Ursachen der Erhöhung der Stim-\nmung beschäftigt.\nDie eben erwähnten Orgeln zeigen eine um einen gan-\nzen Ton tiefere Stimmung, als die heulige. Allein in der\nOper jener Zeit war dieselbe noch tiefer. Rousseau sagt\nin seinem Dicüonnaire de musiunter dem Artikel\n[das jetzt gebräuchliche, aus dem Griechischen genommene\nWort diapason für Stimmung und Stimmgabel kannte\nman zu seiner Zeit noch nicht], „dass der Ton der pariser\nOper tie'er wäre, als der Capell-Ton.\" [Man unterschied\nauch in Deutschland den Chor-Ton, d. i. die Stimmung\nder Orgel, von dem Kammer-Tone, d. i. der Orchester-\nStimmung, und eine Menge alter Orgeln stehen auch bei\nuns noch jetzt im Chor-Tone.] üie Orchester-Stimmung\nwar also zu Rousseau's Zeit um mehr als einen ganzen\nTon tiefer, als heutzutage.\nTrotzdem forcirten die Sänger nach gleichzeitigen\nZeugnissen ihre Stimmen, sie schrieen. Wenn sie dies\nbei so tiefer Stimmung thaten, so hatten sie kein Interesse\ndaran, sie in die Höhe zu treiben, da diese grössere An-\nstrengung von ihrer Seite erfordert haben würde; über-\nhaupt kann der Sänger zu keiner Zeit und in keinem\nLande, weder früher noch jetzt, er mag gut oder schlecht\nsingen, für eine höhere Stimmung eingenommen sein, da\nsie seine Stimme angreift, seine Anstrengung und Ermat-\ntung vermehrt und seine Künstler-Laufbahn verkürzt. Die\nSänger sind also an der Erhöhung der Stimmung nicht\nschuld.\nDie Componisten sind geradezu Gegner der hohen\nStimmung, welche sie offenbar genirt. Je höher sie ist,\ndesto eher erreicht der Sänger die Gränze seiner Stimme,\ndie Entwicklung der Melodie wird dadurch also eher ge-\nhindert als befördert. Der Componist trägt den natürlichen\nTypus der Stimmen in sich; was er schreibt, dictirt ihm\nein Sänger, den er allein hört, der stets rein und gut singt\nund dessen Stimme eine wahre und gemässigte Stimmung\nhat, die im Ohr des Componisten heimisch ist. [Das ist\nmehr scheinbar als wahr; der Componist wird in sich nie-\nmals eine tiefere Stimmung der Töne, die er niederschreibt,\nvernehmen, als diejenige, die er von Kindheit an gehört\nhat und die seinem Ohr zur Natur geworden ist.] Der\nComponist kann also nur Interesse daran haben, für eine\nStimmung zu schreiben, die dem Sänger bequem ist und\nihn seihst mit mehr Freiheit seiner Phantasie folgen lässt.\n\nSiehe VI. Jahrgang d. 81., Nr. 31 vom 31. Juli 1858.\n**) Die in [—] eingeschlossenen Zusätze sind Bemerkungen der\nBedaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.2", "texte": "Uebrigens besitzt er ja auch kein Mittel, die Stimmung zu\nerhöhen. Er fabricirt keine Stimmgabeln, er gibt dem Or-\nchester nicht das aan, und man hat nie gehört, dass ein\nMaestro sich eine persönliche Stimmgabel habe machen\nlassen, um den Orchester-Ton zu erhöhen. Nein, der Com-\nponist schafft die Stimmung nicht, er ist ihr unterworfen.\nDas Steigen der Stimmung ist eine allgemeine, nicht\nbloss auf Frankreich beschränkte Thatsache; man darf\nalso nicht, wie es zuweilen geschieht, Frankreich allein die\nSchuld davon beimessen. Es kann weder zufällige, noch\nauf ein besonderes Land beschränkte Ursachen gehabt\nhaben. Der Grund kann nur auf einem bestimmenden\nPrincip, au! einem Interesse beruhen, und wir müssen also\nder gemeingültigen Regel gemäss nach denen fragen, die\nein offenbares Interesse an der Uebertreibung der Stim-\nmung hatten.\nDies sind allein die Fabricanten von Instrumenten. Je\nhöher der Ton, desto glänzender ist er. Der Fabricant\nstrebte danach, seinen Instrumenten immer mehr Ton zu\nverschaffen u. s. w. u. s. w. [Sollte es aber nicht auch\nBläser gegeben haben, die dem Fabricanten aufgegeben,\nihnen ein höher intonirtes Instrument zu machen, um etwas\nBesonderes für sich zu haben?]\n[Der Bericht kommt sodann zu dem Einflüsse der Mi-\nlitärmusik auf die Stimmung. Gründlicher und authenti-\nscher hat sich A. Schindler schon im 111. Jahrgang die-\nses Blattes, Nr. 8 vom 24. Februar 1855, darüber ver-\nbreitet, aus dessen Aufsatze auch die Notizen genommen\nsind, welche der französische Bericht aus einem Schreiben\ndes Herrn Kittl in Prag anführt. Ob Herr Kittl der Com-\nmission seine Quelle angegeben hat, wissen wir nicht.\nMit der Conclusion des Berichtes, dass die Erhöhung durch\ndie Fabricanten und die ausübenden Instrumental-Künst-\nler—von letzteren war aber bis dahin gar nicht die Rede\n—entstanden sei, sind wir einverstanden, wiewohl wir der\nMeinung sind, dass bei allen Erklärungen der Thatsache\nzu viel auf die materiellen Veranlassungen und zu wenig\nauf die geistigen, die sich der Messung und Wägung\nentziehen, geachtet wird. Es gibt Strömungen des Zeit-\ngeistes, die nicht bloss auf den Charakter der Kunstwerke,\nsondern auch auf die Kunst mitt el, auf die Art und Weise,\ndie Kunstwerke zur Erscheinung zu bringen, von Einlluss\nsind, und so möchte der Hang zum Vorwärts, zum Wei-\nter, zum Empor, am Ende zum Extremen, der die Mensch-\nheit unseres Jahrhunderts charakterisirt, auch bei der all-\nmählichen Steigerung der musicalischen Stimmung in An-\nschlag zü bringen sein. Mit dem Schlüsse des ersten\nAbschnittes, „dass es im wahren Interesse der Kunst liege,\ndie Stimmung bis zu gewissem Maasse zu erniedrigen\",\nsind wir ebenfalls einverstanden.]\nII.\n| Ueber den gegenwärtigen Stand der Stimmung in\nden verschiedenen Städten nicht nur in Frankreich, son-\ndern in allen civilisirten Ländern, suchte die Commission\nsich Nachrichten zu verschaffen und wandte sich desshalb\nan eine Menge von Orchester-Dirigenten, zugleich auch\nmit dem Ersuchen, derselben ihre Ansichten über die\nRäthlichkeit einer Festsetzung, namentlich einer Erniedri-\ngung, der Stimmung mitzutheilen.]\nIn diesem Sinne haben wir, fährt der Bericht fort,\nnach Deutschland, England, Belgien, Holland, Italien,\nselbst nach America geschrieben und schätzenswerthe Aus-\nkunft und Zustimmung erhalten. Alle, von denen uns Mit-\ntheilungen zugegangen sind, erkennen die gegenwärtige\nUebertreibung der Stimmung an und erklären sich dage-\ngen. Drei Musiker, unsere Landsleute, die Herren Daus-\nsoigne-Mehul, George Hainl und August Morel, theilen\nzwar die allgemeine Meinung, wünschen indess die Fest-\nstellung der gegenwärtigen pariser Stimmung, um ein wei-\nteres Steigen zu verhindern [in der Commission selbst muss\nauch H. Berlioz derselben Ansicht gewesen sein: vgl. Nr.\n52 d. 81. vom 25. December v. J.]. Dies würde unserer\nAnsicht nach den Zweck nicht erreichen ; es wäre ein Mit-\ntel, welches das Uebel in Schutz nimmt, das Uebel dem\nUebel entgegenstellt und es sanetionirt, anstatt es auszu-\nrotten. Alle übrigen Correspondenten sind einig in dem\nWunsche einer weniger hohen, übereinstimmenden, unver-\nänderlichen, wirklich internationalen Stimmung, nach der\nsich Alles, Sänger, Instrumentalisten und Instrumenten-\nbauer aller Länder richten sollten. [Folgen die Anführun-\ngen von Complimenten auswärtiger Musiker an Frankreich\nüber das Ergreifen der Initiative. Wieprecht in Berlin und\nHerr Doctor Furke (?) haben längere Aufsätze eingesandt,\nin denen die Sache gründlich behandelt wird.]\nDiese zahlreichen Zustimmungen, und von so bedeu-\ntenden Autoritäten, haben uns überzeugt, dass der Vor-\nschlag einer Herabsetzung der Stimmung in ganz Deutsch-\nland gut aufgenommen werden würde. | Das glauben wir\nauch.] Wir müssen übrigens daran erinnern, dass schon\nim Jahre 1834 eine Tonkünstler-Versammlung in Stutt-\ngart eine Erniedrigung vorschlug, nach welcher das von\n880 Schwingungen in der Secunde (in Paris jetzt von 896,\nin Berlin von 903) die Normal-Stimmung sein sollte. Viel-\nleicht wird die Einführung Anfangs auf einige Schwierig-\nkeiten stossen, zumal da Deutschland in so viele verschie-\ndene Staaten zertheiit ist. Allein nach einigen Schwankun-\ngen wird sich sicherlich ein gemeinsamer und unabänder-\nlicher Typus in diesem Lande feststellen, welches ein so\ngrosses Gewicht in das Schicksal der Tonkunst legt."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.3", "texte": "Aus Italien haben wir nur ein einziges Schreiben er-\nhalten, von Herrn Coccia, Dirigenten der philharmonischen\nAkademie zu Turin und Dom-Capellmeister in Novara. Er\nsandte uns eine turiner Stimmgabel, die etwas niedriger\nals die pariser steht, und ist ebenfalls für eine „mildere\"\nStimmung, als die jetzige.\nDie Herren Broadwood in London haben uns drei\nStimmgabeln eingeschickt, t'-Gabeln, welche alle drei in\nihrer Pianoforte-Fabrik für besondere Zwecke gebraucht\nwerden. Die erste, /VTon tiefer als die pariser Stimmung,\nwar vor 25—30 Jahren maassgebend in der philharmo-\nnischen Gesellschaft zu London. Die Herren Broadwood\nhaben sie mit richtigem Urtheil als die angemessenste zum\nGesänge beibehalten, und stimmen diejenigen von ihren\nInstrumenten danach, die zur Begleitung für Vocalmusik\nbestimmt sind. Die zweite, die viel höher ist, höher als die\npariser, dient ihnen im Allgemeinen zum Einstimmen der\nFlügel u. s. w., und mit ihr stimmen die dortigen Instru-\nmentalisten. Die dritte, noch höhere, gilt jetzt in der phil-\nharmonischen Gesellschaft. Zwischen Nr. 1 und Nr. 3 fin-\ndet ein Unterschied von beinahe einem halben Tone Statt.\n|Dies wäre ja ein curioses Ding!]\nHerr Bender, Musik-Director bei dem Regiment der\nGuiden in Brüssel, hat uns zwei Stimmgabeln geschickt,\ndie um einen halben Ton'verschieden sind; die tiefere gilt\nfür die Oper, die höhere für die Regimentsmusik. Herr\nBender bleibt seiner Stellung getreu; seine Regiments-\nStimmgabel ist die höchste von allen, die wir erhalten ha-\nben, und ist für Gesang unmöglich.\nHerr Capellmeister H. Lübeck, Director der Musik-\nschule im Haag, hat uns seine Stimmgabel gesandt, die\nein klein wenig tiefer steht, als die hiesige. Auch er hat,\nwie er uns schreibt, das fortwährende Steigen der Stim-\nmung zu bekämpfen gehabt, und wird sein Möglichstes\nthun, um dem zu bestimmenden Normal-Tone auch in\nHolland Eingang zu schaffen.\nDie Akademie zu Lille hat die höchste Stimmung nach\nBrüssel (Regimentsmusik) und London, also eine höhere,\nals Paris. Bordeaux etwas niedriger als Paris, Marseille\nunbedeutend niedriger als Paris, Lyon = Paris. Herr\nHainl in Lyon, -Herr Morel in Marseille und Herr Daus-\nsoigne-Mehul, Director des Conservatoire in Lüttich, sind\nfür die Fixirung des jetzigen pariser Tones. Toulouse im\nTheater nicht so hoch als Paris, in der Musikschule unge-\nfähr /VTon tiefer, was besonders wichtig ist, da Toulouse\neine sehr musicalische Stadt ist, die von je her unserer\nOper gute Sänger geliefert hat.\nDiese Stimmgabel der Musikschule von Toulouse\nist mit derjenigen des Hoftheaters von Karlsruhe, von\nwelcher sie nur um 4 Schwingungen verschieden ist, die\ntiefste von allen, die zu unserer Kenntniss gekommen sind.\nDas höchste a,bei der Musik der Guiden in Brüssel, macht\n911 Schwingungen in der Secunde, das niedrigste in Karls-\nruhe nur 870. (Noch etwas tiefer, jedoch nur um zwei\nSchwingungen weniger, steht die Stimmgabel Nr. 1 von\nBroadwood in London.) Diese Differenz beträgt nicht viel\nweniger als einen halben Ton, innerhalb dessen die jetzt\ngebräuchlichen Stimmungen schwanken.\nDen fast einstimmigen Wünschen einer Ermässigung\nder Stimmung und den ganz einstimmigen einer Fixirung,\ndas heisst einer auf freier Uebereinkunft beruhenden Gleich-\nmässigkeit derselben, gegenüber hat die Commission nach\nreiflicher Erwägung als Princip folgende zwei Vorschläge\neinstimmig angenommen:\n1. Es ist zu wünschen, dass die Stimmung erniedrigt\nwerde.\n2. Es ist zu wünschen, dass die erniedrigte Stimmung\nals unveränderlicher Regulator allgemein angenommen\nwerde.\n(Schluss folgt.)\n\nErnst Theodor Mosewius.\nI.\nWir haben bei der Nachricht von dem plötzlichen\nHintritte des Directors der breslauer Sing-Akademie sei-\nnem Andenken in Nummer 39 vom 25. September vori-\ngen Jahres einen kurzen Nachruf gewidmet. Jetzt liegt\nuns ein Schriftchen vor, das sich „Erinnerungen an\nE. Tb. Mosewius\" nennt (Breslau, bei Joh. Urb. Kern,\n1859, 47 S. 8.), das zwar keine Ansprüche auf eine Bio-\ngraphie macht, aber doch einige Nachrichten über den\nLebenslauf des Dahingeschiedenen, übrigens aber eine an-\nziehende und warme Schilderung seiner Wirksamkeit an\nder genannten Akademie enthält, die wir jedem Freunde\ndesselben und allen Leitern von ähnlichen Vereinen em-\npfehlen.\nAus den biographischen Nachrichten theilen wir das\nHauptsächlichste auszugsweise mit und werden daran\neinige Briefe von Mosewius an uns als Herausgeber der\nNiederrheinischen Musik-Zeitung, die von allgemeinerem\nInhalt in Bezug auf Musik sind, reihen.\n„In den lebhaft angeregten Künstlerkreis, dessen Mit-\ntelpunkt in Breslau in den ersten Jahren nach den Be-\nfreiungskriegen das Theater, namentlich durch Männer\nwie der dramatische Dichter Karl Schall und die Schau-\nspieler Anschütz, Seidelmann, Schmelka, Stawinsky u. s. w.,\nbildete, traten im Jahre 1816 Mosewius und seine Frau,\naus Königsberg, seiner Vaterstadt, kommend, ein. Am\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.4", "texte": "-25. September 1788 daselbst geboren, hatte er einen\ngründlichen Schulunterricht genossen und die Absicht ge-\nhabt, sich gelehrten Studien zu widmen. Allein seine Liebe\nzur Kunst führte ihn auf einen anderen Lebenspfad. Schon\nin früher Jugend hatte er verschiedene musicalische In-\nstrumente spielen gelernt. Um die Posaune zu erlernen,\nbesuchte er die Kirchen, der Trompete wegen den Schloss-\nthurm, von welchem des Morgens, Mittags und Abends\nnach allen vier Seiten ein Lied geblasen wurde; den Con-\ntrabass lernte er bei Quartett-Proben im Theater spielen.\nSeine Mussestunden benutzte er jedoch zum lleiss'gen Stu-\ndium der deutschen Literatur, der Musik und zur Auf-\nfassung der Opern in ihrem ganzen Umfange. Seiner Fer-\ntigkeit auf der Bratsche verdankte er den Vorzug, in der\nZeit, als sich der Hof in Königsberg aufhielt, in die klei-\nnen musicalischen Cirkel eingeführt zu werden, welche\ndaselbst veranstaltet wurden, und in den Quartetten mit-\nzuwirken, in denen Prinz Anton Radziwill das Cello mit\nbekannter Meisterschaft spielte. Der Umstand, dass Mose-\nwius in so früher Jugend das Glück gehabt hat, in der\nNähe so hochstehender Personen sich bewegen zu lernen\nund mit Männern dabei in Berührung zu kommen, deren\nBedeutung die spätere Zeit ihn erst im vollsten Umfange\nhat erkennen lassen diesem Zufalle dankt er, wie er oft\nselbst ausgesprochen, nachhaltigen Einlluss auf sein ganzes\nLeben. Hier zuerst, in diesen höchsten Kreisen, trat ihm\ndie Würdigung des Menschen und des künstlerischen Ta-\nlentes in einer Weise entgegen, die den jungen Mann in\ndem ernsten Streben befestigte, nie von der Bahn abzu-\nweichen, die zur Erreichung des höchsten künstlerischen\nZieles führt und ohne Adel der Gesinnung und Veredlung\ndes ganzen inneren Menschen nicht erreicht werden kann;\nmit Einem Worte: er erkannte die Kluft, die den musica-\nlischen Handwerker vom Künstler trennt. Durch den tüch-\ntigen italiänischen Sänger Cartellieri erhielt er Unter-\nricht im Gesänge, Friedrich II iiier, der Sohn des be-\nrühmten leipziger Adam Hiller, wurde sein Lehrer in\nder Harmonie, und der Musik-Director Streber und\nFriedrich Sore, als musicalischer Schriftsteller und\nComponist nicht unbekannt, wurden ihm leitende Freunde\nund belehrende Rathgeber. Diese Beiden besassen bedeu-\ntende musicalische Bibliotheken, welche ihn zur Bekannt-\nschaft mit Cherubini, Mehul, Cimarosa, Isouard und den\nälteren Italiänern führte, die er eifrig studirte. Auch\nII immel, der damals in Königsberg lebte, hatte ihn lieb\ngewonnen und erfreute sich des jungen musicalischen En-\nthusiasten so sehr, dass er ihn gern um sich hatte. Seine\nherrliche, sich zum Bass hinneigende Baritonstimme hatte\ner inzwischen so weit ausgebildet, dass er bedeutende Par-\ntieen in der Oper mit Beifall des Publicums ausführte.\nGleiche Fortschritte machte er in der Mimik und fand in\nden Bretzner'schen, Jünger'schen und Kotzebue'schen Lust-\nspielen eine vortreffliche Schule für die Buffo-Rollen in\nder Oper. Sein grosses dramatisches Talent hatte ihn von\nselbst auf die Bühne geführt, und nach wenig Jahren war\ner bereits ein hochgeschätztes und beliebtes Mitglied der-\nselben. Hier lernte er nun bald seine Frau kennen, eine\neben so tüchtige und musicalisch durchgebildete Sängerin\nals treffliche Hausfrau, und da er sich schon im Jahre\n1810 mit ihr verheirathete, so fand der junge Mann in\nseiner geordneten Häuslichkeit die beste Müsse, ernste\nStudien für seine aligemeine und künstlerische Ausbildung\nmit dem ihm innewohnenden Eifer unablässig lortzusetzen.\nIm Jahre 1811 machte er mit seiner Frau eine Reise\nnach Berlin, wo Beide gastirten, und fand dort durch die\nBekanntschaft mit B. A. Weber, Bighini, Iflland,\nGern, Eunike und anderen grossen Künstlern die vor-\nzüglichste Gelegenheit zur Weiteren Ausbildung seiner sich\nimmer herrlicher entwickelnden Talente. Den bleibendsten\nEindruck aber machte auf ihn die Sing-Akademie, die ihn\nveranlasste, die Werke älterer Meister aufzusuchen und\ngenauer kennen zu lernen. Nach seiner Rückkehr in seine\nVaterstadt wurde er Mitglied des Comite's, welchem die\nLeitung der Bühne anvertraut war, und als ivotzebue\nim Jahre 1814 dieselbe übernahm, wurde er zum Opern-\nDi rector ernannt. Kotzebue erkannte bald mit Kenner-\nblick das bedeutende Schauspieler-Talent des jungen\nKünstlers und wusste in gerechter Würdigung die weitere\nEntfaltung desselben immer mehr zu leiten. Allein schon\nnach zwei Jahren lös'ten sich die bestehenden Verhältnisse\nauf, und Mosewius, der sich durch den theatralischen\nirkungskreis doch nicht vollständig befriedigt fühlte,\nwar eben im Begriffe, eine Musiklehrer-Stelle anzunehmen,\nals Anschütz, ihm seit Jahren persönlich befreundet, ihn\nveranlasste, auf ein Engagement für sich und seine Frau\nin Breslau einzugehen.\nIn den vorhin erwähnten Künstlerkreis trat nun Mo-\nsewius. In seiner überreichen, nach allen Seiten hin em-\npfänglichen und anregenden Natur war der tief ernste Sinn\nfür das Höchste und Heiligste mit der seltenen Gabe ver-\nbunden, durch übersprudelnden Witz und geistreiche Kin-\nfäile seine Umgebung unwillkürlich in seine eigene Stim-\nmung zu versetzen, und fast immer oder nur dann, wenn\ner selbst es nicht wollte, wurde er unbewusst der Mittel-\npunkt des Kreises, in welchen er getreten war. Sein Er-\nscheinen an der breslauer Bühne war der Beginn einer\nneuen Aera für die Oper. Durch seinen ernsten Eifer für\ndie würdige Darteilung classischer Kunstwerke aller Zeit\nund aller Gattung half er Aufführungen hier zu Stande\nbringen, wie sie vorher und nachher nicht mehr hier ge-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.5", "texte": "sehen und gehört worden sind. Als Osmin im Belmonte,\nLeporeilo, Figaro von Mozart und Rossini, Caspar im Frei-\nschütz und ähnlichen Partieen feierte er Triumphe, wie\nsie selten einem Künstler in gleicher Weise geworden und\nallen, die ihn in seiner Blüthezeit auf der Bühne gehört\nhaben, unvergesslich geblieben sind. Und wenn er an\neinem Abende durch seinen Alles mit sich fortreissenden\nHumor das Publicum als Figaro entzückt oder als Caspar\nin die entgegengesetzte Stimmung versetzt hatte, so spielte\ner am anderen Tage den treuherzigen Hans von Kottwitz\nin Kleist's Prinzen von Homburg, oder den Pater Lorenzo\nin Shakespeare's Romeo und Julia mit gleicher Vollen-\ndung, mit gleicher Wirkung, mit gleicher Hingabe an die\ngestellte Aufgabe und mit gleicher Achtung vor der Kunst,\nohne je nach dem Beilalle der Menge zu ringen. In kurzer\nZeit zählte er die bedeutendsten Männer Breslau's zu sei-\nnen nächsten Freunden, und namentlich vermittelte\nSchall, der, ausserhalb der Bühne stehend, dennoch\neinen Mittelpunkt für Gelehrte, Literaten und Künstler\nabgab, bald seine nähere Bekanntschaft mit Braniss,\nSteffens, von Raumer, von der Hagen und einer\ngrossen Zahl jüngerer Männer von künstlerischer Bedeu-\ntung. Neben seiner vielseitigen Thätigkeit an der Bühne\nhatte Mosewius jedoch nie eine Richtung verlassen, der\ner sich von dem Beginn seiner musicalischen Studien an\nmit Ernst und Interesse gewidmet: der Kenntniss der hö-\nheren geistlichen Musik und dem Studium der Geschichte\nderselben. SQhon in Königsberg war er mit Eifer Mitglied\neines Gesang-Vereins gewesen und hatte die Hörer dort\ndurch seinen Vortrag kirchlicher Gesangs-Partieen erho-\nben und entzückt. In das Studium dieser Richtung vertiefte\ner sich jedoch in Breslau immer mehr und mehr durch\ndie nähere Bekanntschaft mit dem Ober-Landesgerichts-\nrath von Winterfeld, dem feinen und tiefen Kenner\nernster und heiliger Musik, in dessen Hause er mit dem\nfreundlichsten Wohlwollen aufgenommen wurde, um bis\nzu seinem Tode demselben eng und innig verbunden zu\nbleiben. Mit Raumer führte ihn der Zufall zuerst in\neinem antiquarischen Laden zusammen, in welchem Beide,\nnach Sebastian Bach'schen Werken suchend und sich auf\ngleichem Wege findend, von dem ersten Begegnen an sich\nin innigem Verkehr gegenseitig anzogen und befreundeten.\nSchon im Jahre 1819 vereinigte er sich mit diesem und\nvon Winterleid zur Veranstaltung grösserer kirchlicher\nAufführungen; allein schon nach zwei Jahren sah man\nsich veranlasst, das Unternehmen wieder aufzugeben.\nDas Theaterleben in seinen Schattenseiten fing an,\nMos ewius immer unerträglicher zu werden, und seine\nKunst-Ansichten vertrugen sich immer weniger mit den\nGrundsätzen, denen der Pächter (seit 1823) und das Pu-\nblicum huldigten. Zu Anfang des Jahres 1825 trat er in\ndas Privatleben zurück und beabsichtigte, vorläufig durch\nSing-Unterricht einen Schillerkreis sich zu erwerben. Da\ntraf ihn 'der harte Schlag, dass seine treue Gattin, die\nMutter seiner fünf kleinen Kinder, nach kurzem Kranken-\nlager ihm durch den Tod entrissen wurde. Dennoch machte\ndieser Unglücksfall ihn in dem Vorsatze nicht wankend,\nder Kunst fortan auf seine Weise zu dienen und sich einen\nneuen Wirkungskreis zu gestalten. Er ging, mit wirksa-\nmen Empfehlungen versehen, nach Berlin und empfing\nvon dem Minister des Cultus von Altenstein die Ver-\nsicherung thätiger Hülfe, wenn es ihm gelänge, eine Sing-\nAkademie in Breslau zu begründen. Mit Zelter wurde\nRath gepflogen und die Einrichtung und Leistung der ber-\nliner Akademie genau studirt. Demnächst nach Breslau\nzurückgekehrt, versammelte Mosewius seine Gesanges-\nfreunde und begründete am 17. Mai 1825 mit einer klei-\nnen Schar nur 26 Personen die Breslauische Sing-\nAkademie. Die Sommer-Ferien aber wandte er an, seine\nVaterstadt Königsberg wiederzusehen, wo er zwölf Gast-\nrollen gab, um noch die Summe zu erwerben, welche er\nfür den Anfang seiner neuen Laufbahn nöthig hatte. Seit\njenem Sommer hat er die Bühne nirgend mehr betreten.\nWährend er nun der Akademie seine eifrigste Thätig-\nkeit widmete, begründete er neben derselben einen Ele-\nmentar-Cursus für junge Mädchen als Pflanzschule für jene.\nAm ersten Jahrestage ihrer Stiftung zählte die Akademie\nschon 58 Mitglieder. Am 8. April 1827 trat sie zum er-\nsten Male mit einer grossen Aufführung des Messias mit\nOrchester-Begleitung in die Oeffentlichkeit.\nIn demselben Jahre trat eine sehr günstige Wendung\nfür Mosewius' äussere Stellung ein, als er nach Berner's\nTode die Stelle als Musiklehrer an der Universität und\nDirector des königlichen akademischen Instituts für Kir-\nchenmusik erhielt. Freilich konnte man es in gewissen\nKreisen noch immer nicht überwinden, dass der Künstler,\ndessen Leporeilo man auf der Bühne belacht hatte, nun\nernste und heilige Musik aufführte! Aber als am 3. April\n1830 die Aufführung der Passions-Musik nach dem\nEvangelium Matthäus von J. Seb. Bach Statt gefunden,\nverstummten jene Stimmen gänzlich vor der allgemeinen\nAnerkennung der Tüchtigkeit der Akademie und ihres\nDirectors. Es war dies die zweite Aufführung des Werkes\nin unserem Jahrhundert; die erste hatte F. Mendelssohn\nin Berlin am 11. März 1829 veranstaltet.\nAus dem immer tieferen Einleben in den Sinn und\nGeist Bach's ging Mosewius' „musicalisch-ästhetische Ana-\nlyse der Matthäus-Passion\" hervor, die zwanzig Jahre spä-\nter erschien. Sie bekundet ihn als einen der grössten Ken-\nner Bach'scher Musik und sichert ihm ein ehrenvolles"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.6", "texte": "Denkmal in der musicalischen Literatur. Schriftstellerische\nThätigkeit füllte überhaupt die wenigen Mussestunden aus,\ndie ihm von der Beschäftigung mit der Musik übrig blie-\nben. Eine Reihe von Jahren schrieb er in der Breslauer\nZeitung, mit P. B. unterzeichnet, musicalische Recensio-\nnen, in denen er Ansichten niederlegte, die für den besse-\nren Theil des Publicums maassgebend wurden. Auch flös-\nsen mehrere Aufsätze aus seiner Feder, die er meistentheils\nin der von ihm gestifteten „musicalischen Section\" der\n„vaterländischen Gesellschaft\" vortrug, deren Secrclär er\nbis zu seinem Tode geblieben.\nHatte er auch das Studium der kirchlichen Musik zu\nseiner Lebens-Aufgabe gemacht, so wandte er doch seine\nThätigkeit auch den anderen Gattungen mit Liebe zu.\nSchon 1823 hatte er an der Stiftung der Liedertafel\nTheil genommen und blieb ihr Dirigent bis zu seinem\nEnde; im Jahre 1833 gründete er den „musicalischen\nCirkel\", einen Verein, der noch jetzt besteht, für Opern-\nund Kammermusik, der sich wöchentlich versammelte\nund vier Mal im Laufe des Winters Aufführungen vor\nsämmtlichen Vereins-Mitgliedern und ihren Angehörigen\nund Freunden veranstaltete. liier wurden die weniger auf\nder Bühne erscheinenden Opern von Mozart und Gluck,\naber auch der lialiäner Salieri, Cimarosa, Paer, Cherubini\ntheils ganz, theils einzelne Arien, Ensemblestücke und Chöre\naus ihnen, aufgeführt; daneben erfreute sich das Lied und\ndie Ballade (z. B. die Löwe'schen, welche Mosewius selbst\nvortrefflich vortrug) vorzüglicher Pflege. Man ersieht hier-\naus, wie unbegründet der Vorwurf der Einseitigkeit war,\nder Mosewius zuweilen gemacht worden ist.\nNeben den Mühen und mancherlei Unannehmlichkei-\nten seines Berufes hatte Mosewius auch mit schwerer\nTrübsal in seiner Häuslichkeit zu kämpfen. Wenige Jahre\nnach dem Tode seiner Frau starb ihm ein lieblicher Knabe\nnach langen Leiden. Seine älteste Tochter, mit hervorra-\ngendem musicalischem Talente begabt, entwickelte eine\nherrliche, klangvolle Mezzo-Sopranstimme. Dabei besass\nsie schon als ganz junges Mädchen grossen Ernst und Aus-\ndauer als treffliches Erbtheil ihres Vaters, und nach kur-\nzer Zeit des Unterrichts sang sie die Alceste, Iphigenie und\nähnliche ernste Partieen mit einer Tiefe und Innigkeit, die\nden nachhaltigsten Eindruck zurückliess. Leider fand sich\njedoch ein dauerndes Halsleiden, welches ihre ferneren\nStudien verhinderte, und bald hielt der Arzt es für ange-\nmessen, ihr das Singen ganz zu untersagen. In dem Nach-\ndenken und Sinnen über das schmerzliche Aufgeben ihres\nkünstlerischen Strebens griff sie halb absichtslos zu Blei-\nstift und Pinsel, und aus den Versuchen, in ihren Musse-\nstunden die Geschwister abzuzeichnen, entwickelte sich\nnach und nach ein so bedeutendes Talent für Malerei, dass\nsie sich entschloss, ihren Beruf in dieser Kunstrichtung zu\nsuchen, und ihn gefunden hat. Allein es gab doch auch\nZeiten, wo dem Vater das Schicksal dieser Tochter schwere\nSorgen machte; er konnte vorher nicht wissen, dass ihre\nKraft sich so stählen würde, um ihren Lebensweg allein\nverfolgen zu können. Wusste er nun aber die Kinder mög-\nlichst gut versorgt, so eilte er auf einige Wochen in die\nFerne, sobald die Ferienzeit herbei kam. Jede Freude, die\ner auf seinen Reisen empfand, jeden Genuss, der ihm durch\nKunst oder Natur zu Theil ward, theilte er aber in war-\nmen, lebensvollen Schilderungen den zurückgebliebenen\nFreunden mit und licss sie daran Theil nehmen.\nDoppelt gestärkt an Geist und Körper, weilte er dann\nauf der Rückreise stets einige Tage in den grösseren\nStädten Deutschlands, um die dargebotenen Kunstgenüsse\nmit erneuter Empfänglichkeit in sich aufzunehmen, sich\ndaran zu belehren und zu erfreuen, und die gewonnenen\nErfahrungen dann in seinem Kreise weiter zu verbreiten\nund tliätig wirken zu lassen.\nIm August 1846 erhielt die Sing-Akademie Corpo-\nrationsrechte vom Staate. Werke wie Mendelssohn's- Pau-\nlus und Elias, Alhalia, Walpurgisnacht, Löwe's Sieben-\nschläfer, Haydn's Jahreszeiten, Felic. David's Wüste,\nRadziwill's Faust, vor Allen Händel's Oratorien wurden\nstudirt und aufgeführt. Ausserdem verdankte sie ihrem\nDirector die Kenntniss von beinahe einem halben Hundert\nder herrlichen Cantaten J. S. Bach's. Auch dessen „Weih-\nnachts-Oratorium \" wurde zuerst durch Mosewius aufge-\nführt; ferner im Jahre 1856 das und und\nam 3. Juli 1858 das Credo und aus der\nMesse.\nDie ausführliche Schilderung der Thätigkeit von Mo-\nsewius für die Akademie und die Darlegung der Grund-\nsätze, die ihn dabei leiteten, aus mündlichen und schrift-\nlichen Mittheilungen desselben, muss man in dem Schrift-\nchen selbst nachlesen.\nEr hatte sich im Jahre 1853 zum zweiten Male ver-\nheirathet. Eine ihm werth gewordene Schülerin hatte in\ninniger Liebe und Verehrung für den ausgezeichneten\nMann sich das schöne Ziel gesetzt, dem kräftigen, lebens-\nfrischen Greise die letzten Jahre zu erheitern und zu ver-\nschönern, und die ihm vielleicht bevorstehenden Leiden\nund Freuden in treuer Gemeinschaft tragen zu helfen. In\nwie ausgezeichneter Weise sie diese Aufgabe gelös't, er-\nkennen alle Freunde des theuren Verklärten innig dank-\nbar an. Schwere Schläge des Schicksals hatten jedoch den\nviel geprüften Mann in den letzten Jahren getroffen. Der\nälteste seiner Söhne, der die Rechte studirt und sehr viel\nspäter, als sein Vater gehofft, eine Anstellung erhielt, starb\n35 Jahre alt, nachdem die Seinigen noch lange hindurch"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.7", "texte": "Zeugen seiner qualvollen Leiden gewesen waren, die ihren\nGrund in einem Ilerzübel hatten.\nSeine zweite Tochter halte er 1849 an den Prediger\no\nUeberscheer verheirathet, der durch seine herrliche\nTenorstimme lange Jahre eine Zierde der x\\kademie ge-\nwesen war. Nach längerer unbestimmter Kränklichkeit\ndesselben entwickelte sich ein Gehirnteiden, und Mosewius\nmusste seinen Schwiegersohn in einer Irrenanstalt unter-\nbringen. Äm 22. Mai 1858 starb er daselbst. Mosewius\nverlor mit ihm, den er wie einen eigenen Sohn geliebt,\neinen Thcil seiner schönsten Lebenserinnerungen.\nKurze Zeit nachher beendete die Akademie ihre\nUebungen, und er begab sich mit seiner Gattin auf eine\nlängere Reise, welche ihn durch Thüringen, das Ruhr-\nund Wupperthal, über Köln, Bonn, Frankfurt, Heidelberg\nund Basel nach der Schweiz führte. Vielfaches Begegnen\nO o\nmit bedeutenden Menschen erhöhte seine geistige Lebhaf-\ntigkeit, und in Briefen, die er in die Heimat schrieb, er-\ngoss sich sein volles Herz in überströmendem Gedanken-\nReichthum und der klarsten, heitersten Stimmung. -Am\n11. September bei herrlichem Wetter war er auf dem\nRigi. Den 15. September hatte er für den Wiederbeginn\nder Sing-Akademie bestimmt; ungünstiges Wetter hatte\njedoch seine Reiseplane durchkreuzt, und an diesem Tage\ntraf ein heiterer Brief von ihm in Breslau ein, der seine\nverspätete Rückkehr entschuldigte und die ausführlichsten\nMittheilungen über alles Gesehene und Erlebte und den\nVerkehr mit wissenschaftlichen und künstlerischen Auto-\nritäten verhiess. Und gerade an diesem Tage, nachdem er\nam Abende vorher, sich schon unwohl fühlend, in Schaff-\nhausen angelangt war, ging seine Seele daselbst in ihre\newige Heimat ein. Seine Körperkraft erlahmte fast plötz-\nlich bei vollem Bewusstsein und geistiger Klarheit, und\nschon in der Ahnung seines nahen Todes gaben die Worte:\n„Ach, meine Sing-Akademie!\" den Beweis, dass seine\nletzten Gedanken sich ihr, die einen Thei 1 seines Wesens\nbildete, zugewandt hatten.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMolsi* Herr August Dupont hat vor seiner Abreise nach\nBerlin noch ein Ooncert im Theater gegeben, wo wir die zwei letz-\nten Sätze seines neuesten grossen Concertes für Pianoforte und Or-\nchester hörten. Den Mittelsatz bildet eine Ballade von sehr origi-\nnellem Charakter, in welcher das Orchester, vortrefflich instrumen-\ntirt, von besonders ansprechender Wirkung ist. Auch das Finale\nweicht von der gewöhnlichen Art der Concert-Finale's in so fern\nab, als es den Charakter eines glänzend variirten Menuetto-\nSclierzo trägt. Beide Sätze sind bedeutende Compositionen und\nwurden mit andauerndem Beifall aufgenommen, der sich bei den\nVorträgen einer Capriccio-Phantasie über Motive aus Meyerb'eer's\nKobert und des Staccato perpetuel enthusiastisch steigerte. Auch die\ngenannte Phantasie, das einzige Stück der Art, das Dupont geschrie-\nben, zeichnet sich vor anderen Stücken ähnlicher Art durch die Be-\narbeitung aus, welche in der Variirung und Verbindung der Motive\nden tüchtigen Musiker zeigt. Ausgezeichnet und ebenfalls von dem\nlebhaftesten Beifalle begrüsst war auch der Vortrag einiger kleineren\nCiavierstücke von J. S. Bach und von Scarlatti. Der Concert-\nfltigel aus dem Depot von J. M. Heimann erschien im Theater-\nLocale als ein ganz anderes Instrument an Klang und Auswerfen\ndes Tones, als in dem grossen Gürzenichsaale.\nMeaswie«!. Am 1. März wurde unter G. Flügel's Direction\nHaydn's „Schöpfung\" aufgeführt. Die Solisten waren für Sopran\"\nFrau Drobegg, geb. Prätorius, aus Coblenz, für Tenor Herr\nWolters aus Köln, für Bass Herr Karl Hil 1-Mal ap ert aus\nFrankfurt am Main.\nHeacliäio Mozart's Cosi fan lulle wurde hier in der Schneider*-\nschen Bearbeitung unter dem Titel „So machen es Alle\" am 1. Fe-\nbruar neu einstudirt zur Aufführung gebracht. Die Oper war von\nHerrn Wolf in Scene gesetzt und mit den Damen Köster, Herren-\nburg-Tuczek, Bauer, den Herren Krüger, Salomon und Bost be-\nsetzt worden.\nDas dritte Orchester-C oncert von Hans von Bülow am\n27. v. Mts. brachte Berlioz's Ouvertüre zum römischen Carneval\nWagner's Faust Ouvertüre, Franz Schuberts grosse Clavier-Phan-\ntasie, Op. 15, sinfonisch bearbeitet für Piano und Orchester von\nFranz Liszt, Capriccio über Motive aus Beethoven's Buinen von\nAthen für Piano mit Orchester von Liszt, Sinfonisches Orchester-\nstück von H. v. Bülow u. s. w.\nDie berliner National-Zeitung schreibt: „Von dem Werke Alexan-\nder UlibischefFs, ~Beelhoven, ses Critiques et ses Glossateurs\", über\ndas wir seiner Zeit in einer Reihe längerer Artikel berichteten, hat\ndie Brockhaus'sche Verlagshandlung eine deutsche Ausgabe veran-\nstaltet. Wir legten damals gegen eine Menge in jener Schrift enthal-\ntener Behauptungen Verwahrung ein, empfahlen sie aber zugleich\naufs nachdrücklichste der Beachtung aller, denen der Gegenstand\nam Herzen liegt. Selbst die Irrthümer eines geist- und phantasie-\nvollen Mannes und, was noch wichtiger ist, eines Schriftstellers, der\nes mit der Kunst ernst und aufrichtig meint, sind eine reiche Quelle\nder Belehrung. Die Arbeit des Uebersetzers, des Professors Ludwig\nBisch off, Redaeteurs der Niederrheinischen Musik-Zeitung, zeigt\ndie gründlichste Sachkunde und zugleich grosse Klarheit und Fluss\nim Ausdruck.\"\nIn den äusseren Verhältnissen des Theaters ist\nabermals eine Veränderung eingetreten: die administrative Hofstelle,\nheisse sie nun Intendanz oder Verwaltung, hat momentan aufgehört.\nIhr letzter Träger ist pensionirt, und die Direction ist gegenwärtig\nfactisch auch Intendanz ein Ziel, das längst angestrebt wurde\n—, ob nur vorübergehend oder auf die Dauer, das wird vielleicht\nvom Ausschlage des Versuchs abhangen. Im Interesse der Direction\nmöchte ich wünschen, dass ihre Gränzen nicht erweitert würden,\nzu ihrem eigenen Vortheile, zu ihrer eigenen Sicherheit Dem schwer\nzu behandelnden Volke der Künstler gegenüber mag es besser sein,\nwenn es über Mangel an Macht auf Seiten des Directors, als wenn\nes über dessen Willkür klagt, und dem Fluge der künstlerischen\nIntentionen mag eine nüchterne Finanzhand eine erwünschte Beglei-\nterin sein, damit nicht am Ende der gute Director am schlechten\nVerwalter scheitere.\nVreilllftFg (im Breisgau). Eine neue Oper, „Andreas Hofer\",\nMusik von Kirchhof, wurde hier zum ersten Male gegeben."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590305-01.1.8", "texte": "ÄRrlSi'Mla©» Dem „Theater-Archiv\" zufolge liefen im Jahre\n1858 beim Lese-Comitc des hiesigen Hoftheaters 40 einactige, 6\nzweiactige, 24 dreiactige, 11 vieractige und 43 fünfactige dramati-\nsche Gedichte (?) ein. Diese 124 Novitäten wurden nach dem Re-\nglement des Lese-Comite's durch schriftliche Inhalts-Angaben und\nBeurtheilungen, so wie durch die in den Sitzungen daran geknüpf-\nten Besprechungen geprüft. Drei Opern und dreizehn Stücke wurden\nzum Dienste vorbehalten und eilf bestimmt angenommen; sieben von\ndiesen sind bereits zur Aufführung gelangt.\nMitte Februar. Den Freunden der mittel-\nalterlichen Kirchenmusik erlaube ich mir die ihnen gewiss recht\nerwünschte Nachricht mitzutheilen, dass in wenigen Tagen dem Er-\nscheinen des dritten Bandes der Musica divina von Canonicus Dr.\nProske entgegen zu sehen ist. Von der Seltenheit und Reichhaltig-\nkeit des Inhaltes mögen nachstehende kurze Andeutungen Zeugniss\ngeben. Es finden sich Intonationen, Psalmen, Magnificat, Hymnen.\nAntiphonen, Marianische, von Palästrina, Orlando di Lasso, Yittoria,\nAnerio, Narini, Hasler, Ortiz, Porta, Pitoni, Suriano, Carini, Incerto,\nFux, Aichinger, Zachariis, Demantius, Giovanelli, Viadana,\nBernabei. Sobald ich im Stande bin, werde ich Ihnen ausführlicher\nberichten über diese jedenfalls ausgezeichnete Erscheinung auf dem\nFelde der Kirchenmusik.\nYon Professor Johann Christian Lobe in Leipzig, „wohl-\nbekannt\" als musicalischer Schriftsteller und Lehrer der musicali-\nschen Theorie wie als Componist und Virtuose, wird demnächst ein\ninteressantes und für den Musiker jedenfalls lehrreiches Buch er-\nscheinen: „Aus dem Leben eines Musikers\" (Leipzig, J. J. Weber).\nDer Verfasser schildert darin seine Künstler-Laufbahn und seinen\nBildungsgang, der ein ganz eigeuthümlicher war. Lobe ist nämlich\nfast ein reiner Autodidact in allen den Fächern, worin er sich her-\nvorgethan. Im Jahre 1797 zu Weimar geboren, kam er schon mit\nfünfzehn Jahren als Violinist in die dortige Hofcapelle; später trat\ner als Virtuose im Flötenspiel auf und componirte mehrere Opern.\nIn Leipzig lebt und wirkt er seit 1846. In der Ankündigung des\nBuches wird gesagt, dass es zugleich Zweck des Verfassers sei,\ndurch das Beispiel seines Lebens die Talente gegen ihre eigene\nSchwäche und gegen feindliche Verhältnisse zu stählen. Auch unter-\nhaltende Erinnerungen aus Lobe's Vaterstadt, dem Mnsensitze, und\nGespräche mit Göthe findet man in diesem Lebensberichte.\nDresden* Am 10. Februar kam auf unserer Hofbühne Wolf-\nsohn's „Czaar und Bürger\" neu einstudirt zur Aufführung. Wäh-\nrend des dritten Actes verbreitete sich in den zahlreich gefüllten\nZuschauerräumen plötzlich die Nachricht von dem Tode der Frau\nErbgrossherzogin Anna von Toscana. In Folge dieser Trauerkunde\nverliessen die sämmtlichen anwesenden Officiere, so wie ein beträcht-\nlicher Theil des Publicums die Vorstellung. Die General-Direction\nmachte Tags darauf bekannt, dass Allerhöchster Anordnung zufolge\ndas Hoftheater bis auf Weiteres geschlossen bleiben werde.\nUlikflielteaic Im Hoftheater hörten wir unlängst Gretry's\n„Richard Löwenherz\". Wie veraltet, ja, beinahe kindisch uns der\nText dieser Oper jetzt erscheinen mag, so hat doch die Musik we-\nder an Frische und Anmuth, noch an ergreifender Wirkung das\nGeringste eingebiisst.\nIm grossen Theater zu St. Petersburg wurde Flotow's „Mar-\ntha\" bereits drei Mal mit grossem Casse-Erfolg gegeben,* jede Ein-\nnahme brachte 3500 Rubel ein.\nlölriei£. Michael Hauser wird im Laufe der nächsten Woche\nim Carl-Theater einen Cyklus von Concerten eröffnen. Das Interesse,\nwelches dem Erscheinen dieses vielgereisten Künstlers vorangeht,\ndürfte seinen Productionen eine ungewöhnliche Theilnahme zuziehen.\nDer bekannte dänische Componist Herr Erik Siboni hat eine\neinactigc Oper ~Loreley\" (Text von Ryegaars) vollendet, welche\ndemnächst auf dem kopenhagener Theater zur Aufführung gelangt."}]}