{"numero_id": "bm-bmtnabi-1859-03-26-01", "volume": "bmtnabi_1859-03-26_01", "ocr_sha256": "d45c54fd704ec14850eed3c7773a96f3cc68f138841f10afc9b2646d85be64f3", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1859/03/26_01/bmtnabi_1859-03-26_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1859-03-26-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-03-26_01#c001", "volume": "bmtnabi_1859-03-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "97", "page_fin": "97", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 433, "texte": "Inhalt.\nBerliner Briefe (I. 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Wagner's Lohengrin in Berlin Mozart's Cosi fem tutte Gast-\nspiele Concerte: Pom-Chor Rad ecke, Orchesterwerke von\nRietz, Rubinstein, Bargiel, Faust-Musik von Schumann.\n11. Ulrich Kiel fremde Künstler: Blumner, von Meyer,\nStrauss, Wolf, Fräulein Genast, Binfield, Caroline und\nYirginie Ferni, David. - Concert von von Bülow:\nLiszt's „Ideale\".]\nDen 15. März 1859.\nEs ist jetzt sieben Wochen her, dass der Lohengrin\nzum ersten Male auf unserer Bühne zur Darstellung kam;\nmit nicht ungünstigem Erfolg, wenn man auf den Ein-\ndruck, der sich in den Beifalls-Bezeugungen der zuerst\nAnwesenden ausspricht, Gewicht legen will. Wie tief und\nnachhaltig die Wirkung sein wird, lässt sich bis jetzt noch\nnicht im Mindesten beurtheilen. Mehrfache Erkrankungen\nder Haupt-Darsteller waren die Ursache, dass bis heute\nerst fünf Aufführungen zu Stande kamen; schon dadurch\nist die Theilnahme des Publicums etwas abgekühlt; die\npolitischen Verhältnisse, die vielfachen Zerstreungen der\nCarnevalszeit mögen ebenfalls mitgewirkt haben, und so\nstellt sich denn die Thatsache heraus, dass in der allge-\nmeinen Unterhaltung der Lohengrin keine so bedeutende\nRolle spielt, dass ihm bei Weitem nicht die Wichtigkeit\nbeigelegt wird, welche die Apostel der Zukunft ihm ver-\nschaffen möchten.—Uns fällt es gewiss am allerwenigsten\nein, auf die Kundgebungen, die sich in der grossen Welt\nzeigen, einen hohen Werth zu legen. Für alles wahrhaft\nBedeutende und zugleich allgemein Menschliche kommt\nzwar meistens eine Zeit, in der es aus stiller Abgeschlos-\nsenheit hinausdringt in immer weitere Kreise und seinen\ngeschichtlichen Siegeszug vollzieht; aber diese Zeit kann\nspät kommen; und oft äussert sich die nachwirkende Kraft\ngrosser Schöpfungen auch darin, dass sie Jahrhunderte\nlang ein dauernder Gegenstand der Liebe und Verehrung\nbleiben, ohne aber darum für Viele zugänglich und ver-\nständlich zu sein. Wenn wir daher solche Bemerkungen\nüber den äusseren Erfolg machen, so haben wir dabei\nnur den Zweck, das Thatsächliche festzustellen; gar zu\ngern berufen sich leidenschaftlich kämpfende Parteien der\ntadelnden und abweisenden Kritik gegenüber auf das Ur-\ntheil des Publicums, ja, sie scheuen sich nicht, falsche Be-\nrichte darüber in die OefFentlichkeit zu bringen. Ein sol-\ncher Fall liegt hier gerade vor. In einer Broschüre, „ Wag-\nner's Lohengrin und die Kritik der Tagespresse\", die ge-\ndruckt und ausgegeben war, bevor der Lohengrin die\ndritte Aufführung erlebt hatte (die erste fand am 23., die\nzweite am 26. Januar, die dritte am 22. Februar Statt;\nzwischen der zweiten und dritten lagen also vier Wochen;\ndie Broschüre wurde am 16. Februar ausgegeben), heisst\nes: „Der Lohengrin erschien, wurde gesehen und siegte.\nDie Theaterblitze und der kalt gewordene Bannstrahl\nmussten vor solchem Resultate in der kritischen Rüstkam-\nmer zurückbleiben. Statt dessen galt es, an dem unzwei-\nfelhaften Erfolge zu mäkeln und an dem wohlerworbenen\nLorber so lange herum zu zerren, bis er gelb geworden.\nVergebliches Bemühen! Der Lohengrin, keine Ausstattungs-\nOper, verfasst von Daubner, Gropius und dem Theater-\nschneider, fesselt nach wie vor das unbefangene Publi-\ncum. Es bleibt demnach als unbestrittene Thatsache: dem\nüberwiegenden Theile des Publicums hat der Lohengrin\ngefallen.\" Sie sehen aus dieser Stelle, wie diesem neuesten\nRitter der Zukunftsmusik selbst die allergewöhnlichste Be-\ndingung der äusseren Zuverlässigkeit und Solidität fehlt,\ndie jeder brauchbare Reporter besitzen muss. Er wartet\nnicht einmal ab, dass der Lohengrin mehrere Aufführun-\ngen erlebt, sondern setzt es kühnlich voraus., setzt eben so\nkühnlich die gleichbleibende Theilnahme des Publicums\nvoraus, schreibt es dreist nieder, lässt es dreist drucken\nund gibt, da nun der böse Zufall es anders will, jedem\nunbefangenen Leser auf den ersten Blick zu erkennen,\nwessen Geistes Kind er ist. Und diejenigen wollen der\nWelt einreden, sie hätten ein gerechtes Urtheil, die nicht"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5500, "texte": "einmal so viel Gerechtigkeitssinn haben, um den Thatbe-\nstand richtig darzustellen?\nDie berliner Tageskritik hat den Lohengrin ebenfalls\nwohlwollender aufgenommen, als den Tannhäuser. So Vie-\nles sich gegen den Stolf und gegen die poetische Behand-\nlung desselben, gegen die eigentlich unkünstlerische Nei-\ngung Wagner's, abstracte Gegensätze statt lebendiger in-\ndividueller Gestalten einander gegenüber zu stellen, gegen\ndie Monotonie und Armuth melodieloser Recitative sagen\nlässt, in der Dichtung lebt ein höherer Adel, und in mu-\nsicalischer Hinsicht werden wir weniger durch Trivialitä-\nten verletzt, als im Tannhäuser. Der Irrthum des Wagner'-\nschen Princips hat sich im Lohengrin noch mehr gesteigert.\nAber er hat für sich selbst nicht ganz Unrecht damit; er\nhat das Unglück, wo er melodiös sein will, nicht nur Re-\nininiscenzen zu geben, sondern Reminiscenzen böser Art;\nder Geist Mozart'scher, Beethoven'scher Melodik ist ihm\nfremd geblieben, seine melodische Phantasie verirrt sich\nnie auf dieses Gebiet, bringt niemals eine Melodie hervor,\ndie auch nur annähernd an jene Koryphäen deutscher Mu-\nsik erinnerte oder aus gleichem Quell entsprungen schiene\n(mit Einer Ausnahme, dem Arioso der Elisabeth im zwei-\nten Finale); im besten Falle sind es Ableitungen Weber'-\nscher Melodieen, oft, «ehr oft Melodieen, nicht besser und\nnicht schlechter, als sie die deutschen Lyriker mittlerer\nGattung zu Hunderten und Tausenden gesungen haben.\nWagner's Talent liegt nach einer anderen Richtung hin,\nes besteht in der Kunst des dramatischen Ausdruckes durch\nModulation und Instrumental-Effecte; und indem er im\nLohengrin die ganze Wirkung hierauf concentrirt, hat er\nzwar entschieden gegen das Wesen des Gesanges und der\nOper gesündigt, aber er hat sich auf das beschränkt, wozu\ner die meiste Fähigkeit hat. Es kommt noch Folgendes\nhinzu. Der Lohengrin ist, als consequente Durchführung\neines, wenn auch falschen, Princijgs, gewisser Maassen lite-\nrarhistorisch interessanter, als der Tannhäuser. Er hat\nden Werth eines Curiosums, und dies ist wenigstens für\nden Kritiker etwas. In den musicalischen Blättern ist der\nLohengrin so vielfach besprochen worden, dass ich die\nGeduld Ihrer Leser zu ermüden fürchten würde, wenn\nich in eine speciellere Kritik einginge. Ich erwähne daher\nnur noch mit einigen Worten der Aufführung. Fräulein\nWippern, die stimmbegabte junge Sängerin, an deren\nsüssen Tönen sich alle erlaben, die im Gesänge der sinn-\nlichen Frische nicht ganz entbehren mögen, gibt die Elsa.\nWenn sich auch in Spiel und Auffassung die Anfängerin\nnoch immer nicht verläugnet, so ist ihr doch Vieles so\nwohl gelungen, dass man ihrem Bemühen und ihrer Lei-\nstung alle Anerkennung zollen kann. Sie war es, die das\nPublicum am häufigsten zu Beifallsspenden anregte; und\nwenn der Lohengrin einen bleibenden Erfolg haben sollte,\nso wird ihre anmuthige Stimme keinen geringen Antheil\ndaran haben. Die Leistung des Fräul. Wagner als Or-\ntrud ist, wenn auch was schon in der Aufgabe selbst\nliegt des sinnlichen Wohllauts entbehrend, eine meister-\nhafte. Herr Formes gibt den Lohengrin mit vieler Aus-\ndauer und nicht ohne Verständniss; zu voller Versinnlichung\ndieser Rolle fehlt indess seiner Stimme ein eigenthümliches\nEtwas; diese eigene Mischung von Heroismus und heiligem\nGlänze wird schwer durch Kunst zu erreichen sein, wo sie\nnicht von der Natur schon vorbereitet ist. Die Rollen des\nTelramund und König Heinrich's sind durch die Herren\nKrause und Fricke gut besetzt. Am wenigsten genügt\nder Chor, dem auch in der That eine in jeder Beziehung\nfast unüberwindliche Aufgabe zugemuthet ist. Im Allge-\nmeinen zeigte es sich aber überhaupt, dass Wagner'sche\nMusik für den Sänger ein unergiebiges Terrain ist. Die\nwahre Begeisterung des Sängers kann nur aus der Melo-\ndie quellen. Nur da, wo das Wort, wo die dem Worte\nzu Grunde liegende Empfindung ganz ein- und aufgegan-\ngen ist in zusammenhangendem, (liessendem Tonstrom\nnur da entzündet sich die Phantasie des Sängers zu jener\nGluth, die auf den Hörer als ein Uebermächtiges, Ueber-\nmenschliches wirkt. Die künstlerische Phantasie des Sän-\ngers wird in Wagner'scher Musik fast nie angeregt, er\nwird mit trockener, verstandesmässiger Declamation, mit\neinzelnen, vorübergehenden Gel'ühls-Accenten, wie sie in\njedem Recitativ vorkommen, abgefunden und muss traurig\nzusehen, wie das Bisschen Wärme, das hier und da noch\nhervortritt, sich in das Orchester geflüchtet hat. Wagner's\nMusik ist in der Hauptsache kalt und trocken, alle die\nkünstlichen Mittel der Aufregung können uns darüber\nnicht täuschen. Es ist wie mit einem Menschen, der die\nnatürliche Lebenswärme verloren hat und nun sich in Auf-\nregungen aller Art stürzt, um dem Tode zu entfliehen;\naber die verlorene Wärme des Blutes kann dadurch nicht\nersetzt werden. Wie sehr kann man schon Meyerbeer die-\nsen künstlichen Erwärmungs- und Belebungs-Process vor-\nwerfen! Und doch, wo hat Wagner etwas geschrieben,\ndas nur so viel Wärme hätte, als die beiden grossen Duette\nin den Hugenotten?\nZiemlich gleichzeitig mit dem Lohengrin ging\ntutte neu einstudirt in Scene. Das Schicksal der Oper\nscheint diesmal günstiger zu sein, als in früheren Jahren.\nDas Publicum setzt sich über die Ungereimtheiten des\nTextes hinweg und erfreut sich an der Feinheit einer Musik,\ndie der zu Figaro's Hochzeit nahe steht, wenigstens in den\nEmsembles, denn die Arien sind allerdings von bedeutend\ngeringerem Gehalt. Ulibischeff, der durchaus nicht ein so\nunbedingter Bewunderer Mozart's ist, dass er alles aus sei-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5521, "texte": "ner Feder Geflossene schön fände, und der durch die Ur-\ntheile, die er über viele Werke Mozart's ausspricht, ge-\nwisser Maassen einen Commentar zu seinem Urtheil über\nBeethoven gibt, indem daraus hervorgeht, dass seine Kritik\neine rücksichtslose, ideale ist: Ulibischeff hat den Grund\ndavon richtig erkannt. Er liegt in der sittlichen Frivolität\ndes Textes, durch die jedes ernstere, tiefere Gefühl ausge-\nschlossen ist. Damit fehlt aber auch der Stoff, aus dem\nArien gemacht werden. In den Ensembles kann dagegen\ndie dramatische Schlagfertigkeit des Ausdrucks, die gefäl-\nlige Verknüpfung aller Einzelheiten zu einem harmonischen\nGanzen nicht genug bewundert werden. Wenn wir solche\nWerke wie dieses vom Repertoire verschwinden lassen\nwir, die wir uns doch wohl nicht über allzu grossen Reich-\nthum an dramatischen Meisterwerken beklagen können ,\nso zeugt das von einer beklagenswerthen Herrschaft des\ngröberen Geschmacks in Theater-Angelegenheiten. Die\nAufführung von Com, fan tuttewar eine der rundesten, die\nwir seit langer Zeit gesehen haben. Namentlich zeichneten\nsich die Damen Köster und Herrenburg-Tuczek aus.\nWenn ich Ihnen nun noch von einigen Gastspielen\nkurze Mittheilung mache, welche Statt fanden, um bevor-\nstehende Lücken zu ergänzen, so habe ich damit die Thä-\ntigkeit der königlichen Oper erschöpfend besprochen. Zwei\njunge Damen aus Wien, Fräulein Kraus und Gelpke,\nmachten hier ihre ersten theatralischen Versuche. Von der\nGeschicklichkeit und Sorgfalt ihres Singmeisters legten sie\nkein sehr günstiges Zeugniss ab. Den Stimmen war zu viel\nmit Gewalt abgetrotzt, als sich mit den Grundsätzen eines\ngewissenhaften Gesanglehrers vereinigen lässt. Doch hat\nFräulein Kraus ein hübsches Talent, von dem wir bedau-\nern würden, wenn es unter forcirter Behandlung zu Grunde\nginge. Einen günstigeren Eindruck machte Fräul. Übrich\nvon Schwerin. Sie hat Änmuth und Gewandtheit, sowohl\nim Spiel als im Gesänge; Bedeutenderes verspricht sie nicht,\ndoch vermag sie den elementaren Bedingungen zu genü-\ngen, deren Erfüllung wir von dem Mitgliede einer grossen\nBühne fordern. Herr Betz von Rostock, der einmal als\nWolfram auftrat, soll bereits an Stelle des Herrn Radwa-\nner engagirt sein; er hat respectable Stimmmittel, denen\naber noch jede feinere Ausbildung fehlt.\nUnter den A bonnements-Concerten des Winters,\ndie theils zu Ende gegangen, theils ihrem Ende nahe sind,\nverdienen, weil sie am meisten Neues bringen, vorzugs-\nweise die Radecke'schen und die des Dom-Chors Er-\nwähnung. Der Dom-Chor fährt fort, auserlesene Stücke\naus dem Gebiete der älteren katholischen und protestanti-\nschen Kirchenmusik in technisch vollkommener Weise zu\nGehör zu bringen. Die vorliegende Literatur ist so reich\nund zugleich qualitativ so mannigfaltig, dass es schwer ist,\nzu sagen, wann man mit dem Sammeln zu Ende gekom-\nmen sein wird. Und dabei ist noch so wenig für Wieder-\nbelebung der Madrigal-Literatur gethan. Unter den in den\nletzten Soireen zur Aufführung gelangten Stücken heben\nwir namentlich die Lamentationen von Melchior Franck\nhervor, da sich in diesen neben der strengen Kirchlichkeit\neine hervortretende Eigentümlichkeit und mystische Tiefe\nder Empfindung ausspricht. Man erkennt darin einen Vor-\nboten Seb. Bach'scher Musik, die ja ebenfalls nicht bloss\ndurch die Erhabenheit der Kunstgestaltung, sondern eben\nso sehr durch die Kraft subjectiver Empfindung so einzig\nda steht. Fast könnte man an den Franck'schen Lamen-\ntationen einen zu grossen Realismus des Gefühls tadeln,\neinen Realismus, der die Formen harmonischer Schönheit\ndurchbricht. Werke wie diese regen immer aufs Neue den\nalten Streit der Kunst-Principien auf, den Streit zwischen\nidealer Schönheit, die aber die Kälte des Marmors hat, und\ndem alle Tiefen des menschlichen Wesens offenbarenden\nIndividualitäts-Princip. Nach welcher Richtung wir auch\ndie Geschichte der Kunst durchforschen mögen, überall\nzeigt sie uns diesen Kampf und stets diejenigen als die wah-\nren Lieblinge der Musen, die an ihm erstarkten und Werke\nhervorbrachten, in denen sich die entgegengesetzten Fäden\nzu durchkreuzen und zu vorübergehender Einheit zu ver-\nknüpfen scheinen. Und mag auch in einer Periode und in\neinem Volke mehr diese, in einer anderen Periode und in\neinem anderen Volke mehr jene Richtung hervortreten,\nganz hat der Gegensatz Werke wie die Lamentationen\nvon Franck beweisen es - nie gefehlt.\nin den Radecke'schen Orchester-Concerten kamen\nmehrere neue, theilweise bedeutende Werke zur Auffüh-\nrung. Zunächst eine Concert-Ouverture von Julius\nRietz, ansprechend und gefällig in den Motiven, geschmack-\nvoll in der Harmonie und Instrumentation, gewandt in der\nAnordnung und thematischen Durchführung; eine tiefere\nErregung des Gemüthes hat der Componist wohl nicht be-\nabsichtigt, sondern sich beschränkt, durch ein gebildetes\nTonspiel zu unterhalten, nicht in Haydn-Mozart'scher\nWeise, sondern mit den romantischen Ausdrucksmitteln,\ndie sich durch Mendelssohn befestigt haben. Die Ocean-\nSinfonie von Rubinstein, die Herr Radecke ebenfalls auf-\nführte, war zwar nicht neu für uns—der Componist selbst\nhatte sie uns schon vorgeführt —■, aber doch so gut wie\nneu. Wir glaubten, dass wir nach dem wilden Heere von\nDissonanzen, das in den letzten Jahren an uns vorüberge-\nzogen, für die Gewaltsamkeiten Rubinstein'scher Musik\nweniger empfindlich sein würden, als das erste Mal; und\nwir erkennen auch gern an, dass sich in dieser Sinfonie\nimmer noch eine andere Kunstanschauung ausspricht, als\nz.B. inLiszt's symphonischen Dichtungen; aber uns für sie\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5549, "texte": "irgendwie zu erwärmen, sind wir nicht iin Stande. Der\nerste Satz wird im Allgemeinen für den besten gehalten;\ndass das Thema desselben so charakteristisch ist, um Thema\neiner Sinfonie zu sein, schon dies können wir nicht zuge-\nben. Ein Thema kann ganz kurz sein, es kann und soll so-\ngar in einfachen Ton-Verhältnissen beruhen, aber es darf\nauch nicht geradezu nichtssagend sein, und das scheint uns\nhier der Fall. Und wird es etwa so kunstvoll verarbeitet,\ndass es dadurch Bedeutung gewänne? Auch dies würde\nsich schwer zeigen lassen. Dennoch ist der erste Satz im\nEinzelnen nicht uninteressant, er hat namentlich ein aus-\ndrucksvolles Colorit. Die guten Seiten der Composition\nscheinen uns aber weniger in dem Gedanken und der Ge-\ndanken-Entwicklung, als in dem mitunter recht geschmack-\nvoll angebrachten Beiwerk zu liegen. Der Componist weiss\nmit einem gewissen äusserlichen Geschick, wie es in der\nMusik Virtuosen, in der Literatur Feuilletonisten besitzen,\ndurch Figurirung und Instrumentirung zu wirken; es ge-\nschieht alles Mögliche, um den Gegenstand durch eine\nblendende äussere Darstellung herauszuputzen, suchen wir\naber einen eigentlich gediegenen Inhalt und eine sachge-\nmässe objective Entwicklung, so zeigt sich uns der Mangel\nkernhafter Innerlichkeit. Noch dürftiger wird die melodi-\nsche Erfindung in den folgenden Sätzen, bis dann zuletzt\nder Componist hart an die Glänze streift, wo das Gebiet\nder Kunst ganz aufhört und das der bloss materiellen\nKlangwirkungen beginnt. Von Woldemar Bargiel\n(einem Stiefbruder der Clara Schumann) kam eine Ouver-\ntüre „zu einem Trauerspiel\" zur Aufführung, ein in der\nErfindung und Durchführung durchaus edles, kunst ge-\nrechtes Werk. Der Componist hat sich in diesem neuesten\nWerke aus einer gewissen Kränklichkeit, die wir früher\nan ihm fanden, herausgerissen und zu einer markigeren,\ngesunderen Empfindungsweise erhoben, ohne freilich\nwas wir auch nicht verlangen—das Gebiet der Romantik\nganz zu verlassen.\nDas interessanteste Werk, das Herr Radecke zur Auf-\nführung brachte, war der letzte Thcil der Schumann'schen\nFaust-Musik, die „Verklärung\". Wenn man den Be-\nweis dafür verlangt, dass die Musik der neueren Zeit über-\nall nach dem Aeussersten, Letzten strebt, so braucht man\nnur einen Blick auf die Stoffe und die Dichtungen zu wer-\nfen, die den heutigen Componisten zur Musik begeistern.\nBald sucht man eine gesteigerte Wirkung dadurch zu er-\nreichen, dass man zu fernen Ländern und Völkern flüch-\ntet, wie Schumann in „Paradies und Peri\", oder man\nstellt die schroffsten ethischen Gegensätze einander gegen-\nüber, wie Taubert im Macbeth, Wagner im Lohengrin;\noder man wirft sich auf das Wunderbare, Märchenhafte,\nwie z. B. in Wa gner's Nibelungen das Menschengeschlecht\nvor den Figuren der Götter, Riesen und Zwerge ganz in\nden Hintergrund tritt kurz, sowohl im Aeusserlichen als\nin Bezug auf die zur Darstellung kommenden Stimmungen\nund Charaktere greift man zu dem Entlegensten, Rellec-\ntirtesten; und diese Sucht, sich in den Superlativen des\nDenkbaren zu bewegen, ist eben dasjenige, was das We-\nsen der Romantik ausmacht. Denn die classische Kunst\nist freilich weit entfernt von trüber Verschwommenheit\ndiese ist vielmehr auch eines der Extreme, welche die\nRomantik liebt—, sie scheut sich auch nicht davor, einen\nGegensatz in dramatischer Entwicklung auf die Spitze zu\ntreiben; aber ihre Voraussetzungen sind immer natürlich\nund einfach, und wo es in ihr zu Superlativen kommt,\nwerden diese auch als Superlative gegeben, d. h. sie ent-\nwickeln sich als nothwendige Consequenzen eines zuerst\nunscheinbaren Widerspruchs; und so wird in der classi-\nschen Kunst selbst das Entlegenste vermittelt und erscheint\ndarum als etwas Natürliches, Ungesuchtes. Die classische\nKunst hat eben Alles: die äusserste Schärfe des Gegen-\nsatzes und die Einfachheit der Natur. Der classischen Kunst\ngeht eine andere Periode vorher, deren Eigenthümlichkeit\nwir uns klar machen können, wenn wir uns das Verhält-\nnissvergegenwärtigen, in dem z.B. Paiestrina zu der Musik\ndes vorigen Jahrhunderts steht. Dort ist eine Klarheit und\nHarmonie, die sich noch nicht in Gegensätze aus einander\nlegt. In unserem Jahrhundert trat dagegen in der Ent-\nwicklung der Kunst, nicht bloss in der Musik, die Roman-\ntik hervor mit ihrem Princip, von Jahrzehend zu Jahrzehend\nwachsend in ihren Ansprüchen und Anstrengungen. Man\nwird zugestehen müssen, dass das classische Kunstprincip\ndas höhere, weil das umfassendere, ist, und braucht darum\ndoch nicht das romantische gänzlich zu verwerfen. Der Geist\nder Geschichte duldet nichts Leeres, und wo sich irgend\neine Möglichkeit zu Schöpfungen zeigt, sie mögen immer-\nhin von geringerem Werthe sein als die bereits vorhande-\nnen, wenn sie nur andere sind, da muss diese Möglichkeit\nverwirklicht werden. Nur die äussersten Auswüchse eines\neinseitigen Kunstprincips verlieren sich dann freilich in das\nFormlose, Ungereimte und ringen vergeblich dem Lichte\nder Welt entgegen; aber diejenigen, die innerhalb ihrer\nRichtung noch ein gewisses Maass festhalten, haben ihr\nRecht der Existenz, wie überhaupt in der Welt die Klei-\nnen neben den Grossen, die einseitig, aber interessant und\neigentümlich ausgebildeten Charaktere neben den harmo-\nnischen, universellen, welche, sei es als Staatsmänner, oder\nals Künstler, oder als Philosophen, die Welt beherrschen.\nFür diese allgemeine Beobachtung nun, dass die neuere\nMusik eine romantische ist, gibt uns Schumann ein neues\nBeispiel, indem er Faust's Verklärung componirte, jene\nScene im Himmel, in der eine an sich schon transcendente"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5517, "texte": "Idee eine überschwängliche poetische Gestaltung gefunden\nhat. Ist dieser Stoff überhaupt der Kunst, ist er der Musik\nerreichbar? Es möchte uns scheinen, als ob das Ueber-\nweltliche, Jenseitige der Musik noch eher erreichbar wäre,\nals irgend einer anderen Kunst. Denn die Schwierigkeit\nliegt ja darin, das im Glauben und im Gefühl Vorhandene\nobjectiv zu gestalten. Nun ist aber die Musik diejenige\nKunst, die eben das reine Gefühl ohne nähere objective\nBestimmung zur Erscheinung bringt; sie dringt also am\nersten in jenes Gebiet des sehnsüchtigen Glaubens, dem\nBild und Vorstellung nicht genügen. Diese Auffassung\nwürde dann unwiderlegbar sein, wenn wir durch reine In-\nstrumental-Musik das Uebersinnliche versinnlichen wollten;\nhier liegt aber nicht bloss das Uebersinnliche, sondern eine\nsehr bestimmte und individuelle poetische Gestaltung des-\nselben der Musik als Stoff vor, und ob die Musik diese be-\nstimmte poetische Fülle, die eigenthümlich mystisch ver-\nklärten und doch individuel lebendigen Gestalten der Kir-\nchenväter u. s. w. durch ihre Mittel versinnlichen könne,\ndas ist die Frage. Wir glauben es-—mit der Beschränkung\nfreilich, dass es romantische Musik wird, der zur vollen\nSchönheit die Bedingungen des Natürlichen, Einfachen,\nmenschlich Wahren fehlen —, und dennoch würden wir\nden Componisten bewundern, der die hier zu versöhnen-\nden Gegensätze vollständig mit einander verschmölze, der\ninnerhalb der Gränzen einer gleichsam von allem Irdischen\ngeläuterten Harmonie noch jene poetische Mannigfaltigkeit\nder Farben, die wir in Göthe's Gedicht finden, zu retten\nwüsste. Man sucht gern für jeden der Kunst neu zugeführ-\nten Stoff ein Analogon in der Geschichte der Kunst. Wir\nfinden es auch diesmal. Jenen überweltlichen Vorgang des\njüngsten Gerichts, den jedes Requiem musicalisch darge-\nstellt hat, dürfen wir wohl, so klar und einfach auch die\nPoesie des Requiem-Textes im Vergleich mit Faust's Ver-\nklärung ist, hier nennen; denn das Grund-Element ist das-\nselbe, eine bestimmtere poetische Versinnlichung transcen-\ndenter, überirdischer Vorgänge. Nur was im Requiem als\neine vorübergehende Vision erscheint, in einzelnen schar-\nfen Umrissen gezeichnet, eingeleitet, begleitet und beschlos-\nsen von Gebet und Angstruf der gläubigen Gemeinde, das\ngewinnt hier eine ausgeführte poetische Gestalt. Das Re-\nquiem enthält die Romantik im Keim, und dieser Keim ist\nin Faust's Verklärung zu voller Anschaulichkeit und Gegen-\nsätzlichkeit entwickelt. Hiernach scheint es uns denn, dass\nvielleicht hier und da einzelne Ausdrücke in dem Göthe'-\nschen Gedichte vorkommen, die der Musik Schwierigkeiten\nbereiten, dass aber das Ganze in mehr als Einer Beziehung\nder Natur der Musik sehr nahe verwandt ist.\nSchumann's Musik ist reich an interessanten und selbst\nbedeutenden Einzelheiten; dennoch finden wir nicht, dass\nsie auf der Höhe ihres Gegenstandes steht. Sie ist, mit\nEinem Worte, nicht so romantisch, als sie es sein möchte\nund sein sollte. Ueberall, wo die Dichtung selbst einen zar-\nteren lon anschlägt, z. ß. bei der Ankunft der seligen\nKnaben oder dem Vorüberschweben der heiligen Jungfrau,\nvermag die weibliche Natur Schumann's ihr zu folgen; aber\nalle einzelnen Gestalten zu höchster musicalischer Anschau-\nlichkeit zu beleben und über das Ganze den Heiligenschein\ndes Ewigen, Unvergänglichen auszugiessen, ist ihm nicht\ngelungen. So hat z. B. gleich der erste Chor, „Waldung,\nsie schwankt heran\", vorwiegend den Charakter des Lieb-\nlichen, Idyllischen; der Pater ecstaticus und der Pater\nprofundus haben wohl eine ernste, ascetische Miene, aber\nohne jenen Ausdruck der Ueberschwänglichkeit, den das\npoetische Bild fordert. Die nun folgende Scene zwischen\ndem Pater seraphicus und den seligen Knaben gehört zu\nden schönsten Abschnitten des Werkes; ein Ton rühren-\nder Unschuld klingt uns hier aus Melodie und Harmonie\nentgegen. Das Gedicht strebt indess zu immer höheren\nGipfeln, die Schumann nur theilweise erreicht. Engel\nschweben herbei, Faustens Unsterbliches tragend, und auf\ndem einen Grundtone: „Gerettet ist das edle Glied der\nGeisterwelt vom Bösen\", entwickeln sich verschiedene Ge-\ngensätze, die Schumann mit musicalischem Geschick grup-\npirt und zu einem harmonischen Ganzen abgerundet hat.\nIm Ausdruck ist hier Einzelnes sehr gelungen, namentlich\nder Satz: „Uns bleibt ein Erdenrest zu tragen peinlich\";\nnächstdem der Chor der jüngeren Engel: „Jene Rosen,\naus den Händen liebend-heil'ger Büsserinnen\", ferner der\nChor der seligen Knaben: „Freudig empfangen wir\"; aber\nder Grund- und Haupt-Chor, der alle diese kleineren Ab-\nschnitte einleitet und schiiesst: „Gerettet ist das edle Glied\",\nist, wenn auch musicalisch wirksam, so doch ein ganz\nweltlicher Triumphgesang, dem fast mehr als irgend einer\nanderen Nummer des Werkes jener Heiligenschein des\nUeberirdischen fehlt. Bedeutend erscheinen uns in dem\nferneren Verlaufe noch die Gesänge der Büsserinnen, wel-\nche die Mater gloriosaumschweben, und unter ihnen na-\nmentlich der Gesang Gretchen's, in dem die mehr dumpfe\nKlage der Anderen sich zu rührender Innigkeit steigert.\nDer sehr ausgedehnte Schlusschor: „Alles Vergängliche\nist nur ein Gleichniss\", verspricht Anfangs viel; es scheint,\nals ob Schumann jenen Ton, in dem die Engel ihr Ho-\nsianna singen mögen, den Ton mystischer Erhabenheit, an-\nstimmen wollte; aber merkwürdiger Weise sinkt er im\nweiteren Verlaufe unter die von ihm selbst bereits erreichten\nHöhen herab, und der Schlussist mehr weichlich, als er\ndas „Ewig-Weibliche\" zur Erscheinung brächte.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-03-26-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-03-26_01#c003", "volume": "bmtnabi_1859-03-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "102", "page_fin": "103", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.2.3", "titre_corps": "Aus Stuttgart.", "titre_sommaire": "Aus Stuttgart.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5392, "texte": "Aus Stuttgart.\n11. Von unseren Abonnements-Coneerten ist die Mehr-\nzahl, nämlich acht, vorübergezogen, und ist also bereits\neine Uebersicht über deren heuer eingehaltene Gesammt-\nRichtung möglich, und eine solche zu geben vielleicht an\nder Zeit. Im Allgemeinen können wir die Tendenz dersel-\nben als eine gute bezeichnen; namentlich tritt das hier\nsonst gern gepflegte virtuose Element gegen das eigentlich\nmusicalische immer mehr zurück. Die Bravour-Arie wird\nhäufiger durch Lieder, das Instrumental-Solo durch eine\nzweite Ouvertüre ersetzt. Unser Publicum, das auch für\ndas Gediegenste empfänglich ist man biete es ihm nur\n—, gewöhnt sich gern an bessere Programme und gewinnt\ndas eigentlich spirituelle Concert, bei dem es sich nicht zu-\nnächst um das Wie, sondern um das Was handelt, in-\ndem die kunstgerechte Ausführung des Gegebenen bereits\nvorausgesetzt wird, mit jeder Saison lieber. Allerdings ist\nseine gediegene Richtung höchst conservativ, selbst dem\nbesten Neuen kommt man misstrauisch entgegen, und Herr\nKücken hat viel Energie vonnöthen, um von den ortho-\ndoxen Forderungen rechts und den modern-französischen\nVerlockungen links nicht hin und her gezerrt zu werden.\nAber es ist ganz gut so; erst wenn ein Publicum seinen\nMozart, Beethoven und Mendelssohn sich ganz zum geisti-\ngen Eigenthum gemacht hat, besitzt es einen sicheren\nHort; blickt es dann weiter, so wird es das neuere Schöne\nmit Bewusstsein aufgreifen und dann desto dauerhafter\nbewahren.\nWas nun unsere Hofcapelle betrifft, so sind fast alle\nihre Geiger Moliquc's tüchtiger Schule entstammt und glän-\nzen durch markigen Strich, Reinheit und Präcision. Ihre\nZierden sind Keller, Bernböck, Häser, Debuysfere\nund Boch, welch letztere vier, da Keller's Augenübel sich\nleider nicht bessern will, heuer den Quartelt-Gyklus un-\n-7 J\nternommen haben. Unter den Bläsern nennen wir den Fa-\ngottisten Neukirchner, den Oboisten Ferling und den\nHornisten Fohmann; Beerhalter's Clarinetteist noch nicht\nhinreichend ersetzt. Capellmeister Kücken verlegt sich\nhauptsächlich auf feine Nuancirung im Detail und hat\nhierin schon manche hübsche Wirkung erzielt; nur liegt\ndie Gefahr nahe, dass hiedurch leicht der Gesammt-Cha-\nrakter leidet und das Publicum statt eines imposanten Ton-\nbildes nur verschiedene nette Tonbildchen erhält. An Sin-\nfonieen hörten wir bis jetzt Beethoven's Eroica und\nHaydn's G-durmit dem Paukenschlag, deren Andante na-\nmentlich gut gelang; vielleicht Molique zu Ehren, der eben\nunter den Hörern war, Mendelssohn's A-dur, Mozart's\ngrosse in C-dur und Schumann's in B-dur, welche dies-\nmal mehr Freunde fand, als bei ihrer ersten Aufführung,\nund bei der dritten noch weitere gewinnen wird. Nach\nSchubert's C-rfwr-Sinfonie sehnen wir uns schon lange;\ndieses wichtige Mittelglied zwischen Beethoven und den\nNeueren sollte in keinem Concert-Repertoire fehlen. Von\nOuvertüren erschienen Weber's Euryanthe und Oberon,\nMendelssohn's Sommernachtstraum, Melusine und Ruy Blas,\nMozart's Idomcneo, Spontini's Vestalin, Cherubini's Ana-\nkreon, Reinecke's Dame Kobold und Gade's Hochland-\nOuverture; über die beiden letzteren müssen wir Einiges\nbemerken. Reinecke contrapunktirt und instrumentirt geist-\nreich, aber seine Erfindung ist in dieser Ouvertüre zu we-\nnig selbstständig, sie würde, wie so Manches, vielleicht\nnicht existiren, wenn vorher kein Mendelssohn oder Schu-\nmann gewesen wäre; die durch Letztere veranlasste neue\nManier man könnte sie den „Leipziger Stil\" nennen,\nden sie aber gewiss nicht in solcher Ausschliesslichkeit be-\nabsichtigten, wie ihre Epigonen ihn jetzt pflegen—schlägt\nüberall vor. Auch Gade's Werk ist nicht ganz frei davon;\ndoch zeichnet er sich aus durch etwas Specifisch-Nordlän-\ndisches, was seinen Compositionen eine gewisse Neuheit\nund einen kunstgeschichtlichen Werth verleiht. Allerdings\nist die Hochland-Ouverture keines seiner hervorragendsten\nWerke, doch gibt sie ein anregendes Bild jenes in seiner\nAbgelegenhcit reizenden Landes und Lebens. Viel höher\nsteht seine Ballade „Erlkönigs Tochter\", deren erster Chor\nin E-durzu den lieblichsten Producten der Neuzeit zählt.\nAuch Oluf's Lied, von unserem Schüttky meisterhaft\ngesungen, und der Instrumentalsatz in sind in Har-\nmonie und Instrumentation prachtvoll. In Mendelssohn's\nWalpurgisnacht war es ebenfalls Schüttky, der seine schöne\nPartie am besten vortrug. Dagegen glänzte Pischek mit\nEsser's Ballade: „Des Sängers Fluch\", einem der jugend-\nfrischesten Producte des Tondichters; mit der Ariette: „Wer\nein Liebchen hat gefunden\", mit Schubert's „Wanderer\"\n(in Moliquc's Concert), in dem Duett aus „Vestalin\" mit\nHerrn Sontheim und in der e aus Hans Ilei-\nling, wie er denn auch die ganze Partie bei jüngster Wie-\nderaufführung der herrlichen Oper mit echt künstlerischer\nWeihe und Wärme spielte und sang. Auch viele berühmte\nSopran-Arien hörten wir wieder; Mad. Marlow sang zwei\nArien mit obligater Violine von Mozart und Herold, und\nbestand darin einen rühmlichen Wettstreit mit ihren tüch-\ntigen Begleitern, den Künstlern Keller und Bernböck;\nnamentlich gelang ihr die erstere (in B-dur) auf seltene\nWeise. Mad. Leisinger gab uns beide Spohr'sche Arien\naus „Faust\", die ursprüngliche in und die spätere,\netwas gemachte, in Es-dur, beide mit gleichem Schwung\nund Feuer, dann „Ocean, du Ungeheuer\" und die\nArie aus Cosi fan tutte mit ihren obligaten Hornstellen,\ngleichsam eine Vorläuferin der Arie Leonorens. Fräulein"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3453, "texte": "Mev er höfer, welche leider an die mannheimer Bühne\n%j\nübersiedelt, ohne dass wir noch genügenden Ersatz dafür\nhätten, sang Beethoven's „Ali pund gelang ihr\nnamentlich das Adagio. Diese Solostücke wurden umrankt\nvon verschiedenen Ensemble-Nummern aus Spohr's Jes-\nsonda, Cherubini's Faniska, Spontini's Cortez, Mozart's\nIdomeneo und Mehul's Joseph; Duett und Terzett aus\nletzterem schlugen mächtig durch.\nZu den Instrumental-Solo's übergehend, gedenken wir\nzuvörderst der Mozart'schen Serenade für acht lilas-3n-\nstrumente in Es-dur,welche trotz des übermässigen Vor-\nherrschens dieser einen Tonart doch durch ihre treffliche,\nso zu sagen von echt künstlerischem Humor getragene\nAusführung lebhaften Applaus ärntete. Die Reihe der Vio-\nlin-Virtuosen eröffnete der Balletmeister, Tänzer und Com-\nponist St. Leon mit seinem romantischen Concerte, welche\nan sich nicht bedeutende Tonschöpfung durch sein keckes,\neffectvolles Spiel ins beste Licht gestellt wurde. Eduard\nKeller gab uns die Spohr'sche Gesangscene mit jener ver-\nklärten Reinheit und Innigkeit, womit der Meister uns bei\njedem Auftreten neu begeistert. Nun kam noch Bernhard\nMolique, der ausser dem Beethoven'schen Harfen-Quar-\ntett und Bach's Chaconne nur eigene Compositionen spielte.\nAlle haben bedeutenden Kunstwerth und enthalten eigen-\ntümliche Schwierigkeiten; Molique schrieb sie eben für\nsich, weil nur er sie zu bewältigen weiss. In Technik,\ngrossem Tone und wahrhaft marmorner Ruhe wird er ge-\nwiss von keinem lebenden Geiger übertroffen; seine Rich-\ntung ist eine streng classische, obwohl er im Rakotzy-\nMarsch und Saltarello zeigte, wie er auch das moderne\nGenre spielend beherrscht.\nAuch an Clavier-Solo's waren die Concerte bis jetzt\nsehr fruchtbar; den Reigen begann ein junger, strebsamer\nKünstler, Namens Fröhlich, mit Beethoven's G-dur-Qion. -\ncert; ihm folgte Speidel, der als Componist wie Pianist\nauch auswärts rühmlich bekannte, mit dem ersten Satze\nvon Mozart's C-fifer-Concert, dem wir nur die beiden an-\nderen Sätze gern hätten folgen hören. Zum ersten Male\ntrat Dionys Pruckner hier auf, Liszt's tüchtiger Schü-\nler, und zeigte sich sogleich in vollkommenem Besitze jener\nAlles bewältigenden Technik, der verständigen Auffassung,\ndes grossen Tones und der ruhigen Classicität, wie sie nur\nechten Virtuosen eigen sind. Er spielte Hümmel s herrli-\nches Septett und dann Liszt's diabolisch-schwierige Pro-\npheten-Phantasie, und gewann Alles zu begeistertem Bei-\nfall für sich. Weniger glücklich war ein anderer Zögling\ndieser Schule, Fräulein Sabinin; vielleicht auch war die\nWahl, Mendelssohn's jy-»w®-Capriccio und Henselt's Poeme\nd'ctmour,nicht vortheilhaft. Molique's Tochter gab uns\nMendelssohn's serieuse und in der Soiree ihres Vaters Beet-\nhoven's 32 Variationen und zeigte sich darin als Pianistin\ngediegener Richtung. —Der Verein für classische\nKirchenmusik führte unter Faist's richtiger Leitung\nden Messias, dann zwei Mal interessante Kirchengesänge\naus früheren Jahrhunderten auf. Auch die Musikschule,\nwelche über 200 Schüler zählt, worunter viele schöne\nTalente, hält eine löbliche aristokratische Tendenz fest;\nin den wöchentlichen geschlossenen Soireen derselben hört\nman lleissig Bach, Mozart, Haydn, Clementi, Beethoven,\nin der Violine Spohr, im Gesänge auch Händel, Gluck,\nSchubert, Schumann und Robert Franz; man sieht also,\ndass hier gegen etwaige moderne Gelüste ein tüchtiges\nUebergewicht besteht und sich voraussichtlich auch er-\nhalten wird."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-03-26-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-03-26_01#c004", "volume": "bmtnabi_1859-03-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "103", "page_fin": "104", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "C. G", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.7", "debut_caractere": 3455, "fin_caractere_exclue": 5504, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nM. falsa. Am 22. d» Mts., dem Geburtstage des Prinz-Regeil-\nten, wurde im Stadttheater Schiller1 s „Jungfrau von Orleans\" mit\nMusik von Max Bruch aufgeführt. Vorher ging ein Festmarsch\nvon demselben Componisten und ein Prolog, gedichtet und gespro-\nchen vom Theater-Director Herrn L'Arronge. Die Orchester-Musik\nBiuch's besteht aus einer Einleitung zu dem „Vorspiel\", dem sich\nnach Johanna's begeisterter Rede, die mit den Worten endet: „Das\nSchlachtross steigt und die Trompeten klingen\" die eigentliche\nOuvertüre wirkungsvoll anschliesst; ferner aus Zwischenmusik oder\nvielmehr Vorspielen zu den meisten Acten; dann Musik hinter der\nScene während des Monologs: „Die Waffen ruh'n\" (die man aber\nleider bei der zu grossen Entfernung, in die sie gestellt war, kaum\nhörte), und einzelnen kleineren melodramatischen Sätzen. Alles er-\nhielt lebhaften Beifall Frau Hoffmann-Franz sprach und\nspielte die Johanna ganz ausgezeichnet und wurde mehrere\nMale gerufen.\nllasiaiovefi*} 23. März. Herr Musik-Director Bernhard\nScholz aus Nürnberg ist von der königlichen Hoftheater-Intendanz\nhieher berufen, um während der Krankheit des Hof-Capellmeisters\nFischer dessen Stelle zu versehen.\nDer Intendant des grossherzoglichen Theaters in Weimar, Herr\nDingelstedt, erlässt einen Aufruf zur hundertjährigen Geburts-\nfeier Schiller's in Weimar im nächsten Jahre. Es sollen Schiller's\nsämmtliehe dramatische Originalwerke in der Reihenfolge ihrer Ent-\nstehung unter Mitwirkung namhafter deutscher Künstler auf der\nweimar1 sehen Hofbühne zur Aufführung gelangen. Als Zeitpunkt für\ndas Jubelfest ist in Erwägung, dass der wirkliche Geburtstag, 10.\nNovember, in dem Beginn der guten Theaterzeit liegt, der Monat\nJuni gewählt worden, weil in demselben ausser dem Pfingstfeste\nauch der Geburtstag Sr. Königl. Hoheit des Grossherzogs fällt, un-\nter Höchstdessen Schutze das ganze Unternehmen steht. Die Vor-\nstellungen sollen in folgender Reihenfolge Statt finden: 11. Juli:\n~Die Räuber\" (nach der Vorstellung festliche Beleuchtung der Dich-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3854, "texte": "ter-Standbilder vor dem Hoftheater, Fackelzug vom Theaterplatz\nzum Schillerhaus und vor das grossherzogliche Schloss); 13. Juni:\n~Fiesco\"; 15.: „Cabale und Liebe\"; 17.: ~Don Carlos\"; 19 : „Die\nGlocke\" mit Musik und lebenden Bildern, dazu Göthe's Epilog zur\nGlocke. Zum Beschluss : „WallensteinTs Lager\". 21.: ~Die Piceo-\nlomini\"; 22.: „Wallenstein's Tod\"; 24.: ~Maria Stuart\" ; 26.: „Die\nJungfrau von Orleans\"; 28.: „Die Braut von Messina\" und 30.:\n„Wilhelm Teil\". Als Vorfeier wird am 9. Juni ein Festspiel aufge-\nführt, dessen Dichtung Friedrich Halm und die Musik Franz Liszt\nübernommen haben, und welcher Beethoven's Sinfonie mit den Chö-\nren : „Freude, schöner Götterfunke\", hinzugesetzt werden wird. Zur\nMitwirkung an dieser Fest-Vorstellung haben sich bereits mehrere\nder berühmtesten deutschen Bühnenkünstler bereit erklärt. Der all-\nfällige Ueberschuss der Einnahme wird zwischen der Schiller-Stif-\ntung und der Perseverantia getheilt werden. Die Mitwirkenden er-\nhalten fünfzig Reichsthaler per Rolle.\nDie wiener „Becensionen\" enthalten in ihrer Nummer 11\nvom 16. März unter der Aufschrift: „Die Bannerträger der\nmusicalischen Zukunft\", eine Entgegnung auf die Aufsätze\ndes Herrn Brendel in der Neuen Zeitschrift für Musik bezüglich des\nersten Bülow'schen Concertes in Berlin und der gegenseitigen Stel-\nlung der Künstler, des Publicums und der Kritik —, in welcher\nEntgegnung dem Künstler und Dirigenten mit vollem Rechte die\nBefugniss abgesprochen wird, dem Publicum sein Urtheil zu oc-\ntroyiren oder gar das Publicum zurechtzuweisen.\nEin deutscher Geiger in Frankreich Ueber Johann\nBecker, diesen vortrefflichen Violinisten, der seine Stelle als Con-\ncertmeister in Mannheim aufgegeben hat, um in Frankreich sein\nGlück zu versuchen, vereinigen sich die belgischen und französi-\nschen Blätter zu den überschwänglichsten Lobeserhebungen. Erst\nseit wenigen Wochen befindet sich dieser junge Mann auf dem Gei-\nger-Parnassus und schon huldigt Alles dem deutschen Fremdling,\ndessen persönliche Erscheinung selbst auf die pariser Welt einen\nphantastischen Eindruck macht. Ich habe mich durch ein gutes\nDutzend französischer Journale gelesen, und es ist nicht Eines dar-\nunter, welches sich nicht in excentrischen Termen und Metapher\nüber ihn erschöpfte. Unter allen diesen fiel mir aber besonders der\nAusspruch Hector Berlioz' in dem Journal des Debats auf, weil\ner am meisten die französische Eitelkeit bekundet. Er sagt nämlich :\nBecker habe im Salle de Beethoven jene pariser Weihe (consecration)\nerhalten, auf welche ihre Nachbarn so eifersüchtig seien. Das mag\nsein; doch fällt es keinem Deutschen ein, daran zu erinnern, wie\nmit allen Kräften der französische Künstler darnach ringt, ein tiefes\ndeutsches Urtheil für sich zu gewinnen und dadurch nicht minder\ndie Eifersucht seiner Landsleute zu erregen! So ist jetzt über\nBeckers Spiel etwas extra Pikantes zu sagen, die Aufgabe der fran-\nzösischen Presse, und desshalb beschreibt die Gazette de Paris so-\ngar seine Kleidung, mit welcher er in den Salon der Madame Of-\nfenbach getreten sei, und sagt dabei, dass seit Paganini noch kein\nGeiger einen so zauberähnlichen Eindruck hervorgebracht hätte.\nDas ist Alles gut und ehrenhaft, nur haben diese Blätter Eines\nvergessen, was ich hiermit nachholen möchte, dass nämlich trotz\nBecker's belgischer Schule (bei Kettenus) und trotz der Einflüsse\neines de Beriot und Alard, er dennoch der deutschen Schule und\nSpielweise treu geblieben ist. Hievor wollen wir auch am tiefsten\nden Hut abziehen und nur wünschen, dass die Sturmeswogen des\npariser Beifalls diesen schönen Sinn nicht verschlingen.\nNach //. Dank! Da aber das Eingesandte („Herr Schmidt, Herr\nSchmidt\") kein Beispiel der ~Erweiterung der Harmonie\", sondern\nnur eine freilich höchst triviale Melodie eines Adepten ist, so können\nwir es nicht abdrucken. Wir fänden sonst kein Ende!\n\nC. G."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBerliner Briefe (I. Wagner's Lohengrin in Berlin Mozart's Cosi fan tulte Gastspiele Coneerte: Dom-Chor\nRadecke, Orchesterwerke von Rietz, Rubinstein, Bargiel, Faust-Musik von Schumann). Aus Stuttgart (Abonnements-Concerte\nMusik-Zustände). Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Theater Max Bruch Hannover—Weimar, Aufruf zur hundert-\njährigen Geburtsfeier Schiller's Die wiener „Recensionen\" Ein deutscher Geiger in Frankreich).\n\nBerliner Briefe.\n[I. Wagner's Lohengrin in Berlin Mozart's Cosi fem tutte Gast-\nspiele Concerte: Pom-Chor Rad ecke, Orchesterwerke von\nRietz, Rubinstein, Bargiel, Faust-Musik von Schumann.\n11. Ulrich Kiel fremde Künstler: Blumner, von Meyer,\nStrauss, Wolf, Fräulein Genast, Binfield, Caroline und\nYirginie Ferni, David. - Concert von von Bülow:\nLiszt's „Ideale\".]\nDen 15. März 1859.\nEs ist jetzt sieben Wochen her, dass der Lohengrin\nzum ersten Male auf unserer Bühne zur Darstellung kam;\nmit nicht ungünstigem Erfolg, wenn man auf den Ein-\ndruck, der sich in den Beifalls-Bezeugungen der zuerst\nAnwesenden ausspricht, Gewicht legen will. Wie tief und\nnachhaltig die Wirkung sein wird, lässt sich bis jetzt noch\nnicht im Mindesten beurtheilen. Mehrfache Erkrankungen\nder Haupt-Darsteller waren die Ursache, dass bis heute\nerst fünf Aufführungen zu Stande kamen; schon dadurch\nist die Theilnahme des Publicums etwas abgekühlt; die\npolitischen Verhältnisse, die vielfachen Zerstreungen der\nCarnevalszeit mögen ebenfalls mitgewirkt haben, und so\nstellt sich denn die Thatsache heraus, dass in der allge-\nmeinen Unterhaltung der Lohengrin keine so bedeutende\nRolle spielt, dass ihm bei Weitem nicht die Wichtigkeit\nbeigelegt wird, welche die Apostel der Zukunft ihm ver-\nschaffen möchten.—Uns fällt es gewiss am allerwenigsten\nein, auf die Kundgebungen, die sich in der grossen Welt\nzeigen, einen hohen Werth zu legen. Für alles wahrhaft\nBedeutende und zugleich allgemein Menschliche kommt\nzwar meistens eine Zeit, in der es aus stiller Abgeschlos-\nsenheit hinausdringt in immer weitere Kreise und seinen\ngeschichtlichen Siegeszug vollzieht; aber diese Zeit kann\nspät kommen; und oft äussert sich die nachwirkende Kraft\ngrosser Schöpfungen auch darin, dass sie Jahrhunderte\nlang ein dauernder Gegenstand der Liebe und Verehrung\nbleiben, ohne aber darum für Viele zugänglich und ver-\nständlich zu sein. Wenn wir daher solche Bemerkungen\nüber den äusseren Erfolg machen, so haben wir dabei\nnur den Zweck, das Thatsächliche festzustellen; gar zu\ngern berufen sich leidenschaftlich kämpfende Parteien der\ntadelnden und abweisenden Kritik gegenüber auf das Ur-\ntheil des Publicums, ja, sie scheuen sich nicht, falsche Be-\nrichte darüber in die OefFentlichkeit zu bringen. Ein sol-\ncher Fall liegt hier gerade vor. In einer Broschüre, „ Wag-\nner's Lohengrin und die Kritik der Tagespresse\", die ge-\ndruckt und ausgegeben war, bevor der Lohengrin die\ndritte Aufführung erlebt hatte (die erste fand am 23., die\nzweite am 26. Januar, die dritte am 22. Februar Statt;\nzwischen der zweiten und dritten lagen also vier Wochen;\ndie Broschüre wurde am 16. Februar ausgegeben), heisst\nes: „Der Lohengrin erschien, wurde gesehen und siegte.\nDie Theaterblitze und der kalt gewordene Bannstrahl\nmussten vor solchem Resultate in der kritischen Rüstkam-\nmer zurückbleiben. Statt dessen galt es, an dem unzwei-\nfelhaften Erfolge zu mäkeln und an dem wohlerworbenen\nLorber so lange herum zu zerren, bis er gelb geworden.\nVergebliches Bemühen! Der Lohengrin, keine Ausstattungs-\nOper, verfasst von Daubner, Gropius und dem Theater-\nschneider, fesselt nach wie vor das unbefangene Publi-\ncum. Es bleibt demnach als unbestrittene Thatsache: dem\nüberwiegenden Theile des Publicums hat der Lohengrin\ngefallen.\" Sie sehen aus dieser Stelle, wie diesem neuesten\nRitter der Zukunftsmusik selbst die allergewöhnlichste Be-\ndingung der äusseren Zuverlässigkeit und Solidität fehlt,\ndie jeder brauchbare Reporter besitzen muss. Er wartet\nnicht einmal ab, dass der Lohengrin mehrere Aufführun-\ngen erlebt, sondern setzt es kühnlich voraus., setzt eben so\nkühnlich die gleichbleibende Theilnahme des Publicums\nvoraus, schreibt es dreist nieder, lässt es dreist drucken\nund gibt, da nun der böse Zufall es anders will, jedem\nunbefangenen Leser auf den ersten Blick zu erkennen,\nwessen Geistes Kind er ist. Und diejenigen wollen der\nWelt einreden, sie hätten ein gerechtes Urtheil, die nicht"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.2", "texte": "einmal so viel Gerechtigkeitssinn haben, um den Thatbe-\nstand richtig darzustellen?\nDie berliner Tageskritik hat den Lohengrin ebenfalls\nwohlwollender aufgenommen, als den Tannhäuser. So Vie-\nles sich gegen den Stolf und gegen die poetische Behand-\nlung desselben, gegen die eigentlich unkünstlerische Nei-\ngung Wagner's, abstracte Gegensätze statt lebendiger in-\ndividueller Gestalten einander gegenüber zu stellen, gegen\ndie Monotonie und Armuth melodieloser Recitative sagen\nlässt, in der Dichtung lebt ein höherer Adel, und in mu-\nsicalischer Hinsicht werden wir weniger durch Trivialitä-\nten verletzt, als im Tannhäuser. Der Irrthum des Wagner'-\nschen Princips hat sich im Lohengrin noch mehr gesteigert.\nAber er hat für sich selbst nicht ganz Unrecht damit; er\nhat das Unglück, wo er melodiös sein will, nicht nur Re-\nininiscenzen zu geben, sondern Reminiscenzen böser Art;\nder Geist Mozart'scher, Beethoven'scher Melodik ist ihm\nfremd geblieben, seine melodische Phantasie verirrt sich\nnie auf dieses Gebiet, bringt niemals eine Melodie hervor,\ndie auch nur annähernd an jene Koryphäen deutscher Mu-\nsik erinnerte oder aus gleichem Quell entsprungen schiene\n(mit Einer Ausnahme, dem Arioso der Elisabeth im zwei-\nten Finale); im besten Falle sind es Ableitungen Weber'-\nscher Melodieen, oft, «ehr oft Melodieen, nicht besser und\nnicht schlechter, als sie die deutschen Lyriker mittlerer\nGattung zu Hunderten und Tausenden gesungen haben.\nWagner's Talent liegt nach einer anderen Richtung hin,\nes besteht in der Kunst des dramatischen Ausdruckes durch\nModulation und Instrumental-Effecte; und indem er im\nLohengrin die ganze Wirkung hierauf concentrirt, hat er\nzwar entschieden gegen das Wesen des Gesanges und der\nOper gesündigt, aber er hat sich auf das beschränkt, wozu\ner die meiste Fähigkeit hat. Es kommt noch Folgendes\nhinzu. Der Lohengrin ist, als consequente Durchführung\neines, wenn auch falschen, Princijgs, gewisser Maassen lite-\nrarhistorisch interessanter, als der Tannhäuser. Er hat\nden Werth eines Curiosums, und dies ist wenigstens für\nden Kritiker etwas. In den musicalischen Blättern ist der\nLohengrin so vielfach besprochen worden, dass ich die\nGeduld Ihrer Leser zu ermüden fürchten würde, wenn\nich in eine speciellere Kritik einginge. Ich erwähne daher\nnur noch mit einigen Worten der Aufführung. Fräulein\nWippern, die stimmbegabte junge Sängerin, an deren\nsüssen Tönen sich alle erlaben, die im Gesänge der sinn-\nlichen Frische nicht ganz entbehren mögen, gibt die Elsa.\nWenn sich auch in Spiel und Auffassung die Anfängerin\nnoch immer nicht verläugnet, so ist ihr doch Vieles so\nwohl gelungen, dass man ihrem Bemühen und ihrer Lei-\nstung alle Anerkennung zollen kann. Sie war es, die das\nPublicum am häufigsten zu Beifallsspenden anregte; und\nwenn der Lohengrin einen bleibenden Erfolg haben sollte,\nso wird ihre anmuthige Stimme keinen geringen Antheil\ndaran haben. Die Leistung des Fräul. Wagner als Or-\ntrud ist, wenn auch was schon in der Aufgabe selbst\nliegt des sinnlichen Wohllauts entbehrend, eine meister-\nhafte. Herr Formes gibt den Lohengrin mit vieler Aus-\ndauer und nicht ohne Verständniss; zu voller Versinnlichung\ndieser Rolle fehlt indess seiner Stimme ein eigenthümliches\nEtwas; diese eigene Mischung von Heroismus und heiligem\nGlänze wird schwer durch Kunst zu erreichen sein, wo sie\nnicht von der Natur schon vorbereitet ist. Die Rollen des\nTelramund und König Heinrich's sind durch die Herren\nKrause und Fricke gut besetzt. Am wenigsten genügt\nder Chor, dem auch in der That eine in jeder Beziehung\nfast unüberwindliche Aufgabe zugemuthet ist. Im Allge-\nmeinen zeigte es sich aber überhaupt, dass Wagner'sche\nMusik für den Sänger ein unergiebiges Terrain ist. Die\nwahre Begeisterung des Sängers kann nur aus der Melo-\ndie quellen. Nur da, wo das Wort, wo die dem Worte\nzu Grunde liegende Empfindung ganz ein- und aufgegan-\ngen ist in zusammenhangendem, (liessendem Tonstrom\nnur da entzündet sich die Phantasie des Sängers zu jener\nGluth, die auf den Hörer als ein Uebermächtiges, Ueber-\nmenschliches wirkt. Die künstlerische Phantasie des Sän-\ngers wird in Wagner'scher Musik fast nie angeregt, er\nwird mit trockener, verstandesmässiger Declamation, mit\neinzelnen, vorübergehenden Gel'ühls-Accenten, wie sie in\njedem Recitativ vorkommen, abgefunden und muss traurig\nzusehen, wie das Bisschen Wärme, das hier und da noch\nhervortritt, sich in das Orchester geflüchtet hat. Wagner's\nMusik ist in der Hauptsache kalt und trocken, alle die\nkünstlichen Mittel der Aufregung können uns darüber\nnicht täuschen. Es ist wie mit einem Menschen, der die\nnatürliche Lebenswärme verloren hat und nun sich in Auf-\nregungen aller Art stürzt, um dem Tode zu entfliehen;\naber die verlorene Wärme des Blutes kann dadurch nicht\nersetzt werden. Wie sehr kann man schon Meyerbeer die-\nsen künstlichen Erwärmungs- und Belebungs-Process vor-\nwerfen! Und doch, wo hat Wagner etwas geschrieben,\ndas nur so viel Wärme hätte, als die beiden grossen Duette\nin den Hugenotten?\nZiemlich gleichzeitig mit dem Lohengrin ging\ntutte neu einstudirt in Scene. Das Schicksal der Oper\nscheint diesmal günstiger zu sein, als in früheren Jahren.\nDas Publicum setzt sich über die Ungereimtheiten des\nTextes hinweg und erfreut sich an der Feinheit einer Musik,\ndie der zu Figaro's Hochzeit nahe steht, wenigstens in den\nEmsembles, denn die Arien sind allerdings von bedeutend\ngeringerem Gehalt. Ulibischeff, der durchaus nicht ein so\nunbedingter Bewunderer Mozart's ist, dass er alles aus sei-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.3", "texte": "ner Feder Geflossene schön fände, und der durch die Ur-\ntheile, die er über viele Werke Mozart's ausspricht, ge-\nwisser Maassen einen Commentar zu seinem Urtheil über\nBeethoven gibt, indem daraus hervorgeht, dass seine Kritik\neine rücksichtslose, ideale ist: Ulibischeff hat den Grund\ndavon richtig erkannt. Er liegt in der sittlichen Frivolität\ndes Textes, durch die jedes ernstere, tiefere Gefühl ausge-\nschlossen ist. Damit fehlt aber auch der Stoff, aus dem\nArien gemacht werden. In den Ensembles kann dagegen\ndie dramatische Schlagfertigkeit des Ausdrucks, die gefäl-\nlige Verknüpfung aller Einzelheiten zu einem harmonischen\nGanzen nicht genug bewundert werden. Wenn wir solche\nWerke wie dieses vom Repertoire verschwinden lassen\nwir, die wir uns doch wohl nicht über allzu grossen Reich-\nthum an dramatischen Meisterwerken beklagen können ,\nso zeugt das von einer beklagenswerthen Herrschaft des\ngröberen Geschmacks in Theater-Angelegenheiten. Die\nAufführung von Com, fan tuttewar eine der rundesten, die\nwir seit langer Zeit gesehen haben. Namentlich zeichneten\nsich die Damen Köster und Herrenburg-Tuczek aus.\nWenn ich Ihnen nun noch von einigen Gastspielen\nkurze Mittheilung mache, welche Statt fanden, um bevor-\nstehende Lücken zu ergänzen, so habe ich damit die Thä-\ntigkeit der königlichen Oper erschöpfend besprochen. Zwei\njunge Damen aus Wien, Fräulein Kraus und Gelpke,\nmachten hier ihre ersten theatralischen Versuche. Von der\nGeschicklichkeit und Sorgfalt ihres Singmeisters legten sie\nkein sehr günstiges Zeugniss ab. Den Stimmen war zu viel\nmit Gewalt abgetrotzt, als sich mit den Grundsätzen eines\ngewissenhaften Gesanglehrers vereinigen lässt. Doch hat\nFräulein Kraus ein hübsches Talent, von dem wir bedau-\nern würden, wenn es unter forcirter Behandlung zu Grunde\nginge. Einen günstigeren Eindruck machte Fräul. Übrich\nvon Schwerin. Sie hat Änmuth und Gewandtheit, sowohl\nim Spiel als im Gesänge; Bedeutenderes verspricht sie nicht,\ndoch vermag sie den elementaren Bedingungen zu genü-\ngen, deren Erfüllung wir von dem Mitgliede einer grossen\nBühne fordern. Herr Betz von Rostock, der einmal als\nWolfram auftrat, soll bereits an Stelle des Herrn Radwa-\nner engagirt sein; er hat respectable Stimmmittel, denen\naber noch jede feinere Ausbildung fehlt.\nUnter den A bonnements-Concerten des Winters,\ndie theils zu Ende gegangen, theils ihrem Ende nahe sind,\nverdienen, weil sie am meisten Neues bringen, vorzugs-\nweise die Radecke'schen und die des Dom-Chors Er-\nwähnung. Der Dom-Chor fährt fort, auserlesene Stücke\naus dem Gebiete der älteren katholischen und protestanti-\nschen Kirchenmusik in technisch vollkommener Weise zu\nGehör zu bringen. Die vorliegende Literatur ist so reich\nund zugleich qualitativ so mannigfaltig, dass es schwer ist,\nzu sagen, wann man mit dem Sammeln zu Ende gekom-\nmen sein wird. Und dabei ist noch so wenig für Wieder-\nbelebung der Madrigal-Literatur gethan. Unter den in den\nletzten Soireen zur Aufführung gelangten Stücken heben\nwir namentlich die Lamentationen von Melchior Franck\nhervor, da sich in diesen neben der strengen Kirchlichkeit\neine hervortretende Eigentümlichkeit und mystische Tiefe\nder Empfindung ausspricht. Man erkennt darin einen Vor-\nboten Seb. Bach'scher Musik, die ja ebenfalls nicht bloss\ndurch die Erhabenheit der Kunstgestaltung, sondern eben\nso sehr durch die Kraft subjectiver Empfindung so einzig\nda steht. Fast könnte man an den Franck'schen Lamen-\ntationen einen zu grossen Realismus des Gefühls tadeln,\neinen Realismus, der die Formen harmonischer Schönheit\ndurchbricht. Werke wie diese regen immer aufs Neue den\nalten Streit der Kunst-Principien auf, den Streit zwischen\nidealer Schönheit, die aber die Kälte des Marmors hat, und\ndem alle Tiefen des menschlichen Wesens offenbarenden\nIndividualitäts-Princip. Nach welcher Richtung wir auch\ndie Geschichte der Kunst durchforschen mögen, überall\nzeigt sie uns diesen Kampf und stets diejenigen als die wah-\nren Lieblinge der Musen, die an ihm erstarkten und Werke\nhervorbrachten, in denen sich die entgegengesetzten Fäden\nzu durchkreuzen und zu vorübergehender Einheit zu ver-\nknüpfen scheinen. Und mag auch in einer Periode und in\neinem Volke mehr diese, in einer anderen Periode und in\neinem anderen Volke mehr jene Richtung hervortreten,\nganz hat der Gegensatz Werke wie die Lamentationen\nvon Franck beweisen es - nie gefehlt.\nin den Radecke'schen Orchester-Concerten kamen\nmehrere neue, theilweise bedeutende Werke zur Auffüh-\nrung. Zunächst eine Concert-Ouverture von Julius\nRietz, ansprechend und gefällig in den Motiven, geschmack-\nvoll in der Harmonie und Instrumentation, gewandt in der\nAnordnung und thematischen Durchführung; eine tiefere\nErregung des Gemüthes hat der Componist wohl nicht be-\nabsichtigt, sondern sich beschränkt, durch ein gebildetes\nTonspiel zu unterhalten, nicht in Haydn-Mozart'scher\nWeise, sondern mit den romantischen Ausdrucksmitteln,\ndie sich durch Mendelssohn befestigt haben. Die Ocean-\nSinfonie von Rubinstein, die Herr Radecke ebenfalls auf-\nführte, war zwar nicht neu für uns—der Componist selbst\nhatte sie uns schon vorgeführt —■, aber doch so gut wie\nneu. Wir glaubten, dass wir nach dem wilden Heere von\nDissonanzen, das in den letzten Jahren an uns vorüberge-\nzogen, für die Gewaltsamkeiten Rubinstein'scher Musik\nweniger empfindlich sein würden, als das erste Mal; und\nwir erkennen auch gern an, dass sich in dieser Sinfonie\nimmer noch eine andere Kunstanschauung ausspricht, als\nz.B. inLiszt's symphonischen Dichtungen; aber uns für sie\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.4", "texte": "irgendwie zu erwärmen, sind wir nicht iin Stande. Der\nerste Satz wird im Allgemeinen für den besten gehalten;\ndass das Thema desselben so charakteristisch ist, um Thema\neiner Sinfonie zu sein, schon dies können wir nicht zuge-\nben. Ein Thema kann ganz kurz sein, es kann und soll so-\ngar in einfachen Ton-Verhältnissen beruhen, aber es darf\nauch nicht geradezu nichtssagend sein, und das scheint uns\nhier der Fall. Und wird es etwa so kunstvoll verarbeitet,\ndass es dadurch Bedeutung gewänne? Auch dies würde\nsich schwer zeigen lassen. Dennoch ist der erste Satz im\nEinzelnen nicht uninteressant, er hat namentlich ein aus-\ndrucksvolles Colorit. Die guten Seiten der Composition\nscheinen uns aber weniger in dem Gedanken und der Ge-\ndanken-Entwicklung, als in dem mitunter recht geschmack-\nvoll angebrachten Beiwerk zu liegen. Der Componist weiss\nmit einem gewissen äusserlichen Geschick, wie es in der\nMusik Virtuosen, in der Literatur Feuilletonisten besitzen,\ndurch Figurirung und Instrumentirung zu wirken; es ge-\nschieht alles Mögliche, um den Gegenstand durch eine\nblendende äussere Darstellung herauszuputzen, suchen wir\naber einen eigentlich gediegenen Inhalt und eine sachge-\nmässe objective Entwicklung, so zeigt sich uns der Mangel\nkernhafter Innerlichkeit. Noch dürftiger wird die melodi-\nsche Erfindung in den folgenden Sätzen, bis dann zuletzt\nder Componist hart an die Glänze streift, wo das Gebiet\nder Kunst ganz aufhört und das der bloss materiellen\nKlangwirkungen beginnt. Von Woldemar Bargiel\n(einem Stiefbruder der Clara Schumann) kam eine Ouver-\ntüre „zu einem Trauerspiel\" zur Aufführung, ein in der\nErfindung und Durchführung durchaus edles, kunst ge-\nrechtes Werk. Der Componist hat sich in diesem neuesten\nWerke aus einer gewissen Kränklichkeit, die wir früher\nan ihm fanden, herausgerissen und zu einer markigeren,\ngesunderen Empfindungsweise erhoben, ohne freilich\nwas wir auch nicht verlangen—das Gebiet der Romantik\nganz zu verlassen.\nDas interessanteste Werk, das Herr Radecke zur Auf-\nführung brachte, war der letzte Thcil der Schumann'schen\nFaust-Musik, die „Verklärung\". Wenn man den Be-\nweis dafür verlangt, dass die Musik der neueren Zeit über-\nall nach dem Aeussersten, Letzten strebt, so braucht man\nnur einen Blick auf die Stoffe und die Dichtungen zu wer-\nfen, die den heutigen Componisten zur Musik begeistern.\nBald sucht man eine gesteigerte Wirkung dadurch zu er-\nreichen, dass man zu fernen Ländern und Völkern flüch-\ntet, wie Schumann in „Paradies und Peri\", oder man\nstellt die schroffsten ethischen Gegensätze einander gegen-\nüber, wie Taubert im Macbeth, Wagner im Lohengrin;\noder man wirft sich auf das Wunderbare, Märchenhafte,\nwie z. B. in Wa gner's Nibelungen das Menschengeschlecht\nvor den Figuren der Götter, Riesen und Zwerge ganz in\nden Hintergrund tritt kurz, sowohl im Aeusserlichen als\nin Bezug auf die zur Darstellung kommenden Stimmungen\nund Charaktere greift man zu dem Entlegensten, Rellec-\ntirtesten; und diese Sucht, sich in den Superlativen des\nDenkbaren zu bewegen, ist eben dasjenige, was das We-\nsen der Romantik ausmacht. Denn die classische Kunst\nist freilich weit entfernt von trüber Verschwommenheit\ndiese ist vielmehr auch eines der Extreme, welche die\nRomantik liebt—, sie scheut sich auch nicht davor, einen\nGegensatz in dramatischer Entwicklung auf die Spitze zu\ntreiben; aber ihre Voraussetzungen sind immer natürlich\nund einfach, und wo es in ihr zu Superlativen kommt,\nwerden diese auch als Superlative gegeben, d. h. sie ent-\nwickeln sich als nothwendige Consequenzen eines zuerst\nunscheinbaren Widerspruchs; und so wird in der classi-\nschen Kunst selbst das Entlegenste vermittelt und erscheint\ndarum als etwas Natürliches, Ungesuchtes. Die classische\nKunst hat eben Alles: die äusserste Schärfe des Gegen-\nsatzes und die Einfachheit der Natur. Der classischen Kunst\ngeht eine andere Periode vorher, deren Eigenthümlichkeit\nwir uns klar machen können, wenn wir uns das Verhält-\nnissvergegenwärtigen, in dem z.B. Paiestrina zu der Musik\ndes vorigen Jahrhunderts steht. Dort ist eine Klarheit und\nHarmonie, die sich noch nicht in Gegensätze aus einander\nlegt. In unserem Jahrhundert trat dagegen in der Ent-\nwicklung der Kunst, nicht bloss in der Musik, die Roman-\ntik hervor mit ihrem Princip, von Jahrzehend zu Jahrzehend\nwachsend in ihren Ansprüchen und Anstrengungen. Man\nwird zugestehen müssen, dass das classische Kunstprincip\ndas höhere, weil das umfassendere, ist, und braucht darum\ndoch nicht das romantische gänzlich zu verwerfen. Der Geist\nder Geschichte duldet nichts Leeres, und wo sich irgend\neine Möglichkeit zu Schöpfungen zeigt, sie mögen immer-\nhin von geringerem Werthe sein als die bereits vorhande-\nnen, wenn sie nur andere sind, da muss diese Möglichkeit\nverwirklicht werden. Nur die äussersten Auswüchse eines\neinseitigen Kunstprincips verlieren sich dann freilich in das\nFormlose, Ungereimte und ringen vergeblich dem Lichte\nder Welt entgegen; aber diejenigen, die innerhalb ihrer\nRichtung noch ein gewisses Maass festhalten, haben ihr\nRecht der Existenz, wie überhaupt in der Welt die Klei-\nnen neben den Grossen, die einseitig, aber interessant und\neigentümlich ausgebildeten Charaktere neben den harmo-\nnischen, universellen, welche, sei es als Staatsmänner, oder\nals Künstler, oder als Philosophen, die Welt beherrschen.\nFür diese allgemeine Beobachtung nun, dass die neuere\nMusik eine romantische ist, gibt uns Schumann ein neues\nBeispiel, indem er Faust's Verklärung componirte, jene\nScene im Himmel, in der eine an sich schon transcendente"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.5", "texte": "Idee eine überschwängliche poetische Gestaltung gefunden\nhat. Ist dieser Stoff überhaupt der Kunst, ist er der Musik\nerreichbar? Es möchte uns scheinen, als ob das Ueber-\nweltliche, Jenseitige der Musik noch eher erreichbar wäre,\nals irgend einer anderen Kunst. Denn die Schwierigkeit\nliegt ja darin, das im Glauben und im Gefühl Vorhandene\nobjectiv zu gestalten. Nun ist aber die Musik diejenige\nKunst, die eben das reine Gefühl ohne nähere objective\nBestimmung zur Erscheinung bringt; sie dringt also am\nersten in jenes Gebiet des sehnsüchtigen Glaubens, dem\nBild und Vorstellung nicht genügen. Diese Auffassung\nwürde dann unwiderlegbar sein, wenn wir durch reine In-\nstrumental-Musik das Uebersinnliche versinnlichen wollten;\nhier liegt aber nicht bloss das Uebersinnliche, sondern eine\nsehr bestimmte und individuelle poetische Gestaltung des-\nselben der Musik als Stoff vor, und ob die Musik diese be-\nstimmte poetische Fülle, die eigenthümlich mystisch ver-\nklärten und doch individuel lebendigen Gestalten der Kir-\nchenväter u. s. w. durch ihre Mittel versinnlichen könne,\ndas ist die Frage. Wir glauben es-—mit der Beschränkung\nfreilich, dass es romantische Musik wird, der zur vollen\nSchönheit die Bedingungen des Natürlichen, Einfachen,\nmenschlich Wahren fehlen —, und dennoch würden wir\nden Componisten bewundern, der die hier zu versöhnen-\nden Gegensätze vollständig mit einander verschmölze, der\ninnerhalb der Gränzen einer gleichsam von allem Irdischen\ngeläuterten Harmonie noch jene poetische Mannigfaltigkeit\nder Farben, die wir in Göthe's Gedicht finden, zu retten\nwüsste. Man sucht gern für jeden der Kunst neu zugeführ-\nten Stoff ein Analogon in der Geschichte der Kunst. Wir\nfinden es auch diesmal. Jenen überweltlichen Vorgang des\njüngsten Gerichts, den jedes Requiem musicalisch darge-\nstellt hat, dürfen wir wohl, so klar und einfach auch die\nPoesie des Requiem-Textes im Vergleich mit Faust's Ver-\nklärung ist, hier nennen; denn das Grund-Element ist das-\nselbe, eine bestimmtere poetische Versinnlichung transcen-\ndenter, überirdischer Vorgänge. Nur was im Requiem als\neine vorübergehende Vision erscheint, in einzelnen schar-\nfen Umrissen gezeichnet, eingeleitet, begleitet und beschlos-\nsen von Gebet und Angstruf der gläubigen Gemeinde, das\ngewinnt hier eine ausgeführte poetische Gestalt. Das Re-\nquiem enthält die Romantik im Keim, und dieser Keim ist\nin Faust's Verklärung zu voller Anschaulichkeit und Gegen-\nsätzlichkeit entwickelt. Hiernach scheint es uns denn, dass\nvielleicht hier und da einzelne Ausdrücke in dem Göthe'-\nschen Gedichte vorkommen, die der Musik Schwierigkeiten\nbereiten, dass aber das Ganze in mehr als Einer Beziehung\nder Natur der Musik sehr nahe verwandt ist.\nSchumann's Musik ist reich an interessanten und selbst\nbedeutenden Einzelheiten; dennoch finden wir nicht, dass\nsie auf der Höhe ihres Gegenstandes steht. Sie ist, mit\nEinem Worte, nicht so romantisch, als sie es sein möchte\nund sein sollte. Ueberall, wo die Dichtung selbst einen zar-\nteren lon anschlägt, z. ß. bei der Ankunft der seligen\nKnaben oder dem Vorüberschweben der heiligen Jungfrau,\nvermag die weibliche Natur Schumann's ihr zu folgen; aber\nalle einzelnen Gestalten zu höchster musicalischer Anschau-\nlichkeit zu beleben und über das Ganze den Heiligenschein\ndes Ewigen, Unvergänglichen auszugiessen, ist ihm nicht\ngelungen. So hat z. B. gleich der erste Chor, „Waldung,\nsie schwankt heran\", vorwiegend den Charakter des Lieb-\nlichen, Idyllischen; der Pater ecstaticus und der Pater\nprofundus haben wohl eine ernste, ascetische Miene, aber\nohne jenen Ausdruck der Ueberschwänglichkeit, den das\npoetische Bild fordert. Die nun folgende Scene zwischen\ndem Pater seraphicus und den seligen Knaben gehört zu\nden schönsten Abschnitten des Werkes; ein Ton rühren-\nder Unschuld klingt uns hier aus Melodie und Harmonie\nentgegen. Das Gedicht strebt indess zu immer höheren\nGipfeln, die Schumann nur theilweise erreicht. Engel\nschweben herbei, Faustens Unsterbliches tragend, und auf\ndem einen Grundtone: „Gerettet ist das edle Glied der\nGeisterwelt vom Bösen\", entwickeln sich verschiedene Ge-\ngensätze, die Schumann mit musicalischem Geschick grup-\npirt und zu einem harmonischen Ganzen abgerundet hat.\nIm Ausdruck ist hier Einzelnes sehr gelungen, namentlich\nder Satz: „Uns bleibt ein Erdenrest zu tragen peinlich\";\nnächstdem der Chor der jüngeren Engel: „Jene Rosen,\naus den Händen liebend-heil'ger Büsserinnen\", ferner der\nChor der seligen Knaben: „Freudig empfangen wir\"; aber\nder Grund- und Haupt-Chor, der alle diese kleineren Ab-\nschnitte einleitet und schiiesst: „Gerettet ist das edle Glied\",\nist, wenn auch musicalisch wirksam, so doch ein ganz\nweltlicher Triumphgesang, dem fast mehr als irgend einer\nanderen Nummer des Werkes jener Heiligenschein des\nUeberirdischen fehlt. Bedeutend erscheinen uns in dem\nferneren Verlaufe noch die Gesänge der Büsserinnen, wel-\nche die Mater gloriosaumschweben, und unter ihnen na-\nmentlich der Gesang Gretchen's, in dem die mehr dumpfe\nKlage der Anderen sich zu rührender Innigkeit steigert.\nDer sehr ausgedehnte Schlusschor: „Alles Vergängliche\nist nur ein Gleichniss\", verspricht Anfangs viel; es scheint,\nals ob Schumann jenen Ton, in dem die Engel ihr Ho-\nsianna singen mögen, den Ton mystischer Erhabenheit, an-\nstimmen wollte; aber merkwürdiger Weise sinkt er im\nweiteren Verlaufe unter die von ihm selbst bereits erreichten\nHöhen herab, und der Schlussist mehr weichlich, als er\ndas „Ewig-Weibliche\" zur Erscheinung brächte.\n(Schluss folgt.)"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.6", "texte": "Aus Stuttgart.\n11. Von unseren Abonnements-Coneerten ist die Mehr-\nzahl, nämlich acht, vorübergezogen, und ist also bereits\neine Uebersicht über deren heuer eingehaltene Gesammt-\nRichtung möglich, und eine solche zu geben vielleicht an\nder Zeit. Im Allgemeinen können wir die Tendenz dersel-\nben als eine gute bezeichnen; namentlich tritt das hier\nsonst gern gepflegte virtuose Element gegen das eigentlich\nmusicalische immer mehr zurück. Die Bravour-Arie wird\nhäufiger durch Lieder, das Instrumental-Solo durch eine\nzweite Ouvertüre ersetzt. Unser Publicum, das auch für\ndas Gediegenste empfänglich ist man biete es ihm nur\n—, gewöhnt sich gern an bessere Programme und gewinnt\ndas eigentlich spirituelle Concert, bei dem es sich nicht zu-\nnächst um das Wie, sondern um das Was handelt, in-\ndem die kunstgerechte Ausführung des Gegebenen bereits\nvorausgesetzt wird, mit jeder Saison lieber. Allerdings ist\nseine gediegene Richtung höchst conservativ, selbst dem\nbesten Neuen kommt man misstrauisch entgegen, und Herr\nKücken hat viel Energie vonnöthen, um von den ortho-\ndoxen Forderungen rechts und den modern-französischen\nVerlockungen links nicht hin und her gezerrt zu werden.\nAber es ist ganz gut so; erst wenn ein Publicum seinen\nMozart, Beethoven und Mendelssohn sich ganz zum geisti-\ngen Eigenthum gemacht hat, besitzt es einen sicheren\nHort; blickt es dann weiter, so wird es das neuere Schöne\nmit Bewusstsein aufgreifen und dann desto dauerhafter\nbewahren.\nWas nun unsere Hofcapelle betrifft, so sind fast alle\nihre Geiger Moliquc's tüchtiger Schule entstammt und glän-\nzen durch markigen Strich, Reinheit und Präcision. Ihre\nZierden sind Keller, Bernböck, Häser, Debuysfere\nund Boch, welch letztere vier, da Keller's Augenübel sich\nleider nicht bessern will, heuer den Quartelt-Gyklus un-\n-7 J\nternommen haben. Unter den Bläsern nennen wir den Fa-\ngottisten Neukirchner, den Oboisten Ferling und den\nHornisten Fohmann; Beerhalter's Clarinetteist noch nicht\nhinreichend ersetzt. Capellmeister Kücken verlegt sich\nhauptsächlich auf feine Nuancirung im Detail und hat\nhierin schon manche hübsche Wirkung erzielt; nur liegt\ndie Gefahr nahe, dass hiedurch leicht der Gesammt-Cha-\nrakter leidet und das Publicum statt eines imposanten Ton-\nbildes nur verschiedene nette Tonbildchen erhält. An Sin-\nfonieen hörten wir bis jetzt Beethoven's Eroica und\nHaydn's G-durmit dem Paukenschlag, deren Andante na-\nmentlich gut gelang; vielleicht Molique zu Ehren, der eben\nunter den Hörern war, Mendelssohn's A-dur, Mozart's\ngrosse in C-dur und Schumann's in B-dur, welche dies-\nmal mehr Freunde fand, als bei ihrer ersten Aufführung,\nund bei der dritten noch weitere gewinnen wird. Nach\nSchubert's C-rfwr-Sinfonie sehnen wir uns schon lange;\ndieses wichtige Mittelglied zwischen Beethoven und den\nNeueren sollte in keinem Concert-Repertoire fehlen. Von\nOuvertüren erschienen Weber's Euryanthe und Oberon,\nMendelssohn's Sommernachtstraum, Melusine und Ruy Blas,\nMozart's Idomcneo, Spontini's Vestalin, Cherubini's Ana-\nkreon, Reinecke's Dame Kobold und Gade's Hochland-\nOuverture; über die beiden letzteren müssen wir Einiges\nbemerken. Reinecke contrapunktirt und instrumentirt geist-\nreich, aber seine Erfindung ist in dieser Ouvertüre zu we-\nnig selbstständig, sie würde, wie so Manches, vielleicht\nnicht existiren, wenn vorher kein Mendelssohn oder Schu-\nmann gewesen wäre; die durch Letztere veranlasste neue\nManier man könnte sie den „Leipziger Stil\" nennen,\nden sie aber gewiss nicht in solcher Ausschliesslichkeit be-\nabsichtigten, wie ihre Epigonen ihn jetzt pflegen—schlägt\nüberall vor. Auch Gade's Werk ist nicht ganz frei davon;\ndoch zeichnet er sich aus durch etwas Specifisch-Nordlän-\ndisches, was seinen Compositionen eine gewisse Neuheit\nund einen kunstgeschichtlichen Werth verleiht. Allerdings\nist die Hochland-Ouverture keines seiner hervorragendsten\nWerke, doch gibt sie ein anregendes Bild jenes in seiner\nAbgelegenhcit reizenden Landes und Lebens. Viel höher\nsteht seine Ballade „Erlkönigs Tochter\", deren erster Chor\nin E-durzu den lieblichsten Producten der Neuzeit zählt.\nAuch Oluf's Lied, von unserem Schüttky meisterhaft\ngesungen, und der Instrumentalsatz in sind in Har-\nmonie und Instrumentation prachtvoll. In Mendelssohn's\nWalpurgisnacht war es ebenfalls Schüttky, der seine schöne\nPartie am besten vortrug. Dagegen glänzte Pischek mit\nEsser's Ballade: „Des Sängers Fluch\", einem der jugend-\nfrischesten Producte des Tondichters; mit der Ariette: „Wer\nein Liebchen hat gefunden\", mit Schubert's „Wanderer\"\n(in Moliquc's Concert), in dem Duett aus „Vestalin\" mit\nHerrn Sontheim und in der e aus Hans Ilei-\nling, wie er denn auch die ganze Partie bei jüngster Wie-\nderaufführung der herrlichen Oper mit echt künstlerischer\nWeihe und Wärme spielte und sang. Auch viele berühmte\nSopran-Arien hörten wir wieder; Mad. Marlow sang zwei\nArien mit obligater Violine von Mozart und Herold, und\nbestand darin einen rühmlichen Wettstreit mit ihren tüch-\ntigen Begleitern, den Künstlern Keller und Bernböck;\nnamentlich gelang ihr die erstere (in B-dur) auf seltene\nWeise. Mad. Leisinger gab uns beide Spohr'sche Arien\naus „Faust\", die ursprüngliche in und die spätere,\netwas gemachte, in Es-dur, beide mit gleichem Schwung\nund Feuer, dann „Ocean, du Ungeheuer\" und die\nArie aus Cosi fan tutte mit ihren obligaten Hornstellen,\ngleichsam eine Vorläuferin der Arie Leonorens. Fräulein"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.7", "texte": "Mev er höfer, welche leider an die mannheimer Bühne\n%j\nübersiedelt, ohne dass wir noch genügenden Ersatz dafür\nhätten, sang Beethoven's „Ali pund gelang ihr\nnamentlich das Adagio. Diese Solostücke wurden umrankt\nvon verschiedenen Ensemble-Nummern aus Spohr's Jes-\nsonda, Cherubini's Faniska, Spontini's Cortez, Mozart's\nIdomeneo und Mehul's Joseph; Duett und Terzett aus\nletzterem schlugen mächtig durch.\nZu den Instrumental-Solo's übergehend, gedenken wir\nzuvörderst der Mozart'schen Serenade für acht lilas-3n-\nstrumente in Es-dur,welche trotz des übermässigen Vor-\nherrschens dieser einen Tonart doch durch ihre treffliche,\nso zu sagen von echt künstlerischem Humor getragene\nAusführung lebhaften Applaus ärntete. Die Reihe der Vio-\nlin-Virtuosen eröffnete der Balletmeister, Tänzer und Com-\nponist St. Leon mit seinem romantischen Concerte, welche\nan sich nicht bedeutende Tonschöpfung durch sein keckes,\neffectvolles Spiel ins beste Licht gestellt wurde. Eduard\nKeller gab uns die Spohr'sche Gesangscene mit jener ver-\nklärten Reinheit und Innigkeit, womit der Meister uns bei\njedem Auftreten neu begeistert. Nun kam noch Bernhard\nMolique, der ausser dem Beethoven'schen Harfen-Quar-\ntett und Bach's Chaconne nur eigene Compositionen spielte.\nAlle haben bedeutenden Kunstwerth und enthalten eigen-\ntümliche Schwierigkeiten; Molique schrieb sie eben für\nsich, weil nur er sie zu bewältigen weiss. In Technik,\ngrossem Tone und wahrhaft marmorner Ruhe wird er ge-\nwiss von keinem lebenden Geiger übertroffen; seine Rich-\ntung ist eine streng classische, obwohl er im Rakotzy-\nMarsch und Saltarello zeigte, wie er auch das moderne\nGenre spielend beherrscht.\nAuch an Clavier-Solo's waren die Concerte bis jetzt\nsehr fruchtbar; den Reigen begann ein junger, strebsamer\nKünstler, Namens Fröhlich, mit Beethoven's G-dur-Qion. -\ncert; ihm folgte Speidel, der als Componist wie Pianist\nauch auswärts rühmlich bekannte, mit dem ersten Satze\nvon Mozart's C-fifer-Concert, dem wir nur die beiden an-\nderen Sätze gern hätten folgen hören. Zum ersten Male\ntrat Dionys Pruckner hier auf, Liszt's tüchtiger Schü-\nler, und zeigte sich sogleich in vollkommenem Besitze jener\nAlles bewältigenden Technik, der verständigen Auffassung,\ndes grossen Tones und der ruhigen Classicität, wie sie nur\nechten Virtuosen eigen sind. Er spielte Hümmel s herrli-\nches Septett und dann Liszt's diabolisch-schwierige Pro-\npheten-Phantasie, und gewann Alles zu begeistertem Bei-\nfall für sich. Weniger glücklich war ein anderer Zögling\ndieser Schule, Fräulein Sabinin; vielleicht auch war die\nWahl, Mendelssohn's jy-»w®-Capriccio und Henselt's Poeme\nd'ctmour,nicht vortheilhaft. Molique's Tochter gab uns\nMendelssohn's serieuse und in der Soiree ihres Vaters Beet-\nhoven's 32 Variationen und zeigte sich darin als Pianistin\ngediegener Richtung. —Der Verein für classische\nKirchenmusik führte unter Faist's richtiger Leitung\nden Messias, dann zwei Mal interessante Kirchengesänge\naus früheren Jahrhunderten auf. Auch die Musikschule,\nwelche über 200 Schüler zählt, worunter viele schöne\nTalente, hält eine löbliche aristokratische Tendenz fest;\nin den wöchentlichen geschlossenen Soireen derselben hört\nman lleissig Bach, Mozart, Haydn, Clementi, Beethoven,\nin der Violine Spohr, im Gesänge auch Händel, Gluck,\nSchubert, Schumann und Robert Franz; man sieht also,\ndass hier gegen etwaige moderne Gelüste ein tüchtiges\nUebergewicht besteht und sich voraussichtlich auch er-\nhalten wird.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nM. falsa. Am 22. d» Mts., dem Geburtstage des Prinz-Regeil-\nten, wurde im Stadttheater Schiller1 s „Jungfrau von Orleans\" mit\nMusik von Max Bruch aufgeführt. Vorher ging ein Festmarsch\nvon demselben Componisten und ein Prolog, gedichtet und gespro-\nchen vom Theater-Director Herrn L'Arronge. Die Orchester-Musik\nBiuch's besteht aus einer Einleitung zu dem „Vorspiel\", dem sich\nnach Johanna's begeisterter Rede, die mit den Worten endet: „Das\nSchlachtross steigt und die Trompeten klingen\" die eigentliche\nOuvertüre wirkungsvoll anschliesst; ferner aus Zwischenmusik oder\nvielmehr Vorspielen zu den meisten Acten; dann Musik hinter der\nScene während des Monologs: „Die Waffen ruh'n\" (die man aber\nleider bei der zu grossen Entfernung, in die sie gestellt war, kaum\nhörte), und einzelnen kleineren melodramatischen Sätzen. Alles er-\nhielt lebhaften Beifall Frau Hoffmann-Franz sprach und\nspielte die Johanna ganz ausgezeichnet und wurde mehrere\nMale gerufen.\nllasiaiovefi*} 23. März. Herr Musik-Director Bernhard\nScholz aus Nürnberg ist von der königlichen Hoftheater-Intendanz\nhieher berufen, um während der Krankheit des Hof-Capellmeisters\nFischer dessen Stelle zu versehen.\nDer Intendant des grossherzoglichen Theaters in Weimar, Herr\nDingelstedt, erlässt einen Aufruf zur hundertjährigen Geburts-\nfeier Schiller's in Weimar im nächsten Jahre. Es sollen Schiller's\nsämmtliehe dramatische Originalwerke in der Reihenfolge ihrer Ent-\nstehung unter Mitwirkung namhafter deutscher Künstler auf der\nweimar1 sehen Hofbühne zur Aufführung gelangen. Als Zeitpunkt für\ndas Jubelfest ist in Erwägung, dass der wirkliche Geburtstag, 10.\nNovember, in dem Beginn der guten Theaterzeit liegt, der Monat\nJuni gewählt worden, weil in demselben ausser dem Pfingstfeste\nauch der Geburtstag Sr. Königl. Hoheit des Grossherzogs fällt, un-\nter Höchstdessen Schutze das ganze Unternehmen steht. Die Vor-\nstellungen sollen in folgender Reihenfolge Statt finden: 11. Juli:\n~Die Räuber\" (nach der Vorstellung festliche Beleuchtung der Dich-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590326-01.1.8", "texte": "ter-Standbilder vor dem Hoftheater, Fackelzug vom Theaterplatz\nzum Schillerhaus und vor das grossherzogliche Schloss); 13. Juni:\n~Fiesco\"; 15.: „Cabale und Liebe\"; 17.: ~Don Carlos\"; 19 : „Die\nGlocke\" mit Musik und lebenden Bildern, dazu Göthe's Epilog zur\nGlocke. Zum Beschluss : „WallensteinTs Lager\". 21.: ~Die Piceo-\nlomini\"; 22.: „Wallenstein's Tod\"; 24.: ~Maria Stuart\" ; 26.: „Die\nJungfrau von Orleans\"; 28.: „Die Braut von Messina\" und 30.:\n„Wilhelm Teil\". Als Vorfeier wird am 9. Juni ein Festspiel aufge-\nführt, dessen Dichtung Friedrich Halm und die Musik Franz Liszt\nübernommen haben, und welcher Beethoven's Sinfonie mit den Chö-\nren : „Freude, schöner Götterfunke\", hinzugesetzt werden wird. Zur\nMitwirkung an dieser Fest-Vorstellung haben sich bereits mehrere\nder berühmtesten deutschen Bühnenkünstler bereit erklärt. Der all-\nfällige Ueberschuss der Einnahme wird zwischen der Schiller-Stif-\ntung und der Perseverantia getheilt werden. Die Mitwirkenden er-\nhalten fünfzig Reichsthaler per Rolle.\nDie wiener „Becensionen\" enthalten in ihrer Nummer 11\nvom 16. März unter der Aufschrift: „Die Bannerträger der\nmusicalischen Zukunft\", eine Entgegnung auf die Aufsätze\ndes Herrn Brendel in der Neuen Zeitschrift für Musik bezüglich des\nersten Bülow'schen Concertes in Berlin und der gegenseitigen Stel-\nlung der Künstler, des Publicums und der Kritik —, in welcher\nEntgegnung dem Künstler und Dirigenten mit vollem Rechte die\nBefugniss abgesprochen wird, dem Publicum sein Urtheil zu oc-\ntroyiren oder gar das Publicum zurechtzuweisen.\nEin deutscher Geiger in Frankreich Ueber Johann\nBecker, diesen vortrefflichen Violinisten, der seine Stelle als Con-\ncertmeister in Mannheim aufgegeben hat, um in Frankreich sein\nGlück zu versuchen, vereinigen sich die belgischen und französi-\nschen Blätter zu den überschwänglichsten Lobeserhebungen. Erst\nseit wenigen Wochen befindet sich dieser junge Mann auf dem Gei-\nger-Parnassus und schon huldigt Alles dem deutschen Fremdling,\ndessen persönliche Erscheinung selbst auf die pariser Welt einen\nphantastischen Eindruck macht. Ich habe mich durch ein gutes\nDutzend französischer Journale gelesen, und es ist nicht Eines dar-\nunter, welches sich nicht in excentrischen Termen und Metapher\nüber ihn erschöpfte. Unter allen diesen fiel mir aber besonders der\nAusspruch Hector Berlioz' in dem Journal des Debats auf, weil\ner am meisten die französische Eitelkeit bekundet. Er sagt nämlich :\nBecker habe im Salle de Beethoven jene pariser Weihe (consecration)\nerhalten, auf welche ihre Nachbarn so eifersüchtig seien. Das mag\nsein; doch fällt es keinem Deutschen ein, daran zu erinnern, wie\nmit allen Kräften der französische Künstler darnach ringt, ein tiefes\ndeutsches Urtheil für sich zu gewinnen und dadurch nicht minder\ndie Eifersucht seiner Landsleute zu erregen! So ist jetzt über\nBeckers Spiel etwas extra Pikantes zu sagen, die Aufgabe der fran-\nzösischen Presse, und desshalb beschreibt die Gazette de Paris so-\ngar seine Kleidung, mit welcher er in den Salon der Madame Of-\nfenbach getreten sei, und sagt dabei, dass seit Paganini noch kein\nGeiger einen so zauberähnlichen Eindruck hervorgebracht hätte.\nDas ist Alles gut und ehrenhaft, nur haben diese Blätter Eines\nvergessen, was ich hiermit nachholen möchte, dass nämlich trotz\nBecker's belgischer Schule (bei Kettenus) und trotz der Einflüsse\neines de Beriot und Alard, er dennoch der deutschen Schule und\nSpielweise treu geblieben ist. Hievor wollen wir auch am tiefsten\nden Hut abziehen und nur wünschen, dass die Sturmeswogen des\npariser Beifalls diesen schönen Sinn nicht verschlingen.\nNach //. Dank! Da aber das Eingesandte („Herr Schmidt, Herr\nSchmidt\") kein Beispiel der ~Erweiterung der Harmonie\", sondern\nnur eine freilich höchst triviale Melodie eines Adepten ist, so können\nwir es nicht abdrucken. Wir fänden sonst kein Ende!\n\nC. G."}]}