{"numero_id": "bm-bmtnabi-1859-04-02-01", "volume": "bmtnabi_1859-04-02_01", "ocr_sha256": "6c5e7f164412161611f6bf9724b251ef576cf52946fec33db0bdfccfd325a8a8", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1859/04/02_01/bmtnabi_1859-04-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1859-04-02-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-04-02_01#c001", "volume": "bmtnabi_1859-04-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "105", "page_fin": "105", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 436, "texte": "Inhalt.\nBerliner Briefe (11. Ulrich Geyer Kiel fremde Künstler: Blumner, von Meyer, Strauss, Wolff, Fräul. Ge-\nnast, Binfield, Caroline und Virginie Ferni, David Concert von von Bülow: Liszt's „Ideale\") Von G. E. Bonn: Händel's Jephta.\nVon V— s. - Aus Düsseldorf: Letztes Abonnements-Coneert; IX. Sinfonie. Von —7—. Tages- und Unterhaltungsblatjt\n(Köln, Fünfte Soiree für Kammermusik, Fräul. 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So nennen wir eine Fest-Ouverture von\nHugo Ulrich, dem von einem längeren Aufenthalte in\nItalien bereits seit einem Jahre zurückgekehrten Compo-\nnisten der brüsseler Preis-Sinfonie und einer noch besse-\nren Sinfonie in auch in diesem neuesten Werke\nzeigt sich der gewandte und gebildete Musiker, doch hät-\nten wir gewünscht, dass er nach so langem Schweigen mit\netwas Bedeutenderem hervorgetreten wäre. Von Flo-\ndoard Geyer hörten wir ein Quartett für Ciavier und\nStreich-Instrumente, eine von grosser technischer Gewandt-\nheit zeugende und dabei ansprechend erfundene Compo-\nsition. Endlich kann ich Ihnen noch einen in weiteren Krei-\nsen fast ganz unbekannten Künstler nennen, Herrn Kiel,\neinen der besten Schüler Dehn's, der kürzlich in einer\nganzen Reihe von Instrumental-Compositionen (Fugen und\nCanons für Ciavier, eine Anzahl kleinerer Salonstücke,\n„Reisebilder\" für Ciavier und Cello, zwei Trio's für Cia-\nvier, Violine und Cello in D- und Es-dur) ein sehr bedeu-\ntendes und vorzüglich entwickeltes Compositions-Talent\ndarlegte. Er ist ein Musiker von ausserordentlicher contra-\npunktischer Gewandtheit und von einer durchgebildeten\nFeinheit des Geschmackes. Das eigentlich melodische Ver-\nmögen und, was damit zusammenhängt, eine ergreifende\nWärme des Gefühls tritt weniger bei ihm hervor; darum\nsind aber seine Compositionen doch weit entfernt, trocke-\nnes Formenwerk zu sein; sie fesseln durch eine Reihe fei-\nner, sinniger, geistreicher Züge. Es ist in der Richtung\netwas Aehnliches, wie wir es oft bei Cherubini finden, der\nden Mangel an eigentlicher Kraft und Innigkeit des Ge-\nfühls ebenfalls durch die Feinheit seiner Intentionen er-\nsetzt. Wir wünschen Herrn Kiel, der mit ausserordent-\nlicher Bescheidenheit Jahre lang mit seinen Leistungen\nhinter dem Berge hielt, dass er bald den Ruf sich erwerbe,\nden er verdient. Unter seinen Trio's können wir das in\nEs-dur (das aber freilich noch nicht gedruckt ist) als das\nvorzüglichere bezeichnen. Die „Reisebilder\" sind gedruckt;\nes sind kleine Salonstücke, nicht durchweg gleich interes-\nsant in der Erfindung und im x\\usdruck, aber alle gleich\nansprechend und geschmackvoll und eines Musikers würdig.\nAn fremden Virtuosen hat es auch in diesem Winter\nnicht gefehlt. Mecklenburg schickte uns Herrn Blumner,\neinen jungen, talentbegabten und edlen musicalischen Zie-\nlen nachstrebenden Pianisten (wir hörten von ihm unter\nAnderem Schumann's hier fast ganz unbekanntes, geist-\nvolles Clavier-Concert), der Berlin, wie wir glauben, zu\nseinem festen Aufenthaltsorte wählen wird; Wien den Cia-\nvier-Virtuosen Herrn v. Meyer, der für die schlechte Mu-\nsik, die er uns hören Hess, durch die Eleganz seines An-\nschlags und seiner Technik einiger Maassen entschädigte,\nund Herrn Ludwig Strauss, einen jungen Violinisten,\nder eine sehr correct und sauber ausgebildete Technik und\neinen zarten, für viele Nuancen des Ausdrucks vorzüglich\ngeeigneten Ton besitzt;, aber doch noch an Kraft und Fülle\ngewinnen muss, wenn er ganz die Höhe erreichen will, die\ner bei seinem Talente zu erreichen bestimmt ist. Aus\nFrankfurt am Main kam Herr Concertmeister Wolff hie-\nher, ein Violinspieler, dem es an Auffassungs-Talent und\nnamentlich an einer gewissen für den Concertspieler un-\nerlässlichen Kühnheit nicht fehlt, der aber noch in der\nTechnik einer feineren Ausbildung bedarf. Aus Weimar\nhörten wir Fräulein Genast, eine Sängerin von unbedeu-\ntender Stimme, aber mit einer Poesie des Vortrags, in Be-\nzug auf welche wir sie gegenwärtig nur mit Frau v. Milde\nvergleichen können. England schickte uns den Harfen-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5538, "texte": "spiclcr Herrn Binlield, einen Künstler zweiten Ranges\nauf seinem Instrumente, und Italien die Schwestern Ferni,\ndie, wenn sie auch nicht Beethoven, Mendelssohn, Spohr\nund meinethalben auch nicht einmal Vieuxtemps spielen\nund warum sollten sie nicht auch dies lernen, wenn\nsie einige Jahre in Deutschland zubringen und deutscher\nMusik näher treten?—dennoch ganz die Theilnahme ver-\ndienen, die sie bisher gefunden haben. Ihr musicalischer\nHorizont ist freilich klein, so klein, dass es viele deutsche\nCantoren geben mag, die ihnen Führer zu Höherem sein\nkönnten. Aber die Bedeutung eines Individuums hängt auch\ndavon ab, wie es die einmal übernommene Aufgabe durch-\nführt. Caroline Ferni, die jüngere Schwester, ist eine\nausgezeichnete Violinspielerin. Sie besitzt einen zarten,\naber doch nicht gerade kraftlosen und, was das Wichtigste,\nin der Kraft niemals die Gränzen des Schönen überschrei-\ntenden Ton, eine gute, wenn auch für den Kenner nicht\ndurch die Ueberwindung grosser Schwierigkeiten hervor-\nragende Technik, eine musterhafte Intonation und eine\necht italiänische, affectvolle, aber doch nach jeder Seite\nhin maasshaltende Art des Vortrags. Die ältere Schwester,\nVirginie, steht der jüngeren in der Kraft des Tones und\nin der Lebendigkeit der Accentuation entschieden nach;\nin der vollendeten Sauberkeit des Spiels einer echt weib-\nlichen Eigenschaft, die man selbst bei den bedeutendsten\n\\ irtuosen selten in gleichem Maasse entwickelt finden wird\nist sie ihr ebenbürtig. Die Genauigkeit des Zusammen-\nspiels beider Schwestern ist bewundernswert!]. Der wohl-\nthuende musicalische Eindruck wird durch die äussere Er-\nscheinung der jungen Damen noch erhöht: zwei hochge-\nwachsene Römerinnen von edier Gestalt, feinen und ern-\nsten Gesichtszügen, die dunklen Augen blicken streng und\nfest in die Versammlung, die Lippen bleiben unbeweglich;\ndie Art, wie sie die Violine halten, den Bogen führen, ist\nvon plastischer Schönheit. Unser Publicum wollte Anfangs\nden Berichten nicht recht glauben, doch nach den ersten\nlünl, sechs \"Vorstellungen hatte das Stadtgespräch hinrei-\nchend für den künstlerischen Ruf der jungen Italiänerinnen\ngesorgt, und jetzt ist der Kroll'sche Saal, so oft sie dort\nauftreten, gefüllt, so dass sie Berlin so bald wohl noch\nnicht verlassen werden.—Endlich hörten wir den Concert-\nineister David aus Leipzig, einen trefflichen Violinisten\nälterer Schule, der mit einer trefflichen Technik eine\nmaassvolle, solide Art des Vortrags und ein sehr fein aus-\ngebildetes Piano verbindet.\nHerr v. Bülow gab nach dem bekannten Vorfalle\nnoch ein Orchester-Conccrt, zu dem Liszt hieher gekom-\nmen war. Der Saal war ziemlich gefüllt, doch waren von\ndem gewöhnlichen Concert-Publicum nur einzelne Ver-\nsprengte zu bemerken; die Anhänger der Zukunftsmusik\nhatten somit die Freude eines ungetrübten Erfolges, von\ndem bis zu der Anerkennung, die sie erstreben, freilich\nnoch ein weiter Weg ist. Kam es nur darauf an, diejeni-\ngen, die nicht zu den Freunden der neuen Richtung gehö-\nren, zu verscheuchen und so ein sicheres Terrain zu ge-\nwinnen, auf dem alle, die gemeinsame Sache machen wol-\nlen, eil famille sind und sich ungestört an den Schöpfun-\ngen der neuen Zeit erbauen und begeistern können, dann\nhat freilich Herr v. Bülow das beste Mittel dies\nzu erreichen, als er seine Ansprach# an den zischenden\nTheil des Publicums hielt. Einige Freunde wird man für\njedes noch so verkehrte Unternehmen gewinnen, zumal\nwenn es von Männern empfohlen wird, die nach einer an-\nderen Richtung hin unbestritten bedeutende Eigenschaften\nhaben, wie z. B. Herr v. Bülow unbestritten ein bedeu-\ntender Clavierspieler ist, aber doch darum möglicher Weise\nein sehr falsches Urtheil über Compositionen haben kann\n— bedeutenden Schauspielern gleich, die wir ebenfalls un-\nterschiedslos ihr Talent dem Besten und dem Schlechtesten\nwidmen sehen. Suchen wir die Elemente zusammen, aus\ndenen sich der letzte Liszt-Erfolg zu bilden vermochte.\nDa gibt es erstens eine Anzahl jüngerer Musiker, obgleich\nverhältnissmässig wenige und nur solche, die sieh durch\neigene Compositionen keinen Namen erworben haben, die\nsich den Bestrebungen Liszt's anschliessen; meistens sind\nes Virtuosen, denen es an einer gründlichen musicalischen\nBildung mangelt und die den Zusammenhang, in dem\nLiszt's Compositionsweise mit dem excentrischen Geiste\nmoderner Virtuosität steht, dunkel herausfühlen mögen.\nDann sind es Schüler des Herrn v. Bülow, Bewunderer\nseines Ciavierspiels, mitunter auch seiner sonstigen geisti-\ngen Eigenschaften. Musikhändler ferner, sammt dem Tross\nder von ihnen abhängigen Commis, die doch wahrlich das\nmusicalische Urtheil Berlins nicht repräsentiren. Wir ha-\nben auch Leute Beifall spenden sehen, die ein gewisses\nUrtheil haben und sich persönlich vollständig absprechend\nüber die modernen Bestrebungen äussern, absprechender\nvielleicht, als der Referent dieser Blätter — eine Doppel-\nzüngigkeit, die nur ihrer Ungefährlichkeit wegen ignorirt\nwerden darf. Es kommen endlich persönliche Freunde\nBülow's und Liszt's dazu, denen man ihre gutmüthige\nTheilnahme wohl verzeihen könnte, wenn sie nicht trotz\nihrer notorischen musicalischen Unzurechnungsfähigkeit\ndie Dreistigkeit besässen, in einer Weise Partei zu ergrei-\nfen, die ein schlimmes Zeugniss sowohl von ihrer Urteils-\nfähigkeit als von ihren sittlichen Grundsätzen ablegt. —\nIch habe über die „Ideale\" Liszt's in meinem letzten\nBriefe nur kurz berichtet; das Stück wurde zum zweiten\nMale aufgeführt, und so wird mir willkommene Gelegen-\nheit, noch einmal darauf zurückzukommen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "107", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5618, "texte": "Wir wollen dem Componisten vorweg einige Zuge-\nständnisse machen Zugeständnisse in dem Sinne, dass\nwir ihm Abweichungen von der üblichen Praxis, über die\nman anderer Meinung sein kann, als nicht unbedingt ver-\nwerflich zugeben wollen. Wenn Liszt z. B. symphonische\nDichtungen schreibt, so wird man zwar immer darauf\nbestehen müssen, dass die wahre Musik ihre Poesie in sich\nselbst trage; aber dennoch ist auch diese Gattung der mit\neinem Programm versehenen Instrumentalmusik, theils als\nOuvertüre, theils als Musikstück kleineren Genre's, längst\nda gewesen; und man kann wenigstens keine Ungereimt-\nheit darin finden, wenn Jemand ihr eine grössere Bedeu-\ntung geben will. Um dies zu erreichen, verschmilzt Liszt\ngewisser Maassen die Formen der Ouvertüre und der Sin-\nfonie zu einer neuen Form; von der Ouvertüre nimmt er\ndie dichterische Bedeutung und den continuirlichen Fluss\ndes Ganzen, von der Sinfonie die Mannigfaltigkeit der\nSätze. Wird nun die Einheit dadurch erreicht, dass ein\nund dasselbe Motiv in den verschiedenen Sätzen in ver-\nschiedenen Umgestaltungen vorkommt, so ist zu fürchten,\ndass die Einheit als ermüdende Monotonie erscheint; hat\njeder Satz seine eigenen Motive, so dürfte das Programm\nnicht in demselben Maasse hinreichend sein, das Gefühl\nder Einheit in uns zu erwecken, als es in Gesanges-Com-\npositionen das dem Hörer stets gegenwärtige Wort ist.\nDurch eine Verknüpfung beider Methoden und diese\nhat denn Liszt auch mehrfach z. B. in den ,Idealen\" an-\ngewandt wird man noch am ersten über diese Schwie-\nrigkeiten hinwegkommen, und wir wollen daher die Zu-\nlässigkeit symphonischer Dichtungen in einem Satze zuge-\nben, ohne freilich zu glauben, dass damit für die Schön-\nheit des Kunstwerkes irgend etwas gewonnen sei. Drittens:\nIst. ein Gedicht wie Schillers „Ideale\" geeignet, „Pro-\ngramm\" einer symphonischen Dichtung zu werden? Wir\nmüssen gestehen, dass der Gedanke für uns etwas Komi-\nsches hat. Man kann sich denken, dass geschichtliche oder\npoetische Charaktere oder Thatsachen das Gemüth eines\nComponisten erfüllen, und dass er in der dadurch hervor-\ngebrachten Stimmung zu der Erfindung von Tongestalten\ngelangt, zu deren besserem Verständnisse er dann von der\nIdee, die ihn begeistert hatte, dem Publicum ebenfalls Mit-\ntheilung macht. Wir können uns ferner denken, dass ein\nComponist von ein paar Versen, die eine Herz und Geist\nergreifende Sentenz enthalten, bei der Ilervorbringung eines\nTonwerkes innerlich erfüllt war und nun diese Verse als\nMotto dem Tonstücke mit auf den Weg gibt. Aber über\nein mehr als hundert Verse langes Gedicht Abschnitt für\nAbschnitt eine Instrumental-Composition zu schreiben, so\ndass jedem bestimmten Abschnitte der Composition ein\nAbschnitt des Gedichtes entspricht, das kommt uns unfrei,\npedantisch vor (es zeigt sich hier, wie immer die Extreme\nsich berühren, Pedanterie neben Zügellosigkeit); es ist wie\nein aufgegebenes Pensum, es schmeckt etwas nach der\nSchule. Die wesentlichen Gedanken des Schiller'schen Ge-\ndichtes lassen sich indess allenfalls musicalisch illustriren;\njener unreife Idealismus, der in seiner Unendlichkeit Alles\nwill und daher nichts erreicht, der in seiner Subjectivitat\ndie Bedingungen der objectiven Welt nicht kennt und da-\nher überall anstösst, der die ganze Welt zu erfassen glaubt\nund nichts erfasst, sodann die darauf folgende nothwendige\nEnttäuschung, die Freundschaft und endlich die langsam\nschaffende, nie zerstörende Beschäftigung, die den Wider-\nspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit sühnt — alle diese\nMotive lassen sich musicalisch darstellen. Es handelt sich\ndann nur darum, dass der Componist das Gedicht richtig\nverstehe und dass er nicht bloss einen richtigen, sondern\nauch künstlerisch schönen Ausdruck dafür finde.\nDass Liszt das Gedicht richtig verstanden habe, daran\nwird nicht leicht Jemand zweifeln. Und dennoch müssen\nwir es aussprechen: er hat es falsch verstanden und so\nfalsch verstanden, dass nur aus seiner durchaus anderen,\nvon jenem innerlichen Ernste, der unsere classischen Dich-\nter erfüllte, gar nichts ahnenden Geistcs-Natur dieses Miss-\nverständniss erklärt werden kann. Wie wir Liszt dilettan-\ntisch als Componisten finden, so finden wir ihn auch dilet-\ntantisch in dem Verständnisse der grossen Geister, die er\nuns musicalisch illustriren will. Er ist und bleibt der grosse\nVirtuose, überall leicht erregt, von Allem etwas fassend,\naber viel zu zerstreut, viel zu sehr dem Aeusseriichen,\nGlänzenden hingewandt, als dass er in das Wesen, in den\nKern der Sache dränge. Liszt versteht vielleicht den ju-\ngendlichen Schiller, aber der gereifte Mann, der, die wü-\nsten Träume seiner Jugend zerstörend, durch den Ernst\nund die Arbeit zu dauernden Schöpfungen kam, ist ihm\nfremd geblieben. Liszt hat es für gut gefunden, nachdem\ner die letzte Strophe des Schiller'schen Gedichtes, ..Die\nBeschäftigung\" (es wird sich gleich zeigen, durch welche\nMittel), in Musik gesetzt, einen Schlusssatz, „Apotheose\"\ngenannt, hinzuzufügen, den er durch folgende Worte ein-\nleitet: „Das Festhalten und dabei die unaufhaltsame Be-\nthätigrung des Ideals ist unseres Lebens höchster Zweck.\no O\nIn diesem Sinne erlaubte ich mir das Schiller'sche Gedicht\nzu ergänzen durch die jubelnd bekräftigende Wiederauf-\nnahme der im ersten Satze vorausgegangenen Motive als\nSchluss-Apotheose.\" Was heisst das? Wenn Liszt es für\ngut fand, das Schiller'sche Gedicht zu ergänzen, so musste\nes ihm unbefriedigend erscheinen. Warum also hat er über-\nhaupt eine Sinfonie darüber geschrieben? Oder ist dies\nbloss eine äusserliche, unwesentliche Ergänzung? Gewiss\nnicht. Denn die „Beschäftigung\", die bei Schiller den\n\n£*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5549, "texte": "Abschluss bildet, erscheint bei Liszt nur als ein Durch-\ngangspunkt, und das verlorene Ideal des Anfangs, das\nSchiller verloren gibt, wird von ihm wieder aufgenommen.\nDies heisst doch wohl, ein Gedicht zu etwas ganz Ande-\nrem machen, als was es ist. Und das Bedürfnis? dieses\nAndersmachens entstand daraus, dass Liszt weder den Be-\ngriff des Ideals, den Schiller meint, noch den der Beschäf-\ntigung verstanden hat. Die „Beschäftigung\" hat Liszt in\neinem scherzoartigen Satze, der übrigens, musicalisch be-\ntrachtet, nicht nur der abgerundetste Abschnitt der ganzen\nSinfonie, sondern auch ohne Vergleich recht artig erfun-\nden und durchgeführt ist, behandelt. Es drückt sich darin\neine geschäftige Emsigkeit, aber spielend und ohne allen\nhöheren Aufschwung, aus. Das hat sich Schiller unter der\n„Beschäftigung\" nicht gedacht. „Und du, die gern sich\nmit ihr (der Freundschaft) gattet, wie sie der Seele Sturm\nbeschwört, Beschäftigung, die nie ermattet, die langsam\nschafft, doch nie zerstört, die zu dem Bau der Ewigkeiten\nzwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht, doch von der gros-\nsen Schuld der Zeiten Minuten, Tage, Jahre streicht.\" Ist\nin dieser „Beschäftigung\" etwa ein vollständiges Aufgeben\ndes Ideals, eine gleichgültige, zwecklose Thätigkeit gutge-\nheissen? Gewiss nicht. Sondern es ist nur der Gegensatz\ngegen jenen Idealismus, der in Phantasieen und trunkenen\nTräumen lebt, der seine Subjectivität in die Welt hinein-\nträgt, statt diese zu erfassen, wie sie ist, der aus sich her-\naus Alles erreichen will, der nichts für zu gross und zu\nhoch hält; es ist der Gegensatz geggn den trügerischen\nIdealismus, der in der Sturm- und Drang-Periode des vo-\nrigen Jahrhunderts sich in der Politik, Literatur und Phi-\nlosophie regte, und von dem alle tieferen Geister sich zu-\nletzt abwandten. Man könnte vielleicht den Begriff der\n„Beschäftigung\" noch etwas schärfer ausgeprägt wünschen,\naber wie derselbe zu verstehen ist, um zu befriedigen,\nkann für keinen aufmerksamen Leser zweifelhaft sein, am\nwenigsten für den, der von der geistigen Entwicklung der\nSchiller-Göthe'schen Zeit irgend einige Kunde hat. Charak-\nteristisch ist es aber für Liszt, dass er, der in der Musik\nes sich gerade als Aufgabe gestellt hat, ethische und poeti-\nsche Ideen darzustellen, für die wahre Bedeutung dersel-\nben gar nicht einmal ein Verständniss hat.\nHielte man den Sinn fest, den in diesem Schiller'schen\nGedichte das Wort „Ideal\" hat, so könnte man Liszt's\nComposition allenfalls noch, wenigstens nach Einer Seite\nhin und wenn man die Bolle eines Advocaten übernehmen\nwollte, vertheidigen; so aber, wie Liszt das Ideal fasst, als\ndas wahrhafte, ist gar keine Vertheidigung möglich. Sie\nhaben in einer Ihrer letzten Nummern ein Thema aus den\nIdealen in Noten mitgetheilt; es ist nicht das Haupt-The-\nma, aber doch ein vielfach wiederkehrendes. Dass das\nThema selbst und die Art der Ausführung ein non plii#\nultra von Maasslosigkeit ist, darin stimme ich ganz mit\nIhnen überein; wenn man die widerwärtigsten Septimen-\nund Nonen-Accorde, die verletzendsten Vorhalte— gegen\ndie freilich die Vorschriften der Grammatik nicht ausrei-\nchen, sondern nur die inneren Gesetze des Schönheitssin-\nnes anwendet, und zwar nicht bloss gelegentlich und\nausnahmsweise, sondern regelmässig, dann ist es freilich\nkeine Kunst, etwas noch nicht Dagewesenes hervorzubrin-\ngen; aber es ist darum keine Kunst, weil dann überhaupt\nvon Kunst nicht mehr die Bede ist. Und nun steht diese\nStelle nicht etwa in der Mitte oder am Schlüsse, als Aus-\ndruck der höchsten Verzweiflung, sondern am Anfange,\nals Ausdruck des Ideals, und nicht als Ausdruck eines ver-\nkehrten Ideals, wie z. B. der Idealismus eines Danton,\nMarat, Bobespierre gedacht werden könnte, sondern als\nAusdruck des wahren, siegreichen Ideals. Vielleicht haben\nLiszt folgende Worte des Schiller'schen Gedichtes dabei\nvorgeschwebt: „Es dehnte mit allmächt'gem Streben die\nenge Brust ein kreisend All, herauszutreten in das Leben,\nin That und Wort, in Bild und Schall.\" Diese Worte hat\nLiszt an den Anfang des Satzes gestellt, in dem jenes Mo-\ntiv sich zuerst findet, und damit wohl selbst angedeutet,\ndass es der Ausdruck des „kreisenden Alls\" sein soll. Es\nkann hierbei auf einen Unterschied zwischen Poesie und\nMusik aufmerksam gemacht werden. In den angeführten\nSchiller'schen Worten ist das „kreisende All\" eben nur\ngenannt, die Harmonie der Stimmung wird daher nicht\nim Mindesten getrübt. Ein Dichter, z. B. ein dramatischer,\nder das näher ausführen wollte, würde schon ein Bild ent-\nwerfen müssen, das uns nicht sonderlich erfreuen würde,\naber die Innerlichkeit der Poesie würde es noch zulassen.\nDer Musiker hingegen müsste den Ausdruck sehr mildern,\noder er wird uns etwas Widerwärtiges zu Gehör bringen.\nNicht jede Kunst kann Alles, sondern je geistiger der\nStoff einer Kunst ist, desto weiter kann sie in der Darstel-\nlung einseitiger Bichtungen, leidenschaftlicher Stimmungen,\ngreller Contraste u. s. w. gehen, theils weil der geistigere\nStoff der beweglichere und darum dafür befähigtere, theils\nweil der Eindruck auf die Sinne weniger heftig und ver-\nletzend ist. Desshalb kann die Malerei weiter in der Dar-\nstellung des Leidenschaftlichen gehen, als die Sculptur, die\nPoesie weiter, als die Musik. War es also überhaupt schon\nverfehlt, jenes „kreisende All, das die Brust zu zerspren-\ngen droht\", in der Musik auszudrücken, so musste wenig-\nstens nicht so bitterer Ernst damit gemacht werden, dass\nder Hörer glaubt, seine Ohren sollten ihm zersprengt\nwerden.\nDas eigentliche Haupt-Thema der Ideale ist folgendes:"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3434, "texte": "es modulirt im nächsten Tacte nach und wieder-\nholt sich in dieser Tonart. Wir halten es für eine gute\nEigenschaft eines Instrumental-Thema's, wenn es nicht\nallzu concret und individuel ist, wie eine Gesangs-Melodie;\ndenn nur dasjenige, was noch in sich selbst ein Allgemei-\nnes, Bestimmbares ist, kann Grundlage einer breiten Ent-\nwicklung werden; das Instrumental-Motiv soll ein Keim\nsein, keine vollendete Gestalt. Man wird bei Beethoven,\ndem grossen Thematiker, diesen Satz gerade in seinen\nHaupt-Schöpfungen in der Regel bestätigt finden. Aber\nganz nichtssagend darf doch auch ein Instrumental-Thema\nnicht sein, und am wenigsten trivial, d. h. durch eine ge-\nwisse zudringliche Auffälligkeit verletzend, und gerade das\nfinden wir an diesem an die gewöhnlichste moderne Opern-\nund sonstige Unterhaltungs-Musik erinnernden Thema.\nMathematisch beweisen können wir das freilich in diesem\nt alle eben so wenig, als wir es bei irgend einer Verdi'-\nschen Melodie im Stande wären. Aber irgend etwas müsste,\nwie uns dünkt, eigenthümlich sein, sei es die Tonfolge\noder der Rhythmus, wenn überhaupt das Thema irgend\neinen Werth haben sollte; hier ist aber das Eine so sim-\npel wie das Andere. Aber die Harmonie? Nun, die Har-\nmonie ist schwülstig, aber nicht gesucht. Sie sehen an dem\nkleinen, oben mitgetheilten Beispiele die Methode, die Liszt\nbis zum Uebermaass anwendet, um neu und tief zu erschei-\nnen: die unangenehmsten Septimen- und Nonen-Accorde,\ndie geschraubtesten, unnatürlichsten Vorhalte. Diese Art\nvon Harmonie verlässt uns so wenig, dass ein reiner Drei-\nklang in seinen Werken, wenigstens in den Idealen, zu\nden Seltenheiten gehört. Ein Stil, in dem man das als Aus-\nnahme, als höchste Steigerung Zulässige zur Regel macht,\nist schwülstig. Und werden wir etwa für diese Härte der\nHarmonie durch eine kunstvolle Polyphonie, durch meister-\nhafte Thematisirung, durch ausdrucksvolle Melodik ent-\nschädigt, wie bei Seb. Bach? Von allem dem ist nicht die\nRede. Von einer Thematisirung wenigstens nicht im Bach'-\nsciien Sinne. Denn den Vorwurf, dass er sich überhaupt\nnicht bemühe, an dem einmal hingestellten musicalischen\nGedanken festzuhalten und durch veränderte Modulation,\nTonlage, durch anderen Rhythmus u. s. w. umzugestalten,\nwollen wir Liszt in Bezug auf die Ideale nicht machen.\nDas oben citirte Thema findet sich in der That fast in je-\ndem Satze wieder, in veränderter Gestalt, theilweise auch\nmit verändertem Ausdruck. In einzelnen Fällen zeigt sich\nin dieser Art der Ausarbeitung ein gewisses Geschick, und\nLiszt verdient jedenfalls die Anerkennung, von diesem einen\nGrundprincip classischer Instrumental-Musik sich nicht ganz\nlosgesagt zu haben; dennoch können wir uns des Ein-\ndrucks nicht erwehren, dass es bei ihm mehr als etwas\näusserlich Angeeignetes, denn als etwas innerlich Empfun-\ndenes und Erfahrenes erscheint.\nNoch weiter auf Einzelheiten einzugehen, würde uns\nzu weit führen. Abgesehen von dem falschen Verständ-\nnisse des Gedichtes, sind die Dürftigkeit der melodischen\nErfindung, die Schwülstigkeit der Harmonie und die crasse,\nrealistische Derbheit des Ausdrucks die wesentlichen Män-\ngel der Ideale von Liszt. Man greift Liszt's Compositions-\nBichtung in der Begel vom Standpunkte der Form aus\nan; wir finden den Inhalt viel schlimmer. Es ist eine Ver-\nmischung der Virtuosenmusik mit der guten Musik, bei\nder die Virtuosen vielleicht gewinnen mögen, die Musiker\naber nur verlieren können.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-04-02-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-04-02_01#c004", "volume": "bmtnabi_1859-04-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "109", "page_fin": "111", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.2.3", "titre_corps": "Händel’s Jephta.", "titre_sommaire": "Händel’s Jephta.", "signature_source": "V --- s", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.5", "debut_caractere": 3436, "fin_caractere_exclue": 4714, "texte": "Händel’s Jephta.\n\nBonn, den 24. März 1859.\nJephta, lange erwartet, wurde uns endlich\nim fünften Abonnements-Concerte am 19. März unter Al-\nbert Dietrich's Leitung vorgeführt. Mit unverkennba-\nrer Liebe und Theilnahme ist das Studium dieses Orato-\nriums betrieben worden, damit das Werk in einer des\nMeisters würdigen Gestalt dem Publicum sich darstelle.\nAlle die mannigfachen Hindernisse, die in unseren be-\nschränkten musicalischen Verhältnissen der Aufführung\neines umfangreichen Werkes im Wege stehen, wurden\nglücklich überwunden, und so gereicht es mir zu herzlicher\nGenugthuung, von einem schönen, erfreulichen Gelingen\nberichten zu können. Dem Chor muss man gewiss das\nZeugniss geben, dass er seine Pflicht gethan hat; besonders\ngegen die Mitte des Werkes, wo freilich auch der Com-\nponist zu immer mächtigerem Aufschwung sich erhebt,\nwuchs die Kraft und Lebendigkeit des Vortrages und er-\nhielt sich ungeschwächt bis zum Ende. Und diesmal wurde\ndie Wirkung der Chöre noch durch die Begleitung der\nOrgel gesteigert, die eigentlich nie einem Händel'schen\nOratorium fehlen sollte. Die Orgel und deren Aufstellung\nin dem Concertsaale hatten wir Herrn Ad. Ibach in Bonn\nzu danken, dem Genossen der berühmten Orgelbauer-Firma\nA. Ibach Söhne in Barmen. Das treffliche Instrument"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5258, "texte": "wurde von Herrn Brambach aus Köln recht gut behan-\ndelt. Die Partie der Sella, vom Componisten mit zwei\nherrlichen Arien bedacht, erhielt durch Fräul. Schreck\neine vortreffliche Ausführung; die Arie im zweiten Theile:\n„Such' and're Opfer dir\", wusstc sie auf das wirksamste\ndramatisch zu beleben. Fräul. Saart aus Köln brachte\ndurch ihre liebliche, wohlausgebildete Stimme und ihren\ngut accentuirten Vortrag einen wohlthuenden Eindruck\nhervor. Herr Dr. Kl..n sang die beiden Partieen des\nJephta und des Hamor und zeigte sich besonders durch\nseine Behandlung der Recitative wieder als den in classi-\nscher Musik wohlerfahrenen Sänger, den wir in ihm schon\nseit Langem schätzen.\nWenn Händel sich vernehmen lässt, so ist er immer\ndes Triumphes sicher; so hat ihm denn auch an jenem\nAbende sein „Jephta\" einen Triumph bereitet. Gesunde\nKraft athrnet aus allen Tönen, und wenn wir sie verneh-\nmen, so glauben wir, diese Kraft theile sich uns mit. Und\ndoch schuf Händel dieses Werk zu einer Zeit, wo die\nKrankheit, die seine letzten Jahre umdiisterte, schon seine\nThätigkeit zu lähmen begann; es ist die letzte seiner gros-\nsen Schöpfungen.\nKeines der früheren Oratorien hatte ihn so lange be-\nschäftigt. Während der Messias in dreiundzwanzig, der\nSamson in fünfunddreissig Tagen entstanden war, arbei-\ntete der Meister am Jephta vom 21. Januar bis zum 30.\nAugust 1751, also ein halbes Jahr; freilich mit Unter-\nbrechungen, zu denen die Krankheit zwang; auf den letz-\nten Seiten des Manuscriptes verrälh sich in den unsicheren\nZügen der Hand die immer zunehmende Schwäche des\nGesichts (Schölcher, Life of Handel, 321). Aber dieses\nWerk, das unter körperlichen Qualen geschaffen wurde,\nwer möchte sich vermessen, an ihm die Spuren einer Ab-\nnahme geistiger Kraft nachzuweisen? Es ist auch hier noch\nderselbe Händel, wie wir ihn aus seinen übrigen Werken\nkennen, der „Riese\", der „Briareus mit seinen hundert\nHänden\", wie ihn Pope nannte. Noch immer steht ihm die\nganze Welt der Töne zu Gebote, wenn er die Thaten der\nMenschen darstellen oder den Preis des Herrn verkün-\nden will.\nDas Werk ist voll von mächtigem dramatischem Leben.\nKräftig und eindringlich wird das Leiden und die Schmach\ndes unterdrückten Volkes geschildert, dem sich alsbald der\nRetter zeigt; in lieblicher Darstellung—wie anmuthig und\ninnig ist das Duett: These labourspast! tritt die reine\nund zarte Neigung zwischen Iphis und Hamor hervor; das\nVolk Gottes zieht zum Kampfe aus, der Führer thut in\neinem ausdrucksvollen Recitativ das verhängnissvolle Ge-\nlübde, und der Schluss-Chor des ersten Theiles:\nImd voice,mit seiner sinnlich stark ausgeführten Malerei\nfeiert die Alles bezwingende Macht Jehovah's mit jener\nTongewalt, über die, möchte man glauben, nur Händel\nverfügen konnte.\nMit dem zweiten Theile steigert sich die dramatische\nBewegung. Die Tochter des Helden empfängt von ihrem\nGeliebten die Sieges-Nachricht: himmlische Scharen eilten\nzum Beistande hernieder; ein feuriger Chor: Cherub and\nSeraphim, dessen Haupt-Motiv den zweiten Theil eingelei-\ntet, ist gleichsam der Nachhall dieser wundervollen Bege-\nbenheit. Iphis bereitet sich, den Vater, den Erretter ihres\nVolkes, mit Sang und Spiel festlich zu empfangen; sie tritt\nihm entgegen mit dem Gefolge ihrer Jungfrauen, und in\neiner einfach gehaltenen, vom Frauenchor begleiteten Arie:\nWelcome as the ehearful,bringt sie ihm ihren freudigen\nGruss. Den Vater cfgreift Entsetzen; das Recitativ:\nror confusion,und die Arie: sind\nder mächtige Ausdruck für den Sturm von Empfindungen,\nder in ihm tobt. Noch ergreifender ist die herbe Verzweif-\nlung der Mutter. Aber Jephta ist entschlossen, dem Ge-\nlübde treu zu bleiben, und in dem berühmten Recitativ:\nDeeper and deeper, wird dieser der innigsten Väterliche\nmühsam abgerungene Entschluss ausgesprochen. Dies ist\ndas Recitativ, vor dem einst Haydn seine Bewunderung so\nnaiv ausdrückte (Schölcher, 392), und in der That möchte\nes selbst bei Händel nicht viele seines Gleichen finden.\nWie trifft da jeder Laut mitten in die Empfindung hinein!\nAuf die abgebrochenen Worte:\ncan nomore, mit denen Jephta schliesst, folgt der Chor:\nlloivdarlc, o Lord - wohl die Perle des Ganzen. In dü-\nsteren Tönen spricht sich die Klage aus, wie freudenvoller\nTriumph sich in Sorge und Trauer wandelt; aber das\nGemüth der Klagenden erhebt sich zur Anerkennung des\ngöttlichen Waltens: „Was immer ist, ist recht!\" Bewun-\nderungswürdig ist es, wie Händel diesen ganz abstracten\nSatz sinnlich lebendig gemacht hat. Das tönt in\ndie trübe, vorwurfsvolle Klage der Menschen mächtig hin-\nein, wie ein Befehl, der keinen Widerspruch gestattet;\nihm sich zu ergeben, ist die Pflicht des Weisen und des\nFrommen.\nIm dritten Theile zeichnet sich vornehmlich die Arie\naus, in welcher Iphis vom Leben Abschied nimmt. Der\nschönen Welt sagt sie in liebliehen Klängen rührend Le-\nbewohl, und mit schmerzlicher Ergebung spricht sie die\nHoffnung auf ein schöneres Dasein aus. Aber —sie stirbt\nnicht. Ein Engel wird vom Himmel herabbemüht, und was\ner für Botschaft bringt, lässt sich denken. Ein neuerer\nComponist des Jephta, der die Tochter ebenfalls rettet\nund dem diese Rettung von manchen Seiten übel vermerkt\nwurde, kann also durch den Vorgang HändePs für ent-\nschuldigt gelten. Gerechtfertigt aber scheint mir dieser der"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3528, "texte": "biblischen Erzählung widersprechende glückliche Schluss\nauch durch Händel nicht. Es will mich immer noch be-\ndünken, dass die Tochter Jephta's vom Opfertode zu ret-\nten, nicht besser sei, als Romeo und Julie oder den Könicr\nLear aus unzciligein Mitleid am Leben zu lassen. Aber je-\ndenfalls hat uns Händel zu entschädigen gewusst; denn die-\nser Rettung haben wir zwei Chöre zu verdanken, die sich\nneben die Schlusschöre des ersten und zweiten Theiles als\nwürdige Genossen stellen können. In dem einen,\nsublime,findet die Freude über die Rettung und das gläu-\nbige Vertiauen auf Jehovah s freue einen feierlich gehalte-\nnen, sehr innigen Ausdruck; in dem letzten: Ye house of\nGileacl, bricht der volle Jubel ungehemmt los und ergiesst\nsich in brausenden Klängen.\nDer unbarmherzig bearbeitende Mosel hat—das war\nzu erwarten den Jephta nicht glimpflicher behandelt, als\netwa den Samson oder Belsazer. Mag er hinzufügen oder\nweglassen, sein Verfahren ist immer gleich ungehörig.\nDen eisten Theil, in dem Alles sehr glücklich disponirt\nist, hat er völlig aus seinen Fugen gerückt. Statt eines\nChors, in dem Israel sich vom Dienste der Abgötter los-\nsagt, schiebt er einen anderen aus der „Debora4' ein, in\ndem das Volk um einen Führer fleht. Und doch ist hier\ndie Erwähnung der Abgötter durchaus nöthig. Denn wie\nsollen wir es sonst verstehen, .wenn Jephta später an be-\ndeutsamer Stelle, in dem Recitativ: Deeper\nsagt: Jehovah hörte mein Gelübde, und er schläft nicht\n- hke Chemosh and such fable Am zweiten und\ndritten fheile hat er ebenfalls mit wahrer Zerstörungslust\nherumgearbeitet. Da fehlt das Quartett: 0 spare your\ndanghter, das Quintett: All that is in Ilamor mine, die\nArie: Waft her, angels,ehemals in England eine der be-\nliebtesten Nummern des Jephta. Doch genug. Mosel's Ver-\nlahrungsweise hat vor nicht langer Zeit in diesen Blättern\neine scharfe, genaue Charakteristik und dem zufolge eine\ngerechte Verurtheilung gefunden, und es will mir nicht\ngeziemen, dem, was dort überzeugend dargethan ist, hier\nnoch etwas hinzuzufügen.\nHoffentlich ist die Zeit nicht mehr fern, wo dergleichen\nBearbeitungen allgemein erkannt werden als das, was sie\nsind, als schmähliche Entstellungen. Man wird endlich zu\nder einfachen Erkcnntniss gelangen, dass es ein rohes, aller\nKunst Hohn sprechendes Verfahren ist, einem Händel'schen\nWerke hier ein Stück abzuschneiden, dort ein anderes, be-\nliebiges anzuflicken. Mag Er doch Stücke aus einem Werke\nin ein anderes herübergenommen haben! Das konnte Er;\ner wusste, wo ein solches Verfahren am Platze war. Wir\ndürfen es nicht, wenn wir nicht die Ehrfurcht gegen den\nMeister verletzen und unserem eigenen künstlerischen Sinne\nein schlimmes Zeugniss ausstellen wollen.\nFreuen wir uns alle, denen der Ruhm Iländel's am\nHeizen liegt! \"Wir feiern in diesem Jahre sein Gedächtniss\nund können zugleich hofi'en, dass seine Kunst sich immer\nmehr bei uns einbürgern, seine mannigfaltigen Werke uns\nin eine immer vertrautere Nähe rücken werden. Derjenige,\nder vor Allen dazu berufen war, hat schon begonnen, uns\nsein Leben und sein Schaffen darzustellen, und treffliche\nMänner haben Hand angelegt zur Sammlung und würdigen\nHerstellung seiner Werke. Liegt diese Sammlung einmal\nvollendet vor, können wir uns seine Werke in der Gestalt\nvorführen, in der Er sie schuf, dann können wir Händel\nwieder wahrhaft den Unseren nennen, dann ist er wieder\nzu uns zurückgekehrt, der gewaltige Genius, der geliebte\nMeister, in dessen Verehrung sich die Völker germanischen\nStammes brüderlich vereinigen.\n\nV --- s."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-04-02-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-04-02_01#c005", "volume": "bmtnabi_1859-04-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "111", "page_fin": "112", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.2.4", "titre_corps": "Aus Düsseldorf.", "titre_sommaire": "Aus Düsseldorf.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.7", "debut_caractere": 3530, "fin_caractere_exclue": 6136, "texte": "Aus Düsseldorf.\nDen 25. Mä r z 1859.\nMit dem gestrigen Concerte wurde der Cyklus der diesjährigen\nAbonnements-Concerte geschlossen. Es brachte uns in der ersten Ab-\ntheilung Mozart's Ouvertüre zur Zauberflöte, eine Motette von\nHaydn, „Du bist's, dem Ruhm und Ehre\", und die Phantasie für\nPianoforte, Chor und Orchester (Op. 80) von Beethoven.\nDie erste Nummer wurde befriedigend ausgeführt bis auf eine\nkleine Störung, die durch zu frühes Einsetzen einer zweiten Geige\nherbeigeführt wurde. In der Motette hätten wir mehr Farbe gewünscht •\neine feinere Nuancirung des Forte und Piano gibt diesem an sich nicht\nsehr bedeutenden Werke (das a capella gesungen wurde) mehr Reiz.\nIn Beethoven's Phantasie wurde die Pianoforte-Partie durch Herrn\nSchau seil vorgetragen, der aber offenbar den technischen Anfor-\nderungen dieses Werkes eben so wenig gewachsen war, als von einer\nrichtigen Auffassung desselben die Rede sein konnte. So kam denn\ndieses herrliche Werk nicht zur vollen Geltung und ging ziemlich\nkalt vorüber. Bei dieser Gelegenheit glauben wir auch darauf auf-\nmerksam machen zu müssen, dass die Direction darauf sehen müsste\neinen besseren Flügel mit vollerem, runderem und ausgiebigerem\nTone aufzustellen. War dieser Mangel schon fühlbar im vorletzten\nConcerte, als Hiller uns das E-dur-Concert von Mozart so meister-\nlich vortrug, so musste es diesmal um so mehr auffallen, als ein\nkräftiger Chor mit dem Orchester verbunden war.\nDer zweite Theil des Concertes wurde ganz durch die neunte\nSinfonie von Beethoven ausgefüllt; es war daher lobend anzu-\nerkennen, dass die Dauer des ersten Theiles nur kurz und also das\nOhr nicht sehr ermüdet war. Sie wissen, was wir im Allgemeinen\nvon den hiesigen Sinfonie-Aufführungen halten; die Aufführung der\nEroica im vorletzten Concerte brachte auch nur einen ziemlich be-\nschränkten Heroismus zur Anschauung, und so müssen wir offen ge-\nstehen, dass wir von der Aufführung des unendlich schwierigen Wer-\nkes der neunten Sinfonie wenig Gutes erwartet hatten. Um so freu-\ndiger waren wir daher gleich durch den ersten Satz überrascht. Das\nOrchester, verstärkt durch auswärtige Kräfte (so dass zwölf erste\nund eben so viel zweite Geigen vorhanden waren) tönte voller und\nkräftiger, als gewöhnlich, und unverkennbar durchwehte ein Hauch\nder Begeisterung die Ausführenden, den wir früher leider selten be-\nmerkt haben. Wir wollen nicht durch Splitterrichten uns den\nnoch frischen Eindruck in der Erinnerung verderben; Einzelnes, was\nwir besser gewünscht hätten, betrifft die Holz- und Blech-Instru-\nmente, die stets eine schwache Seite des hiesigen Orchesters sind"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1099, "texte": "und bleiben werden. Die Total-Wirkung war eine solche, wie sie\nbis jetzt unter der Direction des Herrn Tausch noch nie erzielt\nwurde, und wir können es Letzterem nicht genug Dank wissen, dass\ner uns die Gelegenheit geboten, uns dieses unsterblichen Werkes\nwieder einmal mit vollster Seele erfreuen zu können. Welch wunder-\nbare, gewraltige Schöpfung! Wie lässt sie alle Fibern des Herzens\nerbeben! Wer fühlt dabei nicht, dass es etwas Göttliches, etwras\nEwiges ist um die Musik! Es ist eine von den genialen Schöpfun-\ngen, bei denen wir gewöhnlichen Menschen eben so wenig wie beim\nAnschauen der Meisterwerke classischer Sculptur und Malerei uns\nvorstellen können, dass durch „Arbeit\" so etwas geschaffen wer-\nden könne, dass überhaupt „Arbeit\" daran verwandt ist. So sehr\nentführt sie uns dem Realen und zieht uns unwiderstehlich hinein in\ndas Reich des Geistes, in das Reich der Ideale. Der erste Satz\nder Sinfonie gelang am vorzüglichsten. Die Tempi waren überall gut\ngewählt. Dass die Soli mehrstimmig besetzt waren, dürfte nur als\nNothbehelf- allenfalls zu ertragen sein. Der Chor war sehr gut."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-04-02-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-04-02_01#c006", "volume": "bmtnabi_1859-04-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "112", "page_fin": "112", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.8", "debut_caractere": 1101, "fin_caractere_exclue": 6539, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDie fünfte Soiree für Kammermusik, Dinstag\nden 29. März, war sehr interessant durch die Vorführung des er-\nsten und des letzten Violin-Quartetts von Beethoven\nunmittelbar nach einander, also des Op. 18 Nr. 1 in F-dur und des\nOp. J35 (Nr. 16 der Quartette), ebenfalls in F-dur. Die langjährige\nPeriode der künstlerischen Entwicklung des Meisters, deren Anfangs-\nund Endpunkt für die Gattung des vollständigen Quartetts diese\nzwei Werke bezeichnen, bildet eine Kluft, die, wenn alle Brücken,\ndie von einem Rande zum anderen hinüberführen, fehlen, selbst von\nsehr geübten Zuhörern nicht im Nu übersprungen werden kann. Es\nist, als erginge man sich in einem schönen Park auf saftigem Ra-\nsen, unter blumigen Beeten und in schattigen Wald-Partieqn, wro\nman ab und zu fröhlichen und fühlenden Menseln n begegnet, und\nträte nun auf einmal in einen Grund, den die Kunst mit absicht-\nlicher Laune und Freude am Contrast auf ursprünglich dürrem, fel-\nsichtem Boden mit allerlei theils anmuthigen, theils wunderlichen\nexotischen Gewächsen geschmückt hat, zu denen man aber nur auf\nganz absonderlichen Wegen, über Steine und Leitern, oft unter dem\nHohn neckischer Geister, gelangen kann. I a ist es denn natürlich,\ndass der Wandelnde stutzig wird; bei grosser Aufmerksamkeit und\nLiebe zur Sache bricht er dann auch wohl in den Ausruf aus: „Cu-\nrios! interessant! seltsam! ha, welch eine Beleuchtung! schade, dass\nes nur ein Sonnenblick war! < u s w. und wenn er sich häufig\nfragt: „Musste denn das alles so sein, um den Gedanken „„Es\nmuss sein\"\" darzustellen?\" so kann man ihm diese Frage weni-\nger verargen, als beantworten. So ungefähr ging es denn auch dem\nPublicum bei Anhörung des 16. Quartetts: den ersten Satz liess es\nganz schweigend vorüber gehen, die anderen wurden mit Beifall auf-\ngenommen, der vorzüglich auch der Ausführung galt, die gut studirt\nwar und bei der sich besonders Herr von König slow auszeich-\nnete, unterstützt von den Herren Derckum, Brambach und\nB. Breuer. Was sollte, was konnte man danach hören? Offen-\nbar nur noch Neueres. Und sithe da, es ereignete sich etwas in\nKöln, was noch nicht da gewesen ist: Robert Schumann's Es-\ndar- Quintett für Pianoforte, zwei Violinen. Viola und Violoncell\ngefiel nicht nur allgemein, sondern erregte sogar einen wahren En-\nthusiasmus, den wir gern theilten, zumal da das Ganze, vorzüglich\naber die Clavier-Partie durch Herrn Musik-Director Ed. Franck,\nmeisterhaft, d. h. technisch und geistig vollendet, ausgeführt wurde.\nFräulein Maria Mösner, die ausgezeichnete Virtuosin auf der\nHarfe, ist auf einige Tage wieder hieher zurückgekehrt und wird\nvor ihrer Abreise nach London am Montag den 4. April eine\nSoiree geben.\nHeidelberg, 15. März. Seit einem halben Menschenalter,\nnämlich seit dem Jahre 1842, hatten wir gestern wieder einmal den\nhohen Kunstgenuss der sehr gelungenen Aufführung von Haydn's\nMeisterwerk, der Schöpfung Siebenzehn Jahre s'nd seit der frü-\nheren Aufführung verflossen, so dass das jüngere Geschlecht hier\netwas ganz Neues, noch nie Gehörtes vernahm und es auch mit\nvoller Zufriedenheit und mit grösstem Beifalle aufnahm. Dieses letzte\nConcert übertraf die vier vorhergehenden weit an Glanz und Herr-\nlichkeit. So voll war der grosse Museumssaal noch nie, und doch\nherrschte die lautloseste Stille unter den Anwesenden Die Haupt-\nPartieen wurden durch die vorzüglichen Sänger vom Hoftheater in\nMannheim, die Herren Schlösser und Step an, und durch Fräul.\n♦\nAuguste Brenken aus Westfalen mit grösster Genauigkeit im\nGeiste des grossen Meisters durchgeführt, was der allgemeine Beifall\nviel mal zu erkennen gab. Die Leistungen dieser beiden Künstler\nsind von der Oper in Mannheim so bekannt, dass wir jedes Wort\ndarüber für überflüssig halten Fräul. Brenken besitzt eine sehr fri-\nsche, volle, gleichmässige und äusserst wohltönende Stimme, wie man\nsie selten hört, und vereinigt damit eine sehr gründliche Schule,\nfern von aller Ziererei und von gesuchter Ueberladung Mit Geist,\nGefühl und Einfachheit, wie es dieses echte deutsche Kunstwerk\nverlangt, sprach ihr Gesang zum Herzen. Wir sind diesen drei Trä-\ngern des Ganzen sehr zu Dank verpflichtet, so wie Herrn Direetor\nBocb, der seine Mühe mit dem schönsten Erfolge belohnt sah. Das\nOrchester mit 45 und der Chor mit 80 Mitwirkenden, im Ganzen\n125, leisteten alles Mögliche, was man hier jemals erwarten kann.\nZumal müssen wir mit Anerkennung des zahlreichen gemischten\nChors erwähnen, da er zum ersten Male in einem so grossen Werke\nsich hören liess und die allgemeine Zufriedenheit erwarb Somit be-\ngrüssen wir diese herrliche Kunstleistung als ein wahres Ereigniss\nin unserer Musenstadt, mit dem Wunsche, es möchten mehrere sol-\ncher ausgezeichneten Aufführungen von grossen Tonwerken in die-\nsem oder im nächsten Jahre folgen. (Karlsr. Ztg.)\nNS. Fräulein Auguste Brenken hat im Laufe des Winters\ndurch ihre Gesang-Vorträge in den Abonnements-Concerten der ver-\nschiedensten Concert-Institute den wohlbegründeten Ruf, den sie\nschon im vorigen Jahre erlangt hatte, vortrefflich bewährt und be-\ndeutend gesteigert. Sie hat u. A. mehrere Male in Köln (in den\nGürzenich-Concerten und in drei Gastrollen auf dem Theater), zwei\nMal in Düs sei dorf, in Elberfeld, Cob lenz bei dem Musik-\nfeste, Münster, zwei Mal in Bremen, in Amsterdam, Ut-\nrecht, Arn heim, zwei Mal in Basel, Karlsruhe, Heidel-\nberg u. s. w. gesungen und ist überall mit grosser Auszeichnung\naufgenommen worden."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBerliner Briefe (11. Ulrich Geyer Kiel fremde Künstler: Blumner, von Meyer, Strauss, Wolff, Fräul. Ge-\nnast, Binfield, Caroline und Virginie Ferni, David Concert von von Bülow: Liszt's „Ideale\") Von G. E. Bonn: Händel's Jephta.\nVon V— s. - Aus Düsseldorf: Letztes Abonnements-Coneert; IX. Sinfonie. Von —7—. Tages- und Unterhaltungsblatjt\n(Köln, Fünfte Soiree für Kammermusik, Fräul. Maria Mösner Heidelberg, Haydn's Schöpfung).\n\nBerliner Briefe.\n\n[ll. Ulrich Geyer Kiel —fremde Künstler: Blumner, v.\nMeyer, Strauss, Wolff, Fräulein Genast, Binfield, Caro-\nline und Yirginie Ferni, David. Concert von von\nBülow: Liszt's „Ideale\".]\n(Schluss S. Nr. 13.)\nMit kleineren Werken, theils für Orchester, theils für\neinzelne Instrumente, traten auch mehrere unserer jünge-\nren Musiker auf. So nennen wir eine Fest-Ouverture von\nHugo Ulrich, dem von einem längeren Aufenthalte in\nItalien bereits seit einem Jahre zurückgekehrten Compo-\nnisten der brüsseler Preis-Sinfonie und einer noch besse-\nren Sinfonie in auch in diesem neuesten Werke\nzeigt sich der gewandte und gebildete Musiker, doch hät-\nten wir gewünscht, dass er nach so langem Schweigen mit\netwas Bedeutenderem hervorgetreten wäre. Von Flo-\ndoard Geyer hörten wir ein Quartett für Ciavier und\nStreich-Instrumente, eine von grosser technischer Gewandt-\nheit zeugende und dabei ansprechend erfundene Compo-\nsition. Endlich kann ich Ihnen noch einen in weiteren Krei-\nsen fast ganz unbekannten Künstler nennen, Herrn Kiel,\neinen der besten Schüler Dehn's, der kürzlich in einer\nganzen Reihe von Instrumental-Compositionen (Fugen und\nCanons für Ciavier, eine Anzahl kleinerer Salonstücke,\n„Reisebilder\" für Ciavier und Cello, zwei Trio's für Cia-\nvier, Violine und Cello in D- und Es-dur) ein sehr bedeu-\ntendes und vorzüglich entwickeltes Compositions-Talent\ndarlegte. Er ist ein Musiker von ausserordentlicher contra-\npunktischer Gewandtheit und von einer durchgebildeten\nFeinheit des Geschmackes. Das eigentlich melodische Ver-\nmögen und, was damit zusammenhängt, eine ergreifende\nWärme des Gefühls tritt weniger bei ihm hervor; darum\nsind aber seine Compositionen doch weit entfernt, trocke-\nnes Formenwerk zu sein; sie fesseln durch eine Reihe fei-\nner, sinniger, geistreicher Züge. Es ist in der Richtung\netwas Aehnliches, wie wir es oft bei Cherubini finden, der\nden Mangel an eigentlicher Kraft und Innigkeit des Ge-\nfühls ebenfalls durch die Feinheit seiner Intentionen er-\nsetzt. Wir wünschen Herrn Kiel, der mit ausserordent-\nlicher Bescheidenheit Jahre lang mit seinen Leistungen\nhinter dem Berge hielt, dass er bald den Ruf sich erwerbe,\nden er verdient. Unter seinen Trio's können wir das in\nEs-dur (das aber freilich noch nicht gedruckt ist) als das\nvorzüglichere bezeichnen. Die „Reisebilder\" sind gedruckt;\nes sind kleine Salonstücke, nicht durchweg gleich interes-\nsant in der Erfindung und im x\\usdruck, aber alle gleich\nansprechend und geschmackvoll und eines Musikers würdig.\nAn fremden Virtuosen hat es auch in diesem Winter\nnicht gefehlt. Mecklenburg schickte uns Herrn Blumner,\neinen jungen, talentbegabten und edlen musicalischen Zie-\nlen nachstrebenden Pianisten (wir hörten von ihm unter\nAnderem Schumann's hier fast ganz unbekanntes, geist-\nvolles Clavier-Concert), der Berlin, wie wir glauben, zu\nseinem festen Aufenthaltsorte wählen wird; Wien den Cia-\nvier-Virtuosen Herrn v. Meyer, der für die schlechte Mu-\nsik, die er uns hören Hess, durch die Eleganz seines An-\nschlags und seiner Technik einiger Maassen entschädigte,\nund Herrn Ludwig Strauss, einen jungen Violinisten,\nder eine sehr correct und sauber ausgebildete Technik und\neinen zarten, für viele Nuancen des Ausdrucks vorzüglich\ngeeigneten Ton besitzt;, aber doch noch an Kraft und Fülle\ngewinnen muss, wenn er ganz die Höhe erreichen will, die\ner bei seinem Talente zu erreichen bestimmt ist. Aus\nFrankfurt am Main kam Herr Concertmeister Wolff hie-\nher, ein Violinspieler, dem es an Auffassungs-Talent und\nnamentlich an einer gewissen für den Concertspieler un-\nerlässlichen Kühnheit nicht fehlt, der aber noch in der\nTechnik einer feineren Ausbildung bedarf. Aus Weimar\nhörten wir Fräulein Genast, eine Sängerin von unbedeu-\ntender Stimme, aber mit einer Poesie des Vortrags, in Be-\nzug auf welche wir sie gegenwärtig nur mit Frau v. Milde\nvergleichen können. England schickte uns den Harfen-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.2", "texte": "spiclcr Herrn Binlield, einen Künstler zweiten Ranges\nauf seinem Instrumente, und Italien die Schwestern Ferni,\ndie, wenn sie auch nicht Beethoven, Mendelssohn, Spohr\nund meinethalben auch nicht einmal Vieuxtemps spielen\nund warum sollten sie nicht auch dies lernen, wenn\nsie einige Jahre in Deutschland zubringen und deutscher\nMusik näher treten?—dennoch ganz die Theilnahme ver-\ndienen, die sie bisher gefunden haben. Ihr musicalischer\nHorizont ist freilich klein, so klein, dass es viele deutsche\nCantoren geben mag, die ihnen Führer zu Höherem sein\nkönnten. Aber die Bedeutung eines Individuums hängt auch\ndavon ab, wie es die einmal übernommene Aufgabe durch-\nführt. Caroline Ferni, die jüngere Schwester, ist eine\nausgezeichnete Violinspielerin. Sie besitzt einen zarten,\naber doch nicht gerade kraftlosen und, was das Wichtigste,\nin der Kraft niemals die Gränzen des Schönen überschrei-\ntenden Ton, eine gute, wenn auch für den Kenner nicht\ndurch die Ueberwindung grosser Schwierigkeiten hervor-\nragende Technik, eine musterhafte Intonation und eine\necht italiänische, affectvolle, aber doch nach jeder Seite\nhin maasshaltende Art des Vortrags. Die ältere Schwester,\nVirginie, steht der jüngeren in der Kraft des Tones und\nin der Lebendigkeit der Accentuation entschieden nach;\nin der vollendeten Sauberkeit des Spiels einer echt weib-\nlichen Eigenschaft, die man selbst bei den bedeutendsten\n\\ irtuosen selten in gleichem Maasse entwickelt finden wird\nist sie ihr ebenbürtig. Die Genauigkeit des Zusammen-\nspiels beider Schwestern ist bewundernswert!]. Der wohl-\nthuende musicalische Eindruck wird durch die äussere Er-\nscheinung der jungen Damen noch erhöht: zwei hochge-\nwachsene Römerinnen von edier Gestalt, feinen und ern-\nsten Gesichtszügen, die dunklen Augen blicken streng und\nfest in die Versammlung, die Lippen bleiben unbeweglich;\ndie Art, wie sie die Violine halten, den Bogen führen, ist\nvon plastischer Schönheit. Unser Publicum wollte Anfangs\nden Berichten nicht recht glauben, doch nach den ersten\nlünl, sechs \"Vorstellungen hatte das Stadtgespräch hinrei-\nchend für den künstlerischen Ruf der jungen Italiänerinnen\ngesorgt, und jetzt ist der Kroll'sche Saal, so oft sie dort\nauftreten, gefüllt, so dass sie Berlin so bald wohl noch\nnicht verlassen werden.—Endlich hörten wir den Concert-\nineister David aus Leipzig, einen trefflichen Violinisten\nälterer Schule, der mit einer trefflichen Technik eine\nmaassvolle, solide Art des Vortrags und ein sehr fein aus-\ngebildetes Piano verbindet.\nHerr v. Bülow gab nach dem bekannten Vorfalle\nnoch ein Orchester-Conccrt, zu dem Liszt hieher gekom-\nmen war. Der Saal war ziemlich gefüllt, doch waren von\ndem gewöhnlichen Concert-Publicum nur einzelne Ver-\nsprengte zu bemerken; die Anhänger der Zukunftsmusik\nhatten somit die Freude eines ungetrübten Erfolges, von\ndem bis zu der Anerkennung, die sie erstreben, freilich\nnoch ein weiter Weg ist. Kam es nur darauf an, diejeni-\ngen, die nicht zu den Freunden der neuen Richtung gehö-\nren, zu verscheuchen und so ein sicheres Terrain zu ge-\nwinnen, auf dem alle, die gemeinsame Sache machen wol-\nlen, eil famille sind und sich ungestört an den Schöpfun-\ngen der neuen Zeit erbauen und begeistern können, dann\nhat freilich Herr v. Bülow das beste Mittel dies\nzu erreichen, als er seine Ansprach# an den zischenden\nTheil des Publicums hielt. Einige Freunde wird man für\njedes noch so verkehrte Unternehmen gewinnen, zumal\nwenn es von Männern empfohlen wird, die nach einer an-\nderen Richtung hin unbestritten bedeutende Eigenschaften\nhaben, wie z. B. Herr v. Bülow unbestritten ein bedeu-\ntender Clavierspieler ist, aber doch darum möglicher Weise\nein sehr falsches Urtheil über Compositionen haben kann\n— bedeutenden Schauspielern gleich, die wir ebenfalls un-\nterschiedslos ihr Talent dem Besten und dem Schlechtesten\nwidmen sehen. Suchen wir die Elemente zusammen, aus\ndenen sich der letzte Liszt-Erfolg zu bilden vermochte.\nDa gibt es erstens eine Anzahl jüngerer Musiker, obgleich\nverhältnissmässig wenige und nur solche, die sieh durch\neigene Compositionen keinen Namen erworben haben, die\nsich den Bestrebungen Liszt's anschliessen; meistens sind\nes Virtuosen, denen es an einer gründlichen musicalischen\nBildung mangelt und die den Zusammenhang, in dem\nLiszt's Compositionsweise mit dem excentrischen Geiste\nmoderner Virtuosität steht, dunkel herausfühlen mögen.\nDann sind es Schüler des Herrn v. Bülow, Bewunderer\nseines Ciavierspiels, mitunter auch seiner sonstigen geisti-\ngen Eigenschaften. Musikhändler ferner, sammt dem Tross\nder von ihnen abhängigen Commis, die doch wahrlich das\nmusicalische Urtheil Berlins nicht repräsentiren. Wir ha-\nben auch Leute Beifall spenden sehen, die ein gewisses\nUrtheil haben und sich persönlich vollständig absprechend\nüber die modernen Bestrebungen äussern, absprechender\nvielleicht, als der Referent dieser Blätter — eine Doppel-\nzüngigkeit, die nur ihrer Ungefährlichkeit wegen ignorirt\nwerden darf. Es kommen endlich persönliche Freunde\nBülow's und Liszt's dazu, denen man ihre gutmüthige\nTheilnahme wohl verzeihen könnte, wenn sie nicht trotz\nihrer notorischen musicalischen Unzurechnungsfähigkeit\ndie Dreistigkeit besässen, in einer Weise Partei zu ergrei-\nfen, die ein schlimmes Zeugniss sowohl von ihrer Urteils-\nfähigkeit als von ihren sittlichen Grundsätzen ablegt. —\nIch habe über die „Ideale\" Liszt's in meinem letzten\nBriefe nur kurz berichtet; das Stück wurde zum zweiten\nMale aufgeführt, und so wird mir willkommene Gelegen-\nheit, noch einmal darauf zurückzukommen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "107", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.3", "texte": "Wir wollen dem Componisten vorweg einige Zuge-\nständnisse machen Zugeständnisse in dem Sinne, dass\nwir ihm Abweichungen von der üblichen Praxis, über die\nman anderer Meinung sein kann, als nicht unbedingt ver-\nwerflich zugeben wollen. Wenn Liszt z. B. symphonische\nDichtungen schreibt, so wird man zwar immer darauf\nbestehen müssen, dass die wahre Musik ihre Poesie in sich\nselbst trage; aber dennoch ist auch diese Gattung der mit\neinem Programm versehenen Instrumentalmusik, theils als\nOuvertüre, theils als Musikstück kleineren Genre's, längst\nda gewesen; und man kann wenigstens keine Ungereimt-\nheit darin finden, wenn Jemand ihr eine grössere Bedeu-\ntung geben will. Um dies zu erreichen, verschmilzt Liszt\ngewisser Maassen die Formen der Ouvertüre und der Sin-\nfonie zu einer neuen Form; von der Ouvertüre nimmt er\ndie dichterische Bedeutung und den continuirlichen Fluss\ndes Ganzen, von der Sinfonie die Mannigfaltigkeit der\nSätze. Wird nun die Einheit dadurch erreicht, dass ein\nund dasselbe Motiv in den verschiedenen Sätzen in ver-\nschiedenen Umgestaltungen vorkommt, so ist zu fürchten,\ndass die Einheit als ermüdende Monotonie erscheint; hat\njeder Satz seine eigenen Motive, so dürfte das Programm\nnicht in demselben Maasse hinreichend sein, das Gefühl\nder Einheit in uns zu erwecken, als es in Gesanges-Com-\npositionen das dem Hörer stets gegenwärtige Wort ist.\nDurch eine Verknüpfung beider Methoden und diese\nhat denn Liszt auch mehrfach z. B. in den ,Idealen\" an-\ngewandt wird man noch am ersten über diese Schwie-\nrigkeiten hinwegkommen, und wir wollen daher die Zu-\nlässigkeit symphonischer Dichtungen in einem Satze zuge-\nben, ohne freilich zu glauben, dass damit für die Schön-\nheit des Kunstwerkes irgend etwas gewonnen sei. Drittens:\nIst. ein Gedicht wie Schillers „Ideale\" geeignet, „Pro-\ngramm\" einer symphonischen Dichtung zu werden? Wir\nmüssen gestehen, dass der Gedanke für uns etwas Komi-\nsches hat. Man kann sich denken, dass geschichtliche oder\npoetische Charaktere oder Thatsachen das Gemüth eines\nComponisten erfüllen, und dass er in der dadurch hervor-\ngebrachten Stimmung zu der Erfindung von Tongestalten\ngelangt, zu deren besserem Verständnisse er dann von der\nIdee, die ihn begeistert hatte, dem Publicum ebenfalls Mit-\ntheilung macht. Wir können uns ferner denken, dass ein\nComponist von ein paar Versen, die eine Herz und Geist\nergreifende Sentenz enthalten, bei der Ilervorbringung eines\nTonwerkes innerlich erfüllt war und nun diese Verse als\nMotto dem Tonstücke mit auf den Weg gibt. Aber über\nein mehr als hundert Verse langes Gedicht Abschnitt für\nAbschnitt eine Instrumental-Composition zu schreiben, so\ndass jedem bestimmten Abschnitte der Composition ein\nAbschnitt des Gedichtes entspricht, das kommt uns unfrei,\npedantisch vor (es zeigt sich hier, wie immer die Extreme\nsich berühren, Pedanterie neben Zügellosigkeit); es ist wie\nein aufgegebenes Pensum, es schmeckt etwas nach der\nSchule. Die wesentlichen Gedanken des Schiller'schen Ge-\ndichtes lassen sich indess allenfalls musicalisch illustriren;\njener unreife Idealismus, der in seiner Unendlichkeit Alles\nwill und daher nichts erreicht, der in seiner Subjectivitat\ndie Bedingungen der objectiven Welt nicht kennt und da-\nher überall anstösst, der die ganze Welt zu erfassen glaubt\nund nichts erfasst, sodann die darauf folgende nothwendige\nEnttäuschung, die Freundschaft und endlich die langsam\nschaffende, nie zerstörende Beschäftigung, die den Wider-\nspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit sühnt — alle diese\nMotive lassen sich musicalisch darstellen. Es handelt sich\ndann nur darum, dass der Componist das Gedicht richtig\nverstehe und dass er nicht bloss einen richtigen, sondern\nauch künstlerisch schönen Ausdruck dafür finde.\nDass Liszt das Gedicht richtig verstanden habe, daran\nwird nicht leicht Jemand zweifeln. Und dennoch müssen\nwir es aussprechen: er hat es falsch verstanden und so\nfalsch verstanden, dass nur aus seiner durchaus anderen,\nvon jenem innerlichen Ernste, der unsere classischen Dich-\nter erfüllte, gar nichts ahnenden Geistcs-Natur dieses Miss-\nverständniss erklärt werden kann. Wie wir Liszt dilettan-\ntisch als Componisten finden, so finden wir ihn auch dilet-\ntantisch in dem Verständnisse der grossen Geister, die er\nuns musicalisch illustriren will. Er ist und bleibt der grosse\nVirtuose, überall leicht erregt, von Allem etwas fassend,\naber viel zu zerstreut, viel zu sehr dem Aeusseriichen,\nGlänzenden hingewandt, als dass er in das Wesen, in den\nKern der Sache dränge. Liszt versteht vielleicht den ju-\ngendlichen Schiller, aber der gereifte Mann, der, die wü-\nsten Träume seiner Jugend zerstörend, durch den Ernst\nund die Arbeit zu dauernden Schöpfungen kam, ist ihm\nfremd geblieben. Liszt hat es für gut gefunden, nachdem\ner die letzte Strophe des Schiller'schen Gedichtes, ..Die\nBeschäftigung\" (es wird sich gleich zeigen, durch welche\nMittel), in Musik gesetzt, einen Schlusssatz, „Apotheose\"\ngenannt, hinzuzufügen, den er durch folgende Worte ein-\nleitet: „Das Festhalten und dabei die unaufhaltsame Be-\nthätigrung des Ideals ist unseres Lebens höchster Zweck.\no O\nIn diesem Sinne erlaubte ich mir das Schiller'sche Gedicht\nzu ergänzen durch die jubelnd bekräftigende Wiederauf-\nnahme der im ersten Satze vorausgegangenen Motive als\nSchluss-Apotheose.\" Was heisst das? Wenn Liszt es für\ngut fand, das Schiller'sche Gedicht zu ergänzen, so musste\nes ihm unbefriedigend erscheinen. Warum also hat er über-\nhaupt eine Sinfonie darüber geschrieben? Oder ist dies\nbloss eine äusserliche, unwesentliche Ergänzung? Gewiss\nnicht. Denn die „Beschäftigung\", die bei Schiller den\n\n£*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.4", "texte": "Abschluss bildet, erscheint bei Liszt nur als ein Durch-\ngangspunkt, und das verlorene Ideal des Anfangs, das\nSchiller verloren gibt, wird von ihm wieder aufgenommen.\nDies heisst doch wohl, ein Gedicht zu etwas ganz Ande-\nrem machen, als was es ist. Und das Bedürfnis? dieses\nAndersmachens entstand daraus, dass Liszt weder den Be-\ngriff des Ideals, den Schiller meint, noch den der Beschäf-\ntigung verstanden hat. Die „Beschäftigung\" hat Liszt in\neinem scherzoartigen Satze, der übrigens, musicalisch be-\ntrachtet, nicht nur der abgerundetste Abschnitt der ganzen\nSinfonie, sondern auch ohne Vergleich recht artig erfun-\nden und durchgeführt ist, behandelt. Es drückt sich darin\neine geschäftige Emsigkeit, aber spielend und ohne allen\nhöheren Aufschwung, aus. Das hat sich Schiller unter der\n„Beschäftigung\" nicht gedacht. „Und du, die gern sich\nmit ihr (der Freundschaft) gattet, wie sie der Seele Sturm\nbeschwört, Beschäftigung, die nie ermattet, die langsam\nschafft, doch nie zerstört, die zu dem Bau der Ewigkeiten\nzwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht, doch von der gros-\nsen Schuld der Zeiten Minuten, Tage, Jahre streicht.\" Ist\nin dieser „Beschäftigung\" etwa ein vollständiges Aufgeben\ndes Ideals, eine gleichgültige, zwecklose Thätigkeit gutge-\nheissen? Gewiss nicht. Sondern es ist nur der Gegensatz\ngegen jenen Idealismus, der in Phantasieen und trunkenen\nTräumen lebt, der seine Subjectivität in die Welt hinein-\nträgt, statt diese zu erfassen, wie sie ist, der aus sich her-\naus Alles erreichen will, der nichts für zu gross und zu\nhoch hält; es ist der Gegensatz geggn den trügerischen\nIdealismus, der in der Sturm- und Drang-Periode des vo-\nrigen Jahrhunderts sich in der Politik, Literatur und Phi-\nlosophie regte, und von dem alle tieferen Geister sich zu-\nletzt abwandten. Man könnte vielleicht den Begriff der\n„Beschäftigung\" noch etwas schärfer ausgeprägt wünschen,\naber wie derselbe zu verstehen ist, um zu befriedigen,\nkann für keinen aufmerksamen Leser zweifelhaft sein, am\nwenigsten für den, der von der geistigen Entwicklung der\nSchiller-Göthe'schen Zeit irgend einige Kunde hat. Charak-\nteristisch ist es aber für Liszt, dass er, der in der Musik\nes sich gerade als Aufgabe gestellt hat, ethische und poeti-\nsche Ideen darzustellen, für die wahre Bedeutung dersel-\nben gar nicht einmal ein Verständniss hat.\nHielte man den Sinn fest, den in diesem Schiller'schen\nGedichte das Wort „Ideal\" hat, so könnte man Liszt's\nComposition allenfalls noch, wenigstens nach Einer Seite\nhin und wenn man die Bolle eines Advocaten übernehmen\nwollte, vertheidigen; so aber, wie Liszt das Ideal fasst, als\ndas wahrhafte, ist gar keine Vertheidigung möglich. Sie\nhaben in einer Ihrer letzten Nummern ein Thema aus den\nIdealen in Noten mitgetheilt; es ist nicht das Haupt-The-\nma, aber doch ein vielfach wiederkehrendes. Dass das\nThema selbst und die Art der Ausführung ein non plii#\nultra von Maasslosigkeit ist, darin stimme ich ganz mit\nIhnen überein; wenn man die widerwärtigsten Septimen-\nund Nonen-Accorde, die verletzendsten Vorhalte— gegen\ndie freilich die Vorschriften der Grammatik nicht ausrei-\nchen, sondern nur die inneren Gesetze des Schönheitssin-\nnes anwendet, und zwar nicht bloss gelegentlich und\nausnahmsweise, sondern regelmässig, dann ist es freilich\nkeine Kunst, etwas noch nicht Dagewesenes hervorzubrin-\ngen; aber es ist darum keine Kunst, weil dann überhaupt\nvon Kunst nicht mehr die Bede ist. Und nun steht diese\nStelle nicht etwa in der Mitte oder am Schlüsse, als Aus-\ndruck der höchsten Verzweiflung, sondern am Anfange,\nals Ausdruck des Ideals, und nicht als Ausdruck eines ver-\nkehrten Ideals, wie z. B. der Idealismus eines Danton,\nMarat, Bobespierre gedacht werden könnte, sondern als\nAusdruck des wahren, siegreichen Ideals. Vielleicht haben\nLiszt folgende Worte des Schiller'schen Gedichtes dabei\nvorgeschwebt: „Es dehnte mit allmächt'gem Streben die\nenge Brust ein kreisend All, herauszutreten in das Leben,\nin That und Wort, in Bild und Schall.\" Diese Worte hat\nLiszt an den Anfang des Satzes gestellt, in dem jenes Mo-\ntiv sich zuerst findet, und damit wohl selbst angedeutet,\ndass es der Ausdruck des „kreisenden Alls\" sein soll. Es\nkann hierbei auf einen Unterschied zwischen Poesie und\nMusik aufmerksam gemacht werden. In den angeführten\nSchiller'schen Worten ist das „kreisende All\" eben nur\ngenannt, die Harmonie der Stimmung wird daher nicht\nim Mindesten getrübt. Ein Dichter, z. B. ein dramatischer,\nder das näher ausführen wollte, würde schon ein Bild ent-\nwerfen müssen, das uns nicht sonderlich erfreuen würde,\naber die Innerlichkeit der Poesie würde es noch zulassen.\nDer Musiker hingegen müsste den Ausdruck sehr mildern,\noder er wird uns etwas Widerwärtiges zu Gehör bringen.\nNicht jede Kunst kann Alles, sondern je geistiger der\nStoff einer Kunst ist, desto weiter kann sie in der Darstel-\nlung einseitiger Bichtungen, leidenschaftlicher Stimmungen,\ngreller Contraste u. s. w. gehen, theils weil der geistigere\nStoff der beweglichere und darum dafür befähigtere, theils\nweil der Eindruck auf die Sinne weniger heftig und ver-\nletzend ist. Desshalb kann die Malerei weiter in der Dar-\nstellung des Leidenschaftlichen gehen, als die Sculptur, die\nPoesie weiter, als die Musik. War es also überhaupt schon\nverfehlt, jenes „kreisende All, das die Brust zu zerspren-\ngen droht\", in der Musik auszudrücken, so musste wenig-\nstens nicht so bitterer Ernst damit gemacht werden, dass\nder Hörer glaubt, seine Ohren sollten ihm zersprengt\nwerden.\nDas eigentliche Haupt-Thema der Ideale ist folgendes:"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.5", "texte": "es modulirt im nächsten Tacte nach und wieder-\nholt sich in dieser Tonart. Wir halten es für eine gute\nEigenschaft eines Instrumental-Thema's, wenn es nicht\nallzu concret und individuel ist, wie eine Gesangs-Melodie;\ndenn nur dasjenige, was noch in sich selbst ein Allgemei-\nnes, Bestimmbares ist, kann Grundlage einer breiten Ent-\nwicklung werden; das Instrumental-Motiv soll ein Keim\nsein, keine vollendete Gestalt. Man wird bei Beethoven,\ndem grossen Thematiker, diesen Satz gerade in seinen\nHaupt-Schöpfungen in der Regel bestätigt finden. Aber\nganz nichtssagend darf doch auch ein Instrumental-Thema\nnicht sein, und am wenigsten trivial, d. h. durch eine ge-\nwisse zudringliche Auffälligkeit verletzend, und gerade das\nfinden wir an diesem an die gewöhnlichste moderne Opern-\nund sonstige Unterhaltungs-Musik erinnernden Thema.\nMathematisch beweisen können wir das freilich in diesem\nt alle eben so wenig, als wir es bei irgend einer Verdi'-\nschen Melodie im Stande wären. Aber irgend etwas müsste,\nwie uns dünkt, eigenthümlich sein, sei es die Tonfolge\noder der Rhythmus, wenn überhaupt das Thema irgend\neinen Werth haben sollte; hier ist aber das Eine so sim-\npel wie das Andere. Aber die Harmonie? Nun, die Har-\nmonie ist schwülstig, aber nicht gesucht. Sie sehen an dem\nkleinen, oben mitgetheilten Beispiele die Methode, die Liszt\nbis zum Uebermaass anwendet, um neu und tief zu erschei-\nnen: die unangenehmsten Septimen- und Nonen-Accorde,\ndie geschraubtesten, unnatürlichsten Vorhalte. Diese Art\nvon Harmonie verlässt uns so wenig, dass ein reiner Drei-\nklang in seinen Werken, wenigstens in den Idealen, zu\nden Seltenheiten gehört. Ein Stil, in dem man das als Aus-\nnahme, als höchste Steigerung Zulässige zur Regel macht,\nist schwülstig. Und werden wir etwa für diese Härte der\nHarmonie durch eine kunstvolle Polyphonie, durch meister-\nhafte Thematisirung, durch ausdrucksvolle Melodik ent-\nschädigt, wie bei Seb. Bach? Von allem dem ist nicht die\nRede. Von einer Thematisirung wenigstens nicht im Bach'-\nsciien Sinne. Denn den Vorwurf, dass er sich überhaupt\nnicht bemühe, an dem einmal hingestellten musicalischen\nGedanken festzuhalten und durch veränderte Modulation,\nTonlage, durch anderen Rhythmus u. s. w. umzugestalten,\nwollen wir Liszt in Bezug auf die Ideale nicht machen.\nDas oben citirte Thema findet sich in der That fast in je-\ndem Satze wieder, in veränderter Gestalt, theilweise auch\nmit verändertem Ausdruck. In einzelnen Fällen zeigt sich\nin dieser Art der Ausarbeitung ein gewisses Geschick, und\nLiszt verdient jedenfalls die Anerkennung, von diesem einen\nGrundprincip classischer Instrumental-Musik sich nicht ganz\nlosgesagt zu haben; dennoch können wir uns des Ein-\ndrucks nicht erwehren, dass es bei ihm mehr als etwas\näusserlich Angeeignetes, denn als etwas innerlich Empfun-\ndenes und Erfahrenes erscheint.\nNoch weiter auf Einzelheiten einzugehen, würde uns\nzu weit führen. Abgesehen von dem falschen Verständ-\nnisse des Gedichtes, sind die Dürftigkeit der melodischen\nErfindung, die Schwülstigkeit der Harmonie und die crasse,\nrealistische Derbheit des Ausdrucks die wesentlichen Män-\ngel der Ideale von Liszt. Man greift Liszt's Compositions-\nBichtung in der Begel vom Standpunkte der Form aus\nan; wir finden den Inhalt viel schlimmer. Es ist eine Ver-\nmischung der Virtuosenmusik mit der guten Musik, bei\nder die Virtuosen vielleicht gewinnen mögen, die Musiker\naber nur verlieren können.\n\nG. E.\n\nHändel’s Jephta.\n\nBonn, den 24. März 1859.\nJephta, lange erwartet, wurde uns endlich\nim fünften Abonnements-Concerte am 19. März unter Al-\nbert Dietrich's Leitung vorgeführt. Mit unverkennba-\nrer Liebe und Theilnahme ist das Studium dieses Orato-\nriums betrieben worden, damit das Werk in einer des\nMeisters würdigen Gestalt dem Publicum sich darstelle.\nAlle die mannigfachen Hindernisse, die in unseren be-\nschränkten musicalischen Verhältnissen der Aufführung\neines umfangreichen Werkes im Wege stehen, wurden\nglücklich überwunden, und so gereicht es mir zu herzlicher\nGenugthuung, von einem schönen, erfreulichen Gelingen\nberichten zu können. Dem Chor muss man gewiss das\nZeugniss geben, dass er seine Pflicht gethan hat; besonders\ngegen die Mitte des Werkes, wo freilich auch der Com-\nponist zu immer mächtigerem Aufschwung sich erhebt,\nwuchs die Kraft und Lebendigkeit des Vortrages und er-\nhielt sich ungeschwächt bis zum Ende. Und diesmal wurde\ndie Wirkung der Chöre noch durch die Begleitung der\nOrgel gesteigert, die eigentlich nie einem Händel'schen\nOratorium fehlen sollte. Die Orgel und deren Aufstellung\nin dem Concertsaale hatten wir Herrn Ad. Ibach in Bonn\nzu danken, dem Genossen der berühmten Orgelbauer-Firma\nA. Ibach Söhne in Barmen. Das treffliche Instrument"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.6", "texte": "wurde von Herrn Brambach aus Köln recht gut behan-\ndelt. Die Partie der Sella, vom Componisten mit zwei\nherrlichen Arien bedacht, erhielt durch Fräul. Schreck\neine vortreffliche Ausführung; die Arie im zweiten Theile:\n„Such' and're Opfer dir\", wusstc sie auf das wirksamste\ndramatisch zu beleben. Fräul. Saart aus Köln brachte\ndurch ihre liebliche, wohlausgebildete Stimme und ihren\ngut accentuirten Vortrag einen wohlthuenden Eindruck\nhervor. Herr Dr. Kl..n sang die beiden Partieen des\nJephta und des Hamor und zeigte sich besonders durch\nseine Behandlung der Recitative wieder als den in classi-\nscher Musik wohlerfahrenen Sänger, den wir in ihm schon\nseit Langem schätzen.\nWenn Händel sich vernehmen lässt, so ist er immer\ndes Triumphes sicher; so hat ihm denn auch an jenem\nAbende sein „Jephta\" einen Triumph bereitet. Gesunde\nKraft athrnet aus allen Tönen, und wenn wir sie verneh-\nmen, so glauben wir, diese Kraft theile sich uns mit. Und\ndoch schuf Händel dieses Werk zu einer Zeit, wo die\nKrankheit, die seine letzten Jahre umdiisterte, schon seine\nThätigkeit zu lähmen begann; es ist die letzte seiner gros-\nsen Schöpfungen.\nKeines der früheren Oratorien hatte ihn so lange be-\nschäftigt. Während der Messias in dreiundzwanzig, der\nSamson in fünfunddreissig Tagen entstanden war, arbei-\ntete der Meister am Jephta vom 21. Januar bis zum 30.\nAugust 1751, also ein halbes Jahr; freilich mit Unter-\nbrechungen, zu denen die Krankheit zwang; auf den letz-\nten Seiten des Manuscriptes verrälh sich in den unsicheren\nZügen der Hand die immer zunehmende Schwäche des\nGesichts (Schölcher, Life of Handel, 321). Aber dieses\nWerk, das unter körperlichen Qualen geschaffen wurde,\nwer möchte sich vermessen, an ihm die Spuren einer Ab-\nnahme geistiger Kraft nachzuweisen? Es ist auch hier noch\nderselbe Händel, wie wir ihn aus seinen übrigen Werken\nkennen, der „Riese\", der „Briareus mit seinen hundert\nHänden\", wie ihn Pope nannte. Noch immer steht ihm die\nganze Welt der Töne zu Gebote, wenn er die Thaten der\nMenschen darstellen oder den Preis des Herrn verkün-\nden will.\nDas Werk ist voll von mächtigem dramatischem Leben.\nKräftig und eindringlich wird das Leiden und die Schmach\ndes unterdrückten Volkes geschildert, dem sich alsbald der\nRetter zeigt; in lieblicher Darstellung—wie anmuthig und\ninnig ist das Duett: These labourspast! tritt die reine\nund zarte Neigung zwischen Iphis und Hamor hervor; das\nVolk Gottes zieht zum Kampfe aus, der Führer thut in\neinem ausdrucksvollen Recitativ das verhängnissvolle Ge-\nlübde, und der Schluss-Chor des ersten Theiles:\nImd voice,mit seiner sinnlich stark ausgeführten Malerei\nfeiert die Alles bezwingende Macht Jehovah's mit jener\nTongewalt, über die, möchte man glauben, nur Händel\nverfügen konnte.\nMit dem zweiten Theile steigert sich die dramatische\nBewegung. Die Tochter des Helden empfängt von ihrem\nGeliebten die Sieges-Nachricht: himmlische Scharen eilten\nzum Beistande hernieder; ein feuriger Chor: Cherub and\nSeraphim, dessen Haupt-Motiv den zweiten Theil eingelei-\ntet, ist gleichsam der Nachhall dieser wundervollen Bege-\nbenheit. Iphis bereitet sich, den Vater, den Erretter ihres\nVolkes, mit Sang und Spiel festlich zu empfangen; sie tritt\nihm entgegen mit dem Gefolge ihrer Jungfrauen, und in\neiner einfach gehaltenen, vom Frauenchor begleiteten Arie:\nWelcome as the ehearful,bringt sie ihm ihren freudigen\nGruss. Den Vater cfgreift Entsetzen; das Recitativ:\nror confusion,und die Arie: sind\nder mächtige Ausdruck für den Sturm von Empfindungen,\nder in ihm tobt. Noch ergreifender ist die herbe Verzweif-\nlung der Mutter. Aber Jephta ist entschlossen, dem Ge-\nlübde treu zu bleiben, und in dem berühmten Recitativ:\nDeeper and deeper, wird dieser der innigsten Väterliche\nmühsam abgerungene Entschluss ausgesprochen. Dies ist\ndas Recitativ, vor dem einst Haydn seine Bewunderung so\nnaiv ausdrückte (Schölcher, 392), und in der That möchte\nes selbst bei Händel nicht viele seines Gleichen finden.\nWie trifft da jeder Laut mitten in die Empfindung hinein!\nAuf die abgebrochenen Worte:\ncan nomore, mit denen Jephta schliesst, folgt der Chor:\nlloivdarlc, o Lord - wohl die Perle des Ganzen. In dü-\nsteren Tönen spricht sich die Klage aus, wie freudenvoller\nTriumph sich in Sorge und Trauer wandelt; aber das\nGemüth der Klagenden erhebt sich zur Anerkennung des\ngöttlichen Waltens: „Was immer ist, ist recht!\" Bewun-\nderungswürdig ist es, wie Händel diesen ganz abstracten\nSatz sinnlich lebendig gemacht hat. Das tönt in\ndie trübe, vorwurfsvolle Klage der Menschen mächtig hin-\nein, wie ein Befehl, der keinen Widerspruch gestattet;\nihm sich zu ergeben, ist die Pflicht des Weisen und des\nFrommen.\nIm dritten Theile zeichnet sich vornehmlich die Arie\naus, in welcher Iphis vom Leben Abschied nimmt. Der\nschönen Welt sagt sie in liebliehen Klängen rührend Le-\nbewohl, und mit schmerzlicher Ergebung spricht sie die\nHoffnung auf ein schöneres Dasein aus. Aber —sie stirbt\nnicht. Ein Engel wird vom Himmel herabbemüht, und was\ner für Botschaft bringt, lässt sich denken. Ein neuerer\nComponist des Jephta, der die Tochter ebenfalls rettet\nund dem diese Rettung von manchen Seiten übel vermerkt\nwurde, kann also durch den Vorgang HändePs für ent-\nschuldigt gelten. Gerechtfertigt aber scheint mir dieser der"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.7", "texte": "biblischen Erzählung widersprechende glückliche Schluss\nauch durch Händel nicht. Es will mich immer noch be-\ndünken, dass die Tochter Jephta's vom Opfertode zu ret-\nten, nicht besser sei, als Romeo und Julie oder den Könicr\nLear aus unzciligein Mitleid am Leben zu lassen. Aber je-\ndenfalls hat uns Händel zu entschädigen gewusst; denn die-\nser Rettung haben wir zwei Chöre zu verdanken, die sich\nneben die Schlusschöre des ersten und zweiten Theiles als\nwürdige Genossen stellen können. In dem einen,\nsublime,findet die Freude über die Rettung und das gläu-\nbige Vertiauen auf Jehovah s freue einen feierlich gehalte-\nnen, sehr innigen Ausdruck; in dem letzten: Ye house of\nGileacl, bricht der volle Jubel ungehemmt los und ergiesst\nsich in brausenden Klängen.\nDer unbarmherzig bearbeitende Mosel hat—das war\nzu erwarten den Jephta nicht glimpflicher behandelt, als\netwa den Samson oder Belsazer. Mag er hinzufügen oder\nweglassen, sein Verfahren ist immer gleich ungehörig.\nDen eisten Theil, in dem Alles sehr glücklich disponirt\nist, hat er völlig aus seinen Fugen gerückt. Statt eines\nChors, in dem Israel sich vom Dienste der Abgötter los-\nsagt, schiebt er einen anderen aus der „Debora4' ein, in\ndem das Volk um einen Führer fleht. Und doch ist hier\ndie Erwähnung der Abgötter durchaus nöthig. Denn wie\nsollen wir es sonst verstehen, .wenn Jephta später an be-\ndeutsamer Stelle, in dem Recitativ: Deeper\nsagt: Jehovah hörte mein Gelübde, und er schläft nicht\n- hke Chemosh and such fable Am zweiten und\ndritten fheile hat er ebenfalls mit wahrer Zerstörungslust\nherumgearbeitet. Da fehlt das Quartett: 0 spare your\ndanghter, das Quintett: All that is in Ilamor mine, die\nArie: Waft her, angels,ehemals in England eine der be-\nliebtesten Nummern des Jephta. Doch genug. Mosel's Ver-\nlahrungsweise hat vor nicht langer Zeit in diesen Blättern\neine scharfe, genaue Charakteristik und dem zufolge eine\ngerechte Verurtheilung gefunden, und es will mir nicht\ngeziemen, dem, was dort überzeugend dargethan ist, hier\nnoch etwas hinzuzufügen.\nHoffentlich ist die Zeit nicht mehr fern, wo dergleichen\nBearbeitungen allgemein erkannt werden als das, was sie\nsind, als schmähliche Entstellungen. Man wird endlich zu\nder einfachen Erkcnntniss gelangen, dass es ein rohes, aller\nKunst Hohn sprechendes Verfahren ist, einem Händel'schen\nWerke hier ein Stück abzuschneiden, dort ein anderes, be-\nliebiges anzuflicken. Mag Er doch Stücke aus einem Werke\nin ein anderes herübergenommen haben! Das konnte Er;\ner wusste, wo ein solches Verfahren am Platze war. Wir\ndürfen es nicht, wenn wir nicht die Ehrfurcht gegen den\nMeister verletzen und unserem eigenen künstlerischen Sinne\nein schlimmes Zeugniss ausstellen wollen.\nFreuen wir uns alle, denen der Ruhm Iländel's am\nHeizen liegt! \"Wir feiern in diesem Jahre sein Gedächtniss\nund können zugleich hofi'en, dass seine Kunst sich immer\nmehr bei uns einbürgern, seine mannigfaltigen Werke uns\nin eine immer vertrautere Nähe rücken werden. Derjenige,\nder vor Allen dazu berufen war, hat schon begonnen, uns\nsein Leben und sein Schaffen darzustellen, und treffliche\nMänner haben Hand angelegt zur Sammlung und würdigen\nHerstellung seiner Werke. Liegt diese Sammlung einmal\nvollendet vor, können wir uns seine Werke in der Gestalt\nvorführen, in der Er sie schuf, dann können wir Händel\nwieder wahrhaft den Unseren nennen, dann ist er wieder\nzu uns zurückgekehrt, der gewaltige Genius, der geliebte\nMeister, in dessen Verehrung sich die Völker germanischen\nStammes brüderlich vereinigen.\n\nV --- s.\n\nAus Düsseldorf.\nDen 25. Mä r z 1859.\nMit dem gestrigen Concerte wurde der Cyklus der diesjährigen\nAbonnements-Concerte geschlossen. Es brachte uns in der ersten Ab-\ntheilung Mozart's Ouvertüre zur Zauberflöte, eine Motette von\nHaydn, „Du bist's, dem Ruhm und Ehre\", und die Phantasie für\nPianoforte, Chor und Orchester (Op. 80) von Beethoven.\nDie erste Nummer wurde befriedigend ausgeführt bis auf eine\nkleine Störung, die durch zu frühes Einsetzen einer zweiten Geige\nherbeigeführt wurde. In der Motette hätten wir mehr Farbe gewünscht •\neine feinere Nuancirung des Forte und Piano gibt diesem an sich nicht\nsehr bedeutenden Werke (das a capella gesungen wurde) mehr Reiz.\nIn Beethoven's Phantasie wurde die Pianoforte-Partie durch Herrn\nSchau seil vorgetragen, der aber offenbar den technischen Anfor-\nderungen dieses Werkes eben so wenig gewachsen war, als von einer\nrichtigen Auffassung desselben die Rede sein konnte. So kam denn\ndieses herrliche Werk nicht zur vollen Geltung und ging ziemlich\nkalt vorüber. Bei dieser Gelegenheit glauben wir auch darauf auf-\nmerksam machen zu müssen, dass die Direction darauf sehen müsste\neinen besseren Flügel mit vollerem, runderem und ausgiebigerem\nTone aufzustellen. War dieser Mangel schon fühlbar im vorletzten\nConcerte, als Hiller uns das E-dur-Concert von Mozart so meister-\nlich vortrug, so musste es diesmal um so mehr auffallen, als ein\nkräftiger Chor mit dem Orchester verbunden war.\nDer zweite Theil des Concertes wurde ganz durch die neunte\nSinfonie von Beethoven ausgefüllt; es war daher lobend anzu-\nerkennen, dass die Dauer des ersten Theiles nur kurz und also das\nOhr nicht sehr ermüdet war. Sie wissen, was wir im Allgemeinen\nvon den hiesigen Sinfonie-Aufführungen halten; die Aufführung der\nEroica im vorletzten Concerte brachte auch nur einen ziemlich be-\nschränkten Heroismus zur Anschauung, und so müssen wir offen ge-\nstehen, dass wir von der Aufführung des unendlich schwierigen Wer-\nkes der neunten Sinfonie wenig Gutes erwartet hatten. Um so freu-\ndiger waren wir daher gleich durch den ersten Satz überrascht. Das\nOrchester, verstärkt durch auswärtige Kräfte (so dass zwölf erste\nund eben so viel zweite Geigen vorhanden waren) tönte voller und\nkräftiger, als gewöhnlich, und unverkennbar durchwehte ein Hauch\nder Begeisterung die Ausführenden, den wir früher leider selten be-\nmerkt haben. Wir wollen nicht durch Splitterrichten uns den\nnoch frischen Eindruck in der Erinnerung verderben; Einzelnes, was\nwir besser gewünscht hätten, betrifft die Holz- und Blech-Instru-\nmente, die stets eine schwache Seite des hiesigen Orchesters sind"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590402-01.1.8", "texte": "und bleiben werden. Die Total-Wirkung war eine solche, wie sie\nbis jetzt unter der Direction des Herrn Tausch noch nie erzielt\nwurde, und wir können es Letzterem nicht genug Dank wissen, dass\ner uns die Gelegenheit geboten, uns dieses unsterblichen Werkes\nwieder einmal mit vollster Seele erfreuen zu können. Welch wunder-\nbare, gewraltige Schöpfung! Wie lässt sie alle Fibern des Herzens\nerbeben! Wer fühlt dabei nicht, dass es etwas Göttliches, etwras\nEwiges ist um die Musik! Es ist eine von den genialen Schöpfun-\ngen, bei denen wir gewöhnlichen Menschen eben so wenig wie beim\nAnschauen der Meisterwerke classischer Sculptur und Malerei uns\nvorstellen können, dass durch „Arbeit\" so etwas geschaffen wer-\nden könne, dass überhaupt „Arbeit\" daran verwandt ist. So sehr\nentführt sie uns dem Realen und zieht uns unwiderstehlich hinein in\ndas Reich des Geistes, in das Reich der Ideale. Der erste Satz\nder Sinfonie gelang am vorzüglichsten. Die Tempi waren überall gut\ngewählt. Dass die Soli mehrstimmig besetzt waren, dürfte nur als\nNothbehelf- allenfalls zu ertragen sein. Der Chor war sehr gut.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDie fünfte Soiree für Kammermusik, Dinstag\nden 29. März, war sehr interessant durch die Vorführung des er-\nsten und des letzten Violin-Quartetts von Beethoven\nunmittelbar nach einander, also des Op. 18 Nr. 1 in F-dur und des\nOp. J35 (Nr. 16 der Quartette), ebenfalls in F-dur. Die langjährige\nPeriode der künstlerischen Entwicklung des Meisters, deren Anfangs-\nund Endpunkt für die Gattung des vollständigen Quartetts diese\nzwei Werke bezeichnen, bildet eine Kluft, die, wenn alle Brücken,\ndie von einem Rande zum anderen hinüberführen, fehlen, selbst von\nsehr geübten Zuhörern nicht im Nu übersprungen werden kann. Es\nist, als erginge man sich in einem schönen Park auf saftigem Ra-\nsen, unter blumigen Beeten und in schattigen Wald-Partieqn, wro\nman ab und zu fröhlichen und fühlenden Menseln n begegnet, und\nträte nun auf einmal in einen Grund, den die Kunst mit absicht-\nlicher Laune und Freude am Contrast auf ursprünglich dürrem, fel-\nsichtem Boden mit allerlei theils anmuthigen, theils wunderlichen\nexotischen Gewächsen geschmückt hat, zu denen man aber nur auf\nganz absonderlichen Wegen, über Steine und Leitern, oft unter dem\nHohn neckischer Geister, gelangen kann. I a ist es denn natürlich,\ndass der Wandelnde stutzig wird; bei grosser Aufmerksamkeit und\nLiebe zur Sache bricht er dann auch wohl in den Ausruf aus: „Cu-\nrios! interessant! seltsam! ha, welch eine Beleuchtung! schade, dass\nes nur ein Sonnenblick war! < u s w. und wenn er sich häufig\nfragt: „Musste denn das alles so sein, um den Gedanken „„Es\nmuss sein\"\" darzustellen?\" so kann man ihm diese Frage weni-\nger verargen, als beantworten. So ungefähr ging es denn auch dem\nPublicum bei Anhörung des 16. Quartetts: den ersten Satz liess es\nganz schweigend vorüber gehen, die anderen wurden mit Beifall auf-\ngenommen, der vorzüglich auch der Ausführung galt, die gut studirt\nwar und bei der sich besonders Herr von König slow auszeich-\nnete, unterstützt von den Herren Derckum, Brambach und\nB. Breuer. Was sollte, was konnte man danach hören? Offen-\nbar nur noch Neueres. Und sithe da, es ereignete sich etwas in\nKöln, was noch nicht da gewesen ist: Robert Schumann's Es-\ndar- Quintett für Pianoforte, zwei Violinen. Viola und Violoncell\ngefiel nicht nur allgemein, sondern erregte sogar einen wahren En-\nthusiasmus, den wir gern theilten, zumal da das Ganze, vorzüglich\naber die Clavier-Partie durch Herrn Musik-Director Ed. Franck,\nmeisterhaft, d. h. technisch und geistig vollendet, ausgeführt wurde.\nFräulein Maria Mösner, die ausgezeichnete Virtuosin auf der\nHarfe, ist auf einige Tage wieder hieher zurückgekehrt und wird\nvor ihrer Abreise nach London am Montag den 4. April eine\nSoiree geben.\nHeidelberg, 15. März. Seit einem halben Menschenalter,\nnämlich seit dem Jahre 1842, hatten wir gestern wieder einmal den\nhohen Kunstgenuss der sehr gelungenen Aufführung von Haydn's\nMeisterwerk, der Schöpfung Siebenzehn Jahre s'nd seit der frü-\nheren Aufführung verflossen, so dass das jüngere Geschlecht hier\netwas ganz Neues, noch nie Gehörtes vernahm und es auch mit\nvoller Zufriedenheit und mit grösstem Beifalle aufnahm. Dieses letzte\nConcert übertraf die vier vorhergehenden weit an Glanz und Herr-\nlichkeit. So voll war der grosse Museumssaal noch nie, und doch\nherrschte die lautloseste Stille unter den Anwesenden Die Haupt-\nPartieen wurden durch die vorzüglichen Sänger vom Hoftheater in\nMannheim, die Herren Schlösser und Step an, und durch Fräul.\n♦\nAuguste Brenken aus Westfalen mit grösster Genauigkeit im\nGeiste des grossen Meisters durchgeführt, was der allgemeine Beifall\nviel mal zu erkennen gab. Die Leistungen dieser beiden Künstler\nsind von der Oper in Mannheim so bekannt, dass wir jedes Wort\ndarüber für überflüssig halten Fräul. Brenken besitzt eine sehr fri-\nsche, volle, gleichmässige und äusserst wohltönende Stimme, wie man\nsie selten hört, und vereinigt damit eine sehr gründliche Schule,\nfern von aller Ziererei und von gesuchter Ueberladung Mit Geist,\nGefühl und Einfachheit, wie es dieses echte deutsche Kunstwerk\nverlangt, sprach ihr Gesang zum Herzen. Wir sind diesen drei Trä-\ngern des Ganzen sehr zu Dank verpflichtet, so wie Herrn Direetor\nBocb, der seine Mühe mit dem schönsten Erfolge belohnt sah. Das\nOrchester mit 45 und der Chor mit 80 Mitwirkenden, im Ganzen\n125, leisteten alles Mögliche, was man hier jemals erwarten kann.\nZumal müssen wir mit Anerkennung des zahlreichen gemischten\nChors erwähnen, da er zum ersten Male in einem so grossen Werke\nsich hören liess und die allgemeine Zufriedenheit erwarb Somit be-\ngrüssen wir diese herrliche Kunstleistung als ein wahres Ereigniss\nin unserer Musenstadt, mit dem Wunsche, es möchten mehrere sol-\ncher ausgezeichneten Aufführungen von grossen Tonwerken in die-\nsem oder im nächsten Jahre folgen. (Karlsr. Ztg.)\nNS. Fräulein Auguste Brenken hat im Laufe des Winters\ndurch ihre Gesang-Vorträge in den Abonnements-Concerten der ver-\nschiedensten Concert-Institute den wohlbegründeten Ruf, den sie\nschon im vorigen Jahre erlangt hatte, vortrefflich bewährt und be-\ndeutend gesteigert. Sie hat u. A. mehrere Male in Köln (in den\nGürzenich-Concerten und in drei Gastrollen auf dem Theater), zwei\nMal in Düs sei dorf, in Elberfeld, Cob lenz bei dem Musik-\nfeste, Münster, zwei Mal in Bremen, in Amsterdam, Ut-\nrecht, Arn heim, zwei Mal in Basel, Karlsruhe, Heidel-\nberg u. s. w. gesungen und ist überall mit grosser Auszeichnung\naufgenommen worden."}]}