{"numero_id": "bm-bmtnabi-1859-05-21-01", "volume": "bmtnabi_1859-05-21_01", "ocr_sha256": "0835c0501bbd204a0d77e7084f2dde84bae1959c160d31d8f5a4fddaada4e480", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1859/05/21_01/bmtnabi_1859-05-21_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1859-05-21-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-05-21_01#c001", "volume": "bmtnabi_1859-05-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "161", "page_fin": "161", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 247, "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe („Le Pardon de Ploermel\", komisehe Oper von Gr. Meyerbeer). 111. (Schluss.) Von B. P. Aus\nBonn (Letztes Abonnements-Concert Ueber künstlerisches Schaffen Mozart's Requiem). Schluss. Von V— s. Tages- und Un-\nterhaltungsblatt,"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-05-21-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-05-21_01#c002", "volume": "bmtnabi_1859-05-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "161", "page_fin": "166", "image_debut": 1, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.2.2", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. 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Si je l'a-\nvais connu, je l'aurais employe dans un de mes operas.\"\nSo etwas lässt sich Meyerbeer nicht zwei Mal sagen; so-\nbald in diesem Trinkchor die Soprane einsetzen, lässt er\ndie Tenöre und Bässe mit Brummstimmen die Melodie der\nFrauen begleiten. Da nun zugleich der Uebergäng aus\nMoll in Dur eintritt, so haben wir wieder einen recht hüb-\nschen und dieses Mal sehr unschuldig raffinirten Effect, der\ndurch einfache Mittel erreicht wird. Leider passt die Rück-\nführung zum ersten Thema schlecht dazu: von chroma-\ntisch im Unisono der Männerstimmen hinauf bis zur Do-\nminante, auf welcher dann in vier Sechszehntel-Triolen\nder unvermeidliche\n„Rataplan\"wieder zum Vorschein kommt. Der Chor wird\nohne Orchester-Begleitung gesungen; ganz neu ist übri-\ngens die Anwendung der Brummstimmen auf der pariser\nScene nicht; der belgische Componist Limnander hat sie\nvor einigen Jahren auch schon einmal in seiner Oper »Die\nMontenegriner\" benutzt.\nDer Dialog, der folgt, spricht von der Wahnwitzigen\nund bereitet auf ihre Erscheinung vor, bei welcher der\nChor sich entfernt. Dinorah tritt unter dem unruhigen\nGeigengellüster auf, mit welchem die Ouvertüre begann.\nDie Romanze in E-mail, Andantino, %-Tact, in welcher\nsie sich erinnert, dass ein Alter vom Berge\ncier de la montagne) ihr einst Leid verkündet, und im zwei-\nten Vers den Zaunkönig singen hört: „ l'aniour\" (!)\nist das erste wirklich ganz einfach melodische Stück,\nein sanfter, gefühlvoller Gesang, dessen erster Satz anMen-\ndelssohn's „ Wasserfahrt\" (für vier Männerstimmen) erin-\nnert. Die Begleitung durch Flöten, Oboen und Clarinetten\nist schön. Das einleitende Recitativ geht aus F-dur wie-\nderum durch die halben Töne c, des, d, es, e nach der Do-\nminante h; es scheint, als gäbe es keine andere Modulation\nmehr in Meyerbeer's Phantasie.\nDinorah trauert über ihre Einsamkeit in der Nacht;\nda bricht der Mond durch Wolken und zeigt der Armen\nihren scharf umrissenen Schatten. Sie freut sich dieser Ge-\nsellschaft, und es beginnt -—Nun, was? -—Nichts Anderes\nals der Schattentanz aus der „Grille\" von Frau Birch-\nPfeiffer! Je prends mm bien {mes raffinements) oü je les\ntrouvel —Doch der Tanz allein schien für Paris noch nicht\nfein genug, es musste noch eine ganz absonderliche Würze\ndazu gefunden werden. „Dass ein Schatten mit tanzt, wenn\nein tanzendes Mädchen ihn wirft, ist am Ende doch zu na-\ntürlich, um auf die Dauer pikant zu sein\" dachten die\ndrei grossen Facteurs der Oper. Da warf Einer von ihnen\nhin: „Wenn man nun den Schatten auch singen Hesse!\"\n„Mensch, das hast du nicht aus dir selbst!\" rief ein\nAnderer, „das ist eine Inspiration, eine Inspiration!\"\nDer Dritte wagte die bescheidene Aeusserung: „Das ist\naber doch gar zu unnatürlich!\" „Was?\" schrieen die\nbeiden Ersten, „zu unnatürlich? für Paris zu unnatürlich?\nWir fragen nur: Ist es schon da gewesen? Antwort: Nein!\nEs ist neu, ganz neu, und das ist genug. Ob widersinnig"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4686, "texte": "oder nicht, wer fragt danach? Und sollte Jemand so dreist\nsein, es zu thun, haben wir nicht einen Schild ihm entge-\ngen zu halten, der uns schützt und rechtfertigt? Haben\nwir die Heldin um nichts und wieder nichts verrückt\ngemacht? Je verrückter ihr Benehmen, ihre Rede, ihr Ge-\nsang, desto mehr dramatische Wahrheit!\" Wem die\nEhre der Erfindung gebührt, weiss ich nicht; schwerlich\nindess haben die beiden Librettisten die „Grille\" der Frau\nBirch-Pfeiffer gekannt.\nKurzum, es entstand die Tanz- und Gesang-Scene Nr.\n11 in Des-dur,im Ganzen genommen ein brillanter Wal-\nzer für Sopran, der seine älteren Brüder von Venzano,\nGumbrecht u. s. w. hauptsächlich dadurch übertrifft, dass\njede Passage zwei Mal gehört wird, ein Mal von der Sän-\ngerin und das andere Mal von ihrem Schatten denn kann\ndas Pianissimo-Echo ihrer m von irgend etwas\nAnderem herrühren, als von ihrem Schalten? Damit die\nZuschauer aber ja nicht in Zweifel bleiben, so beginnt sie\nmit der recitativischen Anrede an den Schalten:\nÄllons vite! prends ta lecon!\nHäte-toi d'apprendre\nNachdem die Bässe wieder mit dem noch nie dagewesenen\nchromatischen Gange von an nach der Haupt-Tonart\nDes gehen, tritt das Haupt-Thema des Walzers in Va ein.\nEs ist ein Ländler, wie man deren in Deutschland zu Hun-\nderten hört, nicht besser und nicht schlechter; mit der\ncoideur heale, welche die Herren Referenten auch an die-\nser Opernmusik preisen, sieht es dabei windig aus, die\nOesterreicher müssten denn von den Bretagnern stammen,\noder umgekehrt. Mit einer Variation desselben in %-Tact,\nAs-dur, beginnt die Gesang-Lection: auf die Sylbe ah!\ndrei Tacte Coloratur in Sechzehnteln, die mit dem Worte\n„Reponds!\" in zwei Achteln schliesst; das Schatten-Echo\nwiederholtet? getreu, worauf wieder zwei Achtel:\nbien/\" folgen. Endlich geht die Lehrerin (im 2/i-Tact) gar\nzu Zweiunddreissigsteln über, der Schüler wird böse und\nsetzt im Zorne die ganze Passage einen Ton höher ein,\nja, als sie sich bis zu\nversteigt, macht\ner sich's bequemer und wiederholt die Figur sogar eine\nOctave tiefer. Sie ärgert sich und geht mit einem sieben\nMal vibrirenden c {Rataplä/nf) wieder ins Haupt-Thema.\nIhm schliesst sich ein Trio in 'A-Tact, A-dur, an, das von\neinem Intermezzo, halb recitativisch, halb parkmdo, unter-\nbrochen wird, weil eine Wolke vor den Mond tritt und\nferner Donner rollt: —wie ist Alles doch so einfach, idyl-\nlisch, classisch! Der geschickte Maschinist und Optiker\nlässt glücklicher Weise sein elektrisches Mondlicht bald\nwieder leuchten, der geliebte Schatten kommt zurück, und\nMad. Cabel wiederholt mit anmuthiger Coquetterie das\nHaupt-Thema des Walzers, diesmal mit einer Stretta, in\nwelcher sie bis zum dreigestrichenen auflliegt, mit der\nClarinettc in chromatischen Tonleitern wetteifert, uns bei-\nläufig an Haydn's Jahreszeiten erinnert:\nund zuletzt sogar die Pianisten herausfordert, indem sie\nihnen die Weber'sche Figur:\nmit Eclat in der Schluss-Cadenz an die entzückten Ohren\nwirft.\nDass ein solches, für eine ganz besondere Befähigung\neiner bestimmten Sängerin berechnetes Stück, wenn es\nvon ihr mit technischer Meisterschaft ausgeführt wird, trotz-\ndem, dass es fast keinen Tact Musik enthält, den grossen\nHaufen elektrisirt, begreift man leicht, eben so, dass un-\nmusicalische Literaten darüber den lvopf verlieren; aber\ndass Musiker wie Fetis es „eines von den vollkommenen\nund vollendeten Stücken\" nennen, „die allein hinreichen,\nden Erfolg eines ganzen Werkes zu sichern\", oder wie der\nhiesige Correspondent ß. der Berliner Musik-Zeitung:\n„eine der originellsten Compositionen Meyerbeer's\", das\ngeht doch über alle Begriffe und ist ein trauriger Beweis\ndavon, dass es mit der Kunstkritik so weit gekommen ist,\ndass auch die besten Vertreter derselben „sehr gütig\"\nsind, wie Mephisto zur Marthe sagt. Nur Berlioz hat dieses\nMal eine Anwandlung von ehrlicher Wahrheitsliebe. Er\nsagt: „Es ist graziös, aber man könnte ihm meiner Mei-\nnung nach den Mangel an Neuheit vorwerfen.\"\nIch muss um Verzeihung bitten, dass ich bei solchen\nNichtigkeiten, die man bei jedem anderen Componisten\nmit zwei Worten abfertigen würde, so lange verweile.\nAber die Apotheose des Componisten, dessen merkwürdige\nMetamorphose unvorsichtig durch seine Freunde, unver-\nantwortlich durch Männer von musicalischem Rufe; täppisch\nund anmaassend durch musicalisch ganz unverständige Li-\nteraten ausposaunt worden ist, zwang mich dazu. Ich\nglaube aber jetzt der Wahrheit und den Beweisen für die-\nselbe sattsam Genüge gethan zu haben, und will nun\nnicht etwa ebenfalls „sehr gütig sein\", aber doch die Se-\ngel mehr einziehen und mich kürzer fassen.\nNach der Verwandlung haben wir das Val\ndas Thal des Fluches, eine Art Wolfsschlucht, vor uns. Man"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4502, "texte": "kann denken, wie dem Hasenfuss Corentin in solcher Lo-\nealität zu Muthe wird; Frost und Furcht durchschauern\nihn, er zittert am ganzen Leibe und klappert mit den Zäh-\nnen in dem Andantino ton moin A-mott, 2/4-, und Ol-\ndur, 3/a-Tact. Wer's nicht sieht, der hört es:\nu. s. w. bis <? und dann von /im chromatischen Triolen-\nStaccato auf ah ah ah wieder herab bis gisl Irgend einen\nmusicalischen Gedanken darf man in diesem Stücke nicht\nsuchen. Für das Echo oder die Echo hat der Componist\naber eine wahre Nymphomanie; er bringt es auch hier\nwieder an und lässt den Poltron sein verzweifelt lautes\nnach einer Pause ganz leise wiederholen warum? weil\n„il s'efraye cle son proprech\" Wie psychologisch!\nDinorah erscheint; Corentin lauscht ihrem Gesänge\netwas gefasster, weil er in ihr die bekannte Verrückte er-\nkennt. Dieser Gesang, ein Andantino con moto, Es-moll,\n2/4-Tact, ganz uneigentlich „Legende\" betitelt, denn sein\nganzer Inhalt sind folgende Verse:\n1. Sombre destinee,\nArnecondamnee,\nLe malhcur advint ä qui le chercha.\n2. Sombre etc.\nCelui qui premier\nMourut dans l'annee!\nträgt in seiner einlachen Melodie den Charakter des Volks-\nliedes, welcher vortrefflich getroffen ist. Ob es eine wirk-\nliche Volksmelodie sei, die Meyerbeer irgendwo gehört,\nist dabei gleichgültig. Ich glaube es nicht; sicherlich ist\nder Schluss in Es-dur auf die letzte Sylbe von chercha\nund l'annee, so musicalisch hübsch er an und für sich,\nzumal in Verbindung mit dem Eintritt der Hörner ist, nicht\nvolksliedmässig, da gar kein innerer Grund vorliegt, aus\nder trüben und düsteren Stimmung, die das Lied be-\nherrscht, am Schlüsse in eine lichte und heitere überzu-\ngehen. Was die Feuilletonisten über dies Lied fabeln und\nfaseln, ist wiederum sehr charakteristisch, d. h. für sie.\n„On dirait nne voix d'outre-tombe\" (Fiorentino im Moni-\nteur) eben so: „Das klingt wie ein Lied aus einer an-\nderen, oder einer uralten, verlorenen Welt diese Me-\nlodie ist nicht celtisch, eher altspanisch, maurisch oder jü-\ndisch sie ist schwer nachzusingen, klingt aber selbst-\nständig nach, ohne dass man sie erfassen könnte.\" (M.\nHartmann in der Kölnischen Zeitung.j—Das verstehe, wer\nkann! Und auf solcher Grundlage wird dann in die Welt\nhinein drommetet, „hier verschwinde die Reflexion voll'\nkommen hinter der vollendeten Kunstform!\" (man vergleiche\nalle von uns gegebenen Beispiele!)— „hier trete eine über-\nströmende Fülle der Production in einer Einfachheit auf,\nwie sie nur die classischsten Schöpfungen charakterisirt!\"\nIch weiss sehr gut, dass die Cultur,\n„Die alle Welt beleckt\",\nunsere Zustände so angefressen hat, dass die Repräsentan-\nten der oberflächlichen Universalbildung und gesinnungs-\nlosen Allerweltsdienerei im Leben und in der Kunst, die\nMänner des höflichen Schweigens, die Hehler der Lüge\nden schlichten Kunstfreund, der gegen allen Usus der gu-\nten Gesellschaft patentirten Schöngeistern die Wahrheit\nsagt, verdammen werden; aber wenn die allerflachsten,\noffenbar falschen und durch nichts begründeten Urtheile\nüber ein Kunstwerk durch die angesehensten Organe der\nPresse tausendstimmig verbreitet werden, so ist es die\nPflicht eines ehrlichen Kritikers, die Welt vor dergleichen\nFalschmünzerei zu warnen, und das wollen wir wenigstens\nso lange wie möglich thun, auch auf die Gefahr hin, für\nsehr unhöflich gehalten zu werden.\nFür den Verlauf der Handlung der Oper ist das Lied\ndesswegen nothwendig, weil es dem Corentin die Augen\nüber Hoel's Freundschaft öffnet. Es hat ihm die Ueber-\nzeugung gegeben, dass, wer den Schatz zuerst berührt,\nin demselben Jahre sterben müsse; allein noch verstellt er\nsich gegen Hoel, und dies gibt Veranlassung zu dem Duett\nzwischen Beiden (Allegretto, 2/4-, und Molto vivace, %-Tact,\nA-dur): „Quand l'hcure Sönnernwelches namentlich in\ndem ersten Allegretto-Satze ein melodisches und an die\ngute ältere komische Musik der Franzosen erinnerndes\nStück ist. Das Vivace, 6/8-Tact, ist weniger ansprechend.\nIm Ganzen aber vereinigt sich hier musicalischer Ausdruck\nmit dem Wortsinne, der sonst von Meyerbeer nur allzu\nhäufig auf gar zu realistische Weise in Töne übersetzt\nwird. Auch das viertactige Ritornell, welches öfter wieder-\nkehrt, schmeichelt sich durch die Gesang-Phrasen anmu-\nthig hindurch. Ein feiner Zug ist auch der, dass das (etwas\nMozart'sche) erste Motiv:\nbei der letzten Frage Corentin's: „wer von ihnen beiden\nden Schatz zuerst berühren solle\", in eintritt und\ndarauf das oft gehörte Ritornell in wie eine Ironie\nerklingt, als wäre die Sache ganz harmlos.\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4938, "texte": "Das Endergebnissist, dass Corentin sich entschieden\nweigert, die Ehre des Vortritts zu übernehmen. Da naht\nsich die arme Verrückte wieder, und er schlägt vor, sie\nzu benutzen, um für ihn lind Hoel die Castanien aus dem\nFeuer zu holen. Hoel erkennt seine Braut; aber er sucht\nsich zu überreden, dass ihre Gestalt nur ein Blendwerk\nsei (!), und beide Schatzgräber machen sich daran, die\nArme zu bereden, über den Baumstamm, der im Hintei-\ngrunde die Brücke über einen Bergstrom bildet, voran zu\ngehen und den Schatz zuerst zu berühren. Hoel erscheint\ndabei so nichtswürdig, dass auch die besten Melodieen,\ndie ihm in den Mund gelegt würden, alle edleren Empfin-\ndungen, die zuweilen in seinem Herzen auftauchen, zur\nLüge machen müssten.\nDiese Situation gibt den Stoff zu dem grossen Finale\ndes zweiten Actes:\nHolä! ma belle, ecoutez-nons!\nQui m'appelle? que voulez-vous ?\nPauvre victime! etc.,\nwelches das am meisten dramatische und wirkungsvollste\nStück der ganzen Partitur ist. Die Ueberredung übernimmt\nvorzugsweise Corentin, aber Dinorah antwortet ihm mit\nLiedern vom Vogel im Wralde und vom Sperling in der\nLuft, die freilich wieder etwas arg gekünstelt sind. Doch\nhat das erste in der zweiten Hälfte eine ansprechende me-\nlodische Phrase. Das zweite beginnt so:\nwobei mir einfiel, dass es doch ein curioses Ding um die\nmusicalische Charakteristik ist; bei Händel im Samson be-\ndeuten diese Noten: „Erschallt, Trompeten, laut und\nhehr!\" bei Meyerbeer hingegen: passerem,\nlejour!\" Doch, dies bei Seite, befindet sich Meyerbeer\nin diesem Terzett, dem einzigen Stücke der Oper, während\ndessen etwas auf der Scene geschieht, auf seinem Platze.\nDie arme Verrückte, die keine Ahnung von der Gefahr\nhat, die man ihr bereitet; der schadenfrohe Schurke Co-\nrentin, der ein Opfer an seiner Statt gefunden; der hab-\nsüchtige Bräutigam, der die eigene Braut halb erkennt,\nhalb verläugnet dabei Dunkel der Nacht, hier und da\nein Mondesstrahl durch zerrissene Wolken, Sturm, Don-\nner und Blitz —• am Ende die Katastrophe, dass Dinorah,\ndie ihre Ziege auf dem Berge gewahr wird, über den\nBaumstamm schreitet, dieser unter ihr zusammenbricht,\nder Damm des Bergstromes reisst, und mit furchtbarem\nBrausen die schäumenden Wasserfälle (von natürlichem\nWasser) sich herabstürzen—alles das unter dem Gewitter,\ndas auf der Bühne und im Orchester tobt, bildet einen\nAetschluss, an dessen imposantem Eindrucke die Musik\neinen bedeutenden Antheil hat.\nHoel stürzt seiner Braut in den Strom nach, ob aus\nLiebe, oder weil er den goldenen Schatz nun doch verlo-\nren gibt: wer kann das bei solch einem Subjecte wissend\nDer Vorhang fällt. Die ganze Einrichtung der Bühne,\ndie Maschinerie, die Licht-Effecte, die Vorrichtung zum\nDurchbruch der Wasser und der Cascaden u. s. w. sind\nvon den Herren Mühldorfer und Sohn aus Mannheim er-\nfunden und wurden von ihnen geleitet.\nDer dritte Act kann erst nach einer langen Pause be-\nginnen, da die Ueberschwemmung des Theaters Zeit ha-\nben muss, sich zu verlaufen. Charakteristisch, dass von\nallen Berichterstattern Fetis allein wenigstens in einer\nAnmerkung der prachtvollen Wirkungen der Kunst\nMühldorfer's ehrenvoll erwähnt. Nun freilich, Mühldorfer\nist ja nur ein Deutscher! Das ist so französische Art. Wenn\naber ein deutscher Feuilleton-Bericht sagt: „Um alle die\ngrossen Wrunder, die Herr Mühldorfer aus Mannheim mit\nverschwenderischem Aufwände an Geld und Phantasie ge-\nschaffen, kümmerte man sich nicht; Meyerbeer's Musik\nmachte Alles vergessen\" —so ist das zum wenigsten nicht\nwahrheitsgetreu, da alle Welt die mechanische und opti-\nsche Scenerie im zweiten Acte rühmt und bewundert. Es\nkam indess wohl nur darauf an, der früheren Aeusserung\ndesselben Feuilletonisten: „dass Meyerbeer wie ein umge-\nkehrter Taschenspieler unsere Augen beschäftigen wolle,\num zum Nachtheil unserer Ohren, unseres Verstandes und\nunseres Geschmackes das zu escamotiren, was wir von einer\nOper und einem grossen Compositeur (sie) erwarten\" ein\nrecht eclatantes Dementi zu geben. (Vgl. Kölnische Zeitung\nNr. 91 und Nr. 97.)\nWährend dieses langen Zwischenactes bei der ersten\nAufführung war es, dass Meyerbeer dem Kaiser Napoleon\n111., der ihn zu seinem Erfolge beglückwünschte, versi-\ncherte: „nicht Frankreich sei ihm, sondern er sei Frank-\nreich Dank schuldig für die gute Aufnahme seines Wer-\nkes, da es das Land sei, in welchem er die besten Künst-\nler und die besten Richter fände.\" Ich weiss nicht,\nob ich, wiewohl längst nationalisirt, dieses Compliment an-\nnehmen darf.\nDer Anfang des dritten Actes ist eine Nachahmung\nder Einleitung zu Schiller's Teil, nur mit dem Unterschiede,\ndass diese in Einer Zeile mehr Poesie enthält, als die ganze\nIdylle der Herren Barbier und Carre vom Waldhorn bis\nzum Pater noster.\nNach einer Introduction mit fünf Hörnern erscheint\nein Jäger mit dem Horn auf den Bergen, ruft im 6/3-Tact\n„En chasse!\" und imitirt sich mit dem Horn. Nachdem\nein Effect, der in der ganzen Oper noch nicht da gewesen,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3824, "texte": "das Echo—was? wieder ein Echo?— Still, still! es kommt\nnoch ein paar Mal! also nach dem Echo stimmt er ein\nJagdlied an, Polka-Mazurka in C-dur; Rückkehr zum\nThema mit der bekannten, hier nur ein klein wenig an-\nders gestalteten Rataplan-Dominante und dem Schluss:\nden das Horn als Echo nachmacht eine abgegriffene\nMünze, die durch die geniale Fermate auf dem zweiten e\nneu gestempelt werden soll! Begleitung nur mit Hörnern.\nWie gern hätte man hier einen Jägerchor angebracht!\nAber das ist zu alt, und Weber leider zu populär! Was\nanfangen, um etwas Neues zu geben? Ei nun, wir kehren\ndas Ding um und geben einen Chor von Hörnern mit\neiner Solostimme des Tenors.\nDarauf kommt ein Schnitter mit der Sense und gibt\nebenfalls ein Lied zum Besten in mit sehr freien\nrhythmischen Reihen oder vielmehr Spielereien, bald von\n3, bald von 4 oder 3% Tact (2/4 und 2/8), im zweiten\nTempo %-Tact, was alles zu einem Volksliede, was es\ndoch sein soll, passt, wie die Faust aufs Auge. Beim Schärfen\nder Sense schrillt das Orchester mit Flöten und Triangel:\ndrei Mal wiederholt, wobei der Tenor das hohe\naushält und vorgeschrieben steht:\nfauxü \\ Höchst naiv nennen die Leute hier das Lied\nSolo de faux,das Sensen-Solo!\nAls der Schnitter weg ist, kommen zwei Hirtenkna-\nben mit ihren Schalmeien. Sie blasen ein Ritornell, das\nnicht ganz so läppisch ist, wie das im Tannhäuser, aber\nauch nicht viel besser; das Echo wiederholt es—unglaub-\nlich, aber wahr—diesmal jedoch zur Veränderung in der\ntieferen Octav. Das Hirtenlied (l'illanelle betitelt'—aufge-\npasst, ihr Herren Salon-Pianisten! eine neue Ueberschrift\nfür eure Stückchen!) ist ein Duettino in in langsam\nwiegendem Walzer-Tact, obwohl 9/a vorgezeichnet sind.\nDie Melodie ist sehr gewöhnlich, hört sich aber, von zwei\nfrischen Mädchenstimmen gesungen, ganz hübsch an; lesen\ndarf man sie freilich nicht. Es muss aber zur Zeit Dino-\nrah's in der Bretagne viele Sopranstimmen von grossem\nUmfange gegeben haben, denn die beiden netten Jungen\nsingen ihr:\nganz artig. Zuletzt noch einmal Echo!\nEndlich kommen die vier Personen dieses, wie man\nsieht, höchst einfachen und natürlich gehaltenen Idylls zu-\nsammen, begrüssen sich, während das Orchester eine Tanz-\nMelodie spielt, und „da die Sonne aufgeht und es schönes\nWetter ist\" („Et voici leSoleil!\nso singen sie ein vierstimmiges Der\nTenor intonirt (Allegretto(!)\ndas ganze Quartett wiederholt die Worte in einer Art von\nResponsorium. Die Form erinnert übrigens an die Oster-\ntisch-Scene in Halevy's „Jüdin\", die Composition ist aber\nnicht damit zu vergleichen, da sie von den vielen schwa-\nchen Stücken dieser Oper leicht das schwächste sein dürfte.\nEinen Spass zum Schluss! Herr A. de Rovray (alias\nFiorentino) schreibt im Moniteur über dieses Pater noster:\n„Die Tonart Ges-dur ist mit vollem Yerständniss der\nscenischen Wirkung gewählt und passt auf das vollkom-\nmenste zu der Farbe und zu der Empfindung des Adagio.\nDa finden wir Zurückführungen von unendlichem Reiz,\nenharmonische Modulationen von seltsamer Lieblichkeit,\nKlagen, Seufzer, Schluchzen; mit Einem Worte, es ist\neines der bewunderungswerthesten Quartette, die es auf\nder Bühne gibt.\" (Moniteur,Nr. 100.)—Nun ist aber un-\nglücklicher Weise das Quartett aus nicht aus\nGes-dur; es hat gar keine Zurückführung, weil es kein\nThema hat, das wiederkehrt, es hat nur eine ganz gewöhn-\nliche Modulation und weder enharmonische Verwechslun-\ngen noch Seufzer und Schluchzen. Das alles hat dem Herrn\nKritiker seine Phantasie über eine eingebildete Tonart ge-\nliefert! Wie ist das abermöglich? Ei,die folgendeNum-\nmer 20 geht wirklich aus Ges-dur; hat ihm nun Jemand\ngesagt, Nr. 19 in B,Nr. 20 in und er das verwech-\nselt, oder hat er einen Blick in den Clavier-Auszug gethan,\ndie sechs Bee gesehen und sie auf Nr. 19 übertragen\nwer kann das wissen? So schreibt man in Paris Kritik!"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3559, "texte": "Nach dem Intermezzo tritt die Handlung des Drama's\nwieder in ihre Rechte. Hoel trägt die leblose Dinorah auf\ndie Scene, legt sie auf eine Rasenbank und singt ihr eine\nRomanze vor, deren Melodie ansprechend, im Grunde aber\ndoch unbedeutend ist. Die unvermittelte Folge von Es-dur\nauf Ges-durist sehr schroff und berührt geradezu unan-\ngenehm. Uebrigens lernen wir hier die richtige Accen-\ntuation des Namens\nkennen. Wie könnte sie bei diesem hohen ges aus der\nBrust des bräutlichen Baritonisten stumm und todt bleiben?\nDas kalte Bad hat seine Wirkung gethan: Dinorah\nist vernünftig und Hoel moralisch geworden. Sie erwacht\nmit den Worten: „Welch ein Traum!\"—Diesen Gedan-\nken fasst Hoel zur Stelle mit seelenkundiger Geschicktheit\nauf und überredet sie, dass sie nur geträumt habe, dass\nder Brautzug sich ordne, um sie an dem Ablassfeste, das\nso eben eingeläutet werde, zur Kirche und zur Vermäh-\nlung zu führen. Das Duett hat einige schöne Stellen, hält\naber mit dem Duo im vierten Acte der Hugenotten und\nmit dem Terzett im fünften Acte des Robert auch nicht\nentfernt einen Vergleich aus. Dinorah sucht in ihrer Erin-\nnerung die Melodie des Marienliedes, deren Anklang sie in\nMoll singt. Unterdessen naht sich die Procession; sie hört\nden Chorgesang in Dur, glaubt nun wirklich an einen\nTraum und zieht mit dem Bräutigam unter dem Geleite\nihrer Freundinnen und der Wallfahrer nach der Capelle.\nDer volle Chor: „Saintc Marie! Gloire ä Marie!\" schliesst\ndie Oper auf imposante Weise, ohne dass man den lächer-\nlichen Sehlussvers des Libretto bemerkt: Corentin: Et\nle tre?or? Hoel: Per du mais son coeur les vaut tous!\nder dem Genie der Verfasser des Buches die Krone\naufsetzt.\nBedarf es nun noch eines Resume's? Ich denke, der\nLeser wird es selbst zu machen wissen.\nIch habe nur noch hinzuzufügen, dass mich bei mei-\nner Analyse keineswegs ein Vorurtheil gegen Meyerbeer\nbeherrscht hat, dessen grosse Eigenschaften ich aufrichtig\nschätze; noch weniger kann ich in den Verdacht neidischer\nVerkleinerung kommen, da ich weder Componist, noch\nLibrettist, noch Literat bin. Auch gestehe ich offen, dass\nnicht so sehr der Werth oder Ünwerth der Oper, als die\nwahrhaft erbärmlichen Zustände der hiesigen Kritik, welche\ndie Pest ihrer Läulniss noch niemals so auffallend als die-\nses Mal auch nach Deutschland verbreitet hat, mich zu\neiner so ausführlichen Besprechung bewogen haben. Zur\nSache selbst will ich schliesslich nur noch die Üeberzeu-\ngung aussprechen, dass ich diese neueste Oper Meyerbeer's\nnicht für so lebensfähig halte, dass sie einen Welt-Erfolg\nhaben werde, wie ihre Lobredner verkünden. Das Buch\nist zu schlecht, und die Musik hat im Ganzen doch zu we-\nnig Gehalt, um auf die Dauer zu fesseln. Dazu kommt,\ndass die Haupt-Partie für eine bestimmte Sängerin ge-\nschrieben ist, die eine fabelhafte Technik besitzt, wiewohl\nsie, ausser durch eine allerdings sehr schätzenswerthe Rein-\nheit der Intonation, weder durch Wohllaut der Stimme\nnoch durch Seele des Vortrags einnimmt. Fehlt nun die\nvollendete Virtuosität der Ausführung, so steht das musi-\nkalische Skelett in seiner ganzen Dürftigkeit da und kann\nkeinen Menschen reizen. Ich habe vor fünf Jahren von dem\n„Nordstern\" vorhergesagt, dass er in Deutschland niemals\nglänzen werde, obwohl grosse Autoritäten ihm die „Reise\num die Welt\" prophezeiten. Die Zeit hat mich gerechtfer-\ntigt, die Reise um die Welt ist an der deutschen Gränze\nstehen geblieben. Dasselbe wird dem Parclon de Ploennel\nwiderfahren, und Meyerbeer wird sich begnügen müssen,\n„die besten Richter in Frankreich zu finden\".\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-05-21-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-05-21_01#c017", "volume": "bmtnabi_1859-05-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "166", "page_fin": "168", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.2.3", "titre_corps": "Aus Bonn.", "titre_sommaire": "Aus Bonn.", "signature_source": "V – – – s", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.6", "debut_caractere": 3561, "fin_caractere_exclue": 5481, "texte": "Aus Bonn.\n\n[Letztes Abonnements-Concert Ueber künstleri-\nsches Schaffen —• Mozart's Requiem.]\n(Schlüsse S. Nr. 20.)\nZu dem Künstler hingegen, aus dessen Werken jede Spur irdi-\nscher Bedürftigkeit getilgt ist, wird es den Meisten schwer, ja, un-\nmöglich, sich ein eigentliches Verhältniss zu bilden. Weil in seinen\nSchöpfungen das rein Stoffliche der Leidensehaft in der künstlerischen\nVerklärung gewisser Maassen aufgegangen und vernichtet ist, so\nvermissen sie in ihnen die Leidenschaft überhaupt. Freilich steht\ndas Kunstwerk jetzt vor ihnen da in lauterer, makelloser Schön-\nheit, eine Erscheinung aus höherer Welt, an der unser irdisch be-\nschränktes, leidenschaftlich vorwärts dringendes Wollen und Streben\nkeinen Antheil hat; und so können sie es nicht ahnen, wie mächtig\ndie Stürme der Leidenschaft getobt, wie hoch die Wogen der Em-\npfindung gestiegen, aus denen endlich, nachdem der Künstler sie mit\nder Kraft seines Geistes beschwichtigt, sich diese allvollendete Ge-\nstalt reiner Schönheit ruhig emporgehoben. Nun blendet der Glanz\nder Formvollendung die Augen der Beschauer und macht sie untaug\nlieh, den Gehalt des Kunstwerkes zu erkennen; sie fühlen sich mit\nihren Empfindungen ihm entfremdet, denn das wahre Kunstwerk ist\nnicht von dieser Welt, es ist streng und verlangt von jedem, der\nihm nahe tritt, eine völlige, unbedingte Hingebung und die Aufopfe-\nrung seiner beschränkten Persönlichkeit. Die Meisten scheuen vor\nsolchen Anforderungen zurück, und so rücken ihnen nach und nach\ndie Gestalten der Künstler in eine Ferne, wo sie unter dem-Schutze\nihres classischen Ansehens ruhig thronen mögen, und wohin ihnen\njene kühle Anerkennung nachgesandt wird, die man Classikern doch\nnun einmal nicht versagen kann.\nWir müssen es, halb lächelnd, halb traurig, bekennen: den\n„Classikern\" wird im Allgemeinen recht übel mitgespielt; am wenig-\nsten wird die Universalität dieser Künstler begriffen und gewürdigt."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8207, "texte": "Man preis't die harmonische Schönheit, die Süssigkeit Sophokleischer\nPoesie, die bezaubernde Anmuth Raphael'», die Grazie und Liebens-\nwürdigkeit Mozart's. Man sollte wirklich glauben, der grosse Grieche\nhabe die gewaltigen Mythen seines Volkes immer recht vorsichtig\nund sanftmütbig ins Milde umgedichtet, der Fürst der Maler habe\nimmer nur Madonnen und zwar nur mädchenhaft reizende gemalt,\nund in Mozart'scher Musik gehe es immer hübsch heiter und fröh-\nlich zu? und man finde dort höchstens eine reizende, in anmuthigem\nSpiel sich gefallende Schwermuth. Man scheint zu vergessen, dass\nSophokles stets mit der unerbittlichsten Strenge und Folgerichtigkeit\n% tifahit, und dass er, der Süsse, es versteht, herbe zu sein, wie\nLein Andeier, wenn er z. B. die Elektra dem Bruder, dessen Schwert\neben die Mutter trifft, zurufen lässt: „Verdopple den Schlag!44\nMan denkt nicht daran, dass Raphael neben der höchsten Anmuth\nauch die höchste, die erschütterndste Kraft besitzt, und dass Werke\nwie die Kreuztragung, die Vision Ezechiele, der Heliodor oder die\nDarstellungen aus der Apostelgeschichte wenigstens eben so bezeich-\nnend für seinen Genius sind, wie die liebreizendste seiner Marien.\n- - Und man scheint sich endlich nicht erinnern zu wollen, dass\nMozart auch alle dämonischen Mächte der Leidenschaft, alle Gewal-\nten des Schmerzes wachruft, und uns in seinen Tönen eben sowohl\ndie Schauer der Hölle wie alle Reize holdseligster Anmuth empfin-\nden lässt. Denn solche Künstler sind allumfassend ; was ihnen Welt\nnnd Geist Bedeutsames bietet, ergreifen sie, um es sich anzueignen\nund lassen es künstlerisch verklärt wieder erstehen. Und diese\nKünstler sind nicht nur die gesetzmässigsten, sie sind auch die\nkühnsten ; freilich unterscheidet sich ihre Kühnheit von den lächer-\nlichen Extravaganzen unproduetiver Naturen, wie das rücksichtslos\nentschiedene, der gewohnten Schranken nicht achtende, aber gewiss\nzum Ziele führende Thun des kraftbewussten Mannes von dem aus-\ngelassenen Gebahren übel erzogener Jünglinge sich unterscheidet.\nStets sicher, den Geist des Gesetzes auch dann noch zu erfüllen,\nwenn sie dessen Buchstaben verletzen, und im vollen Vertrauen auf\nihre angeborene Stärke und unerschütterliche Gesundheit brauchen\nsie auch vor dem Gewaltigsten nicht zurück zu weichen; mit fester\nHand ergreifen sie es, und mit nie fehlender Kraft wissen sie es\nkünstlerisch zu bändigen. In ihren Werken stellt sich eine Welt\ndar, in,der alles Verschiedenartigste gleichberechtigt neben einander\nlebt und webt, wie in der wirklichen Welt, die uns umgibt; da er-\nblicken wir das Kraftvolle neben dem Zarten, das grausenhaft Er-\nschütternde neben dem Anmuthigsten. Da wechseln die Gestalten\nvielfach, und die mannigfaltigsten Formen thun sich hervor. Aber\nwie über der Erde, auf der Alles in ewig regem Wechsel unbestän-\ndig sich drängt, still der lichte Aether ruht, gleichsam ein höheres,\nreineres Dasein uns verheissend, so ruht über jener Welt der Kunst,\ndie so Vielfältiges in sich schliesst, der wolkenlose Himmel der\nSchönheit, und Alles ist durchleuchtet und verklärt von seinem\nLichte.\nMan kann sich kaum solcher und ähnlicher Betrachtungen ent-\nhalten, wenn man so glücklich ist, zwei Werke wie die Sinfonie und\ndas Requiem unmittelbar auf einander zu hören. Und warum sollte\nman sich ihrer enthalten? Es mag jetzt mehr als je gerathen sein,\nsich von Zeit zu Zeit mit sich und Anderen über das Höchste in\nder Kunst zu verständigen und es sich klar zu machen, warum die-\nses Höchste nicht von Allen erfasst und gewürdigt wird. In jeder\nKunst treten jetzt Bestrebungen hervor, deren letztes Ziel das Auf-\nhören aller Kunst sein müsste, und die Musik scheint wahrlich\nnicht am wenigsten bedroht. Es kann uns wohl betrüben und Zwei-\nfel an dem geistigen Fortschreiten der Menschheit rege machen,\nwenn wir wahrnehmen, wie in dem Volke, das auf dem Gebiete der\nKunst Lessing und Schiller zu Lehrern gehabt hat, das Urtheil über\ndie einfachsten Gesetze und Grundsätze der Kunst so unsicher hin\nund her schwankt. Die abgeschmacktesten Theorieen, wenn sie nur\nmit der erforderlichen Dreistigkeit zu Markte gebracht werden, kön-\nnen sicher sein, wenigstens auf dem „lauten Markte\" einen Anhang\nzu finden, hingst gelöste Probleme werden von beschränkten Köpfen\nmit lächerlichem Ernst einer neuen Prüfung unterworfen; es scheint,\nman findet ein eigenes Behagen darin, auf den Wegen, die grosse\nMänner mit mächtigen Schritten durchmessen haben, noch einmal\nmit lahmen Füssen umherzutappen. Vor Allem kläglich ist es,\nbeobachten, wie man noch immer nicht müde wird, sich mit'den\nfleisch- und blutlosen Schemen von Idealismus und Realismus herum-\nzuschlagen. Diese schalen Begriffe, oder vielmehr diese beiden Wör-\nter, „wo Begriffe fehlen\", scheiden die Kunst, die eine, untheilbare,\nin zwei Theile, von denen keiner die Kraft zu einem selbstständi-\ngen Dasein in sich trägt. Wenn wir den Bestrebungen, die uns\ndas Kunstwerk der Zukunft herbeiführen wollen, auf den Grund\nblicken, so nehmen wir als Ausgangspunkt und Ziel derselben auch\nnur einen cruden Realismus wahr, der schliesslich in einen ganz ba-\nnalen Naturalismus auslaufen wird. Man sollte es ein für alle Mal\nohne Scheu heraussagen: Die Begriffe von ide a 1 und r e al, wie\nsie in den Köpfen der Meisten spuken, sind ganz nichtig und'arm-\nselig und kaum Werth, dass man sie ernstlich bekämpft; jeder klar\ndenkende Mensch sollte es sich zum Gesetze machen, diese beiden\nheillosen Wörter auf einige Jahre aus seinem Sprachschatze zu ver-\nbannen. Wer nicht erkennt, in welcher notwendigen höheren Ein-\nheit diese Gegensätze aufgehen, wer nicht einsieht, dass der wahre\nKünstler in jedem Momente seines Schaffens über den Kampf dieser\nGegensätze Meister wird, wem endlieh nicht aus jedem Kunstwerke\njene vollkommene Einheit entgegentritt für den ist die Kunst\nnicht vorhanden, und er mag ihrer Betrachtung nur immer ruhig\nentsagen.\nXlleillcli geht es jetzt im Reiche der Musik gar tumultuarisch\nher; aber dennoch glaube ich, können die Freunde der musicalischen\nKunst auf dieses 1 reiben, dem man so gern das drohende Ansehen\neiner mächtigen Revolution geben würde, geruhigen Sinnes herab-\nschauen. Denn wenn wir die italienische Malerei des fünfzehnten\nund sechszehnten Jahrhunderts ausnehmen, so hat seit dem Unter-\ngänge der alten Welt keine Kunst eine so ununterbrochene Reihe\nvon grossen Meistern aufzuweisen, denjenigen vergleichbar, welche\nim vorigen Jahrhundert die deutsche Musik verherrlicht haben. Sollte\nin I 1 olge des löblichen Bestrebens unserer Zeitgenossen auch einmal\nalle Einsicht in das Wesen der Musik verloren gehen, was jene\nGrossen geschaffen haben, das ist da, unvergänglich; in den man-\nnigfaltigsten Formen haben sie das Vollendete, das Höchste für im-\nmer daigestellt. In dieser Kunst ist ein Beichtbum des Schönsten\nund Heiilichsten, wie in keiner anderen, und diese Fülle von Schön-\nheit und Herrlichkeit kann man nicht wieder aus der Welt schaf-\nfen ; dieser Besitz bleibt der Menschheit erhalten, und die Erkennt-\nniss seines Weithes muss früher oder später wieder eine allgemeine\nwerden. Seien wir getrost! vor einem einzigen Kunstwerke Mozart's\nwird die ganze falsche Kunst unserer Tage kläglich zu Schanden.\nlieber das Requiem und seine Entstehungsgeschichte werden wir\nhoffentlich bald die nach allen Seiten hin genügendste und zuver-\nlässigste Belehrung erhalten, und auch ein Anderer als ich müsste\nsich hüten, hier irgendwie vorzugreifen.\nWollte man die Empfindungen darlegen, die das Werk in uns\nerregt, so würde man wohl so leicht kein Ende finden. Ich habe\ndiesmal vor Allem die wenn Sie mich nicht missverstehen wollen\nsinnliche Gewalt des Ausdrucks empfunden, vor welcher der\nstreng kirchliche Charakter entschieden zurücktritt. Der Künstler\nwagt das Aeusserste, und wie der Gegenstand, den er behandelt, die\nletzten Gränzen der menschlichen Vorstellungskraft berührt, so schrei-\ntet er auch bis zu den letzten Gränzen seiner Kunst vor. Gleich zu\nAnfang das Kyrie nimmt trotz der strengen Form der Fuge, die von\ndem mächtigen Melodieenstrome gleichsam bedeckt wird, einen star-\nken, leidenschaftlichen Aufschwung. Und wenn nun erst das Dies\nirae beginnt, wo alle Schrecken des letzten Gerichtes über die sün-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4014, "texte": "dige Creatur hereinbrechen! Man erfreut sich hier der seltenen\nVereinigung herrlicher Poesie und herrlicher Musik. Das Dies irae,\nwahrscheinlich von dem Minoriten Thomas von Celano in der ersten\nHälfte des dreizehnten Jahrhunderts gedichtet, ist, neben einem\nHymnus verwandten Inhalts (apparebil repentina) eines der kostbar-\nsten Stücke aus dem reichen Schatze der lateinischen Poesie des\nMittelalters. Die eschatologischen Vorstellungen, wie sie sich aus\nden spärlichen biblischen Andeutungen nach und nach in der katho-\nlischen Kirche entwickelt hatten, treten uns hier in ihrer rein sinn-\nlichen Ausbildung wahrhaft überwältigend entgegen, und in der drei-\nzeiligen, durch den einen Reim mächtig zusammengehaltenen Stro-\nphe entfaltet die Sprache aufs schönste ihre ganze Kraft und Klang-\nfülle. Was kein Auge sieht und kein Ohr vernimmt und vor dessen\nBetrachtung der Geist zurückbebt, das haben hier Dichter und Com-\nponist, beide gleich bewundernswürdig, unserer Empfindung und An-\nschauung nahe zu rücken gewusst. Wenn der Tag da ist, jener\nTag, und wenn dann der Richter kommt quando judex est ventu-\nrus —y dann kommt er nicht im Säuseln der Lüfte, auf des Sturm-\nwindes Fittigen fährt er einher und vor seinem Nahen erbeben die\nBerge. In den stürmenden Klängen der Musik hören wir das Ent-\nsetzen. „Welches Zittern wird da sein !\" ruft es drei Mal im Bass,\nwährend die anderen Stimmen zagend sprechen: ~Der Tag des\nZorns, jener Tag!\" und endlich alle vereint wiederholen: „Welches\nZittern, wenn er zum strengen Gerichte kommt!\" Das Tuba mi-\nrum mit seiner wunderschönen Melodie scheint mir doch an Kraft\nund Grösse des Ausdrucks bedeutend zurückzustehen hinter dem\nvorhergehenden und eben so hinter dem folgenden Satze, der mit\ndem drei Mal wiederholten mächtigen Aufschrei: „Rex!\" beginnt\nund mit der von den weiblichen Stimmen sanft emporgetragenen\nrührenden Bitte schliesst: „Salva nie, fons pietatis!\" Rette mich, Du\nQuell der Gnaden! Das Recordare und vor Allem das Confutatis ge-\nhören zu jenen Wundern der Kunst, über die man eigentlich nicht\nreden sollte. Die Empfindung gewinnt hier einen immer eindring-\nlicheren, immer mächtiger gesteigerten Ausdruck. „Wenn die Ver-\ndammten, vernichtet, den scharfen Flammen überliefert werden\"\nso beginnt der Bass mit übermächtigen Tönen ~dann rufe mich\"\nerhebt sich im Sopran das innig schmerzliche Flehen „rufe\nmich mit den Gebenedeiten!\" Wie von verschiedenen Seiten her er-\ntönt das Voca me und wird endlich zu einem anhaltenden Rufe\nder Sehnsucht. Und nun beginnt im Ovo supplex ein Gebet, wohl das\nerschütterndste, das je vernommen worden. Die Creatur, im Bewusst-\nsein ihrer Schuld, durchzittert von der Furcht vor dem Ende, fleht\naus den Tiefen ihrer Noth zu dem Richter, ~das Herz zerrieben wie\nAsche\". Welches Geheimniss ruht in diesen Klängen! Mag man\nsie noch so oft vernehmen, immer überfällt uns derselbe Schauer,\nund auch wir trauern und zagen: „Gere cur am mei finis !u Dieselbe\nEmpfindung wird erst festgehalten und dann beschwichtigt und\nsanft aufgelöst in dem Lacrimosa, dessen herrlich einherwogende\nMelodie auf Pie Jesu Domine mit den süssesten innigsten Tönen\nschliesst.\nDie folgenden Sätze, so weit sie von Mozart herrühren, sind dem\nDies irae an Schönheit und Bedeutung gewiss nicht untergeordnet.\nIch darf sie kaum noch erwähnen das Domine Jesu mit der er-\ngreifenden Stelle De poenis inferni und der Fuge Quam olim, das\nHostiasy dem vor allen anderen Sätzen der Charakter des Kirch-\nlichen eigen ist, und das Agnus Dei mit den sanften, in selige Ruhe\neinwiegenden Tönen: Dona eis requiem und dem grossartig gestei-\ngerten sempilernam„\nWie Raphael von dem letzten seiner Werke, der Verklärung des\nHeilandes, abgerufen wurde, noch ehe es vollendet war, so hat auch\nMozart sein Requiem nicht zum Schlüsse geführt. Wir aber preisen\ndie Künstler selig, die mit solchen Werken ihr Schaffen beschliessen\ndurften, die, von dem ungetrübten Glänze der künstlerischen Glorie\numstrahlt, aus den Reihen der Sterblichen heraustraten.\n\nV - - - s."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe („Le Pardon de Ploermel\", komisehe Oper von Gr. Meyerbeer). 111. (Schluss.) Von B. P. Aus\nBonn (Letztes Abonnements-Concert Ueber künstlerisches Schaffen Mozart's Requiem). Schluss. Von V— s. Tages- und Un-\nterhaltungsblatt,\n\nPariser Briefe.\n\n[,,Le Pardon de Ploermelkomische Oper von\nGr. Meyerbeer.]\nIII.\nDer zweite Act beginnt mit einem Chor der Land-\nleute, die von der Arbeit zurück kommen und sich durch\neinen guten Trunk belohnen. Die Männerstimmen intoni-\nren ihn in Fis-moll, 2/4-Tact, nachdem im Ritornell die\nwiederholten geschliffenen Octaven,\nu. s. w. die herzhaften Züge aus den Bechern begleitet\nhaben. Die Melodie ist artig, aber ohne Originalität. Du\nerinnerst Dich der Aeusserung Rossini's bei der Anwesen-\nheit des kölner Männer-Gesangvereins in Paris, als der\nChor den trefflichen Sologesang von DuMont-Fier mit\nBrummstimmen begleitete: „ Voilä unjoli effet! Si je l'a-\nvais connu, je l'aurais employe dans un de mes operas.\"\nSo etwas lässt sich Meyerbeer nicht zwei Mal sagen; so-\nbald in diesem Trinkchor die Soprane einsetzen, lässt er\ndie Tenöre und Bässe mit Brummstimmen die Melodie der\nFrauen begleiten. Da nun zugleich der Uebergäng aus\nMoll in Dur eintritt, so haben wir wieder einen recht hüb-\nschen und dieses Mal sehr unschuldig raffinirten Effect, der\ndurch einfache Mittel erreicht wird. Leider passt die Rück-\nführung zum ersten Thema schlecht dazu: von chroma-\ntisch im Unisono der Männerstimmen hinauf bis zur Do-\nminante, auf welcher dann in vier Sechszehntel-Triolen\nder unvermeidliche\n„Rataplan\"wieder zum Vorschein kommt. Der Chor wird\nohne Orchester-Begleitung gesungen; ganz neu ist übri-\ngens die Anwendung der Brummstimmen auf der pariser\nScene nicht; der belgische Componist Limnander hat sie\nvor einigen Jahren auch schon einmal in seiner Oper »Die\nMontenegriner\" benutzt.\nDer Dialog, der folgt, spricht von der Wahnwitzigen\nund bereitet auf ihre Erscheinung vor, bei welcher der\nChor sich entfernt. Dinorah tritt unter dem unruhigen\nGeigengellüster auf, mit welchem die Ouvertüre begann.\nDie Romanze in E-mail, Andantino, %-Tact, in welcher\nsie sich erinnert, dass ein Alter vom Berge\ncier de la montagne) ihr einst Leid verkündet, und im zwei-\nten Vers den Zaunkönig singen hört: „ l'aniour\" (!)\nist das erste wirklich ganz einfach melodische Stück,\nein sanfter, gefühlvoller Gesang, dessen erster Satz anMen-\ndelssohn's „ Wasserfahrt\" (für vier Männerstimmen) erin-\nnert. Die Begleitung durch Flöten, Oboen und Clarinetten\nist schön. Das einleitende Recitativ geht aus F-dur wie-\nderum durch die halben Töne c, des, d, es, e nach der Do-\nminante h; es scheint, als gäbe es keine andere Modulation\nmehr in Meyerbeer's Phantasie.\nDinorah trauert über ihre Einsamkeit in der Nacht;\nda bricht der Mond durch Wolken und zeigt der Armen\nihren scharf umrissenen Schatten. Sie freut sich dieser Ge-\nsellschaft, und es beginnt -—Nun, was? -—Nichts Anderes\nals der Schattentanz aus der „Grille\" von Frau Birch-\nPfeiffer! Je prends mm bien {mes raffinements) oü je les\ntrouvel —Doch der Tanz allein schien für Paris noch nicht\nfein genug, es musste noch eine ganz absonderliche Würze\ndazu gefunden werden. „Dass ein Schatten mit tanzt, wenn\nein tanzendes Mädchen ihn wirft, ist am Ende doch zu na-\ntürlich, um auf die Dauer pikant zu sein\" dachten die\ndrei grossen Facteurs der Oper. Da warf Einer von ihnen\nhin: „Wenn man nun den Schatten auch singen Hesse!\"\n„Mensch, das hast du nicht aus dir selbst!\" rief ein\nAnderer, „das ist eine Inspiration, eine Inspiration!\"\nDer Dritte wagte die bescheidene Aeusserung: „Das ist\naber doch gar zu unnatürlich!\" „Was?\" schrieen die\nbeiden Ersten, „zu unnatürlich? für Paris zu unnatürlich?\nWir fragen nur: Ist es schon da gewesen? Antwort: Nein!\nEs ist neu, ganz neu, und das ist genug. Ob widersinnig"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.2", "texte": "oder nicht, wer fragt danach? Und sollte Jemand so dreist\nsein, es zu thun, haben wir nicht einen Schild ihm entge-\ngen zu halten, der uns schützt und rechtfertigt? Haben\nwir die Heldin um nichts und wieder nichts verrückt\ngemacht? Je verrückter ihr Benehmen, ihre Rede, ihr Ge-\nsang, desto mehr dramatische Wahrheit!\" Wem die\nEhre der Erfindung gebührt, weiss ich nicht; schwerlich\nindess haben die beiden Librettisten die „Grille\" der Frau\nBirch-Pfeiffer gekannt.\nKurzum, es entstand die Tanz- und Gesang-Scene Nr.\n11 in Des-dur,im Ganzen genommen ein brillanter Wal-\nzer für Sopran, der seine älteren Brüder von Venzano,\nGumbrecht u. s. w. hauptsächlich dadurch übertrifft, dass\njede Passage zwei Mal gehört wird, ein Mal von der Sän-\ngerin und das andere Mal von ihrem Schatten denn kann\ndas Pianissimo-Echo ihrer m von irgend etwas\nAnderem herrühren, als von ihrem Schalten? Damit die\nZuschauer aber ja nicht in Zweifel bleiben, so beginnt sie\nmit der recitativischen Anrede an den Schalten:\nÄllons vite! prends ta lecon!\nHäte-toi d'apprendre\nNachdem die Bässe wieder mit dem noch nie dagewesenen\nchromatischen Gange von an nach der Haupt-Tonart\nDes gehen, tritt das Haupt-Thema des Walzers in Va ein.\nEs ist ein Ländler, wie man deren in Deutschland zu Hun-\nderten hört, nicht besser und nicht schlechter; mit der\ncoideur heale, welche die Herren Referenten auch an die-\nser Opernmusik preisen, sieht es dabei windig aus, die\nOesterreicher müssten denn von den Bretagnern stammen,\noder umgekehrt. Mit einer Variation desselben in %-Tact,\nAs-dur, beginnt die Gesang-Lection: auf die Sylbe ah!\ndrei Tacte Coloratur in Sechzehnteln, die mit dem Worte\n„Reponds!\" in zwei Achteln schliesst; das Schatten-Echo\nwiederholtet? getreu, worauf wieder zwei Achtel:\nbien/\" folgen. Endlich geht die Lehrerin (im 2/i-Tact) gar\nzu Zweiunddreissigsteln über, der Schüler wird böse und\nsetzt im Zorne die ganze Passage einen Ton höher ein,\nja, als sie sich bis zu\nversteigt, macht\ner sich's bequemer und wiederholt die Figur sogar eine\nOctave tiefer. Sie ärgert sich und geht mit einem sieben\nMal vibrirenden c {Rataplä/nf) wieder ins Haupt-Thema.\nIhm schliesst sich ein Trio in 'A-Tact, A-dur, an, das von\neinem Intermezzo, halb recitativisch, halb parkmdo, unter-\nbrochen wird, weil eine Wolke vor den Mond tritt und\nferner Donner rollt: —wie ist Alles doch so einfach, idyl-\nlisch, classisch! Der geschickte Maschinist und Optiker\nlässt glücklicher Weise sein elektrisches Mondlicht bald\nwieder leuchten, der geliebte Schatten kommt zurück, und\nMad. Cabel wiederholt mit anmuthiger Coquetterie das\nHaupt-Thema des Walzers, diesmal mit einer Stretta, in\nwelcher sie bis zum dreigestrichenen auflliegt, mit der\nClarinettc in chromatischen Tonleitern wetteifert, uns bei-\nläufig an Haydn's Jahreszeiten erinnert:\nund zuletzt sogar die Pianisten herausfordert, indem sie\nihnen die Weber'sche Figur:\nmit Eclat in der Schluss-Cadenz an die entzückten Ohren\nwirft.\nDass ein solches, für eine ganz besondere Befähigung\neiner bestimmten Sängerin berechnetes Stück, wenn es\nvon ihr mit technischer Meisterschaft ausgeführt wird, trotz-\ndem, dass es fast keinen Tact Musik enthält, den grossen\nHaufen elektrisirt, begreift man leicht, eben so, dass un-\nmusicalische Literaten darüber den lvopf verlieren; aber\ndass Musiker wie Fetis es „eines von den vollkommenen\nund vollendeten Stücken\" nennen, „die allein hinreichen,\nden Erfolg eines ganzen Werkes zu sichern\", oder wie der\nhiesige Correspondent ß. der Berliner Musik-Zeitung:\n„eine der originellsten Compositionen Meyerbeer's\", das\ngeht doch über alle Begriffe und ist ein trauriger Beweis\ndavon, dass es mit der Kunstkritik so weit gekommen ist,\ndass auch die besten Vertreter derselben „sehr gütig\"\nsind, wie Mephisto zur Marthe sagt. Nur Berlioz hat dieses\nMal eine Anwandlung von ehrlicher Wahrheitsliebe. Er\nsagt: „Es ist graziös, aber man könnte ihm meiner Mei-\nnung nach den Mangel an Neuheit vorwerfen.\"\nIch muss um Verzeihung bitten, dass ich bei solchen\nNichtigkeiten, die man bei jedem anderen Componisten\nmit zwei Worten abfertigen würde, so lange verweile.\nAber die Apotheose des Componisten, dessen merkwürdige\nMetamorphose unvorsichtig durch seine Freunde, unver-\nantwortlich durch Männer von musicalischem Rufe; täppisch\nund anmaassend durch musicalisch ganz unverständige Li-\nteraten ausposaunt worden ist, zwang mich dazu. Ich\nglaube aber jetzt der Wahrheit und den Beweisen für die-\nselbe sattsam Genüge gethan zu haben, und will nun\nnicht etwa ebenfalls „sehr gütig sein\", aber doch die Se-\ngel mehr einziehen und mich kürzer fassen.\nNach der Verwandlung haben wir das Val\ndas Thal des Fluches, eine Art Wolfsschlucht, vor uns. Man"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.3", "texte": "kann denken, wie dem Hasenfuss Corentin in solcher Lo-\nealität zu Muthe wird; Frost und Furcht durchschauern\nihn, er zittert am ganzen Leibe und klappert mit den Zäh-\nnen in dem Andantino ton moin A-mott, 2/4-, und Ol-\ndur, 3/a-Tact. Wer's nicht sieht, der hört es:\nu. s. w. bis <? und dann von /im chromatischen Triolen-\nStaccato auf ah ah ah wieder herab bis gisl Irgend einen\nmusicalischen Gedanken darf man in diesem Stücke nicht\nsuchen. Für das Echo oder die Echo hat der Componist\naber eine wahre Nymphomanie; er bringt es auch hier\nwieder an und lässt den Poltron sein verzweifelt lautes\nnach einer Pause ganz leise wiederholen warum? weil\n„il s'efraye cle son proprech\" Wie psychologisch!\nDinorah erscheint; Corentin lauscht ihrem Gesänge\netwas gefasster, weil er in ihr die bekannte Verrückte er-\nkennt. Dieser Gesang, ein Andantino con moto, Es-moll,\n2/4-Tact, ganz uneigentlich „Legende\" betitelt, denn sein\nganzer Inhalt sind folgende Verse:\n1. Sombre destinee,\nArnecondamnee,\nLe malhcur advint ä qui le chercha.\n2. Sombre etc.\nCelui qui premier\nMourut dans l'annee!\nträgt in seiner einlachen Melodie den Charakter des Volks-\nliedes, welcher vortrefflich getroffen ist. Ob es eine wirk-\nliche Volksmelodie sei, die Meyerbeer irgendwo gehört,\nist dabei gleichgültig. Ich glaube es nicht; sicherlich ist\nder Schluss in Es-dur auf die letzte Sylbe von chercha\nund l'annee, so musicalisch hübsch er an und für sich,\nzumal in Verbindung mit dem Eintritt der Hörner ist, nicht\nvolksliedmässig, da gar kein innerer Grund vorliegt, aus\nder trüben und düsteren Stimmung, die das Lied be-\nherrscht, am Schlüsse in eine lichte und heitere überzu-\ngehen. Was die Feuilletonisten über dies Lied fabeln und\nfaseln, ist wiederum sehr charakteristisch, d. h. für sie.\n„On dirait nne voix d'outre-tombe\" (Fiorentino im Moni-\nteur) eben so: „Das klingt wie ein Lied aus einer an-\nderen, oder einer uralten, verlorenen Welt diese Me-\nlodie ist nicht celtisch, eher altspanisch, maurisch oder jü-\ndisch sie ist schwer nachzusingen, klingt aber selbst-\nständig nach, ohne dass man sie erfassen könnte.\" (M.\nHartmann in der Kölnischen Zeitung.j—Das verstehe, wer\nkann! Und auf solcher Grundlage wird dann in die Welt\nhinein drommetet, „hier verschwinde die Reflexion voll'\nkommen hinter der vollendeten Kunstform!\" (man vergleiche\nalle von uns gegebenen Beispiele!)— „hier trete eine über-\nströmende Fülle der Production in einer Einfachheit auf,\nwie sie nur die classischsten Schöpfungen charakterisirt!\"\nIch weiss sehr gut, dass die Cultur,\n„Die alle Welt beleckt\",\nunsere Zustände so angefressen hat, dass die Repräsentan-\nten der oberflächlichen Universalbildung und gesinnungs-\nlosen Allerweltsdienerei im Leben und in der Kunst, die\nMänner des höflichen Schweigens, die Hehler der Lüge\nden schlichten Kunstfreund, der gegen allen Usus der gu-\nten Gesellschaft patentirten Schöngeistern die Wahrheit\nsagt, verdammen werden; aber wenn die allerflachsten,\noffenbar falschen und durch nichts begründeten Urtheile\nüber ein Kunstwerk durch die angesehensten Organe der\nPresse tausendstimmig verbreitet werden, so ist es die\nPflicht eines ehrlichen Kritikers, die Welt vor dergleichen\nFalschmünzerei zu warnen, und das wollen wir wenigstens\nso lange wie möglich thun, auch auf die Gefahr hin, für\nsehr unhöflich gehalten zu werden.\nFür den Verlauf der Handlung der Oper ist das Lied\ndesswegen nothwendig, weil es dem Corentin die Augen\nüber Hoel's Freundschaft öffnet. Es hat ihm die Ueber-\nzeugung gegeben, dass, wer den Schatz zuerst berührt,\nin demselben Jahre sterben müsse; allein noch verstellt er\nsich gegen Hoel, und dies gibt Veranlassung zu dem Duett\nzwischen Beiden (Allegretto, 2/4-, und Molto vivace, %-Tact,\nA-dur): „Quand l'hcure Sönnernwelches namentlich in\ndem ersten Allegretto-Satze ein melodisches und an die\ngute ältere komische Musik der Franzosen erinnerndes\nStück ist. Das Vivace, 6/8-Tact, ist weniger ansprechend.\nIm Ganzen aber vereinigt sich hier musicalischer Ausdruck\nmit dem Wortsinne, der sonst von Meyerbeer nur allzu\nhäufig auf gar zu realistische Weise in Töne übersetzt\nwird. Auch das viertactige Ritornell, welches öfter wieder-\nkehrt, schmeichelt sich durch die Gesang-Phrasen anmu-\nthig hindurch. Ein feiner Zug ist auch der, dass das (etwas\nMozart'sche) erste Motiv:\nbei der letzten Frage Corentin's: „wer von ihnen beiden\nden Schatz zuerst berühren solle\", in eintritt und\ndarauf das oft gehörte Ritornell in wie eine Ironie\nerklingt, als wäre die Sache ganz harmlos.\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.4", "texte": "Das Endergebnissist, dass Corentin sich entschieden\nweigert, die Ehre des Vortritts zu übernehmen. Da naht\nsich die arme Verrückte wieder, und er schlägt vor, sie\nzu benutzen, um für ihn lind Hoel die Castanien aus dem\nFeuer zu holen. Hoel erkennt seine Braut; aber er sucht\nsich zu überreden, dass ihre Gestalt nur ein Blendwerk\nsei (!), und beide Schatzgräber machen sich daran, die\nArme zu bereden, über den Baumstamm, der im Hintei-\ngrunde die Brücke über einen Bergstrom bildet, voran zu\ngehen und den Schatz zuerst zu berühren. Hoel erscheint\ndabei so nichtswürdig, dass auch die besten Melodieen,\ndie ihm in den Mund gelegt würden, alle edleren Empfin-\ndungen, die zuweilen in seinem Herzen auftauchen, zur\nLüge machen müssten.\nDiese Situation gibt den Stoff zu dem grossen Finale\ndes zweiten Actes:\nHolä! ma belle, ecoutez-nons!\nQui m'appelle? que voulez-vous ?\nPauvre victime! etc.,\nwelches das am meisten dramatische und wirkungsvollste\nStück der ganzen Partitur ist. Die Ueberredung übernimmt\nvorzugsweise Corentin, aber Dinorah antwortet ihm mit\nLiedern vom Vogel im Wralde und vom Sperling in der\nLuft, die freilich wieder etwas arg gekünstelt sind. Doch\nhat das erste in der zweiten Hälfte eine ansprechende me-\nlodische Phrase. Das zweite beginnt so:\nwobei mir einfiel, dass es doch ein curioses Ding um die\nmusicalische Charakteristik ist; bei Händel im Samson be-\ndeuten diese Noten: „Erschallt, Trompeten, laut und\nhehr!\" bei Meyerbeer hingegen: passerem,\nlejour!\" Doch, dies bei Seite, befindet sich Meyerbeer\nin diesem Terzett, dem einzigen Stücke der Oper, während\ndessen etwas auf der Scene geschieht, auf seinem Platze.\nDie arme Verrückte, die keine Ahnung von der Gefahr\nhat, die man ihr bereitet; der schadenfrohe Schurke Co-\nrentin, der ein Opfer an seiner Statt gefunden; der hab-\nsüchtige Bräutigam, der die eigene Braut halb erkennt,\nhalb verläugnet dabei Dunkel der Nacht, hier und da\nein Mondesstrahl durch zerrissene Wolken, Sturm, Don-\nner und Blitz —• am Ende die Katastrophe, dass Dinorah,\ndie ihre Ziege auf dem Berge gewahr wird, über den\nBaumstamm schreitet, dieser unter ihr zusammenbricht,\nder Damm des Bergstromes reisst, und mit furchtbarem\nBrausen die schäumenden Wasserfälle (von natürlichem\nWasser) sich herabstürzen—alles das unter dem Gewitter,\ndas auf der Bühne und im Orchester tobt, bildet einen\nAetschluss, an dessen imposantem Eindrucke die Musik\neinen bedeutenden Antheil hat.\nHoel stürzt seiner Braut in den Strom nach, ob aus\nLiebe, oder weil er den goldenen Schatz nun doch verlo-\nren gibt: wer kann das bei solch einem Subjecte wissend\nDer Vorhang fällt. Die ganze Einrichtung der Bühne,\ndie Maschinerie, die Licht-Effecte, die Vorrichtung zum\nDurchbruch der Wasser und der Cascaden u. s. w. sind\nvon den Herren Mühldorfer und Sohn aus Mannheim er-\nfunden und wurden von ihnen geleitet.\nDer dritte Act kann erst nach einer langen Pause be-\nginnen, da die Ueberschwemmung des Theaters Zeit ha-\nben muss, sich zu verlaufen. Charakteristisch, dass von\nallen Berichterstattern Fetis allein wenigstens in einer\nAnmerkung der prachtvollen Wirkungen der Kunst\nMühldorfer's ehrenvoll erwähnt. Nun freilich, Mühldorfer\nist ja nur ein Deutscher! Das ist so französische Art. Wenn\naber ein deutscher Feuilleton-Bericht sagt: „Um alle die\ngrossen Wrunder, die Herr Mühldorfer aus Mannheim mit\nverschwenderischem Aufwände an Geld und Phantasie ge-\nschaffen, kümmerte man sich nicht; Meyerbeer's Musik\nmachte Alles vergessen\" —so ist das zum wenigsten nicht\nwahrheitsgetreu, da alle Welt die mechanische und opti-\nsche Scenerie im zweiten Acte rühmt und bewundert. Es\nkam indess wohl nur darauf an, der früheren Aeusserung\ndesselben Feuilletonisten: „dass Meyerbeer wie ein umge-\nkehrter Taschenspieler unsere Augen beschäftigen wolle,\num zum Nachtheil unserer Ohren, unseres Verstandes und\nunseres Geschmackes das zu escamotiren, was wir von einer\nOper und einem grossen Compositeur (sie) erwarten\" ein\nrecht eclatantes Dementi zu geben. (Vgl. Kölnische Zeitung\nNr. 91 und Nr. 97.)\nWährend dieses langen Zwischenactes bei der ersten\nAufführung war es, dass Meyerbeer dem Kaiser Napoleon\n111., der ihn zu seinem Erfolge beglückwünschte, versi-\ncherte: „nicht Frankreich sei ihm, sondern er sei Frank-\nreich Dank schuldig für die gute Aufnahme seines Wer-\nkes, da es das Land sei, in welchem er die besten Künst-\nler und die besten Richter fände.\" Ich weiss nicht,\nob ich, wiewohl längst nationalisirt, dieses Compliment an-\nnehmen darf.\nDer Anfang des dritten Actes ist eine Nachahmung\nder Einleitung zu Schiller's Teil, nur mit dem Unterschiede,\ndass diese in Einer Zeile mehr Poesie enthält, als die ganze\nIdylle der Herren Barbier und Carre vom Waldhorn bis\nzum Pater noster.\nNach einer Introduction mit fünf Hörnern erscheint\nein Jäger mit dem Horn auf den Bergen, ruft im 6/3-Tact\n„En chasse!\" und imitirt sich mit dem Horn. Nachdem\nein Effect, der in der ganzen Oper noch nicht da gewesen,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.5", "texte": "das Echo—was? wieder ein Echo?— Still, still! es kommt\nnoch ein paar Mal! also nach dem Echo stimmt er ein\nJagdlied an, Polka-Mazurka in C-dur; Rückkehr zum\nThema mit der bekannten, hier nur ein klein wenig an-\nders gestalteten Rataplan-Dominante und dem Schluss:\nden das Horn als Echo nachmacht eine abgegriffene\nMünze, die durch die geniale Fermate auf dem zweiten e\nneu gestempelt werden soll! Begleitung nur mit Hörnern.\nWie gern hätte man hier einen Jägerchor angebracht!\nAber das ist zu alt, und Weber leider zu populär! Was\nanfangen, um etwas Neues zu geben? Ei nun, wir kehren\ndas Ding um und geben einen Chor von Hörnern mit\neiner Solostimme des Tenors.\nDarauf kommt ein Schnitter mit der Sense und gibt\nebenfalls ein Lied zum Besten in mit sehr freien\nrhythmischen Reihen oder vielmehr Spielereien, bald von\n3, bald von 4 oder 3% Tact (2/4 und 2/8), im zweiten\nTempo %-Tact, was alles zu einem Volksliede, was es\ndoch sein soll, passt, wie die Faust aufs Auge. Beim Schärfen\nder Sense schrillt das Orchester mit Flöten und Triangel:\ndrei Mal wiederholt, wobei der Tenor das hohe\naushält und vorgeschrieben steht:\nfauxü \\ Höchst naiv nennen die Leute hier das Lied\nSolo de faux,das Sensen-Solo!\nAls der Schnitter weg ist, kommen zwei Hirtenkna-\nben mit ihren Schalmeien. Sie blasen ein Ritornell, das\nnicht ganz so läppisch ist, wie das im Tannhäuser, aber\nauch nicht viel besser; das Echo wiederholt es—unglaub-\nlich, aber wahr—diesmal jedoch zur Veränderung in der\ntieferen Octav. Das Hirtenlied (l'illanelle betitelt'—aufge-\npasst, ihr Herren Salon-Pianisten! eine neue Ueberschrift\nfür eure Stückchen!) ist ein Duettino in in langsam\nwiegendem Walzer-Tact, obwohl 9/a vorgezeichnet sind.\nDie Melodie ist sehr gewöhnlich, hört sich aber, von zwei\nfrischen Mädchenstimmen gesungen, ganz hübsch an; lesen\ndarf man sie freilich nicht. Es muss aber zur Zeit Dino-\nrah's in der Bretagne viele Sopranstimmen von grossem\nUmfange gegeben haben, denn die beiden netten Jungen\nsingen ihr:\nganz artig. Zuletzt noch einmal Echo!\nEndlich kommen die vier Personen dieses, wie man\nsieht, höchst einfachen und natürlich gehaltenen Idylls zu-\nsammen, begrüssen sich, während das Orchester eine Tanz-\nMelodie spielt, und „da die Sonne aufgeht und es schönes\nWetter ist\" („Et voici leSoleil!\nso singen sie ein vierstimmiges Der\nTenor intonirt (Allegretto(!)\ndas ganze Quartett wiederholt die Worte in einer Art von\nResponsorium. Die Form erinnert übrigens an die Oster-\ntisch-Scene in Halevy's „Jüdin\", die Composition ist aber\nnicht damit zu vergleichen, da sie von den vielen schwa-\nchen Stücken dieser Oper leicht das schwächste sein dürfte.\nEinen Spass zum Schluss! Herr A. de Rovray (alias\nFiorentino) schreibt im Moniteur über dieses Pater noster:\n„Die Tonart Ges-dur ist mit vollem Yerständniss der\nscenischen Wirkung gewählt und passt auf das vollkom-\nmenste zu der Farbe und zu der Empfindung des Adagio.\nDa finden wir Zurückführungen von unendlichem Reiz,\nenharmonische Modulationen von seltsamer Lieblichkeit,\nKlagen, Seufzer, Schluchzen; mit Einem Worte, es ist\neines der bewunderungswerthesten Quartette, die es auf\nder Bühne gibt.\" (Moniteur,Nr. 100.)—Nun ist aber un-\nglücklicher Weise das Quartett aus nicht aus\nGes-dur; es hat gar keine Zurückführung, weil es kein\nThema hat, das wiederkehrt, es hat nur eine ganz gewöhn-\nliche Modulation und weder enharmonische Verwechslun-\ngen noch Seufzer und Schluchzen. Das alles hat dem Herrn\nKritiker seine Phantasie über eine eingebildete Tonart ge-\nliefert! Wie ist das abermöglich? Ei,die folgendeNum-\nmer 20 geht wirklich aus Ges-dur; hat ihm nun Jemand\ngesagt, Nr. 19 in B,Nr. 20 in und er das verwech-\nselt, oder hat er einen Blick in den Clavier-Auszug gethan,\ndie sechs Bee gesehen und sie auf Nr. 19 übertragen\nwer kann das wissen? So schreibt man in Paris Kritik!"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.6", "texte": "Nach dem Intermezzo tritt die Handlung des Drama's\nwieder in ihre Rechte. Hoel trägt die leblose Dinorah auf\ndie Scene, legt sie auf eine Rasenbank und singt ihr eine\nRomanze vor, deren Melodie ansprechend, im Grunde aber\ndoch unbedeutend ist. Die unvermittelte Folge von Es-dur\nauf Ges-durist sehr schroff und berührt geradezu unan-\ngenehm. Uebrigens lernen wir hier die richtige Accen-\ntuation des Namens\nkennen. Wie könnte sie bei diesem hohen ges aus der\nBrust des bräutlichen Baritonisten stumm und todt bleiben?\nDas kalte Bad hat seine Wirkung gethan: Dinorah\nist vernünftig und Hoel moralisch geworden. Sie erwacht\nmit den Worten: „Welch ein Traum!\"—Diesen Gedan-\nken fasst Hoel zur Stelle mit seelenkundiger Geschicktheit\nauf und überredet sie, dass sie nur geträumt habe, dass\nder Brautzug sich ordne, um sie an dem Ablassfeste, das\nso eben eingeläutet werde, zur Kirche und zur Vermäh-\nlung zu führen. Das Duett hat einige schöne Stellen, hält\naber mit dem Duo im vierten Acte der Hugenotten und\nmit dem Terzett im fünften Acte des Robert auch nicht\nentfernt einen Vergleich aus. Dinorah sucht in ihrer Erin-\nnerung die Melodie des Marienliedes, deren Anklang sie in\nMoll singt. Unterdessen naht sich die Procession; sie hört\nden Chorgesang in Dur, glaubt nun wirklich an einen\nTraum und zieht mit dem Bräutigam unter dem Geleite\nihrer Freundinnen und der Wallfahrer nach der Capelle.\nDer volle Chor: „Saintc Marie! Gloire ä Marie!\" schliesst\ndie Oper auf imposante Weise, ohne dass man den lächer-\nlichen Sehlussvers des Libretto bemerkt: Corentin: Et\nle tre?or? Hoel: Per du mais son coeur les vaut tous!\nder dem Genie der Verfasser des Buches die Krone\naufsetzt.\nBedarf es nun noch eines Resume's? Ich denke, der\nLeser wird es selbst zu machen wissen.\nIch habe nur noch hinzuzufügen, dass mich bei mei-\nner Analyse keineswegs ein Vorurtheil gegen Meyerbeer\nbeherrscht hat, dessen grosse Eigenschaften ich aufrichtig\nschätze; noch weniger kann ich in den Verdacht neidischer\nVerkleinerung kommen, da ich weder Componist, noch\nLibrettist, noch Literat bin. Auch gestehe ich offen, dass\nnicht so sehr der Werth oder Ünwerth der Oper, als die\nwahrhaft erbärmlichen Zustände der hiesigen Kritik, welche\ndie Pest ihrer Läulniss noch niemals so auffallend als die-\nses Mal auch nach Deutschland verbreitet hat, mich zu\neiner so ausführlichen Besprechung bewogen haben. Zur\nSache selbst will ich schliesslich nur noch die Üeberzeu-\ngung aussprechen, dass ich diese neueste Oper Meyerbeer's\nnicht für so lebensfähig halte, dass sie einen Welt-Erfolg\nhaben werde, wie ihre Lobredner verkünden. Das Buch\nist zu schlecht, und die Musik hat im Ganzen doch zu we-\nnig Gehalt, um auf die Dauer zu fesseln. Dazu kommt,\ndass die Haupt-Partie für eine bestimmte Sängerin ge-\nschrieben ist, die eine fabelhafte Technik besitzt, wiewohl\nsie, ausser durch eine allerdings sehr schätzenswerthe Rein-\nheit der Intonation, weder durch Wohllaut der Stimme\nnoch durch Seele des Vortrags einnimmt. Fehlt nun die\nvollendete Virtuosität der Ausführung, so steht das musi-\nkalische Skelett in seiner ganzen Dürftigkeit da und kann\nkeinen Menschen reizen. Ich habe vor fünf Jahren von dem\n„Nordstern\" vorhergesagt, dass er in Deutschland niemals\nglänzen werde, obwohl grosse Autoritäten ihm die „Reise\num die Welt\" prophezeiten. Die Zeit hat mich gerechtfer-\ntigt, die Reise um die Welt ist an der deutschen Gränze\nstehen geblieben. Dasselbe wird dem Parclon de Ploennel\nwiderfahren, und Meyerbeer wird sich begnügen müssen,\n„die besten Richter in Frankreich zu finden\".\n\nB. P.\n\nAus Bonn.\n\n[Letztes Abonnements-Concert Ueber künstleri-\nsches Schaffen —• Mozart's Requiem.]\n(Schlüsse S. Nr. 20.)\nZu dem Künstler hingegen, aus dessen Werken jede Spur irdi-\nscher Bedürftigkeit getilgt ist, wird es den Meisten schwer, ja, un-\nmöglich, sich ein eigentliches Verhältniss zu bilden. Weil in seinen\nSchöpfungen das rein Stoffliche der Leidensehaft in der künstlerischen\nVerklärung gewisser Maassen aufgegangen und vernichtet ist, so\nvermissen sie in ihnen die Leidenschaft überhaupt. Freilich steht\ndas Kunstwerk jetzt vor ihnen da in lauterer, makelloser Schön-\nheit, eine Erscheinung aus höherer Welt, an der unser irdisch be-\nschränktes, leidenschaftlich vorwärts dringendes Wollen und Streben\nkeinen Antheil hat; und so können sie es nicht ahnen, wie mächtig\ndie Stürme der Leidenschaft getobt, wie hoch die Wogen der Em-\npfindung gestiegen, aus denen endlich, nachdem der Künstler sie mit\nder Kraft seines Geistes beschwichtigt, sich diese allvollendete Ge-\nstalt reiner Schönheit ruhig emporgehoben. Nun blendet der Glanz\nder Formvollendung die Augen der Beschauer und macht sie untaug\nlieh, den Gehalt des Kunstwerkes zu erkennen; sie fühlen sich mit\nihren Empfindungen ihm entfremdet, denn das wahre Kunstwerk ist\nnicht von dieser Welt, es ist streng und verlangt von jedem, der\nihm nahe tritt, eine völlige, unbedingte Hingebung und die Aufopfe-\nrung seiner beschränkten Persönlichkeit. Die Meisten scheuen vor\nsolchen Anforderungen zurück, und so rücken ihnen nach und nach\ndie Gestalten der Künstler in eine Ferne, wo sie unter dem-Schutze\nihres classischen Ansehens ruhig thronen mögen, und wohin ihnen\njene kühle Anerkennung nachgesandt wird, die man Classikern doch\nnun einmal nicht versagen kann.\nWir müssen es, halb lächelnd, halb traurig, bekennen: den\n„Classikern\" wird im Allgemeinen recht übel mitgespielt; am wenig-\nsten wird die Universalität dieser Künstler begriffen und gewürdigt."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.7", "texte": "Man preis't die harmonische Schönheit, die Süssigkeit Sophokleischer\nPoesie, die bezaubernde Anmuth Raphael'», die Grazie und Liebens-\nwürdigkeit Mozart's. Man sollte wirklich glauben, der grosse Grieche\nhabe die gewaltigen Mythen seines Volkes immer recht vorsichtig\nund sanftmütbig ins Milde umgedichtet, der Fürst der Maler habe\nimmer nur Madonnen und zwar nur mädchenhaft reizende gemalt,\nund in Mozart'scher Musik gehe es immer hübsch heiter und fröh-\nlich zu? und man finde dort höchstens eine reizende, in anmuthigem\nSpiel sich gefallende Schwermuth. Man scheint zu vergessen, dass\nSophokles stets mit der unerbittlichsten Strenge und Folgerichtigkeit\n% tifahit, und dass er, der Süsse, es versteht, herbe zu sein, wie\nLein Andeier, wenn er z. B. die Elektra dem Bruder, dessen Schwert\neben die Mutter trifft, zurufen lässt: „Verdopple den Schlag!44\nMan denkt nicht daran, dass Raphael neben der höchsten Anmuth\nauch die höchste, die erschütterndste Kraft besitzt, und dass Werke\nwie die Kreuztragung, die Vision Ezechiele, der Heliodor oder die\nDarstellungen aus der Apostelgeschichte wenigstens eben so bezeich-\nnend für seinen Genius sind, wie die liebreizendste seiner Marien.\n- - Und man scheint sich endlich nicht erinnern zu wollen, dass\nMozart auch alle dämonischen Mächte der Leidenschaft, alle Gewal-\nten des Schmerzes wachruft, und uns in seinen Tönen eben sowohl\ndie Schauer der Hölle wie alle Reize holdseligster Anmuth empfin-\nden lässt. Denn solche Künstler sind allumfassend ; was ihnen Welt\nnnd Geist Bedeutsames bietet, ergreifen sie, um es sich anzueignen\nund lassen es künstlerisch verklärt wieder erstehen. Und diese\nKünstler sind nicht nur die gesetzmässigsten, sie sind auch die\nkühnsten ; freilich unterscheidet sich ihre Kühnheit von den lächer-\nlichen Extravaganzen unproduetiver Naturen, wie das rücksichtslos\nentschiedene, der gewohnten Schranken nicht achtende, aber gewiss\nzum Ziele führende Thun des kraftbewussten Mannes von dem aus-\ngelassenen Gebahren übel erzogener Jünglinge sich unterscheidet.\nStets sicher, den Geist des Gesetzes auch dann noch zu erfüllen,\nwenn sie dessen Buchstaben verletzen, und im vollen Vertrauen auf\nihre angeborene Stärke und unerschütterliche Gesundheit brauchen\nsie auch vor dem Gewaltigsten nicht zurück zu weichen; mit fester\nHand ergreifen sie es, und mit nie fehlender Kraft wissen sie es\nkünstlerisch zu bändigen. In ihren Werken stellt sich eine Welt\ndar, in,der alles Verschiedenartigste gleichberechtigt neben einander\nlebt und webt, wie in der wirklichen Welt, die uns umgibt; da er-\nblicken wir das Kraftvolle neben dem Zarten, das grausenhaft Er-\nschütternde neben dem Anmuthigsten. Da wechseln die Gestalten\nvielfach, und die mannigfaltigsten Formen thun sich hervor. Aber\nwie über der Erde, auf der Alles in ewig regem Wechsel unbestän-\ndig sich drängt, still der lichte Aether ruht, gleichsam ein höheres,\nreineres Dasein uns verheissend, so ruht über jener Welt der Kunst,\ndie so Vielfältiges in sich schliesst, der wolkenlose Himmel der\nSchönheit, und Alles ist durchleuchtet und verklärt von seinem\nLichte.\nMan kann sich kaum solcher und ähnlicher Betrachtungen ent-\nhalten, wenn man so glücklich ist, zwei Werke wie die Sinfonie und\ndas Requiem unmittelbar auf einander zu hören. Und warum sollte\nman sich ihrer enthalten? Es mag jetzt mehr als je gerathen sein,\nsich von Zeit zu Zeit mit sich und Anderen über das Höchste in\nder Kunst zu verständigen und es sich klar zu machen, warum die-\nses Höchste nicht von Allen erfasst und gewürdigt wird. In jeder\nKunst treten jetzt Bestrebungen hervor, deren letztes Ziel das Auf-\nhören aller Kunst sein müsste, und die Musik scheint wahrlich\nnicht am wenigsten bedroht. Es kann uns wohl betrüben und Zwei-\nfel an dem geistigen Fortschreiten der Menschheit rege machen,\nwenn wir wahrnehmen, wie in dem Volke, das auf dem Gebiete der\nKunst Lessing und Schiller zu Lehrern gehabt hat, das Urtheil über\ndie einfachsten Gesetze und Grundsätze der Kunst so unsicher hin\nund her schwankt. Die abgeschmacktesten Theorieen, wenn sie nur\nmit der erforderlichen Dreistigkeit zu Markte gebracht werden, kön-\nnen sicher sein, wenigstens auf dem „lauten Markte\" einen Anhang\nzu finden, hingst gelöste Probleme werden von beschränkten Köpfen\nmit lächerlichem Ernst einer neuen Prüfung unterworfen; es scheint,\nman findet ein eigenes Behagen darin, auf den Wegen, die grosse\nMänner mit mächtigen Schritten durchmessen haben, noch einmal\nmit lahmen Füssen umherzutappen. Vor Allem kläglich ist es,\nbeobachten, wie man noch immer nicht müde wird, sich mit'den\nfleisch- und blutlosen Schemen von Idealismus und Realismus herum-\nzuschlagen. Diese schalen Begriffe, oder vielmehr diese beiden Wör-\nter, „wo Begriffe fehlen\", scheiden die Kunst, die eine, untheilbare,\nin zwei Theile, von denen keiner die Kraft zu einem selbstständi-\ngen Dasein in sich trägt. Wenn wir den Bestrebungen, die uns\ndas Kunstwerk der Zukunft herbeiführen wollen, auf den Grund\nblicken, so nehmen wir als Ausgangspunkt und Ziel derselben auch\nnur einen cruden Realismus wahr, der schliesslich in einen ganz ba-\nnalen Naturalismus auslaufen wird. Man sollte es ein für alle Mal\nohne Scheu heraussagen: Die Begriffe von ide a 1 und r e al, wie\nsie in den Köpfen der Meisten spuken, sind ganz nichtig und'arm-\nselig und kaum Werth, dass man sie ernstlich bekämpft; jeder klar\ndenkende Mensch sollte es sich zum Gesetze machen, diese beiden\nheillosen Wörter auf einige Jahre aus seinem Sprachschatze zu ver-\nbannen. Wer nicht erkennt, in welcher notwendigen höheren Ein-\nheit diese Gegensätze aufgehen, wer nicht einsieht, dass der wahre\nKünstler in jedem Momente seines Schaffens über den Kampf dieser\nGegensätze Meister wird, wem endlieh nicht aus jedem Kunstwerke\njene vollkommene Einheit entgegentritt für den ist die Kunst\nnicht vorhanden, und er mag ihrer Betrachtung nur immer ruhig\nentsagen.\nXlleillcli geht es jetzt im Reiche der Musik gar tumultuarisch\nher; aber dennoch glaube ich, können die Freunde der musicalischen\nKunst auf dieses 1 reiben, dem man so gern das drohende Ansehen\neiner mächtigen Revolution geben würde, geruhigen Sinnes herab-\nschauen. Denn wenn wir die italienische Malerei des fünfzehnten\nund sechszehnten Jahrhunderts ausnehmen, so hat seit dem Unter-\ngänge der alten Welt keine Kunst eine so ununterbrochene Reihe\nvon grossen Meistern aufzuweisen, denjenigen vergleichbar, welche\nim vorigen Jahrhundert die deutsche Musik verherrlicht haben. Sollte\nin I 1 olge des löblichen Bestrebens unserer Zeitgenossen auch einmal\nalle Einsicht in das Wesen der Musik verloren gehen, was jene\nGrossen geschaffen haben, das ist da, unvergänglich; in den man-\nnigfaltigsten Formen haben sie das Vollendete, das Höchste für im-\nmer daigestellt. In dieser Kunst ist ein Beichtbum des Schönsten\nund Heiilichsten, wie in keiner anderen, und diese Fülle von Schön-\nheit und Herrlichkeit kann man nicht wieder aus der Welt schaf-\nfen ; dieser Besitz bleibt der Menschheit erhalten, und die Erkennt-\nniss seines Weithes muss früher oder später wieder eine allgemeine\nwerden. Seien wir getrost! vor einem einzigen Kunstwerke Mozart's\nwird die ganze falsche Kunst unserer Tage kläglich zu Schanden.\nlieber das Requiem und seine Entstehungsgeschichte werden wir\nhoffentlich bald die nach allen Seiten hin genügendste und zuver-\nlässigste Belehrung erhalten, und auch ein Anderer als ich müsste\nsich hüten, hier irgendwie vorzugreifen.\nWollte man die Empfindungen darlegen, die das Werk in uns\nerregt, so würde man wohl so leicht kein Ende finden. Ich habe\ndiesmal vor Allem die wenn Sie mich nicht missverstehen wollen\nsinnliche Gewalt des Ausdrucks empfunden, vor welcher der\nstreng kirchliche Charakter entschieden zurücktritt. Der Künstler\nwagt das Aeusserste, und wie der Gegenstand, den er behandelt, die\nletzten Gränzen der menschlichen Vorstellungskraft berührt, so schrei-\ntet er auch bis zu den letzten Gränzen seiner Kunst vor. Gleich zu\nAnfang das Kyrie nimmt trotz der strengen Form der Fuge, die von\ndem mächtigen Melodieenstrome gleichsam bedeckt wird, einen star-\nken, leidenschaftlichen Aufschwung. Und wenn nun erst das Dies\nirae beginnt, wo alle Schrecken des letzten Gerichtes über die sün-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590521-01.1.8", "texte": "dige Creatur hereinbrechen! Man erfreut sich hier der seltenen\nVereinigung herrlicher Poesie und herrlicher Musik. Das Dies irae,\nwahrscheinlich von dem Minoriten Thomas von Celano in der ersten\nHälfte des dreizehnten Jahrhunderts gedichtet, ist, neben einem\nHymnus verwandten Inhalts (apparebil repentina) eines der kostbar-\nsten Stücke aus dem reichen Schatze der lateinischen Poesie des\nMittelalters. Die eschatologischen Vorstellungen, wie sie sich aus\nden spärlichen biblischen Andeutungen nach und nach in der katho-\nlischen Kirche entwickelt hatten, treten uns hier in ihrer rein sinn-\nlichen Ausbildung wahrhaft überwältigend entgegen, und in der drei-\nzeiligen, durch den einen Reim mächtig zusammengehaltenen Stro-\nphe entfaltet die Sprache aufs schönste ihre ganze Kraft und Klang-\nfülle. Was kein Auge sieht und kein Ohr vernimmt und vor dessen\nBetrachtung der Geist zurückbebt, das haben hier Dichter und Com-\nponist, beide gleich bewundernswürdig, unserer Empfindung und An-\nschauung nahe zu rücken gewusst. Wenn der Tag da ist, jener\nTag, und wenn dann der Richter kommt quando judex est ventu-\nrus —y dann kommt er nicht im Säuseln der Lüfte, auf des Sturm-\nwindes Fittigen fährt er einher und vor seinem Nahen erbeben die\nBerge. In den stürmenden Klängen der Musik hören wir das Ent-\nsetzen. „Welches Zittern wird da sein !\" ruft es drei Mal im Bass,\nwährend die anderen Stimmen zagend sprechen: ~Der Tag des\nZorns, jener Tag!\" und endlich alle vereint wiederholen: „Welches\nZittern, wenn er zum strengen Gerichte kommt!\" Das Tuba mi-\nrum mit seiner wunderschönen Melodie scheint mir doch an Kraft\nund Grösse des Ausdrucks bedeutend zurückzustehen hinter dem\nvorhergehenden und eben so hinter dem folgenden Satze, der mit\ndem drei Mal wiederholten mächtigen Aufschrei: „Rex!\" beginnt\nund mit der von den weiblichen Stimmen sanft emporgetragenen\nrührenden Bitte schliesst: „Salva nie, fons pietatis!\" Rette mich, Du\nQuell der Gnaden! Das Recordare und vor Allem das Confutatis ge-\nhören zu jenen Wundern der Kunst, über die man eigentlich nicht\nreden sollte. Die Empfindung gewinnt hier einen immer eindring-\nlicheren, immer mächtiger gesteigerten Ausdruck. „Wenn die Ver-\ndammten, vernichtet, den scharfen Flammen überliefert werden\"\nso beginnt der Bass mit übermächtigen Tönen ~dann rufe mich\"\nerhebt sich im Sopran das innig schmerzliche Flehen „rufe\nmich mit den Gebenedeiten!\" Wie von verschiedenen Seiten her er-\ntönt das Voca me und wird endlich zu einem anhaltenden Rufe\nder Sehnsucht. Und nun beginnt im Ovo supplex ein Gebet, wohl das\nerschütterndste, das je vernommen worden. Die Creatur, im Bewusst-\nsein ihrer Schuld, durchzittert von der Furcht vor dem Ende, fleht\naus den Tiefen ihrer Noth zu dem Richter, ~das Herz zerrieben wie\nAsche\". Welches Geheimniss ruht in diesen Klängen! Mag man\nsie noch so oft vernehmen, immer überfällt uns derselbe Schauer,\nund auch wir trauern und zagen: „Gere cur am mei finis !u Dieselbe\nEmpfindung wird erst festgehalten und dann beschwichtigt und\nsanft aufgelöst in dem Lacrimosa, dessen herrlich einherwogende\nMelodie auf Pie Jesu Domine mit den süssesten innigsten Tönen\nschliesst.\nDie folgenden Sätze, so weit sie von Mozart herrühren, sind dem\nDies irae an Schönheit und Bedeutung gewiss nicht untergeordnet.\nIch darf sie kaum noch erwähnen das Domine Jesu mit der er-\ngreifenden Stelle De poenis inferni und der Fuge Quam olim, das\nHostiasy dem vor allen anderen Sätzen der Charakter des Kirch-\nlichen eigen ist, und das Agnus Dei mit den sanften, in selige Ruhe\neinwiegenden Tönen: Dona eis requiem und dem grossartig gestei-\ngerten sempilernam„\nWie Raphael von dem letzten seiner Werke, der Verklärung des\nHeilandes, abgerufen wurde, noch ehe es vollendet war, so hat auch\nMozart sein Requiem nicht zum Schlüsse geführt. Wir aber preisen\ndie Künstler selig, die mit solchen Werken ihr Schaffen beschliessen\ndurften, die, von dem ungetrübten Glänze der künstlerischen Glorie\numstrahlt, aus den Reihen der Sterblichen heraustraten.\n\nV - - - s."}]}