{"numero_id": "bm-bmtnabi-1859-06-04-01", "volume": "bmtnabi_1859-06-04_01", "ocr_sha256": "63639b320f1626d8b0ace5bc5effc0770999a81ef143c7ec514fe9ba086e48b0", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1859/06/04_01/bmtnabi_1859-06-04_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1859-06-04-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-06-04_01#c001", "volume": "bmtnabi_1859-06-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "177", "page_fin": "177", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "177", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 262, "texte": "Inhalt.\nDie dramatische Hierarchie in Frankreich. Musicalische Institute in Breslau. Der alte Choralgesang. Von Dr. M.\nNeuigkeiten aus Paris. 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Das sind zwei\nDinge, welche die Franzosen in allen Zweigen dermaassen\npraktisch ausgebildet haben, dass alle anderen Völker An-\nfänger dagegen sind. Ob dies zum Heile der wahren Ci-\nvilisation und der sittlichen Kraft geschieht, das wollen wir\nhier nicht erörtern, sondern nur eine Darstellung der\nArt und Weise versuchen, wie beide im Bunde mit der\nIndustrie sich sogar der Poesie und der Tonkunst bemäch-\ntigt haben, namentlich der dramatischen.\nO 7\nParis liefert die dramatischen Producte für ganz\nFrankreich, das weiss ein Jeder. Aber wie diese Pflanzen\ngezogen und getrieben werden, wie sie an das Tages- oder\nvielmehr an das Lampenlicht kommen, durch welche Mit-\ntel man Blüthen ohne Wurzel und Stamm erzeugt, oder\nmomentane Erfolge erzielt, woher die häufigen Enttäu-\nschungen kommen, welche die Provincial-Theater erleben,\nwenn sie von der Hauptstadt angepriesene und dort mit\neinem Schein-Erfolge in Scene gegangene Stücke und\nOpern zur Aufführung bringen,—das weiss man nicht. Die\nProvinzen und das Ausland sind zwar auf mancherlei Art\nder Gefahr ausgesetzt, durch die pariser Industrie ange-\nführt zu werden; jetzt aber hat sich leider die industrielle\nSpeculation auch der Kunst bemächtigt, vor Allem der\nAusbeutung des Theaters. Wir wollen desshalb, vielleicht\nzum allgemeinen Besten, der Haupt-Firma ein wenig in\ndie Karte gucken und den Schleier der Theater-Geheim-\nnisse etwas lüften.\nDie Gesellschaft der dramatischen Dichter\nund Componisten in Paris, nach deren Vorgang nach-\nher die Vereine der Schriftsteller, der Tonkünstler, der\nMaler u. s. w. entstanden sind, wurde im Jahre 1829 ge-\ngründet. Ihr eifrigster Förderer war Scribe, und er hat\ndadurch seinen jetzigen und künftigen Berufsgenossen\neinen eben so grossen Dienst als sich selbst geleistet; denn\nin der That erhielten die vereinten Interessen dadurch eine\nBürgschaft und Sicherheit, die den vereinzelten gefehlt hatte.\nBald nach ihrer Gründung hatte sie bereits eine Probe\nzu bestehen. Vier von den kleineren Theatern Vaude-\nville, Varietes, Gymnase und Nouveautes geriethen in\nZwist mit ihr wegen Frei-Billets oder einer ähnlichen Frage.\nNach den Statuten der Gesellschaft mussten alle ihre Mit-\nglieder bis auf weiteren Befehl aufhören, für diese Bühnen\nzu arbeiten, welche, wie missliebige Leute auf den Univer-\nsitäten, in Verruf erklärt wurden. Es fanden sich allerdings\neinige falsche Brüder, die unter angenommenen Namen\ndas Verbot übertraten; auch öffneten die Directoren der\nvier geächteten Bühnen Thür und Thor jungen Schrift-\nstellern, die nicht Mitglieder der Gesellschaft waren. Allein\ndas alles konnte auf die Dauer nichts helfen, und die in\nBlocade-Zustand erklärten Theater hielten es für das Beste,\nFrieden zu schliessen, was auch von der anderen Seite ge-\nwünscht wurde.\nEtwa zwölf Jahre später wurde das Gymnase wieder\nin Belagerungs-Zustand erklärt, da der Director desselben\nden Vertrag mit der Gesellschaft nicht unterzeichnen\nwollte. Er war Manns genug, um lange auszuhalten; seine\nFestung erhielt Proviant mitten durch die feindlichen Li-\nnien, auch gingen aus diesen selbst einige verkleidete\nUeberläufer zu ihm über. Der Krieg dauerte zwei Jahre.\nDer Director Poirson gab aber lieber seine Unternehmung\nauf, als dass er nachgegeben hätte. Sein Nachfolger Mon-\ntigny einigte sich wieder mit den Gewaltigen.\nDie Gesellschaft wird durch einen Ausschuss von fünf-\nzehn Mitgliedern vertreten und geleitet, welche durch die\nGeneral-Versammlung gewählt werden. Ein Drittel des-\nselben scheidet jedes Jahr aus und ist vor Ablauf eines\nJahres nicht wieder wählbar. Auf fünf Schriftsteller kommt\njedesmal ein Componist.\nZwei General-Agenten sind, gegen Caution und Ver-\nantwortlichkeit, damit beauftragt, die Einnahme-Antheile"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "178", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5410, "texte": "der Autoren [droits d'aidcurs)in Paris und in ganz Frank-\nreich einzuziehen. Alle Städte, selbst die kleinsten, in de-\nnen eine Schauspieler-Gesellschaft sechsten Ranges nur\nvon Zeit zu Zeit auf ihrem Nomadenleben ihr Zelt auf-\nschlägt und den Thespis-Karren abspannt, haben einen\nUnter-Agenten, der mit den beiden General-Einnehmern,\nwie bei den Feuerversicherungen, in Verbindung steht.\nFreilich werfen diese kleineren Agenturen selbst in bedeu-\ntenden Städten nicht so viel ab, um einen xMann als sein\neinziges Gewerbe zu beschäftigen; aber häufig findet sich\nein Theaterfreund, der für freien Eintritt und noch ein\noder zwei Billets jeden Abend obenein mit Vergnügen so\nein Pöstchen übernimmt. Das ist dann wieder baarer Ge-\nwinn für die General-Agenten. Diese erhalten nämlich für\ndie Einziehung der Tantiemen in Paris zwei, in der Pro-\nvinz fünfzehn Procent. Die letztere Vergütung ist desswe-\ngen so hoch für sie, weil sie dem Unter-Agenten, wenn\ner es nicht aus Dilettantismus thut, ebenfalls seine Pro-\ncente zahlen müssen, und weil dieser Theil ihres Amtes\neine ausgedehnte Correspondenz und viel Detail-Arbeit\nverlangt, da auch der kleinste Einnahme-Antheil in dem\nunbedeutendsten Flecken (der geringste sinkt bis zu 1 Fr.\n50 Cent. l2 Silbergroschen—für ein einactiges Stück\nherab) eben so gut wie die grössten Summen eingezogen\nund verrechnet werden muss. Ohne eine solche Organi-\nsation würde die Einnahme aus der Provinz, abgesehen\nvon den grossen Städten, so gut wie Null sein.\nUebrigens beträgt die Einnahme in Paris fünf Sechs-\ntheile der Gesammt-Einnahme. In den letzten Verwal-\ntungsjahren hat sich die Einnahme der dramatischen\nSchriftsteller und Componisten ungefähr auf 1,200,000\nFrcs. belaufen, wobei auf Paris eine Million kam. Dazu\nkommen noch die Einnahmen aus dem Auslande, in Folge\nneuer internationaler Verträge über das geistige Eigen-\nthum. Indessen sind diese letzteren bis jetzt noch unbe-\ndeutend; Belgien und Piemont kommen dabei allein in Be-\ntracht. England übersetzt Jahr aus, Jahr ein französische\nStücke und macht sie für seinen Geschmack zurecht; aber\nder betreffende Vertrag wird in seinem Buchstaben durch\ntausend Kniffe umgangen und ist jenseit des Canals nur\nin der Theorie vorhanden.\nDie pariser Theater zahlen eine verhältnissmässige\nSumme von der Einnahme an den Verfasser. Bei der\nOper allein ist der Antheil unveränderlich festgesetzt: 500\nFr ■es. für jede der vierzig ersten Vorstellungen eines Wer-\nkes, das den Abend ausfüllt, und 300 Frcs. für jede nach-\nfolgende. Diese Summen werden zwischen dem Dichter\ndes Buches und dem Componisten getheilt. (Macht für den\nComponisten, dessen Oper 400 Vorstellungen erlebt, wie\nz. B. Meyerbeer's „Robert der Teufel\" 64,000 Frcs. =\nr 7,06 Thlr., ohne die Einnahme vom Verkaufe der\nPartitur und des Verlagsrechtes aller Arrangements aus\nderselben, Und wo ist in Deutschland vollends der glück-\nliche Operndichter, dem sein Buch 18,000 Thlr. ein-\nbrächte? Unter solchen Umständen kann man es wahrhaf-\ntig einem deutschen Componisten kaum verargen, wenn\ner dem Kaiser von Frankreich versichert, dass er in Paris\ndie besten „Richter\" fände!)\nDas Thedtre Frangais zahlt ein Zwölftel der Ein-\nnahme für ein Stück von 4 5 Acten, ein Achtzehntel\nfür 3, ein Vierundzwanzigstel für 1 oder 2 Acte. Im Gym-\nnase, Vaudeville'den Varietes und dem Palais Royal be-\nträgt der Verfasser-Antheil 12 Procent für den Abend,\nwelche auf die zwei oder drei Stücke je nach ihrem Um-\nfang vertheilt werden; bei vier Stücken geht der Antheil\nin gleiche Theile, ohne Rücksicht auf die Zahl der Acte,\nalso z. ß. von einer Einnahme von 2000 Eres, und vier\nStücken erhält der Verfasser eines jeden 60 Francs. Die\nTheater, welche Dramen geben, zahlen 10 Procent. Der\nRechnungs-Abschluss für alle Betheiligten findet jeden\nUetzten des Monats Statt und wird in der ersten Hälfte\ndes folgenden durch Zahlung an der Theater-Casse be-\nrichtigt.\nAusserdem stellen die Autoren auch Wechsel auf ihre\nTantiemen aus, welche von anderen Personen auf ihre\nGefahr gegen gehörige Procente honorirt werden. Ein ge-\nwisser P... hat es dahin gebracht, diesen Handel fast ganz\nund gar für sich zu monopolisiren. Er führt so genaue\nBücher, wie der grösste Industrielle oder Kaufmann, in\ndenen jeder seiner Kunden seine monatliche Rechnung\neinsehen kann. Er ist der Banquier des Genie's, er macht\nauf die Opern und Stücke, sobald sie in das Stadium der\nProben getreten sind, Vorschüsse, die er dann bei den\nGeneral-Agenten nach der Aufführung wieder einzieht.\nDas ist nicht so gefährlich, wie es aussieht; denn Herr P.\nist zugleich auch Erfolg-Besorger (.Entrepreneur de suc-\nces), ein unter den Waffen ergrauter Taktiker in der Füh-\nrung der Scharen, die unter dem Kronleuchter sitzen. Je-\ndermann wird jetzt den Rang begreifen, den dieser Mann\nin der Theaterwelt einnimmt. Es ist in ganz Paris kein\nDichter und kein Componist, der ihn nicht grüsst und voll\nHöflichkeit gegen ihn ist. Uebrigens weiss P. zu leben; er\nhat ein Landhaus und eine Frau, die eben so liebenswür-\ndig und fein wie jede Salon-Dame empfängt; kurz, er ist\nin seiner Art eine bedeutende Persönlichkeit, die man nir-\ngendwo auf der Welt, ausser in Paris, antreffen kann.\nDie Agenten dürfen für keinen Autor Geschäfte ma-\nchen, der nicht Mitglied der Gesellschaft ist. Desshalb be-\neilt sich jeder dramatische Freiwillige, sich in die Regi-\nments-Liste einschreiben zu lassen. Es fallen indess auch"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "179", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5353, "texte": "Aufmunterungen dazu vor, Schreiben und Circulare des\ndirigirenden Ausschusses mit Anreden wie:\neher confrere!\"mit Redensarten wie: „Sie müssen eine\nStimme und das Recht, in den Versammlungen mitzuspre-\nchen, haben!\" —Doch ist zum Beitritt ein gewisser\n(nicht mit iSensuszu verwechseln!) erforderlich; dieser\nCensus besteht in einer bestimmte! Anzahl von Acten,\ndie man in Paris auf die Bühne gebracht hat. Nun frei-\nlich! die Hälfte oder ein Drittel davon in einer Operette\nin den Bouffesoder den Fo einem Sing-\nspiel in den Dcla-s?ements comiqkönnte ja keinen voll-\nwichtigen Anspruch begründen!\nIn der jährlichen General-Versammlung wird der Be-\nricht über das Geschäftsjahr abgestattet, über die abge-\nschlossenen Verträge, über die geführten Processe, über\ndie streitigen Sachen; denn die Gesellschaft hat nicht um-\nsonst ihren Rechtsbeistand, und ihre Eroberungen auf dem\nGebiete der gebührenden Belohnung geistiger Arbeit wer-\nden nicht ohne Kampf und ohne Stempelpapier durchge-\nsetzt. Dann folgt die Rechnungs-Ablage.\nIm Budget nimmt der Titel zur Unterstützung von Be-\nrufsgenossen, welche in ihren Lebensverhältnissen zurück-\ngekommen sind, einen wichtigen Theil ein. Auch Witwen\nund Waisen werden unterstützt; unter anderen findet sich\nda auch ein Ausgabe-Posten als Beitrag zur Erziehung\neines Fräuleins, das in gerader Linie von Racine durch\nseine Tochter abstammt. Diese Wohlthätigkeits-Casse wird\ndurch den Abzug eines halben Procents von allen Tan-\ntiemen und durch Vorstellungen zu ihrem Vortheil, die\nvertragsmässig mit den Theater-Directionen festgestellt sind,\nerhalten; die Hälfte des Ertrages dieser Vorstellungen er-\nhält jetzt die Gesellschaft der dramatischen Künstler. Fer-\nner hat die genannte Casse Capitalien und Inscriptionen\nauf die Rente. Der Gesellschaft der dramatischen Dichter\nund Componisten gebührt die Ehre,\" allen anderen Künst-\nler- und Schriftsteller-Vereinen in dieser Beziehung voran-\ngegangen zu sein und die Grundsätze der Sparsamkeit und\nVorsorge für die Zukunft zuerst zur Geltung gebracht zu\nhaben. Wenn es in Frankreich auch noch verkommene\nSchriftsteller und zigeunerisch herumbummelnde Künstler\ngibt, so hat die grosse Mehrzahl doch begriffen, dass die\nOekonomie recht gut mit der Cultur der Kunst und Wis-\nsenschaft Hand in Hand gehen kann. Das ist ein grosser\nFortschritt, und das Verdienst der Gesellschaft, von der\nwir reden, um diesen Fortschritt ist hoch anzuschlagen.\nDie Wahlen in den Verwaltungs-Ausschuss bieten ein\ngrosses Interesse dar; es gibt der Bewerber stets viele, da\ndie Erwählung ein Zeugniss der Hochachtung und des\nVertrauens der Collegen ist. Die Stimmen werden mit\ndemselben Eifer wie bei politischen Wahlen durch die\nCandidaten und ihre Freunde zu gewinnen gesucht. Es\nmag auch zuweilen eigennütziges Interesse dabei im Spiele\nsein, da ein Sitz im Ausschluss näheren und wirksameren\nEinfluss auf die Theater-Directionen gewähren soll, wie\nman sagt.\nDie Debatten in den Versammlungen sind oft sehr\nstürmisch und lärmend, und die Stimme und die Schelle\ndes Präsidenten werden stark in Anspruch genommen.\nSelbst das Ansehen eines Vorsitzenden wie Scribe vermag\nzuweilen nicht den Sturm zu beschwören, und Viennet hat\nsich durch seinen Eifer auf dem Präsidentenstuhle eine\ntotale Heiserkeit zugezogen.\nVon den fünf- bis sechshundert Mitgliedern der Ge-\nsellschaft hat im vorigen Jahre ungefähr die Hälfte ein\nLebenszeichen durch ein Werk oder ein Werklein von\nsich gegeben. Fünfundzwanzig oder dreissig Autoren, die\ngrossen Producenten, Scribe an der Spitze, theilen unter\neinander die Hälfte der Einnahme; der Rest zerfällt in\nsehr ungleiche Theile, die sich von einem paar Tausend\nbis auf ein paar Hundert Francs abstufen. Es gibt übri-\ngens eine Menge vou inactiven Mitgliedern, Vereinsgenos-\nsen in partibu-s,die selten oder nie darauf rechnen, dass\ndie Abrechnung auch für sie etwas auswerfe.\nEinige von diesen sind ehrenwerthe Veteranen, die\ndas Älter zur Unthätigkeit zwingt; Andere sehen sich da-\ngegen sehr unfreiwillig zum Verzicht auf Einnabme-An-\ntheile verurtheilt, da zahllose Hindernisse die Zugänge zur\nBühne für denjenigen umstarren, der nicht gewisse Be-\ndingungen erfüllt. Seit der Abschaffung der Lese-Comite's\nsind die Directoren allein Richter über die Annahme eines\nStückes oder einer Oper und Operette. Es mag unter ihnen\ngerechte, unparteiische, aufmerksame und humane Männer\ngeben, bei denen man nicht zu fürchten hat, dass eine\nUeberladung des Magens, gereizte Nerven, üble Laune,\nschlechte Stimmung Einfluss auf das Schicksal eines ange-\ntragenen Werkes haben; aber ist es ausgemacht, dass je-\nder Director ein Muster in seiner Art ist, und dass bei\nsolch einem absoluten Einzelrichter persönliche Rücksich-\nten niemals in Betracht kommen?\nUnter den Privilegirten des Theaterzettels nehmen zu-\nnächst die Männer von hervorragendem, bewährtem Ta-\nlente den ersten Rang ein; sie werden ersucht, sie werden\naufgefordert, sie werden gebeten. Immer aber ist es gut,\nwenn sie neben ihrem Talente auch ein gewisses Selbst-\nbewusstsein besitzen und die Gabe, aufzutreten und sich\ngeltend zu machen. Dadurch bringt man es zu Contracten,\ndie ausserhalb der allgemeinen und sich von selbst verste-\nhenden Bedingungen liegen, zu Prämien, die vor der Vor-\nstellung des neuen Werkes gezahlt und reiner Verlust\nwerden, wenn das theuer bezahlte Werk Fiasco macht.\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "180", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5353, "texte": "Man begreift, dass alle möglichen Mittel von den beiden\nBetheiiigten aufgeboten werden, um ein Fiasco zu verhin-\ndern. Man kann es den Autoren nicht verdenken, wenn\nsie die Schwäche oder Speculation der Directoren be-\nnutzen; letztere aber würden wahrlich besser thun, es bei\nden gesetzlichen Bestimmungen bewenden zu lassen. Es\ngibt Leute, und zwar sehr berühmte, die sich eine be-\nstimmte Zahl von Vorstellungen garantiren las-\nsen und auf diese Weise das Urtheil des Publicums zur\nPosse machen. Die Provinz und das Ausland können sich\nalso auch nicht einmal nach der Zahl der Vorstellungen in\nParis binnen so und so viel Zeit ein sicheres Urtheil über\nden Werth des Werkes, ja, nicht einmal über den pariser\nGeschmack an ihm bilden.\nWas diese Privat-Contracte betrifft, so wollen wir ein\nBeispiel davon anführen. Ponsard bot sein Stück\nnear etl'Argentdem Theätre an; das damalige\nLese-Comite der Herren Societaires dieser Bühne (denn\nsie heissen nicht mehr Comediens!) war so gescheidt, es\nzurückzuweisen Ponsard hatte noch keinen Namen und\nkein Vermögen! Er bot es Herrn Altaroche, Director des\nOdeons, an. Dieser nahm es an, erwartete aber nichts\nmehr davon als einen ehrenvollen literarischen Erfolg. Er\nmachte einen Privat-Vertrag mit dem Dichter, in welchem\ner diesem die Hälfte der Einnahme von jeder Vorstellung\nnach Abzug der Tageskosten (800 Francs) zusicherte.\nSeiner Meinung nach übernahm er damit eine Verpflich-\ntung, die wenig oder gar keine Folgen haben würde. Was\ngeschah? L'honneur et l'Argent gefiel ausserordentlich,\nwurde ein Modestück, das fast täglich wiederholt werden\nmusste, und fügte das „Geld\" zu der „Ehre\". Ponsard\nbezog ausser dem gesetzlichen Einnahme-Antheil von je-\nder Vorstellung einige Hundert Francs auf seine Hälfte von\nder Summe über 800 Francs. Auf diese Weise brachte\nihm das Stück in den ersten vier Monaten fünfzigtausend\nFrancs ein.\nNun, wenn dem wirklichen Talente die Wege geebnet\nund die Pforten geöffnet werden, so ist das in der Ordnung.\nAber nun kommt die Reihe an die Macher vom Hand-\nwerk, an die Unternehmer der dramatischen Confection.\nDiese Leute besitzen als Haupt-Eigenschaft Rührigkeit,\nGewandtheit, Unermüdlichkeit und eine Zähigkeit, die sich\ndurch nichts und niemals abschrecken lässt. Sie sind da,\nimmer da, überall da, hinter den Coulissen, im Cassen-\nzimmer, im Cabinet des Directors. Sie fehlen bei keiner\nGelegenheit, wo man sie braucht. Gibt es ein Debüt einer\nKünstlerin oder eines Künstlers, so wirken sie mit Wort\nund Feder, in Kaffeehäusern und Journalen, in Salons1 und\nauf den Boulevards dafür. Wird ein Stück für die Figur,\nfür die Nase, das Bein, den Fuss oder irgend eine andere\nbesondere Schönheit, ja, für eine schiefe Hüfte, einen kur-\nzen Fuss (Piquedame, komische Oper), eine hohe Schulter\noder eine andere Missbildung, ein Operntext für eine ab-\ngesungene Nachtigall, für ein Tenor-«? aus der Brust, für\neinen Komiker ohne Stimme begehrt: sie sind da, sie lie-\nfern auf Bestellung, auf Schneider- und Schuhmacher-\nMaass. Sie essen mit dem Director, rauchen ihre Cigarre\nmit ihm, trinken ihre halbe Tasse mit ihm, unterhalten ihn.\nSie machen der Favoritin des Sultans den Hof, tragen ihr\nallen Theaterklatsch zu, verschaffen ihr in eigenen Stücken\noder in denen guter Freunde auf Gegenseitigkeit eine pas-\nsende, für sie allein glänzende Rolle, und was all derglei-\nchen Dinge mehr sind, die dem Werth der Stücke auf-\nhelfen und oft ihn ganz und gar ersetzen müssen. Man\nkommt weiter mit dem Savoir-faire ohne Talent, als mit\ndem Talent ohne Savoir-faire.Es gibt Schriftsteller und\nComponisten, die Beides mit einander vereinigen das\nsind die Glücklichen pa/r excellen\nVergessen wir nicht die mächtige Hülfe der getheilten\nArbeit, die aber bei der dramatischen Confection vereinigte\nArbeit heisst und ihre ganz besonderen Geheimnisse hat.\nDie Compagnie-Fabrication wundert die Leute am\nsten, sie können sie sich nicht recht erklären. Wie ist denn\ndas Verfahren bei der getheilten Arbeit an einem Geistes-\nproducte (wenn nämlich Geist dabei ins Spiel kommt!) be-\nschaffen? ln den gewöhnlichen Fällen verhält es sich\nso damit:\nDa ist zum Beispiel ein fruchtbarer Producent: er soll\nKunz heissen. Kunz hat eine ganz besondere Nase, Stoffe\nzu wittern. Er ist ein Stoffjäger, wie es wenige gibt. Kunz\npirscht immer durch die Wälder des Lebens und der Ge-\nschichte, oder er steht auf dem Anstand, lauert auf alle\nVorkommnisse, belauscht jede Bewegung, jedes Lied auf\nder Strasse, das populär zu werden beginnt. Zu Hause\nund auf den Bibliotheken lies't er alte Romane, Local-\nChroniken, vergessene Theaterstücke; er sucht Kunstwer-\nken, welche die Vogue haben, eine Seite abzugewinnen,\ndie zu einer Parodie zu gebrauchen wäre, oder zu einer\ngeschminkten Copie, zu einer etwas veränderten Ausbeu-\ntung einer und derselben Rolle. Kunz hat aber kein Ta-\nlent, zu schreiben oder gar Verse zu machen; er geht mit\nseinem Vorrath zu Hans, der ein Mann von Fach ist. Kunz\nist voll Ideen, wenigstens voll von Stoffen, aber er kann\nsie nicht verarbeiten; Hans hat gar keine Ideen, aber er\nversteht das Handwerk, und so setzen sie aus zwei Hälften\neinen Autor zusammen.\nWerden drei Mitarbeiter genannt, so kann man in\nder Regel annehmen, dass der Eine von ihnen gar nicht\ngeistig mitarbeitet; aber er macht die nöthigen Gänge,\nläuft überall, wo es noth thut, herum, besorgt alle äusseren"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "181", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 457, "texte": "Geschäfte, übernimmt alle Schritte, die auf der dornigen\nBahn zum Tempel des Theaters gethan werden müssen.\nManche von solchen Triumvirn, deren Compagnie oft sehr\ngute Geschäfte macht, haben weiter kein Verdienst, als\ndass sie die Unterhandlung zwischen zwei Mitarbeitern\ngeleitet und die Verbindung zu Stande gebracht haben,\nmit dem Bedinge: „Ich sei in Eurem Bunde der Dritte!\"\nDas sind Makler, die mehr Schuhe als Federn abnutzen.\n(Schluss folgt später.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-06-04-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-06-04_01#c003", "volume": "bmtnabi_1859-06-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "181", "page_fin": "182", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.2.3", "titre_corps": "Musicalische Institute in Breslau.", "titre_sommaire": "Musicalische Institute in Breslau.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "181", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.5", "debut_caractere": 459, "fin_caractere_exclue": 4959, "texte": "Musicalische Institute in Breslau.\nRegelmässige Abonnements-Concerte geben die Thea-\nter-Capelle (Musik-Director Seidelmann), die Capellen\ndes Herrn Schön, des Herrn Bilse, des Herrn Dam-\nrosch, des Dirigenten der Musik-Gesellschaft „Philhar-\nmonie\". Viele von diesen Concerten sind aber nur gesel-\nlig musicalische Versammlungen, bei denen man seine\nCigarre raucht.\nHerr Damrosch steht an der Spitze der Zukünftler,\nwelche die Gegenwart bekehren wollen. Ein Bericht des\nDr. Viol aus Breslau in den „Wiener Recensionen\" sagt\nunter Anderem über ihn:\n„In den Concerten der Philharmonie wurden vorzugs-\nweise Werke der Neu-Romantiker aufgeführt; die meisten\nsymphonischen Dichtungen Liszt's, Ouvertüren von H.\nBerlioz, eine Faust-Ouverture, die Tannhäuser-Ouver-\nture und Stücke aus Lohengrin von R. Wagner, Sinfo-\nnieen von R. Schumann, Rubinstein u. s. w. Neben\nden Sinfonieen von Beethoven lief auch einmal hin und\nwieder eineSinfonie vonHaydn oder Mozart vom Stapel,\ndoch mit sehr stiefmütterlicher Behandlung und ohne gros-\nses Geräusch. Die symphonischen Dichtungen Liszt's dage-\ngen wurden dem Publicum als auf der Höhe der Zeit ste-\nhende Erscheinungen mit solcher Hartnäckigkeit trotz alles\nProtestirens vorgeführt, dass zuletzt den mehr als gutmü-\nthigen und geduldigen Zuhörern nichts weiter übrig blieb,\nals das Radicalmittel, die Concerte gar nicht zu besuchen.\"\nAusserdem hat Herr Damrosch zwei grosse Concerte\nim Musiksaale der Universität veranstaltet. In dem ersten\nwurde die neunte Sinfonie von Beethoven ausgeführt. Die\nallgemeine Bemerkung des genannten Berichterstatters\nlautet: „Es ist unglaublich, wie leichtfertig man heutzutage\nmit der Ausführung so riesiger Werke umspringt. Die\nKräfte mögen noch so schwach und mangelhaft sein, die\nAussicht auf einen nur irgendwie sicheren Erfolg mag noch\nso gering erscheinen, man arbeitet unbekümmert darauf\nlos, damit die Sache überhaupt nur gemacht und\nals geschehen registrirt werden kann.\"\nDas zweite Concert wurde in der Schiesswerder-Halle\nvor dem Oderthor, die einige Tausend Menschen fasst,\ngegeben „zu Ehren und unter gütiger Mitwirkung des\nHerrn Dr. Franz Liszt\". Programm: 1. „An die Küns-\ntler\", für Männergesang und Orchester von F. Liszt.\n2. Violin-Concert von Beethoven, gespielt von Herrn\nDamrosch. 3. Tasso {Lamento symphonische\nDichtung von Liszt. 4. Die neunte Sinfonie von Beetho-\nven. (Natürlich! sie war zwar kurz vorher schon einmal\ngehört, aber wo in aller Welt sollte man ausser ihr irgend\nein Werk hernehmen, das einiger Maassen würdig gewe-\nsen wäre, neben der Hymne „An die Künstler\" und neben\nder Tasso-Sinfonie zu stehen??) —Ausserdem verkündete\nder Concertzettel, „dass nach dem Concerte dem Publicum\nmit Fackelschein nach Hause geleuchtet werden würde\".\nAm Tage des Einzuges von Liszt erschien eine Bro-\nschüre von li. Gottwald: „Ein breslauer Augenarzt und\ndie neue Musikrichtung.\"\nFerner hat Herr Damrosch (und zwar in letzter Zeit)\neine „neue Gesangs-Akademie\" (die dritte in Bres-\nlau!) errichtet, deren Aufgabe sein soll „die Pflege ech-\nter Kunst im Gebiete der Vocalmusik sei sie der äl-\ntesten Vergangenheit entsprossen oder der jüngsten Gegen-\nwart.\" (Nun, das wird ein schönes Ragout geben! Bach's\nPassionsmusik und Liszt's graner Messe! Händel's Messias\nund Wagner's Lohengrin! Doch ich irre mich: Händel\nwird nicht einmal zu der Ehre der Gleichstellung mit den\nHeroen der „jüngsten Gegenwart\" zugelassen werden. Bei\nso bewandten Umständen wird C. Reinecke wahrhaftig\nam besten thun, Mosewius' Geist zu Hülfe zu rufen, um\ndie Larven und Gespenster zu bannen, die ihn umschwirren.)\nEine zweite Sing-Akademie besteht schon seit\nmehreren Jahren unter der fleissigen Leitung des Gesang-\nlehrers Herrn Hirschberg. Am 2. April gab sie in einer\nöffentlichen Sitzung unter Anderem Mozart's\ncorpus, Lotti's Orucifixus und Mendelssohn's 42.\nPsalm.—lm Theater wurden am Busstage Havdn's Jah-\nreszeiten zum Benefiz des Herrn Seidelmann aufgeführt.\nDie alte Sing-Akademie ist bis zu der nun erfolg-\nten Ankunft ihres neu erwählten Directors Herrn C. Rei-\nnecke von Herrn Dr. Baum gart dirigirt worden. Sie\nhat Händel's Josua und am Charfreitag Choräle von Ec-\ncard und Bach und den zweiten Theil von Händel's Messias\naufgeführt. Ausserdem wurde am Charfreitage in der Eli-\nsabeth-Kirche „Der Tod Jesu\" von Graun und am Vor-\nabende Haydn's „Schöpfung\" unter Leitung des Musik-\nDirectors Herrn A. Schnabel gegeben.\nEndlich sind noch Herrn Damrosch's sieben Soi-\nreen für Kammermusik zu erwähnen, und das Theater,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "182", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 527, "texte": "das aber seinen alten Ruf durch allerlei Verhältnisse und\nDirectionswechsel nicht mehr aufrecht hält.\nZu diesen musicalischen Anstalten und Vereinen kommt\nnoch das mit der Universität verbundene akademische Kir-\nchengesang-Institut unter Leitung der Herren C. Rei-\nnecke und Dr. Baumgart.\nEs herrscht demnach in Breslau (108,000 Einwoh-\nner) ein sehr reges musicalisches Leben, das dieser Haupt-\nstadt Schlesiens auch in Hinsicht auf die Tonkunst ihren\nRang als zweite Stadt der preussischen Monarchie zu wah-\nren geeignet ist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-06-04-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-06-04_01#c004", "volume": "bmtnabi_1859-06-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "182", "page_fin": "182", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.2.4", "titre_corps": "Der alte Choralgesang.", "titre_sommaire": "Der alte Choralgesang.", "signature_source": "M", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "182", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.6", "debut_caractere": 529, "fin_caractere_exclue": 3852, "texte": "Der alte Choralgesang.\nDr. M.\nHerr Steh Li n, Verfasser des vorzüglichen Werkes:\n„Die Naturgesetze im Tonreiche und das europäisch-abend-\nländische Tonsystem vom siebenten Jahrhundert bis auf\nunsere Zeit\", ferner der „Neueren Schicksale des alten\nChoralgesanges\", veröffentlichte in der kaiserlich königli-\nchen Hof- und Staatsdruckerei zu Wien sein früher ange-\nkündigtes Werk: „Chorallehre, nach den Grundge-\nsetzen des mittelalterlichen Tonsystems zusam-\nmengestellt und in der heutigen Musiksprache\nund Tonschrift erklärt.\" Der Verfasser componirte\nnichts dazu, sondern übersetzte nur ehrlich und wahrheits-\ngetreu in die heutige Musiksprache und Tonschrift, was\ner in den ältesten Lehrbüchern gefunden hat. Der Ver-\nfasser erkennt nur vier authentische und vier plagale Ton-\narten an und kann im ganzen Alterthume nichts Anderes\nfinden. Er führt sein System auf die Grundsätze des Guido\nvon Arezzo zurück und benutzte als weitere Quellen seiner\nLehre 1) den Cantorinus Romanus, welcher die älteste\ngedruckte Chorallehre, die von 1508 bis 1542 in stets\nvergrösserten und vermehrten Aullagen erschien, und 2)\ndie Chorallehre, die im kleinen römischen Antiphonarium\ndes Augustiner-Ordens enthalten ist. Der Verfasser ver-\nsichert, dass alle Grundgesetze des Systems in dem Schema\nder Hand enthalten und angezeigt sind, daher dieselbe\nauch in einem so grossen Ansehen im Alterthume gestan-\nden. Buvcrev, Forkel, Kiesewetter u. s. w. sind nach sei-\nner Meinung nicht in den Sinn dieser Urkunde eingedrun-\ngen; sie haben vergessen, dass auf der siebenten Tonstufe\nüber das fongeschlecht entschieden werden muss und dass\nGuido von Arezzo aus diesem Grunde das System auf das\nIlexachord gründete, welches im (tj) mit\neinem ganzen, und im Cantus mollis ({?) mit einem halben\nTone zu überschreiten ist. Diese Geschichtsforscher igno-\nrirten auch den Cantus naturalis obwohl die Zeichen\n* ip—n deutlich auf der Hand zu sehen sind, die nichts\nAnderes als die drei alten, geschichtlich bekannten Ton-\ngeschlechter vorstellen. Das Ilexachord besteht aus sechs\nTönen, die höher und tiefer ohne Veränderung des ersten\nTongeschlechtes können ausgedrückt werden. Es ist auf\ndie Tongeschlechter gegründet, die auf der siebenten Stufe\nihre Entscheidung finden, daher auch das Ilexachord nur\nbedingungsweise überschritten und mit der Octav vereinigt\nund verbunden werden kann. Es enthält nur einen llalb-\nton, der bei der dritten und vierten Stufe vorkommt, weil\nder zu einer vollständigen Tonleiter nöthige zweite je nach\ndem Tongeschlechte zu bestimmen und auf der siebenten\nStufe zu realisiren ist. Dem Ilexachord sind die Sylben\nul, re, mi, fa, sol, la untergelegt, die bekanntlich aus\neinem Hymnus an den heiligen Johannes stammen und im\neilften Jahrhundert von Guido von Arezzo eingeführt wur-\nden, der das Tonreich wie selten ein Mensch durchblickt\nund aufgefasst hat.\nDie praktischen Beispiele, die im Anhang gegeben\nsind; bezeugen die Art und Weise, wie sich der römische\nChoral nach den Quellen und Tonsystemen ausprägt. Es\nwerden Opponenten dem Werke nicht fehlen; die gänz-\nliche Verwerfung des ganzen Tones und die vollkommenste\nBerechtigung des Halbtones steht zu schroff der Anschau-\nung sehr vieler Männer von Wissen gegenüber. Jedenfalls\nist aber das Werk ein Beweis stupendcn Fleisses und ver-\ndient ernstliche Beachtung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-06-04-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-06-04_01#c005", "volume": "bmtnabi_1859-06-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "182", "page_fin": "184", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.2.5", "titre_corps": "Neuigkeiten aus Paris.", "titre_sommaire": "Neuigkeiten aus Paris.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "182", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.6", "debut_caractere": 3854, "fin_caractere_exclue": 4872, "texte": "Neuigkeiten aus Paris.\nAuf Antrag des Directors der kaiserlichen grossen\nOper hat Felicien David in Betracht des materiellen\n(Cassen-) Erfolgs, so wie der Bedeutung der Oper „Her-\nculanum\" vom Ministerium eine Prämie von 5000 Frcs.\nerhalten.\nMeyerbcer's Pardon de Pbermel füllt immer noch\nallwöchentlich drei bis vier Mal das Haus. Das Theater\nim Palais royal bereitet eine Parodie unter dem Titel:\nLa chevre de Pbermel (Die Ziege von Ploermel). Die be-\nrühmte Soubrette dieser kleinen komischen Bühne, Demoi-\nselle Schneider, wird die falsche Dinorah singen.\nDer Männergesang des Vereins Orpheon macht un-\nter der geschickten Leitung von Charles Gounod wirk-\nliche Fortschritte. Am Sonntag den 21. Mai hielt er eine\nöffentliche Versammlung im Circus. Auf dem Programm\nbefanden sich unter Anderem: „Der Jäger Abschied\" von\nMendelssohn, ein Weihnachtslied und\netranger\" von Gounod, ein Chor aus der Jaguarita von\nHalevy, „Ländliches Fest\" von Minard, „Der kleine Re-\ncrut\" von Kücken. EI wart hat ein Salut imperial und"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5026, "texte": "ein Depart pour l'ltalic,Kriegslied für vier Männerstim-\nmen, herausgegeben.\nDas Ilaupt-Rendezvous der müssigen Welt ist jetzt das\nPre Catalanim Bois de Boulogne. Die Reihe von Equi-\npagen vor demselben ist stets unabsehbar. Nicht nur die\nOrchestermusik, die dort gemacht wird, sondern hundert\nandere Dinge ziehen die Leute an: das\nmit seinem ganz artigen Ballet, die Spielsäle, d. h. wo Ke-\ngel, Federball, Billard, Lotterie von Blumen u. s. w. ge-\nspielt wird, der Fischteich, wo die künstliche Fisch-Pro-\nduetion gezeigt wird, die ihn bevölkert, der photographi-\nsche Pavillon, wo mehrere Apparate stets in Thätigkeit\nsind u. s. w. Nimmt man dazu das schöne Wetter und den\nallerliebsten, mit Blumenkörben, Rosenbüschen und blühen-\nden Sträuchern prangenden Garten und die gute Restau-\nration, so befindet man sich dort ganz vortrefflich und\ndenkt weder an den Po noch an den Kaiser. —■ Die Ge-\nschwister Ferni haben auch zwei Mal dort im\ndes fleurs gespielt. Der Director des ist ein\nHerr Ber (Beer).\nIm Cirque de Vlmperatrice lassen sich unter ungeheu-\nrem Zulauf zwei americanische Geiger, die Gebrüder Da-\nniel, hören. Es ist wahr, solche Virtuosen sind noch nicht\nda gewesen. Während der schwierigsten Passagen schiesst\nder Eine plötzlich Kobolz, während der Andere sich mit\nder grossen Zehe hinter den Ohren kratzt. Der Enthusias-\nmus des Publicums ist unbeschreiblich. Man muss aller-\ndings lachen, und noch mehr, wenn man die Bemerkung\nmacht, dass es eigentlich, da die beiden Künstler (?) sehr\ngut spielen, keine derbere Ironie auf die Hexereien der\nVirtuosen gibt, als das Spiel und die Gebahrung dieser\nmusicalischen Clowns.\nAm 19. Mai fand die General-Versammlung der\nAssociation des Artistes musiciensStatt. Es ist dies die\nzweite der von Baron Taylor gegründeten Gesellschaften\n(die erste war die Gesellschaft der Autoren, von welcher\nin dem ersten Artikel dieser Nummer die Rede ist). Sie be-\nsteht jetzt 17 Jahre, zählt 5000 Mitglieder und hat ausser\nden jährlichen Beiträgen derselben 22,000 Fr. Renten. Die\nBeiträge betrugen im Jahre 1858 21,771 Fr. 50 C. Aus-\nserdem fliessen der Gesellschaft ausserordentliche Einnah-\nmen zu durch Veranstaltung von musicalischen Aufführun-\ngen zu ihrem Vortheil, durch Geschenke und Vermächt-\nnisse. Unter den Aufführungen nimmt die jährliche Cäci-\nlien-Messe in der Kirche St. Eustache den ersten Platz ein.\nDieses Mal hat sie 7000 Fr. eingebracht. In den 17 Jah-\nren ihres Bestehens hat die Gesellschaft 200,000 Fr. an\nUnterstützungen für alte und verarmte Musiker gegeben.\nIm Jahre 1858 hat sie gezahlt:\n44 Pensionen zu 300 Fr 11100 Fr.\n44 Pensionen zu 180 Fr 8640 „\nFür die Erziehung von vier Waisen 1020 „\n21700 Fr.\nDazu kamen an monatlichen Unterstützungen an die Be-\ndürftigsten oder an Aushülfe bei augenblicklichen Verle-\ngenheiten noch 4082 Fr., so dass im Ganzen 25842 Fr.\nausbezahlt worden sind. Darin ist die unentgeltliche Ver-\nabreichung von Arzneimitteln nicht in Anschlag gebracht.\nEhrenvolle Erwähnung verdient, dass fünf pariser Aerzte\numsonst die kranken Mitglieder der Gesellschaft besuchen.\nDie feine Coloratursängerin Madame Miolan-Car-\nvalho wird nach London gehen, um auf dem Coventgar-\nden-Theater in Meyerbeer's Pardon, dessen Text unter\ndem Titel 11 Pelerinaggio(die Wallfahrt) ins Italiänische\nübersetzt ist, die Dinorah zu singen. Der Componist hat\nselbst die nöthigen Recitative statt des gesprochenen Dia-\nlogs dazu geschrieben. Die Vorstellung soll am 15. Juni\nStatt finden.—Am 24. Mai hat Mad. Miolan-Carvalho ein\nPasticcio aus verschiedenen Opern u. s. w. zu ihrem (vor-\nläufigen) Abschieds-Benefiz gegeben, das ihr 24,000 Fr.\neingetragen hat.\nDie Gesammt-Einnahme von Theatern, Concerten,\nBällen u. s. w. hat im April 329,680 Fr. weniger be-\ntragen, als im Monat März.\nIm Theater der italiänischen Oper sang Tam-\nberlik zum letzten Male in Verdi's Die Vor-\nstellung wurde zum Vortheil der italiänischen Freiwilligen\ngegeben, allein trotz der doppelten Preise hat sie doch nur\n9000 Fr. eingebracht. Mad. Frezzolini bekam nach dem\ndritten Acte einen Nervenanfall und musste die Scene ver-\nlassen.\nDie junge Tänzerin Emma Livry ist bei der grossen\nOper auf drei Jahre engagirt worden, für 18,000 Fr. im\nersten, 24,000 im zweiten, 30,000 im dritten Jahre-.\nDie Sängerin des Hof-Operntheaters aus Wien, 31a-\ndame Czillag, hat als Fides im Propheten einen grossen\nEnthusiasmus erregt. Ausserdem ist sie als Leonore in der\nFavoritin und als Recha in der Jüdin aufgetreten. Ihre\nCollegin oder Nebenbuhlerin in Wien, Fräul. Tietjens,\nzum zweiten Male in London, ist der Stern der italiäni-\nschen Oper im Drurylane-Theater.\nDer Clavier-Auszug von Meyerbeer's Pardon\nde Pbermelist in voriger Woche bei Brandus & Dufour\nerschienen. Die einzelnen Nummern daraus waren schon\nam Tage nach der ersten Aufführung zu haben. Ferner\nist das Textbuch bei Michel Levy zu kaufen, eben so die\nMise en scene von Palianti, Regisseur der komischen Oper.\nPartitur und Orchesterstimmen werden spätestens Ende\nAugust fertig. (Wohlan, ihr Herren Theater-Directoren!"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 851, "texte": "kauft, kauft! Armer Mozart! Weber! Marschner! wenn es\nEuch auch so gut geboten worden wäre! Aber Ihr seid\nselbst daran schuld; Ihr habt es dem Publicum zu gut ge-\nboten und den Verlegern. In diesen Tagen ist z. B. in\nKöln ein Process gegen zwei Antiquar-Buch- und Musi-\ncalienhändler wegen Verkaufs von Nachdruck Schlesinger'-\nscher Verlags-Artikel, Compositionen von C. M. von We-\nber, rechtskräftig entschieden worden, wonach Herrn Schle-\nsinger in Berlin eine so bedeutende Entschädigungssumme\nzugesprochen ist, wie sie Weber gewiss nicht als Honorar\nfür seine Compositionen erhalten hat! Die grosse Kluft zwi-\nschen rechtmässiger, d. h. würdiger Bezahlung des gei-\nstigen Eigenthums und rechtmässigem Schutz desselben,\nder meistens nur auf Schutz des Verlags hinausläuft, lässt\nsich freilich durch die Gesetzgebung des Staates nicht aus-\nfüllen !)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-06-04-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-06-04_01#c006", "volume": "bmtnabi_1859-06-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "184", "page_fin": "184", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.8", "debut_caractere": 853, "fin_caractere_exclue": 1309, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDas siebente Musikfest der niederländischen Gesellschaft\nzur Beförderung der Tonkunst wird zu Arnlieim an den Tagen\ndes 18, 19. und 20. August Statt finden. Zur Aufführung kom-\nmen: Samson von Händel, Bruchstücke aus der Alceste yon\nGluck (Fräulein Auguste Brenken die Partie der Dalila und\nAlceste), die Musik zum Drama Lucifer von van Eycken und\neinige Compositionen von Ver hülst, welcher die Aufführungen\ndirigiren wird."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "177", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie dramatische Hierarchie in Frankreich. Musicalische Institute in Breslau. Der alte Choralgesang. Von Dr. M.\nNeuigkeiten aus Paris. Tages- und Unterhaltungsblatt (Das siebente Musikfest der niederländischen Gesellschaft zur Beför-\nderung der Tonkunst),\n\nDie dramatische Hierarchie in Frankreich.\nCentralisation und Administration! Das sind zwei\nDinge, welche die Franzosen in allen Zweigen dermaassen\npraktisch ausgebildet haben, dass alle anderen Völker An-\nfänger dagegen sind. Ob dies zum Heile der wahren Ci-\nvilisation und der sittlichen Kraft geschieht, das wollen wir\nhier nicht erörtern, sondern nur eine Darstellung der\nArt und Weise versuchen, wie beide im Bunde mit der\nIndustrie sich sogar der Poesie und der Tonkunst bemäch-\ntigt haben, namentlich der dramatischen.\nO 7\nParis liefert die dramatischen Producte für ganz\nFrankreich, das weiss ein Jeder. Aber wie diese Pflanzen\ngezogen und getrieben werden, wie sie an das Tages- oder\nvielmehr an das Lampenlicht kommen, durch welche Mit-\ntel man Blüthen ohne Wurzel und Stamm erzeugt, oder\nmomentane Erfolge erzielt, woher die häufigen Enttäu-\nschungen kommen, welche die Provincial-Theater erleben,\nwenn sie von der Hauptstadt angepriesene und dort mit\neinem Schein-Erfolge in Scene gegangene Stücke und\nOpern zur Aufführung bringen,—das weiss man nicht. Die\nProvinzen und das Ausland sind zwar auf mancherlei Art\nder Gefahr ausgesetzt, durch die pariser Industrie ange-\nführt zu werden; jetzt aber hat sich leider die industrielle\nSpeculation auch der Kunst bemächtigt, vor Allem der\nAusbeutung des Theaters. Wir wollen desshalb, vielleicht\nzum allgemeinen Besten, der Haupt-Firma ein wenig in\ndie Karte gucken und den Schleier der Theater-Geheim-\nnisse etwas lüften.\nDie Gesellschaft der dramatischen Dichter\nund Componisten in Paris, nach deren Vorgang nach-\nher die Vereine der Schriftsteller, der Tonkünstler, der\nMaler u. s. w. entstanden sind, wurde im Jahre 1829 ge-\ngründet. Ihr eifrigster Förderer war Scribe, und er hat\ndadurch seinen jetzigen und künftigen Berufsgenossen\neinen eben so grossen Dienst als sich selbst geleistet; denn\nin der That erhielten die vereinten Interessen dadurch eine\nBürgschaft und Sicherheit, die den vereinzelten gefehlt hatte.\nBald nach ihrer Gründung hatte sie bereits eine Probe\nzu bestehen. Vier von den kleineren Theatern Vaude-\nville, Varietes, Gymnase und Nouveautes geriethen in\nZwist mit ihr wegen Frei-Billets oder einer ähnlichen Frage.\nNach den Statuten der Gesellschaft mussten alle ihre Mit-\nglieder bis auf weiteren Befehl aufhören, für diese Bühnen\nzu arbeiten, welche, wie missliebige Leute auf den Univer-\nsitäten, in Verruf erklärt wurden. Es fanden sich allerdings\neinige falsche Brüder, die unter angenommenen Namen\ndas Verbot übertraten; auch öffneten die Directoren der\nvier geächteten Bühnen Thür und Thor jungen Schrift-\nstellern, die nicht Mitglieder der Gesellschaft waren. Allein\ndas alles konnte auf die Dauer nichts helfen, und die in\nBlocade-Zustand erklärten Theater hielten es für das Beste,\nFrieden zu schliessen, was auch von der anderen Seite ge-\nwünscht wurde.\nEtwa zwölf Jahre später wurde das Gymnase wieder\nin Belagerungs-Zustand erklärt, da der Director desselben\nden Vertrag mit der Gesellschaft nicht unterzeichnen\nwollte. Er war Manns genug, um lange auszuhalten; seine\nFestung erhielt Proviant mitten durch die feindlichen Li-\nnien, auch gingen aus diesen selbst einige verkleidete\nUeberläufer zu ihm über. Der Krieg dauerte zwei Jahre.\nDer Director Poirson gab aber lieber seine Unternehmung\nauf, als dass er nachgegeben hätte. Sein Nachfolger Mon-\ntigny einigte sich wieder mit den Gewaltigen.\nDie Gesellschaft wird durch einen Ausschuss von fünf-\nzehn Mitgliedern vertreten und geleitet, welche durch die\nGeneral-Versammlung gewählt werden. Ein Drittel des-\nselben scheidet jedes Jahr aus und ist vor Ablauf eines\nJahres nicht wieder wählbar. Auf fünf Schriftsteller kommt\njedesmal ein Componist.\nZwei General-Agenten sind, gegen Caution und Ver-\nantwortlichkeit, damit beauftragt, die Einnahme-Antheile"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "178", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.2", "texte": "der Autoren [droits d'aidcurs)in Paris und in ganz Frank-\nreich einzuziehen. Alle Städte, selbst die kleinsten, in de-\nnen eine Schauspieler-Gesellschaft sechsten Ranges nur\nvon Zeit zu Zeit auf ihrem Nomadenleben ihr Zelt auf-\nschlägt und den Thespis-Karren abspannt, haben einen\nUnter-Agenten, der mit den beiden General-Einnehmern,\nwie bei den Feuerversicherungen, in Verbindung steht.\nFreilich werfen diese kleineren Agenturen selbst in bedeu-\ntenden Städten nicht so viel ab, um einen xMann als sein\neinziges Gewerbe zu beschäftigen; aber häufig findet sich\nein Theaterfreund, der für freien Eintritt und noch ein\noder zwei Billets jeden Abend obenein mit Vergnügen so\nein Pöstchen übernimmt. Das ist dann wieder baarer Ge-\nwinn für die General-Agenten. Diese erhalten nämlich für\ndie Einziehung der Tantiemen in Paris zwei, in der Pro-\nvinz fünfzehn Procent. Die letztere Vergütung ist desswe-\ngen so hoch für sie, weil sie dem Unter-Agenten, wenn\ner es nicht aus Dilettantismus thut, ebenfalls seine Pro-\ncente zahlen müssen, und weil dieser Theil ihres Amtes\neine ausgedehnte Correspondenz und viel Detail-Arbeit\nverlangt, da auch der kleinste Einnahme-Antheil in dem\nunbedeutendsten Flecken (der geringste sinkt bis zu 1 Fr.\n50 Cent. l2 Silbergroschen—für ein einactiges Stück\nherab) eben so gut wie die grössten Summen eingezogen\nund verrechnet werden muss. Ohne eine solche Organi-\nsation würde die Einnahme aus der Provinz, abgesehen\nvon den grossen Städten, so gut wie Null sein.\nUebrigens beträgt die Einnahme in Paris fünf Sechs-\ntheile der Gesammt-Einnahme. In den letzten Verwal-\ntungsjahren hat sich die Einnahme der dramatischen\nSchriftsteller und Componisten ungefähr auf 1,200,000\nFrcs. belaufen, wobei auf Paris eine Million kam. Dazu\nkommen noch die Einnahmen aus dem Auslande, in Folge\nneuer internationaler Verträge über das geistige Eigen-\nthum. Indessen sind diese letzteren bis jetzt noch unbe-\ndeutend; Belgien und Piemont kommen dabei allein in Be-\ntracht. England übersetzt Jahr aus, Jahr ein französische\nStücke und macht sie für seinen Geschmack zurecht; aber\nder betreffende Vertrag wird in seinem Buchstaben durch\ntausend Kniffe umgangen und ist jenseit des Canals nur\nin der Theorie vorhanden.\nDie pariser Theater zahlen eine verhältnissmässige\nSumme von der Einnahme an den Verfasser. Bei der\nOper allein ist der Antheil unveränderlich festgesetzt: 500\nFr ■es. für jede der vierzig ersten Vorstellungen eines Wer-\nkes, das den Abend ausfüllt, und 300 Frcs. für jede nach-\nfolgende. Diese Summen werden zwischen dem Dichter\ndes Buches und dem Componisten getheilt. (Macht für den\nComponisten, dessen Oper 400 Vorstellungen erlebt, wie\nz. B. Meyerbeer's „Robert der Teufel\" 64,000 Frcs. =\nr 7,06 Thlr., ohne die Einnahme vom Verkaufe der\nPartitur und des Verlagsrechtes aller Arrangements aus\nderselben, Und wo ist in Deutschland vollends der glück-\nliche Operndichter, dem sein Buch 18,000 Thlr. ein-\nbrächte? Unter solchen Umständen kann man es wahrhaf-\ntig einem deutschen Componisten kaum verargen, wenn\ner dem Kaiser von Frankreich versichert, dass er in Paris\ndie besten „Richter\" fände!)\nDas Thedtre Frangais zahlt ein Zwölftel der Ein-\nnahme für ein Stück von 4 5 Acten, ein Achtzehntel\nfür 3, ein Vierundzwanzigstel für 1 oder 2 Acte. Im Gym-\nnase, Vaudeville'den Varietes und dem Palais Royal be-\nträgt der Verfasser-Antheil 12 Procent für den Abend,\nwelche auf die zwei oder drei Stücke je nach ihrem Um-\nfang vertheilt werden; bei vier Stücken geht der Antheil\nin gleiche Theile, ohne Rücksicht auf die Zahl der Acte,\nalso z. ß. von einer Einnahme von 2000 Eres, und vier\nStücken erhält der Verfasser eines jeden 60 Francs. Die\nTheater, welche Dramen geben, zahlen 10 Procent. Der\nRechnungs-Abschluss für alle Betheiligten findet jeden\nUetzten des Monats Statt und wird in der ersten Hälfte\ndes folgenden durch Zahlung an der Theater-Casse be-\nrichtigt.\nAusserdem stellen die Autoren auch Wechsel auf ihre\nTantiemen aus, welche von anderen Personen auf ihre\nGefahr gegen gehörige Procente honorirt werden. Ein ge-\nwisser P... hat es dahin gebracht, diesen Handel fast ganz\nund gar für sich zu monopolisiren. Er führt so genaue\nBücher, wie der grösste Industrielle oder Kaufmann, in\ndenen jeder seiner Kunden seine monatliche Rechnung\neinsehen kann. Er ist der Banquier des Genie's, er macht\nauf die Opern und Stücke, sobald sie in das Stadium der\nProben getreten sind, Vorschüsse, die er dann bei den\nGeneral-Agenten nach der Aufführung wieder einzieht.\nDas ist nicht so gefährlich, wie es aussieht; denn Herr P.\nist zugleich auch Erfolg-Besorger (.Entrepreneur de suc-\nces), ein unter den Waffen ergrauter Taktiker in der Füh-\nrung der Scharen, die unter dem Kronleuchter sitzen. Je-\ndermann wird jetzt den Rang begreifen, den dieser Mann\nin der Theaterwelt einnimmt. Es ist in ganz Paris kein\nDichter und kein Componist, der ihn nicht grüsst und voll\nHöflichkeit gegen ihn ist. Uebrigens weiss P. zu leben; er\nhat ein Landhaus und eine Frau, die eben so liebenswür-\ndig und fein wie jede Salon-Dame empfängt; kurz, er ist\nin seiner Art eine bedeutende Persönlichkeit, die man nir-\ngendwo auf der Welt, ausser in Paris, antreffen kann.\nDie Agenten dürfen für keinen Autor Geschäfte ma-\nchen, der nicht Mitglied der Gesellschaft ist. Desshalb be-\neilt sich jeder dramatische Freiwillige, sich in die Regi-\nments-Liste einschreiben zu lassen. Es fallen indess auch"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "179", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.3", "texte": "Aufmunterungen dazu vor, Schreiben und Circulare des\ndirigirenden Ausschusses mit Anreden wie:\neher confrere!\"mit Redensarten wie: „Sie müssen eine\nStimme und das Recht, in den Versammlungen mitzuspre-\nchen, haben!\" —Doch ist zum Beitritt ein gewisser\n(nicht mit iSensuszu verwechseln!) erforderlich; dieser\nCensus besteht in einer bestimmte! Anzahl von Acten,\ndie man in Paris auf die Bühne gebracht hat. Nun frei-\nlich! die Hälfte oder ein Drittel davon in einer Operette\nin den Bouffesoder den Fo einem Sing-\nspiel in den Dcla-s?ements comiqkönnte ja keinen voll-\nwichtigen Anspruch begründen!\nIn der jährlichen General-Versammlung wird der Be-\nricht über das Geschäftsjahr abgestattet, über die abge-\nschlossenen Verträge, über die geführten Processe, über\ndie streitigen Sachen; denn die Gesellschaft hat nicht um-\nsonst ihren Rechtsbeistand, und ihre Eroberungen auf dem\nGebiete der gebührenden Belohnung geistiger Arbeit wer-\nden nicht ohne Kampf und ohne Stempelpapier durchge-\nsetzt. Dann folgt die Rechnungs-Ablage.\nIm Budget nimmt der Titel zur Unterstützung von Be-\nrufsgenossen, welche in ihren Lebensverhältnissen zurück-\ngekommen sind, einen wichtigen Theil ein. Auch Witwen\nund Waisen werden unterstützt; unter anderen findet sich\nda auch ein Ausgabe-Posten als Beitrag zur Erziehung\neines Fräuleins, das in gerader Linie von Racine durch\nseine Tochter abstammt. Diese Wohlthätigkeits-Casse wird\ndurch den Abzug eines halben Procents von allen Tan-\ntiemen und durch Vorstellungen zu ihrem Vortheil, die\nvertragsmässig mit den Theater-Directionen festgestellt sind,\nerhalten; die Hälfte des Ertrages dieser Vorstellungen er-\nhält jetzt die Gesellschaft der dramatischen Künstler. Fer-\nner hat die genannte Casse Capitalien und Inscriptionen\nauf die Rente. Der Gesellschaft der dramatischen Dichter\nund Componisten gebührt die Ehre,\" allen anderen Künst-\nler- und Schriftsteller-Vereinen in dieser Beziehung voran-\ngegangen zu sein und die Grundsätze der Sparsamkeit und\nVorsorge für die Zukunft zuerst zur Geltung gebracht zu\nhaben. Wenn es in Frankreich auch noch verkommene\nSchriftsteller und zigeunerisch herumbummelnde Künstler\ngibt, so hat die grosse Mehrzahl doch begriffen, dass die\nOekonomie recht gut mit der Cultur der Kunst und Wis-\nsenschaft Hand in Hand gehen kann. Das ist ein grosser\nFortschritt, und das Verdienst der Gesellschaft, von der\nwir reden, um diesen Fortschritt ist hoch anzuschlagen.\nDie Wahlen in den Verwaltungs-Ausschuss bieten ein\ngrosses Interesse dar; es gibt der Bewerber stets viele, da\ndie Erwählung ein Zeugniss der Hochachtung und des\nVertrauens der Collegen ist. Die Stimmen werden mit\ndemselben Eifer wie bei politischen Wahlen durch die\nCandidaten und ihre Freunde zu gewinnen gesucht. Es\nmag auch zuweilen eigennütziges Interesse dabei im Spiele\nsein, da ein Sitz im Ausschluss näheren und wirksameren\nEinfluss auf die Theater-Directionen gewähren soll, wie\nman sagt.\nDie Debatten in den Versammlungen sind oft sehr\nstürmisch und lärmend, und die Stimme und die Schelle\ndes Präsidenten werden stark in Anspruch genommen.\nSelbst das Ansehen eines Vorsitzenden wie Scribe vermag\nzuweilen nicht den Sturm zu beschwören, und Viennet hat\nsich durch seinen Eifer auf dem Präsidentenstuhle eine\ntotale Heiserkeit zugezogen.\nVon den fünf- bis sechshundert Mitgliedern der Ge-\nsellschaft hat im vorigen Jahre ungefähr die Hälfte ein\nLebenszeichen durch ein Werk oder ein Werklein von\nsich gegeben. Fünfundzwanzig oder dreissig Autoren, die\ngrossen Producenten, Scribe an der Spitze, theilen unter\neinander die Hälfte der Einnahme; der Rest zerfällt in\nsehr ungleiche Theile, die sich von einem paar Tausend\nbis auf ein paar Hundert Francs abstufen. Es gibt übri-\ngens eine Menge vou inactiven Mitgliedern, Vereinsgenos-\nsen in partibu-s,die selten oder nie darauf rechnen, dass\ndie Abrechnung auch für sie etwas auswerfe.\nEinige von diesen sind ehrenwerthe Veteranen, die\ndas Älter zur Unthätigkeit zwingt; Andere sehen sich da-\ngegen sehr unfreiwillig zum Verzicht auf Einnabme-An-\ntheile verurtheilt, da zahllose Hindernisse die Zugänge zur\nBühne für denjenigen umstarren, der nicht gewisse Be-\ndingungen erfüllt. Seit der Abschaffung der Lese-Comite's\nsind die Directoren allein Richter über die Annahme eines\nStückes oder einer Oper und Operette. Es mag unter ihnen\ngerechte, unparteiische, aufmerksame und humane Männer\ngeben, bei denen man nicht zu fürchten hat, dass eine\nUeberladung des Magens, gereizte Nerven, üble Laune,\nschlechte Stimmung Einfluss auf das Schicksal eines ange-\ntragenen Werkes haben; aber ist es ausgemacht, dass je-\nder Director ein Muster in seiner Art ist, und dass bei\nsolch einem absoluten Einzelrichter persönliche Rücksich-\nten niemals in Betracht kommen?\nUnter den Privilegirten des Theaterzettels nehmen zu-\nnächst die Männer von hervorragendem, bewährtem Ta-\nlente den ersten Rang ein; sie werden ersucht, sie werden\naufgefordert, sie werden gebeten. Immer aber ist es gut,\nwenn sie neben ihrem Talente auch ein gewisses Selbst-\nbewusstsein besitzen und die Gabe, aufzutreten und sich\ngeltend zu machen. Dadurch bringt man es zu Contracten,\ndie ausserhalb der allgemeinen und sich von selbst verste-\nhenden Bedingungen liegen, zu Prämien, die vor der Vor-\nstellung des neuen Werkes gezahlt und reiner Verlust\nwerden, wenn das theuer bezahlte Werk Fiasco macht.\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "180", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.4", "texte": "Man begreift, dass alle möglichen Mittel von den beiden\nBetheiiigten aufgeboten werden, um ein Fiasco zu verhin-\ndern. Man kann es den Autoren nicht verdenken, wenn\nsie die Schwäche oder Speculation der Directoren be-\nnutzen; letztere aber würden wahrlich besser thun, es bei\nden gesetzlichen Bestimmungen bewenden zu lassen. Es\ngibt Leute, und zwar sehr berühmte, die sich eine be-\nstimmte Zahl von Vorstellungen garantiren las-\nsen und auf diese Weise das Urtheil des Publicums zur\nPosse machen. Die Provinz und das Ausland können sich\nalso auch nicht einmal nach der Zahl der Vorstellungen in\nParis binnen so und so viel Zeit ein sicheres Urtheil über\nden Werth des Werkes, ja, nicht einmal über den pariser\nGeschmack an ihm bilden.\nWas diese Privat-Contracte betrifft, so wollen wir ein\nBeispiel davon anführen. Ponsard bot sein Stück\nnear etl'Argentdem Theätre an; das damalige\nLese-Comite der Herren Societaires dieser Bühne (denn\nsie heissen nicht mehr Comediens!) war so gescheidt, es\nzurückzuweisen Ponsard hatte noch keinen Namen und\nkein Vermögen! Er bot es Herrn Altaroche, Director des\nOdeons, an. Dieser nahm es an, erwartete aber nichts\nmehr davon als einen ehrenvollen literarischen Erfolg. Er\nmachte einen Privat-Vertrag mit dem Dichter, in welchem\ner diesem die Hälfte der Einnahme von jeder Vorstellung\nnach Abzug der Tageskosten (800 Francs) zusicherte.\nSeiner Meinung nach übernahm er damit eine Verpflich-\ntung, die wenig oder gar keine Folgen haben würde. Was\ngeschah? L'honneur et l'Argent gefiel ausserordentlich,\nwurde ein Modestück, das fast täglich wiederholt werden\nmusste, und fügte das „Geld\" zu der „Ehre\". Ponsard\nbezog ausser dem gesetzlichen Einnahme-Antheil von je-\nder Vorstellung einige Hundert Francs auf seine Hälfte von\nder Summe über 800 Francs. Auf diese Weise brachte\nihm das Stück in den ersten vier Monaten fünfzigtausend\nFrancs ein.\nNun, wenn dem wirklichen Talente die Wege geebnet\nund die Pforten geöffnet werden, so ist das in der Ordnung.\nAber nun kommt die Reihe an die Macher vom Hand-\nwerk, an die Unternehmer der dramatischen Confection.\nDiese Leute besitzen als Haupt-Eigenschaft Rührigkeit,\nGewandtheit, Unermüdlichkeit und eine Zähigkeit, die sich\ndurch nichts und niemals abschrecken lässt. Sie sind da,\nimmer da, überall da, hinter den Coulissen, im Cassen-\nzimmer, im Cabinet des Directors. Sie fehlen bei keiner\nGelegenheit, wo man sie braucht. Gibt es ein Debüt einer\nKünstlerin oder eines Künstlers, so wirken sie mit Wort\nund Feder, in Kaffeehäusern und Journalen, in Salons1 und\nauf den Boulevards dafür. Wird ein Stück für die Figur,\nfür die Nase, das Bein, den Fuss oder irgend eine andere\nbesondere Schönheit, ja, für eine schiefe Hüfte, einen kur-\nzen Fuss (Piquedame, komische Oper), eine hohe Schulter\noder eine andere Missbildung, ein Operntext für eine ab-\ngesungene Nachtigall, für ein Tenor-«? aus der Brust, für\neinen Komiker ohne Stimme begehrt: sie sind da, sie lie-\nfern auf Bestellung, auf Schneider- und Schuhmacher-\nMaass. Sie essen mit dem Director, rauchen ihre Cigarre\nmit ihm, trinken ihre halbe Tasse mit ihm, unterhalten ihn.\nSie machen der Favoritin des Sultans den Hof, tragen ihr\nallen Theaterklatsch zu, verschaffen ihr in eigenen Stücken\noder in denen guter Freunde auf Gegenseitigkeit eine pas-\nsende, für sie allein glänzende Rolle, und was all derglei-\nchen Dinge mehr sind, die dem Werth der Stücke auf-\nhelfen und oft ihn ganz und gar ersetzen müssen. Man\nkommt weiter mit dem Savoir-faire ohne Talent, als mit\ndem Talent ohne Savoir-faire.Es gibt Schriftsteller und\nComponisten, die Beides mit einander vereinigen das\nsind die Glücklichen pa/r excellen\nVergessen wir nicht die mächtige Hülfe der getheilten\nArbeit, die aber bei der dramatischen Confection vereinigte\nArbeit heisst und ihre ganz besonderen Geheimnisse hat.\nDie Compagnie-Fabrication wundert die Leute am\nsten, sie können sie sich nicht recht erklären. Wie ist denn\ndas Verfahren bei der getheilten Arbeit an einem Geistes-\nproducte (wenn nämlich Geist dabei ins Spiel kommt!) be-\nschaffen? ln den gewöhnlichen Fällen verhält es sich\nso damit:\nDa ist zum Beispiel ein fruchtbarer Producent: er soll\nKunz heissen. Kunz hat eine ganz besondere Nase, Stoffe\nzu wittern. Er ist ein Stoffjäger, wie es wenige gibt. Kunz\npirscht immer durch die Wälder des Lebens und der Ge-\nschichte, oder er steht auf dem Anstand, lauert auf alle\nVorkommnisse, belauscht jede Bewegung, jedes Lied auf\nder Strasse, das populär zu werden beginnt. Zu Hause\nund auf den Bibliotheken lies't er alte Romane, Local-\nChroniken, vergessene Theaterstücke; er sucht Kunstwer-\nken, welche die Vogue haben, eine Seite abzugewinnen,\ndie zu einer Parodie zu gebrauchen wäre, oder zu einer\ngeschminkten Copie, zu einer etwas veränderten Ausbeu-\ntung einer und derselben Rolle. Kunz hat aber kein Ta-\nlent, zu schreiben oder gar Verse zu machen; er geht mit\nseinem Vorrath zu Hans, der ein Mann von Fach ist. Kunz\nist voll Ideen, wenigstens voll von Stoffen, aber er kann\nsie nicht verarbeiten; Hans hat gar keine Ideen, aber er\nversteht das Handwerk, und so setzen sie aus zwei Hälften\neinen Autor zusammen.\nWerden drei Mitarbeiter genannt, so kann man in\nder Regel annehmen, dass der Eine von ihnen gar nicht\ngeistig mitarbeitet; aber er macht die nöthigen Gänge,\nläuft überall, wo es noth thut, herum, besorgt alle äusseren"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "181", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.5", "texte": "Geschäfte, übernimmt alle Schritte, die auf der dornigen\nBahn zum Tempel des Theaters gethan werden müssen.\nManche von solchen Triumvirn, deren Compagnie oft sehr\ngute Geschäfte macht, haben weiter kein Verdienst, als\ndass sie die Unterhandlung zwischen zwei Mitarbeitern\ngeleitet und die Verbindung zu Stande gebracht haben,\nmit dem Bedinge: „Ich sei in Eurem Bunde der Dritte!\"\nDas sind Makler, die mehr Schuhe als Federn abnutzen.\n(Schluss folgt später.)\n\nMusicalische Institute in Breslau.\nRegelmässige Abonnements-Concerte geben die Thea-\nter-Capelle (Musik-Director Seidelmann), die Capellen\ndes Herrn Schön, des Herrn Bilse, des Herrn Dam-\nrosch, des Dirigenten der Musik-Gesellschaft „Philhar-\nmonie\". Viele von diesen Concerten sind aber nur gesel-\nlig musicalische Versammlungen, bei denen man seine\nCigarre raucht.\nHerr Damrosch steht an der Spitze der Zukünftler,\nwelche die Gegenwart bekehren wollen. Ein Bericht des\nDr. Viol aus Breslau in den „Wiener Recensionen\" sagt\nunter Anderem über ihn:\n„In den Concerten der Philharmonie wurden vorzugs-\nweise Werke der Neu-Romantiker aufgeführt; die meisten\nsymphonischen Dichtungen Liszt's, Ouvertüren von H.\nBerlioz, eine Faust-Ouverture, die Tannhäuser-Ouver-\nture und Stücke aus Lohengrin von R. Wagner, Sinfo-\nnieen von R. Schumann, Rubinstein u. s. w. Neben\nden Sinfonieen von Beethoven lief auch einmal hin und\nwieder eineSinfonie vonHaydn oder Mozart vom Stapel,\ndoch mit sehr stiefmütterlicher Behandlung und ohne gros-\nses Geräusch. Die symphonischen Dichtungen Liszt's dage-\ngen wurden dem Publicum als auf der Höhe der Zeit ste-\nhende Erscheinungen mit solcher Hartnäckigkeit trotz alles\nProtestirens vorgeführt, dass zuletzt den mehr als gutmü-\nthigen und geduldigen Zuhörern nichts weiter übrig blieb,\nals das Radicalmittel, die Concerte gar nicht zu besuchen.\"\nAusserdem hat Herr Damrosch zwei grosse Concerte\nim Musiksaale der Universität veranstaltet. In dem ersten\nwurde die neunte Sinfonie von Beethoven ausgeführt. Die\nallgemeine Bemerkung des genannten Berichterstatters\nlautet: „Es ist unglaublich, wie leichtfertig man heutzutage\nmit der Ausführung so riesiger Werke umspringt. Die\nKräfte mögen noch so schwach und mangelhaft sein, die\nAussicht auf einen nur irgendwie sicheren Erfolg mag noch\nso gering erscheinen, man arbeitet unbekümmert darauf\nlos, damit die Sache überhaupt nur gemacht und\nals geschehen registrirt werden kann.\"\nDas zweite Concert wurde in der Schiesswerder-Halle\nvor dem Oderthor, die einige Tausend Menschen fasst,\ngegeben „zu Ehren und unter gütiger Mitwirkung des\nHerrn Dr. Franz Liszt\". Programm: 1. „An die Küns-\ntler\", für Männergesang und Orchester von F. Liszt.\n2. Violin-Concert von Beethoven, gespielt von Herrn\nDamrosch. 3. Tasso {Lamento symphonische\nDichtung von Liszt. 4. Die neunte Sinfonie von Beetho-\nven. (Natürlich! sie war zwar kurz vorher schon einmal\ngehört, aber wo in aller Welt sollte man ausser ihr irgend\nein Werk hernehmen, das einiger Maassen würdig gewe-\nsen wäre, neben der Hymne „An die Künstler\" und neben\nder Tasso-Sinfonie zu stehen??) —Ausserdem verkündete\nder Concertzettel, „dass nach dem Concerte dem Publicum\nmit Fackelschein nach Hause geleuchtet werden würde\".\nAm Tage des Einzuges von Liszt erschien eine Bro-\nschüre von li. Gottwald: „Ein breslauer Augenarzt und\ndie neue Musikrichtung.\"\nFerner hat Herr Damrosch (und zwar in letzter Zeit)\neine „neue Gesangs-Akademie\" (die dritte in Bres-\nlau!) errichtet, deren Aufgabe sein soll „die Pflege ech-\nter Kunst im Gebiete der Vocalmusik sei sie der äl-\ntesten Vergangenheit entsprossen oder der jüngsten Gegen-\nwart.\" (Nun, das wird ein schönes Ragout geben! Bach's\nPassionsmusik und Liszt's graner Messe! Händel's Messias\nund Wagner's Lohengrin! Doch ich irre mich: Händel\nwird nicht einmal zu der Ehre der Gleichstellung mit den\nHeroen der „jüngsten Gegenwart\" zugelassen werden. Bei\nso bewandten Umständen wird C. Reinecke wahrhaftig\nam besten thun, Mosewius' Geist zu Hülfe zu rufen, um\ndie Larven und Gespenster zu bannen, die ihn umschwirren.)\nEine zweite Sing-Akademie besteht schon seit\nmehreren Jahren unter der fleissigen Leitung des Gesang-\nlehrers Herrn Hirschberg. Am 2. April gab sie in einer\nöffentlichen Sitzung unter Anderem Mozart's\ncorpus, Lotti's Orucifixus und Mendelssohn's 42.\nPsalm.—lm Theater wurden am Busstage Havdn's Jah-\nreszeiten zum Benefiz des Herrn Seidelmann aufgeführt.\nDie alte Sing-Akademie ist bis zu der nun erfolg-\nten Ankunft ihres neu erwählten Directors Herrn C. Rei-\nnecke von Herrn Dr. Baum gart dirigirt worden. Sie\nhat Händel's Josua und am Charfreitag Choräle von Ec-\ncard und Bach und den zweiten Theil von Händel's Messias\naufgeführt. Ausserdem wurde am Charfreitage in der Eli-\nsabeth-Kirche „Der Tod Jesu\" von Graun und am Vor-\nabende Haydn's „Schöpfung\" unter Leitung des Musik-\nDirectors Herrn A. Schnabel gegeben.\nEndlich sind noch Herrn Damrosch's sieben Soi-\nreen für Kammermusik zu erwähnen, und das Theater,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "182", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.6", "texte": "das aber seinen alten Ruf durch allerlei Verhältnisse und\nDirectionswechsel nicht mehr aufrecht hält.\nZu diesen musicalischen Anstalten und Vereinen kommt\nnoch das mit der Universität verbundene akademische Kir-\nchengesang-Institut unter Leitung der Herren C. Rei-\nnecke und Dr. Baumgart.\nEs herrscht demnach in Breslau (108,000 Einwoh-\nner) ein sehr reges musicalisches Leben, das dieser Haupt-\nstadt Schlesiens auch in Hinsicht auf die Tonkunst ihren\nRang als zweite Stadt der preussischen Monarchie zu wah-\nren geeignet ist.\n\nDer alte Choralgesang.\nDr. M.\nHerr Steh Li n, Verfasser des vorzüglichen Werkes:\n„Die Naturgesetze im Tonreiche und das europäisch-abend-\nländische Tonsystem vom siebenten Jahrhundert bis auf\nunsere Zeit\", ferner der „Neueren Schicksale des alten\nChoralgesanges\", veröffentlichte in der kaiserlich königli-\nchen Hof- und Staatsdruckerei zu Wien sein früher ange-\nkündigtes Werk: „Chorallehre, nach den Grundge-\nsetzen des mittelalterlichen Tonsystems zusam-\nmengestellt und in der heutigen Musiksprache\nund Tonschrift erklärt.\" Der Verfasser componirte\nnichts dazu, sondern übersetzte nur ehrlich und wahrheits-\ngetreu in die heutige Musiksprache und Tonschrift, was\ner in den ältesten Lehrbüchern gefunden hat. Der Ver-\nfasser erkennt nur vier authentische und vier plagale Ton-\narten an und kann im ganzen Alterthume nichts Anderes\nfinden. Er führt sein System auf die Grundsätze des Guido\nvon Arezzo zurück und benutzte als weitere Quellen seiner\nLehre 1) den Cantorinus Romanus, welcher die älteste\ngedruckte Chorallehre, die von 1508 bis 1542 in stets\nvergrösserten und vermehrten Aullagen erschien, und 2)\ndie Chorallehre, die im kleinen römischen Antiphonarium\ndes Augustiner-Ordens enthalten ist. Der Verfasser ver-\nsichert, dass alle Grundgesetze des Systems in dem Schema\nder Hand enthalten und angezeigt sind, daher dieselbe\nauch in einem so grossen Ansehen im Alterthume gestan-\nden. Buvcrev, Forkel, Kiesewetter u. s. w. sind nach sei-\nner Meinung nicht in den Sinn dieser Urkunde eingedrun-\ngen; sie haben vergessen, dass auf der siebenten Tonstufe\nüber das fongeschlecht entschieden werden muss und dass\nGuido von Arezzo aus diesem Grunde das System auf das\nIlexachord gründete, welches im (tj) mit\neinem ganzen, und im Cantus mollis ({?) mit einem halben\nTone zu überschreiten ist. Diese Geschichtsforscher igno-\nrirten auch den Cantus naturalis obwohl die Zeichen\n* ip—n deutlich auf der Hand zu sehen sind, die nichts\nAnderes als die drei alten, geschichtlich bekannten Ton-\ngeschlechter vorstellen. Das Ilexachord besteht aus sechs\nTönen, die höher und tiefer ohne Veränderung des ersten\nTongeschlechtes können ausgedrückt werden. Es ist auf\ndie Tongeschlechter gegründet, die auf der siebenten Stufe\nihre Entscheidung finden, daher auch das Ilexachord nur\nbedingungsweise überschritten und mit der Octav vereinigt\nund verbunden werden kann. Es enthält nur einen llalb-\nton, der bei der dritten und vierten Stufe vorkommt, weil\nder zu einer vollständigen Tonleiter nöthige zweite je nach\ndem Tongeschlechte zu bestimmen und auf der siebenten\nStufe zu realisiren ist. Dem Ilexachord sind die Sylben\nul, re, mi, fa, sol, la untergelegt, die bekanntlich aus\neinem Hymnus an den heiligen Johannes stammen und im\neilften Jahrhundert von Guido von Arezzo eingeführt wur-\nden, der das Tonreich wie selten ein Mensch durchblickt\nund aufgefasst hat.\nDie praktischen Beispiele, die im Anhang gegeben\nsind; bezeugen die Art und Weise, wie sich der römische\nChoral nach den Quellen und Tonsystemen ausprägt. Es\nwerden Opponenten dem Werke nicht fehlen; die gänz-\nliche Verwerfung des ganzen Tones und die vollkommenste\nBerechtigung des Halbtones steht zu schroff der Anschau-\nung sehr vieler Männer von Wissen gegenüber. Jedenfalls\nist aber das Werk ein Beweis stupendcn Fleisses und ver-\ndient ernstliche Beachtung.\n\nNeuigkeiten aus Paris.\nAuf Antrag des Directors der kaiserlichen grossen\nOper hat Felicien David in Betracht des materiellen\n(Cassen-) Erfolgs, so wie der Bedeutung der Oper „Her-\nculanum\" vom Ministerium eine Prämie von 5000 Frcs.\nerhalten.\nMeyerbcer's Pardon de Pbermel füllt immer noch\nallwöchentlich drei bis vier Mal das Haus. Das Theater\nim Palais royal bereitet eine Parodie unter dem Titel:\nLa chevre de Pbermel (Die Ziege von Ploermel). Die be-\nrühmte Soubrette dieser kleinen komischen Bühne, Demoi-\nselle Schneider, wird die falsche Dinorah singen.\nDer Männergesang des Vereins Orpheon macht un-\nter der geschickten Leitung von Charles Gounod wirk-\nliche Fortschritte. Am Sonntag den 21. Mai hielt er eine\nöffentliche Versammlung im Circus. Auf dem Programm\nbefanden sich unter Anderem: „Der Jäger Abschied\" von\nMendelssohn, ein Weihnachtslied und\netranger\" von Gounod, ein Chor aus der Jaguarita von\nHalevy, „Ländliches Fest\" von Minard, „Der kleine Re-\ncrut\" von Kücken. EI wart hat ein Salut imperial und"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.7", "texte": "ein Depart pour l'ltalic,Kriegslied für vier Männerstim-\nmen, herausgegeben.\nDas Ilaupt-Rendezvous der müssigen Welt ist jetzt das\nPre Catalanim Bois de Boulogne. Die Reihe von Equi-\npagen vor demselben ist stets unabsehbar. Nicht nur die\nOrchestermusik, die dort gemacht wird, sondern hundert\nandere Dinge ziehen die Leute an: das\nmit seinem ganz artigen Ballet, die Spielsäle, d. h. wo Ke-\ngel, Federball, Billard, Lotterie von Blumen u. s. w. ge-\nspielt wird, der Fischteich, wo die künstliche Fisch-Pro-\nduetion gezeigt wird, die ihn bevölkert, der photographi-\nsche Pavillon, wo mehrere Apparate stets in Thätigkeit\nsind u. s. w. Nimmt man dazu das schöne Wetter und den\nallerliebsten, mit Blumenkörben, Rosenbüschen und blühen-\nden Sträuchern prangenden Garten und die gute Restau-\nration, so befindet man sich dort ganz vortrefflich und\ndenkt weder an den Po noch an den Kaiser. —■ Die Ge-\nschwister Ferni haben auch zwei Mal dort im\ndes fleurs gespielt. Der Director des ist ein\nHerr Ber (Beer).\nIm Cirque de Vlmperatrice lassen sich unter ungeheu-\nrem Zulauf zwei americanische Geiger, die Gebrüder Da-\nniel, hören. Es ist wahr, solche Virtuosen sind noch nicht\nda gewesen. Während der schwierigsten Passagen schiesst\nder Eine plötzlich Kobolz, während der Andere sich mit\nder grossen Zehe hinter den Ohren kratzt. Der Enthusias-\nmus des Publicums ist unbeschreiblich. Man muss aller-\ndings lachen, und noch mehr, wenn man die Bemerkung\nmacht, dass es eigentlich, da die beiden Künstler (?) sehr\ngut spielen, keine derbere Ironie auf die Hexereien der\nVirtuosen gibt, als das Spiel und die Gebahrung dieser\nmusicalischen Clowns.\nAm 19. Mai fand die General-Versammlung der\nAssociation des Artistes musiciensStatt. Es ist dies die\nzweite der von Baron Taylor gegründeten Gesellschaften\n(die erste war die Gesellschaft der Autoren, von welcher\nin dem ersten Artikel dieser Nummer die Rede ist). Sie be-\nsteht jetzt 17 Jahre, zählt 5000 Mitglieder und hat ausser\nden jährlichen Beiträgen derselben 22,000 Fr. Renten. Die\nBeiträge betrugen im Jahre 1858 21,771 Fr. 50 C. Aus-\nserdem fliessen der Gesellschaft ausserordentliche Einnah-\nmen zu durch Veranstaltung von musicalischen Aufführun-\ngen zu ihrem Vortheil, durch Geschenke und Vermächt-\nnisse. Unter den Aufführungen nimmt die jährliche Cäci-\nlien-Messe in der Kirche St. Eustache den ersten Platz ein.\nDieses Mal hat sie 7000 Fr. eingebracht. In den 17 Jah-\nren ihres Bestehens hat die Gesellschaft 200,000 Fr. an\nUnterstützungen für alte und verarmte Musiker gegeben.\nIm Jahre 1858 hat sie gezahlt:\n44 Pensionen zu 300 Fr 11100 Fr.\n44 Pensionen zu 180 Fr 8640 „\nFür die Erziehung von vier Waisen 1020 „\n21700 Fr.\nDazu kamen an monatlichen Unterstützungen an die Be-\ndürftigsten oder an Aushülfe bei augenblicklichen Verle-\ngenheiten noch 4082 Fr., so dass im Ganzen 25842 Fr.\nausbezahlt worden sind. Darin ist die unentgeltliche Ver-\nabreichung von Arzneimitteln nicht in Anschlag gebracht.\nEhrenvolle Erwähnung verdient, dass fünf pariser Aerzte\numsonst die kranken Mitglieder der Gesellschaft besuchen.\nDie feine Coloratursängerin Madame Miolan-Car-\nvalho wird nach London gehen, um auf dem Coventgar-\nden-Theater in Meyerbeer's Pardon, dessen Text unter\ndem Titel 11 Pelerinaggio(die Wallfahrt) ins Italiänische\nübersetzt ist, die Dinorah zu singen. Der Componist hat\nselbst die nöthigen Recitative statt des gesprochenen Dia-\nlogs dazu geschrieben. Die Vorstellung soll am 15. Juni\nStatt finden.—Am 24. Mai hat Mad. Miolan-Carvalho ein\nPasticcio aus verschiedenen Opern u. s. w. zu ihrem (vor-\nläufigen) Abschieds-Benefiz gegeben, das ihr 24,000 Fr.\neingetragen hat.\nDie Gesammt-Einnahme von Theatern, Concerten,\nBällen u. s. w. hat im April 329,680 Fr. weniger be-\ntragen, als im Monat März.\nIm Theater der italiänischen Oper sang Tam-\nberlik zum letzten Male in Verdi's Die Vor-\nstellung wurde zum Vortheil der italiänischen Freiwilligen\ngegeben, allein trotz der doppelten Preise hat sie doch nur\n9000 Fr. eingebracht. Mad. Frezzolini bekam nach dem\ndritten Acte einen Nervenanfall und musste die Scene ver-\nlassen.\nDie junge Tänzerin Emma Livry ist bei der grossen\nOper auf drei Jahre engagirt worden, für 18,000 Fr. im\nersten, 24,000 im zweiten, 30,000 im dritten Jahre-.\nDie Sängerin des Hof-Operntheaters aus Wien, 31a-\ndame Czillag, hat als Fides im Propheten einen grossen\nEnthusiasmus erregt. Ausserdem ist sie als Leonore in der\nFavoritin und als Recha in der Jüdin aufgetreten. Ihre\nCollegin oder Nebenbuhlerin in Wien, Fräul. Tietjens,\nzum zweiten Male in London, ist der Stern der italiäni-\nschen Oper im Drurylane-Theater.\nDer Clavier-Auszug von Meyerbeer's Pardon\nde Pbermelist in voriger Woche bei Brandus & Dufour\nerschienen. Die einzelnen Nummern daraus waren schon\nam Tage nach der ersten Aufführung zu haben. Ferner\nist das Textbuch bei Michel Levy zu kaufen, eben so die\nMise en scene von Palianti, Regisseur der komischen Oper.\nPartitur und Orchesterstimmen werden spätestens Ende\nAugust fertig. (Wohlan, ihr Herren Theater-Directoren!"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590604-01.1.8", "texte": "kauft, kauft! Armer Mozart! Weber! Marschner! wenn es\nEuch auch so gut geboten worden wäre! Aber Ihr seid\nselbst daran schuld; Ihr habt es dem Publicum zu gut ge-\nboten und den Verlegern. In diesen Tagen ist z. B. in\nKöln ein Process gegen zwei Antiquar-Buch- und Musi-\ncalienhändler wegen Verkaufs von Nachdruck Schlesinger'-\nscher Verlags-Artikel, Compositionen von C. M. von We-\nber, rechtskräftig entschieden worden, wonach Herrn Schle-\nsinger in Berlin eine so bedeutende Entschädigungssumme\nzugesprochen ist, wie sie Weber gewiss nicht als Honorar\nfür seine Compositionen erhalten hat! Die grosse Kluft zwi-\nschen rechtmässiger, d. h. würdiger Bezahlung des gei-\nstigen Eigenthums und rechtmässigem Schutz desselben,\nder meistens nur auf Schutz des Verlags hinausläuft, lässt\nsich freilich durch die Gesetzgebung des Staates nicht aus-\nfüllen !)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDas siebente Musikfest der niederländischen Gesellschaft\nzur Beförderung der Tonkunst wird zu Arnlieim an den Tagen\ndes 18, 19. und 20. August Statt finden. Zur Aufführung kom-\nmen: Samson von Händel, Bruchstücke aus der Alceste yon\nGluck (Fräulein Auguste Brenken die Partie der Dalila und\nAlceste), die Musik zum Drama Lucifer von van Eycken und\neinige Compositionen von Ver hülst, welcher die Aufführungen\ndirigiren wird."}]}