{"numero_id": "bm-bmtnabi-1859-07-02-01", "volume": "bmtnabi_1859-07-02_01", "ocr_sha256": "9511c5ffe9b5a614361e1846a79c531d9e8123eaa5d26a27efd6bbd61f3e12b6", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1859/07/02_01/bmtnabi_1859-07-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1859-07-02-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-07-02_01#c001", "volume": "bmtnabi_1859-07-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "209", "page_fin": "209", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 432, "texte": "Inhalt.\nFranz Joseph Gossec. (Auszugsweise aus Adolphe Adam's Derniers Souvenirs d'un Musicien) I. Neue Composi-\ntionen von Max Brach (Op. 2, 3, 4, 5, 6). Von L. B. An die Süddeutsche Musik-Zeitung der Herren Schott in Mainz. Tages-\nund Unterhaltungsblatt (Fräulein Mösner Frankfürt am Main, Concert Heidelberg, Concert München, Capellmeister J. H.\nStuntz f Königsberg, Händel-Fest Paris, Militärmusik, Mad. 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Januar 1733 —• gest. den 16. Februar 1829.)\nI.\nVor hundert Jahren spielten bekanntlich die General-\npächter in Frankreich eine grosse Rolle. Herrn de la Po-\npeliniere's Haus war der Versammlungsort einer ausge-\nwählten Gesellschaft, und seinen Soireen verlieh die gute\nMusik, die man da hörte, einen ganz besonderen Reiz.\nMusicalische Abend-Cirkel waren damals noch eine grosse\nSeltenheit, und in dem Hause de la Popelinifere fanden sie\nmit einem Glänze und mit einem Urtheil in der Auswahl\nder musicalischen Stücke Statt, die sich heutzutage nur\nselten in dem Maasse vereint finden dürften.\nDie Seele derselben war Rameau, der grösste franzö-\nsische Musiker seiner Zeit; er stand damals (um 1750)\ngerade auf der Höhe seines Ruhmes, und er verdankte\nseinem reichen Gönner sein Emporkommen, das zu jener\nPeriode in Paris, wo die Kunst ganz und gar vom Hofe\nabhing, fast noch schwieriger war, als jetzt. Beweises ge-\nnug dafür ist, dass Rameau erst, als er nahe an den fünf-\nzig Jahren seines Lebens war, durchdringen konnte, und\nauch dann erst mit der grossmüthigen Hülfe de la Pope-\nliniöre's, der ihm die 600 Livres vorschoss, die der Abbe\nPellegrin für das Libretto „Hippolyt und Aricia\" verlangte.\nIm Hause des Generalpächters fanden die Proben dieser\nersten Oper Rameau's Statt, durch seinen Einfluss wurde\nsie angenommen und gelangte sie zur Aufführung. Dafür\nwar ihm Rameau ewig dankbar, und de la Popelinifere\nwar seinerseits stolz auf seinen Günstling und leistete ihm\nallen möglichen Vorschub. In seinen Salons wurden alle\nCompositionen Rameau's zuerst aufgeführt, und desshalb\nunterhielt er in eigenem Solde ein vollständiges Orchester,\neinen Chor und Solosänger, was ihm zusammen 30,000\nLivres jährlich kostete. Aber die Freude und die Ehre,\ndie ihm das machte, glaubte er keineswegs zu theuer da-\nmit zu bezahlen.\nSo nahte denn wieder einmal ein grosses Fest im\nHause des reichen Mäcen, an welchem die neue einactige\nOper Rameau's: „La Guirlande\", zum ersten Male gege-\nben werden sollte. Es war das um so anziehender und be-\ndeutender, als die Aufführung auf der grossen Opernbühne\nerst einige Monate später angesetzt war. Mehrere Proben\nwaren schon gewesen, aber keine hatte den Componisten\nganz zufrieden gestellt, da die Ausführung sehr schwierig\nwar. Noch am Abende vor dem Feste hatte er den ersten\nGeiger, der zugleich als Dirigent fungirte, und den Beglei-\nter am Flügel stark angelassen, weil sie sich in einen Tact-\nwechsel, der so oft in seiner Musik vorkommt, nicht finden\nkonnten. In der Verzweiflung an der richtigen Ausführung\nnahm er seine Partitur mit nach Hause, um die Stelle zu\nändern, und bestellte das Künstler-Personal zur General-\nProbe am anderen Vormittag um 9 Uhr.\nDie Herren fanden sich pünktlich ein; aber um zehn\nUhr waren der Orchester-Dirigent, der Begleiter am Flü-\ngel und der Componist selbst noch nicht da. Man schickte\neinen Boten nach Rameau's Wohnung. Der brachte aber\nnur die Antwort, man möge gefälligst warten, und Nie-\nmand möge den Saal verlassen. Sehen wir uns nun, wäh-\nrend die Musiker murren, nach Rameau um.\nEr wohnte in der Rue du im er-\nsten Stock eines ziemlich unansehnlichen Hauses. Allein er\nhatte diese Wohnung lieb gewonnen, weil er sie schon\nüber zwanzig Jahre lang inne hatte, und weil die enge\nStrasse, durch die kein Wagen fahren konnte, sehr ruhig\nwar und doch so nahe dem Operntheater lag, das damals\nim Palais Royal war.\nEr hatte die Nacht über vor seiner Partitur zuge-\nbracht, und es war ihm nicht gelungen, die durch die Un-\n\n*) Auszugsweise aus Adolphe Adam's Derniers Souvenirs d'un\nMusicien. Paris, 1859 eine Sammlung zerstreuter Aufsätze\ndes im vorigen Jahre verstorbenen Componisten.\n/"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "210", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5079, "texte": "Fähigkeit der Musiker gefährdeten Stellen zu vereinfachen.\nEr war damals 68 Jahre alt; 1733 hatte er seine erste\nOper auf die Bühne gebracht. Er mochte wohl vorher\nschon viel geschrieben haben, denn es folgten ihr zwanzig\nandere, die sämmtlich grossen Erfolg hatten. Allein der\nMelodieenfluss mochte jetzt doch wohl nicht mehr so reich-\nlich strömen, und er schrieb überhaupt nicht schnell, blieb\ngern und zähe bei den einmal gefassten Gedanken und\nverarbeitete diese langsam und mit berechneten Combi-\nnationen. So kam er denn auch dieses Mal nicht zum Aen-\ndern und hoffte in der Probe am folgenden Morgen die\nSchwierigkeit der Ausführung doch überwunden zu sehen.\nEs war halb neun Uhr Morgens, und er stand im Be-\ngriffe, sich nach de la Popeliniere's Wohnung zu begeben,\nals man ihm einen Brief brachte. Er erbrach ihn, las und\nsank wie vernichtet in den Lehnstuhl vor seinem Ciavier.\nDer Brief lautete:\n„Mein Herr! Man kann viel Talent haben und doch\nhöflich sein. Das scheinen Sie nicht zu wissen. Sie haben\nmir gestern gesagt, ich verstände nichts von meiner Kunst,\nweil ich Ihre Musik nicht spielen könnte. Ich könnte Ihnen\nerwidern, dass Sie nichts von Ihrer Kunst verstehen, weil\nSie so barocke Musik schreiben, die kein Mensch spielen\nkann. Allein ich ziehe vor, Ihnen Recht zu geben; ich ge-\nstehe, dass ich nichts kann und dass ich unwürdig bin,\nIhre erhabenen Compositionen zu spielen. Demnach beehre\nich mich, Ihnen anzuzeigen, dass Sie von heute an eben\nso wenig auf mich zu rechnen haben, als auf unseren ge-\nwöhnlichen Begleiter am Ciavier, welcher die Gelegenheit\nbenutzt, Ihnen mit mir zugleich seinen Zurücktritt anzu-\nzeigen.\n„Guignon, Ex-Premier-Violon der Capelle\ndes Herrn de la Popelini&re.\"\nUm den vernichtenden Eindruck dieser Zeilen auf Ra-\nmeau zu begreifen, muss man bedenken, dass damals die\nOrchester-Musiker so schwer zu haben waren, dass die\nersten Opernsänger nur etwa um die Hälfte besser be-\nzahlt wurden, als jene. An einen Ersatz der beiden Unent-\nbehrlichen zu denken, wäre Thorheit gewesen; Rameau\nsah ein, dass die Aufführung seiner neuen Oper heute\nunmöglich sei, er war ausser sich, sowohl um seines Ruh-\nmes als um der entsetzlichen Verlegenheit seines hohen\nGönners willen. Ganz Paris sprach von diesem dramati-\nschen Concerte, die höchsten Personen, die ganze Künst-\nlerwelt war eingeladen. Man würde Alles auf ihn, auf seine\nJNachlässigkeit, auf seine Undankbarkeit schieben.\nDiese Gedanken nahmen ihn so ein, dass er ein be-\nscheidenes zwei- bis dreimaliges Schellen an seiner Thür\nüberhörte. Endlich ging die Glocke ins Eortissimo über,\nRameau sprang auf und öffnete selbst.\nEin kleiner junger Mensch von kaum achtzehn Jahren\nstand vor ihm, frisch, roth von Wangen, mit heiterem,\ngeistvollem Gesichte.\nHaben Sie geschlafen, mein Herr? Glücklicher Weise\nist Ihre Schelle stark, sonst würde sie bald zerspringen,\nwenn man hier immer sie so arg angreifen muss.\nZu wem wollen Sie? antwortete Rameau eben so\nverdriesslich, als der junge Mensch lustig war.\nIch will zu Herrn Rameau.\nDer bin ich selbst.\nAuf der Stelle veränderte der junge Mann seine la-\nchende Miene, sein Gesicht nahm den unverkennbaren Aus-\ndruck von Hochachtung und Bewunderung an.\n0, Herr Rameau, verzeihen Sie mir meine unbeson-\nnenen Worte; ich hatte keine Ahnung davon, vor einem\nManne zu stehen, den ich bewundere, seitdem ich seine\nWerke kennen gelernt und sie studirt habe. Mein Beneh-\nmen ist unverzeihlich. Vielleicht waren Sie in die Arbeit\nvertieft, und ich habe Sie wohl gar gestört. Entschuldigen\nSie mich und sagen Sie mir gütigst, wann ich vielleicht\nwiederkommen darf, ohne Ihnen lästig zu fallen.\nEs war so viel Gutmülhigkeit, so aufrichtige Bewun-\nderung und Hochachtung in Wort und Mienen des jungen\nMannes, dass Rameau, obschon hinlänglich an Huldigun-\ngen gewohnt, dennoch von der fast demüthigen Haltung\ndesselben eingenommen wurde.\nSie irren Sich, sagte er, ich arbeitete nicht, und Sie\nstören mich nicht. Sie sind jedoch gewiss nicht bloss ge-\nkommen, um mir Complimente zu machen; unterrichten\nSie mich von dem Zwecke Ihres Besuches.\nDieser Brief wird Ihnen sagen, was ich wünsche\nantwortete der junge Mann, und während Rameau den\nBrief nahm und erbrach, durchliefen die Augen des Besu-\nchers mit neugierigen Blicken das Zimmer und alles, was\ndies Heiligthum enthielt. Vor Allem zog das Ciavier seine\nAugen auf sich und die Partitur, welche aul dem Pulte\naufgeschlagen lag. Es war die Oper La Guirlande. Ra-\nmeau las:\n„Mein Herr! Mein Name ist zu unbedeutend, um von\nIhnen gekannt zu sein; desshalb unterzeichne ich diesen\nBrief auch nur mit meinem Amtstitel als Dom-Capellmei-\nster in Antwerpen. Ich bin so frei, Ihnen einen meiner\nSchüler zu empfehlen, den besten, den ich jemals gebildet\nhabe, und wie ich wohl keinen wieder finden werde. Der\njunge Gossec ist erst achtzehn Jahre alt; er ist der Sohn\neiner armen Bauernfamilie auf einem kleinen Dorfe*) im\nHennegau; kaum sieben Jahre alt, kam er als Chorknabe\nhieher. Seine Fortschritte in der Musik und in der Com-\nposition waren so reissend schnell und erfolgreich, dass\n\n*) Vergnies."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4768, "texte": "ich ihn schon lange nichts mehr lehren kann. Nur ein\nLehrer und Meister wie Sie eignet sich für solch einen\nSchüler. Erlauben Sie mir daher, für ihn Ihren Rath in\nAnspruch zu nehmen, damit er sich in der Kunst vervoll-\nkommne, und Ihre Unterstützung zum Betreten einer Lauf-\nbahn, in welcher Sie so grossen Ruhm erlangt haben und\ner vielleicht einst eine ehrenvolle Stelle einnehmen kann.\n„Der Capellmeister des Domes in Antwerpen.\"\nGut, gut! sagte Rameau; ich will für Sie thun, was\nin meinen Kräften steht. Was können Sie denn? Sind sie\nSänger oder Spieler?\nSänger nein, antwortete Gossec, das bin ich, seit-\ndem meine Stimme gewechselt, nicht mehr. Aber ich spiele\nVioline, Ciavier und Orgel, und ich habe mir vorgenom-\nmen, Componist zu werden, da ich in Ihren Werken die\nTheorie studirt und die treffliche Anwendung derselben\nin Ihren Opern bewundert habe. Ich bin im Stande, nicht\nbloss im Orchester mitzuspielen, sondern es auch zu diri-\ngiren, was schon lange mein Amt in der Kathedrale von\nAntwerpen gewesen ist.\nWahrhaftig! fiel ihm Rameau lebhaft ins Wort; kön-\nnen Sie denn eine Partitur verstehen, auch ohne sie lange\nstudirt zu haben?\nAllerdings, mein Herr! Wenn Sie erlauben, will ich\nIhnen, sobald Sie wollen, eine Probe davon geben, und\nmache mich anheischig, jede Partitur, die Sie mir vor-\nlegen, auf dem Ciavier zu spielen.\nAuch diese da, die auf dem Pulte liegt?\nOhne weitere Antwort setzt sich Gossec vor das Cla-\nvier und spielt, ohne zu stocken, die Seiten der Partitur,\ndie gerade aufgeschlagen waren, vom Blatt weg.\nDie Kunst und die Gewandtheit des Partiturspielens\nwar damals noch sehr selten, und selbst unter den Musi-\nkern von Fach gab es nur wenige, die sie verstanden. Ra-\nmeau's Erstaunen war nur der Freude zu vergleichen, die\ner über diesen wunderbar glücklichen Fund empfand.\nGut unterbrach er den Spieler —, halten Sie ein-\nmal inne. Wie entziffern Sie diese Stelle hier? —Er zeigte\ndabei mit dem Finger auf die unheilvolle Stelle von ge-\nstern Abends.\nDas ist ja sehr einfach, sagte Gossec: der Tact wech-\nselt drei Mal hinter einander, %, 2/4 und 3/2; man schlägt\nim ersten Tact Vierviertel-, im zweiten und in den folgen-\nden Zweiviertel-Tact; das Tempo wechselt nicht, nur der\nRhythmus und die Eintheilung.\nNun freilich! rief Rameau: und das haben die Esel\nnicht begreifen können! Sie kommen mir wie gerufen!\nWie schade nur, dass Sie nicht zu gleicher Zeit das Or-\nchester dirigiren und am Ciavier begleiten können! Wo\nin aller Welt könnte man einen Clavierspieler finden, der\ndasselbe leistete, wie Sie!\nFehlt Ihnen ein Accompagnateur?— sagte Gossec-—:\nich habe, was Sie brauchen.\nWo das?\nZu Hause.\nWen?\nMeine Frau.\nIhre Frau? Sie sind verheirathet?\nWarum nicht? Ich bin Ihnen zu klein zum Ehemann,\nnicht wahr? — fragte Gossec, dem seine muntere Laune\nwiederkam. In der That bildete seine Figur von kaum vier\nund einem halben Fuss einen schroffen Gegensatz gegen\nRameau, der bei seiner Hagerkeit noch grösser aussah,\nals er wirklich war.\nIch halte Sie nicht für zu klein, sagte dieser, aber Sie\nkommen mir noch sehr jung vor.\nHindert einen denn die Jugend, sich zu verlieben?\nWir liebten uns, als meine Frau vierzehn und ich fünfzehn\nJahre alt war. Sie hatte nichts, ich auch nicht. Etwas\nmusste ich ihr doch geben, ich gab ihr Unterricht; sie\nhatte Talent, und ich stehe für meine Schülerin wie für\nmich selbst ein.\nWahrhaftig? — sagte Rameau voll Freude. — Dann\nholen Sie sie gleich her, und ist sie wirklich so geschickt,\nwie Sie sagen, so sollt Ihr beide eine frohe Botschaft ver-\nnehmen. Aber halt! — rief er dem Eilenden nach — wenn\nich Euch nun in eine glänzende Gesellschaft führe, habt\nIhr auch Kleider dafür?\nDas ist hier mein bester Anzug, antwortete Gossec:\nund wenn Herr Rameau ihn gut genug findet, so möchte\nich doch den sehen, der mehr verlangen darf, als Sie!\nDer beste Anzug des jungen Gossec bestand in einem\nRock von grobem braunem Tuch, einer Weste dito, einem\nBeinkleide von schwarzem Zeug, graubunten Strümpfen\nund Schuhen ohne Schnallen.\nRameau liess ihn gehen. Aber er rief seine Frau und\nsagte zu ihr: Liebe Frau! sorge, dass wir heute eine\nStunde früher essen können, als gewöhnlich, und lasse\nzwei Gedecke mehr auflegen. Zunächst aber schicke zum\nTheaterschneider und zur Schneiderin und bescheide sie\nauf der Stelle hieher; ich habe sie beide dringend nöthig.\nKaum waren diese Anordnungen getroffen, so war\nauch Gossec mit seiner Frau schon wieder da.\nEs war ein allerliebstes Pärchen. Die Frau hatte, ohne\ngerade besonders hübsch zu sein, ein sehr einnehmendes\nAeusseres. Nicht nur die Jugendfrische ihres Gesichtes,\nsondern auch eine Miene voll Redlichkeit und kluger Nai-\nvetät sprach augenblicklich zu ihren Gunsten. Sie war nicht\nganz so klein, wie ihr Mann, ohne dass desshalb ihre Fi-\n\n[•]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5137, "texte": "guren im Missverhältniss gestanden hätten, was bekannt-\nlich um so mehr störend ist, wenn der Nachtheil den Mann\ntrifft. Wer sie so zusammen sah, musste sagen: Wie aller-\nliebst sind sie! Wer sie ein Weilchen betrachtet hatte,\nmusste ausrufen: Wie glücklich sind sie!\nEs bedurfte keiner langen Prüfung für Rameau, um\nsich zu überzeugen, dass Gossec nicht zu viel von dem Ta-\nlente und den Kenntnissen seiner Frau gesagt hatte. Er\nkündigte Beiden dann an, dass er noch heute ihnen Gele-\ngenheit geben werde, ihre Kunst zu zeigen.\nIch lasse Euch eine Stunde allein, sagte er; da liegt\ndie Partitur meiner neuen Oper La Guirlande, studirt sie,\nund dann gehen wir zur Probe. Herr Gossec wird das\nOrchester dirigiren, und seine niedliche Frau am Ciavier\nbegleiten.\nEben jetzt war der Bote aus dem Hotel de la Pope-\nliniere gekommen, durch den Rameau, der jetzt seiner\nSache gewiss war, sagen liess, man möchte nicht aus ein-\nander gehen, sondern seine Ankunft erwarten.\nDas junge Künstlerpaar ging an die Arbeit. Mitten\ndarin wurde es von Madame Rameau unterbrochen, die\nmit dem Schneiderkünstler-Paare ins Zimmer trat. Sie hatte\nMühe, Gossec begreiflich zu machen, dass jemand, den der\ngrosse Rameau vorstellte, auch noch einen feinen Anzug\nhaben müsste! Mit der jungen Frau wurde sie schon leich-\nter fertig. Der Gedanke, sich zum ersten Male in ihrem\nLeben frisirt, gepudert und als vornehme Dame ausstaffirt\nzu sehen, machte ihr Spass, und sie liess sich mit Vergnü-\ngen und Anstand von der Kleidermacherin Maass nehmen.\nAber der Chef costumier hatte mehr Last mit Gossec; die-\nser nahm die Partitur in die Hand, las anhaltend weiter,\nhielt mechanisch einen Arm oder ein Bein hin, wenn der\nGarderobemeister es verlangte, und beantwortete dessen\nFragen nach Stoff, Farbe u. s. w. nur mit: Wie Sie wol-\nlen! oder: Das ist mir gleich! Mit dem Versprechen,\ndass Alles zur gehörigen Stunde fertig sein werde, empfahl\nsich das Schneiderpaar.\nBald darauf ging Rameau mit dem Künstlerpaare nach\nder Probe. Es war ungefähr zwölf Uhr geworden; die\nMusiker, die fast drei Stunden gewartet hatten, waren\nwahrlich nicht in der besten Laune, und nur der Respect\nvor Rameau gebot ihrem lauten Murren Stillstand. Als sie\nnun aber vollends die beiden Neulinge ankommen sahen,\nkonnten sie ihren Verdruss und ihre Unzufriedenheit kaum\nunterdrücken. Es waren freilich alte Orchesterspieler da-\nbei, die, je weniger Talent sie hatten, desto anspruchsvoller\nwaren, und der Gedanke, sich von einem Knaben von acht-\nzehn Jahren, den kein Mensch kannte, dirigiren zu lassen,\nverschlimmerte die Stimmung auch bei den besten Mit-\ngliedern. Gossec stellte sich an das Pult, und auf Rameau's\nAufforderung gab er das Zeichen zum Anfangen. Aber\ngleich die ersten Tacte spielten die Violinisten so nachläs-\nsig, dass sie eine Passage, die nicht ganz leicht war, ver-\nbruddelten. Gossec liess sie sogleich wiederholen, aber sie\nging um nichts besser.\nMeine Herren! sagte er nun, es ist jetzt zwölf Uhr;\ndie Aufführung beginnt um sechs Uhr. Es hängt von Ihnen\nab, ob die Prohe binnen einer Stunde beendigt sei oder\nnicht. Da ich vor Allem darauf halte, dass es ausgezeich-\nnet gut gehe, so erkläre ich Ihnen, dass ich so lange pro-\nbiren lasse, bis wir den höchsten Grad der wünschens-\nwerthen Vollendung und Präcision erreicht haben, was\nübrigens gar nicht schwer ist. An Zeit fehlt es uns nicht,\nwir liaben noch sechs Stunden vor uns.\nDa stand ein älterer Musiker von seinem Sitze auf\nund rief: Sie haben gut reden, mein Herr, dessen Namen\nich nicht kenne; aber diese Stelle hat keine Applicatur\nund ist nicht spielbar.\nErlauben Sie mir Ihr Instrument, erwiderte Gossec\nmit aller Ruhe. Dann nahm er die Geige, welche der Mu-\nsiker mit eben nicht freundlichem Anstand darreichte, und\nspielte die Stelle mit vollkommener Reinheit und treffli-\nchem Vortrag.\nSie sehen, fuhr er dann fort, das ist ganz gut spiel-\nbar; aber Sie haben vielleicht nicht die richtige Lage ge-\nnommen; sehen Sie, Sie müssen die Stelle in dieser Lage\nund mit diesem Fingersatz spielen.\nDa sahen die Herren einander an; sie merkten, dass\nsie einen vor sich hatten, der seine Sache gründlich ver-\nstand, sie verdoppelten ihre Aufmerksamkeit, und die Probe\nging rasch von Statten. Nur der Flötist konnte seinen\nAerger noch nicht überwinden und versuchte noch einmal,\ndem Dirigenten auf den Zahn zu fühlen; er blies eine\nPassage ohne allen Ausdruck und ungenau. Gossec klopfte\nauf und rief ihm zu:\nHören Sie gefälligst einen Augenblick zu: meine Frau\nwird Ihnen die Stelle vorspielen!\nSie spielte sie auf dem Ciavier mit so vieler Anmuth\nund so reizendem Ausdruck, dass Alles im Orchester ap-\nplaudirte und auch die Widerspänstigsten gewonnen wurden.\nUm zwei Uhr war die Probe aus. Nun umgaben die\nMusiker Gossec, der mit dem Dirigentenstabe auch den\nErnst und die ruhige Kälte der Amtswürde abgelegt hatte\nund wiederum seiner Natur gemäss munter und vergnügt\nwar, wie ein Camerad unter Cameraden. Da er nun vollends\nden Zurückhaltendsten einige Complimente über ihr Spiel\nmachte, so war er mit Allen bald Ein Herz und Eine Seele\nund halte keinen Gegner mehr im Orchester des Herrn\nde la Popelinifere."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 657, "texte": "Rameau hatte sich während der ganzen Probe bei\nSeite gehalten. Er sass ruhig in einem Lehnstuhl und liess\nden jungen Dirigenten gewähren, freute sich, dass dieser\nseine Musik so gut aulfasste, und brauchte desshalb um\nso weniger seinem Vorsatze untreu zu werden, das An-\nsehen des zum ersten Male Auftretenden dürch keine Be-\nmerkung von seiner Seite zu schwächen. Gossec aber hatte\nsich kaum aus der Umgebung der Musiker los gemacht,\nals er sich auf einmal umfasst, aufgehoben und von dem\nberühmten Rameau ans Herz gedrückt fühlte.\nIch habe Euch eine frohe Botschaft verheissen, sagte\nRameau: kommt jetzt zum Essen; bei Tische werde ich\nsie Euch verkünden!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-07-02-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-07-02_01#c003", "volume": "bmtnabi_1859-07-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "213", "page_fin": "215", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.2.3", "titre_corps": "Neue Compositionen von Max Bruch.", "titre_sommaire": "Neue Compositionen von Max Bruch.", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.5", "debut_caractere": 659, "fin_caractere_exclue": 5201, "texte": "Neue Compositionen von Max Bruch.\n\nDer geniale junge Componist hat seit der Herausgabe\nseines ersten Werkes, der komischen Oper „Scherz,\nList und Rache\" von Göthe (vergl. Jahrg. V., Nr. 40, v.\n3.october 1857), die künstlerische Laufbahn mit eben so\nviel Liebe und Thätigkeit als gelungenem Vorwärtsgehen\nverfolgt. Alles, was wir seitdem an neuen Sachen, theils\ngedruckten, theils zur Herausgabe vorbereiteten, gesehen\nund gehört haben, gibt glücklicher Weise den fortwähren-\nden Beweis, dass Max Bruch der wahren Kunst treu bleibt,\ndass er im Gegensatze zu den meisten jetzt aufstrebenden\nTalenten nicht durch Absonderliches, durch äusserlich\nAuffallendes zu frappiren sucht, sondern den Kern des mu-\nsicalisch Schönen, deij musicalischen Gedanken, den Fun-\nken des Geistes auffängt, so wie er in ihm aufblitzt, und\nihn dann durch die zwei Dinge, die den Musiker machen,\ndurch Sinn und Gefühl für das Schöne und durch bewusste\nkunstmässige Behandlung nährt und zur Flamme bringt,\ndie nicht versengt und brennt, sondern leuchtet und er-\nwärmt.\nFreilich ist das nicht Jedem gegeben, und wir sehen\nleider jetzt fast immer die jüngere Generation der Musiker\nin umgekehrter Entwicklung begriffen, als die musicalische\nNatur sie verlangt, das heisst, sie bilden sich erst zu Vir-\ntuosen aus, und dann componiren sie, wenn man die Aus-\nführung eines Vorsatzes, eines Einfalls oder eines über-\nlegten Entschlusses, der sich in der Regel in die Worte\nformuliren lässt: „Jetzt will ich auch einmal etwas schrei-\nben !<; wenn man das, sagen wir, componiren nennen\nkann. Da nun ferner die meisten jüngeren Talente sich\ndem Clavierspiel widmen, so folgt aus Beidem, dass ihre\nCompositionen fast immer ihren Ursprung und ihren vor-\nbedachten Zweck verrathen; der Quell, aus dem sie ent-\nspringen, ist das Ciavier, und die Freude am Schaffen\nliegt nicht in dem Schaffen selbst, sondern in der Aussicht\nauf den Effect, auf das Frappante, das der Vortrag des\nStückes haben wird. Nicht die Gabe der Erfindung, nicht\ndas Genie, sondern das Pianoforte mit seinen acht Octa-\nven, seinen Pedalen, seiner Dämpfung und Verschiebung,\nund ihre technische Fertigkeit auf demselben dichten unter\nihren Fingern; ihre Quartett- oder Orchestersachen, ja,\nsogar ihre Gesang-Compositionen nehmen alle den holpe-\nrigen Weg über die Claviatur zum Notenpapier. Und das\nglänzende Beispiel, das sie leider für diese Art und Weise\ndes Componirens anführen können, dient nur dazu, sie\nJahre lang auf dem verkehrten Wege festzuhalten. Kommt\nnun noch gar die fixe Idee von dem „neuen Inhalt\" hin-\nzu, den die Instrumentalmusik haben müsse, die Sucht der\nDarstellung äusserer Gegenstände und Erscheinungen, so\nhört die Musik vollends auf, und die Formlosigkeit und\ndie schlotterichte harmonische Willkür brauchten gar nicht\ndas Ihrige dabei zu thun, um ihr den Hals zu brechen, da\nihr das Mark in den Knochen fehlt und ihr eigenes Bein\nund Fleisch in sich selbst schon morsch und faul ist. Und\nda radotiren diese Leute noch von Umgestaltung und Re-\nvolution der Musik! Das ist eine wahre Ironie auf das\nWort Revolution. Revolutionen in der Kunst und Wissen-\nschaft machen sich nicht auf der Strasse; der Riese Genie\nmacht sie, und bis jetzt sehen wir im Lager derjenigen,\nwelche sich einbilden, die Musik revolutioniren zu wollen,\nnur Zwerge, die dadurch nicht grösser werden, dass ihre\nAnhänger sie auf ein hohes Fussgestell heben und darauf\nschreiben: „Der da droben, den Ihr kaum sehen könnt,\nist ein grosser Mann!\"\nMan kann es daher einem ehrlichen Kritiker, der\nnicht auf die W orte einer Schule oder einer Coterie ge-\nschworen hat, nicht verdenken, wenn er sich überall freut,\nwo er einmal wieder einen frischen, klaren Quell findet,\nder aus der Natur entspringt und nicht von mühsam auf-\ngepumptem Wasser durch künstliche Röhrenleitung vom\nSöller herab als Springbrunnen-Strählchen emporgeschnellt\nwird. Max Bruch ist eine echte musicalische Natur; das\nist es vor Allem, was wir mit Freuden in ihm anerkennen\nund wofür er dem Schöpfer aller Dinge zu danken hat;\ndenn das ist ja eine reine Gottesgabe. Allein wir heben\nsie hervor, weil wir die Ueberzeugung haben, dass die Er-\nkenntniss davon ihn nicht eitel machen, sondern das Be-\nwusstsein der Pflicht in ihm wach halten wird, diese\nGabe nie zu missbrauchen!\nDiese Ueberzeugung ist in uns durch seine Compo-\nsitionen der letzten Zeit auf das erfreulichste bestätigt\nworden. Ein grosses lyrisch-dramatisches Werk,\ndessen Stoff nach der Frithjofsage in die Form einer Can-\ntate gebracht ist, eine Ouvertüre für grosses Orchester"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4987, "texte": "zu Schiller's Jungfrau von Orleans und ein Quartett für\nStreich-Instrumente sind die grösseren Sachen, die Max\nBruch ausser den im Druck erschienenen geschrieben hat.\nDie letzteren sind folgende:\nCapriccio für Pianoforte zu vier Händen. Op. 2.\nHerrn Prof. J. Moscheies zugeeignet. Leipzig, bei\nKistner. Preis 17% Ngr.\nJubilate, Amen.Von Th. Moore, deutsch von F.\nFreiligrath, für Sopran-Solo, Chor und Orchester.\nOp. 3. Leipzig, bei Breitkopf & Härtel. Partitur\n15 Ngr. Clavier-Auszug 15 Ngr. Orchesterstim-\nmen 22V2 Ngr. Singstimmen 7% Ngr.\nDrei Duette für Sopran und Alt mit Begleitung\ndes Pianoforte. Op. 4. Frau J. Valckenberg und\nFräul. A. König zugeeignet. Leipzig, bei Breit-\nkopf & Härtel.\nTrio für Pianoforte, Violine und Violoncell.\nOp. 5. Den Herren F.David und F. Grützmacher\ngewidmet. Leipzig, bei Breitkopf & Härtel. Preis\n2 Thlr. 15 Ngr.\nSieben zwei- und dreistimmige Gesänge für\nweibliche Stimmen mit Begleitung des Pianoforte,\nvorzüglich zum Gebrauch in höheren Töchterschu-\nlen. Op. 6. Den Fräulein Schmitz, Vorsteherinnen\neiner höheren Töchterschule in Köln, gewidmet.\nKöln, 1859. F. C. Eisen's k. Hof-Buch- u. Kunst-\nhandlung. (26 S. Partitur.) Preis 15 Sgr.\nUnter der Presse sind bei Breitkopf & Härtel:\nBirken und Erlen. Gedicht von G. Pfarrius, für\nSopran-Solo und Chor. Op. 7.\nEin Heit Lieder für eine Singstimme mit Pianoforte.\nOp. 8.\nQuartett lür zwei Violinen, Viola und Violoncell.\nOp. 9.\nWenn wir zunächst auf die Gesa 11 g-ComPositio-\nnen besonders aufmerksam machen, so geschieht es dess-\nlialb, weil sich in ihnen trotz ihres kleinen Umfangs das\nmelodische Talent des Componisten am meisten und jeden-\nfalls am ansprechendsten auch für den blossen Kunstfreund\nollenbart, während in den grösseren Instrumentalsachen,\nin dem Clavier-Trio und dem Violin-Quartett na-\nmentlich, die Leichtigkeit und Gewandtheit, mit welcher\nder neunzehnjährige junge Musiker die Formen handhabt\nund ihnen ohne allen Zwang, von dem keine Spur zu be-\nmerken ist, vollkommen gerecht wird, den Kenner in der\nIhat mit Erstaunen erfüllt.\nDas Jubilate, Amen! nur 20 Seiten Partitur, ist ein\nwahrer kleiner Edelstein für Singvereine und für Concerte,\nzumal da die Programme der letzteren so oft den Mangel\nan guten kleineren Gesangstücken empfinden lassen. Die\nSolo-Singstimme vermählt sich durch den sanften, natür-\nlichen Erguss der Empfindung einer reinen Seele beim\nAnhören einer Vesper-Hymne, die über das Wasser her-\nüber hallt, auf reizende Weise mit den einfach kirchlichen\nChorklängen vom anderen Ufer her, und sie verschmilzt\nmit diesen zu einer Einheit, in der man doch stets den ver-\nschiedenen Charakter beider Gesangweisen durchhört. Die\nInstrumentirung—volles Orchester, denn auch die Pauken\nund Trompeten sind im pianissisehr wirksam behan-\ndelt, die Violinen con sordini ist zart und schön; aber\nauch am Ciavier und bei geschickter Begistrirung an der\nOrgel macht sich der Gesang recht schön. Das ganze Bild-\nchen ist ein Stück Eichendorff'scher Bomantik, eine durch-\nsichtige, vom letzten Sonnenstrahl durchwebte Waldein-\nsamkeit, wie am Laacher See, aufgefasst in ruhiger, inner-\nlich befriedigender Stimmung.\nVon den drei Duetten, Op. 4, ist das erste: „Ihr\nlieben Lerchen, guten Tag!\" Gedicht von Graf Schlip-\npenbach—das gelungenste. Es bewegt sich in einem\nvivace abwechselnd in %- und 74-Tact, G-dur, in einer\nanmuthigen Hast dahin, welche in dem scheidenden Wan-\nderer, der Eile hat und am frühesten Morgen aufbricht,\nkeine weichliche Sentimentalität, wohl aber wirkliche Em-\npfindung aufkommen lässt. • Das zweite: „Altdeutsches\nWinterlied\", ist von ganz entgegengesetztem Charakter,\ndessen Ausdruck gut getroffen ist. Das dritte: „Im\nWald\", ist am wenigsten originel; auch ist der Text (von\nWildenow) doch gar zu verblasste Poesie.\nDie zwei- und dreistimmigen Gesänge für\nweibliche Stimmen sind eine recht artige Vermehrung der\neben nicht reichen Literatur von Original-Compositionen\nfür d iese liebliche Gesangesgattung. Ihr Charakter hält die\nMitte zwischen Kinderliedern und Gesängen für Frauen-\nstimmen; die Mehrzahl derselben—es sind 4 drei- und 3\nzweistimmige—eignet sich jedoch wohl am besten für die\noberen Classen höherer Töchterschulen und Pensionate\nund für häusliche Kreise. Sie sind zwar keineswegs schwie-\nrig, aber sie erfordern zum guten, wenn auch stets einfach\nzu haltenden Vortrage doch etwas mehr als blosse elemen-\ntar-musicalische Vorbildung. Die Texte sind gut gewählt,\ndie Clavier-Begleitung leicht, aber nicht unwesentlich. Die\nMelodieen sind anmuthend, lieblich und fliessend, desshalb\nleicht sangbar, und dies in allen Stimmen, was ein grosser\nVorzug ist. Uebrigens sind es frühere Arbeiten des Com-\nponisten, an denen eben das auch lobenswerth erscheint,\ndass er sich schon damals in die Art von Entsagung und\nAnspruchlosigkeit zu fügen wusste, welche diese Gattung\nund insbesondere der vorherrschende Zweck verlangen.\nDie Gesänge haben sich bereits in einer hiesigen Anstalt\nals sehr praktisch bewährt; sie wurden und werden von"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 804, "texte": "den jungen Schülerinnen immer sehr gern gesungen. Die\nAusgabe ist nicht bloss für ein Schulheft, sondern auch\nohne diese Beziehung auf seine Hauptbestimmung, sehr\nzierlich und nett: Papier, Stich und Druck sehr gut, jede\nStimme auf einem besonderen System, was die Deutlich-\nkeit und Uebersicht ausserordentlich befördert und erleich-\ntert. Die einzelnen Stimmen sind nicht gestochen; da der\nPreis von 15 Sgr. für das ganze Heft ein sehr mässiger\nist, so billigen wir diese Unterlassung vollkommen, weil\ndas Partiturheft jeder einzelnen Stimme das Treffen er-\nleichtert und eine bessere musicalische Einsicht verschafft,\nauch der Besitz desselben für spätere Jahre angenehm ist,\nwährend die zerstreuten Stimmen leicht verloren gehen.\nDie Instrumental-Compositionen werden wir nächstens\nbesprechen.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-07-02-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-07-02_01#c004", "volume": "bmtnabi_1859-07-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "215", "page_fin": "215", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.2.4", "titre_corps": "An die Süddeutsche Musik-Zeitung der Herren Schott in Mainz.", "titre_sommaire": "An die Süddeutsche Musik-Zeitung der Herren Schott in Mainz.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.7", "debut_caractere": 806, "fin_caractere_exclue": 2904, "texte": "An die Süddeutsche Musik-Zeitung der Herren Schott\nin Mainz.\nIn Nr. 26 derselben (vom 27. Juni) steht ein Artikel:\n„Die neue Orgel für die Kathedrale in Rouen\",\nwelcher offenbar aus dem Schreiben unseres Correspon-\ndenten und Mitarbeiters B. Pin Nr. 22 der Nieder-\nrheinischen Musik-Zeitung, betitelt: „Aus Paris\"\n- zurecht gemacht ist. In diesem Schreiben des Herrn\nB. P.ist von einer Prüfung der neuen Orgel für Rouen,\ngebaut von den Herren Merklin-Schütze, vor einer\nglänzenden Versammlung 99i II (ICI'CII Werkstatt\nZU S*«iris'* die Rede (Nr. 22, Seite 175), und dann\nheisst es: „Die Räumlichkeit erlaubte jedoch nicht eine\nvollständige Aufstellung; das Positiv (das vierte Manual)\nmusste zurückbleiben, da nur für die Stimmen von drei\nCiavieren und dem Pedal Platz war. Trotzem, dass sich\nnur zwei Drittheile der ganzen Kraft entfalten konnten\"\nu. s. w.\nDen klaren Sinn dieser Worte verdreht die Süddeut-\nsche Musik-Zeitung zu folgendem Passus:\n„Sonderbarerweise hat der Orgelbauer Schütze\nbei seiner Disposition so wenig Rücksicht auf\ndie Räumlichkeiten <!cr Mll'die genommen,\ndass nur circa % des Werkes aufgestellt werden\nkÖlllieil ; das 4. Manual mit allem Zubehör miiäSCH\nzurück bleiben. Es könnte dieser sonderbare Umstand\neinen fast irre machen an der praktischen Tüchtig-\nkeit des Orgelbauers. Nichts desto weniger be-\nkam zu Paris die Prüfungs-Commission das ganze\nWerk (!!) zu hören\" u. s. w.\nlieber die Art der Copie und über den Unsinn, dass\ndie Commission „in Paris das ganze Werk gehörthabe\",\nwelches nicht einmal „in dem grossen Dome zu Rouen\nPlatz haben soll\" (!), sagen wir weiter nichts. Aber dass\naus unserem pariser Berichte das höchst ehrenvolle Re-\nsultat der Prüfung gar nicht erwähnt und dagegen auf\nunverantwortliche Weise der mit Recht berühmten Firma\nder Orgelbauer Merklin-Schütze & Comp, in Brüs-\nsel und Paris, unseren deutschen Landsleuten, ein\nSchimpf angethan wird, dazu dürfen wir nicht schweigen\nund fordern die Redaction der Süddeutschen Musik-Zei-\ntung auf, in ihrem Blatte diesen—lrrthum zu berich-\ntigen.\nDie Redaction\nder Niederrheinischen Musik-Zeitung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-07-02-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-07-02_01#c005", "volume": "bmtnabi_1859-07-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "215", "page_fin": "216", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "w", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.7", "debut_caractere": 2906, "fin_caractere_exclue": 5318, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nDie berühmte Harfenspielerin Fräulein Mosner hat sich mit\ndem Herrn Langenbach, Dirigenten der Küpper'sclien Capelle in\nElberfeld, vermählt.\nfail*i a. M., 8. Juni. Am nächstkommenden Freitag,\nden 10. d Mts., findet das letzte Concert pro Semester 1858—s!>\ndes RühFschen Gesang-Vereins in der Paulskirche, und zwar zum\nBesten der verwundeten österreichischen Krieger in Italien, Statt.\nDer engere Ausschuss des hiesigen Theaters hat wiederholt, und\ndiesmal ohne Berücksichtigung des edlen Zweckes, die Mitwirkung des\nOrchesters verweigert, wesshalb der Vorstand jenes Vereins abermals\ngezwungen wurde, ein auswärtiges Orchester zu acquiriren. Mit\ngrosser Bereitwilligkeit hat nun die herzogliche Hofcapelle von\nWiesbaden ihre Mitwirkung zugesagt. Als einen Act seltener To-\nleranz habe ich Ihnen die von Seiten der hiesigen israelitischen Ge-\nmeinde erfolgte Anstellung eines Organisten in der neuerbauten Sy-\nnagoge durch einen Christen mitzutheilen. (Südd. M.-Z.)\nHeidelberg? Ende Mai. Das letzte Concert des Instrumental-\nVereins das erste der Sommer-Saison war eines der glänzend-\nsten und besuchtesten des ganzen Jahres und gab abermals einen\nschönen Beweis für die Uebereinstiinmung des Dirigenten, Herrn\nBoch, mit dem Orchester und der daraus resultirenden Harmonie\nund Präcision der Ausführung. Das Programm brachte uns in erster\nLinie Beethoven's herrliche Sinfonie in F (Nr. 8), die, gut ausge-\nführt, eine befriedigende Wirkung auf die Zuhörer machte und wür-\ndig auf die zweite Abtheilung des Programms vorbereitete. Die\nzweite Abtheilung brachte uns neben einer trefflichen Auswahl\nder Stücke zwei Gäste, deren Leistungen wesentlich dazu bei-\ntrugen, die Stimmung zu einer äusserst befriegenden zu machen. In\nHerrn Becker vom Hoftheater zu Mannheim, der eine Arie aus Fi-\ngaro's Hochzeit vortrug, bewunderten wir einen Bassisten, der bei\ntrefflicher Naturanlage und künstlerischer Ausbildung, frei von den\nUnarten so vieler Sänger, die ganze Genialität des Mozart'schen Mei-\nsterwerkes zur Geltung zu bringen wusste. In Herrn Adolf Pfeiffer,\neinem jungen Künstler aus Frankfurt a. M., der, wie wir so eben\nerfahren, noch vor einem halben Jahre lieidelberger Student, aus\nLiebe zur Tonkunst zu seinem jetzigen Berufe erst vor Kurzem\nübergetreten ist, lernten wir einen gebildeten Künstler kenuen, der\ndem eben so schwierigen als grossartigen Mendelssohn'schen Ciavier-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3974, "texte": "Concert in D-tnoll, sowohl was Technik als würdige Auffassung be-\ntrifft, vollkommen gewachsen war. Würdig reihten sich den beiden\ngenannten Stücken „Gebet\", nach lutherischen Worten für Chor und\nOrchester von Mendelssohn, so wie Mozart's „Ave verum corpus\"\nan, wobei uns die Fortschritte des Chors einer erst vergangenen\nWinter ins Leben gerufenen Schöpfung unseres unermüdlichen Di-\nrectors Herrn Boch freudig überraschten. Den Schluss des Con-\ncertes bildete Nicolais Ouvertüre zu den „Lustigen Weibern von\nWindsor.\"\nMünchen. Der Capellmeister Joseph Hartmann Stuntz\n(geb. den 23. Juni 1793 zu Arlesheim im Canton Basel) ist hier am\n38. Juni gestorben.\nff Königsberg, Mitte Juni. Das seit Längerem projectirte\nHändel-Fest hat am 15. und 16. d. Mts. Statt gefunden. Da man\nsich einmal genöthigt sah, das Datum von Händel's Tode (14.\nApril 1759) unberücksichtigt zu lassen, so verlegte man es auf die\nPfingstzeit, ohne zu ahnen freilich, dass dann die Zeiten die ungün-\nstigsten von der Welt für dergleichen Unternehmungen sein würden.\nSo haben es nun diese ungünstigen Zeiten verschuldet, wenn das\ngrossartig angelegte Fest einen immer nur kleinen Theil des Publi-\ncums berührte, abgesehen auch davon, dass Händel leider nicht bei\nder Menge die Popularität besitzt, welche die Feier seines Anden-\nkens zu einer allgemeinen hätte machen sollen, und abgerechnet fer-\nner, dass bei uns von einer gewissen, um jeden Preis bewahr-\nten Pietät, wie sie andere Nationen in ähnlichen Fällen besitzen,\nnicht viel die Rede ist. Unterstützt durch verschiedene Gesang-\nVereine der Provinz, führte die hiesige musicalische Akademie an\nzwei auf einander folgenden Abenden unter Leitung des Herrn Mu-\nsik-Directors Stern aus Berlin (für den Messias) und ihres eigenen\nDirigenten zwei Concerte aus, in denen ein Bild von Händel's Thä-\ntigkeit auf den verschiedenen Gebieten, in denen er sich als Compo-\nnist bewegte, durch Proben aus seinen Werken gegeben werden\nsollte. Die Chöre wurden meistens tüchtig ausgeführt; die Leistun-\ngen des Orchesters können jedoch nur als schwach bezeichnet wer-\nden. Für die Solo-Partieen waren Fräulein Grosser und Fräulein\nHin ke 1 aus Leipzig gewonnen worden. Zur Zeit concertiren hier\ndie Geschwister Ferni. Der Beifall, den sie gefunden, hat sie ver-\nanlasst, noch einige Concerte mehr, als die Anfangs annoncirten, in\nAussicht zu stellen.\nDie Militärmusik hat seit einigen Jahren angefan-\ngen, hier auch die Rolle zu spielen, die ihr in den grösseren Garni-\nsonstädten Deutschlands längst eigen ist. Der Hauptsitz ihrer öffent-\nlichen Leistungen ist jetzt das glänzende Etablissement Au pre Ca-\ntelan im Bois de Boulogne. Da das Corps der Guiden ausmarschirt\nist, deren Musik Herr Mohr vortrefflich leitete, so nimmt jetzt das\nMusikcorps der Gensd'armerie der Garde dessen Stelle im Kiosk ein\nund führt unter der geschickten Leitung des Herrn Riedel, eben-\nfalls eines Deutschen, Musik von guten Componisten und gut arran-\ngirt mit grossem Beifall auf. Man hört da z. B. Sätze aus Sinfo-\nnieen von Beethoven, die Musik Mendelssohns zum Sommernachts-\ntraum, die Ouvertüren zu Oberon, Freischütz, Wilhelm Teil, Mar-\ntha (die nirgends fehlen darf!) u. s. w. Auch zählt das Corps einige\ns?hr brave Solobläser, namentlich einen Posaunisten und einen Cor-\nnetbläser, die jedem Concert-Orchester Ehre machen würden.\nMad. Miolan-Carvalho, die für die dermalige londoner Saison en-\ngagirt ist, hat sich am 15. Juni dahin begeben. Sie übte täglich in\nitaliänischer Sprache ihre Rollen in den Opern „Le Nozze di Figa-\nro\" > „II Barbiere di Sivigliau und „Le Pardon de Ploermel\" unter\nden Auspicien Rossini's und Meyerbeer's.\nRoger soll nach bevorstehendem Ausgange seines Engagements\ndie grosse Oper verlassen und sich der italiänischen Oper zuwenden.\nDie grosse Oper bereitet ein grosses Werk des Fürsten Ponia-\ntowski zur Aufführung vor.\nDie ausserordentliche Vorstellung zum Besten der Mad. Miolan-\nCarvalho im Thedtre lyrique hat 24,000 Fr. eingebracht.\n\nw."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nFranz Joseph Gossec. (Auszugsweise aus Adolphe Adam's Derniers Souvenirs d'un Musicien) I. Neue Composi-\ntionen von Max Brach (Op. 2, 3, 4, 5, 6). Von L. B. An die Süddeutsche Musik-Zeitung der Herren Schott in Mainz. Tages-\nund Unterhaltungsblatt (Fräulein Mösner Frankfürt am Main, Concert Heidelberg, Concert München, Capellmeister J. H.\nStuntz f Königsberg, Händel-Fest Paris, Militärmusik, Mad. Miolan-Carvalho, Roger).\n\nFranz Joseph Gossec\n*)•\n(Geb. den 17. Januar 1733 —• gest. den 16. Februar 1829.)\nI.\nVor hundert Jahren spielten bekanntlich die General-\npächter in Frankreich eine grosse Rolle. Herrn de la Po-\npeliniere's Haus war der Versammlungsort einer ausge-\nwählten Gesellschaft, und seinen Soireen verlieh die gute\nMusik, die man da hörte, einen ganz besonderen Reiz.\nMusicalische Abend-Cirkel waren damals noch eine grosse\nSeltenheit, und in dem Hause de la Popelinifere fanden sie\nmit einem Glänze und mit einem Urtheil in der Auswahl\nder musicalischen Stücke Statt, die sich heutzutage nur\nselten in dem Maasse vereint finden dürften.\nDie Seele derselben war Rameau, der grösste franzö-\nsische Musiker seiner Zeit; er stand damals (um 1750)\ngerade auf der Höhe seines Ruhmes, und er verdankte\nseinem reichen Gönner sein Emporkommen, das zu jener\nPeriode in Paris, wo die Kunst ganz und gar vom Hofe\nabhing, fast noch schwieriger war, als jetzt. Beweises ge-\nnug dafür ist, dass Rameau erst, als er nahe an den fünf-\nzig Jahren seines Lebens war, durchdringen konnte, und\nauch dann erst mit der grossmüthigen Hülfe de la Pope-\nliniöre's, der ihm die 600 Livres vorschoss, die der Abbe\nPellegrin für das Libretto „Hippolyt und Aricia\" verlangte.\nIm Hause des Generalpächters fanden die Proben dieser\nersten Oper Rameau's Statt, durch seinen Einfluss wurde\nsie angenommen und gelangte sie zur Aufführung. Dafür\nwar ihm Rameau ewig dankbar, und de la Popelinifere\nwar seinerseits stolz auf seinen Günstling und leistete ihm\nallen möglichen Vorschub. In seinen Salons wurden alle\nCompositionen Rameau's zuerst aufgeführt, und desshalb\nunterhielt er in eigenem Solde ein vollständiges Orchester,\neinen Chor und Solosänger, was ihm zusammen 30,000\nLivres jährlich kostete. Aber die Freude und die Ehre,\ndie ihm das machte, glaubte er keineswegs zu theuer da-\nmit zu bezahlen.\nSo nahte denn wieder einmal ein grosses Fest im\nHause des reichen Mäcen, an welchem die neue einactige\nOper Rameau's: „La Guirlande\", zum ersten Male gege-\nben werden sollte. Es war das um so anziehender und be-\ndeutender, als die Aufführung auf der grossen Opernbühne\nerst einige Monate später angesetzt war. Mehrere Proben\nwaren schon gewesen, aber keine hatte den Componisten\nganz zufrieden gestellt, da die Ausführung sehr schwierig\nwar. Noch am Abende vor dem Feste hatte er den ersten\nGeiger, der zugleich als Dirigent fungirte, und den Beglei-\nter am Flügel stark angelassen, weil sie sich in einen Tact-\nwechsel, der so oft in seiner Musik vorkommt, nicht finden\nkonnten. In der Verzweiflung an der richtigen Ausführung\nnahm er seine Partitur mit nach Hause, um die Stelle zu\nändern, und bestellte das Künstler-Personal zur General-\nProbe am anderen Vormittag um 9 Uhr.\nDie Herren fanden sich pünktlich ein; aber um zehn\nUhr waren der Orchester-Dirigent, der Begleiter am Flü-\ngel und der Componist selbst noch nicht da. Man schickte\neinen Boten nach Rameau's Wohnung. Der brachte aber\nnur die Antwort, man möge gefälligst warten, und Nie-\nmand möge den Saal verlassen. Sehen wir uns nun, wäh-\nrend die Musiker murren, nach Rameau um.\nEr wohnte in der Rue du im er-\nsten Stock eines ziemlich unansehnlichen Hauses. Allein er\nhatte diese Wohnung lieb gewonnen, weil er sie schon\nüber zwanzig Jahre lang inne hatte, und weil die enge\nStrasse, durch die kein Wagen fahren konnte, sehr ruhig\nwar und doch so nahe dem Operntheater lag, das damals\nim Palais Royal war.\nEr hatte die Nacht über vor seiner Partitur zuge-\nbracht, und es war ihm nicht gelungen, die durch die Un-\n\n*) Auszugsweise aus Adolphe Adam's Derniers Souvenirs d'un\nMusicien. Paris, 1859 eine Sammlung zerstreuter Aufsätze\ndes im vorigen Jahre verstorbenen Componisten.\n/"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "210", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.2", "texte": "Fähigkeit der Musiker gefährdeten Stellen zu vereinfachen.\nEr war damals 68 Jahre alt; 1733 hatte er seine erste\nOper auf die Bühne gebracht. Er mochte wohl vorher\nschon viel geschrieben haben, denn es folgten ihr zwanzig\nandere, die sämmtlich grossen Erfolg hatten. Allein der\nMelodieenfluss mochte jetzt doch wohl nicht mehr so reich-\nlich strömen, und er schrieb überhaupt nicht schnell, blieb\ngern und zähe bei den einmal gefassten Gedanken und\nverarbeitete diese langsam und mit berechneten Combi-\nnationen. So kam er denn auch dieses Mal nicht zum Aen-\ndern und hoffte in der Probe am folgenden Morgen die\nSchwierigkeit der Ausführung doch überwunden zu sehen.\nEs war halb neun Uhr Morgens, und er stand im Be-\ngriffe, sich nach de la Popeliniere's Wohnung zu begeben,\nals man ihm einen Brief brachte. Er erbrach ihn, las und\nsank wie vernichtet in den Lehnstuhl vor seinem Ciavier.\nDer Brief lautete:\n„Mein Herr! Man kann viel Talent haben und doch\nhöflich sein. Das scheinen Sie nicht zu wissen. Sie haben\nmir gestern gesagt, ich verstände nichts von meiner Kunst,\nweil ich Ihre Musik nicht spielen könnte. Ich könnte Ihnen\nerwidern, dass Sie nichts von Ihrer Kunst verstehen, weil\nSie so barocke Musik schreiben, die kein Mensch spielen\nkann. Allein ich ziehe vor, Ihnen Recht zu geben; ich ge-\nstehe, dass ich nichts kann und dass ich unwürdig bin,\nIhre erhabenen Compositionen zu spielen. Demnach beehre\nich mich, Ihnen anzuzeigen, dass Sie von heute an eben\nso wenig auf mich zu rechnen haben, als auf unseren ge-\nwöhnlichen Begleiter am Ciavier, welcher die Gelegenheit\nbenutzt, Ihnen mit mir zugleich seinen Zurücktritt anzu-\nzeigen.\n„Guignon, Ex-Premier-Violon der Capelle\ndes Herrn de la Popelini&re.\"\nUm den vernichtenden Eindruck dieser Zeilen auf Ra-\nmeau zu begreifen, muss man bedenken, dass damals die\nOrchester-Musiker so schwer zu haben waren, dass die\nersten Opernsänger nur etwa um die Hälfte besser be-\nzahlt wurden, als jene. An einen Ersatz der beiden Unent-\nbehrlichen zu denken, wäre Thorheit gewesen; Rameau\nsah ein, dass die Aufführung seiner neuen Oper heute\nunmöglich sei, er war ausser sich, sowohl um seines Ruh-\nmes als um der entsetzlichen Verlegenheit seines hohen\nGönners willen. Ganz Paris sprach von diesem dramati-\nschen Concerte, die höchsten Personen, die ganze Künst-\nlerwelt war eingeladen. Man würde Alles auf ihn, auf seine\nJNachlässigkeit, auf seine Undankbarkeit schieben.\nDiese Gedanken nahmen ihn so ein, dass er ein be-\nscheidenes zwei- bis dreimaliges Schellen an seiner Thür\nüberhörte. Endlich ging die Glocke ins Eortissimo über,\nRameau sprang auf und öffnete selbst.\nEin kleiner junger Mensch von kaum achtzehn Jahren\nstand vor ihm, frisch, roth von Wangen, mit heiterem,\ngeistvollem Gesichte.\nHaben Sie geschlafen, mein Herr? Glücklicher Weise\nist Ihre Schelle stark, sonst würde sie bald zerspringen,\nwenn man hier immer sie so arg angreifen muss.\nZu wem wollen Sie? antwortete Rameau eben so\nverdriesslich, als der junge Mensch lustig war.\nIch will zu Herrn Rameau.\nDer bin ich selbst.\nAuf der Stelle veränderte der junge Mann seine la-\nchende Miene, sein Gesicht nahm den unverkennbaren Aus-\ndruck von Hochachtung und Bewunderung an.\n0, Herr Rameau, verzeihen Sie mir meine unbeson-\nnenen Worte; ich hatte keine Ahnung davon, vor einem\nManne zu stehen, den ich bewundere, seitdem ich seine\nWerke kennen gelernt und sie studirt habe. Mein Beneh-\nmen ist unverzeihlich. Vielleicht waren Sie in die Arbeit\nvertieft, und ich habe Sie wohl gar gestört. Entschuldigen\nSie mich und sagen Sie mir gütigst, wann ich vielleicht\nwiederkommen darf, ohne Ihnen lästig zu fallen.\nEs war so viel Gutmülhigkeit, so aufrichtige Bewun-\nderung und Hochachtung in Wort und Mienen des jungen\nMannes, dass Rameau, obschon hinlänglich an Huldigun-\ngen gewohnt, dennoch von der fast demüthigen Haltung\ndesselben eingenommen wurde.\nSie irren Sich, sagte er, ich arbeitete nicht, und Sie\nstören mich nicht. Sie sind jedoch gewiss nicht bloss ge-\nkommen, um mir Complimente zu machen; unterrichten\nSie mich von dem Zwecke Ihres Besuches.\nDieser Brief wird Ihnen sagen, was ich wünsche\nantwortete der junge Mann, und während Rameau den\nBrief nahm und erbrach, durchliefen die Augen des Besu-\nchers mit neugierigen Blicken das Zimmer und alles, was\ndies Heiligthum enthielt. Vor Allem zog das Ciavier seine\nAugen auf sich und die Partitur, welche aul dem Pulte\naufgeschlagen lag. Es war die Oper La Guirlande. Ra-\nmeau las:\n„Mein Herr! Mein Name ist zu unbedeutend, um von\nIhnen gekannt zu sein; desshalb unterzeichne ich diesen\nBrief auch nur mit meinem Amtstitel als Dom-Capellmei-\nster in Antwerpen. Ich bin so frei, Ihnen einen meiner\nSchüler zu empfehlen, den besten, den ich jemals gebildet\nhabe, und wie ich wohl keinen wieder finden werde. Der\njunge Gossec ist erst achtzehn Jahre alt; er ist der Sohn\neiner armen Bauernfamilie auf einem kleinen Dorfe*) im\nHennegau; kaum sieben Jahre alt, kam er als Chorknabe\nhieher. Seine Fortschritte in der Musik und in der Com-\nposition waren so reissend schnell und erfolgreich, dass\n\n*) Vergnies."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.3", "texte": "ich ihn schon lange nichts mehr lehren kann. Nur ein\nLehrer und Meister wie Sie eignet sich für solch einen\nSchüler. Erlauben Sie mir daher, für ihn Ihren Rath in\nAnspruch zu nehmen, damit er sich in der Kunst vervoll-\nkommne, und Ihre Unterstützung zum Betreten einer Lauf-\nbahn, in welcher Sie so grossen Ruhm erlangt haben und\ner vielleicht einst eine ehrenvolle Stelle einnehmen kann.\n„Der Capellmeister des Domes in Antwerpen.\"\nGut, gut! sagte Rameau; ich will für Sie thun, was\nin meinen Kräften steht. Was können Sie denn? Sind sie\nSänger oder Spieler?\nSänger nein, antwortete Gossec, das bin ich, seit-\ndem meine Stimme gewechselt, nicht mehr. Aber ich spiele\nVioline, Ciavier und Orgel, und ich habe mir vorgenom-\nmen, Componist zu werden, da ich in Ihren Werken die\nTheorie studirt und die treffliche Anwendung derselben\nin Ihren Opern bewundert habe. Ich bin im Stande, nicht\nbloss im Orchester mitzuspielen, sondern es auch zu diri-\ngiren, was schon lange mein Amt in der Kathedrale von\nAntwerpen gewesen ist.\nWahrhaftig! fiel ihm Rameau lebhaft ins Wort; kön-\nnen Sie denn eine Partitur verstehen, auch ohne sie lange\nstudirt zu haben?\nAllerdings, mein Herr! Wenn Sie erlauben, will ich\nIhnen, sobald Sie wollen, eine Probe davon geben, und\nmache mich anheischig, jede Partitur, die Sie mir vor-\nlegen, auf dem Ciavier zu spielen.\nAuch diese da, die auf dem Pulte liegt?\nOhne weitere Antwort setzt sich Gossec vor das Cla-\nvier und spielt, ohne zu stocken, die Seiten der Partitur,\ndie gerade aufgeschlagen waren, vom Blatt weg.\nDie Kunst und die Gewandtheit des Partiturspielens\nwar damals noch sehr selten, und selbst unter den Musi-\nkern von Fach gab es nur wenige, die sie verstanden. Ra-\nmeau's Erstaunen war nur der Freude zu vergleichen, die\ner über diesen wunderbar glücklichen Fund empfand.\nGut unterbrach er den Spieler —, halten Sie ein-\nmal inne. Wie entziffern Sie diese Stelle hier? —Er zeigte\ndabei mit dem Finger auf die unheilvolle Stelle von ge-\nstern Abends.\nDas ist ja sehr einfach, sagte Gossec: der Tact wech-\nselt drei Mal hinter einander, %, 2/4 und 3/2; man schlägt\nim ersten Tact Vierviertel-, im zweiten und in den folgen-\nden Zweiviertel-Tact; das Tempo wechselt nicht, nur der\nRhythmus und die Eintheilung.\nNun freilich! rief Rameau: und das haben die Esel\nnicht begreifen können! Sie kommen mir wie gerufen!\nWie schade nur, dass Sie nicht zu gleicher Zeit das Or-\nchester dirigiren und am Ciavier begleiten können! Wo\nin aller Welt könnte man einen Clavierspieler finden, der\ndasselbe leistete, wie Sie!\nFehlt Ihnen ein Accompagnateur?— sagte Gossec-—:\nich habe, was Sie brauchen.\nWo das?\nZu Hause.\nWen?\nMeine Frau.\nIhre Frau? Sie sind verheirathet?\nWarum nicht? Ich bin Ihnen zu klein zum Ehemann,\nnicht wahr? — fragte Gossec, dem seine muntere Laune\nwiederkam. In der That bildete seine Figur von kaum vier\nund einem halben Fuss einen schroffen Gegensatz gegen\nRameau, der bei seiner Hagerkeit noch grösser aussah,\nals er wirklich war.\nIch halte Sie nicht für zu klein, sagte dieser, aber Sie\nkommen mir noch sehr jung vor.\nHindert einen denn die Jugend, sich zu verlieben?\nWir liebten uns, als meine Frau vierzehn und ich fünfzehn\nJahre alt war. Sie hatte nichts, ich auch nicht. Etwas\nmusste ich ihr doch geben, ich gab ihr Unterricht; sie\nhatte Talent, und ich stehe für meine Schülerin wie für\nmich selbst ein.\nWahrhaftig? — sagte Rameau voll Freude. — Dann\nholen Sie sie gleich her, und ist sie wirklich so geschickt,\nwie Sie sagen, so sollt Ihr beide eine frohe Botschaft ver-\nnehmen. Aber halt! — rief er dem Eilenden nach — wenn\nich Euch nun in eine glänzende Gesellschaft führe, habt\nIhr auch Kleider dafür?\nDas ist hier mein bester Anzug, antwortete Gossec:\nund wenn Herr Rameau ihn gut genug findet, so möchte\nich doch den sehen, der mehr verlangen darf, als Sie!\nDer beste Anzug des jungen Gossec bestand in einem\nRock von grobem braunem Tuch, einer Weste dito, einem\nBeinkleide von schwarzem Zeug, graubunten Strümpfen\nund Schuhen ohne Schnallen.\nRameau liess ihn gehen. Aber er rief seine Frau und\nsagte zu ihr: Liebe Frau! sorge, dass wir heute eine\nStunde früher essen können, als gewöhnlich, und lasse\nzwei Gedecke mehr auflegen. Zunächst aber schicke zum\nTheaterschneider und zur Schneiderin und bescheide sie\nauf der Stelle hieher; ich habe sie beide dringend nöthig.\nKaum waren diese Anordnungen getroffen, so war\nauch Gossec mit seiner Frau schon wieder da.\nEs war ein allerliebstes Pärchen. Die Frau hatte, ohne\ngerade besonders hübsch zu sein, ein sehr einnehmendes\nAeusseres. Nicht nur die Jugendfrische ihres Gesichtes,\nsondern auch eine Miene voll Redlichkeit und kluger Nai-\nvetät sprach augenblicklich zu ihren Gunsten. Sie war nicht\nganz so klein, wie ihr Mann, ohne dass desshalb ihre Fi-\n\n[•]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.4", "texte": "guren im Missverhältniss gestanden hätten, was bekannt-\nlich um so mehr störend ist, wenn der Nachtheil den Mann\ntrifft. Wer sie so zusammen sah, musste sagen: Wie aller-\nliebst sind sie! Wer sie ein Weilchen betrachtet hatte,\nmusste ausrufen: Wie glücklich sind sie!\nEs bedurfte keiner langen Prüfung für Rameau, um\nsich zu überzeugen, dass Gossec nicht zu viel von dem Ta-\nlente und den Kenntnissen seiner Frau gesagt hatte. Er\nkündigte Beiden dann an, dass er noch heute ihnen Gele-\ngenheit geben werde, ihre Kunst zu zeigen.\nIch lasse Euch eine Stunde allein, sagte er; da liegt\ndie Partitur meiner neuen Oper La Guirlande, studirt sie,\nund dann gehen wir zur Probe. Herr Gossec wird das\nOrchester dirigiren, und seine niedliche Frau am Ciavier\nbegleiten.\nEben jetzt war der Bote aus dem Hotel de la Pope-\nliniere gekommen, durch den Rameau, der jetzt seiner\nSache gewiss war, sagen liess, man möchte nicht aus ein-\nander gehen, sondern seine Ankunft erwarten.\nDas junge Künstlerpaar ging an die Arbeit. Mitten\ndarin wurde es von Madame Rameau unterbrochen, die\nmit dem Schneiderkünstler-Paare ins Zimmer trat. Sie hatte\nMühe, Gossec begreiflich zu machen, dass jemand, den der\ngrosse Rameau vorstellte, auch noch einen feinen Anzug\nhaben müsste! Mit der jungen Frau wurde sie schon leich-\nter fertig. Der Gedanke, sich zum ersten Male in ihrem\nLeben frisirt, gepudert und als vornehme Dame ausstaffirt\nzu sehen, machte ihr Spass, und sie liess sich mit Vergnü-\ngen und Anstand von der Kleidermacherin Maass nehmen.\nAber der Chef costumier hatte mehr Last mit Gossec; die-\nser nahm die Partitur in die Hand, las anhaltend weiter,\nhielt mechanisch einen Arm oder ein Bein hin, wenn der\nGarderobemeister es verlangte, und beantwortete dessen\nFragen nach Stoff, Farbe u. s. w. nur mit: Wie Sie wol-\nlen! oder: Das ist mir gleich! Mit dem Versprechen,\ndass Alles zur gehörigen Stunde fertig sein werde, empfahl\nsich das Schneiderpaar.\nBald darauf ging Rameau mit dem Künstlerpaare nach\nder Probe. Es war ungefähr zwölf Uhr geworden; die\nMusiker, die fast drei Stunden gewartet hatten, waren\nwahrlich nicht in der besten Laune, und nur der Respect\nvor Rameau gebot ihrem lauten Murren Stillstand. Als sie\nnun aber vollends die beiden Neulinge ankommen sahen,\nkonnten sie ihren Verdruss und ihre Unzufriedenheit kaum\nunterdrücken. Es waren freilich alte Orchesterspieler da-\nbei, die, je weniger Talent sie hatten, desto anspruchsvoller\nwaren, und der Gedanke, sich von einem Knaben von acht-\nzehn Jahren, den kein Mensch kannte, dirigiren zu lassen,\nverschlimmerte die Stimmung auch bei den besten Mit-\ngliedern. Gossec stellte sich an das Pult, und auf Rameau's\nAufforderung gab er das Zeichen zum Anfangen. Aber\ngleich die ersten Tacte spielten die Violinisten so nachläs-\nsig, dass sie eine Passage, die nicht ganz leicht war, ver-\nbruddelten. Gossec liess sie sogleich wiederholen, aber sie\nging um nichts besser.\nMeine Herren! sagte er nun, es ist jetzt zwölf Uhr;\ndie Aufführung beginnt um sechs Uhr. Es hängt von Ihnen\nab, ob die Prohe binnen einer Stunde beendigt sei oder\nnicht. Da ich vor Allem darauf halte, dass es ausgezeich-\nnet gut gehe, so erkläre ich Ihnen, dass ich so lange pro-\nbiren lasse, bis wir den höchsten Grad der wünschens-\nwerthen Vollendung und Präcision erreicht haben, was\nübrigens gar nicht schwer ist. An Zeit fehlt es uns nicht,\nwir liaben noch sechs Stunden vor uns.\nDa stand ein älterer Musiker von seinem Sitze auf\nund rief: Sie haben gut reden, mein Herr, dessen Namen\nich nicht kenne; aber diese Stelle hat keine Applicatur\nund ist nicht spielbar.\nErlauben Sie mir Ihr Instrument, erwiderte Gossec\nmit aller Ruhe. Dann nahm er die Geige, welche der Mu-\nsiker mit eben nicht freundlichem Anstand darreichte, und\nspielte die Stelle mit vollkommener Reinheit und treffli-\nchem Vortrag.\nSie sehen, fuhr er dann fort, das ist ganz gut spiel-\nbar; aber Sie haben vielleicht nicht die richtige Lage ge-\nnommen; sehen Sie, Sie müssen die Stelle in dieser Lage\nund mit diesem Fingersatz spielen.\nDa sahen die Herren einander an; sie merkten, dass\nsie einen vor sich hatten, der seine Sache gründlich ver-\nstand, sie verdoppelten ihre Aufmerksamkeit, und die Probe\nging rasch von Statten. Nur der Flötist konnte seinen\nAerger noch nicht überwinden und versuchte noch einmal,\ndem Dirigenten auf den Zahn zu fühlen; er blies eine\nPassage ohne allen Ausdruck und ungenau. Gossec klopfte\nauf und rief ihm zu:\nHören Sie gefälligst einen Augenblick zu: meine Frau\nwird Ihnen die Stelle vorspielen!\nSie spielte sie auf dem Ciavier mit so vieler Anmuth\nund so reizendem Ausdruck, dass Alles im Orchester ap-\nplaudirte und auch die Widerspänstigsten gewonnen wurden.\nUm zwei Uhr war die Probe aus. Nun umgaben die\nMusiker Gossec, der mit dem Dirigentenstabe auch den\nErnst und die ruhige Kälte der Amtswürde abgelegt hatte\nund wiederum seiner Natur gemäss munter und vergnügt\nwar, wie ein Camerad unter Cameraden. Da er nun vollends\nden Zurückhaltendsten einige Complimente über ihr Spiel\nmachte, so war er mit Allen bald Ein Herz und Eine Seele\nund halte keinen Gegner mehr im Orchester des Herrn\nde la Popelinifere."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.5", "texte": "Rameau hatte sich während der ganzen Probe bei\nSeite gehalten. Er sass ruhig in einem Lehnstuhl und liess\nden jungen Dirigenten gewähren, freute sich, dass dieser\nseine Musik so gut aulfasste, und brauchte desshalb um\nso weniger seinem Vorsatze untreu zu werden, das An-\nsehen des zum ersten Male Auftretenden dürch keine Be-\nmerkung von seiner Seite zu schwächen. Gossec aber hatte\nsich kaum aus der Umgebung der Musiker los gemacht,\nals er sich auf einmal umfasst, aufgehoben und von dem\nberühmten Rameau ans Herz gedrückt fühlte.\nIch habe Euch eine frohe Botschaft verheissen, sagte\nRameau: kommt jetzt zum Essen; bei Tische werde ich\nsie Euch verkünden!\n\nNeue Compositionen von Max Bruch.\n\nDer geniale junge Componist hat seit der Herausgabe\nseines ersten Werkes, der komischen Oper „Scherz,\nList und Rache\" von Göthe (vergl. Jahrg. V., Nr. 40, v.\n3.october 1857), die künstlerische Laufbahn mit eben so\nviel Liebe und Thätigkeit als gelungenem Vorwärtsgehen\nverfolgt. Alles, was wir seitdem an neuen Sachen, theils\ngedruckten, theils zur Herausgabe vorbereiteten, gesehen\nund gehört haben, gibt glücklicher Weise den fortwähren-\nden Beweis, dass Max Bruch der wahren Kunst treu bleibt,\ndass er im Gegensatze zu den meisten jetzt aufstrebenden\nTalenten nicht durch Absonderliches, durch äusserlich\nAuffallendes zu frappiren sucht, sondern den Kern des mu-\nsicalisch Schönen, deij musicalischen Gedanken, den Fun-\nken des Geistes auffängt, so wie er in ihm aufblitzt, und\nihn dann durch die zwei Dinge, die den Musiker machen,\ndurch Sinn und Gefühl für das Schöne und durch bewusste\nkunstmässige Behandlung nährt und zur Flamme bringt,\ndie nicht versengt und brennt, sondern leuchtet und er-\nwärmt.\nFreilich ist das nicht Jedem gegeben, und wir sehen\nleider jetzt fast immer die jüngere Generation der Musiker\nin umgekehrter Entwicklung begriffen, als die musicalische\nNatur sie verlangt, das heisst, sie bilden sich erst zu Vir-\ntuosen aus, und dann componiren sie, wenn man die Aus-\nführung eines Vorsatzes, eines Einfalls oder eines über-\nlegten Entschlusses, der sich in der Regel in die Worte\nformuliren lässt: „Jetzt will ich auch einmal etwas schrei-\nben !<; wenn man das, sagen wir, componiren nennen\nkann. Da nun ferner die meisten jüngeren Talente sich\ndem Clavierspiel widmen, so folgt aus Beidem, dass ihre\nCompositionen fast immer ihren Ursprung und ihren vor-\nbedachten Zweck verrathen; der Quell, aus dem sie ent-\nspringen, ist das Ciavier, und die Freude am Schaffen\nliegt nicht in dem Schaffen selbst, sondern in der Aussicht\nauf den Effect, auf das Frappante, das der Vortrag des\nStückes haben wird. Nicht die Gabe der Erfindung, nicht\ndas Genie, sondern das Pianoforte mit seinen acht Octa-\nven, seinen Pedalen, seiner Dämpfung und Verschiebung,\nund ihre technische Fertigkeit auf demselben dichten unter\nihren Fingern; ihre Quartett- oder Orchestersachen, ja,\nsogar ihre Gesang-Compositionen nehmen alle den holpe-\nrigen Weg über die Claviatur zum Notenpapier. Und das\nglänzende Beispiel, das sie leider für diese Art und Weise\ndes Componirens anführen können, dient nur dazu, sie\nJahre lang auf dem verkehrten Wege festzuhalten. Kommt\nnun noch gar die fixe Idee von dem „neuen Inhalt\" hin-\nzu, den die Instrumentalmusik haben müsse, die Sucht der\nDarstellung äusserer Gegenstände und Erscheinungen, so\nhört die Musik vollends auf, und die Formlosigkeit und\ndie schlotterichte harmonische Willkür brauchten gar nicht\ndas Ihrige dabei zu thun, um ihr den Hals zu brechen, da\nihr das Mark in den Knochen fehlt und ihr eigenes Bein\nund Fleisch in sich selbst schon morsch und faul ist. Und\nda radotiren diese Leute noch von Umgestaltung und Re-\nvolution der Musik! Das ist eine wahre Ironie auf das\nWort Revolution. Revolutionen in der Kunst und Wissen-\nschaft machen sich nicht auf der Strasse; der Riese Genie\nmacht sie, und bis jetzt sehen wir im Lager derjenigen,\nwelche sich einbilden, die Musik revolutioniren zu wollen,\nnur Zwerge, die dadurch nicht grösser werden, dass ihre\nAnhänger sie auf ein hohes Fussgestell heben und darauf\nschreiben: „Der da droben, den Ihr kaum sehen könnt,\nist ein grosser Mann!\"\nMan kann es daher einem ehrlichen Kritiker, der\nnicht auf die W orte einer Schule oder einer Coterie ge-\nschworen hat, nicht verdenken, wenn er sich überall freut,\nwo er einmal wieder einen frischen, klaren Quell findet,\nder aus der Natur entspringt und nicht von mühsam auf-\ngepumptem Wasser durch künstliche Röhrenleitung vom\nSöller herab als Springbrunnen-Strählchen emporgeschnellt\nwird. Max Bruch ist eine echte musicalische Natur; das\nist es vor Allem, was wir mit Freuden in ihm anerkennen\nund wofür er dem Schöpfer aller Dinge zu danken hat;\ndenn das ist ja eine reine Gottesgabe. Allein wir heben\nsie hervor, weil wir die Ueberzeugung haben, dass die Er-\nkenntniss davon ihn nicht eitel machen, sondern das Be-\nwusstsein der Pflicht in ihm wach halten wird, diese\nGabe nie zu missbrauchen!\nDiese Ueberzeugung ist in uns durch seine Compo-\nsitionen der letzten Zeit auf das erfreulichste bestätigt\nworden. Ein grosses lyrisch-dramatisches Werk,\ndessen Stoff nach der Frithjofsage in die Form einer Can-\ntate gebracht ist, eine Ouvertüre für grosses Orchester"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.6", "texte": "zu Schiller's Jungfrau von Orleans und ein Quartett für\nStreich-Instrumente sind die grösseren Sachen, die Max\nBruch ausser den im Druck erschienenen geschrieben hat.\nDie letzteren sind folgende:\nCapriccio für Pianoforte zu vier Händen. Op. 2.\nHerrn Prof. J. Moscheies zugeeignet. Leipzig, bei\nKistner. Preis 17% Ngr.\nJubilate, Amen.Von Th. Moore, deutsch von F.\nFreiligrath, für Sopran-Solo, Chor und Orchester.\nOp. 3. Leipzig, bei Breitkopf & Härtel. Partitur\n15 Ngr. Clavier-Auszug 15 Ngr. Orchesterstim-\nmen 22V2 Ngr. Singstimmen 7% Ngr.\nDrei Duette für Sopran und Alt mit Begleitung\ndes Pianoforte. Op. 4. Frau J. Valckenberg und\nFräul. A. König zugeeignet. Leipzig, bei Breit-\nkopf & Härtel.\nTrio für Pianoforte, Violine und Violoncell.\nOp. 5. Den Herren F.David und F. Grützmacher\ngewidmet. Leipzig, bei Breitkopf & Härtel. Preis\n2 Thlr. 15 Ngr.\nSieben zwei- und dreistimmige Gesänge für\nweibliche Stimmen mit Begleitung des Pianoforte,\nvorzüglich zum Gebrauch in höheren Töchterschu-\nlen. Op. 6. Den Fräulein Schmitz, Vorsteherinnen\neiner höheren Töchterschule in Köln, gewidmet.\nKöln, 1859. F. C. Eisen's k. Hof-Buch- u. Kunst-\nhandlung. (26 S. Partitur.) Preis 15 Sgr.\nUnter der Presse sind bei Breitkopf & Härtel:\nBirken und Erlen. Gedicht von G. Pfarrius, für\nSopran-Solo und Chor. Op. 7.\nEin Heit Lieder für eine Singstimme mit Pianoforte.\nOp. 8.\nQuartett lür zwei Violinen, Viola und Violoncell.\nOp. 9.\nWenn wir zunächst auf die Gesa 11 g-ComPositio-\nnen besonders aufmerksam machen, so geschieht es dess-\nlialb, weil sich in ihnen trotz ihres kleinen Umfangs das\nmelodische Talent des Componisten am meisten und jeden-\nfalls am ansprechendsten auch für den blossen Kunstfreund\nollenbart, während in den grösseren Instrumentalsachen,\nin dem Clavier-Trio und dem Violin-Quartett na-\nmentlich, die Leichtigkeit und Gewandtheit, mit welcher\nder neunzehnjährige junge Musiker die Formen handhabt\nund ihnen ohne allen Zwang, von dem keine Spur zu be-\nmerken ist, vollkommen gerecht wird, den Kenner in der\nIhat mit Erstaunen erfüllt.\nDas Jubilate, Amen! nur 20 Seiten Partitur, ist ein\nwahrer kleiner Edelstein für Singvereine und für Concerte,\nzumal da die Programme der letzteren so oft den Mangel\nan guten kleineren Gesangstücken empfinden lassen. Die\nSolo-Singstimme vermählt sich durch den sanften, natür-\nlichen Erguss der Empfindung einer reinen Seele beim\nAnhören einer Vesper-Hymne, die über das Wasser her-\nüber hallt, auf reizende Weise mit den einfach kirchlichen\nChorklängen vom anderen Ufer her, und sie verschmilzt\nmit diesen zu einer Einheit, in der man doch stets den ver-\nschiedenen Charakter beider Gesangweisen durchhört. Die\nInstrumentirung—volles Orchester, denn auch die Pauken\nund Trompeten sind im pianissisehr wirksam behan-\ndelt, die Violinen con sordini ist zart und schön; aber\nauch am Ciavier und bei geschickter Begistrirung an der\nOrgel macht sich der Gesang recht schön. Das ganze Bild-\nchen ist ein Stück Eichendorff'scher Bomantik, eine durch-\nsichtige, vom letzten Sonnenstrahl durchwebte Waldein-\nsamkeit, wie am Laacher See, aufgefasst in ruhiger, inner-\nlich befriedigender Stimmung.\nVon den drei Duetten, Op. 4, ist das erste: „Ihr\nlieben Lerchen, guten Tag!\" Gedicht von Graf Schlip-\npenbach—das gelungenste. Es bewegt sich in einem\nvivace abwechselnd in %- und 74-Tact, G-dur, in einer\nanmuthigen Hast dahin, welche in dem scheidenden Wan-\nderer, der Eile hat und am frühesten Morgen aufbricht,\nkeine weichliche Sentimentalität, wohl aber wirkliche Em-\npfindung aufkommen lässt. • Das zweite: „Altdeutsches\nWinterlied\", ist von ganz entgegengesetztem Charakter,\ndessen Ausdruck gut getroffen ist. Das dritte: „Im\nWald\", ist am wenigsten originel; auch ist der Text (von\nWildenow) doch gar zu verblasste Poesie.\nDie zwei- und dreistimmigen Gesänge für\nweibliche Stimmen sind eine recht artige Vermehrung der\neben nicht reichen Literatur von Original-Compositionen\nfür d iese liebliche Gesangesgattung. Ihr Charakter hält die\nMitte zwischen Kinderliedern und Gesängen für Frauen-\nstimmen; die Mehrzahl derselben—es sind 4 drei- und 3\nzweistimmige—eignet sich jedoch wohl am besten für die\noberen Classen höherer Töchterschulen und Pensionate\nund für häusliche Kreise. Sie sind zwar keineswegs schwie-\nrig, aber sie erfordern zum guten, wenn auch stets einfach\nzu haltenden Vortrage doch etwas mehr als blosse elemen-\ntar-musicalische Vorbildung. Die Texte sind gut gewählt,\ndie Clavier-Begleitung leicht, aber nicht unwesentlich. Die\nMelodieen sind anmuthend, lieblich und fliessend, desshalb\nleicht sangbar, und dies in allen Stimmen, was ein grosser\nVorzug ist. Uebrigens sind es frühere Arbeiten des Com-\nponisten, an denen eben das auch lobenswerth erscheint,\ndass er sich schon damals in die Art von Entsagung und\nAnspruchlosigkeit zu fügen wusste, welche diese Gattung\nund insbesondere der vorherrschende Zweck verlangen.\nDie Gesänge haben sich bereits in einer hiesigen Anstalt\nals sehr praktisch bewährt; sie wurden und werden von"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.7", "texte": "den jungen Schülerinnen immer sehr gern gesungen. Die\nAusgabe ist nicht bloss für ein Schulheft, sondern auch\nohne diese Beziehung auf seine Hauptbestimmung, sehr\nzierlich und nett: Papier, Stich und Druck sehr gut, jede\nStimme auf einem besonderen System, was die Deutlich-\nkeit und Uebersicht ausserordentlich befördert und erleich-\ntert. Die einzelnen Stimmen sind nicht gestochen; da der\nPreis von 15 Sgr. für das ganze Heft ein sehr mässiger\nist, so billigen wir diese Unterlassung vollkommen, weil\ndas Partiturheft jeder einzelnen Stimme das Treffen er-\nleichtert und eine bessere musicalische Einsicht verschafft,\nauch der Besitz desselben für spätere Jahre angenehm ist,\nwährend die zerstreuten Stimmen leicht verloren gehen.\nDie Instrumental-Compositionen werden wir nächstens\nbesprechen.\n\nL. B.\n\nAn die Süddeutsche Musik-Zeitung der Herren Schott\nin Mainz.\nIn Nr. 26 derselben (vom 27. Juni) steht ein Artikel:\n„Die neue Orgel für die Kathedrale in Rouen\",\nwelcher offenbar aus dem Schreiben unseres Correspon-\ndenten und Mitarbeiters B. Pin Nr. 22 der Nieder-\nrheinischen Musik-Zeitung, betitelt: „Aus Paris\"\n- zurecht gemacht ist. In diesem Schreiben des Herrn\nB. P.ist von einer Prüfung der neuen Orgel für Rouen,\ngebaut von den Herren Merklin-Schütze, vor einer\nglänzenden Versammlung 99i II (ICI'CII Werkstatt\nZU S*«iris'* die Rede (Nr. 22, Seite 175), und dann\nheisst es: „Die Räumlichkeit erlaubte jedoch nicht eine\nvollständige Aufstellung; das Positiv (das vierte Manual)\nmusste zurückbleiben, da nur für die Stimmen von drei\nCiavieren und dem Pedal Platz war. Trotzem, dass sich\nnur zwei Drittheile der ganzen Kraft entfalten konnten\"\nu. s. w.\nDen klaren Sinn dieser Worte verdreht die Süddeut-\nsche Musik-Zeitung zu folgendem Passus:\n„Sonderbarerweise hat der Orgelbauer Schütze\nbei seiner Disposition so wenig Rücksicht auf\ndie Räumlichkeiten <!cr Mll'die genommen,\ndass nur circa % des Werkes aufgestellt werden\nkÖlllieil ; das 4. Manual mit allem Zubehör miiäSCH\nzurück bleiben. Es könnte dieser sonderbare Umstand\neinen fast irre machen an der praktischen Tüchtig-\nkeit des Orgelbauers. Nichts desto weniger be-\nkam zu Paris die Prüfungs-Commission das ganze\nWerk (!!) zu hören\" u. s. w.\nlieber die Art der Copie und über den Unsinn, dass\ndie Commission „in Paris das ganze Werk gehörthabe\",\nwelches nicht einmal „in dem grossen Dome zu Rouen\nPlatz haben soll\" (!), sagen wir weiter nichts. Aber dass\naus unserem pariser Berichte das höchst ehrenvolle Re-\nsultat der Prüfung gar nicht erwähnt und dagegen auf\nunverantwortliche Weise der mit Recht berühmten Firma\nder Orgelbauer Merklin-Schütze & Comp, in Brüs-\nsel und Paris, unseren deutschen Landsleuten, ein\nSchimpf angethan wird, dazu dürfen wir nicht schweigen\nund fordern die Redaction der Süddeutschen Musik-Zei-\ntung auf, in ihrem Blatte diesen—lrrthum zu berich-\ntigen.\nDie Redaction\nder Niederrheinischen Musik-Zeitung.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nDie berühmte Harfenspielerin Fräulein Mosner hat sich mit\ndem Herrn Langenbach, Dirigenten der Küpper'sclien Capelle in\nElberfeld, vermählt.\nfail*i a. M., 8. Juni. Am nächstkommenden Freitag,\nden 10. d Mts., findet das letzte Concert pro Semester 1858—s!>\ndes RühFschen Gesang-Vereins in der Paulskirche, und zwar zum\nBesten der verwundeten österreichischen Krieger in Italien, Statt.\nDer engere Ausschuss des hiesigen Theaters hat wiederholt, und\ndiesmal ohne Berücksichtigung des edlen Zweckes, die Mitwirkung des\nOrchesters verweigert, wesshalb der Vorstand jenes Vereins abermals\ngezwungen wurde, ein auswärtiges Orchester zu acquiriren. Mit\ngrosser Bereitwilligkeit hat nun die herzogliche Hofcapelle von\nWiesbaden ihre Mitwirkung zugesagt. Als einen Act seltener To-\nleranz habe ich Ihnen die von Seiten der hiesigen israelitischen Ge-\nmeinde erfolgte Anstellung eines Organisten in der neuerbauten Sy-\nnagoge durch einen Christen mitzutheilen. (Südd. M.-Z.)\nHeidelberg? Ende Mai. Das letzte Concert des Instrumental-\nVereins das erste der Sommer-Saison war eines der glänzend-\nsten und besuchtesten des ganzen Jahres und gab abermals einen\nschönen Beweis für die Uebereinstiinmung des Dirigenten, Herrn\nBoch, mit dem Orchester und der daraus resultirenden Harmonie\nund Präcision der Ausführung. Das Programm brachte uns in erster\nLinie Beethoven's herrliche Sinfonie in F (Nr. 8), die, gut ausge-\nführt, eine befriedigende Wirkung auf die Zuhörer machte und wür-\ndig auf die zweite Abtheilung des Programms vorbereitete. Die\nzweite Abtheilung brachte uns neben einer trefflichen Auswahl\nder Stücke zwei Gäste, deren Leistungen wesentlich dazu bei-\ntrugen, die Stimmung zu einer äusserst befriegenden zu machen. In\nHerrn Becker vom Hoftheater zu Mannheim, der eine Arie aus Fi-\ngaro's Hochzeit vortrug, bewunderten wir einen Bassisten, der bei\ntrefflicher Naturanlage und künstlerischer Ausbildung, frei von den\nUnarten so vieler Sänger, die ganze Genialität des Mozart'schen Mei-\nsterwerkes zur Geltung zu bringen wusste. In Herrn Adolf Pfeiffer,\neinem jungen Künstler aus Frankfurt a. M., der, wie wir so eben\nerfahren, noch vor einem halben Jahre lieidelberger Student, aus\nLiebe zur Tonkunst zu seinem jetzigen Berufe erst vor Kurzem\nübergetreten ist, lernten wir einen gebildeten Künstler kenuen, der\ndem eben so schwierigen als grossartigen Mendelssohn'schen Ciavier-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590702-01.1.8", "texte": "Concert in D-tnoll, sowohl was Technik als würdige Auffassung be-\ntrifft, vollkommen gewachsen war. Würdig reihten sich den beiden\ngenannten Stücken „Gebet\", nach lutherischen Worten für Chor und\nOrchester von Mendelssohn, so wie Mozart's „Ave verum corpus\"\nan, wobei uns die Fortschritte des Chors einer erst vergangenen\nWinter ins Leben gerufenen Schöpfung unseres unermüdlichen Di-\nrectors Herrn Boch freudig überraschten. Den Schluss des Con-\ncertes bildete Nicolais Ouvertüre zu den „Lustigen Weibern von\nWindsor.\"\nMünchen. Der Capellmeister Joseph Hartmann Stuntz\n(geb. den 23. Juni 1793 zu Arlesheim im Canton Basel) ist hier am\n38. Juni gestorben.\nff Königsberg, Mitte Juni. Das seit Längerem projectirte\nHändel-Fest hat am 15. und 16. d. Mts. Statt gefunden. Da man\nsich einmal genöthigt sah, das Datum von Händel's Tode (14.\nApril 1759) unberücksichtigt zu lassen, so verlegte man es auf die\nPfingstzeit, ohne zu ahnen freilich, dass dann die Zeiten die ungün-\nstigsten von der Welt für dergleichen Unternehmungen sein würden.\nSo haben es nun diese ungünstigen Zeiten verschuldet, wenn das\ngrossartig angelegte Fest einen immer nur kleinen Theil des Publi-\ncums berührte, abgesehen auch davon, dass Händel leider nicht bei\nder Menge die Popularität besitzt, welche die Feier seines Anden-\nkens zu einer allgemeinen hätte machen sollen, und abgerechnet fer-\nner, dass bei uns von einer gewissen, um jeden Preis bewahr-\nten Pietät, wie sie andere Nationen in ähnlichen Fällen besitzen,\nnicht viel die Rede ist. Unterstützt durch verschiedene Gesang-\nVereine der Provinz, führte die hiesige musicalische Akademie an\nzwei auf einander folgenden Abenden unter Leitung des Herrn Mu-\nsik-Directors Stern aus Berlin (für den Messias) und ihres eigenen\nDirigenten zwei Concerte aus, in denen ein Bild von Händel's Thä-\ntigkeit auf den verschiedenen Gebieten, in denen er sich als Compo-\nnist bewegte, durch Proben aus seinen Werken gegeben werden\nsollte. Die Chöre wurden meistens tüchtig ausgeführt; die Leistun-\ngen des Orchesters können jedoch nur als schwach bezeichnet wer-\nden. Für die Solo-Partieen waren Fräulein Grosser und Fräulein\nHin ke 1 aus Leipzig gewonnen worden. Zur Zeit concertiren hier\ndie Geschwister Ferni. Der Beifall, den sie gefunden, hat sie ver-\nanlasst, noch einige Concerte mehr, als die Anfangs annoncirten, in\nAussicht zu stellen.\nDie Militärmusik hat seit einigen Jahren angefan-\ngen, hier auch die Rolle zu spielen, die ihr in den grösseren Garni-\nsonstädten Deutschlands längst eigen ist. Der Hauptsitz ihrer öffent-\nlichen Leistungen ist jetzt das glänzende Etablissement Au pre Ca-\ntelan im Bois de Boulogne. Da das Corps der Guiden ausmarschirt\nist, deren Musik Herr Mohr vortrefflich leitete, so nimmt jetzt das\nMusikcorps der Gensd'armerie der Garde dessen Stelle im Kiosk ein\nund führt unter der geschickten Leitung des Herrn Riedel, eben-\nfalls eines Deutschen, Musik von guten Componisten und gut arran-\ngirt mit grossem Beifall auf. Man hört da z. B. Sätze aus Sinfo-\nnieen von Beethoven, die Musik Mendelssohns zum Sommernachts-\ntraum, die Ouvertüren zu Oberon, Freischütz, Wilhelm Teil, Mar-\ntha (die nirgends fehlen darf!) u. s. w. Auch zählt das Corps einige\ns?hr brave Solobläser, namentlich einen Posaunisten und einen Cor-\nnetbläser, die jedem Concert-Orchester Ehre machen würden.\nMad. Miolan-Carvalho, die für die dermalige londoner Saison en-\ngagirt ist, hat sich am 15. Juni dahin begeben. Sie übte täglich in\nitaliänischer Sprache ihre Rollen in den Opern „Le Nozze di Figa-\nro\" > „II Barbiere di Sivigliau und „Le Pardon de Ploermel\" unter\nden Auspicien Rossini's und Meyerbeer's.\nRoger soll nach bevorstehendem Ausgange seines Engagements\ndie grosse Oper verlassen und sich der italiänischen Oper zuwenden.\nDie grosse Oper bereitet ein grosses Werk des Fürsten Ponia-\ntowski zur Aufführung vor.\nDie ausserordentliche Vorstellung zum Besten der Mad. Miolan-\nCarvalho im Thedtre lyrique hat 24,000 Fr. eingebracht.\n\nw."}]}