{"numero_id": "bm-bmtnabi-1859-07-09-01", "volume": "bmtnabi_1859-07-09_01", "ocr_sha256": "91a44ab4d489e2b52b2abbc9b456382ad9fb0481f441093b840eaab84e92fca7", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1859/07/09_01/bmtnabi_1859-07-09_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1859-07-09-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-07-09_01#c001", "volume": "bmtnabi_1859-07-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "217", "page_fin": "217", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "217", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 315, "texte": "Inhalt.\nDas Erinnerungsfest an Händel in London. Aus detn Musical World. Händel's Denkmal in Halle. Die dramatische\nHierarchie in Prankreich. Fortsetzung, statt Schluss. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Wohlthätigkeits-Concert des kölner\nMänner-Gesangvereins Hannover, Hof-Capellmeister Dr. Heinrich Marschner)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-07-09-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-07-09_01#c002", "volume": "bmtnabi_1859-07-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "217", "page_fin": "220", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.2.2", "titre_corps": "Das Erinnerungsfest an Händel in London.", "titre_sommaire": "Das Erinnerungsfest an Händel in London.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "217", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.1", "debut_caractere": 317, "fin_caractere_exclue": 3200, "texte": "Das Erinnerungsfest an Händel in London.\n(Aus der Musical World.)\nDie Hauptprobe zu dem Jubelfeste fand Sonnabend\nMorgens den 18. Juni vor einer Zuhörerschaft Statt, welche\nnahezu die Zahl von 20,000 Personen erreichte. Die aku-\nstischen Einrichtungen im Krystallpalaste haben wir schon\nbeschrieben (s. Nr. 25 vom 18. Juni); sie bewährten sich\nin dem Grade, den man vernünftiger Weise erwarten\nkonnte. Wir bemerkten eine grössere Besonanz und Con-\ncentrirung des Klanges bei den grossen Chören, und auch\ndie Solostimmen warfen besser aus als sonst. Vergleiche\nindess weiter unten.)\nDas Fest-Orchester bestand in seiner Vollständig-\nkeit aus:\n92 ersten Violinen,\n90 zweiten Violinen,\n60 Bratschen,\n60 Violoncellen,\n61 Contrabässen,\n363\n10 Flöten,\n10 Oboen,\n10 Clarinetten,\n10 Fagotten,\n6 Trompeten,\n12 Hörnern,\n9 Posaunen,\n3 Ophikleiden,\n2 Bombardons,\n8 Serpents,\n3 Paar Pauken (zwei von 13 F. Umfang),\n1 grosse Trommel von ungeheurem Caliber,\n6 kleinen Trommeln,\n90\n453 Personen.\nV\nDazu die grosse Orgel (mit 40 Balgentretern!) und ein\nSängerchor von 725 Sopran-, 719 Alt-, 659 Tenor-\nund 662 Bassstimmen = 2765, ohne die Solostimmen.\nAlles zusammen 3218. Nimmt man noch die 100 Ver-\nkäufer von Textbüchern, die 200 Billet-Empfänger und\nPlatz-Anweiser, die Policemen u. s. w. hinzu, so waren\nüber 3500 Personen im Dienste der Fest-Aufführungen.\nDie ganze Unternehmung und Einrichtung der kolos-\nsalen Säcularfeier zum Gedächtnisse Händel's, des Michel\nAngelo der Tonkunst, ging von dem Comite der Sacred\nHarmonie Society in London aus, und es ist nicht genug\nanzuerkennen, mit welcher ausdauernden Anstrengung und\nmit welcher umsichtigen Sorgfalt bei der Zusammensetzung\ndes ausführenden Personals dasselbe verfahren ist. Die\nDirection der Aufführungen hatte es Herrn Costa über-\ntragen.\nDie Klangmassen wurden zuerst in dem Nationalliede\nund in zwei Chören aus dem Messias, dem „Hallelujah\"\nund „Würdig ist das Lamm\" versucht. Man erkannte im\nVergleich zu den Aufführungen von 1857 allgemein an,\ndass der neue Bau der Tonbühne und die getroffenen Vor-\nrichtungen viel Vortheilhaftes zeigten. Die hohe Schall-\nwand, welche hinter der Orgel her mit ihren Seitenbogen\ndas ganze ausführende Personal umfasste, wirkte wie eine\nArt von Resonanzboden, der den Klang zusammendrängte\nund gerade aus in den ungeheuren Raum des Querschiffes\nwarf. Die Directoren waren mit der Wirkung dieser\nSchallwand auch auf die Solostimmen so zufrieden, dass\nvon den anderweitigen Versuchen zur Unterstützung der\nSolostimmen, welche der Prospect früher verhiess (vergl.\nNr. 25, S. 198), nicht mehr die Rede war. Es ist natür-\nlich, dass in einem so ungeheuren Räume es viele Plätzt-\ngibt, auf denen man besser hört, als auf anderen; im Gan-\nzen aber muss man anerkennen, dass kein Zuhörer gera-\ndezu ausser der Schalllinie sass, wie das 1857 noch der\nFall war. Bei allem dem darf man sich jedoch nicht ver-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "218", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5240, "texte": "hehlen, dass noch viel zu thun bleibt, ehe dieser Abschnitt\ndes Krystallpalastes für völlig geeignet zu solchen Musik-\nfesten erklärt werden kann.\nAm Montag den 20. Juni begann das eigentliche\nFest. Es wurde mit dem Messias eröffnet. Der Morgen\nwar schön, aber gegen Mittag trat Regen ein, der den\nganzen Nachmittag durch dauerte. Der grössten Unan-\nnehmlichkeit war man bei der Rückfahrt ausgesetzt, da\nder Mangel an Wagen eine Menge Menschen stundenlang\nauf den beiden Eisenbahn-Stationen an Londonbridge und\nPiinlico festhielt.\nDie Aufführung von Iländel's Meisterwerke war im\nGanzen glänzend, und der Eindruck, den das Hallelujah\nund der Chor: „Es ist uns ein Kind geboren\", hervor-\nbrachten, war mit nichts zu vergleichen. Beide Chöre wur-\nden mit einem Sturm von Applaus aufgenommen, der mit\ndem Donnerklang des Chors an Stärke wetteiferte. Der\nerste musste wiederholt werden.\nAusserdem bewährte sich der Chor aber auch noch\nin manchen anderen Nummern des Oratoriums vortreff-\nlich, z. B. in: „Er wird sie reinigen, die Söhne Levi\",\n-Hoch thut euch auf, ihr Thore der Welt\", mit seiner\nprachtvollen Gegenstrophe: „Wer ist der König der Eh-\nren?\" „Sein Joch ist sanft\", und: „Würdig ist das Lamm\",\nder erhabenste Chor von allen genannten, der aber leider,\nweil er der Schlusschor war, nicht mit der erforderlichen\nAufmerksamkeit angehört wurde.\nDie Solisten waren Frau Clara Novello und Miss\nDolby, die Herren Sims Reeves, Weiss und Bel-\nletti. Wir brauchen über sie nichts weiter zu sagen, als\ndass ihre Leistungen, wie immer, vortrefflich waren. Die\nZahl der Zuhörer beliel sich auf 17,109.\nAm Mittwoch stieg diese Zahl auf 18,000. Man\nglaubte, die Königin werde an diesem Tage im Concerte\nanwesend sein, und dies zog natürlich Viele dahin. Die\nHaupt-Anziehungskraft übte jedoch das zur\nFeier der Schlacht bei Dettingen aus, von dem man\nsich um so mehr eine erschütternde Wirkung versprach,\nals die Begeisterung dafür durch die vor Kurzem gehörte\nAufführung einen hohen Grad erreicht hatte. Uebrigens\nkonnte man auch voraussetzen, dass der kriegerische Cha-\nrakter des dettinger Hymnus in gegenwärtiger Zeit dop-\npelt anziehen werde.\nDieses Te Deam, welches das schönste Kirchenstück\nist, das Händel componirt hat, wurde zur Feier des Sieges\ngeschrieben, den die Engländer, Hannoveraner und Hes-\nsen unter Georg 11. bei Dettingen (am Main) gegen die\nFranzosen unter dem Marschall Noailles (den 27. Juni\n1743) erfochten. „Sangen die Franzosen nicht auch ein\nTe Deuml\" wird Mr. Thackeray fragen. Wahrschein-\nlich, und ohne Zweifel werden sie auch in dem damaligen\nMoniteur einen Artikel veröffentlicht haben, der beweis't,\ndass sie bloss die Stellung geändert hätten, und dass die\nfeindliche Armee mehr als doppelt so viel Verlust erlitten,\nals die ihrige. Doch, mögen die Franzosen auch ein\nDeum gesungen haben oder nicht, so viel ist sicher, dass\ndas ihrige vergessen ist, und dass das unsrige, weil es\nHändel geschrieben hat, in alle Ewigkeit leben wird. Wer\nkann aber sagen, dass eine Schlacht dereinst hauptsäch-\nlich durch den Lobgesang, der zu ihrer Ehre componirt\nwird, im Andenken bleiben werde? Und so wie viele\nTapfere vor Agamemnon lebten, aber vergessen sind, weil\nkein Homer ihre Thaten besang, so kann man auch sagen,\ndass viele ruhmvolle Schlachten vor der dettinger geschla-\ngen worden, aber dass ihr Andenken erloschen ist, weil kein\nHändel da war, die Erinnerung an sie mit unsterblichen\nTönen zu vermählen. Uebrigens war die Schlacht bei Det-\ntingen die letzte, in welcher ein König von England com-\nmandirte. König Georg 11., der zuerst das Beispiel gab\nund nie wieder davon abging, das Hallelujah im Messias\nstehend anzuhören, war nicht nur ein Mann von tiefem\nGefühl für Musik, sondern auch ein handfester Kämpe zu\nRoss und zu Fuss.\nDer zweite Theil des Mittwochs-Concertes brachte\nausgewählte Stücke aus Belsazar, Saul, Samson und\nJudas Maccabäus, bei denen der Beifall und der En-\nthusiasmus der Zuhörer gross war. Während der prächti-\ngen Ausführung des Te Deum. war übrigens das Publicum\nruhiger in seinen Beifallsbezeigungen, vielleicht in Ueber-\neinstimmurig mit der Ansicht, die „ein Mitglied des Chors\"\nin einem offenen Briefe über das ungeziemende Benehmen\ndesselben bei der Aufführung des Messias ausgesprochen\nhatte. Nachher wurde der Applaus indess wieder sehr stür-\nmisch und artete oft in Aufruhr und Lärm aus, auch waren\ndie Dacapo-Rufe zu häufig. [Man sieht, wie wenig für die\nKunst und ihre wahre Verbreitung hei solchen Monster-\nConcerten herauskommt. Das englische Publicum, das\nsonst die Oratorien mit einer beinahe kirchlichen Andacht\nvon Anfang bis zu Ende anhört, scheint im Krystallpalaste\nseinem Charakter untreu geworden zu sein. Freilich, wo\ndie Musik selbst am Ende doch nur auf Schall und Lärm\nberechnet ist, wird sich das Publicum seinerseits auch den\nLärm nicht wollen nehmen lassen!] Ein Orkan von Applaus\nbrach beim Schlüsse des Chors „Envy, eldestborn of hell\"\naus; die ganze Zuhörerschaft bestand darauf, ihn noch\neinmal zu hören, und das Schreien wurde so arg, dass\nCosta sich fügen musste. Der Doppelchor „Ehret\nauf seinem ewigen Thron\" aus Samson machte einen\ngrossartigen Eindruck. Miss Dolby sang die liebliche Alt-\nArie: „O hör' mein Fleh'n, allmächtiger Gott!\" vollendet"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5339, "texte": "schön; eben so auch im Messias: „Er ward verschmähet\".\nFrau Novello musste die Arie: „Lei the bright Sera-\nphim\", mit der Solo-Trompete [?] singen.\nAus dem Judas Maccabäus wurden sechs Nummern\ngemacht. Sims Reeves wurde stürmisch empfangen und\nmachte durch die kriegerischen Arien grossen Effect; auch\ndas Duett (C-moU), gesungen von Frau Rudersdorf und\nMiss Dolby, war eine treffliche Leistung, und der darauf\nfolgende Chor: „Noch niemals beugten wir\", namentlich\ndie Fuge in C-dur:„Wir opfern Gott und Gott allein\",\nwurden mit am besten und mächtigsten gesungen. Der\nEindruck des herrlichen Chors: „Seht, er kommt mit Preis\ngekrönt!\" in welchem besonders der zweistimmige Mittel-\nsatz der Soprane wundervoll klang, wurde leider durch\ndie Unruhe des Publicums, weil er die letzte Nummer des\nConcertes bildete, bedeutend geschwächt. [!]\nBei aller Anerkennung der baulichen Verbesserungen\nin dem Palaste lässt sich doch nicht läugnen, dass noch\nviel fehlt, den ungeheuren Raum für musicalische Auf-\nführungen geeignet zu machen. Es ist nicht möglich, eine\nMasse von Musikern aufzubringen, die im Stande wäre,\ndiese weithin offenen Galerieen, diese endlosen Flügel des\nLangschilfes, dieses himmelhohe Domgewölbe zu füllen,\ndessen ungeheurer Schlund den Donner von zwanzig\nTausend Sängern und Instrumentalisten verschlingt, ohne\neinen Wiederhall davon zurückzugeben.—Wir sassen am\nersten Tage günstig, in der Reihe Nr. 55, gerade über\nder Tonbühne, unter der Süd-Galerie. Der Ueberblick\nwar prächtig und wunderbar imposant, und man konnte\nerwarten, dass dies einer der besten Plätze zum Sehen\nund Hören sein müsse. Bald nachher fingen wir indess an,\nden Abstand unserer Sitze von dem Directionspulte Costa's\nzu ermessen und mussten ihn auf das Dreifache der Ent-\nfernung der letzten Galerie von der Bühne im Theater\nIhrer Majestät schätzen.\nDas Orchester, wie eine riesige Muschelschale aufge-\nbaut, schien vortreff lich geeignet, den Klang gerade aus\nin den Raum des Querschiff's auszuwerfen, und wir dach-\nten, dass dies wohl die grosse Entfernung nicht fühlbar\nmachen werde. Aber gleich durch das\nwurde dieser Gedanke widerlegt, obwohl dasselbe, auf\neinem grossen Theile der reservirten Piätze angehört, einen\ngewaltigen Eindruck gemacht haben soll. Die hohen Töne\nder Frau Novello waren auch da, wo wir sassen, deutlich\nzu hören, allein sie brachten auch keine Idee von Stärke\nhervor, und Jedermann weiss, dass eine Sopranstimme\nbesser als jede andere in der Ferne gehört wird, so wie\nder Gesang der Lerche weiter trägt, als die tiefen Töne\nder Amsel. Als aber das Quartett Miss Dolby, Sims Ree-\nves, Belletti und Weiss den zweiten Vers sang, sahen\nwir uns genöthigt, mit der grössten Aufmerksamkeit zu\nlauschen, um gelegentlich einen Ton aufzufangen, und zu-\nweilen war der Gesang ganz und gar nicht zu vernehmen.\nWas war daran schuld? Der ungeheure Raum, in dem\nnichts als der Donner eines Vierundzwanzig-Pfünders oder\ndie riesige Klangmasse von Costa's Chor und Orchester\nein Echo hervorrufen kann. Nun kommen zwar die Solo-\nsänger bei solchen Festen erst in zweiter Reihe in Be-\ntracht; aber wenn sie einmal mitwirken sollen, so muss\nman sie doch auch hören können. Dass übrigens die Chöre,\nso Staunenswerth sie waren, dennoch ebenfalls verhältniss-\nmässig derselben Klang-Abschwächung unterworfen blie-\nben, war unvermeidlich. Natürlich hört man die vereinigte\nKlangkraft von 3500 Sängern und Spielern überall in\ndem Gebäude, aber der Unterschied der Stärke des Tones\nnach dem Verhältnisse des verschiedenen Standpunktes der\nZuhörer war denn doch zu auffallend, um nicht bemerkt\nzu werden.\n[Die Vorschläge des Referenten zu weiteren akustischen\nVorrichtungen können im Auslande nicht interessiren. Wir\nkommen immer auf die schon in Nr. 25 gemachte Bemer-\nkung zurück, dass es für die Klangmassen eine Gränze\ngibt, die nicht ungestraft überschritten werden darf, wenn\nMusik Musik bleiben soll, und dass das Verhältniss zwi-\nschen Menge und Wirkung in musicalischer Hinsicht kein\narithmetisches ist. Auch der Correspondent der pariser\nRevue et Gazetie musicale, Th. Wartel, theilt unsere An-\nsicht ganz und gar. Er sagt über das Händel-Fest in sei-\nnein Briefe aus London vom 1. Juli:\n„In Bezug auf die Liebe zum Grossen und Kolossalen\nund auf die Wichtigkeit für die Achtung der Kunst und\nder Künstler muss man dieses Erinnerungsfest rühmen und\nbewundern. Betrachtet man aber diese ungeheure Kund-\ngebung der Gesinnung vom musicalischen Standpunkte aus\nund in Bezug auf die Vollendung der Ausführung, so\nmüssen wir gestehen, dass wir kein grosses Behagen dar-\nan empfinden und die letztere nur so leidlich wie möglich\ngefunden haben, was auch bei solchen Gelegenheiten das\nallein erreichbare Ziel sein kann. Niemals wird der Musi-\nker diese kolossalen Musikfeste gut heissen können, bei\ndenen die Mitwirkenden nach Tausenden gezählt werden.\nEs gibt eine Gränze für die Zahl der Dolmetscher eines\nOratoriums oder einer Sinfonie, und sieben Tausend (?)\nPersonen sind kein Orchester mehr, sondern eine Men-\nschenmasse. Der Lärm hat in der Musik keine Berechti-\ngung, und man sage, was man wolle, so etwas bleibt doch\nimmer nur Lärm, auf Lärm laufen alle diese grossen Auf-\nführungen hinaus, die eine gewisse Aehnlichkeit mit dem\nThurm von Babel haben, von dem man noch nie gerühmt\nhat, dass er die Harmonie erzeugt habe. Man muss es\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "220", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5138, "texte": "einmal gerade heraus sagen: In musicalischer Beziehung\nist so etwas bässlich. Wenn ein Volk unisono singt, gut\ndarin liegt etwas wirklich Grosses und Erhebendes;\naber ein Volk, das Fugen singt! 14\nHerr Wartel hätte, um alle Musiker für sich zu ha-\nben, sagen sollen: „diese übertrieben oder übermäs-\nsig grossen Aufführungen\" —, wozu denn auch die Con-\ncerte zu Paris im Circus, die 2000 Orpheonisten u. s. w.\ngehören. Er geht zu weit, wenn er alle grossen Auffüh-\nrungen für musicalisch-hässlich erklärt. Die Franzosen\nkennen den Eindruck der in grossem Maassstabe vereinig-\nten Chor- und Orchester-Musik, wie wir sie in Deutsch-\nland und namentlich am Rheine haben, zu wenig. Im\nPrincip aber hat er gewiss Recht. Die Redaction.J\nDie Aufführung am dritten Festtage, Freitag den\n24. Juni, war bei Weitem die anziehendste und im Er-\nlolg bedeutendste von allen. Die Menge der Zuhörer über-\nstieg die Zahl der Anwesenden an den früheren Tagen\num beinahe zehn Tausend. Die königliche Loge war\nbesetzt durch Se. Königliche Hoheit den Prinzen Albert,\ndurch Ihre Königlichen Hoheiten die Prinzessinnen Alice\nund Helene und deren Gefolge. Auch Meyerbeer war an-\nwesend. Der Anblick der Tonbühne war über alle Be-\nschreibung prächtig, wozu die grössere Symmetrie der Auf-\nstellung des Sänger-Personals beitrug, da die weiblichen\nStimmen wegen der Doppelchöre in „Israel in Aegyp-\nten\" auf beide Seiten vertheilt waren. Mit Einem Worte:\nAlles traf zusammen, um den dritten Tag zur Krone des\ngrössten Musikfestes zu machen, das die Welt je gesehen\nhat. Das Wetter war prachtvoll, und nichts störte den Ver-\nlauf der Fest-Aufführung, Dank den vortrefflichen Bemü-\nhungen der 200 Ordner, welche den ungeheuren Zudrang\neben so ruhig in die gehörigen Strömungen und Schran-\nken leiteten, als an den gewöhnlichen Besuchstagen.\nDie Ausführung von „Israel in Aegypten\" war un-\nzweifelhaft die beste von allen. Noch nie hatte man eine\nso mächtige und den Winken eines kleinen Stäbleins so\ngehorsame Phalanx gesehen. Der Chor war, als wäre er\nEine Stimme. Ein oder zwei Mal da, wo die Fugen in den\nDoppelchören aussergewöhnlich kunstvoll gearbeitet sind,\nwar eine tadellose Ausführung sehr schwierig, und das\nOhr fühlte sich nicht ganz befriedigt. Das waren aber\nauch die einzigen Ausnahmen; alles Uebrige verdient Lob,\nund zwar im höchsten Grade. Es ist unmöglich, zu ent-\nscheiden, welcher Chorstimme der Preis gebührt. Die\ngrösste Wirkung machte: „Er sprach das Wort!\" und:\n„Hagel statt Regen fiel herab!\" Der letztere Chor musste\nwiederholt werden. Wir brauchen nicht alle Glanzpunkte\nin der Ausführung der Chöre aufzuzählen; es reicht hin,\nzu sagen, dass sie mit dem Eröffnungs-Chor begannen\nund erst mit: „Das Ross und den Reiter hat er ins Meer\ngestürzt!\" endigten.\nDie Sologesänge hielten sich, in so weit als es mög-\nlich war, mit den Chören ebenbürtig. Am ausgezeichnet-\nsten sang Sims Reeves die Arie in G-dur: „The ennemy\nsaid\".\nBemerken wir noch schliesslich, dass die National-\nHymne God save the Queen!zu Anfang und zum Schluss\n(Solo: Frau Novello) gesungen wurde, den Mitgliedern des\nköniglichen Hauses bei ihrem Eintritt und beim Weg-\ngehen begeisterte Hochs aus dem Munde der vielen Tau-\nsende ertönten, dass am Ende des Ganzen der Ruf „Costa!\"\naus der Mitte der ungeheuren Menge erschallte, und dass\nder treffliche und unermüdliche Dirigent bei seinem Er-\nscheinen durch betäubenden Applaus und Zuruf gefeiert\nwurde.\n[Diesem Berichte fügt die Redaclion der\nWorld unter Anderem noch folgende Bemerkungen zu:]\nDas Erinnerungsfest an Händel ist jetzt eine histori-\nsche Thatsache, und was auch immer für eine Meinung\nüber den letzten Zweck so gigantischer Vereinigungen und\nderen directen oder indirecten Einlluss auf die Kunst die\nOberhand behalten mag, der Erfolg muss der strengen\nWahrheit gemäss als beispiellos anerkannt werden. Dass\naber, wenn einmal der Hunger des Publicums auf musi-\ncalische Schauspiele von so riesigem Maassstabe gereizt\nworden ist, etwas der Art periodisch aufgethan werden\nmuss, um ihn zu stillen, das leuchtet ein. Gerade wie in\nden Spectakel-Opern der Academie Imperiale zu Paris\nund der königlichen italiänischen Oper zu London, wird\nauch hierin jede folgende Darstellung ihre unmittelbare\nVorgängerin an Massen und Pracht übertreffen müssen»\nsonst ist ein Misslingen vorauszusetzen.\nWas den kritischen Standpunkt betrifft, so können\nwir nicht umhin, zuzugeben, dass noch niemals durch ir-\ngend eine Vereinigung von Stimmen und Instrumenten\nein solcher Effect hervorgebracht worden ist. Das jeweilige\nSchwanken der Massen, der Mangel an Stätigkeit, der\nnoch häufigere Mangel an Feinheit der Ausführung, die\nunter solchen Verhältnissen unmöglich ist, und das schier\ngänzliche Untergehen aller zarteren Instrumentation in das\nfurchtbare Klangmeer (so dass, um nur Ein Beispiel an-\nzuführen, der Messias ohne Mozart's Zuthaten eben so\ngut, wo nicht besser, gewirkt haben würde), waren in\ngewissem Grade allerdings störend, aber konnten nicht von\nGewicht sein in der Wagschale gegen die Grossartigkeit\nund Erhabenheit, die das Ohr in Erstaunen setzte und die\nSeele mit Bewunderung über die Macht der Musik füllte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-07-09-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-07-09_01#c003", "volume": "bmtnabi_1859-07-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "221", "page_fin": "221", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.2.3", "titre_corps": "Händel’s Denkmal in Halle.", "titre_sommaire": "Händel’s Denkmal in Halle.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4462, "texte": "Händel’s Denkmal in Halle.\nHalle, 1. Juli 1859.\nDas Standbild Georg Friedrich Händel's ist heute\nfeierlich hier enthüllt worden. Die Festlichkeit fand in der\nvon dem Programme vorgezeichneten Weise Statt. Nach-\ndem Morgens um 7 Uhr von den Hausmannsthürmen der\nChoral: „Lobet den Herrn, den mächtigen König der Eh-\nren,\" geblasen worden, begaben sich um halb 9 Uhr hie-\nsige Studirende im festlichen Schmuck mit wehenden Fah-\nnen von dem Universitäts-Gebäude aus nach dem Markte\nund nahmen dort um das Denkmal herum dergestalt Auf-\nstellung, dass der nächste Raum um dasselbe frei blieb.\nDen Studirenden schlössen sich mehrere hiesige Liederta-\nfeln mit ihren Fahnen an. Um 9 Uhr setzte sich der Fest-\nzug des Händel-Comite's und der bei der Fertigung der\nHändel-Statue betheiligten Künstler, der städtischen Be-\nhörden, der königlichen Universität u. s. w. in Bewegung\nund stellte sich in dem vor dem Denkmale freigelassenen\nRäume, mit der Front gegen das Rathhaus, auf. Nachdem\ndiese Aufstellung erfolgt war, ward vom oberen Balcon\ndes Rathhauses der Chor aus dem Judas Maccabäus:\n„Seht, er kommt mit Preis gekrönt!\" vorgetragen, und\nhiernächst vom Ober-Bürgermeister der Stadt Halle, v.\nVoss, eine Ansprache gehalten. Unter dem Einfallen der\nMusik, die dann einen Choral intonirte, sank die Hülle der\nStatue, und das Bild des hohen Meisters leuchtete in strah-\nlendem Sonnenglanz auf die mächtig ergriffene und von\nbewunderndem Staunen erfüllte Versammlung herab, die\nin das von dem Festredner den Künstlern des Monuments\nausgebrachte dreifache Hoch mit begeistertem Jubel ein-\nstimmte. Eine Musik-Aufführung durfte an dem heutigen\nTage zur Vollendung der Festesweihe nicht fehlen, und es\nwar dazu das Händel'sche Oratorium „Samson\" gewählt\nworden. Die königlichen Kammer-Sängerinnen Frau Jo-\nhanna Wagner und Frau Köster aus Berlin, der königliche\nOpernsänger Tichatscheck aus Dresden und der königliche\nDom-Chorsänger Sabbath aus Berlin hatten die Solo-Par-\ntieen der Aufführung übernommen, welche unter der Di-\nrection von Robert Franz und unter Mitwirkung des Con-\ncertmeisters David und anderer namhafter Künstler aus\nLeipzig um 11 Uhr in der Marktkirche begann, während\ndie Chöre von der hiesigen Sing-Akademie ausgeführt\nwurden. Die Arie aus dem Messias: „Ich weiss, dass mein\nErlöser lebt\", gesungen von Frau Johanna Wagner, be-\nendete die musicalische Feier und bildete so in erhebendster\nWeise den Abschluss des Festes. Auf dem Denkmal (be-\nkanntlich von Bildhauer Heidel) erscheint Händel in der\nTracht seiner Zeit. Von der reichen Allongen-Perücke, de-\nren Locken durch eigenthümliche Schwingung seinem Or-\nehester Wohlbehagen und Missfallen anzudeuten pflegten,\nbis herunter zu den seidenen gezwickelten Strümpfen und\nSchuhen Alles im reinsten Rococo. Ein reicher, gold-\nbrocatner Frack bekleidet die imposante Figur. Und im-\nposant, feldherrngleich ist auch ihre ruhige, beherrschende\nStellung. Die Linke stemmt sich in die Seite neben dem\nDegengriff, die Rechte aber ruht auf dem Notenpulte zur\nSeite; sie hält das gerollte Blatt, der „Messias\", ist aufge-\nschlagen, und wenn man emporschaut zu dem kräftig ge-\nbauten Antlitz, so begegnet man dem gebietenden, auf-\nmerksam gespannten Ausdruck des Denkers und Lenkers\nder Töne, und es ist, als werde er nun gleich das Zeichen\ngeben, um das „Tröste Zion\" erklingen zu lassen. Unge-\nzwungen vereint sich die Realität des Moments mit der Be-\ndeutung des Mannes. Je charakteristischer also diese Figur\ndes Händel an sich schon dasteht, desto weniger bedurfte\nes eines allegorisirenden Beiwerks am Piedestal. Zu seiner\nZeit hat das „Athenäum\" gewaltig für ein solches gestrit-\nten, der Künstler hat es aber stets entschieden abgelehnt,\num so mehr, da er an dem in reichem Renaissance-Styl\ngedachten Notenpulte schon Gelegenheit genommen hat,\nsich in üblicher Weise allegorisch auszusprechen. Denn\nwährend die Rückseite des Pultes die heilige Cäcilia zeigt,\nsieht man auf der dreiseitigen Basis den König David, die\nHarfe schlagend, und die Jungfrau, welche durch die Macht\ndes Gesanges das Einhorn fesselt und den Löwen bändigt;\nan der Vorderseite aber, gerade unter dem aufgeschlage-\nnen Oratorium, steht die Jahreszahl 1741, als diejenige\nder ersten Aufführung des „Messias\", womit sich der\nTondichter der Oper ab- und dem Oratorium zuwandte.\nDas Denkmal kommt auf den Markt zu stehen, mit dem\nGesichte der Marienkirche zugekehrt, in welcher der Ge-\nfeierte im Jahre 1685 das Bad der Taufe erhielt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-07-09-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-07-09_01#c004", "volume": "bmtnabi_1859-07-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "221", "page_fin": "223", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.2.4", "titre_corps": "Die dramatische Hierarchie in Frankreich.", "titre_sommaire": "Die dramatische Hierarchie in Frankreich.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.5", "debut_caractere": 4464, "fin_caractere_exclue": 5137, "texte": "Die dramatische Hierarchie in Frankreich.\n(Fortsetzung, statt Schluss. S. Nr 23.)\nEin anderer Druck, der nicht auf die dramatischen\nSchriftsteller, aber auf die Theater-Unternehmer in der\nProvinz ausgeübt wird, und zu welchem Paris wiederum\ndas Vorbild abgibt, sind die enormen Gagen, welche die\nSänger jetzt fordern.\nWorin liegt der Grund einer Steigerung, deren Ende\ngar nicht abzusehen ist? Vielleicht in der Ueberbürdung\nder Künstler mit Arbeit? Wir wollen sehen.\nVor 20—25 Jahren wurde auf den grösseren Pro-\nvincialbühnen alle Tage, mit Ausnahme des Sonnabends,\ngespielt—313 Vorstellungen im Jahre,-26 im Monat. Die\nTenoristen traten darin 20—25 Mal im Monat auf, und"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5213, "texte": "da damals die Sonderung in Helden-Tenöre, lyrische und\nSpiel-Tenöre noch nicht so ausgeprägt war, wie jetzt, so\nbestand das Rollenfach eines Tenoristen aus 30—40'\nRollen.\nGegenwärtig herrscht überall die Theilung der Arbeit.\nDaraus hat sich für die ersten Tenöre ein Repertoire von\n6 8, für die zweiten von 17 —lB Rollen höchstens er-\ngehen. Dazu machen die letzteren noch Bedingungen, diese\nund jene Partie, die zu viel Studium und Coloratur ver-\nlangt, contractlich auszuschliessen, weil sie überhaupt nicht\nstudiren und nie studirt haben. Wenn die früheren Teno-\nristen wenigstens zwanzig Mal im Monat sangen, so ver-\npflichten sich die jetzigen von beiden Classen nur zu acht\nRollen. Ihre Arbeit ist also um zwei Drittel leichter gewor-\nden. Wesshalb also die höhere Besoldung?\nEi, sagt man, seit zwanzig Jahren sind alle Bedürf-\nnisse viel theurer geworden, alle Gehälter sind gestiegen:\nwarum sollten die Sänger zurückstehen?\nAllerdings lebt man jetzt theurer; aber steht die Stei-\ngerung der Gage mit der Steigerung der Preise der Be-\ndürfnisse im richtigen Verhältnisse?\nIm Jahre 1834 brauchte ein erster Sänger für\nWohnung monatlich ... 60 Francs.\nKost 100 „\nKleidung 100 „\nTheater-Garderobe. . . . 100 ,\n360 Francs.\nWir wollen gerecht und liberal sein, wir wollen diese\nSumme auf 800, sogar auf 1000 Francs erhöhen, obwohl\nein Theil der aufgeführten Ausgaben keineswegs auf das\nDoppelte gestiegen ist; wenn dann ein Sänger im Jahre\n1834 1000 Fr. monatlich hatte, so ist doch klar, dass\n'2OOO Fr. monatlich heutzutage die höchste Gage sein\nmiisste, wenn von richtigem Verhältnisse nur irgend die\nHede sein soll. Alles, was darüber gezahlt wird, ist anor-\nmal und gefährdet die Existenz der Bühnen-Institute; die\nunerschwinglichen Besoldungen richten den Director zu\nGrunde und ziehen die bescheidener gestellten Mitglieder\nallesammt mit ins Unglück. Diese fristen ihr Dasein auf\nkümmerliche Weise, während die anderen in Gold und\nFreuden leben. Und man glaube ja nicht, dass bei einem\nBankerott die ersten Sänger einer Entsagung oder Unter-\nstützung ihrer Kunstgenossen fähig wären und noch eine\nWeile aushielten, um in Vereinigung fort zu spielen. Eine\nsolche Grossmuth, oder richtiger: eine Pflichterfüllung der\nArt, gehört zu den Seltenheiten. Wir erinnern uns einer\nsolchen Krisis in Marseille; ein erster Tenorist—je tüch-\ntiger, desto schneller sind diese Herren bereit, beim ersten\nNothschusse das hülflose Schiff zu verlassen blieb nicht\nnur taub gegen die dringendsten Bitten seiner Cameraden\nund liess zweihundert Personen in der schrecklichsten Ver-\nlegenheit, sondern er vermehrte noch seine Garderobe\ndurch einige schöne Costüme aus der Theater-Garderobe,\num sich dadurch für einige Hundert Francs, die er noch\nzu fordern hatte, bezahlt zu machen! Und die berühmte\nRachel? Sie kam nach Lyon, wo sie auf zwölf Vorstellun-\ngen engagirt war, und traf gerade an dem Tage ein, wo\nder Director seine ganze Gesellschaft im Stich gelassen\nhatte. Sie weigerte sich entschieden, mit dieser zusammen\naufzutreten, und war noch weniger dazu zu bewegen, eine\nBenefiz-Vorstellung zum Besten derselben zu geben!\nDas ist alles wohl wahr, wird man erwidern; aber\nda eine Theater-Unternehmung ein Geschäft ist, so haben\ndie Sänger auch das vollkommene Recht, ihre Forderung\nnach ihrer Ansicht zu stellen, und dem Director steht es\nja frei, ihre Bedingungen anzunehmen oder zu verweigern.\nSehr gut! Man erlaube uns nur die bescheidene Folgerung\naus diesem Satze: Wenn die Theater-Unternehmung ein\nkaufmännisches Geschäft ist, so sind die Sänger eine Waare\nnicht so ? Trifft es sich nun nicht oft, dass die Waare\nkeinen Absatz findet, wenn sich die Handels-Conjuncturen\nändern, oder wenn ihr Preis die vernünftigen Gränzen\nübersteigt? Was würde es für ein Geschrei geben, wenn\nalle Directoren auf einmal einig würden, die Oper als einen\nim Einkaufspreise viel zu theuren Artikel aus ihrem La-\nger zu streichen!\nSetzen wir ferner den Fall, dass Jemand irgend eine\nWaare, Indigo oder Baumwolle, zu hohen Preisen kauft;\nräumt man ihm nicht das Recht ein, sie durch Wieder-\nverkauf, Fabrication u. s. w. so hoch zu verwerthen, dass\ner die Bilanz herstellt? Was kann aber die hohen Besol-\ndungen der Sänger wieder einbringen ? Offenbar nur die\ntäglichen Einnahmen. Nun, um dadurch, so wie die Sachen\njetzt stehen, eine einiger Maassen verhältnissmässige Bilanz\nzu erzielen, müsste der Director das Parterre auf zehn,\ndie Logen auf zwanzig Francs Eintrittsgeld setzen und das\nAbonnement nach demselben Maassstabe erhöhen. Das ist\naber unmöglich; dadurch würde man neun Zehntel der\nBevölkerung vom Theater ausschliessen und sich der Ge-\nfahr aussetzen, das Haus leer zu sehen.\nNun setzt aber vollends in den meisten Städten die\nBehörde die Eintrittspreise fest. Was folgt daraus? Ein\nhöchst sonderbarer, nirgend anderswo anzutreffender Han-\ndel ! Die Waare muss man so theuer wie möglich bezah-\nlen, aber ihren Verkaufspreis zu bestimmen, ist verboten!\nUnd bei der Waare kommen die Schwankungen der\nMode, der Handels-Verhältnisse u. s. w. in Betracht; man\nkann sich erholen, man kann die Verluste ersetzen, was\nheute 60 Fr. kostet, kauft man vielleicht morgen für 40.\nUnsere Sänger aber haben ihre unveränderliche Taxe,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3917, "texte": "oder wenn diese sich ändert, so geschieht es nur durch\nSteigen. Bei der Gage kennen die Sänger nur das\ncendo; vom smorzandowissen sie weder in der Musik,\nnoch in dem Geschäfte etwas. Mögen traurige Verhältnisse,\nschwierige Zeitumstände, irgend eine Krisis, ja, selbst ein\nUnglück, das eine Stadt ruinirt, eintreffen: keinem der\nSänger mit 30 40,000 Fr. Gehalt für acht Monate\nwird es einfallen, ein Viertel oder auch nur ein Zehntel\nvon seiner Gage nachzulassen. Gott bewahre! Alles muss\ncontractmässig fortgehen, bis die Katastrophe herein-\nbricht und die Direction auf Nimmerwiederaufstehen unter\nihren Trümmern begräbt.\nDann aber höre man das Jammern und die Klagen\nüber den Director! Ohne daran zu denken, dass ein Theil\nder Schuld und oft der grosste-—auf ihre eigene Rech-\nnung, auf ihre Ansprüche auf der einen und ihre Unfähig-\nkeit auf der anderen Seite kommt, ergehen sich diese\nHerren in Vorwürfen, erklären den Director für dumm,\nungeschickt, ja, unredlich! Sagt man zu ihnen: „Nun,\nSie sind jetzt wenigstens Ihre eigenen Herren. Spielen Sie\nin Vereinigung; um die Bilanz zwischen den Activis und\nPassivis Ihrer neuen Lage zu ziehen, haben Sie auf der\neinen Seite Ihr Talent, auf der anderen die Einnahme, die\nes Ihnen verschaffen wird. Führen Sie gut Buch, und am\nEnde der Saison wird es sich herausstellen, ob Sie Sich\nfür Ihre Person auf acht Monate 30—40,000 Fr. zu-\nweisen können!\"\nDavon wollen sie nichts wissen; sich mit Sorgen zu be-\nfassen, ist nicht ihre Sache; sie haben es lieber, wenn ein\nDirector, dem sie dann noch mit allerlei Launen und An-\nsprüchen hemmend entgegentreten, seinen letzten Pfennig\nfür sie hergibt. Kann man bei so bewandten Umständen\nes einem Director verdenken, wenn er, wie Harel an der\nPorte St. Martin, seinen höchstbesoldeten Schauspielern auf\nihre Anfrage um Zahlung antwortete: „Sie wollen Geld\nvon mir haben; wo soll ich es aber hernehmen, da Sie mir\nnichts einbringen?\"\nUnd sind etwa die Künstler, welche den Directoren\ndie Daumschrauben ansetzen und eine Gage von 2000 Fr.\nmonatlich verschmähen, herabgekommene grosse Herren,\nruinirte Millionärs, die sich genöthigt sehen, ihrem Wap-\npen wieder Glanz zu verleihen, ihre Vermögens-Einbusse\ndurch ein hohes b wieder einzubringen? Nichts weniger\nals das! Fast alle diese Herren, die so erpicht auf die\nThaler sind und Manieren annehmen, dass man sie für\nSybariten oder Edelleute halten sollte, die von Kindheit an\nin der grössten Wohlhabenheit erzogen und an die feinsten\nGenüsse des Lebens gewohnt wären, sind aus dem Volke\nhervorgegangen, sind Leinweber, Schmiede- und Schlos-\nsergesellen, Sattler, Zimmerleute, Seifensieder u. s. w. ge-\nWesen alles gewiss sehr ehrenwerthe Leute, aber man\nkann doch nicht läugnen, dass sie froh waren, wenn sie\ndurch zehnstündige angestrengte Arbeit, meist bei Wind\nund Wetter, so viel verdienten, dass sie eben leben konn-\nten. Blieb ihnen am Ende des Jahres auch nur ein Heller v\nfür die Sparcasse übrig? Das Letztere ist freilich auch in\nihrer gegenwärtigen Lage noch zuweilen der Fall; aber\ndurch eine Stimme, die ihnen die Natur gegeben und die\nauszubilden sie sich häufig kaum die Mühe geben, sind sie\nin eine gänzlich veränderte Lage gekommen. Sie singen\nacht Mal im Monat, arbeiten also alle acht Tage sechs bis\nsieben Stunden und verdienen in vierzehn Tagen mehr, als\nsonst im ganzen Jahre. Die Leute sind wahrlich sehr zu\nbedauern! Vollends wenn sie einmal ein paar Hundert\nFrancs verlieren!\nAuch die Seltenheit der Sänger, die man so oft zur\nRechtfertigung der hohen Ansprüche der Künstler anführt,\nkönnen wir nicht so unbedingt einräumen, wie es gewöhn-\nlich geschieht. Die guten, die wirklichen Sänger sind\nallerdings selten, das ist wahr; aber das sollte um so mehr\nein Grund zur Uebereinkunft der Directoren sein, die mit-\ntel massigen und die schlechten, mit denen man sich so oft\nbehelfen muss und deren es die Fülle gibt, auch nur nach\nihrem Werthe zu besolden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-07-09-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-07-09_01#c005", "volume": "bmtnabi_1859-07-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "223", "page_fin": "224", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.7", "debut_caractere": 3919, "fin_caractere_exclue": 5877, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMiSiai* Am Sonntag den o. Juli fand ein sehr besuchtes Mor-\ngen-Concert im grossen Gürzenichsaale, veranstaltet von dem\nkölner Männer-Gesangvereine unter Leitung des k. Musik-\nDirectors F. Weber, Statt. Der Ertrag war zur Unterstützung hülfs-\nbedürftiger Angehöriger der kölner Reservisten und Landwehrmänner\nbestimmt. Wir müssen vor Allem dem Verein die höchste Anerken-\nnung für die ganz vorzügliche, echt künstlerische Ausführung der\ngewählten Gesänge zollen; man kann in der That in dieser Gattung\nkeinen vollendeteren Vortrag hören. Von auswärtigen Künstlern un-\nterstützten das Concert Fräulein Natalie Hänisch vom herzog-\nlich braunschweigischen Hoftheater und Herr Franz Wüllner,\nstädtischer Musik-Director in Aachen. Fräul. Hänisch sang die Arie\nmit Frauenchor aus Rossini's Semiramis und den Solo-Sopran in\ndreien von den Liedern F. Hiller's für Männerchor und eine So-\npranstimme. Der Vortrag dieser reizenden Gesänge, in welchen der\nChor keineswegs bloss begleitet, sondern eine selbstständige Rolle\nspielt, war durch die Trefflichkeit der Ausführung von beiden Seiten\nein wahrer Genuss; das letzte Lied: „Die Fenster auf, die Herzen\nauf!\" ging am vorzüglichsten, erregte stürmischen Applaus und\nmachte ein kurzes Schwanken in den ersten Tacten des zweiten ver-\ngessen. In der Arie (wobei der Damenchor des hiesigen Conservato-\nriums recht hübsch mitwirkte) und in den Liedern zeigte sich Fräul.\nHänisch als eine viel versprechende Sängerin; die Stimme ist recht\nschön, die mittlere Ton-Region bedarf noch der Ausgleichung; die\nIntonation ist rein, die Coloratur bereits recht correct und glatt;\nüberhaupt hört man überall Böhme's vortreffliche Schule duroh.\nWird der Vortrag noch durch etwas mehr Wärme und Innigkeit\ndes Ausdrucks beseelt, so wird diese junge Sängerin, deren Erschei-\nnung auch für die Bühne vortheilhaft geeignet ist, eine rühmliche\nLaufbahn machen. Von den Solisten des Männer-Gesangvereins er-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2810, "texte": "freute uns nach längerer Zeit einmal wieder Herr Andreas Pütz\ndurch den Wohllaut seiner einschmeichelnden Stimme und die zarten\nNuancen des Vortrags. Leider ist Herr DuMont-Fier, die Zierde\ndes Sologesanges im Männer-Gesangverein, noch immer unwohl und\nmuss das Zimmer hüten. Herr Musik-Director W üllner aus Aachen,\nals Dirigent und Componist rühmlichst bekannt, erwarb sich auch\nals Ciavierspieler durch den gediegenen und classischen Vortrag der\nF-moll-Sonate von Beethoven und einiger kleineren Ciavierstücke\ndie Volle Anerkennung der Musikverständigen und den lebhaftesten\nBeifall der ganzen Zuhörerschaft. Ueberhaupt machte das Concert\neinen sehr befriedigenden Eindruck, und der Vorstand des Vereins\nverdient nicht nur den Dank der einberufenen Krieger und ihrer\nFamilien, sondern auch des musicalischen Publieums in vollem\nMaasse.\nAus Hannover wird den wiener ~Recensionen\" vom 15. Juni\ngeschrieben:\n~Wic man uns mittheilt, steht die Pensionirung Mar sehn er's\nbevor. Ueber den nächsten Grund, warum wir den berühmten Mann,\ndessen Leitung unser Orchester zu einem wesentlichen Theile seinen\nverdienten Ruf verdankt, verlieren sollen, obgleich er bisher noch in\nvölliger Rüstigkeit seinem Amte vorgestanden hat, haben wir bis\njetzt nichts erfahren. Wir wissen nur, dass das Verhältniss zwischen\nihm und dem Intendanten, Grafen Platen, schon seit lange nicht das\nbeste war, wesshalb er auch auf den Zustand unseres Opernwesens\nwenig oder gar keinen bestimmenden Einfluss mehr hatte. Erster\nCapellmeister wird jetzt Herr Fischer; zum zweiten ist, sagt man,\nHerr Scholz aus Nürnberg, ein noch junger Mann, der hier bereits\nwährend einiger Monate an Stelle des im Laufe der Saison erkrank-\nten Herrn Fischer fungirt hat, ernannt. Wir fürchten, unsere Bühne\nwird in dem Abgange Marschner's noch mehr als den Verlust eines\ngrossen Namens zu empfinden haben.\"\nAuch nach anderen Zeitungen ist von Hannover aus diese Nach-\nricht mit grosser Zuversicht geschrieben und in die Welt geschickt\nworden. Es muss also doch wohl etwas daran sein, und so ist es\nauch. Wir glauben der musicalischen Welt, die noch nicht vergessen\nhat, wer Heinrich Marschner ist, mittheilen zu können, dass\nman in Hannover allerdings damit umgeht, ihn als Capellmeister\nschon vor seinem Ende zu begraben, wahrscheinlich, um zu erfah-\nren, ob er die Verehrung der Welt, seinen Ruhm und seine Unsterb-\nlichkeit der hannoverischen Stelle oder seinem Genie verdankt. Zu-\ngleich aber geht uns die Nachricht zu, dass die Intrigue scheitern\nwerde oder bereits gescheitert ist. Der musicalisch so hochgebildete\nKönig von Hannover wird zur Ehre Deutschlands nicht zuge-\nben, dass dem grössten deutschen Opern-Componisten unter den Le-\nbenden die Freude an seiner ruhmvollen Thätigkeit gegen seinen\nWunsch auch nur um das geringste verkümmert werde."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "217", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas Erinnerungsfest an Händel in London. Aus detn Musical World. Händel's Denkmal in Halle. Die dramatische\nHierarchie in Prankreich. Fortsetzung, statt Schluss. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Wohlthätigkeits-Concert des kölner\nMänner-Gesangvereins Hannover, Hof-Capellmeister Dr. Heinrich Marschner).\n\nDas Erinnerungsfest an Händel in London.\n(Aus der Musical World.)\nDie Hauptprobe zu dem Jubelfeste fand Sonnabend\nMorgens den 18. Juni vor einer Zuhörerschaft Statt, welche\nnahezu die Zahl von 20,000 Personen erreichte. Die aku-\nstischen Einrichtungen im Krystallpalaste haben wir schon\nbeschrieben (s. Nr. 25 vom 18. Juni); sie bewährten sich\nin dem Grade, den man vernünftiger Weise erwarten\nkonnte. Wir bemerkten eine grössere Besonanz und Con-\ncentrirung des Klanges bei den grossen Chören, und auch\ndie Solostimmen warfen besser aus als sonst. Vergleiche\nindess weiter unten.)\nDas Fest-Orchester bestand in seiner Vollständig-\nkeit aus:\n92 ersten Violinen,\n90 zweiten Violinen,\n60 Bratschen,\n60 Violoncellen,\n61 Contrabässen,\n363\n10 Flöten,\n10 Oboen,\n10 Clarinetten,\n10 Fagotten,\n6 Trompeten,\n12 Hörnern,\n9 Posaunen,\n3 Ophikleiden,\n2 Bombardons,\n8 Serpents,\n3 Paar Pauken (zwei von 13 F. Umfang),\n1 grosse Trommel von ungeheurem Caliber,\n6 kleinen Trommeln,\n90\n453 Personen.\nV\nDazu die grosse Orgel (mit 40 Balgentretern!) und ein\nSängerchor von 725 Sopran-, 719 Alt-, 659 Tenor-\nund 662 Bassstimmen = 2765, ohne die Solostimmen.\nAlles zusammen 3218. Nimmt man noch die 100 Ver-\nkäufer von Textbüchern, die 200 Billet-Empfänger und\nPlatz-Anweiser, die Policemen u. s. w. hinzu, so waren\nüber 3500 Personen im Dienste der Fest-Aufführungen.\nDie ganze Unternehmung und Einrichtung der kolos-\nsalen Säcularfeier zum Gedächtnisse Händel's, des Michel\nAngelo der Tonkunst, ging von dem Comite der Sacred\nHarmonie Society in London aus, und es ist nicht genug\nanzuerkennen, mit welcher ausdauernden Anstrengung und\nmit welcher umsichtigen Sorgfalt bei der Zusammensetzung\ndes ausführenden Personals dasselbe verfahren ist. Die\nDirection der Aufführungen hatte es Herrn Costa über-\ntragen.\nDie Klangmassen wurden zuerst in dem Nationalliede\nund in zwei Chören aus dem Messias, dem „Hallelujah\"\nund „Würdig ist das Lamm\" versucht. Man erkannte im\nVergleich zu den Aufführungen von 1857 allgemein an,\ndass der neue Bau der Tonbühne und die getroffenen Vor-\nrichtungen viel Vortheilhaftes zeigten. Die hohe Schall-\nwand, welche hinter der Orgel her mit ihren Seitenbogen\ndas ganze ausführende Personal umfasste, wirkte wie eine\nArt von Resonanzboden, der den Klang zusammendrängte\nund gerade aus in den ungeheuren Raum des Querschiffes\nwarf. Die Directoren waren mit der Wirkung dieser\nSchallwand auch auf die Solostimmen so zufrieden, dass\nvon den anderweitigen Versuchen zur Unterstützung der\nSolostimmen, welche der Prospect früher verhiess (vergl.\nNr. 25, S. 198), nicht mehr die Rede war. Es ist natür-\nlich, dass in einem so ungeheuren Räume es viele Plätzt-\ngibt, auf denen man besser hört, als auf anderen; im Gan-\nzen aber muss man anerkennen, dass kein Zuhörer gera-\ndezu ausser der Schalllinie sass, wie das 1857 noch der\nFall war. Bei allem dem darf man sich jedoch nicht ver-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "218", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.2", "texte": "hehlen, dass noch viel zu thun bleibt, ehe dieser Abschnitt\ndes Krystallpalastes für völlig geeignet zu solchen Musik-\nfesten erklärt werden kann.\nAm Montag den 20. Juni begann das eigentliche\nFest. Es wurde mit dem Messias eröffnet. Der Morgen\nwar schön, aber gegen Mittag trat Regen ein, der den\nganzen Nachmittag durch dauerte. Der grössten Unan-\nnehmlichkeit war man bei der Rückfahrt ausgesetzt, da\nder Mangel an Wagen eine Menge Menschen stundenlang\nauf den beiden Eisenbahn-Stationen an Londonbridge und\nPiinlico festhielt.\nDie Aufführung von Iländel's Meisterwerke war im\nGanzen glänzend, und der Eindruck, den das Hallelujah\nund der Chor: „Es ist uns ein Kind geboren\", hervor-\nbrachten, war mit nichts zu vergleichen. Beide Chöre wur-\nden mit einem Sturm von Applaus aufgenommen, der mit\ndem Donnerklang des Chors an Stärke wetteiferte. Der\nerste musste wiederholt werden.\nAusserdem bewährte sich der Chor aber auch noch\nin manchen anderen Nummern des Oratoriums vortreff-\nlich, z. B. in: „Er wird sie reinigen, die Söhne Levi\",\n-Hoch thut euch auf, ihr Thore der Welt\", mit seiner\nprachtvollen Gegenstrophe: „Wer ist der König der Eh-\nren?\" „Sein Joch ist sanft\", und: „Würdig ist das Lamm\",\nder erhabenste Chor von allen genannten, der aber leider,\nweil er der Schlusschor war, nicht mit der erforderlichen\nAufmerksamkeit angehört wurde.\nDie Solisten waren Frau Clara Novello und Miss\nDolby, die Herren Sims Reeves, Weiss und Bel-\nletti. Wir brauchen über sie nichts weiter zu sagen, als\ndass ihre Leistungen, wie immer, vortrefflich waren. Die\nZahl der Zuhörer beliel sich auf 17,109.\nAm Mittwoch stieg diese Zahl auf 18,000. Man\nglaubte, die Königin werde an diesem Tage im Concerte\nanwesend sein, und dies zog natürlich Viele dahin. Die\nHaupt-Anziehungskraft übte jedoch das zur\nFeier der Schlacht bei Dettingen aus, von dem man\nsich um so mehr eine erschütternde Wirkung versprach,\nals die Begeisterung dafür durch die vor Kurzem gehörte\nAufführung einen hohen Grad erreicht hatte. Uebrigens\nkonnte man auch voraussetzen, dass der kriegerische Cha-\nrakter des dettinger Hymnus in gegenwärtiger Zeit dop-\npelt anziehen werde.\nDieses Te Deam, welches das schönste Kirchenstück\nist, das Händel componirt hat, wurde zur Feier des Sieges\ngeschrieben, den die Engländer, Hannoveraner und Hes-\nsen unter Georg 11. bei Dettingen (am Main) gegen die\nFranzosen unter dem Marschall Noailles (den 27. Juni\n1743) erfochten. „Sangen die Franzosen nicht auch ein\nTe Deuml\" wird Mr. Thackeray fragen. Wahrschein-\nlich, und ohne Zweifel werden sie auch in dem damaligen\nMoniteur einen Artikel veröffentlicht haben, der beweis't,\ndass sie bloss die Stellung geändert hätten, und dass die\nfeindliche Armee mehr als doppelt so viel Verlust erlitten,\nals die ihrige. Doch, mögen die Franzosen auch ein\nDeum gesungen haben oder nicht, so viel ist sicher, dass\ndas ihrige vergessen ist, und dass das unsrige, weil es\nHändel geschrieben hat, in alle Ewigkeit leben wird. Wer\nkann aber sagen, dass eine Schlacht dereinst hauptsäch-\nlich durch den Lobgesang, der zu ihrer Ehre componirt\nwird, im Andenken bleiben werde? Und so wie viele\nTapfere vor Agamemnon lebten, aber vergessen sind, weil\nkein Homer ihre Thaten besang, so kann man auch sagen,\ndass viele ruhmvolle Schlachten vor der dettinger geschla-\ngen worden, aber dass ihr Andenken erloschen ist, weil kein\nHändel da war, die Erinnerung an sie mit unsterblichen\nTönen zu vermählen. Uebrigens war die Schlacht bei Det-\ntingen die letzte, in welcher ein König von England com-\nmandirte. König Georg 11., der zuerst das Beispiel gab\nund nie wieder davon abging, das Hallelujah im Messias\nstehend anzuhören, war nicht nur ein Mann von tiefem\nGefühl für Musik, sondern auch ein handfester Kämpe zu\nRoss und zu Fuss.\nDer zweite Theil des Mittwochs-Concertes brachte\nausgewählte Stücke aus Belsazar, Saul, Samson und\nJudas Maccabäus, bei denen der Beifall und der En-\nthusiasmus der Zuhörer gross war. Während der prächti-\ngen Ausführung des Te Deum. war übrigens das Publicum\nruhiger in seinen Beifallsbezeigungen, vielleicht in Ueber-\neinstimmurig mit der Ansicht, die „ein Mitglied des Chors\"\nin einem offenen Briefe über das ungeziemende Benehmen\ndesselben bei der Aufführung des Messias ausgesprochen\nhatte. Nachher wurde der Applaus indess wieder sehr stür-\nmisch und artete oft in Aufruhr und Lärm aus, auch waren\ndie Dacapo-Rufe zu häufig. [Man sieht, wie wenig für die\nKunst und ihre wahre Verbreitung hei solchen Monster-\nConcerten herauskommt. Das englische Publicum, das\nsonst die Oratorien mit einer beinahe kirchlichen Andacht\nvon Anfang bis zu Ende anhört, scheint im Krystallpalaste\nseinem Charakter untreu geworden zu sein. Freilich, wo\ndie Musik selbst am Ende doch nur auf Schall und Lärm\nberechnet ist, wird sich das Publicum seinerseits auch den\nLärm nicht wollen nehmen lassen!] Ein Orkan von Applaus\nbrach beim Schlüsse des Chors „Envy, eldestborn of hell\"\naus; die ganze Zuhörerschaft bestand darauf, ihn noch\neinmal zu hören, und das Schreien wurde so arg, dass\nCosta sich fügen musste. Der Doppelchor „Ehret\nauf seinem ewigen Thron\" aus Samson machte einen\ngrossartigen Eindruck. Miss Dolby sang die liebliche Alt-\nArie: „O hör' mein Fleh'n, allmächtiger Gott!\" vollendet"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.3", "texte": "schön; eben so auch im Messias: „Er ward verschmähet\".\nFrau Novello musste die Arie: „Lei the bright Sera-\nphim\", mit der Solo-Trompete [?] singen.\nAus dem Judas Maccabäus wurden sechs Nummern\ngemacht. Sims Reeves wurde stürmisch empfangen und\nmachte durch die kriegerischen Arien grossen Effect; auch\ndas Duett (C-moU), gesungen von Frau Rudersdorf und\nMiss Dolby, war eine treffliche Leistung, und der darauf\nfolgende Chor: „Noch niemals beugten wir\", namentlich\ndie Fuge in C-dur:„Wir opfern Gott und Gott allein\",\nwurden mit am besten und mächtigsten gesungen. Der\nEindruck des herrlichen Chors: „Seht, er kommt mit Preis\ngekrönt!\" in welchem besonders der zweistimmige Mittel-\nsatz der Soprane wundervoll klang, wurde leider durch\ndie Unruhe des Publicums, weil er die letzte Nummer des\nConcertes bildete, bedeutend geschwächt. [!]\nBei aller Anerkennung der baulichen Verbesserungen\nin dem Palaste lässt sich doch nicht läugnen, dass noch\nviel fehlt, den ungeheuren Raum für musicalische Auf-\nführungen geeignet zu machen. Es ist nicht möglich, eine\nMasse von Musikern aufzubringen, die im Stande wäre,\ndiese weithin offenen Galerieen, diese endlosen Flügel des\nLangschilfes, dieses himmelhohe Domgewölbe zu füllen,\ndessen ungeheurer Schlund den Donner von zwanzig\nTausend Sängern und Instrumentalisten verschlingt, ohne\neinen Wiederhall davon zurückzugeben.—Wir sassen am\nersten Tage günstig, in der Reihe Nr. 55, gerade über\nder Tonbühne, unter der Süd-Galerie. Der Ueberblick\nwar prächtig und wunderbar imposant, und man konnte\nerwarten, dass dies einer der besten Plätze zum Sehen\nund Hören sein müsse. Bald nachher fingen wir indess an,\nden Abstand unserer Sitze von dem Directionspulte Costa's\nzu ermessen und mussten ihn auf das Dreifache der Ent-\nfernung der letzten Galerie von der Bühne im Theater\nIhrer Majestät schätzen.\nDas Orchester, wie eine riesige Muschelschale aufge-\nbaut, schien vortreff lich geeignet, den Klang gerade aus\nin den Raum des Querschiff's auszuwerfen, und wir dach-\nten, dass dies wohl die grosse Entfernung nicht fühlbar\nmachen werde. Aber gleich durch das\nwurde dieser Gedanke widerlegt, obwohl dasselbe, auf\neinem grossen Theile der reservirten Piätze angehört, einen\ngewaltigen Eindruck gemacht haben soll. Die hohen Töne\nder Frau Novello waren auch da, wo wir sassen, deutlich\nzu hören, allein sie brachten auch keine Idee von Stärke\nhervor, und Jedermann weiss, dass eine Sopranstimme\nbesser als jede andere in der Ferne gehört wird, so wie\nder Gesang der Lerche weiter trägt, als die tiefen Töne\nder Amsel. Als aber das Quartett Miss Dolby, Sims Ree-\nves, Belletti und Weiss den zweiten Vers sang, sahen\nwir uns genöthigt, mit der grössten Aufmerksamkeit zu\nlauschen, um gelegentlich einen Ton aufzufangen, und zu-\nweilen war der Gesang ganz und gar nicht zu vernehmen.\nWas war daran schuld? Der ungeheure Raum, in dem\nnichts als der Donner eines Vierundzwanzig-Pfünders oder\ndie riesige Klangmasse von Costa's Chor und Orchester\nein Echo hervorrufen kann. Nun kommen zwar die Solo-\nsänger bei solchen Festen erst in zweiter Reihe in Be-\ntracht; aber wenn sie einmal mitwirken sollen, so muss\nman sie doch auch hören können. Dass übrigens die Chöre,\nso Staunenswerth sie waren, dennoch ebenfalls verhältniss-\nmässig derselben Klang-Abschwächung unterworfen blie-\nben, war unvermeidlich. Natürlich hört man die vereinigte\nKlangkraft von 3500 Sängern und Spielern überall in\ndem Gebäude, aber der Unterschied der Stärke des Tones\nnach dem Verhältnisse des verschiedenen Standpunktes der\nZuhörer war denn doch zu auffallend, um nicht bemerkt\nzu werden.\n[Die Vorschläge des Referenten zu weiteren akustischen\nVorrichtungen können im Auslande nicht interessiren. Wir\nkommen immer auf die schon in Nr. 25 gemachte Bemer-\nkung zurück, dass es für die Klangmassen eine Gränze\ngibt, die nicht ungestraft überschritten werden darf, wenn\nMusik Musik bleiben soll, und dass das Verhältniss zwi-\nschen Menge und Wirkung in musicalischer Hinsicht kein\narithmetisches ist. Auch der Correspondent der pariser\nRevue et Gazetie musicale, Th. Wartel, theilt unsere An-\nsicht ganz und gar. Er sagt über das Händel-Fest in sei-\nnein Briefe aus London vom 1. Juli:\n„In Bezug auf die Liebe zum Grossen und Kolossalen\nund auf die Wichtigkeit für die Achtung der Kunst und\nder Künstler muss man dieses Erinnerungsfest rühmen und\nbewundern. Betrachtet man aber diese ungeheure Kund-\ngebung der Gesinnung vom musicalischen Standpunkte aus\nund in Bezug auf die Vollendung der Ausführung, so\nmüssen wir gestehen, dass wir kein grosses Behagen dar-\nan empfinden und die letztere nur so leidlich wie möglich\ngefunden haben, was auch bei solchen Gelegenheiten das\nallein erreichbare Ziel sein kann. Niemals wird der Musi-\nker diese kolossalen Musikfeste gut heissen können, bei\ndenen die Mitwirkenden nach Tausenden gezählt werden.\nEs gibt eine Gränze für die Zahl der Dolmetscher eines\nOratoriums oder einer Sinfonie, und sieben Tausend (?)\nPersonen sind kein Orchester mehr, sondern eine Men-\nschenmasse. Der Lärm hat in der Musik keine Berechti-\ngung, und man sage, was man wolle, so etwas bleibt doch\nimmer nur Lärm, auf Lärm laufen alle diese grossen Auf-\nführungen hinaus, die eine gewisse Aehnlichkeit mit dem\nThurm von Babel haben, von dem man noch nie gerühmt\nhat, dass er die Harmonie erzeugt habe. Man muss es\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "220", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.4", "texte": "einmal gerade heraus sagen: In musicalischer Beziehung\nist so etwas bässlich. Wenn ein Volk unisono singt, gut\ndarin liegt etwas wirklich Grosses und Erhebendes;\naber ein Volk, das Fugen singt! 14\nHerr Wartel hätte, um alle Musiker für sich zu ha-\nben, sagen sollen: „diese übertrieben oder übermäs-\nsig grossen Aufführungen\" —, wozu denn auch die Con-\ncerte zu Paris im Circus, die 2000 Orpheonisten u. s. w.\ngehören. Er geht zu weit, wenn er alle grossen Auffüh-\nrungen für musicalisch-hässlich erklärt. Die Franzosen\nkennen den Eindruck der in grossem Maassstabe vereinig-\nten Chor- und Orchester-Musik, wie wir sie in Deutsch-\nland und namentlich am Rheine haben, zu wenig. Im\nPrincip aber hat er gewiss Recht. Die Redaction.J\nDie Aufführung am dritten Festtage, Freitag den\n24. Juni, war bei Weitem die anziehendste und im Er-\nlolg bedeutendste von allen. Die Menge der Zuhörer über-\nstieg die Zahl der Anwesenden an den früheren Tagen\num beinahe zehn Tausend. Die königliche Loge war\nbesetzt durch Se. Königliche Hoheit den Prinzen Albert,\ndurch Ihre Königlichen Hoheiten die Prinzessinnen Alice\nund Helene und deren Gefolge. Auch Meyerbeer war an-\nwesend. Der Anblick der Tonbühne war über alle Be-\nschreibung prächtig, wozu die grössere Symmetrie der Auf-\nstellung des Sänger-Personals beitrug, da die weiblichen\nStimmen wegen der Doppelchöre in „Israel in Aegyp-\nten\" auf beide Seiten vertheilt waren. Mit Einem Worte:\nAlles traf zusammen, um den dritten Tag zur Krone des\ngrössten Musikfestes zu machen, das die Welt je gesehen\nhat. Das Wetter war prachtvoll, und nichts störte den Ver-\nlauf der Fest-Aufführung, Dank den vortrefflichen Bemü-\nhungen der 200 Ordner, welche den ungeheuren Zudrang\neben so ruhig in die gehörigen Strömungen und Schran-\nken leiteten, als an den gewöhnlichen Besuchstagen.\nDie Ausführung von „Israel in Aegypten\" war un-\nzweifelhaft die beste von allen. Noch nie hatte man eine\nso mächtige und den Winken eines kleinen Stäbleins so\ngehorsame Phalanx gesehen. Der Chor war, als wäre er\nEine Stimme. Ein oder zwei Mal da, wo die Fugen in den\nDoppelchören aussergewöhnlich kunstvoll gearbeitet sind,\nwar eine tadellose Ausführung sehr schwierig, und das\nOhr fühlte sich nicht ganz befriedigt. Das waren aber\nauch die einzigen Ausnahmen; alles Uebrige verdient Lob,\nund zwar im höchsten Grade. Es ist unmöglich, zu ent-\nscheiden, welcher Chorstimme der Preis gebührt. Die\ngrösste Wirkung machte: „Er sprach das Wort!\" und:\n„Hagel statt Regen fiel herab!\" Der letztere Chor musste\nwiederholt werden. Wir brauchen nicht alle Glanzpunkte\nin der Ausführung der Chöre aufzuzählen; es reicht hin,\nzu sagen, dass sie mit dem Eröffnungs-Chor begannen\nund erst mit: „Das Ross und den Reiter hat er ins Meer\ngestürzt!\" endigten.\nDie Sologesänge hielten sich, in so weit als es mög-\nlich war, mit den Chören ebenbürtig. Am ausgezeichnet-\nsten sang Sims Reeves die Arie in G-dur: „The ennemy\nsaid\".\nBemerken wir noch schliesslich, dass die National-\nHymne God save the Queen!zu Anfang und zum Schluss\n(Solo: Frau Novello) gesungen wurde, den Mitgliedern des\nköniglichen Hauses bei ihrem Eintritt und beim Weg-\ngehen begeisterte Hochs aus dem Munde der vielen Tau-\nsende ertönten, dass am Ende des Ganzen der Ruf „Costa!\"\naus der Mitte der ungeheuren Menge erschallte, und dass\nder treffliche und unermüdliche Dirigent bei seinem Er-\nscheinen durch betäubenden Applaus und Zuruf gefeiert\nwurde.\n[Diesem Berichte fügt die Redaclion der\nWorld unter Anderem noch folgende Bemerkungen zu:]\nDas Erinnerungsfest an Händel ist jetzt eine histori-\nsche Thatsache, und was auch immer für eine Meinung\nüber den letzten Zweck so gigantischer Vereinigungen und\nderen directen oder indirecten Einlluss auf die Kunst die\nOberhand behalten mag, der Erfolg muss der strengen\nWahrheit gemäss als beispiellos anerkannt werden. Dass\naber, wenn einmal der Hunger des Publicums auf musi-\ncalische Schauspiele von so riesigem Maassstabe gereizt\nworden ist, etwas der Art periodisch aufgethan werden\nmuss, um ihn zu stillen, das leuchtet ein. Gerade wie in\nden Spectakel-Opern der Academie Imperiale zu Paris\nund der königlichen italiänischen Oper zu London, wird\nauch hierin jede folgende Darstellung ihre unmittelbare\nVorgängerin an Massen und Pracht übertreffen müssen»\nsonst ist ein Misslingen vorauszusetzen.\nWas den kritischen Standpunkt betrifft, so können\nwir nicht umhin, zuzugeben, dass noch niemals durch ir-\ngend eine Vereinigung von Stimmen und Instrumenten\nein solcher Effect hervorgebracht worden ist. Das jeweilige\nSchwanken der Massen, der Mangel an Stätigkeit, der\nnoch häufigere Mangel an Feinheit der Ausführung, die\nunter solchen Verhältnissen unmöglich ist, und das schier\ngänzliche Untergehen aller zarteren Instrumentation in das\nfurchtbare Klangmeer (so dass, um nur Ein Beispiel an-\nzuführen, der Messias ohne Mozart's Zuthaten eben so\ngut, wo nicht besser, gewirkt haben würde), waren in\ngewissem Grade allerdings störend, aber konnten nicht von\nGewicht sein in der Wagschale gegen die Grossartigkeit\nund Erhabenheit, die das Ohr in Erstaunen setzte und die\nSeele mit Bewunderung über die Macht der Musik füllte."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.5", "texte": "Händel’s Denkmal in Halle.\nHalle, 1. Juli 1859.\nDas Standbild Georg Friedrich Händel's ist heute\nfeierlich hier enthüllt worden. Die Festlichkeit fand in der\nvon dem Programme vorgezeichneten Weise Statt. Nach-\ndem Morgens um 7 Uhr von den Hausmannsthürmen der\nChoral: „Lobet den Herrn, den mächtigen König der Eh-\nren,\" geblasen worden, begaben sich um halb 9 Uhr hie-\nsige Studirende im festlichen Schmuck mit wehenden Fah-\nnen von dem Universitäts-Gebäude aus nach dem Markte\nund nahmen dort um das Denkmal herum dergestalt Auf-\nstellung, dass der nächste Raum um dasselbe frei blieb.\nDen Studirenden schlössen sich mehrere hiesige Liederta-\nfeln mit ihren Fahnen an. Um 9 Uhr setzte sich der Fest-\nzug des Händel-Comite's und der bei der Fertigung der\nHändel-Statue betheiligten Künstler, der städtischen Be-\nhörden, der königlichen Universität u. s. w. in Bewegung\nund stellte sich in dem vor dem Denkmale freigelassenen\nRäume, mit der Front gegen das Rathhaus, auf. Nachdem\ndiese Aufstellung erfolgt war, ward vom oberen Balcon\ndes Rathhauses der Chor aus dem Judas Maccabäus:\n„Seht, er kommt mit Preis gekrönt!\" vorgetragen, und\nhiernächst vom Ober-Bürgermeister der Stadt Halle, v.\nVoss, eine Ansprache gehalten. Unter dem Einfallen der\nMusik, die dann einen Choral intonirte, sank die Hülle der\nStatue, und das Bild des hohen Meisters leuchtete in strah-\nlendem Sonnenglanz auf die mächtig ergriffene und von\nbewunderndem Staunen erfüllte Versammlung herab, die\nin das von dem Festredner den Künstlern des Monuments\nausgebrachte dreifache Hoch mit begeistertem Jubel ein-\nstimmte. Eine Musik-Aufführung durfte an dem heutigen\nTage zur Vollendung der Festesweihe nicht fehlen, und es\nwar dazu das Händel'sche Oratorium „Samson\" gewählt\nworden. Die königlichen Kammer-Sängerinnen Frau Jo-\nhanna Wagner und Frau Köster aus Berlin, der königliche\nOpernsänger Tichatscheck aus Dresden und der königliche\nDom-Chorsänger Sabbath aus Berlin hatten die Solo-Par-\ntieen der Aufführung übernommen, welche unter der Di-\nrection von Robert Franz und unter Mitwirkung des Con-\ncertmeisters David und anderer namhafter Künstler aus\nLeipzig um 11 Uhr in der Marktkirche begann, während\ndie Chöre von der hiesigen Sing-Akademie ausgeführt\nwurden. Die Arie aus dem Messias: „Ich weiss, dass mein\nErlöser lebt\", gesungen von Frau Johanna Wagner, be-\nendete die musicalische Feier und bildete so in erhebendster\nWeise den Abschluss des Festes. Auf dem Denkmal (be-\nkanntlich von Bildhauer Heidel) erscheint Händel in der\nTracht seiner Zeit. Von der reichen Allongen-Perücke, de-\nren Locken durch eigenthümliche Schwingung seinem Or-\nehester Wohlbehagen und Missfallen anzudeuten pflegten,\nbis herunter zu den seidenen gezwickelten Strümpfen und\nSchuhen Alles im reinsten Rococo. Ein reicher, gold-\nbrocatner Frack bekleidet die imposante Figur. Und im-\nposant, feldherrngleich ist auch ihre ruhige, beherrschende\nStellung. Die Linke stemmt sich in die Seite neben dem\nDegengriff, die Rechte aber ruht auf dem Notenpulte zur\nSeite; sie hält das gerollte Blatt, der „Messias\", ist aufge-\nschlagen, und wenn man emporschaut zu dem kräftig ge-\nbauten Antlitz, so begegnet man dem gebietenden, auf-\nmerksam gespannten Ausdruck des Denkers und Lenkers\nder Töne, und es ist, als werde er nun gleich das Zeichen\ngeben, um das „Tröste Zion\" erklingen zu lassen. Unge-\nzwungen vereint sich die Realität des Moments mit der Be-\ndeutung des Mannes. Je charakteristischer also diese Figur\ndes Händel an sich schon dasteht, desto weniger bedurfte\nes eines allegorisirenden Beiwerks am Piedestal. Zu seiner\nZeit hat das „Athenäum\" gewaltig für ein solches gestrit-\nten, der Künstler hat es aber stets entschieden abgelehnt,\num so mehr, da er an dem in reichem Renaissance-Styl\ngedachten Notenpulte schon Gelegenheit genommen hat,\nsich in üblicher Weise allegorisch auszusprechen. Denn\nwährend die Rückseite des Pultes die heilige Cäcilia zeigt,\nsieht man auf der dreiseitigen Basis den König David, die\nHarfe schlagend, und die Jungfrau, welche durch die Macht\ndes Gesanges das Einhorn fesselt und den Löwen bändigt;\nan der Vorderseite aber, gerade unter dem aufgeschlage-\nnen Oratorium, steht die Jahreszahl 1741, als diejenige\nder ersten Aufführung des „Messias\", womit sich der\nTondichter der Oper ab- und dem Oratorium zuwandte.\nDas Denkmal kommt auf den Markt zu stehen, mit dem\nGesichte der Marienkirche zugekehrt, in welcher der Ge-\nfeierte im Jahre 1685 das Bad der Taufe erhielt.\n\nDie dramatische Hierarchie in Frankreich.\n(Fortsetzung, statt Schluss. S. Nr 23.)\nEin anderer Druck, der nicht auf die dramatischen\nSchriftsteller, aber auf die Theater-Unternehmer in der\nProvinz ausgeübt wird, und zu welchem Paris wiederum\ndas Vorbild abgibt, sind die enormen Gagen, welche die\nSänger jetzt fordern.\nWorin liegt der Grund einer Steigerung, deren Ende\ngar nicht abzusehen ist? Vielleicht in der Ueberbürdung\nder Künstler mit Arbeit? Wir wollen sehen.\nVor 20—25 Jahren wurde auf den grösseren Pro-\nvincialbühnen alle Tage, mit Ausnahme des Sonnabends,\ngespielt—313 Vorstellungen im Jahre,-26 im Monat. Die\nTenoristen traten darin 20—25 Mal im Monat auf, und"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.6", "texte": "da damals die Sonderung in Helden-Tenöre, lyrische und\nSpiel-Tenöre noch nicht so ausgeprägt war, wie jetzt, so\nbestand das Rollenfach eines Tenoristen aus 30—40'\nRollen.\nGegenwärtig herrscht überall die Theilung der Arbeit.\nDaraus hat sich für die ersten Tenöre ein Repertoire von\n6 8, für die zweiten von 17 —lB Rollen höchstens er-\ngehen. Dazu machen die letzteren noch Bedingungen, diese\nund jene Partie, die zu viel Studium und Coloratur ver-\nlangt, contractlich auszuschliessen, weil sie überhaupt nicht\nstudiren und nie studirt haben. Wenn die früheren Teno-\nristen wenigstens zwanzig Mal im Monat sangen, so ver-\npflichten sich die jetzigen von beiden Classen nur zu acht\nRollen. Ihre Arbeit ist also um zwei Drittel leichter gewor-\nden. Wesshalb also die höhere Besoldung?\nEi, sagt man, seit zwanzig Jahren sind alle Bedürf-\nnisse viel theurer geworden, alle Gehälter sind gestiegen:\nwarum sollten die Sänger zurückstehen?\nAllerdings lebt man jetzt theurer; aber steht die Stei-\ngerung der Gage mit der Steigerung der Preise der Be-\ndürfnisse im richtigen Verhältnisse?\nIm Jahre 1834 brauchte ein erster Sänger für\nWohnung monatlich ... 60 Francs.\nKost 100 „\nKleidung 100 „\nTheater-Garderobe. . . . 100 ,\n360 Francs.\nWir wollen gerecht und liberal sein, wir wollen diese\nSumme auf 800, sogar auf 1000 Francs erhöhen, obwohl\nein Theil der aufgeführten Ausgaben keineswegs auf das\nDoppelte gestiegen ist; wenn dann ein Sänger im Jahre\n1834 1000 Fr. monatlich hatte, so ist doch klar, dass\n'2OOO Fr. monatlich heutzutage die höchste Gage sein\nmiisste, wenn von richtigem Verhältnisse nur irgend die\nHede sein soll. Alles, was darüber gezahlt wird, ist anor-\nmal und gefährdet die Existenz der Bühnen-Institute; die\nunerschwinglichen Besoldungen richten den Director zu\nGrunde und ziehen die bescheidener gestellten Mitglieder\nallesammt mit ins Unglück. Diese fristen ihr Dasein auf\nkümmerliche Weise, während die anderen in Gold und\nFreuden leben. Und man glaube ja nicht, dass bei einem\nBankerott die ersten Sänger einer Entsagung oder Unter-\nstützung ihrer Kunstgenossen fähig wären und noch eine\nWeile aushielten, um in Vereinigung fort zu spielen. Eine\nsolche Grossmuth, oder richtiger: eine Pflichterfüllung der\nArt, gehört zu den Seltenheiten. Wir erinnern uns einer\nsolchen Krisis in Marseille; ein erster Tenorist—je tüch-\ntiger, desto schneller sind diese Herren bereit, beim ersten\nNothschusse das hülflose Schiff zu verlassen blieb nicht\nnur taub gegen die dringendsten Bitten seiner Cameraden\nund liess zweihundert Personen in der schrecklichsten Ver-\nlegenheit, sondern er vermehrte noch seine Garderobe\ndurch einige schöne Costüme aus der Theater-Garderobe,\num sich dadurch für einige Hundert Francs, die er noch\nzu fordern hatte, bezahlt zu machen! Und die berühmte\nRachel? Sie kam nach Lyon, wo sie auf zwölf Vorstellun-\ngen engagirt war, und traf gerade an dem Tage ein, wo\nder Director seine ganze Gesellschaft im Stich gelassen\nhatte. Sie weigerte sich entschieden, mit dieser zusammen\naufzutreten, und war noch weniger dazu zu bewegen, eine\nBenefiz-Vorstellung zum Besten derselben zu geben!\nDas ist alles wohl wahr, wird man erwidern; aber\nda eine Theater-Unternehmung ein Geschäft ist, so haben\ndie Sänger auch das vollkommene Recht, ihre Forderung\nnach ihrer Ansicht zu stellen, und dem Director steht es\nja frei, ihre Bedingungen anzunehmen oder zu verweigern.\nSehr gut! Man erlaube uns nur die bescheidene Folgerung\naus diesem Satze: Wenn die Theater-Unternehmung ein\nkaufmännisches Geschäft ist, so sind die Sänger eine Waare\nnicht so ? Trifft es sich nun nicht oft, dass die Waare\nkeinen Absatz findet, wenn sich die Handels-Conjuncturen\nändern, oder wenn ihr Preis die vernünftigen Gränzen\nübersteigt? Was würde es für ein Geschrei geben, wenn\nalle Directoren auf einmal einig würden, die Oper als einen\nim Einkaufspreise viel zu theuren Artikel aus ihrem La-\nger zu streichen!\nSetzen wir ferner den Fall, dass Jemand irgend eine\nWaare, Indigo oder Baumwolle, zu hohen Preisen kauft;\nräumt man ihm nicht das Recht ein, sie durch Wieder-\nverkauf, Fabrication u. s. w. so hoch zu verwerthen, dass\ner die Bilanz herstellt? Was kann aber die hohen Besol-\ndungen der Sänger wieder einbringen ? Offenbar nur die\ntäglichen Einnahmen. Nun, um dadurch, so wie die Sachen\njetzt stehen, eine einiger Maassen verhältnissmässige Bilanz\nzu erzielen, müsste der Director das Parterre auf zehn,\ndie Logen auf zwanzig Francs Eintrittsgeld setzen und das\nAbonnement nach demselben Maassstabe erhöhen. Das ist\naber unmöglich; dadurch würde man neun Zehntel der\nBevölkerung vom Theater ausschliessen und sich der Ge-\nfahr aussetzen, das Haus leer zu sehen.\nNun setzt aber vollends in den meisten Städten die\nBehörde die Eintrittspreise fest. Was folgt daraus? Ein\nhöchst sonderbarer, nirgend anderswo anzutreffender Han-\ndel ! Die Waare muss man so theuer wie möglich bezah-\nlen, aber ihren Verkaufspreis zu bestimmen, ist verboten!\nUnd bei der Waare kommen die Schwankungen der\nMode, der Handels-Verhältnisse u. s. w. in Betracht; man\nkann sich erholen, man kann die Verluste ersetzen, was\nheute 60 Fr. kostet, kauft man vielleicht morgen für 40.\nUnsere Sänger aber haben ihre unveränderliche Taxe,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.7", "texte": "oder wenn diese sich ändert, so geschieht es nur durch\nSteigen. Bei der Gage kennen die Sänger nur das\ncendo; vom smorzandowissen sie weder in der Musik,\nnoch in dem Geschäfte etwas. Mögen traurige Verhältnisse,\nschwierige Zeitumstände, irgend eine Krisis, ja, selbst ein\nUnglück, das eine Stadt ruinirt, eintreffen: keinem der\nSänger mit 30 40,000 Fr. Gehalt für acht Monate\nwird es einfallen, ein Viertel oder auch nur ein Zehntel\nvon seiner Gage nachzulassen. Gott bewahre! Alles muss\ncontractmässig fortgehen, bis die Katastrophe herein-\nbricht und die Direction auf Nimmerwiederaufstehen unter\nihren Trümmern begräbt.\nDann aber höre man das Jammern und die Klagen\nüber den Director! Ohne daran zu denken, dass ein Theil\nder Schuld und oft der grosste-—auf ihre eigene Rech-\nnung, auf ihre Ansprüche auf der einen und ihre Unfähig-\nkeit auf der anderen Seite kommt, ergehen sich diese\nHerren in Vorwürfen, erklären den Director für dumm,\nungeschickt, ja, unredlich! Sagt man zu ihnen: „Nun,\nSie sind jetzt wenigstens Ihre eigenen Herren. Spielen Sie\nin Vereinigung; um die Bilanz zwischen den Activis und\nPassivis Ihrer neuen Lage zu ziehen, haben Sie auf der\neinen Seite Ihr Talent, auf der anderen die Einnahme, die\nes Ihnen verschaffen wird. Führen Sie gut Buch, und am\nEnde der Saison wird es sich herausstellen, ob Sie Sich\nfür Ihre Person auf acht Monate 30—40,000 Fr. zu-\nweisen können!\"\nDavon wollen sie nichts wissen; sich mit Sorgen zu be-\nfassen, ist nicht ihre Sache; sie haben es lieber, wenn ein\nDirector, dem sie dann noch mit allerlei Launen und An-\nsprüchen hemmend entgegentreten, seinen letzten Pfennig\nfür sie hergibt. Kann man bei so bewandten Umständen\nes einem Director verdenken, wenn er, wie Harel an der\nPorte St. Martin, seinen höchstbesoldeten Schauspielern auf\nihre Anfrage um Zahlung antwortete: „Sie wollen Geld\nvon mir haben; wo soll ich es aber hernehmen, da Sie mir\nnichts einbringen?\"\nUnd sind etwa die Künstler, welche den Directoren\ndie Daumschrauben ansetzen und eine Gage von 2000 Fr.\nmonatlich verschmähen, herabgekommene grosse Herren,\nruinirte Millionärs, die sich genöthigt sehen, ihrem Wap-\npen wieder Glanz zu verleihen, ihre Vermögens-Einbusse\ndurch ein hohes b wieder einzubringen? Nichts weniger\nals das! Fast alle diese Herren, die so erpicht auf die\nThaler sind und Manieren annehmen, dass man sie für\nSybariten oder Edelleute halten sollte, die von Kindheit an\nin der grössten Wohlhabenheit erzogen und an die feinsten\nGenüsse des Lebens gewohnt wären, sind aus dem Volke\nhervorgegangen, sind Leinweber, Schmiede- und Schlos-\nsergesellen, Sattler, Zimmerleute, Seifensieder u. s. w. ge-\nWesen alles gewiss sehr ehrenwerthe Leute, aber man\nkann doch nicht läugnen, dass sie froh waren, wenn sie\ndurch zehnstündige angestrengte Arbeit, meist bei Wind\nund Wetter, so viel verdienten, dass sie eben leben konn-\nten. Blieb ihnen am Ende des Jahres auch nur ein Heller v\nfür die Sparcasse übrig? Das Letztere ist freilich auch in\nihrer gegenwärtigen Lage noch zuweilen der Fall; aber\ndurch eine Stimme, die ihnen die Natur gegeben und die\nauszubilden sie sich häufig kaum die Mühe geben, sind sie\nin eine gänzlich veränderte Lage gekommen. Sie singen\nacht Mal im Monat, arbeiten also alle acht Tage sechs bis\nsieben Stunden und verdienen in vierzehn Tagen mehr, als\nsonst im ganzen Jahre. Die Leute sind wahrlich sehr zu\nbedauern! Vollends wenn sie einmal ein paar Hundert\nFrancs verlieren!\nAuch die Seltenheit der Sänger, die man so oft zur\nRechtfertigung der hohen Ansprüche der Künstler anführt,\nkönnen wir nicht so unbedingt einräumen, wie es gewöhn-\nlich geschieht. Die guten, die wirklichen Sänger sind\nallerdings selten, das ist wahr; aber das sollte um so mehr\nein Grund zur Uebereinkunft der Directoren sein, die mit-\ntel massigen und die schlechten, mit denen man sich so oft\nbehelfen muss und deren es die Fülle gibt, auch nur nach\nihrem Werthe zu besolden.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMiSiai* Am Sonntag den o. Juli fand ein sehr besuchtes Mor-\ngen-Concert im grossen Gürzenichsaale, veranstaltet von dem\nkölner Männer-Gesangvereine unter Leitung des k. Musik-\nDirectors F. Weber, Statt. Der Ertrag war zur Unterstützung hülfs-\nbedürftiger Angehöriger der kölner Reservisten und Landwehrmänner\nbestimmt. Wir müssen vor Allem dem Verein die höchste Anerken-\nnung für die ganz vorzügliche, echt künstlerische Ausführung der\ngewählten Gesänge zollen; man kann in der That in dieser Gattung\nkeinen vollendeteren Vortrag hören. Von auswärtigen Künstlern un-\nterstützten das Concert Fräulein Natalie Hänisch vom herzog-\nlich braunschweigischen Hoftheater und Herr Franz Wüllner,\nstädtischer Musik-Director in Aachen. Fräul. Hänisch sang die Arie\nmit Frauenchor aus Rossini's Semiramis und den Solo-Sopran in\ndreien von den Liedern F. Hiller's für Männerchor und eine So-\npranstimme. Der Vortrag dieser reizenden Gesänge, in welchen der\nChor keineswegs bloss begleitet, sondern eine selbstständige Rolle\nspielt, war durch die Trefflichkeit der Ausführung von beiden Seiten\nein wahrer Genuss; das letzte Lied: „Die Fenster auf, die Herzen\nauf!\" ging am vorzüglichsten, erregte stürmischen Applaus und\nmachte ein kurzes Schwanken in den ersten Tacten des zweiten ver-\ngessen. In der Arie (wobei der Damenchor des hiesigen Conservato-\nriums recht hübsch mitwirkte) und in den Liedern zeigte sich Fräul.\nHänisch als eine viel versprechende Sängerin; die Stimme ist recht\nschön, die mittlere Ton-Region bedarf noch der Ausgleichung; die\nIntonation ist rein, die Coloratur bereits recht correct und glatt;\nüberhaupt hört man überall Böhme's vortreffliche Schule duroh.\nWird der Vortrag noch durch etwas mehr Wärme und Innigkeit\ndes Ausdrucks beseelt, so wird diese junge Sängerin, deren Erschei-\nnung auch für die Bühne vortheilhaft geeignet ist, eine rühmliche\nLaufbahn machen. Von den Solisten des Männer-Gesangvereins er-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590709-01.1.8", "texte": "freute uns nach längerer Zeit einmal wieder Herr Andreas Pütz\ndurch den Wohllaut seiner einschmeichelnden Stimme und die zarten\nNuancen des Vortrags. Leider ist Herr DuMont-Fier, die Zierde\ndes Sologesanges im Männer-Gesangverein, noch immer unwohl und\nmuss das Zimmer hüten. Herr Musik-Director W üllner aus Aachen,\nals Dirigent und Componist rühmlichst bekannt, erwarb sich auch\nals Ciavierspieler durch den gediegenen und classischen Vortrag der\nF-moll-Sonate von Beethoven und einiger kleineren Ciavierstücke\ndie Volle Anerkennung der Musikverständigen und den lebhaftesten\nBeifall der ganzen Zuhörerschaft. Ueberhaupt machte das Concert\neinen sehr befriedigenden Eindruck, und der Vorstand des Vereins\nverdient nicht nur den Dank der einberufenen Krieger und ihrer\nFamilien, sondern auch des musicalischen Publieums in vollem\nMaasse.\nAus Hannover wird den wiener ~Recensionen\" vom 15. Juni\ngeschrieben:\n~Wic man uns mittheilt, steht die Pensionirung Mar sehn er's\nbevor. Ueber den nächsten Grund, warum wir den berühmten Mann,\ndessen Leitung unser Orchester zu einem wesentlichen Theile seinen\nverdienten Ruf verdankt, verlieren sollen, obgleich er bisher noch in\nvölliger Rüstigkeit seinem Amte vorgestanden hat, haben wir bis\njetzt nichts erfahren. Wir wissen nur, dass das Verhältniss zwischen\nihm und dem Intendanten, Grafen Platen, schon seit lange nicht das\nbeste war, wesshalb er auch auf den Zustand unseres Opernwesens\nwenig oder gar keinen bestimmenden Einfluss mehr hatte. Erster\nCapellmeister wird jetzt Herr Fischer; zum zweiten ist, sagt man,\nHerr Scholz aus Nürnberg, ein noch junger Mann, der hier bereits\nwährend einiger Monate an Stelle des im Laufe der Saison erkrank-\nten Herrn Fischer fungirt hat, ernannt. Wir fürchten, unsere Bühne\nwird in dem Abgange Marschner's noch mehr als den Verlust eines\ngrossen Namens zu empfinden haben.\"\nAuch nach anderen Zeitungen ist von Hannover aus diese Nach-\nricht mit grosser Zuversicht geschrieben und in die Welt geschickt\nworden. Es muss also doch wohl etwas daran sein, und so ist es\nauch. Wir glauben der musicalischen Welt, die noch nicht vergessen\nhat, wer Heinrich Marschner ist, mittheilen zu können, dass\nman in Hannover allerdings damit umgeht, ihn als Capellmeister\nschon vor seinem Ende zu begraben, wahrscheinlich, um zu erfah-\nren, ob er die Verehrung der Welt, seinen Ruhm und seine Unsterb-\nlichkeit der hannoverischen Stelle oder seinem Genie verdankt. Zu-\ngleich aber geht uns die Nachricht zu, dass die Intrigue scheitern\nwerde oder bereits gescheitert ist. Der musicalisch so hochgebildete\nKönig von Hannover wird zur Ehre Deutschlands nicht zuge-\nben, dass dem grössten deutschen Opern-Componisten unter den Le-\nbenden die Freude an seiner ruhmvollen Thätigkeit gegen seinen\nWunsch auch nur um das geringste verkümmert werde."}]}