{"numero_id": "bm-bmtnabi-1859-07-16-01", "volume": "bmtnabi_1859-07-16_01", "ocr_sha256": "02147ee2d245cf9409fc63367d2611c2af457733d288fe522a5900013c6edf9f", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1859/07/16_01/bmtnabi_1859-07-16_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1859-07-16-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-07-16_01#c001", "volume": "bmtnabi_1859-07-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "225", "page_fin": "225", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 299, "texte": "Inhalt.\nFranz Joseph Gossec. 11. 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Tages- und Unterhaltungsblatt (Berlin, Kroirsches Theater Bogumil\nDawison Wien, Capellraeister Stegmayer, Anton Ascher f Boieldieu über Rossini)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-07-16-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-07-16_01#c002", "volume": "bmtnabi_1859-07-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "225", "page_fin": "229", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.2.2", "titre_corps": "Franz Joseph Gossec.", "titre_sommaire": "Franz Joseph Gossec.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.1", "debut_caractere": 301, "fin_caractere_exclue": 3742, "texte": "Franz Joseph Gossec.\nII.\n(l. s. Nr. 27.)\nNachdem der erste Appetit gestillt war, begann Ra-\nmeau die Unterhaltung:\nSehen Sie, lieber junger Mann, Sie sind mir als ta-\nlentvoll empfohlen worden; ich hätte Misstrauen in das\nWohlwollen des Lehrers für den Schüler setzen können,\naber Sie haben mir bewiesen, dass er nicht zu viel von\nihnen gesagt hat. Was kann ich nun für Sie thun? Was\nhaben Sie beide für Aussichten und Mittel, in Paris fort-\nzukommen?\nUnsere Mittel sind eben nicht gross, antwortete Gos-\nsec. Bei unserer Abreise aus Antwerpen hatten wir hun-\ndert Kronthaler im Vermögen, die mühsame Ersparniss\naus dem Ertrage der Stunden, die wir gegeben. Ueber die\nHälfte davon ist nun freilich schon fort, aber durch Ihre\nEmpfehlung wird es uns nicht an Stunden fehlen, und mit\nGottes und unserer Jugend Hülfe hoffen wir in Paris leben\nzu können.\nStunden, Stunden! sagte Rameau, das ist ganz gut.\nAber Sie müssen vor Allem ein festes Einkommen haben,\ndas für die nothwendigsten Bedürfnisse ausreicht. Sie wol-\nlen componiren, Sich einen Namen machen: wie ist das\ndurchzusetzen, wenn Ihre Schüler Ihre ganze Zeit in An-\nspruch nehmen? Dreissig Jahre lang habe ich auch vom\nStundengeben gelebt, und dreissig Jahre lang hat mich das\ngehindert, empor zu kommen. Ein edelmüthiger Gönner,\nderselbe, dem ich Sie heute Abends vorstellen werde,\nmusste mir erst zu Hülfe kommen und Vertrauen in mich\nsetzen, damit ich, nicht gerade aus dem Dunkel hervortre-\nten konnte, denn meine theoretischen Werke hatten mich\nschon einiger Maassen rühmlich bekannt gemacht, aber\ndamit ich die Gaben, die mir Gott verliehen, ans Licht\nbringen konnte. Das alles kam bei mir etwas spät; dennoch\nhabe ich kein Recht, mich zu beklagen; im Gegentheil.\nAber ich kann Ihnen die Leiden und Kämpfe, die ich durch-\nmachen musste, ersparen, ja, ich kann Ihnen von heute\nan schon eine feste und fast ganz unabhängige Stellung\nanbieten. Wollen Sie Director der Capelle des Herrn de la\nwerden? Sie müssen alle Wochen ein Concert\nin seinem Hotel dirigiren und in der schönen Jahreszeit\nSonntags Messen und Motetten in der Capelle seines Schlos-\nses in Passy aufführen. Dafür sollen Sie 1800 Livres\njährlich beziehen.\nFrau! Frau! rief Gossec und fiel ihr mit heissen Küs-\nsen um den Hals.\nDie kleine Frau erröthete hoch und rief: Was be-\nginnst du? Siehst du denn Herrn Rameau nicht? hast du\nkeinen Dank für ihn?\nLassen Sie's gut sein, sagte Rameau; aber eigentlich\nhat Ihre liebe Frau Recht, und ich hoffe, sie selbst wird\ndankbarer sein, wenn ich ihr sage, dass sie zur Clavier-\nspielerin in den Concertenund zur Organistin in derScjiloss-\nCapelle mit 1200 Livres Gehalt ernannt werden soll.\nDiesmal stürzten aber Beide überglücklich auf ihn los\nund umarmten und küssten ihn herzlich.\nMan kann denken, welche Freude jetzt bei Tische\nherrschte.\nNach dem Essen kamen die Kleiderkünstler an, und\ndas junge Paar machte Toilette. Auch Bameau legte sein\nStaatskleid an, einen Leibrock von braunem Sammt mit\nblanken Stahlknöpfen, eine weissseidene Weste, auf wel-\ncher das schwarze, breite Band des Ordens vom heiligen\nMichael glänzte, schwarzseidene Beinkleider, schwarzsei-\ndene Strümpfe und Schuhe mit goldenen Schnallen. Um\nhalb Sechs fuhr ein Wagen des Herrn de la Popeliniere\nvor und brachte sie nach dessen Hotel, wo schon ein Theil\nder Gesellschaft versammelt war.\nDie Salons der hohen Financiers waren damals vor-\nzugsweise der Sitz des feineren Lebens. Gelehrte und Künst-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "226", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5254, "texte": "ler aller Art und der gebildete Ade! fanden sich dort ein.\nDie Gesellschaft war desshalb gesuchter und angenehmer\nals die rein aristokratischen Cirkel, weil die grossen Herren\nnicht so sehr wegen ihres Ranges, als vielmehr wegen\nihrer persönlichen Eigenschaften und ihres Sinnes für die\nKunst darin willkommen waren. Sie fürchteten aber auch\nihrerseits keineswegs, durch den vertrauten Umgang mit\nMännern der Intelligenz und Kunst ihre Würde zu ge-\nfährden, und Niemand dachte daran, sie ihnen streitig zu\nmachen. Die Verhältnisse zwischen der vornehmen und der\nkünstlerischen Welt waren damals viel angenehmer als\nspäter, wo die Leute von hoher Geburt oder hoher Stel-\nlung zu glauben anfingen, dass sie durch Haltung und Be-\nnehmen immer eine gewisse Gränzlinie innehalten müssten,\ndie den Abstand der Stände bezeichne.\nNach dem Concerte, das recht gut gelang, stellte Ra-\nrneau das junge Paar dem Herrn vom Hause vor, der aufs\nfreundlichsteßameau's Vorschläge zur Anstellung gut hiess.\nDie kleine Frau fand sich freilich etwas unbehaglich\nunter der Menge von vornehmen Damen und Herren,\nvollends da sie, wie natürlich, Gegenstand einer fast allge-\nmeinen Neugierde war. Rameau nahm sie bei der Hand,\nnäherte sich mit ihr einem Herrn, der so wie er das Band\ndes Michaels-Ordens trug, und sagte zu diesem:\nErlauben Sie mir, lieber Freund, Ihrer Frau Ge-\nmahlin diese junge Dame vorzustellen, die hier Nieman-\nden kennt als mich. Es ist eine ausgezeichnete Künstlerin,\ndie Madame Vanloo mit Vergnügen kennen lernen wird\nund für die ich um ihre Protection bitte.\nKarl Vanloo führte die junge Frau auf der Stelle zu\nseiner Gattin.\nMadame Vanloo war eine sehr schöne Dame; Vanloo\nhatte sie in Italien geheirathet*). Tochter eines berühmten\nMusikers, yvar sie selbst auch eine treffliche Sängerin, und\nobwohl der italiänische Geschmack in der Musik damals in\nParis keineswegs der herrschende war, so konnte man\ndoch, wenn sie sich einmal in Gesellschaft hören liess, dem\nZauber ihres Talentes nicht widerstehen. Vanloo selbst\nkonnte eigentlich nichts als malen. Er war damals sechs-\nundvierzig Jahre alt und liebte seine viel jüngere Frau\nzum Rasendwerden. An Erziehung fehlte es ihm ganz und\ngar, aber sein natürlicher Verstand, sein Charakter als\nMensch und dann sein hervorragendes Talent hatten ihm\nin der besten Gesellschaft eine bedeutende Stellung ver-\nschafft. Er machte ein Haus, und so war die Bekanntschaft\nvon Gossec's Gattin mit Madame Vanloo ein Glück, wel-\nches sehr bald dadurch gesichert und vergrössert wurde,\ndass das musicalische Talent beider Damen eine wahre\nFreundschaft herbeiführte.\nGossec hatte unterdessen mit einem Herrn ein Ge-\nspräch angeknüpft, der etwa zehn Jahre älter war als er,\nmit dem er aber sogleich in den Ansichten über Musik\nund Literatur übereinstimmte. Zwar brachte Gossec die\nRede gar zu gern auf Poesie, allein der Andere kam im-\nmer wieder auf die Musik zurück. Er schien ein grosser\nVerehrer der italiänischen Musik zu sein, während Gossec\nzwar die Schönheit jener Schule vollkommen anerkannte,\naber doch stärker zu Gunsten der französischen Musiker\nsprach und namentlich gegen Rousseau's Auspruch, „dass\nman auf französische Worte gar keine gute Musik machen\nkönne\", eiferte. Und doch habe er sich selbst Lügen ge-\nstraft, da seine Oper Le Devin so grossen Er-\nfolg gehabt habe. Bei dem Gespräche über Rousseau wurde\ndann auch der Name Voltaire genannt.\nIch habe gleich ein recht grosses Glück in Paris ge-\nhabt, sagte Gossec, dass ich den grössten Tonkünstler\nFrankreichs kennen gelernt und seinen Schutz erhalten\nhabe. Nun habe ich nur noch Einen Wunsch, auch den\ngrössten Dichter und Philosophen der Franzosen kennen\nzu lernen. *\nVielleicht, erwiderte der Andere, kann ich einmal die-\nsen Wunsch verwirklichen.\nSie kennen Herrn von Voltaire?\nGewiss. Ich habe erst heute Morgens noch einen Brief\nvon ihm erhalten. Wollen Sie seine Hand sehen?\nGossec nahm den Brief mit Hast und las die Auf-\nschrift: „An Herrn von Marmontel\".\nMarmontel war einer von den jüngeren\nden Voltaire sehr lieb hatte. Kaum dreissig Jahre alt, hatte\ner schon recht schöne literarische Erfolge gehabt. In den\nJahren 1746 und 1747 hatte er den Preis für Poesie\nbei der französischen Akademie erhalten, und im Jahre\n1748 machte seine Tragödie grosse Wir-\nkung und erwarb ihm die Ehre des Hervorrufs, eine Ehre,\nwelche selbst Voltaire nur erst einmal nach der Auffüh-\nrung der Merope zu Theil geworden war.\nBeim Abendessen kam Gossec neben Marmontel zu\nsitzen, und von dem Tage an schlang sich um Beide ein\nBand der Freundschaft, das erst der Tod zerriss.\nSollen wir unser junges Paar nach Hause begleiten?\nIn ihrem bescheidenen Zimmer angekommen, glaubten sie,\ngeträumt zu haben. Arm, unbekannt in der ungeheuren\n\n■'') Karl Andreas Vanloo, aus der berühmten niederländi-\nschen Maler-Familie, war zu Nizza geboren (1705), lebte lange\nin Italien, besonders auch in Rom, dann in Paris, wo er Pro-\nfessor an der Kunst-Akademie wurde. Seine Historien- und\nLandschaftsbilder sind in französischen Galerieen häufig; sie\ngalten zu ihrer Zeit lur ausgezeichnete Meisterwerke. Den\nheutigen Beschauer stört bei aller Anerkennung der geistigen\nund technischen Tüchtigkeit das Gepräge ihrer Zeit, das Ma-\nnierirte und gar zu Geleckte. Die Redaction."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5187, "texte": "Stadt, ohne Stütze, ohne Gönner, voll Sorge um die Zu-\nkunft waren sie noch heute Morgens aufgestanden, und\njetzt, um Mitternacht, kamen sie aus der glänzendsten Ge-\nsellschaft, ihre Existenz war vollkommen gesichert, und sie\nhatten eine Stellung, die sie in ihren schönsten Träumen\nnicht zu ahnen gewagt hatten!\nWas sagst du nun? rief Gossec vor Freude strahlend\nseiner geliebten Frau zu.\nIch sage, dass Gott uns gnädig ist. Aber wie sollte er\nnicht? Wir haben ja auch einander so lieb!\nGossec ging nun mit Ernst und Eifer an seinen Beruf.\nEr fand, dass das Concert-Repertoire seines Orchesters\nnicht eben reich war: einige Ciaviersachen, unter denen\ndie besten von Couperin und Rameau waren, einige Vio-\nlin-Sonaten und für Orchester die Opern-Ouverturen von\nLully und Rameau, und besonders die Tänze des Letzteren.\nDiese waren sehr hübsch und wurden in ganz Europa ge-\nspielt. Die italiänischen Componisten hatten schon seit lan-\nger Zeit keine Ouvertüren zu ihren Opern mehr geschrie-\nben, so dass die von Lully und Rameau als Muster und\nMeisterwerke galten.\nGossec sah ein, dass das Orchester, so hübsch auch\ndie Tanzmusik war und so interessant auch die fugirten\nStücke sein mochten, die man Ouvertüren nannte, sich doch\neine andere und höhere Aufgabe stellen müsse; er dachte\nan das Schaffen selbstständiger Concertmusik, und er ver-\nwirklichte seinen Gedanken. Im Jahre 1754 führte er\nseine erste Sinfonie auf.\nIn demselben Jahre, wo er diese Gattung von Musik-\nstücken zu erfinden glaubte und in Frankreich auch wirk-\nlich erfand, hatte auch Joseph Haydn seine erste Sinfonie\ngeschrieben, welcher nachher so viele und so herrliche\nfolgten. Aber erst zwanzig Jahre später wurden diese un-\nsterblichen Werke in Frankreich bekannt; bis dahin\nherrschte Gossec allein und unumschränkt auf dem Gebiete\nder Sinfonie in Frankreich.\nDie Franzosen waren aber weit davon entfernt, so-\ngleich Geschmack an diesen Compositionen zu finden. Die\nZuhörerschaft in Popeiiniere's Concerten war zu sehr an\ndie hergebrachten Formen gewohnt, um die kühnen Neue-\nrungen Gossec's richtig zu würdigen. Als sie aber in den\nConcerts spirituels, die während der heiligen Zeit in den\nTuilerieen gegeben wurden, zur Aufführung gelangten,\nkamen sie nach und nach bei dem Publicum in Gunst.\nIndess wurde Rameau alt und schrieb nicht mehr;\nPopeliniere war ein fanatischer Bewunderer von ihm. Als\naber der Meister zu componiren aufhörte, hörte der Pro-\ntector auch auf, ihn zu unterstützen; er entliess seine Ca-\npelle, die er fünfundzwanzig Jahre lang besoldet und für\nRameau gegründet hatte, sobald dieser ihr keinen neuen\nNahrungsstoff mehr spendete.\nGlücklicher Weise war Gossec's Ruf schon so gewach-\nsen, dass ihn der Prinz von Conti sogleich zu seinem Mu-\nsik-Director und mit noch vortheilhafterer Stellung annahm.\nEr hatte hier noch mehr Müsse zum Componiren und ver-\nöffentlichte im Jahre 1759 seine ersten Violin-Quar-\ntette. (Das erste Haydn'sche war von 1751.) Auch diese\nGattung von Kammermusik war noch ganz unbekannt in\nFrankreich. Sie wurden schon im Jahre 1761 in Amster-\ndam, Lüttich und Mannheim nachgedruckt.\nDie Lebensgeschichte der Tonkünstler bietet in der\nRegel nur so lange ein reges Interesse dar, als sie ihre\nJugend, ihre Entwicklung und ihr erstes Auftreten und\nEmporkommen erzählt. Sobald sie aus den Schranken der\nLehre, des Ringens, der Hemmnisse u. s. w. in die Oef-\nfentlichkeit getreten sind, so ist ihr Lebensziel gewisser\nMaassen erreicht, und so verschieden wie die Art und\nWeise, die Förderungen und Hemmungen der Entwick-\nlung auch waren, so gleichförmig ist in der Regel die fer-\nnere Laufbahn aller Künstler. Ihre Geschichte liegt dann\nin ihren Werken.\nGossec war der Schöpfer der Instrumentalmusik in\nFrankreich gewesen; allein dabei blieb er nicht stehen:\ner bewirkte auch einen ungeheuren Fortschritt in der Kir-\nchenmusik. In den französischen Kirchen wurden Compo-\nsitionen von Lalande, Campra, Moudonville, Bernier und\nAnderen, die man kaum dem Namen nach noch kennt,\ngesungen; auch componirtcn jeder Dom-Capellmeister und\ndie tüchtigsten Organisten, was sie für ihre Kirche brauch-\nten. Alles das kam indess dem fortgeschrittenen Stand-\npunkte der Musik nicht gleich und blieb auch grössten-\nteils in weiteren Kreisen unbekannt. Da trat im Jahre\n\\\n1760 Gossec in der Kirche Saint-Roch mit seinem be-\nrühmten Requiem auf, das eine Revolution in der geist-\nlichen Musik hervorbrachte. Es wurde sogleich gestochen\nund blieb der Muster-Typus für diese Gattung, bis man\ndreissig Jahre später Mozart's unsterbliche Composition\nkennen lernte. Gossec's Requiem wurde zum letzten Male\nbei feierlicher Gelegenheit zu den Obsequien Gretry's im\nJahre 1813 in derselben Rochus-Kirche aufgeführt.\nNeben dieser Revolution in der Instrumental- und in\nder Kirchenmusik fand eine andere und noch wichtigere\nin der dramatischen Musik Statt. Man weiss, dass sie von\nden Italiänern, namentlich von Pergolese's\ndrona, ausging und zunächst in der komischen Oper der\nFranzosen Boden gewann, deren fruchtbarste und belieb-\nteste Componisten Philidor und Monsigny zu dieser Zeit\nwaren. Philidor hatte seinen Blaise le Savetier (1759),\nLe Soldat magicien(1760), Marechal ferrant (1761;\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5243, "texte": "mit grossem Erfolg auf die Bühne gebracht, und Mon-\nsigny, dessen Meisterwerke Le Deserteur und Felix später\nerschienen, war mit Le Roiet (1762),\net Colas (1764) mit Glück aufgetreten.\nGossec konnte von dieser Umgestaltung der dramati-\nschen Musik, die den Weg der natürlichen Einfachheit\nund des melodischen Flusses einschlug, nicht unberührt\nbleiben. Er brachte in demselben Jahre 1764 die komi-\nsche Oper Le faux Lord mit Erfolg auf die Scene, und in\nder Saison von 1767 war seine kleine Oper\ndas beste Cassenstück. Im folgenden Jahre schrieb er Le\ndouble Deguisementund Toinon Aber im Jahre\n1769 trat ein Genie auf, das vierzig Jahre lang die lyri-\nsche Scene beherrschte, Gretry; nach dem ungeheuren\nErfolge des „Huronen\", der ersten Oper desselben, sah\nGossec ein, dass auf diesem Boden ein Bingen um den\nPreis mit ihm nicht möglich sei.\nEr trat in die Sphäre zurück, in welcher er Schöpfer\nund unbestrittener Meister war, und gründete im Jahre\n1770 die berühmten Concerte der Musikfreunde (Concerts\ndes Amateurs).Ihr Orchester war das erste vollständige,\ndas Frankreich besass.\nLully's Orchester hatte fünf Geigen-Stimmen: Discant-\nViolinen, Discant-Violen, Violen, Bass-Violen und Doppel-\nbass-Violen. Violoncello kamen später dazu, und der Con-\ntrabass wurde in Frankreich erst im Jahre 1709, lange\nnach Lully's Tode, eingeführt. Die Blas-Instrumente wa-\nren zahlreich vertreten, aber in ganz anderer Art, wie\nheutzutage. Zunächst eine ganze Familie von Flöten, d. h.\nSchnabel- oder Mundllöten (flute ä bec, auch Blockflöte,\nflauto dolcein den Orgelwerken), denn die Querflöte kannte\nman noch nicht. Man hatte Discant-, Tenor- und Bass-\nFlöten; eben so Discant- und Tenor-Hoboen, deren Bass\ndas Fagott war. (Das Flageolet und das englische Horn\nsind die jetzigen Beste der Discant-Flöten und der Tenor-\nIIoboen.) Von Blech-Instrumenten waren Trompeten und\nJagdhörner im Gebrauch, dazu Pauken und Tamburin,\nletzteres besonders bei der Tanzmusik. An eigentliche In-\nstrumentirung war nicht zu denken; zuweilen findet man\ndie Blas-Instrumente allein gehend, in derßegel aber nur\nim Tutti mit den Saiten-Instrumenten.\nZußameau's Zeit, dessen erste Oper 1733 aufgeführt\nwurde, hatte die Instrumentation schon grosse Fortschritte\ngemacht. Die Querflöte, damals die deutsche Flöte ge-\nnannt, war an die Stelle der Mundflöte getreten, die Ho-\nboe hatte sich vervollkommnet und war sanfter und milder\ngeworden, das verbesserte Waldhorn hatte das grosse\nrunde Jagdhorn verdrängt. Bameau selbst war Erfinder in\nBezug aui Combination verschiedener Klangfarben, auf\neigentliche Inslrumentirung. Die Glarinette war zwar schon\n1690 erfunden, wurde aber in Frankreich erst 1745\nvon Bameau zum ersten Male gebraucht und bekam viel\nspäter erst das Bürgerrecht im Orchester. So hatte z. B.\ndas Orchester der italiänischcn komischen Oper in Paris\nnoch im Jahre 1780 keine Clarinetten. Das Instrument\nselbst war übrigens viel schärfer von Klang, als es jetzt\nist; sein Ton war mehr trompetenartig, daher auch der\nName Clarinetto,d. h. kleines Clarino (d. i. Trompete).\nMan kann sich hiernach denken, was z. B. die JD-dur-\nSinfonie von Gossec (die einundzwanzigste seiner Sinfo-\nnieen) mit seinem neuen Orchester von ersten und zweiten\nGeigen, x\\lt- Violen, Violoncells, Contrabässen, einer Flöte,\nzwei Hoboen, zwei Clarinetten, zwei Fagotten, zwei Hör-\nnern, zwei Trompeten und Pauken für eine Wirkung\nmachte!\nIm Jahre 1773 wurde die Unternehmung der Con-\ncerts spirituelserledigt; Gossec verband sich dazu mit zwei\nFreunden und erhielt die Direction. Er hob diese Concerte\nsowohl durch treffliche Leitung als durch eine Beihe von\nCompositionen. Unter diesen war auch ein Oratorium :\n„Die Geburt Christi\", in welchem besonders ein Chor der\",\nEngel ausserordentlichen Effect machte, den Gossec aus\nder Höhe her aus einem Nebensaale erklingen liess. In\ndemselben Jahre 1773 brachte er eine ernste Oper: „Sa-\nbinus\", mit Erfolg auf die Scene der grossen Oper\ndemie royale de musique); 1775 auch noch „Alexis und\nDaphne\"—: aber im April 1776 wurde Gluck's „Iphi-\ngenie in Aulis\" gegeben, und wer konnte gegen diesen\nBiesen aufkommen?\nGossec gehörte aber nicht allein zu den Ersten, die\nGluck's Genie anerkannten, sondern er wurde und blieb\neiner der wärmsten Anhänger des grossen Mannes und\nunterstützte ihn mit seiner Erfahrung, seiner Kenntniss der\nVerhältnisse, mit allem, was in seiner Macht stand. Gluck\nschätzte Gossec's Talent und seinen Werth als Künstler\nund Mensch hoch und widmete ihm eine aufrichtige und\ndankbare Freundschaft. Gossec schrieb noch ein oder zwei\nWerke für die Oper, allein seine glänzendsten Erfolge\nfeierte er fort und fort auf dem Gebiete der Orchester-\nund der Kirchenmusik. Die Entstehung eines seiner be-\nrühmtesten Kirchenstücke ist zu interessant, um hier nicht\nerwähnt zu werden.\nGossec war ein liebenswürdiger Mensch. Trotz seines\nhervorragenden Talentes hatte er fast keine Neider, we-\nnigstens keine Feinde; im Gegentheil, Jeder bemühte sich,\nihm Freundschaft zu erweisen. So war er denn auch häu-\nfig in dem Hause eines Herrn von Lasalle, General-Secre-\ntärs der Oper, der auf seiner kleinen Villa in Chenevi&res\nbei Sceaux öfter die ersten Künstler des Opern-Theaters\nbei sich sah. An einem schönen Sommer-Sonntag, als"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3300, "texte": "gerade Kirchweihfest im Dorfe war, kam Gossec mit den\ndrei Opernsängern Lays, Chiron und Rousseau von Paris\nan. Sie fanden Herrn von Lasalle im Gespräch mit dem\nOrtsgeistlichen und wollten nicht stören.\nNein, nein! rief Lasalle, Ihr stört mich nicht, Ihr seid\nmir sogar nöthig, um mit mir zu berathen, wie dem gu-\nten Pfarrer hier zu helfen, der in schrecklicher Verlegen-\nheit ist.\nWie so ? was gibt's denn zu berathen?\nAch, meine Herren! sagte der Pfarrer: man hatte mir\nSänger von der Kirche Notre-Dame in Paris zugesagt, um\neine musicalische Messe aufzuführen; seit vier Wochen\nhabe ich das auf allen adeligen Höfen und auf allen Dör-\nfern der Umgegend ausposaunt, und die Kirche wird ge-\ndrückt voll werden. Nun denken Sie Sich mein Kreuz und\nElend —so eben erhalte ich einen Brief, dass Se. Eminenz\nnicht erlauben wolle, dass die Sänger von Notre-Dame\nhier sängen! Ich bin ein geschlagener Mann; die ganze\nvornehme Welt wird keinen Fuss in die Kirche setzen,\nwenn sie erfährt, dass nicht gesungen wird, und ich komme\num eine so wohl vorbereitete fette Collecte, wie sie mir\nso bald nicht wieder wird geboten werden!\nJa wohl, ja wohl! fügte Lasalle hinzu, und unser\nwackerer Pfarrer ist eben hier, um mich zu bitten, ob ich\nnicht durch einen Courier - einige Opernsänger kommen\nlassen könnte. Nun seid Ihr ja glücklicher Weise schon\nda! Wollt Ihr ihm helfen?\nWie? rief der Geistliche voll Freude: diese Herren\nsind Mitglieder der Oper?\nAllerdings. Ich stelle Ihnen die Herren Lays, Cheron\nund Rousseau vor, drei von unseren ersten Berühmtheiten.\n0, sagte der Pfarrer, ich kenne diese Herren sehr\ngut, ich habe oft von ihnen reden hören.\nWo denn das? fragte Cheron.\nIm Beichtstuhl, erwiderte der Geistliche. O meine vor-\ntrefflichen Herren! thun Sie ein gutes Werk: erbauen Sie\nheute diejenigen, die vielleicht gestern die ewige Verdamm-\nniss riskirten, um Sie zu hören!\nMir ganz recht! sagte Lays: ich will gern singen; aber\nich kann nichts Kirchliches auswendig.\nIch auch nicht! ich auch nicht! riefen die beiden\nAnderen.\nEi nun, sagte Lays, wir haben ja Gossec bei uns, der\nmuss uns etwas componiren, und wir singen es.\nComponiren? Was? sagte Gossec: in einer Stunde,\nund einen Gesang ohne Begleitung?\nAch, Herr Gossec! sagte der Pfarrer: Sie haben schon\n7 O\nso Vieles und so Grosses gethan; thun Sie nun auch ein-\nmal etwas um Gottes willen.\nNun denn—lasst mich eine Viertelstunde allein.\nBravo! rief Lays: unter der Zeit wollen wir früh-\nstücken, um uns zu stärken und bei Stimme zu bringen.\nKündigen Sie nur an, Herr Pfarrer, dass nichts geändert\nist, ausser den Namen der Künstler, und dass Sie anstatt\nder Kirchen-Capelle von Notre-Dame die Sänger von der\ngrossen Oper haben würden. Wenn der Teufel auch\nvielleicht dabei gewinnt, Ihre Einnahme wird nichts dabei\nverlieren.\nDer Pfarrer verlässt seelenfroh die Villa, die Drei ma-\nchen sich ans Frühstück, und Gossec schreibt in genialer\nAufregung sein 0 salutaris. Die Sänger probiren es fast\nmit dem Bissen im Munde, und einige Augenblicke nach-\nher singen sie es in der Kirche von Chenevi&res zur Be-\nwunderung aller Welt. Die Sache wird bekannt, und am\nfolgenden Sonntag mussten es dieselben Sänger im Concert\nspirituel vortragen. Der Erfolg war ein beispielloser, und\ndas improvisirte „0 salutaris\" gilt noch heute für ein\nMeisterwerk."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-07-16-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-07-16_01#c003", "volume": "bmtnabi_1859-07-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "229", "page_fin": "231", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.2.3", "titre_corps": "Händel’s Susanna.", "titre_sommaire": "Händel’s Susanna.", "signature_source": "L. 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December 1854), konnten wir nicht erwarten,\nvon diesem für uns neuen Werke nach einigen Jahren\nschon eine so vortreffliche Ausgabe in Partitur und Cia-\nvier-Auszug zu erhalten, wie sie jetzt in der ersten Lie-\nferung der Ausgabe der Werke Händel's durch die\ndeutsche Händel-Gesellschaft (Stich und Druck von\nBreitkopf & Härtel in Leipzig) vorliegt.\nDie Redaction der Partitur für den Druck und die\nAnfertigung des Ciavier-Auszugs hat Julius Rietz über-\nnommen; die Herstellung aus früher unbekannten Quellen\nrührt von Friedrich Chrysander her. Der deutsche\nText ist von G. G. Gervinus, mit einigen Aenderungen\nderselbe, den wir oben erwähnt haben. Die Uebersetzung\nist in jeder Hinsicht vortrefflich, sowohl sprachlich als\nmusicalisch.\nDas Oratorium Susanna ist (nach Chrysander's Vor-\nrede) vom 11. Juli bis zum 24. August 1748, im vier-\nundsechszigsten Lebensjahre Händel's, componirt und in\nder folgenden Frühlings-Saison im Coventgarden-Theater\nzu London aufgeführt. Die accompagnirten Recitative,\nArien und Duette, das Trio und die Ouvertüre erschienen\ngleich im Druck. Eine vollständige Partitur gaben Randall,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5139, "texte": "Wright und Arnold. Dieselbe Vorrede gibt auch die\nKürzungen nach Händel's eigener Praxis an, der die Su-\nsanna noch im Jahre 1759, einige Wochen vor seinem\nTode, aufführte.\nUeber die zum Theil zwar bekannten, aber nicht be-\nnutzten, zum Theil bis auf die neueste Zeit unbekannten\nQuellen, deren Durchforschung der Ausgabe der deutschen\nHändel-Gesellschaft den Vorrang vor allen bisherigen ver-\nleiht, theiit Chrysander Folgendes mit;\n„Dem früher Geleisteten gegenüber befinden wir uns,\nwas das Verhältniss zu den Quellen anlangt, in einer sehr\ngünstigen Lage. Während sich unsere kühnsten Wünsche\nnur erstreckten auf die Einsicht derjenigen Original-Ma-\nnuscripte und sonstigen Hülfsmittel, deren Vorhandensein\nbekannt war, eröffnete sieb uns mit dem Bekanntwerden\nder Hand-Exemplare Händers unvermuthet noch eine\nganz neue Quelle.\n„Bekannt waren bisher die Original-Manuscripte fast\nvon allen Werken, und die schönen Abschriften der Ora-\ntorien von Händel's Amanuensis J. Chr. Schmidt. Beide\nSammlungen, seit beinahe hundert Jahren ein Besitzthum\ndes englischen Königshauses, sind durch die Huld Ihrer\nMajestät der Königin Victoria und Sr. Königlichen Hoheit\ndes Prinzen Albert in liberalster Weise uns zur Benutzung\nüberlassen.\n„Bekannt, wenn auch niemals ausgebeutet, waren fer-\nner die Händel'schen Manuscripte, weiche durch einen un-\nbekannten Umstand in die Hände des Lord Fitzwilliam\ngelangten und seit Jahren als ein Theil seiner reichen mu-\nsicalischen Sammlung in dem Fitzwilliam-Museum zu Cam-\nbridge der Oeffentlichkeit zugänglich geworden sind. Auch\ndiese sieben Bände, meistentheiis aus Skizzen oder gele-\ngentlich eingefügten Sätzen bestehend, sind schon für alle\ndrei Lieferungen unseres ersten Jahrganges ergiebig ge-\nwesen.\n„Mit diesen Hülfsmitteln lässt sich zur Noth eine zuver-\nlässige Ausgabe herstellen. Weil aber in Schmidt's Ab-\nschriften, so wie in den gangbaren Drucken vielfache Ab-\nweichungen von den Original-Handschriften vorkommen,\ndie an sich wohlberechtigt scheinen, aber aus dem vorlie-\ngenden Material nicht erklärt werden konnten, so musste\nman immer den Verlust der bei Händel's Aufführungen\ngebrauchten Stimmen, oder, weil die davon bekannt ge-\nwordenen Bruchstücke wenig Belehrung gaben, vielmehr\nden Verlust der alten Hand-Exemplare bedauern. Aber sie\nwaren nicht verloren. Ais Niemand mehr glaubte, dass sie\nunter den Nachkommen Schmidt's noch aufbewahrt sein\nkönnten, wurden sie im Jahre 1856 von einem Antiquar\nin Bristol zum Verkauf ausgeboten. In Folge dessen ge-\nlangten sie in den Besitz des Herrn V. Schölcher, eines der\neifrigsten Mitglieder und Förderer unserer Gesellschalt, bei\ndem sie nun eben so sorgfältig aufbewahrt, als für jeden\nwissenschaftlichen Zweck bereit gehalten werden.\n„Dieser Zuwachs der Quellen vergrösserte die Arbeit\nbedeutend; denn die Hand-Exemplare sind voller Bemer-\nkungen, Aenderungen und Zusätze, die zum Theil nur durch\ndie mühsamsten Untersuchungen zu erledigen waren. Aber\ngewiss dürfen wir es einen glücklichen Umstand nennen,\ndass die Vorarbeiten zu dem Unternehmen der deutschen\nHändel-Gesellschaft mit Verhältnissen zusammentrafen, die\nzum ersten Male eine völlig erschöpfende Ausgabe ermög-\nlichten.\"\n✓\nDas Bekanntwerden dieser Verhältnisse wird ohne\nZweifel einen bedeutenden Einfluss auf die Verbreitung\nder deutschen Händel-Ausgabe haben, welche' auf diese\nWeise nicht nur ein schönes und ehrenvolles Denkmal des\nSinnes unserer Generation für vaterländischen luihm und\nfür die gediegenen Werke der Tonkunst wird, sondern\nzugleich die erste vollständige, auf das sorgfältig-\nste kritisch behandelte und nach unschätzbaren neuen\nQuellen berichtigte Ausgabe, deren Autorität bei der\nAufführung Händel'scher Werke und vollends bei dem\nernsten Studium derselben fortan nicht übergangen wer-\nden kann.\nDas Oratorium „Susanna\" haben wir gestern und\nvorgestern Gelegenheit gehabt in Probe und Aufführung\nzu hören. Wir haben diesen interessanten Genuss dem\nstädtischen Sing-Verein und dessen Direclor, Herrn\nFerdinand Breunung, zu danken. Die Aufführung mit\nOrchester und Orgel, die Recitative und Arien mit Ciavier-\nBegleitung, war zugleich eine passende Einweihungsfeier\ndes neuen Locals des kölner Conservatoriums, dessen\nHauptsaal der Sing-Verein und die musicalische Gesell-\nschaft ebenfalls zu ihren Versammlungen benutzen. Das\nzuhörende Publicum war von dem Yereins-Vorstande ein-\ngeladen. Die Verhältnisse des Vereins und die übermässige\no\nSommer-Temperatur machten Verkürzungen unabweisbar;\ndas, was gemacht wurde, reichte jedoch vollkommen hin,\neine richtige Vorstellung von dem Charakter des Werkes\nzu geben, und die etwa zwei Stunden dauernde Ausfüh-\nrung war in den Solis und Chören, ungeachtet der kurzen\nVorbereitung und der sommerlichen Einflüsse auf den Be-\nsuch der Uebungen (besonders bei den Herren, von denen\nauch bei der Aufführung zwar sehr tüchtige Sänger, aber\nnur in geringer Anzahl, anwesend waren), im Ganzen ge-\nlungen, in einzelnen Vorträgen vorzüglich, wohin wir na-\nmentlich die Recitative und Arien der Alt-Partie (Joachim;*\nSusanna's Gatte) rechnen, die man selten wohllautender\nund einfach inniger wiedergegeben hören wird."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5484, "texte": "Ueber die Komposition selbst hat die Aufführung bei\nuns das Urteil von Gervinus, das wir hier auszugsweise\nnoch einmal mittheilen wollen, weil es jetzt, da die Parti-\ntur zu haben ist, einen grösseren Wiederhai! finden und\nmehrseitige Prüfung veranlassen wird, im Allgemeinen ge-\nrechtfertigt und bestätigt. Er sagt(a. a. Orte) unter Anderem:\n„Die Susanna ist in derselben Zeit der vierziger Jahre\ndes vorigen Jahrhunderts entstanden, in der alle die gröss-\nten Werke lländel's geschrieben sind, und, obgleich ab-\nweichend in seinem ganzen Charakter und verschieden ge-\nfärbt von jedem auderen Händel'schen Oratorium, ist es\ndoch gerade durch diese Eigentümlichkeit höchst anzie-\nhend und empfiehlt sich namentlich dem Privatgebrauche\ndurch eine zusammenhangende Reihe reizender Solo-Par-\ntieen. Wahrscheinlich sind es auch äusserliche Ursachen\ngewesen, die das Werk aus den Musiksälen ausgeschlossen\nhaben. In England hat man wahrscheinlich in falscher\nPrüderie an dem Gegenstande Anstoss genommen, der übri-\ngens in der anständigsten Sittigkeit behandelt ist. Dann\naber ist das Werk zu lang. Selbst für ein englisches,\nauch in seinen Erholungen energisches Publicum, das zu\neiner Shakespeare'schen Tragödie, die bei uns immer be-\nschnitten werden muss, wohl noch ein dreiactiges Lustspiel\nin den Kauf nimmt, wäre die unverstümmelte Susanna ge-\ndulderschöpfend.\n»—Was indessen zur Hervorziehung dieses Werkes\nvor vielen anderen hätte reizen sollen, ist seine leichtere\nEin- und Zugänglichkeit. Es kann nicht mit irgend einem\nder historischen Oratorien an Tiefe und Erhabenheit gleich\ngestellt werden, aber es wird vielleicht mehr als alle an-\nderen das an Opern und neuere Tonstücke gewohnte Pu-\nblicum gewinnen und fesseln. Dies liegt wesentlich darin,\ndass es eine opernartige, ganz dramatisch verlaufende Hand-\nlung vorführt, die jeder Hörer, auch ein ungebildeter,\nvöllig begreift, für die er dnrch den blossen Text in die\nnötige Stimmung versetzt wird, in der dann die Wirkung\n- der klaren und einfachen Komposition unbehindert Platz\ngreift. Von der prophetischen Lösung des Knotens ab-\ngesehen (die übrigens selbst vom Dichter und Komponisten\nganz unprophetisch gehalten ist), könnte diese ganze Hand-\nlung, wie sie der Text behandelt, heute noch eben so vor-\ngehen. Sie ist von dem Dichter ohne locale oder nationale\nFärbung dargestellt, und diese Natur der Dichtung hat\nsich, wie immer bei Händel, unmittelbar auf den Charak-\nter seines Tonwerkes übertragen. Die Recitative und Arien,\nwelche die Handlung allein fortrücken, sind zwar keine\nKompositionen in moderner Manier, aber sie sind auch\ndurch kein altertümliches oder fremdnationales Colorit\nunverständlich. Dazu kommt, dass der ganze Inhalt, der\nvon dem friedlichen, obwohl gestörten, Glück eines sittlich\nreinen, einfachen Ehebundes handelt, in dem Grundtone\nder Tonsätze eine,idyllische Einfachheit bedingte, wesshalb\nalle Bravourstücke und künstlichen Figuren, die uns in der\nälteren Musik oft fremd berühren, ausgeschlossen sind. Das\nNeuzeitliche, Anheimelnde drückt sich am stärksten in\nmehreren liederartigen Stücken aus, die man unter einem\nanderen Namen Jedem I ür Kompositionen neueren Datums\nversaufen könnte. Sie treten fast dem Volksiiede nahe, und\nin jedem solchen Falle enthüllt sich die volkstümliche\nNatur von Händel's Musik in der anmuthigsten, einfalt-\nvollsten Weise.\n» Der Componisl hat die Absicht des Dichters,\nder Handlung unter den Einzelpersonen die Hauptbedeu-\ntung zu belassen, verstanden und befolgt. Die Chöre be-\neinträchtigen dieselbe weder durch Zahl noch Gewicht; ihr\nverhältnissmässig geringerer Werth mag dazu beigetragen\nhaben, dieses Oratorium aus den Vereinen entfernt zu hal-\nten, wo der Ghor vorzugsweise gesucht wird. In drei\nAbtheilungen von je zwei Scenen bewegt sie sich in einer\nwunderbaren Ebenmässigkeit und einfältig naturgemässen\nWahrheit. Die erste dieser Scenen versetzt in das Glück\ndes Si/hepaars Joachim und Susanna, über das sich am\nSchlüsse der Schatten einer bösen Ahnung legt; die zweite\nführt die beiden der Susanna nachstellenden Richter, den\nsanften schwärmenden, den rohen leidenschaftlichen, in\neinigen vortrefflichen Tenor- und Bass-Arien vor und er-\nöffnet ihren bösen Anschlag. In der dritten wird die ein-\nsam trauernde Susanna durch den Ausbruch des tragischen\nLiebesschmerzes ihrer Dienerin noch einmal vorbereitet\nauf das drohende Unheil, das sich dann mit dem Einbruch\nder Richter in aller dramatischen Lebendigkeit entwickelt,\nderen Spitze ein meisterhaftes Trio (dem in Acis und Ga-\nlathea nicht unähnlich) bildet. Dann wandelt sich der ele-\ngische Ton der fünften Scene (Susanna's Verurteilung)\nin plötzliche Spannung bei dem Eintritt des jungen Daniel,\nund mit der Rückkehr Joachim's kehrt dann auch die\nHandlung und ihr musicalischer Ausdruck zu dem ersten\nidyllischen Frieden zurück; sinnig weis't dann das Schluss-\nDuett der neubeglückten Gatten auf das Eröffnungs-Duett\nzurück, in dem sie ihr noch ungestörtes Glück besingen.\nJede dieser Scenen ist in einem anderen, immer gleich an-\ngemessenen Gharakter ausgeführt, jede gleich glatt und\nabgerundet, dass der Hörer über nichts Unebenem, nichts\nUnerwartetem, Fremdartigem strauchelt, dass die Kompo-\nsition zu der natürlichsten Empfindungsweise am tiefsten\nspricht, indem sie in jener schlichten Wahrheit verläuft,\nals müsse jeder Ton und jedes Gesangstück eben so sein,\nwie es ist. Diese innere Notwendigkeit ist in aller Kunst\nihr letzter und höchster Preis.\"\nKöln, 14. Juli 1859.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-07-16-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-07-16_01#c004", "volume": "bmtnabi_1859-07-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "232", "page_fin": "232", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3884, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBerlin« Im Kroll'schen Theater hat die königsberger Opern-\nGesellschaft ihre Vorstellungen wieder begonnen. Demnächst wird\nsie die Flotow'sche Oper „Der Müller von Meran\" anfführen. Der\nText von Mosenthal soll von Friedrich Tietz umgearbeitet worden\nsein. Dieser „Müller von Meran\" ist übrigens lediglich eine neue\nAusgabe des für Wien geschriebenen und eben dort auch durebge-\nfallenen „Albin\".\nBogumil Dawison, seit Pfingsten Badegast in Marienbad,\nveranstaltete zum Besten der im italiänischen Kriege verwundeten\nösterreichischen Soldaten eine Soiree, worin er die Hauptscenen aus\nShakespeares Heinrich IV. vorlas. Die Einnahme betrug 872 Gulden.\nWieai. Capellmeister Stegmayer verlässt sein Engagement\nam Hof-Operntheater.\nIm Juli findet in Breslau ein vereintes Gastspiel der wiener\nKünstler Frau Gabillon, Fräul. Bossler, Herren Fichtner, Gabillon\nund Sonnenthal Statt. Unter den in Köln Neuengagirten ist ein Herr\nJoseph Neumann, Baritonist aus Wien.\nAnton Ascher, der beliebte berliner Schauspieler, der uns\nnoch vor kaum zwei Wochen brieflich ersuchte, seine Abreise nach\nWildbad und das Nicht-Stattfinden seines Gastspiels am Karltheater\ndem Publicum mitzutheilen, soll nun einer Notiz des „Wanderers i\nzufolge gestorben sein. Ein nicht unbeträchtlicher Verlust\nfür die berliner Bühnenwelt, der auch unter den wiener Theater-\nfreunden mit empfunden werden wird (Wiener Recens.)\ni\nBoieldieu über Rossini. 1. Ich bin so sehr Rossinianer\nwie alle jene fanatischen Belferer, und eben aus dem Grunde, weil\nich Rossini wirklich liebe, bin ich darüber entrüstet, dass man seine\nArt und Weise durch schlechte Nachahmungen abnutzt.\n2. Ich glaube, dass es ein Mangel an Empfänglichkeit ist, wenn\nman nur Eine Art von Musik auf einmal lieben kann, und ich bin\nsehr zufrieden, dass ich so viel in mir habe, um ganz ausser mir\nzu seiD, wenn ich „Don Juan\" höre, ganz berauscht, wenn ich\n„Otello\" höre, und ganz bewegt, wenn ich „Nina\" höre.\n3. Ich glaube, dass man sehr gute Musik schreiben kann, indem\nman Mozart, Haydn, Cimarosa u. s w. nachahmt, und dass man\nimmer nur ein Affe sein wird, wenn man Rossini copirt. Der Grund\nliegt darin, weil Mozart, Haydn, Cimarosa u s. w. immer die Sprache\nder Empfindung und der Vernunft sprechen, während Rossini's Mu-\nsik voll traits, voll bons mots ist. Man kann diese Art nicht copiren,\nman muss durchaus stehlen oder andere bons mots erfinden, was eine\nneue Schöpfung wäre.\n4. Ich finde es ungeschickt, sich der Gefahr auszusetzen, weniger\nWirkung als Rossini hervorzubringen, wenn man dieselben Mittel\nwie er anwendet. Das ist so viel, als sich auf seinem Terrain von\nihm schlagen lassen, was immer demüthigend ist. Man ist dann der\nAngreifer, und der ganze Ruhm bleibt ihm Indem man zu sich\nselbst zurückkehrt, hat man, wenn man geschlagen wird, wenigstens\ndas Bewusstsein für sich.\n5. Wenn Sie wollen, dass ich Ihnen freimüthig meinen Gedanken\nausdrücke, so ist es dieser: Ich wollte, dass man sagte: Rossini und\nBoieldieu haben beide ihr Ziel erreicht, Jeder auf seinem Boden.\nUm sie zu vergleichen, müsste man den Einen eine französische, den\nAnderen eine italiänische Oper machen sehen. Bis dahin lassen wir\nsie jeden auf seinem Platze; sie sind dort gut. Es ist nicht sehr\nbescheiden von mir, Ihnen dieses Verlangen auszudrücken; wie dem\nimmer sei, Sie haben hiermit mein Glaubensbekenntniss.\n(Aus Briefen Boieldieu7s von 1823 und 1826.\nBoieldieu ist 1834 gestorben.)\nDas allgemeine schweizerische Musikfest, welches in Basel Mitte\nJuli hätte abgehalten werden sollen, rausste der den schweizerischen\nGränzen näher gerückten Kriegsereignisse wegen auf friedlichere Zei-\nten hinausgeschoben werden. Als Ersatz hiefiir und gleichzeitig als\nGedächtnissfeier von Händel's Todestag führte der Gesang-Yerein\naus den Oratorien Samson, Jutias Maccabäus, Israel und Messias\neine Anzahl gutgewählter Fragmente auf."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nFranz Joseph Gossec. 11. HändeTs Susanna (Ausgabe dieses Werkes durch die deutsche Händel-Gesell-\nschaft Aufführung desselben in Köln). Von L. B. Tages- und Unterhaltungsblatt (Berlin, Kroirsches Theater Bogumil\nDawison Wien, Capellraeister Stegmayer, Anton Ascher f Boieldieu über Rossini).\n\nFranz Joseph Gossec.\nII.\n(l. s. Nr. 27.)\nNachdem der erste Appetit gestillt war, begann Ra-\nmeau die Unterhaltung:\nSehen Sie, lieber junger Mann, Sie sind mir als ta-\nlentvoll empfohlen worden; ich hätte Misstrauen in das\nWohlwollen des Lehrers für den Schüler setzen können,\naber Sie haben mir bewiesen, dass er nicht zu viel von\nihnen gesagt hat. Was kann ich nun für Sie thun? Was\nhaben Sie beide für Aussichten und Mittel, in Paris fort-\nzukommen?\nUnsere Mittel sind eben nicht gross, antwortete Gos-\nsec. Bei unserer Abreise aus Antwerpen hatten wir hun-\ndert Kronthaler im Vermögen, die mühsame Ersparniss\naus dem Ertrage der Stunden, die wir gegeben. Ueber die\nHälfte davon ist nun freilich schon fort, aber durch Ihre\nEmpfehlung wird es uns nicht an Stunden fehlen, und mit\nGottes und unserer Jugend Hülfe hoffen wir in Paris leben\nzu können.\nStunden, Stunden! sagte Rameau, das ist ganz gut.\nAber Sie müssen vor Allem ein festes Einkommen haben,\ndas für die nothwendigsten Bedürfnisse ausreicht. Sie wol-\nlen componiren, Sich einen Namen machen: wie ist das\ndurchzusetzen, wenn Ihre Schüler Ihre ganze Zeit in An-\nspruch nehmen? Dreissig Jahre lang habe ich auch vom\nStundengeben gelebt, und dreissig Jahre lang hat mich das\ngehindert, empor zu kommen. Ein edelmüthiger Gönner,\nderselbe, dem ich Sie heute Abends vorstellen werde,\nmusste mir erst zu Hülfe kommen und Vertrauen in mich\nsetzen, damit ich, nicht gerade aus dem Dunkel hervortre-\nten konnte, denn meine theoretischen Werke hatten mich\nschon einiger Maassen rühmlich bekannt gemacht, aber\ndamit ich die Gaben, die mir Gott verliehen, ans Licht\nbringen konnte. Das alles kam bei mir etwas spät; dennoch\nhabe ich kein Recht, mich zu beklagen; im Gegentheil.\nAber ich kann Ihnen die Leiden und Kämpfe, die ich durch-\nmachen musste, ersparen, ja, ich kann Ihnen von heute\nan schon eine feste und fast ganz unabhängige Stellung\nanbieten. Wollen Sie Director der Capelle des Herrn de la\nwerden? Sie müssen alle Wochen ein Concert\nin seinem Hotel dirigiren und in der schönen Jahreszeit\nSonntags Messen und Motetten in der Capelle seines Schlos-\nses in Passy aufführen. Dafür sollen Sie 1800 Livres\njährlich beziehen.\nFrau! Frau! rief Gossec und fiel ihr mit heissen Küs-\nsen um den Hals.\nDie kleine Frau erröthete hoch und rief: Was be-\nginnst du? Siehst du denn Herrn Rameau nicht? hast du\nkeinen Dank für ihn?\nLassen Sie's gut sein, sagte Rameau; aber eigentlich\nhat Ihre liebe Frau Recht, und ich hoffe, sie selbst wird\ndankbarer sein, wenn ich ihr sage, dass sie zur Clavier-\nspielerin in den Concertenund zur Organistin in derScjiloss-\nCapelle mit 1200 Livres Gehalt ernannt werden soll.\nDiesmal stürzten aber Beide überglücklich auf ihn los\nund umarmten und küssten ihn herzlich.\nMan kann denken, welche Freude jetzt bei Tische\nherrschte.\nNach dem Essen kamen die Kleiderkünstler an, und\ndas junge Paar machte Toilette. Auch Bameau legte sein\nStaatskleid an, einen Leibrock von braunem Sammt mit\nblanken Stahlknöpfen, eine weissseidene Weste, auf wel-\ncher das schwarze, breite Band des Ordens vom heiligen\nMichael glänzte, schwarzseidene Beinkleider, schwarzsei-\ndene Strümpfe und Schuhe mit goldenen Schnallen. Um\nhalb Sechs fuhr ein Wagen des Herrn de la Popeliniere\nvor und brachte sie nach dessen Hotel, wo schon ein Theil\nder Gesellschaft versammelt war.\nDie Salons der hohen Financiers waren damals vor-\nzugsweise der Sitz des feineren Lebens. Gelehrte und Künst-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "226", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.2", "texte": "ler aller Art und der gebildete Ade! fanden sich dort ein.\nDie Gesellschaft war desshalb gesuchter und angenehmer\nals die rein aristokratischen Cirkel, weil die grossen Herren\nnicht so sehr wegen ihres Ranges, als vielmehr wegen\nihrer persönlichen Eigenschaften und ihres Sinnes für die\nKunst darin willkommen waren. Sie fürchteten aber auch\nihrerseits keineswegs, durch den vertrauten Umgang mit\nMännern der Intelligenz und Kunst ihre Würde zu ge-\nfährden, und Niemand dachte daran, sie ihnen streitig zu\nmachen. Die Verhältnisse zwischen der vornehmen und der\nkünstlerischen Welt waren damals viel angenehmer als\nspäter, wo die Leute von hoher Geburt oder hoher Stel-\nlung zu glauben anfingen, dass sie durch Haltung und Be-\nnehmen immer eine gewisse Gränzlinie innehalten müssten,\ndie den Abstand der Stände bezeichne.\nNach dem Concerte, das recht gut gelang, stellte Ra-\nrneau das junge Paar dem Herrn vom Hause vor, der aufs\nfreundlichsteßameau's Vorschläge zur Anstellung gut hiess.\nDie kleine Frau fand sich freilich etwas unbehaglich\nunter der Menge von vornehmen Damen und Herren,\nvollends da sie, wie natürlich, Gegenstand einer fast allge-\nmeinen Neugierde war. Rameau nahm sie bei der Hand,\nnäherte sich mit ihr einem Herrn, der so wie er das Band\ndes Michaels-Ordens trug, und sagte zu diesem:\nErlauben Sie mir, lieber Freund, Ihrer Frau Ge-\nmahlin diese junge Dame vorzustellen, die hier Nieman-\nden kennt als mich. Es ist eine ausgezeichnete Künstlerin,\ndie Madame Vanloo mit Vergnügen kennen lernen wird\nund für die ich um ihre Protection bitte.\nKarl Vanloo führte die junge Frau auf der Stelle zu\nseiner Gattin.\nMadame Vanloo war eine sehr schöne Dame; Vanloo\nhatte sie in Italien geheirathet*). Tochter eines berühmten\nMusikers, yvar sie selbst auch eine treffliche Sängerin, und\nobwohl der italiänische Geschmack in der Musik damals in\nParis keineswegs der herrschende war, so konnte man\ndoch, wenn sie sich einmal in Gesellschaft hören liess, dem\nZauber ihres Talentes nicht widerstehen. Vanloo selbst\nkonnte eigentlich nichts als malen. Er war damals sechs-\nundvierzig Jahre alt und liebte seine viel jüngere Frau\nzum Rasendwerden. An Erziehung fehlte es ihm ganz und\ngar, aber sein natürlicher Verstand, sein Charakter als\nMensch und dann sein hervorragendes Talent hatten ihm\nin der besten Gesellschaft eine bedeutende Stellung ver-\nschafft. Er machte ein Haus, und so war die Bekanntschaft\nvon Gossec's Gattin mit Madame Vanloo ein Glück, wel-\nches sehr bald dadurch gesichert und vergrössert wurde,\ndass das musicalische Talent beider Damen eine wahre\nFreundschaft herbeiführte.\nGossec hatte unterdessen mit einem Herrn ein Ge-\nspräch angeknüpft, der etwa zehn Jahre älter war als er,\nmit dem er aber sogleich in den Ansichten über Musik\nund Literatur übereinstimmte. Zwar brachte Gossec die\nRede gar zu gern auf Poesie, allein der Andere kam im-\nmer wieder auf die Musik zurück. Er schien ein grosser\nVerehrer der italiänischen Musik zu sein, während Gossec\nzwar die Schönheit jener Schule vollkommen anerkannte,\naber doch stärker zu Gunsten der französischen Musiker\nsprach und namentlich gegen Rousseau's Auspruch, „dass\nman auf französische Worte gar keine gute Musik machen\nkönne\", eiferte. Und doch habe er sich selbst Lügen ge-\nstraft, da seine Oper Le Devin so grossen Er-\nfolg gehabt habe. Bei dem Gespräche über Rousseau wurde\ndann auch der Name Voltaire genannt.\nIch habe gleich ein recht grosses Glück in Paris ge-\nhabt, sagte Gossec, dass ich den grössten Tonkünstler\nFrankreichs kennen gelernt und seinen Schutz erhalten\nhabe. Nun habe ich nur noch Einen Wunsch, auch den\ngrössten Dichter und Philosophen der Franzosen kennen\nzu lernen. *\nVielleicht, erwiderte der Andere, kann ich einmal die-\nsen Wunsch verwirklichen.\nSie kennen Herrn von Voltaire?\nGewiss. Ich habe erst heute Morgens noch einen Brief\nvon ihm erhalten. Wollen Sie seine Hand sehen?\nGossec nahm den Brief mit Hast und las die Auf-\nschrift: „An Herrn von Marmontel\".\nMarmontel war einer von den jüngeren\nden Voltaire sehr lieb hatte. Kaum dreissig Jahre alt, hatte\ner schon recht schöne literarische Erfolge gehabt. In den\nJahren 1746 und 1747 hatte er den Preis für Poesie\nbei der französischen Akademie erhalten, und im Jahre\n1748 machte seine Tragödie grosse Wir-\nkung und erwarb ihm die Ehre des Hervorrufs, eine Ehre,\nwelche selbst Voltaire nur erst einmal nach der Auffüh-\nrung der Merope zu Theil geworden war.\nBeim Abendessen kam Gossec neben Marmontel zu\nsitzen, und von dem Tage an schlang sich um Beide ein\nBand der Freundschaft, das erst der Tod zerriss.\nSollen wir unser junges Paar nach Hause begleiten?\nIn ihrem bescheidenen Zimmer angekommen, glaubten sie,\ngeträumt zu haben. Arm, unbekannt in der ungeheuren\n\n■'') Karl Andreas Vanloo, aus der berühmten niederländi-\nschen Maler-Familie, war zu Nizza geboren (1705), lebte lange\nin Italien, besonders auch in Rom, dann in Paris, wo er Pro-\nfessor an der Kunst-Akademie wurde. Seine Historien- und\nLandschaftsbilder sind in französischen Galerieen häufig; sie\ngalten zu ihrer Zeit lur ausgezeichnete Meisterwerke. Den\nheutigen Beschauer stört bei aller Anerkennung der geistigen\nund technischen Tüchtigkeit das Gepräge ihrer Zeit, das Ma-\nnierirte und gar zu Geleckte. Die Redaction."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.3", "texte": "Stadt, ohne Stütze, ohne Gönner, voll Sorge um die Zu-\nkunft waren sie noch heute Morgens aufgestanden, und\njetzt, um Mitternacht, kamen sie aus der glänzendsten Ge-\nsellschaft, ihre Existenz war vollkommen gesichert, und sie\nhatten eine Stellung, die sie in ihren schönsten Träumen\nnicht zu ahnen gewagt hatten!\nWas sagst du nun? rief Gossec vor Freude strahlend\nseiner geliebten Frau zu.\nIch sage, dass Gott uns gnädig ist. Aber wie sollte er\nnicht? Wir haben ja auch einander so lieb!\nGossec ging nun mit Ernst und Eifer an seinen Beruf.\nEr fand, dass das Concert-Repertoire seines Orchesters\nnicht eben reich war: einige Ciaviersachen, unter denen\ndie besten von Couperin und Rameau waren, einige Vio-\nlin-Sonaten und für Orchester die Opern-Ouverturen von\nLully und Rameau, und besonders die Tänze des Letzteren.\nDiese waren sehr hübsch und wurden in ganz Europa ge-\nspielt. Die italiänischen Componisten hatten schon seit lan-\nger Zeit keine Ouvertüren zu ihren Opern mehr geschrie-\nben, so dass die von Lully und Rameau als Muster und\nMeisterwerke galten.\nGossec sah ein, dass das Orchester, so hübsch auch\ndie Tanzmusik war und so interessant auch die fugirten\nStücke sein mochten, die man Ouvertüren nannte, sich doch\neine andere und höhere Aufgabe stellen müsse; er dachte\nan das Schaffen selbstständiger Concertmusik, und er ver-\nwirklichte seinen Gedanken. Im Jahre 1754 führte er\nseine erste Sinfonie auf.\nIn demselben Jahre, wo er diese Gattung von Musik-\nstücken zu erfinden glaubte und in Frankreich auch wirk-\nlich erfand, hatte auch Joseph Haydn seine erste Sinfonie\ngeschrieben, welcher nachher so viele und so herrliche\nfolgten. Aber erst zwanzig Jahre später wurden diese un-\nsterblichen Werke in Frankreich bekannt; bis dahin\nherrschte Gossec allein und unumschränkt auf dem Gebiete\nder Sinfonie in Frankreich.\nDie Franzosen waren aber weit davon entfernt, so-\ngleich Geschmack an diesen Compositionen zu finden. Die\nZuhörerschaft in Popeiiniere's Concerten war zu sehr an\ndie hergebrachten Formen gewohnt, um die kühnen Neue-\nrungen Gossec's richtig zu würdigen. Als sie aber in den\nConcerts spirituels, die während der heiligen Zeit in den\nTuilerieen gegeben wurden, zur Aufführung gelangten,\nkamen sie nach und nach bei dem Publicum in Gunst.\nIndess wurde Rameau alt und schrieb nicht mehr;\nPopeliniere war ein fanatischer Bewunderer von ihm. Als\naber der Meister zu componiren aufhörte, hörte der Pro-\ntector auch auf, ihn zu unterstützen; er entliess seine Ca-\npelle, die er fünfundzwanzig Jahre lang besoldet und für\nRameau gegründet hatte, sobald dieser ihr keinen neuen\nNahrungsstoff mehr spendete.\nGlücklicher Weise war Gossec's Ruf schon so gewach-\nsen, dass ihn der Prinz von Conti sogleich zu seinem Mu-\nsik-Director und mit noch vortheilhafterer Stellung annahm.\nEr hatte hier noch mehr Müsse zum Componiren und ver-\nöffentlichte im Jahre 1759 seine ersten Violin-Quar-\ntette. (Das erste Haydn'sche war von 1751.) Auch diese\nGattung von Kammermusik war noch ganz unbekannt in\nFrankreich. Sie wurden schon im Jahre 1761 in Amster-\ndam, Lüttich und Mannheim nachgedruckt.\nDie Lebensgeschichte der Tonkünstler bietet in der\nRegel nur so lange ein reges Interesse dar, als sie ihre\nJugend, ihre Entwicklung und ihr erstes Auftreten und\nEmporkommen erzählt. Sobald sie aus den Schranken der\nLehre, des Ringens, der Hemmnisse u. s. w. in die Oef-\nfentlichkeit getreten sind, so ist ihr Lebensziel gewisser\nMaassen erreicht, und so verschieden wie die Art und\nWeise, die Förderungen und Hemmungen der Entwick-\nlung auch waren, so gleichförmig ist in der Regel die fer-\nnere Laufbahn aller Künstler. Ihre Geschichte liegt dann\nin ihren Werken.\nGossec war der Schöpfer der Instrumentalmusik in\nFrankreich gewesen; allein dabei blieb er nicht stehen:\ner bewirkte auch einen ungeheuren Fortschritt in der Kir-\nchenmusik. In den französischen Kirchen wurden Compo-\nsitionen von Lalande, Campra, Moudonville, Bernier und\nAnderen, die man kaum dem Namen nach noch kennt,\ngesungen; auch componirtcn jeder Dom-Capellmeister und\ndie tüchtigsten Organisten, was sie für ihre Kirche brauch-\nten. Alles das kam indess dem fortgeschrittenen Stand-\npunkte der Musik nicht gleich und blieb auch grössten-\nteils in weiteren Kreisen unbekannt. Da trat im Jahre\n\\\n1760 Gossec in der Kirche Saint-Roch mit seinem be-\nrühmten Requiem auf, das eine Revolution in der geist-\nlichen Musik hervorbrachte. Es wurde sogleich gestochen\nund blieb der Muster-Typus für diese Gattung, bis man\ndreissig Jahre später Mozart's unsterbliche Composition\nkennen lernte. Gossec's Requiem wurde zum letzten Male\nbei feierlicher Gelegenheit zu den Obsequien Gretry's im\nJahre 1813 in derselben Rochus-Kirche aufgeführt.\nNeben dieser Revolution in der Instrumental- und in\nder Kirchenmusik fand eine andere und noch wichtigere\nin der dramatischen Musik Statt. Man weiss, dass sie von\nden Italiänern, namentlich von Pergolese's\ndrona, ausging und zunächst in der komischen Oper der\nFranzosen Boden gewann, deren fruchtbarste und belieb-\nteste Componisten Philidor und Monsigny zu dieser Zeit\nwaren. Philidor hatte seinen Blaise le Savetier (1759),\nLe Soldat magicien(1760), Marechal ferrant (1761;\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.4", "texte": "mit grossem Erfolg auf die Bühne gebracht, und Mon-\nsigny, dessen Meisterwerke Le Deserteur und Felix später\nerschienen, war mit Le Roiet (1762),\net Colas (1764) mit Glück aufgetreten.\nGossec konnte von dieser Umgestaltung der dramati-\nschen Musik, die den Weg der natürlichen Einfachheit\nund des melodischen Flusses einschlug, nicht unberührt\nbleiben. Er brachte in demselben Jahre 1764 die komi-\nsche Oper Le faux Lord mit Erfolg auf die Scene, und in\nder Saison von 1767 war seine kleine Oper\ndas beste Cassenstück. Im folgenden Jahre schrieb er Le\ndouble Deguisementund Toinon Aber im Jahre\n1769 trat ein Genie auf, das vierzig Jahre lang die lyri-\nsche Scene beherrschte, Gretry; nach dem ungeheuren\nErfolge des „Huronen\", der ersten Oper desselben, sah\nGossec ein, dass auf diesem Boden ein Bingen um den\nPreis mit ihm nicht möglich sei.\nEr trat in die Sphäre zurück, in welcher er Schöpfer\nund unbestrittener Meister war, und gründete im Jahre\n1770 die berühmten Concerte der Musikfreunde (Concerts\ndes Amateurs).Ihr Orchester war das erste vollständige,\ndas Frankreich besass.\nLully's Orchester hatte fünf Geigen-Stimmen: Discant-\nViolinen, Discant-Violen, Violen, Bass-Violen und Doppel-\nbass-Violen. Violoncello kamen später dazu, und der Con-\ntrabass wurde in Frankreich erst im Jahre 1709, lange\nnach Lully's Tode, eingeführt. Die Blas-Instrumente wa-\nren zahlreich vertreten, aber in ganz anderer Art, wie\nheutzutage. Zunächst eine ganze Familie von Flöten, d. h.\nSchnabel- oder Mundllöten (flute ä bec, auch Blockflöte,\nflauto dolcein den Orgelwerken), denn die Querflöte kannte\nman noch nicht. Man hatte Discant-, Tenor- und Bass-\nFlöten; eben so Discant- und Tenor-Hoboen, deren Bass\ndas Fagott war. (Das Flageolet und das englische Horn\nsind die jetzigen Beste der Discant-Flöten und der Tenor-\nIIoboen.) Von Blech-Instrumenten waren Trompeten und\nJagdhörner im Gebrauch, dazu Pauken und Tamburin,\nletzteres besonders bei der Tanzmusik. An eigentliche In-\nstrumentirung war nicht zu denken; zuweilen findet man\ndie Blas-Instrumente allein gehend, in derßegel aber nur\nim Tutti mit den Saiten-Instrumenten.\nZußameau's Zeit, dessen erste Oper 1733 aufgeführt\nwurde, hatte die Instrumentation schon grosse Fortschritte\ngemacht. Die Querflöte, damals die deutsche Flöte ge-\nnannt, war an die Stelle der Mundflöte getreten, die Ho-\nboe hatte sich vervollkommnet und war sanfter und milder\ngeworden, das verbesserte Waldhorn hatte das grosse\nrunde Jagdhorn verdrängt. Bameau selbst war Erfinder in\nBezug aui Combination verschiedener Klangfarben, auf\neigentliche Inslrumentirung. Die Glarinette war zwar schon\n1690 erfunden, wurde aber in Frankreich erst 1745\nvon Bameau zum ersten Male gebraucht und bekam viel\nspäter erst das Bürgerrecht im Orchester. So hatte z. B.\ndas Orchester der italiänischcn komischen Oper in Paris\nnoch im Jahre 1780 keine Clarinetten. Das Instrument\nselbst war übrigens viel schärfer von Klang, als es jetzt\nist; sein Ton war mehr trompetenartig, daher auch der\nName Clarinetto,d. h. kleines Clarino (d. i. Trompete).\nMan kann sich hiernach denken, was z. B. die JD-dur-\nSinfonie von Gossec (die einundzwanzigste seiner Sinfo-\nnieen) mit seinem neuen Orchester von ersten und zweiten\nGeigen, x\\lt- Violen, Violoncells, Contrabässen, einer Flöte,\nzwei Hoboen, zwei Clarinetten, zwei Fagotten, zwei Hör-\nnern, zwei Trompeten und Pauken für eine Wirkung\nmachte!\nIm Jahre 1773 wurde die Unternehmung der Con-\ncerts spirituelserledigt; Gossec verband sich dazu mit zwei\nFreunden und erhielt die Direction. Er hob diese Concerte\nsowohl durch treffliche Leitung als durch eine Beihe von\nCompositionen. Unter diesen war auch ein Oratorium :\n„Die Geburt Christi\", in welchem besonders ein Chor der\",\nEngel ausserordentlichen Effect machte, den Gossec aus\nder Höhe her aus einem Nebensaale erklingen liess. In\ndemselben Jahre 1773 brachte er eine ernste Oper: „Sa-\nbinus\", mit Erfolg auf die Scene der grossen Oper\ndemie royale de musique); 1775 auch noch „Alexis und\nDaphne\"—: aber im April 1776 wurde Gluck's „Iphi-\ngenie in Aulis\" gegeben, und wer konnte gegen diesen\nBiesen aufkommen?\nGossec gehörte aber nicht allein zu den Ersten, die\nGluck's Genie anerkannten, sondern er wurde und blieb\neiner der wärmsten Anhänger des grossen Mannes und\nunterstützte ihn mit seiner Erfahrung, seiner Kenntniss der\nVerhältnisse, mit allem, was in seiner Macht stand. Gluck\nschätzte Gossec's Talent und seinen Werth als Künstler\nund Mensch hoch und widmete ihm eine aufrichtige und\ndankbare Freundschaft. Gossec schrieb noch ein oder zwei\nWerke für die Oper, allein seine glänzendsten Erfolge\nfeierte er fort und fort auf dem Gebiete der Orchester-\nund der Kirchenmusik. Die Entstehung eines seiner be-\nrühmtesten Kirchenstücke ist zu interessant, um hier nicht\nerwähnt zu werden.\nGossec war ein liebenswürdiger Mensch. Trotz seines\nhervorragenden Talentes hatte er fast keine Neider, we-\nnigstens keine Feinde; im Gegentheil, Jeder bemühte sich,\nihm Freundschaft zu erweisen. So war er denn auch häu-\nfig in dem Hause eines Herrn von Lasalle, General-Secre-\ntärs der Oper, der auf seiner kleinen Villa in Chenevi&res\nbei Sceaux öfter die ersten Künstler des Opern-Theaters\nbei sich sah. An einem schönen Sommer-Sonntag, als"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.5", "texte": "gerade Kirchweihfest im Dorfe war, kam Gossec mit den\ndrei Opernsängern Lays, Chiron und Rousseau von Paris\nan. Sie fanden Herrn von Lasalle im Gespräch mit dem\nOrtsgeistlichen und wollten nicht stören.\nNein, nein! rief Lasalle, Ihr stört mich nicht, Ihr seid\nmir sogar nöthig, um mit mir zu berathen, wie dem gu-\nten Pfarrer hier zu helfen, der in schrecklicher Verlegen-\nheit ist.\nWie so ? was gibt's denn zu berathen?\nAch, meine Herren! sagte der Pfarrer: man hatte mir\nSänger von der Kirche Notre-Dame in Paris zugesagt, um\neine musicalische Messe aufzuführen; seit vier Wochen\nhabe ich das auf allen adeligen Höfen und auf allen Dör-\nfern der Umgegend ausposaunt, und die Kirche wird ge-\ndrückt voll werden. Nun denken Sie Sich mein Kreuz und\nElend —so eben erhalte ich einen Brief, dass Se. Eminenz\nnicht erlauben wolle, dass die Sänger von Notre-Dame\nhier sängen! Ich bin ein geschlagener Mann; die ganze\nvornehme Welt wird keinen Fuss in die Kirche setzen,\nwenn sie erfährt, dass nicht gesungen wird, und ich komme\num eine so wohl vorbereitete fette Collecte, wie sie mir\nso bald nicht wieder wird geboten werden!\nJa wohl, ja wohl! fügte Lasalle hinzu, und unser\nwackerer Pfarrer ist eben hier, um mich zu bitten, ob ich\nnicht durch einen Courier - einige Opernsänger kommen\nlassen könnte. Nun seid Ihr ja glücklicher Weise schon\nda! Wollt Ihr ihm helfen?\nWie? rief der Geistliche voll Freude: diese Herren\nsind Mitglieder der Oper?\nAllerdings. Ich stelle Ihnen die Herren Lays, Cheron\nund Rousseau vor, drei von unseren ersten Berühmtheiten.\n0, sagte der Pfarrer, ich kenne diese Herren sehr\ngut, ich habe oft von ihnen reden hören.\nWo denn das? fragte Cheron.\nIm Beichtstuhl, erwiderte der Geistliche. O meine vor-\ntrefflichen Herren! thun Sie ein gutes Werk: erbauen Sie\nheute diejenigen, die vielleicht gestern die ewige Verdamm-\nniss riskirten, um Sie zu hören!\nMir ganz recht! sagte Lays: ich will gern singen; aber\nich kann nichts Kirchliches auswendig.\nIch auch nicht! ich auch nicht! riefen die beiden\nAnderen.\nEi nun, sagte Lays, wir haben ja Gossec bei uns, der\nmuss uns etwas componiren, und wir singen es.\nComponiren? Was? sagte Gossec: in einer Stunde,\nund einen Gesang ohne Begleitung?\nAch, Herr Gossec! sagte der Pfarrer: Sie haben schon\n7 O\nso Vieles und so Grosses gethan; thun Sie nun auch ein-\nmal etwas um Gottes willen.\nNun denn—lasst mich eine Viertelstunde allein.\nBravo! rief Lays: unter der Zeit wollen wir früh-\nstücken, um uns zu stärken und bei Stimme zu bringen.\nKündigen Sie nur an, Herr Pfarrer, dass nichts geändert\nist, ausser den Namen der Künstler, und dass Sie anstatt\nder Kirchen-Capelle von Notre-Dame die Sänger von der\ngrossen Oper haben würden. Wenn der Teufel auch\nvielleicht dabei gewinnt, Ihre Einnahme wird nichts dabei\nverlieren.\nDer Pfarrer verlässt seelenfroh die Villa, die Drei ma-\nchen sich ans Frühstück, und Gossec schreibt in genialer\nAufregung sein 0 salutaris. Die Sänger probiren es fast\nmit dem Bissen im Munde, und einige Augenblicke nach-\nher singen sie es in der Kirche von Chenevi&res zur Be-\nwunderung aller Welt. Die Sache wird bekannt, und am\nfolgenden Sonntag mussten es dieselben Sänger im Concert\nspirituel vortragen. Der Erfolg war ein beispielloser, und\ndas improvisirte „0 salutaris\" gilt noch heute für ein\nMeisterwerk.\n\nHändel’s Susanna.\n\nAls wir in Nr. 50 des 11. Jahrgangs (1854) dieser\nZeitung einen Aufsatz von Gervinus brachten, welcher der\nmusicalischen Welt in Deutschland zuerst Kunde von dem\nVorhandensein eines Oratoriums „Susanna\" von Hän-\ndel gab, und der hochgeschätzte Verfasser uns auch seine\nUebersetzung des Textes mittheilte (abgedruckt in Nr. 51\nvom 23. December 1854), konnten wir nicht erwarten,\nvon diesem für uns neuen Werke nach einigen Jahren\nschon eine so vortreffliche Ausgabe in Partitur und Cia-\nvier-Auszug zu erhalten, wie sie jetzt in der ersten Lie-\nferung der Ausgabe der Werke Händel's durch die\ndeutsche Händel-Gesellschaft (Stich und Druck von\nBreitkopf & Härtel in Leipzig) vorliegt.\nDie Redaction der Partitur für den Druck und die\nAnfertigung des Ciavier-Auszugs hat Julius Rietz über-\nnommen; die Herstellung aus früher unbekannten Quellen\nrührt von Friedrich Chrysander her. Der deutsche\nText ist von G. G. Gervinus, mit einigen Aenderungen\nderselbe, den wir oben erwähnt haben. Die Uebersetzung\nist in jeder Hinsicht vortrefflich, sowohl sprachlich als\nmusicalisch.\nDas Oratorium Susanna ist (nach Chrysander's Vor-\nrede) vom 11. Juli bis zum 24. August 1748, im vier-\nundsechszigsten Lebensjahre Händel's, componirt und in\nder folgenden Frühlings-Saison im Coventgarden-Theater\nzu London aufgeführt. Die accompagnirten Recitative,\nArien und Duette, das Trio und die Ouvertüre erschienen\ngleich im Druck. Eine vollständige Partitur gaben Randall,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.6", "texte": "Wright und Arnold. Dieselbe Vorrede gibt auch die\nKürzungen nach Händel's eigener Praxis an, der die Su-\nsanna noch im Jahre 1759, einige Wochen vor seinem\nTode, aufführte.\nUeber die zum Theil zwar bekannten, aber nicht be-\nnutzten, zum Theil bis auf die neueste Zeit unbekannten\nQuellen, deren Durchforschung der Ausgabe der deutschen\nHändel-Gesellschaft den Vorrang vor allen bisherigen ver-\nleiht, theiit Chrysander Folgendes mit;\n„Dem früher Geleisteten gegenüber befinden wir uns,\nwas das Verhältniss zu den Quellen anlangt, in einer sehr\ngünstigen Lage. Während sich unsere kühnsten Wünsche\nnur erstreckten auf die Einsicht derjenigen Original-Ma-\nnuscripte und sonstigen Hülfsmittel, deren Vorhandensein\nbekannt war, eröffnete sieb uns mit dem Bekanntwerden\nder Hand-Exemplare Händers unvermuthet noch eine\nganz neue Quelle.\n„Bekannt waren bisher die Original-Manuscripte fast\nvon allen Werken, und die schönen Abschriften der Ora-\ntorien von Händel's Amanuensis J. Chr. Schmidt. Beide\nSammlungen, seit beinahe hundert Jahren ein Besitzthum\ndes englischen Königshauses, sind durch die Huld Ihrer\nMajestät der Königin Victoria und Sr. Königlichen Hoheit\ndes Prinzen Albert in liberalster Weise uns zur Benutzung\nüberlassen.\n„Bekannt, wenn auch niemals ausgebeutet, waren fer-\nner die Händel'schen Manuscripte, weiche durch einen un-\nbekannten Umstand in die Hände des Lord Fitzwilliam\ngelangten und seit Jahren als ein Theil seiner reichen mu-\nsicalischen Sammlung in dem Fitzwilliam-Museum zu Cam-\nbridge der Oeffentlichkeit zugänglich geworden sind. Auch\ndiese sieben Bände, meistentheiis aus Skizzen oder gele-\ngentlich eingefügten Sätzen bestehend, sind schon für alle\ndrei Lieferungen unseres ersten Jahrganges ergiebig ge-\nwesen.\n„Mit diesen Hülfsmitteln lässt sich zur Noth eine zuver-\nlässige Ausgabe herstellen. Weil aber in Schmidt's Ab-\nschriften, so wie in den gangbaren Drucken vielfache Ab-\nweichungen von den Original-Handschriften vorkommen,\ndie an sich wohlberechtigt scheinen, aber aus dem vorlie-\ngenden Material nicht erklärt werden konnten, so musste\nman immer den Verlust der bei Händel's Aufführungen\ngebrauchten Stimmen, oder, weil die davon bekannt ge-\nwordenen Bruchstücke wenig Belehrung gaben, vielmehr\nden Verlust der alten Hand-Exemplare bedauern. Aber sie\nwaren nicht verloren. Ais Niemand mehr glaubte, dass sie\nunter den Nachkommen Schmidt's noch aufbewahrt sein\nkönnten, wurden sie im Jahre 1856 von einem Antiquar\nin Bristol zum Verkauf ausgeboten. In Folge dessen ge-\nlangten sie in den Besitz des Herrn V. Schölcher, eines der\neifrigsten Mitglieder und Förderer unserer Gesellschalt, bei\ndem sie nun eben so sorgfältig aufbewahrt, als für jeden\nwissenschaftlichen Zweck bereit gehalten werden.\n„Dieser Zuwachs der Quellen vergrösserte die Arbeit\nbedeutend; denn die Hand-Exemplare sind voller Bemer-\nkungen, Aenderungen und Zusätze, die zum Theil nur durch\ndie mühsamsten Untersuchungen zu erledigen waren. Aber\ngewiss dürfen wir es einen glücklichen Umstand nennen,\ndass die Vorarbeiten zu dem Unternehmen der deutschen\nHändel-Gesellschaft mit Verhältnissen zusammentrafen, die\nzum ersten Male eine völlig erschöpfende Ausgabe ermög-\nlichten.\"\n✓\nDas Bekanntwerden dieser Verhältnisse wird ohne\nZweifel einen bedeutenden Einfluss auf die Verbreitung\nder deutschen Händel-Ausgabe haben, welche' auf diese\nWeise nicht nur ein schönes und ehrenvolles Denkmal des\nSinnes unserer Generation für vaterländischen luihm und\nfür die gediegenen Werke der Tonkunst wird, sondern\nzugleich die erste vollständige, auf das sorgfältig-\nste kritisch behandelte und nach unschätzbaren neuen\nQuellen berichtigte Ausgabe, deren Autorität bei der\nAufführung Händel'scher Werke und vollends bei dem\nernsten Studium derselben fortan nicht übergangen wer-\nden kann.\nDas Oratorium „Susanna\" haben wir gestern und\nvorgestern Gelegenheit gehabt in Probe und Aufführung\nzu hören. Wir haben diesen interessanten Genuss dem\nstädtischen Sing-Verein und dessen Direclor, Herrn\nFerdinand Breunung, zu danken. Die Aufführung mit\nOrchester und Orgel, die Recitative und Arien mit Ciavier-\nBegleitung, war zugleich eine passende Einweihungsfeier\ndes neuen Locals des kölner Conservatoriums, dessen\nHauptsaal der Sing-Verein und die musicalische Gesell-\nschaft ebenfalls zu ihren Versammlungen benutzen. Das\nzuhörende Publicum war von dem Yereins-Vorstande ein-\ngeladen. Die Verhältnisse des Vereins und die übermässige\no\nSommer-Temperatur machten Verkürzungen unabweisbar;\ndas, was gemacht wurde, reichte jedoch vollkommen hin,\neine richtige Vorstellung von dem Charakter des Werkes\nzu geben, und die etwa zwei Stunden dauernde Ausfüh-\nrung war in den Solis und Chören, ungeachtet der kurzen\nVorbereitung und der sommerlichen Einflüsse auf den Be-\nsuch der Uebungen (besonders bei den Herren, von denen\nauch bei der Aufführung zwar sehr tüchtige Sänger, aber\nnur in geringer Anzahl, anwesend waren), im Ganzen ge-\nlungen, in einzelnen Vorträgen vorzüglich, wohin wir na-\nmentlich die Recitative und Arien der Alt-Partie (Joachim;*\nSusanna's Gatte) rechnen, die man selten wohllautender\nund einfach inniger wiedergegeben hören wird."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.7", "texte": "Ueber die Komposition selbst hat die Aufführung bei\nuns das Urteil von Gervinus, das wir hier auszugsweise\nnoch einmal mittheilen wollen, weil es jetzt, da die Parti-\ntur zu haben ist, einen grösseren Wiederhai! finden und\nmehrseitige Prüfung veranlassen wird, im Allgemeinen ge-\nrechtfertigt und bestätigt. Er sagt(a. a. Orte) unter Anderem:\n„Die Susanna ist in derselben Zeit der vierziger Jahre\ndes vorigen Jahrhunderts entstanden, in der alle die gröss-\nten Werke lländel's geschrieben sind, und, obgleich ab-\nweichend in seinem ganzen Charakter und verschieden ge-\nfärbt von jedem auderen Händel'schen Oratorium, ist es\ndoch gerade durch diese Eigentümlichkeit höchst anzie-\nhend und empfiehlt sich namentlich dem Privatgebrauche\ndurch eine zusammenhangende Reihe reizender Solo-Par-\ntieen. Wahrscheinlich sind es auch äusserliche Ursachen\ngewesen, die das Werk aus den Musiksälen ausgeschlossen\nhaben. In England hat man wahrscheinlich in falscher\nPrüderie an dem Gegenstande Anstoss genommen, der übri-\ngens in der anständigsten Sittigkeit behandelt ist. Dann\naber ist das Werk zu lang. Selbst für ein englisches,\nauch in seinen Erholungen energisches Publicum, das zu\neiner Shakespeare'schen Tragödie, die bei uns immer be-\nschnitten werden muss, wohl noch ein dreiactiges Lustspiel\nin den Kauf nimmt, wäre die unverstümmelte Susanna ge-\ndulderschöpfend.\n»—Was indessen zur Hervorziehung dieses Werkes\nvor vielen anderen hätte reizen sollen, ist seine leichtere\nEin- und Zugänglichkeit. Es kann nicht mit irgend einem\nder historischen Oratorien an Tiefe und Erhabenheit gleich\ngestellt werden, aber es wird vielleicht mehr als alle an-\nderen das an Opern und neuere Tonstücke gewohnte Pu-\nblicum gewinnen und fesseln. Dies liegt wesentlich darin,\ndass es eine opernartige, ganz dramatisch verlaufende Hand-\nlung vorführt, die jeder Hörer, auch ein ungebildeter,\nvöllig begreift, für die er dnrch den blossen Text in die\nnötige Stimmung versetzt wird, in der dann die Wirkung\n- der klaren und einfachen Komposition unbehindert Platz\ngreift. Von der prophetischen Lösung des Knotens ab-\ngesehen (die übrigens selbst vom Dichter und Komponisten\nganz unprophetisch gehalten ist), könnte diese ganze Hand-\nlung, wie sie der Text behandelt, heute noch eben so vor-\ngehen. Sie ist von dem Dichter ohne locale oder nationale\nFärbung dargestellt, und diese Natur der Dichtung hat\nsich, wie immer bei Händel, unmittelbar auf den Charak-\nter seines Tonwerkes übertragen. Die Recitative und Arien,\nwelche die Handlung allein fortrücken, sind zwar keine\nKompositionen in moderner Manier, aber sie sind auch\ndurch kein altertümliches oder fremdnationales Colorit\nunverständlich. Dazu kommt, dass der ganze Inhalt, der\nvon dem friedlichen, obwohl gestörten, Glück eines sittlich\nreinen, einfachen Ehebundes handelt, in dem Grundtone\nder Tonsätze eine,idyllische Einfachheit bedingte, wesshalb\nalle Bravourstücke und künstlichen Figuren, die uns in der\nälteren Musik oft fremd berühren, ausgeschlossen sind. Das\nNeuzeitliche, Anheimelnde drückt sich am stärksten in\nmehreren liederartigen Stücken aus, die man unter einem\nanderen Namen Jedem I ür Kompositionen neueren Datums\nversaufen könnte. Sie treten fast dem Volksiiede nahe, und\nin jedem solchen Falle enthüllt sich die volkstümliche\nNatur von Händel's Musik in der anmuthigsten, einfalt-\nvollsten Weise.\n» Der Componisl hat die Absicht des Dichters,\nder Handlung unter den Einzelpersonen die Hauptbedeu-\ntung zu belassen, verstanden und befolgt. Die Chöre be-\neinträchtigen dieselbe weder durch Zahl noch Gewicht; ihr\nverhältnissmässig geringerer Werth mag dazu beigetragen\nhaben, dieses Oratorium aus den Vereinen entfernt zu hal-\nten, wo der Ghor vorzugsweise gesucht wird. In drei\nAbtheilungen von je zwei Scenen bewegt sie sich in einer\nwunderbaren Ebenmässigkeit und einfältig naturgemässen\nWahrheit. Die erste dieser Scenen versetzt in das Glück\ndes Si/hepaars Joachim und Susanna, über das sich am\nSchlüsse der Schatten einer bösen Ahnung legt; die zweite\nführt die beiden der Susanna nachstellenden Richter, den\nsanften schwärmenden, den rohen leidenschaftlichen, in\neinigen vortrefflichen Tenor- und Bass-Arien vor und er-\nöffnet ihren bösen Anschlag. In der dritten wird die ein-\nsam trauernde Susanna durch den Ausbruch des tragischen\nLiebesschmerzes ihrer Dienerin noch einmal vorbereitet\nauf das drohende Unheil, das sich dann mit dem Einbruch\nder Richter in aller dramatischen Lebendigkeit entwickelt,\nderen Spitze ein meisterhaftes Trio (dem in Acis und Ga-\nlathea nicht unähnlich) bildet. Dann wandelt sich der ele-\ngische Ton der fünften Scene (Susanna's Verurteilung)\nin plötzliche Spannung bei dem Eintritt des jungen Daniel,\nund mit der Rückkehr Joachim's kehrt dann auch die\nHandlung und ihr musicalischer Ausdruck zu dem ersten\nidyllischen Frieden zurück; sinnig weis't dann das Schluss-\nDuett der neubeglückten Gatten auf das Eröffnungs-Duett\nzurück, in dem sie ihr noch ungestörtes Glück besingen.\nJede dieser Scenen ist in einem anderen, immer gleich an-\ngemessenen Gharakter ausgeführt, jede gleich glatt und\nabgerundet, dass der Hörer über nichts Unebenem, nichts\nUnerwartetem, Fremdartigem strauchelt, dass die Kompo-\nsition zu der natürlichsten Empfindungsweise am tiefsten\nspricht, indem sie in jener schlichten Wahrheit verläuft,\nals müsse jeder Ton und jedes Gesangstück eben so sein,\nwie es ist. Diese innere Notwendigkeit ist in aller Kunst\nihr letzter und höchster Preis.\"\nKöln, 14. Juli 1859.\n\nL. B."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590716-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBerlin« Im Kroll'schen Theater hat die königsberger Opern-\nGesellschaft ihre Vorstellungen wieder begonnen. Demnächst wird\nsie die Flotow'sche Oper „Der Müller von Meran\" anfführen. Der\nText von Mosenthal soll von Friedrich Tietz umgearbeitet worden\nsein. Dieser „Müller von Meran\" ist übrigens lediglich eine neue\nAusgabe des für Wien geschriebenen und eben dort auch durebge-\nfallenen „Albin\".\nBogumil Dawison, seit Pfingsten Badegast in Marienbad,\nveranstaltete zum Besten der im italiänischen Kriege verwundeten\nösterreichischen Soldaten eine Soiree, worin er die Hauptscenen aus\nShakespeares Heinrich IV. vorlas. Die Einnahme betrug 872 Gulden.\nWieai. Capellmeister Stegmayer verlässt sein Engagement\nam Hof-Operntheater.\nIm Juli findet in Breslau ein vereintes Gastspiel der wiener\nKünstler Frau Gabillon, Fräul. Bossler, Herren Fichtner, Gabillon\nund Sonnenthal Statt. Unter den in Köln Neuengagirten ist ein Herr\nJoseph Neumann, Baritonist aus Wien.\nAnton Ascher, der beliebte berliner Schauspieler, der uns\nnoch vor kaum zwei Wochen brieflich ersuchte, seine Abreise nach\nWildbad und das Nicht-Stattfinden seines Gastspiels am Karltheater\ndem Publicum mitzutheilen, soll nun einer Notiz des „Wanderers i\nzufolge gestorben sein. Ein nicht unbeträchtlicher Verlust\nfür die berliner Bühnenwelt, der auch unter den wiener Theater-\nfreunden mit empfunden werden wird (Wiener Recens.)\ni\nBoieldieu über Rossini. 1. Ich bin so sehr Rossinianer\nwie alle jene fanatischen Belferer, und eben aus dem Grunde, weil\nich Rossini wirklich liebe, bin ich darüber entrüstet, dass man seine\nArt und Weise durch schlechte Nachahmungen abnutzt.\n2. Ich glaube, dass es ein Mangel an Empfänglichkeit ist, wenn\nman nur Eine Art von Musik auf einmal lieben kann, und ich bin\nsehr zufrieden, dass ich so viel in mir habe, um ganz ausser mir\nzu seiD, wenn ich „Don Juan\" höre, ganz berauscht, wenn ich\n„Otello\" höre, und ganz bewegt, wenn ich „Nina\" höre.\n3. Ich glaube, dass man sehr gute Musik schreiben kann, indem\nman Mozart, Haydn, Cimarosa u. s w. nachahmt, und dass man\nimmer nur ein Affe sein wird, wenn man Rossini copirt. Der Grund\nliegt darin, weil Mozart, Haydn, Cimarosa u s. w. immer die Sprache\nder Empfindung und der Vernunft sprechen, während Rossini's Mu-\nsik voll traits, voll bons mots ist. Man kann diese Art nicht copiren,\nman muss durchaus stehlen oder andere bons mots erfinden, was eine\nneue Schöpfung wäre.\n4. Ich finde es ungeschickt, sich der Gefahr auszusetzen, weniger\nWirkung als Rossini hervorzubringen, wenn man dieselben Mittel\nwie er anwendet. Das ist so viel, als sich auf seinem Terrain von\nihm schlagen lassen, was immer demüthigend ist. Man ist dann der\nAngreifer, und der ganze Ruhm bleibt ihm Indem man zu sich\nselbst zurückkehrt, hat man, wenn man geschlagen wird, wenigstens\ndas Bewusstsein für sich.\n5. Wenn Sie wollen, dass ich Ihnen freimüthig meinen Gedanken\nausdrücke, so ist es dieser: Ich wollte, dass man sagte: Rossini und\nBoieldieu haben beide ihr Ziel erreicht, Jeder auf seinem Boden.\nUm sie zu vergleichen, müsste man den Einen eine französische, den\nAnderen eine italiänische Oper machen sehen. Bis dahin lassen wir\nsie jeden auf seinem Platze; sie sind dort gut. Es ist nicht sehr\nbescheiden von mir, Ihnen dieses Verlangen auszudrücken; wie dem\nimmer sei, Sie haben hiermit mein Glaubensbekenntniss.\n(Aus Briefen Boieldieu7s von 1823 und 1826.\nBoieldieu ist 1834 gestorben.)\nDas allgemeine schweizerische Musikfest, welches in Basel Mitte\nJuli hätte abgehalten werden sollen, rausste der den schweizerischen\nGränzen näher gerückten Kriegsereignisse wegen auf friedlichere Zei-\nten hinausgeschoben werden. Als Ersatz hiefiir und gleichzeitig als\nGedächtnissfeier von Händel's Todestag führte der Gesang-Yerein\naus den Oratorien Samson, Jutias Maccabäus, Israel und Messias\neine Anzahl gutgewählter Fragmente auf."}]}