{"numero_id": "bm-bmtnabi-1859-08-06-01", "volume": "bmtnabi_1859-08-06_01", "ocr_sha256": "06b0cc41527bfdfc6ef475633242002fe11cdd6af2e4ebd7936ca68b70899a73", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1859/08/06_01/bmtnabi_1859-08-06_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1859-08-06-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-08-06_01#c001", "volume": "bmtnabi_1859-08-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "249", "page_fin": "249", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "249", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 402, "texte": "Inhalt.\nNachruf an Michael DuMont-Fier. Von L. B. Briefe über Musik an eine Freundin. Von Louis Ehlert\nIst als das älteste Tonsystem vielleicht das fünftönige der Chinesen zu betrachten? Von Louis Kindscher. 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Mit den Verwandten umstanden ihn die\nzahlreichen Freunde und Kunstgenossen, trauernd, dass\nein so blüthenreiches Leben in der Kraft des männlichen\nAlters gebrochen.\nWohl fühlten wir alle, was wir an Michael DuMont\nverloren hatten, der aus reiner Neigung und innerem\nTriebe, ohne alles Trachten nach irdischem Vortheil, bloss\num der Freude am Gesang willen und aus Liebe zur Ton-\nkunst sich zu ihrem Priester geweiht hatte. Er verkannte\nden Ruf nicht, der in seinem Innern sprach, als er schon\nin frühester Jugend mit Leichtigkeit alle Melodieen auf-\nfasste und durch den Klang einer vollkräftigen und um-\nfangreichen Stimme alle, die ihn hörten, in Erstaunen\nsetzte. Obwohl er die Musik nicht zu seinem Berufe wählte,\nso fühlte er sich doch sehr bald von dem Gefühl durch-\ndrungen, dass der Himmel ihm ein Talent gegeben, wel-\nches zu wahren und zu pflegen eine heilige Pflicht für ihn\nsei, und wenn der Jüngling auch verschwenderisch die\nschöne Gabe zur Freude Anderer unablässig spendete, so\ntrat der Mann doch mit hohem Ernst an die Aufgabe der\nKunst, und strebte mit einem Fleiss und einer Ausdauer\nnach Vollkommenheit in ihr, welche die meisten Sänger\nvon Fach in unseren Tagen nicht mehr kennen.\nAber die Kunst war nicht undankbar gegen ihn; sie\nhat ihm seine Liebe reichlich vergolten, sie hat ihm den\nschönsten Lohn gespendet, den sie ihren Lieblingen ge-\nwährt, die Erhebung des Gemüthes über das alltägliche\nLeben und Treiben der Menschen, den Aufschwung der\nSeele aus dem irdischen Dunst zu der Ahnung des himm-\nlischen Lichtes, die Befriedigung, den Besten ihrer Zünfti-\ngen genügt zu haben, und das grosse und schöne Gefühl,\nTausende zu Freude und Schmerz, zu Wehmuth und Froh-\nsinn, zu stiller Andacht und jubelnder Bewunderung hin-\nzureissen. Und dazu hatte ihm das Geschick eine Gattin\ngegeben, in deren Herzen voll Liebe der laute Beifall der\nWelt einen Wiederhall fand, der sie glücklich machte und\nihm nach jedem rauschenden Triumphe in weiten Kreisen\ndaheim die stille, aber desto innigere Nachfeier bereitete.\nDuMont gehörte zu den seltenen Sängern, welche mit\nden natürlichen musicalischen Anlagen zugleich die Eigen-\nschaften besitzen, welche die verständige Auffassung der\nComposition und deren geistige Wiedergabe bedingen. Ein\nHumor, der oft in heiteren, nie verletzenden, sondern im-\nmer gemüthlichen Improvisationen sprudelte, und ein un-\nverkennbares dramatisches Talent kamen ihm bei dem\nVortrag komischer Gesänge zu Statten, während in ande-\nren Gattungen Wahrheit der Empfindung und eine leben-\ndige Phantasie ihn befähigten, die Gedanken des Tondich-\nters noch einmal zu denken und ihnen wahres Leben und\nGestalt in Tönen zu geben. Am grössten war er im Ora-\ntorium und im gefühlvollen Liede: im ersteren war er über\nzwei Jahrzehende lang die Stütze der Concert-Aufführun-\ngen in Köln und der niederrheinischen Musikfeste, im letz-\nteren die Zierde des kölner Männer-Gesangvereins. Die\nBass-Partieen in allen Oratorien von Händel, in der Schö-\npfung und in den Jahreszeiten von Haydn wurden vortreff-\nlich durch ihn ausgeführt; die Partieen des Paulus und\ndes Elias kamen durch ihn zu recht eigentlicher Geltung\nund werden selten sowohl in ihren zarten, von weichem"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "250", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3664, "texte": "Gefühl und gottesfürchtiger Ergebung durchdrungenen,\nals in ihren heroischen und von prophetischem Feuer er-\nglühenden Stellen so ergreifend und so erschütternd wie-\ndergegeben werden, als durch ihn. Desswegen ergingen\ndenn auch die dringendsten Einladungen auswärtiger Con-\ncert-Vereine so häufig an ihn für die grossen Aufführun-\ngen classischer Meisterwerke und neuer Compositionen,\nwelche letztere ihm oft einen wesentlichen Theil ihres Er-\nfolges verdankten. Nicht in den Rheinlanden allein, in\nganz Norddeutschland und Holland wetteiferten die Musik-\nVorstände der namhaftesten Städte um seine Mitwirkung.\nWie steigerten vollends die Sängerfahrten unseres\nMänner-Gesangvereins seinen Ruf! Das Auftreten in Bel-\ngien, in Brüssel, Antwerpen u. s. w., dann der dreimalige\nAufenthalt in England, die Concerte in London, im Bucking-\nham-Palaste vor der Königin und in den öffentlichen Lo-\ncalen Hanoversquarerooms und Exeterhall, in Bradford,\nManchester, Liverpool, in Frankreich die Concerte in Pa-\nris und in Lille, zu Potsdam in Sanssouci, am hohen Ge-\nburtsfeste Sr. Majestät des Königs überall feierte er mit\ndem Vortrage einfacher deutscher Lieder Triumphe, wie\nsie einem Dilettanten noch nie zu Theil geworden sind\nund die selbst bei den berühmtesten Sängern zur Selten-\nheit gehören. Wer von uns allen, die wir Genossen jener\nKunstreisen waren, erinnert sich nicht des andauernden\nund bewundernden Beifalls der gewähltesten Zuhörerschaft\nin London? wer von uns hat je einen solchen Donner von\nApplaus erlebt, wie er von den Tausenden in den Musik-\nhallen von Bradlord und von Exeter in London nach Du-\nMont's Vortrag der Canzonetta von Reichardt erschallte?\nUnd doch wiegt der lauteste Enthusiasmus kaum so schwer\nin der kritischen Wage, als das Urtheil der ersten musi-\ncalischen Berühmtheiten in Paris, als die einstimmige An-\nerkennung von Männern wie Halevy, Auber, Panseron\nund der übrigen Professoren des Conservatoires, endlich\nliossini's, der dem nun Dahingeschiedenen in unserer Ge-\ngenwart sagte: „Nein, nicht Dilettant—Rossini sagt Ihnen,\ndass Sie ein grosser Künstler sind!\"\nSo war denn der Lorberkranz, der bei dem Begräb-\nnisszuge auf einem sammtnen Kissen hinter dem Sarge ge-\ntragen wurde, eine gebührende, von nah und fern dem\ntheuren Verblichenen zuerkannte Huldigung, und der\nschwarze Hör, der die Fahne des Männer-Gesangvereins\numzog, ein Zeichen wahrer Trauer und inniger Theil-\nnahme, die der Verein, dessen Ehren-Mitglied der Ver-\nstorbene war, seinem Andenken durch die feierliche Be-\ngleitung des Sarges bis zur letzten Ruhestätte zollte. Ein\nMusikcorps, von der Directionder Concert-Gesellschaft ver-\nanlasst, eröffnete den Zug, der sich durch eine gedrängte\nMenschenmenge über den Waidmarkt, Hochpforte, Hoch-\nstrasse, Schildergasse, um Aposteln nach dem Hahnenthor\nbewegte. Alle musicalischen Institute Kölns waren durch\nihre Vorstände vertreten, die Dom-Capelle, die Direction\nder Gesellschafts-Concerte, der städtische Singverein, die\nSing-Akademie, das Orchester.\nVor der Begräbnissgruft der Familie DuMont auf dem\nFriedkofe zu Melaten hielt der Zug.\nDer Männer-Gesangverein sang ein Lied vonDerckum:\nWir legen nun mit tiefem Schmerz\nDie kalte Erdenseholle\nAuf dieses einst so warme Herz,\nDas treue, liebevolle\nund zuletzt Mendelssohn's:\nEs ist bestimmt in Gottes Kath,\nDass man vom Liebsten, was man hat,\nMuss scheiden!\nSo scheiden wir denn auch von Dir, Du vor uns da-\nhingegangener Freund. Bis Gottes Kath auch uns in die\newige Heimat ruft, soll Dein Andenken uns Werth und\ntheuer sein, und bei jedem Hören der Töne schöner Lie-\nder werden die Saiten der liebevollen Erinnerung an Dich\nin unseren Herzen erklingen.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-08-06-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-08-06_01#c003", "volume": "bmtnabi_1859-08-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "250", "page_fin": "255", "image_debut": 2, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.2.3", "titre_corps": "Briefe über Musik an eine Freundin.", "titre_sommaire": "Briefe über Musik an eine Freundin.", "signature_source": "Louis Ehlert", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "250", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.2", "debut_caractere": 3666, "fin_caractere_exclue": 5026, "texte": "Briefe über Musik an eine Freundin.\nVon Louis Ehlert.\nUnter diesem Titel ist (Berlin, bei J. Guttentag, 1859)\nein Büchlein erschienen (166 S. in 8.), welches sich mit\nVerstand und Geist nicht so sehr über Musik im Allge-\nmeinen, wie es der Titel vermuthen lässt, verbreitet, son-\ndern mehr über die Wege, welche die schaffende musica-\nlische Production seit Beethoven eingeschlagen hat. Ob\n„die Freundin\" eine Wirklichkeit ist oder nur ein Begriff,\nder das kunstliebende gebildete Publicum im Gegensatz\nder Männer von Fach vertritt, lassen wir dahingestellt; je-\ndenfalls rechtfertigt die Wahrheit oder die Fiction die\nzwanglose, weder an ein ästhetisches Princip noch an einen\nsystematischen Gang gebundene eklektische und durchweg\nindividuelle Behandlung des Gegenstandes und entschuldigt\nauch zugleich die hier und da etwas zu hoch ins Blaue\nphantasirende Schreibart. Damit wollen wir aber keines-\nwegs über die Phantasie, die den Verfasser auf seinen Wan-\nderungen durch das Gebiet der Kunst als treue Gefährtin\nbegleitet, den Stab brechen; im Gegentheil, sie verleiht\nan vielen Stellen seiner Darstellung Reiz und Anschau-\nlichkeit.\nMan würde indess irren, wenn man nach dem Gesag-\nten in dem Büchlein nur aphoristische Gedanken, zerstreute\nAnsichten zu finden glaubte; es zieht sich bei aller Freiheit\nvon Systemsfesseln doch ein hübscher Faden durch die"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "251", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5413, "texte": "zwanzig Briefe, der zwar an manchen Stellen nur dünn\nund lose gesponnen, doch die Ansichten des Verfassers\nüber die vorzüglichsten Erscheinungen in der Tonkunst\nin unserem Jahrhundert zusammenhält; und wenn er im\nersten Briefe, der eine Art von Vorwort bildet, äussert:\n„Eine herzliche Befriedigung meines Ehrgeizes würde es\nsein, wenn alles, was ich durch Beobachtung und Schluss\nhier niederlege, das Gepräge meiner Persönlichkeit trüge,\nso dass, was übereinstimmend mit Anderen von mir em-\npfunden worden ist, durch Eigenthümlichkeit der Aus-\nsprache für den Mangel an Neuheit entschädigte\" —, so\nglauben wir ihm versichern zu können, dass seine Briefe\ndie Lesewelt interessiren und fesseln werden, trotzdem,\ndass sie mehr nur anregen als ausführen, oder vielleicht\ngerade desswegen.\nEhlert knüpft seine Betrachtungen an Beethoven's\ngrössere Werke, besonders an die' letzten, die neunte Sin-\nfonie und die grosse Messe, an. Ohne tiefer in ihr eigen-\ntümliches Wesen einzugehen, weis't er mit richtigem\nUrtheil die Ansicht ab, als sei die Einführung des Chors\nin die Sinfonie das Todeszeichen dieser Musikgattung.\nWenn er aber sagt, dass die „Kritik\" diese Ansicht ge-\nhegt habe, so thut er ihr vollkommen Unrecht, da keiner\nihrer Vertreter, selbst Brendel nicht, das höchst einseitige\nUrtheil B. Wagner's in dieser Beziehung getheilt hat.\nWenn der deutschen Kritik alle Theoreme Wagner's auf-\ngebürdet werden sollen, so muss sie sich dagegen gar sehr\nverwahren. - Eine Art von Glaubensbekenntniss legt der\nVerfasser bald darauf ab bei Gelegenheit der Frage: ob\ndie Kunst mit Beethoven zu Ende? ob nach seinem Tode\nein Fortschritt über ihn hinaus gemacht worden? Er be-\nantwortet sie zwar nur in einem Bilde, fügt aber als Aus-\ndruck seiner Ueberzeugung hinzu: „Das Eine wissen wir\ngenau, dass wir uns thalwärts senken, aber wer unter uns\nweiss es, ob unser Fuss sich nicht wieder einmal erheben\nwird? Vorwärts müssen wir und nicht feige uns rückwärts\nwenden.\" Den ersten Satz lassen wir vollkommen gel-\nten; der letztere hat aber nur dann einen Sinn, wenn da-\nmit gemeint ist, dass wir überhaupt das Streben in musi-\ncalischem Schaffen nicht aufgeben sollen. Und dass dies\ndie Meinung des Verfassers sei, geht aus dem Zusammen-\nhange hervor, der keinen Zweifel darüber lässt, dass er\nweit davon entfernt ist, den Fortschritt als bereits in vollem\nGange oder gar als ein Fait azu betrachten. „Die\nEinkehr des Genie's\", sagt er S. 22, „wird nicht verkün-\ndigt noch berechnet. Die Ideale Beethoven's sind eine Erb-\nschaft seiner Epigonen geworden. Viele der edelsten dar-\nunter haben mit gleicher Heiligkeit aus ihrem innersten\nWesen die Anlässe zur Gestaltung entnommen. Wurde es\nihnen auch versagt, zu jenem Biesenbau (der Beethoven'-\nschen Sinfonieen) neue Steine tragen oder gar ein ähnli-\nches Wunderwerk errichten zu können, so haben sie dafür\nmanches Andere geleistet, wofür die Nachwelt ihnen dank-\nbar bleibt. Die jüngste Gegenwart ist Zeugin der gewalt-\nsamsten Anstrengungen gewesen, das Wunder auf dem\nWege des Experimentes zwingen zu wollen. Das Wunder\nist ausgeblieben, nur die Gerüste haben wir gesehen, auf\ndenen man es dem Volke zeigen wollte.\"\nDann fährt er im Briefe IV. also fort:\n„Im weiten Deutschland, da sassen viel Hundert junge\nTonkünstler, Bleichsucht der Nachtwache auf ihren Wan-\ngen, welche schwärmerisch an ihrer Unsterblichkeit con-\ntrapunktirten. Es waren meist ehrliche, tüchtige Seelen,\ndie im Schweisse ihres Angesichts arbeiteten und von dem\nironischen Wechsel lebten, den die Hoffnung ihnen auf\nden zukünftigen Ertrag ihrer Arbeit ausstellte. Sie glaub-\nten an Gott und seinen eingeborenen Sohn, Wolfgang\nAmadeus Mozart, und schlugen ein Kreuz vor jeder pro-\nfanen Quinte. Die Beformation, die welterschütternden\nThesen, welche der hagere Mönch an die Schlosskirche zu\nWittenberg und der protestantische Cantor an die Thomas-\nKirche zu Leipzig geschlagen, liessen sie sich als ein welt-\ngeschichtliches Factum zwar gefallen, ohne jedoch für den\nProtest, die grosse Erbschaft des Protestanten Bach, eine\nbesondere Anlage mitzubringen. Die Deutschen sind von\nNatur conservativ, warum sollten es die deutschen Musiker\nnicht sein? Die Bevolution des Beethoven'schen Genius hat\netwas frische Luft in die Studirstube gebracht, die Still-\nleben aufgerüttelt und neue Bahnen erschlossen. Es war\nwie nach der Entdeckung America's. Der Sehnsucht war\nein neues Ziel gewonnen, Blick und Kräfte durch einen\nerweiterten Horizont belebt und vergrössert. Das histori-\nsche Misstrauen, welches sich an alle neuen Gestirne hef-\ntet, war niedergekämpft: Beethoven'sche Waffen siegten,\nwohin sie kamen.\n„Die deutschen Künstler bemühen sich aller Orten,\ndem Geiste dieser letzten Ueberlieferung aufs würdigste\ngerecht zu werden. Es fehlt nicht an Bestrebungen der\nbedeutendsten Art. Auf Wegen, die-so kühn gebrochen,\nweiter zu wandeln, diese fremde, jung erschlossene Welt\nnach allen Seiten kennen zu lernen, unsere vollen Kräfte,\nwie gering oder wie hoch sie auch ausgefallen, daran zu\nsetzen, diese Wunder zu enträthseln, ihren heiligen Segen\nüberall auszuschütten, • das ist unser aller aufrichtiges,\ntreues Bemühen.\n„Warum überkommt mich trotz alledem ein tiefes\nWehe? So viel gesunde Arbeitskraft, so viel ehrliche, tüch-\ntige Gesinnung sehe ich ohne innere noch äussere Befrie-\ndigung ein Leben lang sich umsonst bemühen. Davon hätte\nman in Frankreich gar keinen Begriff. Der französische\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "252", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5427, "texte": "Musiker ist ein Speculant; die Kunst dient dort dem augen-\nblicklichen Bedürfniss, und da das Bedürfniss nie die Kunst\nerziehen soll, sondern nur diese jenes, so kann man von\nder französischen Kunst wohl sagen, dass sie nur ein Lu-\nxus sei. Nach dem Staatsstreiche brachte die Independance\nBeige einmal das unübertreffliche Wort: II n'y a rien en\nFrance qui reussisse que le succes. Es ist wahr, in Frank-\nreich glückt nichts, als der Erfolg. Ihn will der französi-\nsche Musiker vor allen Dingen haben. Beich und berühmt\nwill er werden, und damit dies bequem von Statten gehe,\nwird das Schaamgefühl der künstlerischen Ehre frühzeitig\nabgestreift. Ich spreche von der Gegenwart und von dieser\nim Allgemeinen; Ausnahmen befestigen die Begel. Unter\nden deutschen Tonkünstlern gibt es verhältnissmässig nur\nwenige, welche die Kunst zum Handwerk erniedrigen, und\ndiese wenigen bezahlen ihr Glück mit der Verachtung\naller Guten. Wir haben, Gott sei Dank, gar kein Talent\nfür die Prostitution. Wie viele deutsche Musiker gibt es\nnicht, welche ihr Leben lang Fugen, Quartette und So-\nnaten zur Ehre Gottes schreiben, froh, wenn sie im Alter\ndafür den Lohn eines bescheidenen Cantor-Stühlchens\närnten, auf dem sie im Angesichte der Commune mit Er-\nlaubniss des Consistoriums verhungern dürfen! 0 Gott im\nHimmel, sieh darein!\ni\n„Ich glaube, wir könnten diese grosse Noth durch\neine kleine Erkenntniss mildern. Jede Menschennatur will\nirgendwo hinaus, und das grosse Geheimniss liegt nur\ndarin, dieses „Wo\" zu entdecken. Statt dessen geberden\nwir uns wie Original-Genie's, wie universale Naturen, die\nnach allen Kichtungen hin Ausserordentliches leisten. Was\nes kläglich wäre, eine Pappel zu sehen, die sich abquälen\nwollte, in die Breite zu wachsen! Von der Bose musst du\nkeinen Schatten, nicht Wohlgeruch von der Eiche verlan-\ngen! Kannst du als Linde Beides verleihen, so freue dich\ndessen; wir kleinen Pflänzchen indessen wollen unseren\nwinzigen Beruf zu erfüllen suchen und lieber als gesunde\nKräuter harmlos die Wiese schmücken, denn als kranke\nBosen im Garten stehen. Was thun wir jungen Künstler\njedoch? Statt auf die Entdeckung jener Specialität, für\nwelche wir ein bestimmtes Talent haben, entschlossen aus-\nzugehen, arbeiten wir planlos in dem ungeheuren Gebiete\nder Kunst umher, durch kein Misslingen ernstlich gewarnt,\nvon einem verworrenen Drange hin und her getrieben\nund unsere Eitelkeit durch die Grösse der Unternehmung\nkitzelnd, ohne das Maass unserer Kräfte gegen sie abzu-\nwägen. Und so enden wir missmuthig zerschlagen, und\nklagen statt uns selber die Natur an, dass sie uns versagte,\nwas sie in einem Jahrhundert nur einem Auserwählten\ngewährt.\n„Wie viel klüger sind die bildenden Künstler! Sie ha-\nben sich längst specialisirt. Nicht genug, dass einer nur\nLandschaften malt, er malt nur Begen-Landschaften.\nWelche Beschränkung! rufen Sie aus. Werden Sie nicht\nunmuthig, Madame. Es nimmt sich Niemand von achtzehn\nJahren vor, ein Begen-Landschafter zu werden; das ist\neine Specialität, auf die er hinauskommt. Wehe dem Künst-\nler, dessen Morgenalter nichts von der Entzückung weiss,\nwelche ihre Flügel zum himmelstürmenden Fluge aus-\nspannt! Wenn er aber erfahren hätte, dass seine Brust zu\nschwach für jene Luft wäre, welche jenseits der Wolken\nflutet, sein Auge zu blöde für den Kuss der Sonne: thäte\ner nicht wohl daran, in ungefährlicheren Begionen zu\nbleiben? Das Glück können wir nur in der Vollendung\nfinden, denn die Vollendung ist der unbedingte Anspruch,\nwelcher an jedes Kunstwerk gerichtet wird. Das darge-\nstellte Object kann höherer und niederer Art sein, ist es\naber nur ein künstlerisches und würdiges, so kann die\nMeisterschaft sich daran bekunden. Die französischen Ca-\ndavermaler entschädigen mich mit ihrer bis zur Täuschung\ngetriebenen Nachäffung der Natur nicht für die Verirrung,\nwelche in der Wahl ekelhafter Stoffe liegt. Auch die trans-\ncendentalen Vorwürfe der Idealisten können mich nicht\nbefriedigen, wenn der Kopf nicht die Hände begeistert,\nwenn diese nicht irdisch darzustellen vermögen, was jener\nhimmlisch gewollt hat. Meister nennen wir nur denjenigen,\ndessen schöner Gedanke mit der Fähigkeit, ihm eine eben-\nbürtig schöne Form zu geben, gleichen Schritt hält. Ra-\nphael wäre nicht ein eben so grosser Maler gewesen,\nwenn er ohne Hände geboren wäre; denn das macht noch\nlange nicht den Maler aus, dass er eine malerische Idee\nin sich trägt. Das vollendet schön Dargestellte hat wieder\neine befruchtende Rückwirkung auf die Phantasie, und so\nwäre Baphael nicht von der Stelle gekommen, wenn ihn\ndie Natur des ungeheuren Vortheils dieser Wechselwir-\nkung beraubt hätte. Seiner theilhaftig zu werden, muss\ndie vollendete Arbeit den Künstler selbst in ihrer Total-\nwirkung überraschen, indem er die geheimnissvolle Mit-\nwirkung des Genius erräth, welcher den Wundersegen des\nGelingens über dieselbe gesprochen hat. Solch göttliche\nMithülfe gesellt sich dem heissen Bemühen, sie würde sich\nauch dem unsrigen nicht versagen, wenn wir nur dem\nrechten Ziele zugewandt wären. Das, was unserer Natur\ngemäss sei, was sie zur reifsten und bedeutendsten Ent-\nwicklung führen würde, erfahren wir freilich nicht immer\nauf dem Wege der Intuition. Nur das Genie schlägt seine\nihm eigenthümliche Bahn mit der Sicherheit eines anima-\nlischen Instinctes ein, während wir kleinen Talente auf\nunsere eigene Beobachtung angewiesen sind. Und irgend\neinen, noch so kleinen Zweck wird diese grosse Oekono-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "253", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5440, "texte": "mie, welche nichts verschleudert, doch auch mit uns ge-\nhabt haben! In diesem ungeheuren Triebwerk auch nur\ndas kleinste Rädchen zu sein, aber ein nothwendiges, das\nhat doch immer noch etwas, was uns unser Dasein lieb\nmachen kann, weil es sein Räthsel ist. Unerträglich ist nur,\nsich überflüssig zu fühlen, unwürdig, ein Menschenleben,\nohne allen productiven Gegensatz, nur auf Consumtion zu\ngründen. Du musst dein Dasein erklären können, oder du\nhast gar kein Recht, zu sein. Suche doch-jenes kleine Räd-\nchen zu werden und dich als solches in dem grossen Trieb-\nwerke unentbehrlich zu machen. Höre auf, ins Blaue hin-\nein heute ein Stück Sinfonie, morgen ein Stück Quartett\nzu componiren und dich nebenbei am Oratorium, an der\nOper und am Liede zu versündigen. Das Universum ist zu\ngross für deine kleine Feder. Oder glaubst du dadurch\nadelig zu werden, dass du mit der Aristokratie verkehrst?\nDu wirst dich nur um so bürgerlicher fühlen. Der wahre\nAdel wird dich nicht geringer achten, weil du bürgerlich,\nsondern nur, weil du verdriesslich bist, es zu sein. Du\nkannst ein berühmter Mann werden, wenn du Lieder wie\nRobert Franz oder Ciavierstücke wie Chopin schreibst;\nwenn du aber mit einer Oper durchfällst und in deinen\nSinfonieen Schiffbruch leidest, so hält dich Keiner von uns\ndesshalb für grösser als jene, weil du Grösseres gewollt\nhast. Weisst du, was das Lächerlichste ist? Der Gegensatz\nvon Wollen und Können. Willst du mir folgen, so studire,\nals wolltest du die neunte Sinfonie überbieten, und wenn\ndu dir alles Wissen, alle Fertigkeiten angeeignet hast,\nmache ein Geringes vollkommen, sobald du erfahren haben\nsolltest, dass du das Hohe nur unvollkommen machen\nkannst. Ich muss dir die Freiheit lassen, mich misszuver-\nstehen; aber nöthig hast du es nicht, denn für keine Kin-\nderstube könnte ich deutlicher schreiben, als ich geschrie-\nben habe.\"\nDas ist vollkommen wahr und kann nicht genug wie-\nderholt und beherzigt werden. Schade, dass der Schluss\ndieses Briefes zu denjenigen Stellen gehört, in denen nicht\nPhantasie, sondern Phantasterei ihr Wesen treibt; indess\ndas ist eben Jugendschaum mit einem Bisschen chargirten\nZeitgeistes versetzt, und es hat mit der eigentlichen Sache\nnichts zu thun.\nSehr bald kommt Herr Ehlert natürlich auf Mendels-\nsohn. Seiner Bemerkung über den „Hochzeitsmarsch\" in\nder Sommernachtstraum-Musik, dass dessen Inhalt und\nFactur „in dem Rahmen dieser hochpoetischen Partitur\nzu realistische Contouren zeige\", pflichten wir bei; auch\nuns ist das an und für sich prächtige Stück immer wie\nein Hors d'oeurvein dem Ganzen vorgekommen; es reisst\naus der phantastischen Welt gar zu sehr in die Fackel-\ntanz-Musik moderner Hofhaltungen hinein. Im VII. Briefe\nspricht der Verfasser über Mendelssohn:\n„Es kann nicht leicht einen wärmeren Verehrer dieses\nMannes geben, als mich; aber wenn mir etwas den Ge-\nschmack an ihm verleiden könnte, so sind es seine fanati-\nschen Parteigänger. Gott schütze Jeden vor seinen Freun-\nden! Ich kenne so viele Personen, deren Urtheil über ein\nMendelssohn'sches Werk nur das psychologische Interesse\neines Paroxysmus für mich hat; noch ehe der erste Ton\nerklungen, sind sie entschlossen, sich das Vergnügen einer\ngebildeten Emotion zu bereiten, die beifallssüchtigen Hände\nrasch in jenem Augenblicke einfallen zu lassen, wo der\ngraziöse Meister durch den unverhofften Wiedereintritt des\nThema's überrascht, und sich am Schlüsse jener elegischen\nErmattung hinzugeben, jenem gefühlvollen Helldunkel,\nwelches die Nationalfarbe der Mendelssohnianer geworden\nist. Sommernachtstraum oder Athalie, Hebriden oder Ruy-\nBlas-Ouverture, Walpurgisnacht oder Lobgesang, das gilt\nihnen gleich; sie finden den letzten Satz des D-moll-Tr\\oi\nso schön, wie den ersten, und neben die serieusen Va-\nriationen stellen sie unmittelbar das letzte Heft der Lieder\nohne Worte. Heilige Cäcilie! Aber diese elegischen Ge-\nmüther wollen mit ihrem Glück und ihrem übermässigen\nSext-Accord nicht allein sein; sie machen die Landstrassen\nunsicher durch ihre Bettler, und die Concertsäle zur Börse\nfür das Kunstmaklerthum ihres Enthusiasmus. Wir\nwollen uns Felix Mendelssohn-Bartholdy, den Schöpfer des\nSommernachtstraums und der Walpurgisnacht, nicht rau-\nben lassen, nicht von diesen bewundernden Schwächlingen,\nin deren Gesichtern eine versteinerte Anbetung schläft,\nund nicht von jenen Corsaren der neuen Zeit, welche keine\nFlagge respectiren, ausser der schwarzen ihrer eigenen\nZunft. Die historische Würdigung dieses Tondichter»\nwird noch kommen; dann wird sich zeigen, was die ver-\ngötternde wie die verleumdende Zeitgenossenschaft an ihm\nverbrochen hat. Niemals wohl hat eine Persönlichkeit in-\nnerhalb der Gränzen, welche die Natur ihr gezogen, sich\nso glänzend entwickelt, wie die seinige. Was das edelste\nStreben, die bedeutendste Bildung erringen konnten, hat\ner errungen; nie ruhte er faul auf seinen Lorbern aus, nie\nhat ihn das Gefühl der Meisterschaft sorglos und sicher\ngemacht; er hatte den universalen Drang, auf so viel Ge-\nbieten wie möglich Tüchtiges zu leisten. „„Alles, was wir\nmachen, sind erste Versuche;\" sagte er einmal rührend\nzu mir: „ „wehe dem Künstler, der sich an die Arbeit mit\ndem Gefühle setzte, Meister zu sein!\"\" Rein wie sein We-\nsen war seine Harmonie, Alles übersichtlich, ausführbar;\nvor harmonischen Härten hatte er einen Widerwillen.\nDesshalb mochte er Chopin auch nicht; wenigstens liebte\ner es nicht, wenn junge Künstler sich viel mit ihm bescbäf-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "254", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5653, "texte": "tigten. Die Eorm hat er beherrscht, wie vielleicht nur\nnoch Mozart vor ihm; nirgends werden Sie auf Ungeschick-\nlichkeiten und Gewaltsamkeiten bei ihm stossen. Er besass\ndie grosse Gabe, alles, was während der Production in\nseiner Seele vorging, aufs deutlichste auszusprechen, seine\nIntentionen vollständig zu verwirklichen, so dass beim\nSchlüsse der Arbeit nicht jener peinliche Rest zurückblieb,\nwelcher die Richtigkeit des Exempels für ihn in Frage ge-\nstellt hätte. Das ist der grosse Unterschied zwischen ihm\nund Schumann. Jener besass die Fähigkeit, alles, was ihn\nbewegte, auszusprechen; dieser musste einen guten Theil\ndavon wieder in sich verschliessen, weil er keine Worte\nfür ihn finden konnte. Bei diesem war die Phantasiekraft\nvielleicht üppiger, als bei jenem, aber an Gestaltungskraft\nhat er ihn nie erreicht. Hätte Robert Schumann zu dem\nungeheuren Vermögen, das die Natur ihm mitgegeben,\ndas adäquate Darstellungs-Talent besessen, so wäre er\nvielleicht so gross wie Beethoven geworden. Ach, dieser\narme Poet konnte sich in die Welt nicht finden! Eine\nWirkung berechnen, die Hälfte eines Gedankens tödten,\num die andere lebendig zu erhalten, die nothwendige Re-\nsignation, hier etwas abzuweisen, dort etwas einzuschrän-\nken,, der Vortheil einer dreisten, unerbittlichen Analyse,\nwelche das Vielfache vereinfacht hätte das war seine\nSache nicht. Als er die blaue Wunderblume seiner Ro-\nmantik unter uns enthüllte, sahen wir sie befremdet an;\nvon wannen sie gekommen, wir wussten es nicht. Dieser\nDuft war gar so wundersam, diese Formen so seltsam,\nund das Leben darin schien uns ein verzaubertes. Ihr Da-\nsein war ein sensitives, die Sonnenstrahlen machten ihr\nSchmerz, und nur dem Mond entschleierte sie ihr „ „from-\nmes Blumengesicht\"\". Angefüllt mit Jean Paul'schen Idea-\nlen, suchte Schumann seine innere Welt zunächst am Cia-\nvier. Dieses abstracteste aller Instrumente kam seiner Ro-\nmantik sehr zu Statten. Die Hände mehr zwischen als\nneben einander gestellt, träumte er sich auf der Claviatur\nin eine rein phantastische Welt hinein. Jede Taste konnte\ner sich als Wort, als Farbe, als Blume denken, und so\nentstanden jene vielstimmigen Arabesken, die bald wie\nMadrigale klingen, bald wie prismatische Bilder, bald wie\nGuirlanden aussehen. Diese Schwelgerei ist seiner Gestal-\ntungskraft verderblich gewesen; ich finde die Spuren da-\nvon in all seinen Orchesterwerken, welche nur instrumen-\ntirte, aul der Basis des Claviers entstandene Schöpfungen\nzu sein scheinen. Mendelssohn's Zusammenhang mit dem\nCiavier ist ein ganz anderer. Er hatte keine besondere\nVorliebe für dasselbe, und seine Musikerbildung ging nicht\nvon ihm aus. Desshalb bieten seine Compositionen f.ür den\nClavierspieler als solchen auch nichts Interessantes; er hat\nkeinen neuen Clavier-Effect erfunden, wie Schumann deren\nHunderte, er schrieb keine» speziellen, ihm eigenthümli-\nchen, sondern den allgemeinen Clavierstil seiner Zeit.\n„Erirmern Sie Sich noch der Aufregung, in die uns\njedes Heft Lieder ohne Worte versetzte? Das gab einen\nSturm auf die Leihbibliotheken, als ob ein neuer lioman\nder Sand erschienen wäre. Ich spielte dabei eine wunder-\nbare Rolle. Begierig griff ich danach, und missmuthig fast\nimmer legte ich es wieder fort. Nie haben mir diese blas-\nsen, eleganten Melodieen einen lieferen Eindruck machen\nwollen. Das war so entsetzlich glatt und vornehm, so frostig\nhofmännisch, dass es mich unwillkürlich zu einem jener\ntropischen Stücke aus Schumann's erster Periode hintrieb,\nwo ich mich nach Herzenslust satt schwärmen konnte. Ich\nbegriff recht wohl die vollendete Formenschönheit jener\nLieder, aber bei aller Grazie ihrer Diction wollte mich ihr\nInhalt nicht berücken. So ist es mir mit vielen, ich kann\nwohl sagen: mit den meisten, Mendelssohn'schen Compo-\nsitionen gegangen. Nach dem ersten Hören war ich unbe-\nfriedigt. Diese Muse will nicht durch Ueberraschung, nicht\ndurch Ueberfall siegen; Bewunderung will sie erwecken\ndurch Schönheit und Ebenmaass. Je mehr wir uns mit die-\nsen Werken beschäftigen, desto vertrauter werden wir mit\njener höchsten Meisterschaft des Stils, jener bewunderungs-\nwürdigen Oekonomie, welche die inneren Verhältnisse ver-\nwaltet, desto grösser wird unsere Achtung vor jenem an-\ngeborenen Instincte für das Schickliche und vor der uner-\nschütterlichen Hoheit der Principien. Ich nehme drei Stücke\naus, welche, obgleich sie keinen der eben gerühmten Vor-\nzüge entbehren, durch Genialität sofort hinreissen: Som-\nmernachtstraum, Walpurgisnacht und Hebriden. Den Pau-\nlus nenne ich nicht in dieser Reihe. Dieses Oratorium wird\nso lange eine ungeheure Wirkung ausüben, als es über-\nhaupt sittlich gebildete Menschen gibt. Es ist der grosse\nhistorische Versuch, eine Kunstform und einen Kreis von\nAnschauungen, die wir mit Bach und Händel für erfüllt\nund abgeschlossen gehalten, zu neuem Leben zu erwecken.\nDieser Versuch ist durch die Intelligenz, mit der ein Ueber-\nliefertes, Uraltes dem modernen Geiste zugänglich gemacht\nist, für die Kunstgeschichte denkwürdig. Aber in die Reihe\njener genialen Productionen, welche den Kreis unserer\nKunst-Ueberlieferungen durch die Entdeckung neuer Ge-\nbiete erweitert haben, gehört der Paulus nicht. Er ist ganz\ngewiss das köstlich reifste Zeugniss jener ethischen Hoheit,\ndie diesen Künstler zu einem der reinsten und edelsten\naller Zeiten gemacht hat. Das Leben, wie verführerisch\nes um ihn buhlte, hat den ungeheuren Ernst, der all sein\nStreben kennzeichnet, nicht zerstreut. Jene Bahnen, die er\nsich vorgeschrieben hatte, ist er gegangen, und kein Glück\nder Erde hat ihn aus ihnen herausgelenkt. In diesem sitt-\nlichen Ernste liegt das Geheimniss seiner ungeheuren"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 696, "texte": "Wirkung auf die Mitwelt. Alles Gute war seiner Hülfe\nvon vorn herein versichert, dem Schlechten ewige Fehde\ngeschworen. So half er durch Rath und That allen jünge-\nren Künstlern, feuerte sie aa durch sein Beispiel, führte\nsie ein durch seine Autorität. Er war ein erklärter Feind\nder Reclame und hielt es unter seiner Würde, für seinen\nRuhm anders als durch Leistungen zu sorgen. So bleibt\ner in meiner Erinnerung das Bild des vornehmsten aller\nKünstler, die ich je gekannt habe, und mich überkommt\neine traurige Wehmuth, wenn ich sehe, welche Wege in\nunseren lagen eingeschlagen werden, um das zu erobern,\nwas er nur durch sein Genie und die Würde seiner Per-\nson erreicht hat.\"\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-08-06-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-08-06_01#c004", "volume": "bmtnabi_1859-08-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "255", "page_fin": "255", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.2.4", "titre_corps": "Ist als das älteste Tonsystem vielleicht das fünftönige der Chinesen zu betrachten?", "titre_sommaire": "Ist als das älteste Tonsystem vielleicht das fünftönige der Chinesen zu betrachten?", "signature_source": "Louis Kindscher", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.7", "debut_caractere": 698, "fin_caractere_exclue": 2582, "texte": "Ist als das älteste Tonsystem vielleicht das fünftönige\nder Chinesen zu betrachten?\nLouis Kindscher.\nDie Niederrheinische Musik-Zeitung Nr. 31 gibt zu-\nnächst den Schluss von Dr. E. Krüger's *<\\bhandlung über\n„Natur und Geist in Tönen\", und es wird erwähnt, dass\nMarx nachgewiesen, dass eine alte morgenländische Ton-\nleiter der Quarte und des Leittons entbehrte und also ge-\nstaltet war: cd e g a| [c).— Dieses Tonsystem ist nun\naber kein anderes, als das der Chinesen (vgl. am Schlüsse\ndie beiden chinesischen Tonstücke aus welches von\nManchen noch für älter als das der Indier und Aegypter\nund auf diese Völker übergehend gehalten worden ist. Vom\nletztgenannten Volke haben bekanntlich erst die Griechen\nihre Musik entnommen. Dieser Urgrund aller Musik, die\nfünftönige Tonleiter, hat sich aber aus jener grauen Vor-\nzeit noch bis auf den heutigen Tag bei den Chinesen im\nGebrauch erhalten. Obgleich man schon damals die beiden\nfehlenden Töne f und hnicht nur, sondern sogar die übri-\ngen so genannten (?) halben Töne der Octave bereits kannte,\ngebrauchte man sie darum doch nicht, es vorziehend,\njener alten einfachen Tonreihe, als der für wirksamst er-\nklärten, treu zu bleiben. Eigentlich wurde der Ton /'zum\nGrundtone angenommen, welcher hiess, dann folgte\ng oder Chang, aoder Kio, coder und zuletzt oder\nYü. (Und nun erschienen dieselben Töne in einer höheren\nOctave wieder.) Als eine merkwürdige Erscheinung ist zu\nerwähnen, dass die genannte uralte fünftönige Tonleiter\ndes Orients sich unter den Hochschotten (Hebriden-Inseln)\nwiederfindet, und zwar beispielsweise dies anzuführen, in\nden zwei verbreiteten Volksliedern:\nvalloch und Up and wasthem\n1. Tsin-Fa, chinesischer Hvmnus zu Ehren der Vor-\n' %!\nfahren. ~\n/.j . : .\n2. Air chinois aus Rousseau's Dictionnaire de Mu-\n■sique, zugleich von C. M. v. Weber als Thema zur Ouver-\ntüre zu Schiller's Turandot benutzt.\nGöthen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-08-06-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-08-06_01#c007", "volume": "bmtnabi_1859-08-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "255", "page_fin": "256", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.2.5", "titre_corps": "Anton Forti.", "titre_sommaire": "Anton Forti.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.7", "debut_caractere": 2584, "fin_caractere_exclue": 4213, "texte": "Anton Forti.\n(Geb. 8. Juni 1790, gest. 16. Juli 1859.)\nIn ihm ist eine Zierde des einstigen wiener Opernwesens zu Grabe\ngetragen worden. Er hatte damit begonnen, im Orchester des wied-\nner Theaters die Viola zu spielen. Als Sänger versuchte er sich zu-\nerst auf der Bühne des Fürsten EJsterhazy in Eisenstadt, debutirte\nbald darauf in Wien als Sarastro, errang einen glänzenden Erfolg\nund wurde engagirt. Forti hatte ein eben so schönes, kräftiges, als\nbiegsames und modulationsfähiges Organ; dabei war der Umfang\nseiner Stimme ein seltener und ihre Ausbildung eine vortreffliche.\nDie berühmtesten Partieen seiner Glanz-Periode waren Don Juan,\ndie beiden Figaro, Telasco in „Cortez\" u. a. m# Mit seinen musica-\nlischen Vorzügen verband er eine ausnehmend schöne äussere Er-\nscheinung, eine elegante Tournure und ein feines, charakteristisches\nSpiel. Als im März 1835 der Pacht und die Direction des Kärnth-\nnerthor-Theaters aus den Händen Duport's in jene Ballochino's über-\ngingen, liess sich Forti pensioniren und verweilte einige Zeit auf\nGastreisen in Hamburg, Berlin und anderen Städten. Doch seine zu-\nnehmende Corpulenz, welche mit der Abnahme der Stimme gleichen\nSchritt hielt, zwang ihn bald, den ersten Bass- und Bariton-Partieen\nzu entsagen, und im September 1837 finden wir Forti (als Gast)\nwieder im Kärnthnerthor-Theater als Capuzzi in Zampa. Er verlegte\nsich nun beinahe ausschliesslich auf das Buffo-Fach und sang mit\nzeitweiligen Unterbrechungen bis zum Jahre 1843 fort. Die Köllen\n\n*) Dieses f erscheint an dieser einzigen Stelle unschicklich und\nfür g oder e, dass man vermuthen kann, es sei ein Druck-\nfehler."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1262, "texte": "Forti's aus dieser Periode, welche wir hier aus dem Gedächtniss ci-\ntiren können, sind, nebst dem bereits genannten Capuzzi, der Mar-\nquis im Postillon von Longjumeaux, der Capellmeister in der Opern-\nprobe, Dulcamara im Liebestrank, Cominge und später Cantarelli im\nZweikampf auf der Schreiberwiese, Leporello im Don Juan, Ludwig\nXIV. im Dessauer-Bauernfeld'schen Besuch in St. Cyr, Truffaldin in\nHoven's Turandot, der Schlosser im Maurer u. s. w. Ausserdem\nwar Forti in den meisten Operetten, welche damals vor den Ballet-\nten gegeben wurden, beschäftigt. Die Erfüllung seines Berufes wurde\nihm durch eine immer zunehmende Augenkrankheit von Jahr zu\nJahr schwerer; im Anfang des Jahres 1844 gewann er das grosse\nLoos bei einer so genannten Güter-Lotterie; er zog sich nun gänz-\nlich von der Bühne zurück. Bald darauf erblindete er vollständig,\nliess sich operiren und wurde wieder sehend. Forti war mit der\neinst sehr beliebten Sängerin Henriette Theimer verheirathet\ngewesen. Seine einzige Tochter starb in noch jungen Jahren. Die\nTänzerin Forti, jetzt in Berlin und früher in Wien engagirt, ist\nnicht die Tochter unseres Forti, wie hiesige Blätter irrthümlich be-\nhaupteten, sondern eine Neapolitanerin, deren Eltern noch am Leben\nsind. (Wiener Recensionen )"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-08-06-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-08-06_01#c008", "volume": "bmtnabi_1859-08-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "256", "page_fin": "256", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unteghaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unteghaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.8", "debut_caractere": 1264, "fin_caractere_exclue": 4167, "texte": "Tages- und Unteghaltungs-Blatt.\nDüsseldorf, 1. August. Das grosse Vocal-Concert, das\ngestern Abends zum Besten der Familien einberufener Krieger Statt\nfand, war sehr besucht und hatte einen glänzenden Erfolg sowohl\ndurch die Gesammt-Chorgesänge, zu deren Ausführung sich sechs-\nzehn Liedertafeln und Gesangvereine dem hiesigen ~städtischen\nMänner-Gesangvereine'4 angeschlossen hatten, als durch die\nVorträge des kölner Männer-Gesangvereins unter Leitung\ndes Herrn F. Weber, die in sechs mit bekannter Vollendung ge-\nsungenen Liedern bestanden.\n€?i*eifel<l, 1. August. Das gestrige Vocal- und Instrumental-\nConcert, welches zum Besten der hülfsbedürftigen Familien einberu-\nfener Reservisten und Landwehrmänner unserer Stadt in - der Ton-\nhalle Statt gefunden, zeigte wieder in erfreulicher Weise, was ver-\neinigtes Streben auf dem Gebiete der Tonkunst zu erreichen ver-\nmag. Die hiesigen Männer-Gesangvereine: Cäcilia, Concordia, Lie-\nderhalle, Liedertafel, Männer-Gesangverein und Sängerbund standen\nunter der Direction des Herrn Karl Wilhelm zu Einem Chor\nvereinigt und boten uns hier einen jener seltenen Genüsse, die nur\nernstliches Ringen nach immer weiterer Ausbildung und einmüthi-\nges, brüderliches Zusammenwirken so vieler, anscheinend heteroge-\nner Kräfte zubieten vermag. Von Orchestermusik hörten wir Lind-\npaintner1s Ouvertüre zu Faust und Weber's zur Euryanthe in\nrecht guter Ausführung durch die Viereck'sche, zu diesem Concerte\nbesonders verstärkte Capelle unter Leitung des Herrn Musik-Direc-\ntors Rieger. Ausserdem wurden Mozart's „O Isis\" und Men-\ndelssohn's Festgesang an die Künstler mit Instrumental-Beglei-\ntung gesungen. Unter den übrigen Gesang-Vorträgen wurde auch\ndas Lied: „Mädchen, wenn ich von dir ziehe'*, von Karl Wil-\nhelm besonders ausgezeichnet.\nDer treffliche Gesanglehrer und berühmte Verfasser\neiner der besten Gesangschulen, Panseron, Professor am Conser-\nvatoire, ist am Freitag den 29. Juli einer kurzen, aber schmerzens-\nvollen Krankheit erlegen. Die Exequien sind Montag den 1. August\nin der Kirche St. Eugbne gefeiert worden. Roger befindet sich\nbis jetzt wohl.\nliOfftrioil. Dinstag den 26. Juli fand die erste Aufführung\nvon Meyerbeer's Le Pardon de Ploermel unter dem Titel Dino-\nRah ossia il Pelegrinaggio de Ploermel durch die italiänische Opern-\nGesellschaft im Coventgarden-Theater Statt, Alle Blätter sind voll\nüberschwänglichen Lobpreisens, wobei denn auch die pariser Fabeln\nvon der wunderbaren Metamorphose des Geniels des grossen Com-\nponisten wiederum ihre Rolle spielen. Diese Berichte sind zu charak-\nteristisch für die ~ freie Presse\" der Engländer in Sachen der Kunst-\nkritik, als dass wir nicht in nächster Nummer darauf zurückkom-\nmen müssten.\nDie Sängerin Madame La Grange, seit dem 14. März Prima-\nDonna der Oper zu Kio Janeiro, ist noch immer Gegenstand\nenthusiastischer Ovationen. Madame Lagrua ist zum September\nfür Petersburg engagirt."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "249", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nNachruf an Michael DuMont-Fier. Von L. B. Briefe über Musik an eine Freundin. Von Louis Ehlert\nIst als das älteste Tonsystem vielleicht das fünftönige der Chinesen zu betrachten? Von Louis Kindscher. Anton Forti (Nekro-\nlog) Tages- und Unterhaltungsblatt (Düsseldorf, Vocal-Concert Crefeld, Concert Paris, Panseron f London Meyer-\nfocei s Lc Pardon de IPlocrmcl Madame La Orange Madame Lagrua).\n\nNachruf an Michael DuMont-Fier.\n\nr'** ~\nW\nAm Nachmittage des 2. August 1859 stand die Menge\nvor einem einfachen, aber von der Hand der Liebe und\nAnhänglichkeit sinnig geordneten Katafalk in der Einfahrt\neines Hauses der Severinstrasse der Sarg umgeben von\nbrennenden Altarkerzen und grünenden Lorberbäumen,\nSymbole des ewigen Lichtes und des fortblühenden Ruh-\nmes, Bilder des Lebens in der Nacht des Todes. Der Sarg\numschloss die irdische Hülle Michael DuMont's, des\nedeln Menschen mit dem Herzen voll Liebe und Treue,\ndes von Gott begabten Sängers mit der Stimme voll Wohl-\nlaut und Seele. Mit den Verwandten umstanden ihn die\nzahlreichen Freunde und Kunstgenossen, trauernd, dass\nein so blüthenreiches Leben in der Kraft des männlichen\nAlters gebrochen.\nWohl fühlten wir alle, was wir an Michael DuMont\nverloren hatten, der aus reiner Neigung und innerem\nTriebe, ohne alles Trachten nach irdischem Vortheil, bloss\num der Freude am Gesang willen und aus Liebe zur Ton-\nkunst sich zu ihrem Priester geweiht hatte. Er verkannte\nden Ruf nicht, der in seinem Innern sprach, als er schon\nin frühester Jugend mit Leichtigkeit alle Melodieen auf-\nfasste und durch den Klang einer vollkräftigen und um-\nfangreichen Stimme alle, die ihn hörten, in Erstaunen\nsetzte. Obwohl er die Musik nicht zu seinem Berufe wählte,\nso fühlte er sich doch sehr bald von dem Gefühl durch-\ndrungen, dass der Himmel ihm ein Talent gegeben, wel-\nches zu wahren und zu pflegen eine heilige Pflicht für ihn\nsei, und wenn der Jüngling auch verschwenderisch die\nschöne Gabe zur Freude Anderer unablässig spendete, so\ntrat der Mann doch mit hohem Ernst an die Aufgabe der\nKunst, und strebte mit einem Fleiss und einer Ausdauer\nnach Vollkommenheit in ihr, welche die meisten Sänger\nvon Fach in unseren Tagen nicht mehr kennen.\nAber die Kunst war nicht undankbar gegen ihn; sie\nhat ihm seine Liebe reichlich vergolten, sie hat ihm den\nschönsten Lohn gespendet, den sie ihren Lieblingen ge-\nwährt, die Erhebung des Gemüthes über das alltägliche\nLeben und Treiben der Menschen, den Aufschwung der\nSeele aus dem irdischen Dunst zu der Ahnung des himm-\nlischen Lichtes, die Befriedigung, den Besten ihrer Zünfti-\ngen genügt zu haben, und das grosse und schöne Gefühl,\nTausende zu Freude und Schmerz, zu Wehmuth und Froh-\nsinn, zu stiller Andacht und jubelnder Bewunderung hin-\nzureissen. Und dazu hatte ihm das Geschick eine Gattin\ngegeben, in deren Herzen voll Liebe der laute Beifall der\nWelt einen Wiederhall fand, der sie glücklich machte und\nihm nach jedem rauschenden Triumphe in weiten Kreisen\ndaheim die stille, aber desto innigere Nachfeier bereitete.\nDuMont gehörte zu den seltenen Sängern, welche mit\nden natürlichen musicalischen Anlagen zugleich die Eigen-\nschaften besitzen, welche die verständige Auffassung der\nComposition und deren geistige Wiedergabe bedingen. Ein\nHumor, der oft in heiteren, nie verletzenden, sondern im-\nmer gemüthlichen Improvisationen sprudelte, und ein un-\nverkennbares dramatisches Talent kamen ihm bei dem\nVortrag komischer Gesänge zu Statten, während in ande-\nren Gattungen Wahrheit der Empfindung und eine leben-\ndige Phantasie ihn befähigten, die Gedanken des Tondich-\nters noch einmal zu denken und ihnen wahres Leben und\nGestalt in Tönen zu geben. Am grössten war er im Ora-\ntorium und im gefühlvollen Liede: im ersteren war er über\nzwei Jahrzehende lang die Stütze der Concert-Aufführun-\ngen in Köln und der niederrheinischen Musikfeste, im letz-\nteren die Zierde des kölner Männer-Gesangvereins. Die\nBass-Partieen in allen Oratorien von Händel, in der Schö-\npfung und in den Jahreszeiten von Haydn wurden vortreff-\nlich durch ihn ausgeführt; die Partieen des Paulus und\ndes Elias kamen durch ihn zu recht eigentlicher Geltung\nund werden selten sowohl in ihren zarten, von weichem"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "250", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.2", "texte": "Gefühl und gottesfürchtiger Ergebung durchdrungenen,\nals in ihren heroischen und von prophetischem Feuer er-\nglühenden Stellen so ergreifend und so erschütternd wie-\ndergegeben werden, als durch ihn. Desswegen ergingen\ndenn auch die dringendsten Einladungen auswärtiger Con-\ncert-Vereine so häufig an ihn für die grossen Aufführun-\ngen classischer Meisterwerke und neuer Compositionen,\nwelche letztere ihm oft einen wesentlichen Theil ihres Er-\nfolges verdankten. Nicht in den Rheinlanden allein, in\nganz Norddeutschland und Holland wetteiferten die Musik-\nVorstände der namhaftesten Städte um seine Mitwirkung.\nWie steigerten vollends die Sängerfahrten unseres\nMänner-Gesangvereins seinen Ruf! Das Auftreten in Bel-\ngien, in Brüssel, Antwerpen u. s. w., dann der dreimalige\nAufenthalt in England, die Concerte in London, im Bucking-\nham-Palaste vor der Königin und in den öffentlichen Lo-\ncalen Hanoversquarerooms und Exeterhall, in Bradford,\nManchester, Liverpool, in Frankreich die Concerte in Pa-\nris und in Lille, zu Potsdam in Sanssouci, am hohen Ge-\nburtsfeste Sr. Majestät des Königs überall feierte er mit\ndem Vortrage einfacher deutscher Lieder Triumphe, wie\nsie einem Dilettanten noch nie zu Theil geworden sind\nund die selbst bei den berühmtesten Sängern zur Selten-\nheit gehören. Wer von uns allen, die wir Genossen jener\nKunstreisen waren, erinnert sich nicht des andauernden\nund bewundernden Beifalls der gewähltesten Zuhörerschaft\nin London? wer von uns hat je einen solchen Donner von\nApplaus erlebt, wie er von den Tausenden in den Musik-\nhallen von Bradlord und von Exeter in London nach Du-\nMont's Vortrag der Canzonetta von Reichardt erschallte?\nUnd doch wiegt der lauteste Enthusiasmus kaum so schwer\nin der kritischen Wage, als das Urtheil der ersten musi-\ncalischen Berühmtheiten in Paris, als die einstimmige An-\nerkennung von Männern wie Halevy, Auber, Panseron\nund der übrigen Professoren des Conservatoires, endlich\nliossini's, der dem nun Dahingeschiedenen in unserer Ge-\ngenwart sagte: „Nein, nicht Dilettant—Rossini sagt Ihnen,\ndass Sie ein grosser Künstler sind!\"\nSo war denn der Lorberkranz, der bei dem Begräb-\nnisszuge auf einem sammtnen Kissen hinter dem Sarge ge-\ntragen wurde, eine gebührende, von nah und fern dem\ntheuren Verblichenen zuerkannte Huldigung, und der\nschwarze Hör, der die Fahne des Männer-Gesangvereins\numzog, ein Zeichen wahrer Trauer und inniger Theil-\nnahme, die der Verein, dessen Ehren-Mitglied der Ver-\nstorbene war, seinem Andenken durch die feierliche Be-\ngleitung des Sarges bis zur letzten Ruhestätte zollte. Ein\nMusikcorps, von der Directionder Concert-Gesellschaft ver-\nanlasst, eröffnete den Zug, der sich durch eine gedrängte\nMenschenmenge über den Waidmarkt, Hochpforte, Hoch-\nstrasse, Schildergasse, um Aposteln nach dem Hahnenthor\nbewegte. Alle musicalischen Institute Kölns waren durch\nihre Vorstände vertreten, die Dom-Capelle, die Direction\nder Gesellschafts-Concerte, der städtische Singverein, die\nSing-Akademie, das Orchester.\nVor der Begräbnissgruft der Familie DuMont auf dem\nFriedkofe zu Melaten hielt der Zug.\nDer Männer-Gesangverein sang ein Lied vonDerckum:\nWir legen nun mit tiefem Schmerz\nDie kalte Erdenseholle\nAuf dieses einst so warme Herz,\nDas treue, liebevolle\nund zuletzt Mendelssohn's:\nEs ist bestimmt in Gottes Kath,\nDass man vom Liebsten, was man hat,\nMuss scheiden!\nSo scheiden wir denn auch von Dir, Du vor uns da-\nhingegangener Freund. Bis Gottes Kath auch uns in die\newige Heimat ruft, soll Dein Andenken uns Werth und\ntheuer sein, und bei jedem Hören der Töne schöner Lie-\nder werden die Saiten der liebevollen Erinnerung an Dich\nin unseren Herzen erklingen.\n\nL. B.\n\nBriefe über Musik an eine Freundin.\nVon Louis Ehlert.\nUnter diesem Titel ist (Berlin, bei J. Guttentag, 1859)\nein Büchlein erschienen (166 S. in 8.), welches sich mit\nVerstand und Geist nicht so sehr über Musik im Allge-\nmeinen, wie es der Titel vermuthen lässt, verbreitet, son-\ndern mehr über die Wege, welche die schaffende musica-\nlische Production seit Beethoven eingeschlagen hat. Ob\n„die Freundin\" eine Wirklichkeit ist oder nur ein Begriff,\nder das kunstliebende gebildete Publicum im Gegensatz\nder Männer von Fach vertritt, lassen wir dahingestellt; je-\ndenfalls rechtfertigt die Wahrheit oder die Fiction die\nzwanglose, weder an ein ästhetisches Princip noch an einen\nsystematischen Gang gebundene eklektische und durchweg\nindividuelle Behandlung des Gegenstandes und entschuldigt\nauch zugleich die hier und da etwas zu hoch ins Blaue\nphantasirende Schreibart. Damit wollen wir aber keines-\nwegs über die Phantasie, die den Verfasser auf seinen Wan-\nderungen durch das Gebiet der Kunst als treue Gefährtin\nbegleitet, den Stab brechen; im Gegentheil, sie verleiht\nan vielen Stellen seiner Darstellung Reiz und Anschau-\nlichkeit.\nMan würde indess irren, wenn man nach dem Gesag-\nten in dem Büchlein nur aphoristische Gedanken, zerstreute\nAnsichten zu finden glaubte; es zieht sich bei aller Freiheit\nvon Systemsfesseln doch ein hübscher Faden durch die"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "251", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.3", "texte": "zwanzig Briefe, der zwar an manchen Stellen nur dünn\nund lose gesponnen, doch die Ansichten des Verfassers\nüber die vorzüglichsten Erscheinungen in der Tonkunst\nin unserem Jahrhundert zusammenhält; und wenn er im\nersten Briefe, der eine Art von Vorwort bildet, äussert:\n„Eine herzliche Befriedigung meines Ehrgeizes würde es\nsein, wenn alles, was ich durch Beobachtung und Schluss\nhier niederlege, das Gepräge meiner Persönlichkeit trüge,\nso dass, was übereinstimmend mit Anderen von mir em-\npfunden worden ist, durch Eigenthümlichkeit der Aus-\nsprache für den Mangel an Neuheit entschädigte\" —, so\nglauben wir ihm versichern zu können, dass seine Briefe\ndie Lesewelt interessiren und fesseln werden, trotzdem,\ndass sie mehr nur anregen als ausführen, oder vielleicht\ngerade desswegen.\nEhlert knüpft seine Betrachtungen an Beethoven's\ngrössere Werke, besonders an die' letzten, die neunte Sin-\nfonie und die grosse Messe, an. Ohne tiefer in ihr eigen-\ntümliches Wesen einzugehen, weis't er mit richtigem\nUrtheil die Ansicht ab, als sei die Einführung des Chors\nin die Sinfonie das Todeszeichen dieser Musikgattung.\nWenn er aber sagt, dass die „Kritik\" diese Ansicht ge-\nhegt habe, so thut er ihr vollkommen Unrecht, da keiner\nihrer Vertreter, selbst Brendel nicht, das höchst einseitige\nUrtheil B. Wagner's in dieser Beziehung getheilt hat.\nWenn der deutschen Kritik alle Theoreme Wagner's auf-\ngebürdet werden sollen, so muss sie sich dagegen gar sehr\nverwahren. - Eine Art von Glaubensbekenntniss legt der\nVerfasser bald darauf ab bei Gelegenheit der Frage: ob\ndie Kunst mit Beethoven zu Ende? ob nach seinem Tode\nein Fortschritt über ihn hinaus gemacht worden? Er be-\nantwortet sie zwar nur in einem Bilde, fügt aber als Aus-\ndruck seiner Ueberzeugung hinzu: „Das Eine wissen wir\ngenau, dass wir uns thalwärts senken, aber wer unter uns\nweiss es, ob unser Fuss sich nicht wieder einmal erheben\nwird? Vorwärts müssen wir und nicht feige uns rückwärts\nwenden.\" Den ersten Satz lassen wir vollkommen gel-\nten; der letztere hat aber nur dann einen Sinn, wenn da-\nmit gemeint ist, dass wir überhaupt das Streben in musi-\ncalischem Schaffen nicht aufgeben sollen. Und dass dies\ndie Meinung des Verfassers sei, geht aus dem Zusammen-\nhange hervor, der keinen Zweifel darüber lässt, dass er\nweit davon entfernt ist, den Fortschritt als bereits in vollem\nGange oder gar als ein Fait azu betrachten. „Die\nEinkehr des Genie's\", sagt er S. 22, „wird nicht verkün-\ndigt noch berechnet. Die Ideale Beethoven's sind eine Erb-\nschaft seiner Epigonen geworden. Viele der edelsten dar-\nunter haben mit gleicher Heiligkeit aus ihrem innersten\nWesen die Anlässe zur Gestaltung entnommen. Wurde es\nihnen auch versagt, zu jenem Biesenbau (der Beethoven'-\nschen Sinfonieen) neue Steine tragen oder gar ein ähnli-\nches Wunderwerk errichten zu können, so haben sie dafür\nmanches Andere geleistet, wofür die Nachwelt ihnen dank-\nbar bleibt. Die jüngste Gegenwart ist Zeugin der gewalt-\nsamsten Anstrengungen gewesen, das Wunder auf dem\nWege des Experimentes zwingen zu wollen. Das Wunder\nist ausgeblieben, nur die Gerüste haben wir gesehen, auf\ndenen man es dem Volke zeigen wollte.\"\nDann fährt er im Briefe IV. also fort:\n„Im weiten Deutschland, da sassen viel Hundert junge\nTonkünstler, Bleichsucht der Nachtwache auf ihren Wan-\ngen, welche schwärmerisch an ihrer Unsterblichkeit con-\ntrapunktirten. Es waren meist ehrliche, tüchtige Seelen,\ndie im Schweisse ihres Angesichts arbeiteten und von dem\nironischen Wechsel lebten, den die Hoffnung ihnen auf\nden zukünftigen Ertrag ihrer Arbeit ausstellte. Sie glaub-\nten an Gott und seinen eingeborenen Sohn, Wolfgang\nAmadeus Mozart, und schlugen ein Kreuz vor jeder pro-\nfanen Quinte. Die Beformation, die welterschütternden\nThesen, welche der hagere Mönch an die Schlosskirche zu\nWittenberg und der protestantische Cantor an die Thomas-\nKirche zu Leipzig geschlagen, liessen sie sich als ein welt-\ngeschichtliches Factum zwar gefallen, ohne jedoch für den\nProtest, die grosse Erbschaft des Protestanten Bach, eine\nbesondere Anlage mitzubringen. Die Deutschen sind von\nNatur conservativ, warum sollten es die deutschen Musiker\nnicht sein? Die Bevolution des Beethoven'schen Genius hat\netwas frische Luft in die Studirstube gebracht, die Still-\nleben aufgerüttelt und neue Bahnen erschlossen. Es war\nwie nach der Entdeckung America's. Der Sehnsucht war\nein neues Ziel gewonnen, Blick und Kräfte durch einen\nerweiterten Horizont belebt und vergrössert. Das histori-\nsche Misstrauen, welches sich an alle neuen Gestirne hef-\ntet, war niedergekämpft: Beethoven'sche Waffen siegten,\nwohin sie kamen.\n„Die deutschen Künstler bemühen sich aller Orten,\ndem Geiste dieser letzten Ueberlieferung aufs würdigste\ngerecht zu werden. Es fehlt nicht an Bestrebungen der\nbedeutendsten Art. Auf Wegen, die-so kühn gebrochen,\nweiter zu wandeln, diese fremde, jung erschlossene Welt\nnach allen Seiten kennen zu lernen, unsere vollen Kräfte,\nwie gering oder wie hoch sie auch ausgefallen, daran zu\nsetzen, diese Wunder zu enträthseln, ihren heiligen Segen\nüberall auszuschütten, • das ist unser aller aufrichtiges,\ntreues Bemühen.\n„Warum überkommt mich trotz alledem ein tiefes\nWehe? So viel gesunde Arbeitskraft, so viel ehrliche, tüch-\ntige Gesinnung sehe ich ohne innere noch äussere Befrie-\ndigung ein Leben lang sich umsonst bemühen. Davon hätte\nman in Frankreich gar keinen Begriff. Der französische\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "252", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.4", "texte": "Musiker ist ein Speculant; die Kunst dient dort dem augen-\nblicklichen Bedürfniss, und da das Bedürfniss nie die Kunst\nerziehen soll, sondern nur diese jenes, so kann man von\nder französischen Kunst wohl sagen, dass sie nur ein Lu-\nxus sei. Nach dem Staatsstreiche brachte die Independance\nBeige einmal das unübertreffliche Wort: II n'y a rien en\nFrance qui reussisse que le succes. Es ist wahr, in Frank-\nreich glückt nichts, als der Erfolg. Ihn will der französi-\nsche Musiker vor allen Dingen haben. Beich und berühmt\nwill er werden, und damit dies bequem von Statten gehe,\nwird das Schaamgefühl der künstlerischen Ehre frühzeitig\nabgestreift. Ich spreche von der Gegenwart und von dieser\nim Allgemeinen; Ausnahmen befestigen die Begel. Unter\nden deutschen Tonkünstlern gibt es verhältnissmässig nur\nwenige, welche die Kunst zum Handwerk erniedrigen, und\ndiese wenigen bezahlen ihr Glück mit der Verachtung\naller Guten. Wir haben, Gott sei Dank, gar kein Talent\nfür die Prostitution. Wie viele deutsche Musiker gibt es\nnicht, welche ihr Leben lang Fugen, Quartette und So-\nnaten zur Ehre Gottes schreiben, froh, wenn sie im Alter\ndafür den Lohn eines bescheidenen Cantor-Stühlchens\närnten, auf dem sie im Angesichte der Commune mit Er-\nlaubniss des Consistoriums verhungern dürfen! 0 Gott im\nHimmel, sieh darein!\ni\n„Ich glaube, wir könnten diese grosse Noth durch\neine kleine Erkenntniss mildern. Jede Menschennatur will\nirgendwo hinaus, und das grosse Geheimniss liegt nur\ndarin, dieses „Wo\" zu entdecken. Statt dessen geberden\nwir uns wie Original-Genie's, wie universale Naturen, die\nnach allen Kichtungen hin Ausserordentliches leisten. Was\nes kläglich wäre, eine Pappel zu sehen, die sich abquälen\nwollte, in die Breite zu wachsen! Von der Bose musst du\nkeinen Schatten, nicht Wohlgeruch von der Eiche verlan-\ngen! Kannst du als Linde Beides verleihen, so freue dich\ndessen; wir kleinen Pflänzchen indessen wollen unseren\nwinzigen Beruf zu erfüllen suchen und lieber als gesunde\nKräuter harmlos die Wiese schmücken, denn als kranke\nBosen im Garten stehen. Was thun wir jungen Künstler\njedoch? Statt auf die Entdeckung jener Specialität, für\nwelche wir ein bestimmtes Talent haben, entschlossen aus-\nzugehen, arbeiten wir planlos in dem ungeheuren Gebiete\nder Kunst umher, durch kein Misslingen ernstlich gewarnt,\nvon einem verworrenen Drange hin und her getrieben\nund unsere Eitelkeit durch die Grösse der Unternehmung\nkitzelnd, ohne das Maass unserer Kräfte gegen sie abzu-\nwägen. Und so enden wir missmuthig zerschlagen, und\nklagen statt uns selber die Natur an, dass sie uns versagte,\nwas sie in einem Jahrhundert nur einem Auserwählten\ngewährt.\n„Wie viel klüger sind die bildenden Künstler! Sie ha-\nben sich längst specialisirt. Nicht genug, dass einer nur\nLandschaften malt, er malt nur Begen-Landschaften.\nWelche Beschränkung! rufen Sie aus. Werden Sie nicht\nunmuthig, Madame. Es nimmt sich Niemand von achtzehn\nJahren vor, ein Begen-Landschafter zu werden; das ist\neine Specialität, auf die er hinauskommt. Wehe dem Künst-\nler, dessen Morgenalter nichts von der Entzückung weiss,\nwelche ihre Flügel zum himmelstürmenden Fluge aus-\nspannt! Wenn er aber erfahren hätte, dass seine Brust zu\nschwach für jene Luft wäre, welche jenseits der Wolken\nflutet, sein Auge zu blöde für den Kuss der Sonne: thäte\ner nicht wohl daran, in ungefährlicheren Begionen zu\nbleiben? Das Glück können wir nur in der Vollendung\nfinden, denn die Vollendung ist der unbedingte Anspruch,\nwelcher an jedes Kunstwerk gerichtet wird. Das darge-\nstellte Object kann höherer und niederer Art sein, ist es\naber nur ein künstlerisches und würdiges, so kann die\nMeisterschaft sich daran bekunden. Die französischen Ca-\ndavermaler entschädigen mich mit ihrer bis zur Täuschung\ngetriebenen Nachäffung der Natur nicht für die Verirrung,\nwelche in der Wahl ekelhafter Stoffe liegt. Auch die trans-\ncendentalen Vorwürfe der Idealisten können mich nicht\nbefriedigen, wenn der Kopf nicht die Hände begeistert,\nwenn diese nicht irdisch darzustellen vermögen, was jener\nhimmlisch gewollt hat. Meister nennen wir nur denjenigen,\ndessen schöner Gedanke mit der Fähigkeit, ihm eine eben-\nbürtig schöne Form zu geben, gleichen Schritt hält. Ra-\nphael wäre nicht ein eben so grosser Maler gewesen,\nwenn er ohne Hände geboren wäre; denn das macht noch\nlange nicht den Maler aus, dass er eine malerische Idee\nin sich trägt. Das vollendet schön Dargestellte hat wieder\neine befruchtende Rückwirkung auf die Phantasie, und so\nwäre Baphael nicht von der Stelle gekommen, wenn ihn\ndie Natur des ungeheuren Vortheils dieser Wechselwir-\nkung beraubt hätte. Seiner theilhaftig zu werden, muss\ndie vollendete Arbeit den Künstler selbst in ihrer Total-\nwirkung überraschen, indem er die geheimnissvolle Mit-\nwirkung des Genius erräth, welcher den Wundersegen des\nGelingens über dieselbe gesprochen hat. Solch göttliche\nMithülfe gesellt sich dem heissen Bemühen, sie würde sich\nauch dem unsrigen nicht versagen, wenn wir nur dem\nrechten Ziele zugewandt wären. Das, was unserer Natur\ngemäss sei, was sie zur reifsten und bedeutendsten Ent-\nwicklung führen würde, erfahren wir freilich nicht immer\nauf dem Wege der Intuition. Nur das Genie schlägt seine\nihm eigenthümliche Bahn mit der Sicherheit eines anima-\nlischen Instinctes ein, während wir kleinen Talente auf\nunsere eigene Beobachtung angewiesen sind. Und irgend\neinen, noch so kleinen Zweck wird diese grosse Oekono-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "253", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.5", "texte": "mie, welche nichts verschleudert, doch auch mit uns ge-\nhabt haben! In diesem ungeheuren Triebwerk auch nur\ndas kleinste Rädchen zu sein, aber ein nothwendiges, das\nhat doch immer noch etwas, was uns unser Dasein lieb\nmachen kann, weil es sein Räthsel ist. Unerträglich ist nur,\nsich überflüssig zu fühlen, unwürdig, ein Menschenleben,\nohne allen productiven Gegensatz, nur auf Consumtion zu\ngründen. Du musst dein Dasein erklären können, oder du\nhast gar kein Recht, zu sein. Suche doch-jenes kleine Räd-\nchen zu werden und dich als solches in dem grossen Trieb-\nwerke unentbehrlich zu machen. Höre auf, ins Blaue hin-\nein heute ein Stück Sinfonie, morgen ein Stück Quartett\nzu componiren und dich nebenbei am Oratorium, an der\nOper und am Liede zu versündigen. Das Universum ist zu\ngross für deine kleine Feder. Oder glaubst du dadurch\nadelig zu werden, dass du mit der Aristokratie verkehrst?\nDu wirst dich nur um so bürgerlicher fühlen. Der wahre\nAdel wird dich nicht geringer achten, weil du bürgerlich,\nsondern nur, weil du verdriesslich bist, es zu sein. Du\nkannst ein berühmter Mann werden, wenn du Lieder wie\nRobert Franz oder Ciavierstücke wie Chopin schreibst;\nwenn du aber mit einer Oper durchfällst und in deinen\nSinfonieen Schiffbruch leidest, so hält dich Keiner von uns\ndesshalb für grösser als jene, weil du Grösseres gewollt\nhast. Weisst du, was das Lächerlichste ist? Der Gegensatz\nvon Wollen und Können. Willst du mir folgen, so studire,\nals wolltest du die neunte Sinfonie überbieten, und wenn\ndu dir alles Wissen, alle Fertigkeiten angeeignet hast,\nmache ein Geringes vollkommen, sobald du erfahren haben\nsolltest, dass du das Hohe nur unvollkommen machen\nkannst. Ich muss dir die Freiheit lassen, mich misszuver-\nstehen; aber nöthig hast du es nicht, denn für keine Kin-\nderstube könnte ich deutlicher schreiben, als ich geschrie-\nben habe.\"\nDas ist vollkommen wahr und kann nicht genug wie-\nderholt und beherzigt werden. Schade, dass der Schluss\ndieses Briefes zu denjenigen Stellen gehört, in denen nicht\nPhantasie, sondern Phantasterei ihr Wesen treibt; indess\ndas ist eben Jugendschaum mit einem Bisschen chargirten\nZeitgeistes versetzt, und es hat mit der eigentlichen Sache\nnichts zu thun.\nSehr bald kommt Herr Ehlert natürlich auf Mendels-\nsohn. Seiner Bemerkung über den „Hochzeitsmarsch\" in\nder Sommernachtstraum-Musik, dass dessen Inhalt und\nFactur „in dem Rahmen dieser hochpoetischen Partitur\nzu realistische Contouren zeige\", pflichten wir bei; auch\nuns ist das an und für sich prächtige Stück immer wie\nein Hors d'oeurvein dem Ganzen vorgekommen; es reisst\naus der phantastischen Welt gar zu sehr in die Fackel-\ntanz-Musik moderner Hofhaltungen hinein. Im VII. Briefe\nspricht der Verfasser über Mendelssohn:\n„Es kann nicht leicht einen wärmeren Verehrer dieses\nMannes geben, als mich; aber wenn mir etwas den Ge-\nschmack an ihm verleiden könnte, so sind es seine fanati-\nschen Parteigänger. Gott schütze Jeden vor seinen Freun-\nden! Ich kenne so viele Personen, deren Urtheil über ein\nMendelssohn'sches Werk nur das psychologische Interesse\neines Paroxysmus für mich hat; noch ehe der erste Ton\nerklungen, sind sie entschlossen, sich das Vergnügen einer\ngebildeten Emotion zu bereiten, die beifallssüchtigen Hände\nrasch in jenem Augenblicke einfallen zu lassen, wo der\ngraziöse Meister durch den unverhofften Wiedereintritt des\nThema's überrascht, und sich am Schlüsse jener elegischen\nErmattung hinzugeben, jenem gefühlvollen Helldunkel,\nwelches die Nationalfarbe der Mendelssohnianer geworden\nist. Sommernachtstraum oder Athalie, Hebriden oder Ruy-\nBlas-Ouverture, Walpurgisnacht oder Lobgesang, das gilt\nihnen gleich; sie finden den letzten Satz des D-moll-Tr\\oi\nso schön, wie den ersten, und neben die serieusen Va-\nriationen stellen sie unmittelbar das letzte Heft der Lieder\nohne Worte. Heilige Cäcilie! Aber diese elegischen Ge-\nmüther wollen mit ihrem Glück und ihrem übermässigen\nSext-Accord nicht allein sein; sie machen die Landstrassen\nunsicher durch ihre Bettler, und die Concertsäle zur Börse\nfür das Kunstmaklerthum ihres Enthusiasmus. Wir\nwollen uns Felix Mendelssohn-Bartholdy, den Schöpfer des\nSommernachtstraums und der Walpurgisnacht, nicht rau-\nben lassen, nicht von diesen bewundernden Schwächlingen,\nin deren Gesichtern eine versteinerte Anbetung schläft,\nund nicht von jenen Corsaren der neuen Zeit, welche keine\nFlagge respectiren, ausser der schwarzen ihrer eigenen\nZunft. Die historische Würdigung dieses Tondichter»\nwird noch kommen; dann wird sich zeigen, was die ver-\ngötternde wie die verleumdende Zeitgenossenschaft an ihm\nverbrochen hat. Niemals wohl hat eine Persönlichkeit in-\nnerhalb der Gränzen, welche die Natur ihr gezogen, sich\nso glänzend entwickelt, wie die seinige. Was das edelste\nStreben, die bedeutendste Bildung erringen konnten, hat\ner errungen; nie ruhte er faul auf seinen Lorbern aus, nie\nhat ihn das Gefühl der Meisterschaft sorglos und sicher\ngemacht; er hatte den universalen Drang, auf so viel Ge-\nbieten wie möglich Tüchtiges zu leisten. „„Alles, was wir\nmachen, sind erste Versuche;\" sagte er einmal rührend\nzu mir: „ „wehe dem Künstler, der sich an die Arbeit mit\ndem Gefühle setzte, Meister zu sein!\"\" Rein wie sein We-\nsen war seine Harmonie, Alles übersichtlich, ausführbar;\nvor harmonischen Härten hatte er einen Widerwillen.\nDesshalb mochte er Chopin auch nicht; wenigstens liebte\ner es nicht, wenn junge Künstler sich viel mit ihm bescbäf-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "254", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.6", "texte": "tigten. Die Eorm hat er beherrscht, wie vielleicht nur\nnoch Mozart vor ihm; nirgends werden Sie auf Ungeschick-\nlichkeiten und Gewaltsamkeiten bei ihm stossen. Er besass\ndie grosse Gabe, alles, was während der Production in\nseiner Seele vorging, aufs deutlichste auszusprechen, seine\nIntentionen vollständig zu verwirklichen, so dass beim\nSchlüsse der Arbeit nicht jener peinliche Rest zurückblieb,\nwelcher die Richtigkeit des Exempels für ihn in Frage ge-\nstellt hätte. Das ist der grosse Unterschied zwischen ihm\nund Schumann. Jener besass die Fähigkeit, alles, was ihn\nbewegte, auszusprechen; dieser musste einen guten Theil\ndavon wieder in sich verschliessen, weil er keine Worte\nfür ihn finden konnte. Bei diesem war die Phantasiekraft\nvielleicht üppiger, als bei jenem, aber an Gestaltungskraft\nhat er ihn nie erreicht. Hätte Robert Schumann zu dem\nungeheuren Vermögen, das die Natur ihm mitgegeben,\ndas adäquate Darstellungs-Talent besessen, so wäre er\nvielleicht so gross wie Beethoven geworden. Ach, dieser\narme Poet konnte sich in die Welt nicht finden! Eine\nWirkung berechnen, die Hälfte eines Gedankens tödten,\num die andere lebendig zu erhalten, die nothwendige Re-\nsignation, hier etwas abzuweisen, dort etwas einzuschrän-\nken,, der Vortheil einer dreisten, unerbittlichen Analyse,\nwelche das Vielfache vereinfacht hätte das war seine\nSache nicht. Als er die blaue Wunderblume seiner Ro-\nmantik unter uns enthüllte, sahen wir sie befremdet an;\nvon wannen sie gekommen, wir wussten es nicht. Dieser\nDuft war gar so wundersam, diese Formen so seltsam,\nund das Leben darin schien uns ein verzaubertes. Ihr Da-\nsein war ein sensitives, die Sonnenstrahlen machten ihr\nSchmerz, und nur dem Mond entschleierte sie ihr „ „from-\nmes Blumengesicht\"\". Angefüllt mit Jean Paul'schen Idea-\nlen, suchte Schumann seine innere Welt zunächst am Cia-\nvier. Dieses abstracteste aller Instrumente kam seiner Ro-\nmantik sehr zu Statten. Die Hände mehr zwischen als\nneben einander gestellt, träumte er sich auf der Claviatur\nin eine rein phantastische Welt hinein. Jede Taste konnte\ner sich als Wort, als Farbe, als Blume denken, und so\nentstanden jene vielstimmigen Arabesken, die bald wie\nMadrigale klingen, bald wie prismatische Bilder, bald wie\nGuirlanden aussehen. Diese Schwelgerei ist seiner Gestal-\ntungskraft verderblich gewesen; ich finde die Spuren da-\nvon in all seinen Orchesterwerken, welche nur instrumen-\ntirte, aul der Basis des Claviers entstandene Schöpfungen\nzu sein scheinen. Mendelssohn's Zusammenhang mit dem\nCiavier ist ein ganz anderer. Er hatte keine besondere\nVorliebe für dasselbe, und seine Musikerbildung ging nicht\nvon ihm aus. Desshalb bieten seine Compositionen f.ür den\nClavierspieler als solchen auch nichts Interessantes; er hat\nkeinen neuen Clavier-Effect erfunden, wie Schumann deren\nHunderte, er schrieb keine» speziellen, ihm eigenthümli-\nchen, sondern den allgemeinen Clavierstil seiner Zeit.\n„Erirmern Sie Sich noch der Aufregung, in die uns\njedes Heft Lieder ohne Worte versetzte? Das gab einen\nSturm auf die Leihbibliotheken, als ob ein neuer lioman\nder Sand erschienen wäre. Ich spielte dabei eine wunder-\nbare Rolle. Begierig griff ich danach, und missmuthig fast\nimmer legte ich es wieder fort. Nie haben mir diese blas-\nsen, eleganten Melodieen einen lieferen Eindruck machen\nwollen. Das war so entsetzlich glatt und vornehm, so frostig\nhofmännisch, dass es mich unwillkürlich zu einem jener\ntropischen Stücke aus Schumann's erster Periode hintrieb,\nwo ich mich nach Herzenslust satt schwärmen konnte. Ich\nbegriff recht wohl die vollendete Formenschönheit jener\nLieder, aber bei aller Grazie ihrer Diction wollte mich ihr\nInhalt nicht berücken. So ist es mir mit vielen, ich kann\nwohl sagen: mit den meisten, Mendelssohn'schen Compo-\nsitionen gegangen. Nach dem ersten Hören war ich unbe-\nfriedigt. Diese Muse will nicht durch Ueberraschung, nicht\ndurch Ueberfall siegen; Bewunderung will sie erwecken\ndurch Schönheit und Ebenmaass. Je mehr wir uns mit die-\nsen Werken beschäftigen, desto vertrauter werden wir mit\njener höchsten Meisterschaft des Stils, jener bewunderungs-\nwürdigen Oekonomie, welche die inneren Verhältnisse ver-\nwaltet, desto grösser wird unsere Achtung vor jenem an-\ngeborenen Instincte für das Schickliche und vor der uner-\nschütterlichen Hoheit der Principien. Ich nehme drei Stücke\naus, welche, obgleich sie keinen der eben gerühmten Vor-\nzüge entbehren, durch Genialität sofort hinreissen: Som-\nmernachtstraum, Walpurgisnacht und Hebriden. Den Pau-\nlus nenne ich nicht in dieser Reihe. Dieses Oratorium wird\nso lange eine ungeheure Wirkung ausüben, als es über-\nhaupt sittlich gebildete Menschen gibt. Es ist der grosse\nhistorische Versuch, eine Kunstform und einen Kreis von\nAnschauungen, die wir mit Bach und Händel für erfüllt\nund abgeschlossen gehalten, zu neuem Leben zu erwecken.\nDieser Versuch ist durch die Intelligenz, mit der ein Ueber-\nliefertes, Uraltes dem modernen Geiste zugänglich gemacht\nist, für die Kunstgeschichte denkwürdig. Aber in die Reihe\njener genialen Productionen, welche den Kreis unserer\nKunst-Ueberlieferungen durch die Entdeckung neuer Ge-\nbiete erweitert haben, gehört der Paulus nicht. Er ist ganz\ngewiss das köstlich reifste Zeugniss jener ethischen Hoheit,\ndie diesen Künstler zu einem der reinsten und edelsten\naller Zeiten gemacht hat. Das Leben, wie verführerisch\nes um ihn buhlte, hat den ungeheuren Ernst, der all sein\nStreben kennzeichnet, nicht zerstreut. Jene Bahnen, die er\nsich vorgeschrieben hatte, ist er gegangen, und kein Glück\nder Erde hat ihn aus ihnen herausgelenkt. In diesem sitt-\nlichen Ernste liegt das Geheimniss seiner ungeheuren"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.7", "texte": "Wirkung auf die Mitwelt. Alles Gute war seiner Hülfe\nvon vorn herein versichert, dem Schlechten ewige Fehde\ngeschworen. So half er durch Rath und That allen jünge-\nren Künstlern, feuerte sie aa durch sein Beispiel, führte\nsie ein durch seine Autorität. Er war ein erklärter Feind\nder Reclame und hielt es unter seiner Würde, für seinen\nRuhm anders als durch Leistungen zu sorgen. So bleibt\ner in meiner Erinnerung das Bild des vornehmsten aller\nKünstler, die ich je gekannt habe, und mich überkommt\neine traurige Wehmuth, wenn ich sehe, welche Wege in\nunseren lagen eingeschlagen werden, um das zu erobern,\nwas er nur durch sein Genie und die Würde seiner Per-\nson erreicht hat.\"\n(Schluss folgt.)\n\nIst als das älteste Tonsystem vielleicht das fünftönige\nder Chinesen zu betrachten?\nLouis Kindscher.\nDie Niederrheinische Musik-Zeitung Nr. 31 gibt zu-\nnächst den Schluss von Dr. E. Krüger's *<\\bhandlung über\n„Natur und Geist in Tönen\", und es wird erwähnt, dass\nMarx nachgewiesen, dass eine alte morgenländische Ton-\nleiter der Quarte und des Leittons entbehrte und also ge-\nstaltet war: cd e g a| [c).— Dieses Tonsystem ist nun\naber kein anderes, als das der Chinesen (vgl. am Schlüsse\ndie beiden chinesischen Tonstücke aus welches von\nManchen noch für älter als das der Indier und Aegypter\nund auf diese Völker übergehend gehalten worden ist. Vom\nletztgenannten Volke haben bekanntlich erst die Griechen\nihre Musik entnommen. Dieser Urgrund aller Musik, die\nfünftönige Tonleiter, hat sich aber aus jener grauen Vor-\nzeit noch bis auf den heutigen Tag bei den Chinesen im\nGebrauch erhalten. Obgleich man schon damals die beiden\nfehlenden Töne f und hnicht nur, sondern sogar die übri-\ngen so genannten (?) halben Töne der Octave bereits kannte,\ngebrauchte man sie darum doch nicht, es vorziehend,\njener alten einfachen Tonreihe, als der für wirksamst er-\nklärten, treu zu bleiben. Eigentlich wurde der Ton /'zum\nGrundtone angenommen, welcher hiess, dann folgte\ng oder Chang, aoder Kio, coder und zuletzt oder\nYü. (Und nun erschienen dieselben Töne in einer höheren\nOctave wieder.) Als eine merkwürdige Erscheinung ist zu\nerwähnen, dass die genannte uralte fünftönige Tonleiter\ndes Orients sich unter den Hochschotten (Hebriden-Inseln)\nwiederfindet, und zwar beispielsweise dies anzuführen, in\nden zwei verbreiteten Volksliedern:\nvalloch und Up and wasthem\n1. Tsin-Fa, chinesischer Hvmnus zu Ehren der Vor-\n' %!\nfahren. ~\n/.j . : .\n2. Air chinois aus Rousseau's Dictionnaire de Mu-\n■sique, zugleich von C. M. v. Weber als Thema zur Ouver-\ntüre zu Schiller's Turandot benutzt.\nGöthen.\n\nAnton Forti.\n(Geb. 8. Juni 1790, gest. 16. Juli 1859.)\nIn ihm ist eine Zierde des einstigen wiener Opernwesens zu Grabe\ngetragen worden. Er hatte damit begonnen, im Orchester des wied-\nner Theaters die Viola zu spielen. Als Sänger versuchte er sich zu-\nerst auf der Bühne des Fürsten EJsterhazy in Eisenstadt, debutirte\nbald darauf in Wien als Sarastro, errang einen glänzenden Erfolg\nund wurde engagirt. Forti hatte ein eben so schönes, kräftiges, als\nbiegsames und modulationsfähiges Organ; dabei war der Umfang\nseiner Stimme ein seltener und ihre Ausbildung eine vortreffliche.\nDie berühmtesten Partieen seiner Glanz-Periode waren Don Juan,\ndie beiden Figaro, Telasco in „Cortez\" u. a. m# Mit seinen musica-\nlischen Vorzügen verband er eine ausnehmend schöne äussere Er-\nscheinung, eine elegante Tournure und ein feines, charakteristisches\nSpiel. Als im März 1835 der Pacht und die Direction des Kärnth-\nnerthor-Theaters aus den Händen Duport's in jene Ballochino's über-\ngingen, liess sich Forti pensioniren und verweilte einige Zeit auf\nGastreisen in Hamburg, Berlin und anderen Städten. Doch seine zu-\nnehmende Corpulenz, welche mit der Abnahme der Stimme gleichen\nSchritt hielt, zwang ihn bald, den ersten Bass- und Bariton-Partieen\nzu entsagen, und im September 1837 finden wir Forti (als Gast)\nwieder im Kärnthnerthor-Theater als Capuzzi in Zampa. Er verlegte\nsich nun beinahe ausschliesslich auf das Buffo-Fach und sang mit\nzeitweiligen Unterbrechungen bis zum Jahre 1843 fort. Die Köllen\n\n*) Dieses f erscheint an dieser einzigen Stelle unschicklich und\nfür g oder e, dass man vermuthen kann, es sei ein Druck-\nfehler."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590806-01.1.8", "texte": "Forti's aus dieser Periode, welche wir hier aus dem Gedächtniss ci-\ntiren können, sind, nebst dem bereits genannten Capuzzi, der Mar-\nquis im Postillon von Longjumeaux, der Capellmeister in der Opern-\nprobe, Dulcamara im Liebestrank, Cominge und später Cantarelli im\nZweikampf auf der Schreiberwiese, Leporello im Don Juan, Ludwig\nXIV. im Dessauer-Bauernfeld'schen Besuch in St. Cyr, Truffaldin in\nHoven's Turandot, der Schlosser im Maurer u. s. w. Ausserdem\nwar Forti in den meisten Operetten, welche damals vor den Ballet-\nten gegeben wurden, beschäftigt. Die Erfüllung seines Berufes wurde\nihm durch eine immer zunehmende Augenkrankheit von Jahr zu\nJahr schwerer; im Anfang des Jahres 1844 gewann er das grosse\nLoos bei einer so genannten Güter-Lotterie; er zog sich nun gänz-\nlich von der Bühne zurück. Bald darauf erblindete er vollständig,\nliess sich operiren und wurde wieder sehend. Forti war mit der\neinst sehr beliebten Sängerin Henriette Theimer verheirathet\ngewesen. Seine einzige Tochter starb in noch jungen Jahren. Die\nTänzerin Forti, jetzt in Berlin und früher in Wien engagirt, ist\nnicht die Tochter unseres Forti, wie hiesige Blätter irrthümlich be-\nhaupteten, sondern eine Neapolitanerin, deren Eltern noch am Leben\nsind. (Wiener Recensionen )\n\nTages- und Unteghaltungs-Blatt.\nDüsseldorf, 1. August. Das grosse Vocal-Concert, das\ngestern Abends zum Besten der Familien einberufener Krieger Statt\nfand, war sehr besucht und hatte einen glänzenden Erfolg sowohl\ndurch die Gesammt-Chorgesänge, zu deren Ausführung sich sechs-\nzehn Liedertafeln und Gesangvereine dem hiesigen ~städtischen\nMänner-Gesangvereine'4 angeschlossen hatten, als durch die\nVorträge des kölner Männer-Gesangvereins unter Leitung\ndes Herrn F. Weber, die in sechs mit bekannter Vollendung ge-\nsungenen Liedern bestanden.\n€?i*eifel<l, 1. August. Das gestrige Vocal- und Instrumental-\nConcert, welches zum Besten der hülfsbedürftigen Familien einberu-\nfener Reservisten und Landwehrmänner unserer Stadt in - der Ton-\nhalle Statt gefunden, zeigte wieder in erfreulicher Weise, was ver-\neinigtes Streben auf dem Gebiete der Tonkunst zu erreichen ver-\nmag. Die hiesigen Männer-Gesangvereine: Cäcilia, Concordia, Lie-\nderhalle, Liedertafel, Männer-Gesangverein und Sängerbund standen\nunter der Direction des Herrn Karl Wilhelm zu Einem Chor\nvereinigt und boten uns hier einen jener seltenen Genüsse, die nur\nernstliches Ringen nach immer weiterer Ausbildung und einmüthi-\nges, brüderliches Zusammenwirken so vieler, anscheinend heteroge-\nner Kräfte zubieten vermag. Von Orchestermusik hörten wir Lind-\npaintner1s Ouvertüre zu Faust und Weber's zur Euryanthe in\nrecht guter Ausführung durch die Viereck'sche, zu diesem Concerte\nbesonders verstärkte Capelle unter Leitung des Herrn Musik-Direc-\ntors Rieger. Ausserdem wurden Mozart's „O Isis\" und Men-\ndelssohn's Festgesang an die Künstler mit Instrumental-Beglei-\ntung gesungen. Unter den übrigen Gesang-Vorträgen wurde auch\ndas Lied: „Mädchen, wenn ich von dir ziehe'*, von Karl Wil-\nhelm besonders ausgezeichnet.\nDer treffliche Gesanglehrer und berühmte Verfasser\neiner der besten Gesangschulen, Panseron, Professor am Conser-\nvatoire, ist am Freitag den 29. Juli einer kurzen, aber schmerzens-\nvollen Krankheit erlegen. Die Exequien sind Montag den 1. August\nin der Kirche St. Eugbne gefeiert worden. Roger befindet sich\nbis jetzt wohl.\nliOfftrioil. Dinstag den 26. Juli fand die erste Aufführung\nvon Meyerbeer's Le Pardon de Ploermel unter dem Titel Dino-\nRah ossia il Pelegrinaggio de Ploermel durch die italiänische Opern-\nGesellschaft im Coventgarden-Theater Statt, Alle Blätter sind voll\nüberschwänglichen Lobpreisens, wobei denn auch die pariser Fabeln\nvon der wunderbaren Metamorphose des Geniels des grossen Com-\nponisten wiederum ihre Rolle spielen. Diese Berichte sind zu charak-\nteristisch für die ~ freie Presse\" der Engländer in Sachen der Kunst-\nkritik, als dass wir nicht in nächster Nummer darauf zurückkom-\nmen müssten.\nDie Sängerin Madame La Grange, seit dem 14. März Prima-\nDonna der Oper zu Kio Janeiro, ist noch immer Gegenstand\nenthusiastischer Ovationen. Madame Lagrua ist zum September\nfür Petersburg engagirt."}]}