{"numero_id": "bm-bmtnabi-1859-08-13-01", "volume": "bmtnabi_1859-08-13_01", "ocr_sha256": "3c9c3f3b49044e4e7e2e1c23de24a71d87e183bfa524da858b0048f1ce8b9d3e", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1859/08/13_01/bmtnabi_1859-08-13_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1859-08-13-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-08-13_01#c001", "volume": "bmtnabi_1859-08-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "257", "page_fin": "257", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "257", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 404, "texte": "Inhalt.\nBriefe über Musik an eine Freundin. Von Louis Ehlert. Schluss. Zur Musik-Geschichte (Die Grossherzog-\nliche Hofcapelle in Darmstadt unter Ludewig I. Von Hof-Capellmeister H. S. Thomas). August Panseron (Nekrolog). Fräulein\nTitjens und Frau Czilläg. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Aufführung von Mozart's Elberfeld. 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S. Nr. 32.)\nBei den Betrachtungen über Mendelssohn berührte\nEhlert bereits Robert Schumann (s. Nr. 32, S. 254,\nSp. 1); Weiteres über ihn bringen die Briefe VIII. und\nIX., doch mehr Phantasieen über die besondere Natur die-\nses Tondichters, als Analyse seiner künstlerischen Entwick-\nlung und seiner Schreibart. Auffallend war es uns, dass\nder Verfasser wohl von Jean Paul'schen und Hoff'mann'-\nschen Anregungen bei Schumann spricht, also von der ver-\nführerischen Strömung der Bomantik in der Literatur,\naber den Vorgang und den Einfluss eines Musikers,\nChopin's, gar nicht erwähnt. Das schlägt etwas in die Dol-\nmetscher-Manier der neueren, meist literarischen Musik-\nAesthetiker ein, welche den Stil eines Componisten lieber\naus allen möglichen Einwirkungen erklären, als aus natür-\nlichen musicalischen Einflüssen und aus musicalischen Vor-\nbildern. Letzteres verbietet besonders die Originalitäts-\nPrämie, die den Lieblingen nothwendig zuerkannt werden\nmuss. Die Schwärmereien des Verfassers für die Manfred-\nOuvertüre und für Mignon's Bequiem können wir nicht\nganz theilen. Mehr stimmen wir mit folgenden interessan-\nten Stellen überein:\n„In eine frühere Zeit fällt die Sehnsucht Schumann's,\nsich in die Kinderwelt zu versenken, ihre naiven Gefühls-\nkreise sich wieder anzueignen, und auf diese Weise das\nideelle Bedürfniss nach einem vollendet reinen Gemüths-\nleben zu befriedigen. So entstehen jene kleinen Scenen, in\nihrer keuschen Abgeschlossenheit von keinem der vielen\nNachahmer erreicht, welche zu glauben schienen, dass das\nKindliche auch kindisch sein dürfe, und dass sie nicht rein\nzu sein brauchten, um das darzustellen, was allein durch\nseine Beinheit fesselt. Nach solchen Proben eines bald auf\ndas Symbolische, Fremdartige, bald auf das völlig Harm-\nlose, naiv Sittliche gerichteten Geschmacks kann es nicht\nweiter auffallen, dass Schumann eine Vorliebe für das\nMorgenland gewinnt, dass er sich in die östlichen Beize\nPeri's verliebt und durch die Bückert'schen Makamen für\nden wunderlichen Helden Abu Seid Sympathieen empfin-\ndet. Das Chevalereske der maurischen Bomantik treibt ihn\nzum „ „spanischen Liederspiel\"\", und Burns, der schotti-\nsche Heine, führt ihn ins Hochland. Für die Kirche schreibt\ner nicht; statt nach Jerusalem zu wandern, pilgert er lie-\nber mit der Kose, und doch liegt über seiner Weltlichkeit\nein Hauch frommer, altdeutscher Gottesfurcht, welcher mir\nin seiner Demuth lieber ist, als die dramatischen Beschwö-\nrungsformeln, mit denen in unseren Tagen Gott citirt wird.\nIch spreche hier nicht von der Missa solemnis, jenem\neigentümlichen Glaubensbekenntniss eines ganz incommen-\nsurabeln Geistes, mit dem zu vergleichen wir uns hüten\nsollten, sondern von jenen convulsivischen Bestrebungen\neiniger jüngeren Künstler, die Kirche zum Schauplatz\nihrer persönlichen Verirrungen zu machen und der Ver-\nehrung des höchsten Wesens einen novellistisch profanen\nAusdruck zu geben. Wo das Bedürfniss vorhanden ist,\nGott zu suchen, da sollte man ihn nicht wie ein Markt-\nschreier anrufen. Fühlt ihr euch genöthigt, Priester zu\nwerden, so greift die Hostie wenigstens mit reinen Händen\nan. Aber wir scheinen dazu geboren zu sein, in allen\nKünsten die Versuche einer grauenhaften Vermischung\nder Stile und Stoffe zu erleben: die Weltgeschichte wird\nin Kinderköpfen dargestellt, die Kirche in ein Theater, das\nTheater in eine Kirche verwandelt, die Jungfrau Maria\ngemeisselt, statt gemalt, der Thurmbau Babels gemalt,\nstatt gedichtet. Ich tröste mich mit der Hoffnung, dass das\nBewusstsein über die Gränzen jeder einzelnen Kunst nach\nso viel Experimenten immer lebendiger in uns werden\nmuss. Jeder Irrthum ist ein der Wahrheit geleisteter\nDienst, und es hat nichts zu sagen, wenn in unserer Kunst\ndie Verblendung so weit geht, eine falsche Genialität theo-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "258", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5445, "texte": "retisch zu construiren. Wird der sinnlichen Schönheit\naufs roheste ins Gesicht geschlagen, so sagen diese jüng-\nsten Philosophen, die „ „Naturseite\"\" der Kunst werde\nhier zum Vortheil der „„Idee\"\" negirt; leben zwei Ac-\ncorde in verbotener Vertraulichkeit neben einander, so\nmüssen wir zu unserem Erstaunen hören, dass die Kunst\neine offenbare Erweiterung erfahren hat, indem hier zu\nGunsten der „ „Idee\"\" der naturgemässe Vermittlungs-\nAccord übersprungen sei. Wir werden auf diese „ „Idee\"\"\nnothwendig sehr neugierig und erfahren zu unserer Satis-\nfaction, dass der Componist sich bei dieser Partitur den\nrasenden Roland vorgestellt hat. Diese Entschädigung hat\nwirklich etwas bürgerlich Gemüthliches. Wir erleben es\nnoch, dass eine sinfonische Dichtung unter der Devise\n„ „Lebenund Thaten des Ritters de laMancha\"\" geschrie-\nben wird, und dass man uns die Wunder dieser genialen\nDonquixoterie mit derselben Familien-Inbrunst preis't,\nweiche in den Annalen neuester Musik-Kritik so rührend\nauf unser Mitleid subscribirt. Das klingt sehr spöttisch,\naber wahrhaftig, Madame, wer über gewisse Dinge nicht\nlachen muss, der kann überhaupt nicht mehr lachen.\n„Auf die blühende, farbenprächtige _Z?-</«r-Sinfonie\nSchumann s, deren geschwisterliches Verhältnis« zur Peri\nunverkennbar ist, folgen eine Reihe von Sinfonieen und\nOuvertüren, aber fast scheint es, als lähme die strenge\nAdministration, welcher sich die Gedankenwelt beim Ein-\ntritt ins Orchester zu unterwerfen hat, die Flügel dieser\nschwärmerischen Phantasie. Am originellsten und unend-\nlichsten ist seine Erfindungskraft in denjenigen Werken,\nan welchen das Ciavier betheiligt ist, wie das Quintett und\nQuartett in Es, die mit Geige und das Cla-\nvier-Concert. Im Fs-mott-SaXze der dritten Sinfonie finden\nwir schon einen Vorläufer jener Manfredischen Stimmung,\nwelche in der Ouvertüre zum vollendetsten Ausdruck er-\nhoben wird. Die letzten Werke des Meisters tragen die\nunverkennbaren Spuren der grauenvollen Nacht, welche\ndas Schicksal über dieses edelste Geffiüth verhängt hatte.\nDie Gestaltung wird vage, die Stimmung verdüstert und\nschwankend, die Erfindungskraft mehr wunderlich als tief,\nder Rhythmus fieberhaft und die Harmonie schönheits-\nfeindlich.\n„Schumannismus und Mendelssohnismus sehen wir\neine geraume Zeit als schroite Gegensätze sich bekämpfend.\nNicht die Freundschaft der grossen Meister vermag die\nSpaltung zu versöhnen, welche durch Partei-Leidenschaft\nimmer gränzenloser, immer schwieriger wird. Alles, was\nsich einer dieser Richtungen sympathisch anschliesst, wen-\ndet sich erbittert gegen die Freunde der anderen. Der En-\nthusiasmus erreicht, wie immer in solchen Entscheidun-\ngen, die Höhe einer persönlichen Gereiztheit und ver-\nschliesst sich der Gerechtigkeit. Keine Mitte! werden ge-\nscheut, eine übertriebene Vorliebe durch die gewaltsam-\nsten Argumente zu entschuldigen; man vergreift sich selbst\nan der Moralität des Einen, verklagt die Religion des An-\nderen, damit dieser thörichte Brand auf die mittelalter-\nlichste Weise geschürt werde. Nicht mehr leiten die gros-\nsen, beiden Meistern gemeinsam angehörenden Grundzüge\nzu dem so nahe liegenden Versuche, sich der verschiede-\nnen Lebensäusserungen einer verwandten Geisteskraft als\neines Doppelgewinnstes dank barlichst zu erfreuen, das\nUeberschwängliche hier, das Maassvolle dort mit Bewusst-\nsein zu erkennen, sondern der Hang nach einem isolirten\nBehagen maskirt nur die gemeine Lust, Eines auf Kosten\ndes Anderen herabzusetzen, durch die Verehrung Dieses\nvon der Anerkennung Jenes auszuschiiessen. Wo eine\ngleiche oder ähnliche Ursache zweierlei Wirkungen hervor-\nbringt, da tritt die Vorliebe in ihr Recht. Bergen wir ein\nUnendliches, Unaussprechliches in uns, schlingt sich der\nFeuergürtel einer verzehrend heissen, zu Schwelgerei auf-\ngelegten Sehnsucht um uns, haben wir die Eigentümlich-\nkeit, die Welt und ihre Erscheinungen mehr symbolisch\nals naiv zu erklären, retten wir uns gern auf fremde, wun-\nderbare Eilande, um den Einfluss einer sonderbaren Lo-\ncalität auf unsere Einbildungskraft zu versuchen, so wür-\nden wir durch alle Gesetze der Sympathie zu Schumann\nhingezogen werden. Haben wir mehr den Hang, das Vor-\nhandene ohne sinnbildliche Auslegung, Welt und Gesell-\nschaft von ihrer historischen Seite zu nehmen, in der\nKunst mehr die absolute Lösung eines maassvoll Schönen\nals die relative eines Ungeheuren zu suchen, wollen wir\nmehr an- als aufgeregt sein, lieber die Anmuth eines über\ndie Tiefen sicher hinschreitenden, als das tragische Strau-\ncheln eines neue Bahnen suchenden Fusses, so werden\nwir uns Mendelssohn zuwenden.\n„Die dramatische Kraft ist in Beiden gering, sie kön-\nnen sich nicht zu freskenartiger Behandlung ihrer Stoffe\nbequemen, sie haben die Wirkung auf die Ferne nicht\nstudirt, wodurch allein, wie wir an Gluck und Wagner\nsehen, das Dramatische zu perspectivischer Bedeutung\ngelangt. Der Eine ist zu zärtlich, um die Ausführung im\nKleinen aufzugeben, der Andere zeichnet wohl einmal\ndramatisch, aber die Farbe hat immer die schöne Innig-\nkeit des Staffelei-Bildes, statt der strengen Abstinenz der\nFreske. Wer von ihnen grösser war, ich weiss es nicht;\nnur das weiss ich, dass wir in mehr als Einer Hinsicht\nkleiner als sie sind. Der Tod hat den Rangstreit über\ndiese Dioskuren besänftigt, und wir fangen an zu begrei-\nfen, dass sie nur die aus einander gelegten Strahlen Eines\nLichtes sind, welche in uns wieder zu sammeln, wir den\nglückseligen Beruf haben.\""}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5416, "texte": "Die Bemerkungen des Verfassers über Richard\nWagner (Brief X) fassen ganz und gar auf derjenigen\nAnsicht über das Verhäitniss vom Operntext zur Opern-\nmusik, die er in den Worten ausspricht, welche man von\nden unbedingten Anhängern der Schule schon oft gehört\nhat: „Das Buch soll nur der Carton sein und die Musik\nmit ihren Farbenmitteln daraus ein Gemälde herstellen.\"\nDies, wie so vieles Andere über denselben Gegenstand bei\nanderen Aesthetikern, bringt die Sache nicht im Gering-\nsten wester, sondern es wird nur immer wiederholt, was\nGluck gesagt hat, nämlich, dass „die Musik nur die rich-\ntige und wohlangelegte Zeichnung zu coloriren habe\"; wir\nhaben das schon so oft in diesen Blättern widerlegt (noch\nneuerdings in Nr. 26 vom 25. Juni: „Beethoven's Fide-\nlio\"), dass wir jetzt nicht noch einmal darauf zurück kom-\nmen wollen. Die Schöpfer dramatischer Musik zu blossen\nArbeitern in einer Colorir-Anstalt zu machen, ist eine so\nunhaltbare und unwürdige Ansicht von der Tonkunst, dass\nwir nicht begreifen, dass sie an dem Verfasser einen Ver-\ntheidiger findet, zumal, da er, wie doch Manches in dem\nBriefe zeigt, doch nicht zu den blinden Anhängern Wag-\nner's gehört, wenngleich übertriebene Ausdrücke zu seinen\nGunsten (wie z. B. „unermessüches Verdienst\" u. s. w.)\nvorkommen. In Folge dessen wird dann C. M. von Webers\nRuhm mit grossem Unrecht verkleinert, wenn es heisst (S.\n76): „Der das Volk in seinem eigentümlichsten Leben\ntreffende Stoll erklärt die beispiellose Wirkung, welche\ndiese Oper in Deutschland hatte.\" Was erklärt denn den\nErfolg in Russland, Polen, Schweden und Dänemark, in\nParis und in London??— Die Deutschen traf nicht nur der\nStoff, sondern mit ihm zugleich die echt deutsche Musik\ndes Freischütz; aber die neueste musicalische Äesthetik\nwill nun einmal der eigenen Kunst keinen Triumph gön-\nnen und häuft alle Ehren, die diese erringt, auf eine an-\ndere! Der Stoff, der Stoff! und immer der Stoff! Nicht\nweil Weber ein Meister im Coloriren, sondern weil er ein\nm usical isches Genie war, das aus den dürren Umrissen\ndes Buches etwas ureigenes Musicalisches schuf, hat\nder Freischütz die Herzen der Menschen gewonnen, auch\naller derer, die über den Teufelsspuk nur lächeln und die\nAchseln zucken konnten. Seine unsterblichen Melodieen\nbedurften kaum des Textes. Haben die Ouvertüren zum\nFreischütz, zur Euryanthe, zum Oberon Text? Ist es der\nStoff etwa der volkstümliche?? -—, der ihren Erfolg\nmacht? Was reisst denn in ihnen hin? Die Poesie ihrer\nMelodieen und Motive, der Schwung ihrer Steigerung, die\nPracht ihrer Instrumentation. Alles das gibt aber nur das\nmusicalische Genie her; aus dem Stoff brütet es kein Mensch\nmit Müh' und Noth heraus. Ich möchte um keinen Preis\ndem Lorberbaum, den das deutsche Volk für seinen volks-\nthümlichsten lonkünstier gross gezogen hat, auch nur Ein\nBlatt verkümmert wissen seinem volkstümlichsten nicht\ndes wilden Jägers, sondern des deutschen Gesanges we°en\nUnd was ist es denn Anderes, das uns zu Franz\nSchubert zieht? Wie richtig sagt der Verfasser: „Das\nGedicht wird von ihm in seinem innersten Wesen aufge-\nfasst und sein eigentümlicher Sinn heilig gehalten.\"\nGewiss! auer wodurch? Etwa durch Uebersetzung, durch\nUebertragung von Wort in Ton? Versucht es doch; die-\nselben Gedichte sind ja alle noch da: wählet eines! Wenn\nihr nicht ein anderes Poetisches, ein anderes Gedicht,\nnämlich das musicalische, als ein neues hinzuthut, so\nkönnt ihr jenes höchstens in Noten setzen, nimmermehr\naber ein Lied schaffen, das zu Herzen geht.\nDie letzten Versuche Schumann's, Musik zur blossen\nDeclamation zu schreiben, verurteilt der Verfasser ganz\nund gar und spricht dabei folgende Sätze aus: „Sprache\nund Musik wirken beide zunächst nur auf unser Ohr, jene\naber nur symbolisch. Die sinnliche Klangwirkung hat im\nGedicht ungefähr dieselbe Wichtigkeit, welche die dich-\nterische Intention in der Tonschöpfung hat. Denn alle Be-\ndeutung der Sprache liegt doch nur im Gedanken, alle\nBedeutung der Musik doch nur im Tone.\"\nWarum wendet er dieses Axiom nicht auch auf Richard\nWagner an?\nSchliesslich wollen wir aus dem Büchlein, dem wir\nrecht viele Leser wünschen, noch eine Stelle aus dem Briefe\nXV., der das Verhäitniss der Künstler zum Publicum be-\nspricht, mitteilen, die zwar eine sehr locale, d. i. berlini-\nsche, Farbe hat, aber doch so ziemlich überall hinpasst:\n„In jeder Kunst gibt es Werke, die sich nicht vom\nBlatte lesen lassen, deren Schönheit etwas Verborgenes\no\nhat, etwas keusch Herbes, was sich nicht de premier abord\nergreifen iässt. Rauschend hallt ein Tonwerk an Ihnen\nvorüber; was Ihnen der Augenblick enthüllt, wird Ihnen\nzu Theil, was er verdunkelt im Geheimniss lässt, ist verlo-\nren für Sie; denn dieses Werk, Sie hören es nur einmal.\nWelche Partitur könnte sich mit der Probe eines so flüch-\ntigen Genusses begnügen?\n„Wer ist schuld an diesen Missverhältnissen? die Or-\nchester-Dirigenten? Ich glaube, etwas mehr Ueberzeu-\ngungsmuth und Freiheitsstolz wäre ihnen hier und da zu\nwünschen, aber das Publicum tvrannisirt sie, und man\nkann nicht von Jedem verlangen, dass er ein Held sei. Ist\nes nun wohl so unbillig, von dem Publicum einer grossen\nStadt so viel Einsicht in die allgemeinen Kunstverhältnisse\nzu fordern, um nachsichtsvoll und mit einigem Vertrauen\ndie Werke jüngerer Künstler anzuhören? Liegt nicht schon\ndarin, dass ein gebildeter und bewährter Mann dieselben\neiner Aufführung für würdig hält, die Gewährleistung,\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3483, "texte": "dass sie wenigstens nicht schlecht und unreif sein können?\nWarum, edle Frauen und Männer, zieht ihr ein Gesicht,\nwenn ihr auf dem Programm einer Sinfonie-Soiree den\nNamen eines Mannes leset, der nicht vom ältesten Kunst-\nadel ist? Was kann dieser Mann wohl leisten, dem ihr vor\neiner Stunde auf der Strasse begegnet seid? Nun, edelste\nFrauen und Männer, ihr habt eine sonderbare Bureau-\nkratie des Geschmacks, ihr seid plus royalistes que le roi\nLudwig van Beethoven sässe mit keiner so stolzen Stirn\nin einem Conservatoriums-Concert, wie ihr in diesen hei-\nligen Hallen. Ist dieser Classicismus nicht nur ein life-pre-\nserver für die Unselbstständigkeit eures Urtheils? Ich will\neuch eine Geschichte erzählen. In Leipzig spielte man ein-\nmal, ich weiss nicht, vor welchem Drama, die damals völ-\nlig unbekannte Orchester-Suite von Bach. Das Publicum,\ndurch keine Nachricht auf der Affiche von der Autorschaft\ndieser anonymen Ouvertüre unterrichtet, pfiff dieselbe aus.\nMendelssohn war zugegen, und entrüstet über diese Bar-\nbarei, beschliesst er, den Manen Bach's Revanche zu ge-\nben. Das nächste Gewandhaus-Concert begann mit der\nOrchester-Suite von Bach. Mendelssohn dirigirte dieselbe\nmit einem himmlischen Zorn. Wie meint ihr, edle Frauen\nund Männer, dass sich dasselbe Publicum, welches kurz\nvorher dieses Werk beschimpft hatte; im Angesichte\nMendelssohn's gegen dasselbe verhielt? Es applaudirte.\nEs applaudirte mit einem so heiligen Enthusiasmus,\ndass ein eben angekommener fremder Künstler neben mir\nin die Worte ausbrach: „„Welch ein erhebendes Gefühl\nmuss es sein, in einer Stadt zu leben, welche einen so rei-\nnen und sicheren Kunstsinn hat!\" \" „ „Es ist ein erheben-\ndes Gefühl, mein Herr!\"\" erwiderte ich.\n„Aber das sieht einem Hinterhalt nicht unähnlich!\nrufen Sie aus: in eine so grausame Falle wäre jedes Pu-\nblicum der Welt gegangen! Eine Bach'sche Suite in einem\nTheater! Ich räume Ihnen ein, ein Bach'scher Gedanke\nkann nicht schlechter logirt sein; aber im Grunde ist es\ndoch immer derselbe Gedanke, welcher einmal applaudirt\nund einmal ausgepfiffen worden ist. Der Herr führe uns\nnicht in Versuchung! Aber glauben Sie mir, diese That-\nsache könnte auch bei uns vorgefallen sein, nur dass wir\nim Theater höflicher sind und unser Missfallen nicht so\nburschicos ausdrücken. Glauben Sie mir wohl, dass ich\ndieselben kunstgestrengen Köpfe, deren Ohren so empfind-\nlich classisch in den Sinfonie-Concerten sind, mit verzück-\nten Gesichtern im Trovatore gesehen habe, mit Gesichtern,\nauf denen das Vergnügen kein Verstecken spielte? Das\nPublicum zeigt nicht immer sein Privatgesicht, es verbirgt\nes gar zu gern hinter der serieusen Maske. Darin liegt der\nUebelstand. Ein Triumph für die Wahrheit ist aber selbst\ndiejenige Bewunderung, welche nur erheuchelt ist, denn\nsie ist wenigstens ein Zeichen, welcher Werth auf das Be-\nkenntniss derselben gelegt wird. So heuchelt denn etwas\ntalentvoller weiter, fallt nicht so ganz aus eurer Rolle,\nsucht etwas Stil in euer Ivunstgebahren zu bringen. Haltet\nihr es für diplomatisch richtig, euch zur wahren Kunst zu\nbekennen, so achtet auch die Künstler, welche ihr wahr-\nhaftig dienen. Scbliesst nicht jedem ehrlichen Streben vor-\nnehm eure Thür, vergesst nicht, dass alles Grosse einmal\nklein angefangen hat, wie gross auch die Wahrscheinlich-\nkeit sei, dass wir klein bleiben. Tröstet euch nicht damit,\ndass alles Bedeutende und Tüchtige zur Geltung kommen\nmuss: seid lieber darauf bedacht, diesen Process zu be-\nschleunigen.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-08-13-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-08-13_01#c003", "volume": "bmtnabi_1859-08-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "260", "page_fin": "262", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.2.3", "titre_corps": "Zur Musik-Geschichte.", "titre_sommaire": "Zur Musik-Geschichte.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.4", "debut_caractere": 3485, "fin_caractere_exclue": 5339, "texte": "Zur Musik-Geschichte.\nDie günstige Aufnahme, welche das im December vo-\nrigen Jahres in der Hof-Buchhandlung von G. Jonghaus\nin Darmstadt erschienene Werkchen des Hof-Capellmei-\nsters G. S. Thomas: „Die Grossherzogliche Hof-\ncapelle, deren Personalbestand und Wirken un-\nter Ludewig 1., Grossherzog von Hessen und bei\nRhein, als ein Beitrag zu seiner Lebensge-\nschichte und zur Geschichte der Kunstentwick-\nlung Darmstadts\",—bei seinen Lesern fand, liess der\nersten, schnell vergriffenen Auflage eine zweite, vermehrte\nund verbesserte, folgen, die so eben vor uns liegt. Der In-\nhalt, obgleich zunächst einem localen Kunstgebiete geweiht,\nist indessen so allgemein und vielseitig gehalten, dass er\nnicht allein ein specielles, sondern ein universelles Interesse\nin Anspruch nimmt und in Wirklichkeit als ein integriren-\nder Theil der Geschichte deutscher Tonkunst, die ja mei-\nstens an den Höfen kunstsinniger Fürsten gepflegt wurde,\nbetrachtet werden kann. Reich an historischen Begeben-\nheiten, an Actenstücken und biographischen Notizen, be-\nhandelt der Verfasser, der uns zugleich eine getreue Schil-\nderung des Lebens Ludewig's 1., geb. den 14. Juni 1753,\ngest. den 6. April 1830, gibt, die Geschichte der Hof-\ncapelle von ihrer Gründung bis zum Ableben des genann-\nten Regenten, welcher der eigentliche Schöpfer ihres Höhe-\npunktes mit Recht genannt wird. Theils eigen Erlebtes,\ntheils Ueberkommenes wird in anziehender Weise, mei-\nstens durch officielle Belege documentirt, erzählt, dass wir\ndem Verfasser unseren unbedingten Beifall für seine Zu-\nsammenstellung aussprechen müssen. Die Redaction des\nGanzen rührt von dem Hofsecretär C. Merck her. Druck\nund Papier sind gut. Eine besondere Zierde ist das bei-\ngefügte Bildniss Ludewig's I.\nDer Grossherzog von Hessen Ludewig I. war bekannt-\nlich nicht nur ein Gönner und Förderer der Tonkunst, wie"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "261", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5244, "texte": "es deren kaum einen eifrigeren jemals unter den regieren-\nden Herren gegeben hat, sondern er war auch selbst ein\nsehr tüchtiger Musiker im vollkommenen Sinne des Wor-\ntes. Er hatte schon in seiner Jugend beim Cantor Port-\nmann gründlichen Unterricht in der Compositionslehre\ngenommen, verstand seine Partitur sehr gut, blies recht\nbrav Flöte und Waldhorn, spielte Ciavier und besonders\nVioline mit wahrer Virtuosität.\nNicht nur in den Quartetten bei Hofe, sondern auch\nin den Concerten spielte er als Erbprinz stets die erste\nVioline, eben so im Opern-Orchester bei den Aufführun-\ngen, in denen seine Gemahlin und andere Prinzessinnen\nund Prinzen mit auftraten. Bald nach seiner Vermählung\n(19. Februar 1777) wurde die Hofcapelle in Darmstadt\ngegründet. Merkwürdiger Weise wurden auch viele Di-\nlettanten zur Mitwirkung gezogen; das Beispiel des Erb-\nprinzen mochte Veranlassung sein, dass man die damals\nnoch herrschenden (und immer noch nicht ganz ausgerot-\nteten) Vorurtheile gegen eine praktische Kunstgenossen-\nschaft abstreifte und es sich zur Ehre rechnete, zu einem\nOrchester zu gehören, in welchem der künftige Landes-\nherr vorgeigte. So soll die Capelle schon im Jahre 1778\nfünfzig Mitglieder gezählt haben.\nDass fürstliche Capellen im vorigen Jahrhundert eine\nUniform hatten, war häufig; aber dass in Darmstadt auch\nvon den Dilettanten im Orchester verlangt wurde, diese\nUniform zu tragen, kommt uns heutzutage wunderlich\ngenug vor. Das Reglement darüber erschien im Jahre\n1781. Vorgeschrieben waren ein Rock von grünem Tuch\nmit gelben Knöpfen, Kragen, Futter und Aufschläge roth,\nweisse tuchene Weste und Hosen, Hut mit gelbem Knopf\nund Cocarde von Weiss und Roth. Aus dem Rescript vom\n22. November 1781 geht hervor, dass der Erbprinz im\nOrchester selbst diese Uniform trug, weil darin bestimmt\nwird, „dass, wenn es Sr. Durchlaucht gefiele, Höchst-\ndero eigene und des Musik-Directors, Herrn Sarto-\nrius, Uniform durch eine Stickerei zu unterscheiden, dies\nNiemand nachahmen dürfe.\"\nZwölf Dilettanten schafften sich sogleich die Uniform\nan. Es scheint jedoch, dass die Uniform-Geschichte zu\nmancherlei Ordnungswidrigkeiten Anlass gab, denn es fin-\nden sich in den folgenden Jahren mehrere interessante\nRescripte über die Sache, z. B. Verbot, die Uniform und\nnamentlich den Degen ausser dem Gebiete von Darmstadt\nzu tragen, und dergleichen mehr.\nIm Jahre 1790 trat Ludewig I. die Regierung an.\nDer Etat der Capelle wurde auf das Doppelte erhöht, von\n4000 auf 8000 Gulden; Director Sartorius 800, die erste\nSängerin 500, zwei Ilofmusici 450, einer 350, ein ande-\nrer 300, zwei 250, alle übrigen jeder 100 Gulden! In\ndem Disciplinar-Reglement von 1792 findet sich ein Pa-\nragraph, der die Ileirath eines Capell-Mitghcdes nur dann\ngestattet, „wenn die Braut so viel eigenes Vermögen be-\nsitzt, dass sie auch als Witwe davon leben zu können Hoff-\nnung hat. Auch ist von „Ruhestörern und Aufwieglern\"\nund solchen die Rede, „die sich durch Liederlichkeit und\nSchuldenmachen auszeichnen.\" Hier und da dürfte\n§. 2 auch heutzutage am Orchester anzuheften sein:\n„Da wohlgesittete Männer am Lärmen ohnehin einen\nAbscheu haben, so ist auch von Ihnen zu erwarten, dass\nsie das präludiren, welches gänzlich untersagt ist, von Selb-\nsten abschaffen, und das Orchester nicht zu einer Juden\nSchule machen werden, indeme dadurch eine üble Vorbe-\nreitung für die Musik entsteht.\"\nDie Revolutionskriege brachten einige Unterbrechuni;\nin die regelmässigen Musik-Aufführungen. Im Jahre 1801\nverlegte der Landgraf die Concerte und Proben aus dem\nSchlosse nach dem Opernhause; von da an spielte er nicht\nmehr die erste Violine, sondern dirigirte nach der Parti-\ntur mit einem Tactstocke. Nach Vorübergang der politi-\nschen Stürme wurde der Etat der Capelle 1804 schon\nbedeutend vergrössert, dann 1806 nach Annahme des\ngrossherzoglichen Titels, und 1809, wo er beinahe 14,000\nGulden betrug (General-Musik-Director Sartorius 1100,\nConcertmeister G. Mangold 850 Gulden u. s. w.).\nIm Jahre 1810 wurde das Theater als „Grossherzog-\nhches Iloftheater\" begründet. Ludewig I. ernannte zwar\neinen Intendanten, blieb aber selbst unmittelbarer Vorge-\nsetzter der Capelle, denn er sagte: „Die Adeligen haben\nihren Adelstolz und die Künstler ihren Künstlerstolz, und\nbeide Elemente harmoniren nicht zusammen\" (S. 59). Den\nOpernproben wohnte er regelmässig bei und griff mit\nVerstand und voller Sachkenntniss ein. Vom Jahre 1826\nan betrug der Etat der Hofcapelle 50,000 Gulden (auf\nder Civilliste durch die Landstände dafür ausgesetzt) und\n8890 Gulden Zuschuss aus der Cabinetscasse; im Ganzen\n58,890 Gulden.\nDiese kurzen Angaben werden genügen, das Interesse\nfür das Buch zu wecken. Anziehend ist ferner, ausser vie-\nlen Notizen über bedeutende Künstler jener Zeit, das Ver-\nzeichniss sämmtlicher Opern, welche von 1810 bis 18-30\nunter steter Theilnahme des Grossherzogs aufgeführt und\nvon den Hof-Capellmeistern G. Mangold, Karl Wagner,\nVal. Appold, Willi. Mangold und G. Seb. Thomas dirigirt\nworden sind.\nAls Curiosum und Beitrag zu der Bequemlichkeit und\nAnmaassung der Sänger geben wir noch folgende Notiz:\n„In der vierten Periode vom Jahre 1825 bis zum\nJahre 1830 fing die Glanz-Periode der Oper an zu ver-\nbleichen, denn Wild, ihr erster Stern, verliess Darmstadt,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "262", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4127, "texte": "und ein Tenorist wie er ist ein Komet, der nur selten am\nKunsthimmel erscheint.\n-Wild war mit 6000 Fl. Gehalt jährlich engagirt.\nEr war der Liebling des Hofes und des Publicums, be-\nsonders war ihm Ludewig 1. sehr gewogen. Allen seinen\nWünschen suchte mau auf das bereitwilligste entgegen zu\nkommen. Nach jeder Operu-Vorstellung, in welcher er zu\nthun hatte, berieth sich der Grossherzog mit ihm über die\nnächste Oper, und es stand nur bei ihm, eine solche vor-\nzuschlagen, in welcher er am liebsten auftrat. Es stand\nihm ausserdem jederzeit eine Hof-Equipage zu Gebote. Es\nhing nur von ihm ab, sich seine Zukunft auf das vortheil-\nhafteste zu sichern. Nun wurde aber von Ludewig 1. mit\nstrengem Kunstsinne auf alles gesehen, was er zur voll-\nkommenen Darstellung eines Stückes für nöthig erachtete.\nDazu gehörte, dass das Proscenium von den Darstellern\nnicht überschritten werden durfte, weil es gleichsam als\nder Rahmen des darzustellenden Bildes zu betrachten sei,\nzu welchem Ende er die Gränzlinie durch ein dunkles Fries\nauf dem Podium bezeichnen liess. Möchte es nun sein, dass\nWild im Feuer der Action darüber hinaus schritt, genug,\ner that es und zog sich desshalb eine ernste Allerhöchste\nRüge zu. Dieses verdross Wild, und er begehrte seine Ent-\nlassung. Bei der nächsten Probe kam ihm Ludewig I. auf\ndas huldvollste entgegen und drückte den Wunsch aus, er\nmöge sein Enflassungsgesuch zurücknehmen und ihm das\nVergnügen seiner alten Tage nicht stören. Wild wurde\nvon dieser gnädigen Zuspräche so ergriffen und gerührt,\ndass er mit Freuden darauf einging und aufs Neue blieb.\nDoch es traten bald neue Conflicte ein, die den Bruch un-\nheilbar machten und Wild's wirkliche Entlassung herbei-\nführten. Dismas Fuchs erzählt in seinem chronologischen\nTagebuche hierüber Folgendes: „„Die Gluck'sche Iphi-\ngenie in Tauris streute den Samen des Unheils, der schnell\nzur gifterfüllten Frucht aufschoss. Diese Oper sollte näm-\nlich einstudirt werden, und Herrn Wild war die Rolle des\nOrestes zugetheilt, die er früher schon in Wien, aber mit\nanderem Texte, gesungen hatte. Er bat, seine einmal an-\ngelernten Worte beibehalten zu dürfen, was ihm auch\nAnfangs gestattet wurde. Doch bei den ersten Proben er-\nzeugte die Verschiedenheit der Texte manchen Missstand;\nden Grossherzog selbst schien es ungemein zu geniren, dass\ner Anderes hörte, als er in seiner Partitur las. Er äusserte\nUnzufriedenheit, die nach und nach in lauten Unwillen\nüberging. Wild konnte recht wohl einsehen, dass er zu\nallen daraus entstehenden Unannehmlichkeiten Anlass gab;\ndoch schien er sich dem Ganzen nicht fügen zu wollen,\nentweder weil er durch früher erlangte Erlaubniss zur\nBeibehaltung seines Textes ein Recht zu haben glaubte,\noder weil seine Hypochondrie, woran er periodisch litt,\nihn zu unfreundlicher Hartnäckigkeit verleitete. Er sah den\nUnmuth bei den Proben sich immer mehr verbreiten und\nwollte sich nun zurückziehen; denn er bat, vermuthlich in\ndieser Absicht, den Grossherzog in einem unterthänigsten\nGesuche, dass Höchst derselbe ihn seiner Gesundheit we-\ngen von ferneren Proben dispensiren und für dieselben\neinen Substituten zu ernennen oder widrigenfalls ihm seine\nEntlassung zu ertheilen gnädigst geruhen möchte. Der\nGrossherzog pflegte von je her bei dergleichen Alternati-\nven das Letztere zu gewähren; er blieb auch gegen Herrn\nWild in seiner Handlungsweise consequent und resolvirte\nam 10. Januar 1825 dessen verlangten Abschied. Dieses\nEreigniss brachte allgemeine Sensation hervor; man be-\ndauerte ungemein, den ersten Sänger Deutschlands, auf\ndessen Besitz man stolz gewesen, verloren zu haben, und\naus einem so kostbaren Schmucke, wie die hiesige Oper\nwar, das edelste Kleinod gewaltsam herausgebrochen zu\nsehen.\"\" Wild wäre nun gern wieder geblieben, der\nganze Hof interessirte sich dafür und gab sich alle Mühe,\nes dahin zu bringen. Ludewig I. aber, der ihm in seiner\nLangmuth seine Entlassung nicht gleich bewilligt, sondern\nihm acht Tage Bedenkzeit gegeben hatte, erklärte nun,\nnachdem diese Frist ohne Erfolg verstrichen war, Wild\nsei für ihn.todt, und liess sich durch nichts von seiner Ent-\nSchliessung abbringen.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-08-13-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-08-13_01#c004", "volume": "bmtnabi_1859-08-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "262", "page_fin": "263", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.2.4", "titre_corps": "August Panseron.", "titre_sommaire": "August Panseron.", "signature_source": "Gazette Mus. de Paris", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "262", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.6", "debut_caractere": 4129, "fin_caractere_exclue": 5193, "texte": "August Panseron.\n\n(Nekrolog.)\nEine zahlreiche Menge von Künstlern und angesehe-\nnen Personen füllte am Sonntag den 31. Juli die Kirche\nSt. Eugene in Paris, in welcher die Obsequien für August\nPanseron gefeiert wurden, den ausgezeichneten Compo-\nnisten, der seit dreissig Jahren Professor am Conservato-\nrium der Musik und Ritter des Ordens der Ehrenieeion,\no 9\nder niederländischen Eichenkrone und des preussischen\nRothen Adler-Ordens war.\nNach dem Gottesdienste, bei welchem das Pie Jesu\nvon seiner Composition und eine Arie von Stradella gesun-\ngen wurden, bewegte sich der Leichenzug nach dem Kirch-\nhofe des Pere-Lachaise. Die Zipfel des Sargtuches hielten\nabwechselnd die Herren Auber, Halevy, Ambr. Thomas,\nBaron Taylor, Eduard Monnais und Java!. Monnais, Baron\nTaylor und Elwart sprachen am Grabe, der ersterc als\nVertreter des Conservatoriums, der zweite als Präsident\ndes Tonkünstler-Vereins, der dritte im Namen der ehema-\nligen Stipendiaten von Rom.\nPanseron wurde zu Paris den 26. April 1795 gebo-\nren. Als Sohn eines' Gesang- und Harmonie-Lehrers, der"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "263", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2801, "texte": "ein vertrauter Freund Grdtry's war, trat er früh als Zög-\nling in das Conservatorium ein und erwarb sich schon\n1806 den Preis im Solleggiren, dann 1809 in der Har-\nmonielehre, für das Violoncell im Jahre 1811 und für die\nFuge im Jahre 1812. Im folgenden Jahre erhielt er den\ngrossen Preis, mit welchem ein Stipendium für Rom ver-\nbunden ist. Er vollendete seine Studien in Italien zu glei-\ncher Zeit mit Garcia und Sihoni, und die guten Früchte\nderselben verschafften ihm eine zweijährige Verlängerung\nseiner Pension. Diese Zeit benutzte er zu Meisen in Deutsch-\nland und Hussland. Er war eine Zeit lang, wie früher\nHaydn, Capellmeister beim Fürsten Esterhazy. Er schrieb\neine iialiänische Oper und nach seiner Rückkehr nach Pa-\nus einige komische Opern und eine grosse Anzahl Ro-\nmanzen, welche grossen iirfolg hatten und eine allgemeine\nVerbreitung erlangten.\nHauptsächlich gründete er seinen Ruf durch die be-\nrühmten grösseren didaktischen Werke, die in alle Spra-\nchen übersetzt und fast in allen Conservatorien der Musik\neingeführt wurden. Als Componist erlangte er auch durch\nmehrere liirchen-Compositionen bedeutende Geltung. Ein\nRequiem, ein De profundis,eine Messe für den Fürsten\nEsterhazy, mehrere Blessen für den Tonkünstler-Verein,\nderen Aufführungen der Vereinscasse zu Gut kamen, wer-\nden sein Andenken bei allen Musikern lebendig erhalten.\nIm Janre 1843 wurden seine vielfachen Verdienste durch\nVerleihung des Ordens der Ehrenlegion anerkannt.\nPanseron war als Mensch liebevoll und liebenswürdig,\nein Mann von Charakter und ein trefflicher Familienvater.\nEr wusste die Freiheit und Unabhängigkeit, die der Künst-\nler nöthig hat, sehr wohl mit der Ordnung und Ehre des\nHauses zu vereinigen. Erarbeitete leicht und viel, und seine\nThätigkeit nahm mit den Jahren eher zu als ab. Je älter\ner wurde, desto fester hielt er an dem Glauben seiner Ju-\ngend, an den künstlerischen IJeberzeugungen, welche die\nHochachtung und Verehrung seiner Lehrer und der älte-\nren Meister in ihm geweckt und\"befestigt hatten. Er theilte\nsie nicht nur mit Ernst und Eifer, sondern mit wahrer\nLiebe zur Kunst und mit Begeisterung für das wahrhaft\nSchöne in der Musik seinen zahlreichen Schülern mit.\nPanseron hatte ein glückliches Leben ein Wort,\ndas selten an dem Grabe eines Künstlers ausgesprochen\nwerden kann. Er war glücklich durch sich selbst und\ndurch diejenigen, die ihn zunächst umgaben. Dass er auch\nauf Undankbare auf Neidische stiess, liess keine Bit-\nterkeit in seinem Herzen; er selbst war von kleinlicher\nEifersucht frei, wie wenige unter den Künstlern ein\nzuverlässiger Freund der Freunde, fand er seine Freude\ndarin, das aufkeimende Talent zu unterstützen und em-\npor zu bringen.\nDas Conservatorium verliert in ihm einen seiner älte-\nsten und tüchtigsten Professoren.\n\n(Gazette Mus. de Paris.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-08-13-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-08-13_01#c005", "volume": "bmtnabi_1859-08-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "263", "page_fin": "264", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.2.5", "titre_corps": "Fräulein Titjens und Frau Czillàg.", "titre_sommaire": "Fräulein Titjens und Frau Czillàg.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "263", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.7", "debut_caractere": 2803, "fin_caractere_exclue": 6322, "texte": "Fräulein Titjens und Frau Czillàg.\nDie Neue Wiener Musik-Zeitung (von F. Glög-gl) ent-\nhalt unter dem Titel: „Fräulein Titjens und Frau Czillag,\nein Beitrag zur Würdigung des Standes der jetzigen Gesangskunst,\nvon II —L. einen sehätzenswerthen Aufsatz, der durch die Erfolge\nder ersteren in London und der anderen in Paris (Fides, Favorite)\nund durch das Engagement beider Damen in London (Friiul. T. ri\nder jetzigen Saison, Frau Cz. für 1860-1862) veranlasst ist. Es\nheisst darin u. A. :\n„Nebst dem Vorzuge vielseitiger Verwendbarkeit (Iphigenie,\nDonna Anna, Agathe, Euryanthe, Alice, Valentine, Bertha, Gräfin\nin } igaio, JVlaitha, Elvira in Ernani, Helene in den sicilischen Ves-\npern, Luciezia Borgia) besitzt Fitjens eine klangreiche,\nim Ganzen hinreichend starke, leicht ansprechende Stimme, deren\ntiefere Lage jedoch an Kraft nnd Klangfülle der höheren nachsteht.\nDiese Stimme hat einen angenehmen, zum Herzen sprechenden\nlimbre, so oft sie im Dienste milderer Gefühls-Stimmungen verwandt\nwiid und dci liiusicalische featz sich in geschmeidigen ge~\nfälligen Rhythmen und Wendungen bewegt. Den stärkeren dramati-\nschen Nachdruck, den tief leidenschaftlichen Accent verträgt das\nzarte Organ nicht so gut, und bei schwierigeren Tonansätzen und\nTonverbindungen zeigt es sich spröde und verliert seinen sympathe-\ntischen Reiz, Ein weiterer und vielleicht der grösste Vorzug dieser\nSängerin ist die Natürlichkeit ihres Vortrags, was ihr in einer Zeit,\nwo Unarten und Verzerrungen aller Art an der Tagesordnung sind\nund sich des Beifalls der Ungebildeten versichert haben, nicht hoch\ngenug angeschlagen werden kann. Fräulein Titjens hat ihr Stimm-\nRegister in eine angenehme Gleichheit zu bringen gewusst, keines\nbläht sich grell auf, kein Ton sucht einen ihm nicht von der Natur\ngestatteten Kraft-ElFect zu erzwingen, wie es jetzt so häufig der\nFall ist; ihr Gesang artet nie in Schreien aus, und sie vermeidet die\nübermässigen Contraste.\n„Betrachten wir nun aber den Antheil, den Geist und Seele an\nihrem Gesang und Spiel haben, betrachten wir den Höhegrad ihrer\nVortrags- und Darstellungskunst. Höhere Aufgaben liegen offenbar\nganz ausser dem Kreise ihres geistigen Vermögens; ihre Donna Anna\ngibt beispielsweise auch nicht eine Spur der hohen Poesie dieses\nCharakterbildes wieder; ihre Iphigenie erhebt sich weder im Spiel\nnoch im Gesänge zu der idealen Schönheit dieser reinen Priesterin\nder Weiblichkeit, und ihre Jessonda und Euryanthe vermögen eben\nso wenig zu befriedigen. Wahrhaft tragischen Aufgaben ist sie we-\nder geistig noch physisch gewachsen; es fehlt ihr zur Darstellung\nder Leidenschaft jene Spannkraft der Seele, die sich jede, auch die\nausserordentlichste, Stimmung sogleich zu eigen zu machen, jenes\nbereite Gefühl, das sich in die ungeheuersten moralischen Leidens-\nZustünde mitempfindend sogleich hinein zu leben versteht. Daher\nwerden auch ihre Leistungen in jenen tragischen Partieen, die ganz\neinfach angelegt sind und auch in der musicalisch-dramatischen Ac-\ncentuirung keine tiefer liegenden Feinheiten und überraschenden Wen-\ndungen bieten, wie die Valentine in den Hugenotten (obwohl eine\nihrer vorzüglichsten Leistungen), nie ganz befriedigen können, indem\ndie Mitwirkung einer warmen, begeisterten Seele hier um so mehr\ngefordert werden muss, als jene des Geistes minder in Anspruch\ngenommen wird.\n„Die Gesangskunst des Fräuleins Titjens ist so weit vorgeschrit-\nten dass sie sich nicht nur im getragenen, sondern auch im figurir-\nten Gesänge recht anständig zu behaupten ihr Ansatz ist"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "264", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2463, "texte": "in der Regel rein, fest und sicher, jedoch in schwierigen Intonations-\nfällen, bei Intervallen, die ausser den gewöhnlichen, fliessig melodi-\nschen Tonfolgen liegen, keineswegs von stets gleicher Vollendung;\ndas Tragen der Töne, das Heben, Schwellen und Verklingenlassen\nderselben, so wie das Singen mit halber Stimme, die Melismen des\nVortrags hat sie bis zu einem Grade der Ausbildung inne, der den\nnöthigen Licht- und Schattenwechsel in das Tongemälde bringt und\ndem Ausdrucke zarterer Empfindungen, ohne in Monotonie zu ver-\nfallen, gerecht wird; allein der feinere Schmelz fehlt auch hier.\nWenn man die Zauber einer Jenny Lind in der Erinnerung hat,\nkann man diese Ausbildung nicht hoch über das Niveau des Mittel-\nmässigen stellen. Eben so verhält es sich mit der Coloratur; man\nkann der Sängerin in dieser Beziehung so viel Gewandtheit und Ge-\nschicklichkeit, als ihr Rollenfach erfordert, nicht absprechen, und sie\nwird uns nicht leicht verletzen oder wegen des Gelingens bange\nmachen, aber von jener Feinheit nnd Fliessigkeit der Ausführung,\nvon jenem Reize der Betonung, der den besseren italiänischen Sän-\ngerinnen auch heutiges Tages im figurirten Gesänge noch eigen ist,\nfindet sich wohl keine Spur bei ihr.\n„Die vorzüglichsten Gesangsleistungen des Fräuleins Titjens sind\nsowohl was Vortrag als Ausdruck betrifft jene, in welchen\ndas dramatische und das lyrische Element sich milde durchdringen\nund die Wogen der Gefühle und Leidenschaft nicht hoch gehen,\nwofür ihre Gräfin in Mozart's Figaro, ihre Alice im Robert u. dgl.\nschöne Beweise abgeben.\n„Im Ganzen genommen, erhellt aus dem Vorausgesagten, dass\nder genannten Künstlerin die wesentlichen Erfordernisse zu einer\ngrossen Opernsängerin fehlen; sie hat weder den Geist, der das Hohe\nund Tiefe aufzufassen, die genialen Züge einer classischen Tondich-\ntung an das Tageslicht zu bringen und flacheren Aufgaben interes-\nsante Seiten abzugewinnen vermag, und überrascht daher nie, noch\nbesitzt sie jene Feuerseele, die das Dargestellte aus dem Innersten\nheraus zu beglaubigen, die uns zu ergreifen, zu rühren, zu erschüt-\ntern vermag; jede Darstellung bleibt auf der Oberfläche; der Aus-\ndruck ist in der Regel äusscrlich, leer und matt. Nebstbei fehlt der\nhöhere Schliff der Gesangskunst, der Reiz der freien Schönheit, die\nvon der sicheren Beherrschung der Mittel abhängt, und auch ihrer\nfür die Bühne nicht ungünstigen Persönlichkeit fehlt der höhere\nAdel, das geistige Gepräge.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-08-13-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-08-13_01#c006", "volume": "bmtnabi_1859-08-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "264", "page_fin": "264", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "264", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.8", "debut_caractere": 2465, "fin_caractere_exclue": 6202, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMola*. A m vergangenen Montag den 8. d. Mts. führte die\nSin g-Ak a dem i e unter der Direction des königlichen Musik-Di-\nrectors Herrn F. Weber im Casinosaale zur Gedächtnissfeier an\nMichael DuMont-Fier das Requiem von Mozart auf.\nCapellmeister F. Hill er gebraucht die Cur in Kissingen.\nElberfeld. Das neue Casino-Gebäude geht seiner Vollendung\nentgegen; die Hauptzierde desselben wird der Concertsaal sein.\nDerselbe ist 125 Fuss lang, 39 Fuss breit, 28 Fuss hoch und er-\nhält eine Orgel von 4000 Tlialern aus der berühmten Werkstatt\nder Herren A. Ibach Söhne in Barmen. Die Einweihung des Saa-\nles findet bereits in diesem Herbste durch die Aufführung des Mes-\nsias von Händel Statt, wobei die Gesang-Vereine von Elberfeld und\nBarmen unter H. Schornstein's Direction vereinigt mitwirken\nwerden.\nIn Bar m e n ist ebenfalls ein neuer Concertsaal im Gesell-\nschafts-Gebäude der Concordia im Bau begriffen, 103 Fuss lang, 46\nFuss breit, os£ Fuss hoch, mit einem Vorsaal von 4G Fuss Länge\nund 15 Fuss Breite. Auch dieser Saal wird eine Orgel (von circa\nThlxn.) erhalten. Es ist sehr erfreulich, dass man in Deutsch-\nLand endlich auch beginnt, in den Concertsälen eine Orgel aufzu-\nstellen, was in England schon seit lange Regel ist, und doppelt er-\nfreulich, dass unsere rheinischen Städte darin vorangehen.\nKöln, dessen Gürzenichsaal die rechte Prachthalle für Orgelklang\nund Chorgesang ist, lässt sich also dieses Mal den Rang von zwei\nkleineren Schwesterstädten ablaufen, denn der Gürzenich hat noch\nkeine Orgel, ja, ganz Köln mit allen seinen herrlichen Kirchen be-\nsitzt keine einzige Orgel, die des gegenwärtigen Standpunktes\nder Orgelbaukunst würdig wäre.\nAachen, 8. August. In einer der letzten Nummern Ihrer Zei-\ntung haben Sie die Ankunft des Kammer-Virtuosen Singer bei uns\nangekündigt. Sie war uns allerdings vertragsmässig für das städti*-\nsehe Concert am 11. Juli zugesagt, allein Tags vorher liess er uns\nohne alle weitere Umstände wissen, dass er für denselben 11. Juli\njetzt ein Engagement in Homburg angenommen habe ; wahrscheinlich\nglaubte er, dass die Anwendung der Telegraphie auf das Violinspiel\nschon erfunden sei! Nun, der Ausfall hatte das Gute, dass wir\nim folgenden Concerte den 2. August Herrn von Königs low hör-\nten, den zweiten aus der Gruppe von ausgezeichneten Künstlern,\nden uns Köln binnen Kurzem zugesandt. Auch er hat den musica-\nlischen Ruf Ihrer Stadt würdigst vertreten, und es bedarf nicht\neiner neuen Bestätigung, dass er zu den ersten Violinisten unserer\nZeit gehört. Es genügt, wenn wir Ihnen sagen, dass er bei uns das\nConcert Nr. 7 von Spolir, die Reverie von Vieuxtemps und die un-\ngarischen Variationen von M. Hauser meisterhaft gespielt und en-\nthusiastischen Beifall und die Ehre des Hervorrufs erlangt hat, die\nniemals mit vollerem Rechte verdient gewesen.\nDie drei Gesänge für gemischten Chor ohne Begleitung von\nHeuchemer, von etwa zwölf Personen vortrefflich gesungen, Hes-\nsen den frühen Hintritt dieses begabten Künstlers von Neuem be-\ndauern. --- Von Instrumen talwerken wurden Che ruh in Ts Ouver-\ntüre zum Wasserträger und Mendelssohn's Sinfonie in A-dur von\ndem Orchester unter Herrn Wiillner's Leitung mit gewohnter\nPräcision ausgeführt. N.\nIPswis. Mario wird Impresario in Madrid, oder wie die hie-\nsigen Blätter es ausdrücken: „// s'est reserve la surveillance ad-\nministr at ive et la direction du chant.u Mad. Julia Grisi, Sarolta\nu. s. w. und die Herren Ronconi, Pavani, Bouche, Butti und andere\nlulti aus dem Corps der alten italiänischen Garde gehen mit.\nFräulein Titjens wird in Begleitung von Fräulein\nGuarducci, der Herren Giuglini, Badiali, Vialetti u. s. w.\neine „Operalic and Concert Tour\" durch England, Schottland und\nIrland machen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "257", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBriefe über Musik an eine Freundin. Von Louis Ehlert. Schluss. Zur Musik-Geschichte (Die Grossherzog-\nliche Hofcapelle in Darmstadt unter Ludewig I. Von Hof-Capellmeister H. S. Thomas). August Panseron (Nekrolog). Fräulein\nTitjens und Frau Czilläg. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Aufführung von Mozart's Elberfeld. Neuer\nConcertsaal, Barmen, Neuer Concertsaal Aachen, Concert Paris London).\n\nBriefe über Musik an eine Freundin.\nVon Louis Ehlert.\n(Schluss. S. Nr. 32.)\nBei den Betrachtungen über Mendelssohn berührte\nEhlert bereits Robert Schumann (s. Nr. 32, S. 254,\nSp. 1); Weiteres über ihn bringen die Briefe VIII. und\nIX., doch mehr Phantasieen über die besondere Natur die-\nses Tondichters, als Analyse seiner künstlerischen Entwick-\nlung und seiner Schreibart. Auffallend war es uns, dass\nder Verfasser wohl von Jean Paul'schen und Hoff'mann'-\nschen Anregungen bei Schumann spricht, also von der ver-\nführerischen Strömung der Bomantik in der Literatur,\naber den Vorgang und den Einfluss eines Musikers,\nChopin's, gar nicht erwähnt. Das schlägt etwas in die Dol-\nmetscher-Manier der neueren, meist literarischen Musik-\nAesthetiker ein, welche den Stil eines Componisten lieber\naus allen möglichen Einwirkungen erklären, als aus natür-\nlichen musicalischen Einflüssen und aus musicalischen Vor-\nbildern. Letzteres verbietet besonders die Originalitäts-\nPrämie, die den Lieblingen nothwendig zuerkannt werden\nmuss. Die Schwärmereien des Verfassers für die Manfred-\nOuvertüre und für Mignon's Bequiem können wir nicht\nganz theilen. Mehr stimmen wir mit folgenden interessan-\nten Stellen überein:\n„In eine frühere Zeit fällt die Sehnsucht Schumann's,\nsich in die Kinderwelt zu versenken, ihre naiven Gefühls-\nkreise sich wieder anzueignen, und auf diese Weise das\nideelle Bedürfniss nach einem vollendet reinen Gemüths-\nleben zu befriedigen. So entstehen jene kleinen Scenen, in\nihrer keuschen Abgeschlossenheit von keinem der vielen\nNachahmer erreicht, welche zu glauben schienen, dass das\nKindliche auch kindisch sein dürfe, und dass sie nicht rein\nzu sein brauchten, um das darzustellen, was allein durch\nseine Beinheit fesselt. Nach solchen Proben eines bald auf\ndas Symbolische, Fremdartige, bald auf das völlig Harm-\nlose, naiv Sittliche gerichteten Geschmacks kann es nicht\nweiter auffallen, dass Schumann eine Vorliebe für das\nMorgenland gewinnt, dass er sich in die östlichen Beize\nPeri's verliebt und durch die Bückert'schen Makamen für\nden wunderlichen Helden Abu Seid Sympathieen empfin-\ndet. Das Chevalereske der maurischen Bomantik treibt ihn\nzum „ „spanischen Liederspiel\"\", und Burns, der schotti-\nsche Heine, führt ihn ins Hochland. Für die Kirche schreibt\ner nicht; statt nach Jerusalem zu wandern, pilgert er lie-\nber mit der Kose, und doch liegt über seiner Weltlichkeit\nein Hauch frommer, altdeutscher Gottesfurcht, welcher mir\nin seiner Demuth lieber ist, als die dramatischen Beschwö-\nrungsformeln, mit denen in unseren Tagen Gott citirt wird.\nIch spreche hier nicht von der Missa solemnis, jenem\neigentümlichen Glaubensbekenntniss eines ganz incommen-\nsurabeln Geistes, mit dem zu vergleichen wir uns hüten\nsollten, sondern von jenen convulsivischen Bestrebungen\neiniger jüngeren Künstler, die Kirche zum Schauplatz\nihrer persönlichen Verirrungen zu machen und der Ver-\nehrung des höchsten Wesens einen novellistisch profanen\nAusdruck zu geben. Wo das Bedürfniss vorhanden ist,\nGott zu suchen, da sollte man ihn nicht wie ein Markt-\nschreier anrufen. Fühlt ihr euch genöthigt, Priester zu\nwerden, so greift die Hostie wenigstens mit reinen Händen\nan. Aber wir scheinen dazu geboren zu sein, in allen\nKünsten die Versuche einer grauenhaften Vermischung\nder Stile und Stoffe zu erleben: die Weltgeschichte wird\nin Kinderköpfen dargestellt, die Kirche in ein Theater, das\nTheater in eine Kirche verwandelt, die Jungfrau Maria\ngemeisselt, statt gemalt, der Thurmbau Babels gemalt,\nstatt gedichtet. Ich tröste mich mit der Hoffnung, dass das\nBewusstsein über die Gränzen jeder einzelnen Kunst nach\nso viel Experimenten immer lebendiger in uns werden\nmuss. Jeder Irrthum ist ein der Wahrheit geleisteter\nDienst, und es hat nichts zu sagen, wenn in unserer Kunst\ndie Verblendung so weit geht, eine falsche Genialität theo-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "258", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.2", "texte": "retisch zu construiren. Wird der sinnlichen Schönheit\naufs roheste ins Gesicht geschlagen, so sagen diese jüng-\nsten Philosophen, die „ „Naturseite\"\" der Kunst werde\nhier zum Vortheil der „„Idee\"\" negirt; leben zwei Ac-\ncorde in verbotener Vertraulichkeit neben einander, so\nmüssen wir zu unserem Erstaunen hören, dass die Kunst\neine offenbare Erweiterung erfahren hat, indem hier zu\nGunsten der „ „Idee\"\" der naturgemässe Vermittlungs-\nAccord übersprungen sei. Wir werden auf diese „ „Idee\"\"\nnothwendig sehr neugierig und erfahren zu unserer Satis-\nfaction, dass der Componist sich bei dieser Partitur den\nrasenden Roland vorgestellt hat. Diese Entschädigung hat\nwirklich etwas bürgerlich Gemüthliches. Wir erleben es\nnoch, dass eine sinfonische Dichtung unter der Devise\n„ „Lebenund Thaten des Ritters de laMancha\"\" geschrie-\nben wird, und dass man uns die Wunder dieser genialen\nDonquixoterie mit derselben Familien-Inbrunst preis't,\nweiche in den Annalen neuester Musik-Kritik so rührend\nauf unser Mitleid subscribirt. Das klingt sehr spöttisch,\naber wahrhaftig, Madame, wer über gewisse Dinge nicht\nlachen muss, der kann überhaupt nicht mehr lachen.\n„Auf die blühende, farbenprächtige _Z?-</«r-Sinfonie\nSchumann s, deren geschwisterliches Verhältnis« zur Peri\nunverkennbar ist, folgen eine Reihe von Sinfonieen und\nOuvertüren, aber fast scheint es, als lähme die strenge\nAdministration, welcher sich die Gedankenwelt beim Ein-\ntritt ins Orchester zu unterwerfen hat, die Flügel dieser\nschwärmerischen Phantasie. Am originellsten und unend-\nlichsten ist seine Erfindungskraft in denjenigen Werken,\nan welchen das Ciavier betheiligt ist, wie das Quintett und\nQuartett in Es, die mit Geige und das Cla-\nvier-Concert. Im Fs-mott-SaXze der dritten Sinfonie finden\nwir schon einen Vorläufer jener Manfredischen Stimmung,\nwelche in der Ouvertüre zum vollendetsten Ausdruck er-\nhoben wird. Die letzten Werke des Meisters tragen die\nunverkennbaren Spuren der grauenvollen Nacht, welche\ndas Schicksal über dieses edelste Geffiüth verhängt hatte.\nDie Gestaltung wird vage, die Stimmung verdüstert und\nschwankend, die Erfindungskraft mehr wunderlich als tief,\nder Rhythmus fieberhaft und die Harmonie schönheits-\nfeindlich.\n„Schumannismus und Mendelssohnismus sehen wir\neine geraume Zeit als schroite Gegensätze sich bekämpfend.\nNicht die Freundschaft der grossen Meister vermag die\nSpaltung zu versöhnen, welche durch Partei-Leidenschaft\nimmer gränzenloser, immer schwieriger wird. Alles, was\nsich einer dieser Richtungen sympathisch anschliesst, wen-\ndet sich erbittert gegen die Freunde der anderen. Der En-\nthusiasmus erreicht, wie immer in solchen Entscheidun-\ngen, die Höhe einer persönlichen Gereiztheit und ver-\nschliesst sich der Gerechtigkeit. Keine Mitte! werden ge-\nscheut, eine übertriebene Vorliebe durch die gewaltsam-\nsten Argumente zu entschuldigen; man vergreift sich selbst\nan der Moralität des Einen, verklagt die Religion des An-\nderen, damit dieser thörichte Brand auf die mittelalter-\nlichste Weise geschürt werde. Nicht mehr leiten die gros-\nsen, beiden Meistern gemeinsam angehörenden Grundzüge\nzu dem so nahe liegenden Versuche, sich der verschiede-\nnen Lebensäusserungen einer verwandten Geisteskraft als\neines Doppelgewinnstes dank barlichst zu erfreuen, das\nUeberschwängliche hier, das Maassvolle dort mit Bewusst-\nsein zu erkennen, sondern der Hang nach einem isolirten\nBehagen maskirt nur die gemeine Lust, Eines auf Kosten\ndes Anderen herabzusetzen, durch die Verehrung Dieses\nvon der Anerkennung Jenes auszuschiiessen. Wo eine\ngleiche oder ähnliche Ursache zweierlei Wirkungen hervor-\nbringt, da tritt die Vorliebe in ihr Recht. Bergen wir ein\nUnendliches, Unaussprechliches in uns, schlingt sich der\nFeuergürtel einer verzehrend heissen, zu Schwelgerei auf-\ngelegten Sehnsucht um uns, haben wir die Eigentümlich-\nkeit, die Welt und ihre Erscheinungen mehr symbolisch\nals naiv zu erklären, retten wir uns gern auf fremde, wun-\nderbare Eilande, um den Einfluss einer sonderbaren Lo-\ncalität auf unsere Einbildungskraft zu versuchen, so wür-\nden wir durch alle Gesetze der Sympathie zu Schumann\nhingezogen werden. Haben wir mehr den Hang, das Vor-\nhandene ohne sinnbildliche Auslegung, Welt und Gesell-\nschaft von ihrer historischen Seite zu nehmen, in der\nKunst mehr die absolute Lösung eines maassvoll Schönen\nals die relative eines Ungeheuren zu suchen, wollen wir\nmehr an- als aufgeregt sein, lieber die Anmuth eines über\ndie Tiefen sicher hinschreitenden, als das tragische Strau-\ncheln eines neue Bahnen suchenden Fusses, so werden\nwir uns Mendelssohn zuwenden.\n„Die dramatische Kraft ist in Beiden gering, sie kön-\nnen sich nicht zu freskenartiger Behandlung ihrer Stoffe\nbequemen, sie haben die Wirkung auf die Ferne nicht\nstudirt, wodurch allein, wie wir an Gluck und Wagner\nsehen, das Dramatische zu perspectivischer Bedeutung\ngelangt. Der Eine ist zu zärtlich, um die Ausführung im\nKleinen aufzugeben, der Andere zeichnet wohl einmal\ndramatisch, aber die Farbe hat immer die schöne Innig-\nkeit des Staffelei-Bildes, statt der strengen Abstinenz der\nFreske. Wer von ihnen grösser war, ich weiss es nicht;\nnur das weiss ich, dass wir in mehr als Einer Hinsicht\nkleiner als sie sind. Der Tod hat den Rangstreit über\ndiese Dioskuren besänftigt, und wir fangen an zu begrei-\nfen, dass sie nur die aus einander gelegten Strahlen Eines\nLichtes sind, welche in uns wieder zu sammeln, wir den\nglückseligen Beruf haben.\""}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.3", "texte": "Die Bemerkungen des Verfassers über Richard\nWagner (Brief X) fassen ganz und gar auf derjenigen\nAnsicht über das Verhäitniss vom Operntext zur Opern-\nmusik, die er in den Worten ausspricht, welche man von\nden unbedingten Anhängern der Schule schon oft gehört\nhat: „Das Buch soll nur der Carton sein und die Musik\nmit ihren Farbenmitteln daraus ein Gemälde herstellen.\"\nDies, wie so vieles Andere über denselben Gegenstand bei\nanderen Aesthetikern, bringt die Sache nicht im Gering-\nsten wester, sondern es wird nur immer wiederholt, was\nGluck gesagt hat, nämlich, dass „die Musik nur die rich-\ntige und wohlangelegte Zeichnung zu coloriren habe\"; wir\nhaben das schon so oft in diesen Blättern widerlegt (noch\nneuerdings in Nr. 26 vom 25. Juni: „Beethoven's Fide-\nlio\"), dass wir jetzt nicht noch einmal darauf zurück kom-\nmen wollen. Die Schöpfer dramatischer Musik zu blossen\nArbeitern in einer Colorir-Anstalt zu machen, ist eine so\nunhaltbare und unwürdige Ansicht von der Tonkunst, dass\nwir nicht begreifen, dass sie an dem Verfasser einen Ver-\ntheidiger findet, zumal, da er, wie doch Manches in dem\nBriefe zeigt, doch nicht zu den blinden Anhängern Wag-\nner's gehört, wenngleich übertriebene Ausdrücke zu seinen\nGunsten (wie z. B. „unermessüches Verdienst\" u. s. w.)\nvorkommen. In Folge dessen wird dann C. M. von Webers\nRuhm mit grossem Unrecht verkleinert, wenn es heisst (S.\n76): „Der das Volk in seinem eigentümlichsten Leben\ntreffende Stoll erklärt die beispiellose Wirkung, welche\ndiese Oper in Deutschland hatte.\" Was erklärt denn den\nErfolg in Russland, Polen, Schweden und Dänemark, in\nParis und in London??— Die Deutschen traf nicht nur der\nStoff, sondern mit ihm zugleich die echt deutsche Musik\ndes Freischütz; aber die neueste musicalische Äesthetik\nwill nun einmal der eigenen Kunst keinen Triumph gön-\nnen und häuft alle Ehren, die diese erringt, auf eine an-\ndere! Der Stoff, der Stoff! und immer der Stoff! Nicht\nweil Weber ein Meister im Coloriren, sondern weil er ein\nm usical isches Genie war, das aus den dürren Umrissen\ndes Buches etwas ureigenes Musicalisches schuf, hat\nder Freischütz die Herzen der Menschen gewonnen, auch\naller derer, die über den Teufelsspuk nur lächeln und die\nAchseln zucken konnten. Seine unsterblichen Melodieen\nbedurften kaum des Textes. Haben die Ouvertüren zum\nFreischütz, zur Euryanthe, zum Oberon Text? Ist es der\nStoff etwa der volkstümliche?? -—, der ihren Erfolg\nmacht? Was reisst denn in ihnen hin? Die Poesie ihrer\nMelodieen und Motive, der Schwung ihrer Steigerung, die\nPracht ihrer Instrumentation. Alles das gibt aber nur das\nmusicalische Genie her; aus dem Stoff brütet es kein Mensch\nmit Müh' und Noth heraus. Ich möchte um keinen Preis\ndem Lorberbaum, den das deutsche Volk für seinen volks-\nthümlichsten lonkünstier gross gezogen hat, auch nur Ein\nBlatt verkümmert wissen seinem volkstümlichsten nicht\ndes wilden Jägers, sondern des deutschen Gesanges we°en\nUnd was ist es denn Anderes, das uns zu Franz\nSchubert zieht? Wie richtig sagt der Verfasser: „Das\nGedicht wird von ihm in seinem innersten Wesen aufge-\nfasst und sein eigentümlicher Sinn heilig gehalten.\"\nGewiss! auer wodurch? Etwa durch Uebersetzung, durch\nUebertragung von Wort in Ton? Versucht es doch; die-\nselben Gedichte sind ja alle noch da: wählet eines! Wenn\nihr nicht ein anderes Poetisches, ein anderes Gedicht,\nnämlich das musicalische, als ein neues hinzuthut, so\nkönnt ihr jenes höchstens in Noten setzen, nimmermehr\naber ein Lied schaffen, das zu Herzen geht.\nDie letzten Versuche Schumann's, Musik zur blossen\nDeclamation zu schreiben, verurteilt der Verfasser ganz\nund gar und spricht dabei folgende Sätze aus: „Sprache\nund Musik wirken beide zunächst nur auf unser Ohr, jene\naber nur symbolisch. Die sinnliche Klangwirkung hat im\nGedicht ungefähr dieselbe Wichtigkeit, welche die dich-\nterische Intention in der Tonschöpfung hat. Denn alle Be-\ndeutung der Sprache liegt doch nur im Gedanken, alle\nBedeutung der Musik doch nur im Tone.\"\nWarum wendet er dieses Axiom nicht auch auf Richard\nWagner an?\nSchliesslich wollen wir aus dem Büchlein, dem wir\nrecht viele Leser wünschen, noch eine Stelle aus dem Briefe\nXV., der das Verhäitniss der Künstler zum Publicum be-\nspricht, mitteilen, die zwar eine sehr locale, d. i. berlini-\nsche, Farbe hat, aber doch so ziemlich überall hinpasst:\n„In jeder Kunst gibt es Werke, die sich nicht vom\nBlatte lesen lassen, deren Schönheit etwas Verborgenes\no\nhat, etwas keusch Herbes, was sich nicht de premier abord\nergreifen iässt. Rauschend hallt ein Tonwerk an Ihnen\nvorüber; was Ihnen der Augenblick enthüllt, wird Ihnen\nzu Theil, was er verdunkelt im Geheimniss lässt, ist verlo-\nren für Sie; denn dieses Werk, Sie hören es nur einmal.\nWelche Partitur könnte sich mit der Probe eines so flüch-\ntigen Genusses begnügen?\n„Wer ist schuld an diesen Missverhältnissen? die Or-\nchester-Dirigenten? Ich glaube, etwas mehr Ueberzeu-\ngungsmuth und Freiheitsstolz wäre ihnen hier und da zu\nwünschen, aber das Publicum tvrannisirt sie, und man\nkann nicht von Jedem verlangen, dass er ein Held sei. Ist\nes nun wohl so unbillig, von dem Publicum einer grossen\nStadt so viel Einsicht in die allgemeinen Kunstverhältnisse\nzu fordern, um nachsichtsvoll und mit einigem Vertrauen\ndie Werke jüngerer Künstler anzuhören? Liegt nicht schon\ndarin, dass ein gebildeter und bewährter Mann dieselben\neiner Aufführung für würdig hält, die Gewährleistung,\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.4", "texte": "dass sie wenigstens nicht schlecht und unreif sein können?\nWarum, edle Frauen und Männer, zieht ihr ein Gesicht,\nwenn ihr auf dem Programm einer Sinfonie-Soiree den\nNamen eines Mannes leset, der nicht vom ältesten Kunst-\nadel ist? Was kann dieser Mann wohl leisten, dem ihr vor\neiner Stunde auf der Strasse begegnet seid? Nun, edelste\nFrauen und Männer, ihr habt eine sonderbare Bureau-\nkratie des Geschmacks, ihr seid plus royalistes que le roi\nLudwig van Beethoven sässe mit keiner so stolzen Stirn\nin einem Conservatoriums-Concert, wie ihr in diesen hei-\nligen Hallen. Ist dieser Classicismus nicht nur ein life-pre-\nserver für die Unselbstständigkeit eures Urtheils? Ich will\neuch eine Geschichte erzählen. In Leipzig spielte man ein-\nmal, ich weiss nicht, vor welchem Drama, die damals völ-\nlig unbekannte Orchester-Suite von Bach. Das Publicum,\ndurch keine Nachricht auf der Affiche von der Autorschaft\ndieser anonymen Ouvertüre unterrichtet, pfiff dieselbe aus.\nMendelssohn war zugegen, und entrüstet über diese Bar-\nbarei, beschliesst er, den Manen Bach's Revanche zu ge-\nben. Das nächste Gewandhaus-Concert begann mit der\nOrchester-Suite von Bach. Mendelssohn dirigirte dieselbe\nmit einem himmlischen Zorn. Wie meint ihr, edle Frauen\nund Männer, dass sich dasselbe Publicum, welches kurz\nvorher dieses Werk beschimpft hatte; im Angesichte\nMendelssohn's gegen dasselbe verhielt? Es applaudirte.\nEs applaudirte mit einem so heiligen Enthusiasmus,\ndass ein eben angekommener fremder Künstler neben mir\nin die Worte ausbrach: „„Welch ein erhebendes Gefühl\nmuss es sein, in einer Stadt zu leben, welche einen so rei-\nnen und sicheren Kunstsinn hat!\" \" „ „Es ist ein erheben-\ndes Gefühl, mein Herr!\"\" erwiderte ich.\n„Aber das sieht einem Hinterhalt nicht unähnlich!\nrufen Sie aus: in eine so grausame Falle wäre jedes Pu-\nblicum der Welt gegangen! Eine Bach'sche Suite in einem\nTheater! Ich räume Ihnen ein, ein Bach'scher Gedanke\nkann nicht schlechter logirt sein; aber im Grunde ist es\ndoch immer derselbe Gedanke, welcher einmal applaudirt\nund einmal ausgepfiffen worden ist. Der Herr führe uns\nnicht in Versuchung! Aber glauben Sie mir, diese That-\nsache könnte auch bei uns vorgefallen sein, nur dass wir\nim Theater höflicher sind und unser Missfallen nicht so\nburschicos ausdrücken. Glauben Sie mir wohl, dass ich\ndieselben kunstgestrengen Köpfe, deren Ohren so empfind-\nlich classisch in den Sinfonie-Concerten sind, mit verzück-\nten Gesichtern im Trovatore gesehen habe, mit Gesichtern,\nauf denen das Vergnügen kein Verstecken spielte? Das\nPublicum zeigt nicht immer sein Privatgesicht, es verbirgt\nes gar zu gern hinter der serieusen Maske. Darin liegt der\nUebelstand. Ein Triumph für die Wahrheit ist aber selbst\ndiejenige Bewunderung, welche nur erheuchelt ist, denn\nsie ist wenigstens ein Zeichen, welcher Werth auf das Be-\nkenntniss derselben gelegt wird. So heuchelt denn etwas\ntalentvoller weiter, fallt nicht so ganz aus eurer Rolle,\nsucht etwas Stil in euer Ivunstgebahren zu bringen. Haltet\nihr es für diplomatisch richtig, euch zur wahren Kunst zu\nbekennen, so achtet auch die Künstler, welche ihr wahr-\nhaftig dienen. Scbliesst nicht jedem ehrlichen Streben vor-\nnehm eure Thür, vergesst nicht, dass alles Grosse einmal\nklein angefangen hat, wie gross auch die Wahrscheinlich-\nkeit sei, dass wir klein bleiben. Tröstet euch nicht damit,\ndass alles Bedeutende und Tüchtige zur Geltung kommen\nmuss: seid lieber darauf bedacht, diesen Process zu be-\nschleunigen.\"\n\nZur Musik-Geschichte.\nDie günstige Aufnahme, welche das im December vo-\nrigen Jahres in der Hof-Buchhandlung von G. Jonghaus\nin Darmstadt erschienene Werkchen des Hof-Capellmei-\nsters G. S. Thomas: „Die Grossherzogliche Hof-\ncapelle, deren Personalbestand und Wirken un-\nter Ludewig 1., Grossherzog von Hessen und bei\nRhein, als ein Beitrag zu seiner Lebensge-\nschichte und zur Geschichte der Kunstentwick-\nlung Darmstadts\",—bei seinen Lesern fand, liess der\nersten, schnell vergriffenen Auflage eine zweite, vermehrte\nund verbesserte, folgen, die so eben vor uns liegt. Der In-\nhalt, obgleich zunächst einem localen Kunstgebiete geweiht,\nist indessen so allgemein und vielseitig gehalten, dass er\nnicht allein ein specielles, sondern ein universelles Interesse\nin Anspruch nimmt und in Wirklichkeit als ein integriren-\nder Theil der Geschichte deutscher Tonkunst, die ja mei-\nstens an den Höfen kunstsinniger Fürsten gepflegt wurde,\nbetrachtet werden kann. Reich an historischen Begeben-\nheiten, an Actenstücken und biographischen Notizen, be-\nhandelt der Verfasser, der uns zugleich eine getreue Schil-\nderung des Lebens Ludewig's 1., geb. den 14. Juni 1753,\ngest. den 6. April 1830, gibt, die Geschichte der Hof-\ncapelle von ihrer Gründung bis zum Ableben des genann-\nten Regenten, welcher der eigentliche Schöpfer ihres Höhe-\npunktes mit Recht genannt wird. Theils eigen Erlebtes,\ntheils Ueberkommenes wird in anziehender Weise, mei-\nstens durch officielle Belege documentirt, erzählt, dass wir\ndem Verfasser unseren unbedingten Beifall für seine Zu-\nsammenstellung aussprechen müssen. Die Redaction des\nGanzen rührt von dem Hofsecretär C. Merck her. Druck\nund Papier sind gut. Eine besondere Zierde ist das bei-\ngefügte Bildniss Ludewig's I.\nDer Grossherzog von Hessen Ludewig I. war bekannt-\nlich nicht nur ein Gönner und Förderer der Tonkunst, wie"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "261", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.5", "texte": "es deren kaum einen eifrigeren jemals unter den regieren-\nden Herren gegeben hat, sondern er war auch selbst ein\nsehr tüchtiger Musiker im vollkommenen Sinne des Wor-\ntes. Er hatte schon in seiner Jugend beim Cantor Port-\nmann gründlichen Unterricht in der Compositionslehre\ngenommen, verstand seine Partitur sehr gut, blies recht\nbrav Flöte und Waldhorn, spielte Ciavier und besonders\nVioline mit wahrer Virtuosität.\nNicht nur in den Quartetten bei Hofe, sondern auch\nin den Concerten spielte er als Erbprinz stets die erste\nVioline, eben so im Opern-Orchester bei den Aufführun-\ngen, in denen seine Gemahlin und andere Prinzessinnen\nund Prinzen mit auftraten. Bald nach seiner Vermählung\n(19. Februar 1777) wurde die Hofcapelle in Darmstadt\ngegründet. Merkwürdiger Weise wurden auch viele Di-\nlettanten zur Mitwirkung gezogen; das Beispiel des Erb-\nprinzen mochte Veranlassung sein, dass man die damals\nnoch herrschenden (und immer noch nicht ganz ausgerot-\nteten) Vorurtheile gegen eine praktische Kunstgenossen-\nschaft abstreifte und es sich zur Ehre rechnete, zu einem\nOrchester zu gehören, in welchem der künftige Landes-\nherr vorgeigte. So soll die Capelle schon im Jahre 1778\nfünfzig Mitglieder gezählt haben.\nDass fürstliche Capellen im vorigen Jahrhundert eine\nUniform hatten, war häufig; aber dass in Darmstadt auch\nvon den Dilettanten im Orchester verlangt wurde, diese\nUniform zu tragen, kommt uns heutzutage wunderlich\ngenug vor. Das Reglement darüber erschien im Jahre\n1781. Vorgeschrieben waren ein Rock von grünem Tuch\nmit gelben Knöpfen, Kragen, Futter und Aufschläge roth,\nweisse tuchene Weste und Hosen, Hut mit gelbem Knopf\nund Cocarde von Weiss und Roth. Aus dem Rescript vom\n22. November 1781 geht hervor, dass der Erbprinz im\nOrchester selbst diese Uniform trug, weil darin bestimmt\nwird, „dass, wenn es Sr. Durchlaucht gefiele, Höchst-\ndero eigene und des Musik-Directors, Herrn Sarto-\nrius, Uniform durch eine Stickerei zu unterscheiden, dies\nNiemand nachahmen dürfe.\"\nZwölf Dilettanten schafften sich sogleich die Uniform\nan. Es scheint jedoch, dass die Uniform-Geschichte zu\nmancherlei Ordnungswidrigkeiten Anlass gab, denn es fin-\nden sich in den folgenden Jahren mehrere interessante\nRescripte über die Sache, z. B. Verbot, die Uniform und\nnamentlich den Degen ausser dem Gebiete von Darmstadt\nzu tragen, und dergleichen mehr.\nIm Jahre 1790 trat Ludewig I. die Regierung an.\nDer Etat der Capelle wurde auf das Doppelte erhöht, von\n4000 auf 8000 Gulden; Director Sartorius 800, die erste\nSängerin 500, zwei Ilofmusici 450, einer 350, ein ande-\nrer 300, zwei 250, alle übrigen jeder 100 Gulden! In\ndem Disciplinar-Reglement von 1792 findet sich ein Pa-\nragraph, der die Ileirath eines Capell-Mitghcdes nur dann\ngestattet, „wenn die Braut so viel eigenes Vermögen be-\nsitzt, dass sie auch als Witwe davon leben zu können Hoff-\nnung hat. Auch ist von „Ruhestörern und Aufwieglern\"\nund solchen die Rede, „die sich durch Liederlichkeit und\nSchuldenmachen auszeichnen.\" Hier und da dürfte\n§. 2 auch heutzutage am Orchester anzuheften sein:\n„Da wohlgesittete Männer am Lärmen ohnehin einen\nAbscheu haben, so ist auch von Ihnen zu erwarten, dass\nsie das präludiren, welches gänzlich untersagt ist, von Selb-\nsten abschaffen, und das Orchester nicht zu einer Juden\nSchule machen werden, indeme dadurch eine üble Vorbe-\nreitung für die Musik entsteht.\"\nDie Revolutionskriege brachten einige Unterbrechuni;\nin die regelmässigen Musik-Aufführungen. Im Jahre 1801\nverlegte der Landgraf die Concerte und Proben aus dem\nSchlosse nach dem Opernhause; von da an spielte er nicht\nmehr die erste Violine, sondern dirigirte nach der Parti-\ntur mit einem Tactstocke. Nach Vorübergang der politi-\nschen Stürme wurde der Etat der Capelle 1804 schon\nbedeutend vergrössert, dann 1806 nach Annahme des\ngrossherzoglichen Titels, und 1809, wo er beinahe 14,000\nGulden betrug (General-Musik-Director Sartorius 1100,\nConcertmeister G. Mangold 850 Gulden u. s. w.).\nIm Jahre 1810 wurde das Theater als „Grossherzog-\nhches Iloftheater\" begründet. Ludewig I. ernannte zwar\neinen Intendanten, blieb aber selbst unmittelbarer Vorge-\nsetzter der Capelle, denn er sagte: „Die Adeligen haben\nihren Adelstolz und die Künstler ihren Künstlerstolz, und\nbeide Elemente harmoniren nicht zusammen\" (S. 59). Den\nOpernproben wohnte er regelmässig bei und griff mit\nVerstand und voller Sachkenntniss ein. Vom Jahre 1826\nan betrug der Etat der Hofcapelle 50,000 Gulden (auf\nder Civilliste durch die Landstände dafür ausgesetzt) und\n8890 Gulden Zuschuss aus der Cabinetscasse; im Ganzen\n58,890 Gulden.\nDiese kurzen Angaben werden genügen, das Interesse\nfür das Buch zu wecken. Anziehend ist ferner, ausser vie-\nlen Notizen über bedeutende Künstler jener Zeit, das Ver-\nzeichniss sämmtlicher Opern, welche von 1810 bis 18-30\nunter steter Theilnahme des Grossherzogs aufgeführt und\nvon den Hof-Capellmeistern G. Mangold, Karl Wagner,\nVal. Appold, Willi. Mangold und G. Seb. Thomas dirigirt\nworden sind.\nAls Curiosum und Beitrag zu der Bequemlichkeit und\nAnmaassung der Sänger geben wir noch folgende Notiz:\n„In der vierten Periode vom Jahre 1825 bis zum\nJahre 1830 fing die Glanz-Periode der Oper an zu ver-\nbleichen, denn Wild, ihr erster Stern, verliess Darmstadt,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "262", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.6", "texte": "und ein Tenorist wie er ist ein Komet, der nur selten am\nKunsthimmel erscheint.\n-Wild war mit 6000 Fl. Gehalt jährlich engagirt.\nEr war der Liebling des Hofes und des Publicums, be-\nsonders war ihm Ludewig 1. sehr gewogen. Allen seinen\nWünschen suchte mau auf das bereitwilligste entgegen zu\nkommen. Nach jeder Operu-Vorstellung, in welcher er zu\nthun hatte, berieth sich der Grossherzog mit ihm über die\nnächste Oper, und es stand nur bei ihm, eine solche vor-\nzuschlagen, in welcher er am liebsten auftrat. Es stand\nihm ausserdem jederzeit eine Hof-Equipage zu Gebote. Es\nhing nur von ihm ab, sich seine Zukunft auf das vortheil-\nhafteste zu sichern. Nun wurde aber von Ludewig 1. mit\nstrengem Kunstsinne auf alles gesehen, was er zur voll-\nkommenen Darstellung eines Stückes für nöthig erachtete.\nDazu gehörte, dass das Proscenium von den Darstellern\nnicht überschritten werden durfte, weil es gleichsam als\nder Rahmen des darzustellenden Bildes zu betrachten sei,\nzu welchem Ende er die Gränzlinie durch ein dunkles Fries\nauf dem Podium bezeichnen liess. Möchte es nun sein, dass\nWild im Feuer der Action darüber hinaus schritt, genug,\ner that es und zog sich desshalb eine ernste Allerhöchste\nRüge zu. Dieses verdross Wild, und er begehrte seine Ent-\nlassung. Bei der nächsten Probe kam ihm Ludewig I. auf\ndas huldvollste entgegen und drückte den Wunsch aus, er\nmöge sein Enflassungsgesuch zurücknehmen und ihm das\nVergnügen seiner alten Tage nicht stören. Wild wurde\nvon dieser gnädigen Zuspräche so ergriffen und gerührt,\ndass er mit Freuden darauf einging und aufs Neue blieb.\nDoch es traten bald neue Conflicte ein, die den Bruch un-\nheilbar machten und Wild's wirkliche Entlassung herbei-\nführten. Dismas Fuchs erzählt in seinem chronologischen\nTagebuche hierüber Folgendes: „„Die Gluck'sche Iphi-\ngenie in Tauris streute den Samen des Unheils, der schnell\nzur gifterfüllten Frucht aufschoss. Diese Oper sollte näm-\nlich einstudirt werden, und Herrn Wild war die Rolle des\nOrestes zugetheilt, die er früher schon in Wien, aber mit\nanderem Texte, gesungen hatte. Er bat, seine einmal an-\ngelernten Worte beibehalten zu dürfen, was ihm auch\nAnfangs gestattet wurde. Doch bei den ersten Proben er-\nzeugte die Verschiedenheit der Texte manchen Missstand;\nden Grossherzog selbst schien es ungemein zu geniren, dass\ner Anderes hörte, als er in seiner Partitur las. Er äusserte\nUnzufriedenheit, die nach und nach in lauten Unwillen\nüberging. Wild konnte recht wohl einsehen, dass er zu\nallen daraus entstehenden Unannehmlichkeiten Anlass gab;\ndoch schien er sich dem Ganzen nicht fügen zu wollen,\nentweder weil er durch früher erlangte Erlaubniss zur\nBeibehaltung seines Textes ein Recht zu haben glaubte,\noder weil seine Hypochondrie, woran er periodisch litt,\nihn zu unfreundlicher Hartnäckigkeit verleitete. Er sah den\nUnmuth bei den Proben sich immer mehr verbreiten und\nwollte sich nun zurückziehen; denn er bat, vermuthlich in\ndieser Absicht, den Grossherzog in einem unterthänigsten\nGesuche, dass Höchst derselbe ihn seiner Gesundheit we-\ngen von ferneren Proben dispensiren und für dieselben\neinen Substituten zu ernennen oder widrigenfalls ihm seine\nEntlassung zu ertheilen gnädigst geruhen möchte. Der\nGrossherzog pflegte von je her bei dergleichen Alternati-\nven das Letztere zu gewähren; er blieb auch gegen Herrn\nWild in seiner Handlungsweise consequent und resolvirte\nam 10. Januar 1825 dessen verlangten Abschied. Dieses\nEreigniss brachte allgemeine Sensation hervor; man be-\ndauerte ungemein, den ersten Sänger Deutschlands, auf\ndessen Besitz man stolz gewesen, verloren zu haben, und\naus einem so kostbaren Schmucke, wie die hiesige Oper\nwar, das edelste Kleinod gewaltsam herausgebrochen zu\nsehen.\"\" Wild wäre nun gern wieder geblieben, der\nganze Hof interessirte sich dafür und gab sich alle Mühe,\nes dahin zu bringen. Ludewig I. aber, der ihm in seiner\nLangmuth seine Entlassung nicht gleich bewilligt, sondern\nihm acht Tage Bedenkzeit gegeben hatte, erklärte nun,\nnachdem diese Frist ohne Erfolg verstrichen war, Wild\nsei für ihn.todt, und liess sich durch nichts von seiner Ent-\nSchliessung abbringen.\"\n\nAugust Panseron.\n\n(Nekrolog.)\nEine zahlreiche Menge von Künstlern und angesehe-\nnen Personen füllte am Sonntag den 31. Juli die Kirche\nSt. Eugene in Paris, in welcher die Obsequien für August\nPanseron gefeiert wurden, den ausgezeichneten Compo-\nnisten, der seit dreissig Jahren Professor am Conservato-\nrium der Musik und Ritter des Ordens der Ehrenieeion,\no 9\nder niederländischen Eichenkrone und des preussischen\nRothen Adler-Ordens war.\nNach dem Gottesdienste, bei welchem das Pie Jesu\nvon seiner Composition und eine Arie von Stradella gesun-\ngen wurden, bewegte sich der Leichenzug nach dem Kirch-\nhofe des Pere-Lachaise. Die Zipfel des Sargtuches hielten\nabwechselnd die Herren Auber, Halevy, Ambr. Thomas,\nBaron Taylor, Eduard Monnais und Java!. Monnais, Baron\nTaylor und Elwart sprachen am Grabe, der ersterc als\nVertreter des Conservatoriums, der zweite als Präsident\ndes Tonkünstler-Vereins, der dritte im Namen der ehema-\nligen Stipendiaten von Rom.\nPanseron wurde zu Paris den 26. April 1795 gebo-\nren. Als Sohn eines' Gesang- und Harmonie-Lehrers, der"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "263", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.7", "texte": "ein vertrauter Freund Grdtry's war, trat er früh als Zög-\nling in das Conservatorium ein und erwarb sich schon\n1806 den Preis im Solleggiren, dann 1809 in der Har-\nmonielehre, für das Violoncell im Jahre 1811 und für die\nFuge im Jahre 1812. Im folgenden Jahre erhielt er den\ngrossen Preis, mit welchem ein Stipendium für Rom ver-\nbunden ist. Er vollendete seine Studien in Italien zu glei-\ncher Zeit mit Garcia und Sihoni, und die guten Früchte\nderselben verschafften ihm eine zweijährige Verlängerung\nseiner Pension. Diese Zeit benutzte er zu Meisen in Deutsch-\nland und Hussland. Er war eine Zeit lang, wie früher\nHaydn, Capellmeister beim Fürsten Esterhazy. Er schrieb\neine iialiänische Oper und nach seiner Rückkehr nach Pa-\nus einige komische Opern und eine grosse Anzahl Ro-\nmanzen, welche grossen iirfolg hatten und eine allgemeine\nVerbreitung erlangten.\nHauptsächlich gründete er seinen Ruf durch die be-\nrühmten grösseren didaktischen Werke, die in alle Spra-\nchen übersetzt und fast in allen Conservatorien der Musik\neingeführt wurden. Als Componist erlangte er auch durch\nmehrere liirchen-Compositionen bedeutende Geltung. Ein\nRequiem, ein De profundis,eine Messe für den Fürsten\nEsterhazy, mehrere Blessen für den Tonkünstler-Verein,\nderen Aufführungen der Vereinscasse zu Gut kamen, wer-\nden sein Andenken bei allen Musikern lebendig erhalten.\nIm Janre 1843 wurden seine vielfachen Verdienste durch\nVerleihung des Ordens der Ehrenlegion anerkannt.\nPanseron war als Mensch liebevoll und liebenswürdig,\nein Mann von Charakter und ein trefflicher Familienvater.\nEr wusste die Freiheit und Unabhängigkeit, die der Künst-\nler nöthig hat, sehr wohl mit der Ordnung und Ehre des\nHauses zu vereinigen. Erarbeitete leicht und viel, und seine\nThätigkeit nahm mit den Jahren eher zu als ab. Je älter\ner wurde, desto fester hielt er an dem Glauben seiner Ju-\ngend, an den künstlerischen IJeberzeugungen, welche die\nHochachtung und Verehrung seiner Lehrer und der älte-\nren Meister in ihm geweckt und\"befestigt hatten. Er theilte\nsie nicht nur mit Ernst und Eifer, sondern mit wahrer\nLiebe zur Kunst und mit Begeisterung für das wahrhaft\nSchöne in der Musik seinen zahlreichen Schülern mit.\nPanseron hatte ein glückliches Leben ein Wort,\ndas selten an dem Grabe eines Künstlers ausgesprochen\nwerden kann. Er war glücklich durch sich selbst und\ndurch diejenigen, die ihn zunächst umgaben. Dass er auch\nauf Undankbare auf Neidische stiess, liess keine Bit-\nterkeit in seinem Herzen; er selbst war von kleinlicher\nEifersucht frei, wie wenige unter den Künstlern ein\nzuverlässiger Freund der Freunde, fand er seine Freude\ndarin, das aufkeimende Talent zu unterstützen und em-\npor zu bringen.\nDas Conservatorium verliert in ihm einen seiner älte-\nsten und tüchtigsten Professoren.\n\n(Gazette Mus. de Paris.)\n\nFräulein Titjens und Frau Czillàg.\nDie Neue Wiener Musik-Zeitung (von F. Glög-gl) ent-\nhalt unter dem Titel: „Fräulein Titjens und Frau Czillag,\nein Beitrag zur Würdigung des Standes der jetzigen Gesangskunst,\nvon II —L. einen sehätzenswerthen Aufsatz, der durch die Erfolge\nder ersteren in London und der anderen in Paris (Fides, Favorite)\nund durch das Engagement beider Damen in London (Friiul. T. ri\nder jetzigen Saison, Frau Cz. für 1860-1862) veranlasst ist. Es\nheisst darin u. A. :\n„Nebst dem Vorzuge vielseitiger Verwendbarkeit (Iphigenie,\nDonna Anna, Agathe, Euryanthe, Alice, Valentine, Bertha, Gräfin\nin } igaio, JVlaitha, Elvira in Ernani, Helene in den sicilischen Ves-\npern, Luciezia Borgia) besitzt Fitjens eine klangreiche,\nim Ganzen hinreichend starke, leicht ansprechende Stimme, deren\ntiefere Lage jedoch an Kraft nnd Klangfülle der höheren nachsteht.\nDiese Stimme hat einen angenehmen, zum Herzen sprechenden\nlimbre, so oft sie im Dienste milderer Gefühls-Stimmungen verwandt\nwiid und dci liiusicalische featz sich in geschmeidigen ge~\nfälligen Rhythmen und Wendungen bewegt. Den stärkeren dramati-\nschen Nachdruck, den tief leidenschaftlichen Accent verträgt das\nzarte Organ nicht so gut, und bei schwierigeren Tonansätzen und\nTonverbindungen zeigt es sich spröde und verliert seinen sympathe-\ntischen Reiz, Ein weiterer und vielleicht der grösste Vorzug dieser\nSängerin ist die Natürlichkeit ihres Vortrags, was ihr in einer Zeit,\nwo Unarten und Verzerrungen aller Art an der Tagesordnung sind\nund sich des Beifalls der Ungebildeten versichert haben, nicht hoch\ngenug angeschlagen werden kann. Fräulein Titjens hat ihr Stimm-\nRegister in eine angenehme Gleichheit zu bringen gewusst, keines\nbläht sich grell auf, kein Ton sucht einen ihm nicht von der Natur\ngestatteten Kraft-ElFect zu erzwingen, wie es jetzt so häufig der\nFall ist; ihr Gesang artet nie in Schreien aus, und sie vermeidet die\nübermässigen Contraste.\n„Betrachten wir nun aber den Antheil, den Geist und Seele an\nihrem Gesang und Spiel haben, betrachten wir den Höhegrad ihrer\nVortrags- und Darstellungskunst. Höhere Aufgaben liegen offenbar\nganz ausser dem Kreise ihres geistigen Vermögens; ihre Donna Anna\ngibt beispielsweise auch nicht eine Spur der hohen Poesie dieses\nCharakterbildes wieder; ihre Iphigenie erhebt sich weder im Spiel\nnoch im Gesänge zu der idealen Schönheit dieser reinen Priesterin\nder Weiblichkeit, und ihre Jessonda und Euryanthe vermögen eben\nso wenig zu befriedigen. Wahrhaft tragischen Aufgaben ist sie we-\nder geistig noch physisch gewachsen; es fehlt ihr zur Darstellung\nder Leidenschaft jene Spannkraft der Seele, die sich jede, auch die\nausserordentlichste, Stimmung sogleich zu eigen zu machen, jenes\nbereite Gefühl, das sich in die ungeheuersten moralischen Leidens-\nZustünde mitempfindend sogleich hinein zu leben versteht. Daher\nwerden auch ihre Leistungen in jenen tragischen Partieen, die ganz\neinfach angelegt sind und auch in der musicalisch-dramatischen Ac-\ncentuirung keine tiefer liegenden Feinheiten und überraschenden Wen-\ndungen bieten, wie die Valentine in den Hugenotten (obwohl eine\nihrer vorzüglichsten Leistungen), nie ganz befriedigen können, indem\ndie Mitwirkung einer warmen, begeisterten Seele hier um so mehr\ngefordert werden muss, als jene des Geistes minder in Anspruch\ngenommen wird.\n„Die Gesangskunst des Fräuleins Titjens ist so weit vorgeschrit-\nten dass sie sich nicht nur im getragenen, sondern auch im figurir-\nten Gesänge recht anständig zu behaupten ihr Ansatz ist"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "264", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590813-01.1.8", "texte": "in der Regel rein, fest und sicher, jedoch in schwierigen Intonations-\nfällen, bei Intervallen, die ausser den gewöhnlichen, fliessig melodi-\nschen Tonfolgen liegen, keineswegs von stets gleicher Vollendung;\ndas Tragen der Töne, das Heben, Schwellen und Verklingenlassen\nderselben, so wie das Singen mit halber Stimme, die Melismen des\nVortrags hat sie bis zu einem Grade der Ausbildung inne, der den\nnöthigen Licht- und Schattenwechsel in das Tongemälde bringt und\ndem Ausdrucke zarterer Empfindungen, ohne in Monotonie zu ver-\nfallen, gerecht wird; allein der feinere Schmelz fehlt auch hier.\nWenn man die Zauber einer Jenny Lind in der Erinnerung hat,\nkann man diese Ausbildung nicht hoch über das Niveau des Mittel-\nmässigen stellen. Eben so verhält es sich mit der Coloratur; man\nkann der Sängerin in dieser Beziehung so viel Gewandtheit und Ge-\nschicklichkeit, als ihr Rollenfach erfordert, nicht absprechen, und sie\nwird uns nicht leicht verletzen oder wegen des Gelingens bange\nmachen, aber von jener Feinheit nnd Fliessigkeit der Ausführung,\nvon jenem Reize der Betonung, der den besseren italiänischen Sän-\ngerinnen auch heutiges Tages im figurirten Gesänge noch eigen ist,\nfindet sich wohl keine Spur bei ihr.\n„Die vorzüglichsten Gesangsleistungen des Fräuleins Titjens sind\nsowohl was Vortrag als Ausdruck betrifft jene, in welchen\ndas dramatische und das lyrische Element sich milde durchdringen\nund die Wogen der Gefühle und Leidenschaft nicht hoch gehen,\nwofür ihre Gräfin in Mozart's Figaro, ihre Alice im Robert u. dgl.\nschöne Beweise abgeben.\n„Im Ganzen genommen, erhellt aus dem Vorausgesagten, dass\nder genannten Künstlerin die wesentlichen Erfordernisse zu einer\ngrossen Opernsängerin fehlen; sie hat weder den Geist, der das Hohe\nund Tiefe aufzufassen, die genialen Züge einer classischen Tondich-\ntung an das Tageslicht zu bringen und flacheren Aufgaben interes-\nsante Seiten abzugewinnen vermag, und überrascht daher nie, noch\nbesitzt sie jene Feuerseele, die das Dargestellte aus dem Innersten\nheraus zu beglaubigen, die uns zu ergreifen, zu rühren, zu erschüt-\ntern vermag; jede Darstellung bleibt auf der Oberfläche; der Aus-\ndruck ist in der Regel äusscrlich, leer und matt. Nebstbei fehlt der\nhöhere Schliff der Gesangskunst, der Reiz der freien Schönheit, die\nvon der sicheren Beherrschung der Mittel abhängt, und auch ihrer\nfür die Bühne nicht ungünstigen Persönlichkeit fehlt der höhere\nAdel, das geistige Gepräge.\n(Schluss folgt.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMola*. A m vergangenen Montag den 8. d. Mts. führte die\nSin g-Ak a dem i e unter der Direction des königlichen Musik-Di-\nrectors Herrn F. Weber im Casinosaale zur Gedächtnissfeier an\nMichael DuMont-Fier das Requiem von Mozart auf.\nCapellmeister F. Hill er gebraucht die Cur in Kissingen.\nElberfeld. Das neue Casino-Gebäude geht seiner Vollendung\nentgegen; die Hauptzierde desselben wird der Concertsaal sein.\nDerselbe ist 125 Fuss lang, 39 Fuss breit, 28 Fuss hoch und er-\nhält eine Orgel von 4000 Tlialern aus der berühmten Werkstatt\nder Herren A. Ibach Söhne in Barmen. Die Einweihung des Saa-\nles findet bereits in diesem Herbste durch die Aufführung des Mes-\nsias von Händel Statt, wobei die Gesang-Vereine von Elberfeld und\nBarmen unter H. Schornstein's Direction vereinigt mitwirken\nwerden.\nIn Bar m e n ist ebenfalls ein neuer Concertsaal im Gesell-\nschafts-Gebäude der Concordia im Bau begriffen, 103 Fuss lang, 46\nFuss breit, os£ Fuss hoch, mit einem Vorsaal von 4G Fuss Länge\nund 15 Fuss Breite. Auch dieser Saal wird eine Orgel (von circa\nThlxn.) erhalten. Es ist sehr erfreulich, dass man in Deutsch-\nLand endlich auch beginnt, in den Concertsälen eine Orgel aufzu-\nstellen, was in England schon seit lange Regel ist, und doppelt er-\nfreulich, dass unsere rheinischen Städte darin vorangehen.\nKöln, dessen Gürzenichsaal die rechte Prachthalle für Orgelklang\nund Chorgesang ist, lässt sich also dieses Mal den Rang von zwei\nkleineren Schwesterstädten ablaufen, denn der Gürzenich hat noch\nkeine Orgel, ja, ganz Köln mit allen seinen herrlichen Kirchen be-\nsitzt keine einzige Orgel, die des gegenwärtigen Standpunktes\nder Orgelbaukunst würdig wäre.\nAachen, 8. August. In einer der letzten Nummern Ihrer Zei-\ntung haben Sie die Ankunft des Kammer-Virtuosen Singer bei uns\nangekündigt. Sie war uns allerdings vertragsmässig für das städti*-\nsehe Concert am 11. Juli zugesagt, allein Tags vorher liess er uns\nohne alle weitere Umstände wissen, dass er für denselben 11. Juli\njetzt ein Engagement in Homburg angenommen habe ; wahrscheinlich\nglaubte er, dass die Anwendung der Telegraphie auf das Violinspiel\nschon erfunden sei! Nun, der Ausfall hatte das Gute, dass wir\nim folgenden Concerte den 2. August Herrn von Königs low hör-\nten, den zweiten aus der Gruppe von ausgezeichneten Künstlern,\nden uns Köln binnen Kurzem zugesandt. Auch er hat den musica-\nlischen Ruf Ihrer Stadt würdigst vertreten, und es bedarf nicht\neiner neuen Bestätigung, dass er zu den ersten Violinisten unserer\nZeit gehört. Es genügt, wenn wir Ihnen sagen, dass er bei uns das\nConcert Nr. 7 von Spolir, die Reverie von Vieuxtemps und die un-\ngarischen Variationen von M. Hauser meisterhaft gespielt und en-\nthusiastischen Beifall und die Ehre des Hervorrufs erlangt hat, die\nniemals mit vollerem Rechte verdient gewesen.\nDie drei Gesänge für gemischten Chor ohne Begleitung von\nHeuchemer, von etwa zwölf Personen vortrefflich gesungen, Hes-\nsen den frühen Hintritt dieses begabten Künstlers von Neuem be-\ndauern. --- Von Instrumen talwerken wurden Che ruh in Ts Ouver-\ntüre zum Wasserträger und Mendelssohn's Sinfonie in A-dur von\ndem Orchester unter Herrn Wiillner's Leitung mit gewohnter\nPräcision ausgeführt. N.\nIPswis. Mario wird Impresario in Madrid, oder wie die hie-\nsigen Blätter es ausdrücken: „// s'est reserve la surveillance ad-\nministr at ive et la direction du chant.u Mad. Julia Grisi, Sarolta\nu. s. w. und die Herren Ronconi, Pavani, Bouche, Butti und andere\nlulti aus dem Corps der alten italiänischen Garde gehen mit.\nFräulein Titjens wird in Begleitung von Fräulein\nGuarducci, der Herren Giuglini, Badiali, Vialetti u. s. w.\neine „Operalic and Concert Tour\" durch England, Schottland und\nIrland machen."}]}