{"numero_id": "bm-bmtnabi-1859-09-17-01", "volume": "bmtnabi_1859-09-17_01", "ocr_sha256": "cf2afb88fbe0122ce5d698fe48413878443d8b57bef59dc5d52c789dccf8c4c8", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1859/09/17_01/bmtnabi_1859-09-17_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1859-09-17-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-09-17_01#c001", "volume": "bmtnabi_1859-09-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "297", "page_fin": "297", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "297", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 402, "texte": "Inhalt.\nBerliner Briefe (Königliche Oper Aufführungen der Akademie, der Vereine von Stern, von Vierling [Bach-Vereinj\nUeber J. S. Bach's Johannis-Passion Händel's Susanna). Von G. E. Das Musikfest in Bradford am 22.-26. August. Von C. A.\nFür Kammermusik: Grand Duo pour Piano et Violon von H. Marschner, Op. 174 Tages- und Unterhaltungsblatt (Bonn\nHannover Karlsruhe Wien Paris Petersburg Rio Janeiro)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-09-17-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-09-17_01#c002", "volume": "bmtnabi_1859-09-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "297", "page_fin": "300", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.2.2", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. 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Der Ernani ist zwar weder für die Welt noch\nV\nfür Berlin eine Novität, denn auf der Königsstadt war er\nvor vielen Jahren von den Italiänern bereits gegeben wor-\nden; an der Hofbühne war er indess nicht erschienen, wie\ndenn überhaupt der alle Bühnen Europa's beherrschende\nKoryphäe der heutigen italiänischen Oper bei uns nur durch\nden Trovatore vertreten ist. Man hätte auch mit dem Er-\nnani den etwas verspäteten Versuch kaum gemacht, wenn\nnicht der Mangel an interessanten Neuigkeiten zu den ver-\nzweifeltsten Gedanken geführt und das damit verbundene\nGastspiel Ander's den erforderlichen Muth gegeben hätte.\nDoch war das Fiasco der Oper ein ganz entschiedenes;\nbei der zweiten Vorstellung war es bereits ganz leer; das\nberliner Publicum, das nicht einmal die italiänischen Süs-\nsigkeiten recht behaglich findet,verträgt dietrockene Schrei-\nerei Verdi's noch weniger. Und doch herrscht in dem Er-\nnani, wie es mir scheint, noch ein reinerer Stil, als in dem\nhalb französischen Trovatore; doch ist wenigstens in ein-\nzelnen Nummern, z. B. in der bekannten Sopran-Arie, eine\ngewisse südliche Grazie. Aber es war ein Anachronismus,\njetzt noch eine der älteren Opern Verdi's uns vorzuführen.\nDie Braut des Flussgottes von Conradi war\nebenfalls keine sehr glückliche Bereicherung des Reper-\ntoires. Der Text ist nach einem französischen Lustspiel-\nStofF gearbeitet, den wir kurzweg als eine Variation der\nWeissen Dame bezeichnen können. Statt der weissen Dame\nhaben wir einen Flussgott, der aber freilich nur den jun-\ngen Bräuten zu erscheinen pflegt und dadurch seine spiri-\ntualistische Natur etwas verdächtig macht; statt des räube-\nrischen Gaveston, der die Erben des Hauses Avenel um\nHab und Gut bringen will, einen polnischen Bezirksrichter,\neine Mischung von Gaveston und Bartolo obschon ohne\ndie komischen Eigenschaften des Letzteren—, indem er\nnicht bloss nach Hab und Gut, sondern auch nach der\nschönen Erbin lüstern ist; statt des englischen Lieutenants\nGeorge Brown einen österreichischen Lieutenant, der eben-\nfalls, wie jener, der Ketter in der Noth ist. Trotz dieser\nAnklänge würden wir die Idee des Stückes nicht verwer-\nfen; die Idee ist, wenn man die bescheidenen Ansprüche\neines Operettenstoffes macht, ganz artig. Wir rechnen es\neinem neueren Lustspiel-Stoff schon immer hoch an, wenn\ner nicht in jenen Schmutz der Frivolität hinabsinkt, der\nheute von Frankreich aus die Bühnen zu überlluten droht:\nwenn nur im Uebrigen die Erfindung natürlich ist und\neiniges Eigenthümliche hat, wenn sie ferner Gelegenheit\nzu komischen Situationen und Verwicklungen gibt, so ist\ndas in einer Zeit geringer Productivität schon immer etwas.\nLeider verräth aber die speciellere dramatische Ausführung\nwenig Geschick. Die Charaktere entbehren aller Komik,\nund die Situationen fangen erst im zweiten Acte an, eini-\nger Maassen interessant zu werden; aber auch hier wird\ndie Idee des Stoffes nicht so glücklich benutzt, als es mög-\nlich gewesen wäre. Der Componist hatte in so fern keine\nganz leichte Aufgabe. Der Dichter wird von der Idee sei-\nner Dichtung getragen, der Musiker aber von den einzel-\nnen Scenen, in welche der Stoff nun einmal verarbeitet\nund aus einander gelegt ist; und von dieser Seite aus be-\ntrachtet, hatte die Braut des Flussgottes wenig Anregen-\ndes für den Componisten und gab ihm kaum Gelegenheit,\nOriginalität und namentlich Humor zu entwickeln. Die\neinzige wirklich komische Scene am Schlüsse des zweiten"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "298", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5520, "texte": "Actes, wo der Bezirksrichter als Flussgott erscheint und\nsich abmüht, seine Rolle mit aller ihm möglichen Gravität\ndurchzuführen, bewies uns, dass Herr Conradi nicht ohne\nTalent für das Komische in der Musik ist. Die Art der\nTextbehandlung sowohl als der Instrumentation, die theils\ndurch gut gewählte Klangfarben, theils durch artige Ne-\nbenmotive den Vortrag der Worte unterstützt, war hier\nganz angemessen, und es ist wohl möglich, obschon frei-\nlich nicht gewiss, dass ein echter komischer Operntext mit\nkomischen Figuren im Sinne der älteren italiänischen und\ndeutschen Oper das Talent des Herrn Conradi erst zur\nEntfaltung bringen würde. So steht aber diese Eine Scene\nziemlich vereinzelt unter einer Reihe von Arien und En-\nsemble's, die recht fliessend im Stil der neueren französi-\nschen Oper geschrieben sind, aber zu sehr die fertige\nSchablone verrathen, zu wenig Eigenthümlichkeit der Er-\nfindung und selbst charakterischen Ausdruck haben, um\nzu fesseln. Und ob überhaupt diese Compositions-Richtung,\ndie möglichst wenig auf Bestimmtheit des Ausdrucks geht,\nsondern Alles in einen gleichförmigen, glatten und ange-\nnehm in die Ohren fallenden Conversations-Ton umzuge-\nstalten sucht, noch Aussicht auf Erfolg hat, namentlich in\nDeutschland und unter den Händen deutscher Componisten,\ndie trotz alles Bemühens doch nur selten die Grazie und\nLeichtigkeit der Franzosen erreichen? Sehen wir nicht,\ndass in Paris selbst die Componisten der Bouffes Parisiens\nden entgegengesetzten Weg einzuschlagen beginnen und\ndadurch Erfolg haben? Jene unaufhörlichen Tanz-Rhyth-\nmen, in denen Alles abgehandelt wurde, Freude und\nSchmerz, Liebe und Hass, haben ihre Wirkung verloren,\ndie Ohren sind abgestumpft dagegen. Und es bleibt nur\nübrig, der komischen Oper wieder die Richtung auf das\nCharakteristische zu geben, die sich, wie viele Beispiele\nälterer Zeit beweisen, sehr wohl mit der leichten, scherz-\nhaften Haltung, die freilich auch nicht aufgegeben werden\ndarf, vereinigen lässt.\nAn Gastspielen war der vergangene Sommer reich.\nAnder, unter den heutigen deutschen Tenoren vielleicht\nder am meisten gefeierte, gefiel, ohne indess Enthusiasmus\nzu erregen. Seine Stimme ist noch immer kräftig, und die\nHöhe spricht leicht an; aber eigentlichen Wohlklang ent-\nwickelt sie weder an lyrischen noch an heroischen Stellen,\neher noch an letzteren, wie denn z. B. seine Darstellung\ndes Masaniello in dem Duett des Pietro das Wirkungs-\nvollste war, was wir von ihm hörten. Das ursprünglich\nlyrische Organ scheint durch vielen Kraftaufwand und\ndurch die moderne declamatorische Richtung etwas verdor-\nben; auch ist die in einigen Lagen der Stimme allzu ge-\ndämpfte Tonbildung von störender Wirkung. In der Auf-\nfassung zeigt sich Ander nicht als ein besonders geist- oder\ngefühlvoller, aber als ein verständiger Sänger, der sowohl\nGeschmacklosigkeiten als Nüchternheit zu vermeiden weiss;\nund diese Eigenschaft dürfte den Ruf, dessen er sich er-\nfreut, wohl am meisten begründen. Nach Ander kam Ste-\nger. Ein Glück für ihn, dass er in einer Zeit gastirte, in\nder die wenigen Besucher des Opernhauses überwiegend\nFremde sind; sonst wäre das Fiasco, das er hier machte,\nnoch glänzender gewesen. Zwar wird Niemand läugnen,\ndass seine Kehle und Lunge die furchtbarsten Anstren-\ngungen vertragen, damit allein kann man indess das ber-\nliner Publicum nicht gewinnen. Die Sucht, zu tremuliren\n(die durch langen Missbrauch des Organs mit der Zeit al-\nlerdings eine unheilbare Krankheit geworden sein mag),\nüberschreitet bei diesem Sänger alles Maass; jeder einzelne\nTon ist ein Krampf, eine Verzerrung. Namentlich war der\nEdgardo eine Leistung, die alles übersteigt, was ich jemals\nvon Uebertreibungen des dramatischen Vortrags kennen\ngelernt habe. Höchst carikirt ist auch die Gesangs-Manier\nund das Spiel des Herrn Grimminger aus Hannover;\ndas Falset ist durch übermässiges Hinauftreiben der Brust-\nstimme schon fast verschwunden, die Intonation ist (was\nübrigens bei Steger im Ganzen nicht der Fall) wankend,\ndoch hat der Ton selbst mehr Halt und noch einige Spur\nvon Wohlklang; auchverräth Alles, dass Herr Grimminger\nein denkender Sänger und Schauspieler ist, der nur leider\nzu viel berechnet und zu wenig fühlt, und darum nicht\nzu einer harmonischen Kunstleistung gelangen kann. Die\nihm günstigste Rolle war, wie fast allen Sängern dieser\nRichtung, der Eleazar in der Jüdin.\nViele Hoffnungen setzen wir dafür auf einen jungen,\nnoch ganz unbekannten Tenor, Herrn Woworsky, den\nHerr v. Hülsen durch ein glückliches Ungefähr für unsere\nBühne gewonnen hat und bei dem Chor-Director Eisler,\neinem als praktisch und geschickt geltenden Gesanglehrer,\nweiter ausbilden lässt. Das Material des jungen Mannes ist\nvon vorzüglicher Schönheit, weich und sympathisch und\ndoch auch von hellem, glänzendem Klang, die Tonbildung\nnatürlich, mitunter fast zu offen, die Intonation meistens\ngut, die Aussprache musterhaft deutlich. Dieser Vorzug\nbirgt aber einen Mangel in sich. Man soll nicht der Deut-\nlichkeit wegen die Gleichmässigkeit des Klanges aufgeben\noder die melodische Phrase zerstückeln; und das ist bei\nHerrn Woworsky noch der Fall. Darum macht sein\nGesangs-Vortrag, obschon es ihm an Geist und Leben\nkeineswegs zu fehlen scheint, noch häufig den Eindruck\ndes Steifen, Eckigen, Unfreien; der Geist der Melodie singt\nnoch nicht aus ihm heraus. Für den Anfang können wir\nindess zufrieden sein, und wollen hoffen, dass Herr Wo-\nworsky ein zweiter Bader werden möge, mit dessen Stimme\ndie seinige Aehnlichkeit haben soll. Ein neu engagirter"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "299", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5567, "texte": "Bariton, Herr Beiz, früher in Rostock, hat ebenfalls herr-\nliche Mittel, die aber noch sehr der feineren Cultur be-\ndürfen.— Von der königsberger Oper ist Fräul. Pollack\nzu der königlichen Bühne übergegangen, eine nicht unge-\nwandte Sängerin, doch ohne die Fähigkeiten, um einen\nersten Platz bei uns einzunehmen. Fräul. Düringer,\neine Tochter unseres Schauspielhaus-Regisseurs, trat als\nGast auf und fand durch ihre geschmackvolle, eine gewisse\ninnere Bildung verrathende Auffassungsweise Beifall; doch\nfehlen ihr für den grossen Raum unseres Opernhauses die\nphysischen Mittel. Eine sehr talentbegabte Sängerin ha-\nben wir in Fräul. de Ahna, einer Schülerin des Herrn\nMantius, kennen gelernt; wenn es ihr gelingt, einen noch\nfreieren Ton und eine grössere Wärme des Vortrags sich\nanzueignen, so kann sie mit ihrer klangvollen, fast bis an\ndie Gränzen des Mezzo-Soprans reichenden Altstimme einen\nv hervorragenden Rang in der deutschen Bühnenwelt ein-\nnehmen.— Frau Wagner hat nach ihrer Verheirathung\nebenlalls wieder die Bühne betreten. Dass sie mit der\ngrössten Wärme von dem Publicum begrüsst wurde, ver-\nsteht sich von selbst. Ihre Stimme erschien neu gekräftigt,\nund bei ihrem herrlichen Darstellungs-Talent können wir\nden Entschluss, der Bühne treu zu bleiben, nur als einen\nglücklichen betrachten.\nAm Ende der Saison traten auch die hiesigen Gesang-\nVereine fast sämmtlich mit der Aufführung grösserer\nWerke hervor. Die Sine-Akademie mit der Matthäus-\nO\nPassion und den Jahreszeiten, letztere—trotz der Ungunst,\nmit der die moderne Schule den patriarchalischen Haydn\nbetrachtet unter solchem Zudrang des Publicums, dass\nnoch eine zweite Aufführung Statt fand. Der Stern'sehe\nGesang-Verein hatte auch in diesem Jahre sich vor dem\nStudium der Beethoven'schen Messe nicht gescheut und\nlös'te die Riesen-Aufgabe noch um Vieles trefflicher, als\nin früheren Jahren. Der unter der Leitung des Musik-Di-\nrectors Vi er 1 in g stehende Bach-Verein endlich brachte\ndie Johannes-Passion zur Aufführung. Da dieses Werk\nweniger bekannt ist, als die Matthäus-Passion, so fehlte\nauch hier die Theilnahme des Publicums nicht. Das allge-\nmeine Urtheil stellt die Matthäus-Passion höher—ob ganz\nmit Recht, möchte ich bezweifeln. Im Ganzen sehen sich\nbeide Werke so ähnlich, dass schon ein schärferer Blick\ndazu gehört, um die vorhandenen Unterschiede aufzufin-\nden. Zunächst scheint es, als ob das lyrische Element in\nder Matthäus-Passion bedeutsamer hervorträte. In der Jo-\nhannes-Passion ist dasselbe durch den Anfangs- und Schluss-\nChor, durch eine Bass-Arie mit begleitendem Choral, durch\neine ziemlich grosse Anzahl von Chorälen und durch eine\nReihe von Arien vertreten. In der Matthäus-Passion ist die\nZahl der Choräle etwas kleiner, die der Arien grösser,\neben so die der grossen lyrischen Chöre, wir finden deren\nvier. Da aber der eine derselben: „0 Mensch, bewein'\ndein' Sunde gross!\" ursprünglich der Johannes-Passion an-\ngehörte und erst später von Bach in die Matthäus-Passion\naufgenommen wurde, so geht uns unsere Unterscheidung\nwieder verloren. Ein hervortretender Unterschied ist der,\ndass eine grosse Reihe von Chören in der Matthäus-Passion\nachtstimmig ist, während sich in der Johannes-Passion nur\nvierstimmige finden. Trotzdem, dass dadurch die Polv-\nphonie in der Matthäus-Passion noch kunstvoller und ver-\nwickelter wird, kann man kaum sagen, dass die Chöre der\nJohannes-Passion klarer und fasslicher klingen; vielmehr\nerscheint die melodische Selbstständigkeit der einzelnen\nStimmen und die Energie des Ausdrucks hier auf einer\nHöhe der Ausbildung, dass die vierstimmigen Chöre der\nJohannes-Passion dem Geiste des Hörers eben so schwie-\nrige Aufgaben stellen, als die achtstimmigen der Matthäus-\nPassion. Und dies führt uns auf den wesentlichsten Unter-\nschied. In jenem Werke zeigt sich eine noch grössere Fri-\nsche und unmittelbare Wahrheit des Ausdrucks, die sich\nvor keiner sinnlichen Härte scheut, während in diesem eine\ngesammeltere Ruhe und, wenn man will, Reife des Geistes\neingetreten scheint. Doch, müssen wir hinzufügen, es ist\nnur ein geringer Unterschied des Grades. Wenn wir z. B.\ndie Partie des Evangelisten in beiden Werken näher be-\ntrachten, so findet sich im Evangelisten Matthäus kein Zug\nvon einer gleichen Realität des Ausdrucks, wie im Johan-\nnes bei der Geisselung Christi und den bitteren Thränen\nPetri; aber an ähnlichen Malereien, nur weniger auffällig,\nfehlt es auch im Matthäus nicht. Die Partie des Christus\nerscheint in der Matthäus-Passion dadurch gehoben, dass\nsie mit Orchester begleitet ist; auch im Melodischen ent-\nhält sie bedeutendere Züge. Die dramatischen Chöre sind\ndafür in der Johannes-Passion fast noch frischer und ge-\nwaltiger. Wie sehr es Bach um die Wahrheit des Aus-\ndrucks zu thun ist, das kann man bemerken, wenn man\nz. B. darauf achtet, wie am Schlüsse des „Kreuzige\" ge-\ngen das dder Bässe die Tenore ein scharf einschneidendes,\nalle Martern der Kreuzigung ahnen lassendes eis setzen;\nund doch ist er gerade da, wo er der Naturwahrheit des\nAusdrucks am meisten hingegeben scheint, von naturalisti-\nscher Formlosigkeit am weitesten entfernt; das „Kreuzige\"\nist in einer der strengsten Kunstformen geschrieben. Den\nChorälen der Johannes-Passion würden wir vor denen der\nMatthäus-Passion unzweifelhaft den Vorrang geben. Sie\nsind im höchsten Sinne mild und versöhnend, enthalten\naber dabei in der Stimmenführung eine solche Reihe der\nfeinsten, ausdrucksvollsten Züge, wie wir sie sonst kaum\nbei Bach gefunden haben, namentlich die beiden Choräle:\n„0 grosse Lieb'!\" und: „Ach Herr, lass Dein lieb Enge-\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "300", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1312, "texte": "lein\". Der Anfangs- und der Schluss-Chor der Johannis-Pas-\nsion, die, gleich den entsprechenden der Matthäus-Passion,\nfür sich allein gothischen Domen verglichen werden kön-\nnen, sind von überwältigender Macht und Fülle, so dass\nsie, namentlich der erste, in dem ein Meer von Tönen in\nunaufhörlichen Fluten daherbraus't und dennoch die festen\nSäulen des Grundbaues nicht zu erweichen vermag, bei\neinmaligem Hören kaum ganz gefasst werden können. Die\nAusführung der Chöre zeichnete sich weniger durch ma-\nterielle als durch intensive Kraft, durch unfehlbare Sicher-\nheit und sorgfältigste Nuancirung aus.\nHändel's Susanna wurde durch den Gesanglehrer\nHerrn Kotzoldt, der seine Schüler zu einem Chor ver-\neinigt hat, zur Aufführung gebracht. Wenn auch nicht so\nbedeutend der Anlage nach, wie die bekannteren Oratorien\ndieses Meisters, ist doch auch dieses Werk reich an Chö-\nren, die von der schlagfertigen Kürze seines Ausdrucks,\nvon seiner plastischen Gestaltungskraft Zeugniss geben.\nNamentlich aber finden sich unter den Arien mehrere, die,\nweit entfernt von allem Zopfstil, durch einfache, natürliche\nMelodik, innigen Ausdruck und liebliche Haltung hoch\nhervorragen. Susanna selbst und ihre Dienerin sind zwei\nder originellsten Frauengestalten, von einer Unschuld und\nNaivetät, die nicht veralten kann.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-09-17-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-09-17_01#c003", "volume": "bmtnabi_1859-09-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "300", "page_fin": "302", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.2.3", "titre_corps": "Das Musikfest in Bradford am 22.—26. August.", "titre_sommaire": "Das Musikfest in Bradford am 22.—26. August.", "signature_source": "C. A", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "300", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.4", "debut_caractere": 1314, "fin_caractere_exclue": 5148, "texte": "Das Musikfest in Bradford am 22.—26. August.\n\nEs war dies das dritte Musikfest in Bradford, seitdem\ndiese Stadt durch den Bau der St.-Georgs-Halle in Stand\ngesetzt war, in die Reihe der musicalischen Grossstädte\nvon England einzutreten. Ihr Fest kehrt alle drei Jahre\nwieder, und das diesjährige hat die beiden früheren (1853,\n1856) an Glanz und Erfolg, sowohl künstlerischem als\nmateriellem, bei weitem hinter sich gelassen.\nDa bei den englischen Musikfesten die Solisten eine\ngrössere Wichtigkeit haben, als bei den deutschen, weil\nneben den drei bis vier Oratorien-Aufführungen eben so\nviel so genannte „Gemischte Concerte\" Statt finden, deren\nProgramme weltliche Concertmusik und Operngesänge\nenthalten, so richtet das jedesmalige Comite ein Haupt-\nAugenmerk auf die Gewinnung von Berühmtheiten. Dieses\nMal waren berufen: Soprane Clara Novello, Lemmens-\nSherington, Sunderland, Tietjens (aus Wien); Alti Pal-\nmer, Freeman, Nantier-Didiee (aus Paris); Tenöre—Sims\nBeeves, Cooper, Giuglini; Bässe Belletti, Badiali, Sant-\nley. Pianistin: Arabella Goddard; Organist: Brownsmith.\nDen Stamm des Chors bildete der bradforder Sing-Verein\n(Dirigent W. Jackson), dem sich viele andere aus der Um-\ngegend angeschlossen; das Orchester war in seinem Haupt-\nbestandtheile das Orchester der italiänischen Oper von Lon-\ndon; Costa dirigirte das Ganze.\nTrotz der ungeheuren Kosten, welche allein schon die\nHerbeiziehung solcher Kräfte verursacht, hatte der dies-\njährige Vorstand dennoch die Eintrittspreise gegen früher\nermässigt, ferner die Einnahme des letzten Concertes für\nein Hospital bestimmt, und hat bei diesem kühnen Ver-\nsuche gute Geschäfte gemacht. Die Eintrittspreise betrugen\nfür jedes Concert in den Logen 1 L. St., in der Area 10\nSh. 6 P. und 7 Sh. 6 P., auf der West-Galerie 6 Sh.—\nalles bestimmte,numerirte Plätze; auf der Nord- und Süd-\nGalerie 3 Sh., oder für alle Concerte zusammen 17 Sh.\n6 P.—Auf diese WTeise war—nach englischem Maassstabe\nauch den weniger bemittelten Classen, ja, selbst der\nzahlreichen Arbeiter-Bevölkerung in Bradford die Möglich-\nkeit gegeben, die Festhalle zu besuchen, zumal da die\nBillets zu 17 Sh. 6 P. übertragen werden konnten. Mit\nRecht konnte das diesjährige Fest ein Volksfest heissen,\nauch war der Dreishillings-Platz immer voll besetzt. Die\nfolgende Angabe der Zuhörerzahl in den verschiedenen\nConcerten kann zugleich eine Art von Barometer für den\nmusicalischen Geschmack abgeben:\nDinstag Abends, Haydn's Schöpfung: 2431 Zuhörer.\nMittwoch Morgens, Händel's Dettinger Te und\nAuswahl aus Judas Maccabäus: 1836 Zuhörer.\nMittwoch Abends, Gemischtes Concert: 2296 Zuhörer.\nDonnerstag Morgens, Mendelssohn's Paulus: 1422 Z.\nDonnerstag Abends, Gemischtes Concert: 2285 Zuh.\nFreitag Morgens, Händel's Messias: 2271 Zuhörer.\nFreitag Abends, Gemischtes Concert—Jackson's neue\nCantate: 2908 Zuhörer.\nIm Ganzen haben mithin 15,449 Personen die sieben\nConcerte an vier Tagen besucht! Nehmen wir einen\nDurchschnitts-Preis von 6 Shilling oder 2 Thalern an, so\nergibt sich eine Einnahme von etwa 31,000 Thalern. Von\nder wirklichen Einnahme ist nur so viel bekannt, dass von\nVerlust nicht die Bede ist und das Hospital 1000 Pf. St.\nerhalten hat.\nHaydn's „Schöpfung\" wurde eine der besten Auffüh-\nrungen zu Theil, die man ausserhalb Londons in England\nhören kann. Costa wurde nicht nur enthusiastisch empfan-\ngen, sondern die halbe Nacht hindurch namentlich durch\nunsere Landsleute (in Bradford machen die Deutschen\neinen ansehnlichen Theil der Bevölkerung aus) mit Hochs\nund Fackelzug und Ständchen der Liedertafel um seinen\nSchlaf gebracht. Die Sängerinnen und Sänger von Yorkshire\nzeigten sich in Haydn's Chören sehr wacker. „Die Him-\nmel erzählen\" und „Vollendet ist das grosse Werk\" mach-\nten einen vortrefflichen Eindruck. Unter den Solisten rag-\nten Clara Novello—immer noch mit schöner voller Stimme"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "301", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5409, "texte": "und dem Adel in Ton und Vortrag und Sims Reeves\nhervor, der auch schon eine geraume Zeit lang singt, aber\neben weil er ein Sänger ist, nicht ein Schreier und Lun-\ngentrotzer, noch fortwährend gefällt und mit Recht. Bel-\nletti sang den Raphael etwas stark italiänisch und liess den\nkräftigen und edleren Vortrag von Formes vermissen. Den\nAdam sang der Baritonist Santley recht hübsch, die Eva Frau\nLemmens-Sherington. Das Orchester, das bekanntlich in\nder „Schöpfung\" eine Hauptrolle spielt, war vortrefflich.\nIn Händel's Te Deurnwar die Macht der Massen im-\nposant; Belletti sang hierin die Soli mit ausgezeichnetem\nSchwung. Im Judas Maccabäus feierte Sims Reeves seinen\ngewöhnlichen Triumph in der Hauptpartie. Eine vortreff-\nliche Wirkung machte der Vortrag der einen Strophe des\nSiegsgesanges: „See, the con durch\ndrei Solostimmen.\nDas erste Misch-Concert hatte ein Programm von 22\nNummern, was für England eben nicht zu viel war; allein\nes wurde durch stürmisch verlangte Dacapo's von zehn\nNummern unverantwortlich ausgedehnt. Stern erster Grösse\nund mächtigster Anziehungskraft war Fräul. Tietjens, die\nzuerst mit der Brief-Arie aus Don Juan auftrat, dann aber\nsowohl allein als in Ensembles nur Verdi sang. Seit vielen\nJahren hat auf den Musikfesten in England keine Sängerin\neinen so gewaltigen Eindruck gemacht, als sie. Ich habe\nnichts dagegen, dass die Frische und der Wohllaut der\nStimme diese Thatsache rechtfertigt, allein neben einer\nso kunstvoll gebildeten Sängerin wie die Novello bleibt sie\ndoch immer auffallend. Unter den Ensemblestücken war\ndas Quintett aus Mozart's Cosi fern tutte eine schöne Gabe;\nalles Uebrige war mehr oder weniger aufs Paradiren be-\nrechnet. Vorzugsweise Erwähnung verdient Beethoven's\nPhantasie Op. 80, worin Miss Goddard die Piano-Partie\nausführte. Nachher spielte sie noch Thalberg's abgedro-\nschene Moses-Phantasie—nun freilich, die treffliche Künst-\nlerin wusste wohl, dass sie beim „Volksfeste\" zu Bradford\nnicht mit Beethoven'schen und Dussek'schen Sonaten kom-\nmen durfte! Das Orchester spielte die Ouvertüren zu\nFra Diavolo, Wilhelm Teil und Ruy Blas wie am Schnür-\nchen, alles ohne Probe. Auf nicht ruhenden Volksruf wie-\nderholte Costa die Tell-Ouverture, d. h. das Allegro. Auch\ner kennt sein Publicum.\nMendelssohn's Paulus am Donnerstag Morgens war\nam schwächsten besucht (1422 Zuhörer), brachte jedoch\nmehr ein, als die Zahl der Anwesenden vermuthen liess,\nweil viele Kaufleute ihre abonnirten Plätze wegen der Ge-\nschäfte am Markttage unbesetzt liessen. Die St.-Georgs-\nHalle war vor sechs Jahren mit dem Paulus eingeweiht\nworden, und dieses Oratorium, das sehr ungerechter Weise\nin England fast ganz durch den Elias verdrängt worden\nist, hat, wie ich höre, in Bradford, Manchester und ande-\nren Städten des nördlichen Fabrikbezirks seine Popularität\nbehalten. Die Einübung der Chöre gab den Beweis davon,\nund ich freute mich sehr, den lang entbehrten Duft dieser\nersten frischesten Blüthe des Genius unseres Mendelssohn\nwieder einmal einschlürfen zu können. Ich that es in vollen\nZügen, denn die Ausführung war vortrefflich.\nDas Abend-Concert an demselben Tage zeigte wieder\nein vollbesetztes Haus. Unter den 21 Nummern waren\nzwei Ouvertüren (Preciosa und Semiramis) und—Beetho-\nven's .Ä's-efer-Concert! Ich bewunderte die Kühnheit der\nMiss Goddard, dem guten Volke von Yorkshire diese Ge-\nduld- und Geschmacks-Probe zuzumuthen, zumal da das\nConcert die neunte Nummer, die letzte des ersten Theils,\nbildete und an vierzig Minuten dauerte. Allein Ehre, dem\nEhre gebührt; die ganze Versammlung folgte der gross-\nartigen Composition von Anfang bis zu Ende mit gespann-\nter Aufmerksamkeit und überhäufte die Künstlerin mit\ndem lebhaftesten Beifall. Miss Goddard spielte das Concert\nmit derjenigen Ruhe und Gediegenheit, welche ihre Vor-\nträge classischer Musik auszeichnen. Im zweiten Theile gab\nsie der Menge Leopold von Meyer's Trovatore-Potpourri\nmit obligatem Bravour-llokuspokus zum Besten, wurde\nstürmisch gerufen und gab darauf noch Thalberg's „Letzte\nRose\" zu.—\\on Gesang-Vorträgen sind zu erwähnen das\nliiflammatus aus Rossini's Stabat mater und die grosse\nArie aus Fidelio durch Fräul. Tietjens, die Scene „Durch\ndie Wälder\" aus dem Freischütz durch Sims Reeves, dem\nes aber an dem leidenschaftlichen Ausdruck fehlt, welchen\nder dramatische Gesang verlangt, und Rossini's „Caritä\"\nmit den Soli durch die Damen Tietjens, Sherrington und\nNantier-Didiee.\nDas letzte Morgen-Concert brachte Händel's Messias,\nder die in England vorzugsweise bewährte Anziehungs-\nkraft auch dieses Mal wieder übte, obschon Haydn's „Schö-\npfung\" am ersten Festmorgen ein noch etwas zahlreiche-\nres Auditorium angelockt hatte. Die Ausführung war in\nden Chören, deren genauere Kenntniss den Sängern volle\nFestigkeit und Zuversicht gab, fast noch vollkommener als\nim Paulus; sie leistete alles, was man von dem Chor eines\nMusikfestes, der bereits drei Tage hinter einander gesun-\ngen hat, erwarten kann. Die Solostücke standen nicht\ndurchweg auf gleicher Höhe der Ausführung. Clara No-\nvello genügte den Forderungen, die man seit Jahren an\nsie in dieser Partie zu machen gewohnt ist; allein Miss\nSunderland, der Liebling der Bradforder, war in dem Vor-\ntrag der Arie aus B-dur:„Erwach' zu Liedern der\nWonne\", nichts weniger als correct und brachte vollends\nam Schlüsse eine so schlecht gedachte und eben so schlecht\nausgeführte Cadenz an, dass der übermässig losbrechende"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "302", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3155, "texte": "Beifall bei jedem musicalisch Gebildeten ein unheimliches\nGefühl erregte und der Urtheilsfähigkeit der Bradforder\nkein schmeichelhaftes Zeugniss gab. Die Altistinnen Miss\nPalmer und Miss Freeman sind Anfängerinnen mit hüb-\nschen Stimmen.\nDas letzte Abend-Concert hatte die grösste Zuhörer-\nschaft von allen, nahe an 3000 Personen, in der Halle\nversammelt. Die Quelle dieser vollen Strömung, deren bei-\nfälliges Rauschen und Donnern im Laufe des Abends öfter\ndie Mauern beben machte, war die allgemeine Volksgunst,\nderen Herr Jackson, der Componist einer Cantate, die zum\nersten Male aufgeführt wurde, sich hier erfreut. Jackson\nsteht an der Spitze der musicalischen Vereine von Brad-\nford und hat unendliches Verdienst um die Bildung und\nsittliche Veredlung der Arbeiter-Bevölkerung. Es ist ihm\ndesshalb zu gönnen, dass man ihm bei dieser Gelegenheit\nden Tribut der Dankbarkeit in reichem, ja, überreichem\nMaasse zollte, und jeder Fremde hütete sich auch, den\nguten Bradfordern zu widersprechen, wenn sie in Herrn\nJackson ihren Mendelssohn priesen. Für das Princip der\nMusikfeste würde es aber sehr nachtheilig sein, wenn der-\ngleichen Local-Einflüsse maassgebend für das Programm\nwerden sollten. Die Cantate, betitelt (Das Jahr),\nenthält in einer ganz planlosen Zusammenstellung von Ge-\ndichten verschiedener berühmter und unberühmter Auto-\nren eine Schilderung oder Verherrlichung (?) der vier Jah-\nreszeiten, und statt The Seasons,eines Titels, der gefähr-\nliche musicalische Erinnerungen wecken könnte, ist der\nbescheidenere gewählt. Nicht ganz so bescheiden, aber eben\nso gedehnt und unzusammenhängend ist die Musik, wel-\ncher es hauptsächlich an Melodie und dann so ziemlich an\nallem fehlt, was eine Composition interessant und eindring-\nlich macht. Der grösste Theil des Publicums war indess\nanderer Meinung, verlangte die Wiederholung mehrerer\nNummern und war ganz ausser sich in seinen Beifalls-\nbezeigungen.\nDie Musikfreunde wurden durch Mozart's grosse\nrfwr-Sinfonie mit der Fuge im Finale, das nur etwas zu\nschnell genommen wurde, entschädigt. Es ist übrigens eine\nSeltenheit, dass eine Mozart'sche Sinfonie bei den engli-\nschen Musikfesten auf das Programm kommt; zum Probi-\nren solcher Qrchesterwerke ist keine Zeit vorhanden. An\ndiesem Abende stimmte ich mit jenem Naturkinde überein,\ndass irgendwo beim Finale dieser Sinfonie auf den begei-\nsterten Ruf seines Nachbars: „Mein Himmel, welch eine\nArbeit!\" erwiderte: „Ja, ich begreife nicht, wie die Herren\nSpieler es aushalten!\" —lch gestehe, dass mir bloss vom\nZusehen der viertägigen Arbeit der Contrabassisten der\nArm weh that, und ich war herzlich froh, als das\nsave the Queen und damit das ganze Fest beendigt war.\nDas übrige Programm des Abends war wieder so\nbuntscheckig als möglich. Herold's Zampa-Ouverture musste\nwiederholt werden (!), und unter den Gesangstücken von\nMozart, Rossini, Mercadante, Verdi u. s. w. florirte sogar\nauch—auf einem Musikfeste! das Quartett aus Martha\nvon Flotow!\nDonnernder Hervorruf des Dirigenten Costa und erd-\nbebenartige Hochs auf den Bürgermeister von Bradford\nwaren die letzten Geschützsalven, unter deren Krachen wir\ndie Halle verliessen.\n\nC. A."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-09-17-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-09-17_01#c004", "volume": "bmtnabi_1859-09-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "302", "page_fin": "303", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.2.4", "titre_corps": "Für Kammermusik.", "titre_sommaire": "Für Kammermusik.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "302", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.6", "debut_caractere": 3157, "fin_caractere_exclue": 5065, "texte": "Für Kammermusik.\nEs gibt Momente künstlerischen Genusses, die zu dem\nSchönsten und Edelsten gehören, was dem Menschen im\nLeben geboten werden kann, und in denen man fühlt, wie\nsehr Göthe Recht hat, wenn er sagt, der wahrhaft gebil-\ndete Mensch solle keinen Tag vorübergehen lassen, ohne\nden Eindruck irgend eines Kunstwerkes in sich aufzuneh-\nmen, ohne etwa ein Gedicht zu lesen, oder ein Gemälde\nzu betrachten, oder eine Musik zu hören. Es ist keineswegs\nnöthig, dass ein solches Kunstwerk neu sei; die Neuheit\nist nicht die nothwendige Eigenschaft desselben, sondern\ndie wirkliche Schönheit ist die Hauptsache dabei; allein\nder Genuss und die Wirkung des Eindrucks wird aller-\ndings erhöht, wenn das Kunstwerk neu ist, wenn es aus\nunserer Zeit, mit der ja doch unser Denken und Fühlen\nverwachsen ist, als eine Schöpfung hervorgegangen, die\nwir entweder in allgemein menschlicher, oder noch lieber\nin nationaler Beziehung als gewisser Maassen gemeinsam\nbetrachten können, wenigstens in so fern, als die Bedin-\ngungen, unter denen sie entstanden ist, dieselben sind, die\nuns für ihren Eindruck empfänglich machen.\nIn der Musik wird uns durch das Schaffen der Zeit-\ngenossen jetzt selten die Freude zu Theil, mit einem neuen\nWerke zugleich den Eindruck des Schönen zu empfangen,\nwelches durch Inhalt und Form jene Befriedigung in uns\nhervorruft, die wir oben „künstlerischen Genuss\" nannten.\nUm so dankbarer müssen wir jede Gabe annehmen, wel-\nche aus dem ursprünglichen Quell des Musicalisch-Schönen\nentspringt, das heisst, welche die Schöpfung einer musica-\nlischen Natur, eines inneren Kunstdranges ist, nicht das\nmühsame Erzeugniss künstlicher Factur und von aussen\nhergeholter Begeisterungs-Recepte. Solch eine freie, geniale\nSchöpfung hat uns neuerdings Heinrich Marschner\ngegeben in seinem:\nGrand Duo pour Piano\nAmi Mr. Mich. DuMont ä Cobgne par 11. M.\nOp. 174. Leipzig, bei Fr. Hofmeister. Pr. 2 Thlr."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "303", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4764, "texte": "Der wunderbare, eigentümlich romantische Geist, der\nnur auf deutschem Boden seine Heimat hat, weht uns aus\ndieser Gomposition wieder einmal so frisch und phanta-\nstisch, so leidenschaftlich und dann wieder so innig und\nfesselnd, so neckisch und dann wieder so sehnsüchtig träu-\nmend entgegen, dass wir uns in die Zeiten versetzt fühlen,\nwo Max und Agathe, Hans Heiling und Anna zum ersten\nMale als echt deutsche Gestalten voll Leben und Wahrheit\nuns unwiderstehlich anzogen und sich tief in Gemüth und\nHerz als unverlierbares Eigenthum senkten. Ja, unverlier-\nbar und unzerstörbar weder durch den ralfinirten Eklek-\nticismus der französischen, noch durch den declamatori-\nschen Singsang und den lärmenden Instrumentalprunk der\nneuesten deutschen Oper. Weber und Marschner, Einer\nund derselbe in dem Priesterthume deutschen Gesanges,\naber unendlich mannigfach und verschieden im Ausdruck\nihres Wesens, können und wollen sich auch in ihren Gla-\nvier-Compositionen den Zauberkreisen nicht entwinden, in\ndenen ihr Genius sie gross gezogen und in die sie alle Her-\nzen hineinziehen, sobald sie ihre Weise erklingen lassen.\nDiese Zauberkreise schlössen beide Meister gegen den Ein-\nfluss von allem Fremden undurchdringbar ab, mochte es\nvon Süden oder Westen kommen; für sie war die italiäni-\nsche wie die französische Oper so gut wie gar nicht vor-\nhanden, sie schöpften aus dem reinen Quell des deutschen\nVolksliedes, horchten auf das Rauschen in den deutschen\nHainen und Wäldern und schauten in den Nebeln und\nWolken die Schemen der deutschen Sage, die sie durch\nTöne zu lebendigen Gestalten umschufen.\nDesshalb athmen auch Marschner's Clavier-Gompo-\nsitionen jene bald lieblich verlockende, reizende und fes-\nselnde, bald überreich emporquellende und in vollem Er-\nguss strömende Romantik, deren Ursprung aus unbestimm-\nter Sehnsucht sich nur ahnen, niemals aber deuten und\nauslegen lässt, und die keiner anderen Poesie zu ihrer Ver-\ndolmetschung bedarf, als der Poesie der Töne.\nDieses Duo, von Anfang bis Ende voll von jugend-\nlicher Frische und Fülle dfer Gedanken, gibt ein neues\nglänzendes Zeugniss dafür. Es ist ein Meisterwerk in dieser\nGattung, das um so mehr fesselt und anzieht, je mehr die\nganze Gattung immer ärger zu modernen Salon- und Bra-\nvourzwecken herabgewürdigt wird. Hier ist Alles edel, voll\nPhantasie und Originalität, und nirgends verletzten beide\nin kunstmörderischem Toben die Form, sondern halten sie\nheilig als schützende Hülle des Schönen.\nDer erste Satz, Allegro appassionato in A-moll, 6/3-\nTact (S. 1 —l2), schildert eine ruhelose, leidenschaftliche\nStimmung, die in feurigem, schwungvollem Erguss ihren\nCharakter offenbart, nicht durch Aufeinanderthürmen von\nzehnfingerigen Accorden bei dissonirenden Vorhalten und\newigen rhythmischen Rissen. Erst in den letzten Tacten\nsenkt sich der Sturm zu einiger Ruhe. Dann beginnt das\nAndante espressivo, un poco ägitato in E-dur, 4/4-Tact\n(S. 13 18), mit einer originellen melancholischen Ca-\ndenz der Violine in recitativartigem Rhythmus, welche nach\nder Haupt-Tonart und dem Thema leitet, das vom Piano-\nforte aufgenommen und zunächst allein von ihm durchge-\nführt wird. Das Ihema ist, wie sich bei Marschner von\nselbst versteht, nicht etwa ein ärmliches Sätzlein von drei\nbis vier Tacten, sondern eine lange, vollständig ausgespro-\nchene schöne Melodie, die namentlich in ihrer zweiten Pe-\nriode in Verbindung mit den tiefen Tönen der Violine eine\nsehr schöne Wirkung macht. Alles ist krystallreiner Guss,\ndas ganze Andante eine Gesangscene voll Empfindung und\nwahrem Gefühl.\nDas Scherzo Presto,3/4-Tact in ist höchst ori-\nginel, wiewohl es sich an die durch Beethoven festgestellte\ntorm dieser Gattung hält und die Neuheit nicht in anders-\ntheiligem Rhythmus und Aehnlichem sucht. Ueberraschend\nund eigentümlich, auch in der Form neu, ist der Eintritt\ndes Trio nach dem Schlüsse in A-moll:\nErst nach der Zurückführung nach A-moll (einem Theile\nvon 16 Tacten) tritt das eigentliche Trio ein mit einer von\njenen reizenden Melodieen, wie sie nur Weber und Marsch-\nner spenden. Der letzte Satz, Attegro passionato, [f in\nA-moll (S. 26—41), ist ebenfalls eine Ausströmung der-\nselben Inspiration, welche die drei ersten erzeugt hat. Von\nmerkwürdigem Effect ist namentlich der Anfang des zwei-\nten Theils und die darauf folgende, zur Durchführung be-\nnutzte Stelle im pianissimo auf einer Saite des Pianoforte.\nWiewohl das Duo keineswegs für Bravour geschrie-\nben ist, sondern als Musik um der Musik willen, so ist es\ndoch für die Spieler, namentlich auch für den Violinisten,\nsehr dankbar; es erfordert bei nicht bedeutender Schwie-\nrigkeit nur einen geist- und gefühlvollen Vortrag, um sich\nüberall in bleibende Gunst zu setzen. Die Ausstattung\nist gut, die Ciavierstimme in Partitur gedruckt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-09-17-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-09-17_01#c006", "volume": "bmtnabi_1859-09-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "303", "page_fin": "304", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "303", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.7", "debut_caractere": 4766, "fin_caractere_exclue": 5136, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nfSo&lil* Herr Musik-Director W. Neuland von hier, welcher\nsich in Calais eine ehrenvolle Stellung erworben hat und als tüch-\ntiger Kirchen-Componist bekannt geworden ist, besuchte uns. Seine\nneueste zweite Messe wurde vor Kurzem unter der Leitung des\nHerrn Dora-Capellmeisters Schorn-Miiller in Aachen aufgeführt und\nfand grossen Beifall."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "304", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5288, "texte": "Hannover. Herr Bernhard Scholz, der im Frühjahre drei\nMonate lang die Dirigenten-Stelle des erkrankten Capellmeisters Fi-\nscher versah, ist nunmehr definitiv als Capellmeister bei dem hiesi-\ngen Hoftheater angestellt.\nKarlsruhe. Es heisst, dass die Aufführung der Oper „Tri-\nstan und Isolde\" von Rieh. Wagner, deren Widmung die Gross-\nherzogin Louise angenommen haben soll, hier vorbereitet werde.\nTOrien. Nach langer Unterbrechung kam es endlich zur zwei-\nten Gastvorstellung des Herrn Theodor Formes als George Brown\nin der Oper „Die weisse Frau\". Das Haus war gut besucht, Herr\nFormes wurde nach jedem Actschlusse gerufen und auch sonst wie-\nderholt mit Beifall ausgezeichnet, der jedoch weder allgemein noch\nbesonders lebhaft war. Der treffliche Sänger schien noch unter dem\nEinflüsse der kaum überstandenen Unpässlichkeit zu leiden und schon\nim zweiten Acte nicht mehr im vollkommen unbeirrten Gebrauche\nseiner Mittel zu sein. Am freiesten und sichersten bewegte er sich\nim ersten Acte.\nDie „Recensionen\" enthalten in Nr. 36 eine scharfe, aber mit\nBeweisen unterstützte Kritik der artistischen Direction des Hof-\nOpern theaters. Zu den für diese Saison, die seit sieben Wochen er-\nöffnet ist, angekündigten neuen Opern von Meyerbeer, Wagner,\nMarschner, Taubert, Doppler, Abert, Th. Löwe und Wiederaufnah-\nmen von Gluck, Dittersdorf, Marschner (Hans Heiling) u. s. W.ist\nnoch keine einzige Probe gehalten worden. Beiläufig erfahren wir,\ndass Frau Csillag (Mezzo-Sopran) mit 17,400 Gulden jährlicher\nGage „erhalten\" worden ist, Fräul. Sulz er (eine wenig zu beschäf-\ntigende Altistin) 6000 Gulden, Fräul. Krauss hingegen, für erste\nund zweite Sopran-Partieen engagirt, nur 1200 Gulden bekommt.\nUeber das Gerücht, dass das Hof-Operntheater als Privat-Unter-\nnehmung verpachtet werden solle, lesen wir nichts in den wiener\nBlättern. Es ist wahrscheinlich aus der projeetirten Abschaffung der\nitaliänischen Oper für die Zukunft entstanden.\nParis. Eine frühere Oper von Flotow : LyArne en peine, soll\nvom grossen Operntheater wieder aufgenommen werden.\nScribe und Limnander haben eine neue komische Oper: Les\nBlancs et les Bleus, geschrieben, in welcher Fräul. Wertheimber die\nHauptpartie singen wird. Die Aufführung im Theater der komischen\nOper steht bevor.\nDas Thddtre lyrique kündigt für die begonnene Saison nicht we-\nniger als sieben neue Opern von 3—5 Acten und dazu noch ein\nhalbes Dutzend einactiger an. Darunter befinden sich zwei von\nScribe: Les Violons du Roi, 3 Acte, Musik von Deffes, und eine\nnamenlose in drei Acten mit Musik von Clapisson; eine fünf-\nactige, Musik von Th. Semet (?); eine dreiactige, dito von Aime\nMaillard; eine dreiactige von Alex. Dumas dem Aelteren, Musik\nvon Ferd. Poise; eine dreiactige, Musik von Ernst Reyer; eine\ndreiactige Buffo-Oper von Barbier und Carre, Musik von Gounod.\nDas neue Opernhaus soll auf dem Boulevard in der neuen Strasse\nvon Rouen, der Rue de la paix gegenüber, erbaut werden.\nDie italiänische Oper hat ihr Programm für 1859 1860 bekannt\ngemacht. Unter den Sängerinnen erscheinen die Damen Bottini,\nPenco, Borghi Mamo, Cambardi als Sopranistinnen, Alboni\nund Acs als Altistinnen; Tenöre Gardoni, Lucchesi, Morini,\nTamberlik; Baritone Badiali, Graziani, Merly; Bässe An-\ngel in i und Patriossi; Buffo Zucchini. Orchester-Dirigent Bo-\nnetti. Das Repertoire bringt 26 Opern, darunter II Matrimonio se-\ngreto von Cimarosa, von Mozart Don Juan, Figaro, Zauberflöte,\nvonDonizetti 5, von Rossini 6 (darunter „Un curioso acci-\ndente\"— ?), von Verdi 4 und Flotow's Martha.\nPetersburg* Es ist hier eine russische musicalische Gesell-\nschaft ins Leben getreten, welche musicalische Bildung und den Ge-\nschmack an Musik in Russland zu fördern und vaterländische Ta-\nlente zu unterstützen vor hat. Durch einen jährlichen Beitrag von\n15 Rubeln wird man Mitglied der Gesellschaft, und wer 1000 Rubel\nschenkt oder sich zu einem Beitrage von 100 Rubeln im Jahre ver-\npflichtet, wird Ehren-Mitglied. Der Kaiser hat die Statuten bereits\nbestätigt.\nDas Interesse der fashionablen Welt dreht sich gegenwärtig um\ndie ausgezeichneten Concerte, welche der berühmte wiener Walzer-\nComponist Johann Strauss hier veranstaltet. Schon seine ele-\ngante, sichere persönliche Erscheinung, die Freiheit seiner Bewegung\nhaben ihn zum Liebling der hiesigen Aristokratie gemacht, in deren\nKreisen er sich den grössten Theil seines hiesigen Aufenthalts be-\nwegt. Johann Strauss bietet aber auch Alles auf, um seine hiesigen\nFreunde und Gönner noch mehr für sich einzunehmen. Sein Orchester\nist von ihm auf eine Stufe der Vollendung gebracht worden, dass\nes die grössten und schwierigsten Tondichtungen unserer Heroen\nBeethoven, Mozart, Mendelssohn, R. Wagner, Schumann u. s. w. mit\neiner Präcision und Feinheit der Nuancirung zur Aufführung bringt,\nwie man sie nur in den ersten philharmonischen Concerten zu hören\ngewohnt ist.\nMio Janeiro. Madame de la Grangeist ein Liebling des\nhiesigen Publicums geworden. Am 15. Juni begann eine neue Sai-\nson. Lucia war die Eröffnungs-Oper, in welcher der Tenor Mirate\nSensation machte. Madame La Grange wurde durch den Conductor\nSignor Giannini ein goldener Kranz überreicht. Am 29. Juni wurde\nRigoletto gegeben, mit Madame La Grange als Gilda, Herrn Mirate\nals Herzog und Herrn Arnand als Rigoletto. Der Erfolg war glänzend."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "297", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBerliner Briefe (Königliche Oper Aufführungen der Akademie, der Vereine von Stern, von Vierling [Bach-Vereinj\nUeber J. S. Bach's Johannis-Passion Händel's Susanna). Von G. E. Das Musikfest in Bradford am 22.-26. August. Von C. A.\nFür Kammermusik: Grand Duo pour Piano et Violon von H. Marschner, Op. 174 Tages- und Unterhaltungsblatt (Bonn\nHannover Karlsruhe Wien Paris Petersburg Rio Janeiro).\n\nBerliner Briefe.\n\n[Königliche Oper: Verdi's Ernani; Die Braut des Flussgottes, ko-\nmische Oper von Conradi Gäste: Ander, Steger, Grim-\nminger Neu: Woworsky, Tenor Beiz, Bariton Fräul.\nPollack, Düringer, de Ah na; Frau Wagner. Auffüh-\nrungen der Akademie, der Vereine von Stern, von Vierling\n(Bach-Verein). Ueber J. S. Bach's Johannes-Passion.\nHänders Susanna.]\nDen 7. September 1859.\nAm Schlüsse der vergangenen Saison führte uns die\nkönigliche Oper noch zwei Novitäten vor: den Ernani von\nVerdi und Die Braut des Flussgottes, komische Oper von\nConradi. Der Ernani ist zwar weder für die Welt noch\nV\nfür Berlin eine Novität, denn auf der Königsstadt war er\nvor vielen Jahren von den Italiänern bereits gegeben wor-\nden; an der Hofbühne war er indess nicht erschienen, wie\ndenn überhaupt der alle Bühnen Europa's beherrschende\nKoryphäe der heutigen italiänischen Oper bei uns nur durch\nden Trovatore vertreten ist. Man hätte auch mit dem Er-\nnani den etwas verspäteten Versuch kaum gemacht, wenn\nnicht der Mangel an interessanten Neuigkeiten zu den ver-\nzweifeltsten Gedanken geführt und das damit verbundene\nGastspiel Ander's den erforderlichen Muth gegeben hätte.\nDoch war das Fiasco der Oper ein ganz entschiedenes;\nbei der zweiten Vorstellung war es bereits ganz leer; das\nberliner Publicum, das nicht einmal die italiänischen Süs-\nsigkeiten recht behaglich findet,verträgt dietrockene Schrei-\nerei Verdi's noch weniger. Und doch herrscht in dem Er-\nnani, wie es mir scheint, noch ein reinerer Stil, als in dem\nhalb französischen Trovatore; doch ist wenigstens in ein-\nzelnen Nummern, z. B. in der bekannten Sopran-Arie, eine\ngewisse südliche Grazie. Aber es war ein Anachronismus,\njetzt noch eine der älteren Opern Verdi's uns vorzuführen.\nDie Braut des Flussgottes von Conradi war\nebenfalls keine sehr glückliche Bereicherung des Reper-\ntoires. Der Text ist nach einem französischen Lustspiel-\nStofF gearbeitet, den wir kurzweg als eine Variation der\nWeissen Dame bezeichnen können. Statt der weissen Dame\nhaben wir einen Flussgott, der aber freilich nur den jun-\ngen Bräuten zu erscheinen pflegt und dadurch seine spiri-\ntualistische Natur etwas verdächtig macht; statt des räube-\nrischen Gaveston, der die Erben des Hauses Avenel um\nHab und Gut bringen will, einen polnischen Bezirksrichter,\neine Mischung von Gaveston und Bartolo obschon ohne\ndie komischen Eigenschaften des Letzteren—, indem er\nnicht bloss nach Hab und Gut, sondern auch nach der\nschönen Erbin lüstern ist; statt des englischen Lieutenants\nGeorge Brown einen österreichischen Lieutenant, der eben-\nfalls, wie jener, der Ketter in der Noth ist. Trotz dieser\nAnklänge würden wir die Idee des Stückes nicht verwer-\nfen; die Idee ist, wenn man die bescheidenen Ansprüche\neines Operettenstoffes macht, ganz artig. Wir rechnen es\neinem neueren Lustspiel-Stoff schon immer hoch an, wenn\ner nicht in jenen Schmutz der Frivolität hinabsinkt, der\nheute von Frankreich aus die Bühnen zu überlluten droht:\nwenn nur im Uebrigen die Erfindung natürlich ist und\neiniges Eigenthümliche hat, wenn sie ferner Gelegenheit\nzu komischen Situationen und Verwicklungen gibt, so ist\ndas in einer Zeit geringer Productivität schon immer etwas.\nLeider verräth aber die speciellere dramatische Ausführung\nwenig Geschick. Die Charaktere entbehren aller Komik,\nund die Situationen fangen erst im zweiten Acte an, eini-\nger Maassen interessant zu werden; aber auch hier wird\ndie Idee des Stoffes nicht so glücklich benutzt, als es mög-\nlich gewesen wäre. Der Componist hatte in so fern keine\nganz leichte Aufgabe. Der Dichter wird von der Idee sei-\nner Dichtung getragen, der Musiker aber von den einzel-\nnen Scenen, in welche der Stoff nun einmal verarbeitet\nund aus einander gelegt ist; und von dieser Seite aus be-\ntrachtet, hatte die Braut des Flussgottes wenig Anregen-\ndes für den Componisten und gab ihm kaum Gelegenheit,\nOriginalität und namentlich Humor zu entwickeln. Die\neinzige wirklich komische Scene am Schlüsse des zweiten"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "298", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.2", "texte": "Actes, wo der Bezirksrichter als Flussgott erscheint und\nsich abmüht, seine Rolle mit aller ihm möglichen Gravität\ndurchzuführen, bewies uns, dass Herr Conradi nicht ohne\nTalent für das Komische in der Musik ist. Die Art der\nTextbehandlung sowohl als der Instrumentation, die theils\ndurch gut gewählte Klangfarben, theils durch artige Ne-\nbenmotive den Vortrag der Worte unterstützt, war hier\nganz angemessen, und es ist wohl möglich, obschon frei-\nlich nicht gewiss, dass ein echter komischer Operntext mit\nkomischen Figuren im Sinne der älteren italiänischen und\ndeutschen Oper das Talent des Herrn Conradi erst zur\nEntfaltung bringen würde. So steht aber diese Eine Scene\nziemlich vereinzelt unter einer Reihe von Arien und En-\nsemble's, die recht fliessend im Stil der neueren französi-\nschen Oper geschrieben sind, aber zu sehr die fertige\nSchablone verrathen, zu wenig Eigenthümlichkeit der Er-\nfindung und selbst charakterischen Ausdruck haben, um\nzu fesseln. Und ob überhaupt diese Compositions-Richtung,\ndie möglichst wenig auf Bestimmtheit des Ausdrucks geht,\nsondern Alles in einen gleichförmigen, glatten und ange-\nnehm in die Ohren fallenden Conversations-Ton umzuge-\nstalten sucht, noch Aussicht auf Erfolg hat, namentlich in\nDeutschland und unter den Händen deutscher Componisten,\ndie trotz alles Bemühens doch nur selten die Grazie und\nLeichtigkeit der Franzosen erreichen? Sehen wir nicht,\ndass in Paris selbst die Componisten der Bouffes Parisiens\nden entgegengesetzten Weg einzuschlagen beginnen und\ndadurch Erfolg haben? Jene unaufhörlichen Tanz-Rhyth-\nmen, in denen Alles abgehandelt wurde, Freude und\nSchmerz, Liebe und Hass, haben ihre Wirkung verloren,\ndie Ohren sind abgestumpft dagegen. Und es bleibt nur\nübrig, der komischen Oper wieder die Richtung auf das\nCharakteristische zu geben, die sich, wie viele Beispiele\nälterer Zeit beweisen, sehr wohl mit der leichten, scherz-\nhaften Haltung, die freilich auch nicht aufgegeben werden\ndarf, vereinigen lässt.\nAn Gastspielen war der vergangene Sommer reich.\nAnder, unter den heutigen deutschen Tenoren vielleicht\nder am meisten gefeierte, gefiel, ohne indess Enthusiasmus\nzu erregen. Seine Stimme ist noch immer kräftig, und die\nHöhe spricht leicht an; aber eigentlichen Wohlklang ent-\nwickelt sie weder an lyrischen noch an heroischen Stellen,\neher noch an letzteren, wie denn z. B. seine Darstellung\ndes Masaniello in dem Duett des Pietro das Wirkungs-\nvollste war, was wir von ihm hörten. Das ursprünglich\nlyrische Organ scheint durch vielen Kraftaufwand und\ndurch die moderne declamatorische Richtung etwas verdor-\nben; auch ist die in einigen Lagen der Stimme allzu ge-\ndämpfte Tonbildung von störender Wirkung. In der Auf-\nfassung zeigt sich Ander nicht als ein besonders geist- oder\ngefühlvoller, aber als ein verständiger Sänger, der sowohl\nGeschmacklosigkeiten als Nüchternheit zu vermeiden weiss;\nund diese Eigenschaft dürfte den Ruf, dessen er sich er-\nfreut, wohl am meisten begründen. Nach Ander kam Ste-\nger. Ein Glück für ihn, dass er in einer Zeit gastirte, in\nder die wenigen Besucher des Opernhauses überwiegend\nFremde sind; sonst wäre das Fiasco, das er hier machte,\nnoch glänzender gewesen. Zwar wird Niemand läugnen,\ndass seine Kehle und Lunge die furchtbarsten Anstren-\ngungen vertragen, damit allein kann man indess das ber-\nliner Publicum nicht gewinnen. Die Sucht, zu tremuliren\n(die durch langen Missbrauch des Organs mit der Zeit al-\nlerdings eine unheilbare Krankheit geworden sein mag),\nüberschreitet bei diesem Sänger alles Maass; jeder einzelne\nTon ist ein Krampf, eine Verzerrung. Namentlich war der\nEdgardo eine Leistung, die alles übersteigt, was ich jemals\nvon Uebertreibungen des dramatischen Vortrags kennen\ngelernt habe. Höchst carikirt ist auch die Gesangs-Manier\nund das Spiel des Herrn Grimminger aus Hannover;\ndas Falset ist durch übermässiges Hinauftreiben der Brust-\nstimme schon fast verschwunden, die Intonation ist (was\nübrigens bei Steger im Ganzen nicht der Fall) wankend,\ndoch hat der Ton selbst mehr Halt und noch einige Spur\nvon Wohlklang; auchverräth Alles, dass Herr Grimminger\nein denkender Sänger und Schauspieler ist, der nur leider\nzu viel berechnet und zu wenig fühlt, und darum nicht\nzu einer harmonischen Kunstleistung gelangen kann. Die\nihm günstigste Rolle war, wie fast allen Sängern dieser\nRichtung, der Eleazar in der Jüdin.\nViele Hoffnungen setzen wir dafür auf einen jungen,\nnoch ganz unbekannten Tenor, Herrn Woworsky, den\nHerr v. Hülsen durch ein glückliches Ungefähr für unsere\nBühne gewonnen hat und bei dem Chor-Director Eisler,\neinem als praktisch und geschickt geltenden Gesanglehrer,\nweiter ausbilden lässt. Das Material des jungen Mannes ist\nvon vorzüglicher Schönheit, weich und sympathisch und\ndoch auch von hellem, glänzendem Klang, die Tonbildung\nnatürlich, mitunter fast zu offen, die Intonation meistens\ngut, die Aussprache musterhaft deutlich. Dieser Vorzug\nbirgt aber einen Mangel in sich. Man soll nicht der Deut-\nlichkeit wegen die Gleichmässigkeit des Klanges aufgeben\noder die melodische Phrase zerstückeln; und das ist bei\nHerrn Woworsky noch der Fall. Darum macht sein\nGesangs-Vortrag, obschon es ihm an Geist und Leben\nkeineswegs zu fehlen scheint, noch häufig den Eindruck\ndes Steifen, Eckigen, Unfreien; der Geist der Melodie singt\nnoch nicht aus ihm heraus. Für den Anfang können wir\nindess zufrieden sein, und wollen hoffen, dass Herr Wo-\nworsky ein zweiter Bader werden möge, mit dessen Stimme\ndie seinige Aehnlichkeit haben soll. Ein neu engagirter"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "299", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.3", "texte": "Bariton, Herr Beiz, früher in Rostock, hat ebenfalls herr-\nliche Mittel, die aber noch sehr der feineren Cultur be-\ndürfen.— Von der königsberger Oper ist Fräul. Pollack\nzu der königlichen Bühne übergegangen, eine nicht unge-\nwandte Sängerin, doch ohne die Fähigkeiten, um einen\nersten Platz bei uns einzunehmen. Fräul. Düringer,\neine Tochter unseres Schauspielhaus-Regisseurs, trat als\nGast auf und fand durch ihre geschmackvolle, eine gewisse\ninnere Bildung verrathende Auffassungsweise Beifall; doch\nfehlen ihr für den grossen Raum unseres Opernhauses die\nphysischen Mittel. Eine sehr talentbegabte Sängerin ha-\nben wir in Fräul. de Ahna, einer Schülerin des Herrn\nMantius, kennen gelernt; wenn es ihr gelingt, einen noch\nfreieren Ton und eine grössere Wärme des Vortrags sich\nanzueignen, so kann sie mit ihrer klangvollen, fast bis an\ndie Gränzen des Mezzo-Soprans reichenden Altstimme einen\nv hervorragenden Rang in der deutschen Bühnenwelt ein-\nnehmen.— Frau Wagner hat nach ihrer Verheirathung\nebenlalls wieder die Bühne betreten. Dass sie mit der\ngrössten Wärme von dem Publicum begrüsst wurde, ver-\nsteht sich von selbst. Ihre Stimme erschien neu gekräftigt,\nund bei ihrem herrlichen Darstellungs-Talent können wir\nden Entschluss, der Bühne treu zu bleiben, nur als einen\nglücklichen betrachten.\nAm Ende der Saison traten auch die hiesigen Gesang-\nVereine fast sämmtlich mit der Aufführung grösserer\nWerke hervor. Die Sine-Akademie mit der Matthäus-\nO\nPassion und den Jahreszeiten, letztere—trotz der Ungunst,\nmit der die moderne Schule den patriarchalischen Haydn\nbetrachtet unter solchem Zudrang des Publicums, dass\nnoch eine zweite Aufführung Statt fand. Der Stern'sehe\nGesang-Verein hatte auch in diesem Jahre sich vor dem\nStudium der Beethoven'schen Messe nicht gescheut und\nlös'te die Riesen-Aufgabe noch um Vieles trefflicher, als\nin früheren Jahren. Der unter der Leitung des Musik-Di-\nrectors Vi er 1 in g stehende Bach-Verein endlich brachte\ndie Johannes-Passion zur Aufführung. Da dieses Werk\nweniger bekannt ist, als die Matthäus-Passion, so fehlte\nauch hier die Theilnahme des Publicums nicht. Das allge-\nmeine Urtheil stellt die Matthäus-Passion höher—ob ganz\nmit Recht, möchte ich bezweifeln. Im Ganzen sehen sich\nbeide Werke so ähnlich, dass schon ein schärferer Blick\ndazu gehört, um die vorhandenen Unterschiede aufzufin-\nden. Zunächst scheint es, als ob das lyrische Element in\nder Matthäus-Passion bedeutsamer hervorträte. In der Jo-\nhannes-Passion ist dasselbe durch den Anfangs- und Schluss-\nChor, durch eine Bass-Arie mit begleitendem Choral, durch\neine ziemlich grosse Anzahl von Chorälen und durch eine\nReihe von Arien vertreten. In der Matthäus-Passion ist die\nZahl der Choräle etwas kleiner, die der Arien grösser,\neben so die der grossen lyrischen Chöre, wir finden deren\nvier. Da aber der eine derselben: „0 Mensch, bewein'\ndein' Sunde gross!\" ursprünglich der Johannes-Passion an-\ngehörte und erst später von Bach in die Matthäus-Passion\naufgenommen wurde, so geht uns unsere Unterscheidung\nwieder verloren. Ein hervortretender Unterschied ist der,\ndass eine grosse Reihe von Chören in der Matthäus-Passion\nachtstimmig ist, während sich in der Johannes-Passion nur\nvierstimmige finden. Trotzdem, dass dadurch die Polv-\nphonie in der Matthäus-Passion noch kunstvoller und ver-\nwickelter wird, kann man kaum sagen, dass die Chöre der\nJohannes-Passion klarer und fasslicher klingen; vielmehr\nerscheint die melodische Selbstständigkeit der einzelnen\nStimmen und die Energie des Ausdrucks hier auf einer\nHöhe der Ausbildung, dass die vierstimmigen Chöre der\nJohannes-Passion dem Geiste des Hörers eben so schwie-\nrige Aufgaben stellen, als die achtstimmigen der Matthäus-\nPassion. Und dies führt uns auf den wesentlichsten Unter-\nschied. In jenem Werke zeigt sich eine noch grössere Fri-\nsche und unmittelbare Wahrheit des Ausdrucks, die sich\nvor keiner sinnlichen Härte scheut, während in diesem eine\ngesammeltere Ruhe und, wenn man will, Reife des Geistes\neingetreten scheint. Doch, müssen wir hinzufügen, es ist\nnur ein geringer Unterschied des Grades. Wenn wir z. B.\ndie Partie des Evangelisten in beiden Werken näher be-\ntrachten, so findet sich im Evangelisten Matthäus kein Zug\nvon einer gleichen Realität des Ausdrucks, wie im Johan-\nnes bei der Geisselung Christi und den bitteren Thränen\nPetri; aber an ähnlichen Malereien, nur weniger auffällig,\nfehlt es auch im Matthäus nicht. Die Partie des Christus\nerscheint in der Matthäus-Passion dadurch gehoben, dass\nsie mit Orchester begleitet ist; auch im Melodischen ent-\nhält sie bedeutendere Züge. Die dramatischen Chöre sind\ndafür in der Johannes-Passion fast noch frischer und ge-\nwaltiger. Wie sehr es Bach um die Wahrheit des Aus-\ndrucks zu thun ist, das kann man bemerken, wenn man\nz. B. darauf achtet, wie am Schlüsse des „Kreuzige\" ge-\ngen das dder Bässe die Tenore ein scharf einschneidendes,\nalle Martern der Kreuzigung ahnen lassendes eis setzen;\nund doch ist er gerade da, wo er der Naturwahrheit des\nAusdrucks am meisten hingegeben scheint, von naturalisti-\nscher Formlosigkeit am weitesten entfernt; das „Kreuzige\"\nist in einer der strengsten Kunstformen geschrieben. Den\nChorälen der Johannes-Passion würden wir vor denen der\nMatthäus-Passion unzweifelhaft den Vorrang geben. Sie\nsind im höchsten Sinne mild und versöhnend, enthalten\naber dabei in der Stimmenführung eine solche Reihe der\nfeinsten, ausdrucksvollsten Züge, wie wir sie sonst kaum\nbei Bach gefunden haben, namentlich die beiden Choräle:\n„0 grosse Lieb'!\" und: „Ach Herr, lass Dein lieb Enge-\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "300", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.4", "texte": "lein\". Der Anfangs- und der Schluss-Chor der Johannis-Pas-\nsion, die, gleich den entsprechenden der Matthäus-Passion,\nfür sich allein gothischen Domen verglichen werden kön-\nnen, sind von überwältigender Macht und Fülle, so dass\nsie, namentlich der erste, in dem ein Meer von Tönen in\nunaufhörlichen Fluten daherbraus't und dennoch die festen\nSäulen des Grundbaues nicht zu erweichen vermag, bei\neinmaligem Hören kaum ganz gefasst werden können. Die\nAusführung der Chöre zeichnete sich weniger durch ma-\nterielle als durch intensive Kraft, durch unfehlbare Sicher-\nheit und sorgfältigste Nuancirung aus.\nHändel's Susanna wurde durch den Gesanglehrer\nHerrn Kotzoldt, der seine Schüler zu einem Chor ver-\neinigt hat, zur Aufführung gebracht. Wenn auch nicht so\nbedeutend der Anlage nach, wie die bekannteren Oratorien\ndieses Meisters, ist doch auch dieses Werk reich an Chö-\nren, die von der schlagfertigen Kürze seines Ausdrucks,\nvon seiner plastischen Gestaltungskraft Zeugniss geben.\nNamentlich aber finden sich unter den Arien mehrere, die,\nweit entfernt von allem Zopfstil, durch einfache, natürliche\nMelodik, innigen Ausdruck und liebliche Haltung hoch\nhervorragen. Susanna selbst und ihre Dienerin sind zwei\nder originellsten Frauengestalten, von einer Unschuld und\nNaivetät, die nicht veralten kann.\n\nG. E.\n\nDas Musikfest in Bradford am 22.—26. August.\n\nEs war dies das dritte Musikfest in Bradford, seitdem\ndiese Stadt durch den Bau der St.-Georgs-Halle in Stand\ngesetzt war, in die Reihe der musicalischen Grossstädte\nvon England einzutreten. Ihr Fest kehrt alle drei Jahre\nwieder, und das diesjährige hat die beiden früheren (1853,\n1856) an Glanz und Erfolg, sowohl künstlerischem als\nmateriellem, bei weitem hinter sich gelassen.\nDa bei den englischen Musikfesten die Solisten eine\ngrössere Wichtigkeit haben, als bei den deutschen, weil\nneben den drei bis vier Oratorien-Aufführungen eben so\nviel so genannte „Gemischte Concerte\" Statt finden, deren\nProgramme weltliche Concertmusik und Operngesänge\nenthalten, so richtet das jedesmalige Comite ein Haupt-\nAugenmerk auf die Gewinnung von Berühmtheiten. Dieses\nMal waren berufen: Soprane Clara Novello, Lemmens-\nSherington, Sunderland, Tietjens (aus Wien); Alti Pal-\nmer, Freeman, Nantier-Didiee (aus Paris); Tenöre—Sims\nBeeves, Cooper, Giuglini; Bässe Belletti, Badiali, Sant-\nley. Pianistin: Arabella Goddard; Organist: Brownsmith.\nDen Stamm des Chors bildete der bradforder Sing-Verein\n(Dirigent W. Jackson), dem sich viele andere aus der Um-\ngegend angeschlossen; das Orchester war in seinem Haupt-\nbestandtheile das Orchester der italiänischen Oper von Lon-\ndon; Costa dirigirte das Ganze.\nTrotz der ungeheuren Kosten, welche allein schon die\nHerbeiziehung solcher Kräfte verursacht, hatte der dies-\njährige Vorstand dennoch die Eintrittspreise gegen früher\nermässigt, ferner die Einnahme des letzten Concertes für\nein Hospital bestimmt, und hat bei diesem kühnen Ver-\nsuche gute Geschäfte gemacht. Die Eintrittspreise betrugen\nfür jedes Concert in den Logen 1 L. St., in der Area 10\nSh. 6 P. und 7 Sh. 6 P., auf der West-Galerie 6 Sh.—\nalles bestimmte,numerirte Plätze; auf der Nord- und Süd-\nGalerie 3 Sh., oder für alle Concerte zusammen 17 Sh.\n6 P.—Auf diese WTeise war—nach englischem Maassstabe\nauch den weniger bemittelten Classen, ja, selbst der\nzahlreichen Arbeiter-Bevölkerung in Bradford die Möglich-\nkeit gegeben, die Festhalle zu besuchen, zumal da die\nBillets zu 17 Sh. 6 P. übertragen werden konnten. Mit\nRecht konnte das diesjährige Fest ein Volksfest heissen,\nauch war der Dreishillings-Platz immer voll besetzt. Die\nfolgende Angabe der Zuhörerzahl in den verschiedenen\nConcerten kann zugleich eine Art von Barometer für den\nmusicalischen Geschmack abgeben:\nDinstag Abends, Haydn's Schöpfung: 2431 Zuhörer.\nMittwoch Morgens, Händel's Dettinger Te und\nAuswahl aus Judas Maccabäus: 1836 Zuhörer.\nMittwoch Abends, Gemischtes Concert: 2296 Zuhörer.\nDonnerstag Morgens, Mendelssohn's Paulus: 1422 Z.\nDonnerstag Abends, Gemischtes Concert: 2285 Zuh.\nFreitag Morgens, Händel's Messias: 2271 Zuhörer.\nFreitag Abends, Gemischtes Concert—Jackson's neue\nCantate: 2908 Zuhörer.\nIm Ganzen haben mithin 15,449 Personen die sieben\nConcerte an vier Tagen besucht! Nehmen wir einen\nDurchschnitts-Preis von 6 Shilling oder 2 Thalern an, so\nergibt sich eine Einnahme von etwa 31,000 Thalern. Von\nder wirklichen Einnahme ist nur so viel bekannt, dass von\nVerlust nicht die Bede ist und das Hospital 1000 Pf. St.\nerhalten hat.\nHaydn's „Schöpfung\" wurde eine der besten Auffüh-\nrungen zu Theil, die man ausserhalb Londons in England\nhören kann. Costa wurde nicht nur enthusiastisch empfan-\ngen, sondern die halbe Nacht hindurch namentlich durch\nunsere Landsleute (in Bradford machen die Deutschen\neinen ansehnlichen Theil der Bevölkerung aus) mit Hochs\nund Fackelzug und Ständchen der Liedertafel um seinen\nSchlaf gebracht. Die Sängerinnen und Sänger von Yorkshire\nzeigten sich in Haydn's Chören sehr wacker. „Die Him-\nmel erzählen\" und „Vollendet ist das grosse Werk\" mach-\nten einen vortrefflichen Eindruck. Unter den Solisten rag-\nten Clara Novello—immer noch mit schöner voller Stimme"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "301", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.5", "texte": "und dem Adel in Ton und Vortrag und Sims Reeves\nhervor, der auch schon eine geraume Zeit lang singt, aber\neben weil er ein Sänger ist, nicht ein Schreier und Lun-\ngentrotzer, noch fortwährend gefällt und mit Recht. Bel-\nletti sang den Raphael etwas stark italiänisch und liess den\nkräftigen und edleren Vortrag von Formes vermissen. Den\nAdam sang der Baritonist Santley recht hübsch, die Eva Frau\nLemmens-Sherington. Das Orchester, das bekanntlich in\nder „Schöpfung\" eine Hauptrolle spielt, war vortrefflich.\nIn Händel's Te Deurnwar die Macht der Massen im-\nposant; Belletti sang hierin die Soli mit ausgezeichnetem\nSchwung. Im Judas Maccabäus feierte Sims Reeves seinen\ngewöhnlichen Triumph in der Hauptpartie. Eine vortreff-\nliche Wirkung machte der Vortrag der einen Strophe des\nSiegsgesanges: „See, the con durch\ndrei Solostimmen.\nDas erste Misch-Concert hatte ein Programm von 22\nNummern, was für England eben nicht zu viel war; allein\nes wurde durch stürmisch verlangte Dacapo's von zehn\nNummern unverantwortlich ausgedehnt. Stern erster Grösse\nund mächtigster Anziehungskraft war Fräul. Tietjens, die\nzuerst mit der Brief-Arie aus Don Juan auftrat, dann aber\nsowohl allein als in Ensembles nur Verdi sang. Seit vielen\nJahren hat auf den Musikfesten in England keine Sängerin\neinen so gewaltigen Eindruck gemacht, als sie. Ich habe\nnichts dagegen, dass die Frische und der Wohllaut der\nStimme diese Thatsache rechtfertigt, allein neben einer\nso kunstvoll gebildeten Sängerin wie die Novello bleibt sie\ndoch immer auffallend. Unter den Ensemblestücken war\ndas Quintett aus Mozart's Cosi fern tutte eine schöne Gabe;\nalles Uebrige war mehr oder weniger aufs Paradiren be-\nrechnet. Vorzugsweise Erwähnung verdient Beethoven's\nPhantasie Op. 80, worin Miss Goddard die Piano-Partie\nausführte. Nachher spielte sie noch Thalberg's abgedro-\nschene Moses-Phantasie—nun freilich, die treffliche Künst-\nlerin wusste wohl, dass sie beim „Volksfeste\" zu Bradford\nnicht mit Beethoven'schen und Dussek'schen Sonaten kom-\nmen durfte! Das Orchester spielte die Ouvertüren zu\nFra Diavolo, Wilhelm Teil und Ruy Blas wie am Schnür-\nchen, alles ohne Probe. Auf nicht ruhenden Volksruf wie-\nderholte Costa die Tell-Ouverture, d. h. das Allegro. Auch\ner kennt sein Publicum.\nMendelssohn's Paulus am Donnerstag Morgens war\nam schwächsten besucht (1422 Zuhörer), brachte jedoch\nmehr ein, als die Zahl der Anwesenden vermuthen liess,\nweil viele Kaufleute ihre abonnirten Plätze wegen der Ge-\nschäfte am Markttage unbesetzt liessen. Die St.-Georgs-\nHalle war vor sechs Jahren mit dem Paulus eingeweiht\nworden, und dieses Oratorium, das sehr ungerechter Weise\nin England fast ganz durch den Elias verdrängt worden\nist, hat, wie ich höre, in Bradford, Manchester und ande-\nren Städten des nördlichen Fabrikbezirks seine Popularität\nbehalten. Die Einübung der Chöre gab den Beweis davon,\nund ich freute mich sehr, den lang entbehrten Duft dieser\nersten frischesten Blüthe des Genius unseres Mendelssohn\nwieder einmal einschlürfen zu können. Ich that es in vollen\nZügen, denn die Ausführung war vortrefflich.\nDas Abend-Concert an demselben Tage zeigte wieder\nein vollbesetztes Haus. Unter den 21 Nummern waren\nzwei Ouvertüren (Preciosa und Semiramis) und—Beetho-\nven's .Ä's-efer-Concert! Ich bewunderte die Kühnheit der\nMiss Goddard, dem guten Volke von Yorkshire diese Ge-\nduld- und Geschmacks-Probe zuzumuthen, zumal da das\nConcert die neunte Nummer, die letzte des ersten Theils,\nbildete und an vierzig Minuten dauerte. Allein Ehre, dem\nEhre gebührt; die ganze Versammlung folgte der gross-\nartigen Composition von Anfang bis zu Ende mit gespann-\nter Aufmerksamkeit und überhäufte die Künstlerin mit\ndem lebhaftesten Beifall. Miss Goddard spielte das Concert\nmit derjenigen Ruhe und Gediegenheit, welche ihre Vor-\nträge classischer Musik auszeichnen. Im zweiten Theile gab\nsie der Menge Leopold von Meyer's Trovatore-Potpourri\nmit obligatem Bravour-llokuspokus zum Besten, wurde\nstürmisch gerufen und gab darauf noch Thalberg's „Letzte\nRose\" zu.—\\on Gesang-Vorträgen sind zu erwähnen das\nliiflammatus aus Rossini's Stabat mater und die grosse\nArie aus Fidelio durch Fräul. Tietjens, die Scene „Durch\ndie Wälder\" aus dem Freischütz durch Sims Reeves, dem\nes aber an dem leidenschaftlichen Ausdruck fehlt, welchen\nder dramatische Gesang verlangt, und Rossini's „Caritä\"\nmit den Soli durch die Damen Tietjens, Sherrington und\nNantier-Didiee.\nDas letzte Morgen-Concert brachte Händel's Messias,\nder die in England vorzugsweise bewährte Anziehungs-\nkraft auch dieses Mal wieder übte, obschon Haydn's „Schö-\npfung\" am ersten Festmorgen ein noch etwas zahlreiche-\nres Auditorium angelockt hatte. Die Ausführung war in\nden Chören, deren genauere Kenntniss den Sängern volle\nFestigkeit und Zuversicht gab, fast noch vollkommener als\nim Paulus; sie leistete alles, was man von dem Chor eines\nMusikfestes, der bereits drei Tage hinter einander gesun-\ngen hat, erwarten kann. Die Solostücke standen nicht\ndurchweg auf gleicher Höhe der Ausführung. Clara No-\nvello genügte den Forderungen, die man seit Jahren an\nsie in dieser Partie zu machen gewohnt ist; allein Miss\nSunderland, der Liebling der Bradforder, war in dem Vor-\ntrag der Arie aus B-dur:„Erwach' zu Liedern der\nWonne\", nichts weniger als correct und brachte vollends\nam Schlüsse eine so schlecht gedachte und eben so schlecht\nausgeführte Cadenz an, dass der übermässig losbrechende"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "302", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.6", "texte": "Beifall bei jedem musicalisch Gebildeten ein unheimliches\nGefühl erregte und der Urtheilsfähigkeit der Bradforder\nkein schmeichelhaftes Zeugniss gab. Die Altistinnen Miss\nPalmer und Miss Freeman sind Anfängerinnen mit hüb-\nschen Stimmen.\nDas letzte Abend-Concert hatte die grösste Zuhörer-\nschaft von allen, nahe an 3000 Personen, in der Halle\nversammelt. Die Quelle dieser vollen Strömung, deren bei-\nfälliges Rauschen und Donnern im Laufe des Abends öfter\ndie Mauern beben machte, war die allgemeine Volksgunst,\nderen Herr Jackson, der Componist einer Cantate, die zum\nersten Male aufgeführt wurde, sich hier erfreut. Jackson\nsteht an der Spitze der musicalischen Vereine von Brad-\nford und hat unendliches Verdienst um die Bildung und\nsittliche Veredlung der Arbeiter-Bevölkerung. Es ist ihm\ndesshalb zu gönnen, dass man ihm bei dieser Gelegenheit\nden Tribut der Dankbarkeit in reichem, ja, überreichem\nMaasse zollte, und jeder Fremde hütete sich auch, den\nguten Bradfordern zu widersprechen, wenn sie in Herrn\nJackson ihren Mendelssohn priesen. Für das Princip der\nMusikfeste würde es aber sehr nachtheilig sein, wenn der-\ngleichen Local-Einflüsse maassgebend für das Programm\nwerden sollten. Die Cantate, betitelt (Das Jahr),\nenthält in einer ganz planlosen Zusammenstellung von Ge-\ndichten verschiedener berühmter und unberühmter Auto-\nren eine Schilderung oder Verherrlichung (?) der vier Jah-\nreszeiten, und statt The Seasons,eines Titels, der gefähr-\nliche musicalische Erinnerungen wecken könnte, ist der\nbescheidenere gewählt. Nicht ganz so bescheiden, aber eben\nso gedehnt und unzusammenhängend ist die Musik, wel-\ncher es hauptsächlich an Melodie und dann so ziemlich an\nallem fehlt, was eine Composition interessant und eindring-\nlich macht. Der grösste Theil des Publicums war indess\nanderer Meinung, verlangte die Wiederholung mehrerer\nNummern und war ganz ausser sich in seinen Beifalls-\nbezeigungen.\nDie Musikfreunde wurden durch Mozart's grosse\nrfwr-Sinfonie mit der Fuge im Finale, das nur etwas zu\nschnell genommen wurde, entschädigt. Es ist übrigens eine\nSeltenheit, dass eine Mozart'sche Sinfonie bei den engli-\nschen Musikfesten auf das Programm kommt; zum Probi-\nren solcher Qrchesterwerke ist keine Zeit vorhanden. An\ndiesem Abende stimmte ich mit jenem Naturkinde überein,\ndass irgendwo beim Finale dieser Sinfonie auf den begei-\nsterten Ruf seines Nachbars: „Mein Himmel, welch eine\nArbeit!\" erwiderte: „Ja, ich begreife nicht, wie die Herren\nSpieler es aushalten!\" —lch gestehe, dass mir bloss vom\nZusehen der viertägigen Arbeit der Contrabassisten der\nArm weh that, und ich war herzlich froh, als das\nsave the Queen und damit das ganze Fest beendigt war.\nDas übrige Programm des Abends war wieder so\nbuntscheckig als möglich. Herold's Zampa-Ouverture musste\nwiederholt werden (!), und unter den Gesangstücken von\nMozart, Rossini, Mercadante, Verdi u. s. w. florirte sogar\nauch—auf einem Musikfeste! das Quartett aus Martha\nvon Flotow!\nDonnernder Hervorruf des Dirigenten Costa und erd-\nbebenartige Hochs auf den Bürgermeister von Bradford\nwaren die letzten Geschützsalven, unter deren Krachen wir\ndie Halle verliessen.\n\nC. A.\n\nFür Kammermusik.\nEs gibt Momente künstlerischen Genusses, die zu dem\nSchönsten und Edelsten gehören, was dem Menschen im\nLeben geboten werden kann, und in denen man fühlt, wie\nsehr Göthe Recht hat, wenn er sagt, der wahrhaft gebil-\ndete Mensch solle keinen Tag vorübergehen lassen, ohne\nden Eindruck irgend eines Kunstwerkes in sich aufzuneh-\nmen, ohne etwa ein Gedicht zu lesen, oder ein Gemälde\nzu betrachten, oder eine Musik zu hören. Es ist keineswegs\nnöthig, dass ein solches Kunstwerk neu sei; die Neuheit\nist nicht die nothwendige Eigenschaft desselben, sondern\ndie wirkliche Schönheit ist die Hauptsache dabei; allein\nder Genuss und die Wirkung des Eindrucks wird aller-\ndings erhöht, wenn das Kunstwerk neu ist, wenn es aus\nunserer Zeit, mit der ja doch unser Denken und Fühlen\nverwachsen ist, als eine Schöpfung hervorgegangen, die\nwir entweder in allgemein menschlicher, oder noch lieber\nin nationaler Beziehung als gewisser Maassen gemeinsam\nbetrachten können, wenigstens in so fern, als die Bedin-\ngungen, unter denen sie entstanden ist, dieselben sind, die\nuns für ihren Eindruck empfänglich machen.\nIn der Musik wird uns durch das Schaffen der Zeit-\ngenossen jetzt selten die Freude zu Theil, mit einem neuen\nWerke zugleich den Eindruck des Schönen zu empfangen,\nwelches durch Inhalt und Form jene Befriedigung in uns\nhervorruft, die wir oben „künstlerischen Genuss\" nannten.\nUm so dankbarer müssen wir jede Gabe annehmen, wel-\nche aus dem ursprünglichen Quell des Musicalisch-Schönen\nentspringt, das heisst, welche die Schöpfung einer musica-\nlischen Natur, eines inneren Kunstdranges ist, nicht das\nmühsame Erzeugniss künstlicher Factur und von aussen\nhergeholter Begeisterungs-Recepte. Solch eine freie, geniale\nSchöpfung hat uns neuerdings Heinrich Marschner\ngegeben in seinem:\nGrand Duo pour Piano\nAmi Mr. Mich. DuMont ä Cobgne par 11. M.\nOp. 174. Leipzig, bei Fr. Hofmeister. Pr. 2 Thlr."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "303", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.7", "texte": "Der wunderbare, eigentümlich romantische Geist, der\nnur auf deutschem Boden seine Heimat hat, weht uns aus\ndieser Gomposition wieder einmal so frisch und phanta-\nstisch, so leidenschaftlich und dann wieder so innig und\nfesselnd, so neckisch und dann wieder so sehnsüchtig träu-\nmend entgegen, dass wir uns in die Zeiten versetzt fühlen,\nwo Max und Agathe, Hans Heiling und Anna zum ersten\nMale als echt deutsche Gestalten voll Leben und Wahrheit\nuns unwiderstehlich anzogen und sich tief in Gemüth und\nHerz als unverlierbares Eigenthum senkten. Ja, unverlier-\nbar und unzerstörbar weder durch den ralfinirten Eklek-\nticismus der französischen, noch durch den declamatori-\nschen Singsang und den lärmenden Instrumentalprunk der\nneuesten deutschen Oper. Weber und Marschner, Einer\nund derselbe in dem Priesterthume deutschen Gesanges,\naber unendlich mannigfach und verschieden im Ausdruck\nihres Wesens, können und wollen sich auch in ihren Gla-\nvier-Compositionen den Zauberkreisen nicht entwinden, in\ndenen ihr Genius sie gross gezogen und in die sie alle Her-\nzen hineinziehen, sobald sie ihre Weise erklingen lassen.\nDiese Zauberkreise schlössen beide Meister gegen den Ein-\nfluss von allem Fremden undurchdringbar ab, mochte es\nvon Süden oder Westen kommen; für sie war die italiäni-\nsche wie die französische Oper so gut wie gar nicht vor-\nhanden, sie schöpften aus dem reinen Quell des deutschen\nVolksliedes, horchten auf das Rauschen in den deutschen\nHainen und Wäldern und schauten in den Nebeln und\nWolken die Schemen der deutschen Sage, die sie durch\nTöne zu lebendigen Gestalten umschufen.\nDesshalb athmen auch Marschner's Clavier-Gompo-\nsitionen jene bald lieblich verlockende, reizende und fes-\nselnde, bald überreich emporquellende und in vollem Er-\nguss strömende Romantik, deren Ursprung aus unbestimm-\nter Sehnsucht sich nur ahnen, niemals aber deuten und\nauslegen lässt, und die keiner anderen Poesie zu ihrer Ver-\ndolmetschung bedarf, als der Poesie der Töne.\nDieses Duo, von Anfang bis Ende voll von jugend-\nlicher Frische und Fülle dfer Gedanken, gibt ein neues\nglänzendes Zeugniss dafür. Es ist ein Meisterwerk in dieser\nGattung, das um so mehr fesselt und anzieht, je mehr die\nganze Gattung immer ärger zu modernen Salon- und Bra-\nvourzwecken herabgewürdigt wird. Hier ist Alles edel, voll\nPhantasie und Originalität, und nirgends verletzten beide\nin kunstmörderischem Toben die Form, sondern halten sie\nheilig als schützende Hülle des Schönen.\nDer erste Satz, Allegro appassionato in A-moll, 6/3-\nTact (S. 1 —l2), schildert eine ruhelose, leidenschaftliche\nStimmung, die in feurigem, schwungvollem Erguss ihren\nCharakter offenbart, nicht durch Aufeinanderthürmen von\nzehnfingerigen Accorden bei dissonirenden Vorhalten und\newigen rhythmischen Rissen. Erst in den letzten Tacten\nsenkt sich der Sturm zu einiger Ruhe. Dann beginnt das\nAndante espressivo, un poco ägitato in E-dur, 4/4-Tact\n(S. 13 18), mit einer originellen melancholischen Ca-\ndenz der Violine in recitativartigem Rhythmus, welche nach\nder Haupt-Tonart und dem Thema leitet, das vom Piano-\nforte aufgenommen und zunächst allein von ihm durchge-\nführt wird. Das Ihema ist, wie sich bei Marschner von\nselbst versteht, nicht etwa ein ärmliches Sätzlein von drei\nbis vier Tacten, sondern eine lange, vollständig ausgespro-\nchene schöne Melodie, die namentlich in ihrer zweiten Pe-\nriode in Verbindung mit den tiefen Tönen der Violine eine\nsehr schöne Wirkung macht. Alles ist krystallreiner Guss,\ndas ganze Andante eine Gesangscene voll Empfindung und\nwahrem Gefühl.\nDas Scherzo Presto,3/4-Tact in ist höchst ori-\nginel, wiewohl es sich an die durch Beethoven festgestellte\ntorm dieser Gattung hält und die Neuheit nicht in anders-\ntheiligem Rhythmus und Aehnlichem sucht. Ueberraschend\nund eigentümlich, auch in der Form neu, ist der Eintritt\ndes Trio nach dem Schlüsse in A-moll:\nErst nach der Zurückführung nach A-moll (einem Theile\nvon 16 Tacten) tritt das eigentliche Trio ein mit einer von\njenen reizenden Melodieen, wie sie nur Weber und Marsch-\nner spenden. Der letzte Satz, Attegro passionato, [f in\nA-moll (S. 26—41), ist ebenfalls eine Ausströmung der-\nselben Inspiration, welche die drei ersten erzeugt hat. Von\nmerkwürdigem Effect ist namentlich der Anfang des zwei-\nten Theils und die darauf folgende, zur Durchführung be-\nnutzte Stelle im pianissimo auf einer Saite des Pianoforte.\nWiewohl das Duo keineswegs für Bravour geschrie-\nben ist, sondern als Musik um der Musik willen, so ist es\ndoch für die Spieler, namentlich auch für den Violinisten,\nsehr dankbar; es erfordert bei nicht bedeutender Schwie-\nrigkeit nur einen geist- und gefühlvollen Vortrag, um sich\nüberall in bleibende Gunst zu setzen. Die Ausstattung\nist gut, die Ciavierstimme in Partitur gedruckt.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nfSo&lil* Herr Musik-Director W. Neuland von hier, welcher\nsich in Calais eine ehrenvolle Stellung erworben hat und als tüch-\ntiger Kirchen-Componist bekannt geworden ist, besuchte uns. Seine\nneueste zweite Messe wurde vor Kurzem unter der Leitung des\nHerrn Dora-Capellmeisters Schorn-Miiller in Aachen aufgeführt und\nfand grossen Beifall."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "304", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18590917-01.1.8", "texte": "Hannover. Herr Bernhard Scholz, der im Frühjahre drei\nMonate lang die Dirigenten-Stelle des erkrankten Capellmeisters Fi-\nscher versah, ist nunmehr definitiv als Capellmeister bei dem hiesi-\ngen Hoftheater angestellt.\nKarlsruhe. Es heisst, dass die Aufführung der Oper „Tri-\nstan und Isolde\" von Rieh. Wagner, deren Widmung die Gross-\nherzogin Louise angenommen haben soll, hier vorbereitet werde.\nTOrien. Nach langer Unterbrechung kam es endlich zur zwei-\nten Gastvorstellung des Herrn Theodor Formes als George Brown\nin der Oper „Die weisse Frau\". Das Haus war gut besucht, Herr\nFormes wurde nach jedem Actschlusse gerufen und auch sonst wie-\nderholt mit Beifall ausgezeichnet, der jedoch weder allgemein noch\nbesonders lebhaft war. Der treffliche Sänger schien noch unter dem\nEinflüsse der kaum überstandenen Unpässlichkeit zu leiden und schon\nim zweiten Acte nicht mehr im vollkommen unbeirrten Gebrauche\nseiner Mittel zu sein. Am freiesten und sichersten bewegte er sich\nim ersten Acte.\nDie „Recensionen\" enthalten in Nr. 36 eine scharfe, aber mit\nBeweisen unterstützte Kritik der artistischen Direction des Hof-\nOpern theaters. Zu den für diese Saison, die seit sieben Wochen er-\nöffnet ist, angekündigten neuen Opern von Meyerbeer, Wagner,\nMarschner, Taubert, Doppler, Abert, Th. Löwe und Wiederaufnah-\nmen von Gluck, Dittersdorf, Marschner (Hans Heiling) u. s. W.ist\nnoch keine einzige Probe gehalten worden. Beiläufig erfahren wir,\ndass Frau Csillag (Mezzo-Sopran) mit 17,400 Gulden jährlicher\nGage „erhalten\" worden ist, Fräul. Sulz er (eine wenig zu beschäf-\ntigende Altistin) 6000 Gulden, Fräul. Krauss hingegen, für erste\nund zweite Sopran-Partieen engagirt, nur 1200 Gulden bekommt.\nUeber das Gerücht, dass das Hof-Operntheater als Privat-Unter-\nnehmung verpachtet werden solle, lesen wir nichts in den wiener\nBlättern. Es ist wahrscheinlich aus der projeetirten Abschaffung der\nitaliänischen Oper für die Zukunft entstanden.\nParis. Eine frühere Oper von Flotow : LyArne en peine, soll\nvom grossen Operntheater wieder aufgenommen werden.\nScribe und Limnander haben eine neue komische Oper: Les\nBlancs et les Bleus, geschrieben, in welcher Fräul. Wertheimber die\nHauptpartie singen wird. Die Aufführung im Theater der komischen\nOper steht bevor.\nDas Thddtre lyrique kündigt für die begonnene Saison nicht we-\nniger als sieben neue Opern von 3—5 Acten und dazu noch ein\nhalbes Dutzend einactiger an. Darunter befinden sich zwei von\nScribe: Les Violons du Roi, 3 Acte, Musik von Deffes, und eine\nnamenlose in drei Acten mit Musik von Clapisson; eine fünf-\nactige, Musik von Th. Semet (?); eine dreiactige, dito von Aime\nMaillard; eine dreiactige von Alex. Dumas dem Aelteren, Musik\nvon Ferd. Poise; eine dreiactige, Musik von Ernst Reyer; eine\ndreiactige Buffo-Oper von Barbier und Carre, Musik von Gounod.\nDas neue Opernhaus soll auf dem Boulevard in der neuen Strasse\nvon Rouen, der Rue de la paix gegenüber, erbaut werden.\nDie italiänische Oper hat ihr Programm für 1859 1860 bekannt\ngemacht. Unter den Sängerinnen erscheinen die Damen Bottini,\nPenco, Borghi Mamo, Cambardi als Sopranistinnen, Alboni\nund Acs als Altistinnen; Tenöre Gardoni, Lucchesi, Morini,\nTamberlik; Baritone Badiali, Graziani, Merly; Bässe An-\ngel in i und Patriossi; Buffo Zucchini. Orchester-Dirigent Bo-\nnetti. Das Repertoire bringt 26 Opern, darunter II Matrimonio se-\ngreto von Cimarosa, von Mozart Don Juan, Figaro, Zauberflöte,\nvonDonizetti 5, von Rossini 6 (darunter „Un curioso acci-\ndente\"— ?), von Verdi 4 und Flotow's Martha.\nPetersburg* Es ist hier eine russische musicalische Gesell-\nschaft ins Leben getreten, welche musicalische Bildung und den Ge-\nschmack an Musik in Russland zu fördern und vaterländische Ta-\nlente zu unterstützen vor hat. Durch einen jährlichen Beitrag von\n15 Rubeln wird man Mitglied der Gesellschaft, und wer 1000 Rubel\nschenkt oder sich zu einem Beitrage von 100 Rubeln im Jahre ver-\npflichtet, wird Ehren-Mitglied. Der Kaiser hat die Statuten bereits\nbestätigt.\nDas Interesse der fashionablen Welt dreht sich gegenwärtig um\ndie ausgezeichneten Concerte, welche der berühmte wiener Walzer-\nComponist Johann Strauss hier veranstaltet. Schon seine ele-\ngante, sichere persönliche Erscheinung, die Freiheit seiner Bewegung\nhaben ihn zum Liebling der hiesigen Aristokratie gemacht, in deren\nKreisen er sich den grössten Theil seines hiesigen Aufenthalts be-\nwegt. Johann Strauss bietet aber auch Alles auf, um seine hiesigen\nFreunde und Gönner noch mehr für sich einzunehmen. Sein Orchester\nist von ihm auf eine Stufe der Vollendung gebracht worden, dass\nes die grössten und schwierigsten Tondichtungen unserer Heroen\nBeethoven, Mozart, Mendelssohn, R. Wagner, Schumann u. s. w. mit\neiner Präcision und Feinheit der Nuancirung zur Aufführung bringt,\nwie man sie nur in den ersten philharmonischen Concerten zu hören\ngewohnt ist.\nMio Janeiro. Madame de la Grangeist ein Liebling des\nhiesigen Publicums geworden. Am 15. Juni begann eine neue Sai-\nson. Lucia war die Eröffnungs-Oper, in welcher der Tenor Mirate\nSensation machte. Madame La Grange wurde durch den Conductor\nSignor Giannini ein goldener Kranz überreicht. Am 29. Juni wurde\nRigoletto gegeben, mit Madame La Grange als Gilda, Herrn Mirate\nals Herzog und Herrn Arnand als Rigoletto. Der Erfolg war glänzend."}]}