{"numero_id": "bm-bmtnabi-1859-10-01-01", "volume": "bmtnabi_1859-10-01_01", "ocr_sha256": "c271aade9d1b4d2ae2329dcb445f9294776a5e72be258a5fe13759731db24672", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1859/10/01_01/bmtnabi_1859-10-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1859-10-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-10-01_01#c001", "volume": "bmtnabi_1859-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "313", "page_fin": "313", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 478, "texte": "Inhalt.\nEin musicalischer Reise-Bericht. Von Cäcilius aus Limburg. Beurtheilungen: Franz Wüllner, Clavier-Sonate,\nOp. 6, Gesänge, Op. 8 Robert Steuer, Drei Mazurkas, Op. 1, Vier Lieder, Op. 4 C. Joseph Brambach, Vier Ciavierstücke, Op. 1,\nVier Frühlingslieder, Op, 2 Joseph Derffel, Three Pieces for the Piano forte, Op, 2. Tages- und Unterhaltungsblatt (Mittel-\nrheinisches Lehrer-Gesangfest Preismärsche H. 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Etwas Neues? das ist\nvielleicht nicht der richtige Ausdruck; jedenfalls etwas Un-\nvergleichliches.\nIch sass in einer deutschen Stadt an der Wirthstafel.\nObwohl mehr mit mir selbst und meinem Teller beschäf-\ntigt, als mit meiner Umgebung, konnte ich doch nicht um-\nhin, die Versuche meines Nachbars, eine Unterhaltung an-\nzuknüpfen, in etwa zu berücksichtigen, zunächst ohne Pau-\nsen in meinem augenblicklichen Geschäfte. Bald aber zogen\nmich die geistvollen Bemerkungen über Theater und Mu-\nsik und die gewählte Sprache, in der sich der Mann aus-\ndrückte, immer mehr an, da Beides gar sehr von dem ge-\nwöhnlichen Touristen-Geschwätz und eben so sehr von\nder Schablonen-Kritik der dramaturgischen und musicali-\nschen Literaten abstach. Ich barg ihm nicht, dass die ver-\ntrauensvollen Erwartungen, die ich auf die Musik-Zustände\nin Deutschland gesetzt hätte, nachdem mir das Kunst-\ntreiben in London, Madrid, Mailand, Neapel, Paris, Brüssel\nu. s. w. durchaus keine Befriedigung verschafft, bis jetzt\nauch noch nicht in Erfüllung gegangen wären, und dass\nsich die allerdings trübe und finstere Ansicht bei mir be-\nfestige, dass die Tonkunst sich überall auf der abschüssi-\ngen Bahn zu gänzlichem Verfall befinde; Urtheil und Ge-\nschmack sänken mit ihr immer tiefer, und ich sähe nir-\ngends die Keime eines neu belebenden Geistes spriessen,\ngeschweige denn die Erscheinungeines individuellen Genius\nauftauchen, von dessen Schwingen getragen die Kunst\nwieder einen Aufflug zu ihren ehemaligen Höhen nehmen\nkönnte.\nIch wusste sehr gut, dass ich in Deutschland war, und\nzwar in einer Stadt, in welcher die Propaganda der neue-\nsten Schule ihren Hauptsitz hatte; ich machte mich also\nauf lebhaften Widerspruch gefasst. Allein mein Nachbar\nwar gegen meine Befürchtung so frei von aller Parteifarbe,\ndass er mir nicht nur vollkommen Becht, sondern sogar\nnoch Belege aus der neuesten Musik-Literatur und aus der\nBeschaffenheit mancher Opernbühnen zur Unterstützung\nmeiner Ansicht gab.\n„Aber\" —fügte er hinzu— „es ist doch auf der Welt\nnoch eine Stadt vorhanden, die von dem Pesthauche des\nGeschmacks-Verderbnisses. der Ansteckung musicalischer\nKetzerei und der Aufgeblasenheit der Künstler frei ge-\nblieben ist.\"\nMeinen Sie? Und wo wäre die?\n„Nicht zu weit von hier, aber abgelegen und beschwer-\nlich zu erreichen. Ich wohne dort; wenn Sie eine schlechte\nFahrt auf holperigen Wegen, fast stets bergan, etwa dreis-\nsig bis vierzig Stunden Tag und Nacht hindurch nicht\nscheuen, so lade ich Sie ein, mich morgen dahin zu be-\ngleiten. Bereuen werden Sie es schwerlich.\"\nSonderbar! dachte ich. Bei aller Klarheit und Schärfe\ndes Urtheils dennoch ein Local-Enthusiast, ein Stückchen\nvon der deutschen Einheit! „Das Beste in Staat und Kunst\nist nur da, wo ich zu Hause bin,\" war auch sein Sinn-\nspruch, wie es schien. Der Curiosität halber entschloss\nich mich jedoch zu der abenteuerlichen Fahrt, die aller-\ndings ihre Beschwerden hatte; doch welche Erreichung\neines schönen Zieles hätte die nicht? Wir kamen glück-\n>\nlieh an."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5373, "texte": "Die Stadt liegt in einer reizenden Landschaft und hat\nein sehr reinliches und hübsches Ansehen. Die Leute, de-\nnen ich auf einem Spazirgange begegnete, verriethen durch\nihre Mienen eine heitere Genügsamkeit und schienen sich\nsehr wenig um Villafranca und die Romagna und den\ndeutschen Bundestag zu bekümmern.\nGegen sechs Uhr Abends holte mich mein neuer Freund\nab, um mich in die Oper zu führen, welche Punkt Sechs\nbegann. Man liebt es nämlich hier, nach dem Theater\noder dem Concerte noch zusammen zu kommen, die em-\npfangenen Eindrücke einander mitzutheilen, über die Com-\nposition und die Aufführung zu sprechen; das ist freilich\nin anderen grossen Residenzen nicht möglich, wo man ge-\ngen Mitternacht nach einem fünfactigen Spectakel glieder-\nurid geistesmüde das Schlafzimmer sucht.\nIch war von der Geräumigkeit, der bequemen Ein-\nrichtung und der eleganten, wiewohl keineswegs prunk-\nvollen Ausstattung des Hauses überrascht, und die ersten\nAccorde der Ouvertüre versetzten mich durch die vollkom-\nmen reine Stimmung des Orchesters und die treffliche\nAkustik des Schauspielhauses um so mehr in freudige Be-\nwegung, als man auch nicht durch den leisesten Versuch\neines Tones zum Einstimmen vor dem Eintritte des Gan-\nzen auf unangenehme Weise berührt worden war. Ich war\nerstaunt; denn leider hatte ich selbst in dem musicalischen\nDeutschland an vielen Orten die grauenvolle Vorbereitung\nzu musicalischen Aufführungen in Opern- und Concert-\nstilen erlebt, welche durch ein abscheuliches Gewirr von\nhinaufgeschraubten einzelnen Tönen und Passagen prälu-\ndirender Virtuosen das Ohr der Zuhörer martert und je-\nden reinen Eindruck des ersten Musikstückes, wenigstens\ndes Anfangs davon, unmöglich macht. War ich doch noch\nvor Kurzem in einer Stadt, die zu den ersten Musikstädten\nDeutschlands gehört, in wahrhaft peinlicher Verlegenheit,\nals ich, in die dortige „musicalische Gesellschaft\" einge-\nführt, in welcher nachher eine Beethoven'sche Sinfonie\nganz hübsch ausgeführt wurde, fast eine Viertelstunde lang\nvor Beginn derselben ein Charivari von Geigen und Blasen\naus allen Tonarten, wie es mir noch nie vorgekommen\nwar, aushalten musste.\nMan gab Wilhelm Teil von Rossini. Ich hatte Gluck\noder Mozart erwartet, wandte mich an meinen Nachbar\nmit fragender Miene und hatte das Wort auf den Lippen;\naiiein ein kaum hörbares: „Nachher!\" aus seinem Munde\nwar von einer solchen Stille des ganzen Publicums unter-\nstützt, dass ich beschämt meine Verwunderung unterdrückte.\nSo oft ich später das Theater besuchte, stets fand ich wäh-\nrend der Ouvertüre eine durch nichts gestörte, gespannte\nAufmerksamkeit. Selbst auf den Plätzen der höchsten\nStände im ersten Range kein Geflüster von schönen Lip-\npen, kein Säbeigerassel, kein Betheucrn auf Ehre, keine\nlaute Kritik der Toiletten, des Champagners oder der\nPferde kurz, Alles mäuschenstill, und ich musste geste-\n*\nhen, dass hier die theuersten Plätze wirklich um der Kunst\nwillen bezahlt wurden.\nDer Vorhang ging auf. Ich hörte mit Erstaunen Sän-\nger mit reinen und frischen Stimmen, und ihr Vortrag be-\nkundete gediegene Studien der Gesangkunst. Der Tenorist\ngebrauchte die natürlichen Töne seiner schönen Brust-\nstimme mit Freiheit und Leichtigkeit; er schraubte sie kei-\nneswegs bis zum bund chinauf, sondern verstand mit\ngrosser Kunst das Kopfregister zu verwenden, das bei ihm\neben so weit vom kreischenden Ilahnengekrähe als vom\nweibischen Fistuliren entfernt war. Er sang stets, auch\nin den Stellen, welche den feurigsten dramatischen Aus-\ndruck und die leidenschaftlichste Accentuation verlangten.\nGeschrieen hat er gewiss nie; denn obwohl er kein Jüng-\nling mehr war, so war sein Ton doch noch frisch, klar\nund von schöner, der Empfindung angemessener Färbung\nim Klange; man konnte nicht von ihm wie von manchen\nanderen Berühmtheiten sagen, dass er das Gebäude seines\nVermögens auf den Trümmern seiner Stimme aufgebaut\nhabe.\nDieselben Künstler-Tugenden fand ich bei dem übri-\ngen Solo-Personal. Das wahre musicalische Gefühl beseelte\nAlle, und dieser künstlerische Geist erzeugte ein Zusam-\nmenwirken in Gesang und Spiel, das in der That entzückte.\nDa tritt nicht eine Prima Donna so nahe an die Lampen\ndes Prosceniums, dass man aus Bangigkeit, ihre Crinoline\nmöchte Feuer fangen, nur zerstreut zuhören kann, während\nsie sich nicht im Geringsten um die Situation und die Mit-\nspielenden kümmert und die Melodie des Componisten\ndurch unharmonische Floskeln oder stundenlange Fermaten\nverhunzt. Da macht kein Bass-Buffo seine Spässe zur Haupt-\nsache, sondern ist sich stets bewusst, dass er singen soll;\nda strebt der Bariton nicht danach, den Tenor und wo\nmöglich alle Anderen obenein zu überbrüllen—kurz, diese\ntrefflichen Künstler zeigen offenbar, dass sie nicht für das\nPublicum und den Effect singen, sondern um sich selbst\nzu genügen und der Kunst und dem Schöpfer des Kunst-\nwerkes, dem sie Leben zu verleihen bestimmt sind. Mit\nEinem Worte: sie sind insgesammt gewissenhafte Künstler,\nsie bescheiden sich mit der zweiten Stelle und räumen\nwillig dem Componisten die erste ein.\nUnter den vielen Ueberraschungen, die ich empfand,\nbereitete mir der Chor eine der angenehmsten. Es füllten\nnicht etwa zweihundert Choristen die Bühne, ich glaube,\nes waren ihrer kaum fünfzig, aber welche vollklingende,\nfrische, wohllautende Stimmen, welche Präcision und welch\nein Ausdruck! Und dass der Sopran und Alt zugleich eine"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "315", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5514, "texte": "Galerie hübscher und jugendlicher lebender Bilder dar-\nstellten, war ebenfalls nicht zu verschmähen. In den schnell-\nsten Tempi wurde hier gesungen, nicht gebellt Und ge-\nbläfft, und jedes Wort des Textes verstand man genau,\nfreilich wurden die Tempi auch niemals übertrieben, der\nDirigent verstand nicht nur seine Sache, sondern er war\nauch ein Mann von Energie und Autorität, mit welchem\nKeiner von denen da oben auf den Brettern, weder Fürst\nnoch Volk, zu spielen oder zu scherzen wagte. Nach sei-\nner Vorschrift allein wurde gesungen, und wehe dem, der\nsein Ich geltend machen wollte! Uebrigens hörte ich, dass\ndiese braven Choristen gut besoldet wären und sich nach\nder Oper nicht bloss mit Salat und Rartoffeln und einem\nGlase Wasser zu behelfen brauchten, während der Tage-\nlohn der Maurer und Zimmerleute den ihrigen anderswo\noft um das Doppelte und Dreifache übersteigt.\nSowohl im Teil als in allen anderen Opern, die ich\nspäter gesehen denn Sie können wohl denken, dass ich\nlängere Zeit hier blieb —, bewunderte ich die Costumes\nund die Decorationen. In beiden keine übermässige Pracht,\naber Richtigkeit und Wahrheit. Man hat die gepuderten\nHelden der früheren französischen Tragödie mit Recht ver-\nspottet und von der Bühne verbannt; aber ist es denn we-\nniger unsinnig, wenn Zerline oder Alice oder Recha in\neinem Stahlreifrock oder Griseldis in Höschen mit Spitzen\nbesetzt erscheinen, als wenn Achilles eine Perrücke trägt?\nHier regelt alles Aeussere ein kunstverständiger Regisseur\nund ein ausgezeichneter Maler, und man sieht weder Wal-\nlenstein'sche Reiter mit ungarischen Husarensäbeln, noch\nden Prospect der Kirche von Notre-Dame auf dem Markte\nvon Neapel.\nDie Seele der Bühnen- und Concert-Einrichtungen in\nder Musenstadt ist ein kunstliebender Fürst, der eine gänz-\nliche Reform namentlich des Theaters bewerkstelligt hat.\nZu dieser gehört die Abschaffung des Abonnements. Uer\nFürst sah in dem Abonnement nur eine Bevorzugung ge-\nwisser Stände zum Nachtheil des grossen Publicums. Auch\nhatte er bemerkt, dass die täglichen Besucher des Opern-\nhauses eine Art von Despotismus über den Director aus-\nübten thirch Begünstigung einzelner Bühnen-Mitglieder,\ndie nicht immer auf wirkliches Verdienst begründet war.\nDie Abonnenten betrachteten das Theater wie ihr Eigen-\nthum, benahmen sich da wie zu Hause, empfingen in ihren\nLogen, schwatzten und unterhielten sich wie daheim im\nSalon. Das hat alles aufgehört; an die Stelle des Abonne-\nments ist die Einrichtung getreten, dass Jedermann seinen\nPlatz nach dem wöchentlich erscheinenden Repertoire vor-\nher bestellen kann, wofür kein Aufgeld auf die gewohn-\nlichen Eintrittspreise gezahlt wird. So erneuert sich das\nPublicüm weit häufiger als sonst und bringt nicht die Bla-\nsirtheit und Anmaassung der durch Rang oder Geld bevor-\nrechteten Logen- und Sperrsitz-Inhaber mit ins Theater.\nAn der Art, wie das hiesige Publicum sich den Sän-\ngern gegenüber verhält, sieht man leicht, dass es nur aus\nwirklicher Liebe zur Kunst anwesend ist, dass es allein\nder Oper, nicht der Toilette oder der Mode wegen gekom-\nmen ist. Es spendet der guten Leistung warmen Beifall,\naber bleibt eiskalt bei der geringen und unkünstlerischen.\nNiemals hat die Rücksicht auf etwas Anderes, als auf das\nKunstschöne, Einfluss auf sein Urtheil. Ob der Künstler,\nder vor ihm auftritt, einen grossen Ruf habe oder nicht,\ngilt ihm gleich: es hält sich nur an seine Leistung. Am\nstrengsten ist es gegen die herumziehenden Virtuosen der\nBühne, die man Gäste zu nennen pflegt. In der Regel fin-\nden diese hier keineswegs ihre Rehnung. Erstens haben\nsie nicht das Vergnügen, in hiesigen Blättern zu lesen:\n„Zu bedauern war es nur, dass Fräulein X oder Herr V\nnicht besser unterstützt wurde.\" Diese echte Virtuosen-\nSpeculation auf eine untergeordnete Umgebung, auf deren\ndunklem Grunde jeder Detail-Eff'ect des Gastes sich desto\nheller abzeichnen soll, ist hier nicht anzubringen, da ein\ntreffliches Ensemble selbst dem talentvollsten Gaste die\nWage hält. Zweitens hat eben dieses Ensemble bewirkt,\ndass das Publicum das Kunstwerk geniessen will, nicht den\neinzelnen Künstler; der Eindruck des Ganzen geht ihm\nüber Alles, ja, es soll hier schon vorgekommen sein, dass\ngewisse raffinirte Kunstgriffe berühmter Sänger, die nir-\ngends ihren Zweck verfehlen, hier nicht nur spurlos vor-\nübergegangen sind, sondern sogar abstossend gewirkt ha-\nben. Tritt nun vollends einer von jenen Sängern auf, die\nkeine vier Töne der Scala mehr ohne zu tremoliren oder\nzu kreischen singen können, oder eine Schauspielerin, der\nes nicht mehr möglich ist, auf natürliche Weise „Guten\nAbend!\" zu sagen, so können hundert Journal-Anpreisun-\ngen aus allen Residenzen der Welt diese nicht vor einem\nentschiedenen Fiasco retten.\nDer Staat und der Fürst, jener durch Beschluss der\nVolks-Repräsentation, dieser aus seinem Privat-Vermögen,\nzahlen dem Theater eine bestimmte Unterstützungssumme.\nAllein sie ist bei Weitem nicht so bedeutend, als bei ande-\nren Hofbühnen, und doch wird viel mehr damit geleistet,\nals bei diesen, weil man nicht verschwendet, weil Ballet\nund Decorations-Luxus und optisches Blendwerk und me-\nchanische Räderkunst nicht die Summen verschlingen, die\nauf möglichst vollkommene künstlerische Darstellung ge-\nwandt werden sollen. Im Decorationsfache begnügt man\nsich, wie schon gesagt, mit dem, was zur Charakteristik\nvon Ort und Zeit gehört, was zur Illusion für die Phan-\ntasie nothwendig ist. Die Illusion bis zu wirklicher,\nhandgreiflicher Wahrnehmung zu steigern oder vielmehr\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5306, "texte": "herabzudrücken), das Thierreich durch Pferde, Maulthiere,\nZiegen, die Elemente durch lebendige Wasserfälle und\nUeberschwemmungen vertreten zu lassen, das würde man\nhier eben so lächerlich finden, als wenn man in der Stum-\nmen von Portici einen Hochofen hinter den Vesuv stellte,\noder bei einer fingirten Feuersbrunst ein paar prakticable\nHäuser wirklich in Brand steckte!\nFerner zahlt die Verwaltung nicht die enormen Ga-\ngen, durch welche man sich anderswo überbietet, um am\nEnde doch nur mittelmässige Sänger oder im letzten Strahl\nder Berühmtheit leuchtende Ruinen auf die Bretter zu\nstellen. Die hiesigen Sänger werden höchst anständig be-\nzahlt; sie halten es aber für unwürdig, durch Geldgier\nsich um die Achtung zu bringen, die das Publicum ihrer\nKunst zollt. Nach ihrer Ansicht ist der Künstler kein Han-\ndelsmann, kein Waarenfabricant. Sie wollen den Ausdruck\nder Leidenschaft, den Schwung der Begeisterung, die Tiefe\ndes Gefühls nicht taxirt wissen, wie ein Maass Wein,\noder ein Pfund Zucker, oder ein Stück Tuch. Sie wollen\nnicht Kunsthändler und Kunsttrödler sein, die hier eine\ngedrillte Cadenz füi zwanzig Thaler, dort einen ellenlan-\ngen Ton für zehn, da einen hohen Brustschrei für vierzig\nanbieten, sondern Künstler, die von der Schwinge des Ge-\nnius berührt worden sind und dankbar das Talent, das\nihnen von Gott gegeben, zur Freude und Erhebung der\nMenschen leuchten lassen.\nWas an den Gagen der ersten Mitglieder gespart wird,\nkommt dem Ganzen zu Gut; alle zweiten und dritten Par-\ntieen sind vortreff lich besetzt. Dass eine Prima Donna sie-\nbenzehntausend und eine zweite Sängerin zwölfhundert\nGulden haben könne, gehört für das hiesige Publicum in\ndas Reich der Fabel. Endlich sind Chor und Orchester so\ngut besoldet, dass ihre Mitglieder von ihrem Gehalte an-\nständig leben und sich folglich ganz und gar nur ihrem\nBerufe widmen können.\nGleich am ersten Abende nach der Aufführung von\nRossini's Teil erklärte mir mein vortreff licher Freund die\nGrundsätze, welche bei der Festsetzung des Repertoires\nwalten. „Wir verlangen hier nicht vorzugsweise etwas\nNeues, sondern hauptsächlich etwas Gutes. Desshalb geben\nwir ältere und neuere Opern ohne irgend eine ausschliess-\nliche Vorliebe für irgend eine Schule. Wir betrachten die\nMusik nicht wie ein Kleid und die alten Opern nicht wie\nverlegene oder verblichene Stoffe oder veraltete Moden.\nIch gestehe Ihnen offen, dass wir allerdings eine Partitur\nVon Gluck oder Mozart lieber hören, als manches hochge-\npriesene Werk der Muse unserer Zeit. Wir mögen auch\nsehr deutsch fühlen, wenn wir Spohr, Weber und Marsch-\nner lieber haben, als Bellini und Donizetti. Allein man\nführt uns auch das Neue vor, und zwar mit derselben Ge-\nwissenhaftigkeit in der Besetzung und Ausführung, wie\nin den classischen Meisterwerken.\n„Zum Beweise kann ich Ihnen nichts Besseres anfüh-\nren, als dass unser Fürst besonders auch darauf hält, dass\njüngere Talente durch Aulführung ihrer Arbeiten ermun-\ntert und unterstützt werden. Was sage ich: jüngere Ta-\nlente? Nicht nur diese, sondern die tüchtigsten Künstler\nund Componisten von bewährtem Rufe bedürfen leider bei\nuns in Deutschland bedeutender Unterstützung, wenn es\nihnen gelingen soll, eine Oper von ihrer Composition auf\ndie Bühne zu bringen! Unser Fürst und unsere Bühne sind\ndie einzigen, die sich ihrer annehmen; sie können aber\nnicht Alles thun, und so bleibt immer noch eine gute An-\nzahl von Opern in den Pulten der deutschen Componisten\nliegen.\"\nNicht lange nachher fand ein grosses Concert Statt.\nWir gingen natürlich hin, und das Erste, was mich er-\nfreute, war der schöne, geräumig und geschmackvoll ge-\nbaute Saal. Dieser Concertsaal gehört nicht einem Privat-\nmanne oder einer Gesellschaft, er ist Staats-Eigenthum,\nund die Benutzung steht jedem einheimischen und fremden\nKünstler gegen eine geringe Entschädigung frei. Ich war\nso unvorsichtig, danach zu fragen, ob die concertgebenden\nVereine oder Künstler auch einen Gewerbeschein lösen\nund unter dem Namen „Armen-Abgabe\" eine Steuer zah-\nlen müssten. Man sah mich gross an, und mein Freund\nfragte mit einer etwas pikirten Miene, was mich dazu be-\nwege, einen so curiosen Spass vorzubringen. Ich entschul-\ndigte mich mit dem vollen Ernst meiner Frage, da ich eben\nvon Paris über Brüssel und Köln hieher gekommen und\nin den genannten Städten überall diese Steuer gesetzlich\nverordnet sei.\nNun hätten Sie einmal die Auslassungen meines Freun-\ndes und der Umstehenden hören sollen! Sie wären noch\nröther geworden als ich vor Schaam, da Sie nicht so viel\ngereis't sind, wie ich, und als Kölner bei der betreffenden\nFrage mehr interessirt gewesen wären*)!— „Wie?\" rief\nman aus, „ist das Ernst? Existirt noch irgendwo ein sol-\ncher Schimpf für die Gesetzgebung? ein solcher Wider-\nspruch gegen das Renommiren mit der Protection der\nKunst? ein solcher Hemmschuh für ihre Verbreitung? Für\ndie Armen erhebe die Behörde eine verhältnissmässige Ab-\ngabe bei den Gemeindegliedern, die nicht arm sind; aber\nder Kunst und den Künstlern, der Spendung geistiger und\nsittlicher Nahrungsmittel eine Verbrauchssteuer aufzulegen,\ndas ist ja Hohn gegen die Civilisation und gegen den Fort-\nschritt der Menschheit!\"\n\n*) Was geht es mich an, dass dieser schlechteste Rest fran-\nzösischer Einrichtungen leider noch in der Rheinprovina be-\nsteht? Die Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2407, "texte": "Die Programme der Concerte sind keineswegs Ragouts\nmit pikantem Gewürz für den verdorbenen Geschmack.\nDas ewige Einerlei der Bravourstücke ist eben so streng\nverbannt als die Leerheit und Frivolität der Potpourris\nund so genannten Phantasieen. Die Fabricanten der letzteren\nstellt man hier in die Kategorie der Falschmünzer; wer\nnicht einmal fähig ist, ein Motiv für seine Kunststückchen\nzu erfinden, und nur um fremde Blumen herumflattert, ist\neine Hummel, die nicht in den musicalischen Bienenstock\ngehört.\nDas Publicum findet den grössten Genuss an Sinfo-\nnieen und grösseren Stücken der Vocalmusik. Indess ist\nes auch gegen Einzelleistungen nicht kalt, wenn sie künst-\nlerischen Werth haben; allein es überschätzt sie nie. Dass\nman aber eine Sängerin wegen ihres hübschen Gesichtes,\noder einen Sänger, weil er viele Bewunderer in Kaffee-\nund Bierhäusern hat, applaudirt, kommt nicht vor. Hervor-\ngerufen wird Niemand, er müsste denn in der That eine\nganz ausserordentliche Erscheinung sein. „Ich kenne\nStädte,\" sagte ich, „wo man gewöhnlich alle Solisten\nherausruft, wenn auch nur aus Artigkeit, obgleich oft nur\neine Handvoll Chor-Aspiranten oder Musikschüler das Zei-\nchen dazu geben.\"\nDer Gesang-Verein ist hier einer der besten, die man\nhören kann. Frische, sehr wohlklingende Stimmen von bei-\nden Geschlechtern und, was die Hauptsache ist, alle Mit-\nglieder musicalisch. Keines wird aufgenommen, dem seine\nPartie eingeleiert werden muss. Unglaublich war mir die\nVersicherung, dass die Herren den Verein eben so regel-\nmässig und zahlreich besuchten, wie die Damen, und dass\nman oft Monate lang studire, um ein oratorisches Musik-\nstück zu vollendetem Ausdruck zu bringen. Auch vortreff-\nliche Männerchöre bekam ich zu hören; Gesang-Wett-\nstreite gibt es aber nicht; man hält es für Unsinn, eine\ngrosse Masse von Sängern zu versammeln, um sie in ein-\nzelnen Gruppen theilweise zu hören.\nSie werden fragen: „Aber, mein Gott! wieheisstdenn\ndiese glückliche Stadt? wo liegt sie?\"\nDas darf ich Ihnen nicht sagen. Der durchlauchtige\nHerr, der mich sehr wohlwollend aufgenommen, hat es\nmir zur Pflicht gemacht, seinen und den Namen der Stadt\nzu verschweigen. Er steht auf dem Punkte, sich in den\ndeutsch-österreichischen Theater-Verband und Cartel-Ver-\nein aufnehmen zu lassen, und befürchtet, durchzufallen,\nwenn seine Ansichten und Einrichtungen bekannt würden.\nIhr ganz ergebener\n\nCäcilius aus Limburg."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-10-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-10-01_01#c003", "volume": "bmtnabi_1859-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "317", "page_fin": "318", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.2.3", "titre_corps": "Beurtheilungen.", "titre_sommaire": "Beurtheilungen.", "signature_source": "L", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.5", "debut_caractere": 2409, "fin_caractere_exclue": 4771, "texte": "Beurtheilungen.\n\nFranz Wüllner, Clavier-Sonate. Op. 6.\nWinterthur, bei Rieter-Biedermann.\nDie Sonate, aus drei Sätzen bestehend, ist ein Werk,\nwelches auf hübsche, ansprechende Melodieen und Motive\ngebaut und recht brav durchgearbeitet ist—zwei Qualitä-\nten, welche leider nur wenigen Clavier-Compositionen der\nneueren Zeit nachzurühmen sind. Gleich das erste Thema\nempfiehlt sich durch Einfachheit und Eleganz; überhaupt\nist das löbliche Streben nach Einfachheit und Klarheit so-\nwohl des Periodenbaues im Einzelnen, als der Form im\nGrossen ersichtlich. Wir empfehlen die Sonate allen denen,\ndie zugleich eine solide Composition und ein brillantes Cia-\nvierstück spielen wollen, da das Werk Gelegenheit genug\ngibt, alle Eigenschaften eines tüchtigen Ciavierspielers ins\nglänzendste Licht zu stellen.\nDie Gesänge Op. 8 sind auf schöne Texte aus den\nLiedern des Mirza-Schaffy von Bodenstedt componirt. Nr.\n1, 4 und 6 des Heftes sind als besonders gelungen zu be-\nzeichnen, warm empfunden, schön abgerundet und fliessend\nmelodisch. Nr. 4 und namentlich Nr. 6 eignen sich vor-\nzüglich zum Concert-Vortrage, sind was man so nennt\n—dankbare Lieder, und es wird uns jeder Sänger Dank\nwissen, der auf diese Empfehlung hin das Liederheft in\ndie Hand nimmt.\nRobert Steuer, Drei Mazurkas. Op. 1. Winter-\nthur, bei Rieter-Biedermann.\nNürnberg, bei Wilh. Schmid.\nDie Mazurkas von Steuer sind sehr schön erfunden\nund concis in der Form; sie bekunden trotz mancher An-\nklänge an Chopin'sche Weise ein entschiedenes, selbststän-\ndiges Talent. So ist besonders Nr. 2 als ein energisch-\nkräftiges Tonstück zu rühmen, während das Trio von Nr.\n1 sehr fein und sinnig gehalten ist. Nr. 3 ist am wenig-\nsten originel und erinnert stark an Chopin. Hier und da\nist etwas „Zuviel\" zu tadeln, besonders an complicirten.\nkrabbeligen Vorschlägen und Mordenten. Diese geben äus-\nserlich den Mazurken hier und da einen barokken An-\nstrich, während es doch die Motive an und für sich keines-\nwegs sind. Die Mazurken werden tüchtigen Ciavierspielern\nrecht willkommen sein; dieselben eignen sich auch zum\nConcertgebrauch.\nVier Lieder, Op. 4, bekunden in noch reicherem\nMaasse das schöpferische Talent desselben Componisten.\nNr. 1 spricht uns am wenigsten an. Nr. 2, „Winternacht*,\ndagegen ist ein vortreffliches Lied; eben so Nr. 3, „Früh-\nlings wonne*, und Nr. 4, .Herbstlied\". Die Lieder sind"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5053, "texte": "für eine Alt- oder auch Bassslimme componirt, und da es\nnicht viele Lieder gibt, die für die genannten Stimmlagen\neigens gedacht und geschrieben sind, so empfehlen wir sie\nden glücklichen Besitzern solcher Stimmen aufs wärmste\nund angelegentlichste. Ausserdem machen wir die Herren\nGesanglehrer auf die schönen Compositionen aufmerksam.\nN\nC. Joseph Brambach, Vier Ciavierstücke. Sei-\nnem verehrten Lehrer, Herrn Capellmeister Ferd.\nHiller, zugeeignet. Op. 1. Leipzig, bei Breitkopf\n& Härtel.\npranstimmen mit Begleitung des Pianoforte.\nFrau Mülhens, geb. Ries, zugeeignet. Op. 2. Leip-\nzig, ebendaselbst.\nBeide erste Gaben eines jungen Tonkünstlers, der, auf\nder Rheinischen Musikschule in Köln gebildet, das Stipen-\ndium der frankfurter Mozart-Stiftung genoss und gegen-\nwärtig als Lehrer an der Musikschule angestellt ist, geben\nerfreuliche Beweise von dem Talente und den soliden Stu-\ndien, die wir bereits durch mehrere handschriftliche Com-\npositionen schätzen gelernt hatten. Die vier Ciavierstücke:\n„Lied\" „Romanze\" „Capriccio\" „lmpromptu\"\nschliessen sich im Stil und in der Behandlung an die klei-\nneren Clavier-Compositionen von Schumann und Hiller an,\nohne jedoch der Selbstständigkeit zu ermangeln. Sie sind\nvoll Melodie und fliessend gearbeitet, mehr zart und weich\ngehalten, als feurig und energisch. Da sie nicht schwer\nauszuführen sind, so sind sie besonders Dilettantinnen als\nangenehme Stücke edler Gattung zu empfehlen.\nDie zweistimmigen „Frühlingslieder\" haben frische\nMelodieen, die dabei sangbar sind, eine Eigenschaft, die\nman bei so vielen Liedern unserer jüngeren Componisten\nleider vermisst. Dabei halten sie sich fern vom Walzer-\nund Leiertone und vom trivialen Zuschnitt, ohne im Ge-\nringsten ins Steife und ins Gesuchte zu fallen. Am meisten\nwerden wohl Nr. 1, „Frühlingswerden\", von Delia He-\nlena, und Nr. 4, „Vöglein im Walde\", von derselben Dich-\nterin, durch ihren lebhaften, leicht beschwingten Melo-\ndieenllug ansprechen und den Sängerinnen zum Vortrage\nin musicalischen Cirkeln willkommen sein.\nJoseph Der (Tel, Three Pieces (Morceaux fan-\ntastiques) forthe Pia\nIlonor. Mrs. Loyd Lindsay. Op. 2. London, bei\nGramer, Beale & Chappell. Pr. 6 Sh., jede Num-\nmer einzeln 3 Sh.\nHerr Joseph Derffel hat aus Liebe zur Kunst vor län-\ngerer Zeit seine Professur der Mathematik an einer höhe-\nren Lehranstalt zu Wien aufgegeben, um sich der Musik\nzu widmen, und lebt seit zwei Jahren in London, wo er\neine sehr geachtete Stellung als Componist, Lehrer der\nTonkunst und des Ciavierspiels einnimmt. Wir haben ihn\nschon früher als ausgezeichneten Pianisten und ausserdem\nals geistvollen, wissenschaftlich gebildeten Tonkünstler ken-\nnen und schätzen gelernt, und die jetzt gedruckt vorliegen-\nden Compositionen beweisen eben so wie frühere, die uns\nim Manuscript bekannt geworden, dass ein innerer Trieb\nund das Gefühl eines wirklichen Berufs den Verfasser auf\ndie Künstler-Laufbahn geführt hat.\nDer Stil dieser Compositionen: Nr. 1. Lied ohne\nWorte, Moderato, 4/4-Tact, C-dur (4 Seiten gr. Fol.)\nNr. 2. Elegie, Largo, 4/4-lact, Cis-mott (5 S.) Nr. 3.\nScherzo, Allegro con spirito, y4-Tact, D-dur (12 S.)\nist eben so weit entfernt von der Glätte und Weichheit\nMendelssohn's, als von der Romantik Schumann's; wir\nkönnen ihn nur dadurch charakterisiren, dass er sich un-\nmittelbar an Beethoven anfügt. So wie bei diesem Heros\nnichts zum Vorschein kommt, das nicht als integrirender\nTheil des Ganzen aus Einem Quell (oder Thema) hervor-\ngegangen ist und in frei strömendem Fluss dennoch die\nreichste Mannigfaltigkeit mit der thematischen Arbeit, die\nkühnste Phantasie mit der vollendetsten Form vereinigt,\nso finden wir auch in diesen drei vortrefflichen Musik-\nstücken ein Erfindungs-Talent, das durch die wahre Kunst\nder Arbeit, nämlich durch contrapunktische Behandlung,\nunterstützt und gehoben, durch Variation, Entwicklung\nund Verbreitung, so wie Verkürzung und Engerführung\nder Motive mit einem häufig überraschenden, aber niemals\nharten und schneidenden Harmonieenwechsel sich so frei\nin den gebundensten Formen ergeht, dass man eine wahre\nFreude daran hat, ihm zu folgen. Ein ernstes Studium\nder Rach'schen Ciaviermusik ist darin nicht zu verkennen;\naber auch die Ausführung verlangt einen Spieler, der die\ntechnische Schule an Bach und Clementi durchgemacht hat.\nWir bedauern, dass uns das erste Heft der Compo-\nsitionen Derffel's bis jetzt nicht zu Gesicht gekommen ist;\nder Umschlags-Titel des vorliegenden lautet: Compositiom\nby J. Derffel. Second Set. Wir wissen auch nicht, ob\ndie londoner Verleger derselben mit deutschen in Verbin-\ndung stehen; es wäre aber sehr zu wünschen, dass diese\nCompositionen, welche die Resultate des Studiums der clas-\nsischen Schule mit originellen Motiven und mit dem Glanz\nechter Rravour verbinden, das heisst einer solchen, die nicht\num ihres Glanzes willen eingeschoben wird, sondern sich\naus der Fortführung der Haupt-Motive entwickelt und zur\nSteigerung der Wirkung des Ganzen nothwendig ist,\ndass diese Compositionen, sagen wir, in Deutschland eine\nallgemeine Verbreitung fänden.\n\nL."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1859-10-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1859-10-01_01#c004", "volume": "bmtnabi_1859-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "319", "page_fin": "320", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7115, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDas mittelrheinische Lehrer-Gesangfest wurde am\n15. September in Trarbach an der Mosel gefeiert. Es kamen Com-\npositionen von Gluck, Händel, Klein, Ant. Lotti, Nägeli, Rebling,\nSpohr, Wendt und Flügel unter der sicheren Leitung des Lehrers\nHerrn Fetz aus Dierdorf zur Ausführung, da Herr Musik-Director\nFlügel durch Unwohlsein in Stettin zurückgehalten wurde. Mehrere\nungünstige Umstände bewirkten, dass nur einige seehszig Lehrer\nsich eingefunden hatten, während 150 Quartiere mit Kost in Trar-\nbach bereit gehalten wurden. Man kann die Gastfreundschaft der\nEinwohner Trarbachs nicht genug rühmen. Leider war die Witterung\ndem Feste nicht günstig. Es fehlte auch an Orgelspielern; Herr Fetz\nübernahm desshalb sämmtliche Orgel-Vorträge, die in zwei Piecen\naus Rinck's Orgelschule, einem Präludium von Volkmar und der Be-\ngleitung zur Fest-Cantate von G. Flügel, die Cantor Matthiae aus\nTrarbach leitete, bestanden.\nAls Festort für 1860 ist Simmern und als Zeit die erste Hälfte\ndes Juni festgesetzt. Zum ständigen Fest-Dirigenten ist durch\n§. 4. des Statuts der Musik-Director Flügel, „der's zum Gehen\nbiachte, als es nicht gehen wollte\"*), ernannt. Herr Fetz ist zum\nDirigenten auf Ein Jahr gewählt.\nDer Verein zählt gegenwärtig zweihundert und etliche zwanzig\nMitglieder. Herr Prass ist Cassirer und Herr Drescher Schriftführer;\nbeide sind Lehrer in Neuwied Die Herren Regierungsräthe Schap-\nper aus Coblenz, der sich thatsächlich für den Verein interes-\nsirfc, und Spiess aus Trier waren als Ehrengäste gegenwärtig.\nDie überaus freundliche und humane Aufnahme verdanken die Leh-\nrer dem Herrn Cantor und Organisten Matthiae in Trarbach,\nder sich als Festordner ein besonderes Verdienst erworben hat.\nAuf höchsten Befehl ist in den Statuten der königlich preussi-\nschen Preismärsche die Aenderung getroffen, dass zur Concurrenz\nvon Marsch-Compositionen auch solche Preussen zugelasseu werden,\nwelche nicht, wie die früheren Statuten bestimmten, im activen Dienste\nder preussischen Armee stehen. Es wird dadurch eine grössere Be-\ntheiligung von Componisten ermöglicht; die frankirte Einsendung\nmuss an den königlichen Hof-Musikhändler Bock in Partitur, aus-\ngeschriebenen Stimmen und mit einem den Namen des Componisten\nenthaltenden versiegelten Motto bis Ende dieses Jahres geschehen.\nDie Statuten sind auf Verlangen durch denselben gratis zu haben.\nHeinrich Marse hn er ist von der philharmonischen Gesell-\nschaft in London zu ihrem Ehren-Mitgliede ernannt worden.\nDer Schiller-Verein in Leipzig fängt an, in de,n Vorbereitungen\nzu dem Säcular-Jubelfestc von Schiller's Geburtstag eine lebhaftere\nThätigkeit zu entwickeln; der Vorstand desselben hat durch Zuzie-\nhung einer Anzahl intelligenter Männer aus den verschiedensten Krei-\nsen der Gesellschaft: Gelehrten, Künstler und Schriftsteller, seinen\nFestordner-Ausschuss wesentlich verstärkt. Zudem bieten sich fort-\nwährend neue Kräfte an, die irgend etwas dazu beitragen wollen,\nder Feier in der zweiten Novemberwoche möglichsten Glanz und\nSchwung zu verleihen. Julius Rietz componirt ein besonderes Musik-\nstück für diese Gelegenheit, ein nicht unbegabter Localdichter, der\nRittergutsbesitzer Dr. Theodor Apel, hat ein neues Gelegenheitsstück\nverfasst, das auf dem Stadtheater in jenen Tagen aufgeführt werden\nsoll. Professor Dr. Kuno Fischer in Jena soll die Festrede in der\nHauptfeier des Schiller-Vereins angenommen haben. Ausser dieser\nFeier im Schoosse des Vereins werden noch eine Reihe anderer fest-\nlieber Acte, namentlich von unseren Concert-Instituten und den ge-\nlehrten Schulen vorbereitet. Der Stadtrath hat unter Anderem ein\nhalb Pausend Thaler zu einem damit in ~\\ erbindung stehenden Zwecke\nausgeworfen. Für die dramatischen Aufführungen sind Emil Devrient\nund Frau Seebach-Naumann gewiss.\nDie Vorbereitungen zur Feier des hundertjährigen Geburtstages\nSchillers sind in Stuttgart im besten Gange. Die Feier ist auf\ndie drei Tage vom 9. bis 11. November berechnet. Die Betheiligung\ndes Hoftheaters durch Fest-Darstellungen Schiller'scher Werke ist\nin Aussicht gestellt. Der König hat für die Feier die Benutzung des\nk. Reithauses gestattet. Die marbacher Föier der Einweihung des\nSchillerhauses soll einen integrirenden Theil des Gesammt-Festes\nbilden.\n2SI*CSISIYI» Die Gesellschaft „Philharmonie\" unter der Direction\ndes Herrn Damrosch kündigt ein Abonnement auf 24 Concerte\nfür einen Thaler an also jedes Concert zu fünfzehn Pfen-\nnigen oder einem Gutengroschen. Wenn das nicht zieht und der\nZukunftsmusik, deren Apostel Herr Damrosch ist, hier Bahn bricht,\nso ist Hopfen und Malz verloren!\nieil. Tristan, Tragödie in fünf Aufzügen von Joseph Wei-\nlen, im Burgtheater zum ersten Male aufgeführt am 19. September,\nwurde von dem vollen Hause freundlich aufgenommen. Herr Regis-\nseur La Roche erschien viermal, um anstatt des Verfassers zu dan-\nken. Weilen's Tristanist ein Werk, das einer strengen Kritik man-\nchen Anhaltspunkt zu gegründetem Tadel darbietet, das aber auch,\nnamentlich als Erstlingswerk, von einer glücklichen Begabung Zeug-\nniss gibt.\nWas der instrumentalen Kirchenmusik bevorsteht, ruht noch im\nSchoosse der Zukunft. Obwohl der von der Allgemeinen Zeitung ge-\nbrachten Nachricht nicht widersprochen worden ist, glauben wir doch\nvorerst noch an der Wahrscheinlichkeit derselben zweifeln zu müs-\nsen. Lnserer individuellen Ansicht nach sind allerdings die mensch-\nliche Stimme und die Orgel allein weit mehr geeignet, die betende\nGemeinde zur Andacht zu stimmen, als Geigen und Flöten. Pauken\nund Trompeten, gleichwie uns eine einfache, getragene, choralartige\nMelodie allein als echte Kirchenmusik gilt. Jndess vom Standpunkte\ndes katholischen Ritus, wie er sich im Laufe der Jahrhunderte ent-\nwickelt hat, ist die musicalische Verzierung des Gottesdienstes mit-\ntels Vocal- und Instrumental-Solo, Canon und Fuge, Triller und\nsonstiger Coloratur, kurz, mittels reiner Musik in allen Formen und\nZeitmaassen, eben so berechtigt, wie die Verzierung der Kirchen-\nräume mittels guter und schlechter Bilder oder Statuen. Was die\nrein musicalische Seite dieser Frage anbelangt, so könnte man die\nangekündigte Beschränkung nur bedauern. Der Vortheil, dass viel\nSchlechtes oder Mittelmässiges unaufgeführt und in Zukunft sogar\nuncomponirt bliebe, wiegt den Verlust nicht auf, der auf der ande-\nren Seite entstände, wenn so viele Meisterwerke der Tonkunst auf\nimmer oder doch auf lange Zeit vergraben blieben.\nDer Schauspieler Wilhelm Kunst liegt gefährlich erkrankt\nim wiener allgemeinen Krankenhause.\nDie Stadt Genf, die ein sehr besuchtes Conservatorium\nbesitzt, hat bei der Bundesregierung die Errichtung einer schwei-\nzerischen Musikschule angeregt. Hier in Bern steht die Er-\nöffnung einer Musikschule unter der Direction des Musik-Director*\nEd. Franck (früher in Köln) noch diesen Herbst bevor.\nPAl*iS* Zur Feier des Schillerfestes, welches die Deutschen in\nParis veranstalten, hat Ludwig Pfau eine Cantate gedichtet,\nwelche Stephen Heller in Musik setzt.\n\n*) Worte aus dem Toaste des Lehrers Herrn Brück aus Thal\nKleinich an der Mosel „auf eine dauerhafte Gesundheit\" des\nMusik-Directora Flügel»"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4086, "texte": "StoelilaolM** Obgleich das schwedische Theater sich, was\neinfache Hoheit und Naturwahrheit betrifft, allerdings mit dem dä-\nnischen nicht messen kann und im Schauspiel des feinen, schelmi-\nschen Humors ermangelt, welcher der dänischen Nation eigentüm-\nlich ist, während der Schwede schwerfälliger, grotesker, gleichsam\nreckenhafter erscheint, so steht es doch keineswegs auf niedriger\nStufe. In einer Richtung, der Oper nämlich, lässt es sogar das dä-\nnische Theater entschieden hinter sich, was seinen Grund theils in\ndem viel grösseren Reichthum eingeborener Stimmen, theils in der\nmehr lyrischen als dramatischen Natur-Anlage des Volkes hat. We-\nder an hohen Tenören und Sopranen, noch an tiefen Bässen leidet\nSchweden Mangel.\nDie schwedische Schauspielkunst datirt wesentlich vom Könige\nGustav 111., einem kunstliebenden Fürsten, der selbst dramatischer\nDichter war* Seinem Einflüsse muss man es aber auch zuschreiben,\ndass das schwedische Theater sich noch nicht von einer gewissen,\nfür eine gothisch-germanische Nation unnatürlichen, französischen\nManier, die allzu fest gewurzelt scheint, frei gemacht hat. Dramati-\nsche Dichter ersten Ranges hat Schweden nicht aufzuweisen; sowohl\nTegner als Runeberg haben als Sterne erster Grösse ihre Stärke im\nLyrischen oder im Epos und in der Idylle. Achtungswerth in ihrer\nWeise ist der Zeitgenosse Gustav's 111., Kellgreen, der die Stücke\nausarbeitete, welche Gustav erfand, und (noch jetzt) unübertroffene\nVerse schrieb. Unter den Neueren ist Bescow, geb. 1796, der beste;\nsein Trauerspiel „Hildegard\", sein Schauspiel ~Erik XIV.\" und seine\nOper „Ryno\" enthalten viel des Schönen; sie sind von seinem\nFreunde Oehlenschläger ins Deutsche übersetzt, freilich nicht so gut,\nals wünschenswerth.\nDas Königliche Theater oder Opernhaus gibt Opern, Trauer-,\nSchau- und Lustspiele Die Oper brachte Figaro's Hochzeit, Don\nJuan, Zauberflöte, Oberon, Freischütz, Robert der Teufel, Liebes-\ntrank, Regimentstochter, Joseph, Wilhelm Teil, Stradella und end-\nlich die schwedische National-Oper „Gustav Wasa\", deren Plan Gu-\nstav 111. entwarf, während Kellgreen die noch heute hinreissenden\nVerse schrieb und der deutsche, in seinem Vaterlande vergessene\nComponist Naumann die Musik lieferte. Die Instrumentation war\numgearbeitet von Capellmeister Ignaz Lachner. Diese schon 1778\nentstandene Oper enthusiasmirte das Publicum. Sie war einst so po-\npulär, dass sowohl Text als Melodie auf allen Lippen waren. Die\nTenor-Partieen in den Opern sang Herr Strandberg, die Bass-Par-\ntieen Herr Walin, Herr Sandström u. A. Die ersten Sopran-Partieen\nsind würdig besetzt mit Fräul. Michal und Fräul Röske, in welcher\nLetzteren manche eine werdende Jenny Lind erblicken wollen.\nDas Ballet ist noch mehr im Werden, strebt aber eifrig, sein kopen-\nhagener Vorbild zu erreichen.\nIn der Ladugardslands-Kirche wurde am Tage nach Händel's\nhundertjährigem Todestage sein ~Messias'4 aufgeführt. Ferner gab\nman Haydn's „Schöpfung\" und Mendelssohn's „Sommernachtstraum\".\nIn einem Concerte unter Lachner's Anführung bot das Programm:\nOuvertüre zu „Faust\" von Spohr, Ouvertüre zu „Idomeneo\", Cantate\nvon Mozart, Quartett aus „Idomeneo\", Ouvertüre zu Sargino von\nPaer u. s. w. (W. Ree.)\nEin Stettin er Zeitungsblatt enthält folgende ergötzliche An-\nzeige: „Kunst- und musicalisch-wissenschaftliche No-\ntiz. Der wirkliche berliner Musiklehrer, Pianist und Componist\nwird noch längere Zeit hier verweilen, und versäumt desshalb Un-\nterzeichneter nicht, den hohen adeligen Eltern und Vorsteherinnen\nvon Pensionen anzuzeigen, welche die Absicht haben, ihren Töch-\ntern, Söhnen oder Zöglingen gründlichen und sorgsamen Unterricht\nim Pianofortespiel ertheilen zu lassen, durch schriftliche oder per-\nsönliche Meldungen bis Ende d. Mts. Nachricht geben zu wollen.\nDas Honorar für die Stunde 1 Tlilr. Auch liegen noch die neuesten\nOompositionen vom Unterzeichneten, welche in der Ostsee-Zeitung\ngenannt'wurden, bei ihm im Saale zur Ansicht bis zum 30. d. Mtg.\nund können auf Wunsch vorgetragen werden vom Pianisten und\nComponisten. Otto Zei dl er, Grosse Domstrasse Nr. 16, Bel-Etage «"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nEin musicalischer Reise-Bericht. Von Cäcilius aus Limburg. Beurtheilungen: Franz Wüllner, Clavier-Sonate,\nOp. 6, Gesänge, Op. 8 Robert Steuer, Drei Mazurkas, Op. 1, Vier Lieder, Op. 4 C. Joseph Brambach, Vier Ciavierstücke, Op. 1,\nVier Frühlingslieder, Op, 2 Joseph Derffel, Three Pieces for the Piano forte, Op, 2. Tages- und Unterhaltungsblatt (Mittel-\nrheinisches Lehrer-Gesangfest Preismärsche H. Marschner Leipzig, Stuttgart, Schillerfeier Breslau Wien Bern Paris.)\n\nEin musicalischer Reise-Bericht.\n\nNoch niemals habe ich mit so grosser Befriedigung\ndie Feder ergriffen, als in diesem Augenblicke, wo ich,\nunendlich glücklich über eine Entdeckung, die ich kaum\nnoch für möglich hielt, Ihnen Runde davon geben will.\nSie wissen, dass ich England, Frankreich, Spanien, Italien,\nBelgien, Holland, Deutschland durchreis't habe und durch-\nreise; aus allen diesen Ländern konnte ich Ihnen über Mu-\nsik nichts berichten, was Sie nicht schon wüssten, was sich\nnicht überall wiederholte, was sich nicht überlebt hätte.\nJetzt habe ich endlich einen Ort gefunden, aus dem ich\nIhnen etwas Neues, in unseren Tagen kaum in Wirklich-\nkeit Denkbares, mittheilen kann. Etwas Neues? das ist\nvielleicht nicht der richtige Ausdruck; jedenfalls etwas Un-\nvergleichliches.\nIch sass in einer deutschen Stadt an der Wirthstafel.\nObwohl mehr mit mir selbst und meinem Teller beschäf-\ntigt, als mit meiner Umgebung, konnte ich doch nicht um-\nhin, die Versuche meines Nachbars, eine Unterhaltung an-\nzuknüpfen, in etwa zu berücksichtigen, zunächst ohne Pau-\nsen in meinem augenblicklichen Geschäfte. Bald aber zogen\nmich die geistvollen Bemerkungen über Theater und Mu-\nsik und die gewählte Sprache, in der sich der Mann aus-\ndrückte, immer mehr an, da Beides gar sehr von dem ge-\nwöhnlichen Touristen-Geschwätz und eben so sehr von\nder Schablonen-Kritik der dramaturgischen und musicali-\nschen Literaten abstach. Ich barg ihm nicht, dass die ver-\ntrauensvollen Erwartungen, die ich auf die Musik-Zustände\nin Deutschland gesetzt hätte, nachdem mir das Kunst-\ntreiben in London, Madrid, Mailand, Neapel, Paris, Brüssel\nu. s. w. durchaus keine Befriedigung verschafft, bis jetzt\nauch noch nicht in Erfüllung gegangen wären, und dass\nsich die allerdings trübe und finstere Ansicht bei mir be-\nfestige, dass die Tonkunst sich überall auf der abschüssi-\ngen Bahn zu gänzlichem Verfall befinde; Urtheil und Ge-\nschmack sänken mit ihr immer tiefer, und ich sähe nir-\ngends die Keime eines neu belebenden Geistes spriessen,\ngeschweige denn die Erscheinungeines individuellen Genius\nauftauchen, von dessen Schwingen getragen die Kunst\nwieder einen Aufflug zu ihren ehemaligen Höhen nehmen\nkönnte.\nIch wusste sehr gut, dass ich in Deutschland war, und\nzwar in einer Stadt, in welcher die Propaganda der neue-\nsten Schule ihren Hauptsitz hatte; ich machte mich also\nauf lebhaften Widerspruch gefasst. Allein mein Nachbar\nwar gegen meine Befürchtung so frei von aller Parteifarbe,\ndass er mir nicht nur vollkommen Becht, sondern sogar\nnoch Belege aus der neuesten Musik-Literatur und aus der\nBeschaffenheit mancher Opernbühnen zur Unterstützung\nmeiner Ansicht gab.\n„Aber\" —fügte er hinzu— „es ist doch auf der Welt\nnoch eine Stadt vorhanden, die von dem Pesthauche des\nGeschmacks-Verderbnisses. der Ansteckung musicalischer\nKetzerei und der Aufgeblasenheit der Künstler frei ge-\nblieben ist.\"\nMeinen Sie? Und wo wäre die?\n„Nicht zu weit von hier, aber abgelegen und beschwer-\nlich zu erreichen. Ich wohne dort; wenn Sie eine schlechte\nFahrt auf holperigen Wegen, fast stets bergan, etwa dreis-\nsig bis vierzig Stunden Tag und Nacht hindurch nicht\nscheuen, so lade ich Sie ein, mich morgen dahin zu be-\ngleiten. Bereuen werden Sie es schwerlich.\"\nSonderbar! dachte ich. Bei aller Klarheit und Schärfe\ndes Urtheils dennoch ein Local-Enthusiast, ein Stückchen\nvon der deutschen Einheit! „Das Beste in Staat und Kunst\nist nur da, wo ich zu Hause bin,\" war auch sein Sinn-\nspruch, wie es schien. Der Curiosität halber entschloss\nich mich jedoch zu der abenteuerlichen Fahrt, die aller-\ndings ihre Beschwerden hatte; doch welche Erreichung\neines schönen Zieles hätte die nicht? Wir kamen glück-\n>\nlieh an."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.2", "texte": "Die Stadt liegt in einer reizenden Landschaft und hat\nein sehr reinliches und hübsches Ansehen. Die Leute, de-\nnen ich auf einem Spazirgange begegnete, verriethen durch\nihre Mienen eine heitere Genügsamkeit und schienen sich\nsehr wenig um Villafranca und die Romagna und den\ndeutschen Bundestag zu bekümmern.\nGegen sechs Uhr Abends holte mich mein neuer Freund\nab, um mich in die Oper zu führen, welche Punkt Sechs\nbegann. Man liebt es nämlich hier, nach dem Theater\noder dem Concerte noch zusammen zu kommen, die em-\npfangenen Eindrücke einander mitzutheilen, über die Com-\nposition und die Aufführung zu sprechen; das ist freilich\nin anderen grossen Residenzen nicht möglich, wo man ge-\ngen Mitternacht nach einem fünfactigen Spectakel glieder-\nurid geistesmüde das Schlafzimmer sucht.\nIch war von der Geräumigkeit, der bequemen Ein-\nrichtung und der eleganten, wiewohl keineswegs prunk-\nvollen Ausstattung des Hauses überrascht, und die ersten\nAccorde der Ouvertüre versetzten mich durch die vollkom-\nmen reine Stimmung des Orchesters und die treffliche\nAkustik des Schauspielhauses um so mehr in freudige Be-\nwegung, als man auch nicht durch den leisesten Versuch\neines Tones zum Einstimmen vor dem Eintritte des Gan-\nzen auf unangenehme Weise berührt worden war. Ich war\nerstaunt; denn leider hatte ich selbst in dem musicalischen\nDeutschland an vielen Orten die grauenvolle Vorbereitung\nzu musicalischen Aufführungen in Opern- und Concert-\nstilen erlebt, welche durch ein abscheuliches Gewirr von\nhinaufgeschraubten einzelnen Tönen und Passagen prälu-\ndirender Virtuosen das Ohr der Zuhörer martert und je-\nden reinen Eindruck des ersten Musikstückes, wenigstens\ndes Anfangs davon, unmöglich macht. War ich doch noch\nvor Kurzem in einer Stadt, die zu den ersten Musikstädten\nDeutschlands gehört, in wahrhaft peinlicher Verlegenheit,\nals ich, in die dortige „musicalische Gesellschaft\" einge-\nführt, in welcher nachher eine Beethoven'sche Sinfonie\nganz hübsch ausgeführt wurde, fast eine Viertelstunde lang\nvor Beginn derselben ein Charivari von Geigen und Blasen\naus allen Tonarten, wie es mir noch nie vorgekommen\nwar, aushalten musste.\nMan gab Wilhelm Teil von Rossini. Ich hatte Gluck\noder Mozart erwartet, wandte mich an meinen Nachbar\nmit fragender Miene und hatte das Wort auf den Lippen;\naiiein ein kaum hörbares: „Nachher!\" aus seinem Munde\nwar von einer solchen Stille des ganzen Publicums unter-\nstützt, dass ich beschämt meine Verwunderung unterdrückte.\nSo oft ich später das Theater besuchte, stets fand ich wäh-\nrend der Ouvertüre eine durch nichts gestörte, gespannte\nAufmerksamkeit. Selbst auf den Plätzen der höchsten\nStände im ersten Range kein Geflüster von schönen Lip-\npen, kein Säbeigerassel, kein Betheucrn auf Ehre, keine\nlaute Kritik der Toiletten, des Champagners oder der\nPferde kurz, Alles mäuschenstill, und ich musste geste-\n*\nhen, dass hier die theuersten Plätze wirklich um der Kunst\nwillen bezahlt wurden.\nDer Vorhang ging auf. Ich hörte mit Erstaunen Sän-\nger mit reinen und frischen Stimmen, und ihr Vortrag be-\nkundete gediegene Studien der Gesangkunst. Der Tenorist\ngebrauchte die natürlichen Töne seiner schönen Brust-\nstimme mit Freiheit und Leichtigkeit; er schraubte sie kei-\nneswegs bis zum bund chinauf, sondern verstand mit\ngrosser Kunst das Kopfregister zu verwenden, das bei ihm\neben so weit vom kreischenden Ilahnengekrähe als vom\nweibischen Fistuliren entfernt war. Er sang stets, auch\nin den Stellen, welche den feurigsten dramatischen Aus-\ndruck und die leidenschaftlichste Accentuation verlangten.\nGeschrieen hat er gewiss nie; denn obwohl er kein Jüng-\nling mehr war, so war sein Ton doch noch frisch, klar\nund von schöner, der Empfindung angemessener Färbung\nim Klange; man konnte nicht von ihm wie von manchen\nanderen Berühmtheiten sagen, dass er das Gebäude seines\nVermögens auf den Trümmern seiner Stimme aufgebaut\nhabe.\nDieselben Künstler-Tugenden fand ich bei dem übri-\ngen Solo-Personal. Das wahre musicalische Gefühl beseelte\nAlle, und dieser künstlerische Geist erzeugte ein Zusam-\nmenwirken in Gesang und Spiel, das in der That entzückte.\nDa tritt nicht eine Prima Donna so nahe an die Lampen\ndes Prosceniums, dass man aus Bangigkeit, ihre Crinoline\nmöchte Feuer fangen, nur zerstreut zuhören kann, während\nsie sich nicht im Geringsten um die Situation und die Mit-\nspielenden kümmert und die Melodie des Componisten\ndurch unharmonische Floskeln oder stundenlange Fermaten\nverhunzt. Da macht kein Bass-Buffo seine Spässe zur Haupt-\nsache, sondern ist sich stets bewusst, dass er singen soll;\nda strebt der Bariton nicht danach, den Tenor und wo\nmöglich alle Anderen obenein zu überbrüllen—kurz, diese\ntrefflichen Künstler zeigen offenbar, dass sie nicht für das\nPublicum und den Effect singen, sondern um sich selbst\nzu genügen und der Kunst und dem Schöpfer des Kunst-\nwerkes, dem sie Leben zu verleihen bestimmt sind. Mit\nEinem Worte: sie sind insgesammt gewissenhafte Künstler,\nsie bescheiden sich mit der zweiten Stelle und räumen\nwillig dem Componisten die erste ein.\nUnter den vielen Ueberraschungen, die ich empfand,\nbereitete mir der Chor eine der angenehmsten. Es füllten\nnicht etwa zweihundert Choristen die Bühne, ich glaube,\nes waren ihrer kaum fünfzig, aber welche vollklingende,\nfrische, wohllautende Stimmen, welche Präcision und welch\nein Ausdruck! Und dass der Sopran und Alt zugleich eine"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "315", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.3", "texte": "Galerie hübscher und jugendlicher lebender Bilder dar-\nstellten, war ebenfalls nicht zu verschmähen. In den schnell-\nsten Tempi wurde hier gesungen, nicht gebellt Und ge-\nbläfft, und jedes Wort des Textes verstand man genau,\nfreilich wurden die Tempi auch niemals übertrieben, der\nDirigent verstand nicht nur seine Sache, sondern er war\nauch ein Mann von Energie und Autorität, mit welchem\nKeiner von denen da oben auf den Brettern, weder Fürst\nnoch Volk, zu spielen oder zu scherzen wagte. Nach sei-\nner Vorschrift allein wurde gesungen, und wehe dem, der\nsein Ich geltend machen wollte! Uebrigens hörte ich, dass\ndiese braven Choristen gut besoldet wären und sich nach\nder Oper nicht bloss mit Salat und Rartoffeln und einem\nGlase Wasser zu behelfen brauchten, während der Tage-\nlohn der Maurer und Zimmerleute den ihrigen anderswo\noft um das Doppelte und Dreifache übersteigt.\nSowohl im Teil als in allen anderen Opern, die ich\nspäter gesehen denn Sie können wohl denken, dass ich\nlängere Zeit hier blieb —, bewunderte ich die Costumes\nund die Decorationen. In beiden keine übermässige Pracht,\naber Richtigkeit und Wahrheit. Man hat die gepuderten\nHelden der früheren französischen Tragödie mit Recht ver-\nspottet und von der Bühne verbannt; aber ist es denn we-\nniger unsinnig, wenn Zerline oder Alice oder Recha in\neinem Stahlreifrock oder Griseldis in Höschen mit Spitzen\nbesetzt erscheinen, als wenn Achilles eine Perrücke trägt?\nHier regelt alles Aeussere ein kunstverständiger Regisseur\nund ein ausgezeichneter Maler, und man sieht weder Wal-\nlenstein'sche Reiter mit ungarischen Husarensäbeln, noch\nden Prospect der Kirche von Notre-Dame auf dem Markte\nvon Neapel.\nDie Seele der Bühnen- und Concert-Einrichtungen in\nder Musenstadt ist ein kunstliebender Fürst, der eine gänz-\nliche Reform namentlich des Theaters bewerkstelligt hat.\nZu dieser gehört die Abschaffung des Abonnements. Uer\nFürst sah in dem Abonnement nur eine Bevorzugung ge-\nwisser Stände zum Nachtheil des grossen Publicums. Auch\nhatte er bemerkt, dass die täglichen Besucher des Opern-\nhauses eine Art von Despotismus über den Director aus-\nübten thirch Begünstigung einzelner Bühnen-Mitglieder,\ndie nicht immer auf wirkliches Verdienst begründet war.\nDie Abonnenten betrachteten das Theater wie ihr Eigen-\nthum, benahmen sich da wie zu Hause, empfingen in ihren\nLogen, schwatzten und unterhielten sich wie daheim im\nSalon. Das hat alles aufgehört; an die Stelle des Abonne-\nments ist die Einrichtung getreten, dass Jedermann seinen\nPlatz nach dem wöchentlich erscheinenden Repertoire vor-\nher bestellen kann, wofür kein Aufgeld auf die gewohn-\nlichen Eintrittspreise gezahlt wird. So erneuert sich das\nPublicüm weit häufiger als sonst und bringt nicht die Bla-\nsirtheit und Anmaassung der durch Rang oder Geld bevor-\nrechteten Logen- und Sperrsitz-Inhaber mit ins Theater.\nAn der Art, wie das hiesige Publicum sich den Sän-\ngern gegenüber verhält, sieht man leicht, dass es nur aus\nwirklicher Liebe zur Kunst anwesend ist, dass es allein\nder Oper, nicht der Toilette oder der Mode wegen gekom-\nmen ist. Es spendet der guten Leistung warmen Beifall,\naber bleibt eiskalt bei der geringen und unkünstlerischen.\nNiemals hat die Rücksicht auf etwas Anderes, als auf das\nKunstschöne, Einfluss auf sein Urtheil. Ob der Künstler,\nder vor ihm auftritt, einen grossen Ruf habe oder nicht,\ngilt ihm gleich: es hält sich nur an seine Leistung. Am\nstrengsten ist es gegen die herumziehenden Virtuosen der\nBühne, die man Gäste zu nennen pflegt. In der Regel fin-\nden diese hier keineswegs ihre Rehnung. Erstens haben\nsie nicht das Vergnügen, in hiesigen Blättern zu lesen:\n„Zu bedauern war es nur, dass Fräulein X oder Herr V\nnicht besser unterstützt wurde.\" Diese echte Virtuosen-\nSpeculation auf eine untergeordnete Umgebung, auf deren\ndunklem Grunde jeder Detail-Eff'ect des Gastes sich desto\nheller abzeichnen soll, ist hier nicht anzubringen, da ein\ntreffliches Ensemble selbst dem talentvollsten Gaste die\nWage hält. Zweitens hat eben dieses Ensemble bewirkt,\ndass das Publicum das Kunstwerk geniessen will, nicht den\neinzelnen Künstler; der Eindruck des Ganzen geht ihm\nüber Alles, ja, es soll hier schon vorgekommen sein, dass\ngewisse raffinirte Kunstgriffe berühmter Sänger, die nir-\ngends ihren Zweck verfehlen, hier nicht nur spurlos vor-\nübergegangen sind, sondern sogar abstossend gewirkt ha-\nben. Tritt nun vollends einer von jenen Sängern auf, die\nkeine vier Töne der Scala mehr ohne zu tremoliren oder\nzu kreischen singen können, oder eine Schauspielerin, der\nes nicht mehr möglich ist, auf natürliche Weise „Guten\nAbend!\" zu sagen, so können hundert Journal-Anpreisun-\ngen aus allen Residenzen der Welt diese nicht vor einem\nentschiedenen Fiasco retten.\nDer Staat und der Fürst, jener durch Beschluss der\nVolks-Repräsentation, dieser aus seinem Privat-Vermögen,\nzahlen dem Theater eine bestimmte Unterstützungssumme.\nAllein sie ist bei Weitem nicht so bedeutend, als bei ande-\nren Hofbühnen, und doch wird viel mehr damit geleistet,\nals bei diesen, weil man nicht verschwendet, weil Ballet\nund Decorations-Luxus und optisches Blendwerk und me-\nchanische Räderkunst nicht die Summen verschlingen, die\nauf möglichst vollkommene künstlerische Darstellung ge-\nwandt werden sollen. Im Decorationsfache begnügt man\nsich, wie schon gesagt, mit dem, was zur Charakteristik\nvon Ort und Zeit gehört, was zur Illusion für die Phan-\ntasie nothwendig ist. Die Illusion bis zu wirklicher,\nhandgreiflicher Wahrnehmung zu steigern oder vielmehr\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.4", "texte": "herabzudrücken), das Thierreich durch Pferde, Maulthiere,\nZiegen, die Elemente durch lebendige Wasserfälle und\nUeberschwemmungen vertreten zu lassen, das würde man\nhier eben so lächerlich finden, als wenn man in der Stum-\nmen von Portici einen Hochofen hinter den Vesuv stellte,\noder bei einer fingirten Feuersbrunst ein paar prakticable\nHäuser wirklich in Brand steckte!\nFerner zahlt die Verwaltung nicht die enormen Ga-\ngen, durch welche man sich anderswo überbietet, um am\nEnde doch nur mittelmässige Sänger oder im letzten Strahl\nder Berühmtheit leuchtende Ruinen auf die Bretter zu\nstellen. Die hiesigen Sänger werden höchst anständig be-\nzahlt; sie halten es aber für unwürdig, durch Geldgier\nsich um die Achtung zu bringen, die das Publicum ihrer\nKunst zollt. Nach ihrer Ansicht ist der Künstler kein Han-\ndelsmann, kein Waarenfabricant. Sie wollen den Ausdruck\nder Leidenschaft, den Schwung der Begeisterung, die Tiefe\ndes Gefühls nicht taxirt wissen, wie ein Maass Wein,\noder ein Pfund Zucker, oder ein Stück Tuch. Sie wollen\nnicht Kunsthändler und Kunsttrödler sein, die hier eine\ngedrillte Cadenz füi zwanzig Thaler, dort einen ellenlan-\ngen Ton für zehn, da einen hohen Brustschrei für vierzig\nanbieten, sondern Künstler, die von der Schwinge des Ge-\nnius berührt worden sind und dankbar das Talent, das\nihnen von Gott gegeben, zur Freude und Erhebung der\nMenschen leuchten lassen.\nWas an den Gagen der ersten Mitglieder gespart wird,\nkommt dem Ganzen zu Gut; alle zweiten und dritten Par-\ntieen sind vortreff lich besetzt. Dass eine Prima Donna sie-\nbenzehntausend und eine zweite Sängerin zwölfhundert\nGulden haben könne, gehört für das hiesige Publicum in\ndas Reich der Fabel. Endlich sind Chor und Orchester so\ngut besoldet, dass ihre Mitglieder von ihrem Gehalte an-\nständig leben und sich folglich ganz und gar nur ihrem\nBerufe widmen können.\nGleich am ersten Abende nach der Aufführung von\nRossini's Teil erklärte mir mein vortreff licher Freund die\nGrundsätze, welche bei der Festsetzung des Repertoires\nwalten. „Wir verlangen hier nicht vorzugsweise etwas\nNeues, sondern hauptsächlich etwas Gutes. Desshalb geben\nwir ältere und neuere Opern ohne irgend eine ausschliess-\nliche Vorliebe für irgend eine Schule. Wir betrachten die\nMusik nicht wie ein Kleid und die alten Opern nicht wie\nverlegene oder verblichene Stoffe oder veraltete Moden.\nIch gestehe Ihnen offen, dass wir allerdings eine Partitur\nVon Gluck oder Mozart lieber hören, als manches hochge-\npriesene Werk der Muse unserer Zeit. Wir mögen auch\nsehr deutsch fühlen, wenn wir Spohr, Weber und Marsch-\nner lieber haben, als Bellini und Donizetti. Allein man\nführt uns auch das Neue vor, und zwar mit derselben Ge-\nwissenhaftigkeit in der Besetzung und Ausführung, wie\nin den classischen Meisterwerken.\n„Zum Beweise kann ich Ihnen nichts Besseres anfüh-\nren, als dass unser Fürst besonders auch darauf hält, dass\njüngere Talente durch Aulführung ihrer Arbeiten ermun-\ntert und unterstützt werden. Was sage ich: jüngere Ta-\nlente? Nicht nur diese, sondern die tüchtigsten Künstler\nund Componisten von bewährtem Rufe bedürfen leider bei\nuns in Deutschland bedeutender Unterstützung, wenn es\nihnen gelingen soll, eine Oper von ihrer Composition auf\ndie Bühne zu bringen! Unser Fürst und unsere Bühne sind\ndie einzigen, die sich ihrer annehmen; sie können aber\nnicht Alles thun, und so bleibt immer noch eine gute An-\nzahl von Opern in den Pulten der deutschen Componisten\nliegen.\"\nNicht lange nachher fand ein grosses Concert Statt.\nWir gingen natürlich hin, und das Erste, was mich er-\nfreute, war der schöne, geräumig und geschmackvoll ge-\nbaute Saal. Dieser Concertsaal gehört nicht einem Privat-\nmanne oder einer Gesellschaft, er ist Staats-Eigenthum,\nund die Benutzung steht jedem einheimischen und fremden\nKünstler gegen eine geringe Entschädigung frei. Ich war\nso unvorsichtig, danach zu fragen, ob die concertgebenden\nVereine oder Künstler auch einen Gewerbeschein lösen\nund unter dem Namen „Armen-Abgabe\" eine Steuer zah-\nlen müssten. Man sah mich gross an, und mein Freund\nfragte mit einer etwas pikirten Miene, was mich dazu be-\nwege, einen so curiosen Spass vorzubringen. Ich entschul-\ndigte mich mit dem vollen Ernst meiner Frage, da ich eben\nvon Paris über Brüssel und Köln hieher gekommen und\nin den genannten Städten überall diese Steuer gesetzlich\nverordnet sei.\nNun hätten Sie einmal die Auslassungen meines Freun-\ndes und der Umstehenden hören sollen! Sie wären noch\nröther geworden als ich vor Schaam, da Sie nicht so viel\ngereis't sind, wie ich, und als Kölner bei der betreffenden\nFrage mehr interessirt gewesen wären*)!— „Wie?\" rief\nman aus, „ist das Ernst? Existirt noch irgendwo ein sol-\ncher Schimpf für die Gesetzgebung? ein solcher Wider-\nspruch gegen das Renommiren mit der Protection der\nKunst? ein solcher Hemmschuh für ihre Verbreitung? Für\ndie Armen erhebe die Behörde eine verhältnissmässige Ab-\ngabe bei den Gemeindegliedern, die nicht arm sind; aber\nder Kunst und den Künstlern, der Spendung geistiger und\nsittlicher Nahrungsmittel eine Verbrauchssteuer aufzulegen,\ndas ist ja Hohn gegen die Civilisation und gegen den Fort-\nschritt der Menschheit!\"\n\n*) Was geht es mich an, dass dieser schlechteste Rest fran-\nzösischer Einrichtungen leider noch in der Rheinprovina be-\nsteht? Die Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.5", "texte": "Die Programme der Concerte sind keineswegs Ragouts\nmit pikantem Gewürz für den verdorbenen Geschmack.\nDas ewige Einerlei der Bravourstücke ist eben so streng\nverbannt als die Leerheit und Frivolität der Potpourris\nund so genannten Phantasieen. Die Fabricanten der letzteren\nstellt man hier in die Kategorie der Falschmünzer; wer\nnicht einmal fähig ist, ein Motiv für seine Kunststückchen\nzu erfinden, und nur um fremde Blumen herumflattert, ist\neine Hummel, die nicht in den musicalischen Bienenstock\ngehört.\nDas Publicum findet den grössten Genuss an Sinfo-\nnieen und grösseren Stücken der Vocalmusik. Indess ist\nes auch gegen Einzelleistungen nicht kalt, wenn sie künst-\nlerischen Werth haben; allein es überschätzt sie nie. Dass\nman aber eine Sängerin wegen ihres hübschen Gesichtes,\noder einen Sänger, weil er viele Bewunderer in Kaffee-\nund Bierhäusern hat, applaudirt, kommt nicht vor. Hervor-\ngerufen wird Niemand, er müsste denn in der That eine\nganz ausserordentliche Erscheinung sein. „Ich kenne\nStädte,\" sagte ich, „wo man gewöhnlich alle Solisten\nherausruft, wenn auch nur aus Artigkeit, obgleich oft nur\neine Handvoll Chor-Aspiranten oder Musikschüler das Zei-\nchen dazu geben.\"\nDer Gesang-Verein ist hier einer der besten, die man\nhören kann. Frische, sehr wohlklingende Stimmen von bei-\nden Geschlechtern und, was die Hauptsache ist, alle Mit-\nglieder musicalisch. Keines wird aufgenommen, dem seine\nPartie eingeleiert werden muss. Unglaublich war mir die\nVersicherung, dass die Herren den Verein eben so regel-\nmässig und zahlreich besuchten, wie die Damen, und dass\nman oft Monate lang studire, um ein oratorisches Musik-\nstück zu vollendetem Ausdruck zu bringen. Auch vortreff-\nliche Männerchöre bekam ich zu hören; Gesang-Wett-\nstreite gibt es aber nicht; man hält es für Unsinn, eine\ngrosse Masse von Sängern zu versammeln, um sie in ein-\nzelnen Gruppen theilweise zu hören.\nSie werden fragen: „Aber, mein Gott! wieheisstdenn\ndiese glückliche Stadt? wo liegt sie?\"\nDas darf ich Ihnen nicht sagen. Der durchlauchtige\nHerr, der mich sehr wohlwollend aufgenommen, hat es\nmir zur Pflicht gemacht, seinen und den Namen der Stadt\nzu verschweigen. Er steht auf dem Punkte, sich in den\ndeutsch-österreichischen Theater-Verband und Cartel-Ver-\nein aufnehmen zu lassen, und befürchtet, durchzufallen,\nwenn seine Ansichten und Einrichtungen bekannt würden.\nIhr ganz ergebener\n\nCäcilius aus Limburg.\n\nBeurtheilungen.\n\nFranz Wüllner, Clavier-Sonate. Op. 6.\nWinterthur, bei Rieter-Biedermann.\nDie Sonate, aus drei Sätzen bestehend, ist ein Werk,\nwelches auf hübsche, ansprechende Melodieen und Motive\ngebaut und recht brav durchgearbeitet ist—zwei Qualitä-\nten, welche leider nur wenigen Clavier-Compositionen der\nneueren Zeit nachzurühmen sind. Gleich das erste Thema\nempfiehlt sich durch Einfachheit und Eleganz; überhaupt\nist das löbliche Streben nach Einfachheit und Klarheit so-\nwohl des Periodenbaues im Einzelnen, als der Form im\nGrossen ersichtlich. Wir empfehlen die Sonate allen denen,\ndie zugleich eine solide Composition und ein brillantes Cia-\nvierstück spielen wollen, da das Werk Gelegenheit genug\ngibt, alle Eigenschaften eines tüchtigen Ciavierspielers ins\nglänzendste Licht zu stellen.\nDie Gesänge Op. 8 sind auf schöne Texte aus den\nLiedern des Mirza-Schaffy von Bodenstedt componirt. Nr.\n1, 4 und 6 des Heftes sind als besonders gelungen zu be-\nzeichnen, warm empfunden, schön abgerundet und fliessend\nmelodisch. Nr. 4 und namentlich Nr. 6 eignen sich vor-\nzüglich zum Concert-Vortrage, sind was man so nennt\n—dankbare Lieder, und es wird uns jeder Sänger Dank\nwissen, der auf diese Empfehlung hin das Liederheft in\ndie Hand nimmt.\nRobert Steuer, Drei Mazurkas. Op. 1. Winter-\nthur, bei Rieter-Biedermann.\nNürnberg, bei Wilh. Schmid.\nDie Mazurkas von Steuer sind sehr schön erfunden\nund concis in der Form; sie bekunden trotz mancher An-\nklänge an Chopin'sche Weise ein entschiedenes, selbststän-\ndiges Talent. So ist besonders Nr. 2 als ein energisch-\nkräftiges Tonstück zu rühmen, während das Trio von Nr.\n1 sehr fein und sinnig gehalten ist. Nr. 3 ist am wenig-\nsten originel und erinnert stark an Chopin. Hier und da\nist etwas „Zuviel\" zu tadeln, besonders an complicirten.\nkrabbeligen Vorschlägen und Mordenten. Diese geben äus-\nserlich den Mazurken hier und da einen barokken An-\nstrich, während es doch die Motive an und für sich keines-\nwegs sind. Die Mazurken werden tüchtigen Ciavierspielern\nrecht willkommen sein; dieselben eignen sich auch zum\nConcertgebrauch.\nVier Lieder, Op. 4, bekunden in noch reicherem\nMaasse das schöpferische Talent desselben Componisten.\nNr. 1 spricht uns am wenigsten an. Nr. 2, „Winternacht*,\ndagegen ist ein vortreffliches Lied; eben so Nr. 3, „Früh-\nlings wonne*, und Nr. 4, .Herbstlied\". Die Lieder sind"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.6", "texte": "für eine Alt- oder auch Bassslimme componirt, und da es\nnicht viele Lieder gibt, die für die genannten Stimmlagen\neigens gedacht und geschrieben sind, so empfehlen wir sie\nden glücklichen Besitzern solcher Stimmen aufs wärmste\nund angelegentlichste. Ausserdem machen wir die Herren\nGesanglehrer auf die schönen Compositionen aufmerksam.\nN\nC. Joseph Brambach, Vier Ciavierstücke. Sei-\nnem verehrten Lehrer, Herrn Capellmeister Ferd.\nHiller, zugeeignet. Op. 1. Leipzig, bei Breitkopf\n& Härtel.\npranstimmen mit Begleitung des Pianoforte.\nFrau Mülhens, geb. Ries, zugeeignet. Op. 2. Leip-\nzig, ebendaselbst.\nBeide erste Gaben eines jungen Tonkünstlers, der, auf\nder Rheinischen Musikschule in Köln gebildet, das Stipen-\ndium der frankfurter Mozart-Stiftung genoss und gegen-\nwärtig als Lehrer an der Musikschule angestellt ist, geben\nerfreuliche Beweise von dem Talente und den soliden Stu-\ndien, die wir bereits durch mehrere handschriftliche Com-\npositionen schätzen gelernt hatten. Die vier Ciavierstücke:\n„Lied\" „Romanze\" „Capriccio\" „lmpromptu\"\nschliessen sich im Stil und in der Behandlung an die klei-\nneren Clavier-Compositionen von Schumann und Hiller an,\nohne jedoch der Selbstständigkeit zu ermangeln. Sie sind\nvoll Melodie und fliessend gearbeitet, mehr zart und weich\ngehalten, als feurig und energisch. Da sie nicht schwer\nauszuführen sind, so sind sie besonders Dilettantinnen als\nangenehme Stücke edler Gattung zu empfehlen.\nDie zweistimmigen „Frühlingslieder\" haben frische\nMelodieen, die dabei sangbar sind, eine Eigenschaft, die\nman bei so vielen Liedern unserer jüngeren Componisten\nleider vermisst. Dabei halten sie sich fern vom Walzer-\nund Leiertone und vom trivialen Zuschnitt, ohne im Ge-\nringsten ins Steife und ins Gesuchte zu fallen. Am meisten\nwerden wohl Nr. 1, „Frühlingswerden\", von Delia He-\nlena, und Nr. 4, „Vöglein im Walde\", von derselben Dich-\nterin, durch ihren lebhaften, leicht beschwingten Melo-\ndieenllug ansprechen und den Sängerinnen zum Vortrage\nin musicalischen Cirkeln willkommen sein.\nJoseph Der (Tel, Three Pieces (Morceaux fan-\ntastiques) forthe Pia\nIlonor. Mrs. Loyd Lindsay. Op. 2. London, bei\nGramer, Beale & Chappell. Pr. 6 Sh., jede Num-\nmer einzeln 3 Sh.\nHerr Joseph Derffel hat aus Liebe zur Kunst vor län-\ngerer Zeit seine Professur der Mathematik an einer höhe-\nren Lehranstalt zu Wien aufgegeben, um sich der Musik\nzu widmen, und lebt seit zwei Jahren in London, wo er\neine sehr geachtete Stellung als Componist, Lehrer der\nTonkunst und des Ciavierspiels einnimmt. Wir haben ihn\nschon früher als ausgezeichneten Pianisten und ausserdem\nals geistvollen, wissenschaftlich gebildeten Tonkünstler ken-\nnen und schätzen gelernt, und die jetzt gedruckt vorliegen-\nden Compositionen beweisen eben so wie frühere, die uns\nim Manuscript bekannt geworden, dass ein innerer Trieb\nund das Gefühl eines wirklichen Berufs den Verfasser auf\ndie Künstler-Laufbahn geführt hat.\nDer Stil dieser Compositionen: Nr. 1. Lied ohne\nWorte, Moderato, 4/4-Tact, C-dur (4 Seiten gr. Fol.)\nNr. 2. Elegie, Largo, 4/4-lact, Cis-mott (5 S.) Nr. 3.\nScherzo, Allegro con spirito, y4-Tact, D-dur (12 S.)\nist eben so weit entfernt von der Glätte und Weichheit\nMendelssohn's, als von der Romantik Schumann's; wir\nkönnen ihn nur dadurch charakterisiren, dass er sich un-\nmittelbar an Beethoven anfügt. So wie bei diesem Heros\nnichts zum Vorschein kommt, das nicht als integrirender\nTheil des Ganzen aus Einem Quell (oder Thema) hervor-\ngegangen ist und in frei strömendem Fluss dennoch die\nreichste Mannigfaltigkeit mit der thematischen Arbeit, die\nkühnste Phantasie mit der vollendetsten Form vereinigt,\nso finden wir auch in diesen drei vortrefflichen Musik-\nstücken ein Erfindungs-Talent, das durch die wahre Kunst\nder Arbeit, nämlich durch contrapunktische Behandlung,\nunterstützt und gehoben, durch Variation, Entwicklung\nund Verbreitung, so wie Verkürzung und Engerführung\nder Motive mit einem häufig überraschenden, aber niemals\nharten und schneidenden Harmonieenwechsel sich so frei\nin den gebundensten Formen ergeht, dass man eine wahre\nFreude daran hat, ihm zu folgen. Ein ernstes Studium\nder Rach'schen Ciaviermusik ist darin nicht zu verkennen;\naber auch die Ausführung verlangt einen Spieler, der die\ntechnische Schule an Bach und Clementi durchgemacht hat.\nWir bedauern, dass uns das erste Heft der Compo-\nsitionen Derffel's bis jetzt nicht zu Gesicht gekommen ist;\nder Umschlags-Titel des vorliegenden lautet: Compositiom\nby J. Derffel. Second Set. Wir wissen auch nicht, ob\ndie londoner Verleger derselben mit deutschen in Verbin-\ndung stehen; es wäre aber sehr zu wünschen, dass diese\nCompositionen, welche die Resultate des Studiums der clas-\nsischen Schule mit originellen Motiven und mit dem Glanz\nechter Rravour verbinden, das heisst einer solchen, die nicht\num ihres Glanzes willen eingeschoben wird, sondern sich\naus der Fortführung der Haupt-Motive entwickelt und zur\nSteigerung der Wirkung des Ganzen nothwendig ist,\ndass diese Compositionen, sagen wir, in Deutschland eine\nallgemeine Verbreitung fänden.\n\nL."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.7", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDas mittelrheinische Lehrer-Gesangfest wurde am\n15. September in Trarbach an der Mosel gefeiert. Es kamen Com-\npositionen von Gluck, Händel, Klein, Ant. Lotti, Nägeli, Rebling,\nSpohr, Wendt und Flügel unter der sicheren Leitung des Lehrers\nHerrn Fetz aus Dierdorf zur Ausführung, da Herr Musik-Director\nFlügel durch Unwohlsein in Stettin zurückgehalten wurde. Mehrere\nungünstige Umstände bewirkten, dass nur einige seehszig Lehrer\nsich eingefunden hatten, während 150 Quartiere mit Kost in Trar-\nbach bereit gehalten wurden. Man kann die Gastfreundschaft der\nEinwohner Trarbachs nicht genug rühmen. Leider war die Witterung\ndem Feste nicht günstig. Es fehlte auch an Orgelspielern; Herr Fetz\nübernahm desshalb sämmtliche Orgel-Vorträge, die in zwei Piecen\naus Rinck's Orgelschule, einem Präludium von Volkmar und der Be-\ngleitung zur Fest-Cantate von G. Flügel, die Cantor Matthiae aus\nTrarbach leitete, bestanden.\nAls Festort für 1860 ist Simmern und als Zeit die erste Hälfte\ndes Juni festgesetzt. Zum ständigen Fest-Dirigenten ist durch\n§. 4. des Statuts der Musik-Director Flügel, „der's zum Gehen\nbiachte, als es nicht gehen wollte\"*), ernannt. Herr Fetz ist zum\nDirigenten auf Ein Jahr gewählt.\nDer Verein zählt gegenwärtig zweihundert und etliche zwanzig\nMitglieder. Herr Prass ist Cassirer und Herr Drescher Schriftführer;\nbeide sind Lehrer in Neuwied Die Herren Regierungsräthe Schap-\nper aus Coblenz, der sich thatsächlich für den Verein interes-\nsirfc, und Spiess aus Trier waren als Ehrengäste gegenwärtig.\nDie überaus freundliche und humane Aufnahme verdanken die Leh-\nrer dem Herrn Cantor und Organisten Matthiae in Trarbach,\nder sich als Festordner ein besonderes Verdienst erworben hat.\nAuf höchsten Befehl ist in den Statuten der königlich preussi-\nschen Preismärsche die Aenderung getroffen, dass zur Concurrenz\nvon Marsch-Compositionen auch solche Preussen zugelasseu werden,\nwelche nicht, wie die früheren Statuten bestimmten, im activen Dienste\nder preussischen Armee stehen. Es wird dadurch eine grössere Be-\ntheiligung von Componisten ermöglicht; die frankirte Einsendung\nmuss an den königlichen Hof-Musikhändler Bock in Partitur, aus-\ngeschriebenen Stimmen und mit einem den Namen des Componisten\nenthaltenden versiegelten Motto bis Ende dieses Jahres geschehen.\nDie Statuten sind auf Verlangen durch denselben gratis zu haben.\nHeinrich Marse hn er ist von der philharmonischen Gesell-\nschaft in London zu ihrem Ehren-Mitgliede ernannt worden.\nDer Schiller-Verein in Leipzig fängt an, in de,n Vorbereitungen\nzu dem Säcular-Jubelfestc von Schiller's Geburtstag eine lebhaftere\nThätigkeit zu entwickeln; der Vorstand desselben hat durch Zuzie-\nhung einer Anzahl intelligenter Männer aus den verschiedensten Krei-\nsen der Gesellschaft: Gelehrten, Künstler und Schriftsteller, seinen\nFestordner-Ausschuss wesentlich verstärkt. Zudem bieten sich fort-\nwährend neue Kräfte an, die irgend etwas dazu beitragen wollen,\nder Feier in der zweiten Novemberwoche möglichsten Glanz und\nSchwung zu verleihen. Julius Rietz componirt ein besonderes Musik-\nstück für diese Gelegenheit, ein nicht unbegabter Localdichter, der\nRittergutsbesitzer Dr. Theodor Apel, hat ein neues Gelegenheitsstück\nverfasst, das auf dem Stadtheater in jenen Tagen aufgeführt werden\nsoll. Professor Dr. Kuno Fischer in Jena soll die Festrede in der\nHauptfeier des Schiller-Vereins angenommen haben. Ausser dieser\nFeier im Schoosse des Vereins werden noch eine Reihe anderer fest-\nlieber Acte, namentlich von unseren Concert-Instituten und den ge-\nlehrten Schulen vorbereitet. Der Stadtrath hat unter Anderem ein\nhalb Pausend Thaler zu einem damit in ~\\ erbindung stehenden Zwecke\nausgeworfen. Für die dramatischen Aufführungen sind Emil Devrient\nund Frau Seebach-Naumann gewiss.\nDie Vorbereitungen zur Feier des hundertjährigen Geburtstages\nSchillers sind in Stuttgart im besten Gange. Die Feier ist auf\ndie drei Tage vom 9. bis 11. November berechnet. Die Betheiligung\ndes Hoftheaters durch Fest-Darstellungen Schiller'scher Werke ist\nin Aussicht gestellt. Der König hat für die Feier die Benutzung des\nk. Reithauses gestattet. Die marbacher Föier der Einweihung des\nSchillerhauses soll einen integrirenden Theil des Gesammt-Festes\nbilden.\n2SI*CSISIYI» Die Gesellschaft „Philharmonie\" unter der Direction\ndes Herrn Damrosch kündigt ein Abonnement auf 24 Concerte\nfür einen Thaler an also jedes Concert zu fünfzehn Pfen-\nnigen oder einem Gutengroschen. Wenn das nicht zieht und der\nZukunftsmusik, deren Apostel Herr Damrosch ist, hier Bahn bricht,\nso ist Hopfen und Malz verloren!\nieil. Tristan, Tragödie in fünf Aufzügen von Joseph Wei-\nlen, im Burgtheater zum ersten Male aufgeführt am 19. September,\nwurde von dem vollen Hause freundlich aufgenommen. Herr Regis-\nseur La Roche erschien viermal, um anstatt des Verfassers zu dan-\nken. Weilen's Tristanist ein Werk, das einer strengen Kritik man-\nchen Anhaltspunkt zu gegründetem Tadel darbietet, das aber auch,\nnamentlich als Erstlingswerk, von einer glücklichen Begabung Zeug-\nniss gibt.\nWas der instrumentalen Kirchenmusik bevorsteht, ruht noch im\nSchoosse der Zukunft. Obwohl der von der Allgemeinen Zeitung ge-\nbrachten Nachricht nicht widersprochen worden ist, glauben wir doch\nvorerst noch an der Wahrscheinlichkeit derselben zweifeln zu müs-\nsen. Lnserer individuellen Ansicht nach sind allerdings die mensch-\nliche Stimme und die Orgel allein weit mehr geeignet, die betende\nGemeinde zur Andacht zu stimmen, als Geigen und Flöten. Pauken\nund Trompeten, gleichwie uns eine einfache, getragene, choralartige\nMelodie allein als echte Kirchenmusik gilt. Jndess vom Standpunkte\ndes katholischen Ritus, wie er sich im Laufe der Jahrhunderte ent-\nwickelt hat, ist die musicalische Verzierung des Gottesdienstes mit-\ntels Vocal- und Instrumental-Solo, Canon und Fuge, Triller und\nsonstiger Coloratur, kurz, mittels reiner Musik in allen Formen und\nZeitmaassen, eben so berechtigt, wie die Verzierung der Kirchen-\nräume mittels guter und schlechter Bilder oder Statuen. Was die\nrein musicalische Seite dieser Frage anbelangt, so könnte man die\nangekündigte Beschränkung nur bedauern. Der Vortheil, dass viel\nSchlechtes oder Mittelmässiges unaufgeführt und in Zukunft sogar\nuncomponirt bliebe, wiegt den Verlust nicht auf, der auf der ande-\nren Seite entstände, wenn so viele Meisterwerke der Tonkunst auf\nimmer oder doch auf lange Zeit vergraben blieben.\nDer Schauspieler Wilhelm Kunst liegt gefährlich erkrankt\nim wiener allgemeinen Krankenhause.\nDie Stadt Genf, die ein sehr besuchtes Conservatorium\nbesitzt, hat bei der Bundesregierung die Errichtung einer schwei-\nzerischen Musikschule angeregt. Hier in Bern steht die Er-\nöffnung einer Musikschule unter der Direction des Musik-Director*\nEd. Franck (früher in Köln) noch diesen Herbst bevor.\nPAl*iS* Zur Feier des Schillerfestes, welches die Deutschen in\nParis veranstalten, hat Ludwig Pfau eine Cantate gedichtet,\nwelche Stephen Heller in Musik setzt.\n\n*) Worte aus dem Toaste des Lehrers Herrn Brück aus Thal\nKleinich an der Mosel „auf eine dauerhafte Gesundheit\" des\nMusik-Directora Flügel»"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18591001-01.1.8", "texte": "StoelilaolM** Obgleich das schwedische Theater sich, was\neinfache Hoheit und Naturwahrheit betrifft, allerdings mit dem dä-\nnischen nicht messen kann und im Schauspiel des feinen, schelmi-\nschen Humors ermangelt, welcher der dänischen Nation eigentüm-\nlich ist, während der Schwede schwerfälliger, grotesker, gleichsam\nreckenhafter erscheint, so steht es doch keineswegs auf niedriger\nStufe. In einer Richtung, der Oper nämlich, lässt es sogar das dä-\nnische Theater entschieden hinter sich, was seinen Grund theils in\ndem viel grösseren Reichthum eingeborener Stimmen, theils in der\nmehr lyrischen als dramatischen Natur-Anlage des Volkes hat. We-\nder an hohen Tenören und Sopranen, noch an tiefen Bässen leidet\nSchweden Mangel.\nDie schwedische Schauspielkunst datirt wesentlich vom Könige\nGustav 111., einem kunstliebenden Fürsten, der selbst dramatischer\nDichter war* Seinem Einflüsse muss man es aber auch zuschreiben,\ndass das schwedische Theater sich noch nicht von einer gewissen,\nfür eine gothisch-germanische Nation unnatürlichen, französischen\nManier, die allzu fest gewurzelt scheint, frei gemacht hat. Dramati-\nsche Dichter ersten Ranges hat Schweden nicht aufzuweisen; sowohl\nTegner als Runeberg haben als Sterne erster Grösse ihre Stärke im\nLyrischen oder im Epos und in der Idylle. Achtungswerth in ihrer\nWeise ist der Zeitgenosse Gustav's 111., Kellgreen, der die Stücke\nausarbeitete, welche Gustav erfand, und (noch jetzt) unübertroffene\nVerse schrieb. Unter den Neueren ist Bescow, geb. 1796, der beste;\nsein Trauerspiel „Hildegard\", sein Schauspiel ~Erik XIV.\" und seine\nOper „Ryno\" enthalten viel des Schönen; sie sind von seinem\nFreunde Oehlenschläger ins Deutsche übersetzt, freilich nicht so gut,\nals wünschenswerth.\nDas Königliche Theater oder Opernhaus gibt Opern, Trauer-,\nSchau- und Lustspiele Die Oper brachte Figaro's Hochzeit, Don\nJuan, Zauberflöte, Oberon, Freischütz, Robert der Teufel, Liebes-\ntrank, Regimentstochter, Joseph, Wilhelm Teil, Stradella und end-\nlich die schwedische National-Oper „Gustav Wasa\", deren Plan Gu-\nstav 111. entwarf, während Kellgreen die noch heute hinreissenden\nVerse schrieb und der deutsche, in seinem Vaterlande vergessene\nComponist Naumann die Musik lieferte. Die Instrumentation war\numgearbeitet von Capellmeister Ignaz Lachner. Diese schon 1778\nentstandene Oper enthusiasmirte das Publicum. Sie war einst so po-\npulär, dass sowohl Text als Melodie auf allen Lippen waren. Die\nTenor-Partieen in den Opern sang Herr Strandberg, die Bass-Par-\ntieen Herr Walin, Herr Sandström u. A. Die ersten Sopran-Partieen\nsind würdig besetzt mit Fräul. Michal und Fräul Röske, in welcher\nLetzteren manche eine werdende Jenny Lind erblicken wollen.\nDas Ballet ist noch mehr im Werden, strebt aber eifrig, sein kopen-\nhagener Vorbild zu erreichen.\nIn der Ladugardslands-Kirche wurde am Tage nach Händel's\nhundertjährigem Todestage sein ~Messias'4 aufgeführt. Ferner gab\nman Haydn's „Schöpfung\" und Mendelssohn's „Sommernachtstraum\".\nIn einem Concerte unter Lachner's Anführung bot das Programm:\nOuvertüre zu „Faust\" von Spohr, Ouvertüre zu „Idomeneo\", Cantate\nvon Mozart, Quartett aus „Idomeneo\", Ouvertüre zu Sargino von\nPaer u. s. w. (W. Ree.)\nEin Stettin er Zeitungsblatt enthält folgende ergötzliche An-\nzeige: „Kunst- und musicalisch-wissenschaftliche No-\ntiz. Der wirkliche berliner Musiklehrer, Pianist und Componist\nwird noch längere Zeit hier verweilen, und versäumt desshalb Un-\nterzeichneter nicht, den hohen adeligen Eltern und Vorsteherinnen\nvon Pensionen anzuzeigen, welche die Absicht haben, ihren Töch-\ntern, Söhnen oder Zöglingen gründlichen und sorgsamen Unterricht\nim Pianofortespiel ertheilen zu lassen, durch schriftliche oder per-\nsönliche Meldungen bis Ende d. Mts. Nachricht geben zu wollen.\nDas Honorar für die Stunde 1 Tlilr. Auch liegen noch die neuesten\nOompositionen vom Unterzeichneten, welche in der Ostsee-Zeitung\ngenannt'wurden, bei ihm im Saale zur Ansicht bis zum 30. d. Mtg.\nund können auf Wunsch vorgetragen werden vom Pianisten und\nComponisten. Otto Zei dl er, Grosse Domstrasse Nr. 16, Bel-Etage «"}]}