{"numero_id": "bm-bmtnabi-1860-01-01-01", "volume": "bmtnabi_1860-01-01_01", "ocr_sha256": "8f1496bd08da2fc8222e09dd3f716eca74b8fc4fe9c14819ae05a833d312076d", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1860/01/01_01/bmtnabi_1860-01-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1860-01-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-01-01_01#c001", "volume": "bmtnabi_1860-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "1", "page_fin": "1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 438, "texte": "Inhalt.\nnW. A. Mozart. Von Otto Jahn. Vierter Theil. I. Berliner Briefe (Die k. Oper, Aubers „Maskenball' Offe-\n• \\ X. 7 II 1\nbach s „Mädchen von Elizondo\". Concerte: die k. Capelle, die Sing-Akademie, Stern's Gesang-Verein, der k. Dom-Chor). Aus Arn-\nheim (Künstler-Verein). Von z . Tages- und Unterhaltungsblatt (Berlin, Hof-Capellmeister W. Taubert, Grab-Denkmal für\nAlbert Lortzing Fräul. Büry Schindelmeisser Dresden Stuttgart Wien)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-01-01-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-01-01_01#c002", "volume": "bmtnabi_1860-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "1", "page_fin": "5", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.2.2", "titre_corps": "W. A. 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Mit\ndiesem vierten Theile hat Otto Jahn den Schlussstein in\ndas Denkmal eingefügt, das er dem grössten Musiker aller\nZeiten aufgeführt hat, ein Denkmal, das nicht nur wie ein\nBildwerk ehrt, erinnert und vergegenwärtigt, sondern Geist\nund Leben athmet auf jedem Blatte, und die Pforten er-\nschliesst, durch die man zur Erkenntniss der Tiefen des\nGenius eingeht. Wohl ist das Werk auch ein Denkmal\njenes ernsten Fleisses, welcher dem deutschen Gelehrten\neigentümlich ist; allein Fleiss und Arbeit, Gründlichkeit\nund Gewissenhaftigkeit der Forschung, so ausserordentlich\nverdienstlich sie auch sind, ihre unschätzbaren Ergebnisse\ngeben doch dem Verfasser nur eine theil weise Berechtigung\nauf die Anerkennung und Dankbarkeit der Zeitgenossen.\nWas dem Buche für den Musiker und den Kunstfreund\nden grössten Werth gibt, das ist nicht so sehr sein histo-\nrischer, als sein kritisch-ästhetischer Inhalt. Die Analvsen\nder Werke Mozart's eröffnen uns einen deutlichen Blick\nin die Werkstatt des Meisters, da der Verfasser so tief,\nwie es dem menschlichen Auge vergönnt ist, in das ge-\nheimnissvolle Schaffen des Genius eindringt, und uns dann\nwieder mit bewusster Klarheit, nicht mit phantastischer\nGefühlsschwärmerei, die vollendete Schönheit des fertigen\nKunstwerkes vor Augen stellt und ihre Wahrheit an der\nUebereinstimmung von Inhalt und Form misst und nach-\nweist. Es liegt ein Schatz von musicalisch-ästhetischem\nWissen in diesem Buche und besonders in diesem letzten\nTheile desselben, dessen Werth bei der Zerfahrenheit und\nOberflächlichkeit der gegenwärtigen Kunst-Philosophie gar\nnicht hoch genug angeschlagen werden kann. Möchte er\nnur auf alle mögliche Weise ausgebeutet werden das\nheisst im besten Sinne des Wortes —, um Gemeingut zu\nwerden in allen musicalischen Lehranstalten, in allen Krei-\nsen, wo die Tonkunst geliebt und geübt, und in allen, wo"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5501, "texte": "sie besprochen und beschwatzt wird! Ein wirksameres\nGegengift gegen die Betäubung des gesunden Sinnes für\ndas Musicalisch-Schöne, wie sie die jetzige Jugend zum\nTheil ergriffen hat, als Mozart's Musik und die Darstellung\nihres Wesens und der Ursachen ihrer besonderen Schön-\nheit als Bedingungen der musicalischen Schönheit über-\nhaupt, kann es nicht geben.\nWir können uns nicht enthalten, gleich hier, ehe wir\nden reichen Inhalt des vorliegenden vierten Theiles ver-\nzeichnen, zum Beweise des Gesagten aus dem ersten Ab-\nschnitt desselben (Viertes Buch. 12.), der von der Clavier-\nmusik Mozart's handelt, einige Hauptstellen mitzutheilen,\ndie sich auf die Sonate (zugleich Grundform der Sinfonie,\ndes Quartetts u. s. w.) beziehen.\n„Nachdem die contrapunktische Bearbeitung eines The-\nma's in streng geschlossener Form aufgegeben war, tritt\nin der Entwicklung der Sonate als der springende Punkt\ndie charakteristische Ausbildung bestimmter Motive gegen-\nüber dem freien Spiel mit Figuren und Passagen hervor,\nnamentlich neben dem Haupt-Thema ein selbstständig aus-\ngesprochenes, durch scharfe Abgränzung hervorgehobenes\nzweites Thema, das nach einer bald fixirten Regel in der\nDominante der — oder\nin der Parallele der (C-mott—Es-dur)\nauftritt. Dieses sind die beiden Hauptpfeiler des Satzes;\ndie weitere Ausführung derselben, ihre Verbindung durch\nZwischenglieder, der Abschluss des Theiles, wurden nicht\nweiter durch bestimmte Normen geregelt, als dass auch\nder Abschluss des Theiles in der Dominante erfolgte. An\ndie Stelle eines mehr oder weniger ausgeführten Ueber-\nganges in die Haupt-Tonart, um den ersten Theil zu wie-\nderholen, trat sodann der wichtige zweite Theil, die Durch-\nführung. Eines oder mehrere der im ersten Theile benutz-\nten, auch wohl ganz neue Motive werden einer bald vor-\nherrschend harmonischen, bald mehr thematischen Behand-\nlung unterworfen, welche, indem sie aus den im Früheren\nliegenden Keimen mit lebendig treibender Kraft Blüthe\nund Frucht herauswachsen lässt, das Interesse steigert und\nzugleich die Rückkehr zum ersten Theile organisch ver-\nmittelt; hier ist auch die künstlerische Kraft concentrirt,\nin der Durchführung und in der Rückkehr zum ersten\nThema bewährt sich vor Allem Genialität und Meister-\nschaft. Die Wiederholung des ersten Theiles geschieht un-\nter manchen Modificationen, die zum Theil schon dadurch\nbedingt werden, dass das zweite Thema nun in der Haupt-\nTonart erscheint, in welcher der Satz schliesst; ausserdem\nkönnen Veränderungeu in der Gruppirung der einzelnen\nElemente, Erweiterungen und Abkürzungen im Einzelnen,\ninsbesondere aber eine Verlängerung und Steigerung des\nAbschlusses angebracht werden, welche den wiederholten\nersten Theil nicht bloss der Ordnung, sondern auch der\nBedeutung nach als den dritten Theil erscheinen lassen.\n„Mozart fand diese Elemente und ihre Gliederung be-\nreits vor, allein er hat sie in einer seiner Natur entspre-\nchenden Weise fortgebildet und ausgeprägt. Das zweite\nThema, worauf es hier hauptsächlich ankommt, tritt bei\nihm nicht allein als ein selbstständiges auf, wie es denn\nauch stets sehr bestimmt angekündigt wird, sondern seinem\nganzen Charakter nach als ein Gegen-Thema dem Haupt-\nThema gegenüber, das als solches aus der Masse des gan-\nzen Theils in bemerkenswerther Weise hervorsticht. In\nder Bildung der Themen aber zeigt sich vorzüglich die Mo-\nzart'sche Eigentümlichkeit; ihr hervortretender Charakter\nist das Gesangmässige, in welchem Nägeli (Vorlesungen\nüber Musik, S. 156 ff.), einer einseitigen Ansicht vom freien\nTonspiel der Instrumental-Musik zufolge, Stil-Unfug und\nVerfall des Clavierspiels sah. Vielmehr hat Mozart das, was\nPh. E. Bach als die Aufgabe des Ciavierspielers und Com-\nponisten betrachtete (1.,5. 16) und Haydn von ihm über-\nnahm, gesangmässig zu schreiben, wesentlich gefördert.\nDabei ist es nicht ohne Bedeutung, dass Mozart's musica-\nlische Bildung vom Gesänge ausgegangen war, dass seine\nNeigung ihn zum Gesänge leitete—in höherem Grade, als\nes bei jenen Männern der Fall war. So wie der Clavier-\nComponist die polyphone Schreibweise aufgab, so wie es\nnicht mehr auf die Erfindung eines Thema's ankam, das\nin bestimmten Formen schulgerecht zu bearbeiten war,\nsondern auf freie Melodie, welche durch Schönheit und\nEbenmaass an sich der entsprechende Ausdruck der künst-\nlerischen Empfindung zu werden fähig war, musste der\nGesang der Ausgangspunkt für die Melodiebildung wer-\nden. Nicht als ob bestimmte, für den Gesang geschaffene\nFormen ohne Weiteres auf das Ciavier übertragen wer-\nden sollten; diese konnten dafür nur eine Analogie bilden,\ndie ihnen zu Grunde liegenden Gesetze mussten den in der\nNatur des Instrumentes liegenden Bedingungen gemäss an-\ngewandt werden. Daher finden wir in Mozart's Clavier-\nund Instrumental-Composition überhaupt nirgends die For-\nmen der italiänischen Cantilene angewandt; ein flüchtiger\nBlick auf seine italiänischen Opern wird die Verschieden-\nheit in der Behandlung der Melodie erweisen. Wo sich in\nden Instrumentalwerken Verwandtschaft mit Gesang-Com-\npositionen findet, weis't sie auf die deutsche Oper, nament-\nlich die Zauberflöte, hin, und dies ist sehr begreiflich. Denn\nMozart gab in seiner Instrumental-Musik seiner Empfindung\nden nächsten, natürlichen Ausdruck, ohne an irgend welche\nbestimmte Form, wie in der italiänischen Oper, gewiesen\nzu sein; als er in der deutschen Oper mit gleicher Freiheit\nden Gesang behandelte, konnte es nicht fehlen, dass die\nbereits ausgebildeten Formen der deutschen Instrumental-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5480, "texte": "Musik ihm vielfach Anhalt und Analogie darboten. Die all-\ngemeinen Bedingungen einer schönen Melodie, wie sie in\ndem einander gegenseitig bedingenden Verhältnisse der In-\ntervalle, der Rhythmik und Harmonie begründet sind, ka-\nmen in den Clavier-Coropositionen vollständig zur Geltung.\nJede einzelne Melodie ist, vollkommen ausgebildet, eben-\nmässig gegliedert und hat an sich Charakter und Bedeu-\ntung, ein Vorzug der formellen Bildung, welcher durch je-\nnen eigentümlichen Zauber des Wohllautes und der Fein-\nheit, der von Mozart's Wesen unzertrennlich ist, noch ge-\nhoben wird. In dem Vortrage solcher Melodieen mochte der\nschönste Vorzug von Mozart's Ciavierspiel, das, was nach\nHaydn's Ausspruch zum Herzen ging, besonders zur Gel-\ntung kommen; es ist mitunter überraschend, wie z. B. in\nden Concerten die Hauptwirkung auf den Vortrag einer\nlangen, einfachen getragenen Melodie concentrirt ist, was\ner meisterhaft verstanden haben muss.\n„Diesem Fortschritt in der gesangmässigen und be-\ndeutenden Behandlung der einzelnen Melodie gesellt sich\nein ausserordentlicher Reichthum an Melodieen zu. Mozart\nlässt nämlich an die Stelle jener verbindenden Mittelglieder,\nwelche gewöhnlich aus den Haupt-Motiven abgeleitete oder\nauch lrei eintretende Gänge und Passagen bilden, in der\nRegel wiederum vollständig ausgebildete Melodieen treten,\nso dass er einen Kranz von schönen Melodieen windet,\nwo man sonst musicalische Wendungen zu hören gewohnt\nwar.\"\n„Es waren zwei wesentliche Vortheile gewonnen.\nDurch dieses scharfe Nebeneinanderstellen der ausgebilde-\nten Melodieen war die musicalische Phrase, die nur ver-\nmittelnde Wendung, das blosse Spiel mit Figuren, um vor-\nwärts zu kommen, ausgeschlossen oder doch sehr beschränkt.\nDergleichen ist bei Mozart überhaupt verhältnissmässig sehr\nselten, Figuren und Passagen pflegt er meistens nur zum\nOrnament zu gebrauchen, das einen bestimmten festen\nKern umschlingt und verziert, aber nicht als selbstständige\nGlieder des Ganzen; und wo blosse Uebergangsformeln un-\nerlässlich schienen, wendet er sie meistens ohne viel Um-\nstände an, wie in der Architektur die Stütze als künstleri-\nsches Motiv so angewandt wird, dass ihre constructionelle\nBedeutung klar heraustritt. Dahin gehört z. B. die nach-\ndrückliche und breite Behandlung der Schlüsse und Halb-\nschlüsse, welche jetzt so auffallend sind, dass sie Manchen\nals specifische Eigenthümlichkeit des Mozart'schen Stils er-\nscheinen. Das sind sie nun zwar nicht; sie waren damals\nallgemein und gingen aus dem Bedürfniss, fest und be-\nstimmt in der Tonart gehalten zu werden, hervor, welches\nsich in jener Zeit entschieden geltend machte. Dass man\nin dieser Beziehung freier geworden ist und an die Stelle\neines derben Gemeinplatzes mannigfach reizende und span-\nnende Uebergangs-Wendungen zu setzen gelernt hat, ist\nein unzweifelhafter Fortschritt; dass es aber auch Mozart\nan feinen und interessanten Wendungen nicht fehlt, davon\nkann man sich überzeugen, wenn man seine Rückgänge\nzum Thema im zweiten Theile und z. B. nur den Reich-\nthum beobachtet, zu welchem die einfache Grundform des\nOrgelpunktes in den schönsten und reizendsten Anwendun-\ngen ausgebildet erscheint.\n„Der zweite Vortheil war die übersichtliche Klarheit\nder Anlage eines musicalischen Satzes, welche wie in einem\narchitektonischen Grundriss fasslich erscheint, und die im\nGrossen wie im Kleinen einer der unveräusserlichen Vor-\nzüge Mozart'scher Kunst ist. Es waren dadurch die Haupt-\npunkte einer durchgebildeten Gliederung fixirt, welche, an\nsich nothwendig und dem Zweck genügend, wiederum die\nStützpunkte für eine reiche Ausführung werden konnten,\nund ehe eine solche detaillirte Durchbildung möglich war,\nmusste das einfache Schema klar und sicher hingestellt\nwerden. Mozart selbst hat den Gehalt der von ihm so\nbegründeten Darstellungsform keineswegs erschöpft; An-\ndere haben nur das nachgeahmt, was er selbst gemacht\nhatte; Beethoven hat die geistige Erbschaft angetreten\nund gezeigt, welche Tiefe und Fülle dieselbe in sich barg,\nund wie Staunenswerth er auch mit diesem Pfunde gewu-\nchert hat, so sind doch noch keineswegs alle Keime voll-\nständig entwickelt. Unsere Zeit, deren Erfindung und Ge-\nschick überwiegend in interessanten und feinen Ueber-\ngangs-Formen und in einem consequenten Ausspinnen\nkleiner Motive, die nur auf einen untergeordneten Platz in\neinem grossen Ganzen Anspruch haben, zu Tage tritt, ist\nvor Allem darauf hinzuweisen, dass ausgebil-\ndete, fest gegliederte Melodieen die Grund-Ele-\nmente einer Composition sein sollen.\n„In der Wahl und Anordnung derselben, so dass eine\ndie andere in der verschiedensten Weise hebt, zeigt sich\ndurchgehends Mozart's feiner Sinn. Besonders weiss er da,\nwo man es am wenigsten erwartet, durch eine neue Me-\nlodie von besonderer Schönheit zu überraschen, z. B. wenn\nunmittelbar nach dem ersten Thema, welches eine gewisse\nBefriedigung zu bringen pllegt, ein ganz verschiedenes Mo-\ntiv auftritt. Vor Allem aber erreicht er dadurch eine un-\nnachahmliche Wirkung, dass er, wenn Alles zum Schlüsse\ndrängt, eine mit allem Reiz der Frische und Süssigkeit avis-\ngestattete Melodie hervortreten lässt, welche nicht allein\ndas Interesse wieder erregt, sondern dem Ganzen eine neue\nWendung gibt. Um nur ein schlagendes und Allen bekann-\ntes Beispiel zu wählen, erinnere ich an den ersten Satz der\nWer hat sich nicht mit einer stets sich er-\nneuernden Ueberraschung durch die zuletzt eintretende\nMelodie entzücken lassen, die wie ein glänzendes Meteor\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5598, "texte": "eine Fülle von Licht und Heiterkeit ausstrahlt? Aehnliche,\nwenngleich nicht überall so glänzende, Effecte sind auch\nsonst nicht selten; sie sind von keinem Anderen erreicht,\nkaum versucht worden. Dagegen ist nicht zu verkennen,\ndass die Vorliebe, mit welcher Mozart den Schluss und\neinige andere, sonst weniger hervortretende Punkte ins\nLicht stellt, dem eigentlichen so genannten zweiten Thema\nSchaden gebracht hat; dies ist gewöhnlich die schwächste\nStelle. Das rührt vielleicht zum Theil davon her, dass es\nim Gegensatz zum Haupt-Thema einen zarteren, leichteren\nCharakter haben soll; allein häufig ist es im Verhältniss\nzu den übrigen Motiven nicht bedeutend genug und macht\nmitunter wohl gar den Eindruck, als sei es vernachlässigt.\n„Die weitere Fortbildung des so gewonnenen Grund-\nSchemas konnte nun nicht etwa dadurch geschehen, dass\nzwischen den Hauptgliedern nur äusserlich verbindende\nPhrasen eingeschoben wurden, sondern durch eine Ent-\nwicklung des in ihnen liegenden Gehalts mittels themati-\nscher Behandlung. Wir haben schon oben gesehen, in wel-\ncher Weise Mozart durch das Studium Bach's und Ilän-\ndei's auf diesen Weg geleitet wurde, und in späteren Cia-\nviersachen tritt diese Richtung sehr bestimmt hervor. Es\nerscheint aber nicht als die Rückkehr zur gebundenen\nSchreibart in gewissen strengen Formen, wie des Canons\nund der Fuge, sondern als die freie Ausbildung der allge-\nmeinen Gesetze, durch welche das Wesen der polyphonen\nDarstellung und der contrapunktischen Form überhaupt\nbedingt ist. Die Instrumental-Musik und ganz besonders die\nCiaviermusik war, nachdem sie sich von der Fessel der\nstrengen Form befreit hatte, in der Gefahr, einseitig die\nRichtung der homophonen Darstellung zu verfolgen und\ndadurch zu verllachen. Es ist ein Verdienst Mozart's, die\npolyphone und thematische Behandlungsweise in den Mo-\ndifikationen, welche der veränderte Charakter der Auffas-\nsung und Darstellung überhaupt und die Natur der Instru-\nmente erheischte, in freien und schönen Formen zur Gel-\ntung gebracht zu haben. Dies tritt, wie es in der Natur\nder Sache liegt, ganz vorzugsweise in den Durchführungs-\nsätzen hervor, auf die nothvvendig das Hauptgewicht fallen\nmusste, und welche durch diese Behandlung erst zu ihrer\nwahren Bedeutung gelangen konnten. Obgleich Mozart\nihnen die Ausdehnung und mächtige Ausführung nicht ge-\ngeben hat, zu welcher sie durch Beethoven entwickelt sind,\nso erscheinen sie bei ihm selbst da, wo sie in knapper\nAusführung noch wesentlich als ein Uebergang auftreten\nschon als der Culrninationspunkt des ganzen Satzes, in\nwelchem die bewegenden Kräfte desselben sich zu einer re-\ngeren Thätigkeit concentriren. Die Art der Behandlung ist\nfrei, wie die Wahl der Motive, welche hier zur Geltung\ngebracht werden; aber fast immer ist es wesentlich eine\nthematische Bearbeitung, oft eine sehr kunstreich ange-\nlegte und verschlungene, auf welcher die Wirkung beruht.\nGegen diese tritt nun das harmonische Element keineswegs\nzurück—die kühnsten und originellsten Modulationen pfle-\ngen bekanntlich besonders an dieser Stelle zu erscheinen\n—; bei genauerer Untersuchung wird man aber wahrneh-\nmen, dass das eigentlich belebende Element das themati-\nsirende ist, und dass die gestaltenden Impulse von dieser\nSeite kommen. So entwickelt sich ein frisch belebtes Trei-\nben, und wenn auch nicht immer eine überwältigende Ka-\ntastrophe eintritt, so wird doch ein Knoten geschürzt, auf\ndessen Lösung man gespannt wird, die dann jedesmal mit\nwohlthuender Sicherheit und Leichtigkeit erfolgt.\"\n„Dem langsamen Satz liegt in der Regel das Lied\nzum Grunde, er ist daher oft seiner ersten Anlage nach\nzweilheilig, aber nur ausnahmsweise hat diese Anlage eine\nähnliche breite und reiche Entwicklung erhallen, wie sie\nim ersten Satze zur Regel geworden ist; die ein- oder\nmehrmalige Wiederholung des Grund-Thema's, welche\nnach damaliger Sitte nicht leicht ohne Ausschmückungen\nund Verzierungen geschah, führte leicht zu variationen-\nartiger Behandlung. In jedem Falle war hier die Erfindung\neines dem Gehalt wie der Form nach bedeutenden melo-\n\\ >■\ndiösen Satzes, der nicht bloss als Motiv durch die Bearbei-\ntung, nicht durch die Verbindung mit anderen erst seine\neigentliche Geltung erlangen sollte, sondern an und für\nsich der Stimmung den vollen und befriedigenden Ausdruck\ngab, das erste Erforderniss. Es ist schon darauf hingewie-\nsen (1., S. 557), wie die Richtung der Empfindung jener\nZeit die Ausbildung gerade solcher Sätze begünstigte, die\nunzweifelhaft auch bei Mozart zu seinen schönsten Schö-\npfungen gehören. einfachen und ausdrucksvollen,\nschön gegliederten und fest geführten Melodieen, die wie\nin einem langen, vollen Athemzuge ausklingen, voll war-\nmer und tiefer Empfindung ohne sentimentale Weichlich-\nkeit, scheinen ein glückliches Erbtheil jener Zeit, die auch\ndie reinsten Klänge unserer lyrischen Poesie hervorbrachte.\nIn der Ruhe, welche sie meistens durchdringt, spricht sich\nder Genuss und die Befriedigung des künstlerischen Schaf-\nfens in seltener Weise aus; auch an der mühelosen und\nleichten Weise, wie durch theilvveise Ausführung der\nGrundgedanken, durch Variation derselben, durch frei ein-\ngeführte, oft contrastirende Nebentheile, diese Sätze aus-\ngebaut werden, ohne aus der einmal angeschlagenen Grund-\nstimmung herauszutreten, spürt man, wie natürlich und\nfrei diese Weise des Ausdrucks aus der musicalischen Em-\npfindung hervordrang, um sieh zu solcher Höhe emporzu-\nschwingen. Ohne auf Details der Ausführung hier einzu-\ngehen, mag nur noch auf die Feinheit und Anmuth hin-\ngewiesen werden, mit welcher Mozart auch hier den Schluss"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 134, "texte": "vorzubereiten und dann so auszuführen weiss, dass er den\nHörer in einem fortlaufenden Zuge der völligen Befriedi-\ngung entgegenführt.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-01-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-01-01_01#c003", "volume": "bmtnabi_1860-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "5", "page_fin": "7", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.2.3", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.5", "debut_caractere": 136, "fin_caractere_exclue": 5287, "texte": "Berliner Briefe.\nI.\n[Die königliche Oper. Auber's „Maskenball\"; Offenbach' s\n„Mädchen von Elizondo\". Concerte: die königliche Capelle\n(Schumann); die Sing-Akademie (Weihnachts-Oratorium von J. Seb.\nBach); Stern's Gesang-Verein (Mendelssohn-Feier); der\nkönigliche Dom-Chor.]\nDen 20. December 1859.\nIn meinem vorigen Briefe gab ich Ihnen Nachricht\nvon verschiedenen Personal-Veränderungen, die an der kö-\nniglichen Oper eingetreten sind; die jungen Kräfte werden\nnun bald hier, bald da versucht, so dass in der Art, wie\nwir das Alte sehen, Manches neu geworden ist; da aber\nkeine der vorgekommenen Leistungen sich durch einen\nhohen Grad von Vollkommenheit oder auch nur durch eine\nganz besondere Eigenthümlichkeit auszeichnete, so liegt\nkein Grund vor, darüber nach auswärts zu berichten. Es\nsind Talente, theilweise recht schätzenswerth, aber, mit\nAusnahme etwa des Tenors Woworsky, gewöhnlichen\nHanges, die ihre hiesige Stellung nur ihrer Stimme, an-\nstatt ihrer Gesangs-Technik, am allerwenigsten aber ihrer\ngeistigen Bedeutung verdanken. Es ist eine traurige Bemer-\nkung, die sich einem im Laufe der Jahre aufdrängt, dass\nunsere Sänger nicht nur in der Kunst, ihre Stimme schul-\ngerecht zu behandeln und einen edeln, freien, gleichmässig\nansprechenden Ton zu erzeugen, immer mehr Rückschritte\nmachen, sondern dass sie auch in Bezug auf das geistige\nErfassen ihrer Aufgaben immer stumpfer, matter und\nschläfriger werden. Frau Köster gilt im Allgemeinen nicht\nals eine Sängerin von besonderer Lebendigkeit des Vor-\ntrags und Tiefe des Gefühls, sondern sie hat mehr den Ruf\neiner fein verständigen Künstlerin, die sich in engen Grän-\nzen mit Geschmack und Sicherheit bewegt; und doch wüss-\nten wir von all den jungen Sängerinnen, die im Laufe der\nletzten Jahre bei uns Revue passirt haben, keine einzige zu\nnennen, die ihr auch jemals in dramatischer Wärme des\nAusdrucks annähernd gleichzukommen verspräche. Solcher\nSänger freilich, die, wie Steger, den Ausdruck bis zur un-\nsinnigsten Verzerrung treiben, mag es genug geben; und\nbesser als diese sind freilich noch immer die Langweiligen,\nwenn sie correct und wohlklingend singen. Aber es ist doch\nbedenklich, wenn man mit der Zeit sich an so bescheidene\nAnsprüche gewöhnen muss, dass man mit einer leidlich\ncorrecten Ausführung schon zufrieden ist. Was gegenwär-\ntig unsere Oper Gutes leistet, beruht fast ausschliesslich\nauf den älteren Kräften; die jüngeren versprechen nicht\nviel, weil es überwiegend Stimmen ohne Geist sind. Uass\ndas Streben bei unserer Oper das beste ist, beweis't der\nUmstand, dass man trotz wiederholter schlechter Erfahrun-\ngen noch immer nicht davon absteht, Werke wie die Ar-\nmide, Idomeneo, Cosi fan die das grössere Pu-\nblicum langweilig findet, auf das Repertoire zu bringen;\naber wenn das Publicum nichts weiter als todte Noten hört,\nso ist ihm seine Abneigung auch nicht zu verargen. Bei\nden eben genannten Werken war nun freilich die Ausfüh-\nrung im Ganzen recht gut; hin und wieder haben wir aber\nauch Partieen älterer Opern, z. B. den Amor in Gluck s\nOrpheus, in einer erschreckend geistlosen Weise singen\nhören, und zwar von einer unserer beliebtesten Sängerin-\nnen, die eine bezaubernd schöne Stimme und für manche\nAufgaben auch eine gewisse Innigkeit des Gefühls besitzt,\ndabei aber in einem so kleinen Kreise von Gefühlen und\nStimmungen zu Hause zu sein scheint, dass an eine künst-\nlerische Bedeutung doch nicht zu denken ist.\nEtwas Neues ist an der k. Oper nicht zur Aullührung\ngekommen. Der Versuch, den „Maskenball\" von Auber\nals Ausstattungs-Oper auf das Repertoire zu bringen, miss-\nglückte. Man wollte die Handlung langweilig, die Melodieen\nabgeschmackt finden; die Hauptsache war aber auch hier,\ndass das Werk ausschliesslich auf den jüngeren Kräften\nruhte, die nicht im Stande waren, auch nur einiges Leben\nin ihre Rollen zu bringen. König Gustav (nach der hiesigen\nVersion Herzog Olaf) sang schläfrig, unsicher und schwer-\nfällig; der Page, die für den Erfolg fast wichtigste Partie\nder Oper, war unrein, schleppend und ohne Grazie; Me-\nlanie und Ankarström, die etwas besser waren, konnten\ndas Werk nicht mehr halten. Eigentlich neu war nur\neine kleine Operette von Offenbach: „Das Mädchen\nvon Elizondo\", wie wir hören, eine seiner frühesten,\ndie denn auch zwar ganz dasselbe leicht gestaltende melo-\ndische Talent und dieselbe geschmackvolle Factur verräth,\nwie z. B. die Hochzeit bei Laternenschein, doch aber, in-\nnerhalb dieses Genre's betrachtet, etwas einlacher und fast\ndürftiger ist. Sehr ansprechend sind einige Ensemblesätze;\nin den Arioso's reichen indess die spanischen Anklänge\nnicht immer aus, um den Reiz der Originalität hervorzu-\nbringen. Gar zu einfach ist der Text, und nur das ausge-\nzeichnete Spiel französischer Sänger dürfte im Stande sein,\ndie plumpen Witze des Fagott blasenden unglücklichen\nLiebhabersund Wirthshaus-Besitzers erträglich zu machen.\nIm Opernhause ist übrigens ein durchgreifender Erfolg der\nBoujfes Parisienskaum zu erwarten; in diesen Räumen\nverlangt man Anderes, nnd nur der Umstand, dass wir in\ndiesem Augenblicke, trotz der halben Million Mengchen,\ndie in Berlin leben, ausser der königlichen keine andere"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5554, "texte": "Oper haben, vermag den Versuch, den die königliche Bühne\ndamit machte, zu rechtfertigen.\nIn unserer Concertmusik stehen die Concerte der\nköniglichen Capelle, des Dom-Chors, der Sing-Akademie\nund des Stern'schen Vereins in erster Reihe. Beginnen wir\ndaher mit diesen. Die königliche Capelle hat bis jetzt\nvier Concerte gegeben und darin nichts Neues zur Auf-\nführung gebracht. Und dennoch wenigstens in diesen\nConcerten und in diesen Räumen kann die i?-c^r-Sinfonie\nvon Schumann, da dieselbe, vor vielen Jahren einmal zur\nAufführung gebracht, durchfiel und seitdem entfernt blieb,\nals neu gelten. Ihr damaliges Missgeschick ist in der That\nschwer zu erklären. Denn wenn es auch keinem Vernünf-\ntigen einfallen wird, sie einer Beethoven'schen Sinfonie an\ndie Seite zu stellen, so ist sie doch ein nicht nur sehr ach-\ntungswerthes, sondern auch vielfach fesselndes, originelles\nWerk. Besser gefiel sie schon vor einigen Jahren in den\nStern'schen Orchester-Concerten. Diesmal wurde sie mit\nentschiedenem Beifall aufgenommen. Der Geschmack des\nPublicums hat also eine kleine Umwandlung doch erfah-\nren, und die Zukunftsmusiker mögen daran die Hoffnung\nknüpfen, dass auch einmal ihr Weizen blüht. Und warum\nsollte er nicht? Eben so gut, wie das Publicum einmal zu\nrigoros sein kann, kann es ein anderes Mal in zerfahrener\nHaltungslosigkeit dem Ersten, Besten seinen Beifall schen-\nken. Auf die vorübergehenden Meinungs-Aeusserungen der\ngrossen Masse der Musiklustigen ist nicht viel zu geben;\nnicht die erste, beste, sondern die sich in langen Zeiträumen\nbewährende Vox populi ist eine VoxDei.—Bei dieser Ge-\nlegenheit mag überhaupt bemerkt werden, dass man jetzt\nin Berlin Schumann fleissiger cultivirt und vielfach sogar\nzu überschätzen anfängt. Es schadet aber nichts, wenn man\nihm eine Zeit lang besondere Aufmerksamkeit zuwendet\nund ihn nach allen Seiten gründlich kennen zu lernen sucht.\nDie Zeit selbst bringt alle solche Ausschreitungen wieder\nin das Gleiche. Es würde selbst kein Unglück sein, wenn\nLiszt's symphonische Dichtungen sämmtlich zur Aufführung\ngelangten; denn wenn auch Niemandem zu rathen wäre,\ndass er viel Zeit auf die Kenntniss derselben verwende, so\nist es doch nicht weise gehandelt, Krankheiten und Verir-\nrungen, wenn sie einmal factisch vorhanden sind, zu igno-\nriren. Das Erscheinen solcher Werke, wie Liszt's sympho-\nnische Dichtungen es sind, hat in der Geschichte des Vir-\ntuosenthums, wie mir scheint, seine tiefe Begründung; sie\nsind, wenn auch kein schönes, so doch ein nothwendiges\nErzeugniss; um den seltsamen Entwicklungs-Process, in\ndem sich jetzt die Musik befindet, zu überwinden, müssen\nwir ihn erst sich vollenden lassen.—Von den Werken, die\nausser Schumann's _Z?-c?wr-Sinfonie in den Concerten der\nk. Capelle zur Aufführung kamen, wäre noch eine Spohr'-\nsehe Sinfonie (D-moll) zu erwähnen: eine Gedächtnissfeier\nfür den edlen Verblichenen. Das Publicum nahm dieselbe\nkühl auf.\nDie Sing-Akademie brachte den Messias und das\nWeihnachts-Oratorium von Seb. Bach zur Aufführung.\nDie Freunde Bach's vermissen an diesem Werke die Tiefe,\ndie sich in seinen Passions-Musiken ausspricht, und die zu\neiner Weihnachts-Musik auch nicht gepasst haben würde.\nNun sollte man aber meinen: erstens, dass die einsichtige-\nren Hörer es von selbst erkennen müssten, dass eine Weih-\nnachts-Musik vor Allem klar und heiter sein soll; dass sie\njene dunklen Schatten der Klage und Zerknirschung, jene\nleidenschaftlichen Lichter, die bei der Darstellung der Pas-\nsion an rechter Stelle sind, nicht verträgt; zweitens, dass\neben diese Eigenthümlichkeit des Weihnachts-Oratoriums,\ndie ihm etwas Melodiöses, Mildes, leicht Fassliches gibt,\ndie Zahl der Freunde Bach's vermehren müsste. Beides\nhat sich bis jetzt nicht bewährt. Von jener wunderbaren\nObjectivität, die Bach bewies, indem er die Weihnachts-\nmusik ganz anders componirte, als die Passions-Musik, hat\nunser Publicum nicht die leiseste Regung. Es ist allerdings\nein Uebelstand, dass man Jahre lang bei uns von Bach fast\nnichts als seine Matthäus-Passion gekannt und dadurch eine\neinseitige Vorstellung von ihm gewonnen hat, die jetzt das\nunbefangene Aufnehmen seiner anderartigen Schöpfungen\nerschwert. Man sucht nun immer nach Tiefsinnigem, Schwie-\nrigem und übersieht darüber die Schönheiten, die auf der\nOberfläche liegen, die Lieblichkeit und Frische der Melo-\ndieen, die Aninuth und Leichtigkeit der Gestaltung.—Das\nganze Weihnachts-Oratorium kann an Einem Abende nicht\ngegeben werden. Es werden daher bei der hiesigen Auf-\nführung viele Arien weggelassen, darunter einige der schön-\nsten, z. B. die drei Tenor-Arien, die wohl zu den herrlich-\nsten gehören, welche Bach überhaupt geschrieben hat.\nDer Stern'sche Gesang-Verein führte am Todes-\ntage Mendelssohn's zwei seiner Psalmen—darunter den ur-\nsprünglich für den Dom-Chor a capella geschriebenen:\n„Warum toben die Heiden\", der in der kürzesten, ge-\ndrängtesten Form die bedeutendsten Motive enthält—und\ndie Walpurgisnacht auf, dasjenige Werk, in dem die ver-\nschiedensten Richtungen des Mendelssohn'schen Geistes ver-\neint zur Erscheinung kommen: die zarte Innigkeit eines\nweich sich anschmiegenden Gemüthes, der Sinn für das\nWeihevolle, Feierliche und die phantastische, in bunter\nFarbenpracht schillernde Romantik. Und was diesem ro-\nmantischen Elemente, das allerdings vor den anderen vor-\nzugsweise hervortritt, einen besonderen Werth gibt, ist der\nUmstand, dass es nicht ernsthaft, sondern als eine Art Mas-\nkenscherz genommen wird. Mendelssohn hatte den feinen\nTact, den nicht alle Künstler haben—den aber z. B. auch"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1154, "texte": "Shakespeare, Göthe, Mozart hatten —, das phantastische\nElement, wenn sie es mit benutzten, leicht und humoristisch\nzu behandeln.\nDer k. Dom-Chor, den gegenwärtig, da der Musik-\nDirector Neithardt erkrankt ist, der Musik-Director v.\nHertzberg leitet, hat die Reihe seiner Abonnements-Con-\ncerte ebenfalls begonnen. Es kamen zur Aufführung: ein\nBenedixisti von Gabrieli, ein I (für Männer-\nstimmen) von Händel, 0 magnurn mysterium von Scarlatti,\nMisericordias von Durante, Bach's Motette: „Komm, Jesu,\nkomm\", ein Satz von Spohr: „Selig sind die Todten\" (für\nMännerstimmen), ein Adoramm von Reissiger und ein li-\nturgischer Satz („Und Friede auf Erden\") von 0. Nicolai.\nAm schönsten klangen die dem italiänischen Stil angehöri-\ngen Stücke. In der Bach'schen Motette kommen Stellen\nvor, die, so schön sie gedacht sind, doch kaum sich zu einer\nentsprechenden Klangwirkung bringen lassen. Es gehört\nwenigstens eine so virtuosenhafte Behandlung der Stimme\ndazu, eine so ausgebildete Kunst, alles Materielle aus der\nStimme zu entfernen, dass bei Knaben, ja, überhaupt bei\nstark besetzten Chören an eine der Idee angemessene Aus-\nführung schwerlich zu denken ist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-01-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-01-01_01#c004", "volume": "bmtnabi_1860-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "7", "page_fin": "8", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.2.4", "titre_corps": "Aus Arnheim.", "titre_sommaire": "Aus Arnheim.", "signature_source": "Z", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.7", "debut_caractere": 1156, "fin_caractere_exclue": 5114, "texte": "Aus Arnheim.\n\nDen 25. Deceraber 1859.\nVor einigen Jahren hat sich hier ein Künstler-Verein\ngebildet unter dem Sinnspruche: „Verschiedenheit und\nL'ebereinstimmung\". Dieser Verein hat sich vorgenommen,\nwährend dieses Winters drei Kunst-Abende zu veranstal-\nten. Der erste, der schon Statt gefunden hat, war der Mu-\nsik gewidmet; der zweite soll der Literatur geweiht wer-\nden, und der dritte der Malerei und Zeichenkunst. Ueber\ndas Concert, welches Montag den 19. December d. J.\ngegeben worden ist, erlaube ich mir, Ihnen zu berichten.\nAls Sängerin trat auf die Frau Rosa de Vries van Os,\neine Holländerin, jetzt als erste italiänische Sängerin an\nder Bühne zu Amsterdam engagirt. Sie ist eine ausgezeich-\nnete Künstlerin, besitzt eine sehr umfangreiche und beson-\nders durch die reine Höhe ausgezeichnete Stimme und eine\nausserordentliche Bravour. Grosser Beifall und Fanfaren\nwurden ihr verdienter Weise zu Theil. Zweitens entzückte\nuns Herr Ferdinand Laub durch sein bezauberndes\nSpiel. Er wurde allgemein bewundert sowohl wegen seines\nherrlichen Tones und schönen Vortrages, als wegen seiner\neminenten Fertigkeit. Der Ruf dieser beiden Künstler ist\nhinlänglich bekannt und begründet, und es hätte meines\nBerichtes nicht bedurft, um ihn zu vermehren, wenn nicht\neine Ungerechtigkeit gut zu machen wäre, deren sich\nholländische Blätter bei dieser Gelegenheit schuldig gemacht\nhaben gegen einen deutschen Componisten und gegen einen\ndeutschen Musiker.\nIn jenen Blättern wurden nämlich die Genannten mit\nRecht gepriesen, aber von Herrn E. Kretzschmar, Zög-\nling des leipziger Conservatoriums, der die Clavier-Partie\nvom Quintett von Schumann vorgetragen hat, ist so cut\nwie nichts erwähnt worden, obgleich er mit grosser Fer-\ntigkeit, Reinheit und ausgezeichnetem Vortrage gespielt\nhat. Sollte das Zusammenspiel vielleicht weniger gelungen\ngewesen sein, so lag es an der Begleitung. In welchen\nHänden aber auch bei uns leider nur allzu häufig die Kri-\ntik ist, mögen Sie daraus ersehen, dass die Herren ltecen-\nsenten von „einem Quintett von Schumann\" wie von einem\nunbekannten und unbedeutenden Musikstücke und von\n„einer unglücklichen Wahl\" reden; ja, Einer dieser gros-\nsen Kenner bezeichnet das Werk aber richtiger sich\nselbst und seine Berechtigung zum Urtheil—als ein „Quin-\ntett für Violine, Violoncell und Pianoforte\", wonach er\ndie Viola ignorirt und die Piano-Partie wahrscheinlich als\nFüllstimme ansieht! Da fällt einem wahrhaftig, wenn man\ndiese vortreffliche Composition mit solchen Recensionen\nvergleicht, das Sprüchwort von der Perle und gewissen\nanderen Geschöpfen des Naturreiches ein.\nUebrigens ist eine solche Verkennung eines der vor-\nzüglichsten Werke Schumann's um so auffallender, als in\nanderen Städten Hollands die Schumann'schen Composi-\ntionen zahlreiche Freunde haben und in Concerten fast\nöfter aufgeführt werden, als bei Ihnen in Deutschland.\nJeder erinnert sich noch der Kunstreise, die vor einisen\no\nJahren der zu früh dahingeschiedene Künstler mit seiner\nGattin durch Holland gemacht hat, die sich für das hoch-\nbegabte Paar zu einem wahren Triumphzuge gestaltete.\nEs gab eine Zeit, wo die Concert-Programme in Amster-\ndam, Haag, Rotterdam u. s. w. den YVerken Schumann's\nfast zu viel Platz einräumten. Wenn diese Bevorzugung\no D\neben so gut einseitig werden konnte, wie die Ausschlies-\nsung, und desshalb auch nachgelassen hat, so zählt doch\nSchumann's Muse unter den Musikfreunden in Holland so\nzahlreiche und verständige Bewunderer, dass das Geschwätz\neiniger so genannten Recensenten durchaus nicht als ein\nAusdruck der allgemeinen Stimme angesehen werden darf.\nEiner solchen irrigen Ansicht entgegen zu treten, war der\nHauptzweck dieser Zeilen.\nHerr Laub spielte dasConcert von Beethoven, Ernst's\nPhantasie über Motive aus Othello und die von\nVieuxtemps. Mevrouw de Vlies van Os sang eine Arie aus\nder Lucrezia Borgia (nCome eine\nzweite aus der Semiramis von Rossini und\nEckert's Schweizerlied mit dem Echo. Die Orchester-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 211, "texte": "Sachen, C. M. v. Weber's Jubel-Ouverture und eine Ouver-\ntüre: „Ueber die Berge\", von unserem Musik-Director\nMarx eröffneten die zwei Abtheilungen desConcertes; ihre\nAusführung war aber ziemlich mittelmässig.\n\nZ"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-01-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-01-01_01#c005", "volume": "bmtnabi_1860-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "8", "page_fin": "8", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.8", "debut_caractere": 213, "fin_caractere_exclue": 3435, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDer Hof-Capellmeister W. Taubert in Berlin feierte am 30.\nNovember v. J. seine silberne Hochzeit; zahlreiche Beglückwün-\nschungen und Geschenke, darunter eine noch ungedruckte autogra-\nphische Composition Mozart's in einem Prachtbande, von den Sän-\ngerinnen Frau Köster und Frau Jachmann Wagner dargebracht, er-\nfreuten den Jubilar.\nIn Berlin ist am 13. December v. J. Albert Lortzing, acht\nJahre nach seinem Tode, auf dem Sophien-Kirchhofe ein Grab-Denk-\nmal aufgestellt worden.\nDie Sängerin Fräulein Büry hat sich von der Bühne zurückge-\nzogen und ertheilt Gesang-Unterricht in Berlin.\nSchindelmeisser in Darmstadt hat die Musik zu einem Ballet\nvollendet, dessen Darstellung in nächster Zeit zu erwarten steht.\nDer Pianist Mortier de Fontaine, der lange Zeit in Russ-\nland gewesen, hat im achten Gewandhaus-Concerte in Leipzig mit\nBeifall gespielt.\nIn den ersten Wochen des Januar wird in Dresden Meyer-\nbeer' s ~Wallfahrt nach Plo§rmel\" zur Aufführung kommen. Der\nComponist soll die Zusage gegeben haben, bei den letzten Proben\nselbst zugegen zu sein. Auch in Wien ist die Rede von der Auf-\nführung derselben Oper. Wir sind begierig, wie sich die kritischen\nOrgane daselbst über das neue Werk äussern werden. In den ge-\nnannten beiden deutschen Hauptstädten leben musicalisch und ästhe-\ntisch durchgebildete Männer genug, die im Stande sind, sieh ein\nUrtheil zu bilden; wir hoffen zur Ehre der deutschen Tonkunst, dass\nsie es auch unumwunden aussprechen werden.\nStuttfgSMrf« Am 21. December v. J. ist Meyerbeer's „Wall-\nfahrt nach Ploermel\" hier aufgeführt worden. Frau Marlow sang\ndie Dinorah. Der Componist war zugegen und wurde gerufen.\nAm 12. December v. J. fand im Burgtheater die erste\nAufführung von MosenthaTs neuestem Stücke: „Düweke\",\nDrama in fünf Aufzügen, Statt und erlebte einen entschiedenen\nDurchfall. Nicht das ~Verbot'4 der ferneren Aufführungen, sondern\nder Mangel an allem poetischen Gehalt, an tieferer Charakteristik,\nan Bühnenwirkung, selbst an geschickter Mache hat das Werk be-\ngraben. Gegenstand des Drama's ist das schöne Mädchen aus Hol-\nland, das „Düweke\" (Täubchen), die Geliebte des grimmen Königs\nChristian 11. von Dänemark.\nDas neue Theater, zu dessen Erbauung Herr Karl\nbereits die Concession erhalten hatte, wird auf den Platz der alten\nGonzaga-Bastei kommen. Die Lust zu Theaterbauten wird immer\nlebhafter, und nebst den Herren Treumann und llofFmann beabsich-\ntigt auch Herr Pokoruy in Gesellschaft mit einem Capitalisten den\nBau des achten Theaters in Wien. Die Concession der Fünf hauser\nArena würde, wenn das Gerücht wahr spricht, auf das neue Thea-\nter, welches auf einen Stadterweiterungs-Grund zu stehen käme,\nübertragen, die Arena aber in einen Kunstreiter-Circus umgestaltet\nwerden. [Hier in Köln wäre uns wenn auch nur ein Theilchen die-\nser Theater-Baulust sehr willkommen.]\nDie Sing-Akademie gibt am 6. Jan. unter Herrn Stegmayer7»\nLeitung ihr zweites diesjähriges Concert. Das Programm bietet\nsehr Gediegenes und Interessantes: ein „Miserere\" von Allegri, einer\njener weltberühmten Gesänge der Sixtinischen Capelle in Rom, fer-\nner Einzelnes aus der Matthäus-Passion von J. S. Bach, Chöre von\nMendelssohn, Schumann, Karl Löwe und Anderen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nnW. A. Mozart. Von Otto Jahn. Vierter Theil. I. Berliner Briefe (Die k. Oper, Aubers „Maskenball' Offe-\n• \\ X. 7 II 1\nbach s „Mädchen von Elizondo\". Concerte: die k. Capelle, die Sing-Akademie, Stern's Gesang-Verein, der k. Dom-Chor). Aus Arn-\nheim (Künstler-Verein). Von z . Tages- und Unterhaltungsblatt (Berlin, Hof-Capellmeister W. Taubert, Grab-Denkmal für\nAlbert Lortzing Fräul. Büry Schindelmeisser Dresden Stuttgart Wien).\n\nW. A. Mozart.\nVon Otto Jahn.\nVierter Theil.\nI.\nWir wüssten nicht, womit wir den neuen Jahrgang\nder Niederrheinischen Musik-Zeitung würdiger eröffnen\nkönnten, als mit der Anzeige der Erscheinung des vierten\nTheiles einer Künstler-Biographie, die in der Literatur\naller gebildeten Völker ihres Gleichen vergebens sucht. Mit\ndiesem vierten Theile hat Otto Jahn den Schlussstein in\ndas Denkmal eingefügt, das er dem grössten Musiker aller\nZeiten aufgeführt hat, ein Denkmal, das nicht nur wie ein\nBildwerk ehrt, erinnert und vergegenwärtigt, sondern Geist\nund Leben athmet auf jedem Blatte, und die Pforten er-\nschliesst, durch die man zur Erkenntniss der Tiefen des\nGenius eingeht. Wohl ist das Werk auch ein Denkmal\njenes ernsten Fleisses, welcher dem deutschen Gelehrten\neigentümlich ist; allein Fleiss und Arbeit, Gründlichkeit\nund Gewissenhaftigkeit der Forschung, so ausserordentlich\nverdienstlich sie auch sind, ihre unschätzbaren Ergebnisse\ngeben doch dem Verfasser nur eine theil weise Berechtigung\nauf die Anerkennung und Dankbarkeit der Zeitgenossen.\nWas dem Buche für den Musiker und den Kunstfreund\nden grössten Werth gibt, das ist nicht so sehr sein histo-\nrischer, als sein kritisch-ästhetischer Inhalt. Die Analvsen\nder Werke Mozart's eröffnen uns einen deutlichen Blick\nin die Werkstatt des Meisters, da der Verfasser so tief,\nwie es dem menschlichen Auge vergönnt ist, in das ge-\nheimnissvolle Schaffen des Genius eindringt, und uns dann\nwieder mit bewusster Klarheit, nicht mit phantastischer\nGefühlsschwärmerei, die vollendete Schönheit des fertigen\nKunstwerkes vor Augen stellt und ihre Wahrheit an der\nUebereinstimmung von Inhalt und Form misst und nach-\nweist. Es liegt ein Schatz von musicalisch-ästhetischem\nWissen in diesem Buche und besonders in diesem letzten\nTheile desselben, dessen Werth bei der Zerfahrenheit und\nOberflächlichkeit der gegenwärtigen Kunst-Philosophie gar\nnicht hoch genug angeschlagen werden kann. Möchte er\nnur auf alle mögliche Weise ausgebeutet werden das\nheisst im besten Sinne des Wortes —, um Gemeingut zu\nwerden in allen musicalischen Lehranstalten, in allen Krei-\nsen, wo die Tonkunst geliebt und geübt, und in allen, wo"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.2", "texte": "sie besprochen und beschwatzt wird! Ein wirksameres\nGegengift gegen die Betäubung des gesunden Sinnes für\ndas Musicalisch-Schöne, wie sie die jetzige Jugend zum\nTheil ergriffen hat, als Mozart's Musik und die Darstellung\nihres Wesens und der Ursachen ihrer besonderen Schön-\nheit als Bedingungen der musicalischen Schönheit über-\nhaupt, kann es nicht geben.\nWir können uns nicht enthalten, gleich hier, ehe wir\nden reichen Inhalt des vorliegenden vierten Theiles ver-\nzeichnen, zum Beweise des Gesagten aus dem ersten Ab-\nschnitt desselben (Viertes Buch. 12.), der von der Clavier-\nmusik Mozart's handelt, einige Hauptstellen mitzutheilen,\ndie sich auf die Sonate (zugleich Grundform der Sinfonie,\ndes Quartetts u. s. w.) beziehen.\n„Nachdem die contrapunktische Bearbeitung eines The-\nma's in streng geschlossener Form aufgegeben war, tritt\nin der Entwicklung der Sonate als der springende Punkt\ndie charakteristische Ausbildung bestimmter Motive gegen-\nüber dem freien Spiel mit Figuren und Passagen hervor,\nnamentlich neben dem Haupt-Thema ein selbstständig aus-\ngesprochenes, durch scharfe Abgränzung hervorgehobenes\nzweites Thema, das nach einer bald fixirten Regel in der\nDominante der — oder\nin der Parallele der (C-mott—Es-dur)\nauftritt. Dieses sind die beiden Hauptpfeiler des Satzes;\ndie weitere Ausführung derselben, ihre Verbindung durch\nZwischenglieder, der Abschluss des Theiles, wurden nicht\nweiter durch bestimmte Normen geregelt, als dass auch\nder Abschluss des Theiles in der Dominante erfolgte. An\ndie Stelle eines mehr oder weniger ausgeführten Ueber-\nganges in die Haupt-Tonart, um den ersten Theil zu wie-\nderholen, trat sodann der wichtige zweite Theil, die Durch-\nführung. Eines oder mehrere der im ersten Theile benutz-\nten, auch wohl ganz neue Motive werden einer bald vor-\nherrschend harmonischen, bald mehr thematischen Behand-\nlung unterworfen, welche, indem sie aus den im Früheren\nliegenden Keimen mit lebendig treibender Kraft Blüthe\nund Frucht herauswachsen lässt, das Interesse steigert und\nzugleich die Rückkehr zum ersten Theile organisch ver-\nmittelt; hier ist auch die künstlerische Kraft concentrirt,\nin der Durchführung und in der Rückkehr zum ersten\nThema bewährt sich vor Allem Genialität und Meister-\nschaft. Die Wiederholung des ersten Theiles geschieht un-\nter manchen Modificationen, die zum Theil schon dadurch\nbedingt werden, dass das zweite Thema nun in der Haupt-\nTonart erscheint, in welcher der Satz schliesst; ausserdem\nkönnen Veränderungeu in der Gruppirung der einzelnen\nElemente, Erweiterungen und Abkürzungen im Einzelnen,\ninsbesondere aber eine Verlängerung und Steigerung des\nAbschlusses angebracht werden, welche den wiederholten\nersten Theil nicht bloss der Ordnung, sondern auch der\nBedeutung nach als den dritten Theil erscheinen lassen.\n„Mozart fand diese Elemente und ihre Gliederung be-\nreits vor, allein er hat sie in einer seiner Natur entspre-\nchenden Weise fortgebildet und ausgeprägt. Das zweite\nThema, worauf es hier hauptsächlich ankommt, tritt bei\nihm nicht allein als ein selbstständiges auf, wie es denn\nauch stets sehr bestimmt angekündigt wird, sondern seinem\nganzen Charakter nach als ein Gegen-Thema dem Haupt-\nThema gegenüber, das als solches aus der Masse des gan-\nzen Theils in bemerkenswerther Weise hervorsticht. In\nder Bildung der Themen aber zeigt sich vorzüglich die Mo-\nzart'sche Eigentümlichkeit; ihr hervortretender Charakter\nist das Gesangmässige, in welchem Nägeli (Vorlesungen\nüber Musik, S. 156 ff.), einer einseitigen Ansicht vom freien\nTonspiel der Instrumental-Musik zufolge, Stil-Unfug und\nVerfall des Clavierspiels sah. Vielmehr hat Mozart das, was\nPh. E. Bach als die Aufgabe des Ciavierspielers und Com-\nponisten betrachtete (1.,5. 16) und Haydn von ihm über-\nnahm, gesangmässig zu schreiben, wesentlich gefördert.\nDabei ist es nicht ohne Bedeutung, dass Mozart's musica-\nlische Bildung vom Gesänge ausgegangen war, dass seine\nNeigung ihn zum Gesänge leitete—in höherem Grade, als\nes bei jenen Männern der Fall war. So wie der Clavier-\nComponist die polyphone Schreibweise aufgab, so wie es\nnicht mehr auf die Erfindung eines Thema's ankam, das\nin bestimmten Formen schulgerecht zu bearbeiten war,\nsondern auf freie Melodie, welche durch Schönheit und\nEbenmaass an sich der entsprechende Ausdruck der künst-\nlerischen Empfindung zu werden fähig war, musste der\nGesang der Ausgangspunkt für die Melodiebildung wer-\nden. Nicht als ob bestimmte, für den Gesang geschaffene\nFormen ohne Weiteres auf das Ciavier übertragen wer-\nden sollten; diese konnten dafür nur eine Analogie bilden,\ndie ihnen zu Grunde liegenden Gesetze mussten den in der\nNatur des Instrumentes liegenden Bedingungen gemäss an-\ngewandt werden. Daher finden wir in Mozart's Clavier-\nund Instrumental-Composition überhaupt nirgends die For-\nmen der italiänischen Cantilene angewandt; ein flüchtiger\nBlick auf seine italiänischen Opern wird die Verschieden-\nheit in der Behandlung der Melodie erweisen. Wo sich in\nden Instrumentalwerken Verwandtschaft mit Gesang-Com-\npositionen findet, weis't sie auf die deutsche Oper, nament-\nlich die Zauberflöte, hin, und dies ist sehr begreiflich. Denn\nMozart gab in seiner Instrumental-Musik seiner Empfindung\nden nächsten, natürlichen Ausdruck, ohne an irgend welche\nbestimmte Form, wie in der italiänischen Oper, gewiesen\nzu sein; als er in der deutschen Oper mit gleicher Freiheit\nden Gesang behandelte, konnte es nicht fehlen, dass die\nbereits ausgebildeten Formen der deutschen Instrumental-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.3", "texte": "Musik ihm vielfach Anhalt und Analogie darboten. Die all-\ngemeinen Bedingungen einer schönen Melodie, wie sie in\ndem einander gegenseitig bedingenden Verhältnisse der In-\ntervalle, der Rhythmik und Harmonie begründet sind, ka-\nmen in den Clavier-Coropositionen vollständig zur Geltung.\nJede einzelne Melodie ist, vollkommen ausgebildet, eben-\nmässig gegliedert und hat an sich Charakter und Bedeu-\ntung, ein Vorzug der formellen Bildung, welcher durch je-\nnen eigentümlichen Zauber des Wohllautes und der Fein-\nheit, der von Mozart's Wesen unzertrennlich ist, noch ge-\nhoben wird. In dem Vortrage solcher Melodieen mochte der\nschönste Vorzug von Mozart's Ciavierspiel, das, was nach\nHaydn's Ausspruch zum Herzen ging, besonders zur Gel-\ntung kommen; es ist mitunter überraschend, wie z. B. in\nden Concerten die Hauptwirkung auf den Vortrag einer\nlangen, einfachen getragenen Melodie concentrirt ist, was\ner meisterhaft verstanden haben muss.\n„Diesem Fortschritt in der gesangmässigen und be-\ndeutenden Behandlung der einzelnen Melodie gesellt sich\nein ausserordentlicher Reichthum an Melodieen zu. Mozart\nlässt nämlich an die Stelle jener verbindenden Mittelglieder,\nwelche gewöhnlich aus den Haupt-Motiven abgeleitete oder\nauch lrei eintretende Gänge und Passagen bilden, in der\nRegel wiederum vollständig ausgebildete Melodieen treten,\nso dass er einen Kranz von schönen Melodieen windet,\nwo man sonst musicalische Wendungen zu hören gewohnt\nwar.\"\n„Es waren zwei wesentliche Vortheile gewonnen.\nDurch dieses scharfe Nebeneinanderstellen der ausgebilde-\nten Melodieen war die musicalische Phrase, die nur ver-\nmittelnde Wendung, das blosse Spiel mit Figuren, um vor-\nwärts zu kommen, ausgeschlossen oder doch sehr beschränkt.\nDergleichen ist bei Mozart überhaupt verhältnissmässig sehr\nselten, Figuren und Passagen pflegt er meistens nur zum\nOrnament zu gebrauchen, das einen bestimmten festen\nKern umschlingt und verziert, aber nicht als selbstständige\nGlieder des Ganzen; und wo blosse Uebergangsformeln un-\nerlässlich schienen, wendet er sie meistens ohne viel Um-\nstände an, wie in der Architektur die Stütze als künstleri-\nsches Motiv so angewandt wird, dass ihre constructionelle\nBedeutung klar heraustritt. Dahin gehört z. B. die nach-\ndrückliche und breite Behandlung der Schlüsse und Halb-\nschlüsse, welche jetzt so auffallend sind, dass sie Manchen\nals specifische Eigenthümlichkeit des Mozart'schen Stils er-\nscheinen. Das sind sie nun zwar nicht; sie waren damals\nallgemein und gingen aus dem Bedürfniss, fest und be-\nstimmt in der Tonart gehalten zu werden, hervor, welches\nsich in jener Zeit entschieden geltend machte. Dass man\nin dieser Beziehung freier geworden ist und an die Stelle\neines derben Gemeinplatzes mannigfach reizende und span-\nnende Uebergangs-Wendungen zu setzen gelernt hat, ist\nein unzweifelhafter Fortschritt; dass es aber auch Mozart\nan feinen und interessanten Wendungen nicht fehlt, davon\nkann man sich überzeugen, wenn man seine Rückgänge\nzum Thema im zweiten Theile und z. B. nur den Reich-\nthum beobachtet, zu welchem die einfache Grundform des\nOrgelpunktes in den schönsten und reizendsten Anwendun-\ngen ausgebildet erscheint.\n„Der zweite Vortheil war die übersichtliche Klarheit\nder Anlage eines musicalischen Satzes, welche wie in einem\narchitektonischen Grundriss fasslich erscheint, und die im\nGrossen wie im Kleinen einer der unveräusserlichen Vor-\nzüge Mozart'scher Kunst ist. Es waren dadurch die Haupt-\npunkte einer durchgebildeten Gliederung fixirt, welche, an\nsich nothwendig und dem Zweck genügend, wiederum die\nStützpunkte für eine reiche Ausführung werden konnten,\nund ehe eine solche detaillirte Durchbildung möglich war,\nmusste das einfache Schema klar und sicher hingestellt\nwerden. Mozart selbst hat den Gehalt der von ihm so\nbegründeten Darstellungsform keineswegs erschöpft; An-\ndere haben nur das nachgeahmt, was er selbst gemacht\nhatte; Beethoven hat die geistige Erbschaft angetreten\nund gezeigt, welche Tiefe und Fülle dieselbe in sich barg,\nund wie Staunenswerth er auch mit diesem Pfunde gewu-\nchert hat, so sind doch noch keineswegs alle Keime voll-\nständig entwickelt. Unsere Zeit, deren Erfindung und Ge-\nschick überwiegend in interessanten und feinen Ueber-\ngangs-Formen und in einem consequenten Ausspinnen\nkleiner Motive, die nur auf einen untergeordneten Platz in\neinem grossen Ganzen Anspruch haben, zu Tage tritt, ist\nvor Allem darauf hinzuweisen, dass ausgebil-\ndete, fest gegliederte Melodieen die Grund-Ele-\nmente einer Composition sein sollen.\n„In der Wahl und Anordnung derselben, so dass eine\ndie andere in der verschiedensten Weise hebt, zeigt sich\ndurchgehends Mozart's feiner Sinn. Besonders weiss er da,\nwo man es am wenigsten erwartet, durch eine neue Me-\nlodie von besonderer Schönheit zu überraschen, z. B. wenn\nunmittelbar nach dem ersten Thema, welches eine gewisse\nBefriedigung zu bringen pllegt, ein ganz verschiedenes Mo-\ntiv auftritt. Vor Allem aber erreicht er dadurch eine un-\nnachahmliche Wirkung, dass er, wenn Alles zum Schlüsse\ndrängt, eine mit allem Reiz der Frische und Süssigkeit avis-\ngestattete Melodie hervortreten lässt, welche nicht allein\ndas Interesse wieder erregt, sondern dem Ganzen eine neue\nWendung gibt. Um nur ein schlagendes und Allen bekann-\ntes Beispiel zu wählen, erinnere ich an den ersten Satz der\nWer hat sich nicht mit einer stets sich er-\nneuernden Ueberraschung durch die zuletzt eintretende\nMelodie entzücken lassen, die wie ein glänzendes Meteor\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.4", "texte": "eine Fülle von Licht und Heiterkeit ausstrahlt? Aehnliche,\nwenngleich nicht überall so glänzende, Effecte sind auch\nsonst nicht selten; sie sind von keinem Anderen erreicht,\nkaum versucht worden. Dagegen ist nicht zu verkennen,\ndass die Vorliebe, mit welcher Mozart den Schluss und\neinige andere, sonst weniger hervortretende Punkte ins\nLicht stellt, dem eigentlichen so genannten zweiten Thema\nSchaden gebracht hat; dies ist gewöhnlich die schwächste\nStelle. Das rührt vielleicht zum Theil davon her, dass es\nim Gegensatz zum Haupt-Thema einen zarteren, leichteren\nCharakter haben soll; allein häufig ist es im Verhältniss\nzu den übrigen Motiven nicht bedeutend genug und macht\nmitunter wohl gar den Eindruck, als sei es vernachlässigt.\n„Die weitere Fortbildung des so gewonnenen Grund-\nSchemas konnte nun nicht etwa dadurch geschehen, dass\nzwischen den Hauptgliedern nur äusserlich verbindende\nPhrasen eingeschoben wurden, sondern durch eine Ent-\nwicklung des in ihnen liegenden Gehalts mittels themati-\nscher Behandlung. Wir haben schon oben gesehen, in wel-\ncher Weise Mozart durch das Studium Bach's und Ilän-\ndei's auf diesen Weg geleitet wurde, und in späteren Cia-\nviersachen tritt diese Richtung sehr bestimmt hervor. Es\nerscheint aber nicht als die Rückkehr zur gebundenen\nSchreibart in gewissen strengen Formen, wie des Canons\nund der Fuge, sondern als die freie Ausbildung der allge-\nmeinen Gesetze, durch welche das Wesen der polyphonen\nDarstellung und der contrapunktischen Form überhaupt\nbedingt ist. Die Instrumental-Musik und ganz besonders die\nCiaviermusik war, nachdem sie sich von der Fessel der\nstrengen Form befreit hatte, in der Gefahr, einseitig die\nRichtung der homophonen Darstellung zu verfolgen und\ndadurch zu verllachen. Es ist ein Verdienst Mozart's, die\npolyphone und thematische Behandlungsweise in den Mo-\ndifikationen, welche der veränderte Charakter der Auffas-\nsung und Darstellung überhaupt und die Natur der Instru-\nmente erheischte, in freien und schönen Formen zur Gel-\ntung gebracht zu haben. Dies tritt, wie es in der Natur\nder Sache liegt, ganz vorzugsweise in den Durchführungs-\nsätzen hervor, auf die nothvvendig das Hauptgewicht fallen\nmusste, und welche durch diese Behandlung erst zu ihrer\nwahren Bedeutung gelangen konnten. Obgleich Mozart\nihnen die Ausdehnung und mächtige Ausführung nicht ge-\ngeben hat, zu welcher sie durch Beethoven entwickelt sind,\nso erscheinen sie bei ihm selbst da, wo sie in knapper\nAusführung noch wesentlich als ein Uebergang auftreten\nschon als der Culrninationspunkt des ganzen Satzes, in\nwelchem die bewegenden Kräfte desselben sich zu einer re-\ngeren Thätigkeit concentriren. Die Art der Behandlung ist\nfrei, wie die Wahl der Motive, welche hier zur Geltung\ngebracht werden; aber fast immer ist es wesentlich eine\nthematische Bearbeitung, oft eine sehr kunstreich ange-\nlegte und verschlungene, auf welcher die Wirkung beruht.\nGegen diese tritt nun das harmonische Element keineswegs\nzurück—die kühnsten und originellsten Modulationen pfle-\ngen bekanntlich besonders an dieser Stelle zu erscheinen\n—; bei genauerer Untersuchung wird man aber wahrneh-\nmen, dass das eigentlich belebende Element das themati-\nsirende ist, und dass die gestaltenden Impulse von dieser\nSeite kommen. So entwickelt sich ein frisch belebtes Trei-\nben, und wenn auch nicht immer eine überwältigende Ka-\ntastrophe eintritt, so wird doch ein Knoten geschürzt, auf\ndessen Lösung man gespannt wird, die dann jedesmal mit\nwohlthuender Sicherheit und Leichtigkeit erfolgt.\"\n„Dem langsamen Satz liegt in der Regel das Lied\nzum Grunde, er ist daher oft seiner ersten Anlage nach\nzweilheilig, aber nur ausnahmsweise hat diese Anlage eine\nähnliche breite und reiche Entwicklung erhallen, wie sie\nim ersten Satze zur Regel geworden ist; die ein- oder\nmehrmalige Wiederholung des Grund-Thema's, welche\nnach damaliger Sitte nicht leicht ohne Ausschmückungen\nund Verzierungen geschah, führte leicht zu variationen-\nartiger Behandlung. In jedem Falle war hier die Erfindung\neines dem Gehalt wie der Form nach bedeutenden melo-\n\\ >■\ndiösen Satzes, der nicht bloss als Motiv durch die Bearbei-\ntung, nicht durch die Verbindung mit anderen erst seine\neigentliche Geltung erlangen sollte, sondern an und für\nsich der Stimmung den vollen und befriedigenden Ausdruck\ngab, das erste Erforderniss. Es ist schon darauf hingewie-\nsen (1., S. 557), wie die Richtung der Empfindung jener\nZeit die Ausbildung gerade solcher Sätze begünstigte, die\nunzweifelhaft auch bei Mozart zu seinen schönsten Schö-\npfungen gehören. einfachen und ausdrucksvollen,\nschön gegliederten und fest geführten Melodieen, die wie\nin einem langen, vollen Athemzuge ausklingen, voll war-\nmer und tiefer Empfindung ohne sentimentale Weichlich-\nkeit, scheinen ein glückliches Erbtheil jener Zeit, die auch\ndie reinsten Klänge unserer lyrischen Poesie hervorbrachte.\nIn der Ruhe, welche sie meistens durchdringt, spricht sich\nder Genuss und die Befriedigung des künstlerischen Schaf-\nfens in seltener Weise aus; auch an der mühelosen und\nleichten Weise, wie durch theilvveise Ausführung der\nGrundgedanken, durch Variation derselben, durch frei ein-\ngeführte, oft contrastirende Nebentheile, diese Sätze aus-\ngebaut werden, ohne aus der einmal angeschlagenen Grund-\nstimmung herauszutreten, spürt man, wie natürlich und\nfrei diese Weise des Ausdrucks aus der musicalischen Em-\npfindung hervordrang, um sieh zu solcher Höhe emporzu-\nschwingen. Ohne auf Details der Ausführung hier einzu-\ngehen, mag nur noch auf die Feinheit und Anmuth hin-\ngewiesen werden, mit welcher Mozart auch hier den Schluss"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.5", "texte": "vorzubereiten und dann so auszuführen weiss, dass er den\nHörer in einem fortlaufenden Zuge der völligen Befriedi-\ngung entgegenführt.\"\n\nBerliner Briefe.\nI.\n[Die königliche Oper. Auber's „Maskenball\"; Offenbach' s\n„Mädchen von Elizondo\". Concerte: die königliche Capelle\n(Schumann); die Sing-Akademie (Weihnachts-Oratorium von J. Seb.\nBach); Stern's Gesang-Verein (Mendelssohn-Feier); der\nkönigliche Dom-Chor.]\nDen 20. December 1859.\nIn meinem vorigen Briefe gab ich Ihnen Nachricht\nvon verschiedenen Personal-Veränderungen, die an der kö-\nniglichen Oper eingetreten sind; die jungen Kräfte werden\nnun bald hier, bald da versucht, so dass in der Art, wie\nwir das Alte sehen, Manches neu geworden ist; da aber\nkeine der vorgekommenen Leistungen sich durch einen\nhohen Grad von Vollkommenheit oder auch nur durch eine\nganz besondere Eigenthümlichkeit auszeichnete, so liegt\nkein Grund vor, darüber nach auswärts zu berichten. Es\nsind Talente, theilweise recht schätzenswerth, aber, mit\nAusnahme etwa des Tenors Woworsky, gewöhnlichen\nHanges, die ihre hiesige Stellung nur ihrer Stimme, an-\nstatt ihrer Gesangs-Technik, am allerwenigsten aber ihrer\ngeistigen Bedeutung verdanken. Es ist eine traurige Bemer-\nkung, die sich einem im Laufe der Jahre aufdrängt, dass\nunsere Sänger nicht nur in der Kunst, ihre Stimme schul-\ngerecht zu behandeln und einen edeln, freien, gleichmässig\nansprechenden Ton zu erzeugen, immer mehr Rückschritte\nmachen, sondern dass sie auch in Bezug auf das geistige\nErfassen ihrer Aufgaben immer stumpfer, matter und\nschläfriger werden. Frau Köster gilt im Allgemeinen nicht\nals eine Sängerin von besonderer Lebendigkeit des Vor-\ntrags und Tiefe des Gefühls, sondern sie hat mehr den Ruf\neiner fein verständigen Künstlerin, die sich in engen Grän-\nzen mit Geschmack und Sicherheit bewegt; und doch wüss-\nten wir von all den jungen Sängerinnen, die im Laufe der\nletzten Jahre bei uns Revue passirt haben, keine einzige zu\nnennen, die ihr auch jemals in dramatischer Wärme des\nAusdrucks annähernd gleichzukommen verspräche. Solcher\nSänger freilich, die, wie Steger, den Ausdruck bis zur un-\nsinnigsten Verzerrung treiben, mag es genug geben; und\nbesser als diese sind freilich noch immer die Langweiligen,\nwenn sie correct und wohlklingend singen. Aber es ist doch\nbedenklich, wenn man mit der Zeit sich an so bescheidene\nAnsprüche gewöhnen muss, dass man mit einer leidlich\ncorrecten Ausführung schon zufrieden ist. Was gegenwär-\ntig unsere Oper Gutes leistet, beruht fast ausschliesslich\nauf den älteren Kräften; die jüngeren versprechen nicht\nviel, weil es überwiegend Stimmen ohne Geist sind. Uass\ndas Streben bei unserer Oper das beste ist, beweis't der\nUmstand, dass man trotz wiederholter schlechter Erfahrun-\ngen noch immer nicht davon absteht, Werke wie die Ar-\nmide, Idomeneo, Cosi fan die das grössere Pu-\nblicum langweilig findet, auf das Repertoire zu bringen;\naber wenn das Publicum nichts weiter als todte Noten hört,\nso ist ihm seine Abneigung auch nicht zu verargen. Bei\nden eben genannten Werken war nun freilich die Ausfüh-\nrung im Ganzen recht gut; hin und wieder haben wir aber\nauch Partieen älterer Opern, z. B. den Amor in Gluck s\nOrpheus, in einer erschreckend geistlosen Weise singen\nhören, und zwar von einer unserer beliebtesten Sängerin-\nnen, die eine bezaubernd schöne Stimme und für manche\nAufgaben auch eine gewisse Innigkeit des Gefühls besitzt,\ndabei aber in einem so kleinen Kreise von Gefühlen und\nStimmungen zu Hause zu sein scheint, dass an eine künst-\nlerische Bedeutung doch nicht zu denken ist.\nEtwas Neues ist an der k. Oper nicht zur Aullührung\ngekommen. Der Versuch, den „Maskenball\" von Auber\nals Ausstattungs-Oper auf das Repertoire zu bringen, miss-\nglückte. Man wollte die Handlung langweilig, die Melodieen\nabgeschmackt finden; die Hauptsache war aber auch hier,\ndass das Werk ausschliesslich auf den jüngeren Kräften\nruhte, die nicht im Stande waren, auch nur einiges Leben\nin ihre Rollen zu bringen. König Gustav (nach der hiesigen\nVersion Herzog Olaf) sang schläfrig, unsicher und schwer-\nfällig; der Page, die für den Erfolg fast wichtigste Partie\nder Oper, war unrein, schleppend und ohne Grazie; Me-\nlanie und Ankarström, die etwas besser waren, konnten\ndas Werk nicht mehr halten. Eigentlich neu war nur\neine kleine Operette von Offenbach: „Das Mädchen\nvon Elizondo\", wie wir hören, eine seiner frühesten,\ndie denn auch zwar ganz dasselbe leicht gestaltende melo-\ndische Talent und dieselbe geschmackvolle Factur verräth,\nwie z. B. die Hochzeit bei Laternenschein, doch aber, in-\nnerhalb dieses Genre's betrachtet, etwas einlacher und fast\ndürftiger ist. Sehr ansprechend sind einige Ensemblesätze;\nin den Arioso's reichen indess die spanischen Anklänge\nnicht immer aus, um den Reiz der Originalität hervorzu-\nbringen. Gar zu einfach ist der Text, und nur das ausge-\nzeichnete Spiel französischer Sänger dürfte im Stande sein,\ndie plumpen Witze des Fagott blasenden unglücklichen\nLiebhabersund Wirthshaus-Besitzers erträglich zu machen.\nIm Opernhause ist übrigens ein durchgreifender Erfolg der\nBoujfes Parisienskaum zu erwarten; in diesen Räumen\nverlangt man Anderes, nnd nur der Umstand, dass wir in\ndiesem Augenblicke, trotz der halben Million Mengchen,\ndie in Berlin leben, ausser der königlichen keine andere"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.6", "texte": "Oper haben, vermag den Versuch, den die königliche Bühne\ndamit machte, zu rechtfertigen.\nIn unserer Concertmusik stehen die Concerte der\nköniglichen Capelle, des Dom-Chors, der Sing-Akademie\nund des Stern'schen Vereins in erster Reihe. Beginnen wir\ndaher mit diesen. Die königliche Capelle hat bis jetzt\nvier Concerte gegeben und darin nichts Neues zur Auf-\nführung gebracht. Und dennoch wenigstens in diesen\nConcerten und in diesen Räumen kann die i?-c^r-Sinfonie\nvon Schumann, da dieselbe, vor vielen Jahren einmal zur\nAufführung gebracht, durchfiel und seitdem entfernt blieb,\nals neu gelten. Ihr damaliges Missgeschick ist in der That\nschwer zu erklären. Denn wenn es auch keinem Vernünf-\ntigen einfallen wird, sie einer Beethoven'schen Sinfonie an\ndie Seite zu stellen, so ist sie doch ein nicht nur sehr ach-\ntungswerthes, sondern auch vielfach fesselndes, originelles\nWerk. Besser gefiel sie schon vor einigen Jahren in den\nStern'schen Orchester-Concerten. Diesmal wurde sie mit\nentschiedenem Beifall aufgenommen. Der Geschmack des\nPublicums hat also eine kleine Umwandlung doch erfah-\nren, und die Zukunftsmusiker mögen daran die Hoffnung\nknüpfen, dass auch einmal ihr Weizen blüht. Und warum\nsollte er nicht? Eben so gut, wie das Publicum einmal zu\nrigoros sein kann, kann es ein anderes Mal in zerfahrener\nHaltungslosigkeit dem Ersten, Besten seinen Beifall schen-\nken. Auf die vorübergehenden Meinungs-Aeusserungen der\ngrossen Masse der Musiklustigen ist nicht viel zu geben;\nnicht die erste, beste, sondern die sich in langen Zeiträumen\nbewährende Vox populi ist eine VoxDei.—Bei dieser Ge-\nlegenheit mag überhaupt bemerkt werden, dass man jetzt\nin Berlin Schumann fleissiger cultivirt und vielfach sogar\nzu überschätzen anfängt. Es schadet aber nichts, wenn man\nihm eine Zeit lang besondere Aufmerksamkeit zuwendet\nund ihn nach allen Seiten gründlich kennen zu lernen sucht.\nDie Zeit selbst bringt alle solche Ausschreitungen wieder\nin das Gleiche. Es würde selbst kein Unglück sein, wenn\nLiszt's symphonische Dichtungen sämmtlich zur Aufführung\ngelangten; denn wenn auch Niemandem zu rathen wäre,\ndass er viel Zeit auf die Kenntniss derselben verwende, so\nist es doch nicht weise gehandelt, Krankheiten und Verir-\nrungen, wenn sie einmal factisch vorhanden sind, zu igno-\nriren. Das Erscheinen solcher Werke, wie Liszt's sympho-\nnische Dichtungen es sind, hat in der Geschichte des Vir-\ntuosenthums, wie mir scheint, seine tiefe Begründung; sie\nsind, wenn auch kein schönes, so doch ein nothwendiges\nErzeugniss; um den seltsamen Entwicklungs-Process, in\ndem sich jetzt die Musik befindet, zu überwinden, müssen\nwir ihn erst sich vollenden lassen.—Von den Werken, die\nausser Schumann's _Z?-c?wr-Sinfonie in den Concerten der\nk. Capelle zur Aufführung kamen, wäre noch eine Spohr'-\nsehe Sinfonie (D-moll) zu erwähnen: eine Gedächtnissfeier\nfür den edlen Verblichenen. Das Publicum nahm dieselbe\nkühl auf.\nDie Sing-Akademie brachte den Messias und das\nWeihnachts-Oratorium von Seb. Bach zur Aufführung.\nDie Freunde Bach's vermissen an diesem Werke die Tiefe,\ndie sich in seinen Passions-Musiken ausspricht, und die zu\neiner Weihnachts-Musik auch nicht gepasst haben würde.\nNun sollte man aber meinen: erstens, dass die einsichtige-\nren Hörer es von selbst erkennen müssten, dass eine Weih-\nnachts-Musik vor Allem klar und heiter sein soll; dass sie\njene dunklen Schatten der Klage und Zerknirschung, jene\nleidenschaftlichen Lichter, die bei der Darstellung der Pas-\nsion an rechter Stelle sind, nicht verträgt; zweitens, dass\neben diese Eigenthümlichkeit des Weihnachts-Oratoriums,\ndie ihm etwas Melodiöses, Mildes, leicht Fassliches gibt,\ndie Zahl der Freunde Bach's vermehren müsste. Beides\nhat sich bis jetzt nicht bewährt. Von jener wunderbaren\nObjectivität, die Bach bewies, indem er die Weihnachts-\nmusik ganz anders componirte, als die Passions-Musik, hat\nunser Publicum nicht die leiseste Regung. Es ist allerdings\nein Uebelstand, dass man Jahre lang bei uns von Bach fast\nnichts als seine Matthäus-Passion gekannt und dadurch eine\neinseitige Vorstellung von ihm gewonnen hat, die jetzt das\nunbefangene Aufnehmen seiner anderartigen Schöpfungen\nerschwert. Man sucht nun immer nach Tiefsinnigem, Schwie-\nrigem und übersieht darüber die Schönheiten, die auf der\nOberfläche liegen, die Lieblichkeit und Frische der Melo-\ndieen, die Aninuth und Leichtigkeit der Gestaltung.—Das\nganze Weihnachts-Oratorium kann an Einem Abende nicht\ngegeben werden. Es werden daher bei der hiesigen Auf-\nführung viele Arien weggelassen, darunter einige der schön-\nsten, z. B. die drei Tenor-Arien, die wohl zu den herrlich-\nsten gehören, welche Bach überhaupt geschrieben hat.\nDer Stern'sche Gesang-Verein führte am Todes-\ntage Mendelssohn's zwei seiner Psalmen—darunter den ur-\nsprünglich für den Dom-Chor a capella geschriebenen:\n„Warum toben die Heiden\", der in der kürzesten, ge-\ndrängtesten Form die bedeutendsten Motive enthält—und\ndie Walpurgisnacht auf, dasjenige Werk, in dem die ver-\nschiedensten Richtungen des Mendelssohn'schen Geistes ver-\neint zur Erscheinung kommen: die zarte Innigkeit eines\nweich sich anschmiegenden Gemüthes, der Sinn für das\nWeihevolle, Feierliche und die phantastische, in bunter\nFarbenpracht schillernde Romantik. Und was diesem ro-\nmantischen Elemente, das allerdings vor den anderen vor-\nzugsweise hervortritt, einen besonderen Werth gibt, ist der\nUmstand, dass es nicht ernsthaft, sondern als eine Art Mas-\nkenscherz genommen wird. Mendelssohn hatte den feinen\nTact, den nicht alle Künstler haben—den aber z. B. auch"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.7", "texte": "Shakespeare, Göthe, Mozart hatten —, das phantastische\nElement, wenn sie es mit benutzten, leicht und humoristisch\nzu behandeln.\nDer k. Dom-Chor, den gegenwärtig, da der Musik-\nDirector Neithardt erkrankt ist, der Musik-Director v.\nHertzberg leitet, hat die Reihe seiner Abonnements-Con-\ncerte ebenfalls begonnen. Es kamen zur Aufführung: ein\nBenedixisti von Gabrieli, ein I (für Männer-\nstimmen) von Händel, 0 magnurn mysterium von Scarlatti,\nMisericordias von Durante, Bach's Motette: „Komm, Jesu,\nkomm\", ein Satz von Spohr: „Selig sind die Todten\" (für\nMännerstimmen), ein Adoramm von Reissiger und ein li-\nturgischer Satz („Und Friede auf Erden\") von 0. Nicolai.\nAm schönsten klangen die dem italiänischen Stil angehöri-\ngen Stücke. In der Bach'schen Motette kommen Stellen\nvor, die, so schön sie gedacht sind, doch kaum sich zu einer\nentsprechenden Klangwirkung bringen lassen. Es gehört\nwenigstens eine so virtuosenhafte Behandlung der Stimme\ndazu, eine so ausgebildete Kunst, alles Materielle aus der\nStimme zu entfernen, dass bei Knaben, ja, überhaupt bei\nstark besetzten Chören an eine der Idee angemessene Aus-\nführung schwerlich zu denken ist.\n\nAus Arnheim.\n\nDen 25. Deceraber 1859.\nVor einigen Jahren hat sich hier ein Künstler-Verein\ngebildet unter dem Sinnspruche: „Verschiedenheit und\nL'ebereinstimmung\". Dieser Verein hat sich vorgenommen,\nwährend dieses Winters drei Kunst-Abende zu veranstal-\nten. Der erste, der schon Statt gefunden hat, war der Mu-\nsik gewidmet; der zweite soll der Literatur geweiht wer-\nden, und der dritte der Malerei und Zeichenkunst. Ueber\ndas Concert, welches Montag den 19. December d. J.\ngegeben worden ist, erlaube ich mir, Ihnen zu berichten.\nAls Sängerin trat auf die Frau Rosa de Vries van Os,\neine Holländerin, jetzt als erste italiänische Sängerin an\nder Bühne zu Amsterdam engagirt. Sie ist eine ausgezeich-\nnete Künstlerin, besitzt eine sehr umfangreiche und beson-\nders durch die reine Höhe ausgezeichnete Stimme und eine\nausserordentliche Bravour. Grosser Beifall und Fanfaren\nwurden ihr verdienter Weise zu Theil. Zweitens entzückte\nuns Herr Ferdinand Laub durch sein bezauberndes\nSpiel. Er wurde allgemein bewundert sowohl wegen seines\nherrlichen Tones und schönen Vortrages, als wegen seiner\neminenten Fertigkeit. Der Ruf dieser beiden Künstler ist\nhinlänglich bekannt und begründet, und es hätte meines\nBerichtes nicht bedurft, um ihn zu vermehren, wenn nicht\neine Ungerechtigkeit gut zu machen wäre, deren sich\nholländische Blätter bei dieser Gelegenheit schuldig gemacht\nhaben gegen einen deutschen Componisten und gegen einen\ndeutschen Musiker.\nIn jenen Blättern wurden nämlich die Genannten mit\nRecht gepriesen, aber von Herrn E. Kretzschmar, Zög-\nling des leipziger Conservatoriums, der die Clavier-Partie\nvom Quintett von Schumann vorgetragen hat, ist so cut\nwie nichts erwähnt worden, obgleich er mit grosser Fer-\ntigkeit, Reinheit und ausgezeichnetem Vortrage gespielt\nhat. Sollte das Zusammenspiel vielleicht weniger gelungen\ngewesen sein, so lag es an der Begleitung. In welchen\nHänden aber auch bei uns leider nur allzu häufig die Kri-\ntik ist, mögen Sie daraus ersehen, dass die Herren ltecen-\nsenten von „einem Quintett von Schumann\" wie von einem\nunbekannten und unbedeutenden Musikstücke und von\n„einer unglücklichen Wahl\" reden; ja, Einer dieser gros-\nsen Kenner bezeichnet das Werk aber richtiger sich\nselbst und seine Berechtigung zum Urtheil—als ein „Quin-\ntett für Violine, Violoncell und Pianoforte\", wonach er\ndie Viola ignorirt und die Piano-Partie wahrscheinlich als\nFüllstimme ansieht! Da fällt einem wahrhaftig, wenn man\ndiese vortreffliche Composition mit solchen Recensionen\nvergleicht, das Sprüchwort von der Perle und gewissen\nanderen Geschöpfen des Naturreiches ein.\nUebrigens ist eine solche Verkennung eines der vor-\nzüglichsten Werke Schumann's um so auffallender, als in\nanderen Städten Hollands die Schumann'schen Composi-\ntionen zahlreiche Freunde haben und in Concerten fast\nöfter aufgeführt werden, als bei Ihnen in Deutschland.\nJeder erinnert sich noch der Kunstreise, die vor einisen\no\nJahren der zu früh dahingeschiedene Künstler mit seiner\nGattin durch Holland gemacht hat, die sich für das hoch-\nbegabte Paar zu einem wahren Triumphzuge gestaltete.\nEs gab eine Zeit, wo die Concert-Programme in Amster-\ndam, Haag, Rotterdam u. s. w. den YVerken Schumann's\nfast zu viel Platz einräumten. Wenn diese Bevorzugung\no D\neben so gut einseitig werden konnte, wie die Ausschlies-\nsung, und desshalb auch nachgelassen hat, so zählt doch\nSchumann's Muse unter den Musikfreunden in Holland so\nzahlreiche und verständige Bewunderer, dass das Geschwätz\neiniger so genannten Recensenten durchaus nicht als ein\nAusdruck der allgemeinen Stimme angesehen werden darf.\nEiner solchen irrigen Ansicht entgegen zu treten, war der\nHauptzweck dieser Zeilen.\nHerr Laub spielte dasConcert von Beethoven, Ernst's\nPhantasie über Motive aus Othello und die von\nVieuxtemps. Mevrouw de Vlies van Os sang eine Arie aus\nder Lucrezia Borgia (nCome eine\nzweite aus der Semiramis von Rossini und\nEckert's Schweizerlied mit dem Echo. Die Orchester-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600101-01.1.8", "texte": "Sachen, C. M. v. Weber's Jubel-Ouverture und eine Ouver-\ntüre: „Ueber die Berge\", von unserem Musik-Director\nMarx eröffneten die zwei Abtheilungen desConcertes; ihre\nAusführung war aber ziemlich mittelmässig.\n\nZ\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDer Hof-Capellmeister W. Taubert in Berlin feierte am 30.\nNovember v. J. seine silberne Hochzeit; zahlreiche Beglückwün-\nschungen und Geschenke, darunter eine noch ungedruckte autogra-\nphische Composition Mozart's in einem Prachtbande, von den Sän-\ngerinnen Frau Köster und Frau Jachmann Wagner dargebracht, er-\nfreuten den Jubilar.\nIn Berlin ist am 13. December v. J. Albert Lortzing, acht\nJahre nach seinem Tode, auf dem Sophien-Kirchhofe ein Grab-Denk-\nmal aufgestellt worden.\nDie Sängerin Fräulein Büry hat sich von der Bühne zurückge-\nzogen und ertheilt Gesang-Unterricht in Berlin.\nSchindelmeisser in Darmstadt hat die Musik zu einem Ballet\nvollendet, dessen Darstellung in nächster Zeit zu erwarten steht.\nDer Pianist Mortier de Fontaine, der lange Zeit in Russ-\nland gewesen, hat im achten Gewandhaus-Concerte in Leipzig mit\nBeifall gespielt.\nIn den ersten Wochen des Januar wird in Dresden Meyer-\nbeer' s ~Wallfahrt nach Plo§rmel\" zur Aufführung kommen. Der\nComponist soll die Zusage gegeben haben, bei den letzten Proben\nselbst zugegen zu sein. Auch in Wien ist die Rede von der Auf-\nführung derselben Oper. Wir sind begierig, wie sich die kritischen\nOrgane daselbst über das neue Werk äussern werden. In den ge-\nnannten beiden deutschen Hauptstädten leben musicalisch und ästhe-\ntisch durchgebildete Männer genug, die im Stande sind, sieh ein\nUrtheil zu bilden; wir hoffen zur Ehre der deutschen Tonkunst, dass\nsie es auch unumwunden aussprechen werden.\nStuttfgSMrf« Am 21. December v. J. ist Meyerbeer's „Wall-\nfahrt nach Ploermel\" hier aufgeführt worden. Frau Marlow sang\ndie Dinorah. Der Componist war zugegen und wurde gerufen.\nAm 12. December v. J. fand im Burgtheater die erste\nAufführung von MosenthaTs neuestem Stücke: „Düweke\",\nDrama in fünf Aufzügen, Statt und erlebte einen entschiedenen\nDurchfall. Nicht das ~Verbot'4 der ferneren Aufführungen, sondern\nder Mangel an allem poetischen Gehalt, an tieferer Charakteristik,\nan Bühnenwirkung, selbst an geschickter Mache hat das Werk be-\ngraben. Gegenstand des Drama's ist das schöne Mädchen aus Hol-\nland, das „Düweke\" (Täubchen), die Geliebte des grimmen Königs\nChristian 11. von Dänemark.\nDas neue Theater, zu dessen Erbauung Herr Karl\nbereits die Concession erhalten hatte, wird auf den Platz der alten\nGonzaga-Bastei kommen. Die Lust zu Theaterbauten wird immer\nlebhafter, und nebst den Herren Treumann und llofFmann beabsich-\ntigt auch Herr Pokoruy in Gesellschaft mit einem Capitalisten den\nBau des achten Theaters in Wien. Die Concession der Fünf hauser\nArena würde, wenn das Gerücht wahr spricht, auf das neue Thea-\nter, welches auf einen Stadterweiterungs-Grund zu stehen käme,\nübertragen, die Arena aber in einen Kunstreiter-Circus umgestaltet\nwerden. [Hier in Köln wäre uns wenn auch nur ein Theilchen die-\nser Theater-Baulust sehr willkommen.]\nDie Sing-Akademie gibt am 6. Jan. unter Herrn Stegmayer7»\nLeitung ihr zweites diesjähriges Concert. Das Programm bietet\nsehr Gediegenes und Interessantes: ein „Miserere\" von Allegri, einer\njener weltberühmten Gesänge der Sixtinischen Capelle in Rom, fer-\nner Einzelnes aus der Matthäus-Passion von J. S. Bach, Chöre von\nMendelssohn, Schumann, Karl Löwe und Anderen."}]}