{"numero_id": "bm-bmtnabi-1860-02-11-01", "volume": "bmtnabi_1860-02-11_01", "ocr_sha256": "f2009b1d240d712e6e2ee51ab02ef53eba6756c3ffba30355f4427fdd634511b", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1860/02/11_01/bmtnabi_1860-02-11_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1860-02-11-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-02-11_01#c001", "volume": "bmtnabi_1860-02-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "49", "page_fin": "49", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 466, "texte": "Inhalt.\nSpohr über Paris im Winter 1820 und 1821. 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December 1820.\nMit klopfendem Herzen fuhr ich durch die Bar-\nriere von Paris; der Gedanke, dass mir nun die Freude\nzu Theil werden würde, die Künstler persönlich kennen\nzu lernen, deren Werke mich schon in meiner frühesten\nKindheit begeistert hatten, erregte diese lebhafte Bewe-\ngung in mir. Ich versetzte mich in Gedanken in die Zeit\nmeiner Knabenjahre zurück, wo Cherubini mein Idol war,\ndessen Werke ich in Braunschweig durch das damals dort\nbestehende französische Theater früher kennen zu lernen\nGelegenheit fand, als selbst die Mozart'sehen; ich erinnerte\nmich lebhaft der Abende, wo die zum er-\nsten Male gegeben wurden, wie ich ganz trunken von dem\ngewaltigen Eindrucke, den dieses Werk auf mich gemacht\nhatte, mir noch am Abende die Partitur geben liess und\ndie ganze Nacht darüber sass, und wie es hauptsächlich\ndiese Oper war, die mir den ersten Impuls zur Compo-\nsition gab. Den Schöpfer derselben und noch mehrere an-\ndere Männer, deren Werke auf meine Ausbildung als\nComponist und Geiger den entscheidendsten Einfluss ge-\nhabt haben, sollte ich nun bald sehen.\nWir waren daher auch kaum unter Dach gekommen,\nals ich es mein erstes Geschäft sein liess, mehrere dieser\nKünstler aufzusuchen. Von allen wurde ich freundlich\nempfangen, und zwischen mir und mehreren entspann sich\nbald ein freundschaftliches Verhäitniss. Von Cherubini war\nmir gesagt worden, er sei im Anfange gegen Fremde zu-\nrückhaltend, ja, finster; ich fand ihn nicht so. Er empfing\nmich, ohne dass ich eine Empfehlung gebracht hätte, auf\ndas freundlichste und lud mich ein, meinen Besuch, so oft\nich wollte, zu wiederholen.\nAm Abende unserer Ankunft führte uns Kreutzer in\ndie grosse Oper, wo ein Ballet mit lieblicher, charakteristi-\nscher Musik von ihm, „Der Carneval von Venedig\" , gege-\nben wurde. Sängern und Tänzern der grossen Oper merkt\nman es an, dass sie gewohnt sind, sich in einem grösseren\nLocale zu bewegen; sie tragen für diesen, im Vergleiche\nmit dem verlassenen Opernhause sehr beschränkten Raum\nviel zu grell auf. Mehrere grosse Opern, namentlich die\nGluck'schen, können jetzt gar nicht gegeben werden, da\nman nicht einmal den nöthigen Platz für das ganze Or-\nchester hat ausmitteln können. Daher hofl't man sehnlichst\nauf die Vollendung des neuen Opernhauses, das aber doch,\nso thätig man auch daran arbeitet, vor Mitte des Sommers\nnicht fertig werden wird. Vor dem Ballet wurde die Oper\n„Le devin du Vittageu, Text und Musik von Rousseau,\ngegeben. Soll man es loben oder tadeln, dass die Franzo-\nsen neben dem vielen Vorzüglichen, wodurch ihre Opern-\nRepertoire in den letzten zwanzig Jahren bereichert wor-\nden sind, noch immer die allerältcsten Sachen geben, und\nist es woh! ein Zeichen eines fortgeschrittenen, ausgebilde-\nten Kunstgeschmacks, wenn man sie die ältesten Opern\nvon Gretry in ihrer harmonischen Armuth und Incorrect-\nheit mit eben dem Enthusiasmus, oder wohl noch grösse-\nrem, aufnehmen sieht, als die Meisterwerke von Cherubini\nund Mehul? Mir scheint das nicht so. Wie lange ist es\nnicht schon her, dass die Opern von Hiller und Ditters-\ndorf und Anderen jener Zeil von unseren Rcpertoiren ver-\nschwunden sind, obgleich diese ihrem inneren musicalischen\nWerlhe nach den meisten Gretry'sehen weit, weit vorzu-\nziehen sind! Freilich ist es auf der anderen Seite wieder\nsehr niederschlagend, dass bei uns nur das Neue, es sei\nnoch so fade und incorrect, Eingang findet und manches\nvortreffliche Aeltere darüber zurückgelegt und vergessen\nwird. Doch kann man es dem Kunstgeschmack der Deut-\nschen hoch anrechnen, dass die Mozart'schen Opern allein\neine Ausnahme davon machen und nun seit länger als\ndreissig Jahren fortwährend auf allen deutschen Theatern\ngegeben werden, weil es einen Beweis liefert, dass die"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5231, "texte": "deutsche Nation nun endlich von der unübertrefflichen\nVollkommenheit dieser Meisterwerke durchdrungen ist,\nund in dieser Ueberzeugung auch nicht irre werden wird,\nwenngleich das süsse musicalische Gift, das uns so reich-\nlich von jenseit der Alpen zulliesst, noch so weit um sich\ngreifen sollte.\nDas Orchester der grossen Oper zählt im Vergleich\nmit den übrigen Orchestern die meisten berühmten und\nausgezeichneten Künstler, soll im Ensemble aber dem der\nitaliänischen Oper nachstehen. Ich kann darüber noch nicht\nurtheilen, da ich bis jetzt nur dieses gehört habe. In dem\nBallet von Kreutzer, welches vom Orchester mit grosser\nGenauigkeit gespielt wurde, erfreute mich ein Oboe-Solo,\nwelches von Herrn Vogt meisterhaft vorgetragen wurde.\nDiesem Künstler ist es gelungen, seinem Instrumente eine\nvollkommene Gleichheit des Tones und der Intonation in\ndem ganzen Ilmfange von cbis zwei Mal gestrichen zu\ngeben, ein Bestreben, woran fast alle Oboisten scheitern.\nSein Vortrag ist überdies voll Grazie und Geschmack.\nW eiliger als das erste Mal habe ich mich vor einigen\nTagen in der grossen Oper erbaut. Man gab\nd'Jsis\". Nur zu gerecht sind die Klagen der Verehrer\nMozart's über die Umgestaltung der herrlichen „Zauber-\nllöte\" in dieses Machwerk, welches bei seinem Erscheinen\nvon den Franzosen selbst in „L umgetauft\nwurde. Man schämt sich, dass es Deutsche waren, die sich\nso an dem unsterblichen Meister versündigten. Es ist nichts\nunangetastet geblieben, als die Ouvertüre; a!les Uebrige\nist durch einander geworfen, verändert und verstümmelt.\nDie Oper fängt mit dem Schlusschor der Zauberllöte an;\ndann folgt der Marsch aus Titus, dann bald dieses, bald\njenes Bruchstück aus anderen Mozart'schen Opern, sogar\nauch ein Stückchen einer Haydn'schen Sinfonie. Dazwi-\nschen dann Recitative von des Herrn Lachnith eigener\nFabrik. Aerger aber als dieses ist es, dass die Bearbeiter\nvielen freundlichen, selbst komischen Stellen der Zauber-\nllöte ernsten Text untergelegt haben, wodurch die Musik\ndieser Stellen nun zur Parodie des Textes und der Situa-\ntion wird. So singt z. B. hier die Papagena die charakte-\nristische Arie des Mohren: „Allesfühlt der Liebe Freuden\",\nund das liebliche Terzett der drei Knaben: „Seid uns zum\nzweiten Mal willkommen\", wird von den drei Damen ge-\nsungen. Aus dem Duelt: „Bei Männern, welche Liebe\nfühlen\", ist ein Terzett geworden u. s. w. Am ärgsten ist\nes aber, dass man sich sogar Veränderungen in der Par-\ntitur erlaubt hat; so fehlt z. B. in der Arie: „In diesen\nheiligen Hallen\", bei der Stelle: „So wandelt er an Freun-\ndes Hand\", der nachahmende Bass:\nder hier nicht allein der Harmonie wegen unentbehrlich,\nsondern auch, auf das Wandeln deutend, so charakte-\nristisch ist, ganz und gar, und die Bässe schlagen statt\ndessen nur das h einige Mal an. Wie nüchtern und kahl\ndiese in Deutschland so oft bewunderte Stelle nun klingt,\nkannst Du Dir leicht denken. Ferner haben die Bearbeiter\nin den Gesängen der drei Damen, wo bei Mozart die dritte\nGesangstimme nur durch die Violinen verstärkt und ge-\nstutzt wird, auch Violoncells und Contrabässe gesetzt, so\ndass der Bass bei diesen zarten, nur dreistimmig gehalte-\nnen Stellen in drei verschiedenen Octäven liegt, was einem\ngebildeten Ohr unerträglich klingt. Und so gibt es solcher\nVersündigungen noch mehrere. Man muss den Franzosen\ndie Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass sie von je her\ndiese vandalische Verstümmelung eines grossen Meister-\nwerkes (die ihnen bei der Unbekanntschaft mit dem Ori-\nginal nicht einmal in ihrer ganzen Ausdehnung bekannt\ngeworden ist) entschieden gemissbilligt haben; aber wie\nkommt es, dass dieMi/steres dessenungeachtet seit 18 bis\n20 Jahren ruhig auf dem Repertoire bleiben, da doch hier\ndas Publicum, wie ich das täglich sehe, so despotisch im\nTheater regiert und alles durchzusetzen weiss, was es will?\nDie Aufführung konnte mir, als Deutschem, nicht ge-\nnügen. Selbst die Ouvertüre ging nicht so gut, als sie von\neinem so herrlichen Vereine vorzüglicher Künstler hätte\ngegeben werden können. Sic wurde zu schnell genommen\nund nach dem Ende zu noch mehr getrieben, so dass die\nGeiger zuletzt statt der Sechszehntheile nur Achtel spielen\nkonnten. Die Sänger der grossen Oper, die im deklamato-\nrischen Gesänge ihre grossen Verdienste haben mögen,\nsind wenig geeignet, die zarten Gesänge der Zauberllöte\nbefriedigend zu geben. Sie singen sie mit einer Derbheit,\ndie alles Zarte davon abstreift. Die Ausstattung an Deco-\nrationen, Garderobe und Tanz ist anständig, doch nicht so\nprächtig, als ich erwartet halle. Gestern besuchten wir\ndie grosse Oper zum dritten Male und sahen Clari, ein\ngrosses Ballet in drei Aufzügen, Musik von Kreutzer. So\nwenig ich auch das Ballet liebe, und so wenig mir selbst\ndas Pantomimische des Aufwandes von Kunstmitteln werth\nscheint, die hier daran verschwendet werden, so läugne\nich doch nicht, dass das pariser einige Mal, bis man durch\ndie Monotonie der mimischen Bewegungen und durch die\nnoch grössere der Tänze ermüdet ist, angenehm unterhal-\nten kann. Allein selbst so vollkommen gegeben, wie hier,\nerscheint mir die Pantomime in derArmuth ihrer Zeichen,\ndie immer erst einer gedruckten Erklärung bedürfen, ne-\nben dem recilircnden Schauspiel, wie ein Schaltenriss neben"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5422, "texte": "einer Zeichnung. Man möge ihn noch so sehr herausputzen\ndurch goldenen Grund, verzierte Umgebung (wie hier das\nBallet durch Pracht der Decorationen und Kleider), er gibt\nnur die Umrisse, und das Leben fehlt. So möchte ich auch\ndas Schauspiel neben der Oper einer Zeichnung neben\ndem Gemälde vergleichen. Durch den Gesang erhält\ndie Dichtung erst das Colorit, und nur ihm, un-\nterstützt von der Gewalt der Harmonie, gelingt\nes, die unnennbaren, bloss geahnten Regungen\nder Seele auszudrücken, welche die Sprache\nnur anzudeuten sich begnügen muss. Die Musik zu\nClari ist sehr gelungen und besonders im zweiten und drit-\nten Acte von hinreissender<Wirkung. Sie erleichtert durch\nrichtiges Ausmalen der Leidenschalten das Verstehen der\nHandlung sehr, und enthält einen Schatz lieblicher Melo-\ndieen, von denen zu bedauern ist, dass sie nicht einer Oper\nzu Theil geworden sind. Demoiselle Bigottini gab die\nHauptrolle und entwickelte ein tiefes Studium des Mienen-\nund Geberdenspiels. Dass sie den Ausdruck ihrer Gesichts-\nzüge bei höchst leidenschaftlichen Situationen bis zur Gri-\nmasse steigerte, mag wohl daran liegen, dass sie bisher\nimmer in einem grossen Locale auftrat, wo der Entfernung\nwegen stark aufgetragen werden musste. Vielleicht scheint\nes mir als Deutschem aber auch nur so; denn der Beifall\nwar nie lärmender, als wenn sie (für mein Gefühl) die\nGränze des Schönen und Graziösen überschritt.\nVor dem Ballet gab man „Le rossignol\", Oper in\neinem Acte, nach welcher die deutsche, von Weigl com-\nponirte Oper „Nachtigall und Rabe\" bearbeitet worden\nist. Die Musik der französischen ist unbedeutend und wurde\nmir nur interessant durch das von Herrn Tulou meister-\nhaft vorgetragene Flöten-Solo. Es ist unmöglich, einen\nschöneren Ton zu hören, als Herr Tulou seinem Instru-\nmente zu entlocken weiss. Seitdem ich ihn hörte, kommt\nes mir nicht mehr so unpassend vor, wenn unsere Dichter\nden Wohllaut einer schönen Stimme dem Flötentone ver-\ngleichen.\nII.\nParis, den 31. December 1820.\nVierzehn Tage, sehr genussreich, sind seit Abgang\nmeines ersten Briefes verflossen, und viel Schönes haben\nwir seitdem gesehen und gehört; doch muss ich mich für\njetzt begnügen, Dir nur von dem zu schreiben, was in\nnächster Beziehung zu meiner Kunst steht. Ich habe nun\nvor Künstlern und Dilettanten, Kennern und Laien, als\nGeiger und Componist debutirt, zuerst bei Herrn Baudiot,\nerstem Violoncellisten der königlichen Capelle, Tags darauf\nbei Kreutzer und seitdem noch in drei Gesellschaften. Bei\nden beiden Ersten waren fast nur Künstler gegenwärtig,\nbei Kreutzer besonders fast alle ausgezeichneten Compo-\nnisten und Geiger von Paris. Ich gab mehrere meiner\nQuartetten und Quintetten und am zweiten Tage mein\nNonetto zu hören. Die Componisten sagten mir viel Schö-\nnes über die Composition, die Geiger über mein Spiel. Von\nLetzteren waren Viotti, beide Kreutzer, Baillot, Lafont,\nHabeneck, Fontaine, Guerin und mehrere Andere, deren\nNamen in Deutschland nicht so bekannt sind, zugegen, und\nDu siehst wohl, dass es das Mal galt, und dass ich mich\nzusammennehmen musste, um meinen Landsleuten Ehre\nzu machen. Die Partieen der ßlas-Instrumente meines No-\nnetto's waren durch die fünf Künstler besetzt, von deren\nmeisterhafter Execution der Reicha'schen Quintetten Du\noft in den Berichten aus Paris gelesen haben wirst. Ich\nhatte die Freude, zwei dieser Quintetten von ihnen zu hö-\nren, behalte mir aber vor, Dir ausführlich darüber zu\nschreiben, wenn ich davon erst noch mehrere kennen werde.\nAuf allgemeines Verlangen der anwesenden Künstler muss-\nten wir mein Nonetto an demselben Abende noch einmal\nwiederholen; und hatten mich die Mitspielenden schon das\nerste Mal durch die Fertigkeit, mit der sie dieses schwere\nMusikstück a prima vistalasen, in Erstaunen gesetzt, so\nbefriedigten sie mich bei der Wiederholung noch weit mehr\ndadurch, dass sie nun in den Geist der Composition ein-\ndrangen und ihn wiedergaben. — Der junge Ciavierspieler\nHerz, von dem Du ebenfalls in dem pariser musicalischen\nAllerlei gelesen haben wirst, spielte auch an jenem Abende\nzwei Mal, zuerst Variationen von sich über ein Thema aus\nder Schweizerfamilie, dann die bekannten Variationen von\nMoscheies über den Alexander-Marsch. Die ausserordent-\nliche Fertigkeit dieses jungen Mannes setzt in Erstaunen;\ndoch scheint auch bei ihm, wie bei allen hiesigen jungen\nKünstlern, die ich bis jetzt hörte, die technische Ausbil-\ndung der geistigen vorgeschritten zu sein; er würde doch\nwohl sonst in einer Gesellschaft, in der nur Künstler zu-\ngegen waren, etwas Anderes und Gediegeneres als diese\nhalsbrechenden Kunststücke zu hören gegeben haben. Es\nist aber auffallend, wie Alles hier, Jung und Alt, nur da-\nnach strebt, durch mechanische Fertigkeit zu glänzen, und\nLeute, in denen vielleicht der Keim zu etwas Besserem\nliegt, ganze Jahre mit Aufbieten aller ihrer Kräfte dazu\nverwenden, ein einziges Musikstück, das als solches oft\nnicht den mindesten Werth hat, einzuüben, um dann öf-\nfentlich damit auftreten zu können. Dass bei solchem Ver-\nfahren der Geist getödtet werden müsse, und aus solchen\nLeuten nicht viel Besseres werden könne, als musicalische\nAutomaten, ist leicht begreiflich. Man hört daher auch in\nden hiesigen Musik-Gesellschaften selten oder nie ein ern-\nstes, gediegenes Musikstück, etwa ein Quartett oder Quin-\ntett von unseren grossen Meistern; Jeder reitet nur sein\nParadepferd vor; da gibt es nichts als Airs varies, Rondos\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5560, "texte": "favuris, Nocturnesund dergleichen Bagatellen mehr, und\nvon den Sängern Romanzen und kleine Duetten, und wenn\ndies alles auch noch so incorrect und fade ist, es verfehlt\nseine Wirkungen nie, wenn es nur recht glatt und süss\nvorgetragen wird. Arm an solchen niedlichen Kleinigkeiten,\nbin ich mit meiner ernsten deutschen Musik übel daran\nund habe in solchen Musik-Gesellschaften nicht selten das\nGefühl eines Menschen, der zu Leuten spricht, die seine\nSprache nicht verstehen; denn wenn ich auch manchmal\nvon diesem oder jenem Zuhörer das Lob, das er meinem\nSpiel zollt, mit auf die Composition ausgedehnt höre, so\ndarf ich darauf nicht stolz sein, da er gleich nachher die\ntrivialsten Sachen mit denselben Lobsprüchen begleitet.\nMan erröthet, von solchen Kennern gelobt zu werden.\nEben so ist es auch in den Theatern; der grosse, tonan-\ngebende Haufen weiss durchaus das Schlechteste vom Be-\nsten nicht zu unterscheiden; er hört mit demselben Ent-\nzücken Le jugement de Miclas,wie oder\nJoseph. Man braucht nicht lange hierzu sein, um der schon\nöfter ausgesprochenen Meinung beizutreten, dass die Fran-\nzosen ein unmusicalisches Volk sind. Selbst die hiesigen\nKünstler sind dieser Meinung, und antworten mir oft, wenn\nich in dieser Beziehung von Deutschland rede: Ja, dort\nliebt und versteht man hier nicht. So wird es auch\nerklärlich, wie in Paris eine herrliche Musik zu einem\nschlechten Theaterstücke durchfallen und eine erbärmliche\nMusik zu einem guten grosses Glück machen kann. Dies\nhat mir nun auch schon alle Lust geraubt, für eines der\nhiesigen Theater zu schreiben, wie ich früher wohl sehr\ngewünscht habe; denn abgerechnet, dass ich hier wie ein\njunger Componist von vorn anfangen müssle, da man von\nmeinen Compositionen bis auf einige Violinsachen noch\nwenig oder nichts kennt; abgerechnet ferner, dass ich mich\ndurch tausend Cabalen, die sich gegen mich als Fremden\ndoppelt furchtbar erheben würden, durchzuarbeiten hätte,\nbis ich mein Werk zur Aufführung bringen könnte, so\nwäre ich am Ende mit dem Bevvusstsein, gute Musik ge-\nschrieben zu haben, doch des Erfolges noch nicht gewiss,\nder hier, wie gesagt, fast allein vom Stücke abhängt. Man\nsieht dies schon aus den Beurtheilungen neuer Opern in\nden hiesigen Journalen, wo von dem Texte Seiten lang die\nBede ist und der Musik nur mit ein paar Worten im Vor-\nbeigehen erwähnt wird. äre es nicht so lucrativ, für die\nhiesigen Theater zu schreiben, so würde sich schon längst\nkein guter Componist mehr dazu hergegeben haben. So\naber, bei dem bedeutenden Gewinne, den eine Oper, wenn\nsie gefällt, auf die ganze Lebenszeit einträgt, entstehen fast\ntäglich neue Werke; Dichter und Componist sinnen unauf-\nhörlich auf neue Effecte, versäumen darüber aber nicht,\ndas Publicum durch die Journale Monate lang zu bearbei-\nten, sorgen am Abende der Aufführung für eine gehörige\nAnzahl Klatscher im Parterre,- um durch alles dieses ihrem\nWerke eine brillante Aufnahme und sich durch diese oft\nwiederholten Aufführungen am Ende reiche Einnahmen\nzu verschaffen. Wäre in Deutschland auch nur halb so viel\nmit einer Oper zu gewinnen, so würden wir bald eben so\nreich an vorzüglichen Theater-Componisten sein, wie wir\nes jetzt an Instrurnental-Componisten sind, und man würde\ndann nicht mehr nölhig haben, das Fremde aul unsere\nBühnen zu verpflanzen, das der Kunstbildung der Deut-\nschen grösstentheils so unwürdig ist.\nDass wir nun nach einem dreiwöchentlichen Aulent-\nhalte die Theater alle und wiederholt besucht haben, ver-\nsteht sich von selbst. Ich bin doppelt froh darüber, da sich\njetzt bei vermehrter Bekanntschaft die Engagements für\nMittag und Abend so gehäuft haben, dass wir in den näch-\nsten vierzehn Tagen wohl nur wenige Abende dem Ihea-\nter werden widmen können. Vom Theätre franqais, dem\nOdeon und den vier kleinen Theatern schreibe ich Dir\nnicht, weil sie in musicalischer Hinsicht nichts Bemerkens-\nwerthes darbieten. In den beiden ersten hört man nur\nEntr'acts und in den zwei anderen fast nichts als Vaude-\nvilles. Dass diese Gattung von Theaterstücken (die, Apoll\nund den Musen sei es gedankt, bis jetzt noch in kein an-\nderes Land verpflanzt worden ist) hier so sehr geliebt wird,\ndass vier Theater sie fast ausschliesslich geben, beweis't\nwohl am bündigsten, dass die Franzosen unmusicalisch sind;\ndenn ärger kann die heilige Kunst nie und nirgends ge-\nmissbraucht werden, als in diesen Gesängen, die w7eder ge-\nsungen noch gesprochen, sondern in Intervallen herausge-\npoltert werden, die mit der vorgeschriebenen Melodie und\nder sie begleitenden Harmonie im vollsten Widerspruche\nsind. Es sind auch alle Franzosen von Geschmack einver-\nstanden, dass diese Vaudevilles, die früher nur in Einem\nTheater gegeben wurden, durch ihre Vermehrung den Sinn\nfür wahre Musik immer mehr ersticken und daher aul die\nKunstbildung sehr nachtheilig einwirken. W ir haben diese\nTheater jedes Ein Mal besucht, um die berühmten Komi-\nker Brunet, Pothier und Perlet kennen zu lernen, werden\nuns aber wohl zu keinem zweiten Besuche entschliessen\nkönnen, da der Genuss, den jene Künstler durch ihren\nWitz und ihre unerschöpfliche Laune gewähren, durch das\nAnhören so schlechter Musik zu theuer erkauft wird. Merk-\nwürdig war mir in diesen Theatern die Geschicklichkeit\nder Orchester, mit der sie dem Sänger, der sich nicht im\nMindesten an den Tact und die Geltung der Noten bindet,\nzu folgen wissen. Dieses ist aber auch ihr grösstes Ver-\ndienst; im Uebrigen sind sie ziemlich mittelmässig. Das\nitaliänische Theater haben wir aber öfter besucht und man-\nchen Kunstgenuss dort gehabt. Gestern sahen wir endlich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5479, "texte": "denn auch Don Juan, nachdem er ziemlich lange ausge-\nsetzt war. Das Haus war wieder, wie bei den früheren\nAufführungen, überfüllt, und Hunderte von Menschen\nkonnten schon eine halbe Stunde vor Anfang keinen Platz\nmehr finden. Ich wurde versucht, zu glauben, die Pariser\nhätten nun endlich die classische Vortrefflichkeit dieses\nWerkes begriffen und drängten sich in immer grösserer\nMenge herbei, um es zu gemessen; diese Meinung gab ich\naber bald wieder auf, wie ich sah, dass die herrlichsten\nNummern der Oper, das erste Duett, das Quartett, das\ngrosse Septett und so manches Andere, ohne Eindruck auf\nsie zu machen, vorüberging, und nur zwei Nummern rau-\nschenden Beifall erhielten, der überdies mehr den Sängern\nals dem Componisten galt. Diese zwei Nummern, die je-\ndesmal da capoverlangt wurden, waren das Duett zwi-\nschen Don Juan und Zerline: „Reich' mir die Hand, mein\nLeben\", und die Arie des Don Juan: „Treibt der Cham-\npagner\" , ersteres, weil es Herrn Garcia an Tiefe fehlt, in\nb, und letzteres gar einen ganzen Ton höher, in trans-\nponirt. Madame Mainville-Fodor, die wohl gewusst hat,\ndass die Gesangstücke der Zerline den Parisern mehr wie\nalles Uebrige der Oper gefallen würden, wählte sich wohl-\nweislich diese Rolle, und der Erfolg hat bewiesen, dass sie\nrichtig calculirte. Was kümmert sie, dass die Oper nun\nganz verkehrt besetzt worden ist, wenn ihr nur rauschen-\nder Beifall zu Theil wird! Diesen kann ihr der Kenner aber\nnur dann zollen, wenn er vergisst, dass sie die Rolle eines\nBauernmädchens gibt, wenn er ganz auf Wahrheit der\nDarstellung Verzicht leistet. Denn sie schmückt die einfa\nchen Gesänge ihrer Partie mit einer Menge hochtrabender\nVerzierungen aus, die, so herrlich sie sie auch ausführt, ..\ndoch hier doppelt verwerflich sind, erstlich, weil sie in Mo-\nzart'sche Musik überhaupt nicht hinein gehören, und zwei-\ntens, weil sie dem Charakter der Rolle nicht angemessen\nsind. Di ese abgerechnet, gewährt es freilich einen unge- 1\nwohnten Genuss, diese Partie, die in Deutschland gewöhn-\nlich durch die dritte Sängerin besetzt ist, hier von der er-\nsten und einer so ausgezeichneten singen zu hören. Herr\nGarcia als Don Juan that des Guten auch zu viel. Wo es\nnur sich einiger Maassen schicken will, ist er gleich mit\neiner ellenlangen Verzierung bei der Hand. Am unschick-\nlichsten sind diese in dem Ständchen, wo die figurirte Man-\ndolinbegleitung auch die allereinfachste verbietet. Nichts j\ndesto weniger läuft er die Kreuz und Quer herum, und um\ndieses bequemer zu können, lässt er das Tempo recht lang-\nsam nehmen. Dafür singt er aber seine Arie: „Treibt der\nChampagner\", unvergleichlich, und ich gestehe, diese Arie\nnoch nie so gut gehört zu haben. Es kommt ihm dabei die\ngeläufige italiänische Zunge sehr zu Statten, und anstatt\ndass unseren deutschen Sängern gewöhnlich der Athem\ndabei ausgeht, steigert sich bei ihm die Kraft bis zum\nSchlüsse.\nDie übrigen Rollen sind mehr oder weniger gut be-\nsetzt, keine aber schlecht, und man muss es mit Dank an-\nerkennen, dass Jeder sein Möglichstesthut, um dem Werke\nEhre zu machen. Man kann auch mit der Aufführung sehr\nzufrieden sein, sobald man vergisst, zu welchen Ansprüchen\nman bei einem so berühmten Künstler-Vereine berechtigt\nist. So viel wird einem Deutschen aber doch bald klar, dass\ndiese Sänger, welche die neue italiänische, besonders Ros-\nsini'sche, Musik in höchster Vollendung geben, die Mozart\"-\nsche nicht mit gleicher Trefflichkeit executiren können; die\nGattung ist gar zu verschieden. Der weichliche, süssliche\nVortrag, der bei jener ganz an seinem Platze ist, verwischt\nhier zu sehr den energischen Charakter, der dem Don Juan\nvor allen anderen Mozart'schen Opern eigensst.\nDas Orchester, das die Pariser immer das erste der\nWelt nennen, gab an diesem Abende doch einige Blos-\nsen. Erstlich fehlten die Blas-Instrumente zwei Mal recht\nauffallend, und zweitens schwankte es mehrere Male so,\ndass der Direktor zum Tactschlagen seine Zuflucht nehmen\nmusste. Ich bin von Neuem in der Ueberzeugung bestärkt\nworden, dass ein Theater-Orchester, sei es auch noch so\nvortrefflich, wegen der weiten Entfernung der beiden äus-\nserten Enden nicht anders als durch unausgesetztes Tact-\ngeben dirigirt werden sollte, und dass es nichts taugt,\nwenn der Director selbst mitspielt, auch dann nicht, wenn\ner, wie Herr Grasset, durch Bewegungen des Körpers\nund der Geige fortwährend den Ton markirt. Im Uebri-\ngen ist dieses Orchester wegen der Discretion, mit der es\nden Gesang begleitet, mit Recht berühmt und könnte dar-\nin den übrigen pariser, so wie manchem deutschen zum\nMuster dienen.\nAuch der Chor ist vortrefflich und war beim Schluss-\nAllegro des ersten Finale von besonders kräftiger, herr-\nlicher Wirkung. Warum wurde aber auch hier, wie fast\nallenthalben, dieses Allegro wieder so unmässig schnell\ngenommen? Bedenken denn die Directoren gar nicht, dass\nsie dadurch die Kraft nur lähmen, anstatt sie zu steigern,\nund dass die Triolen-Figuren der Geigen, die den breiten\nMassen erst Leben und Bewegung geben müssen, bei so\nrasend schneller Bewegung gar nicht mehr deutlich und\nkräftig herausgebracht werden können, und man am Ende\nstatt des lebendigen Ganzen nur skelettirte Umrisse ohne\nAusfüllung zu hören bekommt?!\nWenn man so einem herrlichen Musikstücke durch\nfalsches Tempo seinen Effect schmälern hört, wird von\nNeuem der Wunsch rege, dass doch endlich die Bezeich-\nnung der Tempi auf Mälzel'sche oder Weber'sche Weise\n(oder besser noch auf beide zugleich) allgemein werden"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 152, "texte": "möchte. Freilich müssen die Directoren sich dann auch\ngewissenhaft danach richten und nicht, wie jetzt, ihrem\neigenen Gefühle unbedingt folgen wollen*)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-02-11-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-02-11_01#c004", "volume": "bmtnabi_1860-02-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "54", "page_fin": "54", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.2.3", "titre_corps": "Ein vielleicht unbekanntes Curiosum von Haydn.", "titre_sommaire": "Ein vielleicht unbekanntes Curiosum von Haydn.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.6", "debut_caractere": 154, "fin_caractere_exclue": 1251, "texte": "Ein vielleicht unbekanntes Curiosum von Haydn.\nHaydn, der so oft in seinen Instrumentalwerken den\nScherz und Humor hat sprudeln lassen, hat auch einmal\neinen solchen Scherz für die Violine geschrieben in einem\nso genannten „Glockenspiel\", d.h. Quintett für Vio-\nline solo, drei Gläser in D, Fis, A und Bass. Die Vio-\nline stimmt ihre zwei tiefsten Saiten einen ganzen Ton hö-\nher und ihre höchste Saite umgekehrt einen ganzen Ton\ntiefer, also Stimmung: A E A D.Dass auf diese Weise\nder Violinspieler unter seinen Griffen nyn zumeist ganz\nandere Töne zu hören bekommt, als gewöhnlich, dass\numgekehrt der blosse Anblick der oft ziemlich verwirr-\nten Tonschrift ihn irre zu führen droht und ihn wirklich\nauch irre führt, sobald er im Geringsten unterlässt, ihr\nganz genau und streng zu folgen, mag aus folgendem\nPröbchen klar werden:\nDas Ganze besteht aus sechs Sätzen: Allegro moderato,\nMenuetto, Andante, Ilanaelce (Hanackisch, böhmische\nTanzweise), Masurisch, Presto.\n*) Aus Alexander Ma 1i b r an1 s: „Louis Spoli r. Sein Le-\nben und Wirken. < Frankfurt am Main. J. D. Sauerländer's\nYerlag. 1860."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-02-11-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-02-11_01#c007", "volume": "bmtnabi_1860-02-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "54", "page_fin": "55", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.2.4", "titre_corps": "Das älteste (indische, chinesische) Fünfton-System", "titre_sommaire": "Das älteste (indische, chinesische) Fünfton-System", "signature_source": "Louis Kindscher", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.6", "debut_caractere": 1253, "fin_caractere_exclue": 2186, "texte": "Das älteste (indische, chinesische) Fünfton-System\n\nDieses System, welches der Stufenfolge nach bekannt-\nlich die drei und zwei Ob ertasten des Ciaviers am deut-\nlichsten versinnlichen, findet sich auch sonderbar genug,\nwie bereits in meinem Berichte in Nr. 32 der vorjährigen\nNiederrheinischen Musik-Zeitung erwähnt wurde, in eini-\ngen Volksliedern von Schottland (Llcbriden-Inseln) vor.\nIn jener Nummer war bloss ein chinesischer Hymnus und\nein Air chinoisaus Rousseau\nüber welches Thema, beiläufig gesagt, C. M. v. Weber\neine Ouvertüre zu Schiiler's Turandot geschrieben hat\ngegeben; möge nun hier nachträglich auch noch ein\nschottisches Lied folgen, welches in der von Beethoven\ngemachten Bearbeitung schottischer Lieder - für eine\nSingstimme mit Begleitung von Violine und Violoncell, Ber-\nlin, Schlesinger, Lieferung 1., Nr. 5 enthalten ist. An-\nfangend: Dim, dim is my eye u. s. w. Man spiele es im\nBassschlüssel aus Fi-s-dur."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 409, "texte": "Dieses System, obschon es, gegen unser heutiges ge-\nhalten, lückenhaft und unvollständig erscheint, gibt nichts\ndesto weniger doch völlig hinreichenden Raum zu vorste-\nhender wunderliebUcher Volksmelodie *). Sehr wahr-\nscheinlich aber hat dieses älteste Ton-System seine volle\nund resp. nächste Ergänzung im späteren griechischen,\nd. h. in den so genannten Kirchen-Tonarten gefunden.\nGöthen.\n\nLouis Kindscher."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-02-11-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-02-11_01#c009", "volume": "bmtnabi_1860-02-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "55", "page_fin": "56", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.2.5", "titre_corps": "Concert zum Vortheil des kölnischen Orchesters am 17. Januar. – Siebentes Gesellschafts-Concert am 31. Januar.", "titre_sommaire": "Concert zum Vortheil des kölnischen Orchesters am 17. Januar. – Siebentes Gesellschafts-Concert am 31. 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Gade's Instrumental-\nMusik ist Gemälden vergleichbar, deren Zeichnung und Umrisse\nzwar correct sind, aber nicht eben von bedeutender Erfindung oder\ngenialem Schöpfer-Talent zeugen, die aber trotzdem durch die Far-\nbengebung und Beleuchtung einen solchen Reiz erhalten, dass man\nsie gern betrachtet und auch sogar gern zu ihnen zurückkehrt, wenn\nnämlich das Gemüth des Beschauers (oder Hörers) gerade in einer\nStimmung ist, welcher die alleinige Wirkung des Colorits und seines\nDuftes genügend wohl thut. Wäre der Name neuerdings nicht in\nMisscredit gekommen, so könnte man bei Gade weit eher von sym-\nphonischer Dichtung sprechen, als bei — Anderen. Daher ist denn\nauch bei dieser Musik das Hören derselben bei Weitem notwendi-\nger, als bei der Musik anderer Meister; beim Lesen der Partitur\noder am Clavier verschwindet ein grosser Theil ihrer Vorzüge, und\ndie Eigentümlichkeit Gade's reducirt sich dann hauptsächlich auf\nden Rhythmus und einige volksmässig charakteristische Motive.\nDass er dabei, wie diese seine neueste Sinfonie beweis't, doch nicht\nin Manier verfällt, ist ihm immerhin hoch anzurechnen, da die Ver-\nführung dazu sehr nahe liegt. Der originellste Satz des neuen Wer-\nkes ist unstreitig das Alegro moderato e energico in B-dur, 3 4-Tact,\ndas die Stelle des Scherzo's zwischen dem Andante sostennto in D-\ndur und dein tina'e Allegro vivace e animato in G-moll, 2/4-Tact\n(dem längsten Satze der Sinfonie), einnimmt. Dass überall die In-\nstrumentirung eine Haupt-Ursache der einnehmenden Wirkung ist,\ngebt aus dem oben Bemerkten schon hervor. Den Ruhm, den Ber-\nlioz bei den Franzosen durch die Kunst der Anwendung der Klang-\nEfFecte erlangt hat, können wir in noch höherem Grade für Gade\nin Anspruch nehmen, zumal, da letzterer durch diese Kunst mehr\nrein musicalische Wirkungen erzielt im Gegensatze der Programm-\nVei tonung Berlioz's.\nEin Glanzpunkt des Abends war das mehrmalige Auftreten des\nköniglich hannoverischen Concert-Directors Herrn Jos. Joachim,\nEr spielte das Concert von Mendelssohn (es scheint beinahe, als\ngebe es keine andere Violin-Concerte mehr, als zwei, das von Beet-\nhoven und das von Mendelssohn! Warum greift man nicht auf Spohr,\nRode, Viotti zurück? Wir bemerken dies im Allgemeinen, nicht in\nbesonderer Beziehung auf Joachim, der Mendelssohn's Concert hier\nnoch nie, wohl aber früher eines von Viotti und die Gesangscene\nvon Spohr gespielt bat), ferner Tartin Ts Teufels-Sonate und zwei\nStücke von J. S. Bach —Alles mit jener künstlerischen Sicherheit\nund dem energischen Vortrage, der den Meister kennzeichnet. Nur\ndas Tempo des letzten Satzes vom Concerte hätten wir massiger\ngewünscht, da zumal in dem kolossalen Saale, der keinem\nSolo-Instrumente ganz günstig ist - bei zu grosser Schnelligkeit\ndie Deutlichkeit der Passagen und die feinere Nuancirung derselben\nleidet.\nDas siebente Gesellschaft s-C oncert, Dinstag den 33.\nJanuar, hatte folgendes Programm:\nErster Theil. 1. Ouvertüre zu einem Trauerspiel, Op. 18. von\nWoldemar Bargiel (neu). 2. Arien und Chöre aus Gluck's\nOrpheus (Früul. Jenny Meyer aus Berlin). 3. Sinfonie Nr. IV.,\nB-dur, von Beethoven. Zweiter Theil. 4. Pianoforte-Con-\ncert in C-moll von Beethoven (Herr Alfred Jaell, königlich\nhannoverscher Hofpianist). 5. Salve licgi na für vierstimmigen Chor\na capella von M. Hauptmann. 6. Variationen von Händel, Wal-\nzer von Chopin, Home, sweet kome von Jaell für Piano'forte\nallein (A. Jaell) 7. Scene aus Bellini's Romeo und Julie (Fräul.\nJ. Meyer). 8. Ouvertüre zu Ruy Blas von Mendelssohn.\nDie Ordnung konnten wir nicht billigen; aus mehr als Einer\nRücksicht gehörte das Clavier-Concert an den Schluss des ersten\nund die Sinfonie an den Schluss des zweiten Theiles, der mit Men-\ndelssohn's Ouvertüre beginnen konnte. Die Aufnahme der Scene aus\nBellini's Romeo (I. Act), ohne Recitative des Capulet und Tibaldo\nund ohne Chor zusammengeschoben, hätte auch nicht zugegeben\nwerden sollen. Im Arrangement aus Orpheus war die Arie in C-dur\n(C!i3 farö sensa Euridice) vor der Scene im Tartarus (mit dem\nFurienchor) gar nicht an ihrer Stelle, die Zugabe des reizenden\nChors aus der Scene im Elysium aber als Schluss zweckmässig und\neindrucksvoll.\nDie Ouvertüre von Bargiel zeigte, wie frühere Werke dessel-\nben, das bedeutende Talent des Componisten und wurde mit Aner-\nkennung aufgenommen. Bei der Ausführung derselben und der IV.\nSinfonie von Beethoven zeichnete sich das Orchester aus, wie\ndenn der gute Einfluss der wöchentlich zweimaligen Proben in die-\nsem Winter auf das Zusammenspiel und den Ausdruck sehr bemerk-\ni\nbar ist, während das Spielen im Theater eben nicht zur Förderung\ndes künstlerischen Vortrags, sondern eher zum Gegentheil beitrug.\nFräulein Jenny Meyer von Berlin genügte strengeren Anfor-\nderungen nur in dem Vortrage der ersten Strophe des Gesanges, mit\nwelchem Orpheus die Furien zu erweichen sucht. Die Stimme ist\nvoll und wohlklingend, allein es fehlt dem Vortrage an Innigkeit\nund Wärme; er bleibt monoton von Anfang bis zu Ende, und wo\ndie Sängerin dramatischen Ausdruck hineinlegen will, wie z. B. bei\nder Romeo-Scene von Bellini, wendet sie dazu Mittel an, die einer\nunkünstlerischen Schule angehören, wozu das Anhalten der Töne\nüber den Tact hinaus und ein unrichtiges Portamento zu rechnen\nsind. Auch auf die Aussprache, namentlich in Bezug auf die Quan-\ntität der Vocale, dürfte mehr Sorgfalt zu wenden sein. Die Arie des\nOrpheus in C-dur wurde ganz und gar im Tempo und in der Auf-\nfassung vergriffen, indem vom Vivace cou disperazione und von dem\nebenfalls vorgeschriebenen viermaligen Wechsel des Tempo's nicht\ndie Rede war.\nHerr Alfred Jaell hat mit ausserordentlichem Erfolg, den er\nauch vollkommen verdiente, gespielt. Seine Leistungen als vollende-\nter Beherrscher der Technik dürften, besonders in den Tonleitern.\nTrillern und Terzengängen, schwerlich von einem Pianisten über-\ntroffen werden, während sein Anschlag den feinsten Schattirungen\ndes Vortrags gerecht wird. Er hat aber ausser diesen eminenten\nVorzügen als Spieler durch den edeln, ruhigen und ausdrucksvollen\nVortrag des C-moll-Concertes von Beethoven und der reizenden Va-\nriationen von Händel sich auch als Künstler und Musiker bewährt,\nder die Virtuosität nicht als Zweck, sondern nur als unentbehrliches\n\n*) Auch existirt eine Clavicr-Etude (von Döhler? , in welcher die\nrechte Hand sich lediglich in den fünf Obertasten bewegt."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 304, "texte": "Mittel betrachtet, den höheren Forderungen der Kunst zu genügen\nund den Geist der Composition wiederzugeben. Es ist diese Rich-\ntung bei Herrn Jaell um so mehr anzuerkennen und hervorzuheben,\nals er in den ersten Jahren nach seiner Rückkehr aus America in\ndieser Hinsicht Manches zu wünschen übrig liess."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-02-11-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-02-11_01#c010", "volume": "bmtnabi_1860-02-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "56", "page_fin": "56", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.8", "debut_caractere": 306, "fin_caractere_exclue": 4761, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nOrefeld, 27. Januar. Das dritte Abonneinents-Concert des\nSing-Vereins unter Leitung des Musik-Directors Herrn YVolff hin-\nterliess einen befriedigenden Eindruck. Die Ouvertüre zu Oberon\nvon C. M. von Weber war ganz geeignet, durch die feurige und\npräcise Ausführung die Zuhörer einzunehmen. Das Solospiel war in\nausgezeichneter Weise durch einen jungen Künstler, den wir hier\nzum ersten Male hörten, vertreten. Herr Concertmeister Maximi-\nlian Wolff aus Frankfurt a. M trug das Violin-Concert von F.\nMendelssohn-Bartholdy mit vorzüglicher Technik, mit jenem glatten,\nreinlichen Spiel vor, welches die Zuhörer zu stürmischem Applaus\nherausforderte. Ausserdem erfreute uns Herr Wolff noch durch eine\nPhantasie für Violine und Orchester über ein Thema von Haydn\nvon Leonard. Der Künstler verstand es, durch edlen und gediegenen\nVortrag, wie durch grossen, breiten Ton bei den Kraftstellen dem\nZuhörer einen hohen Genuss zu bereiten. Es folgte ein Duett lür\nzwei Sopranstimmen aus der Oper Jessonda von Spohr, das lebhaf-\nten Beifall erhielt. Den Schluss der Abtheilung bildete der Gesang\nder Geister über den Wassern von Göthe, componirt für\nChor und Orehester von Hill er. In dieser Composition, welche sich\ninnig dem Texte anschmiegt, erscheint Hiller als ein Meister, der\nnicht gewohnt ist, sieh auf der Oberfläche zu bewegen. Sein eigent-\nliches Element ist die Tiefe, und eben darum ist er auch stets des\nErfolges gewiss. Der Sing-Verein trug den herrlichen Gesang in\nwürdiger Weise vor mit Weichheit und Kraft des Gesammttones, so\nwie mit grosser Präcision Der zweite Theil des Concertes wurde\ndurch die Pastoral-Sinfonie von Beethoven ausgefüllt. Die Aus-\nführung war höchst gelungen und eine der besten Leistungen des\nOrchesters.\nAm 3. Februar gab Herr Maximilian Wolff noch eine Soiree\nfür Kammermusik, worin er die erste Violine im Cr-mo//-Quartett\nvon Mozart und im jF-c/w?*-Quartett von Beethoven spielte, aus-\nserdem Bach's Ciaconna und einige andere Solostücke, auch eine\nKomanze von eigener Composition vortrug.\n*\nJFraifilkffaavt MV Ein Morgen-Concert gab in vergangener\nWoche Herr Joseph Eppich, der am hiesigen Stadttheater meh\nrere Jahre lang der Liebling des Publicums gewesen, dann wegen\nErkrankung ins Privatleben zurücktreten musste, und zum Zeichen\nseiner Genesung und wiedererlangten organischen Kräfte sich nun\nim Concerte dem Publicum mit dem besten Erfolge vorführte. Be-\nsonders schön und mit markigem Timbre trug er die Arie des Jo-\nseph aus „Joseph in Aegypten\" von Mehul und ein Lied: ~Der ster-\nbende Trompeter\", vor. Er wurde am Schlüsse gerufen. Unterstützt\nwurde er von mehreren seiner früheren Collegen, Herrn Concertmei-\nster Straus u. s. w., und dem ganzen Orchester. Der grosse Saal\nwar gedrängt voll.\nAstefii2äeiiÄi. Das Comite für das siebente allgemeine\nMusikfest der „Gesellschaft zur Beförderung der Tonkunst\" hat\nfolgendes Programm festgestellt:\nl)onn e rstag Abends den 9. August: 1. Preis-Sinfonie\nvon J. J. II« Verhülst, Op. 40 (im Jahre 1846 durch die „Ge-\nsellschaft\" gekrönt). 2t Samson. Oratorium von Händel.\nFreitag Abends den 1'! August:\"!. Ouvertüre und ein-\nleitender Chor zu Vondel's Trauerspiel „Lucifer\" von J. A. van\nEyken, Op. 40 (1852 durch die ~Gesellschaft\" prämiirt). 2.\nLorelei, für Solo, Chor und Orchester von Ferdinand Hiller,\nop4 7(1. —B. „Elia op Horch\", Gedicht von N. Beets, Musik von\nF. Coenen (1857 prämiirt). 4. „Lobgesang\", Sinfonie-Can-\nta t e von F. Mendelssohn-Bartholdy, Op. 52.\nSamstag Morgens den 11. August: Künstler-Coneert, Aus-\nserdem Psalm 81 (holländischer Text von Dr. J. P. Heije, Musik\nvon J. J. H. Verhülst) und eine noch näher zu bestimmende S in-\nfonie von Beethoven (wahrscheinlich Nr. VII.).\nFür das Comite: W. Taets van Amerongeu, Vorsitzender\nder technischen ( ommission. J. M. J, Engelberts, Schriftführer.\nDas erste der von Herrn Jerrahn veranstalteten\nphilharmonischen Concerte brachte die achte Sinfonie (.b-dur) von\nBeethoven, Spohr's Jessonda-Ouverture, die „Vrdudes\" von Liszt\nund Verdi's Ouvertüre zur Siciüanischen Vesper. Der Pianist Arthur\nNapoleon trug mehrere Ciavierstücke vor.\nNach Berlin. Da ich von Herrn Hof-Musikhändler Bock auf\nvier Briefe binnen länger als Jahresfrist wegen des Honorars für\nin seinem besonderen Auftrage gelieferte Arbeiten keine Zeile erhal-\nten habe, so fordere ich ihn hiermit auf, mir endlich Antwort zu\nertheilen.\nCöthen, den 2. Februar 1860.\nLouis Kindscher, Musiklehrer am Seminar."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nSpohr über Paris im Winter 1820 und 1821. Aus A. Malibran's: „Louis Spohr. Sein Leben und Wirken\". Ein\nvielleicht unbekanntes Curiosum von Haydn. Das älteste (indische, chinesiche) Fünfton-System. Von Louis Kindscher. Concert\nzum Vortheil des kölnischen Orchesters am 17. Januar. - Siebentes Gesellschafts-Concert am 31. Januar. Tages- und Unter-\nlial tun gs bJ att (Crefeld, Abonnements-Concsrt, Soiree - Frankfurt a. M. Arnheim, Musikfest-Programm Boston).\n\nSpohr über Paris im Winter 1820 und 1821.\nI.\nParis, den 18. December 1820.\nMit klopfendem Herzen fuhr ich durch die Bar-\nriere von Paris; der Gedanke, dass mir nun die Freude\nzu Theil werden würde, die Künstler persönlich kennen\nzu lernen, deren Werke mich schon in meiner frühesten\nKindheit begeistert hatten, erregte diese lebhafte Bewe-\ngung in mir. Ich versetzte mich in Gedanken in die Zeit\nmeiner Knabenjahre zurück, wo Cherubini mein Idol war,\ndessen Werke ich in Braunschweig durch das damals dort\nbestehende französische Theater früher kennen zu lernen\nGelegenheit fand, als selbst die Mozart'sehen; ich erinnerte\nmich lebhaft der Abende, wo die zum er-\nsten Male gegeben wurden, wie ich ganz trunken von dem\ngewaltigen Eindrucke, den dieses Werk auf mich gemacht\nhatte, mir noch am Abende die Partitur geben liess und\ndie ganze Nacht darüber sass, und wie es hauptsächlich\ndiese Oper war, die mir den ersten Impuls zur Compo-\nsition gab. Den Schöpfer derselben und noch mehrere an-\ndere Männer, deren Werke auf meine Ausbildung als\nComponist und Geiger den entscheidendsten Einfluss ge-\nhabt haben, sollte ich nun bald sehen.\nWir waren daher auch kaum unter Dach gekommen,\nals ich es mein erstes Geschäft sein liess, mehrere dieser\nKünstler aufzusuchen. Von allen wurde ich freundlich\nempfangen, und zwischen mir und mehreren entspann sich\nbald ein freundschaftliches Verhäitniss. Von Cherubini war\nmir gesagt worden, er sei im Anfange gegen Fremde zu-\nrückhaltend, ja, finster; ich fand ihn nicht so. Er empfing\nmich, ohne dass ich eine Empfehlung gebracht hätte, auf\ndas freundlichste und lud mich ein, meinen Besuch, so oft\nich wollte, zu wiederholen.\nAm Abende unserer Ankunft führte uns Kreutzer in\ndie grosse Oper, wo ein Ballet mit lieblicher, charakteristi-\nscher Musik von ihm, „Der Carneval von Venedig\" , gege-\nben wurde. Sängern und Tänzern der grossen Oper merkt\nman es an, dass sie gewohnt sind, sich in einem grösseren\nLocale zu bewegen; sie tragen für diesen, im Vergleiche\nmit dem verlassenen Opernhause sehr beschränkten Raum\nviel zu grell auf. Mehrere grosse Opern, namentlich die\nGluck'schen, können jetzt gar nicht gegeben werden, da\nman nicht einmal den nöthigen Platz für das ganze Or-\nchester hat ausmitteln können. Daher hofl't man sehnlichst\nauf die Vollendung des neuen Opernhauses, das aber doch,\nso thätig man auch daran arbeitet, vor Mitte des Sommers\nnicht fertig werden wird. Vor dem Ballet wurde die Oper\n„Le devin du Vittageu, Text und Musik von Rousseau,\ngegeben. Soll man es loben oder tadeln, dass die Franzo-\nsen neben dem vielen Vorzüglichen, wodurch ihre Opern-\nRepertoire in den letzten zwanzig Jahren bereichert wor-\nden sind, noch immer die allerältcsten Sachen geben, und\nist es woh! ein Zeichen eines fortgeschrittenen, ausgebilde-\nten Kunstgeschmacks, wenn man sie die ältesten Opern\nvon Gretry in ihrer harmonischen Armuth und Incorrect-\nheit mit eben dem Enthusiasmus, oder wohl noch grösse-\nrem, aufnehmen sieht, als die Meisterwerke von Cherubini\nund Mehul? Mir scheint das nicht so. Wie lange ist es\nnicht schon her, dass die Opern von Hiller und Ditters-\ndorf und Anderen jener Zeil von unseren Rcpertoiren ver-\nschwunden sind, obgleich diese ihrem inneren musicalischen\nWerlhe nach den meisten Gretry'sehen weit, weit vorzu-\nziehen sind! Freilich ist es auf der anderen Seite wieder\nsehr niederschlagend, dass bei uns nur das Neue, es sei\nnoch so fade und incorrect, Eingang findet und manches\nvortreffliche Aeltere darüber zurückgelegt und vergessen\nwird. Doch kann man es dem Kunstgeschmack der Deut-\nschen hoch anrechnen, dass die Mozart'schen Opern allein\neine Ausnahme davon machen und nun seit länger als\ndreissig Jahren fortwährend auf allen deutschen Theatern\ngegeben werden, weil es einen Beweis liefert, dass die"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.2", "texte": "deutsche Nation nun endlich von der unübertrefflichen\nVollkommenheit dieser Meisterwerke durchdrungen ist,\nund in dieser Ueberzeugung auch nicht irre werden wird,\nwenngleich das süsse musicalische Gift, das uns so reich-\nlich von jenseit der Alpen zulliesst, noch so weit um sich\ngreifen sollte.\nDas Orchester der grossen Oper zählt im Vergleich\nmit den übrigen Orchestern die meisten berühmten und\nausgezeichneten Künstler, soll im Ensemble aber dem der\nitaliänischen Oper nachstehen. Ich kann darüber noch nicht\nurtheilen, da ich bis jetzt nur dieses gehört habe. In dem\nBallet von Kreutzer, welches vom Orchester mit grosser\nGenauigkeit gespielt wurde, erfreute mich ein Oboe-Solo,\nwelches von Herrn Vogt meisterhaft vorgetragen wurde.\nDiesem Künstler ist es gelungen, seinem Instrumente eine\nvollkommene Gleichheit des Tones und der Intonation in\ndem ganzen Ilmfange von cbis zwei Mal gestrichen zu\ngeben, ein Bestreben, woran fast alle Oboisten scheitern.\nSein Vortrag ist überdies voll Grazie und Geschmack.\nW eiliger als das erste Mal habe ich mich vor einigen\nTagen in der grossen Oper erbaut. Man gab\nd'Jsis\". Nur zu gerecht sind die Klagen der Verehrer\nMozart's über die Umgestaltung der herrlichen „Zauber-\nllöte\" in dieses Machwerk, welches bei seinem Erscheinen\nvon den Franzosen selbst in „L umgetauft\nwurde. Man schämt sich, dass es Deutsche waren, die sich\nso an dem unsterblichen Meister versündigten. Es ist nichts\nunangetastet geblieben, als die Ouvertüre; a!les Uebrige\nist durch einander geworfen, verändert und verstümmelt.\nDie Oper fängt mit dem Schlusschor der Zauberllöte an;\ndann folgt der Marsch aus Titus, dann bald dieses, bald\njenes Bruchstück aus anderen Mozart'schen Opern, sogar\nauch ein Stückchen einer Haydn'schen Sinfonie. Dazwi-\nschen dann Recitative von des Herrn Lachnith eigener\nFabrik. Aerger aber als dieses ist es, dass die Bearbeiter\nvielen freundlichen, selbst komischen Stellen der Zauber-\nllöte ernsten Text untergelegt haben, wodurch die Musik\ndieser Stellen nun zur Parodie des Textes und der Situa-\ntion wird. So singt z. B. hier die Papagena die charakte-\nristische Arie des Mohren: „Allesfühlt der Liebe Freuden\",\nund das liebliche Terzett der drei Knaben: „Seid uns zum\nzweiten Mal willkommen\", wird von den drei Damen ge-\nsungen. Aus dem Duelt: „Bei Männern, welche Liebe\nfühlen\", ist ein Terzett geworden u. s. w. Am ärgsten ist\nes aber, dass man sich sogar Veränderungen in der Par-\ntitur erlaubt hat; so fehlt z. B. in der Arie: „In diesen\nheiligen Hallen\", bei der Stelle: „So wandelt er an Freun-\ndes Hand\", der nachahmende Bass:\nder hier nicht allein der Harmonie wegen unentbehrlich,\nsondern auch, auf das Wandeln deutend, so charakte-\nristisch ist, ganz und gar, und die Bässe schlagen statt\ndessen nur das h einige Mal an. Wie nüchtern und kahl\ndiese in Deutschland so oft bewunderte Stelle nun klingt,\nkannst Du Dir leicht denken. Ferner haben die Bearbeiter\nin den Gesängen der drei Damen, wo bei Mozart die dritte\nGesangstimme nur durch die Violinen verstärkt und ge-\nstutzt wird, auch Violoncells und Contrabässe gesetzt, so\ndass der Bass bei diesen zarten, nur dreistimmig gehalte-\nnen Stellen in drei verschiedenen Octäven liegt, was einem\ngebildeten Ohr unerträglich klingt. Und so gibt es solcher\nVersündigungen noch mehrere. Man muss den Franzosen\ndie Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass sie von je her\ndiese vandalische Verstümmelung eines grossen Meister-\nwerkes (die ihnen bei der Unbekanntschaft mit dem Ori-\nginal nicht einmal in ihrer ganzen Ausdehnung bekannt\ngeworden ist) entschieden gemissbilligt haben; aber wie\nkommt es, dass dieMi/steres dessenungeachtet seit 18 bis\n20 Jahren ruhig auf dem Repertoire bleiben, da doch hier\ndas Publicum, wie ich das täglich sehe, so despotisch im\nTheater regiert und alles durchzusetzen weiss, was es will?\nDie Aufführung konnte mir, als Deutschem, nicht ge-\nnügen. Selbst die Ouvertüre ging nicht so gut, als sie von\neinem so herrlichen Vereine vorzüglicher Künstler hätte\ngegeben werden können. Sic wurde zu schnell genommen\nund nach dem Ende zu noch mehr getrieben, so dass die\nGeiger zuletzt statt der Sechszehntheile nur Achtel spielen\nkonnten. Die Sänger der grossen Oper, die im deklamato-\nrischen Gesänge ihre grossen Verdienste haben mögen,\nsind wenig geeignet, die zarten Gesänge der Zauberllöte\nbefriedigend zu geben. Sie singen sie mit einer Derbheit,\ndie alles Zarte davon abstreift. Die Ausstattung an Deco-\nrationen, Garderobe und Tanz ist anständig, doch nicht so\nprächtig, als ich erwartet halle. Gestern besuchten wir\ndie grosse Oper zum dritten Male und sahen Clari, ein\ngrosses Ballet in drei Aufzügen, Musik von Kreutzer. So\nwenig ich auch das Ballet liebe, und so wenig mir selbst\ndas Pantomimische des Aufwandes von Kunstmitteln werth\nscheint, die hier daran verschwendet werden, so läugne\nich doch nicht, dass das pariser einige Mal, bis man durch\ndie Monotonie der mimischen Bewegungen und durch die\nnoch grössere der Tänze ermüdet ist, angenehm unterhal-\nten kann. Allein selbst so vollkommen gegeben, wie hier,\nerscheint mir die Pantomime in derArmuth ihrer Zeichen,\ndie immer erst einer gedruckten Erklärung bedürfen, ne-\nben dem recilircnden Schauspiel, wie ein Schaltenriss neben"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.3", "texte": "einer Zeichnung. Man möge ihn noch so sehr herausputzen\ndurch goldenen Grund, verzierte Umgebung (wie hier das\nBallet durch Pracht der Decorationen und Kleider), er gibt\nnur die Umrisse, und das Leben fehlt. So möchte ich auch\ndas Schauspiel neben der Oper einer Zeichnung neben\ndem Gemälde vergleichen. Durch den Gesang erhält\ndie Dichtung erst das Colorit, und nur ihm, un-\nterstützt von der Gewalt der Harmonie, gelingt\nes, die unnennbaren, bloss geahnten Regungen\nder Seele auszudrücken, welche die Sprache\nnur anzudeuten sich begnügen muss. Die Musik zu\nClari ist sehr gelungen und besonders im zweiten und drit-\nten Acte von hinreissender<Wirkung. Sie erleichtert durch\nrichtiges Ausmalen der Leidenschalten das Verstehen der\nHandlung sehr, und enthält einen Schatz lieblicher Melo-\ndieen, von denen zu bedauern ist, dass sie nicht einer Oper\nzu Theil geworden sind. Demoiselle Bigottini gab die\nHauptrolle und entwickelte ein tiefes Studium des Mienen-\nund Geberdenspiels. Dass sie den Ausdruck ihrer Gesichts-\nzüge bei höchst leidenschaftlichen Situationen bis zur Gri-\nmasse steigerte, mag wohl daran liegen, dass sie bisher\nimmer in einem grossen Locale auftrat, wo der Entfernung\nwegen stark aufgetragen werden musste. Vielleicht scheint\nes mir als Deutschem aber auch nur so; denn der Beifall\nwar nie lärmender, als wenn sie (für mein Gefühl) die\nGränze des Schönen und Graziösen überschritt.\nVor dem Ballet gab man „Le rossignol\", Oper in\neinem Acte, nach welcher die deutsche, von Weigl com-\nponirte Oper „Nachtigall und Rabe\" bearbeitet worden\nist. Die Musik der französischen ist unbedeutend und wurde\nmir nur interessant durch das von Herrn Tulou meister-\nhaft vorgetragene Flöten-Solo. Es ist unmöglich, einen\nschöneren Ton zu hören, als Herr Tulou seinem Instru-\nmente zu entlocken weiss. Seitdem ich ihn hörte, kommt\nes mir nicht mehr so unpassend vor, wenn unsere Dichter\nden Wohllaut einer schönen Stimme dem Flötentone ver-\ngleichen.\nII.\nParis, den 31. December 1820.\nVierzehn Tage, sehr genussreich, sind seit Abgang\nmeines ersten Briefes verflossen, und viel Schönes haben\nwir seitdem gesehen und gehört; doch muss ich mich für\njetzt begnügen, Dir nur von dem zu schreiben, was in\nnächster Beziehung zu meiner Kunst steht. Ich habe nun\nvor Künstlern und Dilettanten, Kennern und Laien, als\nGeiger und Componist debutirt, zuerst bei Herrn Baudiot,\nerstem Violoncellisten der königlichen Capelle, Tags darauf\nbei Kreutzer und seitdem noch in drei Gesellschaften. Bei\nden beiden Ersten waren fast nur Künstler gegenwärtig,\nbei Kreutzer besonders fast alle ausgezeichneten Compo-\nnisten und Geiger von Paris. Ich gab mehrere meiner\nQuartetten und Quintetten und am zweiten Tage mein\nNonetto zu hören. Die Componisten sagten mir viel Schö-\nnes über die Composition, die Geiger über mein Spiel. Von\nLetzteren waren Viotti, beide Kreutzer, Baillot, Lafont,\nHabeneck, Fontaine, Guerin und mehrere Andere, deren\nNamen in Deutschland nicht so bekannt sind, zugegen, und\nDu siehst wohl, dass es das Mal galt, und dass ich mich\nzusammennehmen musste, um meinen Landsleuten Ehre\nzu machen. Die Partieen der ßlas-Instrumente meines No-\nnetto's waren durch die fünf Künstler besetzt, von deren\nmeisterhafter Execution der Reicha'schen Quintetten Du\noft in den Berichten aus Paris gelesen haben wirst. Ich\nhatte die Freude, zwei dieser Quintetten von ihnen zu hö-\nren, behalte mir aber vor, Dir ausführlich darüber zu\nschreiben, wenn ich davon erst noch mehrere kennen werde.\nAuf allgemeines Verlangen der anwesenden Künstler muss-\nten wir mein Nonetto an demselben Abende noch einmal\nwiederholen; und hatten mich die Mitspielenden schon das\nerste Mal durch die Fertigkeit, mit der sie dieses schwere\nMusikstück a prima vistalasen, in Erstaunen gesetzt, so\nbefriedigten sie mich bei der Wiederholung noch weit mehr\ndadurch, dass sie nun in den Geist der Composition ein-\ndrangen und ihn wiedergaben. — Der junge Ciavierspieler\nHerz, von dem Du ebenfalls in dem pariser musicalischen\nAllerlei gelesen haben wirst, spielte auch an jenem Abende\nzwei Mal, zuerst Variationen von sich über ein Thema aus\nder Schweizerfamilie, dann die bekannten Variationen von\nMoscheies über den Alexander-Marsch. Die ausserordent-\nliche Fertigkeit dieses jungen Mannes setzt in Erstaunen;\ndoch scheint auch bei ihm, wie bei allen hiesigen jungen\nKünstlern, die ich bis jetzt hörte, die technische Ausbil-\ndung der geistigen vorgeschritten zu sein; er würde doch\nwohl sonst in einer Gesellschaft, in der nur Künstler zu-\ngegen waren, etwas Anderes und Gediegeneres als diese\nhalsbrechenden Kunststücke zu hören gegeben haben. Es\nist aber auffallend, wie Alles hier, Jung und Alt, nur da-\nnach strebt, durch mechanische Fertigkeit zu glänzen, und\nLeute, in denen vielleicht der Keim zu etwas Besserem\nliegt, ganze Jahre mit Aufbieten aller ihrer Kräfte dazu\nverwenden, ein einziges Musikstück, das als solches oft\nnicht den mindesten Werth hat, einzuüben, um dann öf-\nfentlich damit auftreten zu können. Dass bei solchem Ver-\nfahren der Geist getödtet werden müsse, und aus solchen\nLeuten nicht viel Besseres werden könne, als musicalische\nAutomaten, ist leicht begreiflich. Man hört daher auch in\nden hiesigen Musik-Gesellschaften selten oder nie ein ern-\nstes, gediegenes Musikstück, etwa ein Quartett oder Quin-\ntett von unseren grossen Meistern; Jeder reitet nur sein\nParadepferd vor; da gibt es nichts als Airs varies, Rondos\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.4", "texte": "favuris, Nocturnesund dergleichen Bagatellen mehr, und\nvon den Sängern Romanzen und kleine Duetten, und wenn\ndies alles auch noch so incorrect und fade ist, es verfehlt\nseine Wirkungen nie, wenn es nur recht glatt und süss\nvorgetragen wird. Arm an solchen niedlichen Kleinigkeiten,\nbin ich mit meiner ernsten deutschen Musik übel daran\nund habe in solchen Musik-Gesellschaften nicht selten das\nGefühl eines Menschen, der zu Leuten spricht, die seine\nSprache nicht verstehen; denn wenn ich auch manchmal\nvon diesem oder jenem Zuhörer das Lob, das er meinem\nSpiel zollt, mit auf die Composition ausgedehnt höre, so\ndarf ich darauf nicht stolz sein, da er gleich nachher die\ntrivialsten Sachen mit denselben Lobsprüchen begleitet.\nMan erröthet, von solchen Kennern gelobt zu werden.\nEben so ist es auch in den Theatern; der grosse, tonan-\ngebende Haufen weiss durchaus das Schlechteste vom Be-\nsten nicht zu unterscheiden; er hört mit demselben Ent-\nzücken Le jugement de Miclas,wie oder\nJoseph. Man braucht nicht lange hierzu sein, um der schon\nöfter ausgesprochenen Meinung beizutreten, dass die Fran-\nzosen ein unmusicalisches Volk sind. Selbst die hiesigen\nKünstler sind dieser Meinung, und antworten mir oft, wenn\nich in dieser Beziehung von Deutschland rede: Ja, dort\nliebt und versteht man hier nicht. So wird es auch\nerklärlich, wie in Paris eine herrliche Musik zu einem\nschlechten Theaterstücke durchfallen und eine erbärmliche\nMusik zu einem guten grosses Glück machen kann. Dies\nhat mir nun auch schon alle Lust geraubt, für eines der\nhiesigen Theater zu schreiben, wie ich früher wohl sehr\ngewünscht habe; denn abgerechnet, dass ich hier wie ein\njunger Componist von vorn anfangen müssle, da man von\nmeinen Compositionen bis auf einige Violinsachen noch\nwenig oder nichts kennt; abgerechnet ferner, dass ich mich\ndurch tausend Cabalen, die sich gegen mich als Fremden\ndoppelt furchtbar erheben würden, durchzuarbeiten hätte,\nbis ich mein Werk zur Aufführung bringen könnte, so\nwäre ich am Ende mit dem Bevvusstsein, gute Musik ge-\nschrieben zu haben, doch des Erfolges noch nicht gewiss,\nder hier, wie gesagt, fast allein vom Stücke abhängt. Man\nsieht dies schon aus den Beurtheilungen neuer Opern in\nden hiesigen Journalen, wo von dem Texte Seiten lang die\nBede ist und der Musik nur mit ein paar Worten im Vor-\nbeigehen erwähnt wird. äre es nicht so lucrativ, für die\nhiesigen Theater zu schreiben, so würde sich schon längst\nkein guter Componist mehr dazu hergegeben haben. So\naber, bei dem bedeutenden Gewinne, den eine Oper, wenn\nsie gefällt, auf die ganze Lebenszeit einträgt, entstehen fast\ntäglich neue Werke; Dichter und Componist sinnen unauf-\nhörlich auf neue Effecte, versäumen darüber aber nicht,\ndas Publicum durch die Journale Monate lang zu bearbei-\nten, sorgen am Abende der Aufführung für eine gehörige\nAnzahl Klatscher im Parterre,- um durch alles dieses ihrem\nWerke eine brillante Aufnahme und sich durch diese oft\nwiederholten Aufführungen am Ende reiche Einnahmen\nzu verschaffen. Wäre in Deutschland auch nur halb so viel\nmit einer Oper zu gewinnen, so würden wir bald eben so\nreich an vorzüglichen Theater-Componisten sein, wie wir\nes jetzt an Instrurnental-Componisten sind, und man würde\ndann nicht mehr nölhig haben, das Fremde aul unsere\nBühnen zu verpflanzen, das der Kunstbildung der Deut-\nschen grösstentheils so unwürdig ist.\nDass wir nun nach einem dreiwöchentlichen Aulent-\nhalte die Theater alle und wiederholt besucht haben, ver-\nsteht sich von selbst. Ich bin doppelt froh darüber, da sich\njetzt bei vermehrter Bekanntschaft die Engagements für\nMittag und Abend so gehäuft haben, dass wir in den näch-\nsten vierzehn Tagen wohl nur wenige Abende dem Ihea-\nter werden widmen können. Vom Theätre franqais, dem\nOdeon und den vier kleinen Theatern schreibe ich Dir\nnicht, weil sie in musicalischer Hinsicht nichts Bemerkens-\nwerthes darbieten. In den beiden ersten hört man nur\nEntr'acts und in den zwei anderen fast nichts als Vaude-\nvilles. Dass diese Gattung von Theaterstücken (die, Apoll\nund den Musen sei es gedankt, bis jetzt noch in kein an-\nderes Land verpflanzt worden ist) hier so sehr geliebt wird,\ndass vier Theater sie fast ausschliesslich geben, beweis't\nwohl am bündigsten, dass die Franzosen unmusicalisch sind;\ndenn ärger kann die heilige Kunst nie und nirgends ge-\nmissbraucht werden, als in diesen Gesängen, die w7eder ge-\nsungen noch gesprochen, sondern in Intervallen herausge-\npoltert werden, die mit der vorgeschriebenen Melodie und\nder sie begleitenden Harmonie im vollsten Widerspruche\nsind. Es sind auch alle Franzosen von Geschmack einver-\nstanden, dass diese Vaudevilles, die früher nur in Einem\nTheater gegeben wurden, durch ihre Vermehrung den Sinn\nfür wahre Musik immer mehr ersticken und daher aul die\nKunstbildung sehr nachtheilig einwirken. W ir haben diese\nTheater jedes Ein Mal besucht, um die berühmten Komi-\nker Brunet, Pothier und Perlet kennen zu lernen, werden\nuns aber wohl zu keinem zweiten Besuche entschliessen\nkönnen, da der Genuss, den jene Künstler durch ihren\nWitz und ihre unerschöpfliche Laune gewähren, durch das\nAnhören so schlechter Musik zu theuer erkauft wird. Merk-\nwürdig war mir in diesen Theatern die Geschicklichkeit\nder Orchester, mit der sie dem Sänger, der sich nicht im\nMindesten an den Tact und die Geltung der Noten bindet,\nzu folgen wissen. Dieses ist aber auch ihr grösstes Ver-\ndienst; im Uebrigen sind sie ziemlich mittelmässig. Das\nitaliänische Theater haben wir aber öfter besucht und man-\nchen Kunstgenuss dort gehabt. Gestern sahen wir endlich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.5", "texte": "denn auch Don Juan, nachdem er ziemlich lange ausge-\nsetzt war. Das Haus war wieder, wie bei den früheren\nAufführungen, überfüllt, und Hunderte von Menschen\nkonnten schon eine halbe Stunde vor Anfang keinen Platz\nmehr finden. Ich wurde versucht, zu glauben, die Pariser\nhätten nun endlich die classische Vortrefflichkeit dieses\nWerkes begriffen und drängten sich in immer grösserer\nMenge herbei, um es zu gemessen; diese Meinung gab ich\naber bald wieder auf, wie ich sah, dass die herrlichsten\nNummern der Oper, das erste Duett, das Quartett, das\ngrosse Septett und so manches Andere, ohne Eindruck auf\nsie zu machen, vorüberging, und nur zwei Nummern rau-\nschenden Beifall erhielten, der überdies mehr den Sängern\nals dem Componisten galt. Diese zwei Nummern, die je-\ndesmal da capoverlangt wurden, waren das Duett zwi-\nschen Don Juan und Zerline: „Reich' mir die Hand, mein\nLeben\", und die Arie des Don Juan: „Treibt der Cham-\npagner\" , ersteres, weil es Herrn Garcia an Tiefe fehlt, in\nb, und letzteres gar einen ganzen Ton höher, in trans-\nponirt. Madame Mainville-Fodor, die wohl gewusst hat,\ndass die Gesangstücke der Zerline den Parisern mehr wie\nalles Uebrige der Oper gefallen würden, wählte sich wohl-\nweislich diese Rolle, und der Erfolg hat bewiesen, dass sie\nrichtig calculirte. Was kümmert sie, dass die Oper nun\nganz verkehrt besetzt worden ist, wenn ihr nur rauschen-\nder Beifall zu Theil wird! Diesen kann ihr der Kenner aber\nnur dann zollen, wenn er vergisst, dass sie die Rolle eines\nBauernmädchens gibt, wenn er ganz auf Wahrheit der\nDarstellung Verzicht leistet. Denn sie schmückt die einfa\nchen Gesänge ihrer Partie mit einer Menge hochtrabender\nVerzierungen aus, die, so herrlich sie sie auch ausführt, ..\ndoch hier doppelt verwerflich sind, erstlich, weil sie in Mo-\nzart'sche Musik überhaupt nicht hinein gehören, und zwei-\ntens, weil sie dem Charakter der Rolle nicht angemessen\nsind. Di ese abgerechnet, gewährt es freilich einen unge- 1\nwohnten Genuss, diese Partie, die in Deutschland gewöhn-\nlich durch die dritte Sängerin besetzt ist, hier von der er-\nsten und einer so ausgezeichneten singen zu hören. Herr\nGarcia als Don Juan that des Guten auch zu viel. Wo es\nnur sich einiger Maassen schicken will, ist er gleich mit\neiner ellenlangen Verzierung bei der Hand. Am unschick-\nlichsten sind diese in dem Ständchen, wo die figurirte Man-\ndolinbegleitung auch die allereinfachste verbietet. Nichts j\ndesto weniger läuft er die Kreuz und Quer herum, und um\ndieses bequemer zu können, lässt er das Tempo recht lang-\nsam nehmen. Dafür singt er aber seine Arie: „Treibt der\nChampagner\", unvergleichlich, und ich gestehe, diese Arie\nnoch nie so gut gehört zu haben. Es kommt ihm dabei die\ngeläufige italiänische Zunge sehr zu Statten, und anstatt\ndass unseren deutschen Sängern gewöhnlich der Athem\ndabei ausgeht, steigert sich bei ihm die Kraft bis zum\nSchlüsse.\nDie übrigen Rollen sind mehr oder weniger gut be-\nsetzt, keine aber schlecht, und man muss es mit Dank an-\nerkennen, dass Jeder sein Möglichstesthut, um dem Werke\nEhre zu machen. Man kann auch mit der Aufführung sehr\nzufrieden sein, sobald man vergisst, zu welchen Ansprüchen\nman bei einem so berühmten Künstler-Vereine berechtigt\nist. So viel wird einem Deutschen aber doch bald klar, dass\ndiese Sänger, welche die neue italiänische, besonders Ros-\nsini'sche, Musik in höchster Vollendung geben, die Mozart\"-\nsche nicht mit gleicher Trefflichkeit executiren können; die\nGattung ist gar zu verschieden. Der weichliche, süssliche\nVortrag, der bei jener ganz an seinem Platze ist, verwischt\nhier zu sehr den energischen Charakter, der dem Don Juan\nvor allen anderen Mozart'schen Opern eigensst.\nDas Orchester, das die Pariser immer das erste der\nWelt nennen, gab an diesem Abende doch einige Blos-\nsen. Erstlich fehlten die Blas-Instrumente zwei Mal recht\nauffallend, und zweitens schwankte es mehrere Male so,\ndass der Direktor zum Tactschlagen seine Zuflucht nehmen\nmusste. Ich bin von Neuem in der Ueberzeugung bestärkt\nworden, dass ein Theater-Orchester, sei es auch noch so\nvortrefflich, wegen der weiten Entfernung der beiden äus-\nserten Enden nicht anders als durch unausgesetztes Tact-\ngeben dirigirt werden sollte, und dass es nichts taugt,\nwenn der Director selbst mitspielt, auch dann nicht, wenn\ner, wie Herr Grasset, durch Bewegungen des Körpers\nund der Geige fortwährend den Ton markirt. Im Uebri-\ngen ist dieses Orchester wegen der Discretion, mit der es\nden Gesang begleitet, mit Recht berühmt und könnte dar-\nin den übrigen pariser, so wie manchem deutschen zum\nMuster dienen.\nAuch der Chor ist vortrefflich und war beim Schluss-\nAllegro des ersten Finale von besonders kräftiger, herr-\nlicher Wirkung. Warum wurde aber auch hier, wie fast\nallenthalben, dieses Allegro wieder so unmässig schnell\ngenommen? Bedenken denn die Directoren gar nicht, dass\nsie dadurch die Kraft nur lähmen, anstatt sie zu steigern,\nund dass die Triolen-Figuren der Geigen, die den breiten\nMassen erst Leben und Bewegung geben müssen, bei so\nrasend schneller Bewegung gar nicht mehr deutlich und\nkräftig herausgebracht werden können, und man am Ende\nstatt des lebendigen Ganzen nur skelettirte Umrisse ohne\nAusfüllung zu hören bekommt?!\nWenn man so einem herrlichen Musikstücke durch\nfalsches Tempo seinen Effect schmälern hört, wird von\nNeuem der Wunsch rege, dass doch endlich die Bezeich-\nnung der Tempi auf Mälzel'sche oder Weber'sche Weise\n(oder besser noch auf beide zugleich) allgemein werden"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.6", "texte": "möchte. Freilich müssen die Directoren sich dann auch\ngewissenhaft danach richten und nicht, wie jetzt, ihrem\neigenen Gefühle unbedingt folgen wollen*).\n\nEin vielleicht unbekanntes Curiosum von Haydn.\nHaydn, der so oft in seinen Instrumentalwerken den\nScherz und Humor hat sprudeln lassen, hat auch einmal\neinen solchen Scherz für die Violine geschrieben in einem\nso genannten „Glockenspiel\", d.h. Quintett für Vio-\nline solo, drei Gläser in D, Fis, A und Bass. Die Vio-\nline stimmt ihre zwei tiefsten Saiten einen ganzen Ton hö-\nher und ihre höchste Saite umgekehrt einen ganzen Ton\ntiefer, also Stimmung: A E A D.Dass auf diese Weise\nder Violinspieler unter seinen Griffen nyn zumeist ganz\nandere Töne zu hören bekommt, als gewöhnlich, dass\numgekehrt der blosse Anblick der oft ziemlich verwirr-\nten Tonschrift ihn irre zu führen droht und ihn wirklich\nauch irre führt, sobald er im Geringsten unterlässt, ihr\nganz genau und streng zu folgen, mag aus folgendem\nPröbchen klar werden:\nDas Ganze besteht aus sechs Sätzen: Allegro moderato,\nMenuetto, Andante, Ilanaelce (Hanackisch, böhmische\nTanzweise), Masurisch, Presto.\n*) Aus Alexander Ma 1i b r an1 s: „Louis Spoli r. Sein Le-\nben und Wirken. < Frankfurt am Main. J. D. Sauerländer's\nYerlag. 1860.\n\nDas älteste (indische, chinesische) Fünfton-System\n\nDieses System, welches der Stufenfolge nach bekannt-\nlich die drei und zwei Ob ertasten des Ciaviers am deut-\nlichsten versinnlichen, findet sich auch sonderbar genug,\nwie bereits in meinem Berichte in Nr. 32 der vorjährigen\nNiederrheinischen Musik-Zeitung erwähnt wurde, in eini-\ngen Volksliedern von Schottland (Llcbriden-Inseln) vor.\nIn jener Nummer war bloss ein chinesischer Hymnus und\nein Air chinoisaus Rousseau\nüber welches Thema, beiläufig gesagt, C. M. v. Weber\neine Ouvertüre zu Schiiler's Turandot geschrieben hat\ngegeben; möge nun hier nachträglich auch noch ein\nschottisches Lied folgen, welches in der von Beethoven\ngemachten Bearbeitung schottischer Lieder - für eine\nSingstimme mit Begleitung von Violine und Violoncell, Ber-\nlin, Schlesinger, Lieferung 1., Nr. 5 enthalten ist. An-\nfangend: Dim, dim is my eye u. s. w. Man spiele es im\nBassschlüssel aus Fi-s-dur."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.7", "texte": "Dieses System, obschon es, gegen unser heutiges ge-\nhalten, lückenhaft und unvollständig erscheint, gibt nichts\ndesto weniger doch völlig hinreichenden Raum zu vorste-\nhender wunderliebUcher Volksmelodie *). Sehr wahr-\nscheinlich aber hat dieses älteste Ton-System seine volle\nund resp. nächste Ergänzung im späteren griechischen,\nd. h. in den so genannten Kirchen-Tonarten gefunden.\nGöthen.\n\nLouis Kindscher.\n\nConcert zum Vortheil des kölnischen Orchesters am\n17. Januar. - Siebentes Gesellschafts-Concert am\n31. Januar.\nDas Programm des erstgenannten Coneertes haben wir bereits in\nNr. 4 mitgetheilt.\nDie Sinfonie Nr. VI. in G-moll, Op, 32, von Niels W. Gade\nwar hier neu ; sie wurde vom Publicum sehr beifällig aufgenommen,\nwie es die Composition und die höchst sorgfältig studirte lind aus-\ngezeichnet gelungene Ausführung verdienten. Gade's Instrumental-\nMusik ist Gemälden vergleichbar, deren Zeichnung und Umrisse\nzwar correct sind, aber nicht eben von bedeutender Erfindung oder\ngenialem Schöpfer-Talent zeugen, die aber trotzdem durch die Far-\nbengebung und Beleuchtung einen solchen Reiz erhalten, dass man\nsie gern betrachtet und auch sogar gern zu ihnen zurückkehrt, wenn\nnämlich das Gemüth des Beschauers (oder Hörers) gerade in einer\nStimmung ist, welcher die alleinige Wirkung des Colorits und seines\nDuftes genügend wohl thut. Wäre der Name neuerdings nicht in\nMisscredit gekommen, so könnte man bei Gade weit eher von sym-\nphonischer Dichtung sprechen, als bei — Anderen. Daher ist denn\nauch bei dieser Musik das Hören derselben bei Weitem notwendi-\nger, als bei der Musik anderer Meister; beim Lesen der Partitur\noder am Clavier verschwindet ein grosser Theil ihrer Vorzüge, und\ndie Eigentümlichkeit Gade's reducirt sich dann hauptsächlich auf\nden Rhythmus und einige volksmässig charakteristische Motive.\nDass er dabei, wie diese seine neueste Sinfonie beweis't, doch nicht\nin Manier verfällt, ist ihm immerhin hoch anzurechnen, da die Ver-\nführung dazu sehr nahe liegt. Der originellste Satz des neuen Wer-\nkes ist unstreitig das Alegro moderato e energico in B-dur, 3 4-Tact,\ndas die Stelle des Scherzo's zwischen dem Andante sostennto in D-\ndur und dein tina'e Allegro vivace e animato in G-moll, 2/4-Tact\n(dem längsten Satze der Sinfonie), einnimmt. Dass überall die In-\nstrumentirung eine Haupt-Ursache der einnehmenden Wirkung ist,\ngebt aus dem oben Bemerkten schon hervor. Den Ruhm, den Ber-\nlioz bei den Franzosen durch die Kunst der Anwendung der Klang-\nEfFecte erlangt hat, können wir in noch höherem Grade für Gade\nin Anspruch nehmen, zumal, da letzterer durch diese Kunst mehr\nrein musicalische Wirkungen erzielt im Gegensatze der Programm-\nVei tonung Berlioz's.\nEin Glanzpunkt des Abends war das mehrmalige Auftreten des\nköniglich hannoverischen Concert-Directors Herrn Jos. Joachim,\nEr spielte das Concert von Mendelssohn (es scheint beinahe, als\ngebe es keine andere Violin-Concerte mehr, als zwei, das von Beet-\nhoven und das von Mendelssohn! Warum greift man nicht auf Spohr,\nRode, Viotti zurück? Wir bemerken dies im Allgemeinen, nicht in\nbesonderer Beziehung auf Joachim, der Mendelssohn's Concert hier\nnoch nie, wohl aber früher eines von Viotti und die Gesangscene\nvon Spohr gespielt bat), ferner Tartin Ts Teufels-Sonate und zwei\nStücke von J. S. Bach —Alles mit jener künstlerischen Sicherheit\nund dem energischen Vortrage, der den Meister kennzeichnet. Nur\ndas Tempo des letzten Satzes vom Concerte hätten wir massiger\ngewünscht, da zumal in dem kolossalen Saale, der keinem\nSolo-Instrumente ganz günstig ist - bei zu grosser Schnelligkeit\ndie Deutlichkeit der Passagen und die feinere Nuancirung derselben\nleidet.\nDas siebente Gesellschaft s-C oncert, Dinstag den 33.\nJanuar, hatte folgendes Programm:\nErster Theil. 1. Ouvertüre zu einem Trauerspiel, Op. 18. von\nWoldemar Bargiel (neu). 2. Arien und Chöre aus Gluck's\nOrpheus (Früul. Jenny Meyer aus Berlin). 3. Sinfonie Nr. IV.,\nB-dur, von Beethoven. Zweiter Theil. 4. Pianoforte-Con-\ncert in C-moll von Beethoven (Herr Alfred Jaell, königlich\nhannoverscher Hofpianist). 5. Salve licgi na für vierstimmigen Chor\na capella von M. Hauptmann. 6. Variationen von Händel, Wal-\nzer von Chopin, Home, sweet kome von Jaell für Piano'forte\nallein (A. Jaell) 7. Scene aus Bellini's Romeo und Julie (Fräul.\nJ. Meyer). 8. Ouvertüre zu Ruy Blas von Mendelssohn.\nDie Ordnung konnten wir nicht billigen; aus mehr als Einer\nRücksicht gehörte das Clavier-Concert an den Schluss des ersten\nund die Sinfonie an den Schluss des zweiten Theiles, der mit Men-\ndelssohn's Ouvertüre beginnen konnte. Die Aufnahme der Scene aus\nBellini's Romeo (I. Act), ohne Recitative des Capulet und Tibaldo\nund ohne Chor zusammengeschoben, hätte auch nicht zugegeben\nwerden sollen. Im Arrangement aus Orpheus war die Arie in C-dur\n(C!i3 farö sensa Euridice) vor der Scene im Tartarus (mit dem\nFurienchor) gar nicht an ihrer Stelle, die Zugabe des reizenden\nChors aus der Scene im Elysium aber als Schluss zweckmässig und\neindrucksvoll.\nDie Ouvertüre von Bargiel zeigte, wie frühere Werke dessel-\nben, das bedeutende Talent des Componisten und wurde mit Aner-\nkennung aufgenommen. Bei der Ausführung derselben und der IV.\nSinfonie von Beethoven zeichnete sich das Orchester aus, wie\ndenn der gute Einfluss der wöchentlich zweimaligen Proben in die-\nsem Winter auf das Zusammenspiel und den Ausdruck sehr bemerk-\ni\nbar ist, während das Spielen im Theater eben nicht zur Förderung\ndes künstlerischen Vortrags, sondern eher zum Gegentheil beitrug.\nFräulein Jenny Meyer von Berlin genügte strengeren Anfor-\nderungen nur in dem Vortrage der ersten Strophe des Gesanges, mit\nwelchem Orpheus die Furien zu erweichen sucht. Die Stimme ist\nvoll und wohlklingend, allein es fehlt dem Vortrage an Innigkeit\nund Wärme; er bleibt monoton von Anfang bis zu Ende, und wo\ndie Sängerin dramatischen Ausdruck hineinlegen will, wie z. B. bei\nder Romeo-Scene von Bellini, wendet sie dazu Mittel an, die einer\nunkünstlerischen Schule angehören, wozu das Anhalten der Töne\nüber den Tact hinaus und ein unrichtiges Portamento zu rechnen\nsind. Auch auf die Aussprache, namentlich in Bezug auf die Quan-\ntität der Vocale, dürfte mehr Sorgfalt zu wenden sein. Die Arie des\nOrpheus in C-dur wurde ganz und gar im Tempo und in der Auf-\nfassung vergriffen, indem vom Vivace cou disperazione und von dem\nebenfalls vorgeschriebenen viermaligen Wechsel des Tempo's nicht\ndie Rede war.\nHerr Alfred Jaell hat mit ausserordentlichem Erfolg, den er\nauch vollkommen verdiente, gespielt. Seine Leistungen als vollende-\nter Beherrscher der Technik dürften, besonders in den Tonleitern.\nTrillern und Terzengängen, schwerlich von einem Pianisten über-\ntroffen werden, während sein Anschlag den feinsten Schattirungen\ndes Vortrags gerecht wird. Er hat aber ausser diesen eminenten\nVorzügen als Spieler durch den edeln, ruhigen und ausdrucksvollen\nVortrag des C-moll-Concertes von Beethoven und der reizenden Va-\nriationen von Händel sich auch als Künstler und Musiker bewährt,\nder die Virtuosität nicht als Zweck, sondern nur als unentbehrliches\n\n*) Auch existirt eine Clavicr-Etude (von Döhler? , in welcher die\nrechte Hand sich lediglich in den fünf Obertasten bewegt."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600211-01.1.8", "texte": "Mittel betrachtet, den höheren Forderungen der Kunst zu genügen\nund den Geist der Composition wiederzugeben. Es ist diese Rich-\ntung bei Herrn Jaell um so mehr anzuerkennen und hervorzuheben,\nals er in den ersten Jahren nach seiner Rückkehr aus America in\ndieser Hinsicht Manches zu wünschen übrig liess.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nOrefeld, 27. Januar. Das dritte Abonneinents-Concert des\nSing-Vereins unter Leitung des Musik-Directors Herrn YVolff hin-\nterliess einen befriedigenden Eindruck. Die Ouvertüre zu Oberon\nvon C. M. von Weber war ganz geeignet, durch die feurige und\npräcise Ausführung die Zuhörer einzunehmen. Das Solospiel war in\nausgezeichneter Weise durch einen jungen Künstler, den wir hier\nzum ersten Male hörten, vertreten. Herr Concertmeister Maximi-\nlian Wolff aus Frankfurt a. M trug das Violin-Concert von F.\nMendelssohn-Bartholdy mit vorzüglicher Technik, mit jenem glatten,\nreinlichen Spiel vor, welches die Zuhörer zu stürmischem Applaus\nherausforderte. Ausserdem erfreute uns Herr Wolff noch durch eine\nPhantasie für Violine und Orchester über ein Thema von Haydn\nvon Leonard. Der Künstler verstand es, durch edlen und gediegenen\nVortrag, wie durch grossen, breiten Ton bei den Kraftstellen dem\nZuhörer einen hohen Genuss zu bereiten. Es folgte ein Duett lür\nzwei Sopranstimmen aus der Oper Jessonda von Spohr, das lebhaf-\nten Beifall erhielt. Den Schluss der Abtheilung bildete der Gesang\nder Geister über den Wassern von Göthe, componirt für\nChor und Orehester von Hill er. In dieser Composition, welche sich\ninnig dem Texte anschmiegt, erscheint Hiller als ein Meister, der\nnicht gewohnt ist, sieh auf der Oberfläche zu bewegen. Sein eigent-\nliches Element ist die Tiefe, und eben darum ist er auch stets des\nErfolges gewiss. Der Sing-Verein trug den herrlichen Gesang in\nwürdiger Weise vor mit Weichheit und Kraft des Gesammttones, so\nwie mit grosser Präcision Der zweite Theil des Concertes wurde\ndurch die Pastoral-Sinfonie von Beethoven ausgefüllt. Die Aus-\nführung war höchst gelungen und eine der besten Leistungen des\nOrchesters.\nAm 3. Februar gab Herr Maximilian Wolff noch eine Soiree\nfür Kammermusik, worin er die erste Violine im Cr-mo//-Quartett\nvon Mozart und im jF-c/w?*-Quartett von Beethoven spielte, aus-\nserdem Bach's Ciaconna und einige andere Solostücke, auch eine\nKomanze von eigener Composition vortrug.\n*\nJFraifilkffaavt MV Ein Morgen-Concert gab in vergangener\nWoche Herr Joseph Eppich, der am hiesigen Stadttheater meh\nrere Jahre lang der Liebling des Publicums gewesen, dann wegen\nErkrankung ins Privatleben zurücktreten musste, und zum Zeichen\nseiner Genesung und wiedererlangten organischen Kräfte sich nun\nim Concerte dem Publicum mit dem besten Erfolge vorführte. Be-\nsonders schön und mit markigem Timbre trug er die Arie des Jo-\nseph aus „Joseph in Aegypten\" von Mehul und ein Lied: ~Der ster-\nbende Trompeter\", vor. Er wurde am Schlüsse gerufen. Unterstützt\nwurde er von mehreren seiner früheren Collegen, Herrn Concertmei-\nster Straus u. s. w., und dem ganzen Orchester. Der grosse Saal\nwar gedrängt voll.\nAstefii2äeiiÄi. Das Comite für das siebente allgemeine\nMusikfest der „Gesellschaft zur Beförderung der Tonkunst\" hat\nfolgendes Programm festgestellt:\nl)onn e rstag Abends den 9. August: 1. Preis-Sinfonie\nvon J. J. II« Verhülst, Op. 40 (im Jahre 1846 durch die „Ge-\nsellschaft\" gekrönt). 2t Samson. Oratorium von Händel.\nFreitag Abends den 1'! August:\"!. Ouvertüre und ein-\nleitender Chor zu Vondel's Trauerspiel „Lucifer\" von J. A. van\nEyken, Op. 40 (1852 durch die ~Gesellschaft\" prämiirt). 2.\nLorelei, für Solo, Chor und Orchester von Ferdinand Hiller,\nop4 7(1. —B. „Elia op Horch\", Gedicht von N. Beets, Musik von\nF. Coenen (1857 prämiirt). 4. „Lobgesang\", Sinfonie-Can-\nta t e von F. Mendelssohn-Bartholdy, Op. 52.\nSamstag Morgens den 11. August: Künstler-Coneert, Aus-\nserdem Psalm 81 (holländischer Text von Dr. J. P. Heije, Musik\nvon J. J. H. Verhülst) und eine noch näher zu bestimmende S in-\nfonie von Beethoven (wahrscheinlich Nr. VII.).\nFür das Comite: W. Taets van Amerongeu, Vorsitzender\nder technischen ( ommission. J. M. J, Engelberts, Schriftführer.\nDas erste der von Herrn Jerrahn veranstalteten\nphilharmonischen Concerte brachte die achte Sinfonie (.b-dur) von\nBeethoven, Spohr's Jessonda-Ouverture, die „Vrdudes\" von Liszt\nund Verdi's Ouvertüre zur Siciüanischen Vesper. Der Pianist Arthur\nNapoleon trug mehrere Ciavierstücke vor.\nNach Berlin. Da ich von Herrn Hof-Musikhändler Bock auf\nvier Briefe binnen länger als Jahresfrist wegen des Honorars für\nin seinem besonderen Auftrage gelieferte Arbeiten keine Zeile erhal-\nten habe, so fordere ich ihn hiermit auf, mir endlich Antwort zu\nertheilen.\nCöthen, den 2. Februar 1860.\nLouis Kindscher, Musiklehrer am Seminar."}]}