{"numero_id": "bm-bmtnabi-1860-02-25-01", "volume": "bmtnabi_1860-02-25_01", "ocr_sha256": "b581b4e12e09debddb4cacfbe6c875fea3b89dc8c28b8b0899f7c73c9975f8d3", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1860/02/25_01/bmtnabi_1860-02-25_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1860-02-25-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-02-25_01#c001", "volume": "bmtnabi_1860-02-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "65", "page_fin": "65", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 336, "texte": "Inhalt.\nHector Berlioz über seine Stellung zur Zukunftsmusik. Aus Spohr's Leben. Etymologisches zur Musik. Zwei-\ntes Coneert des kölner Männergesang-Vereins. Achtes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich. Tages- und Unterhal-\ntungsblatt (Köln, Die wiener „Reeensionen\" Barmen, Benefiz-Concert Berlin, Curiosum Weimar, Mozart-Feier)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-02-25-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-02-25_01#c002", "volume": "bmtnabi_1860-02-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "65", "page_fin": "67", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.2.2", "titre_corps": "Hector Berlioz über seine Stellung zur Zukunftsmusik", "titre_sommaire": "Hector Berlioz über seine Stellung zur Zukunftsmusik", "signature_source": "H. Berlioz", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.1", "debut_caractere": 338, "fin_caractere_exclue": 3630, "texte": "Hector Berlioz über seine Stellung zur\nZukunftsmusik\n\n*).\nMan hat in Bezug auf die Schule der Zukunftsmusik\nmir in Deutschland und anderswo Ansichten zugeschrie-\nben, die nicht die meinigen sind; in Folge dessen hat man\nmir oft Lobsprüche ertheilt, in denen ich wirkliche Belei-\ndigungen sehen konnte; ich habe stets geschwiegen. Kann\nich aber jetzt noch schweigen, wo ich von Rechts wegen\naufgefordert werde, mich kategorisch zu erklären, oder\nsoll ich ein unwahres Glaubensbekenntniss ablegen? Ich\ndenke, das wird Niemand mir rathen wollen.\nIch will mich daher aussprechen, und zwar mit völli-\ngem Freimuth. Wenn die Schule der Zukunft so spricht:\n„Die Musik, jetzt in der Kraft ihrer Jugend, ist fessel-\nlos und frei, sie thut, was sie will.\n„Viele von den alten Regeln haben keinen Cours mehr;\nsie wurden von ungenauen Beobachtern oder von Hand-\nwerkern für Handwerker aufgestellt.\n„Neue Bedürfnisse des Geistes, des Herzens und des\nOhrs fordern neue Versuche und in gewissen Fällen sogar\nden Bruch mit den alten Gesetzen.\n„ Verschiedene Formen sind zu abgenutzt, um noch\nzur Anwendung zu kommen.\n„Uebrigens ist Alles gut oder Alles schlecht je\nnach dem Gebrauche, den man davon macht, und den\nGründen, die diesen Gebrauch veranlassen.\n„In ihrer Verbindung mit dem Drama oder auch nur\nmit dem gesungenen Worte muss die Musik stets in direc-\nter Beziehung zu der Empfindung stehen, welche das Wort\nausdrückt, zu dem Charakter der Person, die da singt, oft\nsogar zu dem Accent und den Wendungen der Stimme,\nwelche dem Gefühle nach die natürlichsten in der gespro-\nchenen Rede sind.\n„Die Opern dürfen nicht für Sänger geschrieben wer-\nden; die Sänger müssen im Gegentheil für die Opern ge-\nbildet werden.\n„Diejenigen Werke, welche allein zu dem Zwecke\ngeschrieben sind, um die Virtuosität zur Geltung zu brin-\ngen, können nur als Compositionen untergeordneten Ran-\nges und geringen Werthes angesehen werden.\n„Die ausführenden Künstler sind nur mehr oder we-\nniger intelligente Werkzeuge, um die Form und den inne-\nren Gehalt der Compositionen ins Licht zu stellen. Mit\nihrem Despotismus ist es aus.\n„Der Meister bleibt Meister, ihm allein steht der Be-\nfehl zu.\n„Ton und Klang stehen unter dem Gedanken.\n„Der Gedanke steht unter dem Gefühle und der Lei-\ndenschaft.\n„Die schnellen Coloraturen, die Verzierungen, die\nTriller, eine grosse Anzahl von Rhythmen sind mit dem\nAusdruck aller ernsten, edeln und tiefen Gefühle unver-\nträglich.\n„Es ist folglich ein Unsinn, zu einem Kyrie eleison.\ndem demüthigsten Gebete der katholischen Kirche, figu-\nrirte Vocal-Passagen zu schreiben, welche dem wilden Ge-\nschrei von Trunkenbolden an einem Schenktisch täuschend\nähnlich sind.\n„Es ist vielleicht nicht weniger verkehrt, eine und\ndieselbe Musik zu einem Anruf der Heiden an Baal und\nzu einem Gebete der Kinder Israels zu Jehovah zu ver-\nwenden.\n„Noch widriger ist es, ein ideales Wesen, die Toch-\nter des grössten Dichters, einen Engel an Reinheit und\nLiebe hinzustellen, und sie wie ein Freudenmädchen sin-\ngen zu lassen\" u. s. w. u. s. w.\n\n*) Journal des Debatsvom 9. Februar 18G0. Wir geben die Er-\nklärung Berlioz's in wörtlicher Uebersetzung, ohne Auslas-\nsung und ohne Bemerkungen (für jetzt), da Berlioz selbst sie\nals Actenstück und Glaubensbekenntniss betrachtet wissen will.\nDie Kedaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4814, "texte": "wenn das also das musicalische Gesetzbuch der Schule\nder Zukunft ist, so zähle ich mich zu ihr, so gehöre ich\nihr an mit Leib und Seele, aus tiefster Ueberzeugung und\nwärmster Sympathie.\nGehören wir aber nicht alle dazu? Jedermann bekennt\nsich heutzutage mehr oder weniger offen zu diesen Sätzen,\nganz und gar oder theihveise. Gibt es einen grossen Com-\nponisten, der nicht schreibt, was er vvili? Wer glaubt an\ndie Untrüglichkeit der schulmeisterlichen Regeln, einige\nfurchtsame Schwachköpfe ausgenommen, • die vor dem\nSchatten ihrer Nase erschrecken würden, wenn sie eine\nhätten?\nIch gehe noch weiter: es ist schon lange so. Gluck\nwar schon in diesem Sinne ein Zukunftsmusiker; er sagt\nin seiner Vorrede zur Alceste: „Es gibt keine Regel, die\nich nicht gern zu Gunsten des Effectes opfern zu müssen\nglaubte.\"\nUnd Beethoven, war er nicht der kühnste, unabhän-\ngigste aller Tonsetzer, konnte er einen Zügel vertragen?\nSchon lange vor ihm halte z. ß. Gluck die Grundnote in\ndie Höhe gelegt, was nicht in die Harmonie passt und\ndoppelte und dreifache Dissonanzen gibt. Er verstand diese\nKühnheit zu erhabenen Wirkungen zu benutzen, in der\nIntroduction zu der Scene des Orpheus in der Unterwelt,\nin einem Chor der Iphigenie in Aulis, und vor Allem in\nder unsterblichen Arie der Iphigenie auf Tauris bei der\nStelle : ' ..\nMeies vos cris plaintifs\nAuber hat dasselbe in der Tarantella der „Stummen\"\ngethan. Und welche Freiheiten hat sich Gluck nicht in der\nRhythmik genommen! Mendelssohn hat sich in seiner\nschönen Ouvertüre zur Athalia über die Einheit der Ton-\nart hinweg gesetzt, sie fängt in F an und endigt in D-chiv;\ngerade wie Gluck, der in der Iphigenie auf Tauris einen\nChor in E-mottbeginnt, um ihn in zu scbliessen.\nIn dieser Hinsicht gehören wir also alle zur Schule\nder Zukunft.\nAber wenn sie uns sagen will:\n„Man muss das Gegenthei! von dem thun, was die\nRegeln lehren.\n„Man ist der Melodie überdrüssig, man ist der melo-\ndischen Figuren überdrüssig, der Arien, der Duetts, Ter-\nzetts, der Musikstücke, deren Thema sich regelmässig ent-\nwickelt; man hat die consonirenden Harmonieen satt, auch\ndie einfachen Dissonanzen, die vorbereitet und aufgelös't\nwerden, eben so die natürlichen und mit Kunstgeschick\nbehandelten Modulationen.\n„Man muss auf nichts Rücksicht nehmen, als auf die\nIdee, und den Eindruck auf das Gefühl nicht im Gering-\nsten beachten. ' * . ' .\n„Man muss das Ohr, diesen alten Trödel, verachten,\nund es brutalisiren, bis es zahm wird. Es ist nicht Zweck\nder Musik, dem Ohr zu gefallen. Es muss sich an Alles\ngewöhnen, an auf- oder absteigende Reihen von vermin-\nderten Septimen-Accorden, die einer Masse von Schlangen\ngleichen, welche sich durch einander winden und zischend\neinander zerfleischen, an dreifache Dissonanzen ohne Vor-\nbereitung und Auflösung, an Mittelstimmen, die man zu-\nsammen zu gehen zwingt, ohne dass sie weder harmonisch\nnoch rhythmisch mit einander stimmen, sondern sich wech-\nselseitig schinden, an gräuliche Modulationen, die in die\neine Ecke des Orchesters eine neue Tonart einführen, be-\nvor die frühere aus der anderen Ecke heraus ist.\n„Die Kunst des Gesanges darf man nicht im Gering-\nsten achten, man muss weder an ihr eigentliches Wesen\nnoch an ihre nothwendigen Forderungen denken.\n„In der Oper muss man sich darauf beschränken, die\nDeclamation zu notiren, sollte man auch die unsangbar-\nsten, abgeschmacktesten und hässlichsten Intervalle ge-\nbrauchen. .\n„Man muss keinen Unterschied machen zwischen einer\nMusik, die bestimmt ist, von einem Musiker, der still auf\nseinem Stuhle sitzt, gelesen zu werden, und einer Musik,\ndie auswendig gesungen wird und auf offener Scene den\nSänger nöthigt, zugleich an sein Spiel und an das der Mit-\nwirkenden zu denken.\n„Um die Möglichkeit der Ausführung muss man sich\nnie bekümmern.\n„Wenn die Sänger beim Einüben einer Partie eben\nso viel Mühe haben, als sollten sie eine Seite Sanskrit aus-\nwendig lernen oder eine Hand voll Nussschalen hinunter-\nschlucken, desto schlimmer für sie; man bezahlt sie, um\nzu arbeiten, es sind Sclaven.\n„Die Hexen im Macbeth haben Recht: das Schöne\nist grässlich, das Grässliche ist schön.\"\nwenn dieses die neue, in der That sehr neue Religion\nist, so bin ich sehr weit davon entfernt, mich zu ihr zu\nbekennen ; zu dieser habe ich niemals gehört, gehöre nicht\ndazu und werde nie dazu gehören.\nIch hebe die Finger auf und schwöre:\nIch glaube im Gegentheil fest daran, dass das Schöne\nnicht grässlich ist und dass das Grässliche nicht schön ist.\nGewiss hat die Musik nicht zum ausschliesslichen Zwecke,\ndem Ohr zu gefallen, aber noch tausend Mal weniger, ihm\nzu missfallen, es zu quälen, es zu morden.\nIch bin von Fleisch und Bein, wie jeder Mensch; ich\nverlange, dass man auf meine Sinne, auf meine Empfin-\ndung Rücksicht nimmt, dass man mein Ohr, den alten\nTrödel, mit Schonung behandle."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2310, "texte": "loh werde also bei dieser Gelegenheit, ohne mich im\nGeringsten stören zu lassen, dasselbe wiederholen, was ich\neinst einer hochherzigen und sehr verständigen Dame ant-\nwortete, welche der Gedanke der Freiheit in der Kunst,\ndie bis zum Absurden getrieben wird, etwas verführt hatte.\nSie sagte zu mir, als ich nach Anhörung eines Musik-\nstückes, in welchem die Charivari-Mittel angewandt wa-\nren, mich nicht darüber aussprach: „Sie müssen das doch\ngern haben, Sie?\" „0 ja, so gern, wie man Vitriol\ntrinkt und Arsenik nimmt.\"\nSpäterhin machte mir ein berühmter Sänger, den man\njetzt als einen der heftigsten Gegner der Zukunftsmusik\nanführt, dasselbe Compliment. Er hat eine Oper geschrie-\nben, wo in einer wichtigen Scene der jüdische Pöbel einen\nGefangenen verhöhnt. Um den Eindruck des Geschrei's der\nVolkshaufen desto wirksamer zu machen, hat dieser Realist\nein Charivari von Chor und Orchester in ewigen Dishar-\nmonieen geschrieben. Entzückt von seiner edlen Kühnheit,\nschlug er eines Tages seine Partitur an dieser kakophoni-\nschen Stelle auf und sagte ohne alle Ironie zu mir: „Ich\nmuss Ihnen diese Scene zeigen, sie wird Ihnen gewiss ge-\nfallen.\" Ich antwortete nichts, und es war weder von\nVitriol noch von Arsenik die Rede. Aber weil ich denn\ndoch jetzt den Mund öffne und jenes seltsame Compliment\nimmer noch auf dem Herzen habe, so will ich ihm sagen:\n„Nein, mein lieber D., das wird mir nicht gewiss ge-\nfallen, sondern es missfällt mir entsetzlich. Wenn Sie mich\nals einen Charivari-Realisten betrachten, so verleumden\nSie mich. Sie sprechen Sich, wie man mir sagt, jetzt stark\ngegen Wagner und seine Adepten aus, und doch haben\ndiese weit mehr Recht, Sie zu den Klapperschlangen der\nZukunftsmusik zu zählen, Sie, einen zu drei Viertheilen\nitalienischen Musiker, der sich solch eines Gräuels schul-\ndig gemacht hat, als Sie ein Recht haben, mich unter die\nAdler dieser Schule zu stellen, mich, den zu drei Vierthei-\nlen deutschen Musiker, der ich niemals dergleichen Zeug\ngeschrieben habe—nein, niemals, und ich fordere Sie auf,\nmir das Gegentheil zu beweisen. Wohlan, laden Sie einen\nIhrer Mitschüler ein, lassen Sie Becher von oxydirtem\nKupfer bringen, schenken Sie Vitriol ein und trinken Sie!\nIch geniesse lieber Wasser, und wenn es auch etwas lau\nist, oder eine Oper von Cimarösa.\"\n\nH. Berlioz."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-02-25-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-02-25_01#c003", "volume": "bmtnabi_1860-02-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "67", "page_fin": "70", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.2.3", "titre_corps": "Aus Spohr’s Leben.", "titre_sommaire": "Aus Spohr’s Leben.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.3", "debut_caractere": 2312, "fin_caractere_exclue": 5099, "texte": "Aus Spohr’s Leben.\n(Vgl. Nr. 7.)\nUeber Spohrs Aufenthalt in Paris im December 1820\nund Januar 1821 entnehmen wir seinen Briefen, die in\nAlex. Malibran's „populärer Biographie\", wie der Au-\nTor sein Büchlein selbst nennt, mitgetheilt sind, noch einige\ninteressante Notizen.\nIm Januar 1821 trat Spohr in einem öffentlichen Con-\ncerte zum ersten Male in Paris auf. Er hatte die Admini-\nstration der grossen Oper veranlasst, eine Abend-Vorstel-\nlung zu geben, deren erste Abiheilung ein Concert, die\nzweite ein Ballet bringen sollte eine Einrichtung, die in\nParis neu war und den Meister der lästigen Mühen bei\nVeranstaltung eines eigenen Concertes überhob. Er gab\nseine Ouvertüre zu Alruna, ein neues Violin-Concert und\ndas Potpourri über Mozart's Duett im Don Juan; dazwi-\nschen sang Demoiselle Cinti eine Cavatine, Bordogni und\nLevasseur ein Duett von Rossini. Der Beifall des Publi-\ncums sprach sich bei seinen Leistungen in lebhaftem Ap-\nplaudiren und Bravorufen unzweideutig aus. Nicht so gün-\nstig die Kritik der meisten Journalisten, denen Spohr den\nHof zu machen vernachlässigt hatte. Zwar sprachen alle\nJournale von dem Concerte, einige mit unbedingtem Lobe,\ndie meisten mit Hinzufügung eines Aber und alle mit\nselbstgefälliger Eitelkeit. Ein Referent meinte: „Si\nSpohr reste quelque ternps ä Paris, il pourra perfectionner\nson goüt, et retoumer en mite,\nmands!\"\nIn Privat-Gesellschaften spielte Spohr öfter und hatte\ndie Freude, dass von Künstlern und Kennern seine Com-\npositionen und sein Spiel mit Enthusiasmus aufgenommen\nwurden. Besonders gefiel das Quintett für Piano, Flöte,\nClarinette, Horn und Fagott, das er für seine Frau ge-\nschrieben, die auf den Rath der Aerzte der Harfe entsagt\nhatte. Man erbot sich, zu einem zweiten Concerte ihm die\nGeschäfte des Arrangements ganz abzunehmen und ihm\ndas beste Orchester in Paris unentgeltlich zusammen zu\nbringen; allein er machte keinen Gebrauch davon.\nSein Urtheil über die berühmten Violinisten Baillot\n(1771 —1842), Lafont (1781 1839), den jüngeren\nKreutzer*) und Habeneck (1781 —1849) ist folgen-\ndes, das wegen der praktischen Bemerkungen besonders\nauch für Violinspieler Werth hat:\n„Fragst Du mich nun, welcher von diesen vier Geigern\nmir am besten gefallen habe, so nenne ich Dir, wenn von\nblosser Execution die Rede ist, unbedenklich Lafont. Er\nvereinigt in seinem Spiel schönen Ton, höchste Reinheit,\nKraft und Grazie, und würde ein ganz vollkommener Gei-\nger sein, wenn er mit diesen vorzüglichen Eigenschaften\nauch noch ein tiefes Gefühl verbände und sich das der\nfranzösischen Schule eigene Herausheben der letzten Note\n\n*) Jean Nicolas August Kreutzer, der 15 Jahre jüngere\nBruder von Rudolf Kreutzer, Er starb im Sommer 1831,\nwenige, Monate nach seinem Bruder, der schon seit 1826 krän-\nEkelte. Die Redaction.\n[*J"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5604, "texte": "einer Phrase nicht so sehr angewöhnt hätte. Gefühl aber,\nohne welches man weder ein gutes Adagio erfinden, noch\nes gut vortragen kann, scheint ihn), wie fast allen Franzo-\nsen, zu fehlen; denn obgleich er seine langsamen Sätze\nmit vielen eleganten und niedlichen Verzierungen auszu-\nstatten weiss, so bleibt und lässt er doch dabei ziemlich\nkalt. Das Adagio scheint überhaupt hier sowohl von Künst-\nlern wie vom Publicum als der unwichtigste Satz eines\nConcertes betrachtet zu werden, und wird wohl nur bei-\nbehalten, weil es die beiden schnellen Sätze gut von einan-\nder scheidet und deren Effect erhöht.\n„Dieser Gleichgültigkeit dafür, so wie überhaupt der\nUnempfänglichkeit der Franzosen für alles, was das Ge-\nfühl anregt, schreibe ich es auch zu, dass mein Adagio\nund die Weise, wie ich es vortrage, hier weniger Eindruck\nmachte, wie die brillanten Allegrosätze. Verwöhnt durch\nden Beifall, den Deutsche, Italiäner, Holländer und Eng-\nländer meinem Vortrage desselben insbesondere geschenkt\nhaben, fühlte ich mich im Anfange gekränkt, es von den\nFranzosen so wenig beachtet zu sehen. Seitdem ich aber\nbemerkt habe, wie selten ihnen ihre Künstler ein ernstes\nAdagio zu hören geben, und wie wenig daher ihr Sinn da-\nfür geweckt ist, bin ich darüber beruhigt.— Das Heraus-\nheben der letzten Note einer Periode durch verstärkteren\nDruck und schnelles Hinaufstossen des Bogens, selbst dann,\nwenn diese Note auf einen schlechten Tacltheil fällt, ist\nallen französischen Geigern mehr oder weniger eigen, bei\nkeinem doch so auffallend, wie bei Lafont. Es ist mir un-\nbegreiflich, wie diese unnatürliche Accentuation, die gerade\nso klingt, als wenn ein Bedner die kurzen Endsylben be-\nsonders stark betonen wollte, entstanden sein mag. Hätte\nman beim Vortrage des Cantabile den menschlichen Ge-\nsang immer zum Vorbilde genommen (wie nach meiner\nUeberzeugung ein jeder Instrumentalist thun sollte), so\nwürde man auf solche Abwege nicht geralhen sein. Die\nPariser sind nun aber an diese Unnatur schon so gewöhnt,\ndass ihnen das Spiel eines Fremden, der nicht eben so\nbizarr vorträgt, viel zu schlecht oder, wie Herr Sievers sich\nausdrückt, viel zu schlankweg vorkommt.\n„Dass Lafont's Virtuosität sich immer nur auf einige\nMusikstücke auf einmal beschränkt, und er Jahre lang das-\nselbe Concert übt, bevor er damit öffentlich auftritt, ist be-\nkannt. Seitdem ich gehört habe, zu welcher vollkommenen\nExecution er es dadurch bringt, will ich dieses Aufbieten\naller seiner Kräfte für den einzigen Zweck zwar nicht ta-\ndeln, doch fühle ich mich ausser Stande, es nachzuahmen,\nund begreife nicht einmal, wie man es über sich gewinnen\nkann, dasselbe Musikstück täglich vier bis sechs Stunden\nzu üben, noch weniger, wie man es anzufangen habe, dass\nman durch solch mechanisches Treiben nicht endlich aller\nwahren Kunst gänzlich absterbe. Baillot ist im Techni-\nschen seines Spiels fast eben so vollendet, und seine Viel-\nseitigkeit beweis't, dass er es sei, ohne zu jenen verzwei-\nfelnden Mitteln seine Zuflucht nehmen zu müssen. Er spielt\nausser seinen eigenen Compositionen auch fast alle ande-\nren der älteren und neueren Zeit. Er gab uns an jenem\nAbende ein Quintett von Boccherini, ein Quartett von\nHaydn und drei Compositionen von sich, ein Concert, ein\nAir varie und ein Kondo zu hören. Alle diese Sachen\nspielte er vollkommen rein und mit dem seiner Manier\neigenthümlichen Ausdrucke. Dieser Ausdruck schien mir\naber mehr ein erkünstelter als natürlicher zu sein, so wie\nüberhaupt sein Vortrag durch das zu scharfe Hervortreten\nder Mittel zum Ausdrucke manierirt wird. Seine Bogen-\nführung ist gewandt und an Nuancen reich, aber nicht so\nfrei, wie die von Lafont, daher sein Ton nicht so schön,\nwie der von diesem, und die Mechanik des Auf- und Ab-\nstreichens des Bogens etwas zu hörbar. Seine Compositio-\nnen zeichnen sich vor denen fast aller anderen pariser Gei-\nger durch Correctheit aus, auch ist ihnen eine gewisse\nOriginalität nicht abzusprechen; aber etwas Erkünsteltes,\nManierirtes und Veraltetes im Stil macht, dass er die Quin-\ntette von Boccherini oft und gern spielt. Ich war begierig,\ndiese Quintette, von denen ich etwa ein Dutzend kenne,\nvon ihm spielen zu hören, um zu sehen, ob es ihm durch\ndie Weise, wie er sie vorträgt, gelingen könne, das Ge-\nhaltlose der Compositionen vergessen zu machen. So ge-\nlungen aber auch die Ausführung der von ihm gegebenen\nwar, so fiel mir das oft Kindische der Melodieen und die\nMagerkeit der fast immer nur dreistimmigen Harmonie\nnicht weniger unangenehm auf, wie bei allen früher ge-\nhörten. Es ist kaum zu begreifen, wie ein gebildeter Künst-\nler wie Baillot, dem unsere Schätze an Compositionen die-\nser Gattung bekannt sind, es über sich gewinnen kann,\ndiese Quintette (die nur mit Berücksichtigung der Zeit und\nVerhältnisse, in denen sie geschrieben wurden, ihr Ver-\ndienst haben) noch immer zu spielen! Dass sie hier aber\neben so gern wie ein Mozart'sches gehört werden, beweis't\nvon Neuem, dass die Pariser das Gute vom Schlechten\nnicht zu unterscheiden wissen und in ihrer Kunstbildung\num wenigstens fünfzig Jahre zurückgeblieben sind. Von\nHabeneck hörte ich zwei Airs varies seiner Composition.\nEr ist ein brillanter Geiger, der viele Noten in grosser\nGeschwindigkeit und mit vieler Leichtigkeit spielt. Sein Ton\nund sein Bogenstrich sind aber etwas rauh. Der junge\nKreutzer liess mich ein neues, sehr brillantes und gra-\nziöses Trio seines Bruders hören. Die W eise, wie er es\nvortrug, vergegenwärtigte mir einiger Maassen die Manier\ndes älteren, und überzeugte mich, dass sie die gediegen-\nsten von allen pariser Geigern sind. Dem jungen Kreutzer"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5513, "texte": "fehlt es an physischer Kraft, er ist kränklich und darf oft\nMonate hing nicht spielen. Sein Ton ist daher etwas matt,\nim Uebrigen sein Spiel rein, feurig und voll Ausdruck.\"\nBemerkenswert!» sind auch Spohr's Aeusserungen über\ndie Kirchenmusik der llofcapelle, deren Capellmeister Le-\nsueur und Cherubini alle drei Monate in der Direction\nabwechselten, d. h. an der Spitze des Sänger-Personals in\nHofkleidung präsidirten, während Plantade eigentlich diri-\ngirte, 11. Kreutzer und Baillot Vorgeiger an der ersten und\nzweiten Geige waren. Spohr schreibt:\n„War ich gleich schon vorbereitet, hier Musik zu hö-\nren, die sich im Stil von dem, was man bei uns in Deutsch-\nland Kirchenstil nennt, sehr weit entfernt, so wurde ich\ndoch durch den brillanten Theaterstil in einer Messe von\nPlantade, die ich beim ersten Besuche der Capelle am 17.\nvorigen Monats hörte, nicht wenig überrascht. Es ist darin\nauch nicht der leiseste Anklang von gebundenem Stil, keine\nSpur von canonischer Führung der Stimmen, noch viel\nweniger von einer Fuge. Dieses abgerechnet, recht hüb-\nsche Gedanken und gute Instrumentirung, die in einer ko-\nmischen Oper ganz an ihrem Platze wären. Das Schluss-\nAllegro, wahrscheinlich über die Worte\n(gewiss weiss ich es nicht, da die Franzosen das Lateini-\nsche auf eine dem deutschen Ohr sehr unverständliche\nWeise aussprechen), war so ganz im Stil eines Opern-Fi-\nnales (wie diese gewöhnlich mit drei oder vier Mal gestei-\ngertem Tempo), dass ich beim Schlüsse, ganz den Ort ver-\ngessend, wo ich mich befand, erwartete, der Vorhang werde\nfallen und das Publicum applaudiren.\n„Am 24. December, des Nachts um 12 Uhr, hörten\nwir die so genannte Messe de Minuit, diesmal von Le-\nsueur's Composition. Vorher mussten wir eine grosse Ge-\nduld-Probe bestehen, indem wir während zweier ziemlich\nlangen Stunden, von 10 bis 12 Uhr, nichts als Psalmen,\nauf die eintönigste Weise abgesungen, dann und wann mit\nbarbarischem Zwischenspiel der Orgel unterbrochen, an-\nzuhören bekamen. Um 12 Uhr fing endlich die Messe an.\nWieder derselbe frivole Theaterstil, wie in der von Plan-\ntade, in der feierlichen Mitternachtsstunde aber nur noch\nwiderlicher! Was mich dabei am meisten wunderte, be-\nsonders von Lesueur, der hier in dem Rufe eines vorzüg-\nlichen Harmonikers steht und als Harmonielehrer, wenn\nich nicht irre, im Conservatorium Unterricht ertheilt, nicht\neinmal vierstimmige Führung der Gesangstimmen! Wenn\nes auch in der Oper zuweilen von Wirkung sein mag,\nwenn man nur zweistimmig schreibt, die Soprane mit den\nTenören und die Alte mit den Bässen in Octaven gehen\nlässl, Iheiis um den gewöhnlich schlechten Theaterchören\ndie Execution zu erleichtern, theils um mehr materielle\nKraft dadurch zu erreichen, so scheint es mir doch ganz\nbarbarisch, dieses in der Kirche einzuführen, und ich möchte\ndaher wohl wissen, was Herr Lesueur, der gewiss ein den-\nkender Künstler ist, dabei beabsichtigt. An die Stelle des\nOffertoriums waren Variationen von Nadermann für Harfe,\nHorn und Violoncell eingeschoben, von dem Componisten und\nden Herren Dauprat und Baudiot vorgetragen. Du weisst,\ndass mir in Deutschland ein ernster Sinfonieen-Satz an die-\nser Stelle schon zu weltlich vorkam, kannst Dir daher\nleicht denken, welchen widrigen Eindruck diese galanten\nfranzösischen Harfen-Variationen in einer Messe um die\nMitternachtsstunde auf mich machen mussten; und doch\nsah ich die Anwesenden andächtig beten. Wie gelingt es\nihnen nur, bei solcher trivialen Musik einen frommen Ge-\ndanken zu fassen? Entweder ist diese für sie ohne alle\nBedeutung, oder sie verstehen, ihr Ohr gänzlich zu ver-\nschliessen; denn sonst müssten sie unausbleiblich dadurch,\nwie ich, an das Ballet der grossen Oper erinnert worden\nsein, wo diese drei Instrumente bei den üppigsten Tänzen\nauf gleiche Weise gebraucht werden. Die Harfe, obgleich\nin uralten Zeiten das Lieblings-Instrument eines frommen\nKönigs, sie sollte schon desswegen aus der Kirche verbannt\nsein, weil sie zum gebundenen Stile, dem einzigen für die\nKirche passenden, völlig untauglich ist.\n„Aber wirst Du es glauben, wenn ich Dir versichere,\ndass selbst der würdige Meister Cherubini sich durch das\nböse Beispiel hat fortreissen lassen und auch in seinen\nMessen der Theatersiii oft vorherrschend ist? Zwar ent-\nschädigt er bei solchen Stellen durch vorzügliche, effect-\nvolle Musik, aber wer kann diese gemessen, wenn es ihm\nnicht gelingt, gänzlich zu vergessen, an welchem Orte er\nsie hört? Es wäre auch weniger zu bedauern, dass Che-\nrubini sich ebenfalls vom wahren Kirchenstile entfernt,\nwenn er nicht in einzelnen Nummern zeigte, wie würde-\nvoll er sich darin zu bewegen weiss. Mehrere einzelne\nSätze seiner Messen, besonders die kunstreich durchgeführ-\nten Fugen, und vor Allem sei (bis zum welt-\nlichen Schlüsse), liefern die herrlichsten Belege dazu. Hat\nman es aber erst über sich gewonnen, an diesem oft aus-\nschweifenden Stile kein Aergerniss mehr zu nehmen, so\nkann man den höchsten Kunstgenuss finden. Durch reiche\nErfindung, gewählte, oft ganz fremdartige Harmoniefolgen\nund eine kluge, durch vieljährige Erfahrung geleitete Be-\nnutzung der materiellen Kunstmittel weiss er so gewaltige\nEffecte hervorzubringen, dass man unwillkürlich mit fort-\ngerissen wird, bald alles Klügeln vergisst und sich nur sei-\nnem Gefühl und dem Genüsse überlässt. Was würde die-\nser Mann geleistet haben, wenn er, anstatt für Franzosen,\nimmer für Deutsche beschrieben hätte!\"\nBei seiner zweiten Anwesenheit in Paris im Jahre\n1844 wurde Spohr, der seit seinem ersten Aufenthalte in"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 467, "texte": "London (im Jahre 1819) in den Jahren 18-39, 1841,\n1842, 1843 dort und in England überhaupt ausseror-\ndentliche Triumphe gefeiert hatte, mit grossen Ehrenbezei-\ngungen aufgenommen; unter Anderem führte Habeneck\nihm mit dem Conservatoire-Orchester seine Sinfonie „Die\nWeihe der Töne\" auf, worüber Spohr sich dahin äusserte,\ndass es auf der Welt nur zwei Orchester gäbe, die so gut\nzu spielen verständen, das im Gonservatorium zu Paris und\ndas im Conservatorium zu Prag."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-02-25-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-02-25_01#c004", "volume": "bmtnabi_1860-02-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "70", "page_fin": "70", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.2.4", "titre_corps": "Etymologisches zur Musik.", "titre_sommaire": "Etymologisches zur Musik.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.6", "debut_caractere": 469, "fin_caractere_exclue": 3001, "texte": "Etymologisches zur Musik.\nDie Namen Violon, Violin, Violino, Yiolone,\n[Violono] zu unterscheiden und auch die deutschen Gei-\ngen richtig zu nennen, macht zuweilen Mühe, weil wir die\nGrundbedeutungen vergessen. Viola mag das erste Wort\ndieser Reihe gewesen sein, deutet aber zurück auf\nBiog, vevyög, Nerve, Darmsaite. Danach bildet nun der\nItaliäner:\nViola,als erstes Diminutiv, die mittlere Geige.\nViolino,aus dem Vorigen diminuirt, die kleinere obere\nGeige.\nViolone,augmentirt*), ist die grosse Geige; Einige sa-\ngen unrichtig Violono-,noch schlimmer aber ist der Bar-\nbarismus, Violon mit französischem Klange zu sagen, wo\nnicht die hohe Violine gemeint ist. heisst auch\nContrabasso, weil seine Stimmung das Umgekehrte der\nObergeige ist; denn die Violine in Quinten,\nder Contrabass e acl gin Quarten.\nVioloncello ist Diminutiv von ein kleiner aus\nder Familie der grossen Bassgeigen. allein zu sagen,\nist nicht richtig, auch gar kein italiänisches Wort.\nIm Deutschen sage man nach alter Weise Geige,\nstatt „Streich-Instrument\"—es ist minder breit und leich-\nter überall anwendbar, z. B. Geigen-Quartett, Geigen-Be-\ngleitung, obere und untere, hohe und tiefe Geigen, Geiger\nund Bläser u. s. w. [lch kenne ebenfalls nichts Hassli-\ncheres und schlechter Bezeichnendes, als das Wort „Streich-\nQuartett\", da durch „Streichen\" niemals ein Instrument\noder eine bestimmte Art von Ton benannt Werden kann,\ndie Analogieen Streichriemen, Streichholz u. s. vv.\nauf ganz andere Begriffe führen, und der einzige Ton, an\nden man unwillkürlich bei dem „Streichen\" denkt, keines-\nwegs zu den musicalischen gehört. „Streichen\" ist als\ntechnischer Ausdruck in der Musik keineswegs dem „Bla-\nsen\" ebenbürtig. Dieser Künstler „bläs't\" schön, er ist\nein berühmter Flötenbläser u. s. w. das ist gebräuchlich\nund edel; auch die Dichtersprache verschmäht es nicht:\n„Blas't, blas't! 0, wären es die schwed'schen Horner!\"\nFerner im Allgemeinen: „Unter allen Bläsern ragt Vi-\nvier hervor.\" Aber: „Paganini war der König aller Strei-\ncher\"?— Joachim streicht vortreff lich Violine\"??? Nein,\nJoachim streicht nicht Violine, sondern er ist ein vortreff-\nlicher Geiger. Also fort mit dem Streich-Quartett, der\nschlechten, neueren Benennung für Geigen- oder Vio-\nlin-Quartett, wobei man übrigens eben so wenig an\nvier Violinen, als bei Clavier-Trio an drei Glaviere denkt.\nL. B.]\n,*) Aumentativo nennt der Italiäner die Vergrösserungswörter, an\ndenen seine Sprache so reich ist; sala, salonc, grosser Saal,\nbalco, bdlcone, grosser Balken, mitte, tnillione u» s. w,"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-02-25-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-02-25_01#c005", "volume": "bmtnabi_1860-02-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "70", "page_fin": "71", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.2.5", "titre_corps": "Zweites Concert des kölner Männergesang-Vereins, unter Leitung des königlichen Musik-Directors Franz Weber.", "titre_sommaire": "Zweites Concert des kölner Männergesang-Vereins, unter Leitung des königlichen Musik-Directors Franz Weber.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.6", "debut_caractere": 3003, "fin_caractere_exclue": 5474, "texte": "Zweites Concert des kölner Männergesang-Vereins,\nunter Leitung des königlichen Musik-Directors Franz Weber.\nSonntag, 5. Februar 1860.\nDer genannte Verein, der seine Abonnements-Concerte in dem\ngrossen Saale des Casino gibt, bat stets noch ein zahlreiches Publi-\ncum, das seine Leistungen mit grosser Theilnahme verfolgt und sie\nungern entbehren würde. Sobald der Männergesang als wirkliche\nKunstgattung behandelt wird, nicht bloss im Dienste der Geselligkeit\nund des so genannten Humors steht, und als solche auf das rechte,\ndas ist bescheidene Maass der Ansprüche in der musicalischen Welt\nzurücktritt, wird auch der Musiker und der gebildete Dilettant in\ndas Urtheil der gesangliebenden Menge einstimmen, die dem schönen\nVortrage eines mehrstimmigen Männerliedes ihre Gunst zuwendet.\nWir wollen das alte Thema, dass der Männergesang in Deutsch-\nland die Gränzen seines Gebietes eine Zeit lang überschritten hat,\nund alles, was an diesem Ueberschreiten hing, Selbstüberschätzung,\nAusschliesslichkeit, EfFectmacherei, politische, obwohl sehr unschul-\ndige Wichtigthuerei u, s. w., nicht wieder aufwärmen; aber Eines\nmüssen wir zu Gunsten desselben betonen, dass sein Einfluss auf\nden Geschmack der Menge im Ganzen genommen ein vortheilhafter\ngewesen ist und noch immer ist, wenn er richtig geleitet wird. Viele,\nnamentlich Musiker, werden vielleicht das Gegentheil behaupten,\nweil allerdings die Flut von Compasitionen für den Männergesang\neine Menge. Sand und Schlamm mit sich geführt hat, welche die\ngrünenden Fluren der echten Tonkunst an vielen Stellen überdeckt\nhaben. Allein sollen wir desshalb, weil das Schlechte daneben vor-\nhanden ist, das Gute auf dem Gebiete der Kunst, ja, des Lebens,\nverschmähen und ihm seine Wirksamkeit absprechen ? Alles, was\ndie Liedertafeln und ähnliche Vereine von den Schweizeralpen bis\nzu dem Nord- und dem Ostmeere singen, ist wenigstens doch deut-\nsche Musik, und an vortrefflichen Früchten ist auch das Feld,\ndas von den Tondichtern für diese Vereine bebaut worden, so arm\nnicht, wie man im Allgemeinen behauptet; es kommt meist nur\ndarauf an, das Korn von der Spreu zu scheiden und sich nicht in\neine einzelne, z. B. in die gar zu weichliche und süssliclie, Richtung\nzu verrennen. Ist es aber nicht hundert Mal erfreulicher und erhe-\nbender, wenn die Menge an einem schönen Volksliede nach Silcber's\nu. s. w. trefflichen Bearbeitungen, oder an den Gesängen für Män-\nnerstimmen eines Franz Schubert, Conradin Kreutzer, Felix Men-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2362, "texte": "delssohn, Louis Spohr, Heinrich Marschner, Friedrich Schneider\nu. s. w. Gefallen findet, sich zu ihrem Vortrage drängt, Herz und\nSinn daran labt, als wenn sie voll von dem Gedudel und Geklingel\nrein sinnlicher italiänischer und neu-französischer Opernmusik nach\nHause geht?\nIn dem zweiten Concerte waren hier neu „Das deutsche Lied\"\nvon J. W. Kalliwoda, das die Erwartungen, welche dessen häufige\nAufführung in. Süddeutschland erregt hatte, nicht rechtfertigte.\n„Nachthelle\" von F. Schubert gefiel mit Recht. Weniger konnte F.\nLiszt's Composition von Göthe's so einfach schönem Gedanken:\n„Ueber allen Wipfeln ist Ruh'\" behagen, wiewohl grosse Sorg-\nfalt darauf gewandt worden war und es vortrefflich gesungen wurde.\nVon den übrigen Nummern des Programms machten Silcher's Com-\nposition zu dem schönen Gedichte von Chamisso: „Es geht bei ge-\ndämpfter Trommel Klang\", und zwei Lieder von F. Hilier für So-\npran-Solo und Männerchor: „Lebenslust\" und „Die Lerchen\", den\nmeisten Eindruck. Das Solo sang Fräulein Elise Saart von hier.\nDass der kölner Männergesang-Verein jetzt in seinen Concerten\ndie Monotonie der Gattung durch Voeal- oder Instrumental-Solo-\nVorträge beseitigt, ist sehr zu billigen. So sang Fräul. Saart noch\nzwei Lieder am Ciavier, und einige Vorträge auf dem Pianoforte\ndurch Herrn Hans von Bülow, königlich preussischen Hofpiani-\nsten, waren eine Hauptzierde des Concertes, nicht nur durch die\nNeuheit der Erscheinung (Herr von Bülow trat zum ersten Male\nhier auf), sondern auch durch das hervorragende Talent des Spie-\nlers. Er zeigte sich in Compositionen verschiedenen Charakters (Beet-\nhoven's Sonate in C-moll, Op. 111, J. S. Baeh's italiänisehem Con-\ncerte, Liszt's Reminiscenzen aus Verdi's Rigoletto und dessen Ra-\nkoczy-Marsch) als einen der bedeutendsten Clavierspieler unserer\nZeit, dessen technische Meisterschaft zu bewundern ist. Geniale Auf-\nfassung und Vortrag haben wir aber nur bei der Ausführung des\nRakoczy-Marsches, dieser energisch packenden, fortreissenden, Liszt's\nwürdigen Composition gefunden, während die ~Reminiscenzenu aus\nRigoletto uns dermaassen kalt Hessen, dass wir kaum begreifen\nkonnten, wie Liszt sich habe entschliessen können, so etwas Trivia-\nles als die neueste oder letzte Production eines Talentes in die Welt\nzu schicken, das uns in dieser Gattung früher so Ausgezeichnetes\nund Bezauberndes gegeben hat."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-02-25-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-02-25_01#c006", "volume": "bmtnabi_1860-02-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "71", "page_fin": "72", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.2.6", "titre_corps": "Achtes Gesellschafts-Concert in köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferd. 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Grunwald und 0. von König slow. 4. »Die\nBirken und die Erlen\", Gedicht aus den Waldliedern von G. Pfar-\nrius, für Sopran-Solo, Chor und Orchester componirt von Max\nBruch, Op. 8 (Neu).\n11. 5. Sinfonie in D-clur von J. Haydn. 0. a. Cavatine (Porgi\namor) aus Figaro's Hochzeit von Mozart, b. „Gretchen am Spinn-\nrad\" von Göthe, componirt von F. Schubert (für Orchester in-\nstrumentirt von F. Hill er), gesungen von Fräul. E. Genast. 7.\n„Zigeunerleben von Geibel, von Ii ob. Schumann für Soli und\nChor gesetzt (für Orchester instrumentirt von C. G. P. Graden er).\nNeu. 8. Ouvertüre zum Tannhäuser von R. Wagner.\nFräul. Genast hat dieses Mal einen ganz ungewöhnlichen Er-\nfolg gehabt. Die Arie von Händel verlor freilich dadurch, dass das\nRecitativ ausfiel, was nicht ihre Schuld war, an Wirksamkeit; allein\ndie Reinheit der Intonation und die Fertigkeit und Correctheit der\nColoratur bekundeten auch hier gleich, dass die Sängerin singen ge-\nlernt hat, und desshalb mit einer nichts weniger als mächtigen, aber\nwohllautenden und lieblichen Stimme, mit künstlerischer Ausbildung\nund seelenvollem Ausdruck Erfolge erreichen kann, die jeder zu\nschätzen wissen wird, der sich an wirklichem Gesänge erfreuen und\nnicht bloss vor kolossalem Klange erstaunen will. Desswegen möch-\nten wir aber auch der Künstlerin rathen, nach diesen Eigenschaften\nihres Naturells die Wahl für ihre Vorträge zu treffen. Der Händel:-\nsche Stil z B. Passt nicht recht dafür. Durch die kleine Arie der\nGräfin im Figaro und durch Schuberts Lied, das auf eine ausge-\nzeichnet schöne Weise von Hiller instrumentirt ist, erregte sie einen\nBeilallssturm, wie er hier nur selten ist, so dass sie sogar das „Gret-\nchen-Lied\" noch einmal singen musste eine um so ehrenvollere\nAufforderung von Seiten des Publicums, als dergleichen sonst hier\nso gut wie niemals vorkommt.\nDie neue Vocal-Composition von Max Bruch: „Die Birken\nund die Erlen\", ein Wechselgesang zwischen dem Männerchor\n(Birken) und Frauenchor (Erlen), eingeleitet und beendigt durch eine\nSolostimme, wurde mit grossem Beifall aufgenommen und der Com-\nponist am Schlüsse gerufen. Der melodische Fluss der Singstimmen;\nso wie die reizende Instrumentirung, der duftige Farbenton, der über\ndem Ganzen ruht, die wohlthuende Klarheit und Consonanz (wir sind\nja so weit gekommen, class wir die notwendigste Eigenschaft der\nMusik jetzt als eine Seltenheit hervorheben müssen!) zeugen auch\nin diesem Op. 8 des jugendlichen Tondichters wiederum von gros-\nsem Talente und echt musicalischem Berufe. Das Stück, das noch\ndazu den äusseren Vorzug der Kürze hat und eine nicht schwierige,\naber freilich sehr sorgfältige und zarte Ausführung verlangt, muss\nallen Gesang-Vereinen und Concert-Instituten gar sehr willkommen\nsein. Es ist bei Breitkopf & Härtel in Leipzig in Partitur,\nClavier-Auszug und Stimmen in recht hübscher Ausstattung er-\nschienen.\nWie sehr Haydn's wunderbar schöne, in sinniger Klarheit mild\n• #\nstrahlende und erwärmende D-f/wr-Sinfonie (Nr. 4 der Breitkopf &\nHärtel'schen Partitur-Ausgabe, Adagio-Einleitung in D-moll) das Pu-\nblicum in der ausserordentlich feinen und anmuthigen Ausführung\nentzückte, lässt sich nicht beschreiben. Es war eine Stille und Auf-\nmerksamkeit im Saale, dass man athmen hören und auf allen Ge-\nsichtern eine glückliche und zufriedene Seelenstimmung lesen konnte.\nJeder Satz, besonders alber das Andante, wurde mit einem Ausbruch\nvon Applaus belohnt,\nAuch Schumann's „Zigeunerleben\", von Grädener recht\nhübsch instrumentirt, wurde recht gut ausgeführt und sprach sehr an»\nDer Tannhäuse r-0 u verture wurde eine höchst sorgfältige,\nglänzende Ausführung durch das stark besetzte Orchester zu Theil,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 602, "texte": "trotzdem aber nur ein schwacher Applaus. Die Verstimmung im\ngrössten Theile des Publicums machte sich sogar in dem Vorwurf\nLuft, dass durch diesen Schluss der schöne Eindruck des ganzen\nConcertes vernichtet worden sei Und doch hat die Direction Recht\ndaran gethan, diese Ouvertüre, deren Missfallen im Theater nur gar\nzu oft der schwach besetzten und mangelhaften Ausführung zuge-\nschrieben wird, einmal in dem klangreichen Saale des Gürzenich\nund ausgestattet mit aller Kraft und allem Pomp des Orchesters\nvorzuführen. Sie ist dadurch dem Componisten und das Publicum\nder Composition gerecht geworden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-02-25-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-02-25_01#c007", "volume": "bmtnabi_1860-02-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "72", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.2.7", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.8", "debut_caractere": 604, "fin_caractere_exclue": 6069, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolfift« Es geht uns folgende authentische Mittheilung von\nWien zu: „Die Nr. 7 der „„Recensionen und Mittheilungen\nüber Theater und Musik®*, welche heute erscheinen sollte, wurde\nYon der Pressbehörde unterdrückt. Wien, den 15. Februar.*\nDas ist denn doch wohl ein in der ganzen deutschen Presse der\nKunstblätter unerhörter Fall!\n** Barmen. Am 28. Januar fand das jährliche Concert zum\nVortheil des hiesigen Musik-Directors Statt. Der Saal war so be-\nsucht, wie noch niemals bei ähnlicher Gelegenheit, ein Beweis, wie\nsehr die Wahl des Herrn Krause zu dieser Stelle allgemein ge-\nbilligt wird. Das Programm brachte: das Andante aus F. Schu-\nberts Violin-Quartett in D-moll. Dessen 24. Psalm für Frauen-\nchor. Andante für zwei Claviere von Rob. Schumann. Zwei\nLieder von F. Schubert, gesungen von Fräul. Mann. Drei\nChorlieder für Sopran, Alt, Tenor und Bass, eines von Mendels-\nsohn und zwei von Schumann. Notturno von Chopin und\nzwei Etüden von Krause. Quintett für Ciavier u. s. w., Op. 44,\nvon Schumann.\nIn dem Quartett und Quintett spielte Herr von König slow\naus Köln die erste Geige. Ueber die Bevorzugung Schumann's in\ndiesem Programme äussert sich ein Bericht in der hiesigen Zeitung\nunter Anderem: „Aber das Publicum will auch Neues! Nun ja,\ndie Schumann'schen vierstimmigen Lieder kamen noch fast feucht\naus der Presse in die Proben. Mendelssohn ist in diesem Genre\nals Muster bekannt. Recht also, dass man, schon des ernsten Ver-\ngleiches wegen, unmittelbar vor diese Novitäten eines der besten\nMendelssohn'schen Lieder ins Programm setzte, aber damit nur fac-\ntisch den Beweis lieferte, dass Schumann in allem, was er ernstlich\nerfasste, so auch hier wieder, ungleich origineller, mit Einem Worte:\ndass er ein Genie, das schafft, jener aber nur ein Talent, das ar-\nbeitet, gewesen. Welch eine Klangfarbe in diesem „Trauine\"! Wie\ngemüthlich „Das Schifflein* ! wie naiv die Idee, die im Uhland'schen\nTexte vorkommenden Flöte und Horn auch dem Liede in natura\nauf ein paar Tacte beizugeben (wobei es beiläufig nur etwas\ngar zu natürlich diesmal herging/!*\nCuriosum» Ueber ein Concert von Alex. Dreyschock in\nBerlin bringt die Preussisclie Zeitung vom 17. d Mts. unter An-\nderem folgenden blühenden Unsinn:\n„Wenn das Trio in C-moJl eines der ersten des sechszehnjähri-\ngen (?) Beethoven ist, wie viele letzte und späteste seiner Nachfolger\nsind solche erste? Das Andante, mit welcher zarten Trauer es sich\nergiesst; und des Meisters Wonne, sein Erstgeborener, das Mutter-\nsöhnchen, das die keusche, heilige Liebe seiner Seele, die holde Me-\nlancholie, ihm geschenkt, und er mit seliger Vaterlust in den Armen\nwiegte: das Scherzo, wie lächelt schon hier aus seinem Auge des\nVaters Tiefsinn und der Mutter wehmuthfeuchter Thränenglanz l\nWunderbar wob und regte Beides sich in den Klängen der drei\nSpieler, in denen des Pianisten namentlich, dessen Zaubertöne wieder\nso weich verschwammen, und doch mit einer zarten Bestimmtheit\nund Ausprägung bis ins feinste Detail, dass die Trillerketten (??)\nüber die Tasten hinrollten, wie Thautropfen über Blumenblätter;\naber wie Thautropfen, die jene Meinung der Alten vom Entstehen\nder Perlen zu erhärten schienen, dass sie nämlich aus solchen von\nder Muschel aufgesogenen Tropfen zu diesen kostbaren Kleinodien\ngerännen Unter Dreyschock's Fingerspitzen erklingen die gehauch-\nten Töne mit einer Reinheit und plastischen Rundung, dass man\nglauben möchte, er arbeite die elfenbeinernen Tasten zu jenen mi-\nkrotechnischen Wunderwerken von Elfenbein aus; ein Kallikrates\ndes Ohres, der, wie jener dem Auge glatte Elfenbein-Kügelchen von\nGrösse einer Erbse durch die Lupe als Viergespann des Sonnengottes\nerkennen liess, von staunenerregender Vollendung ähnliche Piano-\nklänge aus den Tasten zaubert, deren scheinbare Glätte sich dem\nlauschenden Ohr in die wunderbarste musicalische Toreutik auflösen.\nDann wieder schlug die hämmernde Hand gleichsam mächtige\nHarmonieenquellen aus der Tiefe des Instrumentes, die in das duf-\ntigste Gestiebe von feinsten Ton-Diamanten versprühten. Das Ciavier\nschien zur Orgel aufgestürmt, die, in wogenden Chorälen erbrausend,\nin das weich lispelnde Flötenwerk des „Saltarello* zerschmolz. Har-\npeggien, die wie mit Neptun's Dreizack aus Felsen gerissen erklan-\ngen, verwehten in ein Piano, süss wie Nachtviolen-Duft. Improvisirte\nVariationen über „Heil Dir im Siegerkranz*, mit der linken Hand\nallein und doch so eisern gespielt, wie Götz mit der seinigen eiserne\nVictoria-Kiänze zu hämmern pflegte, und das gleich auf den Schä-\ndeln selber, für die er sie bestimmt.*\nKann die offieiöse Presse in ganz Berlin keinen besseren musi-\ncalischen Referenten finden?\n3O. Jan. Wir hatten hier gestern zur Nachfeier von\nMozart's Geburtstag „Die Tonkunst und vier deutsche Meister*,\nFestdichtung mit Musik und lebenden Bildern von Dr. Julius Pabst.\nHierauf „Don Juanu. Das Haus war überfüllt und die Dichtung, wie\ndie überaus schön und sinnig arrangirten Bilder fanden stürmischen\nBeifall. Als zuletzt am Horizont die vier Sterne sichtbar wurden, in\ndenen die Namen Gluck, Beethoven, Mozart, Weber glänzten, als in\npoetischer Zusammenstellung die Gestalten aus „Iphigenie*, „Fideliou,\n„Don Juan*, rPreciosa\" sich unter diesem Himmel zeigten und die\ngöttliche, ewig junge Musik der Ve rgangenh ei t dazu ertönte,\nda dachten wir, ob wohl nach hundert Jahren die jetzt so viel ge-\nnannten Meister der Zukunft mit gleichem Enthusiasmus begrüsst\nund gefeiert werden würden."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nHector Berlioz über seine Stellung zur Zukunftsmusik. Aus Spohr's Leben. Etymologisches zur Musik. Zwei-\ntes Coneert des kölner Männergesang-Vereins. Achtes Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich. Tages- und Unterhal-\ntungsblatt (Köln, Die wiener „Reeensionen\" Barmen, Benefiz-Concert Berlin, Curiosum Weimar, Mozart-Feier).\n\nHector Berlioz über seine Stellung zur\nZukunftsmusik\n\n*).\nMan hat in Bezug auf die Schule der Zukunftsmusik\nmir in Deutschland und anderswo Ansichten zugeschrie-\nben, die nicht die meinigen sind; in Folge dessen hat man\nmir oft Lobsprüche ertheilt, in denen ich wirkliche Belei-\ndigungen sehen konnte; ich habe stets geschwiegen. Kann\nich aber jetzt noch schweigen, wo ich von Rechts wegen\naufgefordert werde, mich kategorisch zu erklären, oder\nsoll ich ein unwahres Glaubensbekenntniss ablegen? Ich\ndenke, das wird Niemand mir rathen wollen.\nIch will mich daher aussprechen, und zwar mit völli-\ngem Freimuth. Wenn die Schule der Zukunft so spricht:\n„Die Musik, jetzt in der Kraft ihrer Jugend, ist fessel-\nlos und frei, sie thut, was sie will.\n„Viele von den alten Regeln haben keinen Cours mehr;\nsie wurden von ungenauen Beobachtern oder von Hand-\nwerkern für Handwerker aufgestellt.\n„Neue Bedürfnisse des Geistes, des Herzens und des\nOhrs fordern neue Versuche und in gewissen Fällen sogar\nden Bruch mit den alten Gesetzen.\n„ Verschiedene Formen sind zu abgenutzt, um noch\nzur Anwendung zu kommen.\n„Uebrigens ist Alles gut oder Alles schlecht je\nnach dem Gebrauche, den man davon macht, und den\nGründen, die diesen Gebrauch veranlassen.\n„In ihrer Verbindung mit dem Drama oder auch nur\nmit dem gesungenen Worte muss die Musik stets in direc-\nter Beziehung zu der Empfindung stehen, welche das Wort\nausdrückt, zu dem Charakter der Person, die da singt, oft\nsogar zu dem Accent und den Wendungen der Stimme,\nwelche dem Gefühle nach die natürlichsten in der gespro-\nchenen Rede sind.\n„Die Opern dürfen nicht für Sänger geschrieben wer-\nden; die Sänger müssen im Gegentheil für die Opern ge-\nbildet werden.\n„Diejenigen Werke, welche allein zu dem Zwecke\ngeschrieben sind, um die Virtuosität zur Geltung zu brin-\ngen, können nur als Compositionen untergeordneten Ran-\nges und geringen Werthes angesehen werden.\n„Die ausführenden Künstler sind nur mehr oder we-\nniger intelligente Werkzeuge, um die Form und den inne-\nren Gehalt der Compositionen ins Licht zu stellen. Mit\nihrem Despotismus ist es aus.\n„Der Meister bleibt Meister, ihm allein steht der Be-\nfehl zu.\n„Ton und Klang stehen unter dem Gedanken.\n„Der Gedanke steht unter dem Gefühle und der Lei-\ndenschaft.\n„Die schnellen Coloraturen, die Verzierungen, die\nTriller, eine grosse Anzahl von Rhythmen sind mit dem\nAusdruck aller ernsten, edeln und tiefen Gefühle unver-\nträglich.\n„Es ist folglich ein Unsinn, zu einem Kyrie eleison.\ndem demüthigsten Gebete der katholischen Kirche, figu-\nrirte Vocal-Passagen zu schreiben, welche dem wilden Ge-\nschrei von Trunkenbolden an einem Schenktisch täuschend\nähnlich sind.\n„Es ist vielleicht nicht weniger verkehrt, eine und\ndieselbe Musik zu einem Anruf der Heiden an Baal und\nzu einem Gebete der Kinder Israels zu Jehovah zu ver-\nwenden.\n„Noch widriger ist es, ein ideales Wesen, die Toch-\nter des grössten Dichters, einen Engel an Reinheit und\nLiebe hinzustellen, und sie wie ein Freudenmädchen sin-\ngen zu lassen\" u. s. w. u. s. w.\n\n*) Journal des Debatsvom 9. Februar 18G0. Wir geben die Er-\nklärung Berlioz's in wörtlicher Uebersetzung, ohne Auslas-\nsung und ohne Bemerkungen (für jetzt), da Berlioz selbst sie\nals Actenstück und Glaubensbekenntniss betrachtet wissen will.\nDie Kedaction."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.2", "texte": "wenn das also das musicalische Gesetzbuch der Schule\nder Zukunft ist, so zähle ich mich zu ihr, so gehöre ich\nihr an mit Leib und Seele, aus tiefster Ueberzeugung und\nwärmster Sympathie.\nGehören wir aber nicht alle dazu? Jedermann bekennt\nsich heutzutage mehr oder weniger offen zu diesen Sätzen,\nganz und gar oder theihveise. Gibt es einen grossen Com-\nponisten, der nicht schreibt, was er vvili? Wer glaubt an\ndie Untrüglichkeit der schulmeisterlichen Regeln, einige\nfurchtsame Schwachköpfe ausgenommen, • die vor dem\nSchatten ihrer Nase erschrecken würden, wenn sie eine\nhätten?\nIch gehe noch weiter: es ist schon lange so. Gluck\nwar schon in diesem Sinne ein Zukunftsmusiker; er sagt\nin seiner Vorrede zur Alceste: „Es gibt keine Regel, die\nich nicht gern zu Gunsten des Effectes opfern zu müssen\nglaubte.\"\nUnd Beethoven, war er nicht der kühnste, unabhän-\ngigste aller Tonsetzer, konnte er einen Zügel vertragen?\nSchon lange vor ihm halte z. ß. Gluck die Grundnote in\ndie Höhe gelegt, was nicht in die Harmonie passt und\ndoppelte und dreifache Dissonanzen gibt. Er verstand diese\nKühnheit zu erhabenen Wirkungen zu benutzen, in der\nIntroduction zu der Scene des Orpheus in der Unterwelt,\nin einem Chor der Iphigenie in Aulis, und vor Allem in\nder unsterblichen Arie der Iphigenie auf Tauris bei der\nStelle : ' ..\nMeies vos cris plaintifs\nAuber hat dasselbe in der Tarantella der „Stummen\"\ngethan. Und welche Freiheiten hat sich Gluck nicht in der\nRhythmik genommen! Mendelssohn hat sich in seiner\nschönen Ouvertüre zur Athalia über die Einheit der Ton-\nart hinweg gesetzt, sie fängt in F an und endigt in D-chiv;\ngerade wie Gluck, der in der Iphigenie auf Tauris einen\nChor in E-mottbeginnt, um ihn in zu scbliessen.\nIn dieser Hinsicht gehören wir also alle zur Schule\nder Zukunft.\nAber wenn sie uns sagen will:\n„Man muss das Gegenthei! von dem thun, was die\nRegeln lehren.\n„Man ist der Melodie überdrüssig, man ist der melo-\ndischen Figuren überdrüssig, der Arien, der Duetts, Ter-\nzetts, der Musikstücke, deren Thema sich regelmässig ent-\nwickelt; man hat die consonirenden Harmonieen satt, auch\ndie einfachen Dissonanzen, die vorbereitet und aufgelös't\nwerden, eben so die natürlichen und mit Kunstgeschick\nbehandelten Modulationen.\n„Man muss auf nichts Rücksicht nehmen, als auf die\nIdee, und den Eindruck auf das Gefühl nicht im Gering-\nsten beachten. ' * . ' .\n„Man muss das Ohr, diesen alten Trödel, verachten,\nund es brutalisiren, bis es zahm wird. Es ist nicht Zweck\nder Musik, dem Ohr zu gefallen. Es muss sich an Alles\ngewöhnen, an auf- oder absteigende Reihen von vermin-\nderten Septimen-Accorden, die einer Masse von Schlangen\ngleichen, welche sich durch einander winden und zischend\neinander zerfleischen, an dreifache Dissonanzen ohne Vor-\nbereitung und Auflösung, an Mittelstimmen, die man zu-\nsammen zu gehen zwingt, ohne dass sie weder harmonisch\nnoch rhythmisch mit einander stimmen, sondern sich wech-\nselseitig schinden, an gräuliche Modulationen, die in die\neine Ecke des Orchesters eine neue Tonart einführen, be-\nvor die frühere aus der anderen Ecke heraus ist.\n„Die Kunst des Gesanges darf man nicht im Gering-\nsten achten, man muss weder an ihr eigentliches Wesen\nnoch an ihre nothwendigen Forderungen denken.\n„In der Oper muss man sich darauf beschränken, die\nDeclamation zu notiren, sollte man auch die unsangbar-\nsten, abgeschmacktesten und hässlichsten Intervalle ge-\nbrauchen. .\n„Man muss keinen Unterschied machen zwischen einer\nMusik, die bestimmt ist, von einem Musiker, der still auf\nseinem Stuhle sitzt, gelesen zu werden, und einer Musik,\ndie auswendig gesungen wird und auf offener Scene den\nSänger nöthigt, zugleich an sein Spiel und an das der Mit-\nwirkenden zu denken.\n„Um die Möglichkeit der Ausführung muss man sich\nnie bekümmern.\n„Wenn die Sänger beim Einüben einer Partie eben\nso viel Mühe haben, als sollten sie eine Seite Sanskrit aus-\nwendig lernen oder eine Hand voll Nussschalen hinunter-\nschlucken, desto schlimmer für sie; man bezahlt sie, um\nzu arbeiten, es sind Sclaven.\n„Die Hexen im Macbeth haben Recht: das Schöne\nist grässlich, das Grässliche ist schön.\"\nwenn dieses die neue, in der That sehr neue Religion\nist, so bin ich sehr weit davon entfernt, mich zu ihr zu\nbekennen ; zu dieser habe ich niemals gehört, gehöre nicht\ndazu und werde nie dazu gehören.\nIch hebe die Finger auf und schwöre:\nIch glaube im Gegentheil fest daran, dass das Schöne\nnicht grässlich ist und dass das Grässliche nicht schön ist.\nGewiss hat die Musik nicht zum ausschliesslichen Zwecke,\ndem Ohr zu gefallen, aber noch tausend Mal weniger, ihm\nzu missfallen, es zu quälen, es zu morden.\nIch bin von Fleisch und Bein, wie jeder Mensch; ich\nverlange, dass man auf meine Sinne, auf meine Empfin-\ndung Rücksicht nimmt, dass man mein Ohr, den alten\nTrödel, mit Schonung behandle."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.3", "texte": "loh werde also bei dieser Gelegenheit, ohne mich im\nGeringsten stören zu lassen, dasselbe wiederholen, was ich\neinst einer hochherzigen und sehr verständigen Dame ant-\nwortete, welche der Gedanke der Freiheit in der Kunst,\ndie bis zum Absurden getrieben wird, etwas verführt hatte.\nSie sagte zu mir, als ich nach Anhörung eines Musik-\nstückes, in welchem die Charivari-Mittel angewandt wa-\nren, mich nicht darüber aussprach: „Sie müssen das doch\ngern haben, Sie?\" „0 ja, so gern, wie man Vitriol\ntrinkt und Arsenik nimmt.\"\nSpäterhin machte mir ein berühmter Sänger, den man\njetzt als einen der heftigsten Gegner der Zukunftsmusik\nanführt, dasselbe Compliment. Er hat eine Oper geschrie-\nben, wo in einer wichtigen Scene der jüdische Pöbel einen\nGefangenen verhöhnt. Um den Eindruck des Geschrei's der\nVolkshaufen desto wirksamer zu machen, hat dieser Realist\nein Charivari von Chor und Orchester in ewigen Dishar-\nmonieen geschrieben. Entzückt von seiner edlen Kühnheit,\nschlug er eines Tages seine Partitur an dieser kakophoni-\nschen Stelle auf und sagte ohne alle Ironie zu mir: „Ich\nmuss Ihnen diese Scene zeigen, sie wird Ihnen gewiss ge-\nfallen.\" Ich antwortete nichts, und es war weder von\nVitriol noch von Arsenik die Rede. Aber weil ich denn\ndoch jetzt den Mund öffne und jenes seltsame Compliment\nimmer noch auf dem Herzen habe, so will ich ihm sagen:\n„Nein, mein lieber D., das wird mir nicht gewiss ge-\nfallen, sondern es missfällt mir entsetzlich. Wenn Sie mich\nals einen Charivari-Realisten betrachten, so verleumden\nSie mich. Sie sprechen Sich, wie man mir sagt, jetzt stark\ngegen Wagner und seine Adepten aus, und doch haben\ndiese weit mehr Recht, Sie zu den Klapperschlangen der\nZukunftsmusik zu zählen, Sie, einen zu drei Viertheilen\nitalienischen Musiker, der sich solch eines Gräuels schul-\ndig gemacht hat, als Sie ein Recht haben, mich unter die\nAdler dieser Schule zu stellen, mich, den zu drei Vierthei-\nlen deutschen Musiker, der ich niemals dergleichen Zeug\ngeschrieben habe—nein, niemals, und ich fordere Sie auf,\nmir das Gegentheil zu beweisen. Wohlan, laden Sie einen\nIhrer Mitschüler ein, lassen Sie Becher von oxydirtem\nKupfer bringen, schenken Sie Vitriol ein und trinken Sie!\nIch geniesse lieber Wasser, und wenn es auch etwas lau\nist, oder eine Oper von Cimarösa.\"\n\nH. Berlioz.\n\nAus Spohr’s Leben.\n(Vgl. Nr. 7.)\nUeber Spohrs Aufenthalt in Paris im December 1820\nund Januar 1821 entnehmen wir seinen Briefen, die in\nAlex. Malibran's „populärer Biographie\", wie der Au-\nTor sein Büchlein selbst nennt, mitgetheilt sind, noch einige\ninteressante Notizen.\nIm Januar 1821 trat Spohr in einem öffentlichen Con-\ncerte zum ersten Male in Paris auf. Er hatte die Admini-\nstration der grossen Oper veranlasst, eine Abend-Vorstel-\nlung zu geben, deren erste Abiheilung ein Concert, die\nzweite ein Ballet bringen sollte eine Einrichtung, die in\nParis neu war und den Meister der lästigen Mühen bei\nVeranstaltung eines eigenen Concertes überhob. Er gab\nseine Ouvertüre zu Alruna, ein neues Violin-Concert und\ndas Potpourri über Mozart's Duett im Don Juan; dazwi-\nschen sang Demoiselle Cinti eine Cavatine, Bordogni und\nLevasseur ein Duett von Rossini. Der Beifall des Publi-\ncums sprach sich bei seinen Leistungen in lebhaftem Ap-\nplaudiren und Bravorufen unzweideutig aus. Nicht so gün-\nstig die Kritik der meisten Journalisten, denen Spohr den\nHof zu machen vernachlässigt hatte. Zwar sprachen alle\nJournale von dem Concerte, einige mit unbedingtem Lobe,\ndie meisten mit Hinzufügung eines Aber und alle mit\nselbstgefälliger Eitelkeit. Ein Referent meinte: „Si\nSpohr reste quelque ternps ä Paris, il pourra perfectionner\nson goüt, et retoumer en mite,\nmands!\"\nIn Privat-Gesellschaften spielte Spohr öfter und hatte\ndie Freude, dass von Künstlern und Kennern seine Com-\npositionen und sein Spiel mit Enthusiasmus aufgenommen\nwurden. Besonders gefiel das Quintett für Piano, Flöte,\nClarinette, Horn und Fagott, das er für seine Frau ge-\nschrieben, die auf den Rath der Aerzte der Harfe entsagt\nhatte. Man erbot sich, zu einem zweiten Concerte ihm die\nGeschäfte des Arrangements ganz abzunehmen und ihm\ndas beste Orchester in Paris unentgeltlich zusammen zu\nbringen; allein er machte keinen Gebrauch davon.\nSein Urtheil über die berühmten Violinisten Baillot\n(1771 —1842), Lafont (1781 1839), den jüngeren\nKreutzer*) und Habeneck (1781 —1849) ist folgen-\ndes, das wegen der praktischen Bemerkungen besonders\nauch für Violinspieler Werth hat:\n„Fragst Du mich nun, welcher von diesen vier Geigern\nmir am besten gefallen habe, so nenne ich Dir, wenn von\nblosser Execution die Rede ist, unbedenklich Lafont. Er\nvereinigt in seinem Spiel schönen Ton, höchste Reinheit,\nKraft und Grazie, und würde ein ganz vollkommener Gei-\nger sein, wenn er mit diesen vorzüglichen Eigenschaften\nauch noch ein tiefes Gefühl verbände und sich das der\nfranzösischen Schule eigene Herausheben der letzten Note\n\n*) Jean Nicolas August Kreutzer, der 15 Jahre jüngere\nBruder von Rudolf Kreutzer, Er starb im Sommer 1831,\nwenige, Monate nach seinem Bruder, der schon seit 1826 krän-\nEkelte. Die Redaction.\n[*J"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.4", "texte": "einer Phrase nicht so sehr angewöhnt hätte. Gefühl aber,\nohne welches man weder ein gutes Adagio erfinden, noch\nes gut vortragen kann, scheint ihn), wie fast allen Franzo-\nsen, zu fehlen; denn obgleich er seine langsamen Sätze\nmit vielen eleganten und niedlichen Verzierungen auszu-\nstatten weiss, so bleibt und lässt er doch dabei ziemlich\nkalt. Das Adagio scheint überhaupt hier sowohl von Künst-\nlern wie vom Publicum als der unwichtigste Satz eines\nConcertes betrachtet zu werden, und wird wohl nur bei-\nbehalten, weil es die beiden schnellen Sätze gut von einan-\nder scheidet und deren Effect erhöht.\n„Dieser Gleichgültigkeit dafür, so wie überhaupt der\nUnempfänglichkeit der Franzosen für alles, was das Ge-\nfühl anregt, schreibe ich es auch zu, dass mein Adagio\nund die Weise, wie ich es vortrage, hier weniger Eindruck\nmachte, wie die brillanten Allegrosätze. Verwöhnt durch\nden Beifall, den Deutsche, Italiäner, Holländer und Eng-\nländer meinem Vortrage desselben insbesondere geschenkt\nhaben, fühlte ich mich im Anfange gekränkt, es von den\nFranzosen so wenig beachtet zu sehen. Seitdem ich aber\nbemerkt habe, wie selten ihnen ihre Künstler ein ernstes\nAdagio zu hören geben, und wie wenig daher ihr Sinn da-\nfür geweckt ist, bin ich darüber beruhigt.— Das Heraus-\nheben der letzten Note einer Periode durch verstärkteren\nDruck und schnelles Hinaufstossen des Bogens, selbst dann,\nwenn diese Note auf einen schlechten Tacltheil fällt, ist\nallen französischen Geigern mehr oder weniger eigen, bei\nkeinem doch so auffallend, wie bei Lafont. Es ist mir un-\nbegreiflich, wie diese unnatürliche Accentuation, die gerade\nso klingt, als wenn ein Bedner die kurzen Endsylben be-\nsonders stark betonen wollte, entstanden sein mag. Hätte\nman beim Vortrage des Cantabile den menschlichen Ge-\nsang immer zum Vorbilde genommen (wie nach meiner\nUeberzeugung ein jeder Instrumentalist thun sollte), so\nwürde man auf solche Abwege nicht geralhen sein. Die\nPariser sind nun aber an diese Unnatur schon so gewöhnt,\ndass ihnen das Spiel eines Fremden, der nicht eben so\nbizarr vorträgt, viel zu schlecht oder, wie Herr Sievers sich\nausdrückt, viel zu schlankweg vorkommt.\n„Dass Lafont's Virtuosität sich immer nur auf einige\nMusikstücke auf einmal beschränkt, und er Jahre lang das-\nselbe Concert übt, bevor er damit öffentlich auftritt, ist be-\nkannt. Seitdem ich gehört habe, zu welcher vollkommenen\nExecution er es dadurch bringt, will ich dieses Aufbieten\naller seiner Kräfte für den einzigen Zweck zwar nicht ta-\ndeln, doch fühle ich mich ausser Stande, es nachzuahmen,\nund begreife nicht einmal, wie man es über sich gewinnen\nkann, dasselbe Musikstück täglich vier bis sechs Stunden\nzu üben, noch weniger, wie man es anzufangen habe, dass\nman durch solch mechanisches Treiben nicht endlich aller\nwahren Kunst gänzlich absterbe. Baillot ist im Techni-\nschen seines Spiels fast eben so vollendet, und seine Viel-\nseitigkeit beweis't, dass er es sei, ohne zu jenen verzwei-\nfelnden Mitteln seine Zuflucht nehmen zu müssen. Er spielt\nausser seinen eigenen Compositionen auch fast alle ande-\nren der älteren und neueren Zeit. Er gab uns an jenem\nAbende ein Quintett von Boccherini, ein Quartett von\nHaydn und drei Compositionen von sich, ein Concert, ein\nAir varie und ein Kondo zu hören. Alle diese Sachen\nspielte er vollkommen rein und mit dem seiner Manier\neigenthümlichen Ausdrucke. Dieser Ausdruck schien mir\naber mehr ein erkünstelter als natürlicher zu sein, so wie\nüberhaupt sein Vortrag durch das zu scharfe Hervortreten\nder Mittel zum Ausdrucke manierirt wird. Seine Bogen-\nführung ist gewandt und an Nuancen reich, aber nicht so\nfrei, wie die von Lafont, daher sein Ton nicht so schön,\nwie der von diesem, und die Mechanik des Auf- und Ab-\nstreichens des Bogens etwas zu hörbar. Seine Compositio-\nnen zeichnen sich vor denen fast aller anderen pariser Gei-\nger durch Correctheit aus, auch ist ihnen eine gewisse\nOriginalität nicht abzusprechen; aber etwas Erkünsteltes,\nManierirtes und Veraltetes im Stil macht, dass er die Quin-\ntette von Boccherini oft und gern spielt. Ich war begierig,\ndiese Quintette, von denen ich etwa ein Dutzend kenne,\nvon ihm spielen zu hören, um zu sehen, ob es ihm durch\ndie Weise, wie er sie vorträgt, gelingen könne, das Ge-\nhaltlose der Compositionen vergessen zu machen. So ge-\nlungen aber auch die Ausführung der von ihm gegebenen\nwar, so fiel mir das oft Kindische der Melodieen und die\nMagerkeit der fast immer nur dreistimmigen Harmonie\nnicht weniger unangenehm auf, wie bei allen früher ge-\nhörten. Es ist kaum zu begreifen, wie ein gebildeter Künst-\nler wie Baillot, dem unsere Schätze an Compositionen die-\nser Gattung bekannt sind, es über sich gewinnen kann,\ndiese Quintette (die nur mit Berücksichtigung der Zeit und\nVerhältnisse, in denen sie geschrieben wurden, ihr Ver-\ndienst haben) noch immer zu spielen! Dass sie hier aber\neben so gern wie ein Mozart'sches gehört werden, beweis't\nvon Neuem, dass die Pariser das Gute vom Schlechten\nnicht zu unterscheiden wissen und in ihrer Kunstbildung\num wenigstens fünfzig Jahre zurückgeblieben sind. Von\nHabeneck hörte ich zwei Airs varies seiner Composition.\nEr ist ein brillanter Geiger, der viele Noten in grosser\nGeschwindigkeit und mit vieler Leichtigkeit spielt. Sein Ton\nund sein Bogenstrich sind aber etwas rauh. Der junge\nKreutzer liess mich ein neues, sehr brillantes und gra-\nziöses Trio seines Bruders hören. Die W eise, wie er es\nvortrug, vergegenwärtigte mir einiger Maassen die Manier\ndes älteren, und überzeugte mich, dass sie die gediegen-\nsten von allen pariser Geigern sind. Dem jungen Kreutzer"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.5", "texte": "fehlt es an physischer Kraft, er ist kränklich und darf oft\nMonate hing nicht spielen. Sein Ton ist daher etwas matt,\nim Uebrigen sein Spiel rein, feurig und voll Ausdruck.\"\nBemerkenswert!» sind auch Spohr's Aeusserungen über\ndie Kirchenmusik der llofcapelle, deren Capellmeister Le-\nsueur und Cherubini alle drei Monate in der Direction\nabwechselten, d. h. an der Spitze des Sänger-Personals in\nHofkleidung präsidirten, während Plantade eigentlich diri-\ngirte, 11. Kreutzer und Baillot Vorgeiger an der ersten und\nzweiten Geige waren. Spohr schreibt:\n„War ich gleich schon vorbereitet, hier Musik zu hö-\nren, die sich im Stil von dem, was man bei uns in Deutsch-\nland Kirchenstil nennt, sehr weit entfernt, so wurde ich\ndoch durch den brillanten Theaterstil in einer Messe von\nPlantade, die ich beim ersten Besuche der Capelle am 17.\nvorigen Monats hörte, nicht wenig überrascht. Es ist darin\nauch nicht der leiseste Anklang von gebundenem Stil, keine\nSpur von canonischer Führung der Stimmen, noch viel\nweniger von einer Fuge. Dieses abgerechnet, recht hüb-\nsche Gedanken und gute Instrumentirung, die in einer ko-\nmischen Oper ganz an ihrem Platze wären. Das Schluss-\nAllegro, wahrscheinlich über die Worte\n(gewiss weiss ich es nicht, da die Franzosen das Lateini-\nsche auf eine dem deutschen Ohr sehr unverständliche\nWeise aussprechen), war so ganz im Stil eines Opern-Fi-\nnales (wie diese gewöhnlich mit drei oder vier Mal gestei-\ngertem Tempo), dass ich beim Schlüsse, ganz den Ort ver-\ngessend, wo ich mich befand, erwartete, der Vorhang werde\nfallen und das Publicum applaudiren.\n„Am 24. December, des Nachts um 12 Uhr, hörten\nwir die so genannte Messe de Minuit, diesmal von Le-\nsueur's Composition. Vorher mussten wir eine grosse Ge-\nduld-Probe bestehen, indem wir während zweier ziemlich\nlangen Stunden, von 10 bis 12 Uhr, nichts als Psalmen,\nauf die eintönigste Weise abgesungen, dann und wann mit\nbarbarischem Zwischenspiel der Orgel unterbrochen, an-\nzuhören bekamen. Um 12 Uhr fing endlich die Messe an.\nWieder derselbe frivole Theaterstil, wie in der von Plan-\ntade, in der feierlichen Mitternachtsstunde aber nur noch\nwiderlicher! Was mich dabei am meisten wunderte, be-\nsonders von Lesueur, der hier in dem Rufe eines vorzüg-\nlichen Harmonikers steht und als Harmonielehrer, wenn\nich nicht irre, im Conservatorium Unterricht ertheilt, nicht\neinmal vierstimmige Führung der Gesangstimmen! Wenn\nes auch in der Oper zuweilen von Wirkung sein mag,\nwenn man nur zweistimmig schreibt, die Soprane mit den\nTenören und die Alte mit den Bässen in Octaven gehen\nlässl, Iheiis um den gewöhnlich schlechten Theaterchören\ndie Execution zu erleichtern, theils um mehr materielle\nKraft dadurch zu erreichen, so scheint es mir doch ganz\nbarbarisch, dieses in der Kirche einzuführen, und ich möchte\ndaher wohl wissen, was Herr Lesueur, der gewiss ein den-\nkender Künstler ist, dabei beabsichtigt. An die Stelle des\nOffertoriums waren Variationen von Nadermann für Harfe,\nHorn und Violoncell eingeschoben, von dem Componisten und\nden Herren Dauprat und Baudiot vorgetragen. Du weisst,\ndass mir in Deutschland ein ernster Sinfonieen-Satz an die-\nser Stelle schon zu weltlich vorkam, kannst Dir daher\nleicht denken, welchen widrigen Eindruck diese galanten\nfranzösischen Harfen-Variationen in einer Messe um die\nMitternachtsstunde auf mich machen mussten; und doch\nsah ich die Anwesenden andächtig beten. Wie gelingt es\nihnen nur, bei solcher trivialen Musik einen frommen Ge-\ndanken zu fassen? Entweder ist diese für sie ohne alle\nBedeutung, oder sie verstehen, ihr Ohr gänzlich zu ver-\nschliessen; denn sonst müssten sie unausbleiblich dadurch,\nwie ich, an das Ballet der grossen Oper erinnert worden\nsein, wo diese drei Instrumente bei den üppigsten Tänzen\nauf gleiche Weise gebraucht werden. Die Harfe, obgleich\nin uralten Zeiten das Lieblings-Instrument eines frommen\nKönigs, sie sollte schon desswegen aus der Kirche verbannt\nsein, weil sie zum gebundenen Stile, dem einzigen für die\nKirche passenden, völlig untauglich ist.\n„Aber wirst Du es glauben, wenn ich Dir versichere,\ndass selbst der würdige Meister Cherubini sich durch das\nböse Beispiel hat fortreissen lassen und auch in seinen\nMessen der Theatersiii oft vorherrschend ist? Zwar ent-\nschädigt er bei solchen Stellen durch vorzügliche, effect-\nvolle Musik, aber wer kann diese gemessen, wenn es ihm\nnicht gelingt, gänzlich zu vergessen, an welchem Orte er\nsie hört? Es wäre auch weniger zu bedauern, dass Che-\nrubini sich ebenfalls vom wahren Kirchenstile entfernt,\nwenn er nicht in einzelnen Nummern zeigte, wie würde-\nvoll er sich darin zu bewegen weiss. Mehrere einzelne\nSätze seiner Messen, besonders die kunstreich durchgeführ-\nten Fugen, und vor Allem sei (bis zum welt-\nlichen Schlüsse), liefern die herrlichsten Belege dazu. Hat\nman es aber erst über sich gewonnen, an diesem oft aus-\nschweifenden Stile kein Aergerniss mehr zu nehmen, so\nkann man den höchsten Kunstgenuss finden. Durch reiche\nErfindung, gewählte, oft ganz fremdartige Harmoniefolgen\nund eine kluge, durch vieljährige Erfahrung geleitete Be-\nnutzung der materiellen Kunstmittel weiss er so gewaltige\nEffecte hervorzubringen, dass man unwillkürlich mit fort-\ngerissen wird, bald alles Klügeln vergisst und sich nur sei-\nnem Gefühl und dem Genüsse überlässt. Was würde die-\nser Mann geleistet haben, wenn er, anstatt für Franzosen,\nimmer für Deutsche beschrieben hätte!\"\nBei seiner zweiten Anwesenheit in Paris im Jahre\n1844 wurde Spohr, der seit seinem ersten Aufenthalte in"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.6", "texte": "London (im Jahre 1819) in den Jahren 18-39, 1841,\n1842, 1843 dort und in England überhaupt ausseror-\ndentliche Triumphe gefeiert hatte, mit grossen Ehrenbezei-\ngungen aufgenommen; unter Anderem führte Habeneck\nihm mit dem Conservatoire-Orchester seine Sinfonie „Die\nWeihe der Töne\" auf, worüber Spohr sich dahin äusserte,\ndass es auf der Welt nur zwei Orchester gäbe, die so gut\nzu spielen verständen, das im Gonservatorium zu Paris und\ndas im Conservatorium zu Prag.\n\nEtymologisches zur Musik.\nDie Namen Violon, Violin, Violino, Yiolone,\n[Violono] zu unterscheiden und auch die deutschen Gei-\ngen richtig zu nennen, macht zuweilen Mühe, weil wir die\nGrundbedeutungen vergessen. Viola mag das erste Wort\ndieser Reihe gewesen sein, deutet aber zurück auf\nBiog, vevyög, Nerve, Darmsaite. Danach bildet nun der\nItaliäner:\nViola,als erstes Diminutiv, die mittlere Geige.\nViolino,aus dem Vorigen diminuirt, die kleinere obere\nGeige.\nViolone,augmentirt*), ist die grosse Geige; Einige sa-\ngen unrichtig Violono-,noch schlimmer aber ist der Bar-\nbarismus, Violon mit französischem Klange zu sagen, wo\nnicht die hohe Violine gemeint ist. heisst auch\nContrabasso, weil seine Stimmung das Umgekehrte der\nObergeige ist; denn die Violine in Quinten,\nder Contrabass e acl gin Quarten.\nVioloncello ist Diminutiv von ein kleiner aus\nder Familie der grossen Bassgeigen. allein zu sagen,\nist nicht richtig, auch gar kein italiänisches Wort.\nIm Deutschen sage man nach alter Weise Geige,\nstatt „Streich-Instrument\"—es ist minder breit und leich-\nter überall anwendbar, z. B. Geigen-Quartett, Geigen-Be-\ngleitung, obere und untere, hohe und tiefe Geigen, Geiger\nund Bläser u. s. w. [lch kenne ebenfalls nichts Hassli-\ncheres und schlechter Bezeichnendes, als das Wort „Streich-\nQuartett\", da durch „Streichen\" niemals ein Instrument\noder eine bestimmte Art von Ton benannt Werden kann,\ndie Analogieen Streichriemen, Streichholz u. s. vv.\nauf ganz andere Begriffe führen, und der einzige Ton, an\nden man unwillkürlich bei dem „Streichen\" denkt, keines-\nwegs zu den musicalischen gehört. „Streichen\" ist als\ntechnischer Ausdruck in der Musik keineswegs dem „Bla-\nsen\" ebenbürtig. Dieser Künstler „bläs't\" schön, er ist\nein berühmter Flötenbläser u. s. w. das ist gebräuchlich\nund edel; auch die Dichtersprache verschmäht es nicht:\n„Blas't, blas't! 0, wären es die schwed'schen Horner!\"\nFerner im Allgemeinen: „Unter allen Bläsern ragt Vi-\nvier hervor.\" Aber: „Paganini war der König aller Strei-\ncher\"?— Joachim streicht vortreff lich Violine\"??? Nein,\nJoachim streicht nicht Violine, sondern er ist ein vortreff-\nlicher Geiger. Also fort mit dem Streich-Quartett, der\nschlechten, neueren Benennung für Geigen- oder Vio-\nlin-Quartett, wobei man übrigens eben so wenig an\nvier Violinen, als bei Clavier-Trio an drei Glaviere denkt.\nL. B.]\n,*) Aumentativo nennt der Italiäner die Vergrösserungswörter, an\ndenen seine Sprache so reich ist; sala, salonc, grosser Saal,\nbalco, bdlcone, grosser Balken, mitte, tnillione u» s. w,\n\nZweites Concert des kölner Männergesang-Vereins,\nunter Leitung des königlichen Musik-Directors Franz Weber.\nSonntag, 5. Februar 1860.\nDer genannte Verein, der seine Abonnements-Concerte in dem\ngrossen Saale des Casino gibt, bat stets noch ein zahlreiches Publi-\ncum, das seine Leistungen mit grosser Theilnahme verfolgt und sie\nungern entbehren würde. Sobald der Männergesang als wirkliche\nKunstgattung behandelt wird, nicht bloss im Dienste der Geselligkeit\nund des so genannten Humors steht, und als solche auf das rechte,\ndas ist bescheidene Maass der Ansprüche in der musicalischen Welt\nzurücktritt, wird auch der Musiker und der gebildete Dilettant in\ndas Urtheil der gesangliebenden Menge einstimmen, die dem schönen\nVortrage eines mehrstimmigen Männerliedes ihre Gunst zuwendet.\nWir wollen das alte Thema, dass der Männergesang in Deutsch-\nland die Gränzen seines Gebietes eine Zeit lang überschritten hat,\nund alles, was an diesem Ueberschreiten hing, Selbstüberschätzung,\nAusschliesslichkeit, EfFectmacherei, politische, obwohl sehr unschul-\ndige Wichtigthuerei u, s. w., nicht wieder aufwärmen; aber Eines\nmüssen wir zu Gunsten desselben betonen, dass sein Einfluss auf\nden Geschmack der Menge im Ganzen genommen ein vortheilhafter\ngewesen ist und noch immer ist, wenn er richtig geleitet wird. Viele,\nnamentlich Musiker, werden vielleicht das Gegentheil behaupten,\nweil allerdings die Flut von Compasitionen für den Männergesang\neine Menge. Sand und Schlamm mit sich geführt hat, welche die\ngrünenden Fluren der echten Tonkunst an vielen Stellen überdeckt\nhaben. Allein sollen wir desshalb, weil das Schlechte daneben vor-\nhanden ist, das Gute auf dem Gebiete der Kunst, ja, des Lebens,\nverschmähen und ihm seine Wirksamkeit absprechen ? Alles, was\ndie Liedertafeln und ähnliche Vereine von den Schweizeralpen bis\nzu dem Nord- und dem Ostmeere singen, ist wenigstens doch deut-\nsche Musik, und an vortrefflichen Früchten ist auch das Feld,\ndas von den Tondichtern für diese Vereine bebaut worden, so arm\nnicht, wie man im Allgemeinen behauptet; es kommt meist nur\ndarauf an, das Korn von der Spreu zu scheiden und sich nicht in\neine einzelne, z. B. in die gar zu weichliche und süssliclie, Richtung\nzu verrennen. Ist es aber nicht hundert Mal erfreulicher und erhe-\nbender, wenn die Menge an einem schönen Volksliede nach Silcber's\nu. s. w. trefflichen Bearbeitungen, oder an den Gesängen für Män-\nnerstimmen eines Franz Schubert, Conradin Kreutzer, Felix Men-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.7", "texte": "delssohn, Louis Spohr, Heinrich Marschner, Friedrich Schneider\nu. s. w. Gefallen findet, sich zu ihrem Vortrage drängt, Herz und\nSinn daran labt, als wenn sie voll von dem Gedudel und Geklingel\nrein sinnlicher italiänischer und neu-französischer Opernmusik nach\nHause geht?\nIn dem zweiten Concerte waren hier neu „Das deutsche Lied\"\nvon J. W. Kalliwoda, das die Erwartungen, welche dessen häufige\nAufführung in. Süddeutschland erregt hatte, nicht rechtfertigte.\n„Nachthelle\" von F. Schubert gefiel mit Recht. Weniger konnte F.\nLiszt's Composition von Göthe's so einfach schönem Gedanken:\n„Ueber allen Wipfeln ist Ruh'\" behagen, wiewohl grosse Sorg-\nfalt darauf gewandt worden war und es vortrefflich gesungen wurde.\nVon den übrigen Nummern des Programms machten Silcher's Com-\nposition zu dem schönen Gedichte von Chamisso: „Es geht bei ge-\ndämpfter Trommel Klang\", und zwei Lieder von F. Hilier für So-\npran-Solo und Männerchor: „Lebenslust\" und „Die Lerchen\", den\nmeisten Eindruck. Das Solo sang Fräulein Elise Saart von hier.\nDass der kölner Männergesang-Verein jetzt in seinen Concerten\ndie Monotonie der Gattung durch Voeal- oder Instrumental-Solo-\nVorträge beseitigt, ist sehr zu billigen. So sang Fräul. Saart noch\nzwei Lieder am Ciavier, und einige Vorträge auf dem Pianoforte\ndurch Herrn Hans von Bülow, königlich preussischen Hofpiani-\nsten, waren eine Hauptzierde des Concertes, nicht nur durch die\nNeuheit der Erscheinung (Herr von Bülow trat zum ersten Male\nhier auf), sondern auch durch das hervorragende Talent des Spie-\nlers. Er zeigte sich in Compositionen verschiedenen Charakters (Beet-\nhoven's Sonate in C-moll, Op. 111, J. S. Baeh's italiänisehem Con-\ncerte, Liszt's Reminiscenzen aus Verdi's Rigoletto und dessen Ra-\nkoczy-Marsch) als einen der bedeutendsten Clavierspieler unserer\nZeit, dessen technische Meisterschaft zu bewundern ist. Geniale Auf-\nfassung und Vortrag haben wir aber nur bei der Ausführung des\nRakoczy-Marsches, dieser energisch packenden, fortreissenden, Liszt's\nwürdigen Composition gefunden, während die ~Reminiscenzenu aus\nRigoletto uns dermaassen kalt Hessen, dass wir kaum begreifen\nkonnten, wie Liszt sich habe entschliessen können, so etwas Trivia-\nles als die neueste oder letzte Production eines Talentes in die Welt\nzu schicken, das uns in dieser Gattung früher so Ausgezeichnetes\nund Bezauberndes gegeben hat.\n\nAchtes Gesellschafts-Concert in köln\nim Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferd. Hiller.\nDonnerstag, 16. Februar 1860.\nProgramm: I. 1. Ouvertüre zur Oper Figaro's Hochzeit von\nW. A. Mozart. 2. Recitativ und Arie aus Judas Maccabäus („Dann\ntönt der Laute Klang*4) von G. F Händel, gesungen von Fräul,\nEmilie Genast aus Weimar. 3. Symphonie coricerlänte für Violine\nund Viola mit Orchester von W. A. Mozart, gespielt von den Con-\ncertmeistern J. Grunwald und 0. von König slow. 4. »Die\nBirken und die Erlen\", Gedicht aus den Waldliedern von G. Pfar-\nrius, für Sopran-Solo, Chor und Orchester componirt von Max\nBruch, Op. 8 (Neu).\n11. 5. Sinfonie in D-clur von J. Haydn. 0. a. Cavatine (Porgi\namor) aus Figaro's Hochzeit von Mozart, b. „Gretchen am Spinn-\nrad\" von Göthe, componirt von F. Schubert (für Orchester in-\nstrumentirt von F. Hill er), gesungen von Fräul. E. Genast. 7.\n„Zigeunerleben von Geibel, von Ii ob. Schumann für Soli und\nChor gesetzt (für Orchester instrumentirt von C. G. P. Graden er).\nNeu. 8. Ouvertüre zum Tannhäuser von R. Wagner.\nFräul. Genast hat dieses Mal einen ganz ungewöhnlichen Er-\nfolg gehabt. Die Arie von Händel verlor freilich dadurch, dass das\nRecitativ ausfiel, was nicht ihre Schuld war, an Wirksamkeit; allein\ndie Reinheit der Intonation und die Fertigkeit und Correctheit der\nColoratur bekundeten auch hier gleich, dass die Sängerin singen ge-\nlernt hat, und desshalb mit einer nichts weniger als mächtigen, aber\nwohllautenden und lieblichen Stimme, mit künstlerischer Ausbildung\nund seelenvollem Ausdruck Erfolge erreichen kann, die jeder zu\nschätzen wissen wird, der sich an wirklichem Gesänge erfreuen und\nnicht bloss vor kolossalem Klange erstaunen will. Desswegen möch-\nten wir aber auch der Künstlerin rathen, nach diesen Eigenschaften\nihres Naturells die Wahl für ihre Vorträge zu treffen. Der Händel:-\nsche Stil z B. Passt nicht recht dafür. Durch die kleine Arie der\nGräfin im Figaro und durch Schuberts Lied, das auf eine ausge-\nzeichnet schöne Weise von Hiller instrumentirt ist, erregte sie einen\nBeilallssturm, wie er hier nur selten ist, so dass sie sogar das „Gret-\nchen-Lied\" noch einmal singen musste eine um so ehrenvollere\nAufforderung von Seiten des Publicums, als dergleichen sonst hier\nso gut wie niemals vorkommt.\nDie neue Vocal-Composition von Max Bruch: „Die Birken\nund die Erlen\", ein Wechselgesang zwischen dem Männerchor\n(Birken) und Frauenchor (Erlen), eingeleitet und beendigt durch eine\nSolostimme, wurde mit grossem Beifall aufgenommen und der Com-\nponist am Schlüsse gerufen. Der melodische Fluss der Singstimmen;\nso wie die reizende Instrumentirung, der duftige Farbenton, der über\ndem Ganzen ruht, die wohlthuende Klarheit und Consonanz (wir sind\nja so weit gekommen, class wir die notwendigste Eigenschaft der\nMusik jetzt als eine Seltenheit hervorheben müssen!) zeugen auch\nin diesem Op. 8 des jugendlichen Tondichters wiederum von gros-\nsem Talente und echt musicalischem Berufe. Das Stück, das noch\ndazu den äusseren Vorzug der Kürze hat und eine nicht schwierige,\naber freilich sehr sorgfältige und zarte Ausführung verlangt, muss\nallen Gesang-Vereinen und Concert-Instituten gar sehr willkommen\nsein. Es ist bei Breitkopf & Härtel in Leipzig in Partitur,\nClavier-Auszug und Stimmen in recht hübscher Ausstattung er-\nschienen.\nWie sehr Haydn's wunderbar schöne, in sinniger Klarheit mild\n• #\nstrahlende und erwärmende D-f/wr-Sinfonie (Nr. 4 der Breitkopf &\nHärtel'schen Partitur-Ausgabe, Adagio-Einleitung in D-moll) das Pu-\nblicum in der ausserordentlich feinen und anmuthigen Ausführung\nentzückte, lässt sich nicht beschreiben. Es war eine Stille und Auf-\nmerksamkeit im Saale, dass man athmen hören und auf allen Ge-\nsichtern eine glückliche und zufriedene Seelenstimmung lesen konnte.\nJeder Satz, besonders alber das Andante, wurde mit einem Ausbruch\nvon Applaus belohnt,\nAuch Schumann's „Zigeunerleben\", von Grädener recht\nhübsch instrumentirt, wurde recht gut ausgeführt und sprach sehr an»\nDer Tannhäuse r-0 u verture wurde eine höchst sorgfältige,\nglänzende Ausführung durch das stark besetzte Orchester zu Theil,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600225-01.1.8", "texte": "trotzdem aber nur ein schwacher Applaus. Die Verstimmung im\ngrössten Theile des Publicums machte sich sogar in dem Vorwurf\nLuft, dass durch diesen Schluss der schöne Eindruck des ganzen\nConcertes vernichtet worden sei Und doch hat die Direction Recht\ndaran gethan, diese Ouvertüre, deren Missfallen im Theater nur gar\nzu oft der schwach besetzten und mangelhaften Ausführung zuge-\nschrieben wird, einmal in dem klangreichen Saale des Gürzenich\nund ausgestattet mit aller Kraft und allem Pomp des Orchesters\nvorzuführen. Sie ist dadurch dem Componisten und das Publicum\nder Composition gerecht geworden.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolfift« Es geht uns folgende authentische Mittheilung von\nWien zu: „Die Nr. 7 der „„Recensionen und Mittheilungen\nüber Theater und Musik®*, welche heute erscheinen sollte, wurde\nYon der Pressbehörde unterdrückt. Wien, den 15. Februar.*\nDas ist denn doch wohl ein in der ganzen deutschen Presse der\nKunstblätter unerhörter Fall!\n** Barmen. Am 28. Januar fand das jährliche Concert zum\nVortheil des hiesigen Musik-Directors Statt. Der Saal war so be-\nsucht, wie noch niemals bei ähnlicher Gelegenheit, ein Beweis, wie\nsehr die Wahl des Herrn Krause zu dieser Stelle allgemein ge-\nbilligt wird. Das Programm brachte: das Andante aus F. Schu-\nberts Violin-Quartett in D-moll. Dessen 24. Psalm für Frauen-\nchor. Andante für zwei Claviere von Rob. Schumann. Zwei\nLieder von F. Schubert, gesungen von Fräul. Mann. Drei\nChorlieder für Sopran, Alt, Tenor und Bass, eines von Mendels-\nsohn und zwei von Schumann. Notturno von Chopin und\nzwei Etüden von Krause. Quintett für Ciavier u. s. w., Op. 44,\nvon Schumann.\nIn dem Quartett und Quintett spielte Herr von König slow\naus Köln die erste Geige. Ueber die Bevorzugung Schumann's in\ndiesem Programme äussert sich ein Bericht in der hiesigen Zeitung\nunter Anderem: „Aber das Publicum will auch Neues! Nun ja,\ndie Schumann'schen vierstimmigen Lieder kamen noch fast feucht\naus der Presse in die Proben. Mendelssohn ist in diesem Genre\nals Muster bekannt. Recht also, dass man, schon des ernsten Ver-\ngleiches wegen, unmittelbar vor diese Novitäten eines der besten\nMendelssohn'schen Lieder ins Programm setzte, aber damit nur fac-\ntisch den Beweis lieferte, dass Schumann in allem, was er ernstlich\nerfasste, so auch hier wieder, ungleich origineller, mit Einem Worte:\ndass er ein Genie, das schafft, jener aber nur ein Talent, das ar-\nbeitet, gewesen. Welch eine Klangfarbe in diesem „Trauine\"! Wie\ngemüthlich „Das Schifflein* ! wie naiv die Idee, die im Uhland'schen\nTexte vorkommenden Flöte und Horn auch dem Liede in natura\nauf ein paar Tacte beizugeben (wobei es beiläufig nur etwas\ngar zu natürlich diesmal herging/!*\nCuriosum» Ueber ein Concert von Alex. Dreyschock in\nBerlin bringt die Preussisclie Zeitung vom 17. d Mts. unter An-\nderem folgenden blühenden Unsinn:\n„Wenn das Trio in C-moJl eines der ersten des sechszehnjähri-\ngen (?) Beethoven ist, wie viele letzte und späteste seiner Nachfolger\nsind solche erste? Das Andante, mit welcher zarten Trauer es sich\nergiesst; und des Meisters Wonne, sein Erstgeborener, das Mutter-\nsöhnchen, das die keusche, heilige Liebe seiner Seele, die holde Me-\nlancholie, ihm geschenkt, und er mit seliger Vaterlust in den Armen\nwiegte: das Scherzo, wie lächelt schon hier aus seinem Auge des\nVaters Tiefsinn und der Mutter wehmuthfeuchter Thränenglanz l\nWunderbar wob und regte Beides sich in den Klängen der drei\nSpieler, in denen des Pianisten namentlich, dessen Zaubertöne wieder\nso weich verschwammen, und doch mit einer zarten Bestimmtheit\nund Ausprägung bis ins feinste Detail, dass die Trillerketten (??)\nüber die Tasten hinrollten, wie Thautropfen über Blumenblätter;\naber wie Thautropfen, die jene Meinung der Alten vom Entstehen\nder Perlen zu erhärten schienen, dass sie nämlich aus solchen von\nder Muschel aufgesogenen Tropfen zu diesen kostbaren Kleinodien\ngerännen Unter Dreyschock's Fingerspitzen erklingen die gehauch-\nten Töne mit einer Reinheit und plastischen Rundung, dass man\nglauben möchte, er arbeite die elfenbeinernen Tasten zu jenen mi-\nkrotechnischen Wunderwerken von Elfenbein aus; ein Kallikrates\ndes Ohres, der, wie jener dem Auge glatte Elfenbein-Kügelchen von\nGrösse einer Erbse durch die Lupe als Viergespann des Sonnengottes\nerkennen liess, von staunenerregender Vollendung ähnliche Piano-\nklänge aus den Tasten zaubert, deren scheinbare Glätte sich dem\nlauschenden Ohr in die wunderbarste musicalische Toreutik auflösen.\nDann wieder schlug die hämmernde Hand gleichsam mächtige\nHarmonieenquellen aus der Tiefe des Instrumentes, die in das duf-\ntigste Gestiebe von feinsten Ton-Diamanten versprühten. Das Ciavier\nschien zur Orgel aufgestürmt, die, in wogenden Chorälen erbrausend,\nin das weich lispelnde Flötenwerk des „Saltarello* zerschmolz. Har-\npeggien, die wie mit Neptun's Dreizack aus Felsen gerissen erklan-\ngen, verwehten in ein Piano, süss wie Nachtviolen-Duft. Improvisirte\nVariationen über „Heil Dir im Siegerkranz*, mit der linken Hand\nallein und doch so eisern gespielt, wie Götz mit der seinigen eiserne\nVictoria-Kiänze zu hämmern pflegte, und das gleich auf den Schä-\ndeln selber, für die er sie bestimmt.*\nKann die offieiöse Presse in ganz Berlin keinen besseren musi-\ncalischen Referenten finden?\n3O. Jan. Wir hatten hier gestern zur Nachfeier von\nMozart's Geburtstag „Die Tonkunst und vier deutsche Meister*,\nFestdichtung mit Musik und lebenden Bildern von Dr. Julius Pabst.\nHierauf „Don Juanu. Das Haus war überfüllt und die Dichtung, wie\ndie überaus schön und sinnig arrangirten Bilder fanden stürmischen\nBeifall. Als zuletzt am Horizont die vier Sterne sichtbar wurden, in\ndenen die Namen Gluck, Beethoven, Mozart, Weber glänzten, als in\npoetischer Zusammenstellung die Gestalten aus „Iphigenie*, „Fideliou,\n„Don Juan*, rPreciosa\" sich unter diesem Himmel zeigten und die\ngöttliche, ewig junge Musik der Ve rgangenh ei t dazu ertönte,\nda dachten wir, ob wohl nach hundert Jahren die jetzt so viel ge-\nnannten Meister der Zukunft mit gleichem Enthusiasmus begrüsst\nund gefeiert werden würden."}]}