{"numero_id": "bm-bmtnabi-1860-03-03-01", "volume": "bmtnabi_1860-03-03_01", "ocr_sha256": "8b1f2f9d2798a84468d73131d04ff91984408057a42cc45fe60e90e5b1e8e971", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1860/03/03_01/bmtnabi_1860-03-03_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1860-03-03-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-03-03_01#c001", "volume": "bmtnabi_1860-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "73", "page_fin": "73", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 423, "texte": "Inhalt.\nBriefe von Louis Spohr. —Zu Cramer's Clavier-Studien. Von W. Wülfinghoff*— Für katholischen Kirchengesang:\nMissae polyphotiae aulore Birkler Cacilia, von Quante Religiöse Männerchöre von Schweizer. Von M. Aus Paris (Ernst Lübeck\n- Hans von Biilow Louis Brassin)» Tages- und Unterhaltungsblatt (Elberfeld, M. Wolf Coburg, Litolff Frankfurt\na. M., Dinorah Augsburg, Fräul. A. Brenken —• Regensburg Deutsche Tonhalle)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-03-03-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-03-03_01#c002", "volume": "bmtnabi_1860-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "73", "page_fin": "77", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.2.2", "titre_corps": "Briefe von L. Spohr.", "titre_sommaire": "Briefe von L. 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Wenn Herr Mali-\nbran auch nicht ausdrücklich sagt, dass diese Briefe an\nihn gerichtet gewesen, woran wir des Anachronismus we-\ngen auch nicht gedacht haben (andere Bedactionen haben\nindess die Sache ohne weitere Prüfung so angenommen),\nso musste doch ein Jeder glauben, dass die Originale Spohr's\nihm von demjenigen, an den sie geschrieben, zur Veröffent-\nlichung mitgetheilt worden wären. Wir gaben sie also\nbona fide und als das Beste der ganzen Broschüre. Nun\naber liegt uns die Abschrift eines Briefes von Spohr aus\nHeidelberg, den 20. Februar 1821, an einen Freund vor,\nwelchem Spohr schreibt: „Von unserem Aufenthalte in\nParis werden Sie in vier langen Briefen lesen, die ich für\ndie leipziger Musik-Zeitung eingeschickt habe.\"\nSie werden also dort im Jahrgange 1821, der uns gerade\nnicht zur Hand ist, schon einmal abgedruckt sein. Konn-\nten wir voraussetzen, dass die leichtfertige Buchmacherei\nso weit gehen könne, bereits gedruckte Briefe eines gros-\nsen Künstlers als neue Würze einer in Eile compilirten\nBiographie desselben geltend zu machen?\nWir sind dagegen jetzt im Stande, unseren Lesern\neinige Briefe Spohr's aus London und Paris aus der-\nselben Lebens-Periode mitzutheilen, die er an seinen Freund\nSpeyer in Frankfurt geschrieben und welche noch nirgends\nin die Oefferitlichkeit gekommen sind. Auf Herrn A.\nSchindlers wiederholten Wunsch hat Herr Speyer ihm\ndiese interessanten Schriftstücke übergeben und ihm ihre\nVerwendung freigestellt. Wir verdanken unsererseits sie\nder freundlichen Mittheilung Schindler's.\nI.\nLondon, den 27. März 1820.\nGeliebter Freund!\nAbsichtlich habe ich bis jetzt gezögert, Ihnen zu\nschreiben, um Ihnen gleich etwas Genaues über meine hie-\nsigen Verhältnisse und über die Weise, wie man hier die\nKunst treibt, melden zu können. Jetzt nach einem Aufent-\nhalt von vier Wochen bin ich einheimisch genug, um mit\nSicherheit ein Urtheil fällen zu können. Sollte indessen\ndiese Verzögerung Veranlassung gewesen sein, dass Sie\ndurch eine pariser Zeitungs-Neuigkeit, die uns bei unserer\nUeberfahrt von Calais nach Dover umkommen liess, er-\nschreckt worden wären, so würde ich mir doch Vorwürfe\nmachen, Ihnen nicht gleich gemeldet zu haben, dass wir,\nob wir gleich in der stürmischen Zeit die Ueberfahrt wa-\ngen mussten, wo nach hiesigen Börsen-Nachrichten mehr\nals 150 Schiffe an den englischen Küsten theiis zu Grunde\ngegangen, theiis verschlagen worden, doch wohlbehalten\nangekommen sind und uns bald von der Angst und dem\nUebelbefmden der Ueberfahrt erholt haben.—Zuerst also,\ndass ich von allen den Leuten, an die ich empfohlen war,\nso wie von allen Künstlern, die ich besucht habe, auf das\nzuvorkommenste aufgenommen worden bin, und dass Herr\nPensa vollkommen Recht hat, wenn er behauptet, die Eng-\nländer seien bei sich unendlich liebenswürdiger, als man\nsie auf Reisen in fremden Ländern kennen lernt. Dann,\ndass das hiesige Kunsttreiben grosse Contraste darbietet\n(die überhaupt in grossen Städten am grellsten hervortre-\nten), dass man neben vielem Vortrefflichen und Lobens-\nwerthen auch das Erbärmlichste zu hören bekommt, dass\nes sich mit Einem Worte doch deutlich zeigt, dass die\nEngländer keinen Beruf zur Musik und keinen wahren Sinn\ndafür haben. Zwar treiben sie, wie Alles, auch Musik mit\nErnst, allein man merkt es ihnen, wie den reisenden\nEngländern in Italien bei Besichtigung der Kunstschätze\nund Alterthümer, bald an, dass es ihnen mehr eine Arbeit"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5382, "texte": "als ein Genuss ist, und dass sie beim Ende eines Concer-\ntes wohl auch sagen könnten, wie jene nach einer Kunst-\nBesichtigung inßom: Gottlob, das wäre wieder überstan-\nden! Schon dass sie Concerten von vier, oft fünf Stunden\nLänge mit einer kurzen Pause bis zu Ende mit Aufmerk-\nsamkeit und Ernst zuhören können, beweis't, dass die Mu-\nsik nicht in ihr Inneres dringe, weil sie sonst schon vor\nder ersten Hälfte erschöpft sein müssten. Auch dass sie\nam selben Abende das Herrlichste so wie das Erbärm-\nlichste mit gleicher Theilnahme anhören, in demselben\nConcerte ein classisches Musikstück von Mozart und einen\nenglischen Gassenhauer ohne allen Kunstwerth\nverlangen können, beweis't, dass sie das Gute vom Schlech-\nten gar nicht zu unterscheiden wissen. Dass dieses übri-\ngens nur vom gewöhnlichen Concert-Publicum gemeint ist\nund dass in einer Stadt von 1,200,000 Einwohnern wohl\nauch Einige sich finden, die eine rühmliche Ausnahme\nmachen und denen man ein Kunst-Ürlheil zugestehen kann,\nversteht sich von selbst. Dass ich mit dieser Ueberzeuguns\na o\nhei meinem ersten Debüt heute vor drei Wochen (wo ich\nim ersten Concerte der Philharmonischen Gesellschaft meine\nScene spielte) mit grosser Befangenheit hintrat, kann\nich nur durch die Gegenwart von Viotti und vieler ande-\nren ausgezeichneten Künstler, deren vielleicht zu über-\nspannte Erwartungen ich zu befriedigen hatte, erklären;\nund obgleich diese, so wie das Publicum einen grossen Bei-\nfall schenkten, so war ich doch selbst sehr wenig mit mir\nzufrieden und wünschte mit Ungeduld mein zweites Auf-\ntreten herbei. Heute vor acht Tagen spielte ich denn im\nzweiten Concerte der Philharmonischen Gesellschaft mein\nQuatuor brillant in E-dur mit solchem Erfolg, dass ich\nseit der Zeit Alles für mich gewonnen habe. Auch wurde\nich am vorigen Mittwoch, wo ich zum dritten Male im\nTheatre Drurylane in einem so genannten Oratorium mein\nPotpourri in Dspielte, mit solcher Auszeichnung empfan-\ngen und entlassen, wie sie selten einem fremden Künstler\nzu Theil geworden ist. Im dritten Concerte der Philhar-\nmonischen Gesellschaft werde ich dirigiren und als Com-\nponist mit einer neuen grossen Sinfonie in die ich\ngleich nach unserer Ankunft hier angefangen und vor ein\npaar Tagen beendigt habe, debuliren. Dass ich mich un-\nendlich darauf freue, dieses Werk, das ich mit grosser Be-\ngeisterung empfangen und geboren habe, von einem so\nherrlichen und stark besetzten Orchester wie das der Phil-\nharmonischen Gesellschaft (28 Violinen, 12 Bässe u. s. w.)\nund in einem so würdigen Locale, wie der neue Saal von\nArgyle Booms ist, zum ersten Male zu hören, können Sie\nSich leicht denken. Später werde ich dann auch meine alte\nSinfonie, so wie meine Ouvertüren, die hier noch nicht ge-\nmacht worden sind, zur Aufführung bringen.\nOb wir hier etwas Bedeutendes gewinnen werden,\n.wird die Zukunft lehren; dass es etwas sein wird, weiss\nich schon, indem ich die Kosten des Aufenthaltes schon\nungefähr berechnen kann. Bis jetzt sind wir theils Beide,\nthcils ich allein zu drei Concerten für Honorar zu spielen\nengagirt. Auch habe ich angefangen, Unterricht zu geben.\nOb der König uns hören wird, ist noch nicht entschieden;\ner ist noch nicht zur Stadt zurückgekehrt. Unser Benefiz-\nConcert ist auf den 8. Juni bestimmt; ich hoffe ziemlichen\nErfolg davon. Von den hiesigen Künstlern, die wir bis jetzt\ngehört haben, schreibe ich Ihnen das nächste Mal; interes-\nsant war ein Concert der alten siebenzigjährigen Mara.—\nMeine Veränderung an der Geige bewährt sich als vor-\ntrefflich; die hiesigen Künstler fangen schon an, sie nach-\nzumachen.\nLouis Spoli r.\nII.\nLondon, den 17. April 1820.\nGeliebter Freund!\nWie kann ich Ihnen genug danken, dass Sie durch\nschnelles Widerrufen jener Schreckens-Nachricht von un-\nserem Tode meinen Eltern und meiner Schwiegermutter\nTage des Kummers erspart haben! Ohne Ihren Brief, was\nhätten sie nicht noch alles gelitten, bis der Widerruf in\nden Zeitungen zu ihren Augen gekommen wäre! Nie werde\nich Ihnen diesen Freundschaftsdienst vergessen. Wir er-\nhalten jetzt aus allen Gegenden Deutschlands Glückwün-\nschungen über unsere Erhaltung, die uns als Beweis für\ndie TheiLnahme vieler guten Menschen viel Freude ge-\nmacht haben. Ich kann aber immer noch nicht begreifen,\nwie das Gerücht von unserem Untergange entstanden sein\nkann, da wir schon längst in London waren, als der Sturm\nwüthete, der so viele Schiffe zertrümmert hat.\nMeinen ersten Brief, worin ich Ihnen mein Auftreten\nin den zwei ersten Concerten der Philharmonischen Gesell-\nschaft meldete, haben Sie ohne Zweifel gleich nach Ab-\ngang des Ihrigen erhallen. Seit der Zeit habe ich wieder\ndrei Mal öffentlich gespielt und das dritte Concert der Phil-\nharmonischen Gesellschaft dirigirt, und bin, ich darf es\nwohl behaupten, immer mehr in der Gunst des Publicum»\ngestiegen, wenigstens hat es mir bei jedem Auftreten die\nunzweideutigsten Beweise davon gegeben. Zuerst spielte\nich im Theatre Drurylanein einem so genannten Orato-\nrium mein Potpourri aus B-dur,dann im letzten Dileltanten-\nConcerte in der Citv im Saale der mit\nmeiner Frau eine Sonate und im zweiten Theile meine\nScene, und zuletzt in dem so genannten Vocal-Concerte in\neinem sehr schönen Saale in Ilanover Square ein neues\nA-dur-Concert, das besonderes Glück machte. Meine Frau,\ndie bei ihrem ersten Auftreten in London, wo so viele\ngute Harfenmeister sind, durch ihren Mulh mich ganz"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5640, "texte": "überraschte und beschämte, da ich beim ersten Auftreten\nviel zaghafter war, erregte durch das Eigenthümliche ihres\nSpiels grosse Sensation und erhielt von allen, die an dem\nAbende auftraten, den lebhaftesten Beifall. Dass uns die-\nses Gelingen unserer Bestrebungen als Künstler den Auf-\nenthalt sehr erheitert, können Sie leicht denken.\nDie grösste Freude hat mir aber die Aufnahme mei-\nner neuen Sinfonie gewährt. Es war vor meiner Ankunft\nin London noch nie irgend eine meiner Orchester-Compe-\nsitionen weder im Philharmonischen Concerte noch, so viel\nich weiss, in irgend einem der andern Concerte gegeben wor-\nden, und ich wünschte sehr eine Gelegenheit herbei, um\nden Künstlern und Kennern etwas davon zu hören zu ge-\no\nben. Diese fand sich. Unter mehreren recht zweckmässi-\ngen Einrichtungen findet auch die Statt, dass sie im Laufe\nihrer Concerte an zwei Abenden vor einem kleinen ausge-\nwählten Publicum von Künstlern und Kennern nur ihnen\nunbekannte Compositionen (hauptsächlich Sinfonieen und\nOuvertüren) executiren, und den Beifall der Anwesenden\nentscheiden lassen, ob sie der öffentlichen Aufführung in\neinem der (olgenden Concerte würdig sind oder nicht. Bei\neiner solchen Probe gab ich ihnen meine gestochene Sin-\nfonie (die neue war noch nicht ausgeschrieben) und zwei\nmeiner Ouvertüren', die aus der Alruna und die neue, zu\nhören, und der enthusiastischste Beifall, mit dem diese Sa-\nchen ausgezeichnet wurden (freilich hatten sie nur mit sehr\nschwachen Producten zu concurriren, einer Sinfonie von\nSoliva, dem Componisten der Oper La testa di Ironzo, und\neiner änderen noch schwächeren von einem hiesigen Com-\nponisten) veranlasste die Herren Directoren zu der Bitte,\nihnen die gestochene Sinfonie im nächsten Concerte aufzu- !\nführen; dieses lehnte seh aber ab, indem ich ihnen sagte,*]\ndass ich zu meinem Debet als Componist eine neue, hier\nin London geschriebene bestimmt habe, welches denn auch\ngenehmigt wurde, obgleich die Herren zu glauben schie- j\nnen, dass ihnen die neue wohl kaum so gut gefallen könne,\nwie die alte. Diese Meinung änderten sie aber schon in\nder Probe nach dem ersten Anhören. Das Orchester, des- I\nsen Gunst ich mir durch kleine Aufmerksamkeiten und j\nArtigkeiten schon früher bei der Aufführung meiner an-\nderen Sachen erworben halte, gab sich alle mögliche !\nMühe, die Sinfonie mir zu Dank zu executiren. Auch ge-\nwöhnten sie sich immer mehr an meine Weise, zu dirigi-\nren (ich war nämlich acht Tage vorher bei der Probe der\nneuen Composition ebenfalls zum Dirigiren aufgefordert\nworden), und fanden darin eine grosse Stütze, so dass nicht ,i\nallein meine Sinfonie, sondern auch alle anderen Sachen,\ndie in diesem Concerte aufgeführt wurden (die Sinfonie aus\n0 mit der Fuge von Mozart und die Ouvertüren aus Fi-\ndelio und Medea) viel genauer gingen, als gewöhnlich. I\nEs ist aber auch die Weise, wie man hier im Theater\nund in Concerten dirigirt, die verkehrteste, die man ersin-\nnen kann. Von zwei Directoren, die da paradiren, ist es\neigentlich keiner. Der Conducton,wie er auf den Affichen\nheisst, sitzt am Piano und spielt aus der Partitur, gibt aber\nweder den Tact noch die Tempi an ; der oder erste\nGeiger sollte es eigentlich, da er aber nur eine blosse\nViolinstimme vor sich hat, so kann er dem Orchester nicht\neinhelfen, begnügt sich daher, seine Stimme herunter zu\nstreichen, und lässt das Orchester mitlaufen, so gut es gehen\nwill. Die Künstler hier haben das Fehlerhafte dieser Weise\nund die Unmöglichkeit, dass ein Orchester von 50 —6O\nPersonen auf solche Art je ein Ensemble haben könne,\nwohl früher eingesehen, als ich es ihnen aus einander ge-\nsetzt habe; allein sie wagen nicht, eine Aenderung zu tref-\nfen, weil das einmal Hergebrachte hier als heilig und un-\nantastbar betrachtet wird, so wie denn der Engländer\nüberhaupt bei aller politischen Freiheit doch der ärgste\nSclave der Etiquette ist. Ich dirigirte aber bei den Proben\nauf alte gewohnte Weise aus der Partitur, und am Abende,\nwo dann freilich der Conductor hinter dem Piano paradi-\nren muss, wusste ich die Sache schon so auswendig, dass\nich dem Orchester auch ohne Partitur einhelfen konnte.\nMeine Sinfonie wurde also so genau und nuancirt vorge-\ntragen, wie ich es nach einer einzigen, ziemlich flüchtigen\nProbe nie gehofft hatte, und dem habe ich es wohl zu\ndanken, dass sie vom Publicum mit einem Enthusiasmus\naufgenommen wurde, wie seit meiner Anwesenheit hier\nnoch kein anderes Orchesterstück. Die Menuett oder das\nScherzo wurde da capoverlangt und nach der Wiederho-\nlung noch lebhafter beklatscht. Dieser gute Erfolg ist mir\ndoppelt erfreulich gewesen, weil er mich hoffen lässt, dass\nich bis jetzt als Componist noch nicht zurückgeschritten\nbin; denn dem eigenen Urtheile, nach welchem diese Sin-\nfonie das Beste ist, was ich je von Orchestermusik geschrie-\nben habe, darf ich nicht so unbedingt trauen, theils weil\nman die jüngsten Kinder immer am liebsten hat, theils weil\nman sich gar zu ungern gestehen will, dass die Schöpfungs-\nkralt der Jugend schon im Abnehmen sei.\nVon anderen Concerten und Musik-Aufführunsen, de-\no '\nnen wir beiwohnten, lässt sieh nicht viel Erfreuliches mel-\nden. Die italiänische Oper ist jetzt ganz schlecht. Wir ha-\nben so fürchterliche Langeweile dort ausgestanden, dass\nwir uns bis jetzt noch nicht haben entschliessen können,\nein zweites Mal hinzugehen. Unter den Sängern zeichnete\nsich auch nicht ein einziger aus. Das Orchester, auf die\nW'eise dirigirt, die ich eben beschrieben habe, ist in ewi-\ngem Schwanken, und man fürchtet jeden Augenblick, dass\nes völüig umwerfen werde. Die Chöre sind unter aller\nKritik. Von Benefiz-Concerten war das interessanteste für\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5489, "texte": "uns (aber nicht durch seine Güte!) das, was die siebenzig-\njährige Mara im Opernhause gab. Sie hatte wahrschein-\nlich gehofft, die Neugierde, eine Sängerin, die man vor\nvierzig Jahren in ihrer Blüthe hier bewundert hatte, nun\nals Matrone wieder zu hören, werde die Engländer in gros-\nser Anzahl ins Theater locken, und sie in ihren alten Ta-\ngen noch einmal einen rechten Schlag machen; allein sie\nbetrog sich gewaltig. Das Haus War leer, und bei den un-\ngeheuren Kosten in diesem Theater (das Haus allein kostet\n100 Guineen) wird sie wohl noch zu den Unkosten haben\nzulegen müssen. Hat sie sich, ohne durch die grösste Noth\ndazu gezwungen worden zu sein, durch dieses öffentliche\nAuftreten lächerlich gemacht und ihren wohlerworbenen\nRuf so leichtsinnig vergeudet, so verdient sie vollkommen,\ndurch den schlechten Erfolg dafür bestraft worden zu sein.\nIst es aber wahr, was man hin und wieder im Publicum\nerzählt, dass sie beim Brande von Moskau um all das Ih-\nrige gekommen sei, so muss man der armen alten Frau\nsein volles Mitleiden schenken, die in so hohem Alter des\nGewinnes wegen den letzten Ueberrest ihres ehemals so\nhoch gefeierten Künstler-Talentes öffentlich ausstellen muss.\nWas sie übrigens an dem Abende davon zu hören gab,\nwar gar zu wenig, und sie entging dem allgemeinen Ver-\nspotten wohl nur dadurch, dass sie vor ihrem Auftreten\ndem Publicum sagen liess, sie sei ganz heiser und müsse\num Nachsicht bitten. Es ist ihr nicht nur fast gar keine\nStimme geblieben, sondern auch alles, was sie an diesem\nunglücklichen Abende zu machen versuchte, war so un-\nsicher, falsch und selbst geschmacklos, dass man sich daraus\nunmöglich einen Begriff von ihren früheren Vorzügen ab-\nnehmen konnte.\nAn diesem Abende geschah noch Einiges, was nur in\nEngland vorkommen kann. Ein Schüler von Kramer sollte\ndas grosse Clavier-Concert von Mozart mit Trompeten und\nPauken und stark besetztem Orchester spielen; es fand sich\naber, dass das Piano so hoch stand, dass keines der Blas-\ninstrumente gebraucht werden konnte. In jeder anderen\nStadt hätte man ein solches Concert vorher probirt, und\ndann hätte der Stimmer zwischen Probe und Aufführung\ndas Instrument noch gehörig stimmen können; hier war\ndas aber nicht geschehen. Ich erwartete nun, man werde\ndas Concert ganz weglassen, und der Ciavierspieler werde\nstatt dessen etwas Anderes ohne Begleitung geben; aber\nweit gefehlt; man gab dieses Musikstück, wo die Blas-In-\nstrumente so wesentlich sind, ganz ohne diese, bloss die\nerste Oboe- und erste Fagott-Stimme wurden auf Geige\nund Violoncell gespielt. Wie nun besonders die Tutti in\ndem grossen Opernhause klangen, können Sie Sich denken.\nIch habe aber nicht bemerkt, dass irgend Jemand im Pu-\nblicum diese Profanation eines herrlichen Meisterwerkes\nübel genommen hätte; oder haben sie vielleicht geglaubt,\nes müsse so sein?—Der Violinist Cramer spielte dann im\nzweiten Theile ein Violin-Concert von Martini, das wenig-\nstens 120 Jahre alt ist. Etwas Langweiligeres gibt es wohl\nschwerlich auf der Welt! Wie man so etwas im Publicum\nspielen kann, ist mir unbegreiflich. Wenn es aber auch\nhier nicht geschähe, möchte es schwerlich wo anders ge-\nschehen. Als eine Merkwürdigkeit in London war es mir\ndaher nicht ohne Interesse; auch fühlte ich einmal wieder\nrecht lebhaft, dass, wenn es in jener Zeit auch schon Vo-\ncal-Musik gab, die Instrumental-Musik doch in den letzten\n50—60 Jahren von unseren Heroen in Wien geschaffen\nworden ist. Dagegen habe ich so genannte Glees aus jener\nZeit, vierstimmige Gesänge für Männerstimmen, mit dem\ngrössten Vergnügen schon in mehreren Concerten singen\nhören. Es ist dieses die einzige National-Musik, welche die\nEngländer besitzen. Besonders gibt es einige von Webbe\nund Smith, die ganz vortrefflich sind. Es ist aber auch\nunmöglich, solche Gesänge vollendeter vorzutragen, als es\nvon den Herren W. und C. Knyvett, Vaughan und Bellamy\ngeschieht. Eine so vollkommene Gleichheit der Stimme und\no\neine so vollkommen reine Intonation sind mir früher nie\nvorgekommen. Man scheint hier aber nicht viel Werth\ndarauf zu legen, und hat mich immer sehr verwundert an-\ngesehen, wenn ich mit Entzücken davon gesprochen habe.\nEine Rossini'sche Cavatine setzt auch hier die Hände viel\nsicherer in Bewegung.\nIn einem der letzten Vocal-Concerle wurde ein TeDeum\nvon Graun gesungen. Kaum hatten die Sänger nach dem\nsehr langen Vorspiele die ersten Worte gesungen, als sich\nalle Anwesenden erhoben und, so lange das Musikstück\ndauerte, stehen blieben. Es ist mir dieses in doppelter Hin-\nsicht lächerlich vorgekommen. Erstlich zu sehen, dass die\nEngländer unserem Herrgott gleiche äussere Ehre wie\nihrem Könige erweisen; denn bekanntlich wird das God\nsave the King,der König inag anwesend sein oder nicht,\nauch immer stehend angehört; und zweitens, dass sie ein\nConc-ert-Musikstück, das eben wie die anderen im Concert-\nsaale nur aufgeführt wird, um den Anwesenden einen\nKunstgenuss zu bereiten, als zum kirchlichen Ritus gehö-\nrig betrachten, und dabei sich geberden, als seien sie in\nder Kirche. Der Ernst und die Gravität, womit der Eng-\nländer die oft absurden Vorschriften derEtiquette beobach-\ntet, kommt mir überhaupt immer sehr komisch vor, und\nich kann dieses mit dem Verstand« und dem Freiheitssinne,\ndessen er sich rühmt, wenig reimen.\nVon Berlin habe ich Nachricht, dass die erledigte Ca-\npellmeister-Stelle nicht wieder besetzt werden soll. Ich\nhabe also nun keine weitere Veranlassung, meine Oper\nnoch länger zurück zu behalten, und bitte Sie daher, Par-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1517, "texte": "titur und Buch mit einliegendem Briefe mit erster fahren-\nder Post an den Grafen Brühl abzusenden.\nBei dem herrlichen Frühlingswetter fangen wir nun\nan, Excursionen in und um London zu machen, um die\nMerkwürdigkeiten zu sehen. So waren wir am letzten Sonn-\ntage in Richmond, 13 englische Meilen von hier, in einer\nwahrhaft paradiesischen Gegend. Ich kann es Ihnen nicht\nbeschreiben, wie wohl es uns that, das erste Grün und die\nersten Baumblüthen zu sehen und einmal wieder reine\nLuft ohne den unerträglichen Steinkohlendampf einzuath-\nmen. Um so schwerer fiel es uns aber auf die Brust, als\nwir uns dem grossen Steinhaufen wieder näherten. Es\nwird jetzt täglich lebhafter in der Stadt, und die Winter-\nSaison wird nun mit der Baumblüthe endlich ihren Anfang\nnehmen. Kann es wohl grössere Verkehrtheit als in Lon-\ndon geben?\nIm nächsten Briefe werde ich Ihnen beschreiben, wie\nman hier in den meisten Privathäusern Musik treibt. Es\nist dieses auch ganz englisch, doch machen einige Häuser\nrühmliche Ausnahmen. So habe ich gestern Abends beim\nHerzog von Hamilton gespielt, wo der Herzog von Sussex\nund eine sehr vornehme Gesellschaft zugegen waren; ich\nkann aber nicht genug die Stille und Aufmerksamkeit wäh-\nrend der Musik, so wie das artige Betragen der Anwesen-\nden gegen uns Künstler rühmen. Die Engländer, besonders\ndie gereis't sind, können auch recht liebenswürdig sein.\nLeben Sie wohl. Die herzlichsten Grüsse an die Ihri-\ngen. Erfreuen Sie uns bald mit einem Briefe.\nWie immer, ganz der Ihrige.\n\nLouis Spohr."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-03-03-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-03-03_01#c003", "volume": "bmtnabi_1860-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "77", "page_fin": "78", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.2.3", "titre_corps": "Zu Cramer’s Clavier-Studien.", "titre_sommaire": "Zu Cramer’s Clavier-Studien.", "signature_source": "W. Wülfinghoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.5", "debut_caractere": 1519, "fin_caractere_exclue": 4910, "texte": "Zu Cramer’s Clavier-Studien.\n\nIn der Niederrheinischen Musik-Zeitung ist einmal die\nRede davon gewesen, dass es schade sei, dass Cramer seine\nberühmten Etüden nicht mit erläuternden Bemerkungen\nüber ihren speciellen Zweck und Angabe der zweckmässig-\nsten Art und Weise, wie solche zu studiren, um des Er-\nfolges desto gewisser zu sein, versehen habe, wie J. Mo-\nse hei es solches bei seinem Etudenwerke, Op. 70, gethan.\nNachdem ich viele Jahre hindurch die Etüden Gramer's\nmit Sorgfalt geübt, ja, sie als „tägliche Wiederholung\"\nsanetionirt hatte, kam mir nach jenem Winke sogleich der\nGedanke, die fehlenden Bemerkungen und Rathschläge,\nwelche das Studium derselben erleichtern können, zu jeder\nEtüde niederzuschreiben. Da nun didaktische Zwecke nicht\ndie letzten sind, welche Ihre Zeitschrift im Auge hat, so\nerlaube ich mir, eine Probe davon mitzutheilen.\nZu Etüde I. Ausgleichung der vier ersten Finger;\ngeschicktes Zusammenziehen (Contraction) der Finger.\nGrösste Ruhe der Hand. Gleicher, grosser Ton, den Vortrag\nanbelangend. Langsames Durchspielen, erst mit getrennten\nHänden, dann vereint. Hohes Aufheben der Finger ist als\ndas wesentlichste Förderungsmittel der wirklichen Fertig-\nkeit und zur Erlangung eines grossen, schönen Tones nach-\ndrücklichst zu empfehlen. Fast durchgängig kann das erste\nSechszehntel jeder Sechszehntel-Figur als Viertel angehal-\nten werden.\nZu Etüde 11. (E-moll).Kräftigung des vierten und\nfünften Fingers, besonders des vierten. Grössere Ausglei-\nchung des zweiten, dritten und vierten Fingers. Strengstes\nLegato. Uebung in der Ausspannung (Extension) der Fin-\nger der rechten Hand. Die vier ersten Tacte lasse man\nunisono mit beiden Händen üben. In Tact 9 bis 14 incl.\nhalte man in der rechten Hand das erste Achtel den gan-\nzen Tact hindurch an. Später lässt sich fast immer das 1.,\n4., 7. und 10. Achtel als Viertel anhalten. Es ist dieses\nein zuverlässiges Mittel, den besten Anschlag vermittels des\nFingergelenkes allein und die grösste Ruhe der Hand selbst\nzu erzielen. Die Kräftigung der Finger kann zudem nur\nauf diesem Wege erlangt werden. Auch wird so das Span-\nnungs-Vermögen der Hand und der Finger erhöht. In den\nTacten 7 und 8 (vom Ende gezählt) kann das 1., 4., 7.\nund 10. Achtel mit dem vierten Finger genommen, auch\nbesonderen Kräftigung desselben.\nZu Etüde 111. (D-dur). Wesentlicher praktischer\nNutzen: Spannung der Finger der rechten Hand, insbeson-\ndere des zweiten und vierten Fingers. Die Etüde ist einem\nDuette zu vergleichen für Tenor und Bass, begleitet von\neiner Figur, welche man sich als von einer Violine oder\nGuitarre gespielt denken mag. (Vergl. das Ständchen im\nDon Juan.) Das erste der Discant-Figur muss mit der\nBass-Melodie, die ausserdem noch durch einen stets ausge-\nhaltenen Ton unterstützt und gehoben wird, als eben die\nzwei Singstimmen repräsentirend, ein wenig hervorgeho-\nben werden; die anderen Noten der Figur müssen diese\nMelodieführung tändelnd umspielen, jedoch muss diese Gar-\nnitur leicht und graziös ausgeführt werden. Zuerst ist äus-\nserst langsames Ueben mit gleichmässigem vollem Tone\nnothwendig. Das geschickte, das Binden nicht beeinträch-\ntigende Untersetzen ist auch wohl zu beachten. Die linke\nHand ist für sich allein genommen schon eine lehrreiche\nUebung. Tact 13 und 14 in derselben erfordern ein ge-\nschicktes Ueberlegen des zweiten Fingers über den Dau'\nmen, der streng seine Note aushält:"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1102, "texte": "Zu Etüde IV. (CJ-moll). Diese Etüde ist ein pracht-\nvolles Duett. Die selbstständige, von einander unabhängig\nscheinende und doch streng harnionirende Durchführung\nder beiden Melodieen setzt schon grosse Unabhängigkeit\nder Hände voraus. Jede Hand tnuss allein ausdauernd ge-\nübt werden, bis der Schüler den Gang der Melodie ver-\nstanden, aulgelasst und sich den Fingersatz spielend ange-\neignet hat. Dann übe man beide Hände zusammen und\ntrage sie fest und sicher und zunächst langsam vor, ohne\nSchwanken und ohne jede andere Nuäncirung, als mit Be-\nobachtung der gewöhnlichen Betonung. In Bezug auf Fin-\ngersatz kommt fast Alles vor: Spannung, Zusammenziehung,\nGleiten der Finger von den Obertasten. Der kleine Finger\nund der Daumen müssen sich geschickt und auf\ndie Obertasten legen lernen. Das strengste Legato, die\ngrösste Ruhe der Hand und stete Egalität des Tones sind\nHaupt-Erfordernisse bei dieser Etüde. Das Auge des Ausfüh-\nrenden sei unverwandt auf die Noten gerichtet. Zu dem\nsempre legato darf man auch kühn sempre forte (d. h. stets\ngrosser, voller, sicherer Ton) setzen.\n\nW. Wülfinghoff."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-03-03-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-03-03_01#c006", "volume": "bmtnabi_1860-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "78", "page_fin": "79", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.2.4", "titre_corps": "Für katholischen Kirchengesang.", "titre_sommaire": "Für katholischen Kirchengesang.", "signature_source": "M", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.6", "debut_caractere": 1104, "fin_caractere_exclue": 4983, "texte": "Für katholischen Kirchengesang.\n\nMissae polgphonae autore Birlcler. Tubingae, Laupp,\n1859. Es ist unnöthig, erst viele Worte zu machen über\nden Begriff' von Kirchenmusik, über ihren Fall und über\nihre Erhebung. Ich kann mich auf meine Abhandlung\nhierüber, welche im vorigen Jahre in dieser Musik-Zeitung\nerschien, berufen. Die darin aufgestellten Hauptsätze, man\nmüsse nämlich mehr oder minder zu den Meistern des clas-\nsischen Mittelalters, welche den eigentlich kirchlich-liturgi-\nschen Gesang, den Cantus Gregorianus, noch am besten\nverstanden und am angemessensten in ihren polyphonen\nSchöpfungen illustrirten, zurückkehren, bei etwaigen Selbst-\nCompositionen von ihnen, den Meistern und den alten\nder Kirche so eigentümlichen Tonarten den Ausgangs-\npunkt nehmen, diese Grundsätze sind, wenn auch mit\neinigen Modificationen, die dos Verfassers oben angezeigten\nWerkes, wie das gut geschriebene Vorwort zu der ersten\nFolge kund gibt. Daher kann ich auch gleich zur kurzen\nCharakterisirung der Missae polgphonae übergehen. Der\nName des Autors hat übrigens einen guten Klang durch\ndie in weitesten Kreisen bekannte und gewürdigte Ab-\nhandlung über das deutsche Kirchenlied und andere. Ich\nerwähne dieses, weil es stets zum Besten eines Schriftstel-\nlers gereicht, wenn die Farbe, die er bekennt auf dem\nFelde, das er bebaut, schon bekannt ist, vorzüglich aber,\nwenn diese seine Gesinnungen bereits die Probe der Kritik\nausgehalten haben. Die Missaenun sind vierstimmig, theils\nfür Miinncr-, theils für gemischte Stimmen; der Verfasser\nscheint dem von manchen Seiten gefühlten Bedürfnisse\nnach kirchlichen Composilionenr für Männerchöre Rechnung\ntragen zu wollen ein Beweis, dass er das Terrain kennt.\nDasselbe gilt von den Einlagen, dem sandte\nAlle tragen den Stempel der Einfachheit, Reinheit des Stils,\nfrommen Ernstes, kirchlicher Weihe. Dabei sind sie leicht\nzu executiren, und dess'halb zum Nothbehelf mit Orgel-Be-\ngleitung versehen. Zu tadeln findet sich wotil auch Man-\nches; besonders dürften einige harmonische Fortschreitun-\ngen nicht den Beifall aller Kenner, namentlich Anhänger\nder strengen Schule bekommen; auch scheint bisweilen\ndem Modernen zu viel eingeräumt. Doch diese Dinge wird\nman gern milde ertragen in Anbetracht des schweren We-\nges, den jeder Kirchen-Componist in unserer Zeit zu gehen\nhat, eines Weges, der dorniger und gefahrvoller ist, als\njeder andere auf dem musicalischen Gebiete. Möge der\nVerfasser fortfahren in seinem Studium; er darf überzeugt\nsein, dass die Früchte seines Fleisses stets diejenige Aner-\nkennung finden, welche sie verdienen.\nDiesen Messen von Birkler reihen sich, als nicht min-\nder preiswürdig, nachstehende, seit Kurzem erschienene\nWerke an:\nCäcilia (Münster, bei Coppenrath). Herr Dom-Vicar\nQuante, zugleich Chor-Director und Lehrer des Kirchen-\ngesanges in Münster, bietet hier eine Reihe (29, Nr. 5}\nvon kirchlichen Hymnen, Psalmen, Sequenzen, Litaneien\nfür vierstimmigen Männerchor, welche theils von ihm com-\nponirt und arrangirt sind, theils aber von den älteren Mei-\nstern der Kirchenmusik, Palcstrina, Anerio, Martinengo,\nVittoria, Surcano, Nanini; eine Nummer stammt von dem\nverstorbenen Verfasser des Enchiridion Chorale, Johann\nGeorg Mettenleiter. Die Typen und Ausstattung sind ganz\ndiejenigen der Musica Divina von dem gelehrten Cano-\nnicus Dr. Proske, zu welcher nach dem Vorworte das Werk\n„für uns hier und auch wohl anderswo die nothwendige\nBrücke bilden helfen soll\". Die Partiturschrift ist ange-\nwandt, eben so die alte, allein gesunde Schreibweise für\ndie kirchlichen Compositionen. Männerchöre sind beliebt\nworden, weil sie leider noch die meiste, fast ausschliess-\nliche Pflege finden.\nReligiöse Männerchöre, von Schweizer inFrei-\nburg im Breisgau componirt (Herder'sche Buchhandlung\ndaselbst). Es sind Marianische Antiphonen, Psalmen, Hym-\nnen auf verschiedene Feste (Ostern, Pfingsten, Frohnieich-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 448, "texte": "nam u. s. w.). Von den vorhergehenden unterscheiden sie\nsich wesentlich; sie bewegen sich in den modernen Ton-\narten und tragen, ohne jedoch dem kirchlichen Ernste zu\nschaden, einen mehr modeinen Charakter. Da sie keine\nbesonderen Schwierigkeiten bieten, die Stimmen-Bewe-\ngung sehr natürlich und iiiessend ist, so werden sie viele\nFreunde finden, zumal der Verfasser schon durch andere\nCompositionen für Kirche und Schule bekannt geworden\nist.\n\nM."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-03-03-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-03-03_01#c007", "volume": "bmtnabi_1860-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "79", "page_fin": "79", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.2.5", "titre_corps": "Aus Paris.", "titre_sommaire": "Aus Paris.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.7", "debut_caractere": 450, "fin_caractere_exclue": 4748, "texte": "Aus Paris.\nDen 26. Februar 1860.\nErnst Lübeck, Hofpianist des Königs der Niederlande, hat in\nden Sitzungen für Kammermusik der Herren Armingaud, Jacquard,\nLalo und Laprct in diesem Winter den grossen Ruf, den er bereits\nim vorigen sich durch sein hervorragendes Talent gesichert, von\nNeuem bewährt und vergrössert. In diesen Tagen hat er ein glän-\nzendes Concert in dem Königssaale des Hotel du Louvre gegeben*\nEs begann mit einer Concert-Ouverture von Greive, der sein\nWerk selbst dirigirte. Greive ist einer von den bescheidenen und\ntüchtigen Musikern, deren Namen noch nicht nach Verdienst bekannt\nsind. Sowohl das künstlerische Streben, das sich in der Ouvertüre\noffenbart, als der Schwung des Ganzen der Stil erinnert an C. M.\nv. Weber wurde durch wiederholten Applaus anerkannt. E. Lü-\nbeck spielte darauf ein grosses Werk eigener Composition, ein Con-\ncert o symphonique für Pianoforte und Orchester. Die Composition ist\ndurch Klarheit bei ernstem und grossartigem Charakter, durch logi-\nsche Verarbeitung der Gedanken und treffliche Instrumentation in-\nteressant und tüchtig; namentlich erklärten alle competenten Richter\ndas Scherzo für ein vollendetes Stück in jeder Beziehung. Ausser-\ndem spielte er zwei Stücke von. J. S. Bach und F. Mendelssohn\nund eine Tarantella und eine Polonaise von seiner Composition, und\nfügte als Noti plus ultra der Virtuosität seine Etüde für die linke\nHand allein über Motive aus der Lucia hinzu. Nach dem Vortrage\neines so classisch gehaltenen Concertes und der Sachen von Bach\nund Mendelssohn hatte er wohl das Recht, sich auch in stupenden\nEfFectstiicken zu ergehen. Sein Spiel riss überall zur Bewunde-\nrung fiin.\nHans von Bülow, LiszVs Schwiegersohn, hat drei sehr in-\nteressante Kammermusik-Unterhaltungen gegeben Die letzte fand am\n23. Februar in Erard's Salon Statt (die früheren bei Pleyel). Er\nspielte darin eine Mazurka von seiner Composition. Die Presse thed\ntrcilc et musica c, seit Wagner's Anwesenheit in Paris Vertreterin der\nRichtung seiner Schule, sagt darüber sehr naiv: j,Das Stück ist in\njenem fremdartigen, romantisch-phantastischen und pittoresken Stile\ngeschrieben, mit dem die Deutschen ganz vertraut sind, und der einen\ngrossen Reiz für denjenigen Theil des französischen Publicums hat,\nder gebildet genug ist, um dessen Werth würdigen zu können; denn\nwir müssen es leider gestehen, eine grosse Anzahl von Dilettanten\nund selbst von Künstlern hat, sei es aus Uebeiwollen oder aus Un-\nverstand, einen wahren Abscheu vor jeder Musik, die nicht den al-\nten Schlenderweg geht, und obwohl die Zeit ihnen Unrecht gibt,\nbleiben sie doch unverbesserlich.« Man sieht, dass der Stil der\nKritik der deutschen Zukiinftler, deren Alpha und Omega stets\n„Feindschaft« oder „Bornirtheit« ihrer Gegner ist, in einzelnen pa-\nriser Blättern Fortschritte macht. Wohl zu merken ist, dass die\nobigen und ähnliche Redensarten jetzt von Leuten geführt werden,\ndie vor sechs bis sieben Jahren von deutschen Künstlern und deren\nWirksamkeit in Paris nur als von »Croaten« und „deutschem\nTrödel« sprachen, deren Losung Mort aux Allemands war und die\n„Deutschland in Bier und Tabak begraben« nannten, weil es keinen\nSinn für die „grossen Componistenu Bellini und Verdi habe! Was\nmag die Umkehr für eine Ursache haben ? ? Ausserdem spielte\nBülow ein Duo von ihm und Singer über Motive aus Wagner's\nI annhäuser und mehrere Sachen von Liszt mit eminenter Bravour.\nLouis Brassin aus Leipzig hat sowohl im Concert der Jeunes\nArbstes du Conservatoire als in mehreren Cirkeln und namentlich in\nseiner Soiree am 23. Februar im Saale Herz durch sein Clavierspiel\nFurore gemacht. Er spielt mit einer scheinbaren Nonchalance und\nmit einem Sichgehenlassen, dass man denken sollte, er wäre der\nSache beinahe überdrüssig. Allein man erwacht aus dieser Täu-\nschung, wenn man sehr bald gewahr wird, dass nur eine fabelhafte\nTechnik, eine staunenswerthe Leichtigkeit, mit welcher die enorm-\nsten Schwierigkeiten überwunden werden, sie veranlasst haben. Er\nhat sich bei Kennern und Dilettanten gar sehr in Respect gesetzt\ndurch das höchst correcte, vollkommen reine und sichere Spiel, des-\nsen Kraft nicht in Rauschen und Lärmen ausartet und dem Vortrage\nin allen Nuancen zu Gebote steht. Auch als Componist fand er\ndurch eine Etüde und einige glänzende Salonstücke Anerkennung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-03-03-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-03-03_01#c008", "volume": "bmtnabi_1860-03-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "79", "page_fin": "80", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "Der Vorstand", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.7", "debut_caractere": 4750, "fin_caractere_exclue": 7137, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nNach der Elbcrfelder Zeitung, Nr. 56, hat der Violinist Herr\nMaximilian Wolf aus Frankfurt in einem Concerte auf dem Jo-\nhannisberg und im Theater zu Elberfeld mit grossem Beifalle gespielt.\nLitolff ist wieder in Deutschland. Er war kürzlich in Coburg,\nwo er in einem Hofconcerte verschiedene seiner Compositionen für\nOrchester, unter Anderem Stücke aus „Faust«, dirigirte.\nIn Frankfurt a. M. ging am 15. Februar zum ersten Male\n„Dinorah« über die Bühne. Die Theater-Direction hat mit grossen\nOpfern, mit 3700 Fl. Kosten, die Inscenirung bewerkstelligt, die bei-\nden Heilen Mühldoifcr, grossherzoglich badische Hof-Decorationsma-\nler und Maschinisten, aus Mannheim berufen, und auch die darstel-\nlenden Bühnen-Mitglieder haben alle Kräfte für die gelungene Vor-\nfühiung dei Oper aufgeboten. I 4 rau Rübsamen-Veith, Dinorah, wurde\nöfter gerufen, auch die beiden Herren Mühldorfer. Ueber den Erfolg\nkann nach den drei ersten Aufführungen kein Zweifel mehr sein ;\ndas hiesige Publicum hat die musicalische Schwäche und die innere\nGehaltlosigkeit der Composition vollständig anerkannt. Die Maschi-\nnerieen und Decorationen Mühldorfer's haben aber Furore gemacht.\nDie auffallend absteigende Scala der Einnahmen gibt Ihnen den\nsichersten Maassstab für die Schätzung und Theilnahme des Publi-\ncums. Die zweite Aufführung am JB. Februar, wiederum mit aufge-\nhobenein Abonnement und erhöhten Preisen, wie die erste, gab eine\nBrutto-Einnahme von 800 Gulden; die dritte (noch dazu am Sonntag\nden 19. Februar) für die Abonnenten, Parterre und Galerie erhöhte\nPreise: 500 Gulden. Die erhöhten Preise waren für ersten Ran\"-\nÖ I\nParterre-Logen und Sperrsitze 2 Fl. (Fremden-Loge 2 Fl. 42 Kr.)\nfür zweiten Rang 1 Fl. 45 Kr und 1 Fl. 30 Kr., Parterre 1 Fl.,\nGalerie 24 Kr. Hiernach können Sie veranschlagen, wie wenig zahl-\nreich das Auditorium in der zweiten Aufführung war. Zwei Tage\nvor der Aufführung war das Theater geschlossen. Der Zettel brachte\nbereits drei Tage vorher die Ankündigung der Decorationen u s. w.\nmit dem Schlusssatze: „Die galvanische Sonne ist aus dem Ate-\nlier des Herrn Mechanicus Olf dahier.«\nAKgshurg. Neben Meyerbeer's r Dinorah«, bei deren mehr-\nfachen Repetitionen sich Publicum wie Directions-Casse wohl befan-\nden, übt die Reprise einer der echt deutsehen Musik zur Ehre ge-\nreichenden älteren Oper: eDes Adlers Horst«, ungeschwächte Zug-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3664, "texte": "kraft auf die hiesigen Theaterbesucher aus, so dass sich unsere erste\njugendliche Sängerin, Fräul. Auguste Brenken, veranlasst fand,\nletztere zu ihrem Benefiz zu erwählen. Fräul. Brenken hat sich mit\nihrer frischen Metallstimme bereits so fest in die Herzen des Publi-\ncums hineingesungen, dass es ihrem Benefiz, auch abgesehen von\nder glücklichen Wahl, an zahlreichem Besuche nicht mangeln konnte.\nDas bis zum Giebel gefüllte Haus und die begeisterte Aufnahme\nwaren der sprechendste Beweis, dass die Vorzüge des Werkes, das\nzum dritten Male gegeben wurde, und die herrlichen Leistungen und\ndas schöne Streben der jungen Künstlerin zusammenwirkten, um den\nglänzenden Erfolg zu sichern.\nf In dem Concerte unseres kunstfertigen Oboen-\nbläsers Herrn Seif trugen der Pianist Dittrich und der Violinist\nGlück eine Sonate von Beethoven mit technischer Fertigkeit\nvor Der tiefe Sinn dieser unsterblichen Compositionen erschliesst sich\nerst langem und ernstem Studium, zu welchem leider unsere Tages-\nmusiker nicht viel Zeit übrig zu haben scheinen. Uebrigens macht\ndie Wahl einer solchen Composition für ein Concert den beiden letzt-\ngenannten Herren Ehre. Mit dem Geschmack des Publicums würde\nes bald anders stehen, wenn die Künstler öfter als bisher aus dem\nreichen Schachte der classischen Kammermusik schöpfen wollten;\ngewiss, das Publicum weiss solche Perlen wohl zu würdigen.\nWenn ich mich recht erinnere, so enthielt Ihr geschätztes, in\nRegensburg in hoher Achtung stehendes Blatt eine Besprechung der\nMissa für Männerchor von Liszt; dieselbe war aber, ni fallor, vom\nEinsender unterzeichnet. Ich traute meinen Augen nicht, als ich im\njüngsten Unterhaltungs-Sonntagsblatte einer niederbaierischen Zeitung\ndenselben Artikel verbo tenus las mit der Namens-Chiffre „J. R.\nRegensburg*. Sollten der Verfasser Ihres Artikels und der Einsender\ndes landshuter Schreibens Eine und dieselbe Person sein? oder hät-\nten wir hier den Fall, dass Zwei ganz und gar dieselbe Meinung\nund für dieselbe die nämlichen Worte hatten? — Sonderbar, sehr\nsonderbar! [Für uns nicht, denn es passirt uns Aehnliches sehr häufig.]\nDie niederländischen Blätter berichten wiederholt von dem aus-\nserordentlichen Beifalle, mit welchem die deutschen Künstler, Frau\nClara Schumann und Herr Concertmeister Laub aus Berlin, in\nHolland concertirt haben.\nELf©ipzig. Als wahrscheinlicher Nachfolger des als Hof-Capell-\nmeister nach Dresden berufenen J. Rietz wird C. Rein ecke be-\nzeichnet. Aus Breslau verlautet darüber noch nichts.\n1$ e w t s c !ä e T o n Ii a 1 1 e.\nZur Bezeichnung seines achten Jahrtages setzt der Verein hier-\nu it den Preis von einhundert Gulden rheinl. auf ein Trio\nfür Ciavier, Violine und Violoncell, dessen Ausführung\njedoch nicht eigentliche Virtuosen erfordern darf.\nZur Einsendung der Bewerbungen (in Partitur), wozu wir deut-\nsche Tondichter durch dieses einladen, ist der Letzte des Monats\nJuli d. J als nicht zu verlängernde Frist anberaumt. Dieselben sind\nfrei an uns hieher einzusenden, versehen mit einem deutschen Spruche\nund, wie üblich, von einem versiegelten Zettel begleitet, dem der-\nselbe Spruch und der Name desjenigen Künstlers aufgesetzt ist, wel-\nchen der Verfasser des Bewerbungswerkes als Preisrichter wählt,\ninnen aber den Verfasser und dessen Wohnort angegeben enthält.\nSämmtliche einkommende Bewerbungen bleiben Eigenthum ih-\nrer Verfasser. Wegen Rückgabe derselben nach der Preis-Ertheilung,\nwelche, wenn sie erfolgt ist, sogleich öffentlich bekannt gemacht\nwird, und anderer hieher bezüglicher Bestimmungen sind die Vereins-\nSatzungen zu beachten, welche wir auf postfreies Verlangen in Kreuz-\nband zusenden.\nMannheim, Februar 1860.\n\nDer Vorstand."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBriefe von Louis Spohr. —Zu Cramer's Clavier-Studien. Von W. Wülfinghoff*— Für katholischen Kirchengesang:\nMissae polyphotiae aulore Birkler Cacilia, von Quante Religiöse Männerchöre von Schweizer. Von M. Aus Paris (Ernst Lübeck\n- Hans von Biilow Louis Brassin)» Tages- und Unterhaltungsblatt (Elberfeld, M. Wolf Coburg, Litolff Frankfurt\na. M., Dinorah Augsburg, Fräul. A. Brenken —• Regensburg Deutsche Tonhalle).\n\nBriefe von L. Spohr.\n\nWir haben in den Nummern 7 und 9 zwei Briefe von\nSpohr aus Paris vom Jahre 1820 vollständig und aus zwei\nanderen vom Jahre 1821 einige Auszüge gegeben. Unsere\nQuelle war, wie wir S. 54 angezeigt haben, das Büchlein\ndes Herrn AI. Malibran über Spohr. Wenn Herr Mali-\nbran auch nicht ausdrücklich sagt, dass diese Briefe an\nihn gerichtet gewesen, woran wir des Anachronismus we-\ngen auch nicht gedacht haben (andere Bedactionen haben\nindess die Sache ohne weitere Prüfung so angenommen),\nso musste doch ein Jeder glauben, dass die Originale Spohr's\nihm von demjenigen, an den sie geschrieben, zur Veröffent-\nlichung mitgetheilt worden wären. Wir gaben sie also\nbona fide und als das Beste der ganzen Broschüre. Nun\naber liegt uns die Abschrift eines Briefes von Spohr aus\nHeidelberg, den 20. Februar 1821, an einen Freund vor,\nwelchem Spohr schreibt: „Von unserem Aufenthalte in\nParis werden Sie in vier langen Briefen lesen, die ich für\ndie leipziger Musik-Zeitung eingeschickt habe.\"\nSie werden also dort im Jahrgange 1821, der uns gerade\nnicht zur Hand ist, schon einmal abgedruckt sein. Konn-\nten wir voraussetzen, dass die leichtfertige Buchmacherei\nso weit gehen könne, bereits gedruckte Briefe eines gros-\nsen Künstlers als neue Würze einer in Eile compilirten\nBiographie desselben geltend zu machen?\nWir sind dagegen jetzt im Stande, unseren Lesern\neinige Briefe Spohr's aus London und Paris aus der-\nselben Lebens-Periode mitzutheilen, die er an seinen Freund\nSpeyer in Frankfurt geschrieben und welche noch nirgends\nin die Oefferitlichkeit gekommen sind. Auf Herrn A.\nSchindlers wiederholten Wunsch hat Herr Speyer ihm\ndiese interessanten Schriftstücke übergeben und ihm ihre\nVerwendung freigestellt. Wir verdanken unsererseits sie\nder freundlichen Mittheilung Schindler's.\nI.\nLondon, den 27. März 1820.\nGeliebter Freund!\nAbsichtlich habe ich bis jetzt gezögert, Ihnen zu\nschreiben, um Ihnen gleich etwas Genaues über meine hie-\nsigen Verhältnisse und über die Weise, wie man hier die\nKunst treibt, melden zu können. Jetzt nach einem Aufent-\nhalt von vier Wochen bin ich einheimisch genug, um mit\nSicherheit ein Urtheil fällen zu können. Sollte indessen\ndiese Verzögerung Veranlassung gewesen sein, dass Sie\ndurch eine pariser Zeitungs-Neuigkeit, die uns bei unserer\nUeberfahrt von Calais nach Dover umkommen liess, er-\nschreckt worden wären, so würde ich mir doch Vorwürfe\nmachen, Ihnen nicht gleich gemeldet zu haben, dass wir,\nob wir gleich in der stürmischen Zeit die Ueberfahrt wa-\ngen mussten, wo nach hiesigen Börsen-Nachrichten mehr\nals 150 Schiffe an den englischen Küsten theiis zu Grunde\ngegangen, theiis verschlagen worden, doch wohlbehalten\nangekommen sind und uns bald von der Angst und dem\nUebelbefmden der Ueberfahrt erholt haben.—Zuerst also,\ndass ich von allen den Leuten, an die ich empfohlen war,\nso wie von allen Künstlern, die ich besucht habe, auf das\nzuvorkommenste aufgenommen worden bin, und dass Herr\nPensa vollkommen Recht hat, wenn er behauptet, die Eng-\nländer seien bei sich unendlich liebenswürdiger, als man\nsie auf Reisen in fremden Ländern kennen lernt. Dann,\ndass das hiesige Kunsttreiben grosse Contraste darbietet\n(die überhaupt in grossen Städten am grellsten hervortre-\nten), dass man neben vielem Vortrefflichen und Lobens-\nwerthen auch das Erbärmlichste zu hören bekommt, dass\nes sich mit Einem Worte doch deutlich zeigt, dass die\nEngländer keinen Beruf zur Musik und keinen wahren Sinn\ndafür haben. Zwar treiben sie, wie Alles, auch Musik mit\nErnst, allein man merkt es ihnen, wie den reisenden\nEngländern in Italien bei Besichtigung der Kunstschätze\nund Alterthümer, bald an, dass es ihnen mehr eine Arbeit"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.2", "texte": "als ein Genuss ist, und dass sie beim Ende eines Concer-\ntes wohl auch sagen könnten, wie jene nach einer Kunst-\nBesichtigung inßom: Gottlob, das wäre wieder überstan-\nden! Schon dass sie Concerten von vier, oft fünf Stunden\nLänge mit einer kurzen Pause bis zu Ende mit Aufmerk-\nsamkeit und Ernst zuhören können, beweis't, dass die Mu-\nsik nicht in ihr Inneres dringe, weil sie sonst schon vor\nder ersten Hälfte erschöpft sein müssten. Auch dass sie\nam selben Abende das Herrlichste so wie das Erbärm-\nlichste mit gleicher Theilnahme anhören, in demselben\nConcerte ein classisches Musikstück von Mozart und einen\nenglischen Gassenhauer ohne allen Kunstwerth\nverlangen können, beweis't, dass sie das Gute vom Schlech-\nten gar nicht zu unterscheiden wissen. Dass dieses übri-\ngens nur vom gewöhnlichen Concert-Publicum gemeint ist\nund dass in einer Stadt von 1,200,000 Einwohnern wohl\nauch Einige sich finden, die eine rühmliche Ausnahme\nmachen und denen man ein Kunst-Ürlheil zugestehen kann,\nversteht sich von selbst. Dass ich mit dieser Ueberzeuguns\na o\nhei meinem ersten Debüt heute vor drei Wochen (wo ich\nim ersten Concerte der Philharmonischen Gesellschaft meine\nScene spielte) mit grosser Befangenheit hintrat, kann\nich nur durch die Gegenwart von Viotti und vieler ande-\nren ausgezeichneten Künstler, deren vielleicht zu über-\nspannte Erwartungen ich zu befriedigen hatte, erklären;\nund obgleich diese, so wie das Publicum einen grossen Bei-\nfall schenkten, so war ich doch selbst sehr wenig mit mir\nzufrieden und wünschte mit Ungeduld mein zweites Auf-\ntreten herbei. Heute vor acht Tagen spielte ich denn im\nzweiten Concerte der Philharmonischen Gesellschaft mein\nQuatuor brillant in E-dur mit solchem Erfolg, dass ich\nseit der Zeit Alles für mich gewonnen habe. Auch wurde\nich am vorigen Mittwoch, wo ich zum dritten Male im\nTheatre Drurylane in einem so genannten Oratorium mein\nPotpourri in Dspielte, mit solcher Auszeichnung empfan-\ngen und entlassen, wie sie selten einem fremden Künstler\nzu Theil geworden ist. Im dritten Concerte der Philhar-\nmonischen Gesellschaft werde ich dirigiren und als Com-\nponist mit einer neuen grossen Sinfonie in die ich\ngleich nach unserer Ankunft hier angefangen und vor ein\npaar Tagen beendigt habe, debuliren. Dass ich mich un-\nendlich darauf freue, dieses Werk, das ich mit grosser Be-\ngeisterung empfangen und geboren habe, von einem so\nherrlichen und stark besetzten Orchester wie das der Phil-\nharmonischen Gesellschaft (28 Violinen, 12 Bässe u. s. w.)\nund in einem so würdigen Locale, wie der neue Saal von\nArgyle Booms ist, zum ersten Male zu hören, können Sie\nSich leicht denken. Später werde ich dann auch meine alte\nSinfonie, so wie meine Ouvertüren, die hier noch nicht ge-\nmacht worden sind, zur Aufführung bringen.\nOb wir hier etwas Bedeutendes gewinnen werden,\n.wird die Zukunft lehren; dass es etwas sein wird, weiss\nich schon, indem ich die Kosten des Aufenthaltes schon\nungefähr berechnen kann. Bis jetzt sind wir theils Beide,\nthcils ich allein zu drei Concerten für Honorar zu spielen\nengagirt. Auch habe ich angefangen, Unterricht zu geben.\nOb der König uns hören wird, ist noch nicht entschieden;\ner ist noch nicht zur Stadt zurückgekehrt. Unser Benefiz-\nConcert ist auf den 8. Juni bestimmt; ich hoffe ziemlichen\nErfolg davon. Von den hiesigen Künstlern, die wir bis jetzt\ngehört haben, schreibe ich Ihnen das nächste Mal; interes-\nsant war ein Concert der alten siebenzigjährigen Mara.—\nMeine Veränderung an der Geige bewährt sich als vor-\ntrefflich; die hiesigen Künstler fangen schon an, sie nach-\nzumachen.\nLouis Spoli r.\nII.\nLondon, den 17. April 1820.\nGeliebter Freund!\nWie kann ich Ihnen genug danken, dass Sie durch\nschnelles Widerrufen jener Schreckens-Nachricht von un-\nserem Tode meinen Eltern und meiner Schwiegermutter\nTage des Kummers erspart haben! Ohne Ihren Brief, was\nhätten sie nicht noch alles gelitten, bis der Widerruf in\nden Zeitungen zu ihren Augen gekommen wäre! Nie werde\nich Ihnen diesen Freundschaftsdienst vergessen. Wir er-\nhalten jetzt aus allen Gegenden Deutschlands Glückwün-\nschungen über unsere Erhaltung, die uns als Beweis für\ndie TheiLnahme vieler guten Menschen viel Freude ge-\nmacht haben. Ich kann aber immer noch nicht begreifen,\nwie das Gerücht von unserem Untergange entstanden sein\nkann, da wir schon längst in London waren, als der Sturm\nwüthete, der so viele Schiffe zertrümmert hat.\nMeinen ersten Brief, worin ich Ihnen mein Auftreten\nin den zwei ersten Concerten der Philharmonischen Gesell-\nschaft meldete, haben Sie ohne Zweifel gleich nach Ab-\ngang des Ihrigen erhallen. Seit der Zeit habe ich wieder\ndrei Mal öffentlich gespielt und das dritte Concert der Phil-\nharmonischen Gesellschaft dirigirt, und bin, ich darf es\nwohl behaupten, immer mehr in der Gunst des Publicum»\ngestiegen, wenigstens hat es mir bei jedem Auftreten die\nunzweideutigsten Beweise davon gegeben. Zuerst spielte\nich im Theatre Drurylanein einem so genannten Orato-\nrium mein Potpourri aus B-dur,dann im letzten Dileltanten-\nConcerte in der Citv im Saale der mit\nmeiner Frau eine Sonate und im zweiten Theile meine\nScene, und zuletzt in dem so genannten Vocal-Concerte in\neinem sehr schönen Saale in Ilanover Square ein neues\nA-dur-Concert, das besonderes Glück machte. Meine Frau,\ndie bei ihrem ersten Auftreten in London, wo so viele\ngute Harfenmeister sind, durch ihren Mulh mich ganz"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.3", "texte": "überraschte und beschämte, da ich beim ersten Auftreten\nviel zaghafter war, erregte durch das Eigenthümliche ihres\nSpiels grosse Sensation und erhielt von allen, die an dem\nAbende auftraten, den lebhaftesten Beifall. Dass uns die-\nses Gelingen unserer Bestrebungen als Künstler den Auf-\nenthalt sehr erheitert, können Sie leicht denken.\nDie grösste Freude hat mir aber die Aufnahme mei-\nner neuen Sinfonie gewährt. Es war vor meiner Ankunft\nin London noch nie irgend eine meiner Orchester-Compe-\nsitionen weder im Philharmonischen Concerte noch, so viel\nich weiss, in irgend einem der andern Concerte gegeben wor-\nden, und ich wünschte sehr eine Gelegenheit herbei, um\nden Künstlern und Kennern etwas davon zu hören zu ge-\no\nben. Diese fand sich. Unter mehreren recht zweckmässi-\ngen Einrichtungen findet auch die Statt, dass sie im Laufe\nihrer Concerte an zwei Abenden vor einem kleinen ausge-\nwählten Publicum von Künstlern und Kennern nur ihnen\nunbekannte Compositionen (hauptsächlich Sinfonieen und\nOuvertüren) executiren, und den Beifall der Anwesenden\nentscheiden lassen, ob sie der öffentlichen Aufführung in\neinem der (olgenden Concerte würdig sind oder nicht. Bei\neiner solchen Probe gab ich ihnen meine gestochene Sin-\nfonie (die neue war noch nicht ausgeschrieben) und zwei\nmeiner Ouvertüren', die aus der Alruna und die neue, zu\nhören, und der enthusiastischste Beifall, mit dem diese Sa-\nchen ausgezeichnet wurden (freilich hatten sie nur mit sehr\nschwachen Producten zu concurriren, einer Sinfonie von\nSoliva, dem Componisten der Oper La testa di Ironzo, und\neiner änderen noch schwächeren von einem hiesigen Com-\nponisten) veranlasste die Herren Directoren zu der Bitte,\nihnen die gestochene Sinfonie im nächsten Concerte aufzu- !\nführen; dieses lehnte seh aber ab, indem ich ihnen sagte,*]\ndass ich zu meinem Debet als Componist eine neue, hier\nin London geschriebene bestimmt habe, welches denn auch\ngenehmigt wurde, obgleich die Herren zu glauben schie- j\nnen, dass ihnen die neue wohl kaum so gut gefallen könne,\nwie die alte. Diese Meinung änderten sie aber schon in\nder Probe nach dem ersten Anhören. Das Orchester, des- I\nsen Gunst ich mir durch kleine Aufmerksamkeiten und j\nArtigkeiten schon früher bei der Aufführung meiner an-\nderen Sachen erworben halte, gab sich alle mögliche !\nMühe, die Sinfonie mir zu Dank zu executiren. Auch ge-\nwöhnten sie sich immer mehr an meine Weise, zu dirigi-\nren (ich war nämlich acht Tage vorher bei der Probe der\nneuen Composition ebenfalls zum Dirigiren aufgefordert\nworden), und fanden darin eine grosse Stütze, so dass nicht ,i\nallein meine Sinfonie, sondern auch alle anderen Sachen,\ndie in diesem Concerte aufgeführt wurden (die Sinfonie aus\n0 mit der Fuge von Mozart und die Ouvertüren aus Fi-\ndelio und Medea) viel genauer gingen, als gewöhnlich. I\nEs ist aber auch die Weise, wie man hier im Theater\nund in Concerten dirigirt, die verkehrteste, die man ersin-\nnen kann. Von zwei Directoren, die da paradiren, ist es\neigentlich keiner. Der Conducton,wie er auf den Affichen\nheisst, sitzt am Piano und spielt aus der Partitur, gibt aber\nweder den Tact noch die Tempi an ; der oder erste\nGeiger sollte es eigentlich, da er aber nur eine blosse\nViolinstimme vor sich hat, so kann er dem Orchester nicht\neinhelfen, begnügt sich daher, seine Stimme herunter zu\nstreichen, und lässt das Orchester mitlaufen, so gut es gehen\nwill. Die Künstler hier haben das Fehlerhafte dieser Weise\nund die Unmöglichkeit, dass ein Orchester von 50 —6O\nPersonen auf solche Art je ein Ensemble haben könne,\nwohl früher eingesehen, als ich es ihnen aus einander ge-\nsetzt habe; allein sie wagen nicht, eine Aenderung zu tref-\nfen, weil das einmal Hergebrachte hier als heilig und un-\nantastbar betrachtet wird, so wie denn der Engländer\nüberhaupt bei aller politischen Freiheit doch der ärgste\nSclave der Etiquette ist. Ich dirigirte aber bei den Proben\nauf alte gewohnte Weise aus der Partitur, und am Abende,\nwo dann freilich der Conductor hinter dem Piano paradi-\nren muss, wusste ich die Sache schon so auswendig, dass\nich dem Orchester auch ohne Partitur einhelfen konnte.\nMeine Sinfonie wurde also so genau und nuancirt vorge-\ntragen, wie ich es nach einer einzigen, ziemlich flüchtigen\nProbe nie gehofft hatte, und dem habe ich es wohl zu\ndanken, dass sie vom Publicum mit einem Enthusiasmus\naufgenommen wurde, wie seit meiner Anwesenheit hier\nnoch kein anderes Orchesterstück. Die Menuett oder das\nScherzo wurde da capoverlangt und nach der Wiederho-\nlung noch lebhafter beklatscht. Dieser gute Erfolg ist mir\ndoppelt erfreulich gewesen, weil er mich hoffen lässt, dass\nich bis jetzt als Componist noch nicht zurückgeschritten\nbin; denn dem eigenen Urtheile, nach welchem diese Sin-\nfonie das Beste ist, was ich je von Orchestermusik geschrie-\nben habe, darf ich nicht so unbedingt trauen, theils weil\nman die jüngsten Kinder immer am liebsten hat, theils weil\nman sich gar zu ungern gestehen will, dass die Schöpfungs-\nkralt der Jugend schon im Abnehmen sei.\nVon anderen Concerten und Musik-Aufführunsen, de-\no '\nnen wir beiwohnten, lässt sieh nicht viel Erfreuliches mel-\nden. Die italiänische Oper ist jetzt ganz schlecht. Wir ha-\nben so fürchterliche Langeweile dort ausgestanden, dass\nwir uns bis jetzt noch nicht haben entschliessen können,\nein zweites Mal hinzugehen. Unter den Sängern zeichnete\nsich auch nicht ein einziger aus. Das Orchester, auf die\nW'eise dirigirt, die ich eben beschrieben habe, ist in ewi-\ngem Schwanken, und man fürchtet jeden Augenblick, dass\nes völüig umwerfen werde. Die Chöre sind unter aller\nKritik. Von Benefiz-Concerten war das interessanteste für\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.4", "texte": "uns (aber nicht durch seine Güte!) das, was die siebenzig-\njährige Mara im Opernhause gab. Sie hatte wahrschein-\nlich gehofft, die Neugierde, eine Sängerin, die man vor\nvierzig Jahren in ihrer Blüthe hier bewundert hatte, nun\nals Matrone wieder zu hören, werde die Engländer in gros-\nser Anzahl ins Theater locken, und sie in ihren alten Ta-\ngen noch einmal einen rechten Schlag machen; allein sie\nbetrog sich gewaltig. Das Haus War leer, und bei den un-\ngeheuren Kosten in diesem Theater (das Haus allein kostet\n100 Guineen) wird sie wohl noch zu den Unkosten haben\nzulegen müssen. Hat sie sich, ohne durch die grösste Noth\ndazu gezwungen worden zu sein, durch dieses öffentliche\nAuftreten lächerlich gemacht und ihren wohlerworbenen\nRuf so leichtsinnig vergeudet, so verdient sie vollkommen,\ndurch den schlechten Erfolg dafür bestraft worden zu sein.\nIst es aber wahr, was man hin und wieder im Publicum\nerzählt, dass sie beim Brande von Moskau um all das Ih-\nrige gekommen sei, so muss man der armen alten Frau\nsein volles Mitleiden schenken, die in so hohem Alter des\nGewinnes wegen den letzten Ueberrest ihres ehemals so\nhoch gefeierten Künstler-Talentes öffentlich ausstellen muss.\nWas sie übrigens an dem Abende davon zu hören gab,\nwar gar zu wenig, und sie entging dem allgemeinen Ver-\nspotten wohl nur dadurch, dass sie vor ihrem Auftreten\ndem Publicum sagen liess, sie sei ganz heiser und müsse\num Nachsicht bitten. Es ist ihr nicht nur fast gar keine\nStimme geblieben, sondern auch alles, was sie an diesem\nunglücklichen Abende zu machen versuchte, war so un-\nsicher, falsch und selbst geschmacklos, dass man sich daraus\nunmöglich einen Begriff von ihren früheren Vorzügen ab-\nnehmen konnte.\nAn diesem Abende geschah noch Einiges, was nur in\nEngland vorkommen kann. Ein Schüler von Kramer sollte\ndas grosse Clavier-Concert von Mozart mit Trompeten und\nPauken und stark besetztem Orchester spielen; es fand sich\naber, dass das Piano so hoch stand, dass keines der Blas-\ninstrumente gebraucht werden konnte. In jeder anderen\nStadt hätte man ein solches Concert vorher probirt, und\ndann hätte der Stimmer zwischen Probe und Aufführung\ndas Instrument noch gehörig stimmen können; hier war\ndas aber nicht geschehen. Ich erwartete nun, man werde\ndas Concert ganz weglassen, und der Ciavierspieler werde\nstatt dessen etwas Anderes ohne Begleitung geben; aber\nweit gefehlt; man gab dieses Musikstück, wo die Blas-In-\nstrumente so wesentlich sind, ganz ohne diese, bloss die\nerste Oboe- und erste Fagott-Stimme wurden auf Geige\nund Violoncell gespielt. Wie nun besonders die Tutti in\ndem grossen Opernhause klangen, können Sie Sich denken.\nIch habe aber nicht bemerkt, dass irgend Jemand im Pu-\nblicum diese Profanation eines herrlichen Meisterwerkes\nübel genommen hätte; oder haben sie vielleicht geglaubt,\nes müsse so sein?—Der Violinist Cramer spielte dann im\nzweiten Theile ein Violin-Concert von Martini, das wenig-\nstens 120 Jahre alt ist. Etwas Langweiligeres gibt es wohl\nschwerlich auf der Welt! Wie man so etwas im Publicum\nspielen kann, ist mir unbegreiflich. Wenn es aber auch\nhier nicht geschähe, möchte es schwerlich wo anders ge-\nschehen. Als eine Merkwürdigkeit in London war es mir\ndaher nicht ohne Interesse; auch fühlte ich einmal wieder\nrecht lebhaft, dass, wenn es in jener Zeit auch schon Vo-\ncal-Musik gab, die Instrumental-Musik doch in den letzten\n50—60 Jahren von unseren Heroen in Wien geschaffen\nworden ist. Dagegen habe ich so genannte Glees aus jener\nZeit, vierstimmige Gesänge für Männerstimmen, mit dem\ngrössten Vergnügen schon in mehreren Concerten singen\nhören. Es ist dieses die einzige National-Musik, welche die\nEngländer besitzen. Besonders gibt es einige von Webbe\nund Smith, die ganz vortrefflich sind. Es ist aber auch\nunmöglich, solche Gesänge vollendeter vorzutragen, als es\nvon den Herren W. und C. Knyvett, Vaughan und Bellamy\ngeschieht. Eine so vollkommene Gleichheit der Stimme und\no\neine so vollkommen reine Intonation sind mir früher nie\nvorgekommen. Man scheint hier aber nicht viel Werth\ndarauf zu legen, und hat mich immer sehr verwundert an-\ngesehen, wenn ich mit Entzücken davon gesprochen habe.\nEine Rossini'sche Cavatine setzt auch hier die Hände viel\nsicherer in Bewegung.\nIn einem der letzten Vocal-Concerle wurde ein TeDeum\nvon Graun gesungen. Kaum hatten die Sänger nach dem\nsehr langen Vorspiele die ersten Worte gesungen, als sich\nalle Anwesenden erhoben und, so lange das Musikstück\ndauerte, stehen blieben. Es ist mir dieses in doppelter Hin-\nsicht lächerlich vorgekommen. Erstlich zu sehen, dass die\nEngländer unserem Herrgott gleiche äussere Ehre wie\nihrem Könige erweisen; denn bekanntlich wird das God\nsave the King,der König inag anwesend sein oder nicht,\nauch immer stehend angehört; und zweitens, dass sie ein\nConc-ert-Musikstück, das eben wie die anderen im Concert-\nsaale nur aufgeführt wird, um den Anwesenden einen\nKunstgenuss zu bereiten, als zum kirchlichen Ritus gehö-\nrig betrachten, und dabei sich geberden, als seien sie in\nder Kirche. Der Ernst und die Gravität, womit der Eng-\nländer die oft absurden Vorschriften derEtiquette beobach-\ntet, kommt mir überhaupt immer sehr komisch vor, und\nich kann dieses mit dem Verstand« und dem Freiheitssinne,\ndessen er sich rühmt, wenig reimen.\nVon Berlin habe ich Nachricht, dass die erledigte Ca-\npellmeister-Stelle nicht wieder besetzt werden soll. Ich\nhabe also nun keine weitere Veranlassung, meine Oper\nnoch länger zurück zu behalten, und bitte Sie daher, Par-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.5", "texte": "titur und Buch mit einliegendem Briefe mit erster fahren-\nder Post an den Grafen Brühl abzusenden.\nBei dem herrlichen Frühlingswetter fangen wir nun\nan, Excursionen in und um London zu machen, um die\nMerkwürdigkeiten zu sehen. So waren wir am letzten Sonn-\ntage in Richmond, 13 englische Meilen von hier, in einer\nwahrhaft paradiesischen Gegend. Ich kann es Ihnen nicht\nbeschreiben, wie wohl es uns that, das erste Grün und die\nersten Baumblüthen zu sehen und einmal wieder reine\nLuft ohne den unerträglichen Steinkohlendampf einzuath-\nmen. Um so schwerer fiel es uns aber auf die Brust, als\nwir uns dem grossen Steinhaufen wieder näherten. Es\nwird jetzt täglich lebhafter in der Stadt, und die Winter-\nSaison wird nun mit der Baumblüthe endlich ihren Anfang\nnehmen. Kann es wohl grössere Verkehrtheit als in Lon-\ndon geben?\nIm nächsten Briefe werde ich Ihnen beschreiben, wie\nman hier in den meisten Privathäusern Musik treibt. Es\nist dieses auch ganz englisch, doch machen einige Häuser\nrühmliche Ausnahmen. So habe ich gestern Abends beim\nHerzog von Hamilton gespielt, wo der Herzog von Sussex\nund eine sehr vornehme Gesellschaft zugegen waren; ich\nkann aber nicht genug die Stille und Aufmerksamkeit wäh-\nrend der Musik, so wie das artige Betragen der Anwesen-\nden gegen uns Künstler rühmen. Die Engländer, besonders\ndie gereis't sind, können auch recht liebenswürdig sein.\nLeben Sie wohl. Die herzlichsten Grüsse an die Ihri-\ngen. Erfreuen Sie uns bald mit einem Briefe.\nWie immer, ganz der Ihrige.\n\nLouis Spohr.\n\nZu Cramer’s Clavier-Studien.\n\nIn der Niederrheinischen Musik-Zeitung ist einmal die\nRede davon gewesen, dass es schade sei, dass Cramer seine\nberühmten Etüden nicht mit erläuternden Bemerkungen\nüber ihren speciellen Zweck und Angabe der zweckmässig-\nsten Art und Weise, wie solche zu studiren, um des Er-\nfolges desto gewisser zu sein, versehen habe, wie J. Mo-\nse hei es solches bei seinem Etudenwerke, Op. 70, gethan.\nNachdem ich viele Jahre hindurch die Etüden Gramer's\nmit Sorgfalt geübt, ja, sie als „tägliche Wiederholung\"\nsanetionirt hatte, kam mir nach jenem Winke sogleich der\nGedanke, die fehlenden Bemerkungen und Rathschläge,\nwelche das Studium derselben erleichtern können, zu jeder\nEtüde niederzuschreiben. Da nun didaktische Zwecke nicht\ndie letzten sind, welche Ihre Zeitschrift im Auge hat, so\nerlaube ich mir, eine Probe davon mitzutheilen.\nZu Etüde I. Ausgleichung der vier ersten Finger;\ngeschicktes Zusammenziehen (Contraction) der Finger.\nGrösste Ruhe der Hand. Gleicher, grosser Ton, den Vortrag\nanbelangend. Langsames Durchspielen, erst mit getrennten\nHänden, dann vereint. Hohes Aufheben der Finger ist als\ndas wesentlichste Förderungsmittel der wirklichen Fertig-\nkeit und zur Erlangung eines grossen, schönen Tones nach-\ndrücklichst zu empfehlen. Fast durchgängig kann das erste\nSechszehntel jeder Sechszehntel-Figur als Viertel angehal-\nten werden.\nZu Etüde 11. (E-moll).Kräftigung des vierten und\nfünften Fingers, besonders des vierten. Grössere Ausglei-\nchung des zweiten, dritten und vierten Fingers. Strengstes\nLegato. Uebung in der Ausspannung (Extension) der Fin-\nger der rechten Hand. Die vier ersten Tacte lasse man\nunisono mit beiden Händen üben. In Tact 9 bis 14 incl.\nhalte man in der rechten Hand das erste Achtel den gan-\nzen Tact hindurch an. Später lässt sich fast immer das 1.,\n4., 7. und 10. Achtel als Viertel anhalten. Es ist dieses\nein zuverlässiges Mittel, den besten Anschlag vermittels des\nFingergelenkes allein und die grösste Ruhe der Hand selbst\nzu erzielen. Die Kräftigung der Finger kann zudem nur\nauf diesem Wege erlangt werden. Auch wird so das Span-\nnungs-Vermögen der Hand und der Finger erhöht. In den\nTacten 7 und 8 (vom Ende gezählt) kann das 1., 4., 7.\nund 10. Achtel mit dem vierten Finger genommen, auch\nbesonderen Kräftigung desselben.\nZu Etüde 111. (D-dur). Wesentlicher praktischer\nNutzen: Spannung der Finger der rechten Hand, insbeson-\ndere des zweiten und vierten Fingers. Die Etüde ist einem\nDuette zu vergleichen für Tenor und Bass, begleitet von\neiner Figur, welche man sich als von einer Violine oder\nGuitarre gespielt denken mag. (Vergl. das Ständchen im\nDon Juan.) Das erste der Discant-Figur muss mit der\nBass-Melodie, die ausserdem noch durch einen stets ausge-\nhaltenen Ton unterstützt und gehoben wird, als eben die\nzwei Singstimmen repräsentirend, ein wenig hervorgeho-\nben werden; die anderen Noten der Figur müssen diese\nMelodieführung tändelnd umspielen, jedoch muss diese Gar-\nnitur leicht und graziös ausgeführt werden. Zuerst ist äus-\nserst langsames Ueben mit gleichmässigem vollem Tone\nnothwendig. Das geschickte, das Binden nicht beeinträch-\ntigende Untersetzen ist auch wohl zu beachten. Die linke\nHand ist für sich allein genommen schon eine lehrreiche\nUebung. Tact 13 und 14 in derselben erfordern ein ge-\nschicktes Ueberlegen des zweiten Fingers über den Dau'\nmen, der streng seine Note aushält:"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.6", "texte": "Zu Etüde IV. (CJ-moll). Diese Etüde ist ein pracht-\nvolles Duett. Die selbstständige, von einander unabhängig\nscheinende und doch streng harnionirende Durchführung\nder beiden Melodieen setzt schon grosse Unabhängigkeit\nder Hände voraus. Jede Hand tnuss allein ausdauernd ge-\nübt werden, bis der Schüler den Gang der Melodie ver-\nstanden, aulgelasst und sich den Fingersatz spielend ange-\neignet hat. Dann übe man beide Hände zusammen und\ntrage sie fest und sicher und zunächst langsam vor, ohne\nSchwanken und ohne jede andere Nuäncirung, als mit Be-\nobachtung der gewöhnlichen Betonung. In Bezug auf Fin-\ngersatz kommt fast Alles vor: Spannung, Zusammenziehung,\nGleiten der Finger von den Obertasten. Der kleine Finger\nund der Daumen müssen sich geschickt und auf\ndie Obertasten legen lernen. Das strengste Legato, die\ngrösste Ruhe der Hand und stete Egalität des Tones sind\nHaupt-Erfordernisse bei dieser Etüde. Das Auge des Ausfüh-\nrenden sei unverwandt auf die Noten gerichtet. Zu dem\nsempre legato darf man auch kühn sempre forte (d. h. stets\ngrosser, voller, sicherer Ton) setzen.\n\nW. Wülfinghoff.\n\nFür katholischen Kirchengesang.\n\nMissae polgphonae autore Birlcler. Tubingae, Laupp,\n1859. Es ist unnöthig, erst viele Worte zu machen über\nden Begriff' von Kirchenmusik, über ihren Fall und über\nihre Erhebung. Ich kann mich auf meine Abhandlung\nhierüber, welche im vorigen Jahre in dieser Musik-Zeitung\nerschien, berufen. Die darin aufgestellten Hauptsätze, man\nmüsse nämlich mehr oder minder zu den Meistern des clas-\nsischen Mittelalters, welche den eigentlich kirchlich-liturgi-\nschen Gesang, den Cantus Gregorianus, noch am besten\nverstanden und am angemessensten in ihren polyphonen\nSchöpfungen illustrirten, zurückkehren, bei etwaigen Selbst-\nCompositionen von ihnen, den Meistern und den alten\nder Kirche so eigentümlichen Tonarten den Ausgangs-\npunkt nehmen, diese Grundsätze sind, wenn auch mit\neinigen Modificationen, die dos Verfassers oben angezeigten\nWerkes, wie das gut geschriebene Vorwort zu der ersten\nFolge kund gibt. Daher kann ich auch gleich zur kurzen\nCharakterisirung der Missae polgphonae übergehen. Der\nName des Autors hat übrigens einen guten Klang durch\ndie in weitesten Kreisen bekannte und gewürdigte Ab-\nhandlung über das deutsche Kirchenlied und andere. Ich\nerwähne dieses, weil es stets zum Besten eines Schriftstel-\nlers gereicht, wenn die Farbe, die er bekennt auf dem\nFelde, das er bebaut, schon bekannt ist, vorzüglich aber,\nwenn diese seine Gesinnungen bereits die Probe der Kritik\nausgehalten haben. Die Missaenun sind vierstimmig, theils\nfür Miinncr-, theils für gemischte Stimmen; der Verfasser\nscheint dem von manchen Seiten gefühlten Bedürfnisse\nnach kirchlichen Composilionenr für Männerchöre Rechnung\ntragen zu wollen ein Beweis, dass er das Terrain kennt.\nDasselbe gilt von den Einlagen, dem sandte\nAlle tragen den Stempel der Einfachheit, Reinheit des Stils,\nfrommen Ernstes, kirchlicher Weihe. Dabei sind sie leicht\nzu executiren, und dess'halb zum Nothbehelf mit Orgel-Be-\ngleitung versehen. Zu tadeln findet sich wotil auch Man-\nches; besonders dürften einige harmonische Fortschreitun-\ngen nicht den Beifall aller Kenner, namentlich Anhänger\nder strengen Schule bekommen; auch scheint bisweilen\ndem Modernen zu viel eingeräumt. Doch diese Dinge wird\nman gern milde ertragen in Anbetracht des schweren We-\nges, den jeder Kirchen-Componist in unserer Zeit zu gehen\nhat, eines Weges, der dorniger und gefahrvoller ist, als\njeder andere auf dem musicalischen Gebiete. Möge der\nVerfasser fortfahren in seinem Studium; er darf überzeugt\nsein, dass die Früchte seines Fleisses stets diejenige Aner-\nkennung finden, welche sie verdienen.\nDiesen Messen von Birkler reihen sich, als nicht min-\nder preiswürdig, nachstehende, seit Kurzem erschienene\nWerke an:\nCäcilia (Münster, bei Coppenrath). Herr Dom-Vicar\nQuante, zugleich Chor-Director und Lehrer des Kirchen-\ngesanges in Münster, bietet hier eine Reihe (29, Nr. 5}\nvon kirchlichen Hymnen, Psalmen, Sequenzen, Litaneien\nfür vierstimmigen Männerchor, welche theils von ihm com-\nponirt und arrangirt sind, theils aber von den älteren Mei-\nstern der Kirchenmusik, Palcstrina, Anerio, Martinengo,\nVittoria, Surcano, Nanini; eine Nummer stammt von dem\nverstorbenen Verfasser des Enchiridion Chorale, Johann\nGeorg Mettenleiter. Die Typen und Ausstattung sind ganz\ndiejenigen der Musica Divina von dem gelehrten Cano-\nnicus Dr. Proske, zu welcher nach dem Vorworte das Werk\n„für uns hier und auch wohl anderswo die nothwendige\nBrücke bilden helfen soll\". Die Partiturschrift ist ange-\nwandt, eben so die alte, allein gesunde Schreibweise für\ndie kirchlichen Compositionen. Männerchöre sind beliebt\nworden, weil sie leider noch die meiste, fast ausschliess-\nliche Pflege finden.\nReligiöse Männerchöre, von Schweizer inFrei-\nburg im Breisgau componirt (Herder'sche Buchhandlung\ndaselbst). Es sind Marianische Antiphonen, Psalmen, Hym-\nnen auf verschiedene Feste (Ostern, Pfingsten, Frohnieich-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.7", "texte": "nam u. s. w.). Von den vorhergehenden unterscheiden sie\nsich wesentlich; sie bewegen sich in den modernen Ton-\narten und tragen, ohne jedoch dem kirchlichen Ernste zu\nschaden, einen mehr modeinen Charakter. Da sie keine\nbesonderen Schwierigkeiten bieten, die Stimmen-Bewe-\ngung sehr natürlich und iiiessend ist, so werden sie viele\nFreunde finden, zumal der Verfasser schon durch andere\nCompositionen für Kirche und Schule bekannt geworden\nist.\n\nM.\n\nAus Paris.\nDen 26. Februar 1860.\nErnst Lübeck, Hofpianist des Königs der Niederlande, hat in\nden Sitzungen für Kammermusik der Herren Armingaud, Jacquard,\nLalo und Laprct in diesem Winter den grossen Ruf, den er bereits\nim vorigen sich durch sein hervorragendes Talent gesichert, von\nNeuem bewährt und vergrössert. In diesen Tagen hat er ein glän-\nzendes Concert in dem Königssaale des Hotel du Louvre gegeben*\nEs begann mit einer Concert-Ouverture von Greive, der sein\nWerk selbst dirigirte. Greive ist einer von den bescheidenen und\ntüchtigen Musikern, deren Namen noch nicht nach Verdienst bekannt\nsind. Sowohl das künstlerische Streben, das sich in der Ouvertüre\noffenbart, als der Schwung des Ganzen der Stil erinnert an C. M.\nv. Weber wurde durch wiederholten Applaus anerkannt. E. Lü-\nbeck spielte darauf ein grosses Werk eigener Composition, ein Con-\ncert o symphonique für Pianoforte und Orchester. Die Composition ist\ndurch Klarheit bei ernstem und grossartigem Charakter, durch logi-\nsche Verarbeitung der Gedanken und treffliche Instrumentation in-\nteressant und tüchtig; namentlich erklärten alle competenten Richter\ndas Scherzo für ein vollendetes Stück in jeder Beziehung. Ausser-\ndem spielte er zwei Stücke von. J. S. Bach und F. Mendelssohn\nund eine Tarantella und eine Polonaise von seiner Composition, und\nfügte als Noti plus ultra der Virtuosität seine Etüde für die linke\nHand allein über Motive aus der Lucia hinzu. Nach dem Vortrage\neines so classisch gehaltenen Concertes und der Sachen von Bach\nund Mendelssohn hatte er wohl das Recht, sich auch in stupenden\nEfFectstiicken zu ergehen. Sein Spiel riss überall zur Bewunde-\nrung fiin.\nHans von Bülow, LiszVs Schwiegersohn, hat drei sehr in-\nteressante Kammermusik-Unterhaltungen gegeben Die letzte fand am\n23. Februar in Erard's Salon Statt (die früheren bei Pleyel). Er\nspielte darin eine Mazurka von seiner Composition. Die Presse thed\ntrcilc et musica c, seit Wagner's Anwesenheit in Paris Vertreterin der\nRichtung seiner Schule, sagt darüber sehr naiv: j,Das Stück ist in\njenem fremdartigen, romantisch-phantastischen und pittoresken Stile\ngeschrieben, mit dem die Deutschen ganz vertraut sind, und der einen\ngrossen Reiz für denjenigen Theil des französischen Publicums hat,\nder gebildet genug ist, um dessen Werth würdigen zu können; denn\nwir müssen es leider gestehen, eine grosse Anzahl von Dilettanten\nund selbst von Künstlern hat, sei es aus Uebeiwollen oder aus Un-\nverstand, einen wahren Abscheu vor jeder Musik, die nicht den al-\nten Schlenderweg geht, und obwohl die Zeit ihnen Unrecht gibt,\nbleiben sie doch unverbesserlich.« Man sieht, dass der Stil der\nKritik der deutschen Zukiinftler, deren Alpha und Omega stets\n„Feindschaft« oder „Bornirtheit« ihrer Gegner ist, in einzelnen pa-\nriser Blättern Fortschritte macht. Wohl zu merken ist, dass die\nobigen und ähnliche Redensarten jetzt von Leuten geführt werden,\ndie vor sechs bis sieben Jahren von deutschen Künstlern und deren\nWirksamkeit in Paris nur als von »Croaten« und „deutschem\nTrödel« sprachen, deren Losung Mort aux Allemands war und die\n„Deutschland in Bier und Tabak begraben« nannten, weil es keinen\nSinn für die „grossen Componistenu Bellini und Verdi habe! Was\nmag die Umkehr für eine Ursache haben ? ? Ausserdem spielte\nBülow ein Duo von ihm und Singer über Motive aus Wagner's\nI annhäuser und mehrere Sachen von Liszt mit eminenter Bravour.\nLouis Brassin aus Leipzig hat sowohl im Concert der Jeunes\nArbstes du Conservatoire als in mehreren Cirkeln und namentlich in\nseiner Soiree am 23. Februar im Saale Herz durch sein Clavierspiel\nFurore gemacht. Er spielt mit einer scheinbaren Nonchalance und\nmit einem Sichgehenlassen, dass man denken sollte, er wäre der\nSache beinahe überdrüssig. Allein man erwacht aus dieser Täu-\nschung, wenn man sehr bald gewahr wird, dass nur eine fabelhafte\nTechnik, eine staunenswerthe Leichtigkeit, mit welcher die enorm-\nsten Schwierigkeiten überwunden werden, sie veranlasst haben. Er\nhat sich bei Kennern und Dilettanten gar sehr in Respect gesetzt\ndurch das höchst correcte, vollkommen reine und sichere Spiel, des-\nsen Kraft nicht in Rauschen und Lärmen ausartet und dem Vortrage\nin allen Nuancen zu Gebote steht. Auch als Componist fand er\ndurch eine Etüde und einige glänzende Salonstücke Anerkennung.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nNach der Elbcrfelder Zeitung, Nr. 56, hat der Violinist Herr\nMaximilian Wolf aus Frankfurt in einem Concerte auf dem Jo-\nhannisberg und im Theater zu Elberfeld mit grossem Beifalle gespielt.\nLitolff ist wieder in Deutschland. Er war kürzlich in Coburg,\nwo er in einem Hofconcerte verschiedene seiner Compositionen für\nOrchester, unter Anderem Stücke aus „Faust«, dirigirte.\nIn Frankfurt a. M. ging am 15. Februar zum ersten Male\n„Dinorah« über die Bühne. Die Theater-Direction hat mit grossen\nOpfern, mit 3700 Fl. Kosten, die Inscenirung bewerkstelligt, die bei-\nden Heilen Mühldoifcr, grossherzoglich badische Hof-Decorationsma-\nler und Maschinisten, aus Mannheim berufen, und auch die darstel-\nlenden Bühnen-Mitglieder haben alle Kräfte für die gelungene Vor-\nfühiung dei Oper aufgeboten. I 4 rau Rübsamen-Veith, Dinorah, wurde\nöfter gerufen, auch die beiden Herren Mühldorfer. Ueber den Erfolg\nkann nach den drei ersten Aufführungen kein Zweifel mehr sein ;\ndas hiesige Publicum hat die musicalische Schwäche und die innere\nGehaltlosigkeit der Composition vollständig anerkannt. Die Maschi-\nnerieen und Decorationen Mühldorfer's haben aber Furore gemacht.\nDie auffallend absteigende Scala der Einnahmen gibt Ihnen den\nsichersten Maassstab für die Schätzung und Theilnahme des Publi-\ncums. Die zweite Aufführung am JB. Februar, wiederum mit aufge-\nhobenein Abonnement und erhöhten Preisen, wie die erste, gab eine\nBrutto-Einnahme von 800 Gulden; die dritte (noch dazu am Sonntag\nden 19. Februar) für die Abonnenten, Parterre und Galerie erhöhte\nPreise: 500 Gulden. Die erhöhten Preise waren für ersten Ran\"-\nÖ I\nParterre-Logen und Sperrsitze 2 Fl. (Fremden-Loge 2 Fl. 42 Kr.)\nfür zweiten Rang 1 Fl. 45 Kr und 1 Fl. 30 Kr., Parterre 1 Fl.,\nGalerie 24 Kr. Hiernach können Sie veranschlagen, wie wenig zahl-\nreich das Auditorium in der zweiten Aufführung war. Zwei Tage\nvor der Aufführung war das Theater geschlossen. Der Zettel brachte\nbereits drei Tage vorher die Ankündigung der Decorationen u s. w.\nmit dem Schlusssatze: „Die galvanische Sonne ist aus dem Ate-\nlier des Herrn Mechanicus Olf dahier.«\nAKgshurg. Neben Meyerbeer's r Dinorah«, bei deren mehr-\nfachen Repetitionen sich Publicum wie Directions-Casse wohl befan-\nden, übt die Reprise einer der echt deutsehen Musik zur Ehre ge-\nreichenden älteren Oper: eDes Adlers Horst«, ungeschwächte Zug-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600303-01.1.8", "texte": "kraft auf die hiesigen Theaterbesucher aus, so dass sich unsere erste\njugendliche Sängerin, Fräul. Auguste Brenken, veranlasst fand,\nletztere zu ihrem Benefiz zu erwählen. Fräul. Brenken hat sich mit\nihrer frischen Metallstimme bereits so fest in die Herzen des Publi-\ncums hineingesungen, dass es ihrem Benefiz, auch abgesehen von\nder glücklichen Wahl, an zahlreichem Besuche nicht mangeln konnte.\nDas bis zum Giebel gefüllte Haus und die begeisterte Aufnahme\nwaren der sprechendste Beweis, dass die Vorzüge des Werkes, das\nzum dritten Male gegeben wurde, und die herrlichen Leistungen und\ndas schöne Streben der jungen Künstlerin zusammenwirkten, um den\nglänzenden Erfolg zu sichern.\nf In dem Concerte unseres kunstfertigen Oboen-\nbläsers Herrn Seif trugen der Pianist Dittrich und der Violinist\nGlück eine Sonate von Beethoven mit technischer Fertigkeit\nvor Der tiefe Sinn dieser unsterblichen Compositionen erschliesst sich\nerst langem und ernstem Studium, zu welchem leider unsere Tages-\nmusiker nicht viel Zeit übrig zu haben scheinen. Uebrigens macht\ndie Wahl einer solchen Composition für ein Concert den beiden letzt-\ngenannten Herren Ehre. Mit dem Geschmack des Publicums würde\nes bald anders stehen, wenn die Künstler öfter als bisher aus dem\nreichen Schachte der classischen Kammermusik schöpfen wollten;\ngewiss, das Publicum weiss solche Perlen wohl zu würdigen.\nWenn ich mich recht erinnere, so enthielt Ihr geschätztes, in\nRegensburg in hoher Achtung stehendes Blatt eine Besprechung der\nMissa für Männerchor von Liszt; dieselbe war aber, ni fallor, vom\nEinsender unterzeichnet. Ich traute meinen Augen nicht, als ich im\njüngsten Unterhaltungs-Sonntagsblatte einer niederbaierischen Zeitung\ndenselben Artikel verbo tenus las mit der Namens-Chiffre „J. R.\nRegensburg*. Sollten der Verfasser Ihres Artikels und der Einsender\ndes landshuter Schreibens Eine und dieselbe Person sein? oder hät-\nten wir hier den Fall, dass Zwei ganz und gar dieselbe Meinung\nund für dieselbe die nämlichen Worte hatten? — Sonderbar, sehr\nsonderbar! [Für uns nicht, denn es passirt uns Aehnliches sehr häufig.]\nDie niederländischen Blätter berichten wiederholt von dem aus-\nserordentlichen Beifalle, mit welchem die deutschen Künstler, Frau\nClara Schumann und Herr Concertmeister Laub aus Berlin, in\nHolland concertirt haben.\nELf©ipzig. Als wahrscheinlicher Nachfolger des als Hof-Capell-\nmeister nach Dresden berufenen J. Rietz wird C. Rein ecke be-\nzeichnet. Aus Breslau verlautet darüber noch nichts.\n1$ e w t s c !ä e T o n Ii a 1 1 e.\nZur Bezeichnung seines achten Jahrtages setzt der Verein hier-\nu it den Preis von einhundert Gulden rheinl. auf ein Trio\nfür Ciavier, Violine und Violoncell, dessen Ausführung\njedoch nicht eigentliche Virtuosen erfordern darf.\nZur Einsendung der Bewerbungen (in Partitur), wozu wir deut-\nsche Tondichter durch dieses einladen, ist der Letzte des Monats\nJuli d. J als nicht zu verlängernde Frist anberaumt. Dieselben sind\nfrei an uns hieher einzusenden, versehen mit einem deutschen Spruche\nund, wie üblich, von einem versiegelten Zettel begleitet, dem der-\nselbe Spruch und der Name desjenigen Künstlers aufgesetzt ist, wel-\nchen der Verfasser des Bewerbungswerkes als Preisrichter wählt,\ninnen aber den Verfasser und dessen Wohnort angegeben enthält.\nSämmtliche einkommende Bewerbungen bleiben Eigenthum ih-\nrer Verfasser. Wegen Rückgabe derselben nach der Preis-Ertheilung,\nwelche, wenn sie erfolgt ist, sogleich öffentlich bekannt gemacht\nwird, und anderer hieher bezüglicher Bestimmungen sind die Vereins-\nSatzungen zu beachten, welche wir auf postfreies Verlangen in Kreuz-\nband zusenden.\nMannheim, Februar 1860.\n\nDer Vorstand."}]}