{"numero_id": "bm-bmtnabi-1860-03-24-01", "volume": "bmtnabi_1860-03-24_01", "ocr_sha256": "d84dd31537c78fbf1a5290250668c2639bf43667cf23ecd08b96d298d3d4e627", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1860/03/24_01/bmtnabi_1860-03-24_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1860-03-24-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-03-24_01#c001", "volume": "bmtnabi_1860-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "97", "page_fin": "97", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 417, "texte": "Inhalt.\nBerliner Briefe (Lorini's italienische Oper Die Sängerinnen Artot, de Ruda, Wilhorst, Abbadia; die Sänger Carrion,\ndelle Sedie, Bremond —: das Ensemble Verdi's Rigoletto)* Von Gr. E. Die Zukunftsmusik. Aus Düsseldorf. Von 6—7. Meyer-\nbeer's „Wallfahrt nach Ploermel\". Concert im Gürzenich zum Besten des kölner Orchesters. Tages- und Unterhaltungsblatt\n(Elberfeld, Auszeichnung Breslau, Concert London Paris)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-03-24-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-03-24_01#c002", "volume": "bmtnabi_1860-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "97", "page_fin": "100", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.2.2", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. 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Schon die blosse Thatsache, dass dieselbe bis jetzt\nnahe an vierzig Vorstellungen und doch nur sechs Opern,\ndass sie den Barbier von Sevilla 15—20 Mal gegeben hat\nund dass die ßillets, namentlich zum Barbier, in der Regel\nvon den Händlern mit 50 —100 Procent Agio verkauft\nwerden, genügt, um zu beweisen, welchen Anklang und\nBeifall die Leistungen der Lorini'schen Gesellschaft gefun-\nden haben. Mancherlei Umstände sind zusammengetroffen,\num diesen Erfolg hervorzurufen. Noch niemals früher hat\ndas berliner Publicum diesen Geschmack für italiänische\nOpern und Sänger gezeigt, obgleich doch auch schon in\nden Jahren 1842 — 50 vorzügliche Sänger in den Räumen\ndes königstädtischen Theaters auftraten, die Assandri, Fo-\ndor, Castellan und Viardot-Garcia, Gardoni und Labocetta,\nder Gastrollen von Moriani, Tamburini und Anderen nicht\nzu gedenken, obgleich damals das Repertoire ein bedeu-\ntend mannigfaltigeres war und Werke wie Die heimliche\nEhe und den Don Juan, ja, selbst die Zauberflöte und den\nFreischütz, enthielt. Berlin ist grösser, reicher und mannig-\nfaltiger geworden; dadurch, dass Handel, Fabrikwesen\nund Industrie eine grössere Rolle spielen, hat es den vor-\nwiegend spiritualistischen Charakter, der sich ihm nament-\nlich in den Zeiten Hegel's aufgeprägt hatte, nicht mehr in\ngleichem Grade, wie früher; die verlockenden Sinnenreize\nitaliänischen Gesanges fanden damals einen gewissen Wi-\nderstand, heute nicht mehr. Es kommt dazu, dass sich un-\nsere deutsche Oper, wie ich Ihnen mehrmals mitgetheilt\nhabe, in einer gewissen Stagnation befindet, dass nament-\nlich die jüngeren Kräfte sich im besten Falle durch fast\nnichts als ein brauchbares, aber ungeschuites und für hö-\nhere geistige Verwendung fast ganz brach hegendes Stimm-\nmaterial hervorthun. Nun tritt plötzlich eine Gesellschaft\nvor uns hin mit den glänzendsten Talenten, die sich durch\nfeurige Darstellung und elegante Bildung auszeichnen, die\nsich gegenseitig in die Hände arbeiten. Ein Haus, dessen\nAkustik trefflich ist, unterstützt ihre Bemühungen. Was\nWunder, dass wir den Eindruck haben, als hörten wir\njetzt seit langer Zeit wieder einmal echten Gesang, und\ndass wir für die Frische und Glätte der Ausführung manche\nMängel der Sache mit in den Rauf nehmen!\nZu diesen Mängeln gehört, wie ich schon bemerkte,\ndie geringe Ausdehnung des Repertoires. Der Barbier von\nSevilla und Cenerentola, Lucia und Don Pasquale, Rigo-\nletto und der Trovatore das ist alles, was wir bis jetzt\ngehört haben, und schwerlich wird noch etwas Neues hin-\nzukommen. Auch das Personal ist zu klein. Die Gesellschaft\nhat nur einen Bariton und nur einen Tenor, und es zeugt\nfür die Unverwüstlichkeit des Signor delle Sedie und\nnamentlich des Signor Carrion, dass sie fünfzehn Mal\nmonatlich auftreten können und doch nicht müde werden.\nDass wir ferner, wenn wir den Genuss einer italiänischen\nOp er haben wollen, uns entschliessen müssen, auch Verdi\nzuzulassen, ist hart aber es lässt sich nicht ändern. Die\nAnregung, welche diese Sänger in unser musicalisches Le-\nben gebracht haben, ist zu gross, als dass man sich nicht\nüber manche Bedenklichkeiten hinwegsetztev Sie haben\nFeuer, Eleganz, ein lebendiges und in einander greifendes\nZusammenspiel und eine ausgebildete Technik, und nach\nallen Seiten hin können ihre deutschen Collegen von ihnen\nlernen.\nDennoch ist die künstlerische Bedeutung der jetzigen\nGesellschaft vielfach überschätzt worden. Nach dem höch-\nsten Maassstabe gemessen, hat sie keinen Sänger ersten\nRanges. Signora Artot ist noch lange nicht eine künstle-\nrische Grösse, wie ihre Lehrerin Pauline Viardot-Garcia;"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5558, "texte": "Signor Carrion ist weder einem Rubini, noch einem Mo-\nriani, noch auch wohl einem Mario zu vergleichen; und\nSignora de Ruda ist selbst der Artot bei Weitem nicht\nebenbürtig; die Uebrigen aber sind nach italiänischen Be-\ngriffen höchstens mittelmässige Sänger.\nSignora Artot ist erst kurze Zeit bei der Bühne und\nscheint bis jetzt ein kleines Repertoire zu haben. Ohne\nRuf kam sie hieher [doch hatte sie in Belgien und Holland\nbereits mit grossem Beifalle gesungen], als eine gefeierte\nund vielbegehrte Sängerin wird sie von dannen gehen. Im\nKlange der Stimme, in der Auffassung und in der Colo-\nratur erinnert sie entschieden an die Viardot, und wenn\nsie diese in der Genialität der Betonungen und in der Fein-\nheit des Colorits auch noch nicht erreicht, so hat sie da-\nfür den Reiz einer leichter ansprechenden, ungebrochenen\nund wohllautenden Stimme voraus. Ihre Art des Vortrags,\nso wie ihre Tonbildung hat, wie bei der Viardot, etwas\nBestimmtes, Entschiedenes, und mit der Zeit dürfte die\nWeichheit der Stimme darunter leiden; jetzt ist es noch\nnicht der Fall, und dem jugendlich biegsamen Organe er-\nwächst dadurch der Vortheil einer eindringlichen Wärme,\neiner uns hinreissenden Beredsamkeit. Die technische Bil-\ndung ist musterhaft, die Intonation goldrein, das Organ\neben so ausgiebig im Forte als leicht ansprechend im zar-\ntesten Piano, die Coloratur leicht, glänzend und schwung-\nvoll, und nur ein sehr geübtes Ohr vermag in schwierigen\nPassagen noch kleine Mängel und Ungenauigkeiten zu er-\nkennen. In der Auffassung zeigt sie sich als ein Talent er-\nsten Ranges. Man kann von ihr in der That sagen, dass\nsie uns kaum je einen Ton hören lässt, der bloss sinnlich\nschön und zugleich nichtssagend wäre; ihr Gesang ist durch\nund durch ausdrucksvoll. Und fast eben so bestimmt kann\nman das Entgegengesetzte behaupten, dass sie niemals den\nAusdruck auf die Spitze des Unschönen treibt — nur mit\nAusnahme einiger Mitteltöne, die sie hin und wieder mit\ndem Brustregister zu nehmen liebt — der einzige positive\nMissbrauch in der Behandlung ihres Organs. So hervor-\ntretend auch in ihrem Gesänge und Spiel die romanische\nKühnheit ist, so entbehrt sie doch auch der zarteren, süs-\nseren Nuancen nicht; und der Ausdruck, mit dem sie z. B.\nan einer Stelle der Rode'schen Variationen nach einem\nlängeren chromatischen Laufe den auf dem Worte core er-\nfolgenden Eintritt der getragenen Cantilene betont, wird\njedem, der es einmal gehört, unvergesslich sein. Wer wis-\nsen will, was ein dolce forte ist, der höre den Schluss des\nDuetts mit Figaro im Barbier von Sevilla von ihr, wo sich\nder Jubel des sich geliebt wissenden Mädchens ausspricht.\nUnd überhaupt konnte man nach ihrer Rosine glauben,\ndass das Gebiet der komischen Oper das ihr vorzugsweise\nzusagende sei, so viel Anmuth und heitere Laune stand\nihr zu Gebote. Als Leonore im Trovatore hat sie indess\ngezeigt, dass ihre Begabung auch nach der anderen Seite\nhin eben so bedeutend ist, nur dass sie in der Darstellung\nder Leidenschaft noch nicht genug sich zu beherrschen\nweiss, um stets das Höchste zu erreichen.\nSignora de lluda kann schon aus dem einfachen\nGrunde mit Signora Artot nicht in eine Linie gestellt wer-\nden, weil ihre Intonation bei Weitem nicht so sicher ist.\nAber auch der Stimme fehlt der gesunde, frische Klang,\nder bei der Artot so wohlthuend berührt. Wir lassen es\nunentschieden, ob es ein Mangel der Methode oder der\nNatur-Anlage ist: das Organ klingt oft angestrengt, bald\nhauchend und klanglos, bald scharf. Nichts desto weniger\nist Signora de Ruda, mit dem verglichen, woran wir in\nNorddeutschland gewohnt sind, immer eine sehr hervor-\nragende Sängerin. Die Intonation ist nicht viel schlechter,\nals wir sie täglich hören. Die Höhe klingt in Coloraturen\nsehr weich und lieblich; die Stimme ersetzt überhaupt,\nwas ihr an sinnlichem Wohlklang, an körperlicher Voll-\nkommenheit fehlt, durch einen eigentümlichen seelischen\nReiz; im Vortrage, ja, selbst im Spiel erscheint Signora\nde Ruda als eine lebendige und feinfühlige Natur. Ihre\nLucia und ihre Gilda in Rigoletto waren reich an ergrei-\nfenden Zügen, und selbst mit den Zerrbildern Verdi's weiss\nuns die Sängerin bis zu einem gewissen Grade durch die\nihr eigene zarte weibliche Auffassung zu versöhnen.\nSignora Wi I hörst kam nur zu einmaligem Auftreten.\nTrotz alles technischen Geschicks und trotz aller Gewandt-\nheit im- Spiel konnte sie nicht genügen, da ihr die Grund-\nbedingung alles Gesanges, der edle Ton, gänzlich fehlte.\nEtwas besser steht es mit Signora A bbadia, die als Azu-\ncena im Trovatore auftrat, einer jener passirten und uns\ndurch Tremolo und unreine Intonation oft sehr peinlich\nberührenden, aber doch ursprünglich reich begabten und\nan gute Traditionen erinnernden Sängerin.\nVon Signor Carrion hatte ich mir nach den wiener\nBerichten, die vor drei Jahren durch alle Zeitungen gin-\ngen, eine etwas andere Vorstellung gemacht. Seine Colo-\nratur hatte ich vollkommener, die Gewalt seiner Stimme\ngering erwartet. Mit so vieler Leichtigkeit und Anmuth er\nauch im Ganzen sich in dem colorirten Gesänge Rossini's\nzu bewegen weiss, so leicht und duftig er auch dabei, was\nfreilich bei den modernen italiänischen Tenören selten vor-\nkommen mag, seineStimme behandelt, so sind doch manche\ntechnische Unvollkommenheiten der Ausführung nicht so\nschwer zu entdecken. Dagegen werden wir immer aufs\nNeue überrascht durch die Ausdauer, die glänzende Kraft\nund den Umfang seiner Stimme. Man hat bei unseren Te-\nnören meist schon ein unbehagliches Gefühl und eine leise\nBeklemmung, wenn sie das amit Brust singen; bei Car-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5469, "texte": "rion hört man es ruhig an, wenn er das c mit Brust\nnimmt; denn wenn auch hier und da seine hohen Brust-\ntöne etwas tremoliren, nie machen sie den Eindruck, als\nob sie missglücken könnten. Er weiss seineStimme in der\nThat wunderbar zu beherrschen; sie spricht ihm in jedem\nStärkegrade, in jeder Klangfärbung mit gleicher Sicherheit\nan. Und obschon er das ganze Gebiet der eingestrichenen\nOctave nach allen Richtungen hin beherrscht und mit voll-\nkommener Virtuosität den Uebergang von der Falset- in\ndie Bruststimme ausführt, so hat sein Organ doch nicht\neinen bei dieser Ausdehnung nach der Höhe so leicht ein-\ntretenden unmännlichen Klang angenommen, es ist eben\nso sehr des heroischen als des lyrischen Ausdrucks fähig.\nWer ferner darauf geachtet hat, mit einem wie ganz an-\nderen Timbre Carrion den Almaviva singt, als z. B. den\nEdgardo, dem kann kein Zweifel darüber kommen, dass\ner zu den wenigen denkenden Sängern gehört, die nicht\nihre Stimme, wie sie nun einmal ist, auf jede vorliegende\nAufgabe gleichmässig anwenden, sondern sie als ein Ma-\nterial betrachten, das dem Geiste und den vielgestaltigen\nForderungen desselben dienstbar sein muss. Trotz der un-\nverwüstlichen Ausdauer des Organs fehlt demselben doch\nder specifisch jugendliche Reiz, der sammtweiphe, zum\nHerzen sprechende Ton; oder vielleicht hat auch Carrion\ndiesen Reiz nie besessen, da allerdings aus Manchem her-\nvorzugehen scheint, dass seine Darstellungen mehr aus ge-\nschickter Berechnung des Effectes und einer sorgfältigen\nGeschmacksbildung, als aus der sich selbst hingebenden\nWärme des Gefühls hervorgehen. Den höchsten Maassstab\nvorausgesetzt, kann man von ihm sagen, sein Gesang gleiche\neinem nachgemachten Edelsteine, aber einem so glücklich\nnachgemachten, dass selbst der Kenner leicht getäuscht\nwird. Mit Roger's Edgardo verglichen, entbehrte der sei-\nnige der inneren Poesie, war aber in technischer Beziehung\nbei Weitem vollendeter.\nSignor delle Sedie, der Bariton, hat wenig Stimme,\naber ein warmes Gefühl und eine gewinnende Eleganz.\nEr ist uns mehr durch die Feinheit seines gesammten We-\nsens, als durch die Vorzüge, die er als Sänger besitzt, lieb\ngeworden. Als ein Verdi-Sänger zu uns gekommen, hat er\nschliesslich in Rossini'scher Musik den meisten und gerech-\ntesten Erfolg gehabt. Signor Frizzi ist ein gewandter,\nlauniger Buffo, der bei jeder neuen Aufführung des Bar-\nbier neue Spässe ersinnt, und dem man manche Uebertrei-\nbungen darum verzeiht, weil es ihm nie möglich ist, roh\nzu werden. Als Sänger ragt er nicht hervor, steht aber\nseinen Mann. Signor Bremond besitzt einen markigen\nund doch recht weich klingenden Bass; seine künstlerische\nAusbildung ist unbedeutend. Ein Signor Morelli, ein\njunger Anfänger, der eine recht hübsche Stimme besitzt,\nsie aber noch wenig zu gebrauchen weiss (Tenor), trat\nnur ein Mal auf.\nDies das Personal. So bedeutend theihveise die ein-\nzelnen Kräfte sind, so erreichen sie ihre überwältigende\nWirkung doch erst durch das ausgezeichnete Zusammen-\nspiel. Von jener Gleichgültigkeit gegen die Leistungen des\nAnderen, die das Erbtheil der deutschen Opernsänger\nzu sein scheint, kennen die Mitglieder dieser Gesellschaft\nnichts; Einer hilft dem Anderen, Einer trägt den Anderen;\ndas Gelingen des Ganzen ist jedem Einzelnen Ehrensache.\nWenn nun auch zugegeben werden kann, dass der Trieb,\nsich gegenseitig anzuschmiegen, bei einer Gesellschaft le-\nbendiger sein wird, die, aus allen vier Enden der Welt\nzusammengebracht, nur auf wenige Monate zusammen ist,\nals bei einem bureaukratisch gleichmässigen Institute, wie\nes unsere Hofbühnen sind, so ist es doch, wenn bei letz-\nteren jener Trieb sich gar nicht mehr regt, ein sichtliches\nZeichen des Verfalls. In der Kunst reicht die Sicherheit\nder Routine nicht aus, da muss innere Wärme und Be-\ngeisterung sein; und wenn diese bei der Einrichtung un-\nserer grösseren Bühnen, die das ganze Jahr hindurch Abend\nfür Abend geöffnet sind und sich nur vorsichtig durch\nneue Kräfte ergänzen, allmählich erlischt, dann ist unsere\ndeutsche Gewohnheit, das ganze Jahr hindurch Theater\nzu haben, überhaupt vom Uebel; dann wäre es besser,\nman hätte nur eine Theater-Saison.\nUnter den von der italiänischen Gesellschaft aufgeführ-\nten Opern war nur der Rigoletto für uns neu. Der Text\nist bekanntlich nach Victor Hugo's gear-\nbeitet, einem allerdings höchst geschickten, aber seiner\nkünstlerischen Tendenz nach durchaus verwerflichen Drama.\nDer Verfasser des italiänischen Libretto's hat die Wider-\nwärtigkeit des Schlusses noch gesteigert, indem er den\nHerzog, während Rigoletto seine ermordete Tochter im\nSacke hat, hinter der Scene ein vielleicht zwanzig Tacte\nlanges, höchst frivoles Liedchen singen lässt — eine Ver-\nhöhnung der poetischen Gerechtigkeit, wie sie schaamloser\nkaum gedacht werden kann. Die Musik zum Rigoletto\nmag etwas origineller und anständiger sein, als zum Tro-\nvatore, obschon ich gestehe, keinen grossen Unterschied\nwahrnehmen zu können. Eine Trivialität wie der Schluss\ndes zweiten Actes (Arie des Rigoletto, Unisono mit der\nVentil-Trompete) findet sich kaum im Trovatore; denn\nManrico's berühmte Fanfare ist doch noch etwas originel-\nler. und selbst des Grafen Luna Trompeten-Solo—Sie ver-\nzeihen diese leicht zu verstehende Abkürzung — ist noch\nnicht ganz so zudringlich. Dafür enthält aber die zweite\nHälfte des ersten Actes einzelne Nummern von melodischem\nReiz, durch geschmackvolle Verzierungen gewürzt und\nnicht ohne Wärme des Ausdrucks; im zweiten Acte steigert\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2100, "texte": "sich der dramatische Ausdruck. Den Höhepunkt der Oper\nbildet nach unserer Ansicht das Quartett am Anfange des\ndritten Actes, in dem sich vier ganz verschiedene Gemüths-\nstimmungen zu einem glucklich abgerundeten Ensemble\nzusammenschliessen. In solchen dramatischen Ensemble-\nsätzen scheint uns überhaupt der eigenthümliche und der\neinzige Werth Verdi's zu bestehen. Die frühere italiänische\nOper hatte dieselben nur vereinzelt (wir erinnern z. ß. an\ndas Terzett in der Lucrezia, wo mit der lyrischen Cantilene\nGennaro's die dramatisch-charakteristischen Partieen des\nHerzogs und der Herzogin contrastiren, während z. B. das\nSeptett in der Lucia von überwiegend lyrischem Inhalte\nist), bei Verdi scheinen sie zur Hauptsache zu werden. An\nder Sache selbst kann man nichts Verwerfliches finden;\nhat doch schon Händel (in Acis und Galatea) ähnliche En-\nsemble's gesetzt; es kommt nur darauf an, ob der Aus-\ndruck wahr und ob er noch schön sei. Wenn sich nun\nauch nicht läugnen lässt, dass Verdi in moderner Effect-\nsucht die Gränzen des Schönen weit überschreitet, dass er\ndabei nicht einmal eine sonderliche Erfindungskraft be-\nweist (das Haupt-Motiv Gilua's in dem erwähnten Quar-\ntett ist fast genau dasselbe, wie das Motiv Leonorens in\neinem ähnlichen Ensemble-Satz am Schlüsse des zweiten\nActes des Trovatore), so sind doch Sätze dieser Art bei\nVerdi die einzigen,, an denen ich wenigstens irgend etwas\nBesonderes finde. Der weitere Verlauf des dritten Actes\nist entsetzlich. Es ist eine furchtbare, stürmische, gewitter-\nschwangere Nacht. Die Zuschauer sind in der Erwartung\neines Mordes, der verübt werden soll. Da hört man hinter\nder Scene von Männerstimmen in Terzen chromatisch auf-\nund absteigende Läufe. Verwundert sehen sich die Leute\nan, was das bedeuten solle. Ich vermuthete sogleich das\nRichtige, dass das Heulen des Sturmes damit musicalisch\nausgedrückt werden solle, würde es aber nicht gewagt\nhaben, irgend einen Componisten öffentlich dieser Absur-\ndität zu beschuldigen, wenn ich nicht aus guter Quelle\nhätte bestätigen hören, dass das allerdings Verdi's Absicht\ngewesen ist.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-03-24-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-03-24_01#c003", "volume": "bmtnabi_1860-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "100", "page_fin": "102", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.2.3", "titre_corps": "Die Zukunftsmusik.", "titre_sommaire": "Die Zukunftsmusik.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.4", "debut_caractere": 2102, "fin_caractere_exclue": 5329, "texte": "Die Zukunftsmusik.\n(Unter dieser Ueberschrift bringt die Zeitschrift: Un-\nsere Tage, Braunschweig,bei G. Westermann 11859,\nviertes Heftj eine durch Mannigfaltigkeit des Inhalts,\ngründliche Bearbeitung des Stoffes und interessante Dar-\nstellung sehr zu empfehlende literarische Unternehmung\ndes thätigen Verlegers—, einen sehr lesenswerthen Ar-\ntikel über die Bestrebungen der Koryphäen der neuesten\nSchule der Tonkunst und deren Werth, dem wir zu-\nnächst aus der Einleitung auszugsweise das Folgende\nentnehmen. Die Redaction.)\nEs ist als allgemein bekannt vorauszusetzen, dass un-\nter dem Namen der Zukunftsmusiker eine Partei begriffen\nist, welche, im Gegensatz zu den Vertretern eines ruhigen\nFortschrittes auf Grund der Errungenschaften früherer\nKunst-Perioden, nur in einer absoluten Reform der Kunst\neine für deren Zukunft heilbringende Wendung erblickt.\nDer Name ist daraus entstanden, dass diese Partei selbst\ndie wahre Erkenntniss und Würdigung ihrer Bestrebun-\ngen der kommenden Zeit anheimstellt, weil sie von der noch\nam Alten und Hergebrachten hangenden Gegenwart ein\ngerechtes Urtheil über ihre Wiedergeburt der Kunst aus\nneuen Ideen heraus nicht erwarten zu dürfen glaubt. Uebri-\ngens schreibt diese Bezeichnung der Zukunftsmusik sich aus\nden ersten Zeiten ihres Auftretens her und wird jetzt von\nmanchen ihrer Anhänger und Vertreter sogar gern zurück-\ngewiesen; denn nach und nach haben die ungemein ener-\ngischen Bemühungen dieser Partei, auch in der Gegenwart\nBedeutung, ja, sogar ausschliessliche Geltung auf dem Ge-\nbiete der Tonkunst zu erlangen, deutlich genug dargethan,\ndass sie keineswegs geneigt sei, einzig und allein um des\ndereinstigen Nachruhmes willen ein Leben voll Mühe, Ent-\nsagung und verkannter Bestrebungen zu führen. Das ist\nauch ganz in der Ordnung, und dem Künstler eben so we-\nnig wie jedem anderen Menschen zu verdenken, wenn er\nin der Anerkennung seiner Zeitgenossen einen Lohn für\nernste Bemühung um die Sache finden möchte; die Fort-\ndauer seiner Schöpfungen über die Lebenszeit hinaus wird\ndadurch keineswegs ausgeschlossen. Wenn das wirklich\nschöpferische Genie auch jederzeit die unmittelbare Gegen-\nwart überflügelt hat, so ist doch stets die Zeit und die in\nihr sich bewegenden Ideen, als deren Concentration im ein-\nzelnen Individuum es auftritt, das einzige haltbare Funda-\nment, worauf es sein neues Kunstgebäude aufführt, von\ndessen Zinnen man alsdann in eine weitere Zukunft blicken\nkann. Allerdings ist es wahr, dass besonders in früheren\nZeiten einzelne Künstler von ihrer Umgebung nur verein-\nzelt oder einseitig begriffen worden sind; so z. B. Bach,\ndessen unendliche Idealität von seinen Zeitgenossen viel we-\nniger erkannt worden ist, wie die endliche Seite seiner\nKunst, die eminente contrapunktiscbe Technik. Aber solche\nFälle sind vereinzelt und stets besondere Umstände dabei\nthätig gewesen, wozu auch noch kam, dass der Ruhm\neines Menschen damals noch nicht so leicht den ganzen\nErdtheil durchflog, wie heute. In unserer Gegenwart ist\ndas alles anders geworden. Vor Allem hat unser Gesichts-\nkreis in der Kunst in dem Maasse sich erweitert, dass be-\nsonders seit der letzten durch Beethoven abgeschlossenen\nPeriode nicht leicht mehr eine Künstler-Erscheinung uns"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5507, "texte": "dermaassen frappiren könnte, dass jede Lösung ihres Ge-\nheimnisses unmöglich erschiene und wir uns ihr gegenüber\neines jeden Urtheils begeben sollten. Desshalb erscheint es\nnicht stichhaltig, wenn einzelne Künstler sich darauf beru-\nfen, dass Bach, Beethoven und Anderen die unmittelbare\nAnerkennung ihrer Zeitgenossen nicht sogleich zu Theil\ngeworden; Beethoven wenigstens ist von den Besseren und\nBesten seiner Zeit allgemein erkannt und gewürdigt wor-\nden, schon desshalb, weil sein unberechenbarer Fortschritt\neine ganz naturgemässe Fortentwicklung des bereits Vor-\nhandenen und allgemein als wahr Anerkannten war, und\ndie Ausgangspunkte seines Genius in seiner Zeit und den\nWerken der mitlebenden und vorangegangenen Meister\ndeutlich zu erkennen waren. Es ist eben so wenig Beetho-\nven wie irgend einer anderen grossen schöpferischen Kraft\neingefallen, die Errungenschaften früherer Perioden negi-\nren oder sie für Irrthümer erklären zu wollen, und da-\ndurch sich selbst den Boden unter den eigenen Füssen weg-\nzunehmen. Da ein jeder Künstler, bewusst oder unbewusst,\nuns die Empfindungen und Ideen seiner eigenen Zeit ge-\nstaltet, auch wenn er sich in die ältesten Anschauungen\nzurück zu versetzen suchte und zu den ältesten Formen\nzurückgriffe, so ist es undenkbar, dass ein einzelner Künst-\nler oder gar eine ganze Schule durchaus nur an die Zu-\nkunft um gerechte Würdigung ihrer Thätigkeit appelliren\ndürfte.—Bloss Unklarheit und unmässige Selbstüber-\nschätzung können einen solchen Irrthum veranlassen.\nEben so hochmüthig oder einseitig wäre es aber, wenn\nman so zu sagen im freien Besitze und Genüsse der über-\nkommenen Schätze früherer Kunst-Perioden, völlig nicht-\nachtend über angestrebte Neuerungen hinweg zu blicken\nsuchte; man würde sich dadurch der Meinung, die Kunst\nsei überhaupt abgeschlossen und nicht weiter entwicklungs-\nfähig, doch in bedenklicher Weise nähern.\nEs liegt in der Zeit, dass unsere Tonkunst ganz von\nselbst in zwei Richtungen aus einander geht, welche die\näussersten Extreme eben so wenig ausschliessen, wie unser\nheutiges Leben selbst. Auf der einen Seite die Neuerung\num jeden Preis, auf der gegenüberstehenden aber be-\nschränkte Abhängigkeit von der traditionellen Form.\nDer Zukunftsmusik eine jede Berechtigung der Exi-\nstenz absprechen zu wollen, hiesse demnach nicht weniger,\nwie die Zeit selbst und ihren Inhalt verkennen. Alles, was\nda ist, ist nicht ohne Grund, und keine Erscheinung von\nnicht bloss subjectiver Bedeutung steht so isolirt da, dass\nsie nicht aus ihrer Umgebung zu erklären wäre. Wir ha-\nben also nur zu untersuchen, in welcher Art und durch\nwelche geistige Bande die Zukunftsmusik mit unserer Zeit\nverknüpft ist; ausserdem die Fortschritte kennen zu lernen,\nwelche sie über die bisherige Entwlcklungs-Gränze der\nKunst hinaus gethan haben will, und daraus das Resultat\nabzunehmen, ob die unmaassgebliche Bedeutung, welche\nsie selbst sich zuschreibt, zu rechfertigen ist.\nDer Hauptgrundzug der Zukunftspartei ist, dass sie\num jeden Preis mit dem Bestehenden zu brechen sucht,\nohne Neues von so durchgreifender Bedeutung zu vermö-\ngen, dass man dadurch für das Zerstörte entschädigt würde\noder gar durch die angeblich gethanen Fortschritte zum\nerwünschten Aufgeben alles Vorangegangenen veranlasst\nwerden könnte. Man würde anders darüber urtheilen kön-\nnen, wenn die Partei selbst ihre Producte nicht als abge-\nschlossene Meisterwerke hinstellte, und sich selbst nicht als\neine bestimmte, auf unbedingte Wahrheit gegründete,\nkünstlerische Absichten vollkommen erfüllende Richtung\nangesehen wissen wollte. Spräche sie vor allen Dingen nur\nvon Versuchen, so würde man mit Interesse und Spannung\nihrer Thätigkeit zu folgen bereit sein, und gern annehmen,\ndass aus diesem Chaos sich noch dereinst eine neue, schö-\nnere Welt herausbilden könnte. Aber wir sollen diese neue\nWelt in aller bisher ungeahnten Pracht und Herrlichkeit\nbereits in den Werken ihrer Meister Wagner, Berlioz und\nLiszt vollendet vor uns sehen und nun ohne Weiteres die\nalte, in Trümmer zerfallende, verlassen und zu ihnen über-\nsiedeln. Und dazu fühlen wir uns eben so wenig veran-\nlasst, als wenn wir aus einem majestätischen Hochwalde\nvoll Kraft und Fülle der Natur, reich an Lichterspiel und\nFarbenpracht, auf eine Haide voll Disteln, Gestrüpp und\ngespensterhaft hinhuschender Wolkenschatten hinaustreten\nsollten, um zu sagen, hier wäre die wahre poetische Na-\nturpracht und dort nur verkümmertes Formenwesen. Die\nZeit ringt nach neuen Anschauungen, lind die Kunst, und\nspeciel die Zukunftsmusik, nach entsprechendem Ausdruck\ndafür; sie scheint ihn vor allen Dingen finden zu wollen\nin der Entfesselung von jeder Form und jedem Gesetze,\nwenn auch dieses Gesetz immerhin Grundbedingung der\nKunst ist. Eben so, wie das Individuum völlig frei von je-\nder sittlichen, religiösen und bürgerlichen Schranke sein\nsoll, so soll auch die Subjectivität in der Kunst einzig und\nallein das Maassgebende sein! Aber eine höhere Freiheit\nkann aus der Emancipation der Leidenschaften wohin\nwir denn doch zuletzt gelangen, wenn wir das Leben und\ndie Kunst von allen allgemeinen Sitten- und Naturgesetzen\nablösen - unmöglich hervorgehen, sondern nur aus der\nfreiwilligen Unterwerfung unter eine höhere Ordnung.\nWas sich dieser höheren Ordnung entzieht, wird nur zeit-\nweilige Geltung haben; es zerfällt in sich selbst, so wie es\nvon etwas Neuem überboten werden kann; für den Augen-\nblick interessirt es oder stösst ab, je nachdem, und wird\nbald über etwas Anderem vergessen. Was aber aus jener"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1597, "texte": "wahren Freiheit geboren ist, trotzt jeder Zeit und kann\nwenigstens in seinen Folgen niemals untergehen.\nDas Letztere glauben wir von der Zukunftsmusik\ndurchaus nicht annehmen zu können, eben weil sie die\nWillkür zur Bedingung des Kunstschaffens macht, um die\naugenblicklichen Interessen einer in Gährung begriffenen\nZeit sich bewegt, und das zu ihrem Inhalt erhebt, was der\nauf das Höhere gerichtete Mensch zu unterdrücken und zu\nbekämpfen sucht, und auch der nur mit äusserer Bildung\nBegabte wenigstens im Umgange mit Anderen ausschliesst\n—die zügellos entfesselte Leidenschaft. Dieser durch keine\nhöhere Idealität veredelten Leidenschaft steht der kalte,\nberechnende, beständig auf neue Effecte und Pointen sin-\nnende Verstand um so schroffer gegenüber; oft ist er auch\nAlleinherrscher, und die Phantasie muss den von der Be-\nllexion ihr vorgezeichneten Weg nehmen. Uns wird gesagt,\nwas wir bei dem Kunstwerke denken und empfinden sol-\nlen, und der ganze Genuss, den wir davon haben, reducirt\nsich natürlich auf eine zwischen dem erklärenden Pro-\ngramm und der Musik rein vergleichende Verstandes-Thä-\ntigkeit. Das musicalische Kunstwerk verliert auf die\nWeise erst rechtseine Freiheit; indem es seine natürlichen\nSchranken zu durchbrechen und die hemmende Form ab-\nzuschütteln glaubt, verfällt es der subjectiven Willkür, die\nnun, um nicht ganz unverstanden zu bleiben, das erklä-\nrende Wort zu Hülfe nimmt. Wir werden durch die Pro-\ngramm-Musik unwillkürlich an die alten byzantinischen Bil-\nder erinnert, auf denen Zettel mit Sprüchen aus dein Munde\nder Personen hervorgehen.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-03-24-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-03-24_01#c004", "volume": "bmtnabi_1860-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "102", "page_fin": "102", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.2.4", "titre_corps": "Aus Düsseldorf.", "titre_sommaire": "Aus Düsseldorf.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.6", "debut_caractere": 1599, "fin_caractere_exclue": 4513, "texte": "Aus Düsseldorf.\nDen 16. März 18G0.\nMit der vorgestrigen Soiree für Kammermusik zum Besten der\nArmen beschlossen Herr und Frau Langhans und Herr Forberg\nihren diesjährigen Cyklus und verpflichteten die Freunde dieser Gat-\ntung aufs Neue durch die von ihnen getroffene Auswahl und die\nmeist gelungene Vorführung der Musikstücke. Besonders fesselte uns\neine Serenade für Pianoforte, Violine und Violoncell von F. Hiller,\nwelche mit ihrem leicht graziösen und gleichwohl durchweg edlen\nMelodieenflusse den Abend angemessen beschloss.\nGestern gaben die Herren Leopold und Gerhard Brassin\neine recht besuchte Soiree im Cürten'schen Saale. Sie spielten die\nSonate Op. 21 von Gade, eine Sonate von J. S. Bach und die\nSonate Op» 24 in F von Beethoven mit einander; einzeln trug\nLeopold Brassin, der Pianist, eine „Blüette* (Op. 2, verlegt\nbei Bayrhofer hierselbst) von seiner Composition und das Stac-\ncato perpetuel von August Dupont vor; Gerhard, der Violi-\nnist, Variationen von seiner Composition auf God save the Queen.\nBeide jugendliche Künstler haben ein bedeutendes Talent für tech-\nnische Ausführung, aber beide leiden auch noch an den Nachwehen\nder Wunderkinder-Erziehung. Sie legen bis jetzt noch zu hohen, ja,\nfast ausschliesslichen Werth auf die Execution, auf die virtuose Fer-\ntigkeit. Diese allein macht aber den Künstler nicht. Sie haben übri-\ngens in dem Vortrage der Sonaten von Bach und namentlich von\nBeethoven bewiesen, dass die classische Musik ihnen kein unver-\nstandenes Räthsel ist, und dass sie gewiss im Vortrage derselben\nallen künstlerischen Bedingungen genügen werden, wenn sie sich\nentschliessen, ihre Studien eine Zeitlaug auf Musik von Mozart und\nBeethoven, von Rode, Viotti und Spohr zu concentriren und dabei\nmehr auf Anschlag und Ton, als Hauptmittel für den Ausdruck des\nMusicalisch-Schönen, als auf technische Fertigkeit zu sehen, die sie\nbereits in hohem Grade besitzen. Es wäre schade, wenn so schöne\nTalente sich in irrthümliche Ansicht über das Wesen der Kunst\nverlören.\nIn derselben Soiree sang Fräul. Philippine Papie aus Lu-\nxemburg, die in Köln ihre Gesangstudien fortsetzt, die Arie aus\nder Oper Semele von Händel, die B-dur-Arie 9Parlo* aus Mo-\nz art's Titus und zwei Lieder von F. Schubert und F. Hill er.\nSie verbindet mit einer starken und vollklingenden Altstimme im\nUmfange von zwei Octavcn eine reine Intonation und in Bezug\nauf Tonbildung einen schönen Ansatz, zwei vorzügliche Eigenschaf-\nten für eine Sängerin. Da es ihrem Vortrage auch keineswegs an\nEmpfindung und Ausdruck fehlt, was sich besonders in den Lie-\ndern namentlich dem „Bring' mich zur Ruh'\" von Hill er\nund in dem Adagio der Moz&rt'schen Arie zeigte, so wird sie bei\nfernerer Abglättung des Tones, völligem Verschmelzen der Stimm-\nregister und vollkommen abgerundeter Coloratur eine bedeutende\nZukunft haben.\nUeber unsere letzten Abonnc ments-Concerte werde ich nach\nSchluss derselben berichten. 6-7."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-03-24-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-03-24_01#c005", "volume": "bmtnabi_1860-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "102", "page_fin": "103", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.2.5", "titre_corps": "Meyerbeer’s Wallfahrt nach Ploërmel.", "titre_sommaire": "Meyerbeer’s Wallfahrt nach Ploërmel.", "signature_source": "L. 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Sähen wir uns in der Lage, ausschliesslich nach der Be-\nschaffenheit desselben den Gesammtzustand unserer gegenwärtigen\nMusik zu beurtheilen, so würden wir sagen, wir seien mit unserem\nmusicalischen Geschmacke in der nämlichen Phase angekommen, wo\ndie alten Römer sich mit dem Geschmacke ihres Gaumens befanden,\nals sie sich an Ragouts von Nachtigallenzungen und Pfauenbraten\nergötzten. Wie bei diesen Gerichten die Zubereitung unzweifelhaft\ndas Beste war, so zieht auch die Meyerbeer'sche Musik zur „„Wall-\nfahrt® \" ihre ganze Kraft einzig und allein aus der Kunst der In-\nstrumentation. Die Wahl des Textes scheint auf den ersten Blick .\nein sicheres Vertrauen des Componisten auf seine Productionskraft\nvoraussetzen zu lassen; man begreift schwer, wie derselbe es hat\nunternehmen können, eine Geschichte zu behandeln, die an Lang-\nweiligkeit und Albernheit wohl ohne Gleichen ist, und bei der von\ndem Ausdruck von Stimmungen, der doch die eigentliche Aufgabe\nder Musik ist, streng genommen nur in ganz einzelnen Stellen die\nRede sein kann. Von den drei Hauptpersonen der Oper ist die eine\n(Dinorah) ganz, die andere (Corentin) halb verrückt, die dritte (Hoel)\ngeberdet sich wie unsinnig. Die Piecen, die wirklich innere Berech-\ntigung haben, componirt zu werden, sind fast nur Nebenpersonen in\nden Mund gelegt. Aber bei näherem Zusehen erkennt man doch,\ndass es gerade das Gefühl der eigenen Schwäche war, was Meyer-\nbeer zu der Behandlung dieses Textes bewog. Eben das ganz Ab-\nsonderliche in den Verhältnissen und dem Charakter der dargestell-\nten Personen liess der Willkür des musicalischen Ausdrucks das"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3719, "texte": "weiteste Feld ; es fehlt ja bei den meisten Theilen der reinmensch-\nliche Maassstab zur Controle, jeder irgendwie gesuchte Effect konnte\nberechtigt erscheinen; mit Einem Worte; die musicalische Specu-\nlation hatte kein anderes Gesetz, als sich selber, und im Reiche die-\nser ist Meyerbeer bekanntlich Meister. Wenn er also einmal in sei-\nnem sechsundsechszigsten Jahre durchaus noch eine lange Oper\ncomponiren wollte, so musste er einen Text wählen, der wie dieser\nnirgend die Sprache wahrer Leidenschaft enthielt und in Betreff der\nmusicalischen Darstellung möglichst unbestimmte Forderungen machte.\nAber er hätte eben ein derartiges Werk überhaupt nicht unterneh-\nmen sollen. Seine Kräfte reichen für eine solche Aufgabe nicht mehr\naus. Sonst wurde seine ausserordentliche Geschicklichkeit, den Effect\nzu berechnen, von einer wahrhaft bedeutenden Erfindungsgabe unter-\nstützt; in seinem neuesten Werke suchten wir aber vergeblich nach\nirgendwie beachtenswerthen Gedanken. Allerdings fehlt es der Oper\nnicht an flüssigen Melodieen, aber keine einzige ist von tieferem Ge-\nhalt oder auch nur schwungvoll; fast durchweg bewegen sie sich\nim Tanz-Rhythmus und gewinnen selbst das Gepräge des Gefälligen\nnur durch die Kunst der instrumentalen Behandlung. Dabei wim-\nmelt es von Reminiscenzen aus Meyerbeer's eigenen Opern und aus\nanderen Werken. Die Instrumentation ist allerdings bewunderns-\nwerth; der Componist besitzt eine wahre Meisterschaft, jedes Instru-\nment seinem specifischen Charakter gemäss auf das wirkungsvollste\nzu verwenden, und dabei macht sich überall eine den Sinnen schmei-\nchelnde, gewinnende Abrundung der Form geltend. Aber ist das ein\nVorzug, der irgendwie die angegebenen Mängel ersetzen kann?\nDie Oper hat hier denn auch völlig Fiasco gemacht, obgleich die\nAufführung in den meisten Theilen eine sehr gelungene und in Be-\ntreff der Ausstattung Vieles geschehen war, um das Publicum bei\nguter Laune zu erhalten\" u. s. w.\n(W. Recens.)\nNachschrift. In diesem Artikel, wie in vielen anderen, wird\nohne Weiteres behauptet, dass sämmtliche „Berichte aus dem Aus-\nlande\", nämlich aus Paris, ganz andere Erwartungen von Meyer-\nbeer's Oper in Deutschland erregt hätten. Ja, von einer Seite ist\nuns sogar eine Anfrage geworden, ob wir eine strenge Kritik der\nOper aufnehmen würden!! Warum bekümmern sich denn die Herren\nKritiker nicht um das, was in ihrem Fache geschieht? Die Nie-\nderrheinische Musik-Zeitung hat gleich nach den ersten\nAufführungen der Oper eine ausführliche und gründliche, mit einer\nMenge von Noten-Beispielen belegte Kritik derselben, welche sich\ndurch drei Nummern zieht (1859, Nr, 19, 20, 21, vom 7. 21.\nMai), aus der Feder ihres geistvollen pariser Correspondenten also\ndoch aus dem Auslande! gebracht, welche in der Einleitung das\njournalistische Treiben in Paris und die Verzweigung desselben\ndurch dortige deutsche Literaten bis in die gelesensten Zeitungen\nDeutschlands hinein gehörig charakterisirt und am Ende (in Nr. 21)\nfolgender Maassen schliesst: „Die erbärmlichen Zustände der hiesi-\ngen Kritik, welche die Pest ihrer Fäulniss noch niemals so auffal-\nlend als dieses Mal auch nach Deutschland verbreitet hat, haben\nmich hauptsächlich zu einer so ausführlichen Besprechung bewogen.\nZur Sache selbst halte ich die Oper nicht für so lebensfähig, dass\nsie einen Welterfolg haben werde, wie ihre Lobredner verkünden.\nDas Buch ist zu schlecht, und die Musik hat im Ganzen doch zu\nwenig Gehalt, um auf die Dauer zu fesseln. Die Reise um die Welt\nwird wohl an der deutschen Gränze stehen bleiben4 u. s. w.\nSolche Erfahrungen geben allerdings dem alten Freunde Recht, der\nden Redacteur dieser Blätter gewöhnlich mit dem Titel: „Unermüd-\nlieber Dan aide n-C h e f!\" anredet.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-03-24-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-03-24_01#c006", "volume": "bmtnabi_1860-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "103", "page_fin": "104", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.2.6", "titre_corps": "Concert im Gürzenich zum Besten des kölner Orchesters.", "titre_sommaire": "Concert im Gürzenich zum Besten des kölner Orchesters.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.7", "debut_caractere": 3721, "fin_caractere_exclue": 6986, "texte": "Concert im Gürzenich zum Besten des kölner\nOrchesters.\nDinstag, 13. März 1860.\nProgramm: I. 1. Ouvertüre zum Trauerspiel „Phädra\" von\nFerd. Hill er. 2. Arie aus der Oper „Johann von Paris® von\nBoieldieu, gesungen von Herrn Julius Stockhausen. 3. Con-\ncert für Pianoforte und Orchester in C-moll von W. A. Mozart,\nvorgetragen von Herrn Capellmeister F. Hill er. 4. „Der Wanderer\"\nvon F. Schubert (für Orchester instrumentirt von F. Hiller) Jul.\nStockhausen. 5. Credo, Jncarnatus, Crucißxus und Resurrexit aus\nder li-moll-Messe von J. S. Bach.\n11. 6, »Geheimes* und „Die Taubenpost*, Lieder von F. Schu-\nbert. J. Stockhausen. 7. Sinfonia eroica von Beethoven.\nDen Glanzpunkt des Concertes bildeten natürlich die Gesang-\nVorträge Stockhausen's. Trotzdem, dass unser Publicum sehr viel\nSinn für ernste Musik grossartigen Charakters hat und Werke wie\ndie Satze aus der Messe von Bach und Beethoven's Eroica sehr\naufmerksam und mit grosser Befriedigung anhört, so übt doch eine\nso exceptionelle künstlerische Individualität wie Stockhausen eine\nallgemein fühlbare Macht nicht nur auf die Menge, sondern auch\nauf die Kenner und musicalisch Gebildeten aus un(i concentrirt das\nHaupt-Interesse vorzugsweise auf sich. Und sollte nicht eben diese\ngleiche Wirkung auf die zwei sonst so verschiedenen Elemente der\nZuhörerschaft, auf die bloss empfängliche Menge und auf die kunst-\nverständige Minderzahl, die höchste Instanz der Kritik bilden?\nStockhausen's Gesang erhebt die bloss Empfindenden, angenehmen\nund erhebenden Genuss Suchenden zu der Ahnung der Höhe der\nAufgabe der Kunst empor und reisst die Wissenden und mit der\nKunst Vertrauten über alle Splitterrichterei hinweg und gewährt\nihnen eine um so höhere, weil tiefer begründete, Freude. Es ist\ndaher ganz natürlich, dass die wirklich künstlerische, nicht die\nbloss künstliche, Virtuosität stets vorzugsweise grossen Eindruck\nauf das gesammte Publicum machen wird Ist nun vollends das In-\nstrument, in dessen Behandlung ein Künstler die Meisterschaft er-\nreicht hat, das schönste und eindringlichste von der Welt, die\nmenschliche Stimme, so ist die Wirkung vollends unwiderstehlich.\nDieses Instrument hat Stockhausen so ausdauernd und gründlich\nstudirt und versteht es so zu behandeln, dass es einen wunderbaren\nZauber gerade dadurch ausübt, dass die vollendete Kunst den na-\ntürlichen Klang desselben zum Tone vergeistigt und verklärt, und\ndass dann der Sänger diesen Ton dermaassen in seiner Gewalt hat,\ndass er jeder Farbe und jeder Schattirung gerecht wird, welche die\nSeele verlangt, um ihr inneres Leben durch ihn zu offenbaren. Stück-\nhausers Triumphe sind nicht bloss persönliche, nein, es sind Tri-\numphe der Kunst, es sind Siege, welche die Schule über den Natu-\nralismus feiert, und welche den schlagenden Beweis liefern, dass\ndas Höchste im Gesänge nur durch die Verbindung des vollendet\nFormellen mit dem natürlichen Material erreicht wird. Weder ein\nKunstwerk noch eine künstlerische Leistung kann ohne Unterord-\nnung unter die Gesetze der Form bestehen, die mit den Gesetzen\nder Schönheit zusammenfallen; es ist aber ein Jammer, dass man\ndas für die Tonkunst heutzutage noch immer wieder sagen muss,\nweil eine kleine, aber dreiste Schar von Bilderstürmern gegen das\nwirkliche Kunstschöne zu Felde zieht."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1056, "texte": "Weil wir denn einmal bei der formellen Vollendung stehen, die\nübrigens niemals ohne hervorragende Natur-Anlage erreicht werden\nkann, so wollen wir dankbar den edlen Genuss erwähnen, den uns\nHill er' s Clavierspiel durch den Vortrag des Concertes von Mozart\nverschafft hat. Das Publicum empfing ihn, als er sich an den Flügel\nsetzte, mit einer wahren Ovation und begleitete sein classisches\nSpiel, dem ein wunderbarer Anschlag zu Gebote steht, worin ihm\nKeiner gleichkommt, bei jedem Satze mit rauschendem Beifalle.\nDie Sätze aus dem Credo von Bach wurden im Ganzen gut ge-\nsungen, doch kam die Ausführung dem Eindrucke, der noch vom\nMusikfeste her im Andenken war, nicht gleich.\nDer Sinfonia Eroica wurde eine recht gute, ja, in vielen Stücken\nvortreffliche Ausführung zu Theil, die uns das herrliche Werk wie-\nder einmal in seiner ganzen Pracht vorführte und den himmelweiten\nUnterschied offenbarte, der zwischen einem genialen Kunstwerke,\ndas eine Idee verherrlicht, und den mühsamen Producten der Re-\nflexion, die nach einem Programm arbeitet, obwaltet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-03-24-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-03-24_01#c007", "volume": "bmtnabi_1860-03-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "104", "page_fin": "104", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.2.7", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.8", "debut_caractere": 1058, "fin_caractere_exclue": 3835, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHerr J. A. van Eyken, als einer der tüchtig-\nsten Organisten unserer Zeit und als Componist rühmlichst bekannt,\nhat von Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Gr os-s her z o gin\nvon Weimar für die Widmung seiner Musik für Chor nnd Or-\nchester zum Trauerspiel Lueifer von Vondel, welche Hoch-\ndieselbe anzunehmen geruht hatte, eine höchst werthvolle, mit Dia-\nmanten besetzte Busennadel nebst huldvollem Begleitschreiben erhalten.\nDas Oratorium „Das neue Paradies* von Capellmeister Ernst\nReiter zu Basel ist im Clavier-Auszuge bei Hofmeister in Leipzig\nerschienen. Eine grosse Sonate für Pianoforte und Violine von E.\nReiter ist bei F. Glöggl in Wien unter der Presse.\n£Sl*esiati« In einem Concerte, welches die Herren David und\nRein ecke unter Mitwirkung des breslauer Sängerbundes gaben,\nführten die beiden Virtuosen ein Rondo brillant für Pianoforte und\nVioline von Schubert und die Kreutzer'sche Sonate von Beethoven\nauf; Herr David spielte die Chaconne von Seb. Bach für Violine\nallein und ein Andante und Scherzo Capriccios) eigener Composition,\nund Herr Reinecke führte Variationen über ein Thema von J Seb.\nBach von eigener Composition auf dem Ciavier aus. Der breslauer\nSängerbund legte durch den Vortrag einiger Chöre von Gade, Löwe,\nSchumann und Mendelssohn schöne Proben seiner künstlerischen\nEntwicklung ab\nILOE&CIOB*« Die Ausführung der grossen Messe in G, welche\nGounod zur Feier des Cäcilien-Tages componirt hat und die von\nder pariser Presse sehr gerühmt worden ist, so wie der Choral-Sin-\nfonie (9.) von Beethoven lockte ein zahlreiches musikfreundliches\nPublicum in St. Martin's Hall. Die Messe, von welcher man bereits\neinzelne Stücke kannte, wurde mit grosser Sorgfalt ausgeführt, mit\ngrosser Aufmerksamkeit angehört, liess jedoch kalt. The Musical\nWorld sagt, dass die Messe keine Eigenschaften besitze, die sie je\npopulär machen könnten; dass er nichts Neues in seinem Streben\nnach Neuem findet, und dass das Crescendo im Sanctus eine grosse\nAehnlichkeit mit den lärmenden Effecten in Verdi's „Ernani\", „Tro-\nvatore ', „Nabucco\" habe. Beethoven's Sinfonie, obwohl minder vor-\nzüglich als bei früheren Gelegenheiten ausgeführt, erregte mehr Be-\ngeisterung, als je.\nPfiris« Man versichert, dass Richard Wagner's Tann-\nhäuser im nächsten Winter hier aufgeführt werden wird, und dass\nman sich schon jetzt mit den Vorstudien beschäftigt, welche die\nInscenesetzung verlangt.\nAm 18. März wurden in dem Conservatoire-Concerte J Haydn's\n„Jahreszeiten\" aufgeführt; Roger, der Uebersetzer des Textes,\nsang die Tenor-Partie.\nAlfred Jaell ist von der hiesigen Kritik einstimmig auf den\nThron der Pianisten gehoben worden Gegenwärtig bereis't er Hol-\nland und macht in Rotterdam, Haag, Amsterdam grosses\nAufsehen und überfüllte Concertsäle."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBerliner Briefe (Lorini's italienische Oper Die Sängerinnen Artot, de Ruda, Wilhorst, Abbadia; die Sänger Carrion,\ndelle Sedie, Bremond —: das Ensemble Verdi's Rigoletto)* Von Gr. E. Die Zukunftsmusik. Aus Düsseldorf. Von 6—7. Meyer-\nbeer's „Wallfahrt nach Ploermel\". Concert im Gürzenich zum Besten des kölner Orchesters. Tages- und Unterhaltungsblatt\n(Elberfeld, Auszeichnung Breslau, Concert London Paris).\n\nBerliner Briefe.\n\n[Lorini's italiänische Oper — die Sängerinnen Artot, de\nRuda, Wilhorst, Abbadia; die Sänger Carrion, delle Se-\ndie, Bremond — das Ensemble — Verdi's Rigoletto ]\nDen 16. März 1860.\nDen Glanzpunkt der diesjährigen musicalischen Saison\nbildet die italiänische Oper unter Direction des Signor Lo-\nrini. Schon die blosse Thatsache, dass dieselbe bis jetzt\nnahe an vierzig Vorstellungen und doch nur sechs Opern,\ndass sie den Barbier von Sevilla 15—20 Mal gegeben hat\nund dass die ßillets, namentlich zum Barbier, in der Regel\nvon den Händlern mit 50 —100 Procent Agio verkauft\nwerden, genügt, um zu beweisen, welchen Anklang und\nBeifall die Leistungen der Lorini'schen Gesellschaft gefun-\nden haben. Mancherlei Umstände sind zusammengetroffen,\num diesen Erfolg hervorzurufen. Noch niemals früher hat\ndas berliner Publicum diesen Geschmack für italiänische\nOpern und Sänger gezeigt, obgleich doch auch schon in\nden Jahren 1842 — 50 vorzügliche Sänger in den Räumen\ndes königstädtischen Theaters auftraten, die Assandri, Fo-\ndor, Castellan und Viardot-Garcia, Gardoni und Labocetta,\nder Gastrollen von Moriani, Tamburini und Anderen nicht\nzu gedenken, obgleich damals das Repertoire ein bedeu-\ntend mannigfaltigeres war und Werke wie Die heimliche\nEhe und den Don Juan, ja, selbst die Zauberflöte und den\nFreischütz, enthielt. Berlin ist grösser, reicher und mannig-\nfaltiger geworden; dadurch, dass Handel, Fabrikwesen\nund Industrie eine grössere Rolle spielen, hat es den vor-\nwiegend spiritualistischen Charakter, der sich ihm nament-\nlich in den Zeiten Hegel's aufgeprägt hatte, nicht mehr in\ngleichem Grade, wie früher; die verlockenden Sinnenreize\nitaliänischen Gesanges fanden damals einen gewissen Wi-\nderstand, heute nicht mehr. Es kommt dazu, dass sich un-\nsere deutsche Oper, wie ich Ihnen mehrmals mitgetheilt\nhabe, in einer gewissen Stagnation befindet, dass nament-\nlich die jüngeren Kräfte sich im besten Falle durch fast\nnichts als ein brauchbares, aber ungeschuites und für hö-\nhere geistige Verwendung fast ganz brach hegendes Stimm-\nmaterial hervorthun. Nun tritt plötzlich eine Gesellschaft\nvor uns hin mit den glänzendsten Talenten, die sich durch\nfeurige Darstellung und elegante Bildung auszeichnen, die\nsich gegenseitig in die Hände arbeiten. Ein Haus, dessen\nAkustik trefflich ist, unterstützt ihre Bemühungen. Was\nWunder, dass wir den Eindruck haben, als hörten wir\njetzt seit langer Zeit wieder einmal echten Gesang, und\ndass wir für die Frische und Glätte der Ausführung manche\nMängel der Sache mit in den Rauf nehmen!\nZu diesen Mängeln gehört, wie ich schon bemerkte,\ndie geringe Ausdehnung des Repertoires. Der Barbier von\nSevilla und Cenerentola, Lucia und Don Pasquale, Rigo-\nletto und der Trovatore das ist alles, was wir bis jetzt\ngehört haben, und schwerlich wird noch etwas Neues hin-\nzukommen. Auch das Personal ist zu klein. Die Gesellschaft\nhat nur einen Bariton und nur einen Tenor, und es zeugt\nfür die Unverwüstlichkeit des Signor delle Sedie und\nnamentlich des Signor Carrion, dass sie fünfzehn Mal\nmonatlich auftreten können und doch nicht müde werden.\nDass wir ferner, wenn wir den Genuss einer italiänischen\nOp er haben wollen, uns entschliessen müssen, auch Verdi\nzuzulassen, ist hart aber es lässt sich nicht ändern. Die\nAnregung, welche diese Sänger in unser musicalisches Le-\nben gebracht haben, ist zu gross, als dass man sich nicht\nüber manche Bedenklichkeiten hinwegsetztev Sie haben\nFeuer, Eleganz, ein lebendiges und in einander greifendes\nZusammenspiel und eine ausgebildete Technik, und nach\nallen Seiten hin können ihre deutschen Collegen von ihnen\nlernen.\nDennoch ist die künstlerische Bedeutung der jetzigen\nGesellschaft vielfach überschätzt worden. Nach dem höch-\nsten Maassstabe gemessen, hat sie keinen Sänger ersten\nRanges. Signora Artot ist noch lange nicht eine künstle-\nrische Grösse, wie ihre Lehrerin Pauline Viardot-Garcia;"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.2", "texte": "Signor Carrion ist weder einem Rubini, noch einem Mo-\nriani, noch auch wohl einem Mario zu vergleichen; und\nSignora de Ruda ist selbst der Artot bei Weitem nicht\nebenbürtig; die Uebrigen aber sind nach italiänischen Be-\ngriffen höchstens mittelmässige Sänger.\nSignora Artot ist erst kurze Zeit bei der Bühne und\nscheint bis jetzt ein kleines Repertoire zu haben. Ohne\nRuf kam sie hieher [doch hatte sie in Belgien und Holland\nbereits mit grossem Beifalle gesungen], als eine gefeierte\nund vielbegehrte Sängerin wird sie von dannen gehen. Im\nKlange der Stimme, in der Auffassung und in der Colo-\nratur erinnert sie entschieden an die Viardot, und wenn\nsie diese in der Genialität der Betonungen und in der Fein-\nheit des Colorits auch noch nicht erreicht, so hat sie da-\nfür den Reiz einer leichter ansprechenden, ungebrochenen\nund wohllautenden Stimme voraus. Ihre Art des Vortrags,\nso wie ihre Tonbildung hat, wie bei der Viardot, etwas\nBestimmtes, Entschiedenes, und mit der Zeit dürfte die\nWeichheit der Stimme darunter leiden; jetzt ist es noch\nnicht der Fall, und dem jugendlich biegsamen Organe er-\nwächst dadurch der Vortheil einer eindringlichen Wärme,\neiner uns hinreissenden Beredsamkeit. Die technische Bil-\ndung ist musterhaft, die Intonation goldrein, das Organ\neben so ausgiebig im Forte als leicht ansprechend im zar-\ntesten Piano, die Coloratur leicht, glänzend und schwung-\nvoll, und nur ein sehr geübtes Ohr vermag in schwierigen\nPassagen noch kleine Mängel und Ungenauigkeiten zu er-\nkennen. In der Auffassung zeigt sie sich als ein Talent er-\nsten Ranges. Man kann von ihr in der That sagen, dass\nsie uns kaum je einen Ton hören lässt, der bloss sinnlich\nschön und zugleich nichtssagend wäre; ihr Gesang ist durch\nund durch ausdrucksvoll. Und fast eben so bestimmt kann\nman das Entgegengesetzte behaupten, dass sie niemals den\nAusdruck auf die Spitze des Unschönen treibt — nur mit\nAusnahme einiger Mitteltöne, die sie hin und wieder mit\ndem Brustregister zu nehmen liebt — der einzige positive\nMissbrauch in der Behandlung ihres Organs. So hervor-\ntretend auch in ihrem Gesänge und Spiel die romanische\nKühnheit ist, so entbehrt sie doch auch der zarteren, süs-\nseren Nuancen nicht; und der Ausdruck, mit dem sie z. B.\nan einer Stelle der Rode'schen Variationen nach einem\nlängeren chromatischen Laufe den auf dem Worte core er-\nfolgenden Eintritt der getragenen Cantilene betont, wird\njedem, der es einmal gehört, unvergesslich sein. Wer wis-\nsen will, was ein dolce forte ist, der höre den Schluss des\nDuetts mit Figaro im Barbier von Sevilla von ihr, wo sich\nder Jubel des sich geliebt wissenden Mädchens ausspricht.\nUnd überhaupt konnte man nach ihrer Rosine glauben,\ndass das Gebiet der komischen Oper das ihr vorzugsweise\nzusagende sei, so viel Anmuth und heitere Laune stand\nihr zu Gebote. Als Leonore im Trovatore hat sie indess\ngezeigt, dass ihre Begabung auch nach der anderen Seite\nhin eben so bedeutend ist, nur dass sie in der Darstellung\nder Leidenschaft noch nicht genug sich zu beherrschen\nweiss, um stets das Höchste zu erreichen.\nSignora de lluda kann schon aus dem einfachen\nGrunde mit Signora Artot nicht in eine Linie gestellt wer-\nden, weil ihre Intonation bei Weitem nicht so sicher ist.\nAber auch der Stimme fehlt der gesunde, frische Klang,\nder bei der Artot so wohlthuend berührt. Wir lassen es\nunentschieden, ob es ein Mangel der Methode oder der\nNatur-Anlage ist: das Organ klingt oft angestrengt, bald\nhauchend und klanglos, bald scharf. Nichts desto weniger\nist Signora de Ruda, mit dem verglichen, woran wir in\nNorddeutschland gewohnt sind, immer eine sehr hervor-\nragende Sängerin. Die Intonation ist nicht viel schlechter,\nals wir sie täglich hören. Die Höhe klingt in Coloraturen\nsehr weich und lieblich; die Stimme ersetzt überhaupt,\nwas ihr an sinnlichem Wohlklang, an körperlicher Voll-\nkommenheit fehlt, durch einen eigentümlichen seelischen\nReiz; im Vortrage, ja, selbst im Spiel erscheint Signora\nde Ruda als eine lebendige und feinfühlige Natur. Ihre\nLucia und ihre Gilda in Rigoletto waren reich an ergrei-\nfenden Zügen, und selbst mit den Zerrbildern Verdi's weiss\nuns die Sängerin bis zu einem gewissen Grade durch die\nihr eigene zarte weibliche Auffassung zu versöhnen.\nSignora Wi I hörst kam nur zu einmaligem Auftreten.\nTrotz alles technischen Geschicks und trotz aller Gewandt-\nheit im- Spiel konnte sie nicht genügen, da ihr die Grund-\nbedingung alles Gesanges, der edle Ton, gänzlich fehlte.\nEtwas besser steht es mit Signora A bbadia, die als Azu-\ncena im Trovatore auftrat, einer jener passirten und uns\ndurch Tremolo und unreine Intonation oft sehr peinlich\nberührenden, aber doch ursprünglich reich begabten und\nan gute Traditionen erinnernden Sängerin.\nVon Signor Carrion hatte ich mir nach den wiener\nBerichten, die vor drei Jahren durch alle Zeitungen gin-\ngen, eine etwas andere Vorstellung gemacht. Seine Colo-\nratur hatte ich vollkommener, die Gewalt seiner Stimme\ngering erwartet. Mit so vieler Leichtigkeit und Anmuth er\nauch im Ganzen sich in dem colorirten Gesänge Rossini's\nzu bewegen weiss, so leicht und duftig er auch dabei, was\nfreilich bei den modernen italiänischen Tenören selten vor-\nkommen mag, seineStimme behandelt, so sind doch manche\ntechnische Unvollkommenheiten der Ausführung nicht so\nschwer zu entdecken. Dagegen werden wir immer aufs\nNeue überrascht durch die Ausdauer, die glänzende Kraft\nund den Umfang seiner Stimme. Man hat bei unseren Te-\nnören meist schon ein unbehagliches Gefühl und eine leise\nBeklemmung, wenn sie das amit Brust singen; bei Car-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.3", "texte": "rion hört man es ruhig an, wenn er das c mit Brust\nnimmt; denn wenn auch hier und da seine hohen Brust-\ntöne etwas tremoliren, nie machen sie den Eindruck, als\nob sie missglücken könnten. Er weiss seineStimme in der\nThat wunderbar zu beherrschen; sie spricht ihm in jedem\nStärkegrade, in jeder Klangfärbung mit gleicher Sicherheit\nan. Und obschon er das ganze Gebiet der eingestrichenen\nOctave nach allen Richtungen hin beherrscht und mit voll-\nkommener Virtuosität den Uebergang von der Falset- in\ndie Bruststimme ausführt, so hat sein Organ doch nicht\neinen bei dieser Ausdehnung nach der Höhe so leicht ein-\ntretenden unmännlichen Klang angenommen, es ist eben\nso sehr des heroischen als des lyrischen Ausdrucks fähig.\nWer ferner darauf geachtet hat, mit einem wie ganz an-\nderen Timbre Carrion den Almaviva singt, als z. B. den\nEdgardo, dem kann kein Zweifel darüber kommen, dass\ner zu den wenigen denkenden Sängern gehört, die nicht\nihre Stimme, wie sie nun einmal ist, auf jede vorliegende\nAufgabe gleichmässig anwenden, sondern sie als ein Ma-\nterial betrachten, das dem Geiste und den vielgestaltigen\nForderungen desselben dienstbar sein muss. Trotz der un-\nverwüstlichen Ausdauer des Organs fehlt demselben doch\nder specifisch jugendliche Reiz, der sammtweiphe, zum\nHerzen sprechende Ton; oder vielleicht hat auch Carrion\ndiesen Reiz nie besessen, da allerdings aus Manchem her-\nvorzugehen scheint, dass seine Darstellungen mehr aus ge-\nschickter Berechnung des Effectes und einer sorgfältigen\nGeschmacksbildung, als aus der sich selbst hingebenden\nWärme des Gefühls hervorgehen. Den höchsten Maassstab\nvorausgesetzt, kann man von ihm sagen, sein Gesang gleiche\neinem nachgemachten Edelsteine, aber einem so glücklich\nnachgemachten, dass selbst der Kenner leicht getäuscht\nwird. Mit Roger's Edgardo verglichen, entbehrte der sei-\nnige der inneren Poesie, war aber in technischer Beziehung\nbei Weitem vollendeter.\nSignor delle Sedie, der Bariton, hat wenig Stimme,\naber ein warmes Gefühl und eine gewinnende Eleganz.\nEr ist uns mehr durch die Feinheit seines gesammten We-\nsens, als durch die Vorzüge, die er als Sänger besitzt, lieb\ngeworden. Als ein Verdi-Sänger zu uns gekommen, hat er\nschliesslich in Rossini'scher Musik den meisten und gerech-\ntesten Erfolg gehabt. Signor Frizzi ist ein gewandter,\nlauniger Buffo, der bei jeder neuen Aufführung des Bar-\nbier neue Spässe ersinnt, und dem man manche Uebertrei-\nbungen darum verzeiht, weil es ihm nie möglich ist, roh\nzu werden. Als Sänger ragt er nicht hervor, steht aber\nseinen Mann. Signor Bremond besitzt einen markigen\nund doch recht weich klingenden Bass; seine künstlerische\nAusbildung ist unbedeutend. Ein Signor Morelli, ein\njunger Anfänger, der eine recht hübsche Stimme besitzt,\nsie aber noch wenig zu gebrauchen weiss (Tenor), trat\nnur ein Mal auf.\nDies das Personal. So bedeutend theihveise die ein-\nzelnen Kräfte sind, so erreichen sie ihre überwältigende\nWirkung doch erst durch das ausgezeichnete Zusammen-\nspiel. Von jener Gleichgültigkeit gegen die Leistungen des\nAnderen, die das Erbtheil der deutschen Opernsänger\nzu sein scheint, kennen die Mitglieder dieser Gesellschaft\nnichts; Einer hilft dem Anderen, Einer trägt den Anderen;\ndas Gelingen des Ganzen ist jedem Einzelnen Ehrensache.\nWenn nun auch zugegeben werden kann, dass der Trieb,\nsich gegenseitig anzuschmiegen, bei einer Gesellschaft le-\nbendiger sein wird, die, aus allen vier Enden der Welt\nzusammengebracht, nur auf wenige Monate zusammen ist,\nals bei einem bureaukratisch gleichmässigen Institute, wie\nes unsere Hofbühnen sind, so ist es doch, wenn bei letz-\nteren jener Trieb sich gar nicht mehr regt, ein sichtliches\nZeichen des Verfalls. In der Kunst reicht die Sicherheit\nder Routine nicht aus, da muss innere Wärme und Be-\ngeisterung sein; und wenn diese bei der Einrichtung un-\nserer grösseren Bühnen, die das ganze Jahr hindurch Abend\nfür Abend geöffnet sind und sich nur vorsichtig durch\nneue Kräfte ergänzen, allmählich erlischt, dann ist unsere\ndeutsche Gewohnheit, das ganze Jahr hindurch Theater\nzu haben, überhaupt vom Uebel; dann wäre es besser,\nman hätte nur eine Theater-Saison.\nUnter den von der italiänischen Gesellschaft aufgeführ-\nten Opern war nur der Rigoletto für uns neu. Der Text\nist bekanntlich nach Victor Hugo's gear-\nbeitet, einem allerdings höchst geschickten, aber seiner\nkünstlerischen Tendenz nach durchaus verwerflichen Drama.\nDer Verfasser des italiänischen Libretto's hat die Wider-\nwärtigkeit des Schlusses noch gesteigert, indem er den\nHerzog, während Rigoletto seine ermordete Tochter im\nSacke hat, hinter der Scene ein vielleicht zwanzig Tacte\nlanges, höchst frivoles Liedchen singen lässt — eine Ver-\nhöhnung der poetischen Gerechtigkeit, wie sie schaamloser\nkaum gedacht werden kann. Die Musik zum Rigoletto\nmag etwas origineller und anständiger sein, als zum Tro-\nvatore, obschon ich gestehe, keinen grossen Unterschied\nwahrnehmen zu können. Eine Trivialität wie der Schluss\ndes zweiten Actes (Arie des Rigoletto, Unisono mit der\nVentil-Trompete) findet sich kaum im Trovatore; denn\nManrico's berühmte Fanfare ist doch noch etwas originel-\nler. und selbst des Grafen Luna Trompeten-Solo—Sie ver-\nzeihen diese leicht zu verstehende Abkürzung — ist noch\nnicht ganz so zudringlich. Dafür enthält aber die zweite\nHälfte des ersten Actes einzelne Nummern von melodischem\nReiz, durch geschmackvolle Verzierungen gewürzt und\nnicht ohne Wärme des Ausdrucks; im zweiten Acte steigert\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.4", "texte": "sich der dramatische Ausdruck. Den Höhepunkt der Oper\nbildet nach unserer Ansicht das Quartett am Anfange des\ndritten Actes, in dem sich vier ganz verschiedene Gemüths-\nstimmungen zu einem glucklich abgerundeten Ensemble\nzusammenschliessen. In solchen dramatischen Ensemble-\nsätzen scheint uns überhaupt der eigenthümliche und der\neinzige Werth Verdi's zu bestehen. Die frühere italiänische\nOper hatte dieselben nur vereinzelt (wir erinnern z. ß. an\ndas Terzett in der Lucrezia, wo mit der lyrischen Cantilene\nGennaro's die dramatisch-charakteristischen Partieen des\nHerzogs und der Herzogin contrastiren, während z. B. das\nSeptett in der Lucia von überwiegend lyrischem Inhalte\nist), bei Verdi scheinen sie zur Hauptsache zu werden. An\nder Sache selbst kann man nichts Verwerfliches finden;\nhat doch schon Händel (in Acis und Galatea) ähnliche En-\nsemble's gesetzt; es kommt nur darauf an, ob der Aus-\ndruck wahr und ob er noch schön sei. Wenn sich nun\nauch nicht läugnen lässt, dass Verdi in moderner Effect-\nsucht die Gränzen des Schönen weit überschreitet, dass er\ndabei nicht einmal eine sonderliche Erfindungskraft be-\nweist (das Haupt-Motiv Gilua's in dem erwähnten Quar-\ntett ist fast genau dasselbe, wie das Motiv Leonorens in\neinem ähnlichen Ensemble-Satz am Schlüsse des zweiten\nActes des Trovatore), so sind doch Sätze dieser Art bei\nVerdi die einzigen,, an denen ich wenigstens irgend etwas\nBesonderes finde. Der weitere Verlauf des dritten Actes\nist entsetzlich. Es ist eine furchtbare, stürmische, gewitter-\nschwangere Nacht. Die Zuschauer sind in der Erwartung\neines Mordes, der verübt werden soll. Da hört man hinter\nder Scene von Männerstimmen in Terzen chromatisch auf-\nund absteigende Läufe. Verwundert sehen sich die Leute\nan, was das bedeuten solle. Ich vermuthete sogleich das\nRichtige, dass das Heulen des Sturmes damit musicalisch\nausgedrückt werden solle, würde es aber nicht gewagt\nhaben, irgend einen Componisten öffentlich dieser Absur-\ndität zu beschuldigen, wenn ich nicht aus guter Quelle\nhätte bestätigen hören, dass das allerdings Verdi's Absicht\ngewesen ist.\n\nG. E.\n\nDie Zukunftsmusik.\n(Unter dieser Ueberschrift bringt die Zeitschrift: Un-\nsere Tage, Braunschweig,bei G. Westermann 11859,\nviertes Heftj eine durch Mannigfaltigkeit des Inhalts,\ngründliche Bearbeitung des Stoffes und interessante Dar-\nstellung sehr zu empfehlende literarische Unternehmung\ndes thätigen Verlegers—, einen sehr lesenswerthen Ar-\ntikel über die Bestrebungen der Koryphäen der neuesten\nSchule der Tonkunst und deren Werth, dem wir zu-\nnächst aus der Einleitung auszugsweise das Folgende\nentnehmen. Die Redaction.)\nEs ist als allgemein bekannt vorauszusetzen, dass un-\nter dem Namen der Zukunftsmusiker eine Partei begriffen\nist, welche, im Gegensatz zu den Vertretern eines ruhigen\nFortschrittes auf Grund der Errungenschaften früherer\nKunst-Perioden, nur in einer absoluten Reform der Kunst\neine für deren Zukunft heilbringende Wendung erblickt.\nDer Name ist daraus entstanden, dass diese Partei selbst\ndie wahre Erkenntniss und Würdigung ihrer Bestrebun-\ngen der kommenden Zeit anheimstellt, weil sie von der noch\nam Alten und Hergebrachten hangenden Gegenwart ein\ngerechtes Urtheil über ihre Wiedergeburt der Kunst aus\nneuen Ideen heraus nicht erwarten zu dürfen glaubt. Uebri-\ngens schreibt diese Bezeichnung der Zukunftsmusik sich aus\nden ersten Zeiten ihres Auftretens her und wird jetzt von\nmanchen ihrer Anhänger und Vertreter sogar gern zurück-\ngewiesen; denn nach und nach haben die ungemein ener-\ngischen Bemühungen dieser Partei, auch in der Gegenwart\nBedeutung, ja, sogar ausschliessliche Geltung auf dem Ge-\nbiete der Tonkunst zu erlangen, deutlich genug dargethan,\ndass sie keineswegs geneigt sei, einzig und allein um des\ndereinstigen Nachruhmes willen ein Leben voll Mühe, Ent-\nsagung und verkannter Bestrebungen zu führen. Das ist\nauch ganz in der Ordnung, und dem Künstler eben so we-\nnig wie jedem anderen Menschen zu verdenken, wenn er\nin der Anerkennung seiner Zeitgenossen einen Lohn für\nernste Bemühung um die Sache finden möchte; die Fort-\ndauer seiner Schöpfungen über die Lebenszeit hinaus wird\ndadurch keineswegs ausgeschlossen. Wenn das wirklich\nschöpferische Genie auch jederzeit die unmittelbare Gegen-\nwart überflügelt hat, so ist doch stets die Zeit und die in\nihr sich bewegenden Ideen, als deren Concentration im ein-\nzelnen Individuum es auftritt, das einzige haltbare Funda-\nment, worauf es sein neues Kunstgebäude aufführt, von\ndessen Zinnen man alsdann in eine weitere Zukunft blicken\nkann. Allerdings ist es wahr, dass besonders in früheren\nZeiten einzelne Künstler von ihrer Umgebung nur verein-\nzelt oder einseitig begriffen worden sind; so z. B. Bach,\ndessen unendliche Idealität von seinen Zeitgenossen viel we-\nniger erkannt worden ist, wie die endliche Seite seiner\nKunst, die eminente contrapunktiscbe Technik. Aber solche\nFälle sind vereinzelt und stets besondere Umstände dabei\nthätig gewesen, wozu auch noch kam, dass der Ruhm\neines Menschen damals noch nicht so leicht den ganzen\nErdtheil durchflog, wie heute. In unserer Gegenwart ist\ndas alles anders geworden. Vor Allem hat unser Gesichts-\nkreis in der Kunst in dem Maasse sich erweitert, dass be-\nsonders seit der letzten durch Beethoven abgeschlossenen\nPeriode nicht leicht mehr eine Künstler-Erscheinung uns"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.5", "texte": "dermaassen frappiren könnte, dass jede Lösung ihres Ge-\nheimnisses unmöglich erschiene und wir uns ihr gegenüber\neines jeden Urtheils begeben sollten. Desshalb erscheint es\nnicht stichhaltig, wenn einzelne Künstler sich darauf beru-\nfen, dass Bach, Beethoven und Anderen die unmittelbare\nAnerkennung ihrer Zeitgenossen nicht sogleich zu Theil\ngeworden; Beethoven wenigstens ist von den Besseren und\nBesten seiner Zeit allgemein erkannt und gewürdigt wor-\nden, schon desshalb, weil sein unberechenbarer Fortschritt\neine ganz naturgemässe Fortentwicklung des bereits Vor-\nhandenen und allgemein als wahr Anerkannten war, und\ndie Ausgangspunkte seines Genius in seiner Zeit und den\nWerken der mitlebenden und vorangegangenen Meister\ndeutlich zu erkennen waren. Es ist eben so wenig Beetho-\nven wie irgend einer anderen grossen schöpferischen Kraft\neingefallen, die Errungenschaften früherer Perioden negi-\nren oder sie für Irrthümer erklären zu wollen, und da-\ndurch sich selbst den Boden unter den eigenen Füssen weg-\nzunehmen. Da ein jeder Künstler, bewusst oder unbewusst,\nuns die Empfindungen und Ideen seiner eigenen Zeit ge-\nstaltet, auch wenn er sich in die ältesten Anschauungen\nzurück zu versetzen suchte und zu den ältesten Formen\nzurückgriffe, so ist es undenkbar, dass ein einzelner Künst-\nler oder gar eine ganze Schule durchaus nur an die Zu-\nkunft um gerechte Würdigung ihrer Thätigkeit appelliren\ndürfte.—Bloss Unklarheit und unmässige Selbstüber-\nschätzung können einen solchen Irrthum veranlassen.\nEben so hochmüthig oder einseitig wäre es aber, wenn\nman so zu sagen im freien Besitze und Genüsse der über-\nkommenen Schätze früherer Kunst-Perioden, völlig nicht-\nachtend über angestrebte Neuerungen hinweg zu blicken\nsuchte; man würde sich dadurch der Meinung, die Kunst\nsei überhaupt abgeschlossen und nicht weiter entwicklungs-\nfähig, doch in bedenklicher Weise nähern.\nEs liegt in der Zeit, dass unsere Tonkunst ganz von\nselbst in zwei Richtungen aus einander geht, welche die\näussersten Extreme eben so wenig ausschliessen, wie unser\nheutiges Leben selbst. Auf der einen Seite die Neuerung\num jeden Preis, auf der gegenüberstehenden aber be-\nschränkte Abhängigkeit von der traditionellen Form.\nDer Zukunftsmusik eine jede Berechtigung der Exi-\nstenz absprechen zu wollen, hiesse demnach nicht weniger,\nwie die Zeit selbst und ihren Inhalt verkennen. Alles, was\nda ist, ist nicht ohne Grund, und keine Erscheinung von\nnicht bloss subjectiver Bedeutung steht so isolirt da, dass\nsie nicht aus ihrer Umgebung zu erklären wäre. Wir ha-\nben also nur zu untersuchen, in welcher Art und durch\nwelche geistige Bande die Zukunftsmusik mit unserer Zeit\nverknüpft ist; ausserdem die Fortschritte kennen zu lernen,\nwelche sie über die bisherige Entwlcklungs-Gränze der\nKunst hinaus gethan haben will, und daraus das Resultat\nabzunehmen, ob die unmaassgebliche Bedeutung, welche\nsie selbst sich zuschreibt, zu rechfertigen ist.\nDer Hauptgrundzug der Zukunftspartei ist, dass sie\num jeden Preis mit dem Bestehenden zu brechen sucht,\nohne Neues von so durchgreifender Bedeutung zu vermö-\ngen, dass man dadurch für das Zerstörte entschädigt würde\noder gar durch die angeblich gethanen Fortschritte zum\nerwünschten Aufgeben alles Vorangegangenen veranlasst\nwerden könnte. Man würde anders darüber urtheilen kön-\nnen, wenn die Partei selbst ihre Producte nicht als abge-\nschlossene Meisterwerke hinstellte, und sich selbst nicht als\neine bestimmte, auf unbedingte Wahrheit gegründete,\nkünstlerische Absichten vollkommen erfüllende Richtung\nangesehen wissen wollte. Spräche sie vor allen Dingen nur\nvon Versuchen, so würde man mit Interesse und Spannung\nihrer Thätigkeit zu folgen bereit sein, und gern annehmen,\ndass aus diesem Chaos sich noch dereinst eine neue, schö-\nnere Welt herausbilden könnte. Aber wir sollen diese neue\nWelt in aller bisher ungeahnten Pracht und Herrlichkeit\nbereits in den Werken ihrer Meister Wagner, Berlioz und\nLiszt vollendet vor uns sehen und nun ohne Weiteres die\nalte, in Trümmer zerfallende, verlassen und zu ihnen über-\nsiedeln. Und dazu fühlen wir uns eben so wenig veran-\nlasst, als wenn wir aus einem majestätischen Hochwalde\nvoll Kraft und Fülle der Natur, reich an Lichterspiel und\nFarbenpracht, auf eine Haide voll Disteln, Gestrüpp und\ngespensterhaft hinhuschender Wolkenschatten hinaustreten\nsollten, um zu sagen, hier wäre die wahre poetische Na-\nturpracht und dort nur verkümmertes Formenwesen. Die\nZeit ringt nach neuen Anschauungen, lind die Kunst, und\nspeciel die Zukunftsmusik, nach entsprechendem Ausdruck\ndafür; sie scheint ihn vor allen Dingen finden zu wollen\nin der Entfesselung von jeder Form und jedem Gesetze,\nwenn auch dieses Gesetz immerhin Grundbedingung der\nKunst ist. Eben so, wie das Individuum völlig frei von je-\nder sittlichen, religiösen und bürgerlichen Schranke sein\nsoll, so soll auch die Subjectivität in der Kunst einzig und\nallein das Maassgebende sein! Aber eine höhere Freiheit\nkann aus der Emancipation der Leidenschaften wohin\nwir denn doch zuletzt gelangen, wenn wir das Leben und\ndie Kunst von allen allgemeinen Sitten- und Naturgesetzen\nablösen - unmöglich hervorgehen, sondern nur aus der\nfreiwilligen Unterwerfung unter eine höhere Ordnung.\nWas sich dieser höheren Ordnung entzieht, wird nur zeit-\nweilige Geltung haben; es zerfällt in sich selbst, so wie es\nvon etwas Neuem überboten werden kann; für den Augen-\nblick interessirt es oder stösst ab, je nachdem, und wird\nbald über etwas Anderem vergessen. Was aber aus jener"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.6", "texte": "wahren Freiheit geboren ist, trotzt jeder Zeit und kann\nwenigstens in seinen Folgen niemals untergehen.\nDas Letztere glauben wir von der Zukunftsmusik\ndurchaus nicht annehmen zu können, eben weil sie die\nWillkür zur Bedingung des Kunstschaffens macht, um die\naugenblicklichen Interessen einer in Gährung begriffenen\nZeit sich bewegt, und das zu ihrem Inhalt erhebt, was der\nauf das Höhere gerichtete Mensch zu unterdrücken und zu\nbekämpfen sucht, und auch der nur mit äusserer Bildung\nBegabte wenigstens im Umgange mit Anderen ausschliesst\n—die zügellos entfesselte Leidenschaft. Dieser durch keine\nhöhere Idealität veredelten Leidenschaft steht der kalte,\nberechnende, beständig auf neue Effecte und Pointen sin-\nnende Verstand um so schroffer gegenüber; oft ist er auch\nAlleinherrscher, und die Phantasie muss den von der Be-\nllexion ihr vorgezeichneten Weg nehmen. Uns wird gesagt,\nwas wir bei dem Kunstwerke denken und empfinden sol-\nlen, und der ganze Genuss, den wir davon haben, reducirt\nsich natürlich auf eine zwischen dem erklärenden Pro-\ngramm und der Musik rein vergleichende Verstandes-Thä-\ntigkeit. Das musicalische Kunstwerk verliert auf die\nWeise erst rechtseine Freiheit; indem es seine natürlichen\nSchranken zu durchbrechen und die hemmende Form ab-\nzuschütteln glaubt, verfällt es der subjectiven Willkür, die\nnun, um nicht ganz unverstanden zu bleiben, das erklä-\nrende Wort zu Hülfe nimmt. Wir werden durch die Pro-\ngramm-Musik unwillkürlich an die alten byzantinischen Bil-\nder erinnert, auf denen Zettel mit Sprüchen aus dein Munde\nder Personen hervorgehen.\n(Schluss folgt.)\n\nAus Düsseldorf.\nDen 16. März 18G0.\nMit der vorgestrigen Soiree für Kammermusik zum Besten der\nArmen beschlossen Herr und Frau Langhans und Herr Forberg\nihren diesjährigen Cyklus und verpflichteten die Freunde dieser Gat-\ntung aufs Neue durch die von ihnen getroffene Auswahl und die\nmeist gelungene Vorführung der Musikstücke. Besonders fesselte uns\neine Serenade für Pianoforte, Violine und Violoncell von F. Hiller,\nwelche mit ihrem leicht graziösen und gleichwohl durchweg edlen\nMelodieenflusse den Abend angemessen beschloss.\nGestern gaben die Herren Leopold und Gerhard Brassin\neine recht besuchte Soiree im Cürten'schen Saale. Sie spielten die\nSonate Op. 21 von Gade, eine Sonate von J. S. Bach und die\nSonate Op» 24 in F von Beethoven mit einander; einzeln trug\nLeopold Brassin, der Pianist, eine „Blüette* (Op. 2, verlegt\nbei Bayrhofer hierselbst) von seiner Composition und das Stac-\ncato perpetuel von August Dupont vor; Gerhard, der Violi-\nnist, Variationen von seiner Composition auf God save the Queen.\nBeide jugendliche Künstler haben ein bedeutendes Talent für tech-\nnische Ausführung, aber beide leiden auch noch an den Nachwehen\nder Wunderkinder-Erziehung. Sie legen bis jetzt noch zu hohen, ja,\nfast ausschliesslichen Werth auf die Execution, auf die virtuose Fer-\ntigkeit. Diese allein macht aber den Künstler nicht. Sie haben übri-\ngens in dem Vortrage der Sonaten von Bach und namentlich von\nBeethoven bewiesen, dass die classische Musik ihnen kein unver-\nstandenes Räthsel ist, und dass sie gewiss im Vortrage derselben\nallen künstlerischen Bedingungen genügen werden, wenn sie sich\nentschliessen, ihre Studien eine Zeitlaug auf Musik von Mozart und\nBeethoven, von Rode, Viotti und Spohr zu concentriren und dabei\nmehr auf Anschlag und Ton, als Hauptmittel für den Ausdruck des\nMusicalisch-Schönen, als auf technische Fertigkeit zu sehen, die sie\nbereits in hohem Grade besitzen. Es wäre schade, wenn so schöne\nTalente sich in irrthümliche Ansicht über das Wesen der Kunst\nverlören.\nIn derselben Soiree sang Fräul. Philippine Papie aus Lu-\nxemburg, die in Köln ihre Gesangstudien fortsetzt, die Arie aus\nder Oper Semele von Händel, die B-dur-Arie 9Parlo* aus Mo-\nz art's Titus und zwei Lieder von F. Schubert und F. Hill er.\nSie verbindet mit einer starken und vollklingenden Altstimme im\nUmfange von zwei Octavcn eine reine Intonation und in Bezug\nauf Tonbildung einen schönen Ansatz, zwei vorzügliche Eigenschaf-\nten für eine Sängerin. Da es ihrem Vortrage auch keineswegs an\nEmpfindung und Ausdruck fehlt, was sich besonders in den Lie-\ndern namentlich dem „Bring' mich zur Ruh'\" von Hill er\nund in dem Adagio der Moz&rt'schen Arie zeigte, so wird sie bei\nfernerer Abglättung des Tones, völligem Verschmelzen der Stimm-\nregister und vollkommen abgerundeter Coloratur eine bedeutende\nZukunft haben.\nUeber unsere letzten Abonnc ments-Concerte werde ich nach\nSchluss derselben berichten. 6-7.\n\nMeyerbeer’s Wallfahrt nach Ploërmel.\n\nAus Hannover wird über diese Oper berichtet: „In den Jah-\nren, in welchen Meyerbeer sich jetzt befindet, schafft ein Künstler,\nund wäre er der begabteste, nicht mehr mit der ursprünglichen\nKraft der Erfindung und Phantasie, wie sie den Berichten aus dem\nAuslande zufolge in der neuen Oper herrschen sollte. B?i der An-\nhörung derselben haben wir denn auch unser Misstrauen nur zu\nsehr begründet gesehen. Das Werk ist in der That schwach, sehr\nschwach. Sähen wir uns in der Lage, ausschliesslich nach der Be-\nschaffenheit desselben den Gesammtzustand unserer gegenwärtigen\nMusik zu beurtheilen, so würden wir sagen, wir seien mit unserem\nmusicalischen Geschmacke in der nämlichen Phase angekommen, wo\ndie alten Römer sich mit dem Geschmacke ihres Gaumens befanden,\nals sie sich an Ragouts von Nachtigallenzungen und Pfauenbraten\nergötzten. Wie bei diesen Gerichten die Zubereitung unzweifelhaft\ndas Beste war, so zieht auch die Meyerbeer'sche Musik zur „„Wall-\nfahrt® \" ihre ganze Kraft einzig und allein aus der Kunst der In-\nstrumentation. Die Wahl des Textes scheint auf den ersten Blick .\nein sicheres Vertrauen des Componisten auf seine Productionskraft\nvoraussetzen zu lassen; man begreift schwer, wie derselbe es hat\nunternehmen können, eine Geschichte zu behandeln, die an Lang-\nweiligkeit und Albernheit wohl ohne Gleichen ist, und bei der von\ndem Ausdruck von Stimmungen, der doch die eigentliche Aufgabe\nder Musik ist, streng genommen nur in ganz einzelnen Stellen die\nRede sein kann. Von den drei Hauptpersonen der Oper ist die eine\n(Dinorah) ganz, die andere (Corentin) halb verrückt, die dritte (Hoel)\ngeberdet sich wie unsinnig. Die Piecen, die wirklich innere Berech-\ntigung haben, componirt zu werden, sind fast nur Nebenpersonen in\nden Mund gelegt. Aber bei näherem Zusehen erkennt man doch,\ndass es gerade das Gefühl der eigenen Schwäche war, was Meyer-\nbeer zu der Behandlung dieses Textes bewog. Eben das ganz Ab-\nsonderliche in den Verhältnissen und dem Charakter der dargestell-\nten Personen liess der Willkür des musicalischen Ausdrucks das"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.7", "texte": "weiteste Feld ; es fehlt ja bei den meisten Theilen der reinmensch-\nliche Maassstab zur Controle, jeder irgendwie gesuchte Effect konnte\nberechtigt erscheinen; mit Einem Worte; die musicalische Specu-\nlation hatte kein anderes Gesetz, als sich selber, und im Reiche die-\nser ist Meyerbeer bekanntlich Meister. Wenn er also einmal in sei-\nnem sechsundsechszigsten Jahre durchaus noch eine lange Oper\ncomponiren wollte, so musste er einen Text wählen, der wie dieser\nnirgend die Sprache wahrer Leidenschaft enthielt und in Betreff der\nmusicalischen Darstellung möglichst unbestimmte Forderungen machte.\nAber er hätte eben ein derartiges Werk überhaupt nicht unterneh-\nmen sollen. Seine Kräfte reichen für eine solche Aufgabe nicht mehr\naus. Sonst wurde seine ausserordentliche Geschicklichkeit, den Effect\nzu berechnen, von einer wahrhaft bedeutenden Erfindungsgabe unter-\nstützt; in seinem neuesten Werke suchten wir aber vergeblich nach\nirgendwie beachtenswerthen Gedanken. Allerdings fehlt es der Oper\nnicht an flüssigen Melodieen, aber keine einzige ist von tieferem Ge-\nhalt oder auch nur schwungvoll; fast durchweg bewegen sie sich\nim Tanz-Rhythmus und gewinnen selbst das Gepräge des Gefälligen\nnur durch die Kunst der instrumentalen Behandlung. Dabei wim-\nmelt es von Reminiscenzen aus Meyerbeer's eigenen Opern und aus\nanderen Werken. Die Instrumentation ist allerdings bewunderns-\nwerth; der Componist besitzt eine wahre Meisterschaft, jedes Instru-\nment seinem specifischen Charakter gemäss auf das wirkungsvollste\nzu verwenden, und dabei macht sich überall eine den Sinnen schmei-\nchelnde, gewinnende Abrundung der Form geltend. Aber ist das ein\nVorzug, der irgendwie die angegebenen Mängel ersetzen kann?\nDie Oper hat hier denn auch völlig Fiasco gemacht, obgleich die\nAufführung in den meisten Theilen eine sehr gelungene und in Be-\ntreff der Ausstattung Vieles geschehen war, um das Publicum bei\nguter Laune zu erhalten\" u. s. w.\n(W. Recens.)\nNachschrift. In diesem Artikel, wie in vielen anderen, wird\nohne Weiteres behauptet, dass sämmtliche „Berichte aus dem Aus-\nlande\", nämlich aus Paris, ganz andere Erwartungen von Meyer-\nbeer's Oper in Deutschland erregt hätten. Ja, von einer Seite ist\nuns sogar eine Anfrage geworden, ob wir eine strenge Kritik der\nOper aufnehmen würden!! Warum bekümmern sich denn die Herren\nKritiker nicht um das, was in ihrem Fache geschieht? Die Nie-\nderrheinische Musik-Zeitung hat gleich nach den ersten\nAufführungen der Oper eine ausführliche und gründliche, mit einer\nMenge von Noten-Beispielen belegte Kritik derselben, welche sich\ndurch drei Nummern zieht (1859, Nr, 19, 20, 21, vom 7. 21.\nMai), aus der Feder ihres geistvollen pariser Correspondenten also\ndoch aus dem Auslande! gebracht, welche in der Einleitung das\njournalistische Treiben in Paris und die Verzweigung desselben\ndurch dortige deutsche Literaten bis in die gelesensten Zeitungen\nDeutschlands hinein gehörig charakterisirt und am Ende (in Nr. 21)\nfolgender Maassen schliesst: „Die erbärmlichen Zustände der hiesi-\ngen Kritik, welche die Pest ihrer Fäulniss noch niemals so auffal-\nlend als dieses Mal auch nach Deutschland verbreitet hat, haben\nmich hauptsächlich zu einer so ausführlichen Besprechung bewogen.\nZur Sache selbst halte ich die Oper nicht für so lebensfähig, dass\nsie einen Welterfolg haben werde, wie ihre Lobredner verkünden.\nDas Buch ist zu schlecht, und die Musik hat im Ganzen doch zu\nwenig Gehalt, um auf die Dauer zu fesseln. Die Reise um die Welt\nwird wohl an der deutschen Gränze stehen bleiben4 u. s. w.\nSolche Erfahrungen geben allerdings dem alten Freunde Recht, der\nden Redacteur dieser Blätter gewöhnlich mit dem Titel: „Unermüd-\nlieber Dan aide n-C h e f!\" anredet.\n\nL. B.\n\nConcert im Gürzenich zum Besten des kölner\nOrchesters.\nDinstag, 13. März 1860.\nProgramm: I. 1. Ouvertüre zum Trauerspiel „Phädra\" von\nFerd. Hill er. 2. Arie aus der Oper „Johann von Paris® von\nBoieldieu, gesungen von Herrn Julius Stockhausen. 3. Con-\ncert für Pianoforte und Orchester in C-moll von W. A. Mozart,\nvorgetragen von Herrn Capellmeister F. Hill er. 4. „Der Wanderer\"\nvon F. Schubert (für Orchester instrumentirt von F. Hiller) Jul.\nStockhausen. 5. Credo, Jncarnatus, Crucißxus und Resurrexit aus\nder li-moll-Messe von J. S. Bach.\n11. 6, »Geheimes* und „Die Taubenpost*, Lieder von F. Schu-\nbert. J. Stockhausen. 7. Sinfonia eroica von Beethoven.\nDen Glanzpunkt des Concertes bildeten natürlich die Gesang-\nVorträge Stockhausen's. Trotzdem, dass unser Publicum sehr viel\nSinn für ernste Musik grossartigen Charakters hat und Werke wie\ndie Satze aus der Messe von Bach und Beethoven's Eroica sehr\naufmerksam und mit grosser Befriedigung anhört, so übt doch eine\nso exceptionelle künstlerische Individualität wie Stockhausen eine\nallgemein fühlbare Macht nicht nur auf die Menge, sondern auch\nauf die Kenner und musicalisch Gebildeten aus un(i concentrirt das\nHaupt-Interesse vorzugsweise auf sich. Und sollte nicht eben diese\ngleiche Wirkung auf die zwei sonst so verschiedenen Elemente der\nZuhörerschaft, auf die bloss empfängliche Menge und auf die kunst-\nverständige Minderzahl, die höchste Instanz der Kritik bilden?\nStockhausen's Gesang erhebt die bloss Empfindenden, angenehmen\nund erhebenden Genuss Suchenden zu der Ahnung der Höhe der\nAufgabe der Kunst empor und reisst die Wissenden und mit der\nKunst Vertrauten über alle Splitterrichterei hinweg und gewährt\nihnen eine um so höhere, weil tiefer begründete, Freude. Es ist\ndaher ganz natürlich, dass die wirklich künstlerische, nicht die\nbloss künstliche, Virtuosität stets vorzugsweise grossen Eindruck\nauf das gesammte Publicum machen wird Ist nun vollends das In-\nstrument, in dessen Behandlung ein Künstler die Meisterschaft er-\nreicht hat, das schönste und eindringlichste von der Welt, die\nmenschliche Stimme, so ist die Wirkung vollends unwiderstehlich.\nDieses Instrument hat Stockhausen so ausdauernd und gründlich\nstudirt und versteht es so zu behandeln, dass es einen wunderbaren\nZauber gerade dadurch ausübt, dass die vollendete Kunst den na-\ntürlichen Klang desselben zum Tone vergeistigt und verklärt, und\ndass dann der Sänger diesen Ton dermaassen in seiner Gewalt hat,\ndass er jeder Farbe und jeder Schattirung gerecht wird, welche die\nSeele verlangt, um ihr inneres Leben durch ihn zu offenbaren. Stück-\nhausers Triumphe sind nicht bloss persönliche, nein, es sind Tri-\numphe der Kunst, es sind Siege, welche die Schule über den Natu-\nralismus feiert, und welche den schlagenden Beweis liefern, dass\ndas Höchste im Gesänge nur durch die Verbindung des vollendet\nFormellen mit dem natürlichen Material erreicht wird. Weder ein\nKunstwerk noch eine künstlerische Leistung kann ohne Unterord-\nnung unter die Gesetze der Form bestehen, die mit den Gesetzen\nder Schönheit zusammenfallen; es ist aber ein Jammer, dass man\ndas für die Tonkunst heutzutage noch immer wieder sagen muss,\nweil eine kleine, aber dreiste Schar von Bilderstürmern gegen das\nwirkliche Kunstschöne zu Felde zieht."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600324-01.1.8", "texte": "Weil wir denn einmal bei der formellen Vollendung stehen, die\nübrigens niemals ohne hervorragende Natur-Anlage erreicht werden\nkann, so wollen wir dankbar den edlen Genuss erwähnen, den uns\nHill er' s Clavierspiel durch den Vortrag des Concertes von Mozart\nverschafft hat. Das Publicum empfing ihn, als er sich an den Flügel\nsetzte, mit einer wahren Ovation und begleitete sein classisches\nSpiel, dem ein wunderbarer Anschlag zu Gebote steht, worin ihm\nKeiner gleichkommt, bei jedem Satze mit rauschendem Beifalle.\nDie Sätze aus dem Credo von Bach wurden im Ganzen gut ge-\nsungen, doch kam die Ausführung dem Eindrucke, der noch vom\nMusikfeste her im Andenken war, nicht gleich.\nDer Sinfonia Eroica wurde eine recht gute, ja, in vielen Stücken\nvortreffliche Ausführung zu Theil, die uns das herrliche Werk wie-\nder einmal in seiner ganzen Pracht vorführte und den himmelweiten\nUnterschied offenbarte, der zwischen einem genialen Kunstwerke,\ndas eine Idee verherrlicht, und den mühsamen Producten der Re-\nflexion, die nach einem Programm arbeitet, obwaltet.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHerr J. A. van Eyken, als einer der tüchtig-\nsten Organisten unserer Zeit und als Componist rühmlichst bekannt,\nhat von Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Gr os-s her z o gin\nvon Weimar für die Widmung seiner Musik für Chor nnd Or-\nchester zum Trauerspiel Lueifer von Vondel, welche Hoch-\ndieselbe anzunehmen geruht hatte, eine höchst werthvolle, mit Dia-\nmanten besetzte Busennadel nebst huldvollem Begleitschreiben erhalten.\nDas Oratorium „Das neue Paradies* von Capellmeister Ernst\nReiter zu Basel ist im Clavier-Auszuge bei Hofmeister in Leipzig\nerschienen. Eine grosse Sonate für Pianoforte und Violine von E.\nReiter ist bei F. Glöggl in Wien unter der Presse.\n£Sl*esiati« In einem Concerte, welches die Herren David und\nRein ecke unter Mitwirkung des breslauer Sängerbundes gaben,\nführten die beiden Virtuosen ein Rondo brillant für Pianoforte und\nVioline von Schubert und die Kreutzer'sche Sonate von Beethoven\nauf; Herr David spielte die Chaconne von Seb. Bach für Violine\nallein und ein Andante und Scherzo Capriccios) eigener Composition,\nund Herr Reinecke führte Variationen über ein Thema von J Seb.\nBach von eigener Composition auf dem Ciavier aus. Der breslauer\nSängerbund legte durch den Vortrag einiger Chöre von Gade, Löwe,\nSchumann und Mendelssohn schöne Proben seiner künstlerischen\nEntwicklung ab\nILOE&CIOB*« Die Ausführung der grossen Messe in G, welche\nGounod zur Feier des Cäcilien-Tages componirt hat und die von\nder pariser Presse sehr gerühmt worden ist, so wie der Choral-Sin-\nfonie (9.) von Beethoven lockte ein zahlreiches musikfreundliches\nPublicum in St. Martin's Hall. Die Messe, von welcher man bereits\neinzelne Stücke kannte, wurde mit grosser Sorgfalt ausgeführt, mit\ngrosser Aufmerksamkeit angehört, liess jedoch kalt. The Musical\nWorld sagt, dass die Messe keine Eigenschaften besitze, die sie je\npopulär machen könnten; dass er nichts Neues in seinem Streben\nnach Neuem findet, und dass das Crescendo im Sanctus eine grosse\nAehnlichkeit mit den lärmenden Effecten in Verdi's „Ernani\", „Tro-\nvatore ', „Nabucco\" habe. Beethoven's Sinfonie, obwohl minder vor-\nzüglich als bei früheren Gelegenheiten ausgeführt, erregte mehr Be-\ngeisterung, als je.\nPfiris« Man versichert, dass Richard Wagner's Tann-\nhäuser im nächsten Winter hier aufgeführt werden wird, und dass\nman sich schon jetzt mit den Vorstudien beschäftigt, welche die\nInscenesetzung verlangt.\nAm 18. März wurden in dem Conservatoire-Concerte J Haydn's\n„Jahreszeiten\" aufgeführt; Roger, der Uebersetzer des Textes,\nsang die Tenor-Partie.\nAlfred Jaell ist von der hiesigen Kritik einstimmig auf den\nThron der Pianisten gehoben worden Gegenwärtig bereis't er Hol-\nland und macht in Rotterdam, Haag, Amsterdam grosses\nAufsehen und überfüllte Concertsäle."}]}