{"numero_id": "bm-bmtnabi-1860-04-28-01", "volume": "bmtnabi_1860-04-28_01", "ocr_sha256": "482dd6e011c9c94d98af86ec0e75c636ad2821aadebed95abb7666a69ca75e11", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1860/04/28_01/bmtnabi_1860-04-28_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1860-04-28-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-04-28_01#c001", "volume": "bmtnabi_1860-04-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "137", "page_fin": "137", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 376, "texte": "Inhalt.\nFranz Comraer (Lebensskizze). I. Von L. B. Franz Joseph Messer (Nekrolog) Von --nn. Stoppellese auf\ndem Felde eines angehenden Aesthetikers. Ueber Quartettspiel (Der zweite Quartctt-Cyklus in Frankfurt am Main). Von A. Schind-\nler» Tages- und Unte r h al tun gsbl a 11 (Köln, Ferdinand Hiller Berlin, Victoria-Theater Karlsruhe, Herr Stolzenberg\nParis, Louis Brassin)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-04-28-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-04-28_01#c002", "volume": "bmtnabi_1860-04-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "137", "page_fin": "139", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.2.2", "titre_corps": "Franz Commer.", "titre_sommaire": "Franz Commer.", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.1", "debut_caractere": 378, "fin_caractere_exclue": 4020, "texte": "Franz Commer.\n\nI.\nJe seltener bei der heutigen Ausdehnung des Gebie-\ntes der Wissenschaft und Kunst die gründliche Fachge-\nlehrsamkeit wird, die, vor der Zersplitterung der geistigen\nKraft sich bewahrend, ihr ganzes oder doch unbedingt\nvorherrschendes Bestreben auf eine bestimmte Lebens-Auf-\ngabe richtet, unbekümmert um den Vorwurf der Einsei-\ntigkeit, den die Allerweltsbildung eben so leichtfertig aus-\nspricht, als sie von einem Dinge auf das andere springt\nund mehr Liebhaberei als Studium kennt: desto ehren-\nwerther sind diejenigen Männer, die neben der Cultur der\nBreite ihres Feldes hauptsächlich auch in die Tiefe arbei-\nten und aus ihr Schätze herauf fördern, welche zugleich\nmit ihrem Werth© an sich den Blick in das ganze Reich\neiner Kunst oder einer Wissenschaft erweitern.\nEin solcher Mann auf dem Gebiete der Tonkunst, ein\ntiefer und unermüdeter Forscher, ein wahrer Musikgelehr-\nter ist Franz Commer in Berlin, der diejenigen Musiker\ndes vorigen Jahrhunderts und die Zeitgenossen, die ähnli-\nchem kunsthistorischem und kunstwissenschaftlichem Stre-\nben huldigten, in so fern überragt, als seine unglaublich\nfleissige, gelehrte Thätigkeit das musicalische Schöpfungs-\nTalent, das ihm die Natur gegeben, nicht zurückgedrängt\noder gar unterdrückt hat. Er hat neben zahlreichen Be-\nrufsgeschäften und neben der Vollendung riesiger literari-\nscher Arbeiten, die auch die Kraft einer starken Natur\nund die Energie eines tüchtigen Charakters lähmen kön-\nnen, dennoch eine Lebendigkeit und Elasticität des Geistes\nsich bewahrt, die man bewundern muss, wenn man be-\ndenkt, dass, abgesehen von einer Menge von ungedruckten\nWerken, die von ihm erschienenen Compositionen die\nWerkzahl 52 erreicht haben.\nWir ergreifen desshalb die Gelegenheit, welche der\nAbschluss des einen von jenen kolossalen Sammelwerken\nalter Musik darbietet, welche Commer herausgegeben\nder zwölf Folio-Bände der\nBatavorum ■—, den Lesern dieser Blätter einen kurzen\nAbriss seines Lebens und ein Bild seiner ausserordentli-\nchen Thätigkeit zu geben.\nFranz Commer wurde den 23. Januar 1813 zu\nKöln am Bheine geboren. Er besuchte das Jesuiten-Gym-\nnasium und erhielt den ersten musicalischen Unterricht von\nFranz Weber, dann von Ludwig Kübel und Joseph Klein.\nKübel gehörte in den Jahren 1827 und den folgenden zu\nden geachtetsten Musiklehrern in Köln und hat viele Schüler\ngezogen, die alle mit Liebe und Achtung von ihm reden.\nDa sich Commer's musicalische Anlagen schnell ent-\nwickelten, so übertrug man ihm schon in seinem sechs-\nzehnten Jahre die Organisten-Stelle an dem Carmeliten-,\njetzigen Friedrich-Wilhelms-Gymnasium; zugleich trat er\nals Sänger in die Dom-Capelle.\nZu seiner weiteren Ausbildung kam er 1832 nach\nBerlin, wo er in das königliche Institut für Kirchenmusik\naufgenommen wurde. Hier vervollkommnete er sich unter\ndem Director desselben, A. W. Bach, im Orgelspiel, stu-\ndirte die Composition bei Bungenhagen, damals Director\nder Sing-Akademie, deren Mitglied er wurde, und hörte\ndie Vorlesungen von A. B. Marx, Von unschätzbarem\nNutzen und von entschiedenem Einflüsse auf seine künst-\nlerische und musikwissenschaftliche Richtung war seine\nBekanntschaft mit dem edeln und gelehrten Karl von\nWinterfeld. Commer hatte das Glück, vom Jahre 1835\nan bis zum Tode des trefflichen Mannes im Jahre 1853\nin fast täglichem Verkehr mit ihm zu stehen und in ihm\neinen väterlichen Freund und Rathgeber in seinen Bestre-\nbungen zu finden.\nDie Aufgabe, die musicalische Bibliothek des genann-\nten Instituts zu ordnen und zu katalogisiren, wurde für\nCommer eben so anziehend, als fördernd für seine Lauf-\nbahn. Diese Bibliothek, die späterhin im Jahre 1845 der"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "138", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5228, "texte": "Grossen königlichen Bibliothek einverleibt wurde, enthielt\naus Forkel's Nachlass viele treffliche Werke der Meister\ndes sechszehnten und siebenzehnten Jahrhunderls, die von\n(Pommer als ein ungeahnter Schatz ans Licht gezogen, in\nwenigen Jahren vollständig geordnet und zum Theil her-\nausgegeben wurden. Der erste Band der\nSaeculi XVI .et XVII. erschien 1839, Berlin, bei Bote\nund Bock; der vierte 1843. Die Fortsetzung wurde unter-\nbrochen durch den ehrenvollen Auftrag der „niederländi-\nschen Gesellschaft zur Beförderung der Tonkunst\" an\nCommer, die Herausgabe der grossen Sammlung der nie-\nderländischen Musiker des fünfzehnten und sechszehnten\nJahrhunderts zu übernehmen. Gegenwärtig hat jedoch\nCommer das erstere Werk wieder auf-\ngenommen (s. unten).\nSein Wissen und Wirken blieb trotz der bescheidenen\nStille, in welcher es geschah, keineswegs unbekannt bei\nden Männern von Fach und den Freunden der ernsten\nKunstgattung, und fand auch an entscheidender Stelle eh-\nrenvolle Anerkennung. Schon 1839 erhielt er vom Kö-\nnige Friedrich Wilhelm 111. d ie goldene Denkmünze für\nKunst; 1844 wurde er zum königlichen Musik-Director\nund im folgenden Jahre - zum ordentlichen Mitgliede der\nAkademie der Künste in Berlin ernannt.\nSeine Berufstätigkeit theilte sich in die Verwaltung\nder Chorregentschaft an der St.-Hedwigskirche, der Ge-\nsanglehrer-Stelle an der Elisabethschule und in das fleis-\nsige und gewissenhafte Ertheilen von Privat-Unterricht;\ndenn es war ihm nicht das beneidenswerthe Loos gefallen,\ndurch glänzende äussere Verhältnisse erleichtert und geho-\nben zu werden; was er geworden, ist er durch sich selbst\ngeworden. Seit 1840 machte er jedes Jahr eine grössere\nReise, theils an den heimatlichen Rhein, theils durch die\nbedeutenderen Städte, deren musicalische Zustände oder\nbibliothecarische Schätze ihm Interesse und Förderung\nseiner Zwecke darboten. Aber oft und gern liess er den\nGelehrten auf diesen Reisen zu Hause und erfreute sich\nwillkommener Erholung im Kreise alter und neuer Freunde,\ndie ihm eben so sehr seine liebenswürdige Gemüthlichkeit\nals seine belehrende und anziehende Unterhaltung überall\nfesthielten und gewannen.\nSo bewahrte und erneute er sich die frische Kraft zur\nBewältigung der ungeheuren Aufgaben, die seiner Thätig-\nkeit nach der Rückkehr in Berlin warteten. Denn seine\nBerufsgeschäfte hatten sich im Laufe der Jahre 1840 bis\n1850 noch durch die Stellung als Repetitor und Gesang-\nlehrcr an der königlichen Oper, am französischen Gymna-\nsium und an der Vorschule des Friedrich-Wilhelms-Gym-\nnasiums bedeutend vermehrt; auch hatte er in dieser Zeit\nmit fh. Kullak und 11. Küster den berliner Tonkünstler-\nVerein gegründet. Dabei setzte er nicht nur die\nBatavorum und die Sammlungen einer grossen Anzahl\nvon Meisterwerken der älteren deutschen und italiänischen\nSchule fort, so dass er an tausend Psalmen, Motetten, Mes-\nsen, mehrstimmige Lieder u. s. w. in Partitur herausgege-\nben hat, sondern ruhte sich von allen diesen Arbeiten für\nWiedererweckung in Staub begrabener Kunstwerke im\nDrange des Gefühls: Anch' io son pittore! nicht anders als\nam Flügel und an dem aufgeschlagenen Partitur-Papier\naus, das er mit den schwarzköpfigen Zeichen seiner eige-\nnen musicalischen Gedanken füllte.\nDer Gedanke, das altgriechische Drama auf unsere\nBühne zu bringen und durch musicalische Composition der\nChöre und anderer zu melodramatischer Behandlung ge-\neigneter Stellen zu beleben und dadurch der Anschauungs-\nund Empfindungsweise des heutigen Geschlechts näher zu\nbringen, ging im Anfange der vierziger Jahre vom Könige\nselbst aus und wurde durch seine Umgebungen aus der\nGelehrten- und Künstlerwelt genährt. So entstand im Jahre\n1841 [Mendelssohns Musik zur „Antigene\" des Sophokles\nund späterhin zum Oedipus auf Kolonos (1844—1845).\nAuch Commer blieb dieser Richtung nicht fremd. Auf\nA. von Humboldt's Aufforderung machte er sich in Ge-\nmeinschaft mit seinem Freunde, dem Professor Franz, an\ndie schwierige Aufgabe der musicalischen Bearbeitung\neines griechischen Lustspiels, der „Frösche\" des Aristo-\nphanes. Es wurde 1842 in Berlin aufgeführt; 1843 folgte\nihm die Musik zu Sophokles' Trauerspiel „Efektra\". Beide\nArbeiten erregten dasselbe beifällige Interesse, wie Men-\ndelssohn's Antigone-Musik, bei den classisch gebildeten\nKreisen des damaligen Berlin. Commer erhielt dafür als\nein besonderes Zeichen der Anerkennung die goldene Me-\ndaille für Wissenschaft vom Könige von Griechenland.\nDer König Friedrich Wilhelm IV. von Preussen ver-\nlieh ihm im Jahre 1847 die grosse goldene Denkmünze\nfür Kunst und Wissenschaft und im Jahre 1856 den Ro-\nthen Adler-Orden vierter Classe. Im Jahre 1851 ward\nihm auch vom Könige von Sachsen die goldene Denkmünze\nfür Wissenschaft zu Theil. Während der fortgesetzten Ar-\nbeit an der CoUectio Musicorum und wegen\ndes grossen Verdienstes um dieses Werk hatte ihn die nie-\nderländische Gesellschaft zur Beförderung der Tonkunst\nerst zu ihrem correspondirenden, bald darauf zu ihrem\nVerdienst-Mitgliede ernannt*), und 1849 zeichnete ihn der\nKönig der Niederlande durch die Verleihung des Löwen-\nOrdens aus.\n\n*) Der (Jebersendung der „Gedenktafel\" vom I]. October 1859\ndurch dieselbe Gesellschaft an F. Coramer ist bereits in Nr.\n11 Erwähnung geschehen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 608, "texte": "Diese mannigfachen Ehrenbezeigungen sind um so er-\nfreulicher, als sie ein Verdienst anerkennen, welches nie\num äusseren Glanz und um Gunst gebuhlt hat, weder bei\nFürsten und Höfen, noch bei der grossen Menge, ein Ver-\ndienst, welches weder von einer Partei gehoben und aus-\nposaunt worden, noch durch die bekannten Mittel der\nSelbstanpreisung sich geltend gemacht hat, sondern zufrie-\nden war, die dauernden Denkmale einer entsagenden und\naufopfernden Kunstliebe und Kunstwissenschaft in die Ar-\nchive der musicalischen Literatur niederzulegen.\nEine nähere Betrachtung derselben behalten wir\nuns vor.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-04-28-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-04-28_01#c003", "volume": "bmtnabi_1860-04-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "139", "page_fin": "140", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.2.3", "titre_corps": "Franz Joseph Messer, Musik-Director in Frankfurt am Main, geboren den 21. Juli 1811, gestorben den 9. April 1860.", "titre_sommaire": "Franz Joseph Messer, Musik-Director in Frankfurt am Main, geboren den 21. Juli 1811, gestorben den 9. 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Hier und bei einem benachbarten\nPfarrer empfing er den ersten Unterricht im Gesänge, Cla-\nvier- und Orgelspiel, so wie im Generalbass, und machte\nso rasche Fortschritte, dass er, der Eilfjährige, durch sein\nSpiel in einem Concerte die Unterstützung des Herzogs ge-\nwann. Schelble, der hochverehrte, als Sänger wie als\nGlavierspieler und Lehrer gleich ausgezeichnete Gründer\ndes Cäcilien-Vereins in Frankfurt (seit 1818), wurde auf\nden Gesang und das Spiel des Knaben aufmerksam und\nerwirkte ihm die reichliche Unterstützung angesehener Mit-\nglieder des Vereins. So kam Messer 1826 zu Schelble\nnach Frankfurt und bildete sein wunderbares Talent an\nseinem grossen Meister, mit dem er mehrere Jahre hin-\ndurch wie ein Sohn verkehrte. Jugendliches Ungestüm trieb\nihn unbedacht in die Welt; er führte nun ein unstätes\nWanderleben in Mainz, Coblenz und in verschiedenen klei-\nneren Städten Thüringens u. s. w. als Sänger, Dirigent,\nConcertgeber. Militärische Pflichten, denen er aber durch\nBegünstigung bald enthoben wurde, riefen ihn zurück, und\nnun fixirte er sich in Mainz, zunächst als Director des Män-\nnergesang-Vereins „Liedertafel\", dann auch eines Damen-\ngesang-Vereins, den er gründete. Auch die grossen Musik-\nfeste der Jahre 1835 und 18-37 wurden von ihm ins Le-\nben gerufen, und sein Directions-Talent fand weithin laute\nAnerkennung. So kam es denn, dass nach Schelble's Tode\n(1837) der Vorstand des Cäcilien-Vereins diesen seinen\nSchüler zur Leitung desselben berief. Die Wahl hätte nicht\nglücklicher getroffen werden können; denn Messer, wenn\nauch ein volles Jahrzehend in ganz anderen Kreisen umher-\ngeworfen, hatte doch den ihm angeborenen Sinn für da»\nwahrhaft Grosse und Edle in der Musik unter Schelble's\nmächtiger Einwirkung zu sicher ausgebildet, als dass er\nbei günstigen Verhältnissen nicht wieder dem Höchsten in\nseiner Kunst sich hätte zuwenden sollen. Mit Begeisterung\nergriff er, als ihn das Jahr 1840 an die Spitze des Vereins\nstellte, der in seiner Erinnerung stets als Ideal fortgelebt\nhatte, seine Aufgabe, und gerade die lange Entbehrung\nhatte sein Verlangen nach Grossem und Bleibendem nur\nnoch mehr gesteigert. Auch der Umstand, dass der Verein\nnicht mehr die alle Energie besass und Manche mit Miss-\ntrauen ihm entgegenkamen, spornte ihn, der sich seiner\nKraft und Tüchtigkeit vollkommen bewusst war, nur zu\nreicherer Entfaltung dessen, was in seinem Geiste und Her-\nzen lebte. Schon nach zwei Jahren konnte er die Matthäus-\nPassion wieder aufs vollständigste hinstellen, und durfte es\nsogar wagen, seinem verehrten Meister im Vortrage der\nPartie des Evangelisten nachzufolgen. Was er damals durch\nseinen Gesang wirkte, gelang ihm später, als sein Halsübel\nihm den eigenen Vortrag versagte, durch Wort und mei-\nsterhaftes Spiel. Zwanzig Jahre seiner besten Kraft hat er\ndem Cäcilien-Vereine gewidmet, und die Frucht seines\nrastlosen Strebens ist es, dass dieser jetzt in der ersten\nReihe der Oratorien-Vereine unseres Vaterlandes seine\nStelle hat. Neben den meisten Oratorien Händel's und den\nMotetten und der Matthäus-Passion Bach's ist des letzteren\nH-moll-Messe und W'eihnachts-Oratorium durch ihn beim\nVereine eingebürgert worden, der Haupt-Chorwerke Mo-\nzart's, Haydn's, Gherubini's, Beethoven's und unter den\nNeueren Mendelssohn's nicht zu gedenken. Ausserdem lei-\ntete Messer seit einer Reihe von Jahren den philharmoni-\nschen Instrumental-Verein und die zehn jährlichen Mu-\nseums-Concerte, bei denen das Theater-Orchester mitzu-\nwirken verpflichtet ist. Dass er auch hier Meister war, das\nkann Niemand mit Grund läugnen. Die Stadt hat ihm in\nAnerkennung seiner grossen Verdienste um das hiesige\nmusicalische Leben bis in die Schulen hinein mit dem Bür-\ngerrechte den Titel eines Musik-Directors vor wenigen Jah-\nren verliehen. Messer war gross als Sänger und Gesang-\nlehrer, als Glavierspieler und -Lehrer, als Dirigent nach\njeder Richtung hin. Als Componist ist er selbst wenig her-\nvorgetreten. Seine Compositionen: Lieder, Duette und Quar-\ntette, Hymnen für Gesang, Ouvertüren, Violin-Quartette,\neine Sinfonie, meist noch ungedruckt, sind klar und edel,\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1403, "texte": "in der Form rein und interessant, ohne auf Originalität\nAnspruch zu machen; er hat sich mit ihnen, auch in sei-\nnem Vereine, nie hervorgedrängt. Eine durch und durch\nedle,, feinfühlende, poetische Natur, gebildet an den tiefsten\nWerken der grossen Meister, jede Gattung nach ihrem\nWerthe und ihrem Kreise schätzend, hat er stets der Wahr-\nheit im Reiche seiner Kunst gedient und über alles bloss\nGemachte und nicht wirklich Empfundene, AfTectirte und\nFrivole unerbittlich den Stab gebrochen. Der Vorwurf der\n„Bachomanie\" würde hier belacht worden sein, wenn er\nnicht dem sterbenden Meister gegenüber empört hätte.\nDie tiefe Trauer, die sich in allen Kreisen bei seinem Tode\nkund gab, und die feierliche Bestattung, die dem Hinge-\nschiedenen zu Theil ward, gaben das beste Zeugniss, wie\nihn die Stadt ehrte, in der er so Grosses, Unvergängliches\nwirkte. Sein Cäcilien-Verein hat am 18. d. Mts., zur ge-\nwöhnlichen Stunde der Uebungen, sein Gedächtniss wür-\ndig und herzlich gefeiert. Das von ihm zuletzt für den\nVerein compönirte „Auferstehen\" und das Mozart'sche\nRequiem, das er zuletzt dirigirte, wurden von einem Chor\nvon mehr als 200 Stimmen voll Weihe und innerer Er-\nhebung gesungen und dazwischen von einem älteren Mit-\ngliede in längerem, warmem und gediegenem Vortrage\ndas Leben und Wirken des theuren Hingeschiedenen ge-\nschildert. Möge dem Vereine recht bald ein würdiger\nErsatz werden!\n\n--nn."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-04-28-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-04-28_01#c004", "volume": "bmtnabi_1860-04-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "140", "page_fin": "142", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.2.4", "titre_corps": "Stoppellese auf dem Felde eines angehenden Aesthetikers.", "titre_sommaire": "Stoppellese auf dem Felde eines angehenden Aesthetikers.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.4", "debut_caractere": 1405, "fin_caractere_exclue": 5247, "texte": "Stoppellese auf dem Felde eines angehenden\nAesthetikers.\nEinem Schriftchen: „W.A.Mozart. Ein Beitrag zur\nAesthetik der Tonkunst. Von Dr. Ludwig Nohl. Heidel-\nberg, bei Bangel und Schmitt. 1860\" (82 S. in B.),—das\nuns ein Kunstfreund und warmer Verehrer Beethoven's so\neben mittheilt, können wir nur die Bedeutung eines Cu-\nriosurns zuerkennen, obgleich wir dem geschätzten Herrn\nEinsender beipflichten, wenn er uns schreibt: „WennMo-\nzart auf Kosten Beethoven's emporgehoben wird, so wird\ndadurch natürlich bei den Bewunderern Beethoven's ein\nsehr peinliches Gelühl hervorgerufen, ja, ihrer innersten\nReligion ein grosses Aergerniss gegeben.\" Dass aber bei\nder Schwäche der menschlichen Natur sich eine Reaction\nerzeugen könne, die sich gegen die Verehrung Mozart's\nkehren dürfte, befürchten wir weniger, da ja das Verhält-\nniss Mozart's zu Beethoven längst festgestellt und in Dr.\nNohl's Schriftchen durchaus nichts neu ist, als die unglaub-\nliche Thatsache, dass heutzutage noch ein Nachfolger Uli-\nbischeff s ersteht, der diesen in der Verkennung Beetho-\nven's noch überbietet.\nFreilich, wer nach O. Jahn's vier Bänden „W. A.\nMozart\" dasselbe Thema noch einmal auf 82 Seiten be-\nhandelt, muss zu einer pikanten Würze greifen, um sich\ngeniessbar zu machen oder wenigstens zu reizen. Daher\ndenn der Entschluss, auf Kosten Beethoven's sich die ästhe-\ntischen Sporen zu verdienen! Es wird aber genügen, die\nArt und Weise, wie das geschieht, durch eine Stoppellese\naul diesem vertrockneten Saatfelde, dem eine neue Wür-\ndigung Mozart's entkeimen sollte, zu charakterisiren; einer\nWiderlegung bedarf es nicht bei Urtheilen, welche der\nNullität und Cassation verfallen, sobald sie bekannt werden.\nUebrigens ist Herr Dr. Nohl weder durch Ulibischeff's.,\nnoch durch Jahn's Mozart befriedigt; der Letztere schreibt\nihm nicht gefällig genug, und der Erstere „reicht in den\nletzten Dingen überall nicht aus\". Und unmittelbar darauf\nheisst es: „Es fehlt in diesem Felde (?) an einem Werke,\ndas, wie Göthe's Biographie von Lewes, sich wie ein Ro-\nman läse, ohne wie Heribert Rau's neues Buch wirklich\nein Roman zu sein.\"\nSollte Herr Nohl uns durch sein gegenwärtiges Schrift-\nchen eine Aussicht auf Abhülfe dieses Mangels durch ihn\nselbst haben eröffnen wollen? Eine folgende Stelle scheint\nindess anzudeuten, dass es fürs Erste nur auf eine Habili-\ntirung zu Vorlesungen abgesehen ist; denn Herr Nohl sagt:\n„Die Behandlungsweise des vorliegenden .Gegenstandes\n(also Mozart's!) auf Universitäten wird um so viel besser\nsein, als sie die Phantasie und vor Allem die Empfindung\naufs tiefste erregt. Sie wird nur dann den richtigen Punkt\ngetroffen haben, wenn der junge Mann sich getrieben fühlt,\nvon dem Worte und den Büchern über Musik zu den gros-\nsen Tonwerken selbst zu eilen.\" (!)— Er erwartet Dinge, die\nein phantastisches, mit philosophischen Brocken gespicktes\nKunstgeschwätz niemals zuwege bringen wird. Oder glaubt\ner wirklich, dass seine physiognomische Analyse des Por-\nvon Mozart, namentlich die Beschreibung seiner Nase,\n„die nicht, wie bei Beethoven, durch einen tiefen Einschnitt\nvon der Stirn getrennt war, so dass der Sitz des Denkens\nvon dem Organ des sinnlichen Spürens losgelös't wäre\",—\noder dass seine Charakteristik der vierhändigen Fuge in\nF-moll als Beispiel „einer religiösen Stimmung\", als „ein\nBussgang, so wie ihn Gretchen macht in der Angst ihrer\nSeele\" (S. 42), oder dass die empörende Pikanterie:\n„Das Es-dur beim Auftreten der Elvira bezeichnet die\nvorherrschende Sinnlichkeit so verschmerzt es sich leich-\nter, wenn der Undankbare sie verlässt und das wie-\nderkehrende Es-dur in der zweiten Arie spricht unver-\nhohlen aus, was es ist, das dem armen Mädchen\nfehlt; es ist weniger das Herz, als die Sinne, die den\nTreulosen geliebt haben\" (!) glaubt also Herr Nohl\nwirklich, dass diese Behandlung der musicalischen Aesthe-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5303, "texte": "lik den jungen Studiosus „von dem Worte zu den Wer-\nken'- treiben werde??\nDoch zu Beethoven. Dass seine Nase gegen die\nMozart'sche zurücksteht, haben wir gesehen; denn diese\nletztere deutet unter Anderem mit „ihrer Spitze, die wie-\nder vordrängt, auf ein Eindringen in das Objective, das er\nwie kein anderer Musiker hat.\" (S. 15.) Auch hat Mozart\n„zum guten Glücke nicht das Mehr von cholerischem Feuer,\ndas Beethoven beim geringsten Anlass übermässig zornig\nwerden liess und, was schlimmer ist, ihn fortwährend zum\nHandeln, zum Einwirken auf die Welt, also (?) aus den\nGränzen der Kunst heraustreibt.\" (!)\n„Bach und Händel waren fest im Glauben. Sie glaub-\nten, dass Christus Gottes Sohn und gekommen sei, die\nWelt zu erlösen (S. 21).—-Haydn war noch kirchenfromm,\naber wie ein Kind; er untersuchte nicht den Inhalt seiner\nReligion, aber er kümmerte sich auch im Grunde nicht\nviel darum (S. 27).—-Mozart ging ebenlalls noch zur Kir-\nche, aber man kann nicht sagen, dass seine Andacht mit\nder damaligen Kirche in besonderer Verbindung gestanden\nhätte; es war mehr blosse Natur-Andacht (S. 29). Erst er\nwar Irei von der bestehenden Religion, die dem Menschen\ndie Sinne band—aber auch frei von dem Sehnen, das die\nZeil nach ihm erfüllte und die Menschen wiederum band\"\n(S. 31).\n„Beethoven war die bisherige Religion ganz fremd, er\nging nicht einmal mehr zur Kirche, wie Mozart es noch\naus Gewohnheit gethan. Er bezeichnet das Sehnen der\nWelt nach einem neuen Inhalte. Er ist tief und gross\naber mit Trauer sieht man die schönen Gestalten, die der\ngöttliche Mozart so eben für die Musik gewonnen, wieder\nschwinden und statt herrlicher, schöner Menschen Wesen\nhervortreten, die nicht Fleisch noch Bein haben, sondern\nwie Schemen einherschweben. Es tritt ein Ueberschuss\nvon Geist ein, der das Gefühl für reine Schönheit so sehr\nbeleidigt\" (S. 31).\n„Beethoven wird es im eigentlichen Sinne zuweilen in\nseinen Gränzen zu enge, d. h. wenn man annehmen\nwill, dass ihm die Sphäre der Musik von der Natur an-\ngewiesen war. (!!) Er scheint, wie Schiller, zum Philoso-\nphen oder zum Staatsmanne (!) mehr berufen, als zur Kunst.\nAber da seine Zeit kein öffentliches Leben kannte, worin\nsich der Mann zum Manne entwickeln konnte, da er alle\nseine Tage im engen Kreise des Privatlebens versitzen\nmusste, so blieb ihm nichts übrig, als zu geistigen\nThaten zu greifen\" (S. 35, 36).\nDiese Erklärung der Beethoven'schen Tonschöpfun-\ngen setzt dem ganzen abgeschmackten Raisonnement die\nKrone auf. Ach lieber Herr Dr. Nohl, wenn allen denen,\ndie ihre Tage oder ihre Inexpressibles auf den Bänken oder\n<•\nden Kathedern im Kreise des Privatlebens absitzen müssen,\nnichts übrig bliebe als geistige Thaten Beethoven,\ndann wäre Genie und Kunstlehre noch weit überflüssiger,\nals jetzt ihre Broschüre! —Doch weiter!\n„Von Mozart's Phantasie in hat Beethoven für\nseine Ciaviersachen viel gelernt, aber nicht in Bezug auf\nSchönheit. Unzweifelhaft ist der Ideengehalt seiner Ciavier-\nSonaten, die mit Recht ein unerschöpflicher Born der Poesie\nheissen, weit grösser, als der der Mozart'schen. Aber eben\ndieser überschüssige Gehalt verhindert, besonders in den\nAdagio's (?), gar oft die klare Uebersichtlichkeit und freie\nBewegung, es wird ein gewisser Holzton nicht ganz\nü berw unden, es kommt nicht zum reinen Klingen. An-\ndererseils treibt die Macht seines Geistes ihn gerade hier\nzum ersten Male in auflallender Weise über die Gränzen\nseiner Kunst hinaus; wir meinen das bereits genannte Re-\ncitativ in der Sonate Op. 31, Nr. 2. Der leidenschaftliche\nDrang seiner Empfindung lässt ihm keine Ruhe, er will\ndurchaus „ „sprechen\"er muss sich verständlich machen.\nDa das Mittel aber, zu dem er greift, nur der Schein der\nwirklichen Rede ist, nur eine Erinnerung, dass dramatische\nWorte von der Musik in dieser Weise begleitet zu werden\npflegen, so tritt an solchen Stellen das gerade Gegentheil\nvon dem ein, was beabsichtigt wurde; der volle Strom der\nreinen Empfindung ist unterbrochen, und das Höhere, was\nuns dafür entschädigen sollte, die deutliche, klare Sprache\ndes Geistes, erscheint nicht, da nicht wirkliche, von der\nMusik nur beseelte und erhöhte Worte kommen, sondern\nder leere Schein derselben, die nüchterne Allegorie. So\nsind wir wie mit kaltem Wasser Übergossen, und alle Mühe,\ndie sich manche Ciavierspieler geben, möglichst viel Aus-\ndruck in eine solche Stelle zu legen, enthüllt nur um so\nmehr, dass hier recht eigentlich ein musicalischer Inhalt\nfehlt\" (S. 47).\n„Beethoven's Gestalten schweben wie Max und Thekla\nin ewiger Kühle\" (S. 50).\n„Bis zur vollen Persönlichkeit, die frei einiierwandelt,\nauf eigenen Füssen, ohne Anhalt, hat Beethoven selbst\nLeonore, „ „die edelste der Frauen\" \", nicht zu bringen\nvermocht; selbst diese, in manchem Punkte so schön ge-\nzeichnete Figur lehnt sich noch so an das Orchester an,\nwie etwa die Figuren des Haut-vean die Marmorwand ;\nsie möchten hervortreten und frei handelnd dastehen, aber\nsie können nicht, ihre Existenz, ihre Bewegungen sind an\netwas Fremdes gebunden: eine Art Pflanzenleben.\n—lm Fidelio liegt der Schwerpunkt so sehr im Orchester,\ndass man den grössten Theil dieser Oper durchaus mit ge-\nschlossenen Äugen zu hören vermag, ohne ein Bedürfniss\nzu bekommen, auf die Bühne zu schauen; denn überall,\nwo die Musik wirklich schön ist, ist sie ein blosser lyrischer"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2472, "texte": "Erguss, der nicht unbedingt gerade zu der Situation ge-\nhört, die auf der Bühne vor sich geht. Und wo die Mu-\nsik mit der Handlung geht, hat sie.einen Holz-\nton, etwas Hohles*), und sitzt niemals so dem Worte\nund der Thal auf dem Leibe fest gegossen, wie die Mo-\nzart'sche. Selbst in den Stücken, die am meisten dramati-\nsches Leben haben, kommen leere Stellen vor, dunkle\nPunkte, wo Licht und Klang nachlässt oder gar ganz auf-\nhört; es reisst ihm gar oft die Schnur, an die Mozart mit\nsolcher Sicherheit von Anfang bis zu Ende Alles anreiht,\nund selbst die schönsten Einzelheiten, das unendlich frohe\nAufjauchzen der Seele, das eine Beethoven'sche Melodie\nin jedem Zuhörer hervorruft, vermögen nicht, für diesen\nMangel zu entschädigen. Sogar das Duett: „0 namen-,\nnamenlose Freude\", das im Schwünge seiner Empfindung\nkaum seines Gleichen hat, hat etwas von jenem wenn\nman als Beispiel dagegen hält, wie Belmonte und Con-\nstanze ihre Wiedervereinigung heraussingen. Und doch ist\ndies bei Weitem keine der besten Compositionen Mozart s;\nsie hat zu viel Bravour, wie die der Constanze;\naber einzelne Stellen sind von einer Wahrheit, ja, von einer\nGluth der Empfindung, dass Fidelio und Elorestan dage-\ngen höchstens Eischbl ut in den Adern zu haben\nscheinen\" (S. 55).\nDoch wir brechen ab und übergehen, so ergötzlich\nsie auch sind, die Beweise gegen Schiller's und Beethoven's\nAnhänglichkeit an die Fraterniteder Revolution, weil Je-\nner gesungen: „Seid umschlungen, Millionen!\" und Dieser:\n„Es liebt der Bruder seine Brüder!\" die Zusammenstel-\nlung des Chors der Gefangenen und ihrer „Freiheit!\" mit\ndem Viva la libertä!im Don Juan die Belehrung, dass\ndie Phantasie-Sonate in Cis-mollkein Erzeugriiss wirklicher\nLiebe, sondern nur „ein Brief an Giulietta ist, den er ihr\nschreibt, um sie zu trösten durch ruhiges Zureden im\nAdagio (!), sie zu erquicken durch die Zärtlichkeit des Al-\nlegretto\" u. s. w. (S. 56) und machen unsere Leser nur\nnoch mit der Prophezeiung (S. 82) bekannt, dass „vielleicht\nschon nach hundert Jahren nur der Forscher in der Kunst-\ngeschichte nach Beethoven und seinen Werken fragen wird,\nwährend Mozart, wie jetzt schon Raphael, in Aller Herzen\nleben wird.\" Arme Zukunftsmusiker! was wird dann\nvollends aus euch werden?\n*) Wer so etwas dem Duett zwischen Pizarro und Rocco, dem\nGrab-Duett, dem Terzett und dem Quartett im Kerker gegen-\nüber schreiben kann, der ist entweder musicalisch unzurech-\nnungsfähig oder will durch Frechheit Effect machen!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-04-28-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-04-28_01#c005", "volume": "bmtnabi_1860-04-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "142", "page_fin": "144", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.2.5", "titre_corps": "Ueber Quartettspiel.", "titre_sommaire": "Ueber Quartettspiel.", "signature_source": "A. Schindler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.6", "debut_caractere": 2474, "fin_caractere_exclue": 5854, "texte": "Ueber Quartettspiel.\n\nFrankfurt am Main, 21. April 18G*1.\n„Die ein, zwei und drei Mal gesagte Wahrheit hat fast\ngar keine Wirkung; hundert Mal muss sie ge-\nsagt werden. Und auch das ist nicht genug; die\nWahrheit muss nicht nur oft geeagt werden, in ver-\nschiedenen Gestalten wiederholt, sie muss auch am\nrechten Orte und zu rechter Zeit gesagt\nwerden. (W. Monatschrift, Deeember-Heft, 1855.)\nDer zweite Cyklus unserer Quartette ist nun mit der vierten\nSitzung geschlossen. Die Theilnahme des Publicums ist sich gleich\ngeblieben; jeder Abend sah den Saal im Holländischen Hofe gefüllt\nund die Hunderte von Zuhörern mit gespannter Aufmerksamkeit den\nVorträgen folgen. Zur Ausführung sind gekommen:\nAm 25. Februar: die Quartette in D-moll von Spohr (Op. 84) und\nD-dur von Mozart, dann, „auf Verlangen\" aus dem ersten Cyklus\nwiederholt, das Quintett in C-dur von Franz Schubert.\nAm 10. März: die Quartette in G-moll von Fr. Messer (Manu-\nscript), in G-dur von Haydn (Op. 64) und in C-dur von Beethoven\n(Op. 59).\nAm 27. März: die Quartette in A-moll von Fr. Schubert, in B-\nclur von Beethoven (Op. 18), nebst dem Geigen-Trio in Es-dur (in\nsechs Sätzen) von Mozart.\nAm 12. April endlich : die Quartette in G-moll von Haydn (Op.\n74), in F-moll von Beethoven (Op. 95), nebst dem Octett in Es-dur\nvon Mendelssohn (mit Beiwirkung der Herren K. Becker, Dietz,\nStamm und G. Becker).\nVorab erheischt es die Pflicht der Kritik, der Leistungen der\nVereinsgenossen, Stein (zweite Violine), Weleker (Viola) und\nBrinkmann (Violoncell) zu erwähnen. Wer da bedenkt, welche\nAufgabe im Quartett den beiden Mittelstimmen und ganz besonders\ndem Violoncell gestellt ist, welche bescheidene Unterordnung (im\nAllgemeinen) von Ersterjm, und welch mächtiges, bisweilen imponi-\nrendes Hervortreten vom Basse gefordert wird, der fand fast bei je-\ndem Satze Gelegenheit, sich über das rechte Maass künstlerischer\nWeisheit Seitens dieser Herren zu freuen. Und war diese Haupt-\nIngredienz im Vortrage vorhanden, so wird es leicht begreiflich, dass\ndie Anforderungen an reine Intonation, schulgerechte Anwendung des\nBogens, aber auch an richtige Betonung kaum etwas zu wünschen\nübrig gelassen. Der Alte, der diese Zeilen niederschreibt, der selber\nüber dreissig Jahre das Quartettspiel cultivirt und in der classischen\nEpoche das Höchste gehört, was darin geleistet worden, er wüsste\nan den Leistungen dieser drei Jungen nichts Bemerkenswertes aus-\nzusetzen, was um so höher anzuschlagen, als ihnen sowohl nach\nder technischen wie auch ästhetischen Seite hin durch die bis-\nweilen genommenen Tempi kaum zu lösende Käthsel aufgegeben wa-\nren, welche Schuld jedoch nicht auf ihre Rechnung zu stehen\nkommt.\nInsbesondere fühle ich mich verpflichtet, die Musikwelt auf Herrn\nBrinkmann aufmerksam zu machen. Es will mir scheinen, dass\ndiesem auf dem classischen Boden der Wissenschaften nicht minder\ngebildeten Künstler eine schöne Zukunft bevorsteht, und zwar auch\nnach der Seite des Concertisten hin. Er scheint überhaupt berufen,\nder guten Musik als kräftige Stütze dienen zu sollen. Möge er\ndarum stets ein wachsames Auge haben, um nicht auf dem grossen\nMarkte der Virtuosen-Schwindeleien mit in den Strudel gezogen zu\nwerden.\nMit Beginn des zweiten Cyklus war allen Wahrnehmungen nach\nein wesentlich anderer, besserer Geist in den Saal eingezogen, der\nvon der sehr kleinen Zahl vona Sachkennern freudig begrüsst wor-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8057, "texte": "den. Es schien, als habe Herr Straus alle seine im ersten Cyklus\nfortan Preis gegebenen Irrthümer abgeschüttelt und sollten wir\nfernerhin mit allen im Quartettspiel verpönten Virtuosen-Manieren,\nderen in unseren früheren Berichten bereits ausführliche Erwähnung\ngethan worden*), verschont bleiben. Dieser bessere Geist wirkte so-\ngar bis auf Verstärkung des angewandten Colorits. Dass jedoch\ndiese Aenderung der Dinge die Polge unserer kritischen Bemerkun-\ngen gewesen, wird sich ein Fachmann nicht einbilden, der den auto-\nnomen Charakter des modernen Virtuosenthums kennt, dem lediglich\nder äussere Erfolg Lehrer und Richter zugleich ist. Wäre der\nVerfasser auch einen Augenblick von der Eitelkeit verblendet gewe-\nsen, es könne diese Umkehr zum Besseren doch die Folge seiner\nvon Wohlwollen zeugenden Ermahnungen sein, so hätte ihm Herr\nStraus persönlich bald nach der ersten Sitzung jede Illusion benom-\nmen. Dem sei jedoch, wie immer, so muss constatirt werden, dass\nHerr Straus sowohl in der ersten wie auch in der zweiten Sitzung\neine musterhafte Haltung bewiesen hat. Mit rühmenswerther Mässi-\ngung hat er das vom Componisten vorgeschriebene Tempo bei jedem\nSatze der zur Ausführung gekommenen sechs Werke ergriffen und\ndurchgeführt; mit eben so rühmenswerther Consequenz hat er allen\nGelüsten nach Anwendung verpönter Stricharten widerstanden, wozu\nallein schon das Mozart'sche Quartett in D-dur viele Gelegenheit\nbieten konnte. Jedoch „der Vogel lässt das Waldgeschrei nicht\", und\nein fixfertiger Virtuose entsagt den durch grosse Mühe sich ange-\neigneten Kunststücken und Manieren auf die Länge der Zeit auch\nnicht, warnte ihn selbst eine innere Stimme.\nEine Ueberraschung solcher Art hat uns Herr Straus in der drit-\nten Sitzung bereitet. Nachdem das Schubert'sche Quartett mit fast\nweinerlicher Sentimentalität im ersten Satze, in den anderen Sätzen\ndurchweg mit viel zu weicher Färbung zu Gehör gebracht worden,\nund nachdem das darauf gefolgte Mozart'sche Trio hingegen, mit\nEnergie und lobenswerthem Verständnisse in allen Sätzen vorgetra-\ngen, die Versammlung wahrhaft elektrisirt hatte, kam das Beethe-\nven'sehe Quartett in B-dur an die Reihe. Dieses Werk schien aus-\nersehen zu sein, den Herrn Concertmeister für seine bisher bewiesene\nEnthaltsamkeit entschädigen zu sollen. Im Tempo Furioso ward der\nerste Satz abgejagt, sämmtliche abzustossende Tonleitergänge er-\nfreuten sich der Anwendung des springenden Bogens in staunens-\nwerter Force, indess die Mitglieder den Regeln der Schule getreu\nblieben. Der Effect dieses Kunststückes war f oudro yant. (Wir\nDeutschen haben für dergleichen Effecte kein richtig bezeichnendes\nAdjectiv.) Dagegen war das Adagio schön und würdig gehalten, auch\nvortrefflich nuancirt Anticipiren wir zur Stelle die Einleitung zum\nvierten Satze, „La Malinconia*, als nicht minder mit richtigem Ver-\nständnisse gegeben, so muss die Ausführung des Scherzo „Allegrou\nund des „Allegrelto quasi Allegroa (4. Satz) in die Rubrik des Vir-\ntuosen-Unfugs gestellt werden. Alle die wirkungsvollen Synkopen\nim Scherzo, die schon ihrer Natur nach eine gewisse Zeitdauer er-\nfordern, mussten in der Sturmflut nothwendiger Weise untergehen.\nSchuppanzigh, allenfalls Zeuge dieser Raserei, würde an\nHerrn Straus die Frnge gerichtet haben: Erkennen Sie denn nicht,\ndass in diesen Synkopen ein wesentlicher Theil des dem Satze inne-\nwohnenden Charakteristischen liegt, diese daher eine gemessene Zeit-\ndauer haben sollen, abgesehen davon, dass deren richtige Beachtung\nden Spielern die Möglichkeit bietet, die vielen sf im Sinne der Com-\nposition auszudrücken, wodurch das gemüthlich schalkhafte Wesen\ndes Satzes erst an die Oberfläche gebracht werden kann? Der sprin-\ngende Bogen hierbei ist pur eitle Futschelei, wenn auch eine mei-\nsterliche. Zur Sühne des in seinem Werke tief gekränkten Autors\nwürde wohl aber der unübertroffene Meister des Quartettspiels, der\nZögling von Haydn und Beethoven, nach Anhörung des vierten\nSatzes, darin der springende Bogen abermals einen foudroyanten\nEffect gemacht, auf eine mehrtägige Freiheitsstrafe erkannt haben,\ndenn ein Kunstgebot lautet: Du sollst ein geheiligtes Tonwerk nicht\nmuthwillig verderben\nHerr Straus wendet ein, dass ein anhaltendes Detachd, nach der\nRegel ausgeführt, den Arm sehr ermüdet. Das ist wahr, aber bei\nLeibe kein Grund zu schädlichem Missbrauche des Bogens im Quar-\ntett. Von einigen Koryphäen des Violinspiels in früherer Epoche ist\nbekannt, dass sie Kräftigung ihres rechten Armes auf mannigfache\nWeise zu erreichen versucht haben; der Eine, indem er seine Stu-\ndien häufig in einem mit Möbeln und Bildern angefüllten Locale\nvorgenommen, der Andere, indem er sich in einer vollgepfropften\nScheune geübt, ein Dritter wieder, indem er recht oft die Kegelbahn\nbesucht. Letzteres hat auch May seder gethan. Der kleine, schwäch-\nlich aussehende Mann war im Stande, die schwersten Kugeln hinaus\nzu werfen und mit dieser gymnastischen Uebung Stunden lang fort-\nzufahren. Was war ihm dagegen sein schwerer Geigenbogen, selbst\nbei der stärksten Bespannung des Instrumentes! Kein Wunder, dass\ndie Sehnen seines Armes so gestählt waren, dass er mit seinem Tone\nsogar den ungeheuren Raum der kaiserlichen Reitschule mit Leich-\ntigkeit ausfüllen konnte. Die alten Wiener mögen sich nur an die\nArie mit obligater Violine in Naumann's „Vater unser\" (1817 oder\n1818) erinnern. Was möchte wohl im gedachten Räume von diesem\nund jenem Violinspieler der Gegenwart mit seinem mit Butter oder\nPomade bestrichenen Bogen (dazu noch leicht wie ein Federkiel!)\nzu hören sein ?\nVon unseren kritischen Verhandlungen hat auch die Deutsche\nMusik-Zeitung (Wien) in Nr. 9 Notiz genommen. Sie erklärt sich\nim Punkte der übermässigen Anwendung des springenden Bogens ein-\nverstanden, jedoch mit einer Beschränkung, z. B. das angeführte\nMotiv aus dem Allegretto des Beethoven'schen F-dur-Quartettes,\nOp. 59, lasse sich ihrer Ueberzeugung nach im Piano nicht anders\ngeben, als mit springendem Bogen. Der diese Worte dort ausge-\nsprochen, hat seine Ueberzeugung offenbar aus der Praxis unserer\nZeit geschöpft; es ist ihm unbekannt geblieben, dass die classische\nEpoche von jener Strichart nichts gewusst, dass selbe ihre Erfindung\nerst Herrn de Beriot verdankt, dessen Schüler H a u man n, Vieux-\ntemps, Therese Milanollo und Andere noch sie weiter ver-\nbreitet und beide Letztgenannte sie auch im Quartett eingeführt ha-\nben. Es wird dem jungen Kritiker in der Deutschen Musik-Zeitung\nein Leichtes sein, sich bei alten Musikern der Kaiserstadt, die\nSchuppanzigh (f 1830) gehört haben, diesfalls zu erkundigen, viel-\nleicht bei Professor Joseph Böhm, der beigehend bemi rkt\ndem Unterzeichneten seine volle Zustimmung in Betreff unseres\nGegenstandes übermittelt hat. Diese Alten werden ihm sagen, dass\nder springende Bogen gerade im Piano am allerunnöthigsten, aber\nauch am allerabscheulichsten ist versteht sich im Quartett. Wenn\ndie geigende Jugend eine derlei „Ueberzeugung\" in einem Fachblatte\nlics't, so wird sie um so mehr angeeifert, bei der falschen Anwen-\ndung des Bogens zu verharren. Es steht uns vielleicht gar noch die\nUeberraschung bevor, den springenden Bogen auch in der Sinfonie\nsein Unwesen treiben zu sehen, und wahrlich, der vierte Satz den\nSinfonie in B-dur, der Dur-Satz im Scherzo der in C-moll, die Pro-\nmetheus-Ouvertüre, aber auch Theile aus Werken der anderen Clas-\nsiker miissten einen diabolischen Effect hervorbringen.\nNun sei es gestattet, Allgemeineres, unserem Gegenstande Ange-\nhörendes, zu berühren\nEs ist schon in Beethoven's Lebenstagen beklagt worden, wie\nderselbe durch die Tempo-Bezeichnung einzelner Sätze in den Quar-\ntetten und Ciavierwerken, dessgleichen durch die Profusion der Vor-\ntragszeichen in seinen letzten Schöpfungen) sowohl\nrichtige Auffassung als auch Ausführung erschwert habe. Der Grund\nhiervon dürfte nur in dem Ueberinaasse von Sorgfalt für das\nRichtige nach beiden Seiten hin zu suchen sein. Im „musicalischen\nTheile* der dritten Ausgabe seiner Biographie habe ich diesem wich-\n\n*) Siebe Nr. 49 im vorigen und Nr. 8 in diesem Jahrgange."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3932, "texte": "logen Punkte besondere Aufmerksamkeit gewidmet, und erinnere nur\nan das 11., S. 246, Bemerkte, wie Marx J824 in seiner kritischen\nBesprechung der Js-ffar-Sonate, Op. 110, erkannt hat, dass deren\nerster Satz mit Adagio, nicht mit Moderato, wie Beethoven geschrie-\nben, zu bezeichnen sei. Der Meister schien das Richtigere seines\nKritikers eingesehen zu haben, Mit Schuppanzigh, der im Laufe der\nEpoche sich zu einer hohen Autorität in Vortragssachen erhoben\nhatte, gab es in diesem Punkte mit Beethoven nicht selten Streit;\nda indess der Meister den öffentlichen Quartett-Vorträgen 'schon um\ndie Mitte seiner Epoche selten, die letzten Jahre gar nicht mehr\nbeigewohnt hatte, so konnten die Herren Quartettisten in streitigen\nFällen stets ihre Ansicht zur Geltung bringen. Halten wir uns\nin diesem Falle lediglich an das Quartett in F-moll, Op. 95 (aus\ndem Jahre 1814), das von Herrn Straus und Genossen in der letzten\nSitzung zur Ausführung gekommen ist. Der dritte Satz trägt die\nUeberschrift: Allcgro assai vivace, ma scrioso. Wenn der Begriff von\nErnst in der künstlerischen Darstellung den Begriff von Würde\nstets oder doch zumeist involvirt, so erscheinen in dieser Ueberschrift\ndie Worte „assai vivaceÄ als am unrechten Orte, daher den Haupt-\nbegriff beeinträchtigend. Wenn man sieht, dass fast alle Tempo-Be-\nzeichnungen in den classisclien Werken der Instrumental-Musik in\nunseren Tagen ihre Geltung verloren, so wollen wir uns nicht ver-\nwundern, dass dieser dritte Satz von unserem Vereine in ein Staub\naufwirbelndes Presto umgewandelt worden, wobei natürlich von einem\nSerioso nichts bemerkt werden konnte. Die auf gleicher Höhe ste-\nhenden Intervalle konnten nicht zum Ausdruck gebracht werden\nSchon der erste Tact und so fort war zu hören:\nDie Viola allein trotzte dem Presto und blieb keinen Ton schuldig.\nDer vierte Satz dieses von den Quartett-Vereinen leider allgemein\nin den Hintergrund gestellten Werkes hat die befremdende Ueber-\nschrift: Allegretto agitato. Wenn Haydn und Mozart einen Satz mit\nAllegretto überschreiben, so ist damit nicht nur dessen Bewegung,\nsondern auch seine Charakteristik aufs unzweideutigste angegeben,\ndaher es für kundige Spieler des weiteren Prüfens gar nicht bedarf.\nWir wissen, dass wir es mit einer heiteren Musik zu thun haben,\nund halten uns an diesem Begriffe. Was soll man aber aus einem\nAllegretto agitato machen? Herr Straus hat es uns gezeigt. Er hat\nwohl gethan, das Allegretto zu ignoriren, weil dessen Begriff im of-\nfenbaren Widerspruche steht mit dem fast leidenschaftlich erregten\nInhalt des Haupttheiles im Dass er aber das Agitato gleich\nin Presto umgewandelt, daran hat er sehr übel gethan. Bei solcher\nUmwandlung musste der Charakter gänzlich zu Grunde gehen. Der\nspringende Bogen schliesslich im letzten Theile Prestissimo hat der\nwahrhaft nervenerschütternden Musik den Garaus gemacht. Es ver-\nsteht sich fast von selbst, dass dessen Wirkung auf das unschuldige\nAuditorium eine überwältigende gewesen. Und das scheint wohl der\noberste Zweck von derlei Virtuosen-Rasereien zu sein.\n„Das ist das Geheim niss der Beethoven' sehen Com-\nTi\nPositionen, dass, je schneller sie gespielt werden,\ndesto grössere Wirkung sie machen.\"\nMit diesen Worten dankte der Pianist Dreyschock im Früh-\nling des vorigen Jahres nach dem Vortrage der Beethoven'schen So-\nnate mit Violine in G-dur, Op. 30, einer ansehnlichen Versammlung\nin einem Privathause zu Darmstadt für den erhaltenen Beifall. Ein\nhochstehender Musiker, Zeuge dieser Production, hat diese hoch-\nwichtige Enthüllung des bis dahin tief verborgenen Geheimnisses\nzur Stelle notirt und mir mitgetheilt. Ich gebe mir hiermit die Ehre,\ndieses enthüllte Geheimniss den würdigen Männern am Niederrheine\nund an der Österreichischen Donau, die seit Jahren unablässig be-\nmüht sind, die Wahrheit auch in solcher Beziehung dem verkomme-\nnen Theile des Musikergeschlechtes zu predigen, zum Nachdenken\nvorzulegen *),\n\nA. Schindler."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-04-28-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-04-28_01#c007", "volume": "bmtnabi_1860-04-28_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "144", "page_fin": "144", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.8", "debut_caractere": 3934, "fin_caractere_exclue": 6099, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nfiLolll« Ferdinand Hiller hat in diesen Tagen auf den ein-\nstimmigen Beschluss des Vorstandes der Ge wand haus- Con-\ncerte in Leipzig den Ruf erhalten, die Director-Stelle an densel-\nben, die durch J. Rietz's Abgang nach Dresden erledigt worden ist,\nzu übernehmen. Die Nachricht davon, die uns mit einem schwer zu\nersetzenden Verluste bedroht, hat hier eine wahre Aufregung unter\ndem musicalischen Publicum hervorgebracht, die ein schönes Zeug-\nniss für die Erkenntniss des Werthes eines so hervorragenden Man-\nnes für die Stadt Köln ist, und wir dürfen uns der Hoffnung hinge-\nben, dass die von allen Seiten gethanen, für den grossen Meister der\nTonkunst höchst ehrenvollen Schritte ihn seiner hiesigen Wirksam-\nkeit erhalten werden.\nFür das Victoria-Theater in Berlin ist ausser dem warschauer\nBallet auch Offenbach's Opern-Gesellschaft in Paris zu einem\nGastspiel im Laufe des Sommers engagirt.\nf£ai93si*ialae. An Stelle des abgegangenen Herrn Schnorr wurde\nHerr Stolzenberg von Würzburg, ein junger Tenorist mit sehr\nschöner Stimme, hier engagirt.\nP&rfs* Louis Br assin ist ein gewaltiger Clavierspieler, das\nist unsbestreitbar. Seine Technik ist ausgezeichnet, sein Vortrag hat\nglänzende Vorzüge, seine Finger brauchen nichts weiter zu lernen.\nAllein bei einem Künstler von seiner Bedeutung verlangt man mehr\nals das alles, Vollendung, Stil, geistige und künstlerische Auffaszung.\nDass Brassin dies weiss und es ebenfalls zu erreichen strebt, hat er\nbesonders auch in seinem dritten Concerte bewiesen. Er sucht\nnoch, wie so viele Andere, seinen Weg; aber wir haben die zuver-\nsichtliehe Hoffnung, dass er einen neuen und eigentümlichen ein-\nschlagen wird. Nach dem Trio Op. 1 von Beethoven, und dem Ca-\npriccio von Thalberg über Motive aus dem „Liebestrank\" wurde er\nnoch feuriger beklatscht, als die beiden ersten Male. Darauf spielte\ner mit unendlichem Reiz und Schwung zwei Etüden von seiner\nComposition, in denen Jugend, elegante Harmonieen und hübsche\nMelodieen sind. (Gas. mus. de Paris,)\n*) Wir können, so weit wir Dreyschock gehört haben, nur an\neine Ironie von seiner Seite bei jener Aeusserung glauben.\nDie Red'aetion."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nFranz Comraer (Lebensskizze). I. Von L. B. Franz Joseph Messer (Nekrolog) Von --nn. Stoppellese auf\ndem Felde eines angehenden Aesthetikers. Ueber Quartettspiel (Der zweite Quartctt-Cyklus in Frankfurt am Main). Von A. Schind-\nler» Tages- und Unte r h al tun gsbl a 11 (Köln, Ferdinand Hiller Berlin, Victoria-Theater Karlsruhe, Herr Stolzenberg\nParis, Louis Brassin).\n\nFranz Commer.\n\nI.\nJe seltener bei der heutigen Ausdehnung des Gebie-\ntes der Wissenschaft und Kunst die gründliche Fachge-\nlehrsamkeit wird, die, vor der Zersplitterung der geistigen\nKraft sich bewahrend, ihr ganzes oder doch unbedingt\nvorherrschendes Bestreben auf eine bestimmte Lebens-Auf-\ngabe richtet, unbekümmert um den Vorwurf der Einsei-\ntigkeit, den die Allerweltsbildung eben so leichtfertig aus-\nspricht, als sie von einem Dinge auf das andere springt\nund mehr Liebhaberei als Studium kennt: desto ehren-\nwerther sind diejenigen Männer, die neben der Cultur der\nBreite ihres Feldes hauptsächlich auch in die Tiefe arbei-\nten und aus ihr Schätze herauf fördern, welche zugleich\nmit ihrem Werth© an sich den Blick in das ganze Reich\neiner Kunst oder einer Wissenschaft erweitern.\nEin solcher Mann auf dem Gebiete der Tonkunst, ein\ntiefer und unermüdeter Forscher, ein wahrer Musikgelehr-\nter ist Franz Commer in Berlin, der diejenigen Musiker\ndes vorigen Jahrhunderts und die Zeitgenossen, die ähnli-\nchem kunsthistorischem und kunstwissenschaftlichem Stre-\nben huldigten, in so fern überragt, als seine unglaublich\nfleissige, gelehrte Thätigkeit das musicalische Schöpfungs-\nTalent, das ihm die Natur gegeben, nicht zurückgedrängt\noder gar unterdrückt hat. Er hat neben zahlreichen Be-\nrufsgeschäften und neben der Vollendung riesiger literari-\nscher Arbeiten, die auch die Kraft einer starken Natur\nund die Energie eines tüchtigen Charakters lähmen kön-\nnen, dennoch eine Lebendigkeit und Elasticität des Geistes\nsich bewahrt, die man bewundern muss, wenn man be-\ndenkt, dass, abgesehen von einer Menge von ungedruckten\nWerken, die von ihm erschienenen Compositionen die\nWerkzahl 52 erreicht haben.\nWir ergreifen desshalb die Gelegenheit, welche der\nAbschluss des einen von jenen kolossalen Sammelwerken\nalter Musik darbietet, welche Commer herausgegeben\nder zwölf Folio-Bände der\nBatavorum ■—, den Lesern dieser Blätter einen kurzen\nAbriss seines Lebens und ein Bild seiner ausserordentli-\nchen Thätigkeit zu geben.\nFranz Commer wurde den 23. Januar 1813 zu\nKöln am Bheine geboren. Er besuchte das Jesuiten-Gym-\nnasium und erhielt den ersten musicalischen Unterricht von\nFranz Weber, dann von Ludwig Kübel und Joseph Klein.\nKübel gehörte in den Jahren 1827 und den folgenden zu\nden geachtetsten Musiklehrern in Köln und hat viele Schüler\ngezogen, die alle mit Liebe und Achtung von ihm reden.\nDa sich Commer's musicalische Anlagen schnell ent-\nwickelten, so übertrug man ihm schon in seinem sechs-\nzehnten Jahre die Organisten-Stelle an dem Carmeliten-,\njetzigen Friedrich-Wilhelms-Gymnasium; zugleich trat er\nals Sänger in die Dom-Capelle.\nZu seiner weiteren Ausbildung kam er 1832 nach\nBerlin, wo er in das königliche Institut für Kirchenmusik\naufgenommen wurde. Hier vervollkommnete er sich unter\ndem Director desselben, A. W. Bach, im Orgelspiel, stu-\ndirte die Composition bei Bungenhagen, damals Director\nder Sing-Akademie, deren Mitglied er wurde, und hörte\ndie Vorlesungen von A. B. Marx, Von unschätzbarem\nNutzen und von entschiedenem Einflüsse auf seine künst-\nlerische und musikwissenschaftliche Richtung war seine\nBekanntschaft mit dem edeln und gelehrten Karl von\nWinterfeld. Commer hatte das Glück, vom Jahre 1835\nan bis zum Tode des trefflichen Mannes im Jahre 1853\nin fast täglichem Verkehr mit ihm zu stehen und in ihm\neinen väterlichen Freund und Rathgeber in seinen Bestre-\nbungen zu finden.\nDie Aufgabe, die musicalische Bibliothek des genann-\nten Instituts zu ordnen und zu katalogisiren, wurde für\nCommer eben so anziehend, als fördernd für seine Lauf-\nbahn. Diese Bibliothek, die späterhin im Jahre 1845 der"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "138", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.2", "texte": "Grossen königlichen Bibliothek einverleibt wurde, enthielt\naus Forkel's Nachlass viele treffliche Werke der Meister\ndes sechszehnten und siebenzehnten Jahrhunderls, die von\n(Pommer als ein ungeahnter Schatz ans Licht gezogen, in\nwenigen Jahren vollständig geordnet und zum Theil her-\nausgegeben wurden. Der erste Band der\nSaeculi XVI .et XVII. erschien 1839, Berlin, bei Bote\nund Bock; der vierte 1843. Die Fortsetzung wurde unter-\nbrochen durch den ehrenvollen Auftrag der „niederländi-\nschen Gesellschaft zur Beförderung der Tonkunst\" an\nCommer, die Herausgabe der grossen Sammlung der nie-\nderländischen Musiker des fünfzehnten und sechszehnten\nJahrhunderts zu übernehmen. Gegenwärtig hat jedoch\nCommer das erstere Werk wieder auf-\ngenommen (s. unten).\nSein Wissen und Wirken blieb trotz der bescheidenen\nStille, in welcher es geschah, keineswegs unbekannt bei\nden Männern von Fach und den Freunden der ernsten\nKunstgattung, und fand auch an entscheidender Stelle eh-\nrenvolle Anerkennung. Schon 1839 erhielt er vom Kö-\nnige Friedrich Wilhelm 111. d ie goldene Denkmünze für\nKunst; 1844 wurde er zum königlichen Musik-Director\nund im folgenden Jahre - zum ordentlichen Mitgliede der\nAkademie der Künste in Berlin ernannt.\nSeine Berufstätigkeit theilte sich in die Verwaltung\nder Chorregentschaft an der St.-Hedwigskirche, der Ge-\nsanglehrer-Stelle an der Elisabethschule und in das fleis-\nsige und gewissenhafte Ertheilen von Privat-Unterricht;\ndenn es war ihm nicht das beneidenswerthe Loos gefallen,\ndurch glänzende äussere Verhältnisse erleichtert und geho-\nben zu werden; was er geworden, ist er durch sich selbst\ngeworden. Seit 1840 machte er jedes Jahr eine grössere\nReise, theils an den heimatlichen Rhein, theils durch die\nbedeutenderen Städte, deren musicalische Zustände oder\nbibliothecarische Schätze ihm Interesse und Förderung\nseiner Zwecke darboten. Aber oft und gern liess er den\nGelehrten auf diesen Reisen zu Hause und erfreute sich\nwillkommener Erholung im Kreise alter und neuer Freunde,\ndie ihm eben so sehr seine liebenswürdige Gemüthlichkeit\nals seine belehrende und anziehende Unterhaltung überall\nfesthielten und gewannen.\nSo bewahrte und erneute er sich die frische Kraft zur\nBewältigung der ungeheuren Aufgaben, die seiner Thätig-\nkeit nach der Rückkehr in Berlin warteten. Denn seine\nBerufsgeschäfte hatten sich im Laufe der Jahre 1840 bis\n1850 noch durch die Stellung als Repetitor und Gesang-\nlehrcr an der königlichen Oper, am französischen Gymna-\nsium und an der Vorschule des Friedrich-Wilhelms-Gym-\nnasiums bedeutend vermehrt; auch hatte er in dieser Zeit\nmit fh. Kullak und 11. Küster den berliner Tonkünstler-\nVerein gegründet. Dabei setzte er nicht nur die\nBatavorum und die Sammlungen einer grossen Anzahl\nvon Meisterwerken der älteren deutschen und italiänischen\nSchule fort, so dass er an tausend Psalmen, Motetten, Mes-\nsen, mehrstimmige Lieder u. s. w. in Partitur herausgege-\nben hat, sondern ruhte sich von allen diesen Arbeiten für\nWiedererweckung in Staub begrabener Kunstwerke im\nDrange des Gefühls: Anch' io son pittore! nicht anders als\nam Flügel und an dem aufgeschlagenen Partitur-Papier\naus, das er mit den schwarzköpfigen Zeichen seiner eige-\nnen musicalischen Gedanken füllte.\nDer Gedanke, das altgriechische Drama auf unsere\nBühne zu bringen und durch musicalische Composition der\nChöre und anderer zu melodramatischer Behandlung ge-\neigneter Stellen zu beleben und dadurch der Anschauungs-\nund Empfindungsweise des heutigen Geschlechts näher zu\nbringen, ging im Anfange der vierziger Jahre vom Könige\nselbst aus und wurde durch seine Umgebungen aus der\nGelehrten- und Künstlerwelt genährt. So entstand im Jahre\n1841 [Mendelssohns Musik zur „Antigene\" des Sophokles\nund späterhin zum Oedipus auf Kolonos (1844—1845).\nAuch Commer blieb dieser Richtung nicht fremd. Auf\nA. von Humboldt's Aufforderung machte er sich in Ge-\nmeinschaft mit seinem Freunde, dem Professor Franz, an\ndie schwierige Aufgabe der musicalischen Bearbeitung\neines griechischen Lustspiels, der „Frösche\" des Aristo-\nphanes. Es wurde 1842 in Berlin aufgeführt; 1843 folgte\nihm die Musik zu Sophokles' Trauerspiel „Efektra\". Beide\nArbeiten erregten dasselbe beifällige Interesse, wie Men-\ndelssohn's Antigone-Musik, bei den classisch gebildeten\nKreisen des damaligen Berlin. Commer erhielt dafür als\nein besonderes Zeichen der Anerkennung die goldene Me-\ndaille für Wissenschaft vom Könige von Griechenland.\nDer König Friedrich Wilhelm IV. von Preussen ver-\nlieh ihm im Jahre 1847 die grosse goldene Denkmünze\nfür Kunst und Wissenschaft und im Jahre 1856 den Ro-\nthen Adler-Orden vierter Classe. Im Jahre 1851 ward\nihm auch vom Könige von Sachsen die goldene Denkmünze\nfür Wissenschaft zu Theil. Während der fortgesetzten Ar-\nbeit an der CoUectio Musicorum und wegen\ndes grossen Verdienstes um dieses Werk hatte ihn die nie-\nderländische Gesellschaft zur Beförderung der Tonkunst\nerst zu ihrem correspondirenden, bald darauf zu ihrem\nVerdienst-Mitgliede ernannt*), und 1849 zeichnete ihn der\nKönig der Niederlande durch die Verleihung des Löwen-\nOrdens aus.\n\n*) Der (Jebersendung der „Gedenktafel\" vom I]. October 1859\ndurch dieselbe Gesellschaft an F. Coramer ist bereits in Nr.\n11 Erwähnung geschehen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.3", "texte": "Diese mannigfachen Ehrenbezeigungen sind um so er-\nfreulicher, als sie ein Verdienst anerkennen, welches nie\num äusseren Glanz und um Gunst gebuhlt hat, weder bei\nFürsten und Höfen, noch bei der grossen Menge, ein Ver-\ndienst, welches weder von einer Partei gehoben und aus-\nposaunt worden, noch durch die bekannten Mittel der\nSelbstanpreisung sich geltend gemacht hat, sondern zufrie-\nden war, die dauernden Denkmale einer entsagenden und\naufopfernden Kunstliebe und Kunstwissenschaft in die Ar-\nchive der musicalischen Literatur niederzulegen.\nEine nähere Betrachtung derselben behalten wir\nuns vor.\n\nL. B.\n\nFranz Joseph Messer,\nMusik-Director in Frankfurt am Main,\ngeboren den 21. Juli 1811, gestorben den 9. April 1860.\n(Nekrolog.)\n\nFranz Joseph Messer war am 21. Juli 1811 in\ndem katholischen Dorfe Hofheim am Taunus im Ilerzog-\nthum Nassau geboren. Trotzdem, dass in dem ländlichen\nKreise seiner Familie sein ausserordentliches Musik-Talent\nnur sehr geringe Nahrung finden konnte, trat es doch früh-\nzeitig so deutlich hervor, dass es seinen Vater veranlasste,\nden Knaben dem Lehrer und Organisten Heil mann in\nHochheim bei Mainz, der ihm verwandt war, zur Ausbil-\ndung anzuvertrauen. Hier und bei einem benachbarten\nPfarrer empfing er den ersten Unterricht im Gesänge, Cla-\nvier- und Orgelspiel, so wie im Generalbass, und machte\nso rasche Fortschritte, dass er, der Eilfjährige, durch sein\nSpiel in einem Concerte die Unterstützung des Herzogs ge-\nwann. Schelble, der hochverehrte, als Sänger wie als\nGlavierspieler und Lehrer gleich ausgezeichnete Gründer\ndes Cäcilien-Vereins in Frankfurt (seit 1818), wurde auf\nden Gesang und das Spiel des Knaben aufmerksam und\nerwirkte ihm die reichliche Unterstützung angesehener Mit-\nglieder des Vereins. So kam Messer 1826 zu Schelble\nnach Frankfurt und bildete sein wunderbares Talent an\nseinem grossen Meister, mit dem er mehrere Jahre hin-\ndurch wie ein Sohn verkehrte. Jugendliches Ungestüm trieb\nihn unbedacht in die Welt; er führte nun ein unstätes\nWanderleben in Mainz, Coblenz und in verschiedenen klei-\nneren Städten Thüringens u. s. w. als Sänger, Dirigent,\nConcertgeber. Militärische Pflichten, denen er aber durch\nBegünstigung bald enthoben wurde, riefen ihn zurück, und\nnun fixirte er sich in Mainz, zunächst als Director des Män-\nnergesang-Vereins „Liedertafel\", dann auch eines Damen-\ngesang-Vereins, den er gründete. Auch die grossen Musik-\nfeste der Jahre 1835 und 18-37 wurden von ihm ins Le-\nben gerufen, und sein Directions-Talent fand weithin laute\nAnerkennung. So kam es denn, dass nach Schelble's Tode\n(1837) der Vorstand des Cäcilien-Vereins diesen seinen\nSchüler zur Leitung desselben berief. Die Wahl hätte nicht\nglücklicher getroffen werden können; denn Messer, wenn\nauch ein volles Jahrzehend in ganz anderen Kreisen umher-\ngeworfen, hatte doch den ihm angeborenen Sinn für da»\nwahrhaft Grosse und Edle in der Musik unter Schelble's\nmächtiger Einwirkung zu sicher ausgebildet, als dass er\nbei günstigen Verhältnissen nicht wieder dem Höchsten in\nseiner Kunst sich hätte zuwenden sollen. Mit Begeisterung\nergriff er, als ihn das Jahr 1840 an die Spitze des Vereins\nstellte, der in seiner Erinnerung stets als Ideal fortgelebt\nhatte, seine Aufgabe, und gerade die lange Entbehrung\nhatte sein Verlangen nach Grossem und Bleibendem nur\nnoch mehr gesteigert. Auch der Umstand, dass der Verein\nnicht mehr die alle Energie besass und Manche mit Miss-\ntrauen ihm entgegenkamen, spornte ihn, der sich seiner\nKraft und Tüchtigkeit vollkommen bewusst war, nur zu\nreicherer Entfaltung dessen, was in seinem Geiste und Her-\nzen lebte. Schon nach zwei Jahren konnte er die Matthäus-\nPassion wieder aufs vollständigste hinstellen, und durfte es\nsogar wagen, seinem verehrten Meister im Vortrage der\nPartie des Evangelisten nachzufolgen. Was er damals durch\nseinen Gesang wirkte, gelang ihm später, als sein Halsübel\nihm den eigenen Vortrag versagte, durch Wort und mei-\nsterhaftes Spiel. Zwanzig Jahre seiner besten Kraft hat er\ndem Cäcilien-Vereine gewidmet, und die Frucht seines\nrastlosen Strebens ist es, dass dieser jetzt in der ersten\nReihe der Oratorien-Vereine unseres Vaterlandes seine\nStelle hat. Neben den meisten Oratorien Händel's und den\nMotetten und der Matthäus-Passion Bach's ist des letzteren\nH-moll-Messe und W'eihnachts-Oratorium durch ihn beim\nVereine eingebürgert worden, der Haupt-Chorwerke Mo-\nzart's, Haydn's, Gherubini's, Beethoven's und unter den\nNeueren Mendelssohn's nicht zu gedenken. Ausserdem lei-\ntete Messer seit einer Reihe von Jahren den philharmoni-\nschen Instrumental-Verein und die zehn jährlichen Mu-\nseums-Concerte, bei denen das Theater-Orchester mitzu-\nwirken verpflichtet ist. Dass er auch hier Meister war, das\nkann Niemand mit Grund läugnen. Die Stadt hat ihm in\nAnerkennung seiner grossen Verdienste um das hiesige\nmusicalische Leben bis in die Schulen hinein mit dem Bür-\ngerrechte den Titel eines Musik-Directors vor wenigen Jah-\nren verliehen. Messer war gross als Sänger und Gesang-\nlehrer, als Glavierspieler und -Lehrer, als Dirigent nach\njeder Richtung hin. Als Componist ist er selbst wenig her-\nvorgetreten. Seine Compositionen: Lieder, Duette und Quar-\ntette, Hymnen für Gesang, Ouvertüren, Violin-Quartette,\neine Sinfonie, meist noch ungedruckt, sind klar und edel,\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.4", "texte": "in der Form rein und interessant, ohne auf Originalität\nAnspruch zu machen; er hat sich mit ihnen, auch in sei-\nnem Vereine, nie hervorgedrängt. Eine durch und durch\nedle,, feinfühlende, poetische Natur, gebildet an den tiefsten\nWerken der grossen Meister, jede Gattung nach ihrem\nWerthe und ihrem Kreise schätzend, hat er stets der Wahr-\nheit im Reiche seiner Kunst gedient und über alles bloss\nGemachte und nicht wirklich Empfundene, AfTectirte und\nFrivole unerbittlich den Stab gebrochen. Der Vorwurf der\n„Bachomanie\" würde hier belacht worden sein, wenn er\nnicht dem sterbenden Meister gegenüber empört hätte.\nDie tiefe Trauer, die sich in allen Kreisen bei seinem Tode\nkund gab, und die feierliche Bestattung, die dem Hinge-\nschiedenen zu Theil ward, gaben das beste Zeugniss, wie\nihn die Stadt ehrte, in der er so Grosses, Unvergängliches\nwirkte. Sein Cäcilien-Verein hat am 18. d. Mts., zur ge-\nwöhnlichen Stunde der Uebungen, sein Gedächtniss wür-\ndig und herzlich gefeiert. Das von ihm zuletzt für den\nVerein compönirte „Auferstehen\" und das Mozart'sche\nRequiem, das er zuletzt dirigirte, wurden von einem Chor\nvon mehr als 200 Stimmen voll Weihe und innerer Er-\nhebung gesungen und dazwischen von einem älteren Mit-\ngliede in längerem, warmem und gediegenem Vortrage\ndas Leben und Wirken des theuren Hingeschiedenen ge-\nschildert. Möge dem Vereine recht bald ein würdiger\nErsatz werden!\n\n--nn.\n\nStoppellese auf dem Felde eines angehenden\nAesthetikers.\nEinem Schriftchen: „W.A.Mozart. Ein Beitrag zur\nAesthetik der Tonkunst. Von Dr. Ludwig Nohl. Heidel-\nberg, bei Bangel und Schmitt. 1860\" (82 S. in B.),—das\nuns ein Kunstfreund und warmer Verehrer Beethoven's so\neben mittheilt, können wir nur die Bedeutung eines Cu-\nriosurns zuerkennen, obgleich wir dem geschätzten Herrn\nEinsender beipflichten, wenn er uns schreibt: „WennMo-\nzart auf Kosten Beethoven's emporgehoben wird, so wird\ndadurch natürlich bei den Bewunderern Beethoven's ein\nsehr peinliches Gelühl hervorgerufen, ja, ihrer innersten\nReligion ein grosses Aergerniss gegeben.\" Dass aber bei\nder Schwäche der menschlichen Natur sich eine Reaction\nerzeugen könne, die sich gegen die Verehrung Mozart's\nkehren dürfte, befürchten wir weniger, da ja das Verhält-\nniss Mozart's zu Beethoven längst festgestellt und in Dr.\nNohl's Schriftchen durchaus nichts neu ist, als die unglaub-\nliche Thatsache, dass heutzutage noch ein Nachfolger Uli-\nbischeff s ersteht, der diesen in der Verkennung Beetho-\nven's noch überbietet.\nFreilich, wer nach O. Jahn's vier Bänden „W. A.\nMozart\" dasselbe Thema noch einmal auf 82 Seiten be-\nhandelt, muss zu einer pikanten Würze greifen, um sich\ngeniessbar zu machen oder wenigstens zu reizen. Daher\ndenn der Entschluss, auf Kosten Beethoven's sich die ästhe-\ntischen Sporen zu verdienen! Es wird aber genügen, die\nArt und Weise, wie das geschieht, durch eine Stoppellese\naul diesem vertrockneten Saatfelde, dem eine neue Wür-\ndigung Mozart's entkeimen sollte, zu charakterisiren; einer\nWiderlegung bedarf es nicht bei Urtheilen, welche der\nNullität und Cassation verfallen, sobald sie bekannt werden.\nUebrigens ist Herr Dr. Nohl weder durch Ulibischeff's.,\nnoch durch Jahn's Mozart befriedigt; der Letztere schreibt\nihm nicht gefällig genug, und der Erstere „reicht in den\nletzten Dingen überall nicht aus\". Und unmittelbar darauf\nheisst es: „Es fehlt in diesem Felde (?) an einem Werke,\ndas, wie Göthe's Biographie von Lewes, sich wie ein Ro-\nman läse, ohne wie Heribert Rau's neues Buch wirklich\nein Roman zu sein.\"\nSollte Herr Nohl uns durch sein gegenwärtiges Schrift-\nchen eine Aussicht auf Abhülfe dieses Mangels durch ihn\nselbst haben eröffnen wollen? Eine folgende Stelle scheint\nindess anzudeuten, dass es fürs Erste nur auf eine Habili-\ntirung zu Vorlesungen abgesehen ist; denn Herr Nohl sagt:\n„Die Behandlungsweise des vorliegenden .Gegenstandes\n(also Mozart's!) auf Universitäten wird um so viel besser\nsein, als sie die Phantasie und vor Allem die Empfindung\naufs tiefste erregt. Sie wird nur dann den richtigen Punkt\ngetroffen haben, wenn der junge Mann sich getrieben fühlt,\nvon dem Worte und den Büchern über Musik zu den gros-\nsen Tonwerken selbst zu eilen.\" (!)— Er erwartet Dinge, die\nein phantastisches, mit philosophischen Brocken gespicktes\nKunstgeschwätz niemals zuwege bringen wird. Oder glaubt\ner wirklich, dass seine physiognomische Analyse des Por-\nvon Mozart, namentlich die Beschreibung seiner Nase,\n„die nicht, wie bei Beethoven, durch einen tiefen Einschnitt\nvon der Stirn getrennt war, so dass der Sitz des Denkens\nvon dem Organ des sinnlichen Spürens losgelös't wäre\",—\noder dass seine Charakteristik der vierhändigen Fuge in\nF-moll als Beispiel „einer religiösen Stimmung\", als „ein\nBussgang, so wie ihn Gretchen macht in der Angst ihrer\nSeele\" (S. 42), oder dass die empörende Pikanterie:\n„Das Es-dur beim Auftreten der Elvira bezeichnet die\nvorherrschende Sinnlichkeit so verschmerzt es sich leich-\nter, wenn der Undankbare sie verlässt und das wie-\nderkehrende Es-dur in der zweiten Arie spricht unver-\nhohlen aus, was es ist, das dem armen Mädchen\nfehlt; es ist weniger das Herz, als die Sinne, die den\nTreulosen geliebt haben\" (!) glaubt also Herr Nohl\nwirklich, dass diese Behandlung der musicalischen Aesthe-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.5", "texte": "lik den jungen Studiosus „von dem Worte zu den Wer-\nken'- treiben werde??\nDoch zu Beethoven. Dass seine Nase gegen die\nMozart'sche zurücksteht, haben wir gesehen; denn diese\nletztere deutet unter Anderem mit „ihrer Spitze, die wie-\nder vordrängt, auf ein Eindringen in das Objective, das er\nwie kein anderer Musiker hat.\" (S. 15.) Auch hat Mozart\n„zum guten Glücke nicht das Mehr von cholerischem Feuer,\ndas Beethoven beim geringsten Anlass übermässig zornig\nwerden liess und, was schlimmer ist, ihn fortwährend zum\nHandeln, zum Einwirken auf die Welt, also (?) aus den\nGränzen der Kunst heraustreibt.\" (!)\n„Bach und Händel waren fest im Glauben. Sie glaub-\nten, dass Christus Gottes Sohn und gekommen sei, die\nWelt zu erlösen (S. 21).—-Haydn war noch kirchenfromm,\naber wie ein Kind; er untersuchte nicht den Inhalt seiner\nReligion, aber er kümmerte sich auch im Grunde nicht\nviel darum (S. 27).—-Mozart ging ebenlalls noch zur Kir-\nche, aber man kann nicht sagen, dass seine Andacht mit\nder damaligen Kirche in besonderer Verbindung gestanden\nhätte; es war mehr blosse Natur-Andacht (S. 29). Erst er\nwar Irei von der bestehenden Religion, die dem Menschen\ndie Sinne band—aber auch frei von dem Sehnen, das die\nZeil nach ihm erfüllte und die Menschen wiederum band\"\n(S. 31).\n„Beethoven war die bisherige Religion ganz fremd, er\nging nicht einmal mehr zur Kirche, wie Mozart es noch\naus Gewohnheit gethan. Er bezeichnet das Sehnen der\nWelt nach einem neuen Inhalte. Er ist tief und gross\naber mit Trauer sieht man die schönen Gestalten, die der\ngöttliche Mozart so eben für die Musik gewonnen, wieder\nschwinden und statt herrlicher, schöner Menschen Wesen\nhervortreten, die nicht Fleisch noch Bein haben, sondern\nwie Schemen einherschweben. Es tritt ein Ueberschuss\nvon Geist ein, der das Gefühl für reine Schönheit so sehr\nbeleidigt\" (S. 31).\n„Beethoven wird es im eigentlichen Sinne zuweilen in\nseinen Gränzen zu enge, d. h. wenn man annehmen\nwill, dass ihm die Sphäre der Musik von der Natur an-\ngewiesen war. (!!) Er scheint, wie Schiller, zum Philoso-\nphen oder zum Staatsmanne (!) mehr berufen, als zur Kunst.\nAber da seine Zeit kein öffentliches Leben kannte, worin\nsich der Mann zum Manne entwickeln konnte, da er alle\nseine Tage im engen Kreise des Privatlebens versitzen\nmusste, so blieb ihm nichts übrig, als zu geistigen\nThaten zu greifen\" (S. 35, 36).\nDiese Erklärung der Beethoven'schen Tonschöpfun-\ngen setzt dem ganzen abgeschmackten Raisonnement die\nKrone auf. Ach lieber Herr Dr. Nohl, wenn allen denen,\ndie ihre Tage oder ihre Inexpressibles auf den Bänken oder\n<•\nden Kathedern im Kreise des Privatlebens absitzen müssen,\nnichts übrig bliebe als geistige Thaten Beethoven,\ndann wäre Genie und Kunstlehre noch weit überflüssiger,\nals jetzt ihre Broschüre! —Doch weiter!\n„Von Mozart's Phantasie in hat Beethoven für\nseine Ciaviersachen viel gelernt, aber nicht in Bezug auf\nSchönheit. Unzweifelhaft ist der Ideengehalt seiner Ciavier-\nSonaten, die mit Recht ein unerschöpflicher Born der Poesie\nheissen, weit grösser, als der der Mozart'schen. Aber eben\ndieser überschüssige Gehalt verhindert, besonders in den\nAdagio's (?), gar oft die klare Uebersichtlichkeit und freie\nBewegung, es wird ein gewisser Holzton nicht ganz\nü berw unden, es kommt nicht zum reinen Klingen. An-\ndererseils treibt die Macht seines Geistes ihn gerade hier\nzum ersten Male in auflallender Weise über die Gränzen\nseiner Kunst hinaus; wir meinen das bereits genannte Re-\ncitativ in der Sonate Op. 31, Nr. 2. Der leidenschaftliche\nDrang seiner Empfindung lässt ihm keine Ruhe, er will\ndurchaus „ „sprechen\"er muss sich verständlich machen.\nDa das Mittel aber, zu dem er greift, nur der Schein der\nwirklichen Rede ist, nur eine Erinnerung, dass dramatische\nWorte von der Musik in dieser Weise begleitet zu werden\npflegen, so tritt an solchen Stellen das gerade Gegentheil\nvon dem ein, was beabsichtigt wurde; der volle Strom der\nreinen Empfindung ist unterbrochen, und das Höhere, was\nuns dafür entschädigen sollte, die deutliche, klare Sprache\ndes Geistes, erscheint nicht, da nicht wirkliche, von der\nMusik nur beseelte und erhöhte Worte kommen, sondern\nder leere Schein derselben, die nüchterne Allegorie. So\nsind wir wie mit kaltem Wasser Übergossen, und alle Mühe,\ndie sich manche Ciavierspieler geben, möglichst viel Aus-\ndruck in eine solche Stelle zu legen, enthüllt nur um so\nmehr, dass hier recht eigentlich ein musicalischer Inhalt\nfehlt\" (S. 47).\n„Beethoven's Gestalten schweben wie Max und Thekla\nin ewiger Kühle\" (S. 50).\n„Bis zur vollen Persönlichkeit, die frei einiierwandelt,\nauf eigenen Füssen, ohne Anhalt, hat Beethoven selbst\nLeonore, „ „die edelste der Frauen\" \", nicht zu bringen\nvermocht; selbst diese, in manchem Punkte so schön ge-\nzeichnete Figur lehnt sich noch so an das Orchester an,\nwie etwa die Figuren des Haut-vean die Marmorwand ;\nsie möchten hervortreten und frei handelnd dastehen, aber\nsie können nicht, ihre Existenz, ihre Bewegungen sind an\netwas Fremdes gebunden: eine Art Pflanzenleben.\n—lm Fidelio liegt der Schwerpunkt so sehr im Orchester,\ndass man den grössten Theil dieser Oper durchaus mit ge-\nschlossenen Äugen zu hören vermag, ohne ein Bedürfniss\nzu bekommen, auf die Bühne zu schauen; denn überall,\nwo die Musik wirklich schön ist, ist sie ein blosser lyrischer"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.6", "texte": "Erguss, der nicht unbedingt gerade zu der Situation ge-\nhört, die auf der Bühne vor sich geht. Und wo die Mu-\nsik mit der Handlung geht, hat sie.einen Holz-\nton, etwas Hohles*), und sitzt niemals so dem Worte\nund der Thal auf dem Leibe fest gegossen, wie die Mo-\nzart'sche. Selbst in den Stücken, die am meisten dramati-\nsches Leben haben, kommen leere Stellen vor, dunkle\nPunkte, wo Licht und Klang nachlässt oder gar ganz auf-\nhört; es reisst ihm gar oft die Schnur, an die Mozart mit\nsolcher Sicherheit von Anfang bis zu Ende Alles anreiht,\nund selbst die schönsten Einzelheiten, das unendlich frohe\nAufjauchzen der Seele, das eine Beethoven'sche Melodie\nin jedem Zuhörer hervorruft, vermögen nicht, für diesen\nMangel zu entschädigen. Sogar das Duett: „0 namen-,\nnamenlose Freude\", das im Schwünge seiner Empfindung\nkaum seines Gleichen hat, hat etwas von jenem wenn\nman als Beispiel dagegen hält, wie Belmonte und Con-\nstanze ihre Wiedervereinigung heraussingen. Und doch ist\ndies bei Weitem keine der besten Compositionen Mozart s;\nsie hat zu viel Bravour, wie die der Constanze;\naber einzelne Stellen sind von einer Wahrheit, ja, von einer\nGluth der Empfindung, dass Fidelio und Elorestan dage-\ngen höchstens Eischbl ut in den Adern zu haben\nscheinen\" (S. 55).\nDoch wir brechen ab und übergehen, so ergötzlich\nsie auch sind, die Beweise gegen Schiller's und Beethoven's\nAnhänglichkeit an die Fraterniteder Revolution, weil Je-\nner gesungen: „Seid umschlungen, Millionen!\" und Dieser:\n„Es liebt der Bruder seine Brüder!\" die Zusammenstel-\nlung des Chors der Gefangenen und ihrer „Freiheit!\" mit\ndem Viva la libertä!im Don Juan die Belehrung, dass\ndie Phantasie-Sonate in Cis-mollkein Erzeugriiss wirklicher\nLiebe, sondern nur „ein Brief an Giulietta ist, den er ihr\nschreibt, um sie zu trösten durch ruhiges Zureden im\nAdagio (!), sie zu erquicken durch die Zärtlichkeit des Al-\nlegretto\" u. s. w. (S. 56) und machen unsere Leser nur\nnoch mit der Prophezeiung (S. 82) bekannt, dass „vielleicht\nschon nach hundert Jahren nur der Forscher in der Kunst-\ngeschichte nach Beethoven und seinen Werken fragen wird,\nwährend Mozart, wie jetzt schon Raphael, in Aller Herzen\nleben wird.\" Arme Zukunftsmusiker! was wird dann\nvollends aus euch werden?\n*) Wer so etwas dem Duett zwischen Pizarro und Rocco, dem\nGrab-Duett, dem Terzett und dem Quartett im Kerker gegen-\nüber schreiben kann, der ist entweder musicalisch unzurech-\nnungsfähig oder will durch Frechheit Effect machen!\n\nUeber Quartettspiel.\n\nFrankfurt am Main, 21. April 18G*1.\n„Die ein, zwei und drei Mal gesagte Wahrheit hat fast\ngar keine Wirkung; hundert Mal muss sie ge-\nsagt werden. Und auch das ist nicht genug; die\nWahrheit muss nicht nur oft geeagt werden, in ver-\nschiedenen Gestalten wiederholt, sie muss auch am\nrechten Orte und zu rechter Zeit gesagt\nwerden. (W. Monatschrift, Deeember-Heft, 1855.)\nDer zweite Cyklus unserer Quartette ist nun mit der vierten\nSitzung geschlossen. Die Theilnahme des Publicums ist sich gleich\ngeblieben; jeder Abend sah den Saal im Holländischen Hofe gefüllt\nund die Hunderte von Zuhörern mit gespannter Aufmerksamkeit den\nVorträgen folgen. Zur Ausführung sind gekommen:\nAm 25. Februar: die Quartette in D-moll von Spohr (Op. 84) und\nD-dur von Mozart, dann, „auf Verlangen\" aus dem ersten Cyklus\nwiederholt, das Quintett in C-dur von Franz Schubert.\nAm 10. März: die Quartette in G-moll von Fr. Messer (Manu-\nscript), in G-dur von Haydn (Op. 64) und in C-dur von Beethoven\n(Op. 59).\nAm 27. März: die Quartette in A-moll von Fr. Schubert, in B-\nclur von Beethoven (Op. 18), nebst dem Geigen-Trio in Es-dur (in\nsechs Sätzen) von Mozart.\nAm 12. April endlich : die Quartette in G-moll von Haydn (Op.\n74), in F-moll von Beethoven (Op. 95), nebst dem Octett in Es-dur\nvon Mendelssohn (mit Beiwirkung der Herren K. Becker, Dietz,\nStamm und G. Becker).\nVorab erheischt es die Pflicht der Kritik, der Leistungen der\nVereinsgenossen, Stein (zweite Violine), Weleker (Viola) und\nBrinkmann (Violoncell) zu erwähnen. Wer da bedenkt, welche\nAufgabe im Quartett den beiden Mittelstimmen und ganz besonders\ndem Violoncell gestellt ist, welche bescheidene Unterordnung (im\nAllgemeinen) von Ersterjm, und welch mächtiges, bisweilen imponi-\nrendes Hervortreten vom Basse gefordert wird, der fand fast bei je-\ndem Satze Gelegenheit, sich über das rechte Maass künstlerischer\nWeisheit Seitens dieser Herren zu freuen. Und war diese Haupt-\nIngredienz im Vortrage vorhanden, so wird es leicht begreiflich, dass\ndie Anforderungen an reine Intonation, schulgerechte Anwendung des\nBogens, aber auch an richtige Betonung kaum etwas zu wünschen\nübrig gelassen. Der Alte, der diese Zeilen niederschreibt, der selber\nüber dreissig Jahre das Quartettspiel cultivirt und in der classischen\nEpoche das Höchste gehört, was darin geleistet worden, er wüsste\nan den Leistungen dieser drei Jungen nichts Bemerkenswertes aus-\nzusetzen, was um so höher anzuschlagen, als ihnen sowohl nach\nder technischen wie auch ästhetischen Seite hin durch die bis-\nweilen genommenen Tempi kaum zu lösende Käthsel aufgegeben wa-\nren, welche Schuld jedoch nicht auf ihre Rechnung zu stehen\nkommt.\nInsbesondere fühle ich mich verpflichtet, die Musikwelt auf Herrn\nBrinkmann aufmerksam zu machen. Es will mir scheinen, dass\ndiesem auf dem classischen Boden der Wissenschaften nicht minder\ngebildeten Künstler eine schöne Zukunft bevorsteht, und zwar auch\nnach der Seite des Concertisten hin. Er scheint überhaupt berufen,\nder guten Musik als kräftige Stütze dienen zu sollen. Möge er\ndarum stets ein wachsames Auge haben, um nicht auf dem grossen\nMarkte der Virtuosen-Schwindeleien mit in den Strudel gezogen zu\nwerden.\nMit Beginn des zweiten Cyklus war allen Wahrnehmungen nach\nein wesentlich anderer, besserer Geist in den Saal eingezogen, der\nvon der sehr kleinen Zahl vona Sachkennern freudig begrüsst wor-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.7", "texte": "den. Es schien, als habe Herr Straus alle seine im ersten Cyklus\nfortan Preis gegebenen Irrthümer abgeschüttelt und sollten wir\nfernerhin mit allen im Quartettspiel verpönten Virtuosen-Manieren,\nderen in unseren früheren Berichten bereits ausführliche Erwähnung\ngethan worden*), verschont bleiben. Dieser bessere Geist wirkte so-\ngar bis auf Verstärkung des angewandten Colorits. Dass jedoch\ndiese Aenderung der Dinge die Polge unserer kritischen Bemerkun-\ngen gewesen, wird sich ein Fachmann nicht einbilden, der den auto-\nnomen Charakter des modernen Virtuosenthums kennt, dem lediglich\nder äussere Erfolg Lehrer und Richter zugleich ist. Wäre der\nVerfasser auch einen Augenblick von der Eitelkeit verblendet gewe-\nsen, es könne diese Umkehr zum Besseren doch die Folge seiner\nvon Wohlwollen zeugenden Ermahnungen sein, so hätte ihm Herr\nStraus persönlich bald nach der ersten Sitzung jede Illusion benom-\nmen. Dem sei jedoch, wie immer, so muss constatirt werden, dass\nHerr Straus sowohl in der ersten wie auch in der zweiten Sitzung\neine musterhafte Haltung bewiesen hat. Mit rühmenswerther Mässi-\ngung hat er das vom Componisten vorgeschriebene Tempo bei jedem\nSatze der zur Ausführung gekommenen sechs Werke ergriffen und\ndurchgeführt; mit eben so rühmenswerther Consequenz hat er allen\nGelüsten nach Anwendung verpönter Stricharten widerstanden, wozu\nallein schon das Mozart'sche Quartett in D-dur viele Gelegenheit\nbieten konnte. Jedoch „der Vogel lässt das Waldgeschrei nicht\", und\nein fixfertiger Virtuose entsagt den durch grosse Mühe sich ange-\neigneten Kunststücken und Manieren auf die Länge der Zeit auch\nnicht, warnte ihn selbst eine innere Stimme.\nEine Ueberraschung solcher Art hat uns Herr Straus in der drit-\nten Sitzung bereitet. Nachdem das Schubert'sche Quartett mit fast\nweinerlicher Sentimentalität im ersten Satze, in den anderen Sätzen\ndurchweg mit viel zu weicher Färbung zu Gehör gebracht worden,\nund nachdem das darauf gefolgte Mozart'sche Trio hingegen, mit\nEnergie und lobenswerthem Verständnisse in allen Sätzen vorgetra-\ngen, die Versammlung wahrhaft elektrisirt hatte, kam das Beethe-\nven'sehe Quartett in B-dur an die Reihe. Dieses Werk schien aus-\nersehen zu sein, den Herrn Concertmeister für seine bisher bewiesene\nEnthaltsamkeit entschädigen zu sollen. Im Tempo Furioso ward der\nerste Satz abgejagt, sämmtliche abzustossende Tonleitergänge er-\nfreuten sich der Anwendung des springenden Bogens in staunens-\nwerter Force, indess die Mitglieder den Regeln der Schule getreu\nblieben. Der Effect dieses Kunststückes war f oudro yant. (Wir\nDeutschen haben für dergleichen Effecte kein richtig bezeichnendes\nAdjectiv.) Dagegen war das Adagio schön und würdig gehalten, auch\nvortrefflich nuancirt Anticipiren wir zur Stelle die Einleitung zum\nvierten Satze, „La Malinconia*, als nicht minder mit richtigem Ver-\nständnisse gegeben, so muss die Ausführung des Scherzo „Allegrou\nund des „Allegrelto quasi Allegroa (4. Satz) in die Rubrik des Vir-\ntuosen-Unfugs gestellt werden. Alle die wirkungsvollen Synkopen\nim Scherzo, die schon ihrer Natur nach eine gewisse Zeitdauer er-\nfordern, mussten in der Sturmflut nothwendiger Weise untergehen.\nSchuppanzigh, allenfalls Zeuge dieser Raserei, würde an\nHerrn Straus die Frnge gerichtet haben: Erkennen Sie denn nicht,\ndass in diesen Synkopen ein wesentlicher Theil des dem Satze inne-\nwohnenden Charakteristischen liegt, diese daher eine gemessene Zeit-\ndauer haben sollen, abgesehen davon, dass deren richtige Beachtung\nden Spielern die Möglichkeit bietet, die vielen sf im Sinne der Com-\nposition auszudrücken, wodurch das gemüthlich schalkhafte Wesen\ndes Satzes erst an die Oberfläche gebracht werden kann? Der sprin-\ngende Bogen hierbei ist pur eitle Futschelei, wenn auch eine mei-\nsterliche. Zur Sühne des in seinem Werke tief gekränkten Autors\nwürde wohl aber der unübertroffene Meister des Quartettspiels, der\nZögling von Haydn und Beethoven, nach Anhörung des vierten\nSatzes, darin der springende Bogen abermals einen foudroyanten\nEffect gemacht, auf eine mehrtägige Freiheitsstrafe erkannt haben,\ndenn ein Kunstgebot lautet: Du sollst ein geheiligtes Tonwerk nicht\nmuthwillig verderben\nHerr Straus wendet ein, dass ein anhaltendes Detachd, nach der\nRegel ausgeführt, den Arm sehr ermüdet. Das ist wahr, aber bei\nLeibe kein Grund zu schädlichem Missbrauche des Bogens im Quar-\ntett. Von einigen Koryphäen des Violinspiels in früherer Epoche ist\nbekannt, dass sie Kräftigung ihres rechten Armes auf mannigfache\nWeise zu erreichen versucht haben; der Eine, indem er seine Stu-\ndien häufig in einem mit Möbeln und Bildern angefüllten Locale\nvorgenommen, der Andere, indem er sich in einer vollgepfropften\nScheune geübt, ein Dritter wieder, indem er recht oft die Kegelbahn\nbesucht. Letzteres hat auch May seder gethan. Der kleine, schwäch-\nlich aussehende Mann war im Stande, die schwersten Kugeln hinaus\nzu werfen und mit dieser gymnastischen Uebung Stunden lang fort-\nzufahren. Was war ihm dagegen sein schwerer Geigenbogen, selbst\nbei der stärksten Bespannung des Instrumentes! Kein Wunder, dass\ndie Sehnen seines Armes so gestählt waren, dass er mit seinem Tone\nsogar den ungeheuren Raum der kaiserlichen Reitschule mit Leich-\ntigkeit ausfüllen konnte. Die alten Wiener mögen sich nur an die\nArie mit obligater Violine in Naumann's „Vater unser\" (1817 oder\n1818) erinnern. Was möchte wohl im gedachten Räume von diesem\nund jenem Violinspieler der Gegenwart mit seinem mit Butter oder\nPomade bestrichenen Bogen (dazu noch leicht wie ein Federkiel!)\nzu hören sein ?\nVon unseren kritischen Verhandlungen hat auch die Deutsche\nMusik-Zeitung (Wien) in Nr. 9 Notiz genommen. Sie erklärt sich\nim Punkte der übermässigen Anwendung des springenden Bogens ein-\nverstanden, jedoch mit einer Beschränkung, z. B. das angeführte\nMotiv aus dem Allegretto des Beethoven'schen F-dur-Quartettes,\nOp. 59, lasse sich ihrer Ueberzeugung nach im Piano nicht anders\ngeben, als mit springendem Bogen. Der diese Worte dort ausge-\nsprochen, hat seine Ueberzeugung offenbar aus der Praxis unserer\nZeit geschöpft; es ist ihm unbekannt geblieben, dass die classische\nEpoche von jener Strichart nichts gewusst, dass selbe ihre Erfindung\nerst Herrn de Beriot verdankt, dessen Schüler H a u man n, Vieux-\ntemps, Therese Milanollo und Andere noch sie weiter ver-\nbreitet und beide Letztgenannte sie auch im Quartett eingeführt ha-\nben. Es wird dem jungen Kritiker in der Deutschen Musik-Zeitung\nein Leichtes sein, sich bei alten Musikern der Kaiserstadt, die\nSchuppanzigh (f 1830) gehört haben, diesfalls zu erkundigen, viel-\nleicht bei Professor Joseph Böhm, der beigehend bemi rkt\ndem Unterzeichneten seine volle Zustimmung in Betreff unseres\nGegenstandes übermittelt hat. Diese Alten werden ihm sagen, dass\nder springende Bogen gerade im Piano am allerunnöthigsten, aber\nauch am allerabscheulichsten ist versteht sich im Quartett. Wenn\ndie geigende Jugend eine derlei „Ueberzeugung\" in einem Fachblatte\nlics't, so wird sie um so mehr angeeifert, bei der falschen Anwen-\ndung des Bogens zu verharren. Es steht uns vielleicht gar noch die\nUeberraschung bevor, den springenden Bogen auch in der Sinfonie\nsein Unwesen treiben zu sehen, und wahrlich, der vierte Satz den\nSinfonie in B-dur, der Dur-Satz im Scherzo der in C-moll, die Pro-\nmetheus-Ouvertüre, aber auch Theile aus Werken der anderen Clas-\nsiker miissten einen diabolischen Effect hervorbringen.\nNun sei es gestattet, Allgemeineres, unserem Gegenstande Ange-\nhörendes, zu berühren\nEs ist schon in Beethoven's Lebenstagen beklagt worden, wie\nderselbe durch die Tempo-Bezeichnung einzelner Sätze in den Quar-\ntetten und Ciavierwerken, dessgleichen durch die Profusion der Vor-\ntragszeichen in seinen letzten Schöpfungen) sowohl\nrichtige Auffassung als auch Ausführung erschwert habe. Der Grund\nhiervon dürfte nur in dem Ueberinaasse von Sorgfalt für das\nRichtige nach beiden Seiten hin zu suchen sein. Im „musicalischen\nTheile* der dritten Ausgabe seiner Biographie habe ich diesem wich-\n\n*) Siebe Nr. 49 im vorigen und Nr. 8 in diesem Jahrgange."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600428-01.1.8", "texte": "logen Punkte besondere Aufmerksamkeit gewidmet, und erinnere nur\nan das 11., S. 246, Bemerkte, wie Marx J824 in seiner kritischen\nBesprechung der Js-ffar-Sonate, Op. 110, erkannt hat, dass deren\nerster Satz mit Adagio, nicht mit Moderato, wie Beethoven geschrie-\nben, zu bezeichnen sei. Der Meister schien das Richtigere seines\nKritikers eingesehen zu haben, Mit Schuppanzigh, der im Laufe der\nEpoche sich zu einer hohen Autorität in Vortragssachen erhoben\nhatte, gab es in diesem Punkte mit Beethoven nicht selten Streit;\nda indess der Meister den öffentlichen Quartett-Vorträgen 'schon um\ndie Mitte seiner Epoche selten, die letzten Jahre gar nicht mehr\nbeigewohnt hatte, so konnten die Herren Quartettisten in streitigen\nFällen stets ihre Ansicht zur Geltung bringen. Halten wir uns\nin diesem Falle lediglich an das Quartett in F-moll, Op. 95 (aus\ndem Jahre 1814), das von Herrn Straus und Genossen in der letzten\nSitzung zur Ausführung gekommen ist. Der dritte Satz trägt die\nUeberschrift: Allcgro assai vivace, ma scrioso. Wenn der Begriff von\nErnst in der künstlerischen Darstellung den Begriff von Würde\nstets oder doch zumeist involvirt, so erscheinen in dieser Ueberschrift\ndie Worte „assai vivaceÄ als am unrechten Orte, daher den Haupt-\nbegriff beeinträchtigend. Wenn man sieht, dass fast alle Tempo-Be-\nzeichnungen in den classisclien Werken der Instrumental-Musik in\nunseren Tagen ihre Geltung verloren, so wollen wir uns nicht ver-\nwundern, dass dieser dritte Satz von unserem Vereine in ein Staub\naufwirbelndes Presto umgewandelt worden, wobei natürlich von einem\nSerioso nichts bemerkt werden konnte. Die auf gleicher Höhe ste-\nhenden Intervalle konnten nicht zum Ausdruck gebracht werden\nSchon der erste Tact und so fort war zu hören:\nDie Viola allein trotzte dem Presto und blieb keinen Ton schuldig.\nDer vierte Satz dieses von den Quartett-Vereinen leider allgemein\nin den Hintergrund gestellten Werkes hat die befremdende Ueber-\nschrift: Allegretto agitato. Wenn Haydn und Mozart einen Satz mit\nAllegretto überschreiben, so ist damit nicht nur dessen Bewegung,\nsondern auch seine Charakteristik aufs unzweideutigste angegeben,\ndaher es für kundige Spieler des weiteren Prüfens gar nicht bedarf.\nWir wissen, dass wir es mit einer heiteren Musik zu thun haben,\nund halten uns an diesem Begriffe. Was soll man aber aus einem\nAllegretto agitato machen? Herr Straus hat es uns gezeigt. Er hat\nwohl gethan, das Allegretto zu ignoriren, weil dessen Begriff im of-\nfenbaren Widerspruche steht mit dem fast leidenschaftlich erregten\nInhalt des Haupttheiles im Dass er aber das Agitato gleich\nin Presto umgewandelt, daran hat er sehr übel gethan. Bei solcher\nUmwandlung musste der Charakter gänzlich zu Grunde gehen. Der\nspringende Bogen schliesslich im letzten Theile Prestissimo hat der\nwahrhaft nervenerschütternden Musik den Garaus gemacht. Es ver-\nsteht sich fast von selbst, dass dessen Wirkung auf das unschuldige\nAuditorium eine überwältigende gewesen. Und das scheint wohl der\noberste Zweck von derlei Virtuosen-Rasereien zu sein.\n„Das ist das Geheim niss der Beethoven' sehen Com-\nTi\nPositionen, dass, je schneller sie gespielt werden,\ndesto grössere Wirkung sie machen.\"\nMit diesen Worten dankte der Pianist Dreyschock im Früh-\nling des vorigen Jahres nach dem Vortrage der Beethoven'schen So-\nnate mit Violine in G-dur, Op. 30, einer ansehnlichen Versammlung\nin einem Privathause zu Darmstadt für den erhaltenen Beifall. Ein\nhochstehender Musiker, Zeuge dieser Production, hat diese hoch-\nwichtige Enthüllung des bis dahin tief verborgenen Geheimnisses\nzur Stelle notirt und mir mitgetheilt. Ich gebe mir hiermit die Ehre,\ndieses enthüllte Geheimniss den würdigen Männern am Niederrheine\nund an der Österreichischen Donau, die seit Jahren unablässig be-\nmüht sind, die Wahrheit auch in solcher Beziehung dem verkomme-\nnen Theile des Musikergeschlechtes zu predigen, zum Nachdenken\nvorzulegen *),\n\nA. Schindler.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nfiLolll« Ferdinand Hiller hat in diesen Tagen auf den ein-\nstimmigen Beschluss des Vorstandes der Ge wand haus- Con-\ncerte in Leipzig den Ruf erhalten, die Director-Stelle an densel-\nben, die durch J. Rietz's Abgang nach Dresden erledigt worden ist,\nzu übernehmen. Die Nachricht davon, die uns mit einem schwer zu\nersetzenden Verluste bedroht, hat hier eine wahre Aufregung unter\ndem musicalischen Publicum hervorgebracht, die ein schönes Zeug-\nniss für die Erkenntniss des Werthes eines so hervorragenden Man-\nnes für die Stadt Köln ist, und wir dürfen uns der Hoffnung hinge-\nben, dass die von allen Seiten gethanen, für den grossen Meister der\nTonkunst höchst ehrenvollen Schritte ihn seiner hiesigen Wirksam-\nkeit erhalten werden.\nFür das Victoria-Theater in Berlin ist ausser dem warschauer\nBallet auch Offenbach's Opern-Gesellschaft in Paris zu einem\nGastspiel im Laufe des Sommers engagirt.\nf£ai93si*ialae. An Stelle des abgegangenen Herrn Schnorr wurde\nHerr Stolzenberg von Würzburg, ein junger Tenorist mit sehr\nschöner Stimme, hier engagirt.\nP&rfs* Louis Br assin ist ein gewaltiger Clavierspieler, das\nist unsbestreitbar. Seine Technik ist ausgezeichnet, sein Vortrag hat\nglänzende Vorzüge, seine Finger brauchen nichts weiter zu lernen.\nAllein bei einem Künstler von seiner Bedeutung verlangt man mehr\nals das alles, Vollendung, Stil, geistige und künstlerische Auffaszung.\nDass Brassin dies weiss und es ebenfalls zu erreichen strebt, hat er\nbesonders auch in seinem dritten Concerte bewiesen. Er sucht\nnoch, wie so viele Andere, seinen Weg; aber wir haben die zuver-\nsichtliehe Hoffnung, dass er einen neuen und eigentümlichen ein-\nschlagen wird. Nach dem Trio Op. 1 von Beethoven, und dem Ca-\npriccio von Thalberg über Motive aus dem „Liebestrank\" wurde er\nnoch feuriger beklatscht, als die beiden ersten Male. Darauf spielte\ner mit unendlichem Reiz und Schwung zwei Etüden von seiner\nComposition, in denen Jugend, elegante Harmonieen und hübsche\nMelodieen sind. (Gas. mus. de Paris,)\n*) Wir können, so weit wir Dreyschock gehört haben, nur an\neine Ironie von seiner Seite bei jener Aeusserung glauben.\nDie Red'aetion."}]}