{"numero_id": "bm-bmtnabi-1860-06-23-01", "volume": "bmtnabi_1860-06-23_01", "ocr_sha256": "0be58f195b04775fabead03d7b799124c5562dc8ae0e063738f9cb5048ce438a", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1860/06/23_01/bmtnabi_1860-06-23_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1860-06-23-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-06-23_01#c001", "volume": "bmtnabi_1860-06-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "201", "page_fin": "201", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 410, "texte": "Inhalt.\nDas siebenunddreissigste niederrheinische Musikfest. 111. Ein ungekanntes Werk von Gluck. Tages- und Un-\nterhaltungsblatt (Köln, Aufführungen der italiänischen Operngesellschaft des Herrn Merelli, Stiftungsfest des kölner Männer-Gesang-\nvereins, Concert desselben zum Besten des Dombaues, Herr Brambach W. Tschirch Herr Niemann Capellmeister Reinecke Herr\nLouis Straus Wien New-York Deutsche Tonhalle)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-06-23-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-06-23_01#c002", "volume": "bmtnabi_1860-06-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "201", "page_fin": "204", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.2.2", "titre_corps": "Das siebenunddreissigste niederrheinische Musikfest.", "titre_sommaire": "Das siebenunddreissigste niederrheinische Musikfest.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.1", "debut_caractere": 412, "fin_caractere_exclue": 4041, "texte": "Das siebenunddreissigste niederrheinische Musikfest.\nIII.\n(I. s. Nr. 24. 11. Nr. 25.)\nDas Programm des zweiten Tages war sehr schön,\naber trotzdem doch zu lang.\nCherubini's Ouvertüre zum „Wasserträger\" eröff-\nnete das Concert. Darauf folgte das Gesangwerk für Soli,\nChor und Orchester: „Ver oder die Grün-\ndung Roms\" von Ferdinand liiller, eine Compo-\nsition, über deren Inhalt und Werth wir uns schon früher\nausführlich ausgesprochen haben. Die Ausführung in Düs-\nseldorf mochte leicht die beste sein, die ihr bisher zu Theil\ngeworden, da die starke Instrumentirung der Chöre Mas-\nsen von Gesangskräften erfordert, wie sie hier zu Gebote\nstanden, und dieSolo-Partieen durch Frau Bürde Ney und\ndie Herren Schnorr von Carolsfeld und Stockhausen vor-\ntrefflich besetzt waren. Nur der Männerchor war, zumal\nwo er allein auftritt, nicht kräftig und energisch genug;\nsonst war in den Gesammtchören Schwung und Feuer und\nin dem Frauenchor, der einige Mal, wie z. ß. in der schö-\nnen Hymne der Priesterin im ersten Theile, seinerseits\nallein beschäftigt ist, schöner, frischer Klang und lieblicher\nAusdruck.\nDas Werk halte einen glänzenden Erfolg, viele Num-\nmern wurden, wiewohl fast keine durch einen vollständigen\nAbschluss dazu besondere Gelegenheit bietet, mit lebhaf-\ntem Applaus aufgenommen, der sich namentlich nach dem\nprächtigen Schlusschor des ersten Theiles: „Verherrlichet\nvon Meer zu Meere Mars, den Erretter\", zu einem wah-\nren Enthusiasmus steigerte, und eben so sich am Ende des\nWerkes mit Zurufen, Blumenwerfen und Trompeten- und\nPaukenklängen wiederholte. Hiller feierte dadurch einen\nschönen Triumph als Componist, und zu gleicher Zeit wurde\nihm damit auch von allen Seiten, vom Publicum und vom\nganzen Personal der Mitwirkenden auf der Tonbühne, die\nverdienteste Huldigung des Dankes für die vortreffliche\nLeitung der Fest-Aufführungen gebracht.\nDie Zusammenstellung der Scenen aus Gluck's\n„Iphigenie auf Tauris\" gab ein anschauliches Bild\ndes ganzen musicalischen Drama's: I. Iphigeniens Traum\nvon der Instrumental-Einleitung bis zum Chor der Prie-\nsterinnen, Nr. I—4. 11. Die Scythen, Chor und Ballet, Nr.\n6—9. 111. Orest und Pylades, Nr. 12 und 13. IV. Orest\nund die Eumeniden, Nr. 14 und 15. V. Iphigeniens Klage,\nNr. 16 und 17. VI. Arie des Pylades, Nr. 23 in C-dur.\nVII. Hymne an Diana, Nr. 26, G-dur. VIII. Die Lösung,\nNr. 27, Finale von der Erscheinung der Diana an. Indess\ngestehen wir, dass wir ungern die ausserordentlich schöne\nOpferscene, Nr. 18, den Wechselgesang zwischen Iphi-\ngenie und dem Chor der Priesterinnen am Schlüsse des\nzweiten Actes vermissten, wogegen die letzte Arie des Py-\nlades hätte wegbleiben können.\nWenn überhaupt Opernmusik in die Programme der\nMusikfeste aufgenommen werden soll, so darf sie natürlich\nnur ernster Gattung sein, und auch nur denjenigen drama-\ntisch-musicalischen grossen Werken angehören, die zugleich\nden Chor beschäftigen und deren Verschwinden von der\nBühne wegen ihres classischen Inhaltes aufs höchste zu be-\ndauern ist. Bei Erfüllung dieser Bedingungen wird die rein\ndramatische Musik stets ihre volle Berechtigung auf Musik-\nfesten haben, da bei dem Ausschlüsse derselben eine der\ndrei höchsten Gattungen der Tonkunst: Oratorium, Dra-\nma, Sinfonie, nicht vertreten wäre.\nDass Gluck's Musik vorzüglich zu solcher Vertretung\nder classischen Oper geeignet ist, wird Niemand in Abrede\nstellen. Die Ausführung war indess dieses Mal nur in den\nSolostimmen würdig und erhebend; die Chöre hingegen\nkamen weder an Kraft noch Ausdruck denen im Samson\nund im Ver sacrum gleich, die Priesterinnen waren nicht\nimmer von heiliger Begeisterung ergriffen, und die barba-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5498, "texte": ":-/i K:J r-.'. iV» s; A 4 I\nrischen Scythen waren sehr zahm, ja, sogar die furchtba-\nren Eumeniden nicht eben fürchterlich.\nWir dürfen auch nicht verschweigen, dass Herr\nSchnorr von Carolsfeld (Pylades) nur hier und da\nschöne Momente hatte, z. B. in der ersten Arie in A-dur,\nim Qanzea aber noch nicht Sänger genug ist, um in das\nHeiligthum dieser Musik als würdiger Priester einzutreten.\nZumal neben Stockhausen als Orest! Dieser treff-\n.\nliehe Sänger füllte seine Rolle aufs herrlichste aus, nament-\nlich wird der hinreissende Zauber seines Vortrags des Re-\ncitativs und der Arie Nr. 14: „Die Ruhe kehret mir zu-\nrück\", allen unvergesslich sein, die ihn mit athemloser\nStille hörten und am Schlüsse in einen Applaus losbrachen,\nwie wir ihn selten erlebt haben.\nAber auch die hohe Tochter Agamemnon's hatte in\nFrau Bürde-Ney eine wahre Priesterin der Kunst ge-\nfunden, welche uns ohne alle Hülfsmittel der theatralischen\nIllusion bloss durch ihre himmlischen Töne die ganze hehre\nGestalt der Iphigenie vor die Seele stellte und uns in den\nheiligen Hain der Diana versetzte. Ihre Recitative, vor al-\nlen die Erzählung des Traumes, so wie die beiden Arien\nin A-dur und in G-dur (mit der Solo-Hoboe) waren voll-\nendete Leistungen, die mit Recht glänzende Ovationen bei\nder Zuhörerschaft hervorriefen. Die Hoboe hatte in der\nletzten Arie besseren Ton und Ausdruck, als am ersten\nTage.\nDen Schluss des Concertes machte Beethoven's A-\neZwr-Sin fonie. Sie begann etwa um halb zehn Uhr! Wenn\nman nun bedachte, dass das Orchester von Freitag Abends\num 6 Uhr an in vier langen Proben und zwei Concert-\nAufführungen fast ununterbrochen (mit Ausnahme von\nSonntag Vormittags) thätig gewesen war, so musste man\nin der That erstaunen, dass es noch im Stande war, dieses\nherrliche Werk im Geiste seines Schöpfers wiederzugeben\nund trotz aller vorhergegangenen Anstrengungen sich so\nhineinzuspielen, dass der letzte Satz so schwungvoll und\nfeurig und kräftig ausgeführt wurde, dass er Alles mit sich\nfort und zu einem jubelnden Applaus hinriss. Aber auch\ndas Allegretto oder richtiger Andante, wie es Beethoven\nauch zuerst seihst bezeichnet hat, und das Scherzo mit sei-\nner wundervollen Zusammenstellung heiterer Lebenslust\nund innigen dankbaren Gefühles für das Schöne auf Erden\ngingen sehr gut und gewannen sich rauschenden Beifall.\nNur im ersten Allegro war an dem nicht immer scharf\nbetonten originellen Rhythmus und an den nicht mit voller\nund feinster Präcision ausgeführten Schattirungen und Con-\ntrasten des Ausdrucks in etwa zu bemerken, dass das Or-\nchester nicht ganz mehr so frisch war, als am ersten Tage.\nDer dritte Festtag brachte auch noch ein vollständi-\nges und ebenfalls wieder sehr langes Abend-Concert, wozu\nV. '.V s- • : . :vv .. ' \" • r-v- ■ ' .\niy> .• '■ %-r - : ]• •' % > ' • v r- . » ' v\nsich im Laufe der Jahre seit 1833 das so genannte Künst-\nler-Concert, das Anfangs immer in den Mittagsstunden\ngegeben wurde, gestaltet hat. Seine Bestimmung ist, der\nVertretung der Virtuosität Kaum zu geben. Die Leistungen\nder einzelnen hervorragenden Künstler, Sänger und Instru-\nmentalisten, sind dabei die Hauptsache; wenn nicht\nhervorragende zum Auftreten kommen, so ist das ein Miss-\nbrauch, der nicht stark genug gerügt werden kann, weil\nman nicht ein zahlreiches Orchester von Künstlern zusam-\nmenkommen lässt, um Vorträge, die sich nicht über das\nGewöhnliche erheben, zu begleiten, und das Publicum\nnicht je zwei Thaler die Person zahlen lassen darf, um\netwas Alltägliches zu hören. Gegen diesen Grundsatz hat\nman dieses Mal in so fern gefehlt, dass man aus Local-\nRücksichten Herrn Tausch, Musik-Director in Düssel-\ndorf, ersucht halte, das Es-dur-Concert von Beethoven zu\nspielen. Herr Tausch ist ein tüchtiger Musiker und guter\nClavierspieler; allein gegenüber von Pianoforte-Virtuosen\nwie Frau Schumann und die Herren Alfred Jaell, Breu-\nnung, L. Brassin, Brahms, die alle anwesend waren, an\ndie man also nicht bloss denken, sondern die man sehen\nkonnte, musste seine Leistung, auch wenn sie vollkomme-\nner gewesen wäre, als sie war, in Schatten treten.\nEin zweiter Grundsatz bei der Feststellung des Pro-\ngramms für das Künstler-Concert war bisher folgender.\nDa die Virtuosität in der Tonkunst ihre volle Berechtigung\nhat, so war nichts gegen ihre Vertretung einzuwenden,\nsobald man das Wort Virtuosität im Sinne vollendeter Mei-\nsterschaft im künstlerischen Vortrage von Werken ernster\nGattung, oder wenigstens von gehaltvollen Musikstücken\nanderer Art, nahm. So wurde denn auch bisher stets dar-\nauf gehalten, dass das Programm auch am dritten Tage\nder classischen Richtung der Musikfeste würdig sei.\nGegen diesen Grundsatz fiel nun dieses Mal ein arger\nVerstoss vor, der nur in dem Zeitalter der Concessionen\ngegen die Operngrössen, in welchem wir leben, vorkom-\nmen kann—nämlich der Vortrag einer der fadesten Cora-\npositionen, des Walzers von Venzano für eine Sopran-\nstimme, zwischen Beethoven's Romanze für die Violine\nund dem Schlusschor aus Händel's Samson! So etwas war\nbisher unerhört und wird hoffentlich auch nicht wieder\nStatt finden.\nIm Uebrigen war das Programm reich und gut aus-\ni gestattet; allein fünfzehn Nummern, das war dennoch wie-\nderum zu viel. Die Verkürzung, welche das Programm\nam Abend allerdings erlitt, wurde leider durch den Aus-\nfall der Solo-Vorträge von Herrn Stockhausen bewirkt,\ndem das nasse und stürmische Welter eine so starke Er-\n! kältung angeweht hatte, dass er es nicht wagen konnte,\nund als ein Sänger von seinem Rufe und seiner Pflicht für"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5261, "texte": "die Erhaltung der Stimme auch nicht wagen durfte, noch-\nmals aufzutreten.\nDas Concert begann mit einer schwungvollen Ausfüh-\nrung der Hebriden-Ouverture von Mendelssohn.\nHierauf folgte die wunderbar schöne, tief empfundene\nAlt-Arie in 11-nioll: „Erbarme Dich meiner\", aus der\nMatthäus-Passion von J. S. Bach, mit innigem Gefühl und\neinfach edlem Vortrage von Fräulein Schreck gesungen,\ndie Solo-Violine von Joachim gespielt, die wie eine\nStimme des liebevollen Trostes und der Erhörung sich dem\nandächtigen, thränenvollen Gebete anschmiegte.\nMozart's Ave verumschloss sich als Chorgesang\nkirchlichen Charakters daran an und machte einen schö-\nnen Eindruck, wenngleich die zarte Empfindung, die in\ndem herrlichen Stücke liegt, wohl durch einen kleineren\nChor vorzüglicher Stimmen sich noch wirksamer ausspricht,\nals durch grosse Massen.\nHierauf spielte Joseph Joachim sein Violin-Con-\ncert in Z>-m><?/(Manuscript), und das war ohne allen Zwei-\nlei der Glanzpunkt des Abends, da Composition und Vor-\ntrag in gleichem Grade auf der höchsten Stufe der Kunst\nstanden. Allerdings verriethen frühere Compositionen von\nJoachim Talent und einen Keim von Eigentümlichkeit der\nErfindung; allein zwischen ihnen und diesem Concerte liegt\neine Kluft, welche der grosse Künstler wie mit Einem\nMale durch einen genialen Flug übersprungen hat, das heisst\nfür die Oeffentlichkeit, denn von dem Streben und Ringen\nund der allmählich sich entfaltenden Entwicklung in der\ninneren Werkstatt des Künstlers ist nur die Muse Zeugin,\nnicht die Welt. Wir haben anderswo dieses Concert ein\nEreigniss in der Violinmusik genannt, und nach zweimali-\ngem Hören hat die Einsicht in die Partitur unser Urtheil\nnur um so mehr befestigt. Es setzt die Reihe der grossen\nCompositionen dieser Gattung vonSpohr, Beethoven, Men-\ndelssohn und Vieuxtemps fort und tritt dabei in einem\nganz eigenthümlichen Charakter auf. Joachim hat diesen\nCharakter durch den Zusatz: „Concert in ungarischer\nWeise\", selbst bezeichnet, und wenn es bei diesem Titel\nbedenklich und zweifelhaft schien, ob ein so bestimmt an-\ngegebener Charakter sich durch drei Sätze eines grossen\nsymphonischen Musikstückes, noch dazu mit einer glänzend\nconcertirenden Solostimme, durchführen lasse, so musste\ndie wirkliche Lösung dieser Aufgabe um so mehr über-\nraschen.\nMan würde sehr irren, wenn man nach jenem Titel\nan so genannte Phantasieen oder an Variationen über un-\ngarische Motive dächte; dieses abgedroschene Mittel, einer\nComposition einen National-Charakter zu verleihen, hielt\nder Componist ganz fern von sich. Er hat nicht über un-\ngarische „Weisen\", sondern in ungarischerWeise ge-\nschrieben; es durchweht das ganze Concert in allen Sätzen\nein eigentümlicher Geist, den jeder, der jemals ungari-\nsche National-Orchester gehört hat, entweder im Lande\nselbst oder von wandernden Musik-Gesellschaften, deren\nnoch vor einigen Jahren eine sehr gute Deutschland durch-\nzog und überall, auch in London und Paris, Aufsehen er-\nregte, auf der Stelle für den Geist erkennt, der jene Na-\ntionalmusik auszeichnet. Bei dieser ist nun eben die Vio-\nline das Haupt-Instrument, und dadurch wurde es Joachim\nallerdings leichter, jenen Charakter schlagender und glän-\nzender zur Anschauung zu bringen, als Liszt in seinen\n„ungarischen Rhapsodieen\" für das Pianoforte.\nSein Werk ist mithin ein durchaus eigen erzeugtes,\nund den angegebenen Charakter verleihen ihm eines Theils\ndie Erfindung der Motive und Melodieen, anderen Theils\ngewisse harmonische Wendungen und Cadenzen, die der\nVolksmusik in Ungarn eigen sind, und die geniale Behand-\nlung der Violine, des Solo-Instrumentes, dessen Passagen,\nselbst die schwierigsten, stets nur als integrirende Theile\ndes Ganzen erscheinen und den phantastischen, oft caden-\nzenartigen Charakter tragen, der uns ungewiss lässt, ob\nwir eine durchdachte Ausführung oder eine von der Be-\ngeisterung des Augenblicks eingegebene Improvisation hö-\nren, während das Orchester ruhig und bescheiden die\nHaupt-Motive fortspinnt. Hier hören wir in höchster künst-\nlerischer Vollendung das, was die begabten Violinisten an\nder Spitze der ungarischen Musikbanden, die Naturdichter\nauf der Violine möchten wir sie nennen, oft mit merkwür-\ndiger Kühnheit anbringen. So müssen sich bei Joachim\nHunderte von Noten auf die verschiedenste Weise in den\nrhythmischen Organismus fügen, ohne ihn im Geringsten\nzu stören, was dem Concerte neben dem inneren musica-\nlischen Gehalte einen Reiz und Glanz der Virtuosität hin-\nzufügt, der das Ganze an vielen Stellen, der Wirkung einer\nbengalischen Flamme vergleichbar, beleuchtet.\nDie Romanze in G-dur,die auf das erste Allegro folgt,\nist unter den drei schönen Sätzen vielleicht der schönste.\nDer erste Satz ist breit und grossartig angelegt, von ern-\nster, fast melancholischer Stimmung; der letzte,\nZingara überschrieben, ist ein sprudelnder Erguss von\nLebensfrische mit einem Paar liedartiger Melodieen in\nDoppelgriffen, auf deren unmittelbaren zigeunerischen Ur-\nsprung man schwören möchte, so aufregend und originel\nsind sie.\nDass Joachim gleich bei seinem Auftreten mit rau-\nschendem Applaus begrüsst wurde, und dass bei seinem\nunvergleichlichen Spiel enthusiastischer Beifall nach jedem\nSatze unter Trompeten-Jubel die Halle durchtönte, ver-\nsteht sich von selbst.\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1976, "texte": "In der zweiten Abtheilung des Concertes spielte Joa-\nchim auch noch die schöne Romanze in F von Beethoven.\nFrau Bürde-Ney hatte die grosse Scene der Agathe\naus dem „Freischütz\" gewählt. In der Probe am Morgen\nergriff und entzückte uns der Gesang der treff lichen Künst-\nlerin, die uns als Iphigenie so sehr wieder an das erinnert\nhatte, was wir vor sechs Jahren bei Gelegenheit ihrer Gast-\nVorstellungen sagten: dass ihr, wiö dem wahren Dichter,\ndie Hingebung an die Kunst zur inneren Notwendigkeit\ngeworden sei. Zu unserem wahren Bedauern mussten wir\nam Abende wahrnehmen, dass das heutige Publicum,\nob in Dresden, oder, was wahrscheinlicher ist, auf den\nGastrollen-Reisen, auch sie verführt hat, durch Uebertrei-\nbung von Ton und Affect, wodurch jener unrein und\ndieser unwahr wird, Wirkungen bei der Menge zu er-\nzielen! Erquickend war später der innige, seelenvolle Vor-\ntrag des süssen Liedes: „Glöcklein im Thal\", von Weber;\naber der Walzer von Venzano wäre in jeder Beziehung\nbesser weggeblieben.\nHerr Schnorr von Carolsfeld hat uns durch den Vor-\ntrag der Arie des Adolar aus Euryanthe keine andere\nMeinung über seine Art, zu singen, beigebracht. Für ihn\nwar es auch schade, dass das angekündigte Terzett aus\n„Fidelio\" wegen Stockhausen's Unwohlseins wegbleiben\nmusste, da er im Ensemble, wie es das Terzett und Quar-\ntett im Ver saerumzeigte, vortrefflich wirkt.\nDie zweite Abtheilung war mit einer Ouvertüre von\nTausch eröffnet worden, die, wie es scheint, an die Stelle\nder Ouvertüre zur Olympia von Spontini, welche auch\nauf dem Programm stand, getreten war. Also Tausch für\nTausch. Die Ouvertüre, mehr der leichteren als der he-\nroischen Gattung angehörig, hat melodischen Fluss und\nist nicht ohne Talent gemacht.\nAm Schlüsse führte Hiller noch einmal die volle Schar\nder ausführenden Festgenossen in dem Schlusschor des\nHändel'schen Samson vor, dem, zugleich als Ausdruck der\nBefriedigung des Publicums über das ganze schöne Fest,\nein schallender Applaus folgte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-06-23-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-06-23_01#c003", "volume": "bmtnabi_1860-06-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "204", "page_fin": "206", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.2.3", "titre_corps": "Ein ungekanntes Werk von Gluck.", "titre_sommaire": "Ein ungekanntes Werk von Gluck.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.4", "debut_caractere": 1978, "fin_caractere_exclue": 5105, "texte": "Ein ungekanntes Werk von Gluck.\nUnter dieser Ueberschrift bringt die „Berlinische Zei-\ntung\", Nr. 140 vom 17. Juni, einen Aufsatz von o.Lind-\nner, welcher die sehr interessante Nachricht von der Auf-\nfindung dreier bisher unbekannten dramatischen Compo-\nsitionen von Gluck in der vom Bibliothecar Spiker in\nBerlin nachgelassenen Musicalien-Sammlung enthält. Nach\nciuer Einleitung, worin über die geringere Beachtung, die\nden Reliquien grosser Musiker im Vergleich zu denen be-\nrühmter Dichter und Maler zu Theil wird, Klage geführt\nwird, die wenigstens bis auf die neuesten Zeiten begründet\ngenug ist, heisst es daselbst:\n„Bekanntlich wurde Gluck im Jahre 1769 nach\nParma berufen, um bei den daselbst Stattfindenden Ver-\nmählungs-Feierlichkeiten des K. Infanten Don Ferdinand\nLudwig Philipp Joseph mit der österreichischen Erzher-\nzogin Maria Amalia mitzuwirken. Die Vermählung selbst,\ndie ersten Festlichkeiten fanden in Wien am 27. Juni Statt,\nin Parma aber erfolgte am 24. August die Hauptfeier.\nHierzu lieferte Gluck ein musicalisches Werk, welches aus\nnicht weniger als vier einzelnen Werken bestand. Nur\ndas letzte derselben hatte er bereits früher in Musik ge-\nsetzt, den Orfeo; diesem vorher gingen: Le Feste d'Apolb,\nals Prolog, Bauci e Filemone und Aristeo. Jedes dieser\nWerke, auch der Orpheus, waren einactig behandelt*).\nAnton Schmid, der in seinem Buche über Giuck dieser\nStücke auf Grund eines ihm vorgelegenen Textbuches aus-\nführlich gedenkt, sagt ausdrücklich: „Von allen diesen\nStücken ist in den Mauern Wiens nichts zu finden\" —und\nallgemein wurde die Musik zu den drei ersten für verloren\nerachtet.\nUnd doch befand sich das ganze Werk in guter Ab-\nschrift noch 1826 in Wien. In diesem Jahre kaufte es ein\nLiebhaber, der verstorbene Bibliothecar Spiker in Berlin;\nungekannt lag es in seiner Musicalien-Sammlung, bis die-\nselbe testamentarisch an das berliner Joachimsthal überging.\nDadurch ist wenigstens dafür gesorgt, dass es nicht zum\nzweiten Male spurlos verschwinden kann.\nNehmen wir den Orfeo,als das Bekannte, vorweg, so\nsind mehrfache Abänderungen zu bemerken, welche als\neben so viele Rücksichten auf den gleichzeitigen Geschmack\nder Italiäner sich kennzeichnen.\nDer Prolog: Le Feste enthält folgende\nStücke:\n[DerProlog hat nur Eine Scene, deren Personen sind:\nder Priester des Apollo (Tenor); Anfrisio, Haupt der\nAthener (Sopran); Arcinia, Führerin der athenischen\nMädchen nach der Insel Delos, welche der Ort der Hand-\nlung ist. Apollo wird angerufen, auf die Spiele zur Feier\ndes Vermählungsfestes huldreich zu schauen.**)]\n\n*) Der „Orpheus\", in der italiänischen Partitur in zwei, in der\nfranzösischen in drei Acten, wurde auch in Parma vollständig\ngegeben in sieben Scenen ohne Er war be-\nreits im Jahre 1762 zum ersten Male in Wien aufgeführt wor-\nden. In Parma erlebte er mit den drei oben genannten Fest-\nspielen ach tun dz wan zig Wiederholungen, zu welchen die\nFremden von allen Seiten zuströmten. Die Redaction.\n**) Wir ergänzen zu besserem Verständnisse die Mittheilungen\nLindner's durch den Inhalt der verschiedenen Acte des Fest-\nspiels nach Ant. Schmidt Leben Gluck's.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4248, "texte": "1. Ouvertüre. Allegro, 4/4. Für volles Or-\nchester (d. h. mit Ausnahme der Posaunen und Clarinet-\nten). Minore, A-moll,2/j, mit Fagotten. Der Allegrosalz\nfindet sich zuerst vor in der Ouvertüre zu Telemaco,\n1765, dann nochmals bearbeitet als Ouvertüre zur Ar-\nmide.\n2. Chor: „Sorgi possente nurne\", C-dur, 4/4. Mit vol-\nlem Orchester.\n3. Obli gates Recitativ, mit Oboen, Fagotten und\nHörnern. Der Instrumentalsätze wegen nicht ohne Interesse,\naber sehr gedehnt.\n4. Arie des Sacerdote: „Del di crescano le pompe\",\nA-dur, 4/4. Mit Hörnern.\n5. Arie des Anfrisio: „Le teuere\", 3/8.\nMit Flöten. Wiederholt in GytMre assiegee, P. 18 f.*), als\nArie der Daphne: „Ah quel d'aimer.\"\n6. Arie der Arcinia: „Con tremito suave\", D-dur,\n4/4. Oboe solo. Trombaund V\n7. Da Capo il Coro Nr. 2.\nDer Atto di Bauci e Filemist umfangreicher:\n[„Baucis und Philemon\" hat drei Personen, die zwei\nSoprane und einen Tenor: Jupiter, in fünf Scenen. Das\ngenannte Gattenpaar wird in der Blüthe der Jugend dar-\ngestellt, und Jupiter verspricht ihnen die Unsterblichkeit.]\n1. Ouvertüre, E-moll, 4/4. Mit Oboen, Fagotten,\nHörnern und Violoncello obligato\n2. Duett zwischen Baucis und Philemon:\nsoro\", G-dur,3/3. Flauto solo, Hörner und Fagott.\n3. Arie des Philemon: „La fiamma del mio petto\",\nE-dur, 3/4. Mit Oboen.\n4. Obligates Recitativ des Giove: „Primach' io\nsposi\". Mit Streich-Quartett.\n5. Arie der Baucis: „II mio pastor tu sei\", C-dur,\n4/4. Mit Oboen und Hörnern. Diese Arie ist aus dem 1756\nvon Gluck in Musik gesetzten Re pastore entlehnt und fin-\ndet sich umgearbeitet wieder in der Cythere assiegee, P. 181,\nals die Arie der Daphne: „Nymphes, chantez victoire\".\n6. Chor: „Di due bell'\n3/g, Mit Oboen und Fagott. Umgearbeitet in\nride, P. 11: „Non sdegnare Venere\", und in der\nfranzösischen Alceste, P. 134: „Parez vos fronts des\nfleurs nouvelles\".\n7. Chor: „Lodi eterne al Re de' numi\", F-dur, 4/4.\nMit Flöten und Fagott. Aus diesem Chor finden sich ganze\nStellen in der Hymne der Priesterinnen in Iphigenie auf\nTauris: „Chaste fille de Latone\", P. 174.\n8. Arie des Giove: „11 3/4. Mit\nobligater Viola, obligatem Violoncell und 2 Fagotten. Er-\nscheint umgearbeitet in Echo et Nareisse, P. 207, als Arie\ndes Cynire: „Dissipe ce mortel effiroi\".\n9. Duett zwischen Baucis und Philemon: „Se tuo\ndono\" , B-dur,4/4. Der zweite Theil desselben steht im %-\nTact; unmittelbar daran schliesst sich ein Chor:\nmai dato piü heato\", B-dur, 3/4.\n10. Arie des Giove: „Pe' g\n4/4. Ist Grundlage der Chor-Arie des Hasses in der Ar-\nmide, P. 140: „Plus un connait l'amour\".\n11. Tempesta con fulmini C-dur, 4/4. Mit vollem\nOrchester. Baucis und Philemon:\n12. Chor: „Re superno\".Mit Oboen und Hörnern.\nUmgearbeitet in der Armide als Ballet, P. 41.\nDer Atto d'A risteoendlich besteht aus folgenden\nStücken:\n[„Aristäus\" ist das längste von den drei Vorspielen;\nes enthält neun Scenen. Die Personen sind: Aristäus, seine\nMutter Cyrene, seine Geliebte, die Nymphe Cidippe-—alle\ndrei Sopran, und Atis, der Vertraute des Aristäus, Tenor.\nVon dem eigentlichen Mythus des Aristäus, auf den die\ngriechische Sage die Bienenzucht, die Pflanzung des Oel-\nbaums u. s. w. zurückführt, scheint nicht viel vorzukom-\nmen; der Inhalt dreht sich um die Liebe des Aristäus zur\nCidippe. Die Decoration stellte das Thal Tempe vor.]\n1. Introduzione. D-dur, 3/4. Mit Oboen, Fagotten\nund Hörnern.\n2. Arie des Atis: „Quell' %.\nMit Oboen und Hörnern.\n3. Arie der Cidippe: Tu sei 3/8.\nMit Oboe, Fagott und Horn-Solo. Diese Arie findet sich\nwieder in Cythere assiegee, P. 31, als die der Carite: „Le\nBarbare me declare\".\n4. Arie der Cyrene: „Nocchier che in mezzo all'\nonde\", B-dur, %. Mit Oboen. Wiederholt im franzö-\nsischen Orpheus, P. 38: .\n5. Cavatine des Aristeo: %.\nMit Streich-Quartett.\n6. Sinfmia con Sordine. 4/4. Mit Hörnern.\n7. Chor: „ Del figlio d'Ap 3/3. Mit Flö-\nten und Oboen.\n8. Obligates Recitativ der\nAristeo\". Mit Streich-Quartett.\n9. Arie des Aristeo: „Cessale, fuggite ,\n4/4. Mit Hörnern und obligater Violine. Ist eine Umarbei-\ntung der Schluss-Arie des zweiten Actes von Semiramis,\n1748.\n10. Cho r: „ Eeehegiar s'odano\" 3/4. Mit Hör-\nnern, Flöten, Oboen und Fagott. Umgearbeitet in\nassiegee, P. 157: „Les Dieux dans leur Grandeur su-\npreme\" .\n\n*) Die Citate beziehen sieh überall auf die Partitur."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4328, "texte": "11. Terzett der Cidippe, Cyrene und des Aristeo:\n„Fosti ognor\", C-dur, e/8. Mit Oboen und Hörnern.\n12. Cho r: „ Aecompagni la coppia felice\", C-dur, 3/ü.\nMit Oboen und Hörnern.\nEinzelne dieser Stücke sind tief empfunden und dürfen\nauch an sich ein musicalisches Interesse in Anspruch neh-\nmen ; im Ganzen aber trägt das Werk, oder vielmehr tra-\ngen die drei oben näher bezeichneten Werke den Stempel\nder Gelegenheits-Musik an sich, was um so erklärlicher\nist, als Gluck's wesentliche Beschäftigung in diesem\nJahre die Composition von El war.\nDagegen erscheint die parma'sche Festmusik von be-\ndeutendem Werthe, wenn man sie in ihren Beziehungen\nzu späteren Werken GJuck's ins Auge fasst. In seiner frü-\nheren Periode, in welcher Gluck noch unsicheren Schrittes\ndanach strebte, aus der Schablone Hasse'scher Factur\nherauszukommen, waren seine Melodieen edlen Metall-\nstücken gleich, die ohne die gehörige Verarbeitung zu bar-\nbarischem Putze dienen. Später, als er sich klar geworden,\ngriff er häufig in diese von der Welt bereits vergessenen\nund doch werthvollen Reichthümer seiner jugendlicheren\nPhantasie zurück und goss sie nun erst in die Form, die\nihnen dauernden Werth sicherte. Andererseits verpflanzte\ner wohl auch bei Werken, die er nicht so streng ausar-\nbeitete, also namentlich bei Cyt und dem fran-\nzösischen Orpheus, solche wild aufgewachsene italiänische\nGewächse geradezu, wodurch dann der Anschein entsteht,\nals habe er gelegentlich plötzlich wieder ganz in seiner\nersten Manier geschrieben. Schmid hat diesen für Gluck's\nBeurtheilung und Arbeitsart nicht unwichtigen Punkt so\ngut wie gar nicht erkannt. Gelegentlich fällt ihm wohl auf,\ndass ein einzelnes Stück in einer späteren Oper wieder-\nkehrt, aber theils sind diese Bemerkungen bei Weitem\nnicht erschöpfend, theils weiss er nichts damit anzufangen.\nWas die parma'sche Festmusik betrifft, hoffen wir ihn auch\nnach dieser Seite hin ergänzt zu haben.\nSo weit 0. Lindner. Es wäre wünschenswerth, wenn\nHerr Lindner die „mehrfachen Abänderungen im Orpheus\naus Rücksicht auf den gleichzeitigen Geschmack der Ita-\nliäner'* —gelegentlich mittheilte. Wir glauben kaum, dass\nsie so arg sind, wie diejenigen, die sich in neuester Zeit\nFrau Viardot-Garcia in Paris auf dem Theätre lyrique er-\nlaubt hat.\nWenn er Anton Schmid beinahe einen Vorwurf dar-\naus macht, dass dieser sagt: „Von allen diesen Stücken\nist in Wien nichts aufzufinden\", so bemerkt er nicht, dass\ndie Wahrheit dieser Aeusserung gerade durch seine eigene\nNachricht, Spiker habe 182 6 die Partituren gekault, be-\nwiesen wird. Denn Spiker wird die Partituren eben so we-\nnig in Wien haben liegen lassen, als Schmid seine Vor-\narbeiten zur Biographie Gluck's, die er 1854 herausgege-\nben, schon achtundzwanzig Jahre vor 1854 begonnen\nhaben wird, wo er wahrscheinlich noch gar nicht daran\ndachte, sie jemals zu schreiben.\nEben so unbegründet ist der Tadel, der am Schlüsse\ndes Artikels auf Schmid geworfen wird. Schmid's Biogra-\nphie Gluck's ist ein durch fleissige Urkunden-Sammlung\nverdienstvolles Werk. Er soll „nichts damit anzufangen ge-\nwusst haben\", wenn er ein einzelnes Stück aus einer frü-\nheren in einer späteren Oper wiederfand; nun, er gibt uns\ndie Notiz darüber, und das ist hundert Mal besser, als sich\ndadurch Hypothesen und Deutungen der inneren Entwick-\nlung des Künstlers hinzugeben, die sehr oft nicht im Ge-\nringsten stichhaltig sind. Herr 0, Lindner vergisst, dass\nOrfeo ed Euridiceschon 1T62 componirt und aufgeführt\nworden und dass darin bereits Gluck's Grundsätze über\ndie Reform der Oper von ihm verwirklicht wurden; dass\nferner die Alceste 1766 componirt, 1767 zum ersten\nMale aufgeführt und 1769 in der italiänischen Partitur-\nAusgabe erschienen, welche die berühmte Dedication an\nden Grossherzog von Toscana enthält. Gluck war also im\nJahre 1769 im August, als er die jetzt aufgefundenen Fest-\nspiele schrieb, bereits „sich klar geworden\" und vollkom-\nmen einig mit sich selbst; seine innere künstlerische Entwick-\nlung war vollzogen. Dass späterhin noch vollendetere Werke\ndaraus hervorgingen, z. B. die beiden Iphigenien, wider-\nlegt das keineswegs. Keinem wird es einfallen, die späte-\nren französischen Bearbeitungen des Orpheus und der Al-\nceste (1776) als Werke, die durch Aufnahme „wild auf-\ngewachsener italiänischer Gewächse\" gekennzeichnet wür-\nden, zu betrachten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-06-23-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-06-23_01#c004", "volume": "bmtnabi_1860-06-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "206", "page_fin": "208", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.6", "debut_caractere": 4330, "fin_caractere_exclue": 5496, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli, 22. Juni. Die italienische Operngesellschaft\ndes Herrn Mer«lii, welche zuletzt in Brüssel, Antwerpen, Lütticb\nu. s. w. unter grossem Beifalle gespielt hat, gab hier am 20. »Don\nPasqualeu von Donizetti und am 21. Rossini' s „Barbier\" mit\nglänzendem Erfolg. Die dritte und letzte Vorstellung wird heute\nAbends „// Trovatorea von Verdi sein. Am nächsten Montag, den\n25. d. Mts , tritt die Gesellschaft in Frankfurt am Main auf, wo sie\neinen grösseren Cyklus von Opern geben wird.\nDie Gesellschaft hat alle die Vorzüge, welche aus der Nationa-\nlität der Italiäner entspringen, die denn doch am Ende immer noch\ndas von der Muse des Gesanges und des Bühnenspiels bevorzugte\nVolk sind. Wir wollen es den deutschen Bühnensängern nicht zum\nVorwurf machen, dass sie keine Italiäner sind; aber wenn man die-\nses Zusammenspiel, dieses Zuhausesein auf der Bühne sieht, und\ndie langen und ernsten Studien bedenkt, welche eine solche Behand-\nlung der Stimme und eine solche technische Fertigkeit, wie sie die\nHaupt-Personen dieser Gesellschaft besitzen, erfordern, so kann man\nfreilich nur bedauern, dass von derartigen Bemühungen bei unseren"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7410, "texte": "jetzigen deutschen Theatersängern nur sehr wenig zu bemerken ist.\nDie meisten Kunstjünger haben kaum einen Begriff von dem jahre-\nlangen Fleisse, den die systematische Ausbildung der menschlichen\nStimme verlangt, wesshalb denn auch die Bemühungen guter Lehrer\nan dem Mangel an Ernst und Durchdrungensein von dem wirklichen\nKünstlerberufe bei den Schülern so häufig scheitern. Uebrigens ha-\nben wir auch Gesanglehrer genug, welche in dieser Hinsicht auf dem-\nselben Standpunkte stehen, wie ihre Schüler, während andere, tüch-\ntige und berufstreue, im Gegensatze zu den unwissenden an dem\nErbfehler der Deutschen leiden: sie sind stark in der Theorie, aber\ndie praktischen Ergebnisse kommen dieser nicht gleich.\nDie Signora Lorini-Mariani besitzt eine sehr angenehme und\nwohllautende Sopranstimme mit leicht ansprechender und reiner In-\ntonation. Ihre technische Gewandtheit ist bedeutend, und der Aus-\ndruck sowohl im Naiven und Coquetten, als im Sentimentalen hat\ngrossen Reiz. Signor Galvani verbindet mit einer sehr biegsamen,\nnicht ausnehmend starken, aber höchst einnehmenden Stimme von\nechtem hellem Tenorklang, der nicht die geringste Baritonfärbung\nhat, einen durch treffliche Schule gebildeten Vortrag. Sein Ständchen\nzur Guitarre und das darauf folgende Notturno-Duett mit Norina\n(Signora Lorini) in Don Pasquale war in der That entzückend.\nSignora Vietti (Rosine im Barbier) hat eine von jenen Contraalt-\nStimmen, die jetzt sehr selten sind und durch ihren fast männlichen\nTimbre überraschen Dennoch ist diese voluminöse Stimme bei ihr\nbis zu glatter Coloratur ausgebildet, so dass man ihr das Prädicat\neiner wackeren Sängerin nicht versagen kann, wenn auch die höhe-\nren Töne nicht mehr die ganze Frische haben. Dagegen ist sehr zu\nloben, dass sie die tiefen Brusttöne natürlich gibt und nicht mit\njener widerlichen Breite herausquetscht, die man oft von Celebritä-\nten dieser Stimmgattung hört. Ueberhaupt haben wir bei sämmtli-\nchen Künstlern der Merelli'schen Gesellschaft die Unarten der neue-\nren italiänischen Sänger, das zu starke Auftragen und das Forciren\ndes Tones bis zum Schrei, erfreulicher Weise gar nicht gefunden, wenn\nauch die kräftige Stimme des Bass-Buffo, Signor Mazetti, allerdings\nin unserem jetzigen kleinen Theater etwas scharf klingt, und der mäch-\ntige, aber stets klang- und wohllautsvolle Bariton des Signor Squar-\ncia freilich nicht zum Säuseln und Zärteln gemacht ist. Dass aber\nder letztgenannte Sänger Maass zu halten und mit vortrefflichem\nAusdruck vorzutragen versteht, zeigte unter Anderem das Terzett\nzwischen ihm (Figaro), Rosine und dem Grafen im letzten Acte des\nBarbiers, welches in jeder Beziehung eine meisterhafte Leistung der\ndrei Künstler war.\nDer kölner Männer-Gesangverein feierte am Sonntag den\nIi), d. Mts. sein achtzehntes Stiftungsfest durch eine Sän-\ngerfahrt mit der Rheinischen Eisenbahn nach dem Siebengebirge.\nVom Plateau des Drachenfelsens herab klangen seine Lieder, da der\nWind günstig war, über den Strom hinweg bis an die Basaltfelsen\nvon Rolandseck, auf dessen Stations-Gebäude sich denn alles, was\nsich auf Wanderungen im Freien zerstreut hatte, zu einem Festmahle\nvereinigte, welches heitere Gesänge, ernste und humoristische Trink-\nsprüche und eine fröhlich gehobene Stimmung mannigfach belebten.\nUnter den vaterländischen Toasten wurde vor allen das Hoch auf\nden Prinz-Regenten mit Jubel ausgebracht, dann auf die Ein-\nheit Deutschlands, auf den Bau des kölner Domes als Denkmal\ndeutscher Einheit, auf die Sängerbrüder in Freiburg und in ganz\nSüddeutschland, auf die Zukunft des Vereins u. s. w.\nAm 19. d. Mts. fand das von demselben Vereine veranstaltete\nVocal- und Instrumental-Concert im grossen Saale des\nGürzenich Statt, dessen Ertrag als Beisteuer zu den Kosten der\nEindeckung der neuen Domdächer und des Mittelthurmes, wofür\ndie hochragenden Baugerüste bereits aufgestellt sind, der Dombau-\nCasse überwiesen worden ist. Die Instrumental-Partie wurde durch\ndie Capelle, die Herr Dickopf für seine drei Mal wöchentlich Statt\nfindenden Concerte im Gertrudenhofe, die sich zahlreichen Besuches\nei freuen, begründet hat, unter Leitung ihres Dirigenten, Herrn Pe-\nters, ausgeführt. Am besten ging die Ouvertüre zu Ruy Blas von\nMendelssohn, deren Ausführung recht gute Fortschritte des jungen\nInstituts im Zusammenspiel zeigte. Das Andante der Oberon-Ouver-\nture war zu langsam im Tempo genommen, wogegen das Allegro\nzwar im richtigen Zeitmaasse eingesetzt, aber hier und da etwas zu\nunruhig gespielt wurde. Ein arrangirtes Finale aus Donizetti's Lu-\ncia passte nicht in den Rahmen des Programms, zumal da Mozart's\n»O Isis und Osiris* und Mendelssohn's Doppelchor aus Oedipus auf\nKolonos unmittelbar darauf folgten.\nDie genannten Gesänge mit Orchester, besonders der Mendels-\nsohn'sche Chor und in ihm wieder hervorragend der prachtvolle Ein-\ntritt des vereinigten ersten und zweiten Chors; ferner der Chor der\nGefangenen aus Beethoven's Fidelio, und C. L Fischelns Compo-\nsition von Göthe's „Meeresstille und glückliche Fahrt44 wurden unter\nFranz Weber' s Leitung ganz vortrefflich ausgeführt.\n\\on Gesängen ohne Begleitung waren neu ein Lied im Volks-\ntöne: „Zu Augsburg steht ein hohes Haus-4, eine innig empfundene\nComposition von F. Silcher auf ein schönes Gedicht von Justi-\nnus Kerner, und ein „Dombaulied\" von L. Bischoff.\nBecker's „Kirchlein\", A. Zöllners „Doppelständchen\" und das\nStändchen von A Schäfer: „Wenn du im Traum wirst fragen\",\nSolo mit Brummstimmen-Begleitung, dessen Vortrag Herrn A. Pütz\nwiederholten Applaus mit Recht eintrug, behaupteten ihren alten\nEindruck durch den schönen Vortrag, der ihnen zu Theil woirde.\nBusso von Hagen's Dombau-Werkgesellenlied, von F. Derckum\nfür Chcr und Orchester componirt und als Volkslied längst einge-\nbürgert, schloss das Concert.\nEs war sehr hübsch, dass der Vorstand des Männer-Gesangver-\neins an 300 Arbeiter aus der Dombauhütte und aus der Maschinen-\nbau-Anstalt Karten zu dem Concerte vertheilt hatte. Das Concert\nbildete den Schluss der Jahres-Versammlung des Central-Dombau-\nVereins.\nIn der letzten Sitzung der musicalischen Gesellschaft\nspielte Herr Brambach, Lehrer an dem hiesigen Conservatorium,\nein Sextett für Fortepiano und Streich-Instrumente von seiner\nComposition unter rauschendem Beifall, der sowohl dem gehaltvollen\nund sehr ansprechenden Werke, als dem trefflichen Vortrag der con-\ncertirendcn Ciavierstimme mit vollem Recht gebührte. Die baldige\nErscheinung des Werkes im Verlag von Breitkopf & Härtel in Leip-\nzig wird uns Gelegenheit geben, darauf zurück zu kommen.\nWilhelm Tschirch, fürstlicher Cape.lmeister in Gera, hat eine\nOper nach der Hoffmann'schen Erzählung: rMeister Martin, der\nKüfer, und seine Gesellen ', vollendet und wird dieselbe in nächster\nZeit an verschiedene Bühnen versenden.\n.\nHerr Niemann hat vom Könige von Hannover Urlaub bis zum\nL Januar erhalten; sein neuer Contract lautet auf zehnjähriges En-\ngagement, jährlich 5 Monate Urlaub und 7000 Thaler Gehalt. Der\nSänger gastirt jetzt in Frankfurt am Main und reis't dann nach\nParis, um dort den Tannhäuser zu singen.\nCapellmeister Rein ecke aus Breslau hat mit dem Gewandhaus\nabgeschlossen; er ist Dirigent bis 1866.\nHerr Louis St raus concertirt gegenwärtig unter ehrendem\nBeifall in London. Er spielt im Verein mit Piatti und dem Pia-\nnisten Halle in Ella's Kammermusik-Soireen und erregt durch sein\neben so gediegenes, wie von geistiger Auffassung getragenes Spiel\nAufsehen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3833, "texte": "Wien* Die General-Versammlung der Gesellschaft der Musik-\nfreunde hat am 4. Juni in einer abermals vierstündigen Sitzung die\nStatuten-Revision glücklieh zu Ende gebracht. Die Paragraphen,\nwelche dem Conservatorium wenigstens einiger Maassen den Charak-\nter einer Anstalt zur höheren musicalischen Ausbildung vindiciren,\nerregten lebhaften Widerspruch von Seiten einiger Mitglieder und na-\nmentlich der Professoren, wurden aber schliesslich wenngleich das\nWort „höhere* mit Einwilligung der Direction gestrichen wurde\ndem Princip nach angenommen, und zwar gelang es namentlich den\nenergischen Bemühungen der Directoren Becker, Fürst K. Czar-\ntoryski, Herbeck und des Vorsitzenden Herrn v. Heifert, in\ndas hartnäckig vertheidigte Princip, das Conservatorium sei ein Ver-\nsorgungshaus für nichtzahlende Mittelmässigkeiten, eine tüchtige Bre-\nsche zu schiessen. Wir gedenken in einer folgenden Nummer Aus-\nführliches über diesen Punkt zu sagen. Für heute nur noch so viel,\ndass auch die neue Stellung des Sing-Vereins, als Filiale der\nGesellschaft, zu lebhaften Debatten Anlass gegeben und dass schliess-\nlich der neue Statuten-Entwurf in allen seinen wesentlichen Punkten\ngenehmigt worden ist, mit Beifügung (auf Antrag des Herrn Gustav\nLewy) einer nachträglichen Bestimmung, zufolge welcher es künftig\ndrei Classen von Mitgliedern geben wird: unterstützende, welche\n10 G zahlen, theilnehmende, welche 6 G. zahlen, und aus-\nübende, welche 4 G. zahlen. Das Gesammt-Resultat der zweitägi-\ngen General-Versammlung kann in jeder Beziehung als erfreulich\nbezeichnet werden. Namentlich hat sich die Direction im besten Lichte\ngezeigt, und speciel Herr v. Helfert sich neuerdings als einen Präses\nbewährt, den jedes Mitglied mit vollem Vertrauen den ersten Platz\nam grünen Tische einnehmen sieht. Nach Beendigung der Debatte\nbeantragte Herr Fürst Schönburg die Ernennung des Herrn v. Sonn-\nleitner zum Ehren-Mitgliede der Gesellschaft, ein Antrag, der selbst-\nverständlich allgemeinen Anklang und ungetheilte Zustimmung fand.\nHTew-¥ork) 3. Juni. Das Oratorium „Saulu von Ferd. Hiller\nwurde am verflossenen Samstag in den Räumen des Opernhauses\nder 14. Strasse durch den deutschen Liederkranz zur Aufführung\ngebracht.\nBerichtigung. In Nr. 23 befinden sich aus Barmen über\ndas Kirchen-Concert des Herrn J. A. van Eyken, das am 24. Mai\nwar, einige irrige Angaben. Derselbe trug unter Anderem die Fuge\nin H-moll von J. S. Bach, Schumann's Fuge über den Namen Bach,\ndie schöne Orgel-Sonate in D-moll von seiner eigenen Composition\nu. s w. vor. Ein kleiner, aber gut eingeübter, von ihm geleiteter\nGesang-Verein sang a capella das Morgengebet von Mendelssohn und\nzwei Nummern aus Hauptmanns geistlichen Gesängen.\n1 e u t § c Ii e Tonhalle.\nDie Deutsche Tonhalle ladet hiedurch deutsche Dichter ein, sich\nan nachstehender Preisbewerbung zu betheiligen, indem sie einen\nPreis von zwölf Ducaten aussetzt für ein zur Composition für den\nMännergesang geeignetes Gedicht von mässigem Umfange, wel-\nches den vaterländischen Gefühlen einen volksthümlieh-kräftigen\nAusdruck verleiht und besonders die Bestrebungen nach echter Ein-\nheit und Machtentfaltung so wie die mannhafte Abwehr gegen jeden\nFeind zum Gegenstande nimmt.\nDie betreffenden Gedichte sind im Laufe des September d.\nJ. frei an uns einzusenden, da mit dem Ende desselben die Preis-\nbewerbung geschlossen ist. Diejenige der entsprechenden Bewerbun-\ngen, welche nach unserer dann vorzunehmenden Auswahl den Preis\nerhält, wird Eigenthum der Tonhalle. Jeder Einsendung ist ein ver-\nsiegeltes Briefchen beizulegen, in welchem sich der Dichter nennt,\nund auf dessen Aussenseite er die Anfangsworte seines Werkes ge-\nschrieben hat. Von keiner derselben darf vor Erledigung der Sache,\nwelche sofort Öffentlich angezeigt wird, anderweitiger Gebrauch ge-\nmacht werden.\nMannheim, Juni 1860. Der Vorstand."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas siebenunddreissigste niederrheinische Musikfest. 111. Ein ungekanntes Werk von Gluck. Tages- und Un-\nterhaltungsblatt (Köln, Aufführungen der italiänischen Operngesellschaft des Herrn Merelli, Stiftungsfest des kölner Männer-Gesang-\nvereins, Concert desselben zum Besten des Dombaues, Herr Brambach W. Tschirch Herr Niemann Capellmeister Reinecke Herr\nLouis Straus Wien New-York Deutsche Tonhalle).\n\nDas siebenunddreissigste niederrheinische Musikfest.\nIII.\n(I. s. Nr. 24. 11. Nr. 25.)\nDas Programm des zweiten Tages war sehr schön,\naber trotzdem doch zu lang.\nCherubini's Ouvertüre zum „Wasserträger\" eröff-\nnete das Concert. Darauf folgte das Gesangwerk für Soli,\nChor und Orchester: „Ver oder die Grün-\ndung Roms\" von Ferdinand liiller, eine Compo-\nsition, über deren Inhalt und Werth wir uns schon früher\nausführlich ausgesprochen haben. Die Ausführung in Düs-\nseldorf mochte leicht die beste sein, die ihr bisher zu Theil\ngeworden, da die starke Instrumentirung der Chöre Mas-\nsen von Gesangskräften erfordert, wie sie hier zu Gebote\nstanden, und dieSolo-Partieen durch Frau Bürde Ney und\ndie Herren Schnorr von Carolsfeld und Stockhausen vor-\ntrefflich besetzt waren. Nur der Männerchor war, zumal\nwo er allein auftritt, nicht kräftig und energisch genug;\nsonst war in den Gesammtchören Schwung und Feuer und\nin dem Frauenchor, der einige Mal, wie z. ß. in der schö-\nnen Hymne der Priesterin im ersten Theile, seinerseits\nallein beschäftigt ist, schöner, frischer Klang und lieblicher\nAusdruck.\nDas Werk halte einen glänzenden Erfolg, viele Num-\nmern wurden, wiewohl fast keine durch einen vollständigen\nAbschluss dazu besondere Gelegenheit bietet, mit lebhaf-\ntem Applaus aufgenommen, der sich namentlich nach dem\nprächtigen Schlusschor des ersten Theiles: „Verherrlichet\nvon Meer zu Meere Mars, den Erretter\", zu einem wah-\nren Enthusiasmus steigerte, und eben so sich am Ende des\nWerkes mit Zurufen, Blumenwerfen und Trompeten- und\nPaukenklängen wiederholte. Hiller feierte dadurch einen\nschönen Triumph als Componist, und zu gleicher Zeit wurde\nihm damit auch von allen Seiten, vom Publicum und vom\nganzen Personal der Mitwirkenden auf der Tonbühne, die\nverdienteste Huldigung des Dankes für die vortreffliche\nLeitung der Fest-Aufführungen gebracht.\nDie Zusammenstellung der Scenen aus Gluck's\n„Iphigenie auf Tauris\" gab ein anschauliches Bild\ndes ganzen musicalischen Drama's: I. Iphigeniens Traum\nvon der Instrumental-Einleitung bis zum Chor der Prie-\nsterinnen, Nr. I—4. 11. Die Scythen, Chor und Ballet, Nr.\n6—9. 111. Orest und Pylades, Nr. 12 und 13. IV. Orest\nund die Eumeniden, Nr. 14 und 15. V. Iphigeniens Klage,\nNr. 16 und 17. VI. Arie des Pylades, Nr. 23 in C-dur.\nVII. Hymne an Diana, Nr. 26, G-dur. VIII. Die Lösung,\nNr. 27, Finale von der Erscheinung der Diana an. Indess\ngestehen wir, dass wir ungern die ausserordentlich schöne\nOpferscene, Nr. 18, den Wechselgesang zwischen Iphi-\ngenie und dem Chor der Priesterinnen am Schlüsse des\nzweiten Actes vermissten, wogegen die letzte Arie des Py-\nlades hätte wegbleiben können.\nWenn überhaupt Opernmusik in die Programme der\nMusikfeste aufgenommen werden soll, so darf sie natürlich\nnur ernster Gattung sein, und auch nur denjenigen drama-\ntisch-musicalischen grossen Werken angehören, die zugleich\nden Chor beschäftigen und deren Verschwinden von der\nBühne wegen ihres classischen Inhaltes aufs höchste zu be-\ndauern ist. Bei Erfüllung dieser Bedingungen wird die rein\ndramatische Musik stets ihre volle Berechtigung auf Musik-\nfesten haben, da bei dem Ausschlüsse derselben eine der\ndrei höchsten Gattungen der Tonkunst: Oratorium, Dra-\nma, Sinfonie, nicht vertreten wäre.\nDass Gluck's Musik vorzüglich zu solcher Vertretung\nder classischen Oper geeignet ist, wird Niemand in Abrede\nstellen. Die Ausführung war indess dieses Mal nur in den\nSolostimmen würdig und erhebend; die Chöre hingegen\nkamen weder an Kraft noch Ausdruck denen im Samson\nund im Ver sacrum gleich, die Priesterinnen waren nicht\nimmer von heiliger Begeisterung ergriffen, und die barba-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.2", "texte": ":-/i K:J r-.'. iV» s; A 4 I\nrischen Scythen waren sehr zahm, ja, sogar die furchtba-\nren Eumeniden nicht eben fürchterlich.\nWir dürfen auch nicht verschweigen, dass Herr\nSchnorr von Carolsfeld (Pylades) nur hier und da\nschöne Momente hatte, z. B. in der ersten Arie in A-dur,\nim Qanzea aber noch nicht Sänger genug ist, um in das\nHeiligthum dieser Musik als würdiger Priester einzutreten.\nZumal neben Stockhausen als Orest! Dieser treff-\n.\nliehe Sänger füllte seine Rolle aufs herrlichste aus, nament-\nlich wird der hinreissende Zauber seines Vortrags des Re-\ncitativs und der Arie Nr. 14: „Die Ruhe kehret mir zu-\nrück\", allen unvergesslich sein, die ihn mit athemloser\nStille hörten und am Schlüsse in einen Applaus losbrachen,\nwie wir ihn selten erlebt haben.\nAber auch die hohe Tochter Agamemnon's hatte in\nFrau Bürde-Ney eine wahre Priesterin der Kunst ge-\nfunden, welche uns ohne alle Hülfsmittel der theatralischen\nIllusion bloss durch ihre himmlischen Töne die ganze hehre\nGestalt der Iphigenie vor die Seele stellte und uns in den\nheiligen Hain der Diana versetzte. Ihre Recitative, vor al-\nlen die Erzählung des Traumes, so wie die beiden Arien\nin A-dur und in G-dur (mit der Solo-Hoboe) waren voll-\nendete Leistungen, die mit Recht glänzende Ovationen bei\nder Zuhörerschaft hervorriefen. Die Hoboe hatte in der\nletzten Arie besseren Ton und Ausdruck, als am ersten\nTage.\nDen Schluss des Concertes machte Beethoven's A-\neZwr-Sin fonie. Sie begann etwa um halb zehn Uhr! Wenn\nman nun bedachte, dass das Orchester von Freitag Abends\num 6 Uhr an in vier langen Proben und zwei Concert-\nAufführungen fast ununterbrochen (mit Ausnahme von\nSonntag Vormittags) thätig gewesen war, so musste man\nin der That erstaunen, dass es noch im Stande war, dieses\nherrliche Werk im Geiste seines Schöpfers wiederzugeben\nund trotz aller vorhergegangenen Anstrengungen sich so\nhineinzuspielen, dass der letzte Satz so schwungvoll und\nfeurig und kräftig ausgeführt wurde, dass er Alles mit sich\nfort und zu einem jubelnden Applaus hinriss. Aber auch\ndas Allegretto oder richtiger Andante, wie es Beethoven\nauch zuerst seihst bezeichnet hat, und das Scherzo mit sei-\nner wundervollen Zusammenstellung heiterer Lebenslust\nund innigen dankbaren Gefühles für das Schöne auf Erden\ngingen sehr gut und gewannen sich rauschenden Beifall.\nNur im ersten Allegro war an dem nicht immer scharf\nbetonten originellen Rhythmus und an den nicht mit voller\nund feinster Präcision ausgeführten Schattirungen und Con-\ntrasten des Ausdrucks in etwa zu bemerken, dass das Or-\nchester nicht ganz mehr so frisch war, als am ersten Tage.\nDer dritte Festtag brachte auch noch ein vollständi-\nges und ebenfalls wieder sehr langes Abend-Concert, wozu\nV. '.V s- • : . :vv .. ' \" • r-v- ■ ' .\niy> .• '■ %-r - : ]• •' % > ' • v r- . » ' v\nsich im Laufe der Jahre seit 1833 das so genannte Künst-\nler-Concert, das Anfangs immer in den Mittagsstunden\ngegeben wurde, gestaltet hat. Seine Bestimmung ist, der\nVertretung der Virtuosität Kaum zu geben. Die Leistungen\nder einzelnen hervorragenden Künstler, Sänger und Instru-\nmentalisten, sind dabei die Hauptsache; wenn nicht\nhervorragende zum Auftreten kommen, so ist das ein Miss-\nbrauch, der nicht stark genug gerügt werden kann, weil\nman nicht ein zahlreiches Orchester von Künstlern zusam-\nmenkommen lässt, um Vorträge, die sich nicht über das\nGewöhnliche erheben, zu begleiten, und das Publicum\nnicht je zwei Thaler die Person zahlen lassen darf, um\netwas Alltägliches zu hören. Gegen diesen Grundsatz hat\nman dieses Mal in so fern gefehlt, dass man aus Local-\nRücksichten Herrn Tausch, Musik-Director in Düssel-\ndorf, ersucht halte, das Es-dur-Concert von Beethoven zu\nspielen. Herr Tausch ist ein tüchtiger Musiker und guter\nClavierspieler; allein gegenüber von Pianoforte-Virtuosen\nwie Frau Schumann und die Herren Alfred Jaell, Breu-\nnung, L. Brassin, Brahms, die alle anwesend waren, an\ndie man also nicht bloss denken, sondern die man sehen\nkonnte, musste seine Leistung, auch wenn sie vollkomme-\nner gewesen wäre, als sie war, in Schatten treten.\nEin zweiter Grundsatz bei der Feststellung des Pro-\ngramms für das Künstler-Concert war bisher folgender.\nDa die Virtuosität in der Tonkunst ihre volle Berechtigung\nhat, so war nichts gegen ihre Vertretung einzuwenden,\nsobald man das Wort Virtuosität im Sinne vollendeter Mei-\nsterschaft im künstlerischen Vortrage von Werken ernster\nGattung, oder wenigstens von gehaltvollen Musikstücken\nanderer Art, nahm. So wurde denn auch bisher stets dar-\nauf gehalten, dass das Programm auch am dritten Tage\nder classischen Richtung der Musikfeste würdig sei.\nGegen diesen Grundsatz fiel nun dieses Mal ein arger\nVerstoss vor, der nur in dem Zeitalter der Concessionen\ngegen die Operngrössen, in welchem wir leben, vorkom-\nmen kann—nämlich der Vortrag einer der fadesten Cora-\npositionen, des Walzers von Venzano für eine Sopran-\nstimme, zwischen Beethoven's Romanze für die Violine\nund dem Schlusschor aus Händel's Samson! So etwas war\nbisher unerhört und wird hoffentlich auch nicht wieder\nStatt finden.\nIm Uebrigen war das Programm reich und gut aus-\ni gestattet; allein fünfzehn Nummern, das war dennoch wie-\nderum zu viel. Die Verkürzung, welche das Programm\nam Abend allerdings erlitt, wurde leider durch den Aus-\nfall der Solo-Vorträge von Herrn Stockhausen bewirkt,\ndem das nasse und stürmische Welter eine so starke Er-\n! kältung angeweht hatte, dass er es nicht wagen konnte,\nund als ein Sänger von seinem Rufe und seiner Pflicht für"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.3", "texte": "die Erhaltung der Stimme auch nicht wagen durfte, noch-\nmals aufzutreten.\nDas Concert begann mit einer schwungvollen Ausfüh-\nrung der Hebriden-Ouverture von Mendelssohn.\nHierauf folgte die wunderbar schöne, tief empfundene\nAlt-Arie in 11-nioll: „Erbarme Dich meiner\", aus der\nMatthäus-Passion von J. S. Bach, mit innigem Gefühl und\neinfach edlem Vortrage von Fräulein Schreck gesungen,\ndie Solo-Violine von Joachim gespielt, die wie eine\nStimme des liebevollen Trostes und der Erhörung sich dem\nandächtigen, thränenvollen Gebete anschmiegte.\nMozart's Ave verumschloss sich als Chorgesang\nkirchlichen Charakters daran an und machte einen schö-\nnen Eindruck, wenngleich die zarte Empfindung, die in\ndem herrlichen Stücke liegt, wohl durch einen kleineren\nChor vorzüglicher Stimmen sich noch wirksamer ausspricht,\nals durch grosse Massen.\nHierauf spielte Joseph Joachim sein Violin-Con-\ncert in Z>-m><?/(Manuscript), und das war ohne allen Zwei-\nlei der Glanzpunkt des Abends, da Composition und Vor-\ntrag in gleichem Grade auf der höchsten Stufe der Kunst\nstanden. Allerdings verriethen frühere Compositionen von\nJoachim Talent und einen Keim von Eigentümlichkeit der\nErfindung; allein zwischen ihnen und diesem Concerte liegt\neine Kluft, welche der grosse Künstler wie mit Einem\nMale durch einen genialen Flug übersprungen hat, das heisst\nfür die Oeffentlichkeit, denn von dem Streben und Ringen\nund der allmählich sich entfaltenden Entwicklung in der\ninneren Werkstatt des Künstlers ist nur die Muse Zeugin,\nnicht die Welt. Wir haben anderswo dieses Concert ein\nEreigniss in der Violinmusik genannt, und nach zweimali-\ngem Hören hat die Einsicht in die Partitur unser Urtheil\nnur um so mehr befestigt. Es setzt die Reihe der grossen\nCompositionen dieser Gattung vonSpohr, Beethoven, Men-\ndelssohn und Vieuxtemps fort und tritt dabei in einem\nganz eigenthümlichen Charakter auf. Joachim hat diesen\nCharakter durch den Zusatz: „Concert in ungarischer\nWeise\", selbst bezeichnet, und wenn es bei diesem Titel\nbedenklich und zweifelhaft schien, ob ein so bestimmt an-\ngegebener Charakter sich durch drei Sätze eines grossen\nsymphonischen Musikstückes, noch dazu mit einer glänzend\nconcertirenden Solostimme, durchführen lasse, so musste\ndie wirkliche Lösung dieser Aufgabe um so mehr über-\nraschen.\nMan würde sehr irren, wenn man nach jenem Titel\nan so genannte Phantasieen oder an Variationen über un-\ngarische Motive dächte; dieses abgedroschene Mittel, einer\nComposition einen National-Charakter zu verleihen, hielt\nder Componist ganz fern von sich. Er hat nicht über un-\ngarische „Weisen\", sondern in ungarischerWeise ge-\nschrieben; es durchweht das ganze Concert in allen Sätzen\nein eigentümlicher Geist, den jeder, der jemals ungari-\nsche National-Orchester gehört hat, entweder im Lande\nselbst oder von wandernden Musik-Gesellschaften, deren\nnoch vor einigen Jahren eine sehr gute Deutschland durch-\nzog und überall, auch in London und Paris, Aufsehen er-\nregte, auf der Stelle für den Geist erkennt, der jene Na-\ntionalmusik auszeichnet. Bei dieser ist nun eben die Vio-\nline das Haupt-Instrument, und dadurch wurde es Joachim\nallerdings leichter, jenen Charakter schlagender und glän-\nzender zur Anschauung zu bringen, als Liszt in seinen\n„ungarischen Rhapsodieen\" für das Pianoforte.\nSein Werk ist mithin ein durchaus eigen erzeugtes,\nund den angegebenen Charakter verleihen ihm eines Theils\ndie Erfindung der Motive und Melodieen, anderen Theils\ngewisse harmonische Wendungen und Cadenzen, die der\nVolksmusik in Ungarn eigen sind, und die geniale Behand-\nlung der Violine, des Solo-Instrumentes, dessen Passagen,\nselbst die schwierigsten, stets nur als integrirende Theile\ndes Ganzen erscheinen und den phantastischen, oft caden-\nzenartigen Charakter tragen, der uns ungewiss lässt, ob\nwir eine durchdachte Ausführung oder eine von der Be-\ngeisterung des Augenblicks eingegebene Improvisation hö-\nren, während das Orchester ruhig und bescheiden die\nHaupt-Motive fortspinnt. Hier hören wir in höchster künst-\nlerischer Vollendung das, was die begabten Violinisten an\nder Spitze der ungarischen Musikbanden, die Naturdichter\nauf der Violine möchten wir sie nennen, oft mit merkwür-\ndiger Kühnheit anbringen. So müssen sich bei Joachim\nHunderte von Noten auf die verschiedenste Weise in den\nrhythmischen Organismus fügen, ohne ihn im Geringsten\nzu stören, was dem Concerte neben dem inneren musica-\nlischen Gehalte einen Reiz und Glanz der Virtuosität hin-\nzufügt, der das Ganze an vielen Stellen, der Wirkung einer\nbengalischen Flamme vergleichbar, beleuchtet.\nDie Romanze in G-dur,die auf das erste Allegro folgt,\nist unter den drei schönen Sätzen vielleicht der schönste.\nDer erste Satz ist breit und grossartig angelegt, von ern-\nster, fast melancholischer Stimmung; der letzte,\nZingara überschrieben, ist ein sprudelnder Erguss von\nLebensfrische mit einem Paar liedartiger Melodieen in\nDoppelgriffen, auf deren unmittelbaren zigeunerischen Ur-\nsprung man schwören möchte, so aufregend und originel\nsind sie.\nDass Joachim gleich bei seinem Auftreten mit rau-\nschendem Applaus begrüsst wurde, und dass bei seinem\nunvergleichlichen Spiel enthusiastischer Beifall nach jedem\nSatze unter Trompeten-Jubel die Halle durchtönte, ver-\nsteht sich von selbst.\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.4", "texte": "In der zweiten Abtheilung des Concertes spielte Joa-\nchim auch noch die schöne Romanze in F von Beethoven.\nFrau Bürde-Ney hatte die grosse Scene der Agathe\naus dem „Freischütz\" gewählt. In der Probe am Morgen\nergriff und entzückte uns der Gesang der treff lichen Künst-\nlerin, die uns als Iphigenie so sehr wieder an das erinnert\nhatte, was wir vor sechs Jahren bei Gelegenheit ihrer Gast-\nVorstellungen sagten: dass ihr, wiö dem wahren Dichter,\ndie Hingebung an die Kunst zur inneren Notwendigkeit\ngeworden sei. Zu unserem wahren Bedauern mussten wir\nam Abende wahrnehmen, dass das heutige Publicum,\nob in Dresden, oder, was wahrscheinlicher ist, auf den\nGastrollen-Reisen, auch sie verführt hat, durch Uebertrei-\nbung von Ton und Affect, wodurch jener unrein und\ndieser unwahr wird, Wirkungen bei der Menge zu er-\nzielen! Erquickend war später der innige, seelenvolle Vor-\ntrag des süssen Liedes: „Glöcklein im Thal\", von Weber;\naber der Walzer von Venzano wäre in jeder Beziehung\nbesser weggeblieben.\nHerr Schnorr von Carolsfeld hat uns durch den Vor-\ntrag der Arie des Adolar aus Euryanthe keine andere\nMeinung über seine Art, zu singen, beigebracht. Für ihn\nwar es auch schade, dass das angekündigte Terzett aus\n„Fidelio\" wegen Stockhausen's Unwohlseins wegbleiben\nmusste, da er im Ensemble, wie es das Terzett und Quar-\ntett im Ver saerumzeigte, vortrefflich wirkt.\nDie zweite Abtheilung war mit einer Ouvertüre von\nTausch eröffnet worden, die, wie es scheint, an die Stelle\nder Ouvertüre zur Olympia von Spontini, welche auch\nauf dem Programm stand, getreten war. Also Tausch für\nTausch. Die Ouvertüre, mehr der leichteren als der he-\nroischen Gattung angehörig, hat melodischen Fluss und\nist nicht ohne Talent gemacht.\nAm Schlüsse führte Hiller noch einmal die volle Schar\nder ausführenden Festgenossen in dem Schlusschor des\nHändel'schen Samson vor, dem, zugleich als Ausdruck der\nBefriedigung des Publicums über das ganze schöne Fest,\nein schallender Applaus folgte.\n\nEin ungekanntes Werk von Gluck.\nUnter dieser Ueberschrift bringt die „Berlinische Zei-\ntung\", Nr. 140 vom 17. Juni, einen Aufsatz von o.Lind-\nner, welcher die sehr interessante Nachricht von der Auf-\nfindung dreier bisher unbekannten dramatischen Compo-\nsitionen von Gluck in der vom Bibliothecar Spiker in\nBerlin nachgelassenen Musicalien-Sammlung enthält. Nach\nciuer Einleitung, worin über die geringere Beachtung, die\nden Reliquien grosser Musiker im Vergleich zu denen be-\nrühmter Dichter und Maler zu Theil wird, Klage geführt\nwird, die wenigstens bis auf die neuesten Zeiten begründet\ngenug ist, heisst es daselbst:\n„Bekanntlich wurde Gluck im Jahre 1769 nach\nParma berufen, um bei den daselbst Stattfindenden Ver-\nmählungs-Feierlichkeiten des K. Infanten Don Ferdinand\nLudwig Philipp Joseph mit der österreichischen Erzher-\nzogin Maria Amalia mitzuwirken. Die Vermählung selbst,\ndie ersten Festlichkeiten fanden in Wien am 27. Juni Statt,\nin Parma aber erfolgte am 24. August die Hauptfeier.\nHierzu lieferte Gluck ein musicalisches Werk, welches aus\nnicht weniger als vier einzelnen Werken bestand. Nur\ndas letzte derselben hatte er bereits früher in Musik ge-\nsetzt, den Orfeo; diesem vorher gingen: Le Feste d'Apolb,\nals Prolog, Bauci e Filemone und Aristeo. Jedes dieser\nWerke, auch der Orpheus, waren einactig behandelt*).\nAnton Schmid, der in seinem Buche über Giuck dieser\nStücke auf Grund eines ihm vorgelegenen Textbuches aus-\nführlich gedenkt, sagt ausdrücklich: „Von allen diesen\nStücken ist in den Mauern Wiens nichts zu finden\" —und\nallgemein wurde die Musik zu den drei ersten für verloren\nerachtet.\nUnd doch befand sich das ganze Werk in guter Ab-\nschrift noch 1826 in Wien. In diesem Jahre kaufte es ein\nLiebhaber, der verstorbene Bibliothecar Spiker in Berlin;\nungekannt lag es in seiner Musicalien-Sammlung, bis die-\nselbe testamentarisch an das berliner Joachimsthal überging.\nDadurch ist wenigstens dafür gesorgt, dass es nicht zum\nzweiten Male spurlos verschwinden kann.\nNehmen wir den Orfeo,als das Bekannte, vorweg, so\nsind mehrfache Abänderungen zu bemerken, welche als\neben so viele Rücksichten auf den gleichzeitigen Geschmack\nder Italiäner sich kennzeichnen.\nDer Prolog: Le Feste enthält folgende\nStücke:\n[DerProlog hat nur Eine Scene, deren Personen sind:\nder Priester des Apollo (Tenor); Anfrisio, Haupt der\nAthener (Sopran); Arcinia, Führerin der athenischen\nMädchen nach der Insel Delos, welche der Ort der Hand-\nlung ist. Apollo wird angerufen, auf die Spiele zur Feier\ndes Vermählungsfestes huldreich zu schauen.**)]\n\n*) Der „Orpheus\", in der italiänischen Partitur in zwei, in der\nfranzösischen in drei Acten, wurde auch in Parma vollständig\ngegeben in sieben Scenen ohne Er war be-\nreits im Jahre 1762 zum ersten Male in Wien aufgeführt wor-\nden. In Parma erlebte er mit den drei oben genannten Fest-\nspielen ach tun dz wan zig Wiederholungen, zu welchen die\nFremden von allen Seiten zuströmten. Die Redaction.\n**) Wir ergänzen zu besserem Verständnisse die Mittheilungen\nLindner's durch den Inhalt der verschiedenen Acte des Fest-\nspiels nach Ant. Schmidt Leben Gluck's.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.5", "texte": "1. Ouvertüre. Allegro, 4/4. Für volles Or-\nchester (d. h. mit Ausnahme der Posaunen und Clarinet-\nten). Minore, A-moll,2/j, mit Fagotten. Der Allegrosalz\nfindet sich zuerst vor in der Ouvertüre zu Telemaco,\n1765, dann nochmals bearbeitet als Ouvertüre zur Ar-\nmide.\n2. Chor: „Sorgi possente nurne\", C-dur, 4/4. Mit vol-\nlem Orchester.\n3. Obli gates Recitativ, mit Oboen, Fagotten und\nHörnern. Der Instrumentalsätze wegen nicht ohne Interesse,\naber sehr gedehnt.\n4. Arie des Sacerdote: „Del di crescano le pompe\",\nA-dur, 4/4. Mit Hörnern.\n5. Arie des Anfrisio: „Le teuere\", 3/8.\nMit Flöten. Wiederholt in GytMre assiegee, P. 18 f.*), als\nArie der Daphne: „Ah quel d'aimer.\"\n6. Arie der Arcinia: „Con tremito suave\", D-dur,\n4/4. Oboe solo. Trombaund V\n7. Da Capo il Coro Nr. 2.\nDer Atto di Bauci e Filemist umfangreicher:\n[„Baucis und Philemon\" hat drei Personen, die zwei\nSoprane und einen Tenor: Jupiter, in fünf Scenen. Das\ngenannte Gattenpaar wird in der Blüthe der Jugend dar-\ngestellt, und Jupiter verspricht ihnen die Unsterblichkeit.]\n1. Ouvertüre, E-moll, 4/4. Mit Oboen, Fagotten,\nHörnern und Violoncello obligato\n2. Duett zwischen Baucis und Philemon:\nsoro\", G-dur,3/3. Flauto solo, Hörner und Fagott.\n3. Arie des Philemon: „La fiamma del mio petto\",\nE-dur, 3/4. Mit Oboen.\n4. Obligates Recitativ des Giove: „Primach' io\nsposi\". Mit Streich-Quartett.\n5. Arie der Baucis: „II mio pastor tu sei\", C-dur,\n4/4. Mit Oboen und Hörnern. Diese Arie ist aus dem 1756\nvon Gluck in Musik gesetzten Re pastore entlehnt und fin-\ndet sich umgearbeitet wieder in der Cythere assiegee, P. 181,\nals die Arie der Daphne: „Nymphes, chantez victoire\".\n6. Chor: „Di due bell'\n3/g, Mit Oboen und Fagott. Umgearbeitet in\nride, P. 11: „Non sdegnare Venere\", und in der\nfranzösischen Alceste, P. 134: „Parez vos fronts des\nfleurs nouvelles\".\n7. Chor: „Lodi eterne al Re de' numi\", F-dur, 4/4.\nMit Flöten und Fagott. Aus diesem Chor finden sich ganze\nStellen in der Hymne der Priesterinnen in Iphigenie auf\nTauris: „Chaste fille de Latone\", P. 174.\n8. Arie des Giove: „11 3/4. Mit\nobligater Viola, obligatem Violoncell und 2 Fagotten. Er-\nscheint umgearbeitet in Echo et Nareisse, P. 207, als Arie\ndes Cynire: „Dissipe ce mortel effiroi\".\n9. Duett zwischen Baucis und Philemon: „Se tuo\ndono\" , B-dur,4/4. Der zweite Theil desselben steht im %-\nTact; unmittelbar daran schliesst sich ein Chor:\nmai dato piü heato\", B-dur, 3/4.\n10. Arie des Giove: „Pe' g\n4/4. Ist Grundlage der Chor-Arie des Hasses in der Ar-\nmide, P. 140: „Plus un connait l'amour\".\n11. Tempesta con fulmini C-dur, 4/4. Mit vollem\nOrchester. Baucis und Philemon:\n12. Chor: „Re superno\".Mit Oboen und Hörnern.\nUmgearbeitet in der Armide als Ballet, P. 41.\nDer Atto d'A risteoendlich besteht aus folgenden\nStücken:\n[„Aristäus\" ist das längste von den drei Vorspielen;\nes enthält neun Scenen. Die Personen sind: Aristäus, seine\nMutter Cyrene, seine Geliebte, die Nymphe Cidippe-—alle\ndrei Sopran, und Atis, der Vertraute des Aristäus, Tenor.\nVon dem eigentlichen Mythus des Aristäus, auf den die\ngriechische Sage die Bienenzucht, die Pflanzung des Oel-\nbaums u. s. w. zurückführt, scheint nicht viel vorzukom-\nmen; der Inhalt dreht sich um die Liebe des Aristäus zur\nCidippe. Die Decoration stellte das Thal Tempe vor.]\n1. Introduzione. D-dur, 3/4. Mit Oboen, Fagotten\nund Hörnern.\n2. Arie des Atis: „Quell' %.\nMit Oboen und Hörnern.\n3. Arie der Cidippe: Tu sei 3/8.\nMit Oboe, Fagott und Horn-Solo. Diese Arie findet sich\nwieder in Cythere assiegee, P. 31, als die der Carite: „Le\nBarbare me declare\".\n4. Arie der Cyrene: „Nocchier che in mezzo all'\nonde\", B-dur, %. Mit Oboen. Wiederholt im franzö-\nsischen Orpheus, P. 38: .\n5. Cavatine des Aristeo: %.\nMit Streich-Quartett.\n6. Sinfmia con Sordine. 4/4. Mit Hörnern.\n7. Chor: „ Del figlio d'Ap 3/3. Mit Flö-\nten und Oboen.\n8. Obligates Recitativ der\nAristeo\". Mit Streich-Quartett.\n9. Arie des Aristeo: „Cessale, fuggite ,\n4/4. Mit Hörnern und obligater Violine. Ist eine Umarbei-\ntung der Schluss-Arie des zweiten Actes von Semiramis,\n1748.\n10. Cho r: „ Eeehegiar s'odano\" 3/4. Mit Hör-\nnern, Flöten, Oboen und Fagott. Umgearbeitet in\nassiegee, P. 157: „Les Dieux dans leur Grandeur su-\npreme\" .\n\n*) Die Citate beziehen sieh überall auf die Partitur."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.6", "texte": "11. Terzett der Cidippe, Cyrene und des Aristeo:\n„Fosti ognor\", C-dur, e/8. Mit Oboen und Hörnern.\n12. Cho r: „ Aecompagni la coppia felice\", C-dur, 3/ü.\nMit Oboen und Hörnern.\nEinzelne dieser Stücke sind tief empfunden und dürfen\nauch an sich ein musicalisches Interesse in Anspruch neh-\nmen ; im Ganzen aber trägt das Werk, oder vielmehr tra-\ngen die drei oben näher bezeichneten Werke den Stempel\nder Gelegenheits-Musik an sich, was um so erklärlicher\nist, als Gluck's wesentliche Beschäftigung in diesem\nJahre die Composition von El war.\nDagegen erscheint die parma'sche Festmusik von be-\ndeutendem Werthe, wenn man sie in ihren Beziehungen\nzu späteren Werken GJuck's ins Auge fasst. In seiner frü-\nheren Periode, in welcher Gluck noch unsicheren Schrittes\ndanach strebte, aus der Schablone Hasse'scher Factur\nherauszukommen, waren seine Melodieen edlen Metall-\nstücken gleich, die ohne die gehörige Verarbeitung zu bar-\nbarischem Putze dienen. Später, als er sich klar geworden,\ngriff er häufig in diese von der Welt bereits vergessenen\nund doch werthvollen Reichthümer seiner jugendlicheren\nPhantasie zurück und goss sie nun erst in die Form, die\nihnen dauernden Werth sicherte. Andererseits verpflanzte\ner wohl auch bei Werken, die er nicht so streng ausar-\nbeitete, also namentlich bei Cyt und dem fran-\nzösischen Orpheus, solche wild aufgewachsene italiänische\nGewächse geradezu, wodurch dann der Anschein entsteht,\nals habe er gelegentlich plötzlich wieder ganz in seiner\nersten Manier geschrieben. Schmid hat diesen für Gluck's\nBeurtheilung und Arbeitsart nicht unwichtigen Punkt so\ngut wie gar nicht erkannt. Gelegentlich fällt ihm wohl auf,\ndass ein einzelnes Stück in einer späteren Oper wieder-\nkehrt, aber theils sind diese Bemerkungen bei Weitem\nnicht erschöpfend, theils weiss er nichts damit anzufangen.\nWas die parma'sche Festmusik betrifft, hoffen wir ihn auch\nnach dieser Seite hin ergänzt zu haben.\nSo weit 0. Lindner. Es wäre wünschenswerth, wenn\nHerr Lindner die „mehrfachen Abänderungen im Orpheus\naus Rücksicht auf den gleichzeitigen Geschmack der Ita-\nliäner'* —gelegentlich mittheilte. Wir glauben kaum, dass\nsie so arg sind, wie diejenigen, die sich in neuester Zeit\nFrau Viardot-Garcia in Paris auf dem Theätre lyrique er-\nlaubt hat.\nWenn er Anton Schmid beinahe einen Vorwurf dar-\naus macht, dass dieser sagt: „Von allen diesen Stücken\nist in Wien nichts aufzufinden\", so bemerkt er nicht, dass\ndie Wahrheit dieser Aeusserung gerade durch seine eigene\nNachricht, Spiker habe 182 6 die Partituren gekault, be-\nwiesen wird. Denn Spiker wird die Partituren eben so we-\nnig in Wien haben liegen lassen, als Schmid seine Vor-\narbeiten zur Biographie Gluck's, die er 1854 herausgege-\nben, schon achtundzwanzig Jahre vor 1854 begonnen\nhaben wird, wo er wahrscheinlich noch gar nicht daran\ndachte, sie jemals zu schreiben.\nEben so unbegründet ist der Tadel, der am Schlüsse\ndes Artikels auf Schmid geworfen wird. Schmid's Biogra-\nphie Gluck's ist ein durch fleissige Urkunden-Sammlung\nverdienstvolles Werk. Er soll „nichts damit anzufangen ge-\nwusst haben\", wenn er ein einzelnes Stück aus einer frü-\nheren in einer späteren Oper wiederfand; nun, er gibt uns\ndie Notiz darüber, und das ist hundert Mal besser, als sich\ndadurch Hypothesen und Deutungen der inneren Entwick-\nlung des Künstlers hinzugeben, die sehr oft nicht im Ge-\nringsten stichhaltig sind. Herr 0, Lindner vergisst, dass\nOrfeo ed Euridiceschon 1T62 componirt und aufgeführt\nworden und dass darin bereits Gluck's Grundsätze über\ndie Reform der Oper von ihm verwirklicht wurden; dass\nferner die Alceste 1766 componirt, 1767 zum ersten\nMale aufgeführt und 1769 in der italiänischen Partitur-\nAusgabe erschienen, welche die berühmte Dedication an\nden Grossherzog von Toscana enthält. Gluck war also im\nJahre 1769 im August, als er die jetzt aufgefundenen Fest-\nspiele schrieb, bereits „sich klar geworden\" und vollkom-\nmen einig mit sich selbst; seine innere künstlerische Entwick-\nlung war vollzogen. Dass späterhin noch vollendetere Werke\ndaraus hervorgingen, z. B. die beiden Iphigenien, wider-\nlegt das keineswegs. Keinem wird es einfallen, die späte-\nren französischen Bearbeitungen des Orpheus und der Al-\nceste (1776) als Werke, die durch Aufnahme „wild auf-\ngewachsener italiänischer Gewächse\" gekennzeichnet wür-\nden, zu betrachten.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli, 22. Juni. Die italienische Operngesellschaft\ndes Herrn Mer«lii, welche zuletzt in Brüssel, Antwerpen, Lütticb\nu. s. w. unter grossem Beifalle gespielt hat, gab hier am 20. »Don\nPasqualeu von Donizetti und am 21. Rossini' s „Barbier\" mit\nglänzendem Erfolg. Die dritte und letzte Vorstellung wird heute\nAbends „// Trovatorea von Verdi sein. Am nächsten Montag, den\n25. d. Mts , tritt die Gesellschaft in Frankfurt am Main auf, wo sie\neinen grösseren Cyklus von Opern geben wird.\nDie Gesellschaft hat alle die Vorzüge, welche aus der Nationa-\nlität der Italiäner entspringen, die denn doch am Ende immer noch\ndas von der Muse des Gesanges und des Bühnenspiels bevorzugte\nVolk sind. Wir wollen es den deutschen Bühnensängern nicht zum\nVorwurf machen, dass sie keine Italiäner sind; aber wenn man die-\nses Zusammenspiel, dieses Zuhausesein auf der Bühne sieht, und\ndie langen und ernsten Studien bedenkt, welche eine solche Behand-\nlung der Stimme und eine solche technische Fertigkeit, wie sie die\nHaupt-Personen dieser Gesellschaft besitzen, erfordern, so kann man\nfreilich nur bedauern, dass von derartigen Bemühungen bei unseren"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.7", "texte": "jetzigen deutschen Theatersängern nur sehr wenig zu bemerken ist.\nDie meisten Kunstjünger haben kaum einen Begriff von dem jahre-\nlangen Fleisse, den die systematische Ausbildung der menschlichen\nStimme verlangt, wesshalb denn auch die Bemühungen guter Lehrer\nan dem Mangel an Ernst und Durchdrungensein von dem wirklichen\nKünstlerberufe bei den Schülern so häufig scheitern. Uebrigens ha-\nben wir auch Gesanglehrer genug, welche in dieser Hinsicht auf dem-\nselben Standpunkte stehen, wie ihre Schüler, während andere, tüch-\ntige und berufstreue, im Gegensatze zu den unwissenden an dem\nErbfehler der Deutschen leiden: sie sind stark in der Theorie, aber\ndie praktischen Ergebnisse kommen dieser nicht gleich.\nDie Signora Lorini-Mariani besitzt eine sehr angenehme und\nwohllautende Sopranstimme mit leicht ansprechender und reiner In-\ntonation. Ihre technische Gewandtheit ist bedeutend, und der Aus-\ndruck sowohl im Naiven und Coquetten, als im Sentimentalen hat\ngrossen Reiz. Signor Galvani verbindet mit einer sehr biegsamen,\nnicht ausnehmend starken, aber höchst einnehmenden Stimme von\nechtem hellem Tenorklang, der nicht die geringste Baritonfärbung\nhat, einen durch treffliche Schule gebildeten Vortrag. Sein Ständchen\nzur Guitarre und das darauf folgende Notturno-Duett mit Norina\n(Signora Lorini) in Don Pasquale war in der That entzückend.\nSignora Vietti (Rosine im Barbier) hat eine von jenen Contraalt-\nStimmen, die jetzt sehr selten sind und durch ihren fast männlichen\nTimbre überraschen Dennoch ist diese voluminöse Stimme bei ihr\nbis zu glatter Coloratur ausgebildet, so dass man ihr das Prädicat\neiner wackeren Sängerin nicht versagen kann, wenn auch die höhe-\nren Töne nicht mehr die ganze Frische haben. Dagegen ist sehr zu\nloben, dass sie die tiefen Brusttöne natürlich gibt und nicht mit\njener widerlichen Breite herausquetscht, die man oft von Celebritä-\nten dieser Stimmgattung hört. Ueberhaupt haben wir bei sämmtli-\nchen Künstlern der Merelli'schen Gesellschaft die Unarten der neue-\nren italiänischen Sänger, das zu starke Auftragen und das Forciren\ndes Tones bis zum Schrei, erfreulicher Weise gar nicht gefunden, wenn\nauch die kräftige Stimme des Bass-Buffo, Signor Mazetti, allerdings\nin unserem jetzigen kleinen Theater etwas scharf klingt, und der mäch-\ntige, aber stets klang- und wohllautsvolle Bariton des Signor Squar-\ncia freilich nicht zum Säuseln und Zärteln gemacht ist. Dass aber\nder letztgenannte Sänger Maass zu halten und mit vortrefflichem\nAusdruck vorzutragen versteht, zeigte unter Anderem das Terzett\nzwischen ihm (Figaro), Rosine und dem Grafen im letzten Acte des\nBarbiers, welches in jeder Beziehung eine meisterhafte Leistung der\ndrei Künstler war.\nDer kölner Männer-Gesangverein feierte am Sonntag den\nIi), d. Mts. sein achtzehntes Stiftungsfest durch eine Sän-\ngerfahrt mit der Rheinischen Eisenbahn nach dem Siebengebirge.\nVom Plateau des Drachenfelsens herab klangen seine Lieder, da der\nWind günstig war, über den Strom hinweg bis an die Basaltfelsen\nvon Rolandseck, auf dessen Stations-Gebäude sich denn alles, was\nsich auf Wanderungen im Freien zerstreut hatte, zu einem Festmahle\nvereinigte, welches heitere Gesänge, ernste und humoristische Trink-\nsprüche und eine fröhlich gehobene Stimmung mannigfach belebten.\nUnter den vaterländischen Toasten wurde vor allen das Hoch auf\nden Prinz-Regenten mit Jubel ausgebracht, dann auf die Ein-\nheit Deutschlands, auf den Bau des kölner Domes als Denkmal\ndeutscher Einheit, auf die Sängerbrüder in Freiburg und in ganz\nSüddeutschland, auf die Zukunft des Vereins u. s. w.\nAm 19. d. Mts. fand das von demselben Vereine veranstaltete\nVocal- und Instrumental-Concert im grossen Saale des\nGürzenich Statt, dessen Ertrag als Beisteuer zu den Kosten der\nEindeckung der neuen Domdächer und des Mittelthurmes, wofür\ndie hochragenden Baugerüste bereits aufgestellt sind, der Dombau-\nCasse überwiesen worden ist. Die Instrumental-Partie wurde durch\ndie Capelle, die Herr Dickopf für seine drei Mal wöchentlich Statt\nfindenden Concerte im Gertrudenhofe, die sich zahlreichen Besuches\nei freuen, begründet hat, unter Leitung ihres Dirigenten, Herrn Pe-\nters, ausgeführt. Am besten ging die Ouvertüre zu Ruy Blas von\nMendelssohn, deren Ausführung recht gute Fortschritte des jungen\nInstituts im Zusammenspiel zeigte. Das Andante der Oberon-Ouver-\nture war zu langsam im Tempo genommen, wogegen das Allegro\nzwar im richtigen Zeitmaasse eingesetzt, aber hier und da etwas zu\nunruhig gespielt wurde. Ein arrangirtes Finale aus Donizetti's Lu-\ncia passte nicht in den Rahmen des Programms, zumal da Mozart's\n»O Isis und Osiris* und Mendelssohn's Doppelchor aus Oedipus auf\nKolonos unmittelbar darauf folgten.\nDie genannten Gesänge mit Orchester, besonders der Mendels-\nsohn'sche Chor und in ihm wieder hervorragend der prachtvolle Ein-\ntritt des vereinigten ersten und zweiten Chors; ferner der Chor der\nGefangenen aus Beethoven's Fidelio, und C. L Fischelns Compo-\nsition von Göthe's „Meeresstille und glückliche Fahrt44 wurden unter\nFranz Weber' s Leitung ganz vortrefflich ausgeführt.\n\\on Gesängen ohne Begleitung waren neu ein Lied im Volks-\ntöne: „Zu Augsburg steht ein hohes Haus-4, eine innig empfundene\nComposition von F. Silcher auf ein schönes Gedicht von Justi-\nnus Kerner, und ein „Dombaulied\" von L. Bischoff.\nBecker's „Kirchlein\", A. Zöllners „Doppelständchen\" und das\nStändchen von A Schäfer: „Wenn du im Traum wirst fragen\",\nSolo mit Brummstimmen-Begleitung, dessen Vortrag Herrn A. Pütz\nwiederholten Applaus mit Recht eintrug, behaupteten ihren alten\nEindruck durch den schönen Vortrag, der ihnen zu Theil woirde.\nBusso von Hagen's Dombau-Werkgesellenlied, von F. Derckum\nfür Chcr und Orchester componirt und als Volkslied längst einge-\nbürgert, schloss das Concert.\nEs war sehr hübsch, dass der Vorstand des Männer-Gesangver-\neins an 300 Arbeiter aus der Dombauhütte und aus der Maschinen-\nbau-Anstalt Karten zu dem Concerte vertheilt hatte. Das Concert\nbildete den Schluss der Jahres-Versammlung des Central-Dombau-\nVereins.\nIn der letzten Sitzung der musicalischen Gesellschaft\nspielte Herr Brambach, Lehrer an dem hiesigen Conservatorium,\nein Sextett für Fortepiano und Streich-Instrumente von seiner\nComposition unter rauschendem Beifall, der sowohl dem gehaltvollen\nund sehr ansprechenden Werke, als dem trefflichen Vortrag der con-\ncertirendcn Ciavierstimme mit vollem Recht gebührte. Die baldige\nErscheinung des Werkes im Verlag von Breitkopf & Härtel in Leip-\nzig wird uns Gelegenheit geben, darauf zurück zu kommen.\nWilhelm Tschirch, fürstlicher Cape.lmeister in Gera, hat eine\nOper nach der Hoffmann'schen Erzählung: rMeister Martin, der\nKüfer, und seine Gesellen ', vollendet und wird dieselbe in nächster\nZeit an verschiedene Bühnen versenden.\n.\nHerr Niemann hat vom Könige von Hannover Urlaub bis zum\nL Januar erhalten; sein neuer Contract lautet auf zehnjähriges En-\ngagement, jährlich 5 Monate Urlaub und 7000 Thaler Gehalt. Der\nSänger gastirt jetzt in Frankfurt am Main und reis't dann nach\nParis, um dort den Tannhäuser zu singen.\nCapellmeister Rein ecke aus Breslau hat mit dem Gewandhaus\nabgeschlossen; er ist Dirigent bis 1866.\nHerr Louis St raus concertirt gegenwärtig unter ehrendem\nBeifall in London. Er spielt im Verein mit Piatti und dem Pia-\nnisten Halle in Ella's Kammermusik-Soireen und erregt durch sein\neben so gediegenes, wie von geistiger Auffassung getragenes Spiel\nAufsehen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600623-01.1.8", "texte": "Wien* Die General-Versammlung der Gesellschaft der Musik-\nfreunde hat am 4. Juni in einer abermals vierstündigen Sitzung die\nStatuten-Revision glücklieh zu Ende gebracht. Die Paragraphen,\nwelche dem Conservatorium wenigstens einiger Maassen den Charak-\nter einer Anstalt zur höheren musicalischen Ausbildung vindiciren,\nerregten lebhaften Widerspruch von Seiten einiger Mitglieder und na-\nmentlich der Professoren, wurden aber schliesslich wenngleich das\nWort „höhere* mit Einwilligung der Direction gestrichen wurde\ndem Princip nach angenommen, und zwar gelang es namentlich den\nenergischen Bemühungen der Directoren Becker, Fürst K. Czar-\ntoryski, Herbeck und des Vorsitzenden Herrn v. Heifert, in\ndas hartnäckig vertheidigte Princip, das Conservatorium sei ein Ver-\nsorgungshaus für nichtzahlende Mittelmässigkeiten, eine tüchtige Bre-\nsche zu schiessen. Wir gedenken in einer folgenden Nummer Aus-\nführliches über diesen Punkt zu sagen. Für heute nur noch so viel,\ndass auch die neue Stellung des Sing-Vereins, als Filiale der\nGesellschaft, zu lebhaften Debatten Anlass gegeben und dass schliess-\nlich der neue Statuten-Entwurf in allen seinen wesentlichen Punkten\ngenehmigt worden ist, mit Beifügung (auf Antrag des Herrn Gustav\nLewy) einer nachträglichen Bestimmung, zufolge welcher es künftig\ndrei Classen von Mitgliedern geben wird: unterstützende, welche\n10 G zahlen, theilnehmende, welche 6 G. zahlen, und aus-\nübende, welche 4 G. zahlen. Das Gesammt-Resultat der zweitägi-\ngen General-Versammlung kann in jeder Beziehung als erfreulich\nbezeichnet werden. Namentlich hat sich die Direction im besten Lichte\ngezeigt, und speciel Herr v. Helfert sich neuerdings als einen Präses\nbewährt, den jedes Mitglied mit vollem Vertrauen den ersten Platz\nam grünen Tische einnehmen sieht. Nach Beendigung der Debatte\nbeantragte Herr Fürst Schönburg die Ernennung des Herrn v. Sonn-\nleitner zum Ehren-Mitgliede der Gesellschaft, ein Antrag, der selbst-\nverständlich allgemeinen Anklang und ungetheilte Zustimmung fand.\nHTew-¥ork) 3. Juni. Das Oratorium „Saulu von Ferd. Hiller\nwurde am verflossenen Samstag in den Räumen des Opernhauses\nder 14. Strasse durch den deutschen Liederkranz zur Aufführung\ngebracht.\nBerichtigung. In Nr. 23 befinden sich aus Barmen über\ndas Kirchen-Concert des Herrn J. A. van Eyken, das am 24. Mai\nwar, einige irrige Angaben. Derselbe trug unter Anderem die Fuge\nin H-moll von J. S. Bach, Schumann's Fuge über den Namen Bach,\ndie schöne Orgel-Sonate in D-moll von seiner eigenen Composition\nu. s w. vor. Ein kleiner, aber gut eingeübter, von ihm geleiteter\nGesang-Verein sang a capella das Morgengebet von Mendelssohn und\nzwei Nummern aus Hauptmanns geistlichen Gesängen.\n1 e u t § c Ii e Tonhalle.\nDie Deutsche Tonhalle ladet hiedurch deutsche Dichter ein, sich\nan nachstehender Preisbewerbung zu betheiligen, indem sie einen\nPreis von zwölf Ducaten aussetzt für ein zur Composition für den\nMännergesang geeignetes Gedicht von mässigem Umfange, wel-\nches den vaterländischen Gefühlen einen volksthümlieh-kräftigen\nAusdruck verleiht und besonders die Bestrebungen nach echter Ein-\nheit und Machtentfaltung so wie die mannhafte Abwehr gegen jeden\nFeind zum Gegenstande nimmt.\nDie betreffenden Gedichte sind im Laufe des September d.\nJ. frei an uns einzusenden, da mit dem Ende desselben die Preis-\nbewerbung geschlossen ist. Diejenige der entsprechenden Bewerbun-\ngen, welche nach unserer dann vorzunehmenden Auswahl den Preis\nerhält, wird Eigenthum der Tonhalle. Jeder Einsendung ist ein ver-\nsiegeltes Briefchen beizulegen, in welchem sich der Dichter nennt,\nund auf dessen Aussenseite er die Anfangsworte seines Werkes ge-\nschrieben hat. Von keiner derselben darf vor Erledigung der Sache,\nwelche sofort Öffentlich angezeigt wird, anderweitiger Gebrauch ge-\nmacht werden.\nMannheim, Juni 1860. Der Vorstand."}]}