{"numero_id": "bm-bmtnabi-1860-06-30-01", "volume": "bmtnabi_1860-06-30_01", "ocr_sha256": "ecadfda792395ccef2f0e2da8a5d4208326d5bda8cb1c6e8c8b9e666f7dedf08", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1860/06/30_01/bmtnabi_1860-06-30_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1860-06-30-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-06-30_01#c001", "volume": "bmtnabi_1860-06-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "209", "page_fin": "209", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 312, "texte": "Inhalt.\nFetis' allgemeine Biographie der Tonkünstler. I. Nachtrag zu Henriette Sontag und ihre Zeit. Kein Generalbass\nmehr! Die Sängerfahrt der französischen Orpheonisten nach London. Tages- und Unterhaltungsblatt (Mainz, das vierte\nmittelrheinische Musikfest Frankfurt a. M,, Cäcilien-Verein Deutsche Tonhalle)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-06-30-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-06-30_01#c002", "volume": "bmtnabi_1860-06-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "209", "page_fin": "213", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.2.2", "titre_corps": "Fétis' allgemeine Biographie der Tonkünstler.", "titre_sommaire": "Fétis' allgemeine Biographie der Tonkünstler.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.1", "debut_caractere": 314, "fin_caractere_exclue": 3962, "texte": "Fétis' allgemeine Biographie der Tonkünstler.\nI.\nDie neue Ausgabe des umfassenden Tonkünstler-Le-\nxikons von Felis ist ein bedeutendes Denkmal menschlichen\nFleisses und Wissens. Der erste Band der ersten Ausgabe\nerschien vor fünfundzwanzig Jahren, der letzte (Vrll.) im\nJahre 1844. Schon in seiner ersten Gestalt galt das Werk\nals ein unentbehrliches, und die Auflage ist gänzlich ver-\ngriffen. Jetzt aber hat der gelehrte und beispiellos thätige\nVerfasser alle Erscheinungen und Erzeugnisse der Ton-\nkunst, die sich an Künstlernamen knüpfen und auf dem\nüberreichen Gebiete derselben seit dem letzten Viertel-\nJahrhundert gewachsen sind, nicht bloss nachgetragen, son-\ndern auch die früheren Artikel grösstenteils neu bearbei-\ntet oder doch umgeschmolzen, so dass, wie man schon aus\ndem ersten Bande (A bis Bohrer) ersieht, das Werk um\nmehr als die Hälfte vermehrt worden ist. Es führt daher\nmit Recht den Titel:\nBiographie universelle des Musiciens et Biblio-\ngraphie generale de\ntion en tierement refondue et augmentee de plus de\nmaitie. Par F. J. Fe\ndot. 1860. Gr. 8. (XXXVII und 478 S. Preis\n2 Thlr. 10 Sgr.)\nDie erste Ausgabe enthielt als Einleitung ein\nphibsophique de l'histoire de la musique. Diese Abhandlung\nist in der zweiten nicht wieder abgedruckt, soll aber gänz-\nlich umgearbeitet als Histoire generale de la musique er-\nscheinen, wenn dem Verfasser Leben und Kraft dazu ver-\ngönnt ist. Statt des Resume's gibt Fetis hier eine Vorrede,\nin welcher er sich theils über die Grundsätze und Ansich-\nten, die ihn bei Abfassung des Werkes geleitet haben,\nausspricht, theils auf die Kritiken der ersten Ausgabe ant-\nwortet. Dieser letzte Abschnitt der Vorrede hat mehr\nspeciel gelehrtes und persönliches Interesse; der erste hat\nallgemeinere Bedeutung. Hier sagt der Verfasser unter\nAnderem:\n„Auf die Erforschung und Begründung des Werthes\nder Arbeiten der älteren Meister und ihres Antheils an der\nEntwicklung der Tonkunst habe ich früher wohl einmal\nbedauert, zu viel Zeit verwandt zu haben; jetzt wünsche\nich mir Glück dazu, dass ich noch viel mehr Zeit der Ver-\nbesserung dieses Theiles meines Werkes gewidmet habe;\ndenn die in unserem Zeitalter herrschende Neigung zum\nVergessen und Abthun legt jedem muthigen und selbstbe-\nwussten Charakter die Pflicht auf, gegen die Verachtung\nalles dessen, was die Ignoranz nicht kennt, zu protestiren\nund die Ansprüche des Genie's und Talentes auf allgemeine\nBewunderung geltend zu machen.\"\n„Genauigkeit in den Thatsachen, Offenheit und Un-\nparteilichkeit in den Urtheilen sind die Hauptpflichten des\nBiographen. Aber Offenheit und Unparteilichkeit reichen\nzum richtigen Urtheilen nicht hin bei einer Kunst, die ihre\nRegeln nur aus sich selbst schöpft und in welcher der ver-\nschiedene Geschmack eben so oft das Resultat der natür-\nlichen Neigung als der Erziehung ist. Es gehört die Kennt-\nniss der Musik auf ihrem ganzen Gebiete dazu. Die gebil-\ndeten Weltleute halten die musicalischen Kenntnisse für\nnicht nöthig zum Urtheilen, weil sie meinen, die Musik sei\nnur Sache der Empfindung. Freilich bedarf es der Kennt-\nnisse nicht, um sich von einem Musikstücke angezogen oder\nabgestossen zu fühlen; allein das sind Eindrücke, nicht\nUrtheile, die für den eigentlichen Werth des Werkes keine\nBedeutung haben.\"\n„Eines der grössten Hindernisse der richtigen Beur-\ntheilung musicalischer Werke liegt in der Anwendung der\nLehre vom Fortschritt auf die Kunst. Ich habe oft behaup-\ntet, dass die Musik sich umgestaltet, dass sie aber nur in\nihren materiellen Elementen fortschreitet. Ich habe viel\nTadel desshalb erfahren; gegenwärtig jedoch glaube ich,\nden Zuständen in ganz Europa gegenüber, nicht viele"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "210", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5367, "texte": "■p ; ; . • - i\" ? ■■■ , • JÜ'i\" £jj ''t J jjL S '\nGegner zu finden, wenn ich sage, dass nach meiner Ueber-\nzeugung gewisse Dinge, die für Fortschritt gelten sollen,\nin Wirklichkeit als Verfall zu bezeichnen sind. [Hierzu\nzählt er die bekannten Fehler der Zeit: allzu breit und zäh\nausgesponnene Entwicklung eines und desselben Gedan-\nkens, das Ungeheuerliche statt des Grossartigen, das fort-\nwährende ziellose Moduliren, die übermässige Instrumen-\ntirung u. s. w.]\n„Ich spreche es mit Zuversicht aus: die Lehre vom\nFortschritte ist gut und wahr für die Wissenschaft und\nfür die Industrie, aber sie hat nichts zu schaffen mit den\nKünsten der Phantasie, und noch weniger als mit anderen\nKünsten mit der Musik. Sie kann keine gültige Regel für\ndie Beurtheilung des Talentes und der Werke eines Ton-\nkünstlers abgeben. In dem Gegenstande selbst, nicht ausser-\nhalb desselben, in den musicalischen Gedanken und dem\nAusdruck, der ihnen gegeben ist, muss man ihren Werth\nsuchen.\"\n„Jede Epoche hat ihre besonderen Tendenzen und\nFormen, welche die grosse Menge für das Schöne hält,\nweil die Mode ihnen eine augenblickliche Geltung verschafft.\nSelbst die Kritik lässt sich zuweilen dadurch zu Verirrun-\ngen hinreissen. Aber nach dem Heisshunger kommt die\nUebersättigung; die Mode wechselt, und die Form, welche\nnicht von der Schönheit des Gedanken-Inhalts gehalten\nwird, zerfällt und macht anderen Platz, die vielleicht eben\nso wenig Festigkeit und Werth haben.\"\n„Seit der ersten Ausgabe meiner Biographie ist die\nLage des gewissenhaften Kritikers noch gefährlicher ge-\nworden. Die Reihen der grossen Meister sind stark gelich-\ntet, und das gegenwärtige Geschlecht hat sich auf seltsame\nAbwege führen lassen, über die ich mich hier erklären\nmuss.\n„Es hat zu allen Zeiten Menschen gegeben, die der\naugenblicklichen Neigung des grossen Haufens schmeichel-\nten und ihre Kunst zum Handwerk und zur Waare mach-\nten. In unseren Tagen hat sich ihre Zahl in erschrecken-\ndem Verhältnisse vermehrt. Mit ihnen braucht sich die\nKritik nicht zu beschäftigen. Aber die letzten fünfundzwan-\nzig bis dreissig Jahre haben Künstler erzeugt, die mit dem\nErnste des Strebens eine grosse Herrschaft über die Mittel\nder Harmonie und Instrumentation verbinden und aufrich-\ntig danach trachten, das Schöne in ihren Werken zu\nschaffen. Allein in einem seltsamen Irrthum befangen, über-\nreden sie sich, dass das Schöne nicht im Einfachen\nbestehe. Aus immerwährender Furcht vor dem Gemeinen\nstürzen sie sich ins Barocke. Cadenzen der Perioden, voll-\nkommene Schlüsse und Ruhepunkte sind ihnen zuwider.\nUm sie zu vermeiden, haben sie ein Verkoppelungs- und\nVerhalfterungs-System angenommen, vermöge dessen sie\nvon Vorhalt zu Vorhalt, von Zwischensatz zu Zwischensatz\ndas periodische Gewebe ins Unendliche verlängern, so dass\nsich ihre Musik wie Maschinenpapier abrollt, das kein\nnothwendigies Ende hat. Trotz des wirklichen Talentes,\nwelches aus ihren Werken hervorleuchtet, wie z. B. bei\nMendelssohn und Schumann, wirft uns dieses Verfahren in\nIy7 | - • UVMVJ l' Yv\\. »vTI. I™Cr s I <„•*, 1 t 1\".V» J^; ,\nein ewiges Hin- und Herwogen, wodurch Ermüdung und\nZerstreuung entstehen. Dazu kommt dann noch die über-\nmässige harmonische Arbeit, welche den Hauptgedanken\nerstickt; denn Einfachheit und Klarheit gehören auch zu\nden Dingen, welche die neuere Schule hasst.\"\nAn einer anderen Stelle erinnert Fetis daran, dass die\ngrossen Meister des vorigen Jahrhunderts verschiedene Stil-\narten für die verschiedenen Musikgattungen hatten und da-\nbei doch originel und individuel blieben. Er fährt dann fort:\n„Wenn man auf diese Thatsache Acht gibt, so fällt\nder Unterschied zwischen jener Mannigfaltigkeit des Stils\nund der Einförmigkeit desselben in der heutigen Musik\nsehr auf. Es fehlt manchen von unseren Componisten ge-\nwiss nicht an Geschick und Talent, aber die sociale und\nethische Tendenz unserer Zeit übt einen bedauernswerthen\nEinfluss auf ihre Schreibart aus. Diese vorherrschende\nTendenz ist das allgemeine Bedürfniss nervöser Aufregung,\nwelches durch die Reihe von Bevolutionen und ausserge-\nwöhnlichen Ereignissen entstanden ist. Diese Neigung und\nStimmung macht, dass überall das Dramatische gesucht\nwird. Auf der Bühne hat allerdings das Dramatische in\nder Musik, wenn es von Ideen getragen wird, seinen\nWerth; aber jetzt soll Alles dramatisch sein, die Messe,\ndie Sinfonie, das Quartett, selbst die Ciavierklimperei in\nden Boudoirs der Damen. Unter so stark aufgetragener\nFarbe verschwindet der ursprüngliche musicalische Ge-\ndanke so gut wie die Eigentümlichkeit des Stils, und die\nmeisten Producte sehen sich einander mehr oder weniger\ngleich.\n„Die Componisten im achtzehnten und im Anfange\ndes neunzehnten Jahrhunderts begriffen die Aufgabe der\nKunst und ihren persönlichen Beruf besser: sie blieben\nvorzugsweise bei der Gattung, für die ihnen die Natur die\ngrössten Gaben verliehen. Heutzutage will Jeder Alles\nschreiben! Ist man dann streng im Urtheil, bleibt der\nvernünftige Theil des Publicums kalt, so heisst es, man\nverstehe sie nicht, man begreife sie nicht. Was heisst das?\nSind die Kunstwerke Räthsel, Probleme? Eine Musik, die\nbei guter Ausführung unverständlich bleibt, ist eine Ver-\nirrung der Kunst.\"\nUeber die Ansichten der Zukunftsmusiker bricht der\nVerfasser natürlich den Stab. Was er über die realistische\nRichtung in der Kunst überhaupt sagt, ist mitunter sehr\nschlagend."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5376, "texte": "„Das Princip der Wahrheit\"—heisst es S. XI—„ist\nnichts Anderes als die alte falsche Lehre von Batteux,\nBurk, Diderot und ihrer Schule, nämlich: „„Die Kunst\nhabe die Nachahmung der Natur zum Gegenstande.\"\"\nSelbst in ihrer Anwendung auf die zeichnenden Künste,\nMalerei und Sculptur, kann diese Lehre die Schönheit\nnicht erzeugen, die doch das Ziel der künstlerischen Be-\nstrebungen ist. Der Künstler ist nicht Copist der Natur, er\nbegeistert sich nur durch ihr Anschauen und stiehlt ihr\nihre Formen ab, um daraus Werke seines Genie's zu bilden.\n„Wenn man jene Nachahmung als Zweck der Kunst\naufstellt, so gilt Täuschung für die höchste Stufe der\nkünstlerischen Vollkommenheit. Um das Irrthümliche einer\nsolchen Auffassung zu beweisen, braucht man nur an Dio-\nrama und Gemälde zu erinnern, da im Diorama die Dar-\nstellung eine Volikommenheit der Täuschung erreicht, die\ndas wirkliche Gemälde niemals bieten wird. Wird nun aber\nirgend ein gebildeter, vollends ein kunstverständiger Mensch\njemals das Diorama als Kunstwerk höher stellen, als das\nGemälde? [Erreicht man, kann man hinzufügen, durch die\nmechanischen Figuren, wodurch man das Diorama, eben-\ntalls wieder nach dem obersten Princip der möglichsten\nTäuschung, zu beleben sucht, das Leben der menschlichen\nGestalten auf Gemälden, wie es die Meister der Kunst ge-\nschaffen?]\n„Wenn also das Naturwahre nicht einmal das wesent-\nliche Object der bildenden Künste ist, die sich mit der\näusseren Welt der Erscheinungen beschäftigen, wie sollte\nes für die Musik, die idealste von allen Künsten, gelten?\nSie kennt kein anderes Programm als die Inspiration des\nGenie's und kann das Schöne nur durch die freie Uebung\nder geistigen Thätigkeit erzeugen ; die Nothwendigkeit der\nWahrheit würde der Phantasie nur hemmende Schranken\nentgegenstellen. Desshalb muss denn auch die dramatische\nWahrheit in den Gränzen der Kunst bleiben\" u. s. w.\n„Der Künstler muss nur die Kunst lieben und sich ihr\nallein ganz hingeben, oder lieber gar nicht Künstler wer-\nden. Freilich wird diese Hingebung und Entsagung von\nTag zu Tag schwieriger und verdienstvoller; die Künstler-\nLaufbahn wird von einem Uebel bedroht, das um so ge-\nfährlicher ist, je mehr es überhand nimmt, von dem Ma-\nterialismus, der nur aufs Praktische gerichtet ist, von dem\nJagen nach Vortheil und Geld, von der Sucht zu Wohl-\nleben und äusserem Glanz.\n„Solche Zustände sind freilich der Kunst höchst un-\ngünstig. Die Menschen sind zu viel mit allem Anderen be-\nschäftigt, um sich für die aufmerksame Betrachtung der\nPoesie und Musik sammeln zu können. Für die eigentliche\nFreude des Herzens daran haben sie keine Zeit mehr, dess-\nhalb verlangen sie Nervenreiz oder Zerstreuung nach der\nArbeit. Wenn die Malerei nach ein etwas besseres Loos\nhat, so rührt dies grossentheils daher,, dass ihre Erzeug-\nnisse einen mercantilen Werth haben, worauf man sogar\nspeculiren kann. Bedenkt man, wie schnell z. B. die dra-\nmatisch-musicalischen Werke der besten Componisten von\nder Scene verschwinden und bald nach ihrer Geburt in\nVergessenheit gerathen, so lässt sich nicht läugnen, dass\ndie Neuheit für die zerstreute und durch hundert andere\nDinge eingenommene Menschheit das vornehmste Verdienst\nist; ist die Neugier befriedigt, so hört die Theilnahme an\nder Kunst auf.\n„Bis 1830 gab es ein Theater-Publicum, das sich an\nden Werken der Meister von Gluck bis Weber erfreute\nund erbaute. Viele Opern, welche auf der Bühne kein\nGlück machten, wurden dennoch von Kennern und Dilet-\nX\ntanten studirt und hoch gehalten, wie z. B. Cherubini's\nLodoisca, Medea, Anacreon, die Abenceragen, Mehul's\nEuphrosyne u. s. w. In Concerten und musicalischen Krei-\nsen führte man gediegene Musik aus allen Gattungen auf,\ndas Kunstleben durchdrang die Gesellschaft. Die Opern,\ndie gefielen, blieben auf der Scene und wurden mit Ver-\ngnügen wiederholt gehört. Der dramatische Componist\nhatte sein Bepertoire, wie man zu sagen pflegte. Wie ist\ndas aber jetzt? Auber, ein Componist ersten Banges, hat\nan vierzig Opern geschrieben, die fast alle mit Erfolg auf-\ngeführt wurden; Halevy, dessen Talent weit bedeutender\nist, als die Menge glaubt, hat eine Menge guter Partituren\ngeliefert;—was ist aber aus ihrem Bepertoire in Paris ge-\nworden? [Wenn diese Bemerkungen hauptsächlich auf\nFrankreich passen, so finden sie doch auch\ntandis auf Deutschland ihre Anwendung; ja, was bei uns\ndie Sache noch schlimmer macht, ist das Haschen nicht\nbloss nach Neuem, sondern nach fremdem Neuem: das\nlässt die National-Componisten nicht aufkommen und über-\nliefert die vortrefflichsten älteren Meister—man denke nur\nan Heinrich Marschner—der Vergessenheit.]\n„Was ist das Ergebniss dieser Zustände? Das Schlimm-\nste, was kommen kann: die Erschütterung des Glau-\nbens an die Kunst in der Brust der Künstler. Der Zwei-\nfel an der Macht der keuschen Muse greift um sich, Ent-\nmuthigung ist die Folge [oder Servilismus der Menge ge-\ngenüber]. Die Kunst ist verloren, sobald man nur auf den\nErfolg des Augenblicks sinnt. „ „Man weiss nicht mehr,\nwas man machen soll, um das Publicum zu amüsiren!\" \"\nsagte mir neulich ein junger Opern-Componist. Zu amü-\nsiren! So tief herab ist also die Kunst gekommen! Wenn\ndie Künstler sich in diese Herabwürdigung fügen, so ist\nes aus mit der Kunst. [Glauben wir ja nicht, dass es bei\nuns viel anders sei! „Amüsiren Sie Sich gut!\" ist der\nWunsch, den man hört, wenn man ins Theater geht; „Wie\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5404, "texte": "haben Sie Sich im Concerte amüsirt, mein Fräulein?\" die\ngewöhnliche Begrüssüng beim Verlassen des Saales.]\n„Nun, die Künstler müssen durch die ganze Kraft des\nBewusstseins und der Ueberzeugung und durch alle edlen\nHilfsquellen des Talentes diesem moralischen Verfall ent-\ngegentreten. Sie dürfen den leider nur zu oft wiederholten\nAusspruch, dass Niemand seine Zeit ändern könne, nicht\nzu dem ihrigen machen; im Gegentheil, man beherrscht\nseine Zeit durch starken Geist und festen Charakter.\nAuch in der Zeit des gesunkenen Geschmacks gibt es im-\nmer noch glücklicher begabte Seelen, welche der wahren\nKunst ihren Cultus weihen. Für diese und für sich selbst\narbeite der Künstler; am Ende siegt doch ihre kleine Zahl\nüber die Menge.\n„Das verschafft uns aber weder Erfolg noch Vermö-\ngen! höre ich einwerfen. Was ist denn ein augenblick-\nlicher Erfolg werth, der nicht auf wahrhaft Schönem be-\nruht? Und bedarf der Künstler ausser der inneren Befrie-\ndigung, die ihm sein Schaffen gibt, des raffinirten Wohl-\nlebens der Keichen? Schöne Werke soll er hinterlassen,\nnicht Paläste und prächtiges Hausgeräth. Leset nur die\nBiographieen der grossen, unsterblichen Meister! Denkt\nan Johann Sebastian Bach, an Mozart, an Beethoven! Was\nhat sie erhoben und im Leben aufrecht gehalten? Die\nKunst, nicht Geld und Gut. Wie glücklich, wer um den-\nselben Preis sich zu ihrer Höhe empor schwingen könnte!\"\nDer Schluss des ersten Theiles der Vorrede beugt dem\nMissverständnisse vor, welches aus dem Läugnen des Fort-\nschrittes in der Kunst entstehen könnte, indem er nach-\nweist, dass die Wissenschaft der Tonkunst in allen\nihren Zweigen seit fünfzig Jahren unendliche Fortschritte\ngemacht hat.\nDer polemische Theil der Vorrede beschränkt sich auf\nWiderlegung zweier Angriffe französischer Kritiker auf\ndie Artikel „Guido von Arezzo\" und „Marchetto von Pa-\ndua\" in der ersten Ausgabe der Biographie. Dass Fetis\nin Bezug auf Guido vollkommen Becht hat, ist keine Frage.\nEs ist in Deutschland längst erörtert und festgestellt, dass\nGuido im Laufe des Mittelalters fast zu einer von jenen\nmythisch-historischen Personen geworden, auf welche nach\nund nach alle Erfindungen und Verbesserungen einer Kunst\nim Alterthume zurückgeführt zu werden pflegten. Er war\nfür seine Zeit (Anfang des eilften Jahrhunderts) ein vor-\ntrefflicher und weit berühmter Lehrer des Kirchengesan-\nges, wie schon Fink richtig sagt. Der Nimbus aber, den\ndas Mittelalter und namentlich die Benedictiner um sein\nHaupt verbreiteten, schwand, sobald seine Schriften in des\nFürstabts Gerbert: Scriptores ecclesiastici de Musica po-\ntissimum, 111 Vol. in 4., 1784, im zweiten Theile ge-\ndruckt erschienen und das kritische Studium derselben\nnachwies, dass er selbst nie daran gedacht hatte, sich alle\ndie Erfindungen (Monochord, Erweiterung der Scala, Li-\nnien-System, Notenschrift, lateinische Benennung der Töne\nu. s. w., sogar Contrapunkt), die man später auf seinen\nNamen häufte, zuzuschreiben. Selbst die bekannten Verse:\nUt queant laxis Resonare fibris Mira gestorum Famuli\ntuorum, Solve polluti Labii reatum, Sande Johannes, gab\ner nur als mnemonisches Hülfsmittel, als Erleichterung für\ndas Festhalten der Töne im Gedächtnisse an, keineswegs\naber als Benennung derselben.\nBei der neuen Bearbeitung hat Fetis vorzügliche Sorg-\nfalt auf die Vervollständigung der bibliographischen\nNachrichten, der musicalischen Literatur in ihrem\nganzen Umfange genommen, was allerdings auch schon ein\nHauptziel seiner Arbeit bei der ersten Auflage war. In der\nThat finden wir recht genaue und vollständige Angaben\nüber die Werke der alten und neuen Musiker und deren\nVeröffentlichung durch den Druck, so wie über die Schrif-\nten, welche sich auf ihr Leben u. s. w. in Monographieen\nbeziehen, und dies ist besonders in einem französisch ge-\nschriebenen Werke ein grosses Verdienst, da die Franzo-\nsen in diesem Punkte entsetzlich oberflächlich und gewis-\nsenlos sind. Dass es unmöglich ist, in diesen Dingen voll-\nkommen Erschöpfendes zu geben, zumal für einen einzigen\nMenschen, leuchtet ein. Auch sagt der Verfasser selbst:\n„Die Unmöglichkeit, vielfältige Irrthümer in einem allge-\nmeinen biographischen Werke zu vermeiden, hat bekannt-\nlich dahin geführt, ähnliche Arbeiten unter verschiedene\nFach-Bedactoren zu verlheilen. Bei einer Gesammt-Bio-\ngraphie von Männern, die sich einer und derselben Kunst\ngewidmet haben, namentlich der Musik, über welche eine\nso grosse Verschiedenheit der Meinungen, Ansichten und\nLehren herrscht, dürfte aher eine solche Theilung der Ar-\nbeit schwer zu einem glücklichen Ergebnisse führen. Die\nEinheit der Grundansichten ist dabei durchaus nothwen-\ndig, und desshalb habe ich mich allein der ungeheuren\nAufgabe unterzogen. Daraus sind neben jenem Vortheile\nfreilich auch bedeutende Nachtheile entstanden, da, sobald\nvon Thatsachen die Bede ist, ein einziger Mensch unmög-\nlich Alles erschöpfen und wissen kann. Ich gestehe\naber auch, dass, wenn ich einmal mich im Datum geirrt,\noder Michel statt Andreas und umgekehrt geschrieben,\nmich das nicht zur Verzweiflung bringt, da ich den Werth\nmeiner Arbeit doch in etwas Höherem suche, als in die-\nsen Dingen.\n„Uebrigens habe ich nie geruht, sondern seit zwanzig\nJahren zu verschiedenen Zeiten auf Beisen durch Deutsch-\nland, Italien, Frankreich und England eine Masse von Ma-\nterial für die neue Ausgabe meines Werkes gesammelt,\nund bin darin von ausgezeichneten Fachmännern trefflich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 615, "texte": "unterstützt worden. Mein Dank gebührt vor Allen dem zu\nfrüh dahingeschiedenen Custos der musicalischen Abthei-\nlung der Bibliothek zu Berlin, Dehn, dessen unerschöpf-\nliche Gefälligkeit für mich ein wahrer Schatz gewesen ist;\ndann den Herren Gaspari in Bologna, August Gathy\nin Paris, der auch schon gestorben ist, dem ich namentlich\nüber die deutschen Künstler der Gegenwart genauere Nach-\nrichten verdanke, Danjou, der mir viele interessante No-\ntizen über Manuscripte in den Bibliotheken von Florenz,\nRom und anderen Städten Italiens mitgetheilt hat, Brau-\nchesne, Secretär des Conservatoriums in Paris\" u. s. w."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-06-30-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-06-30_01#c003", "volume": "bmtnabi_1860-06-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "213", "page_fin": "214", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.2.3", "titre_corps": "Nachtrag zu Henriette Sontag und ihre Zeit", "titre_sommaire": "Nachtrag zu Henriette Sontag und ihre Zeit", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.5", "debut_caractere": 617, "fin_caractere_exclue": 5079, "texte": "Nachtrag zu Henriette Sontag und ihre Zeit\n*).\n(S. Nr. 23.)\nBerlin, im März\nDie Königin des Gesanges, die herrliche Angelica Ca-\ntalani, ist vor einigen Tagen in unserer Stadt angekommen,\nund dieses Ereigniss hat alle unsere Zungen und Leiden-\nschaften in gährende Bewegung gesetzt. Wenden wir ja\ndoch unsere ganze Energie auf Sängerinnen, Gesang und\nalles, was fern oder nah in dieses Fach einschlägt. Man\ndenke sich daher die Ungeduld der Erwartung und den\nStreit der Meinungen über die wichtige Frage: Wie wird\ndie Königin Angelica Catalani der Kron-Prätendentin Hen-\nriette Sontag gegenüber stehen, und welche wird in dem\nLorberkronen-Streit den Sieg davon tragen? Wie eine\ngewaltige Schlacht-Trompete erklang also den Berlinern\ndas bescheidene Postillonshorn, wodurch die grosse Ange-\nlica verkündet wurde, und von Minute zu Minute wuchs\ndie Spannung wegen des Erfolgs der ersten, diplomatisch-\nfriedlichen Zusammenkunft, welche durch eine vermittelnde\nMacht veranstaltet wurde. In einem der hiesigen glänzen-\nden Häuser, welches als das Vaterland und Asyl der Künst-\nler angesehen werden kann, geschah die wichtige Begeg-\nnung. Zuerst erschien, durch grossartigen Putz und Schätze\nvon Diamanten in ihrer majestätischen Haltung unterstützt,\ndie immer noch reizende Catalani, alle Herzen gewinnend\ndurch holde Würde und südliches Feuer; bald darauf, wie\nden Händen der Mode so eben entschlüpft und von allem\nihrem Schimmer umringt, das anmuthige Kind unseres\nLandes, alle Augen bezaubernd durch Jugendfrische, Klar-\nheit und Anspruchslosigkeit der Erscheinung. Welchen\nEindruck mochte bei der glänzenden Frau das blühende\nMädchen hervorbringen, durch dessen weitverbreiteten Ruf\nsie den Namen der grössten Sängerinnen Europa's fast aus-\ngelöscht, den sie sogar mit dem ihrigen in die Schranken\ntreten sah, der bisher unübertroffen geherrscht hatte? Nicht\nzwanzig Jahre alt, war die kleine Deutsche zu einer Stufe\ngelangt, wonach sie, die stolze Italiänerin, den schönsten\nTheil ihres Lebens hindurch gerungen, und der Anfang\neiner fremden Laufbahn war von einem Erfolg bezeichnet,\nwelcher ihr am Ende der eigenen fast noch zu entschlüpfen\ndrohte. Aber von dem Gefühle des eigenen Werthes, viel-\nleicht auch der Gerechtigkeit, beseelt und ihre Lage mit\nkluger Mässigung überschauend, traf sie in ihrem Beneh-\nmen den besten und richtigsten Weg; denn nachdem die\ngegenseitige Vorstellung geschehen und die junge Neben-\nbuhlerin ohne alle Ziererei eine grosse Arie mit hinreissen-\nder Fertigkeit und Anmuth gesungen hatte, verliess sie\nihren Platz, schloss jene gerührt in ihre Arme und sagte\nmit grosser Innigkeit: „Dieu Vom benisse, mon enfant,\nVous etes la meilleure chanteuse Alle\nMeinungen waren nun vereint und alle Stimmen gewonnen,\nso dass selbst die Behauptung einiger Misswollenden, welche\nzwischen den Worten: Vous etes la meilleure chanteuse,\nnoch ein „ä present\" wollen vernommen haben, wenig\nGlauben gefunden hat.\nWenige Tage darauf, sagt man, sei die Sontag bei der\nCatalani gewesen und habe mit ihr gesungen, ja, sie werde\nin dem Concerte der edlen Gastfreundin ein Gleiches thun\n—eine Nachricht, welche alle Erwartungen auf das Höchste\nspannt, und der Concertgeberin, selbst wenn sie ihrem frü-\nheren verdreifachten Preise (1 Ducaten) treu bleibt, in un-\nserem grösseren Concertsaale dennoch keinen Raum un-\nbesetzt lassen wird.\nNoch neulich entzückte die kleine Zauberin durch den\nVortrag einer Romanze von Panseron mit Flöten-Beglei-\ntung und französischem Text eine zahlreiche Gesellschaft,\nin der nebst Guillou, dem berühmten Flötisten der pa-\nriser Oper, eine ziemliche Anzahl der hier anwesenden Fran-\nzosen sich befand. Doch ist es auch nicht möglich, mehr\nzarten Ausdruck, Lieblichkeit, Grazie und Schalkheit zu\nvereinen, als ihr Gesang und Mienenspiel darbot. Kurz,\ndas beglückte Schoosskind der Natur war der Mittelpunkt\nund Hebel der Unterhaltung und zwang, wie seine Kunst,\nso auch die anderen Künste, ihm dienstbar zu sein. Denn\nwährend die Gefeierte im heiteren Gespräche begriffen war,\nzeichnete der talentvolle Professor Krüger mit eben so\nviel Glück als Gewandtheit ihr liebliches Profil, dem ein\nanwesender Fremder dann als Unterschrift und Ausdruck\nder allgemeinen Stimmung die improvisirten Worte bei-\nfügte :\nWo alle Künste sich vermählen,\nWo so viel holder Reiz sich zeigt,\nDa will auch Poesie nicht fehlen;\nDoch welche Farbe soll sie wählen,\nDass sie der Schwestern Spur erreicht?\n\n*) Mitgetheilt von einer Kunstfreundin."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 157, "texte": "Sie müsst* in Sonnenstrahl sich hüllen,\nSich schmücken mit des Tages Glanz:\nDann wird ihr Wunsch sich schön erfüllen,\nUnd dein war', Sonn1 und Tag der Kranz!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-06-30-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-06-30_01#c004", "volume": "bmtnabi_1860-06-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "214", "page_fin": "215", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.2.4", "titre_corps": "Kein Generalbass mehr!", "titre_sommaire": "Kein Generalbass mehr!", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.6", "debut_caractere": 159, "fin_caractere_exclue": 4688, "texte": "Kein Generalbass mehr!\nDieser dilatorische Ausspruch bildet den Haupttitel\neines Heftes, welcher folgender Maassen ergänzt wird:\n„Dafür der Geist der Einheit (I) in der musicali-\nschen Progression. Ein Beitrag zur Musikwis-\nsenschaft. Wien, 1860. Wallishausser'sche Buch-\nhandlung (Josef Klemm). VIII u. 66 S. kl. 8.\n„Ursprünglich sollte das Werk ein Lehrbuch für An-\nfänger werden; allein ich hielt für gut\" —sagt der anonyme\nVerfasser im Vorwort —, „den Geist des Ganzen dem Ur-\ntheil des musicalischen Publicums vorerst in einer kleinen\nBroschüre vorzulegen, um die ermunternden oder ver-\ndammenden Urtheile entgegenzunehmen, die mich zur Un-\nterdrückung oder Herausgabe eines grösseren Werkes be-\nstimmen sollen.\"\nNun, von unserer Seite soll der Verfasser kein „ver-\ndammendes\" Urtheil empfangen, wiewohl wir allerdings\nglauben, dass es daran nicht fehlen wird, woran aber die\nnicht immer streng logische und zuweilen auch nicht ganz\ndeutliche Darstellung schuld sein wird. Achtungswerth ist\ndie Gesinnung, die es nicht auf Effect und augenblickliches\nAufsehenmachen abgesehen hat, sondern mit Ueberzeugung\nund Bescheidenheit auftritt.\nDer Verfasser eifert gegen den Generalbass und die\nBezifferung, im Grunde aber gegen die in die Form des\nGeneralbasses gezwängte Accord- und Harmonie-Lehre.\nMag aber diese letztere systematisirt und schematisirt wer-\nden, wie sie wolle, so bleibt doch die Kenntniss des Gene-\nralbasses im engeren Sinne, d. h. der Bezifferung der Grund-\nbass-Stimme und das Spiel einer solchen Stimme auf dem\nCiavier schon aus historischen Gründen dem heutigen Mu-\nsiker eine Notwendigkeit, weil er ohne Beides die Werke\nder älteren Meister nicht einstudiren und dirigiren kann.\nDer gewählte Haupttitel lässt sich also kaum rechtfertigen.\nDie „neue Idee\" des Verfassers führt das Wesen der\nTonkunst auf „die Einheit und ihre Progressionen\" zu-\nrück, gründet „diese Anschauung auf die Natur und un-\nterscheidet sich wesentlich von der des Generalbasses, der\nkeine Einheit kennt, dem stillschweigend jeder zufällige\nBasston Einheit ist.\"\nIn dem Capitel „von den Accorden im Allgemeinen\"\nheisst es unter Anderem:\n„Der Generalbass leitet die Benennungen seiner Ac-\ncorde von der Bezifferung her. (?)\n„Seine Bezifferung ist aber auf die Zufälligkeit\ngegründet, darum unwahr, somit auch seine Benennungen.\n„Ein Lehrbuch um das andere hat sich überboten in\nErfindung der horribelsten Accord-Namen, als wenn der\nName es mache.\n„Wer denkt nicht mit Schaudern an die Sexquart-\nNon-Septimen-Quintterz-Accorde, oder an die\n„Decim - Septimensext - Quintquart - Secund - Accorde\nKnecht's?\n„Risum ieneatis amieif\n„Hätte Ludovico Viadana ahnen können, welcher\nMissbrauch mit der Zeit erwüchse aus seiner „ „stenogra-\nphischen\"\" Erfindung, er würde sie—unterdrückt haben.\n[Aber Viadana hat ja nur einen geringen Antheil an der\nErfindung des Generalbasses. S. Winterfeld's „Ga-\nbrieli\". 11. S. 59.]\n„Der Generalbass bezeichnet z. B. den harten Drei-\nklang CI Ce g zufällig richtig mit (1) 3. 5., wie auch\nwir ihn bezeichnen würden, wenn unser I dies nicht un-\nnöthig machte.\n„Der einfachste Sinn sollte einsehen, dass eine Umkeh-\nrung an dem Wesen dieses Di eiklanges nichts ändern\nkönne; obschon forme! verschieden, bleibt sein inneres\nWesen sich gleich, denn C bleibt I (Toniea). Der General-\nbass dagegen benennt und beziffert die beiden möglichen\nUmkehrungen eg c und gc e nach den zufäl 1 igen äus-\nseren Verhältnissen der Töne unter einander mit (1) 3. 6.\nund (1) 4. 6. und hat schon einen so genannten Sext- und\nQuartsext-Accord geschaffen; er betrachtet nämlich jeden\nzufällig untenstehenden Ton (den jeweiligen Bass) still-\nschweigend als I, schreibt es aber nicht, dieses I, als selbst-\nverständlich. Würde der Generalbass correct dabei verfah-\nren, so müsste er bei e g cwenigstens hinschreiben (1)\nt>3. dann würden aus den zufälligen Intervallen abso-\nlute und könnten in unserem Sinne mehrdeutig verwertbel\nwerden; so aber sind sie reiner Luxus.\n„Wohl ist die Ziffer von Bedeutung,aber nicht\nim Sinne des Generalbasses, der die Einheit nicht kennt.\n„Dieses I ist mehr Werth als alle Ziffern, es ist die\nAchse, um die sich Alles dreht. Darum ist jede Bezifferung\nüberflüssig, selbst in unserem Sinne, denn die I Stule weis't\njedem Tone eines Accordes die gehörige Stelle an.\n„Noch ein Beispiel.\n„Den Vierklang G h cl fbezeichnet der Generalbass\nnach den zufälligen Intervallen der C-Scala, ohne wei-\ntere Rücksicht auf die charakterisirende I Stufe, wie folgt:\n/7g6 h 6 d 6\nd 5/5 4 h 4\nh%dZ f ® g 1\nG(1) H(1) (1)"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1638, "texte": "und nennt diesen einfachen charakteristischen Vierklang\nder V Stufe nach diesen Ziffern: Sept-Accord schlecht-\nweg; Terzquintsext-, Terzquartsext- und Secundquartsext-\nAccord, während er im Hinblick zu seiner Stufe I doch\nnur in allen vier Unterlagen folgende absolute Intervalle\naufweis't:\n/ 4 g 5 2\nd 2 / 4 g 5 hl\nhl d 2 f 4 g 5\nG 5 Hl Z> 2\n„Wäre die Bezeichnung des Generalbasses correct in\nunserem Sinne, so müsste sie so lauten:\n/ g i>6 h 6 g 6\nd 5 / = #4 4 U\nh 3 dl =#2 2\nGl Hl Dl Fl\n„Es wären nämlich lauter absolute Intervalle von6rl,\nHl, Dl, Fl.\n„Diese Ziffern sind selbstverständlich aus I sich erge-\nbende absolute Intervalle der betreffenden Progression. Die\npedantische Orthographie müsste freilich erst enharmonisch\nverwechseln bei LH und aus erst $2, aus /erst\neis §4 machen, damit der Schritt nach H-dur auch gehö-\nrig correct wäre.\n„Zu diesem Ende genügt denn freilich auch nicht\nmehr der Name Vierklang „ „oder charakteristischer Vier-\nklang mehrdeutig verwendet\"\", sondern es wird abermals\nein neuer Name geschaffen, um diesen oder jenen Schritt\nzu rechtfertigen. Um Weber's tiefgedachten Uebergang\nin der Agathen-Arie: „ „Welch schöneNacht!\"\" herzustel-\nlen, bedarf es nicht erst eines übermässigen Sext-Accordes\nG h eis, sondern nur des einfachen Begriffes, dass\n(1) 3 5 «6\nder ursprüngliche Leiteton h VII zu I gemacht wird.\"\nEs ist nicht wohl möglich, aus der für den Gegen-\nstand gar zu beschränkten Skizze des Verfassers dessen\nAnsicht in noch beschränkteren Umrissen darzulegen. Es\ngenüge, durch Obiges die Aufmerksamkeit auf ein Schrift-\nchen zu lenken, das immerhin mehr als ein blosses Curio-\nsum sein dürfte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-06-30-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-06-30_01#c005", "volume": "bmtnabi_1860-06-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "215", "page_fin": "216", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.2.5", "titre_corps": "Die Sängerfahrt der französischen Orpheonisten nach London.", "titre_sommaire": "Die Sängerfahrt der französischen Orpheonisten nach London.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.7", "debut_caractere": 1640, "fin_caractere_exclue": 4027, "texte": "Die Sängerfahrt der französischen Orpheonisten nach London.\nAm 17. Juni haben in Paris die Proben der Sänger-\nVereine von Paris und dem Seine-Departement für die\nFahrt nach London und die Concerte im Krystall-Palast zu\nSydenham begonnen. Am 24. Juni fand die Abfahrt von\nzwei Kostenpunkten, Dieppe und Calais, aus auf zehn\nDampfbooten Statt. Dreitausend aus den zweihundert\nVereinen, die unter der Generai-Direction des Herrn De-\nlaporte stehen, ausgewählte Sänger bilden die Gesang-\nPhalanx. Die Hin- und Rückfahrt ist umsonst bewilligt\n(von wem? dem Unternehmer oder der Direction des Glas-\npalastes?) und die Aufenthaltskosten für eine Woche zu\nmässigen Preisen accordirt.\nDie Festordnung lautet: Sonntag den 24. Juni Ankunft\nund Einzug in London. Montag nach Sydenham, Probe und\nerstes Concert um 3 Uhr. Dinstag in Sydenham, Probe und\nzweites Concert. Mittwoch Besuch von London und dessen\nSehenswürdigkeiten. Donnerstag drittes und Samstag Ab-\nschieds-Concert.\nAuf dem Programm stehen:\nGod save the Queen, für vier Männerstimmen gesetzt\nvon Camille de Vos.\nVenz Creator von Besozzi.\nFragment aus dem XIX. Psalm von Marcello.\nChoral von Leo Hassler (1601).\nChoral von Heinr. Scheidemann (1604).\nPriesterchor „0 Isis und Osiris\" von Mozart.\nSeptett aus den Hugenotten von Meyer beer.\nCimbres et Teutons von L. Lacombe.\nLes JEnfants de Paris von A. Adam.\nDas Kirchlein [la Chapelle)von Becker.\nDer Jäger Abschied (le von\nMendelssohn.\nDer Tag des Herrn (le von C.\nKreutzer.\nLe Chant des Montagnards(Normannslied) von\nKücken.\nLe Ohant du Uvouac von Kücken.\nLa Retraitevon L. de Rille.\nFrance! von Ambr. Thomas.\nLa nouvelle alliance von H a 1 e v y.\nDer Text der beiden letzten Chöre ist für die Sänger-\nfahrt nach England von Vaudin, Redacteur der Zeit-\nschrift „ Orpheon\", gedichtet.\nDas jedesmalige Programm wird aus den angegebenen\nStücken gemacht; das Septett aus den Hugenotten (eine\nkolossale Nachäffung der Quartette mit Besetzung eines\nganzen Geigen-Orchesters in den Concerten des Conserva-\ntoires!) wird aber in jedem Concerte gesungen werden,\n„weil es bei dem Sängerfeste in Paris so gewaltigen Effect\ngemacht hat.\"\nDer Chor La nouvelle alliance von Halevy wird von\nHarfen begleitet. (Von wie vielen bei 3000 Stimmen??)\nZum Veni Creator und zum Psalm von Marcello wird Ed.\nBatiste, Organist von St. Eustache, die Orgel spielen; bei\ndem Hugenotten-Septett, den Chören und ,Cim-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 198, "texte": "Bern und Teutonen\" wirkt Militärmusik mit, wozu Dela-\nporte die Regimentsmusik der kaiserlichen Guiden engagirt\nhat. (Lärm wird es also genug geben!) Diese Musik wird\nauch drei Stücke allein blasen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-06-30-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-06-30_01#c006", "volume": "bmtnabi_1860-06-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "216", "page_fin": "216", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.8", "debut_caractere": 200, "fin_caractere_exclue": 4873, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMainz* Das vierte mittelrheinische Musikfest wird\nam 22. und 23. Juli in Mainz gefeiert werden. Der rein musicali-\nsche Theil des Festes beschränkt sich auf zwei Tage und bringt am\nersten ausser der Ouvertüre in C, Op. 324, von Beethoven das\nOratorium »Israel in Aegypten\" von Händel; am zweiten Tage:\nGluck's „Alceste\" Ouvertüre, ausgewählte Soli und Chöre —,\nzwei Chöre a capella von Palestrina und Mozart, Sinfonie in\nC-moll von Beethoven und „Die erste Walpurgisnacht* von F.\nMen d eiss o h n-Barth o ldy. Zur Mitwirkung in den Chören ha-\nben sich den Gesang-Vereinen der verbündeten Städte, Darmstadt,\nMainz, Mannheim und Wiesbaden, noch die von Kassel und Worms\nangeschlossen ein stattliches Heer von etwa 900 Singstimmen.\nDazu kommt noch, dass für die Soli die vorzüglichsten Künstler\ngewonnen sind, welche nur in unserem sang- und klangreichen Va-\nterlande zu gewinnen waren: Frau Dustmann-Meyer aus Wien\n(Sopran), Fräulein Schreck aus Bonn (Alt), Herr Schnorr von\nCarolsfeld aus Dresden (Tenor) und Herr Kindermann aus\nMünchen (Bass). Auch von der Zusammensetzung des Fest-Orchesters\nlässt sich nur das Schönste erwarten; denn wo die anerkannt aus-\ngezeichneten Hoftheater-Orchester von Darmstadt, Mannheim und\nWiesbaden mit den Instrumentalkräften des Festortes und mit meh-\nreren Künstlern näherer und entfernterer Städte sich zu einem Gan-\nzen vereinen, ist eine glänzende Gesammtwirkung unzweifelhaft Die\nmusicalissche Direction ist durch den Central-Ausschuss der verbün-\ndeten Städte in die Hände des Herrn Capellmeisters Marpurg ge-\nlegt, der als ein tüchtiger Musiker und energischer Dirigent auch in\nweiteren Kreisen rühmlich bekannt ist. Was den Mainzern nun noch\nbesonders zu Gute kommt, ist ihr Fest-Local, die Fruchthalle, welche\nausser einem für derartige Aufführungen höchst angemessenen Räume\nden Vortheil einer durch den soliden Bau der Wände trefflich geför-\nderten Akustik bietet.\nFrankfurt a. ]?!• Die Süddeutsche Musik-Zeitung schreibt:\n„Seit etwa vierzehn Tagen sind vom Vorstande des hiesigen Cäci-\nlien-Vereins wöchentlich in der Kegel zwei Mal Proben angeordnet,»\nwelche von den Concurrenten um die Director-Steile dieses Vereins\ngeleitet werden. Bis jetzt hatten sich drei Herren von auswärts die-\nsen Proben, resp. Prüfungen, unterzogen, um sich dann später von\nsämmtlichen Mitgliedern des Vereins wählen zu lassen. Es sollen\naber noch viele Anmeldungen vorliegen, worunter auch einige von\nhier. INach diesem Verfahren zu urtheilen, scheint man nicht auf\neinen Mann von Renomme zu reflectiren, wie man bezüglich der Be-\ndeutung, die sich der Verein gibt, hätte erwarten mögen, da Män-\nner von bereits erworbenem künstlerischen Rufe sich nicht einem\nsolchen Wahl-Modus werden unterziehen wollen. Ja, auch für den\nVerein ist die Sache in dieser Form eine Lotterie, indem eine ein.\nmalige Probe die künstlerische Befähigung eines Dirigenten nicht\nevident erkennen lässt, und noch weniger ist mit Sicherheit anzu-\nnehmen, dass der tüchtigste Director unter den Bewerbern heraus-\ngefunden werde, da sich bereits im Vereine einige schroffe Parteien\ngebildet haben sollen.\"\nDeutsche T o si Si » 1 I e.\nVon den seiner Zeit eingekommenen 24 Operetten „Der Liebes-\nring\", für welche die Herren L. Hetsch, F. Hiller und V. Lachner\nnach der von denselben gefälligst angenommenen Wahl Preisrichter\ngewesen, hat die Composition des Herrn E. Krähmer, Capellmei-\nsters in Augsburg, durch Stimmenmehrheit den Preis zuerkannt er-\nhalten. •\nVon den übrigen dieser Bewerbungen wurden die des Herrn E.\nMethfessel, Musik-Director in Winterthur, durch eine Stimme\ndes Preises und durch eine andere der besonderen Belobung; die der\nHerren R. Musik-Director in Mainz, Fz. Mair in Wien\nund T. Täglichsbeck, Hof-Capellmeister a. D. in München, je\nmit zwei Stimmen besonderer Belobung würdig erklärt; sodann je\ndurch eine Stimme besonders belobt die der Herren: F. Baumfel-\nder, Musiklehrer in Dresden, V. F. Becker, Compositeur in Würz-\nburg, Herrn. Bönike, städtischer Musik-Director in Aschersleben,\nJ. Landwehr in Brüssel und J. N. Skraup, Dom-Capellmeister\nin Prag.\nWelcher der Herren Preisbewerber seine Operette wieder zuge-\nsandt wünscht (was nur unmittelbar an ihn selbst geschehen kann),\nbeliebe sich durch eigenhändige Zeilen „an den Schriftführer der\nDeutschen Tonhalle\" hieher zu wenden, welcher hierwegen verschwie-\ngen zu sein verpflichtet ist, was jedoch in den nächsten sechs Mo-\nnaten zu geschehan hat, indem sonst diese, so wie die von früher\nnoch vorliegenden, nicht zurückbegehrten Preisbewerbungen nebst den\nungeöffneten Briefchen nicht mehr in unserer Verwahrung bleiben.\nMannheim, 21. Juni 1860. Der Vorstand."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nFetis' allgemeine Biographie der Tonkünstler. I. Nachtrag zu Henriette Sontag und ihre Zeit. Kein Generalbass\nmehr! Die Sängerfahrt der französischen Orpheonisten nach London. Tages- und Unterhaltungsblatt (Mainz, das vierte\nmittelrheinische Musikfest Frankfurt a. M,, Cäcilien-Verein Deutsche Tonhalle).\n\nFétis' allgemeine Biographie der Tonkünstler.\nI.\nDie neue Ausgabe des umfassenden Tonkünstler-Le-\nxikons von Felis ist ein bedeutendes Denkmal menschlichen\nFleisses und Wissens. Der erste Band der ersten Ausgabe\nerschien vor fünfundzwanzig Jahren, der letzte (Vrll.) im\nJahre 1844. Schon in seiner ersten Gestalt galt das Werk\nals ein unentbehrliches, und die Auflage ist gänzlich ver-\ngriffen. Jetzt aber hat der gelehrte und beispiellos thätige\nVerfasser alle Erscheinungen und Erzeugnisse der Ton-\nkunst, die sich an Künstlernamen knüpfen und auf dem\nüberreichen Gebiete derselben seit dem letzten Viertel-\nJahrhundert gewachsen sind, nicht bloss nachgetragen, son-\ndern auch die früheren Artikel grösstenteils neu bearbei-\ntet oder doch umgeschmolzen, so dass, wie man schon aus\ndem ersten Bande (A bis Bohrer) ersieht, das Werk um\nmehr als die Hälfte vermehrt worden ist. Es führt daher\nmit Recht den Titel:\nBiographie universelle des Musiciens et Biblio-\ngraphie generale de\ntion en tierement refondue et augmentee de plus de\nmaitie. Par F. J. Fe\ndot. 1860. Gr. 8. (XXXVII und 478 S. Preis\n2 Thlr. 10 Sgr.)\nDie erste Ausgabe enthielt als Einleitung ein\nphibsophique de l'histoire de la musique. Diese Abhandlung\nist in der zweiten nicht wieder abgedruckt, soll aber gänz-\nlich umgearbeitet als Histoire generale de la musique er-\nscheinen, wenn dem Verfasser Leben und Kraft dazu ver-\ngönnt ist. Statt des Resume's gibt Fetis hier eine Vorrede,\nin welcher er sich theils über die Grundsätze und Ansich-\nten, die ihn bei Abfassung des Werkes geleitet haben,\nausspricht, theils auf die Kritiken der ersten Ausgabe ant-\nwortet. Dieser letzte Abschnitt der Vorrede hat mehr\nspeciel gelehrtes und persönliches Interesse; der erste hat\nallgemeinere Bedeutung. Hier sagt der Verfasser unter\nAnderem:\n„Auf die Erforschung und Begründung des Werthes\nder Arbeiten der älteren Meister und ihres Antheils an der\nEntwicklung der Tonkunst habe ich früher wohl einmal\nbedauert, zu viel Zeit verwandt zu haben; jetzt wünsche\nich mir Glück dazu, dass ich noch viel mehr Zeit der Ver-\nbesserung dieses Theiles meines Werkes gewidmet habe;\ndenn die in unserem Zeitalter herrschende Neigung zum\nVergessen und Abthun legt jedem muthigen und selbstbe-\nwussten Charakter die Pflicht auf, gegen die Verachtung\nalles dessen, was die Ignoranz nicht kennt, zu protestiren\nund die Ansprüche des Genie's und Talentes auf allgemeine\nBewunderung geltend zu machen.\"\n„Genauigkeit in den Thatsachen, Offenheit und Un-\nparteilichkeit in den Urtheilen sind die Hauptpflichten des\nBiographen. Aber Offenheit und Unparteilichkeit reichen\nzum richtigen Urtheilen nicht hin bei einer Kunst, die ihre\nRegeln nur aus sich selbst schöpft und in welcher der ver-\nschiedene Geschmack eben so oft das Resultat der natür-\nlichen Neigung als der Erziehung ist. Es gehört die Kennt-\nniss der Musik auf ihrem ganzen Gebiete dazu. Die gebil-\ndeten Weltleute halten die musicalischen Kenntnisse für\nnicht nöthig zum Urtheilen, weil sie meinen, die Musik sei\nnur Sache der Empfindung. Freilich bedarf es der Kennt-\nnisse nicht, um sich von einem Musikstücke angezogen oder\nabgestossen zu fühlen; allein das sind Eindrücke, nicht\nUrtheile, die für den eigentlichen Werth des Werkes keine\nBedeutung haben.\"\n„Eines der grössten Hindernisse der richtigen Beur-\ntheilung musicalischer Werke liegt in der Anwendung der\nLehre vom Fortschritt auf die Kunst. Ich habe oft behaup-\ntet, dass die Musik sich umgestaltet, dass sie aber nur in\nihren materiellen Elementen fortschreitet. Ich habe viel\nTadel desshalb erfahren; gegenwärtig jedoch glaube ich,\nden Zuständen in ganz Europa gegenüber, nicht viele"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "210", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.2", "texte": "■p ; ; . • - i\" ? ■■■ , • JÜ'i\" £jj ''t J jjL S '\nGegner zu finden, wenn ich sage, dass nach meiner Ueber-\nzeugung gewisse Dinge, die für Fortschritt gelten sollen,\nin Wirklichkeit als Verfall zu bezeichnen sind. [Hierzu\nzählt er die bekannten Fehler der Zeit: allzu breit und zäh\nausgesponnene Entwicklung eines und desselben Gedan-\nkens, das Ungeheuerliche statt des Grossartigen, das fort-\nwährende ziellose Moduliren, die übermässige Instrumen-\ntirung u. s. w.]\n„Ich spreche es mit Zuversicht aus: die Lehre vom\nFortschritte ist gut und wahr für die Wissenschaft und\nfür die Industrie, aber sie hat nichts zu schaffen mit den\nKünsten der Phantasie, und noch weniger als mit anderen\nKünsten mit der Musik. Sie kann keine gültige Regel für\ndie Beurtheilung des Talentes und der Werke eines Ton-\nkünstlers abgeben. In dem Gegenstande selbst, nicht ausser-\nhalb desselben, in den musicalischen Gedanken und dem\nAusdruck, der ihnen gegeben ist, muss man ihren Werth\nsuchen.\"\n„Jede Epoche hat ihre besonderen Tendenzen und\nFormen, welche die grosse Menge für das Schöne hält,\nweil die Mode ihnen eine augenblickliche Geltung verschafft.\nSelbst die Kritik lässt sich zuweilen dadurch zu Verirrun-\ngen hinreissen. Aber nach dem Heisshunger kommt die\nUebersättigung; die Mode wechselt, und die Form, welche\nnicht von der Schönheit des Gedanken-Inhalts gehalten\nwird, zerfällt und macht anderen Platz, die vielleicht eben\nso wenig Festigkeit und Werth haben.\"\n„Seit der ersten Ausgabe meiner Biographie ist die\nLage des gewissenhaften Kritikers noch gefährlicher ge-\nworden. Die Reihen der grossen Meister sind stark gelich-\ntet, und das gegenwärtige Geschlecht hat sich auf seltsame\nAbwege führen lassen, über die ich mich hier erklären\nmuss.\n„Es hat zu allen Zeiten Menschen gegeben, die der\naugenblicklichen Neigung des grossen Haufens schmeichel-\nten und ihre Kunst zum Handwerk und zur Waare mach-\nten. In unseren Tagen hat sich ihre Zahl in erschrecken-\ndem Verhältnisse vermehrt. Mit ihnen braucht sich die\nKritik nicht zu beschäftigen. Aber die letzten fünfundzwan-\nzig bis dreissig Jahre haben Künstler erzeugt, die mit dem\nErnste des Strebens eine grosse Herrschaft über die Mittel\nder Harmonie und Instrumentation verbinden und aufrich-\ntig danach trachten, das Schöne in ihren Werken zu\nschaffen. Allein in einem seltsamen Irrthum befangen, über-\nreden sie sich, dass das Schöne nicht im Einfachen\nbestehe. Aus immerwährender Furcht vor dem Gemeinen\nstürzen sie sich ins Barocke. Cadenzen der Perioden, voll-\nkommene Schlüsse und Ruhepunkte sind ihnen zuwider.\nUm sie zu vermeiden, haben sie ein Verkoppelungs- und\nVerhalfterungs-System angenommen, vermöge dessen sie\nvon Vorhalt zu Vorhalt, von Zwischensatz zu Zwischensatz\ndas periodische Gewebe ins Unendliche verlängern, so dass\nsich ihre Musik wie Maschinenpapier abrollt, das kein\nnothwendigies Ende hat. Trotz des wirklichen Talentes,\nwelches aus ihren Werken hervorleuchtet, wie z. B. bei\nMendelssohn und Schumann, wirft uns dieses Verfahren in\nIy7 | - • UVMVJ l' Yv\\. »vTI. I™Cr s I <„•*, 1 t 1\".V» J^; ,\nein ewiges Hin- und Herwogen, wodurch Ermüdung und\nZerstreuung entstehen. Dazu kommt dann noch die über-\nmässige harmonische Arbeit, welche den Hauptgedanken\nerstickt; denn Einfachheit und Klarheit gehören auch zu\nden Dingen, welche die neuere Schule hasst.\"\nAn einer anderen Stelle erinnert Fetis daran, dass die\ngrossen Meister des vorigen Jahrhunderts verschiedene Stil-\narten für die verschiedenen Musikgattungen hatten und da-\nbei doch originel und individuel blieben. Er fährt dann fort:\n„Wenn man auf diese Thatsache Acht gibt, so fällt\nder Unterschied zwischen jener Mannigfaltigkeit des Stils\nund der Einförmigkeit desselben in der heutigen Musik\nsehr auf. Es fehlt manchen von unseren Componisten ge-\nwiss nicht an Geschick und Talent, aber die sociale und\nethische Tendenz unserer Zeit übt einen bedauernswerthen\nEinfluss auf ihre Schreibart aus. Diese vorherrschende\nTendenz ist das allgemeine Bedürfniss nervöser Aufregung,\nwelches durch die Reihe von Bevolutionen und ausserge-\nwöhnlichen Ereignissen entstanden ist. Diese Neigung und\nStimmung macht, dass überall das Dramatische gesucht\nwird. Auf der Bühne hat allerdings das Dramatische in\nder Musik, wenn es von Ideen getragen wird, seinen\nWerth; aber jetzt soll Alles dramatisch sein, die Messe,\ndie Sinfonie, das Quartett, selbst die Ciavierklimperei in\nden Boudoirs der Damen. Unter so stark aufgetragener\nFarbe verschwindet der ursprüngliche musicalische Ge-\ndanke so gut wie die Eigentümlichkeit des Stils, und die\nmeisten Producte sehen sich einander mehr oder weniger\ngleich.\n„Die Componisten im achtzehnten und im Anfange\ndes neunzehnten Jahrhunderts begriffen die Aufgabe der\nKunst und ihren persönlichen Beruf besser: sie blieben\nvorzugsweise bei der Gattung, für die ihnen die Natur die\ngrössten Gaben verliehen. Heutzutage will Jeder Alles\nschreiben! Ist man dann streng im Urtheil, bleibt der\nvernünftige Theil des Publicums kalt, so heisst es, man\nverstehe sie nicht, man begreife sie nicht. Was heisst das?\nSind die Kunstwerke Räthsel, Probleme? Eine Musik, die\nbei guter Ausführung unverständlich bleibt, ist eine Ver-\nirrung der Kunst.\"\nUeber die Ansichten der Zukunftsmusiker bricht der\nVerfasser natürlich den Stab. Was er über die realistische\nRichtung in der Kunst überhaupt sagt, ist mitunter sehr\nschlagend."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.3", "texte": "„Das Princip der Wahrheit\"—heisst es S. XI—„ist\nnichts Anderes als die alte falsche Lehre von Batteux,\nBurk, Diderot und ihrer Schule, nämlich: „„Die Kunst\nhabe die Nachahmung der Natur zum Gegenstande.\"\"\nSelbst in ihrer Anwendung auf die zeichnenden Künste,\nMalerei und Sculptur, kann diese Lehre die Schönheit\nnicht erzeugen, die doch das Ziel der künstlerischen Be-\nstrebungen ist. Der Künstler ist nicht Copist der Natur, er\nbegeistert sich nur durch ihr Anschauen und stiehlt ihr\nihre Formen ab, um daraus Werke seines Genie's zu bilden.\n„Wenn man jene Nachahmung als Zweck der Kunst\naufstellt, so gilt Täuschung für die höchste Stufe der\nkünstlerischen Vollkommenheit. Um das Irrthümliche einer\nsolchen Auffassung zu beweisen, braucht man nur an Dio-\nrama und Gemälde zu erinnern, da im Diorama die Dar-\nstellung eine Volikommenheit der Täuschung erreicht, die\ndas wirkliche Gemälde niemals bieten wird. Wird nun aber\nirgend ein gebildeter, vollends ein kunstverständiger Mensch\njemals das Diorama als Kunstwerk höher stellen, als das\nGemälde? [Erreicht man, kann man hinzufügen, durch die\nmechanischen Figuren, wodurch man das Diorama, eben-\ntalls wieder nach dem obersten Princip der möglichsten\nTäuschung, zu beleben sucht, das Leben der menschlichen\nGestalten auf Gemälden, wie es die Meister der Kunst ge-\nschaffen?]\n„Wenn also das Naturwahre nicht einmal das wesent-\nliche Object der bildenden Künste ist, die sich mit der\näusseren Welt der Erscheinungen beschäftigen, wie sollte\nes für die Musik, die idealste von allen Künsten, gelten?\nSie kennt kein anderes Programm als die Inspiration des\nGenie's und kann das Schöne nur durch die freie Uebung\nder geistigen Thätigkeit erzeugen ; die Nothwendigkeit der\nWahrheit würde der Phantasie nur hemmende Schranken\nentgegenstellen. Desshalb muss denn auch die dramatische\nWahrheit in den Gränzen der Kunst bleiben\" u. s. w.\n„Der Künstler muss nur die Kunst lieben und sich ihr\nallein ganz hingeben, oder lieber gar nicht Künstler wer-\nden. Freilich wird diese Hingebung und Entsagung von\nTag zu Tag schwieriger und verdienstvoller; die Künstler-\nLaufbahn wird von einem Uebel bedroht, das um so ge-\nfährlicher ist, je mehr es überhand nimmt, von dem Ma-\nterialismus, der nur aufs Praktische gerichtet ist, von dem\nJagen nach Vortheil und Geld, von der Sucht zu Wohl-\nleben und äusserem Glanz.\n„Solche Zustände sind freilich der Kunst höchst un-\ngünstig. Die Menschen sind zu viel mit allem Anderen be-\nschäftigt, um sich für die aufmerksame Betrachtung der\nPoesie und Musik sammeln zu können. Für die eigentliche\nFreude des Herzens daran haben sie keine Zeit mehr, dess-\nhalb verlangen sie Nervenreiz oder Zerstreuung nach der\nArbeit. Wenn die Malerei nach ein etwas besseres Loos\nhat, so rührt dies grossentheils daher,, dass ihre Erzeug-\nnisse einen mercantilen Werth haben, worauf man sogar\nspeculiren kann. Bedenkt man, wie schnell z. B. die dra-\nmatisch-musicalischen Werke der besten Componisten von\nder Scene verschwinden und bald nach ihrer Geburt in\nVergessenheit gerathen, so lässt sich nicht läugnen, dass\ndie Neuheit für die zerstreute und durch hundert andere\nDinge eingenommene Menschheit das vornehmste Verdienst\nist; ist die Neugier befriedigt, so hört die Theilnahme an\nder Kunst auf.\n„Bis 1830 gab es ein Theater-Publicum, das sich an\nden Werken der Meister von Gluck bis Weber erfreute\nund erbaute. Viele Opern, welche auf der Bühne kein\nGlück machten, wurden dennoch von Kennern und Dilet-\nX\ntanten studirt und hoch gehalten, wie z. B. Cherubini's\nLodoisca, Medea, Anacreon, die Abenceragen, Mehul's\nEuphrosyne u. s. w. In Concerten und musicalischen Krei-\nsen führte man gediegene Musik aus allen Gattungen auf,\ndas Kunstleben durchdrang die Gesellschaft. Die Opern,\ndie gefielen, blieben auf der Scene und wurden mit Ver-\ngnügen wiederholt gehört. Der dramatische Componist\nhatte sein Bepertoire, wie man zu sagen pflegte. Wie ist\ndas aber jetzt? Auber, ein Componist ersten Banges, hat\nan vierzig Opern geschrieben, die fast alle mit Erfolg auf-\ngeführt wurden; Halevy, dessen Talent weit bedeutender\nist, als die Menge glaubt, hat eine Menge guter Partituren\ngeliefert;—was ist aber aus ihrem Bepertoire in Paris ge-\nworden? [Wenn diese Bemerkungen hauptsächlich auf\nFrankreich passen, so finden sie doch auch\ntandis auf Deutschland ihre Anwendung; ja, was bei uns\ndie Sache noch schlimmer macht, ist das Haschen nicht\nbloss nach Neuem, sondern nach fremdem Neuem: das\nlässt die National-Componisten nicht aufkommen und über-\nliefert die vortrefflichsten älteren Meister—man denke nur\nan Heinrich Marschner—der Vergessenheit.]\n„Was ist das Ergebniss dieser Zustände? Das Schlimm-\nste, was kommen kann: die Erschütterung des Glau-\nbens an die Kunst in der Brust der Künstler. Der Zwei-\nfel an der Macht der keuschen Muse greift um sich, Ent-\nmuthigung ist die Folge [oder Servilismus der Menge ge-\ngenüber]. Die Kunst ist verloren, sobald man nur auf den\nErfolg des Augenblicks sinnt. „ „Man weiss nicht mehr,\nwas man machen soll, um das Publicum zu amüsiren!\" \"\nsagte mir neulich ein junger Opern-Componist. Zu amü-\nsiren! So tief herab ist also die Kunst gekommen! Wenn\ndie Künstler sich in diese Herabwürdigung fügen, so ist\nes aus mit der Kunst. [Glauben wir ja nicht, dass es bei\nuns viel anders sei! „Amüsiren Sie Sich gut!\" ist der\nWunsch, den man hört, wenn man ins Theater geht; „Wie\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.4", "texte": "haben Sie Sich im Concerte amüsirt, mein Fräulein?\" die\ngewöhnliche Begrüssüng beim Verlassen des Saales.]\n„Nun, die Künstler müssen durch die ganze Kraft des\nBewusstseins und der Ueberzeugung und durch alle edlen\nHilfsquellen des Talentes diesem moralischen Verfall ent-\ngegentreten. Sie dürfen den leider nur zu oft wiederholten\nAusspruch, dass Niemand seine Zeit ändern könne, nicht\nzu dem ihrigen machen; im Gegentheil, man beherrscht\nseine Zeit durch starken Geist und festen Charakter.\nAuch in der Zeit des gesunkenen Geschmacks gibt es im-\nmer noch glücklicher begabte Seelen, welche der wahren\nKunst ihren Cultus weihen. Für diese und für sich selbst\narbeite der Künstler; am Ende siegt doch ihre kleine Zahl\nüber die Menge.\n„Das verschafft uns aber weder Erfolg noch Vermö-\ngen! höre ich einwerfen. Was ist denn ein augenblick-\nlicher Erfolg werth, der nicht auf wahrhaft Schönem be-\nruht? Und bedarf der Künstler ausser der inneren Befrie-\ndigung, die ihm sein Schaffen gibt, des raffinirten Wohl-\nlebens der Keichen? Schöne Werke soll er hinterlassen,\nnicht Paläste und prächtiges Hausgeräth. Leset nur die\nBiographieen der grossen, unsterblichen Meister! Denkt\nan Johann Sebastian Bach, an Mozart, an Beethoven! Was\nhat sie erhoben und im Leben aufrecht gehalten? Die\nKunst, nicht Geld und Gut. Wie glücklich, wer um den-\nselben Preis sich zu ihrer Höhe empor schwingen könnte!\"\nDer Schluss des ersten Theiles der Vorrede beugt dem\nMissverständnisse vor, welches aus dem Läugnen des Fort-\nschrittes in der Kunst entstehen könnte, indem er nach-\nweist, dass die Wissenschaft der Tonkunst in allen\nihren Zweigen seit fünfzig Jahren unendliche Fortschritte\ngemacht hat.\nDer polemische Theil der Vorrede beschränkt sich auf\nWiderlegung zweier Angriffe französischer Kritiker auf\ndie Artikel „Guido von Arezzo\" und „Marchetto von Pa-\ndua\" in der ersten Ausgabe der Biographie. Dass Fetis\nin Bezug auf Guido vollkommen Becht hat, ist keine Frage.\nEs ist in Deutschland längst erörtert und festgestellt, dass\nGuido im Laufe des Mittelalters fast zu einer von jenen\nmythisch-historischen Personen geworden, auf welche nach\nund nach alle Erfindungen und Verbesserungen einer Kunst\nim Alterthume zurückgeführt zu werden pflegten. Er war\nfür seine Zeit (Anfang des eilften Jahrhunderts) ein vor-\ntrefflicher und weit berühmter Lehrer des Kirchengesan-\nges, wie schon Fink richtig sagt. Der Nimbus aber, den\ndas Mittelalter und namentlich die Benedictiner um sein\nHaupt verbreiteten, schwand, sobald seine Schriften in des\nFürstabts Gerbert: Scriptores ecclesiastici de Musica po-\ntissimum, 111 Vol. in 4., 1784, im zweiten Theile ge-\ndruckt erschienen und das kritische Studium derselben\nnachwies, dass er selbst nie daran gedacht hatte, sich alle\ndie Erfindungen (Monochord, Erweiterung der Scala, Li-\nnien-System, Notenschrift, lateinische Benennung der Töne\nu. s. w., sogar Contrapunkt), die man später auf seinen\nNamen häufte, zuzuschreiben. Selbst die bekannten Verse:\nUt queant laxis Resonare fibris Mira gestorum Famuli\ntuorum, Solve polluti Labii reatum, Sande Johannes, gab\ner nur als mnemonisches Hülfsmittel, als Erleichterung für\ndas Festhalten der Töne im Gedächtnisse an, keineswegs\naber als Benennung derselben.\nBei der neuen Bearbeitung hat Fetis vorzügliche Sorg-\nfalt auf die Vervollständigung der bibliographischen\nNachrichten, der musicalischen Literatur in ihrem\nganzen Umfange genommen, was allerdings auch schon ein\nHauptziel seiner Arbeit bei der ersten Auflage war. In der\nThat finden wir recht genaue und vollständige Angaben\nüber die Werke der alten und neuen Musiker und deren\nVeröffentlichung durch den Druck, so wie über die Schrif-\nten, welche sich auf ihr Leben u. s. w. in Monographieen\nbeziehen, und dies ist besonders in einem französisch ge-\nschriebenen Werke ein grosses Verdienst, da die Franzo-\nsen in diesem Punkte entsetzlich oberflächlich und gewis-\nsenlos sind. Dass es unmöglich ist, in diesen Dingen voll-\nkommen Erschöpfendes zu geben, zumal für einen einzigen\nMenschen, leuchtet ein. Auch sagt der Verfasser selbst:\n„Die Unmöglichkeit, vielfältige Irrthümer in einem allge-\nmeinen biographischen Werke zu vermeiden, hat bekannt-\nlich dahin geführt, ähnliche Arbeiten unter verschiedene\nFach-Bedactoren zu verlheilen. Bei einer Gesammt-Bio-\ngraphie von Männern, die sich einer und derselben Kunst\ngewidmet haben, namentlich der Musik, über welche eine\nso grosse Verschiedenheit der Meinungen, Ansichten und\nLehren herrscht, dürfte aher eine solche Theilung der Ar-\nbeit schwer zu einem glücklichen Ergebnisse führen. Die\nEinheit der Grundansichten ist dabei durchaus nothwen-\ndig, und desshalb habe ich mich allein der ungeheuren\nAufgabe unterzogen. Daraus sind neben jenem Vortheile\nfreilich auch bedeutende Nachtheile entstanden, da, sobald\nvon Thatsachen die Bede ist, ein einziger Mensch unmög-\nlich Alles erschöpfen und wissen kann. Ich gestehe\naber auch, dass, wenn ich einmal mich im Datum geirrt,\noder Michel statt Andreas und umgekehrt geschrieben,\nmich das nicht zur Verzweiflung bringt, da ich den Werth\nmeiner Arbeit doch in etwas Höherem suche, als in die-\nsen Dingen.\n„Uebrigens habe ich nie geruht, sondern seit zwanzig\nJahren zu verschiedenen Zeiten auf Beisen durch Deutsch-\nland, Italien, Frankreich und England eine Masse von Ma-\nterial für die neue Ausgabe meines Werkes gesammelt,\nund bin darin von ausgezeichneten Fachmännern trefflich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.5", "texte": "unterstützt worden. Mein Dank gebührt vor Allen dem zu\nfrüh dahingeschiedenen Custos der musicalischen Abthei-\nlung der Bibliothek zu Berlin, Dehn, dessen unerschöpf-\nliche Gefälligkeit für mich ein wahrer Schatz gewesen ist;\ndann den Herren Gaspari in Bologna, August Gathy\nin Paris, der auch schon gestorben ist, dem ich namentlich\nüber die deutschen Künstler der Gegenwart genauere Nach-\nrichten verdanke, Danjou, der mir viele interessante No-\ntizen über Manuscripte in den Bibliotheken von Florenz,\nRom und anderen Städten Italiens mitgetheilt hat, Brau-\nchesne, Secretär des Conservatoriums in Paris\" u. s. w.\n\nNachtrag zu Henriette Sontag und ihre Zeit\n*).\n(S. Nr. 23.)\nBerlin, im März\nDie Königin des Gesanges, die herrliche Angelica Ca-\ntalani, ist vor einigen Tagen in unserer Stadt angekommen,\nund dieses Ereigniss hat alle unsere Zungen und Leiden-\nschaften in gährende Bewegung gesetzt. Wenden wir ja\ndoch unsere ganze Energie auf Sängerinnen, Gesang und\nalles, was fern oder nah in dieses Fach einschlägt. Man\ndenke sich daher die Ungeduld der Erwartung und den\nStreit der Meinungen über die wichtige Frage: Wie wird\ndie Königin Angelica Catalani der Kron-Prätendentin Hen-\nriette Sontag gegenüber stehen, und welche wird in dem\nLorberkronen-Streit den Sieg davon tragen? Wie eine\ngewaltige Schlacht-Trompete erklang also den Berlinern\ndas bescheidene Postillonshorn, wodurch die grosse Ange-\nlica verkündet wurde, und von Minute zu Minute wuchs\ndie Spannung wegen des Erfolgs der ersten, diplomatisch-\nfriedlichen Zusammenkunft, welche durch eine vermittelnde\nMacht veranstaltet wurde. In einem der hiesigen glänzen-\nden Häuser, welches als das Vaterland und Asyl der Künst-\nler angesehen werden kann, geschah die wichtige Begeg-\nnung. Zuerst erschien, durch grossartigen Putz und Schätze\nvon Diamanten in ihrer majestätischen Haltung unterstützt,\ndie immer noch reizende Catalani, alle Herzen gewinnend\ndurch holde Würde und südliches Feuer; bald darauf, wie\nden Händen der Mode so eben entschlüpft und von allem\nihrem Schimmer umringt, das anmuthige Kind unseres\nLandes, alle Augen bezaubernd durch Jugendfrische, Klar-\nheit und Anspruchslosigkeit der Erscheinung. Welchen\nEindruck mochte bei der glänzenden Frau das blühende\nMädchen hervorbringen, durch dessen weitverbreiteten Ruf\nsie den Namen der grössten Sängerinnen Europa's fast aus-\ngelöscht, den sie sogar mit dem ihrigen in die Schranken\ntreten sah, der bisher unübertroffen geherrscht hatte? Nicht\nzwanzig Jahre alt, war die kleine Deutsche zu einer Stufe\ngelangt, wonach sie, die stolze Italiänerin, den schönsten\nTheil ihres Lebens hindurch gerungen, und der Anfang\neiner fremden Laufbahn war von einem Erfolg bezeichnet,\nwelcher ihr am Ende der eigenen fast noch zu entschlüpfen\ndrohte. Aber von dem Gefühle des eigenen Werthes, viel-\nleicht auch der Gerechtigkeit, beseelt und ihre Lage mit\nkluger Mässigung überschauend, traf sie in ihrem Beneh-\nmen den besten und richtigsten Weg; denn nachdem die\ngegenseitige Vorstellung geschehen und die junge Neben-\nbuhlerin ohne alle Ziererei eine grosse Arie mit hinreissen-\nder Fertigkeit und Anmuth gesungen hatte, verliess sie\nihren Platz, schloss jene gerührt in ihre Arme und sagte\nmit grosser Innigkeit: „Dieu Vom benisse, mon enfant,\nVous etes la meilleure chanteuse Alle\nMeinungen waren nun vereint und alle Stimmen gewonnen,\nso dass selbst die Behauptung einiger Misswollenden, welche\nzwischen den Worten: Vous etes la meilleure chanteuse,\nnoch ein „ä present\" wollen vernommen haben, wenig\nGlauben gefunden hat.\nWenige Tage darauf, sagt man, sei die Sontag bei der\nCatalani gewesen und habe mit ihr gesungen, ja, sie werde\nin dem Concerte der edlen Gastfreundin ein Gleiches thun\n—eine Nachricht, welche alle Erwartungen auf das Höchste\nspannt, und der Concertgeberin, selbst wenn sie ihrem frü-\nheren verdreifachten Preise (1 Ducaten) treu bleibt, in un-\nserem grösseren Concertsaale dennoch keinen Raum un-\nbesetzt lassen wird.\nNoch neulich entzückte die kleine Zauberin durch den\nVortrag einer Romanze von Panseron mit Flöten-Beglei-\ntung und französischem Text eine zahlreiche Gesellschaft,\nin der nebst Guillou, dem berühmten Flötisten der pa-\nriser Oper, eine ziemliche Anzahl der hier anwesenden Fran-\nzosen sich befand. Doch ist es auch nicht möglich, mehr\nzarten Ausdruck, Lieblichkeit, Grazie und Schalkheit zu\nvereinen, als ihr Gesang und Mienenspiel darbot. Kurz,\ndas beglückte Schoosskind der Natur war der Mittelpunkt\nund Hebel der Unterhaltung und zwang, wie seine Kunst,\nso auch die anderen Künste, ihm dienstbar zu sein. Denn\nwährend die Gefeierte im heiteren Gespräche begriffen war,\nzeichnete der talentvolle Professor Krüger mit eben so\nviel Glück als Gewandtheit ihr liebliches Profil, dem ein\nanwesender Fremder dann als Unterschrift und Ausdruck\nder allgemeinen Stimmung die improvisirten Worte bei-\nfügte :\nWo alle Künste sich vermählen,\nWo so viel holder Reiz sich zeigt,\nDa will auch Poesie nicht fehlen;\nDoch welche Farbe soll sie wählen,\nDass sie der Schwestern Spur erreicht?\n\n*) Mitgetheilt von einer Kunstfreundin."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.6", "texte": "Sie müsst* in Sonnenstrahl sich hüllen,\nSich schmücken mit des Tages Glanz:\nDann wird ihr Wunsch sich schön erfüllen,\nUnd dein war', Sonn1 und Tag der Kranz!\n\nKein Generalbass mehr!\nDieser dilatorische Ausspruch bildet den Haupttitel\neines Heftes, welcher folgender Maassen ergänzt wird:\n„Dafür der Geist der Einheit (I) in der musicali-\nschen Progression. Ein Beitrag zur Musikwis-\nsenschaft. Wien, 1860. Wallishausser'sche Buch-\nhandlung (Josef Klemm). VIII u. 66 S. kl. 8.\n„Ursprünglich sollte das Werk ein Lehrbuch für An-\nfänger werden; allein ich hielt für gut\" —sagt der anonyme\nVerfasser im Vorwort —, „den Geist des Ganzen dem Ur-\ntheil des musicalischen Publicums vorerst in einer kleinen\nBroschüre vorzulegen, um die ermunternden oder ver-\ndammenden Urtheile entgegenzunehmen, die mich zur Un-\nterdrückung oder Herausgabe eines grösseren Werkes be-\nstimmen sollen.\"\nNun, von unserer Seite soll der Verfasser kein „ver-\ndammendes\" Urtheil empfangen, wiewohl wir allerdings\nglauben, dass es daran nicht fehlen wird, woran aber die\nnicht immer streng logische und zuweilen auch nicht ganz\ndeutliche Darstellung schuld sein wird. Achtungswerth ist\ndie Gesinnung, die es nicht auf Effect und augenblickliches\nAufsehenmachen abgesehen hat, sondern mit Ueberzeugung\nund Bescheidenheit auftritt.\nDer Verfasser eifert gegen den Generalbass und die\nBezifferung, im Grunde aber gegen die in die Form des\nGeneralbasses gezwängte Accord- und Harmonie-Lehre.\nMag aber diese letztere systematisirt und schematisirt wer-\nden, wie sie wolle, so bleibt doch die Kenntniss des Gene-\nralbasses im engeren Sinne, d. h. der Bezifferung der Grund-\nbass-Stimme und das Spiel einer solchen Stimme auf dem\nCiavier schon aus historischen Gründen dem heutigen Mu-\nsiker eine Notwendigkeit, weil er ohne Beides die Werke\nder älteren Meister nicht einstudiren und dirigiren kann.\nDer gewählte Haupttitel lässt sich also kaum rechtfertigen.\nDie „neue Idee\" des Verfassers führt das Wesen der\nTonkunst auf „die Einheit und ihre Progressionen\" zu-\nrück, gründet „diese Anschauung auf die Natur und un-\nterscheidet sich wesentlich von der des Generalbasses, der\nkeine Einheit kennt, dem stillschweigend jeder zufällige\nBasston Einheit ist.\"\nIn dem Capitel „von den Accorden im Allgemeinen\"\nheisst es unter Anderem:\n„Der Generalbass leitet die Benennungen seiner Ac-\ncorde von der Bezifferung her. (?)\n„Seine Bezifferung ist aber auf die Zufälligkeit\ngegründet, darum unwahr, somit auch seine Benennungen.\n„Ein Lehrbuch um das andere hat sich überboten in\nErfindung der horribelsten Accord-Namen, als wenn der\nName es mache.\n„Wer denkt nicht mit Schaudern an die Sexquart-\nNon-Septimen-Quintterz-Accorde, oder an die\n„Decim - Septimensext - Quintquart - Secund - Accorde\nKnecht's?\n„Risum ieneatis amieif\n„Hätte Ludovico Viadana ahnen können, welcher\nMissbrauch mit der Zeit erwüchse aus seiner „ „stenogra-\nphischen\"\" Erfindung, er würde sie—unterdrückt haben.\n[Aber Viadana hat ja nur einen geringen Antheil an der\nErfindung des Generalbasses. S. Winterfeld's „Ga-\nbrieli\". 11. S. 59.]\n„Der Generalbass bezeichnet z. B. den harten Drei-\nklang CI Ce g zufällig richtig mit (1) 3. 5., wie auch\nwir ihn bezeichnen würden, wenn unser I dies nicht un-\nnöthig machte.\n„Der einfachste Sinn sollte einsehen, dass eine Umkeh-\nrung an dem Wesen dieses Di eiklanges nichts ändern\nkönne; obschon forme! verschieden, bleibt sein inneres\nWesen sich gleich, denn C bleibt I (Toniea). Der General-\nbass dagegen benennt und beziffert die beiden möglichen\nUmkehrungen eg c und gc e nach den zufäl 1 igen äus-\nseren Verhältnissen der Töne unter einander mit (1) 3. 6.\nund (1) 4. 6. und hat schon einen so genannten Sext- und\nQuartsext-Accord geschaffen; er betrachtet nämlich jeden\nzufällig untenstehenden Ton (den jeweiligen Bass) still-\nschweigend als I, schreibt es aber nicht, dieses I, als selbst-\nverständlich. Würde der Generalbass correct dabei verfah-\nren, so müsste er bei e g cwenigstens hinschreiben (1)\nt>3. dann würden aus den zufälligen Intervallen abso-\nlute und könnten in unserem Sinne mehrdeutig verwertbel\nwerden; so aber sind sie reiner Luxus.\n„Wohl ist die Ziffer von Bedeutung,aber nicht\nim Sinne des Generalbasses, der die Einheit nicht kennt.\n„Dieses I ist mehr Werth als alle Ziffern, es ist die\nAchse, um die sich Alles dreht. Darum ist jede Bezifferung\nüberflüssig, selbst in unserem Sinne, denn die I Stule weis't\njedem Tone eines Accordes die gehörige Stelle an.\n„Noch ein Beispiel.\n„Den Vierklang G h cl fbezeichnet der Generalbass\nnach den zufälligen Intervallen der C-Scala, ohne wei-\ntere Rücksicht auf die charakterisirende I Stufe, wie folgt:\n/7g6 h 6 d 6\nd 5/5 4 h 4\nh%dZ f ® g 1\nG(1) H(1) (1)"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.7", "texte": "und nennt diesen einfachen charakteristischen Vierklang\nder V Stufe nach diesen Ziffern: Sept-Accord schlecht-\nweg; Terzquintsext-, Terzquartsext- und Secundquartsext-\nAccord, während er im Hinblick zu seiner Stufe I doch\nnur in allen vier Unterlagen folgende absolute Intervalle\naufweis't:\n/ 4 g 5 2\nd 2 / 4 g 5 hl\nhl d 2 f 4 g 5\nG 5 Hl Z> 2\n„Wäre die Bezeichnung des Generalbasses correct in\nunserem Sinne, so müsste sie so lauten:\n/ g i>6 h 6 g 6\nd 5 / = #4 4 U\nh 3 dl =#2 2\nGl Hl Dl Fl\n„Es wären nämlich lauter absolute Intervalle von6rl,\nHl, Dl, Fl.\n„Diese Ziffern sind selbstverständlich aus I sich erge-\nbende absolute Intervalle der betreffenden Progression. Die\npedantische Orthographie müsste freilich erst enharmonisch\nverwechseln bei LH und aus erst $2, aus /erst\neis §4 machen, damit der Schritt nach H-dur auch gehö-\nrig correct wäre.\n„Zu diesem Ende genügt denn freilich auch nicht\nmehr der Name Vierklang „ „oder charakteristischer Vier-\nklang mehrdeutig verwendet\"\", sondern es wird abermals\nein neuer Name geschaffen, um diesen oder jenen Schritt\nzu rechtfertigen. Um Weber's tiefgedachten Uebergang\nin der Agathen-Arie: „ „Welch schöneNacht!\"\" herzustel-\nlen, bedarf es nicht erst eines übermässigen Sext-Accordes\nG h eis, sondern nur des einfachen Begriffes, dass\n(1) 3 5 «6\nder ursprüngliche Leiteton h VII zu I gemacht wird.\"\nEs ist nicht wohl möglich, aus der für den Gegen-\nstand gar zu beschränkten Skizze des Verfassers dessen\nAnsicht in noch beschränkteren Umrissen darzulegen. Es\ngenüge, durch Obiges die Aufmerksamkeit auf ein Schrift-\nchen zu lenken, das immerhin mehr als ein blosses Curio-\nsum sein dürfte.\n\nDie Sängerfahrt der französischen Orpheonisten nach London.\nAm 17. Juni haben in Paris die Proben der Sänger-\nVereine von Paris und dem Seine-Departement für die\nFahrt nach London und die Concerte im Krystall-Palast zu\nSydenham begonnen. Am 24. Juni fand die Abfahrt von\nzwei Kostenpunkten, Dieppe und Calais, aus auf zehn\nDampfbooten Statt. Dreitausend aus den zweihundert\nVereinen, die unter der Generai-Direction des Herrn De-\nlaporte stehen, ausgewählte Sänger bilden die Gesang-\nPhalanx. Die Hin- und Rückfahrt ist umsonst bewilligt\n(von wem? dem Unternehmer oder der Direction des Glas-\npalastes?) und die Aufenthaltskosten für eine Woche zu\nmässigen Preisen accordirt.\nDie Festordnung lautet: Sonntag den 24. Juni Ankunft\nund Einzug in London. Montag nach Sydenham, Probe und\nerstes Concert um 3 Uhr. Dinstag in Sydenham, Probe und\nzweites Concert. Mittwoch Besuch von London und dessen\nSehenswürdigkeiten. Donnerstag drittes und Samstag Ab-\nschieds-Concert.\nAuf dem Programm stehen:\nGod save the Queen, für vier Männerstimmen gesetzt\nvon Camille de Vos.\nVenz Creator von Besozzi.\nFragment aus dem XIX. Psalm von Marcello.\nChoral von Leo Hassler (1601).\nChoral von Heinr. Scheidemann (1604).\nPriesterchor „0 Isis und Osiris\" von Mozart.\nSeptett aus den Hugenotten von Meyer beer.\nCimbres et Teutons von L. Lacombe.\nLes JEnfants de Paris von A. Adam.\nDas Kirchlein [la Chapelle)von Becker.\nDer Jäger Abschied (le von\nMendelssohn.\nDer Tag des Herrn (le von C.\nKreutzer.\nLe Chant des Montagnards(Normannslied) von\nKücken.\nLe Ohant du Uvouac von Kücken.\nLa Retraitevon L. de Rille.\nFrance! von Ambr. Thomas.\nLa nouvelle alliance von H a 1 e v y.\nDer Text der beiden letzten Chöre ist für die Sänger-\nfahrt nach England von Vaudin, Redacteur der Zeit-\nschrift „ Orpheon\", gedichtet.\nDas jedesmalige Programm wird aus den angegebenen\nStücken gemacht; das Septett aus den Hugenotten (eine\nkolossale Nachäffung der Quartette mit Besetzung eines\nganzen Geigen-Orchesters in den Concerten des Conserva-\ntoires!) wird aber in jedem Concerte gesungen werden,\n„weil es bei dem Sängerfeste in Paris so gewaltigen Effect\ngemacht hat.\"\nDer Chor La nouvelle alliance von Halevy wird von\nHarfen begleitet. (Von wie vielen bei 3000 Stimmen??)\nZum Veni Creator und zum Psalm von Marcello wird Ed.\nBatiste, Organist von St. Eustache, die Orgel spielen; bei\ndem Hugenotten-Septett, den Chören und ,Cim-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600630-01.1.8", "texte": "Bern und Teutonen\" wirkt Militärmusik mit, wozu Dela-\nporte die Regimentsmusik der kaiserlichen Guiden engagirt\nhat. (Lärm wird es also genug geben!) Diese Musik wird\nauch drei Stücke allein blasen.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMainz* Das vierte mittelrheinische Musikfest wird\nam 22. und 23. Juli in Mainz gefeiert werden. Der rein musicali-\nsche Theil des Festes beschränkt sich auf zwei Tage und bringt am\nersten ausser der Ouvertüre in C, Op. 324, von Beethoven das\nOratorium »Israel in Aegypten\" von Händel; am zweiten Tage:\nGluck's „Alceste\" Ouvertüre, ausgewählte Soli und Chöre —,\nzwei Chöre a capella von Palestrina und Mozart, Sinfonie in\nC-moll von Beethoven und „Die erste Walpurgisnacht* von F.\nMen d eiss o h n-Barth o ldy. Zur Mitwirkung in den Chören ha-\nben sich den Gesang-Vereinen der verbündeten Städte, Darmstadt,\nMainz, Mannheim und Wiesbaden, noch die von Kassel und Worms\nangeschlossen ein stattliches Heer von etwa 900 Singstimmen.\nDazu kommt noch, dass für die Soli die vorzüglichsten Künstler\ngewonnen sind, welche nur in unserem sang- und klangreichen Va-\nterlande zu gewinnen waren: Frau Dustmann-Meyer aus Wien\n(Sopran), Fräulein Schreck aus Bonn (Alt), Herr Schnorr von\nCarolsfeld aus Dresden (Tenor) und Herr Kindermann aus\nMünchen (Bass). Auch von der Zusammensetzung des Fest-Orchesters\nlässt sich nur das Schönste erwarten; denn wo die anerkannt aus-\ngezeichneten Hoftheater-Orchester von Darmstadt, Mannheim und\nWiesbaden mit den Instrumentalkräften des Festortes und mit meh-\nreren Künstlern näherer und entfernterer Städte sich zu einem Gan-\nzen vereinen, ist eine glänzende Gesammtwirkung unzweifelhaft Die\nmusicalissche Direction ist durch den Central-Ausschuss der verbün-\ndeten Städte in die Hände des Herrn Capellmeisters Marpurg ge-\nlegt, der als ein tüchtiger Musiker und energischer Dirigent auch in\nweiteren Kreisen rühmlich bekannt ist. Was den Mainzern nun noch\nbesonders zu Gute kommt, ist ihr Fest-Local, die Fruchthalle, welche\nausser einem für derartige Aufführungen höchst angemessenen Räume\nden Vortheil einer durch den soliden Bau der Wände trefflich geför-\nderten Akustik bietet.\nFrankfurt a. ]?!• Die Süddeutsche Musik-Zeitung schreibt:\n„Seit etwa vierzehn Tagen sind vom Vorstande des hiesigen Cäci-\nlien-Vereins wöchentlich in der Kegel zwei Mal Proben angeordnet,»\nwelche von den Concurrenten um die Director-Steile dieses Vereins\ngeleitet werden. Bis jetzt hatten sich drei Herren von auswärts die-\nsen Proben, resp. Prüfungen, unterzogen, um sich dann später von\nsämmtlichen Mitgliedern des Vereins wählen zu lassen. Es sollen\naber noch viele Anmeldungen vorliegen, worunter auch einige von\nhier. INach diesem Verfahren zu urtheilen, scheint man nicht auf\neinen Mann von Renomme zu reflectiren, wie man bezüglich der Be-\ndeutung, die sich der Verein gibt, hätte erwarten mögen, da Män-\nner von bereits erworbenem künstlerischen Rufe sich nicht einem\nsolchen Wahl-Modus werden unterziehen wollen. Ja, auch für den\nVerein ist die Sache in dieser Form eine Lotterie, indem eine ein.\nmalige Probe die künstlerische Befähigung eines Dirigenten nicht\nevident erkennen lässt, und noch weniger ist mit Sicherheit anzu-\nnehmen, dass der tüchtigste Director unter den Bewerbern heraus-\ngefunden werde, da sich bereits im Vereine einige schroffe Parteien\ngebildet haben sollen.\"\nDeutsche T o si Si » 1 I e.\nVon den seiner Zeit eingekommenen 24 Operetten „Der Liebes-\nring\", für welche die Herren L. Hetsch, F. Hiller und V. Lachner\nnach der von denselben gefälligst angenommenen Wahl Preisrichter\ngewesen, hat die Composition des Herrn E. Krähmer, Capellmei-\nsters in Augsburg, durch Stimmenmehrheit den Preis zuerkannt er-\nhalten. •\nVon den übrigen dieser Bewerbungen wurden die des Herrn E.\nMethfessel, Musik-Director in Winterthur, durch eine Stimme\ndes Preises und durch eine andere der besonderen Belobung; die der\nHerren R. Musik-Director in Mainz, Fz. Mair in Wien\nund T. Täglichsbeck, Hof-Capellmeister a. D. in München, je\nmit zwei Stimmen besonderer Belobung würdig erklärt; sodann je\ndurch eine Stimme besonders belobt die der Herren: F. Baumfel-\nder, Musiklehrer in Dresden, V. F. Becker, Compositeur in Würz-\nburg, Herrn. Bönike, städtischer Musik-Director in Aschersleben,\nJ. Landwehr in Brüssel und J. N. Skraup, Dom-Capellmeister\nin Prag.\nWelcher der Herren Preisbewerber seine Operette wieder zuge-\nsandt wünscht (was nur unmittelbar an ihn selbst geschehen kann),\nbeliebe sich durch eigenhändige Zeilen „an den Schriftführer der\nDeutschen Tonhalle\" hieher zu wenden, welcher hierwegen verschwie-\ngen zu sein verpflichtet ist, was jedoch in den nächsten sechs Mo-\nnaten zu geschehan hat, indem sonst diese, so wie die von früher\nnoch vorliegenden, nicht zurückbegehrten Preisbewerbungen nebst den\nungeöffneten Briefchen nicht mehr in unserer Verwahrung bleiben.\nMannheim, 21. Juni 1860. Der Vorstand."}]}