{"numero_id": "bm-bmtnabi-1860-07-14-01", "volume": "bmtnabi_1860-07-14_01", "ocr_sha256": "a1f6b03c9657a244e1b49079f47996da8ce5359622f98fd1d630968a35c9ff84", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1860/07/14_01/bmtnabi_1860-07-14_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1860-07-14-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-07-14_01#c001", "volume": "bmtnabi_1860-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "225", "page_fin": "225", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 339, "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Thedtre lyrique Offenbach's Bouffes). Schluss. Von B. P. Der Rector Biedermann und die Mu-\nsiker um 1750. Tages- und Unterhaltungsblatt (Wiesbaden, Concert Frankfurt am Main, Die italiänische Operngesellsehaft\ndes Herrn Merelli Heilbronn, Aufführung von Mendelssohn's „Elias\" Nikolaus Rubinstein Deutsche Tonhalle)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-07-14-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-07-14_01#c002", "volume": "bmtnabi_1860-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "225", "page_fin": "227", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.2.2", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.1", "debut_caractere": 341, "fin_caractere_exclue": 4016, "texte": "Pariser Briefe.\n[Thedtre lyrique: Ma lanle dort von H. Caspers; Philemon et\nBaucis von C. Gounod; Gil Blas von T, Semet; Les Valets de\nGascogne von Dufresne; Les Rosieres von Herold; Maitre Pahna\nvon Fräulein Rivay. Offenbach's BovjfesJ\n(Schluss. S. Nr. 28.)\nDas Thedtre lyrique hat wie gewöhnlich die meisten\nNeuigkeiten gebracht.\nDie erste war eine einactige Operette, im Stil der al-\nten Komödie von Hector Cremieux mit sehr witzigem\nDialog geschrieben und von Henri Caspers ganz artig\nin Musik gesetzt. Sie heisst: „Ma tante dort\"; die Haupt-\npersonen sind ein Bediente und ein Kammermädchen. Man\nlacht von Anfang bis Ende; aber so ein Stück muss von\nFranzosen gespielt werden. Madame Ugalde, früher eine\ntreffliche Sängerin, schläft nicht auf ihren Lorbern; sie\nscheinen sie im Gegentheil so zu stechen, dass sie ihre be-\nreits sehr angegriffene Stimme zu sehr unangenehmen\nLauten hinaufschraubt. Eine gute Schauspielerin bleibt sie\nimmer noch.\nIm Februar (den 18. zum ersten Male) kam „Phile-\nmon und Baucis\", Oper in drei Acten aus der gegen-\nwärtigen Hauptfabrik der Herren Barbier und Carre, mit\nMusik von Charles Gounod, zur Aufführung. Die Oper\nwar in Baden-Baden als einactige im vorigen Jahre gege-\nben worden; da mochte sie als antike Posse passiren,\nals dreiactige komische Oper ist das Stück doch zu dumm\nUnd langweilig. Es ist nach der Erzählung von Lafontaine\ngemacht, nur dass Jupiter statt des Mercur jetzt den Vul-\ncan zum Begleiter hat. Warum? Vulcan ist eine bessere\nkomische Figur für die Pariser und liefert durch die är-\ngerliche Geschichte, die ihm mit Frau Venus und Herrn\nMars widerfahren, Stoff zu pikanten Anspielungen. Der\narme Mann hat sich aus der grossen Welt zurückziehen\nwollen, und ist sehr verdriesslich darüber, dass ihn Jupiter\nmit auf Reisen genommen hat:\nf\nAutour de moi j'ente\nVenm n'a pas fort,\nII a merite son\nIn diesem Tone ist das ganze Ding geschrieben, besonders\nder letzte Act. Der erste, Besuch Jupiter's bei den braven\nEheleuten, ist schrecklich langweilig, der zweite dumm,\nder dritte frivol. Wenn Baucis dem Gaste bei Tische die\nFabel von der Feld- und Stadt-Maus vorsingt, so streitet\ndie Situation mit der Musik sich um den Preis des Abge-\nschmackten. Im zweiten feiern die verderbten Menschen\nihre schwelgerischen Orgien in Jupiter's Tempel. Vulcan\nlies't ihnen den Text, sie werfen ihn hinaus; Jupiter er-\nscheint als sichtbarer Gott auf dem Postamente, von wel-\nchem seine Statue verschwindet, brüllt die Frevler an und\nschlägt sie alle mausetodt. Der Vorhang fällt.—Im dritten\nActe hat er zur Belohnung die alte Baucis jung und rei-\nzend gemacht, verliebt sich in sie, behandelt den alten\nPhilemon, der das übel nimmt, als einen ungebildeten\nBauer ohne Lebensart, wird aber von Baucis, die Anfangs\nihn erhört, dann aber aus Treue um Rückgabe ihrer alten\nRunzeln bittet, abgeführt, geht mit Vulcan nach Hause\nund lässt den tiefgerührten Philemon stehen.\nDas nennt man eine komische Oper! Und zu solchem\nZeug gibt sich ein wirkliches musicalisches Talent wie\nCharles Gounod her, Musik zu schreiben. Es geht ihm,\nwie Gevaert; wen die Opernschreiberei um des augen-\nblicklichen Erfolgs und der Tantiemen willen in Paris ein-\nmal erfasst hat, der sagt nach und nach der Kunst Lebe-\nwohl und hat nur Einen Gott: das Publicum.\nGounod's Talent zeigte sich aber bisher vorzüglich in\nder symphonischen Behandlung des Orchesters, in der gut\ngewählten und wirkungsvollen Instrumentation; die eigent-\nliche Melodie war immer seine schwache Seite. In diesem\nseinem neuesten Werke verläugnet er jenes Verdienst auch\nnicht; aber was soll es hier, wenn es nicht den Gesang als\ndie Hauptsache über sich anerkennt? Was ist eine komi-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "226", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5161, "texte": "sehe Oper ohne Melodieen? Ein gut erfundenes und hübsch\ninstrumentirtes Gewitter, wobei nur leider der Maschinist\nden wirklichen Wind per Blasebalg pfeifen und heulen\nlässt—Wahrheits-Theorie!—, einige Couplets vom Vulcan\nmit obligaten Metallschlägen im Orchester, denn der Text\nheisst ja: Au bruit des lourds —l Jupi-\nter's Einschläferungs-Arie, mit welcher er seinen Zweck\nbei Philemon und Baucis und bei den Zuhörern erreicht\n—Alles so wahrheitsgetreu! Es lebe der Realismus!\nDoch halt! ich darf dasjenige Instrumentalstück, das\nzum Erfolg der Oper am meisten beigetragen hat, nicht\nvergessen. Es ist eine Tanzmusik als Introduction zum zwei-\nten Acte, ein kurzes Motiv, das an fünfzig Mal von verschie-\ndenen Instrumenten und in verschiedenen Tonarten wie-\nderholt wird, aber geschickt gemacht ist. Man rief es bei\nden ersten Vorstellungen stürmisch da capo. Als man die-\nselbe Melodie nun hundert Mal gehört hatte, ging der Vor-\nhang auf, und, o Freude! man hörte es noch fünfzig Mal,\nvom Ballet und Chor in dem Jupiter-Tempel, wo die Sün-\nder sich erlustigen, begleitet. In den eigentlichen Gesang-\nstücken wechselt die langweilige Monotonie vieler Num-\nmern mit pikantem Rhythmus und überraschenden Klang-\nwirkungen in anderen ab; und will das Publicum mehr,\nals das Letztere? Trotzdem werden Philemon und Baucis\nes auf dem Repertoire nicht zu dem hohen Alter bringen,\nwie in der Fabel.\nVier Wochen darauf wieder eine andere Oper aus\nderselben Textfabrik, und dieses Mal in fünf Acten: „Gil\nBlas\", Musik von T. Semet. Der Inhalt besteht aus fünf\nEpisoden aus dem bekannten Roman von Le Sage, in je-\ndem Acte neue Exposition und zum Theil neue Personen.\nAn Zusammenbang und Einheit der Handlung ist nicht zu\ndenken. Gil Blas, von Madame Ugalde gegeben, kommt\nfreilich in jedem Acte vor, alles Andere gehl lose durch\neinander. Stück und Partitur sind entsetzlich lang. Je nun,\nder Abend muss doch ausgefüllt werden; es ist so ärger-\nlich, die Tantieme mit einem Collegen theilen zu müssen;\naber fünl Acte, da hat man sie allein. Ich gestehe, dass\nich Herrn T. Semet noch gar nicht gekannt habe, er hat\naber wahrscheinlich schon viel geschrieben, nach der Fac-\ntur zu urtheilen. In der langen Partitur habe ich für mei-\nnen Geschmack kaum zwei bis drei Nummern gefunden,\ndie sich über das ganz Gewöhnliche erheben.\ncum ceteris!\nUeber die Aufführung von Beethoven's Fidelio,\nder nach der Bearbeitung derselben Textmacher am 5.\nMai zum ersten Male in Scene ging, ist schon ausführlich\nin diesen Blättern gesprochen worden *).\nEine Operette: Les Valets de Gascogne, ein Act mit\nMusik von Dufresne, gefiel durch den komischen Stoff,\ndessen Pointe darin besteht, dass zwei Edelleute, reich an\nAhnen, arm an Geld und Gut, beide aul denselben Gedan-\nken kommen, Herr und Diener zu gleicher Zeit zu sein.\nDie tolle Posse hat recht artige, leicht gehaltene, aber\nhübsch geschriebene Musik. Ein hiesiger Kritiker schloss\nseine Notiz darüber mit folgenden Zeilen: „Mit\nHerold's Rosiens und diesen wird das lyrische\nTheater den Juni ganz gut auskommen und sich über den\nSucces d'estimedes Fidelio trösten denn von solchen\nSucces kann ein Theater-Unternehmen nicht leben!1'\nDie von ihm erwähnte Oper ist eine alte\ndreiactige Oper von Herold, die am 5. Juni wieder neu\nin Scene gesetzt wurde.\nLouis Herold stammte von deutschen Eltern. Sein Va-\nter Joseph war noch ein Schüler Ph. Em. Bach's gewesen\nund zog 1781 nach Paris. Erst nach dessen Tode (1806)\nkonnte sich L. Herold ganz der Kunst widmen. Er war,\nwie sein Vater, ein tüchtiger Ciavierspieler und einer der\nwenigen Laureaten des Conservatoriums, die wirklich be-\ndeutende Componisten wurden. Nach seiner Rückkehr aus\nRom nahm sich Boieldieu, der sein grosses Talent er-\nkannte, sehr freundlich seiner an, so dass er von der ko-\nmischen Oper das Textbuch (Die Rosen-\nmädchen) von zur Composition bekam. Die\nOper wurde den 27. Januar 1817 zum ersten Male gege-\nben und blieb bis 1826 auf dem Repertoire. In diesem\nJahre wurde sie durch „Marie\" verdrängt, die einen noch\ngrösseren Erfolg hatte und verdiente. Leider hatte Herold\neine Menge von schlechten Texten in der Zwischenzeit com-\nponirt, und jetzt konnte er das Glück, das die „Marie\"\nmachte, auch nicht gleich weiter benutzen, da er die Stelle\ndes Chor- und Gesang-Directors bei der grossen Oper an-\ngenommen hatte, die ihm sehr viel und oft sehr triviale\nBeschäftigung gab. Erst nach einigen Jahren ging er wie-\nder an die Composition, wo dann (1831) bekanntlich sein\n„Zampa\" in Frankreich und Deutschland viel Glück\nmachte, dem Ende 1832 am (Die\nSchreiberwiese) mit eben so grossem Erfolg unmittel-\nbar folgte. Allein Ueberanstrengung hatte ■ den Keim des\nTodes in seinen Körper gelegt; denn kaum vier Wochen\nnach der ersten Aufführung starb er (den 18. Januar\n1833), 52 Jahre alt.\nDas Buch der Rosieres ist noch aus der guten alten\nZeit, die Handlung lebendig durchgeführt ohne gesuchte\nund unwahrscheinliche Intriguen, der Dialog sehr hübsch\ngeschrieben. Die Musik ist anmuthig, elegant und geist-\nreich ohne Pikanterie, die Melodie immer gefällig, ohne\ntrivial zu werden, die Harmonie stets correct und klar. Im\n\n*) Siebe Nr. 22 und 23 dieses Jahrgangs."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3694, "texte": "Orchester sind die Blas-Instrumente noch auf die beschei-\ndene Rolle verwiesen, die sie bei Haydn mit so viel Grazie\nspielen. Die Ensembles sind vortrefflich kurz, die Oper\ngehört der Gattung an, die Boieldieu auf ihren Gipfel ge-\nbracht hat, wenn auch nicht alle Nummern (besonders die\nersten nicht) auf der Höhe der genialen Compositionen die-\nses Meisters stehen. Das Publicum applaudirt sie sehr\nbesonders auch Mademoiselle Girard, welche die Flo-\nrette, die Hauptrolle, singt —, ein Zeichen, dass es doch\ndas einfache Schöne, wenn man es ihm nur vorführt, noch\nzu schätzen weiss. Das heisst, wenn es seiner französischen\nAnschauungs- und Auffassungsweise entspricht; für Beet-\nhoven freilich ist das pariser Theater-Publicum nicht reif.\nDie neueste Neuigkeit war MaUre ein Act mit\nMusik einer Dame, Mademoiselle Rivay, die ihren Freun-\nden und Freundinnen sicher für ein grosses Talent gilt.\nMeinetwegen! man darf es ja auch nicht so streng nehmen,\nwenn bei einer Damenmusik die Tanz-Rhythmen vorherr-\nschen und die Coloratur-Walzer eine Hauptrolle spielen.\nMüssen wir dasselbe doch bei den neuesten Producten des\nberühmtesten Componisten de la haute musique drama-\ntique ertragen!\nIm Theater Dejazet hat Herr von Flotow im Mai\neine einactige Operette, „Pianella\", zur Aufführung ge-\nbracht, deren Stoff nach dem seit Pergolese's La iServa\npadrona schon oft benutzten Buche bearbeitet ist. Ich habe\nnoch nicht Zeit gefunden, sie zu hören ; die Musik wird als\nsehr frisch und elegant gerühmt.\nFragt man: Was bleibet und was schwindet von allen\ndiesen Stücken mit Musik? —so dürfte die Anwartschaft\nauf das Bleiben im Sinne der älteren Meisterwerke schwer-\nlich einem einzigen von allen diesen Producten der Zeit\nund von allen Erfolgen des Augenblicks zuzusprechen sein.\nGedruckt worden sind Le Roma von A. Thomas\nund Flolovv's „Pianella\" und neue Auflagen von Herold's\n„Rosenmädchen\".\nEin Gutes hat aber doch das Opernwesen in Paris:\ndie Erzeugnisse lebender Componisten kommen doch auf\ndie Scene. Wo ist aber jetzt ein Theater in Deutschland,\ndas neue Opern junger Componisten aufführt? Wie man-\nches Talent für dramatische Musik mag da nicht nur dem\nPublicum, sondern sich selbst unbekannt bleiben, weil die\nZustände es zwingen, sich eher in allen anderen Musik-\ngattungen zu versuchen, als in Opernmusik? Freilich\nfehlt bei Euch die Neigung des Publicums für einactige\nOperetten heiteren Stoffes, und es fehlen auch wohl die\nDichter dazu. Es muss immer gleich mit einer grossen Oper\noder mit einem Oratorium begonnen werden; dergleichen\nWerke liegen sicher in Menge in den Pulten der deut-\nschen Autoren begraben!\nDass Jakob Offenbach's Parisiens nicht\nfeiern, will ich zum Schlüsse noch erwähnen. Da schiessen\ndie neuen Stücke wie die Pilze aus der Erde empor. Er\nversieht sie meist mit seiner eigenen Musik, die immer\nklingt, als hätte man sie schon oft gehört, aber immer ge-\nfällig und lockend ist. Sein O ist ja jetzt\nauch in Berlin Zugstück in einem der kleineren Theater.\nIm Carneval brachte er nach dem Vorgange anderer hie-\nsiger Bühnen auch ein Garnaval Diese Gat-\ntung hält eine travestirende, persiflirende, possenhafte „Mu-\nsterung\" der dramatischen und musicalischen Ereignisse der\nSaison. In Offenbach's Revue machte besonders ein Musi-\nker ungeheure Wirkung auf das Zwerchfell, der oben diri-\ngirend vom Orchester unten seine neueste Musik auffüh-\nren liess und dazu schliesslich eine Tyrolienne de l'avenir\nsang. Auch auf dieser Scene haben ein italiänischer Graf\nund eine junge Dame dem Komos geopfert.\nUeber die Concerte und die Kammermusik, welche\nletztere bald auch mehr Ausführende als Zuhörer haben\nwird, so viel neue Zirkel derselben tauchen auf, nächstens.\nß. p."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-07-14-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-07-14_01#c003", "volume": "bmtnabi_1860-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "227", "page_fin": "231", "image_debut": 3, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.2.3", "titre_corps": "Der Rector Biedermann und die Musiker um 1750.", "titre_sommaire": "Der Rector Biedermann und die Musiker um 1750.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.3", "debut_caractere": 3696, "fin_caractere_exclue": 5019, "texte": "Der Rector Biedermann und die Musiker um 1750.\nJohann Gottlieb Biedermann war in der ersten Hälfte\ndes vorigen Jahrhunderts Rector des Gymnasiums in Naum-\nburg und seit 1747 des Gymnasiums in Freiberg in\nSachsen.\nEr entzündete durch ein Programm, mit welchem er\nam 12. Mai 1749 zu der gewöhnlichen Schulfeierlichkeit\neinlud, die ganze Zunft der Musiker seiner Zeit, den ge-\nlehrten Mattheson und den Meister Sebastian Bach\nnicht ausgenommen, zu einer erbitterten und nach dama-\nliger Art zuweilen in eben so derber als barock gelehrter\nAusdrucksweise geführten Oppostition.\nUeber den entbrannten Streit berichten Jakob Ade-\nlung (Anleitung zur musicalischen Gelahrtheit. Erfurt,\n1758), Forkel, Gerber, neuerdings S. W. Dehn im ersten\nHefte der Westermann'schen Monatsschrift (October 1856).\nEinen auf bibliothecarischen Forschungen beruhenden, die\nmeist oberflächlichen Nachrichten der genannten Schrift-\nsteller ergänzenden und gründlich berichtigenden Aulsatz\nhat 0. Lindner da, wo man ihn kaum suchen sollte, in\nder Vossischen Zeitung (Berlin, Nr. 152 u. 158) drucken\nlassen, dem wir die hauptsächlichen und interessantesten\nThatsachen im Auszuge entnehmen.\nZur Feier des Andenkens an den westfälischen Frie-\nden veranstaltete Biedermann im Jahre 1748 eine drama-\ntische Aufführung im Freiberg'schen Gewandhause. Die\n[*l"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5123, "texte": "Musik zu dem Stücke eines blinden Dichters war dem da-\nmals als Cantor in Freiberg angestellten, später (1756)\nnach Leipzig berufenen Doles übertragen worden. Die\nAufführung fand den entschiedensten Beifall. Nicht nur die\nFreiberger selber, auch die Bewohner der umliegenden\nGegend (die ohne Zweifel Söhne auf der Schule hatten,\nund Schüler waren doch höchst wahrscheinlich die Dar-\nsteller des „Singspiels\") eilten in Masse herbei, es erfolg-\nten zahlreiche Wiederholungen, und als klingendes Ergeb-\nniss fanden sich schliesslich über 1500 Thlr. in der Casse\nvor. Biedermann, der die ganze Vorstellung veranlasst und\ngeleitet hatte, war natürlich auch der Herr dieser Ein-\nnahme, „berechnete aber nicht die Hälfte dieser Einkünfte,\nund gab dem Cantor für alle seine Mühe und Arbeit nur\ndreissig Thaler, die aber dieser verbat und sich mit dem\nerhaltenen Beifall begnügen wollte.\" „Man unterliess jedoch\nnicht,\" erzählt Forkel weiter, „über dieses Verfahren des\nRectors in der Stadt allerlei Bemerkungen zu machen, und\nder Rector, welchen dies verdross, schrieb dafür ein Pro-\ngramm, worin er zu beweisen suchte, dass musice vivere\nnichts Anderes heisse, als liederlich leben, dass folg-\nlich alle Musiker liederliche Leute seien.\"\nDiese Darstellung ist offenbar einseitig. Die Berech-\nnung der „Hallte der Einkünfte\" für den Componisten,\nwie sie dem Anscheine nach verlangt worden, dürfte schon\neine übertriebene Forderung gewesen sein. Bedenkt man,\ndass noch in dem ersten Viertel des Jahrhunderts R. Rei-\nser für die Composition einer ganzen Oper fünfzig Reichs-\nthaler erhielt, so sollte man meinen, dass jene dreissig\nThaler nicht gar so geringfügig waren. Das Programm\nwar ein starker Missgriff, und sein Verfasser hat davon\nAerger genug gehabt; aber bei eingehender Betrachtung\nstellt sich die Sache doch nicht so dar, wie die obigen Be-\nmerkungen den Anschein geben.\nAm 12. Mai 1749 erschien die unglückliche, einen\nQuartbogen füllende Schrift; De Vita Musica ex Plaut.\nMostellar. Act. 111. Sc. 11.\nvole auscultandas ofßciose inv\nmemn, li. Freibergae.lm Eingange des Schriftchens wird\nbemerkt, dass jegliches Ding, wenn es übertrieben werde,\nmehr Schaden als Nutzen stifte. Dies treffe denn auch so\nmanche Art, die Wissenschaften zu betreiben, und wie\nDan. Maichelius in der Abhandlung „De corruptione men-\ntis per Studiorum culturam\" (Tubing. 1738) solches vom\nSprachstudium, der Geschichte, Philosophie u. s. w. nach-\ngewiesen, so solle nun mit Wenigem gezeigt werden, dass\nauch von der Musik Aehr.iiches gelte. Fern liege es, das\nauszuführen, was sich auf die Empfehlung der Musik be-\nziehe, von der Owen sage:\nOptima musarum est; reliquis idcirco negatum\nArtibus a musis musi\nWohl aber sei es beklagenswerth, dass nicht durch\nSchuld der Kunst, wohl aber der Menschen, die Gewohn-\nheit, zu singen und zu spielen, häufig Geist und Silte übel\nzurichte und zu jeglicher Ausschweifung geneigt mache.\nWie denn auch der alte Simo bei Plautus in Bezug auf\ndas liederliche Leben., wozu sein Sohn verleitet worden, in\ndie Worte ausbreche:\nMusice hercle agitis\nvino et victu, etc.\nworaus offenbar erhelle, dass schon frühzeitig die der Ge-\nsangskunst Beflissenen in üblem Rufe gestanden hätten.\nAn diese Auslegung des knüpft Bie-\ndermann nun eine Reihe von warnenden Beispielen. Schon\nJubal, der Erfinder der Musik, stamme nicht von dem\nfrommen Seth, sondern von Kain ab. Die Aegypter hät-\nten ihre Söhne von der Erlernung der Musik, als einer\nVerweichlichung des Geistes, zurückgehalten.\nsogar führe, wenn er dem Augustus die verkehrten Sitten\nseiner Zeit herzähle, die übertriebene Liebhaberei zum\nGesänge unter den Ursachen des Staatsverderbens mit den\nWorten an:\nVenimus acl summuni fortunae: pingatque psattiniiis.\nCato, der strenge Sittenrichter, habe das Singen nicht\neines ernsten Menschen würdig erachtet, Caligula und\nNero seien nach den Zeugnissen des Sueton und Tacitus\ndurch die Vorliebe zur Musik in früher Jugend verdorben.\nAus späterer Zeit werden unter Anderen Cardanus und\nschliesslich Luther angeführt, an dessen Worte: „Du,\nmein lieber junger Gesell, solst dich vor denen verkehrten\nGemüthern, welche die sowohl der Natur als Kunst nach\nsehr schöne Gabe der Music missbrauchen, hüten, und\ngewiss glauben, dass sie der Teuffei dahin reisset\", eine\neindringliche Ermahnung an die Jugend geknüpft wird,\nüber der Musik nicht die rechte Ausbildung zu versäumen\nund sie nur in gehörigem Maasse auszuüben, wie dieses\nauch von zweien der eben aus der Schule zu entlassenden\nZöglinge gelte, welche das wissenschaftliche Studium mit\ndem der Musik auf das glücklichste zu vereinigen gewusst,\nund deren einer eine in französischer Sprache verfasste\nRede über das Thema: Musica tamquam virtutis admi-\nnistra, halten werde.\nJeder Unbefangene wird zugeben, dass, abgesehen von\nder Anknüpfung an die plautinische Stelle und den zum\nTheil gesuchten, zum Theil sehr oberflächlichen geschicht-\nlichen Anführungen, in dem wesentlichen Endzwecke der\nSchrift kaum eine Beleidigung der Musiker selbst, sicher-\nlich aber kein Verdammungs-Urtheil der Tonkunst als sol-\ncher zu finden ist. Nichts desto weniger wurde dieselbe in"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5303, "texte": "dieser Weise aufgehst und vor Allen Mattheson gegen\ndieselbe eingenommen.\nUnter den vielen Flugschriften für und wider, die\nO. Lindner aufzählt, ist folgende die unterhaltendste:\n„Steffen Fiedel bogen's, Studios. Prag., Sendschrei-\nben an M. Bidermann, sein Programm betreffend\nmusica.\" Angeblich: „Prag, den im Jahre\nrentis.\" Der Verfasser stellt sich, als gehöre auch er zu\nden durch Biedermann's ungerechten Angriff aufs höchste\nerbitterten Musikern, und schreibt dann eine Vertheidi-\ngung dieser letzteren nieder, die, näher angesehen, dem\nRector vollständig beipflichtet und die Liederlichkeit gar\nvieler Jünger der Tonkunst in bitterer Satire geisselt.\n„Wie?\" fragt der Verfasser, „Sie sprechen gleich schlecht-\nweg : Gleich wie alle Wissenschaften dem Missbrauch un-\nterworfen sind, also auch die Music? So, so! Wenn wir\nIhnen das einräumen wollten, so hätten Sie auf einmal ge-\nwonnen Spiel. Aber wer hat Ihnen das gesagt, dass die\nMusic dem Missbrauch unterworfen sei? Antwort: Die al-\nten Aegyptier, Griechen und Römer. Ei, was scheren\nwir uns um diese Kerls! Diese gehörten zu den Alten. Alte\nLeute aber sind gemeiniglich wunderlich und verdriesslich.\nFolglich dürfen wir uns bei ihnen gar nicht Raths erholen.\nIch vor meine Person werde Ihnen diesen gefährlichen Satz\nnimmermehr eingestehen. Noch weniger meine Herren\nCollegen in Deutschland. Artifici in sua arte credendum.\nUnd damit holiah! dabei soll's bleiben.\" Aber was man\nnicht mit recht lebendigen Farben male, das begriffen die\nLeute nicht, daher denn auch der Verfasser dem Rector\nseinen eigenen Lebenslauf (wonach er einen Stern erster\nGrösse im Orden der Musicanten vorstelle) erzählen wolle.\nSo erst werde derselbe einen rechten Begriff\nsica erhalten, denn er (der Verfasser) habe von Jugend auf\nrecht musice gelebt. Hierauf folgt die Darstellung eines\nnichts weniger als rühmlichen Lebenslaufes. Statt etwas\nOrdentliches zu lernen, wird der Junge ein Fiedler, treibt\nsich liederlich in der Welt herum, schlägt die Ermahnun-\ngen seines Vetters, der ihm das Bild eines „rechtschaffe-\nnen Musicus\" vor die Seele führt, als mürrisches Geschwätz\neines alten Grillenfängers in den Wind, heirathet aus „bei-\nwohnenden Ursachen in aller Eile\", lässt, nachdem er\neinen Diebstahl begangen, Frau und Kinder im Stich, treibt\nsich auf Hochzeiten, Jahrmärkten u. s. w. herum und ge-\nräth endlich in Prag unter die so genannten „Prager Stu-\ndenten\" (böhmische Musicanten). „Anfangs sähe es auch\nhier ein wenig wunderlich aus, man hatte dies und jenes an\nmeiner Music auszusetzen, und machten mir den Kopf so\ntolle, dass ich alle meine vorigen Instrumente bei Seite\nlegte und das Hackebrett mit allem Eifer zu lernen anfinge,\nauf welchem ich auch, ohne Ruhm zu melden, eine solche\nFertigkeit erlanget habe, dass ich alle meine Vorgänger\nbei Weitem übertreffe. Diesen edlen Beruf habe ich nun\nschon etliche Jahre mit aller Treue verwaltet, und wenn\nich dabei meine Tage einmal beschliesse, so habe ich schon\nmeine Grabschrift selbst verfertiget, welche mir zum ewi-\ngen Ruhm soll gesetzt werden. Sie lautet also:\nSemper lustig, nunqtraurig!\nHic jacetSteffen Fiedelbogen,\nDer in der Welt herum gezogen:\nAetatem egit musice,\nNun ruht er hier\nEde! Bibe! Lude.'\"\nHieraus, heisst es dann schliesslich, werde der Rector\nnicht nur einen vollständigen Begriff de Vita musica er-\nhallen haben, sondern auch den unaussprechlichen Nutzen\ndieser edlen Profession deutlich einsehen. „Wollen Sie\nSich aber noch nicht \"weisen lassen, so werde ich mich\nzwar nicht weiter mit Ihnen auflegen, denn ich habe mehr\nzu thun; allein ich versichere Sie, dass meine Herren Col-\nlegen schon im Stande sind, Ihnen durch ihre grundge-\nlehrten Schriften zu zeigen, was es beisse, sich unter die\nTräbern mengen.\"\nMit dieser Vertheidigung konnte Biedermann vollkom-\nmen zufrieden sein; sie stand, ohne der Kunst selbst zu\nnahe zu treten, ganz auf seiner Seite, und der angebliche\nLebenslauf des Fiedelbogen war in der That ein getreues\nAbbild jener fahrenden Musicanten, die zumal in der er-\nsten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts nicht so gar sel-\nten waren, und welche schon Beer wie Kuhn au in zum\nTheil sehr ergötzlicher Weise geschildert hatten.\nMattheson verfasste in mehr als streitlustiger Stim-\nmung nicht weniger als vier Schriften, die in dem Pro-\ngramm ihre Haupt-Veranlassung haben. Die zweite: „Wah-\nrer Begriff des harmonischen Lebens\" (Hamburg, 1750),\nist die eigentliche Hauptschrift gegen Biedermann's Pro-\ngramm und die angeblich in St. Gallen erschienene Schutz-\nschrift für dasselbe. War der Rector im Gewände der Ge-\nlehrsamkeit aufgetreten, so tritt ihm nun Mattheson auch\nseinerseits mit dem ganzen Aufwände seiner Belesenheit,\nseiner ausgebreiteten Kenntnisse und seines Witzes entge-\ngen. Zunächst ficht er die Auslegung des an.\nDiese Redensart stamme aus dem Griechischen und bedeute\neleganter, „wohlanständig\"; die Stelle bei Plautus sei ol-\nfenbar ironisch gemeint, wie schon die Zusätze hercle und\nitu ut vos decetbewiesen; hieran reiht sich eine Erklärung\nder Vita musica als eines „harmonischen\" Lebens in Sitte\nund Art, und schliesslich folgt eine ausführliche, zum Theil\nsehr ergötzliche Widerlegung der einzelnen von Bieder-\nmann angeführten Autoritäten.— „Nero und Caligula, die\nunedlen Gesellen und pestilenzialischen Kaiser, sitzen zu-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5266, "texte": "sammen auf der Zeugenbank, gleichsam am Sünderortc,\nda sollte man sie sitzen lassen! Wenn ich doch nur einen\neinzigen Musikfeind gelesen hätte, der diese Schandbuben\nnicht rührete! Sie haben ja ihre abscheulichen Laster nicht\naus der Musik hergeholte; wie dennSuetonius undTacitus\nvielmehr das Gegentheil darthun, als dass sie sagen soll-\nten, die Kunst hätte sich darüber den Ilass zuge-\nzogen, weil sie von diesen gekrönten Unholden geschän-\ndet worden. Wenn was Gutes geschändet wird, verdient\ndasselbe weit mehr Liebe, als Hass. Aber wie kommen\ndiese pestilenzialischen Ungeheuer bei den freibergischen\nSchülern zu Passe, deren keiner zu einer Krone Hoffnung\nhaben kann, wenn er auch zehn Mal ärger sänge, tanzte,\nmalete, gipsete, als sie?\" —Der Rector solle, statt auf die\nMusik zu schmähen, lieber dafür Sorge tragen, dass die-\nselbe auch in Deutschland wieder methodice gehandhabt\nwürde. „Was gilt's, sie brächte keine verdorbene Leute\nhervor? Jener Strohjunker traf seinen Knecht in der\nFeldarbeit an, trat zu ihm auf den Acker mit der Frage:\nHans, was machst du? Antwort: Ich säe Spelt.—Ei, sprach\nder Junker, du solltest kluge Leute säen. Ja wohl, sprach\nder Bauer, und wandte seine Augen nach der Stelle, worauf\nder Herr stund: aber das Land trägt sie nicht.\"\nNun findet sich als zweite Beilage zur dritten Dosis\nder Panacea von Mattheson ein vom 8. Januar 1751 da-\ntirtes Schreiben des Cantors und Musik-Directors G. F.\nEinike zu Frankenhausen, „betreffend die Vitarn musi-\ncam\", mitgetheilt, was uns unerwarteter Weise auch Se-\nbastian Bach bei dem Streite betheiligt zeigt. Bach hatte\ndas Biedermann'sche Programm zu Gesicht bekommen und\nebenfalls Anstoss daran genommen. Er wünschte eine Re-\ncension oder vielmehr eine Widerlegung desselben und\nsandte es daher an den Organisten Schröter in Nord-\nhausen (einen gelehrten Mitarbeiter Mitzler's), da er Nie-\nmanden in der Nähe wisse noch finden könne, der dazu\ngeschickter wäre. Schröter kam diesem Ansinnen bereit-\nwilligst nach, schrieb eine Recension und sandte dieselbe\nan Bach, indem er ihm die Veröffentlichung derselben in\nden gelehrten Zeitungen oder einer anderen Wochenschrift\nanheimstellte. Bach war damit wohl zufrieden und schrieb\ndarüber am 10. December 1749 an Einike:\n„Die Schröterische Recension ist wohl abgefasst und\nnach meinem goüt,wird auch nächstens gedruckt zum Vor-\nschein kommen. Herrn Mattheson's Mithridat hat eine\nsehr starke Operation verursachet, wie mir glaubwürdig\nzugeschrieben worden. Sollten noch einige\nwie ich vermuthe, nachfolgen, so zweifle nicht, es werde\ndes Auetors Dreckohr gereinigt und zur Anhörung der\nMusik geschickter gemacht werden.\"\nIm Anfange des Jahres 1750 kam denn auch diese\nRecension, auf einem halben Bogen besonders gedruckt,\nheraus, und Bach „sandte dieselbe ein\". Es war das die\nvon Lindner angeführte „christliche Beurtheilung\". Aber\nabgesehen davon, dass der Titel nicht von Schröter her-\nrührte, fand derselbe auch Abänderungen, Zusätze und\nWeglassungen in seinem Schriftstücke, so dass er, obgleich\nnicht als Verfasser genannt, doch sehr unangenehm davon\nberührt wurde. Er schrieb daher am 9. April 1750 an\nEinike und bat denselben, an Bach zu berichten, dass die\ngewaltsamen Veränderungen seiner Becension ihm sehr\nempfindlich gefallen seien. Sein Trost hierbei wäre dieser,\ndass kein Leser, welcher seine Denk- und Schreibart aus\nanderen Umständen kennen gelernt, ihn für den Verfasser\neiner solchen Vermischung halten könne, des unglücklich\ngerathenen Rubri: Christliche Beurtheilung, u. s. w. zu\ngeschweigen. Einike machte von diesen Bemerkungen\nBach wörtlich Mittheilung und erhielt darauf am 20. Mai\n1750 von Letzterem folgende Antwort:\n„An Herrn Schrötern bitte mein Compliment zu ma-\nchen, bis dass ich selber im Stande bin, zu schreiben, da\nich mich alsdann der Veränderung seiner Becension wegen\nentschuldigen will, weil ich gar keine Schuld daran habe,\nsondern solche einzig demjenigen, der den Druck besorget\nhat, zu imputiren ist.\"\nSchröter aber war mit dieser Erklärung nichts weni-\nger als zufrieden. „Der Herr Capellmeister Bach\", erwi-\nderte er an Einike am 5. Juni, „bleibet in culpa, er mag\nsich itzt krümmen und künftig drehen, wie er will.\" Viel-\nmehr solle Bach der Sache dadurch ein Ende machen.\n« '\ndass er sich öffentlich als Urheber der „christlichen Ge-\ndanken\" bekenne, »NB. Mut, mut\", den unbekannten\nVerfasser der „aufrichtig genannten Gedanken\" auf-\nfordere, sich zu nennen, und Biedermann seiner üblen Ge-\nsinnung „gegen die unschuldige Musik\" überführe,\n„wahrhaftig, eine solche Capellmeister-That würde dem\nHerrn Bach zur sonderlichen Ehre, unserem Herrn Mat-\ntheson zu einem unvermutheten und wohlverdienten Ver-\ngnügen und der edlen Musik zu mehreren! Wachsthum\no o\ngereichen.\" Einike machte hiervon auch die schuldige Mit-\ntheilung an Bach,—aber am 28. Juli erreichte dieser das\nZiel seiner irdischen Laufbahn, und damit war die Sache\nbeendet.\nEine weitere Aufnahme des ganzen Streites scheint\nnicht Statt gefunden zu haben. Jedenfalls aber gewährt\nderselbe einen nicht uninteressanten Einblick in die dama-\nligen tonkünstlerischen Verhältnisse und legt ein unzwei-\ndeutiges Zeugniss ab für die lebhafte Theilnahme, welche\nBach für alles hegte, was mit seiner Kunst in unmittelba-\nrer Beziehung stand."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4846, "texte": "Ob die Composition der Cantate von J. S. Bach:\n„Der Streit zwischen Phöbus und Pari\", über wel-\nche S. W. Dehn in dem oben angeführten Aufsatze in\nder. Westermann'schen Zeitschrift ausführlich spricht, auf\nVeranlassung des Programms von Biedermann entstanden\nsei, wie Dehn meint, O. Lindner aber läugnet, wird sich\nurkundlich nicht entscheiden lassen. Dass übrigens die Text-\nAbschrift dieser Cantate die Jahreszahl 1749 trägt, ist im-\nmer schon ein bedeutendes Moment für Dehn's Meinung,\no'\njedenfalls ein stärkeres, als dass die Partitur keine Jah-\nreszahl trägt, was Lindner für sich geltend macht.\nDass die Cantate ein Gelegenheitsstück ist, geht aus\ndem Text, welchen Dehn ganz mittheilt, mit ziemlicher\nGewissheit hervor. Dass am Schlüsse die Lesart der Par-\nti t u r:\n„Ergreife, Phöbus, nun die Leyer wieder,\nEs ist nichts lieblicher als deine LiederÄ.\nin der Text-Abschrift corrigirt erscheint:\n„Verdopple, Phöbus, nun Musik und Lieder,\nTob1 auch Hortensius und ein Orbil dawider\",\ndaraus schliesst Dehn, dass unter dem Horazischen Schul-\nmeister „Orbil\" der Rector Biedermann gemeint sei. Dies\nist auch uns sehr wahrscheinlich, und die zweite Cor-\nrectur, die Dehn verschwiegen, Lindner aber anführt:\n„Tobt gleich Birolius und ein Hortens dawider\", be-\nweis't eher dafür, als dagegen, da „Birolius\" offenbar ein\nAnagramm von „Orbilius\" ist, weil dem alten Bach oder\ndem Dichter der Cantate der „Orbil\" eine zu deutliche\nPersonal-Bezeichnung geschienen.\nDer Inhalt der Cantate (Partitur 6 Singstimmen, Chöre\nund Arien, mit Orchester von 2 Violinen, Viola, 2 Oboen,\n3 Trompeten, Pauken und Bass) ist kurz der, dass Pan mit\nPhöbus einen musicalischen Wettstreit beginnt, jener den\nMidas, dieser den Tmolus zum Richter nimmt, wobei Mer-\ncur und Momus auch ihr Wort mitsprechen, und Midas,\nder Pan's Musik vorzieht, am Ende Eselsohren bekommt.\nDie Tendenz derselben ist also allerdings, wie Lindner\nrichtig bemerkt, gegen diejenigen gerichtet, welche schlechte\nMusik gut finden; zu solchen Leuten gehören aber auch\nzweifelsohne „die schlechten Kritiker\", d. h. solche, die\ndas Gute schlecht, wie Midas des Phöbus Musik, und das\nSchlechte gut finden, wie derselbe Kunstrichter die Musik\nPan's. Wenn nun zuletzt Momus dem plötzlich langbeohr-\nten Midas sagt:\nrDu hast noch mehr dergleichen Brüder,\nDenn Unverstand und Unvernunft\nWill jetzt der Weisheit Nachbar sein;\nMan urtheilt in den Tag hinein,\nUnd die so thun,\nGehören all' in deine Zunft.\nErgreife, Phöbus, nun\nDie Leyer wieder,\nEs ist nichts lieblicher, als deine Lieder*\nund dann vollends der sechsslimmige Schlussgesang so\nlautet:\n„Labt das Herz, ihr holden Saiten,\nStimmet Kunst und Anmuth an;\nLasst euch meistern, lasst euch höhnen,\nSind doch euren süssen Tönen\nSelbst die Götter i\nso scheint dies im Zusammenhange mit Bach's obigem\nBriefe an Einike, in welchem er das „Dreckohr des Rec-\ntors gereinigt zu sehen hofft\", und mit der Correctur\nin der Textes-Abschrift (welche die echte Handschrift von\nBach's zweiter Frau Anna Magdalena trägt) die Wahr-\nscheinlichkeit zu bestätigen, dass Bach eben so wie viele\nseiner Zeitgenossen den Rector Biedermann, den Angreifer\nder Musik überhaupt, mit den Feinden der guten Musik\nund den schlechten Kritikern in Einen Topf geworfen und,\nwenn auch nicht bei der ursprünglichen Abfassung, doch\nsicherlich bei der Correctur an Biedermann gedacht hat\n—zumal der Streit ganz Sachsen und Thüringen aufgeregt\nund Bach sich selbst, wie wir oben gesehen, dabei bethei-\nligt hatte.\nAm Ende kann das aber gleichgültig sein. Des Pudels\nKern ist die Cantate selbst, ein wahres Curiosum, da nichts\nanziehender sein kann, als den strengen Meister in der\nWerkstatt des Humors zu belauschen! Dehn meint, dass\n„die Chöre und der grösste Theil der Arien zu den Mei-\nsterwerken gehören\". Herrn Lindner ist das aber noch zu\nwenig. Er behauptet:\n„Das Werk trägt durchweg den Stempel der Reife\nund einer scharf ausgeprägten Charakteristik; der Gegen-\nsatz zwischen der kunst- und anmuthsvollen Weise des\nPhöbus und der naturalistischen Manier Pan's sammt den\nbetreffenden Gutachten ist in einer Vollendung zum Aus-\ndruck gebracht, die auch in diesen Richtungen die unge-\nheure Ueberlegenheit Bach's über seine sämmtlichen Zeit-\ngenossen beweis't. Eine Liebes-Arie wie die des Phöbus:\n„„Mit Verlangen\"\", welche mit der Süsse und Anmuth\nKeiser'scher Melodik die höchste schwärmerische Innigkeit\nund Reinheit der Empfindung verbindet, ausserdem aber\njenen durch und durch organischen Bau zeigt, der Bach's\ntonkünstlerisches Wesen vorzugsweise charakterisirt, wird\nman kaum in ähnlicher Weise bei anderen Tonmeistern\nwiederfinden.\"\nWir müssen indess aufrichtig gestehen, dass wir gegen\ndie Urtheile der historischen Musiker oder musicalischen\nHistoriker über den absoluten Werth alter Compositio-\nnen in neuerer Zeit etwas misstrauisch geworden sind.\nAlso: Nous verrons!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-07-14-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-07-14_01#c004", "volume": "bmtnabi_1860-07-14_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "232", "page_fin": "232", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4981, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nB\nWiesbaclen. Am 6. Juli fand in dem grossen Saale des\nCurhauses ein Concert Statt, zu dem sich die Namen Bazzini,\nJaell, Folz und Signora San chioli vereinigt hatten. Die Abthei-\nlungen des Concertes wurden mit je einer Ouvertüre, ausgeführt von\ndem hiesigen Theater-Orchester, eingeleitet, wovon die .eine, Herrn\nCapellmeister Schindelmeisser's Ccn?Jert-Ouverture „Loreleyu,\nzum ersten Male aufgeführt wurde. Dieses Werk ist ein äusserst\nhübsches Genrebild, das mit seinen beiden Hauptthemen, in die das\nSilcher'sche Volkslied „Loreleya so innig, anpassend, schön und in\nhöchst anmuthigen und frappanten Wendungen verwebt ist, mit gros-\nsem Geschicke in Bezug thematischer Verarbeitung und orchestra-\nler Effecte eine eben so gediegene als anziehende Arbeit darstellt.\nDie Ouvertüre, welche gleichzeitig auch eine exacte Aufführung er-\nfuhr, wurde allgemein beifällig aufgenommen. Wie wir hören, soll\ndieselbe dem Stiche übergeben werden, was um so willkommener\nerscheinen dürfte, als das Werk einfach orchestrirt und dadurch\nallgemeiner zugänglich ist.\nFrankfiirt a« M., 9. Juli. Am letzten Freitag hörten wir\nvon der italiänischen Operngesellschaft des Herrn Merelli 9il Matri-\nmoniu segreto\". Alle wahrhaften Musikfreunde Frankfurts schienen\nsich ein Rendezvous bei dieser Feierlichkeit gegeben zu haben. Der\ngespendete Beifall übertraf alles, was diese vortrefflichen Künstler\nin den früher aufgeführten Opern in unserem Theater erlebt haben.\nWo ein so enthusiastischer Beifall fast jede Nummer eines wahrhaft\nguten, für alle Zeiten geschriebenen Werkes krönt, dort haben Wag-\nner und Verdi keine Hoffnung, für unsterblich erklärt zu werden.\nEine Wiederholung dieser Oper findet heute Statt. A. S.\nHellblfOlltft? 4. Juli. Den Glanzpunkt des musicalischen Stre-\nbens unserer Stadt, seitdem Herr Musik-Director Mascheck sich\nder Leitung desselben angenommen hat, bildet unstreitig die alljähr-\nlich ein Mal Statt findende Aufführung eines grossen Oratoriums in\nden Hallen unserer Kilians-Kirche. Der gestrige Tag war dazu aus-\nersehen, uns für dieses Jahr mit Mendelssohn1 s „Elias\" zu er-\nfreuen. Vor drei Jahren hörten wir dieses grosse Meisterwerk hier\nzum ersten Male; dasselbe machte damals einen solchen gewaltigen\nEindruck, dass seine Wiederholung in diesem Jahre bei allen Musik-\nfreunden Anklang fand. Auch diesen Genuss haben wir dem Eifer\nund der Ausdauer unseres Musik-Directors Herrn Mas check zu\nverdanken, dem es gelungen ist, für die Gesang-Soli die Frau Dr.\nLeisinger, Fräul. Marschalk, Herrn Schütky von Stuttgart\nund Herrn Schlösser von Mannheim, und für die instrumentale\nPartie einen grossen Theil der k. Hofcapelle in Stuttgart zu gewin-\nnen, denen sich die hiesigen Kräfte würdig anschlössen und so ein\nEnsemble von etwa 200 Mitwirkenden bildeten. Es kann nicht un-\nsere Aufgabe sein, die einzelnen Leistungen hervorzuheben, oder eine\nTonschöpfung beurtheilen zu wollen, die in ihrer grossartigen An-\nlage von Meisterhand schon tausendfache Anerkennung gefunden\nhat; aber das dürfen wir mit gutem Gewissen sagen, dass die Aus-\nführung im Ganzen eine ausgezeichnete, exaete, würdige und durch-\nweg gelungene war, die von dem grossen Directions-Talente des\nHerrn Mascheck, welches schon die hingeschiedenen Meister Mendels-\nsohn und Spohr auf glänzende Weise anerkannten, das sprechendste\nZeugniss aufs Neue ablegte. Höchst erfreulich war es, die ausser-\nordentliche Theilnahme des Publicums von Heilbronn und nament-\nlich auch der Umgegend an dieser Production wahrzunehmen, weil wir\ndadurch zu der Hoffnung berechtigt sind, dass sich dieses Gefühl\nfür das Edle und Schöne erhalten und steigern werde. So sei denn\nunser wärmster Dank dargebracht dem keine Mühe scheuenden Co-\nmite des Oratorien-Vereins, der freundlichen Mitwirkung der k. Hof-\ncapelle in Stuttgart, den hiesigen Sängern, Sängerinnen und Musi-\nkern, vor Allen aber den höchst verdienstlichen Leistungen der\nDamen Leisinger und Marschalk und der Herren Schütky und\nSchlösser. Möge uns auch das nächste Jahr einen gleich schönen\nund eben so gediegenen Genuss bringen I\nNikolaus Rubinstein aus Moskau, der Bruder Anton Ru-\nbinstein's, der auch bei dem Musikfeste in Düsseldorf anwesend war,\nhat sich in Leipzig in Privatkreisen als Pianist hören lassen und\nallgemeine Bewunderung erregt»\nDeutsche Ton Ii alle*\nAuf mehrfach uns gestellte Anfrage wegen des Buches zur Ope-\nrette „Der Liebesring\", das Eigenthum des Vereins, machen wir\nhiedurch bekannt, dass wir solches jedem der (24) Herren Tondich-\nter, welche sich um den Preis für dessen Composition beworben ha-\nben und darüber ausweisen, in so weit zur Benutzung frei geben,\nals die Worte dieses Buches ein ergänzender, unzertrennlicher Theil\nder Operette, in der Partitur enthalten und sonach bei jeder Auf-\nführung einer und der anderen oder aller (24) Bewerbungen nöthig\nsind, ohne Abkommen mit uns aber sonst auf keine Weise gebraucht\noder vervielfältigt werden darf.\nMannheim, Juli 18G0. Der Vorstand."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Thedtre lyrique Offenbach's Bouffes). Schluss. Von B. P. Der Rector Biedermann und die Mu-\nsiker um 1750. Tages- und Unterhaltungsblatt (Wiesbaden, Concert Frankfurt am Main, Die italiänische Operngesellsehaft\ndes Herrn Merelli Heilbronn, Aufführung von Mendelssohn's „Elias\" Nikolaus Rubinstein Deutsche Tonhalle).\n\nPariser Briefe.\n[Thedtre lyrique: Ma lanle dort von H. Caspers; Philemon et\nBaucis von C. Gounod; Gil Blas von T, Semet; Les Valets de\nGascogne von Dufresne; Les Rosieres von Herold; Maitre Pahna\nvon Fräulein Rivay. Offenbach's BovjfesJ\n(Schluss. S. Nr. 28.)\nDas Thedtre lyrique hat wie gewöhnlich die meisten\nNeuigkeiten gebracht.\nDie erste war eine einactige Operette, im Stil der al-\nten Komödie von Hector Cremieux mit sehr witzigem\nDialog geschrieben und von Henri Caspers ganz artig\nin Musik gesetzt. Sie heisst: „Ma tante dort\"; die Haupt-\npersonen sind ein Bediente und ein Kammermädchen. Man\nlacht von Anfang bis Ende; aber so ein Stück muss von\nFranzosen gespielt werden. Madame Ugalde, früher eine\ntreffliche Sängerin, schläft nicht auf ihren Lorbern; sie\nscheinen sie im Gegentheil so zu stechen, dass sie ihre be-\nreits sehr angegriffene Stimme zu sehr unangenehmen\nLauten hinaufschraubt. Eine gute Schauspielerin bleibt sie\nimmer noch.\nIm Februar (den 18. zum ersten Male) kam „Phile-\nmon und Baucis\", Oper in drei Acten aus der gegen-\nwärtigen Hauptfabrik der Herren Barbier und Carre, mit\nMusik von Charles Gounod, zur Aufführung. Die Oper\nwar in Baden-Baden als einactige im vorigen Jahre gege-\nben worden; da mochte sie als antike Posse passiren,\nals dreiactige komische Oper ist das Stück doch zu dumm\nUnd langweilig. Es ist nach der Erzählung von Lafontaine\ngemacht, nur dass Jupiter statt des Mercur jetzt den Vul-\ncan zum Begleiter hat. Warum? Vulcan ist eine bessere\nkomische Figur für die Pariser und liefert durch die är-\ngerliche Geschichte, die ihm mit Frau Venus und Herrn\nMars widerfahren, Stoff zu pikanten Anspielungen. Der\narme Mann hat sich aus der grossen Welt zurückziehen\nwollen, und ist sehr verdriesslich darüber, dass ihn Jupiter\nmit auf Reisen genommen hat:\nf\nAutour de moi j'ente\nVenm n'a pas fort,\nII a merite son\nIn diesem Tone ist das ganze Ding geschrieben, besonders\nder letzte Act. Der erste, Besuch Jupiter's bei den braven\nEheleuten, ist schrecklich langweilig, der zweite dumm,\nder dritte frivol. Wenn Baucis dem Gaste bei Tische die\nFabel von der Feld- und Stadt-Maus vorsingt, so streitet\ndie Situation mit der Musik sich um den Preis des Abge-\nschmackten. Im zweiten feiern die verderbten Menschen\nihre schwelgerischen Orgien in Jupiter's Tempel. Vulcan\nlies't ihnen den Text, sie werfen ihn hinaus; Jupiter er-\nscheint als sichtbarer Gott auf dem Postamente, von wel-\nchem seine Statue verschwindet, brüllt die Frevler an und\nschlägt sie alle mausetodt. Der Vorhang fällt.—Im dritten\nActe hat er zur Belohnung die alte Baucis jung und rei-\nzend gemacht, verliebt sich in sie, behandelt den alten\nPhilemon, der das übel nimmt, als einen ungebildeten\nBauer ohne Lebensart, wird aber von Baucis, die Anfangs\nihn erhört, dann aber aus Treue um Rückgabe ihrer alten\nRunzeln bittet, abgeführt, geht mit Vulcan nach Hause\nund lässt den tiefgerührten Philemon stehen.\nDas nennt man eine komische Oper! Und zu solchem\nZeug gibt sich ein wirkliches musicalisches Talent wie\nCharles Gounod her, Musik zu schreiben. Es geht ihm,\nwie Gevaert; wen die Opernschreiberei um des augen-\nblicklichen Erfolgs und der Tantiemen willen in Paris ein-\nmal erfasst hat, der sagt nach und nach der Kunst Lebe-\nwohl und hat nur Einen Gott: das Publicum.\nGounod's Talent zeigte sich aber bisher vorzüglich in\nder symphonischen Behandlung des Orchesters, in der gut\ngewählten und wirkungsvollen Instrumentation; die eigent-\nliche Melodie war immer seine schwache Seite. In diesem\nseinem neuesten Werke verläugnet er jenes Verdienst auch\nnicht; aber was soll es hier, wenn es nicht den Gesang als\ndie Hauptsache über sich anerkennt? Was ist eine komi-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "226", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.2", "texte": "sehe Oper ohne Melodieen? Ein gut erfundenes und hübsch\ninstrumentirtes Gewitter, wobei nur leider der Maschinist\nden wirklichen Wind per Blasebalg pfeifen und heulen\nlässt—Wahrheits-Theorie!—, einige Couplets vom Vulcan\nmit obligaten Metallschlägen im Orchester, denn der Text\nheisst ja: Au bruit des lourds —l Jupi-\nter's Einschläferungs-Arie, mit welcher er seinen Zweck\nbei Philemon und Baucis und bei den Zuhörern erreicht\n—Alles so wahrheitsgetreu! Es lebe der Realismus!\nDoch halt! ich darf dasjenige Instrumentalstück, das\nzum Erfolg der Oper am meisten beigetragen hat, nicht\nvergessen. Es ist eine Tanzmusik als Introduction zum zwei-\nten Acte, ein kurzes Motiv, das an fünfzig Mal von verschie-\ndenen Instrumenten und in verschiedenen Tonarten wie-\nderholt wird, aber geschickt gemacht ist. Man rief es bei\nden ersten Vorstellungen stürmisch da capo. Als man die-\nselbe Melodie nun hundert Mal gehört hatte, ging der Vor-\nhang auf, und, o Freude! man hörte es noch fünfzig Mal,\nvom Ballet und Chor in dem Jupiter-Tempel, wo die Sün-\nder sich erlustigen, begleitet. In den eigentlichen Gesang-\nstücken wechselt die langweilige Monotonie vieler Num-\nmern mit pikantem Rhythmus und überraschenden Klang-\nwirkungen in anderen ab; und will das Publicum mehr,\nals das Letztere? Trotzdem werden Philemon und Baucis\nes auf dem Repertoire nicht zu dem hohen Alter bringen,\nwie in der Fabel.\nVier Wochen darauf wieder eine andere Oper aus\nderselben Textfabrik, und dieses Mal in fünf Acten: „Gil\nBlas\", Musik von T. Semet. Der Inhalt besteht aus fünf\nEpisoden aus dem bekannten Roman von Le Sage, in je-\ndem Acte neue Exposition und zum Theil neue Personen.\nAn Zusammenbang und Einheit der Handlung ist nicht zu\ndenken. Gil Blas, von Madame Ugalde gegeben, kommt\nfreilich in jedem Acte vor, alles Andere gehl lose durch\neinander. Stück und Partitur sind entsetzlich lang. Je nun,\nder Abend muss doch ausgefüllt werden; es ist so ärger-\nlich, die Tantieme mit einem Collegen theilen zu müssen;\naber fünl Acte, da hat man sie allein. Ich gestehe, dass\nich Herrn T. Semet noch gar nicht gekannt habe, er hat\naber wahrscheinlich schon viel geschrieben, nach der Fac-\ntur zu urtheilen. In der langen Partitur habe ich für mei-\nnen Geschmack kaum zwei bis drei Nummern gefunden,\ndie sich über das ganz Gewöhnliche erheben.\ncum ceteris!\nUeber die Aufführung von Beethoven's Fidelio,\nder nach der Bearbeitung derselben Textmacher am 5.\nMai zum ersten Male in Scene ging, ist schon ausführlich\nin diesen Blättern gesprochen worden *).\nEine Operette: Les Valets de Gascogne, ein Act mit\nMusik von Dufresne, gefiel durch den komischen Stoff,\ndessen Pointe darin besteht, dass zwei Edelleute, reich an\nAhnen, arm an Geld und Gut, beide aul denselben Gedan-\nken kommen, Herr und Diener zu gleicher Zeit zu sein.\nDie tolle Posse hat recht artige, leicht gehaltene, aber\nhübsch geschriebene Musik. Ein hiesiger Kritiker schloss\nseine Notiz darüber mit folgenden Zeilen: „Mit\nHerold's Rosiens und diesen wird das lyrische\nTheater den Juni ganz gut auskommen und sich über den\nSucces d'estimedes Fidelio trösten denn von solchen\nSucces kann ein Theater-Unternehmen nicht leben!1'\nDie von ihm erwähnte Oper ist eine alte\ndreiactige Oper von Herold, die am 5. Juni wieder neu\nin Scene gesetzt wurde.\nLouis Herold stammte von deutschen Eltern. Sein Va-\nter Joseph war noch ein Schüler Ph. Em. Bach's gewesen\nund zog 1781 nach Paris. Erst nach dessen Tode (1806)\nkonnte sich L. Herold ganz der Kunst widmen. Er war,\nwie sein Vater, ein tüchtiger Ciavierspieler und einer der\nwenigen Laureaten des Conservatoriums, die wirklich be-\ndeutende Componisten wurden. Nach seiner Rückkehr aus\nRom nahm sich Boieldieu, der sein grosses Talent er-\nkannte, sehr freundlich seiner an, so dass er von der ko-\nmischen Oper das Textbuch (Die Rosen-\nmädchen) von zur Composition bekam. Die\nOper wurde den 27. Januar 1817 zum ersten Male gege-\nben und blieb bis 1826 auf dem Repertoire. In diesem\nJahre wurde sie durch „Marie\" verdrängt, die einen noch\ngrösseren Erfolg hatte und verdiente. Leider hatte Herold\neine Menge von schlechten Texten in der Zwischenzeit com-\nponirt, und jetzt konnte er das Glück, das die „Marie\"\nmachte, auch nicht gleich weiter benutzen, da er die Stelle\ndes Chor- und Gesang-Directors bei der grossen Oper an-\ngenommen hatte, die ihm sehr viel und oft sehr triviale\nBeschäftigung gab. Erst nach einigen Jahren ging er wie-\nder an die Composition, wo dann (1831) bekanntlich sein\n„Zampa\" in Frankreich und Deutschland viel Glück\nmachte, dem Ende 1832 am (Die\nSchreiberwiese) mit eben so grossem Erfolg unmittel-\nbar folgte. Allein Ueberanstrengung hatte ■ den Keim des\nTodes in seinen Körper gelegt; denn kaum vier Wochen\nnach der ersten Aufführung starb er (den 18. Januar\n1833), 52 Jahre alt.\nDas Buch der Rosieres ist noch aus der guten alten\nZeit, die Handlung lebendig durchgeführt ohne gesuchte\nund unwahrscheinliche Intriguen, der Dialog sehr hübsch\ngeschrieben. Die Musik ist anmuthig, elegant und geist-\nreich ohne Pikanterie, die Melodie immer gefällig, ohne\ntrivial zu werden, die Harmonie stets correct und klar. Im\n\n*) Siebe Nr. 22 und 23 dieses Jahrgangs."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.3", "texte": "Orchester sind die Blas-Instrumente noch auf die beschei-\ndene Rolle verwiesen, die sie bei Haydn mit so viel Grazie\nspielen. Die Ensembles sind vortrefflich kurz, die Oper\ngehört der Gattung an, die Boieldieu auf ihren Gipfel ge-\nbracht hat, wenn auch nicht alle Nummern (besonders die\nersten nicht) auf der Höhe der genialen Compositionen die-\nses Meisters stehen. Das Publicum applaudirt sie sehr\nbesonders auch Mademoiselle Girard, welche die Flo-\nrette, die Hauptrolle, singt —, ein Zeichen, dass es doch\ndas einfache Schöne, wenn man es ihm nur vorführt, noch\nzu schätzen weiss. Das heisst, wenn es seiner französischen\nAnschauungs- und Auffassungsweise entspricht; für Beet-\nhoven freilich ist das pariser Theater-Publicum nicht reif.\nDie neueste Neuigkeit war MaUre ein Act mit\nMusik einer Dame, Mademoiselle Rivay, die ihren Freun-\nden und Freundinnen sicher für ein grosses Talent gilt.\nMeinetwegen! man darf es ja auch nicht so streng nehmen,\nwenn bei einer Damenmusik die Tanz-Rhythmen vorherr-\nschen und die Coloratur-Walzer eine Hauptrolle spielen.\nMüssen wir dasselbe doch bei den neuesten Producten des\nberühmtesten Componisten de la haute musique drama-\ntique ertragen!\nIm Theater Dejazet hat Herr von Flotow im Mai\neine einactige Operette, „Pianella\", zur Aufführung ge-\nbracht, deren Stoff nach dem seit Pergolese's La iServa\npadrona schon oft benutzten Buche bearbeitet ist. Ich habe\nnoch nicht Zeit gefunden, sie zu hören ; die Musik wird als\nsehr frisch und elegant gerühmt.\nFragt man: Was bleibet und was schwindet von allen\ndiesen Stücken mit Musik? —so dürfte die Anwartschaft\nauf das Bleiben im Sinne der älteren Meisterwerke schwer-\nlich einem einzigen von allen diesen Producten der Zeit\nund von allen Erfolgen des Augenblicks zuzusprechen sein.\nGedruckt worden sind Le Roma von A. Thomas\nund Flolovv's „Pianella\" und neue Auflagen von Herold's\n„Rosenmädchen\".\nEin Gutes hat aber doch das Opernwesen in Paris:\ndie Erzeugnisse lebender Componisten kommen doch auf\ndie Scene. Wo ist aber jetzt ein Theater in Deutschland,\ndas neue Opern junger Componisten aufführt? Wie man-\nches Talent für dramatische Musik mag da nicht nur dem\nPublicum, sondern sich selbst unbekannt bleiben, weil die\nZustände es zwingen, sich eher in allen anderen Musik-\ngattungen zu versuchen, als in Opernmusik? Freilich\nfehlt bei Euch die Neigung des Publicums für einactige\nOperetten heiteren Stoffes, und es fehlen auch wohl die\nDichter dazu. Es muss immer gleich mit einer grossen Oper\noder mit einem Oratorium begonnen werden; dergleichen\nWerke liegen sicher in Menge in den Pulten der deut-\nschen Autoren begraben!\nDass Jakob Offenbach's Parisiens nicht\nfeiern, will ich zum Schlüsse noch erwähnen. Da schiessen\ndie neuen Stücke wie die Pilze aus der Erde empor. Er\nversieht sie meist mit seiner eigenen Musik, die immer\nklingt, als hätte man sie schon oft gehört, aber immer ge-\nfällig und lockend ist. Sein O ist ja jetzt\nauch in Berlin Zugstück in einem der kleineren Theater.\nIm Carneval brachte er nach dem Vorgange anderer hie-\nsiger Bühnen auch ein Garnaval Diese Gat-\ntung hält eine travestirende, persiflirende, possenhafte „Mu-\nsterung\" der dramatischen und musicalischen Ereignisse der\nSaison. In Offenbach's Revue machte besonders ein Musi-\nker ungeheure Wirkung auf das Zwerchfell, der oben diri-\ngirend vom Orchester unten seine neueste Musik auffüh-\nren liess und dazu schliesslich eine Tyrolienne de l'avenir\nsang. Auch auf dieser Scene haben ein italiänischer Graf\nund eine junge Dame dem Komos geopfert.\nUeber die Concerte und die Kammermusik, welche\nletztere bald auch mehr Ausführende als Zuhörer haben\nwird, so viel neue Zirkel derselben tauchen auf, nächstens.\nß. p.\n\nDer Rector Biedermann und die Musiker um 1750.\nJohann Gottlieb Biedermann war in der ersten Hälfte\ndes vorigen Jahrhunderts Rector des Gymnasiums in Naum-\nburg und seit 1747 des Gymnasiums in Freiberg in\nSachsen.\nEr entzündete durch ein Programm, mit welchem er\nam 12. Mai 1749 zu der gewöhnlichen Schulfeierlichkeit\neinlud, die ganze Zunft der Musiker seiner Zeit, den ge-\nlehrten Mattheson und den Meister Sebastian Bach\nnicht ausgenommen, zu einer erbitterten und nach dama-\nliger Art zuweilen in eben so derber als barock gelehrter\nAusdrucksweise geführten Oppostition.\nUeber den entbrannten Streit berichten Jakob Ade-\nlung (Anleitung zur musicalischen Gelahrtheit. Erfurt,\n1758), Forkel, Gerber, neuerdings S. W. Dehn im ersten\nHefte der Westermann'schen Monatsschrift (October 1856).\nEinen auf bibliothecarischen Forschungen beruhenden, die\nmeist oberflächlichen Nachrichten der genannten Schrift-\nsteller ergänzenden und gründlich berichtigenden Aulsatz\nhat 0. Lindner da, wo man ihn kaum suchen sollte, in\nder Vossischen Zeitung (Berlin, Nr. 152 u. 158) drucken\nlassen, dem wir die hauptsächlichen und interessantesten\nThatsachen im Auszuge entnehmen.\nZur Feier des Andenkens an den westfälischen Frie-\nden veranstaltete Biedermann im Jahre 1748 eine drama-\ntische Aufführung im Freiberg'schen Gewandhause. Die\n[*l"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.4", "texte": "Musik zu dem Stücke eines blinden Dichters war dem da-\nmals als Cantor in Freiberg angestellten, später (1756)\nnach Leipzig berufenen Doles übertragen worden. Die\nAufführung fand den entschiedensten Beifall. Nicht nur die\nFreiberger selber, auch die Bewohner der umliegenden\nGegend (die ohne Zweifel Söhne auf der Schule hatten,\nund Schüler waren doch höchst wahrscheinlich die Dar-\nsteller des „Singspiels\") eilten in Masse herbei, es erfolg-\nten zahlreiche Wiederholungen, und als klingendes Ergeb-\nniss fanden sich schliesslich über 1500 Thlr. in der Casse\nvor. Biedermann, der die ganze Vorstellung veranlasst und\ngeleitet hatte, war natürlich auch der Herr dieser Ein-\nnahme, „berechnete aber nicht die Hälfte dieser Einkünfte,\nund gab dem Cantor für alle seine Mühe und Arbeit nur\ndreissig Thaler, die aber dieser verbat und sich mit dem\nerhaltenen Beifall begnügen wollte.\" „Man unterliess jedoch\nnicht,\" erzählt Forkel weiter, „über dieses Verfahren des\nRectors in der Stadt allerlei Bemerkungen zu machen, und\nder Rector, welchen dies verdross, schrieb dafür ein Pro-\ngramm, worin er zu beweisen suchte, dass musice vivere\nnichts Anderes heisse, als liederlich leben, dass folg-\nlich alle Musiker liederliche Leute seien.\"\nDiese Darstellung ist offenbar einseitig. Die Berech-\nnung der „Hallte der Einkünfte\" für den Componisten,\nwie sie dem Anscheine nach verlangt worden, dürfte schon\neine übertriebene Forderung gewesen sein. Bedenkt man,\ndass noch in dem ersten Viertel des Jahrhunderts R. Rei-\nser für die Composition einer ganzen Oper fünfzig Reichs-\nthaler erhielt, so sollte man meinen, dass jene dreissig\nThaler nicht gar so geringfügig waren. Das Programm\nwar ein starker Missgriff, und sein Verfasser hat davon\nAerger genug gehabt; aber bei eingehender Betrachtung\nstellt sich die Sache doch nicht so dar, wie die obigen Be-\nmerkungen den Anschein geben.\nAm 12. Mai 1749 erschien die unglückliche, einen\nQuartbogen füllende Schrift; De Vita Musica ex Plaut.\nMostellar. Act. 111. Sc. 11.\nvole auscultandas ofßciose inv\nmemn, li. Freibergae.lm Eingange des Schriftchens wird\nbemerkt, dass jegliches Ding, wenn es übertrieben werde,\nmehr Schaden als Nutzen stifte. Dies treffe denn auch so\nmanche Art, die Wissenschaften zu betreiben, und wie\nDan. Maichelius in der Abhandlung „De corruptione men-\ntis per Studiorum culturam\" (Tubing. 1738) solches vom\nSprachstudium, der Geschichte, Philosophie u. s. w. nach-\ngewiesen, so solle nun mit Wenigem gezeigt werden, dass\nauch von der Musik Aehr.iiches gelte. Fern liege es, das\nauszuführen, was sich auf die Empfehlung der Musik be-\nziehe, von der Owen sage:\nOptima musarum est; reliquis idcirco negatum\nArtibus a musis musi\nWohl aber sei es beklagenswerth, dass nicht durch\nSchuld der Kunst, wohl aber der Menschen, die Gewohn-\nheit, zu singen und zu spielen, häufig Geist und Silte übel\nzurichte und zu jeglicher Ausschweifung geneigt mache.\nWie denn auch der alte Simo bei Plautus in Bezug auf\ndas liederliche Leben., wozu sein Sohn verleitet worden, in\ndie Worte ausbreche:\nMusice hercle agitis\nvino et victu, etc.\nworaus offenbar erhelle, dass schon frühzeitig die der Ge-\nsangskunst Beflissenen in üblem Rufe gestanden hätten.\nAn diese Auslegung des knüpft Bie-\ndermann nun eine Reihe von warnenden Beispielen. Schon\nJubal, der Erfinder der Musik, stamme nicht von dem\nfrommen Seth, sondern von Kain ab. Die Aegypter hät-\nten ihre Söhne von der Erlernung der Musik, als einer\nVerweichlichung des Geistes, zurückgehalten.\nsogar führe, wenn er dem Augustus die verkehrten Sitten\nseiner Zeit herzähle, die übertriebene Liebhaberei zum\nGesänge unter den Ursachen des Staatsverderbens mit den\nWorten an:\nVenimus acl summuni fortunae: pingatque psattiniiis.\nCato, der strenge Sittenrichter, habe das Singen nicht\neines ernsten Menschen würdig erachtet, Caligula und\nNero seien nach den Zeugnissen des Sueton und Tacitus\ndurch die Vorliebe zur Musik in früher Jugend verdorben.\nAus späterer Zeit werden unter Anderen Cardanus und\nschliesslich Luther angeführt, an dessen Worte: „Du,\nmein lieber junger Gesell, solst dich vor denen verkehrten\nGemüthern, welche die sowohl der Natur als Kunst nach\nsehr schöne Gabe der Music missbrauchen, hüten, und\ngewiss glauben, dass sie der Teuffei dahin reisset\", eine\neindringliche Ermahnung an die Jugend geknüpft wird,\nüber der Musik nicht die rechte Ausbildung zu versäumen\nund sie nur in gehörigem Maasse auszuüben, wie dieses\nauch von zweien der eben aus der Schule zu entlassenden\nZöglinge gelte, welche das wissenschaftliche Studium mit\ndem der Musik auf das glücklichste zu vereinigen gewusst,\nund deren einer eine in französischer Sprache verfasste\nRede über das Thema: Musica tamquam virtutis admi-\nnistra, halten werde.\nJeder Unbefangene wird zugeben, dass, abgesehen von\nder Anknüpfung an die plautinische Stelle und den zum\nTheil gesuchten, zum Theil sehr oberflächlichen geschicht-\nlichen Anführungen, in dem wesentlichen Endzwecke der\nSchrift kaum eine Beleidigung der Musiker selbst, sicher-\nlich aber kein Verdammungs-Urtheil der Tonkunst als sol-\ncher zu finden ist. Nichts desto weniger wurde dieselbe in"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.5", "texte": "dieser Weise aufgehst und vor Allen Mattheson gegen\ndieselbe eingenommen.\nUnter den vielen Flugschriften für und wider, die\nO. Lindner aufzählt, ist folgende die unterhaltendste:\n„Steffen Fiedel bogen's, Studios. Prag., Sendschrei-\nben an M. Bidermann, sein Programm betreffend\nmusica.\" Angeblich: „Prag, den im Jahre\nrentis.\" Der Verfasser stellt sich, als gehöre auch er zu\nden durch Biedermann's ungerechten Angriff aufs höchste\nerbitterten Musikern, und schreibt dann eine Vertheidi-\ngung dieser letzteren nieder, die, näher angesehen, dem\nRector vollständig beipflichtet und die Liederlichkeit gar\nvieler Jünger der Tonkunst in bitterer Satire geisselt.\n„Wie?\" fragt der Verfasser, „Sie sprechen gleich schlecht-\nweg : Gleich wie alle Wissenschaften dem Missbrauch un-\nterworfen sind, also auch die Music? So, so! Wenn wir\nIhnen das einräumen wollten, so hätten Sie auf einmal ge-\nwonnen Spiel. Aber wer hat Ihnen das gesagt, dass die\nMusic dem Missbrauch unterworfen sei? Antwort: Die al-\nten Aegyptier, Griechen und Römer. Ei, was scheren\nwir uns um diese Kerls! Diese gehörten zu den Alten. Alte\nLeute aber sind gemeiniglich wunderlich und verdriesslich.\nFolglich dürfen wir uns bei ihnen gar nicht Raths erholen.\nIch vor meine Person werde Ihnen diesen gefährlichen Satz\nnimmermehr eingestehen. Noch weniger meine Herren\nCollegen in Deutschland. Artifici in sua arte credendum.\nUnd damit holiah! dabei soll's bleiben.\" Aber was man\nnicht mit recht lebendigen Farben male, das begriffen die\nLeute nicht, daher denn auch der Verfasser dem Rector\nseinen eigenen Lebenslauf (wonach er einen Stern erster\nGrösse im Orden der Musicanten vorstelle) erzählen wolle.\nSo erst werde derselbe einen rechten Begriff\nsica erhalten, denn er (der Verfasser) habe von Jugend auf\nrecht musice gelebt. Hierauf folgt die Darstellung eines\nnichts weniger als rühmlichen Lebenslaufes. Statt etwas\nOrdentliches zu lernen, wird der Junge ein Fiedler, treibt\nsich liederlich in der Welt herum, schlägt die Ermahnun-\ngen seines Vetters, der ihm das Bild eines „rechtschaffe-\nnen Musicus\" vor die Seele führt, als mürrisches Geschwätz\neines alten Grillenfängers in den Wind, heirathet aus „bei-\nwohnenden Ursachen in aller Eile\", lässt, nachdem er\neinen Diebstahl begangen, Frau und Kinder im Stich, treibt\nsich auf Hochzeiten, Jahrmärkten u. s. w. herum und ge-\nräth endlich in Prag unter die so genannten „Prager Stu-\ndenten\" (böhmische Musicanten). „Anfangs sähe es auch\nhier ein wenig wunderlich aus, man hatte dies und jenes an\nmeiner Music auszusetzen, und machten mir den Kopf so\ntolle, dass ich alle meine vorigen Instrumente bei Seite\nlegte und das Hackebrett mit allem Eifer zu lernen anfinge,\nauf welchem ich auch, ohne Ruhm zu melden, eine solche\nFertigkeit erlanget habe, dass ich alle meine Vorgänger\nbei Weitem übertreffe. Diesen edlen Beruf habe ich nun\nschon etliche Jahre mit aller Treue verwaltet, und wenn\nich dabei meine Tage einmal beschliesse, so habe ich schon\nmeine Grabschrift selbst verfertiget, welche mir zum ewi-\ngen Ruhm soll gesetzt werden. Sie lautet also:\nSemper lustig, nunqtraurig!\nHic jacetSteffen Fiedelbogen,\nDer in der Welt herum gezogen:\nAetatem egit musice,\nNun ruht er hier\nEde! Bibe! Lude.'\"\nHieraus, heisst es dann schliesslich, werde der Rector\nnicht nur einen vollständigen Begriff de Vita musica er-\nhallen haben, sondern auch den unaussprechlichen Nutzen\ndieser edlen Profession deutlich einsehen. „Wollen Sie\nSich aber noch nicht \"weisen lassen, so werde ich mich\nzwar nicht weiter mit Ihnen auflegen, denn ich habe mehr\nzu thun; allein ich versichere Sie, dass meine Herren Col-\nlegen schon im Stande sind, Ihnen durch ihre grundge-\nlehrten Schriften zu zeigen, was es beisse, sich unter die\nTräbern mengen.\"\nMit dieser Vertheidigung konnte Biedermann vollkom-\nmen zufrieden sein; sie stand, ohne der Kunst selbst zu\nnahe zu treten, ganz auf seiner Seite, und der angebliche\nLebenslauf des Fiedelbogen war in der That ein getreues\nAbbild jener fahrenden Musicanten, die zumal in der er-\nsten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts nicht so gar sel-\nten waren, und welche schon Beer wie Kuhn au in zum\nTheil sehr ergötzlicher Weise geschildert hatten.\nMattheson verfasste in mehr als streitlustiger Stim-\nmung nicht weniger als vier Schriften, die in dem Pro-\ngramm ihre Haupt-Veranlassung haben. Die zweite: „Wah-\nrer Begriff des harmonischen Lebens\" (Hamburg, 1750),\nist die eigentliche Hauptschrift gegen Biedermann's Pro-\ngramm und die angeblich in St. Gallen erschienene Schutz-\nschrift für dasselbe. War der Rector im Gewände der Ge-\nlehrsamkeit aufgetreten, so tritt ihm nun Mattheson auch\nseinerseits mit dem ganzen Aufwände seiner Belesenheit,\nseiner ausgebreiteten Kenntnisse und seines Witzes entge-\ngen. Zunächst ficht er die Auslegung des an.\nDiese Redensart stamme aus dem Griechischen und bedeute\neleganter, „wohlanständig\"; die Stelle bei Plautus sei ol-\nfenbar ironisch gemeint, wie schon die Zusätze hercle und\nitu ut vos decetbewiesen; hieran reiht sich eine Erklärung\nder Vita musica als eines „harmonischen\" Lebens in Sitte\nund Art, und schliesslich folgt eine ausführliche, zum Theil\nsehr ergötzliche Widerlegung der einzelnen von Bieder-\nmann angeführten Autoritäten.— „Nero und Caligula, die\nunedlen Gesellen und pestilenzialischen Kaiser, sitzen zu-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.6", "texte": "sammen auf der Zeugenbank, gleichsam am Sünderortc,\nda sollte man sie sitzen lassen! Wenn ich doch nur einen\neinzigen Musikfeind gelesen hätte, der diese Schandbuben\nnicht rührete! Sie haben ja ihre abscheulichen Laster nicht\naus der Musik hergeholte; wie dennSuetonius undTacitus\nvielmehr das Gegentheil darthun, als dass sie sagen soll-\nten, die Kunst hätte sich darüber den Ilass zuge-\nzogen, weil sie von diesen gekrönten Unholden geschän-\ndet worden. Wenn was Gutes geschändet wird, verdient\ndasselbe weit mehr Liebe, als Hass. Aber wie kommen\ndiese pestilenzialischen Ungeheuer bei den freibergischen\nSchülern zu Passe, deren keiner zu einer Krone Hoffnung\nhaben kann, wenn er auch zehn Mal ärger sänge, tanzte,\nmalete, gipsete, als sie?\" —Der Rector solle, statt auf die\nMusik zu schmähen, lieber dafür Sorge tragen, dass die-\nselbe auch in Deutschland wieder methodice gehandhabt\nwürde. „Was gilt's, sie brächte keine verdorbene Leute\nhervor? Jener Strohjunker traf seinen Knecht in der\nFeldarbeit an, trat zu ihm auf den Acker mit der Frage:\nHans, was machst du? Antwort: Ich säe Spelt.—Ei, sprach\nder Junker, du solltest kluge Leute säen. Ja wohl, sprach\nder Bauer, und wandte seine Augen nach der Stelle, worauf\nder Herr stund: aber das Land trägt sie nicht.\"\nNun findet sich als zweite Beilage zur dritten Dosis\nder Panacea von Mattheson ein vom 8. Januar 1751 da-\ntirtes Schreiben des Cantors und Musik-Directors G. F.\nEinike zu Frankenhausen, „betreffend die Vitarn musi-\ncam\", mitgetheilt, was uns unerwarteter Weise auch Se-\nbastian Bach bei dem Streite betheiligt zeigt. Bach hatte\ndas Biedermann'sche Programm zu Gesicht bekommen und\nebenfalls Anstoss daran genommen. Er wünschte eine Re-\ncension oder vielmehr eine Widerlegung desselben und\nsandte es daher an den Organisten Schröter in Nord-\nhausen (einen gelehrten Mitarbeiter Mitzler's), da er Nie-\nmanden in der Nähe wisse noch finden könne, der dazu\ngeschickter wäre. Schröter kam diesem Ansinnen bereit-\nwilligst nach, schrieb eine Recension und sandte dieselbe\nan Bach, indem er ihm die Veröffentlichung derselben in\nden gelehrten Zeitungen oder einer anderen Wochenschrift\nanheimstellte. Bach war damit wohl zufrieden und schrieb\ndarüber am 10. December 1749 an Einike:\n„Die Schröterische Recension ist wohl abgefasst und\nnach meinem goüt,wird auch nächstens gedruckt zum Vor-\nschein kommen. Herrn Mattheson's Mithridat hat eine\nsehr starke Operation verursachet, wie mir glaubwürdig\nzugeschrieben worden. Sollten noch einige\nwie ich vermuthe, nachfolgen, so zweifle nicht, es werde\ndes Auetors Dreckohr gereinigt und zur Anhörung der\nMusik geschickter gemacht werden.\"\nIm Anfange des Jahres 1750 kam denn auch diese\nRecension, auf einem halben Bogen besonders gedruckt,\nheraus, und Bach „sandte dieselbe ein\". Es war das die\nvon Lindner angeführte „christliche Beurtheilung\". Aber\nabgesehen davon, dass der Titel nicht von Schröter her-\nrührte, fand derselbe auch Abänderungen, Zusätze und\nWeglassungen in seinem Schriftstücke, so dass er, obgleich\nnicht als Verfasser genannt, doch sehr unangenehm davon\nberührt wurde. Er schrieb daher am 9. April 1750 an\nEinike und bat denselben, an Bach zu berichten, dass die\ngewaltsamen Veränderungen seiner Becension ihm sehr\nempfindlich gefallen seien. Sein Trost hierbei wäre dieser,\ndass kein Leser, welcher seine Denk- und Schreibart aus\nanderen Umständen kennen gelernt, ihn für den Verfasser\neiner solchen Vermischung halten könne, des unglücklich\ngerathenen Rubri: Christliche Beurtheilung, u. s. w. zu\ngeschweigen. Einike machte von diesen Bemerkungen\nBach wörtlich Mittheilung und erhielt darauf am 20. Mai\n1750 von Letzterem folgende Antwort:\n„An Herrn Schrötern bitte mein Compliment zu ma-\nchen, bis dass ich selber im Stande bin, zu schreiben, da\nich mich alsdann der Veränderung seiner Becension wegen\nentschuldigen will, weil ich gar keine Schuld daran habe,\nsondern solche einzig demjenigen, der den Druck besorget\nhat, zu imputiren ist.\"\nSchröter aber war mit dieser Erklärung nichts weni-\nger als zufrieden. „Der Herr Capellmeister Bach\", erwi-\nderte er an Einike am 5. Juni, „bleibet in culpa, er mag\nsich itzt krümmen und künftig drehen, wie er will.\" Viel-\nmehr solle Bach der Sache dadurch ein Ende machen.\n« '\ndass er sich öffentlich als Urheber der „christlichen Ge-\ndanken\" bekenne, »NB. Mut, mut\", den unbekannten\nVerfasser der „aufrichtig genannten Gedanken\" auf-\nfordere, sich zu nennen, und Biedermann seiner üblen Ge-\nsinnung „gegen die unschuldige Musik\" überführe,\n„wahrhaftig, eine solche Capellmeister-That würde dem\nHerrn Bach zur sonderlichen Ehre, unserem Herrn Mat-\ntheson zu einem unvermutheten und wohlverdienten Ver-\ngnügen und der edlen Musik zu mehreren! Wachsthum\no o\ngereichen.\" Einike machte hiervon auch die schuldige Mit-\ntheilung an Bach,—aber am 28. Juli erreichte dieser das\nZiel seiner irdischen Laufbahn, und damit war die Sache\nbeendet.\nEine weitere Aufnahme des ganzen Streites scheint\nnicht Statt gefunden zu haben. Jedenfalls aber gewährt\nderselbe einen nicht uninteressanten Einblick in die dama-\nligen tonkünstlerischen Verhältnisse und legt ein unzwei-\ndeutiges Zeugniss ab für die lebhafte Theilnahme, welche\nBach für alles hegte, was mit seiner Kunst in unmittelba-\nrer Beziehung stand."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.7", "texte": "Ob die Composition der Cantate von J. S. Bach:\n„Der Streit zwischen Phöbus und Pari\", über wel-\nche S. W. Dehn in dem oben angeführten Aufsatze in\nder. Westermann'schen Zeitschrift ausführlich spricht, auf\nVeranlassung des Programms von Biedermann entstanden\nsei, wie Dehn meint, O. Lindner aber läugnet, wird sich\nurkundlich nicht entscheiden lassen. Dass übrigens die Text-\nAbschrift dieser Cantate die Jahreszahl 1749 trägt, ist im-\nmer schon ein bedeutendes Moment für Dehn's Meinung,\no'\njedenfalls ein stärkeres, als dass die Partitur keine Jah-\nreszahl trägt, was Lindner für sich geltend macht.\nDass die Cantate ein Gelegenheitsstück ist, geht aus\ndem Text, welchen Dehn ganz mittheilt, mit ziemlicher\nGewissheit hervor. Dass am Schlüsse die Lesart der Par-\nti t u r:\n„Ergreife, Phöbus, nun die Leyer wieder,\nEs ist nichts lieblicher als deine LiederÄ.\nin der Text-Abschrift corrigirt erscheint:\n„Verdopple, Phöbus, nun Musik und Lieder,\nTob1 auch Hortensius und ein Orbil dawider\",\ndaraus schliesst Dehn, dass unter dem Horazischen Schul-\nmeister „Orbil\" der Rector Biedermann gemeint sei. Dies\nist auch uns sehr wahrscheinlich, und die zweite Cor-\nrectur, die Dehn verschwiegen, Lindner aber anführt:\n„Tobt gleich Birolius und ein Hortens dawider\", be-\nweis't eher dafür, als dagegen, da „Birolius\" offenbar ein\nAnagramm von „Orbilius\" ist, weil dem alten Bach oder\ndem Dichter der Cantate der „Orbil\" eine zu deutliche\nPersonal-Bezeichnung geschienen.\nDer Inhalt der Cantate (Partitur 6 Singstimmen, Chöre\nund Arien, mit Orchester von 2 Violinen, Viola, 2 Oboen,\n3 Trompeten, Pauken und Bass) ist kurz der, dass Pan mit\nPhöbus einen musicalischen Wettstreit beginnt, jener den\nMidas, dieser den Tmolus zum Richter nimmt, wobei Mer-\ncur und Momus auch ihr Wort mitsprechen, und Midas,\nder Pan's Musik vorzieht, am Ende Eselsohren bekommt.\nDie Tendenz derselben ist also allerdings, wie Lindner\nrichtig bemerkt, gegen diejenigen gerichtet, welche schlechte\nMusik gut finden; zu solchen Leuten gehören aber auch\nzweifelsohne „die schlechten Kritiker\", d. h. solche, die\ndas Gute schlecht, wie Midas des Phöbus Musik, und das\nSchlechte gut finden, wie derselbe Kunstrichter die Musik\nPan's. Wenn nun zuletzt Momus dem plötzlich langbeohr-\nten Midas sagt:\nrDu hast noch mehr dergleichen Brüder,\nDenn Unverstand und Unvernunft\nWill jetzt der Weisheit Nachbar sein;\nMan urtheilt in den Tag hinein,\nUnd die so thun,\nGehören all' in deine Zunft.\nErgreife, Phöbus, nun\nDie Leyer wieder,\nEs ist nichts lieblicher, als deine Lieder*\nund dann vollends der sechsslimmige Schlussgesang so\nlautet:\n„Labt das Herz, ihr holden Saiten,\nStimmet Kunst und Anmuth an;\nLasst euch meistern, lasst euch höhnen,\nSind doch euren süssen Tönen\nSelbst die Götter i\nso scheint dies im Zusammenhange mit Bach's obigem\nBriefe an Einike, in welchem er das „Dreckohr des Rec-\ntors gereinigt zu sehen hofft\", und mit der Correctur\nin der Textes-Abschrift (welche die echte Handschrift von\nBach's zweiter Frau Anna Magdalena trägt) die Wahr-\nscheinlichkeit zu bestätigen, dass Bach eben so wie viele\nseiner Zeitgenossen den Rector Biedermann, den Angreifer\nder Musik überhaupt, mit den Feinden der guten Musik\nund den schlechten Kritikern in Einen Topf geworfen und,\nwenn auch nicht bei der ursprünglichen Abfassung, doch\nsicherlich bei der Correctur an Biedermann gedacht hat\n—zumal der Streit ganz Sachsen und Thüringen aufgeregt\nund Bach sich selbst, wie wir oben gesehen, dabei bethei-\nligt hatte.\nAm Ende kann das aber gleichgültig sein. Des Pudels\nKern ist die Cantate selbst, ein wahres Curiosum, da nichts\nanziehender sein kann, als den strengen Meister in der\nWerkstatt des Humors zu belauschen! Dehn meint, dass\n„die Chöre und der grösste Theil der Arien zu den Mei-\nsterwerken gehören\". Herrn Lindner ist das aber noch zu\nwenig. Er behauptet:\n„Das Werk trägt durchweg den Stempel der Reife\nund einer scharf ausgeprägten Charakteristik; der Gegen-\nsatz zwischen der kunst- und anmuthsvollen Weise des\nPhöbus und der naturalistischen Manier Pan's sammt den\nbetreffenden Gutachten ist in einer Vollendung zum Aus-\ndruck gebracht, die auch in diesen Richtungen die unge-\nheure Ueberlegenheit Bach's über seine sämmtlichen Zeit-\ngenossen beweis't. Eine Liebes-Arie wie die des Phöbus:\n„„Mit Verlangen\"\", welche mit der Süsse und Anmuth\nKeiser'scher Melodik die höchste schwärmerische Innigkeit\nund Reinheit der Empfindung verbindet, ausserdem aber\njenen durch und durch organischen Bau zeigt, der Bach's\ntonkünstlerisches Wesen vorzugsweise charakterisirt, wird\nman kaum in ähnlicher Weise bei anderen Tonmeistern\nwiederfinden.\"\nWir müssen indess aufrichtig gestehen, dass wir gegen\ndie Urtheile der historischen Musiker oder musicalischen\nHistoriker über den absoluten Werth alter Compositio-\nnen in neuerer Zeit etwas misstrauisch geworden sind.\nAlso: Nous verrons!"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600714-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nB\nWiesbaclen. Am 6. Juli fand in dem grossen Saale des\nCurhauses ein Concert Statt, zu dem sich die Namen Bazzini,\nJaell, Folz und Signora San chioli vereinigt hatten. Die Abthei-\nlungen des Concertes wurden mit je einer Ouvertüre, ausgeführt von\ndem hiesigen Theater-Orchester, eingeleitet, wovon die .eine, Herrn\nCapellmeister Schindelmeisser's Ccn?Jert-Ouverture „Loreleyu,\nzum ersten Male aufgeführt wurde. Dieses Werk ist ein äusserst\nhübsches Genrebild, das mit seinen beiden Hauptthemen, in die das\nSilcher'sche Volkslied „Loreleya so innig, anpassend, schön und in\nhöchst anmuthigen und frappanten Wendungen verwebt ist, mit gros-\nsem Geschicke in Bezug thematischer Verarbeitung und orchestra-\nler Effecte eine eben so gediegene als anziehende Arbeit darstellt.\nDie Ouvertüre, welche gleichzeitig auch eine exacte Aufführung er-\nfuhr, wurde allgemein beifällig aufgenommen. Wie wir hören, soll\ndieselbe dem Stiche übergeben werden, was um so willkommener\nerscheinen dürfte, als das Werk einfach orchestrirt und dadurch\nallgemeiner zugänglich ist.\nFrankfiirt a« M., 9. Juli. Am letzten Freitag hörten wir\nvon der italiänischen Operngesellschaft des Herrn Merelli 9il Matri-\nmoniu segreto\". Alle wahrhaften Musikfreunde Frankfurts schienen\nsich ein Rendezvous bei dieser Feierlichkeit gegeben zu haben. Der\ngespendete Beifall übertraf alles, was diese vortrefflichen Künstler\nin den früher aufgeführten Opern in unserem Theater erlebt haben.\nWo ein so enthusiastischer Beifall fast jede Nummer eines wahrhaft\nguten, für alle Zeiten geschriebenen Werkes krönt, dort haben Wag-\nner und Verdi keine Hoffnung, für unsterblich erklärt zu werden.\nEine Wiederholung dieser Oper findet heute Statt. A. S.\nHellblfOlltft? 4. Juli. Den Glanzpunkt des musicalischen Stre-\nbens unserer Stadt, seitdem Herr Musik-Director Mascheck sich\nder Leitung desselben angenommen hat, bildet unstreitig die alljähr-\nlich ein Mal Statt findende Aufführung eines grossen Oratoriums in\nden Hallen unserer Kilians-Kirche. Der gestrige Tag war dazu aus-\nersehen, uns für dieses Jahr mit Mendelssohn1 s „Elias\" zu er-\nfreuen. Vor drei Jahren hörten wir dieses grosse Meisterwerk hier\nzum ersten Male; dasselbe machte damals einen solchen gewaltigen\nEindruck, dass seine Wiederholung in diesem Jahre bei allen Musik-\nfreunden Anklang fand. Auch diesen Genuss haben wir dem Eifer\nund der Ausdauer unseres Musik-Directors Herrn Mas check zu\nverdanken, dem es gelungen ist, für die Gesang-Soli die Frau Dr.\nLeisinger, Fräul. Marschalk, Herrn Schütky von Stuttgart\nund Herrn Schlösser von Mannheim, und für die instrumentale\nPartie einen grossen Theil der k. Hofcapelle in Stuttgart zu gewin-\nnen, denen sich die hiesigen Kräfte würdig anschlössen und so ein\nEnsemble von etwa 200 Mitwirkenden bildeten. Es kann nicht un-\nsere Aufgabe sein, die einzelnen Leistungen hervorzuheben, oder eine\nTonschöpfung beurtheilen zu wollen, die in ihrer grossartigen An-\nlage von Meisterhand schon tausendfache Anerkennung gefunden\nhat; aber das dürfen wir mit gutem Gewissen sagen, dass die Aus-\nführung im Ganzen eine ausgezeichnete, exaete, würdige und durch-\nweg gelungene war, die von dem grossen Directions-Talente des\nHerrn Mascheck, welches schon die hingeschiedenen Meister Mendels-\nsohn und Spohr auf glänzende Weise anerkannten, das sprechendste\nZeugniss aufs Neue ablegte. Höchst erfreulich war es, die ausser-\nordentliche Theilnahme des Publicums von Heilbronn und nament-\nlich auch der Umgegend an dieser Production wahrzunehmen, weil wir\ndadurch zu der Hoffnung berechtigt sind, dass sich dieses Gefühl\nfür das Edle und Schöne erhalten und steigern werde. So sei denn\nunser wärmster Dank dargebracht dem keine Mühe scheuenden Co-\nmite des Oratorien-Vereins, der freundlichen Mitwirkung der k. Hof-\ncapelle in Stuttgart, den hiesigen Sängern, Sängerinnen und Musi-\nkern, vor Allen aber den höchst verdienstlichen Leistungen der\nDamen Leisinger und Marschalk und der Herren Schütky und\nSchlösser. Möge uns auch das nächste Jahr einen gleich schönen\nund eben so gediegenen Genuss bringen I\nNikolaus Rubinstein aus Moskau, der Bruder Anton Ru-\nbinstein's, der auch bei dem Musikfeste in Düsseldorf anwesend war,\nhat sich in Leipzig in Privatkreisen als Pianist hören lassen und\nallgemeine Bewunderung erregt»\nDeutsche Ton Ii alle*\nAuf mehrfach uns gestellte Anfrage wegen des Buches zur Ope-\nrette „Der Liebesring\", das Eigenthum des Vereins, machen wir\nhiedurch bekannt, dass wir solches jedem der (24) Herren Tondich-\nter, welche sich um den Preis für dessen Composition beworben ha-\nben und darüber ausweisen, in so weit zur Benutzung frei geben,\nals die Worte dieses Buches ein ergänzender, unzertrennlicher Theil\nder Operette, in der Partitur enthalten und sonach bei jeder Auf-\nführung einer und der anderen oder aller (24) Bewerbungen nöthig\nsind, ohne Abkommen mit uns aber sonst auf keine Weise gebraucht\noder vervielfältigt werden darf.\nMannheim, Juli 18G0. Der Vorstand."}]}