{"numero_id": "bm-bmtnabi-1860-09-22-01", "volume": "bmtnabi_1860-09-22_01", "ocr_sha256": "f32b30cbe3c6dfa7167052cd76ca3dbf463b92bb378a1b1b45e81a1bbc3146fd", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1860/09/22_01/bmtnabi_1860-09-22_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1860-09-22-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-09-22_01#c001", "volume": "bmtnabi_1860-09-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "305", "page_fin": "305", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "305", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 399, "texte": "Inhalt.\nBriefe von Adolphe Nourrit an Ferdinand Hiller. III» Das Passionsspiel in Oberammergau. Aus Frankfurt am Maui\n(Aufführung der Oper „Faniska\"). Von A. S. 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Nr. 37. 11. Nr. 38.) .\n„Neapel, den 7. Januar 1839.\n„Ich bedarf der Nachsicht meiner Freunde, denn ich\nbin dermaassen beschäftigt, und es gehen mir ausserdem\nso viele Gedanken durch den Kopf, dass ich kaum die\nHälfte von dem thue, was ich thun sollte und wollte. Seit\nlänger als vierzehn Tagen will ich Ihnen schreiben, und\njeden Morgen kommt mir eine gegründete Abhaltung da-\nzwischen. Und dann bin ich auch noch so ungewiss über\nmeine Zukunft in Italien, dass ich meine Entscheidung\ndarüber abwarten will, um sie allen, die an mir Theil neh-\nmen, mitzutheilen. Ich habe bei C angefragt, ob er\ngeneigt sei, Ihnen ein Libretto zu geben oder wenigstens\nzu verkaufen (er verkauft sie zu tausend Francs), aber er\nist auf ein Jahr lang besetzt, und ich kann das für Sie eben\nnicht sehr bedauern, obwohl er Talent hat; aber der Ge-\nschmack im Süden ist nicht für den Norden, und C\nkennt nur die Art von Opern, welche die neapolitanische\nCensur durchlässt. Es gibt allerdings noch einen alten\nDichter hier, dem es nicht an dramatischen Ideen fehlt;\naber er soll schlechte Verse machen, und heutzutage will\nman gut geschriebene Texte haben.\n„Den 11. Januar.\n„Den schlechten Anfang meines Briefes schrieb ich\nunter dem Einflüsse des Scirocco, und mir wurde so übel\nzu Muthe, dass ich nicht fortfahren konnte. Sie kennen\nglücklicher Weise den Scirocco noch nicht, und Gott be-\nwahre Sie vor dieser Bekanntschaft! Wenn dieser Wind\nvon Africa herüber weht, ist man nicht Herr über sich\nselbst; eine böse Influenza nimmt uns alle Kraft, irgend\netwas so, wie es sein muss, zu thun, man lebt dahin wie\nein krankes Geschöpf, man schleppt sich so lange fort, bis\nman irgendwo niedersinkt, und da bleibt man liegen. Und\ndiesen Wind haben wir ein oder zwei Mal in der Woche;\ner lässt uns die schönen Tage der Sonne von Neapel theuer\nerkaufen. Doch beute ist diese schöne Sonne wieder da,\nund ich benutze sie, meinen Brief zu vollenden.\n„Indessen fühle ich mich auch dadurch nicht ganz\nglücklich, und da die Direction keine einzige gute Rolle\nfür mich hat, und auch kein neues Meisterwerk für das\nnächste Jahr in Aussicht steht, so werde ich nicht über\nmeinen Contract hinaus in Neapel bleiben. Ich weiss nicht\neinmal, ob ich in Italien bleibe, trotz aller Anerbietungen\nfür Florenz, Turin, Lucca, selbst auch für Mailand; denn\nüberall verlangt man, ich solle vier Mal in einer Woche\nsingen, und ich will mich nur zu drei Vorstellungen ver-\nbindlich machen und allenfalls eine vierte, wenn ich mich\ndazu aufgelegt fühle, aber ohne Verpflichtung, zugeben.\nDas genügt den Directoren nicht: sie wollen durchaus vier\nverbürgte Abende. Ein anderes Hindemiss tritt meiner Ver-\nbindung mit Merelli entgegen: —er lässt sich nämlich auf\nkeine Bestimmungen über die Rollen ein, in denen ich auf-\ntreten soll; ich hätte gern für den Carneval eine neue Oper\nvon Donizetti, den Poliutto, oder eine für mich von\nMercadante geschriebene, aber ich kann von ihm keine\nBürgschaft dafür erlangen.\n„Wenn Ihre Oper nur aufgeführt wäre und Erfolg\ngehabt hätte, so wäre ich sicher, mit Ihnen zusammen\netwas machen zu können; aber wir bedürfen beide der\nUnterstützung, und es würde für uns gefährlich sein, zu-\nsammen zu debutiren, da wir beide mit neuen Ideen, mit\nfremder Art und Weise auftreten. An Geld setze ich in\nItalien zu; habe ich also nicht die Aussicht auf Ruhm, so\nsehe ich nicht ein, warum ich bleiben soll. Ja, es ist viel-\nleicht klug, wenn ich, um die Wirkung meines schönen\nErfolgs in Neapel nicht aufs Spiel zu setzen, damit schliesse\nund mich nach Paris wende, ob dort nicht vielleicht etwas\nfür mich zu machen sei. Jedoch ist mein Entschluss noch"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5088, "texte": "nicht gefasst; denn ich will auf Italien nicht eher verzich-\nten, als bis ich mich ganz überzeugt habe, dass mir auf\ndiesem Wege keine Zukunft blüht.\n„Ich habe von Paris mehrere hübsche Vorschläge er-\nhalten, aber vorläufig habe ich Alles abgelehnt; von Neapel\naus kann ich die Stellung nicht beurtheilen, die ich in Paris\nwieder einnehmen soll. Ich muss erst das ganze Treiben,\ndas Publicum, die Theater, die Dichter und Componisten\nmit eigenen Augen sehen, ehe sie mich wieder in ihre\nKlauen bekommen.\n„Das ist nun mein Zustand, mein theurer Freund:\nvon tausend streitenden Gedanken bewegt, heute dies, mor-\ngen jenes wünschend, und am Ende sehr wenig mit der\nGegenwart zufrieden und sehr ungewiss über die Zukunft.\nMöge Gott mich erleuchten und mich aus dem Lande der\nVerbannung führen, in welchem ich lebe!\n„Leben Sie wohl, bester Freund! Ich erlaube Ihnen,\nmich nicht zu beklagen und die Achseln zu zucken; denn\nich lasse mir selbst das Recht widerfahren, dass ich sehr\nunvernünftig und selbst manchmal lächerlich bin. Behalten\nSie mich lieb!\n„Ad. Nourrit.\"\n„Neapel, den 24. Januar 1839.\n„Lieber Freund!\n„Sie haben aus meinem letzten Briefe erralhen kön-\nnen, in welcher Stimmung mich der Ihrige finden musste.\nWenn ich trotz des Erfolgs mit meinem Aufenthalte in\nItalien unzufrieden bin, so können Sie denken, welchen\nEindruck die Nachricht auf mich gemacht hat, dass Sie\nIhre Oper für Sich behalten wollen, weil Sie sie gar nicht\ndem Stil und dem Geschmack der Italiäner angemessen\nfinden. Meine Frau, die weit philosophischer denkt, als\nich, hatte wie eine Römerin an Frau Hiller geschrieben,\neinen Brief voll von starken Grundsätzen über die Verach-\ntung des Erfolgs und über das leichtfertige Urtheil der\nWelt; aber ich war so dreist, den Brief nicht nach mei-\nnem Geschmack zu finden, und er wurde zerrissen. Ich\nwollte Ihnen einen schreiben, der mehr mit der trüben\nStimmung, die mich beherrschte, harmonirte, und dadurch\nliess ich mich hinreissen, ein Pasquill auf die musicalischen\nAnsichten dieses Landes zu machen. Ich habe den Stab\nüber mich selbst gebrochen, und mein Brief hat dasselbe\nSchicksal wie der meiner Frau gehabt. Darüber ist die\nletzte Post abgegangen, ohne ein Wort von uns für Sie\nmitzunehmen. Jetzt will ich suchen, zwischen meiner Ver-\nstimmung und dem edlen Stolze meiner Frau die Mitte zu\nhalten, und mag's werden, wie es wolle mein Brief\nsoll fort.\n„Sie werden mir nicht böse sein, lieber Freund, wenn\nich nicht so ganz Philosoph bin, wie Sie, und das Still-\nschweigen, wozu Sie Sich jetzt mit Entsagung enlschiies-\nsen, nicht so leicht nehme, wie Sie, da ich kein junger\nMann mehr bin, wie Sie, und die Tage zähle, in denen mir\nnoch vergönnt ist, mich der Bühne zu widmen. Ich baute\nschöne Träume auf Ihren Erfolg, ich sah uns bald vereint\nund dann mit einander auf einer neuen Bahn wandeln;\nich wähnte, der Augenblick sei gekommen, in Italien die\ndeutsche Harmonie und die französische Declamation zur\nGeltung zu bringen und dabei dennoch der italiänischen\nMelodie ihr schönes Recht zu bewahren und nun muss\nich diese Hoffnung wieder vertagen! Indess, ich will mich\nbestreben, eben so vernünftig zu sein, wie Sie, und Ihr\nMuth soll den meinigen stählen.\n„Ich sehe ein, dass Sie tausend Mal Recht haben,\ndenn Sie stehen auf dem ungünstigsten Boden: Sie sind\nein Deutscher, und das wird immer ein Missklang für die\nmailänder Ohren sein, und dann treten Sie mit fremdarti-\ngen Weisen auf. Wäre es in ganz Neapel nicht bekannt\ngewesen, dass ich acht Monate lang gestrebt, mich zu ita-\nlianisiren, so hätte man mich gar nicht angehört; als man\nmich nun hörte, glaubte man, ich hätte alles, was ich kann,\nin acht Monaten gelernt, und desshalb rief man Wunder\nüber Wunder. Das ist das Geheimniss meines Erfolgs*)!\n„Wie leid thut es mir, dass ich jetzt nicht bei Ihnen\nbin! Was hätte ich Ihnen nicht alles zu sagen, um einen\nneuen Feldzugsplan für Sie zu entwerfen! Ich wünschte\nvor Allem in der Lage zu sein, Ihnen aul andere Weise,\nals bloss mit gutem Rathe, zu dienen; ich möchte gern mit\nLeib und Leben in der ersten Schlacht, die Sie liefern\nwerden, einstehen.\n„Ich erwarte eine letzte Antwort von Merelli, die mich\nbestimmen wird; wie es auch kommt, so werde ich doch\nwohl dieses Jahr noch in Italien bleiben, und vielleicht be-\ngegnen wir uns dann noch irgendwo. Halten Sie mich ja\nstets in Kenntniss von dem, was Sie thun.\n„Ich selbst freilich kämpfe gegen die Anfälle von\nHeimweh an und mühe mich ab, meine Vernunft gegen\nmeine Wünsche stark zu machen; ich trachte, Paris zu\nvergessen, weil meine Freunde der Ansicht sind, dass ich\njetzt noch nicht wieder zurück kommen soll. Desshalb habe\nich auch ganz hübsche Anträge abgelehnt; es war sehr\nlockend, allein ich habe dem Reize widerstanden, und ob-\nwohl ich hier nicht sehr zufrieden mit meiner Lage bin,\nso muss ich doch dem Rathe meiner Freunde, die mich\nlieb haben, folgen und mich in Geduld fügen.\n\n*) Man sieht, wie Unruhe und Heimweh Nourrit's gesundes Ur-\ntheil schon so geschwächt hatten, dass er ungerecht gegen sich\nselbst und gegen das Publicum, das ihm Beifall gezollt, ge-\nworden war."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4840, "texte": "„Da bin ich aber wieder daran, von mir zu sprechen,\nund wollte doch nur an Sie denken. In der That aber ist\ndas alles in meinen Gedanken so mit einander verbunden,\ndass ich mich mit Ihrer Zukunft in Italien nur in der Art\nbeschäftigen kann, dass ich an die Möglichkeit denke, uns\nwieder zusammen zu finden und zusammen etwas ins Werk\nzu setzen.\n„Weder Sie noch ich können jemals in diesem Lande\nvollkommen glücklich sein, uns vollkommen wohl fühlen;\nwir werden beide das gelobte Land wiedersehen, und es\nkann für uns nur davon die Rede sein, wie lange wir noch\ndie Verbannung ertragen, um aus unserer gegenwärtigen\nUnbehaglichkeit Vortheil für unsere Zukunft zu ziehen.\n„Vorwärts denn gegen Wind und Flut! Wenn ich\nmich mit Merelli einige, so werde ich mich bemühen, Ihnen\nhier ein Libretto anfertigen zu lassen, das unseren beider-\nseitigen Absichten angemessen ist, ohne jedoch das Gefühl\nder Italiäner zu stark zu verletzen. Wenn ich das Glück\nhabe, meine Fahne auf dem Theater Deila Scala aufzu-\npflanzen, so müssen wir hoffen, dass ich Macht genug er-\nlange, Ihre Musik zu Gehör zu bringen, und hört man sie\nan, so muss sie auch gefallen.\n„Trotz aller Sehnsucht, die ich habe, Sie wiederzu-\nsehen, dürfen Sie Sich doch nicht wundern, dass ich Sie\nnicht auffordere, nach Neapel zu kommen. Der Neapolita-\nner macht alle Mal ein saures Gesicht, so oft er die Worte\nMusica francese oder Musica teclesca ausspricht.\n„Von Herzen der Ihrige.\n„Ad. Nourrit.\"\nDies war der letzte Brief, den Nourrit an Ferdinand\nHiller schrieb.\nSechs Wochen darauf, am 8. März, fand man seinen\nKörper zerschmettert auf dem Pflaster im Hofe des Hau-\nses, das er\" bewohnte.\nKein neues Ereigniss war eingetreten. Seine Lebens-\nweise war dieselbe geblieben. Wenn er zuweilen unzu-\nfrieden und verstimmt und unruhig über die Zukunft war,\nwie er sich in seinen Briefen schildert, so war er doch\nstets gut und liebevoll. Und vom Heimweh sollte er ja\nbald genesen. So glaubte man wenigstens! Oft war in der\nFamilie und unter seinen Freunden die Rede von nahe\nbevorstehender Abreise und Rückkehr in das Vaterland;\nman erwartete mit Ungeduld das Ende der Verbindlich-\nkeiten, die ihn noch fesselten. Leider sollten nur seine\nsterblichen Ueberreste Frankreich zurückgegeben werden!\nDas Uebel hatte reissende Fortschritte gemacht. Am\n6. März war er bei Madame Eugenie Garcia, und man\nbat ihn, einige Zeilen in ein Album zu schreiben. Er dich-\ntete folgende Verse:\nSi tu m'as fait ä\n0 Dieu! l'arbitre de mon sort,\nDonne-moi le courage,\nOu donne-moi\nMon äme, en proie ä la souffrance,\nEst pres de succomber;\nDans l'abhne oü meurt l'esperance,\nAh! ne nie laisse\nAuf den liebevollen Vorwurf der Freunde über den\nmelancholischen Inhalt dieser Zeilen antwortete er lächelnd:\n„Das ist ein Lied, eine Arie, die Cavatine eines unglück-\nlichen Tenoristen; man wird es componiren.\"\nAm 7. März liess er sich früh am Morgen bei der Di-\nrection krank melden; er könne diesen Abend nicht singen.\nDann ging er aus und richtete seinen Weg langsam nach\nder schönen Promenade Villa-Reale. Hier begegnete er\neinem Freunde, Herrn Guillaume Cottrau**). Er nahm ihn\nbeim Arm, und sie gingen nach einer Bank auf der Ter-\nrasse am Meere, wo der Blick die prachtvolle Aussicht\nbeherrscht.\nHier schüttete er in fieberhafter Aufregung vor dem\nFreunde zum letzten Male sein ganzes Herz aus.\n„Matt und krank, von trüben Gedanken umlagert,\nwas soll ich hier, ohne Macht, ohne Willen! Ich vermag\nnicht mehr, wie in Paris, die Masse zu ergreifen und hin-\nzureissen! Die Kunst bedarf der Freiheit, und ich bin nicht\nfrei. Ich bin ein Fremder, ein Geächteter! Ich spreche eine\nSprache, die nicht meine Sprache ist, und die mich anhö-\nren, vernehmen eine Sprache, die nicht ihre Sprache ist.\nIch habe Alles der Kunst geopfert, und die Kunst verräth\nmich! Ich habe mich erheben wollen, und ich sinke herab!\"\n—Aber, mein theurer Nourrit! wie können Sie Ihren\nFreunden so das Herz zerreissen und sich mit Lust quä-\nlen? Was mangelt Ihnen denn? Sind Sie denn nicht stolz\nauf den Empfang, den Ihnen das Publicum jeden Abend\nbereitet? Ich begreife Sie nicht.\n„Ach, dieser Beifall ist nicht aufrichtig! Die Quelle\ndesselben ist Gutmüthigkeit; man zahlt damit die Schuld\nder Gastfreundschaft ab. Dieser Beifall ist Mitleid; denn\nmein Talent ist dahin, ich bin nicht ich mehr, ich bin\n\n*) Wenn Du mich schufst nach Deinem Bilde,\nMein Gott! Herr über Freud' und Noth!\nSo gib mir Math, mein Loos zu tragen,\nWo nicht, so gib mir, Herr, den Tod.\nDie Seele, wildem Schmerz zur Beute,\nIn Angst um Rettung wirbt;\nLass mich nicht in die Nacht versinken,\nWo jede Hoffnung stirbt!\n**) G. Cottrau war der ältere Bruder des talentvollen Malers Fe-\nlix Cottrau, der vor einigen Jahren in Pari« gestorben ist»\nBeide waren zu Neapel von französischen Eltern, die sich un-\nter Murat's Regierung dort niedergelassen hatten, geboren.\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2866, "texte": "nichts mehr, und lassen Sie mich Ihnen meine innerste\nUeberzeugung aussprechen man täuscht mich, ich bin\nder Spielball des Publicums.\"\nEs war damals ein Sänger am Theater San Carlo, der\nsich lächerlich machte, sobald er den Mund aufthat, und\ndabei ein eitler Geck war. Man hätte ihn ausgepfiffen, wenn\ndas in Neapel erlaubt gewesen wäre; übrigens wurde er\nauch von bedeutenden Personen begünstigt. Man verfiel\nauf den Gedanken, ihn ungeheuer zu beklatschen; so wie\ner auftrat, gingen die Bravo's von allen Seiten los, nach\njedem Stücke wurde er gerufen, und der arme Mensch,\nder allein nichts von dem Complot wusste, das ein öffent-\nliches Geheimniss war,- kam strahlend vor Freude und\nStolz auf die Bühne und verneigte sich dankend. Nun hielt\nsich Nourrit in seiner unseligen Stimmung ebenfalls für\nden Gegenstand einer ähnlichen Ironie.\nEs gelang dem Freunde, ihn zu enttäuschen. „Ja, ja»\nich bin verrückt!\" sagte Nourrit; „ich fühle es, ich ver-\nliere den Verstand. Hören Sie, eine heilige Zusage verlange\nich von Ihnen wo ist hier das Irrenhaus?\"\nDurch liebevolles Zureden gelang es dem Freunde,\nihn zu beruhigen. Sie verliessen den Platz. Nourrit be-\nmerkte den Anschlagzettel für die Tages-Vorstellung und\nlas, dass der Ertrag für einen bedürftigen Künstler be-\nstimmt sei. „Ah!\" —sagte er : „eine gute That! ich\nwill auch meinen Theil dazu beitragen.\" Er ging zum Di-\nrector und sagte ihm, er fühle sich wohler, sei gut bei\nStimme und werde singen.\nUnd er sang herrlich! Nie war seine Stimme bezau-\nbernder und reiner gewesen. Alles war entzückt und ju-\nbelte ihm Beifall zu. Er kam nach Hause und ass, wie ge-\nwöhnlich, mit seiner Frau und seinen Kindern zu Nacht.\nEr war ruhig, und als er zu Bett ging, schien er ganz\nglücklich über seinen Abend, seinen Erfolg und das gute\nWerk, das er gethan. Die Vorstellung halte lange ge-\ndauert, und es war bereits spät geworden.\nNichts störte die Stille der Nacht. Beim Anbruch des\nTages weckte ein unheimlicher Schall die unglückliche\nGattin, die unglückliche Mutter. Sie sieht auf, sie ist allein.\nEine Thür, die sie verschlossen hatte, steht offen, und\ndiese Thür führt auf das flache Dach des Hauses. Sie\nstürzt hinauf—das entsetzliche Opfer war vollbracht.\nIhr blieb nur noch eine letzte Pflicht zu erfüllen.\nSie brachte die zerschmetterte Leiche, die sie mit ihren\nThränen gebadet, nach Paris. Dann brach ihr Herz vor\nGram.\nDie Exequien für Nourrit wurden zu Neapel in der\nKirche der heiligen Brigitta unter ausserordentlichem Zu-\ndrang gefeiert. Der Anschlag an den Kirchthüren lautete:\nSacri Offici\nA Luigi Adolfo\nArÜsta melodrammatico\nIn questo tempio dove il Dolente\nA se pregava\nFanno celebrare i Com\n0 Fed\nQui orci preghiamo pcrclde l'otienga\nNel seno della Pietd sempiterned).\nIn Paris wurde bei der Gedenkfeier in der Kirche\nSaint-Roch Cherubini's Requiem von den berühmtesten\nKünstlern ausgeführt**).\n1"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-09-22-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-09-22_01#c003", "volume": "bmtnabi_1860-09-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "308", "page_fin": "310", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.2.3", "titre_corps": "Das Passionsspiel in Oberammergan", "titre_sommaire": "Das Passionsspiel in Oberammergan", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.4", "debut_caractere": 2868, "fin_caractere_exclue": 4974, "texte": "Das Passionsspiel in Oberammergan\n***\\\nr\nDer bedeutende Eindruck des Spiels hat allerdings\nzum grossen Theil seinen Grund in der Natur des Stoffes\nselbst. Aber in nicht geringerem Maasse hat an diesem Er-\nfolge auch die Darstellung Theil, die, wenn auch kei-\nneswegs ohne sehr fühlbare Mängel, doch im Ganzen eine\nso angemessene, würdevolle und von natürlicher Wärme\ndurchdrungene war, dass durch sie der Stoff zu derjenigen\nBedeutung, die er für das christliche Gemüth zu allen Zei-\nten besitzt, noch das Interesse einer spannenden und er-\ngreifenden Dichtung empfing, dergestalt, dass die versam-\nmelten Zuschauer der einem Jeden von frühester Kindheit\nan bekannten Geschichte um der Form willen, in der sie\nhier geboten wurde, acht bis neun Stunden hindurch mit\neiner Spannung und Theilnahme folgten, als ob sie hier\nzum ersten Male von ihr erführen; und zwar nicht bloss\nZuschauer aus der Classe des Landvolkes, denen eine thea-\ntralische Vorstellung überhaupt etwas sehr Seltenes oder\nvöllig Neues ist, sondern in kaum geringerer Anzahl Zu-\nschauer aus grösseren Städten und höheren Ständen, die\nsonst schon zu jammern pflegen, wenn ein Stück, das sie\nzum ersten Male sehen und welches ihnen von geübten\n*) „Die letzte heilige Pflicht weihen L. Ad. Nourrit, dem ausge-\nzeichneten melodramatischen Künstler, in diesem Tempel, wo\nder Schmerzbeladene für sich um Ruhe flehte, seine Kunstge-\nnossen und Freunde. Lasst uns, o ihr Gläubigen, jetzt hier\nbeten, dass sie ihm werde im Schoosse der ewigen Liebe.\"\n**) Von Nourrit's Familie lebt in Paris sein Sohn, Doctor der\nRechte, in geachteter Stellung Eine Tochter ist an Lebouc,\neinen der besten Violoncellspieler in Paris, verheirathet; eine\nandere, Namens Eugenie, genannt Schwester Marie Josephine\nvon Nazareth, starb im März d. J. in ihrem siebenundzwanzig-\nsten Jahre im Kloster zu Paris.\n***) Einem sehr interessanten Berichte über die diesjährige Auffüh-\nrung des Passions s p i el s in Oberammergau von Adolf\nZeising in den wiener „Recensionen* entnehmen wir aus-\nzugsweise diejenigen Hauptstellen, welche die Darstellung\nbetreffen. Die Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5528, "texte": "Schauspielern vorgeführt wird, mehr als dritthalb Stunden\nihre Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.\nIn nicht geringem Grade wurde dieser Erfolg durch\ndie sehr zweckmässige Bühnen-Einrichtung unter-\nstützt. Der ganze zum Theater eingerichtete Raum besteht\nin einem grossen, vor dem Dorfe inmitten schön bewalde-\nter Berge gelegenen, von hohen Bretterwänden umschlos-\nsenen Platze von der Form eines länglichen Vierecks. Den\ngrösseren, nach Süden liegenden Theil desselben nimmt\nder Zuschauerraum ein. Dieser fasst auf einer beträchtli-\nchen Anzahl hinter einander aufsteigender Sitzreihen mehr\nals 6000 Personen und ist in verschiedene Abtheilungen\nmit besonderen Eingängen abgetheilt, für welche verschie-\ndene Preise gezahlt werden. Unmittelbar vor der vorder-\nsten Sitzreihe ist das Orchester aufgestellt. Den kleineren,\nnach Norden gelegenen Theil des Vierecks nimmt die\nBühne ein. Sie befindet sich mit dem Orchester und der\nuntersten Sitzreihe des Zuschauerraumes in gleicher Höhe,\nist aber von beiden durch ein etwa zwanzig Fuss breites\nProscenium getrennt. Dieses ist vorzugsweise für die Auf-\nzüge und Vorträge des Chors bestimmt, doch wird es in\nvielen Scenen auch für die eigentliche Action benutzt. Die\nSeitenwände desselben sind architektonisch decorirt und\njede derselben mit einem Eingange versehen, der für den\nein- und abtretenden Chor bestimmt ist. Die Bühne selbst\nzerfällt der Breite nach in drei Abtheilungen. Die mittlere\nderselben ist die eigentliche Hauptbühne und mag eine\nBreite von vierzig Fuss haben. Sie ist durch einen Vorhang\nvom Proscenium getrennt, der den Prospect einer Strasse\nvon Jerusalem darstellt. Ueber demselben befindet sich ein\nFrontispiz mit allegorischen Figuren. Der Raum hinter\ndem Vorhange stellt in verschiedenen Scenen verschiedene\nOertlichkeiten dar, z. B. die Vorhallen des Tempels, das\nSynedrium, den Saal, in welchem das Abendmahl gehal-\nten wird, den Garten von Gethsemane, Golgatha u. s. w.\nAusserdem wird er für die Darstellung der lebenden Bil-\nder benutzt. Zu beiden Seiten dieser Mittelbühne befinden\nsich zwei Seitenbühnen, schmäler als die Hauptbühne, aber\nvon gleicher Tiefe. Beide stellen Strassen von Jerusalem\ndar. Jede derselben ist von der Hauptbühne durch ein\nHaus getrennt, welches den Zuschauern die Giebelseite\nzuwendet. Das eine dieser Gebäude (rechts, vom Zuschauer\ngerechnet) stellt die Wohnung des Hohenpriesters Annas,\ndas andere die des Pilatus vor. Jedes derselben hat unten\neinen Eingang und im oberen Stocke einen Altan, der\ngleichfalls zur Darstellung von Handlungen benutzt wird.\nVon nicht minder günstiger Wirkung war die Costu-\nmirung. Was die Oberammergauer in diesem Betracht\nleisten, geht ohne Frage über alle Erwartungen hinaus, die\nselbst ein verwöhnter Grossstädter mitbringt. Denn unter\nden etwa fünf- bis sechshundert Personen, welche theils\nbeim Spiele selbst, theils bei den Tableaux mitwirken,\ndürfte sich kaum eine finden, die nicht in einer ihrer Rolle\nentsprechenden und bühnenwirksamen Weise ausgestattet\nwäre und zu dem Eindruck orientalischer Pracht und Uep-\npigkeit, den man namentlich bei Darstellung der Grossen\nund der Massen zu erzielen gesucht hat, in ihrer Weise\nbeitrüge.\nBei der Costumirung der heiligen Personen ist man\nim Allgemeinen der Observanz der bildlichen Darstellun-\ngen gefolgt. Unter ihnen entsprach vor allen anderen die\nPerson Christi, in dem zugleich schlicht und erhaben wir-\nkenden violetten Gewände mit dunkelrothem Mantel, ganz\ndem Bilde des Heilandes, wie wir es aus den Gemälden\nder berühmtesten Meister in uns aufgenommen haben, wozu\nfreilich nicht bloss Schnitt und Farbe der Kleider, sondern\nauch die natürliche Gestalt und Gesichtsbildung des Dar-\nstellers, sein Gang und seine Haltung, die Art, wie er Haar\nund Bart trug, der sanfte Blick seines Auges und der zu-\ngleich milde und eindrucksvolle Klang seiner Stimme in\nhohem Grade mitwirkten. Der diesjährige Darsteller war\nnicht derselbe, welchen Devrient gesehen hat. Aber wenn\ndieser von dem damaligen Christus sagt: „Nicht nur sein\nAussehen, auch seine Bewegungen waren wie aus mittel-\nalterlichen Bildern herausgewachsen. Die Haltung der\nArme, der Hände, der leichte und doch so ruhige Gang,\nAlles im frommsten Stile und doch vollständig natürlich\nund ungesucht. Man sah, die Darstellung war nicht ange-\nlernt, sie war angelebt\", —so darf dies mit demselben\nHechte auch von dem Christus der diesjährigen Vorstellung\ngesagt werden. Das Einzige, was den idealen Eindruck,\nwelchen er machte, zuweilen störte, war, dass er, dem Dia-\nlekt seiner Heimat gemäss, statt „Vater\", hier und da\n„Valter\", und statt „Mutter\", umgekehrt „Muter\" sprach\nund in seiner Accentuation einige Mal mehr als wünschens-\nwerth an den Kanzelton erinnerte. Nächst Christus waren\nbesonders Johannes und Judas sehr charakteristisch und\nunmittelbar erkennbar wiedergegeben, jener in rothem Un-\nterkleide mit grünem Ueberwurf, das Haar gerade geschei-\ntelt, von jugendlich schlanker Gestalt, dieser in hochgelbem\nGewände, von fahler Gesichtsfarbe und mehr eckigem, in\nsich zusammengezogenem Gliederbau. Weniger hat uns\nPetrus befriedigt; namentlich machte seine Haartracht einen\netwas befremdenden Eindruck. Als sehr zweckmässig und\nwohlgefällig für das Auge verdient jedoch noch die Costu-\nmirung des Chors hervorgehoben zu werden. Sämmtliche\nsiebenzehn Personen desselben, gleichviel,ob männliche oder\nweibliche, trugen lange, faltige Untergewänder von ver-\nschiedenen Farben, darüber weisse Ueberwürfe von leich-\ntem, durchsichtigem Stoffe, die etwa bis zur Mitte der"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4096, "texte": "Schenkel hinabreichten, und hinten leicht bis zum Boden\nherabfallende Mäntel von einer Farbe, die zu der Farbe\ndes Untergewandes in einem angenehm wirkenden Gegen-\nsatze stand.\nTrugen schon diese Aeusserlichkeiten nicht wenig zu\ndem ausserordentlichen Eindruck, den das Ganze machte,\nbei, so muss doch der Hauptgrund der erhebenden und\nergreifenden Wirkung in der eben so exaeten und leben-\ndigen, wie edlen und würdevollen Durchführung der Action\nselbst und in der Wärme und Hingebung, mit welcher je-\nder der Mitwirkenden die ihm zugetheilte Aufgabe wie\neine heilige Pllicht zu lösen bemüht war, gesucht werden.\nWenn Clarus in seiner Schrift über das oberammergauer\nPassionsspiel mit Beziehung hierauf sagt: „Auf keinem\nTheater habe ich einen so wohlgelungenen Anstand gese-\nhen, vielmehr ist der Art alles, was ich zu sehen bekom-\nmen, eine lächerliche Unzulänglichkeit und grobe Statisten-\nUngeschicklichkeit gewesen; hier aber war Alles Leben\nund verschönerte, oder besser: veredelte Natürlichkeit\",\nso muss ich bekennen, dass ich bei der trefflichen Art und\nWeise, mit der insbesondere die Volksscenen dargestellt\nwurden, etwas Aehnliches empfunden habe. Und so zeich-\nnete sich überhaupt die ganze Vorstellung durch einen\nmerkwürdig correcten Fortgang und ein überraschend\nexaetes Zusammenspiel aus.\nBedeutend schwächer in ihren Leistungen als die Män-\nner (Christus, Judas, Johannes, Petrus und die anderen\nApostel) waren die heiligen Frauen, namentlich Maria\nund Maria Magdalena. Schon in ihrem äusseren Erscheinen\nmachten sie nicht einen gleich würdigen Eindruck wie die\nMänner, und noch mehr blieben sie in Stimme und Rede\nhinter denselben zurück. Sehr zufriedenstellend wurden da-\ngegen im Allgemeinen die profanen Rollen ausgeführt.\nAnnas war ein würdiger Repräsentant des alten, verstock-\nten, Kaiphas des jüngeren, leidenschaftlichen Fanatikers.\nAuch unter den übrigen Mitgliedern des hohen Rathes\nwusste fast Jeder seinen Hass gegen Christus in eigentüm-\nlicher Weise an den Tag zu legen. Zu den besten Leistun-\ngen gehörte ferner die Darstellung des Pilatus durch den-\nselben Mann, der vor zehn Jahren mit ausgezeichnetem\nErfolg den Christus dargestellt hat.\nFast noch bewunderungswürdiger als bei der Darstel-\nlung der dramatischen Scenen documentirte sich der den\nOberammergauern eigenthümliche Sinn für Anmuth und\nWürde bei der Anordnung und Ausführung der Chor-\nPartieen. Es herrschte darin eine Einfachheit und Wohl-\nangemessenheit, die entschieden an die Vorstellungen, welche\nwir uns vom Chor der griechischen Tragödie machen müs-\nsen, erinnerte, und nicht unwahrscheinlich ist auch ein ähn-\nlicher Eindruck von dem letzten Redacteur des Textes be-\nabsichtigt. Schon die Wahl der dabei mitwirkenden sie-\nbenzehn Persönlichkeiten war im Ganzen eine sehr glück-\nliche. Unter den männlichen wie unter den weiblichen Per-\nsonen war kaum eine, die nicht, durch das Costume geho-\nben, einen sehr vorteilhaften Eindruck gemacht hätte;\nund insbesondere entsprach Gestalt, Gesichtsbildung und\nAusdruck des Chorführers ganz der bevorzugten Stellung,\ndie ihm anvertraut war. Noch mehr aber leisteten sie den\nästhetischen wie den religiösen Ansprüchen durch die Art\nund Weise ihrer Action Genüge.\nOhne immer streng charakteristisch oder gar drastisch\nzu sein, waren die Gesten des Chors stets dem Auf- und\nAbwogen des Gefühls entsprechend, stets von religiöser\nWeihe und Innigkeit und stets von an sich wohlgefälliger\nEurhythmie. Auch in dieser Beziehung ging der Chorführer\nden Uebrigen mit sicherem Schönheitssinne voran, wie er\ndenn auch im Vortrage, besonders im oratorischen und\nrecitativischen, das Vorzüglichste leistete, während die mehr\nariosen Gesang-Vorträge meist von Anderen ausgeführt\nwurden. Dass diese, nicht alle in gleichem Maasse befrie-\ndigten, liegt in der Natur der Sache; indess war keiner\nunter ihnen, der wirklich anstössig gewirkt hätte, und ins-\nbesondere muss hervorgehoben werden, dass hier auch un-\nter den Frauen mehrere recht Anerkennenswerthes leiste-\nten und die in den dramatischen Scenen mitwirkenden\nFrauen entschieden übertrafen.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-09-22-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-09-22_01#c004", "volume": "bmtnabi_1860-09-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "310", "page_fin": "311", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.2.4", "titre_corps": "Aus Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Aus Frankfurt am Main.", "signature_source": "A. 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Die Haupt-\nrollen waren in den Händen der Herren Pichl er (Za-\nmoski) und Meyer (Rasinski), ferner der Fräulein Carl\n(Faniska) und Medal (Moska). Herr Baumann war\nRasno, „der Wegweiser im Gebirge\". Und der Erfolg\ndes Ganzen? Leider ein wenig erfreulicher, und zwar des\nLibretto wegen, wesshalb ja, wie bekannt, diese Oper sich\nnirgends eine bleibende Stätte erringen konnte. Gleiches"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2132, "texte": "Schicksal aus gleichem Grunde hatten auch des Meisters\nLodoiska und andere seiner Opern noch. Cherubini's Wirk-\nsamkeit für das Theater fiel unglücklicher Weise in die\nPeriode der so genannten „Rettungsgeschichten\", von de-\nnen alle Bühnen Europa's überschwemmt worden. Unsere\nZeit kann diesen Stoffen keinen Geschmack abgewinnen,\ndie, in Bezug auf Erfindung und Verarbeitung meist über\nEinen Leisten geschlagen, an Albernheit manche verfehlte\nProducte der Gegenwart noch übertreffen. Und solche Mär-\nchen, für Spinnstuben geeignet, waren dem erhabenen\nSchöpfergeiste Cherubini's geboten, dessen Musik in jedem\nseiner Werke eine gewaltige Kraft, Fülle der Harmonie\nund Schönheit der Melodie in überreichern Maasse entfaltet!\nVollends in der Charakterzeichnung steht dieser Meister\nauf der höchsten Stufe. In dieser Beziehung ist seine Fa-\nniska eine ungeheure Leistung, die nach dem Urtheile der\ngediegensten Sachkenner früherer Zeit den höchsten Stand-\npunkt behauptet und des Meisters Medea noch bei Weitem\nüberragt. Von Nummer zu Nummer steigt unser Entzücken,\nunsere Bewunderung. Und nebenbei die interesselose Hand-\nlung! 0, das ist zu grosses Missgeschick, von dem die\nOpernmusik im Allgemeinen getroffen wird! Es dürfte die\nZeit kommen, wo zur Anfertigung besserer Bücher zu meh-\nreren der Cherubini'schen Opern hohe Preise ausgesetzt\nwerden, um sie vor gänzlichem Untergange zu retten, und\nsolche Thaten werden ihren Urhebern wie auch der Epoche\neben so ehrende Denkmäler errichten, wie das Bauen von\nMuseen und Kunsttempeln. Einstweilen wird sich wohl je-\nder wahrhafte Musikfreund in unserem Frankfurt der Büh-\nnen-Verwaltung zu Dank verpflichtet fühlen, die passende\nGelegenheit wahrgenommen zu haben, einen der allerhöch-\nsten Triumphe dramatischer Opernmusik aus der classi-\nschen Zeit wieder zu Gehör zu bringen. Ist auch dieser\nausserordentlichen Erscheinung der oben bezeichneten Ge-\nbrechen wegen nur ein kurzes Dasein beschieden, so müs-\nsen wir alle es für einen grossen Gewinn erklären, Zeu-\ngen der Wiedererstehung gewesen zu sein und unseren\nmusicalischen Horizont um ein Bedeutendes erweitert zu\nsehen.\n\nA. S."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-09-22-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-09-22_01#c005", "volume": "bmtnabi_1860-09-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "311", "page_fin": "312", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.7", "debut_caractere": 2134, "fin_caractere_exclue": 6370, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAacSaesa* Der italienische Tenor Signor Carrion hat sein\nGastspiel von sechs Rollen hier beendigt. Derselbe sang den Ed-\ngardo, Arnold 2 Mal, Ernani und Almaviva 2 Mal. Sein anspruchs-\nloses Benehmen hatte das Theater-Personal bestimmt, ihm nach der\nletzten Vorstellung einen schönen Lorberkranz auf weissem Atlass-\nkissen zu überreichen.\nE. Krähmer's preisgekrönte Operette „Der Liebesring® wird im\ngrossherzoglichen Hoftheater in Mannheim und im k. k. priv. Carl-\nTheater in Wien zur Aufführung kommen. Derselbe Componist hat\nso eben eine dreiactige lyrisch-komische Oper, „Der Veteran\", voll-\nendet, zu welcher Ludwig Thürmayer den Text schrieb.\nFrankfurt a. M. Bei der im „philharmonischen Verein\"\nvorgenommenen Wahl zur Wiederbesetzung der durch das Hinschei-\nden Franz Messels erledigten Stelle des musicalischen Directors ist\ndurch Stimmeneinhelligkeit sämmtlicher Mitglieder Herr Heinrich\nHenkel zu diesem Amte berufen worden. Marschner, der ge-\ngenwärtig hier weilt, wird von seinen Verehrern vielfach gefeiert.\nDie hiesige Oper brachte ihm zu Ehren seinen „Vampyr\", der „Lie-\nderkranz\" hielt einen Festabend u. dgl. m.\nVieuxtemps hat sich kürzlich in Frankfurt a. M. ein schö-\nnes Haus gekauft, das er abwechssind, je nach der Jahreszeit, mit\nseiner reizenden Landbesitzung „Dreieichenhain\" nächst Frankfurt\nbewohnen wird Die frühere Nachricht von der Absicht des Künst-\nlers, die Carriere des reisenden Virtuosen zu beschliessen und in\nFrankfurt eine Kunstschule zu errichten, gewinnt durch diese Fixi-\nrung die Aussicht, nächstens in Wirklichkeit zu treten.\nKarlsruhe. Die Orchester-Concerte der grossherzoglichen\nHofcapelle, nach vieljährigem Andringen vor einigen Jahren endlich\nins Leben gerufen, mussten leider nach kurzem Bestehen wieder auf-\nhören, weil ihr materieller Ertrag für die Musiker allzu gering aus-\nfiel, eine Thatsache, welche im Interesse des künstlerischen Fort-\nschrittes der Hofcapelle wie der Freunde der symphonischen Musik\nsehr zu beklagen ist, übrigens von der Opferfreudigkeit der ersteren\nkein günstiges Zeugniss ablegt. Seitdem müssen wir den Genuss\neiner Sinfonie entbehren, wenn nicht gerade irgend ein anderes Con-\ncert zur Vorführung derselben passenden Anlass gibt.\n(Südd. M.-Z.)\nStuttgart« Am 26. August verschied im einundsiebenzigsten\nLebensjahre der bekannte Lieder-Componist Friedrich Silcher\nin dem benachbarten Tübingen, wo er seit mehr als vierzig Jahren\ndie Stelle eines akademischen Musik-Directors bekleidet hatte. Seine\nVerdienste um Hebung des deutschen Volksgesanges würden ihm ein\nbleibendes Andenken selbst dann sichern, wenn er auch nicht selbst\neinzelne herrliche Lieder componirt hätte, weiche die Kunde durch\nalle Länder gemacht und im londoner Krystallpalaste eben solche\nBegeisterung erregt haben, als beim schwäbischen Wettsingen. Ich\nmeine unter vielen anderen seine „Loreley0, „Aennchen von Tharau\",\nseine „Hohenstaufen-Lieder*. Die Beerdigung fand zu Tübingen am\n28. August mit allen akademischen Ehren unter namhafter Theil-\nnahme aller Schichten der Bevölkerung Statt. Friede seiner Asche!\nSeine Stelle bekleidet seit Ostern d. J., wo er sich wegen des schwe-\nren Leidens, das jetzt seinem Leben ein Ende gemacht hat, pen-\nsioniren liess, Professor Otto Scherzer,\nSilcher war 1789 in Remsthal geboren und widmete sich An-\nfangs dem Lehrstande. Seine vielfachen musicalischen Verdienste als\nLeiter des tübinger Oratorien-Vereins und der Liedertafel, als Heraus-\ngeber von Choralbüchern, als Liederdichter und Sammler von Volks-\nmelodieen sind allbekannt und werden sein Gedächtniss in den Her-\nzen der „sangeslustigen\"4 Deutschen lange wach erhalten. Erst im\nvorigen Jahre erhielt er bei Gelegenheit seines durch Gesundheits-\nRücksichten gebotenen Amtsaustrittes das Ritterkreuz des Fried-\nrichs-Ordens.\nWien* Ueber die vom Hof-Operntheater angenommene vier-\nactige Oper Rubinstein's, „Die Kinder der Haide\", verlautet, dass\nfür die Besetzung der weiblichen Hauptrollen die Damen Csillag und\nKraus, und der männlichen die Herren Ander, Wachte!, Hrabanek\nund Meyerhofer, so wie als Dirigent Herr Desoff in \\ orschlag ge-\nbracht worden sei. Das Honorar, welches die Direction dem Com-\nponisten angeboten hat, soll 1000 Fl. betragen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5339, "texte": "Wie vor zwei Jahren Herr Cornet, so ist nun auch Herr Eckert\ndahin gelangt, seine Stelle als artistischer Director des Opernthea-\nters aufgeben zu müssen. Ein beklagenswertes Resultat, wenn man\nder Hoffnungen gedenkt, die sich an jeden Directionswechsel knüpfen\nund die regelmässig in nichts zerfliessen, weil der Personenwechsel\neben kein Systemwechsel ist, weil der betreffende Director lediglich\nausgenützt wird und sich in seinen etwaigen besseren Intentionen\nvon den „unsichtbar-sichtbar\" waltenden unverantwortlichen Mächten,\nvon Intriguen und Widersetzlichkeiten jeder Art gehindert und ent-\nmuthigt sieht. Diesmal kam noch dazu das freche Gebaren jener\n„Cameraderieu, die sich des Einflusses bemächtigt hatte und ihn\ndie Theaterwelt hat erfahren, wie ausbeutete. Den aufdringlichen\nHelden dieser zweijährigen, trübseligen Komödie folgt noch im Sturze\ndas allgemeine, laute Verdammungs-Urtheil nach. Herrn Director\nEckert persönlich bedauert gewiss Jedermann desshalb, dass ihm\ndie Kraft und richtige Einsicht gefehlt hat, um seine unbezweifelt\nguten Absichten durchzuführen. Aber auch das Institut ist zu bekla-\ngen, welches dergestalt muthwillig von einer Hand in die andere\ngeworfen wird, ein Spielball der Laune, der Willkür und der kras-\nsesten Unfähigkeit in künstlerischen Dingen.\nUnter den Gerüchten, welche über die Neubesetzung der erledig-\nten artistischen Leitung des Hof-Operntheaters in den mannigfaltig-\nsten Versionen in Umlauf sind, scheint jenes die meiste Glaubwür-\ndigkeit für sich zu haben, welches Herrn Laube als zu dieser\nStelle ausersehen bezeichnet. Bezüglich rein musicalischer Fragen\nwürde Herrn Laube, wie es heisst, ein musicalischer Beirath zuge-\nsellt werden. Die nähere Bestätigung dieser Angaben muss selbst-\nverständlich noch abgewartet werden.\nDer Pianist Herr Alfred Jaell befindet sich auf der Durch-\nreise hier. Er begibt sich auf einige Zeit zu seinen Angehörigen\nnach Triest und beabsichtigt, im November in Wien einen Cyklus\nvon Concerten zu geben.\nDie Salzb. Zeitung enthält folgende Mittheilung: „Freunden von\nW. A. Mozart's Musik dürfte es nicht uninteressant sein, zu erfah-\nren, dass es mir im Laufe meiner Forschungen geglückt ist, unter\nden Schätzen der k. Hof- und Staats-Bibliothek zu München ein\nbisher nicht bekanntes, nirgends verzeichnetes Autograph W. A. Mo-\nzart's zu entdecken. Es ist dies die italiänische Bravour-Arie für\nSopran: „Fra cento affanni e ceulo\", welche der autograplien Ueber-\nschrift zufolge der vierzehnjährige Mozart im Jahre 1770 in Mailand\nschrieb, während er dort im December seine vierte dramatische Com-\nposition, die Oper „Mitridate lie dl Ponto\" mit ausgezeichnetem Er-\nfolg zur Aufführung brachte. Bei Gelegenheit dieser Notiz stelle\nich an alle glücklichen Besitzer Mozart'scher Autographe das An-\nsuchen, durch freundliche Mittheilung derselben zur Förderung mei-\nnes der Veröffentlichung nahe rückenden ■kritischen Verzeichnisses\nsämmtlicher Ton werke W. A. Mozart's beitragen zu wollen. Salz-\nburg, 28. August 1860. Ludwig Ritter v. Kochel, k k. Rath,\nNonnthal 37.u\nAm 6. September fand in Graz die erste Aufführung der roman-\ntischen Oper „Heinrich der Finkler\", Text von Vouvermans,\nMusik von Raphael, Statt.\nStarts* Der Director der italiänischen Oper, Herr Calzado,\nführt bei seinem Orchester, das bis jetzt die höchste Stimmung in\nParis hatte, die neue Normalstimmung ein. Die neuen Blasinstru-\nmente lässt er alle auf seine Kosten anschaffen.\nDas neue Programm des Thcdtre lyrique bringt aus dem früheren\nRepertoire Les Dragons de Villars, Gil Blas, Le Val d'Andorre, Faust,\nLes JSoces de Figaro, Fanchonnette, Philemon et Baucis (die vier letz-\nten Opern nach der Rückkehr von Mad. Miolan-Carvalho von Ber-\nlin), Gluck's Orpheus (Mad. Viardot); neue Opern: L' Auberge des\nArdennes, 1 Act, von Ar ist id. e Hignart; Les Pöcheurs de Ca-\ntane, 3 Acte, von Maillart; eine dreiactige Oper von Clapisson,\neine andere von Semet, eine dritte von Key er und endlich eine\nfünfactige, zu welcher fünf junge Componisten die Musik schreiben\nsollen. (!) Auch Offenbach's B oft ff es Parisiens versprechen eine\nderartige Neuigkeit: Les Musiciens, in 2 Acten, woran drei junge\nComponisten arbeiten. Die Fabrication macht reissende Fortschritte\nin der Kunst!\nPetersburg?* Der restaurirte Cirque, jetzt Marien-Theater,\nwird am 10. (22.) September eröffnet werden. Die deutsche Gesell-\nschaft soll aber nicht darin spielen, und die Entscheidung schwankt\nnoch, ob in Zukunft die italienische oder die russische Oper darin\nresidiren soll. Jedenfalls lässt das Haus an Eleganz der inneren Aus-\nstattung alle anderen petersburger Theater hinter sich. Die Decora-\ntion ist durchweg von himmelblauem Sammt und Gold. Die Lehn-\nstühle des Parquets haben in der Rückenlehne Spiegelscheiben, in\ndenen die Nummer matt eingeschliffen ist. Einschliesslich der um\ndas Parquet herumlaufenden Baignoires gibt es vier Reihen Logen.\nDie Plätze sind so berechnet, dass die Einnahme bei vollem Hause\ndas grosse Theater um 40 Silberrubel übertrifft. Beiläufig bemerkt,\nist es das erste und einzige Theater, welches mit Gas erleuchtet\nwerden wird.\nDie polnische Pianistin Hedwig Brzowska hat sich mit dem\nfranzösischen General-Consul in New-Orleans, Herrn Grafen Mejan,\nverheirathet, dessen erste Gemahlin, die deutsche Sängerin De Ahna,\nvor Jahresfrist dem gelben Fieber erlag."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "305", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBriefe von Adolphe Nourrit an Ferdinand Hiller. III» Das Passionsspiel in Oberammergau. Aus Frankfurt am Maui\n(Aufführung der Oper „Faniska\"). Von A. S. Tages- und Unter h al tun gs bla 11 (Aachen, Signor Carrion „Der Liebesring\"\nFrankfurt am Main Vieuxtemps Karlsruhe, Orchester-Concerte Stuttgart, Friedrich Silcher f Wien, Hof-Operntheater Pari«\nPetersburg Die Pianistin Hedwig Brzowska).\n\nBriefe von Adolphe Nourrit an Ferdinand Hiller.\nIII.\n(I. s. Nr. 37. 11. Nr. 38.) .\n„Neapel, den 7. Januar 1839.\n„Ich bedarf der Nachsicht meiner Freunde, denn ich\nbin dermaassen beschäftigt, und es gehen mir ausserdem\nso viele Gedanken durch den Kopf, dass ich kaum die\nHälfte von dem thue, was ich thun sollte und wollte. Seit\nlänger als vierzehn Tagen will ich Ihnen schreiben, und\njeden Morgen kommt mir eine gegründete Abhaltung da-\nzwischen. Und dann bin ich auch noch so ungewiss über\nmeine Zukunft in Italien, dass ich meine Entscheidung\ndarüber abwarten will, um sie allen, die an mir Theil neh-\nmen, mitzutheilen. Ich habe bei C angefragt, ob er\ngeneigt sei, Ihnen ein Libretto zu geben oder wenigstens\nzu verkaufen (er verkauft sie zu tausend Francs), aber er\nist auf ein Jahr lang besetzt, und ich kann das für Sie eben\nnicht sehr bedauern, obwohl er Talent hat; aber der Ge-\nschmack im Süden ist nicht für den Norden, und C\nkennt nur die Art von Opern, welche die neapolitanische\nCensur durchlässt. Es gibt allerdings noch einen alten\nDichter hier, dem es nicht an dramatischen Ideen fehlt;\naber er soll schlechte Verse machen, und heutzutage will\nman gut geschriebene Texte haben.\n„Den 11. Januar.\n„Den schlechten Anfang meines Briefes schrieb ich\nunter dem Einflüsse des Scirocco, und mir wurde so übel\nzu Muthe, dass ich nicht fortfahren konnte. Sie kennen\nglücklicher Weise den Scirocco noch nicht, und Gott be-\nwahre Sie vor dieser Bekanntschaft! Wenn dieser Wind\nvon Africa herüber weht, ist man nicht Herr über sich\nselbst; eine böse Influenza nimmt uns alle Kraft, irgend\netwas so, wie es sein muss, zu thun, man lebt dahin wie\nein krankes Geschöpf, man schleppt sich so lange fort, bis\nman irgendwo niedersinkt, und da bleibt man liegen. Und\ndiesen Wind haben wir ein oder zwei Mal in der Woche;\ner lässt uns die schönen Tage der Sonne von Neapel theuer\nerkaufen. Doch beute ist diese schöne Sonne wieder da,\nund ich benutze sie, meinen Brief zu vollenden.\n„Indessen fühle ich mich auch dadurch nicht ganz\nglücklich, und da die Direction keine einzige gute Rolle\nfür mich hat, und auch kein neues Meisterwerk für das\nnächste Jahr in Aussicht steht, so werde ich nicht über\nmeinen Contract hinaus in Neapel bleiben. Ich weiss nicht\neinmal, ob ich in Italien bleibe, trotz aller Anerbietungen\nfür Florenz, Turin, Lucca, selbst auch für Mailand; denn\nüberall verlangt man, ich solle vier Mal in einer Woche\nsingen, und ich will mich nur zu drei Vorstellungen ver-\nbindlich machen und allenfalls eine vierte, wenn ich mich\ndazu aufgelegt fühle, aber ohne Verpflichtung, zugeben.\nDas genügt den Directoren nicht: sie wollen durchaus vier\nverbürgte Abende. Ein anderes Hindemiss tritt meiner Ver-\nbindung mit Merelli entgegen: —er lässt sich nämlich auf\nkeine Bestimmungen über die Rollen ein, in denen ich auf-\ntreten soll; ich hätte gern für den Carneval eine neue Oper\nvon Donizetti, den Poliutto, oder eine für mich von\nMercadante geschriebene, aber ich kann von ihm keine\nBürgschaft dafür erlangen.\n„Wenn Ihre Oper nur aufgeführt wäre und Erfolg\ngehabt hätte, so wäre ich sicher, mit Ihnen zusammen\netwas machen zu können; aber wir bedürfen beide der\nUnterstützung, und es würde für uns gefährlich sein, zu-\nsammen zu debutiren, da wir beide mit neuen Ideen, mit\nfremder Art und Weise auftreten. An Geld setze ich in\nItalien zu; habe ich also nicht die Aussicht auf Ruhm, so\nsehe ich nicht ein, warum ich bleiben soll. Ja, es ist viel-\nleicht klug, wenn ich, um die Wirkung meines schönen\nErfolgs in Neapel nicht aufs Spiel zu setzen, damit schliesse\nund mich nach Paris wende, ob dort nicht vielleicht etwas\nfür mich zu machen sei. Jedoch ist mein Entschluss noch"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "306", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.2", "texte": "nicht gefasst; denn ich will auf Italien nicht eher verzich-\nten, als bis ich mich ganz überzeugt habe, dass mir auf\ndiesem Wege keine Zukunft blüht.\n„Ich habe von Paris mehrere hübsche Vorschläge er-\nhalten, aber vorläufig habe ich Alles abgelehnt; von Neapel\naus kann ich die Stellung nicht beurtheilen, die ich in Paris\nwieder einnehmen soll. Ich muss erst das ganze Treiben,\ndas Publicum, die Theater, die Dichter und Componisten\nmit eigenen Augen sehen, ehe sie mich wieder in ihre\nKlauen bekommen.\n„Das ist nun mein Zustand, mein theurer Freund:\nvon tausend streitenden Gedanken bewegt, heute dies, mor-\ngen jenes wünschend, und am Ende sehr wenig mit der\nGegenwart zufrieden und sehr ungewiss über die Zukunft.\nMöge Gott mich erleuchten und mich aus dem Lande der\nVerbannung führen, in welchem ich lebe!\n„Leben Sie wohl, bester Freund! Ich erlaube Ihnen,\nmich nicht zu beklagen und die Achseln zu zucken; denn\nich lasse mir selbst das Recht widerfahren, dass ich sehr\nunvernünftig und selbst manchmal lächerlich bin. Behalten\nSie mich lieb!\n„Ad. Nourrit.\"\n„Neapel, den 24. Januar 1839.\n„Lieber Freund!\n„Sie haben aus meinem letzten Briefe erralhen kön-\nnen, in welcher Stimmung mich der Ihrige finden musste.\nWenn ich trotz des Erfolgs mit meinem Aufenthalte in\nItalien unzufrieden bin, so können Sie denken, welchen\nEindruck die Nachricht auf mich gemacht hat, dass Sie\nIhre Oper für Sich behalten wollen, weil Sie sie gar nicht\ndem Stil und dem Geschmack der Italiäner angemessen\nfinden. Meine Frau, die weit philosophischer denkt, als\nich, hatte wie eine Römerin an Frau Hiller geschrieben,\neinen Brief voll von starken Grundsätzen über die Verach-\ntung des Erfolgs und über das leichtfertige Urtheil der\nWelt; aber ich war so dreist, den Brief nicht nach mei-\nnem Geschmack zu finden, und er wurde zerrissen. Ich\nwollte Ihnen einen schreiben, der mehr mit der trüben\nStimmung, die mich beherrschte, harmonirte, und dadurch\nliess ich mich hinreissen, ein Pasquill auf die musicalischen\nAnsichten dieses Landes zu machen. Ich habe den Stab\nüber mich selbst gebrochen, und mein Brief hat dasselbe\nSchicksal wie der meiner Frau gehabt. Darüber ist die\nletzte Post abgegangen, ohne ein Wort von uns für Sie\nmitzunehmen. Jetzt will ich suchen, zwischen meiner Ver-\nstimmung und dem edlen Stolze meiner Frau die Mitte zu\nhalten, und mag's werden, wie es wolle mein Brief\nsoll fort.\n„Sie werden mir nicht böse sein, lieber Freund, wenn\nich nicht so ganz Philosoph bin, wie Sie, und das Still-\nschweigen, wozu Sie Sich jetzt mit Entsagung enlschiies-\nsen, nicht so leicht nehme, wie Sie, da ich kein junger\nMann mehr bin, wie Sie, und die Tage zähle, in denen mir\nnoch vergönnt ist, mich der Bühne zu widmen. Ich baute\nschöne Träume auf Ihren Erfolg, ich sah uns bald vereint\nund dann mit einander auf einer neuen Bahn wandeln;\nich wähnte, der Augenblick sei gekommen, in Italien die\ndeutsche Harmonie und die französische Declamation zur\nGeltung zu bringen und dabei dennoch der italiänischen\nMelodie ihr schönes Recht zu bewahren und nun muss\nich diese Hoffnung wieder vertagen! Indess, ich will mich\nbestreben, eben so vernünftig zu sein, wie Sie, und Ihr\nMuth soll den meinigen stählen.\n„Ich sehe ein, dass Sie tausend Mal Recht haben,\ndenn Sie stehen auf dem ungünstigsten Boden: Sie sind\nein Deutscher, und das wird immer ein Missklang für die\nmailänder Ohren sein, und dann treten Sie mit fremdarti-\ngen Weisen auf. Wäre es in ganz Neapel nicht bekannt\ngewesen, dass ich acht Monate lang gestrebt, mich zu ita-\nlianisiren, so hätte man mich gar nicht angehört; als man\nmich nun hörte, glaubte man, ich hätte alles, was ich kann,\nin acht Monaten gelernt, und desshalb rief man Wunder\nüber Wunder. Das ist das Geheimniss meines Erfolgs*)!\n„Wie leid thut es mir, dass ich jetzt nicht bei Ihnen\nbin! Was hätte ich Ihnen nicht alles zu sagen, um einen\nneuen Feldzugsplan für Sie zu entwerfen! Ich wünschte\nvor Allem in der Lage zu sein, Ihnen aul andere Weise,\nals bloss mit gutem Rathe, zu dienen; ich möchte gern mit\nLeib und Leben in der ersten Schlacht, die Sie liefern\nwerden, einstehen.\n„Ich erwarte eine letzte Antwort von Merelli, die mich\nbestimmen wird; wie es auch kommt, so werde ich doch\nwohl dieses Jahr noch in Italien bleiben, und vielleicht be-\ngegnen wir uns dann noch irgendwo. Halten Sie mich ja\nstets in Kenntniss von dem, was Sie thun.\n„Ich selbst freilich kämpfe gegen die Anfälle von\nHeimweh an und mühe mich ab, meine Vernunft gegen\nmeine Wünsche stark zu machen; ich trachte, Paris zu\nvergessen, weil meine Freunde der Ansicht sind, dass ich\njetzt noch nicht wieder zurück kommen soll. Desshalb habe\nich auch ganz hübsche Anträge abgelehnt; es war sehr\nlockend, allein ich habe dem Reize widerstanden, und ob-\nwohl ich hier nicht sehr zufrieden mit meiner Lage bin,\nso muss ich doch dem Rathe meiner Freunde, die mich\nlieb haben, folgen und mich in Geduld fügen.\n\n*) Man sieht, wie Unruhe und Heimweh Nourrit's gesundes Ur-\ntheil schon so geschwächt hatten, dass er ungerecht gegen sich\nselbst und gegen das Publicum, das ihm Beifall gezollt, ge-\nworden war."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "307", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.3", "texte": "„Da bin ich aber wieder daran, von mir zu sprechen,\nund wollte doch nur an Sie denken. In der That aber ist\ndas alles in meinen Gedanken so mit einander verbunden,\ndass ich mich mit Ihrer Zukunft in Italien nur in der Art\nbeschäftigen kann, dass ich an die Möglichkeit denke, uns\nwieder zusammen zu finden und zusammen etwas ins Werk\nzu setzen.\n„Weder Sie noch ich können jemals in diesem Lande\nvollkommen glücklich sein, uns vollkommen wohl fühlen;\nwir werden beide das gelobte Land wiedersehen, und es\nkann für uns nur davon die Rede sein, wie lange wir noch\ndie Verbannung ertragen, um aus unserer gegenwärtigen\nUnbehaglichkeit Vortheil für unsere Zukunft zu ziehen.\n„Vorwärts denn gegen Wind und Flut! Wenn ich\nmich mit Merelli einige, so werde ich mich bemühen, Ihnen\nhier ein Libretto anfertigen zu lassen, das unseren beider-\nseitigen Absichten angemessen ist, ohne jedoch das Gefühl\nder Italiäner zu stark zu verletzen. Wenn ich das Glück\nhabe, meine Fahne auf dem Theater Deila Scala aufzu-\npflanzen, so müssen wir hoffen, dass ich Macht genug er-\nlange, Ihre Musik zu Gehör zu bringen, und hört man sie\nan, so muss sie auch gefallen.\n„Trotz aller Sehnsucht, die ich habe, Sie wiederzu-\nsehen, dürfen Sie Sich doch nicht wundern, dass ich Sie\nnicht auffordere, nach Neapel zu kommen. Der Neapolita-\nner macht alle Mal ein saures Gesicht, so oft er die Worte\nMusica francese oder Musica teclesca ausspricht.\n„Von Herzen der Ihrige.\n„Ad. Nourrit.\"\nDies war der letzte Brief, den Nourrit an Ferdinand\nHiller schrieb.\nSechs Wochen darauf, am 8. März, fand man seinen\nKörper zerschmettert auf dem Pflaster im Hofe des Hau-\nses, das er\" bewohnte.\nKein neues Ereigniss war eingetreten. Seine Lebens-\nweise war dieselbe geblieben. Wenn er zuweilen unzu-\nfrieden und verstimmt und unruhig über die Zukunft war,\nwie er sich in seinen Briefen schildert, so war er doch\nstets gut und liebevoll. Und vom Heimweh sollte er ja\nbald genesen. So glaubte man wenigstens! Oft war in der\nFamilie und unter seinen Freunden die Rede von nahe\nbevorstehender Abreise und Rückkehr in das Vaterland;\nman erwartete mit Ungeduld das Ende der Verbindlich-\nkeiten, die ihn noch fesselten. Leider sollten nur seine\nsterblichen Ueberreste Frankreich zurückgegeben werden!\nDas Uebel hatte reissende Fortschritte gemacht. Am\n6. März war er bei Madame Eugenie Garcia, und man\nbat ihn, einige Zeilen in ein Album zu schreiben. Er dich-\ntete folgende Verse:\nSi tu m'as fait ä\n0 Dieu! l'arbitre de mon sort,\nDonne-moi le courage,\nOu donne-moi\nMon äme, en proie ä la souffrance,\nEst pres de succomber;\nDans l'abhne oü meurt l'esperance,\nAh! ne nie laisse\nAuf den liebevollen Vorwurf der Freunde über den\nmelancholischen Inhalt dieser Zeilen antwortete er lächelnd:\n„Das ist ein Lied, eine Arie, die Cavatine eines unglück-\nlichen Tenoristen; man wird es componiren.\"\nAm 7. März liess er sich früh am Morgen bei der Di-\nrection krank melden; er könne diesen Abend nicht singen.\nDann ging er aus und richtete seinen Weg langsam nach\nder schönen Promenade Villa-Reale. Hier begegnete er\neinem Freunde, Herrn Guillaume Cottrau**). Er nahm ihn\nbeim Arm, und sie gingen nach einer Bank auf der Ter-\nrasse am Meere, wo der Blick die prachtvolle Aussicht\nbeherrscht.\nHier schüttete er in fieberhafter Aufregung vor dem\nFreunde zum letzten Male sein ganzes Herz aus.\n„Matt und krank, von trüben Gedanken umlagert,\nwas soll ich hier, ohne Macht, ohne Willen! Ich vermag\nnicht mehr, wie in Paris, die Masse zu ergreifen und hin-\nzureissen! Die Kunst bedarf der Freiheit, und ich bin nicht\nfrei. Ich bin ein Fremder, ein Geächteter! Ich spreche eine\nSprache, die nicht meine Sprache ist, und die mich anhö-\nren, vernehmen eine Sprache, die nicht ihre Sprache ist.\nIch habe Alles der Kunst geopfert, und die Kunst verräth\nmich! Ich habe mich erheben wollen, und ich sinke herab!\"\n—Aber, mein theurer Nourrit! wie können Sie Ihren\nFreunden so das Herz zerreissen und sich mit Lust quä-\nlen? Was mangelt Ihnen denn? Sind Sie denn nicht stolz\nauf den Empfang, den Ihnen das Publicum jeden Abend\nbereitet? Ich begreife Sie nicht.\n„Ach, dieser Beifall ist nicht aufrichtig! Die Quelle\ndesselben ist Gutmüthigkeit; man zahlt damit die Schuld\nder Gastfreundschaft ab. Dieser Beifall ist Mitleid; denn\nmein Talent ist dahin, ich bin nicht ich mehr, ich bin\n\n*) Wenn Du mich schufst nach Deinem Bilde,\nMein Gott! Herr über Freud' und Noth!\nSo gib mir Math, mein Loos zu tragen,\nWo nicht, so gib mir, Herr, den Tod.\nDie Seele, wildem Schmerz zur Beute,\nIn Angst um Rettung wirbt;\nLass mich nicht in die Nacht versinken,\nWo jede Hoffnung stirbt!\n**) G. Cottrau war der ältere Bruder des talentvollen Malers Fe-\nlix Cottrau, der vor einigen Jahren in Pari« gestorben ist»\nBeide waren zu Neapel von französischen Eltern, die sich un-\nter Murat's Regierung dort niedergelassen hatten, geboren.\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "308", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.4", "texte": "nichts mehr, und lassen Sie mich Ihnen meine innerste\nUeberzeugung aussprechen man täuscht mich, ich bin\nder Spielball des Publicums.\"\nEs war damals ein Sänger am Theater San Carlo, der\nsich lächerlich machte, sobald er den Mund aufthat, und\ndabei ein eitler Geck war. Man hätte ihn ausgepfiffen, wenn\ndas in Neapel erlaubt gewesen wäre; übrigens wurde er\nauch von bedeutenden Personen begünstigt. Man verfiel\nauf den Gedanken, ihn ungeheuer zu beklatschen; so wie\ner auftrat, gingen die Bravo's von allen Seiten los, nach\njedem Stücke wurde er gerufen, und der arme Mensch,\nder allein nichts von dem Complot wusste, das ein öffent-\nliches Geheimniss war,- kam strahlend vor Freude und\nStolz auf die Bühne und verneigte sich dankend. Nun hielt\nsich Nourrit in seiner unseligen Stimmung ebenfalls für\nden Gegenstand einer ähnlichen Ironie.\nEs gelang dem Freunde, ihn zu enttäuschen. „Ja, ja»\nich bin verrückt!\" sagte Nourrit; „ich fühle es, ich ver-\nliere den Verstand. Hören Sie, eine heilige Zusage verlange\nich von Ihnen wo ist hier das Irrenhaus?\"\nDurch liebevolles Zureden gelang es dem Freunde,\nihn zu beruhigen. Sie verliessen den Platz. Nourrit be-\nmerkte den Anschlagzettel für die Tages-Vorstellung und\nlas, dass der Ertrag für einen bedürftigen Künstler be-\nstimmt sei. „Ah!\" —sagte er : „eine gute That! ich\nwill auch meinen Theil dazu beitragen.\" Er ging zum Di-\nrector und sagte ihm, er fühle sich wohler, sei gut bei\nStimme und werde singen.\nUnd er sang herrlich! Nie war seine Stimme bezau-\nbernder und reiner gewesen. Alles war entzückt und ju-\nbelte ihm Beifall zu. Er kam nach Hause und ass, wie ge-\nwöhnlich, mit seiner Frau und seinen Kindern zu Nacht.\nEr war ruhig, und als er zu Bett ging, schien er ganz\nglücklich über seinen Abend, seinen Erfolg und das gute\nWerk, das er gethan. Die Vorstellung halte lange ge-\ndauert, und es war bereits spät geworden.\nNichts störte die Stille der Nacht. Beim Anbruch des\nTages weckte ein unheimlicher Schall die unglückliche\nGattin, die unglückliche Mutter. Sie sieht auf, sie ist allein.\nEine Thür, die sie verschlossen hatte, steht offen, und\ndiese Thür führt auf das flache Dach des Hauses. Sie\nstürzt hinauf—das entsetzliche Opfer war vollbracht.\nIhr blieb nur noch eine letzte Pflicht zu erfüllen.\nSie brachte die zerschmetterte Leiche, die sie mit ihren\nThränen gebadet, nach Paris. Dann brach ihr Herz vor\nGram.\nDie Exequien für Nourrit wurden zu Neapel in der\nKirche der heiligen Brigitta unter ausserordentlichem Zu-\ndrang gefeiert. Der Anschlag an den Kirchthüren lautete:\nSacri Offici\nA Luigi Adolfo\nArÜsta melodrammatico\nIn questo tempio dove il Dolente\nA se pregava\nFanno celebrare i Com\n0 Fed\nQui orci preghiamo pcrclde l'otienga\nNel seno della Pietd sempiterned).\nIn Paris wurde bei der Gedenkfeier in der Kirche\nSaint-Roch Cherubini's Requiem von den berühmtesten\nKünstlern ausgeführt**).\n1\n\nDas Passionsspiel in Oberammergan\n***\\\nr\nDer bedeutende Eindruck des Spiels hat allerdings\nzum grossen Theil seinen Grund in der Natur des Stoffes\nselbst. Aber in nicht geringerem Maasse hat an diesem Er-\nfolge auch die Darstellung Theil, die, wenn auch kei-\nneswegs ohne sehr fühlbare Mängel, doch im Ganzen eine\nso angemessene, würdevolle und von natürlicher Wärme\ndurchdrungene war, dass durch sie der Stoff zu derjenigen\nBedeutung, die er für das christliche Gemüth zu allen Zei-\nten besitzt, noch das Interesse einer spannenden und er-\ngreifenden Dichtung empfing, dergestalt, dass die versam-\nmelten Zuschauer der einem Jeden von frühester Kindheit\nan bekannten Geschichte um der Form willen, in der sie\nhier geboten wurde, acht bis neun Stunden hindurch mit\neiner Spannung und Theilnahme folgten, als ob sie hier\nzum ersten Male von ihr erführen; und zwar nicht bloss\nZuschauer aus der Classe des Landvolkes, denen eine thea-\ntralische Vorstellung überhaupt etwas sehr Seltenes oder\nvöllig Neues ist, sondern in kaum geringerer Anzahl Zu-\nschauer aus grösseren Städten und höheren Ständen, die\nsonst schon zu jammern pflegen, wenn ein Stück, das sie\nzum ersten Male sehen und welches ihnen von geübten\n*) „Die letzte heilige Pflicht weihen L. Ad. Nourrit, dem ausge-\nzeichneten melodramatischen Künstler, in diesem Tempel, wo\nder Schmerzbeladene für sich um Ruhe flehte, seine Kunstge-\nnossen und Freunde. Lasst uns, o ihr Gläubigen, jetzt hier\nbeten, dass sie ihm werde im Schoosse der ewigen Liebe.\"\n**) Von Nourrit's Familie lebt in Paris sein Sohn, Doctor der\nRechte, in geachteter Stellung Eine Tochter ist an Lebouc,\neinen der besten Violoncellspieler in Paris, verheirathet; eine\nandere, Namens Eugenie, genannt Schwester Marie Josephine\nvon Nazareth, starb im März d. J. in ihrem siebenundzwanzig-\nsten Jahre im Kloster zu Paris.\n***) Einem sehr interessanten Berichte über die diesjährige Auffüh-\nrung des Passions s p i el s in Oberammergau von Adolf\nZeising in den wiener „Recensionen* entnehmen wir aus-\nzugsweise diejenigen Hauptstellen, welche die Darstellung\nbetreffen. Die Redaction."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "309", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.5", "texte": "Schauspielern vorgeführt wird, mehr als dritthalb Stunden\nihre Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.\nIn nicht geringem Grade wurde dieser Erfolg durch\ndie sehr zweckmässige Bühnen-Einrichtung unter-\nstützt. Der ganze zum Theater eingerichtete Raum besteht\nin einem grossen, vor dem Dorfe inmitten schön bewalde-\nter Berge gelegenen, von hohen Bretterwänden umschlos-\nsenen Platze von der Form eines länglichen Vierecks. Den\ngrösseren, nach Süden liegenden Theil desselben nimmt\nder Zuschauerraum ein. Dieser fasst auf einer beträchtli-\nchen Anzahl hinter einander aufsteigender Sitzreihen mehr\nals 6000 Personen und ist in verschiedene Abtheilungen\nmit besonderen Eingängen abgetheilt, für welche verschie-\ndene Preise gezahlt werden. Unmittelbar vor der vorder-\nsten Sitzreihe ist das Orchester aufgestellt. Den kleineren,\nnach Norden gelegenen Theil des Vierecks nimmt die\nBühne ein. Sie befindet sich mit dem Orchester und der\nuntersten Sitzreihe des Zuschauerraumes in gleicher Höhe,\nist aber von beiden durch ein etwa zwanzig Fuss breites\nProscenium getrennt. Dieses ist vorzugsweise für die Auf-\nzüge und Vorträge des Chors bestimmt, doch wird es in\nvielen Scenen auch für die eigentliche Action benutzt. Die\nSeitenwände desselben sind architektonisch decorirt und\njede derselben mit einem Eingange versehen, der für den\nein- und abtretenden Chor bestimmt ist. Die Bühne selbst\nzerfällt der Breite nach in drei Abtheilungen. Die mittlere\nderselben ist die eigentliche Hauptbühne und mag eine\nBreite von vierzig Fuss haben. Sie ist durch einen Vorhang\nvom Proscenium getrennt, der den Prospect einer Strasse\nvon Jerusalem darstellt. Ueber demselben befindet sich ein\nFrontispiz mit allegorischen Figuren. Der Raum hinter\ndem Vorhange stellt in verschiedenen Scenen verschiedene\nOertlichkeiten dar, z. B. die Vorhallen des Tempels, das\nSynedrium, den Saal, in welchem das Abendmahl gehal-\nten wird, den Garten von Gethsemane, Golgatha u. s. w.\nAusserdem wird er für die Darstellung der lebenden Bil-\nder benutzt. Zu beiden Seiten dieser Mittelbühne befinden\nsich zwei Seitenbühnen, schmäler als die Hauptbühne, aber\nvon gleicher Tiefe. Beide stellen Strassen von Jerusalem\ndar. Jede derselben ist von der Hauptbühne durch ein\nHaus getrennt, welches den Zuschauern die Giebelseite\nzuwendet. Das eine dieser Gebäude (rechts, vom Zuschauer\ngerechnet) stellt die Wohnung des Hohenpriesters Annas,\ndas andere die des Pilatus vor. Jedes derselben hat unten\neinen Eingang und im oberen Stocke einen Altan, der\ngleichfalls zur Darstellung von Handlungen benutzt wird.\nVon nicht minder günstiger Wirkung war die Costu-\nmirung. Was die Oberammergauer in diesem Betracht\nleisten, geht ohne Frage über alle Erwartungen hinaus, die\nselbst ein verwöhnter Grossstädter mitbringt. Denn unter\nden etwa fünf- bis sechshundert Personen, welche theils\nbeim Spiele selbst, theils bei den Tableaux mitwirken,\ndürfte sich kaum eine finden, die nicht in einer ihrer Rolle\nentsprechenden und bühnenwirksamen Weise ausgestattet\nwäre und zu dem Eindruck orientalischer Pracht und Uep-\npigkeit, den man namentlich bei Darstellung der Grossen\nund der Massen zu erzielen gesucht hat, in ihrer Weise\nbeitrüge.\nBei der Costumirung der heiligen Personen ist man\nim Allgemeinen der Observanz der bildlichen Darstellun-\ngen gefolgt. Unter ihnen entsprach vor allen anderen die\nPerson Christi, in dem zugleich schlicht und erhaben wir-\nkenden violetten Gewände mit dunkelrothem Mantel, ganz\ndem Bilde des Heilandes, wie wir es aus den Gemälden\nder berühmtesten Meister in uns aufgenommen haben, wozu\nfreilich nicht bloss Schnitt und Farbe der Kleider, sondern\nauch die natürliche Gestalt und Gesichtsbildung des Dar-\nstellers, sein Gang und seine Haltung, die Art, wie er Haar\nund Bart trug, der sanfte Blick seines Auges und der zu-\ngleich milde und eindrucksvolle Klang seiner Stimme in\nhohem Grade mitwirkten. Der diesjährige Darsteller war\nnicht derselbe, welchen Devrient gesehen hat. Aber wenn\ndieser von dem damaligen Christus sagt: „Nicht nur sein\nAussehen, auch seine Bewegungen waren wie aus mittel-\nalterlichen Bildern herausgewachsen. Die Haltung der\nArme, der Hände, der leichte und doch so ruhige Gang,\nAlles im frommsten Stile und doch vollständig natürlich\nund ungesucht. Man sah, die Darstellung war nicht ange-\nlernt, sie war angelebt\", —so darf dies mit demselben\nHechte auch von dem Christus der diesjährigen Vorstellung\ngesagt werden. Das Einzige, was den idealen Eindruck,\nwelchen er machte, zuweilen störte, war, dass er, dem Dia-\nlekt seiner Heimat gemäss, statt „Vater\", hier und da\n„Valter\", und statt „Mutter\", umgekehrt „Muter\" sprach\nund in seiner Accentuation einige Mal mehr als wünschens-\nwerth an den Kanzelton erinnerte. Nächst Christus waren\nbesonders Johannes und Judas sehr charakteristisch und\nunmittelbar erkennbar wiedergegeben, jener in rothem Un-\nterkleide mit grünem Ueberwurf, das Haar gerade geschei-\ntelt, von jugendlich schlanker Gestalt, dieser in hochgelbem\nGewände, von fahler Gesichtsfarbe und mehr eckigem, in\nsich zusammengezogenem Gliederbau. Weniger hat uns\nPetrus befriedigt; namentlich machte seine Haartracht einen\netwas befremdenden Eindruck. Als sehr zweckmässig und\nwohlgefällig für das Auge verdient jedoch noch die Costu-\nmirung des Chors hervorgehoben zu werden. Sämmtliche\nsiebenzehn Personen desselben, gleichviel,ob männliche oder\nweibliche, trugen lange, faltige Untergewänder von ver-\nschiedenen Farben, darüber weisse Ueberwürfe von leich-\ntem, durchsichtigem Stoffe, die etwa bis zur Mitte der"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "310", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.6", "texte": "Schenkel hinabreichten, und hinten leicht bis zum Boden\nherabfallende Mäntel von einer Farbe, die zu der Farbe\ndes Untergewandes in einem angenehm wirkenden Gegen-\nsatze stand.\nTrugen schon diese Aeusserlichkeiten nicht wenig zu\ndem ausserordentlichen Eindruck, den das Ganze machte,\nbei, so muss doch der Hauptgrund der erhebenden und\nergreifenden Wirkung in der eben so exaeten und leben-\ndigen, wie edlen und würdevollen Durchführung der Action\nselbst und in der Wärme und Hingebung, mit welcher je-\nder der Mitwirkenden die ihm zugetheilte Aufgabe wie\neine heilige Pllicht zu lösen bemüht war, gesucht werden.\nWenn Clarus in seiner Schrift über das oberammergauer\nPassionsspiel mit Beziehung hierauf sagt: „Auf keinem\nTheater habe ich einen so wohlgelungenen Anstand gese-\nhen, vielmehr ist der Art alles, was ich zu sehen bekom-\nmen, eine lächerliche Unzulänglichkeit und grobe Statisten-\nUngeschicklichkeit gewesen; hier aber war Alles Leben\nund verschönerte, oder besser: veredelte Natürlichkeit\",\nso muss ich bekennen, dass ich bei der trefflichen Art und\nWeise, mit der insbesondere die Volksscenen dargestellt\nwurden, etwas Aehnliches empfunden habe. Und so zeich-\nnete sich überhaupt die ganze Vorstellung durch einen\nmerkwürdig correcten Fortgang und ein überraschend\nexaetes Zusammenspiel aus.\nBedeutend schwächer in ihren Leistungen als die Män-\nner (Christus, Judas, Johannes, Petrus und die anderen\nApostel) waren die heiligen Frauen, namentlich Maria\nund Maria Magdalena. Schon in ihrem äusseren Erscheinen\nmachten sie nicht einen gleich würdigen Eindruck wie die\nMänner, und noch mehr blieben sie in Stimme und Rede\nhinter denselben zurück. Sehr zufriedenstellend wurden da-\ngegen im Allgemeinen die profanen Rollen ausgeführt.\nAnnas war ein würdiger Repräsentant des alten, verstock-\nten, Kaiphas des jüngeren, leidenschaftlichen Fanatikers.\nAuch unter den übrigen Mitgliedern des hohen Rathes\nwusste fast Jeder seinen Hass gegen Christus in eigentüm-\nlicher Weise an den Tag zu legen. Zu den besten Leistun-\ngen gehörte ferner die Darstellung des Pilatus durch den-\nselben Mann, der vor zehn Jahren mit ausgezeichnetem\nErfolg den Christus dargestellt hat.\nFast noch bewunderungswürdiger als bei der Darstel-\nlung der dramatischen Scenen documentirte sich der den\nOberammergauern eigenthümliche Sinn für Anmuth und\nWürde bei der Anordnung und Ausführung der Chor-\nPartieen. Es herrschte darin eine Einfachheit und Wohl-\nangemessenheit, die entschieden an die Vorstellungen, welche\nwir uns vom Chor der griechischen Tragödie machen müs-\nsen, erinnerte, und nicht unwahrscheinlich ist auch ein ähn-\nlicher Eindruck von dem letzten Redacteur des Textes be-\nabsichtigt. Schon die Wahl der dabei mitwirkenden sie-\nbenzehn Persönlichkeiten war im Ganzen eine sehr glück-\nliche. Unter den männlichen wie unter den weiblichen Per-\nsonen war kaum eine, die nicht, durch das Costume geho-\nben, einen sehr vorteilhaften Eindruck gemacht hätte;\nund insbesondere entsprach Gestalt, Gesichtsbildung und\nAusdruck des Chorführers ganz der bevorzugten Stellung,\ndie ihm anvertraut war. Noch mehr aber leisteten sie den\nästhetischen wie den religiösen Ansprüchen durch die Art\nund Weise ihrer Action Genüge.\nOhne immer streng charakteristisch oder gar drastisch\nzu sein, waren die Gesten des Chors stets dem Auf- und\nAbwogen des Gefühls entsprechend, stets von religiöser\nWeihe und Innigkeit und stets von an sich wohlgefälliger\nEurhythmie. Auch in dieser Beziehung ging der Chorführer\nden Uebrigen mit sicherem Schönheitssinne voran, wie er\ndenn auch im Vortrage, besonders im oratorischen und\nrecitativischen, das Vorzüglichste leistete, während die mehr\nariosen Gesang-Vorträge meist von Anderen ausgeführt\nwurden. Dass diese, nicht alle in gleichem Maasse befrie-\ndigten, liegt in der Natur der Sache; indess war keiner\nunter ihnen, der wirklich anstössig gewirkt hätte, und ins-\nbesondere muss hervorgehoben werden, dass hier auch un-\nter den Frauen mehrere recht Anerkennenswerthes leiste-\nten und die in den dramatischen Scenen mitwirkenden\nFrauen entschieden übertrafen.\n(Schluss folgt.)\n\nAus Frankfurt am Main.\n\nDen 9. September 1860.\nDie Aufführung der Oper Faniska zur hundertjäh-\nrigen Gedächtnissfeier der Geburt ihres Schöpfers Cheru-\nbini hat gestern bei gedrängt vollem Hause und Beleuch-\ntung des äusseren Schauplatzes Statt gefunden. Von allen\ndabei Betheiligten fleissig einstudirt und sorgsam in Scene\ngesetzt, mit ganz neuen Costumen und mehreren neuen\nDecorationen ausgestattet, ward das ausserordentliche Werk\nnach dreissigjähriger Beseitigung vom Repertoire (die letzte\nVorstellung hatte am 30. November 1830 Statt) in wür-\ndiger Weise und bei mächtig gehobener Stimmung aller\nAnwesenden wieder ins Leben zurückgerufen. Die Haupt-\nrollen waren in den Händen der Herren Pichl er (Za-\nmoski) und Meyer (Rasinski), ferner der Fräulein Carl\n(Faniska) und Medal (Moska). Herr Baumann war\nRasno, „der Wegweiser im Gebirge\". Und der Erfolg\ndes Ganzen? Leider ein wenig erfreulicher, und zwar des\nLibretto wegen, wesshalb ja, wie bekannt, diese Oper sich\nnirgends eine bleibende Stätte erringen konnte. Gleiches"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "311", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.7", "texte": "Schicksal aus gleichem Grunde hatten auch des Meisters\nLodoiska und andere seiner Opern noch. Cherubini's Wirk-\nsamkeit für das Theater fiel unglücklicher Weise in die\nPeriode der so genannten „Rettungsgeschichten\", von de-\nnen alle Bühnen Europa's überschwemmt worden. Unsere\nZeit kann diesen Stoffen keinen Geschmack abgewinnen,\ndie, in Bezug auf Erfindung und Verarbeitung meist über\nEinen Leisten geschlagen, an Albernheit manche verfehlte\nProducte der Gegenwart noch übertreffen. Und solche Mär-\nchen, für Spinnstuben geeignet, waren dem erhabenen\nSchöpfergeiste Cherubini's geboten, dessen Musik in jedem\nseiner Werke eine gewaltige Kraft, Fülle der Harmonie\nund Schönheit der Melodie in überreichern Maasse entfaltet!\nVollends in der Charakterzeichnung steht dieser Meister\nauf der höchsten Stufe. In dieser Beziehung ist seine Fa-\nniska eine ungeheure Leistung, die nach dem Urtheile der\ngediegensten Sachkenner früherer Zeit den höchsten Stand-\npunkt behauptet und des Meisters Medea noch bei Weitem\nüberragt. Von Nummer zu Nummer steigt unser Entzücken,\nunsere Bewunderung. Und nebenbei die interesselose Hand-\nlung! 0, das ist zu grosses Missgeschick, von dem die\nOpernmusik im Allgemeinen getroffen wird! Es dürfte die\nZeit kommen, wo zur Anfertigung besserer Bücher zu meh-\nreren der Cherubini'schen Opern hohe Preise ausgesetzt\nwerden, um sie vor gänzlichem Untergange zu retten, und\nsolche Thaten werden ihren Urhebern wie auch der Epoche\neben so ehrende Denkmäler errichten, wie das Bauen von\nMuseen und Kunsttempeln. Einstweilen wird sich wohl je-\nder wahrhafte Musikfreund in unserem Frankfurt der Büh-\nnen-Verwaltung zu Dank verpflichtet fühlen, die passende\nGelegenheit wahrgenommen zu haben, einen der allerhöch-\nsten Triumphe dramatischer Opernmusik aus der classi-\nschen Zeit wieder zu Gehör zu bringen. Ist auch dieser\nausserordentlichen Erscheinung der oben bezeichneten Ge-\nbrechen wegen nur ein kurzes Dasein beschieden, so müs-\nsen wir alle es für einen grossen Gewinn erklären, Zeu-\ngen der Wiedererstehung gewesen zu sein und unseren\nmusicalischen Horizont um ein Bedeutendes erweitert zu\nsehen.\n\nA. S.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAacSaesa* Der italienische Tenor Signor Carrion hat sein\nGastspiel von sechs Rollen hier beendigt. Derselbe sang den Ed-\ngardo, Arnold 2 Mal, Ernani und Almaviva 2 Mal. Sein anspruchs-\nloses Benehmen hatte das Theater-Personal bestimmt, ihm nach der\nletzten Vorstellung einen schönen Lorberkranz auf weissem Atlass-\nkissen zu überreichen.\nE. Krähmer's preisgekrönte Operette „Der Liebesring® wird im\ngrossherzoglichen Hoftheater in Mannheim und im k. k. priv. Carl-\nTheater in Wien zur Aufführung kommen. Derselbe Componist hat\nso eben eine dreiactige lyrisch-komische Oper, „Der Veteran\", voll-\nendet, zu welcher Ludwig Thürmayer den Text schrieb.\nFrankfurt a. M. Bei der im „philharmonischen Verein\"\nvorgenommenen Wahl zur Wiederbesetzung der durch das Hinschei-\nden Franz Messels erledigten Stelle des musicalischen Directors ist\ndurch Stimmeneinhelligkeit sämmtlicher Mitglieder Herr Heinrich\nHenkel zu diesem Amte berufen worden. Marschner, der ge-\ngenwärtig hier weilt, wird von seinen Verehrern vielfach gefeiert.\nDie hiesige Oper brachte ihm zu Ehren seinen „Vampyr\", der „Lie-\nderkranz\" hielt einen Festabend u. dgl. m.\nVieuxtemps hat sich kürzlich in Frankfurt a. M. ein schö-\nnes Haus gekauft, das er abwechssind, je nach der Jahreszeit, mit\nseiner reizenden Landbesitzung „Dreieichenhain\" nächst Frankfurt\nbewohnen wird Die frühere Nachricht von der Absicht des Künst-\nlers, die Carriere des reisenden Virtuosen zu beschliessen und in\nFrankfurt eine Kunstschule zu errichten, gewinnt durch diese Fixi-\nrung die Aussicht, nächstens in Wirklichkeit zu treten.\nKarlsruhe. Die Orchester-Concerte der grossherzoglichen\nHofcapelle, nach vieljährigem Andringen vor einigen Jahren endlich\nins Leben gerufen, mussten leider nach kurzem Bestehen wieder auf-\nhören, weil ihr materieller Ertrag für die Musiker allzu gering aus-\nfiel, eine Thatsache, welche im Interesse des künstlerischen Fort-\nschrittes der Hofcapelle wie der Freunde der symphonischen Musik\nsehr zu beklagen ist, übrigens von der Opferfreudigkeit der ersteren\nkein günstiges Zeugniss ablegt. Seitdem müssen wir den Genuss\neiner Sinfonie entbehren, wenn nicht gerade irgend ein anderes Con-\ncert zur Vorführung derselben passenden Anlass gibt.\n(Südd. M.-Z.)\nStuttgart« Am 26. August verschied im einundsiebenzigsten\nLebensjahre der bekannte Lieder-Componist Friedrich Silcher\nin dem benachbarten Tübingen, wo er seit mehr als vierzig Jahren\ndie Stelle eines akademischen Musik-Directors bekleidet hatte. Seine\nVerdienste um Hebung des deutschen Volksgesanges würden ihm ein\nbleibendes Andenken selbst dann sichern, wenn er auch nicht selbst\neinzelne herrliche Lieder componirt hätte, weiche die Kunde durch\nalle Länder gemacht und im londoner Krystallpalaste eben solche\nBegeisterung erregt haben, als beim schwäbischen Wettsingen. Ich\nmeine unter vielen anderen seine „Loreley0, „Aennchen von Tharau\",\nseine „Hohenstaufen-Lieder*. Die Beerdigung fand zu Tübingen am\n28. August mit allen akademischen Ehren unter namhafter Theil-\nnahme aller Schichten der Bevölkerung Statt. Friede seiner Asche!\nSeine Stelle bekleidet seit Ostern d. J., wo er sich wegen des schwe-\nren Leidens, das jetzt seinem Leben ein Ende gemacht hat, pen-\nsioniren liess, Professor Otto Scherzer,\nSilcher war 1789 in Remsthal geboren und widmete sich An-\nfangs dem Lehrstande. Seine vielfachen musicalischen Verdienste als\nLeiter des tübinger Oratorien-Vereins und der Liedertafel, als Heraus-\ngeber von Choralbüchern, als Liederdichter und Sammler von Volks-\nmelodieen sind allbekannt und werden sein Gedächtniss in den Her-\nzen der „sangeslustigen\"4 Deutschen lange wach erhalten. Erst im\nvorigen Jahre erhielt er bei Gelegenheit seines durch Gesundheits-\nRücksichten gebotenen Amtsaustrittes das Ritterkreuz des Fried-\nrichs-Ordens.\nWien* Ueber die vom Hof-Operntheater angenommene vier-\nactige Oper Rubinstein's, „Die Kinder der Haide\", verlautet, dass\nfür die Besetzung der weiblichen Hauptrollen die Damen Csillag und\nKraus, und der männlichen die Herren Ander, Wachte!, Hrabanek\nund Meyerhofer, so wie als Dirigent Herr Desoff in \\ orschlag ge-\nbracht worden sei. Das Honorar, welches die Direction dem Com-\nponisten angeboten hat, soll 1000 Fl. betragen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "312", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600922-01.1.8", "texte": "Wie vor zwei Jahren Herr Cornet, so ist nun auch Herr Eckert\ndahin gelangt, seine Stelle als artistischer Director des Opernthea-\nters aufgeben zu müssen. Ein beklagenswertes Resultat, wenn man\nder Hoffnungen gedenkt, die sich an jeden Directionswechsel knüpfen\nund die regelmässig in nichts zerfliessen, weil der Personenwechsel\neben kein Systemwechsel ist, weil der betreffende Director lediglich\nausgenützt wird und sich in seinen etwaigen besseren Intentionen\nvon den „unsichtbar-sichtbar\" waltenden unverantwortlichen Mächten,\nvon Intriguen und Widersetzlichkeiten jeder Art gehindert und ent-\nmuthigt sieht. Diesmal kam noch dazu das freche Gebaren jener\n„Cameraderieu, die sich des Einflusses bemächtigt hatte und ihn\ndie Theaterwelt hat erfahren, wie ausbeutete. Den aufdringlichen\nHelden dieser zweijährigen, trübseligen Komödie folgt noch im Sturze\ndas allgemeine, laute Verdammungs-Urtheil nach. Herrn Director\nEckert persönlich bedauert gewiss Jedermann desshalb, dass ihm\ndie Kraft und richtige Einsicht gefehlt hat, um seine unbezweifelt\nguten Absichten durchzuführen. Aber auch das Institut ist zu bekla-\ngen, welches dergestalt muthwillig von einer Hand in die andere\ngeworfen wird, ein Spielball der Laune, der Willkür und der kras-\nsesten Unfähigkeit in künstlerischen Dingen.\nUnter den Gerüchten, welche über die Neubesetzung der erledig-\nten artistischen Leitung des Hof-Operntheaters in den mannigfaltig-\nsten Versionen in Umlauf sind, scheint jenes die meiste Glaubwür-\ndigkeit für sich zu haben, welches Herrn Laube als zu dieser\nStelle ausersehen bezeichnet. Bezüglich rein musicalischer Fragen\nwürde Herrn Laube, wie es heisst, ein musicalischer Beirath zuge-\nsellt werden. Die nähere Bestätigung dieser Angaben muss selbst-\nverständlich noch abgewartet werden.\nDer Pianist Herr Alfred Jaell befindet sich auf der Durch-\nreise hier. Er begibt sich auf einige Zeit zu seinen Angehörigen\nnach Triest und beabsichtigt, im November in Wien einen Cyklus\nvon Concerten zu geben.\nDie Salzb. Zeitung enthält folgende Mittheilung: „Freunden von\nW. A. Mozart's Musik dürfte es nicht uninteressant sein, zu erfah-\nren, dass es mir im Laufe meiner Forschungen geglückt ist, unter\nden Schätzen der k. Hof- und Staats-Bibliothek zu München ein\nbisher nicht bekanntes, nirgends verzeichnetes Autograph W. A. Mo-\nzart's zu entdecken. Es ist dies die italiänische Bravour-Arie für\nSopran: „Fra cento affanni e ceulo\", welche der autograplien Ueber-\nschrift zufolge der vierzehnjährige Mozart im Jahre 1770 in Mailand\nschrieb, während er dort im December seine vierte dramatische Com-\nposition, die Oper „Mitridate lie dl Ponto\" mit ausgezeichnetem Er-\nfolg zur Aufführung brachte. Bei Gelegenheit dieser Notiz stelle\nich an alle glücklichen Besitzer Mozart'scher Autographe das An-\nsuchen, durch freundliche Mittheilung derselben zur Förderung mei-\nnes der Veröffentlichung nahe rückenden ■kritischen Verzeichnisses\nsämmtlicher Ton werke W. A. Mozart's beitragen zu wollen. Salz-\nburg, 28. August 1860. Ludwig Ritter v. Kochel, k k. Rath,\nNonnthal 37.u\nAm 6. September fand in Graz die erste Aufführung der roman-\ntischen Oper „Heinrich der Finkler\", Text von Vouvermans,\nMusik von Raphael, Statt.\nStarts* Der Director der italiänischen Oper, Herr Calzado,\nführt bei seinem Orchester, das bis jetzt die höchste Stimmung in\nParis hatte, die neue Normalstimmung ein. Die neuen Blasinstru-\nmente lässt er alle auf seine Kosten anschaffen.\nDas neue Programm des Thcdtre lyrique bringt aus dem früheren\nRepertoire Les Dragons de Villars, Gil Blas, Le Val d'Andorre, Faust,\nLes JSoces de Figaro, Fanchonnette, Philemon et Baucis (die vier letz-\nten Opern nach der Rückkehr von Mad. Miolan-Carvalho von Ber-\nlin), Gluck's Orpheus (Mad. Viardot); neue Opern: L' Auberge des\nArdennes, 1 Act, von Ar ist id. e Hignart; Les Pöcheurs de Ca-\ntane, 3 Acte, von Maillart; eine dreiactige Oper von Clapisson,\neine andere von Semet, eine dritte von Key er und endlich eine\nfünfactige, zu welcher fünf junge Componisten die Musik schreiben\nsollen. (!) Auch Offenbach's B oft ff es Parisiens versprechen eine\nderartige Neuigkeit: Les Musiciens, in 2 Acten, woran drei junge\nComponisten arbeiten. Die Fabrication macht reissende Fortschritte\nin der Kunst!\nPetersburg?* Der restaurirte Cirque, jetzt Marien-Theater,\nwird am 10. (22.) September eröffnet werden. Die deutsche Gesell-\nschaft soll aber nicht darin spielen, und die Entscheidung schwankt\nnoch, ob in Zukunft die italienische oder die russische Oper darin\nresidiren soll. Jedenfalls lässt das Haus an Eleganz der inneren Aus-\nstattung alle anderen petersburger Theater hinter sich. Die Decora-\ntion ist durchweg von himmelblauem Sammt und Gold. Die Lehn-\nstühle des Parquets haben in der Rückenlehne Spiegelscheiben, in\ndenen die Nummer matt eingeschliffen ist. Einschliesslich der um\ndas Parquet herumlaufenden Baignoires gibt es vier Reihen Logen.\nDie Plätze sind so berechnet, dass die Einnahme bei vollem Hause\ndas grosse Theater um 40 Silberrubel übertrifft. Beiläufig bemerkt,\nist es das erste und einzige Theater, welches mit Gas erleuchtet\nwerden wird.\nDie polnische Pianistin Hedwig Brzowska hat sich mit dem\nfranzösischen General-Consul in New-Orleans, Herrn Grafen Mejan,\nverheirathet, dessen erste Gemahlin, die deutsche Sängerin De Ahna,\nvor Jahresfrist dem gelben Fieber erlag."}]}