{"numero_id": "bm-bmtnabi-1860-09-29-01", "volume": "bmtnabi_1860-09-29_01", "ocr_sha256": "914bd9b4f66efdd1c9b4c952899406759e9af03f679742e541e1f959d1ae3a9a", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1860/09/29_01/bmtnabi_1860-09-29_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1860-09-29-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-09-29_01#c001", "volume": "bmtnabi_1860-09-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "313", "page_fin": "313", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 332, "texte": "Inhalt.\nClara Novello (Lebensskizze). - Das Passionsspiel in Oberammergau. Sehluss. Die erste Aufführung von „Robert\nder Teufel\"4. Tages- und Unterhaltungsblatt (Hannover, Herr Steger Leipzig, Der Musik-Verein yEuterpe* Wien, Hof-\nOperntbeater Richard Wagner in Paris Rossini's Uneigennützigkeit Warschau, Conservatorium der Musik)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-09-29-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-09-29_01#c002", "volume": "bmtnabi_1860-09-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "313", "page_fin": "316", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.2.2", "titre_corps": "Clara Novello.", "titre_sommaire": "Clara Novello.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.1", "debut_caractere": 334, "fin_caractere_exclue": 4093, "texte": "Clara Novello.\nUnter allen Künstlerinnen, deren Talent die Kunst des\nGesanges verherrlicht und die Welt gezwungen hat, zu\nvergessen, dass England ihre Heimat war, hat keine einen\nhöheren Gipfel des Ruhmes erreicht und diese Erhebung\nmehr verdient, als Clara Novello.\nIn dem Augenblicke, wo sie beschlossen hat, sich mit\nEnde dieses Jahres ganz und gar vom Schauplatze der\nOefFentlichkeit zurückzuziehen, dürfte ein Rückblick auf\nihre Laufbahn an der Zeit sein, bei welchem wir in Bezug\nauf die Thatsachen den Verfasser eines ausführlichen Auf-\nsatzes in der Musical World zum Führer nehmen. So gross\nauch die Erfolge der unvergleichlichen Sängerin auf dem\nTheater und im Concertsaale gewesen, so ist sie doch in\nEngland am meisten als Oratoriensängerin berühmt, und\nin dieser Beziehung wird ihr Zurücktritt eine für den Au-\ngenblick gar nicht wieder auszufüllende Lücke lassen. Ihre\nherrliche und durch Kraft und zugleich durch Weichheit\nund Anmuth des Wohllauts ausgezeichnete Stimme, ihr\ngrosser Stil und ihr einfach erhabener Ausdruck im Vor-\n- • i\ntrage dürften bei den grossen Oratorien-Aufführungen un-\nersetzlich sein. Wer ihr „God save ihe Queen*, ihr „Ich\nweiss, dass mein Erlöser lebt\", ihr „Die Nacht ist vergan-\ngen\" (in Mendelssohn's Lobgesang) gehört hat, wird zwei-\nfeln, ob er je wieder etwas so Herrliches, so Ergreifendes\nhören werde.\nClara Novello wurde in der Oxford-Street zu London\nam 10. Juni 1818 geboren.\nIhr V ater, Vincent Novello, gehörte zu den geschätz-\ntesten Musikern jener Zeit in London, zu den tüchtigen\nMännern, welche die Kunst in der ersten Hälfte unseres\nJahrhunderts in London aufrecht hielten, wie Altwood,\nCrotch, der ältere Horsley, F. Gramer und sein noch be-\nrühmterer Bruder J. B. Gramer, Bishop u. s. w. Vincent\nNovello hat Mehreres, besonders für Gesang, geschrieben,\nnamentlich im Fache der katholischen Kirchenmusik. Be-\nkannter ist er jedoch als Musik-Verleger geworden, und\nhatte als solcher grosses Verdienst um England durch die\nAusgaben von Haydn's und Mozart's Messen und von Hän-\nOratorien in Clavier-Auszügen und anderen verschie-\ndenen Einrichtungen.\nEr war einer von den Stiftern der philharmonischen\nGesellschaft, die bekanntlich einen grossen Einfluss auf die\nFörderung der Tonkunst in England gehabt hat, und lei-\ntete lange Zeit, zuerst am Pianoforte, später am Directions-\npulte, die Aufführungen in den Concerten derselben. Auch\nunter den Organisten nahm er einen bedeutenden Rang\nein und wirkte als solcher unter Anderem auch bei dem\ngrossen Musikfeste in Westminster im Jahre 1834 mit.\nSein Vater war, wie man erzählt, ein Italiäner, der als\nKoch im Dienste eines prinzlichen Hauses nach London\nkam und nachher auf eigene Hand eine Conditorei einrich-\ntete. Vincent, der sich mit einer Engländerin verheirathete,\nhatte die Freude, dass seine Kinder alle durch musicali-\nsches und literarisches Talent sich auszeichneten. Sein Haus\nwar der Sammelplatz geistvoller Schriftsteller und Künst-\nler, was natürlich nicht ohne bedeutenden Einfluss schon\nauf die Kindheit und die allererste Entwicklung von Clara\nNovello sein konnte.\nClara erregte in wunderbarer Frühe des Lebensalters,\nwie einst die Catalani und Henriette Sontag, Aufsehen\ndurch ihre starke, schöne Stimme und ausgezeichnete mu-\nsicalische Anlage. Im Jahre 1824 ging ihre Familie nach\nParis, und sie erhielt Musik-Unterricht von Fetis, dem jetzi-\ngen üirector des Conservatoriums in Brüssel und berühm-\nO\nten Musikgelehrten. Fetis, damals Professor am pariser\nConservatorium, empfahl das Wunderkind zur Aufnahme\nin diese Anstalt und hatte Mühe, dass dem sechsjährigen\nMädchen gestattet wurde, die Prüfung unter den älteren\nAspiranten mitzumachen. Choron leitete diese Prüfung, und\nin seinen Händen lag die Entscheidung über Aufnahme"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5183, "texte": "oder Abweisung. Die kleine Clara sang eine damals be-\nrühmte Coloratur-Arie: „ The , aus der eng-\nlischen Oper Artaxerxes von Arne. Der Vortrag gewann\nden strengen Professor noch nicht ganz für das frühreife\nTalent, und er verlangte noch eine Probeleistung in ernster\nMusikgattung. Clara sang das Agnus Dei aus Mozart's\nF-dur-Messe und entfaltete dabei ein so echtes musicali-\nsches Gefühl und einen so ausgezeichneten Vortrag, dass\nsie damit den Sieg über neunzehn Aspiranten davontrug.\nIhre Studien wurden im Conservatorium vorzüglich\nauf Kirchengesang geleitet, und ihre Fortschritte darin er-\nregten allgemeine Bewunderung. Sechs Jahre lang blieb\nsie in der Anstalt. Als aber im Jahre 1830 auch das Con-\nservatorium unter den Einflüssen der Juli-Revolution An-\nfangs litt und auch Famiiien-Rücksichten hinzukamen,\nnahmen die Eltern die junge Sängerin, welche der pariser\nAnstalt den gediegenen Grund ihrer musicalischen Bildung\nverdankte, in ihr Haus nach London zurück.\nClara's öffentliche Laufbahn begann in merkwürdig\nfrühem Lebensalter. Im Jahre 1832, vierzehn Jahre alt,\nin einem Alter, in welchem nach dem gewöhnlichen Laufe\nder Natur die Stimme sich noch nicht vollständig gesetzt\nhat und in welchem die meisten Sängerinnen erst ihre Stu-\ndien beginnen, trat Clara Novello vor der Welt auf, und\nzwar mit reifen, natürlichen und bereits künstlerisch aus-\ngebildeten Mitteln. Sie sang in den einem\nConcert-Institute, das lange Jahre hindurch den ersten\nRang unter allen ähnlichen in England behauptete; sie\nsang in den philharmonischen Concerten als jüngste Künst-\nlerin von allen, die jemals in den Aufführungen dieser Ge-\nsellschaft aufgetreten waren, und sie sang auch schon da-\nmals auf den Musikfesten in der Provinz. Die grosse Zahl\nder Einladungen dazu, die sie erhielt, ist ein sicherer Be-\nweis des Erfolgs, den sie hatte.\nBei dem berühmten Musikfeste in der Westminster-\nAbtei im Jahre 1834, mit welchem eine neue Epoche in\nder Geschichte der Sacred Harmonie Society eintrat, war\nClara Novello eine der Hauptsängerinnen. Es ist merk-\nwürdig, dass sie damals zu den dreissig Solisten gehörte,\ndie man aus aller Welt zur Verherrlichung des Festes her-\nbeigezogen hatte, beim letzten grossartigen Händel-Feste\nim Krystall-Palaste aber die einzige Sängerin war, der man\ndie H aupt-Soli in den Händel'schen Meisterwerken über-\ngab, und dass jetzt ihr Name fast allein hinreichte, um\nein zahlloses Publicum nach den ungeheuren Räumen hin-\nzuziehen.\nMendelssohn war bei seiner ersten Anwesenheit in\nLondon ein häufiger Besucher des Novello'schen Hauses,\nund er war einer von denen, die am lebhaftesten und\nwärmsten Clara's geniale Begabung begriffen und aner-\nkannten und ihre fernere Laufbahn ebneten und förderten.\nIn der Sommerzeit wurden von der Familie oft Land-Par-\ntieen in die schönen Umgebungen Londons gemacht, bei\ndenen Mendelssohn und Malibran stete Theilnehmer wa-\nren und die Musik immer eine Hauptrolle spielte.\nDurch Mendelssohn erhielt Clara Novello die Einla-\ndung, im Winter 1836 in den Gewandhaus-Concerten zu\nLeipzig zu singen. Der Erfolg war ausserordentlich; wie\nsehr sie aber namentlich Mendelssohn selbst befriedigte,\ngeht aus seiner Antwort an die Directoren der philharmo-\nnischen Gesellschaft in London hervor. Diese hatten ihn\nersucht, ihnen grosse Sängerinnen aus Deutschland für\nihre Concerle zu empfehlen. Er schrieb zurück: „Die\ngrössten Sängerinnen in Deutschland sind Miss Clara No-\nvello und Mistress Alfred Shaw.\"\nVon Leipzig aus trat sie eine Kunstreise durch andere\nStädte in Deutschland an, überall mit steigendem Erfolg.\nIn Berlin machte die junge und schöne Sängerin vorzüg-\nliches Glück; der Kronprinz gab ihr einen eigenhändigen\nBrief an seine erlauchte Schwester, die Kaiserin von Russ-\nland, und mit so wirksamer Empfehlung ging sie nach\nPetersburg.\nWenn im Allgemeinen bedeutende Künstler in der\nrussischen Kaiserstadt sehr gut aufgenommen, honorirt\nund beschenkt werden, so bewies sich dies in erhöhtem\nMaasse bei Clara Novello.\nVon Petersburg kehrte sie nach London zurück. Hier\nsang sie eine ganze Saison durch in allen grösseren Auf-\nführungen.\nDarauf reis'te sie mit ihrem Vater und ihrem Bruder\nnach Italien, um in Bologna Rossini zu Bathe zu ziehen,\nob sie ihrer Neigung zur dramatischen Musik folgen und\nauf die Bühne gehen solle. Der Maestro war von ihrer\nStimme und ihrem Talente entzückt, ermuthigte sie aufs\ndringendste, zur Bühne zu gehen, rieth ihr aber, vorher\nnoch einen besonderen Gesang-Cursus durchzumachen,\num sich den ihr noch ungewohnten dramatischen Charak-\nter im Ausdruck anzueignen.\nIn Folge dessen ging sie nach Mailand zu Micheron,\ndem Lehrer der grössten Sängerinnen der damaligen Zeit,\nund widmete sich ein ganzes Jahr lang den eifrigsten Stu-\ndien unter Leitung dieses Meisters ein schönes Zeichen\nvon Charakter und Selbstbeherrschung, so lange den ge-\nwohnten Triumphen zu entsagen, um eine neue Stufe zum\nTempel der Kunst und des Ruhmes zu ersteigen. Aber der\nLohn dafür blieb nicht aus; als sie nach dieser langen\nUnterbrechung wieder in die Oeffentlichkeit trat, bot ihr\ndie neue Laufbahn eine Fülle von Befriedigung und Bei-\nfall, die alles übertrafen, was ihr bisher zu Theil ge-\nworden."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "315", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5289, "texte": "Ihre erste Bühnenrolle war die Semiramis auf dem\nOperntheater zu Padua. Ihr Erfolg war vollständig; den-\nnoch wuchs er täglich noch mehr mit der Uebung und\nErfahrung in theatralischen Dingen. Sie trat dann nach\nund nach in Rom, Bologna, Fermo, Mailand und anderen\nStädten auf. Triumph auf Triumph folgte ihr auf dem\nFusse, und die Italiäner erschöpften sich in Huldigungen\naller Art.\nRossini hatte damals sein Stabat Mater geschrieben.\nIn Bologna sollte es unter Donizetti's Leitung aufgeführt\nwerden, und natürlich befragte man den Componisten um\nseine Wünsche für die Besetzung der Soli. Rossini zog\nvor allen italiänischen Sängerinnen Miss Clara Novello für\ndie Sopran-Partie vor, und das herrliche hör-\nten Rossini's Landsleute zum ersten Male durch die präch-\ntige Stimme einer Engländerin. Als das Stabat Mater im\nfolgenden Jahre zu Florenz wiederholt wurde, äusserte\nRossini denselben Wunsch wieder, und Clara Novello ärn-\ntete auch dort entschiedene Bewunderung.\nDurch ein Versehen ihres Agenten oder Missverständ-\nniss der betreffenden Theater-Directoren befand sich Miss\nNovello gegen Ende des Jahres 1841 in der sonderbaren\nLage, zugleich in Rom und in Genua für die Carnevalszeit\nvon 1842 engagirt zu sein. Beide Directoren verlangten\ndie Erfüllung des Contractes, beide hatten das Gesetz für\nsich. Allein der Impresario in den päpstlichen Staaten hatte\nmehr als das Recht für sich: er war im Besitz. In der\nHerbst-Theaterzeit 1841 war nämlich Clara Novello die\nPrima-Donna der Oper zu Fermo, einer Stadt im Gebiete\ndes Kirchenstaates, die also unter der Jurisdiction der rö-\nmischen Behörden stand. Ohne Pass konnte die Künstlerin\nFermo nicht verlassen. Der römische Theat'er-Director legte\nbei der Policei Beschlag auf den Pass und suchte sich auf\ndiese Weise das Talent der Sängerin für seine Bühne zu\nsichern.\nDer Poücei-Präsident von Fermo, Graf Gigiiucci, setzte\ndie Sängerin von den Zwangs-Maassregeln in Kenntniss,\ndie der Impresario in Rom gegen sie ergriffen habe, indem\ner bedauerte, das unglückliche Werkzeug zu ihrer Aus-\nführung sein zu müssen und sich in der traurigen Not-\nwendigkeit zu sehen, die Lady so lange ihrer Freiheit zu\nberauben, bis sie mit dem Kläger eine befriedigende Ueber-\neinkunft getroffen.\nAllein das Blatt wandte sich der strenge Hüter der\nGefangenen verlor seine eigene Freiheit an sie und lös'te\nihre Fesseln nur, um sie selbst zu tragen. Die Vorzüge\nund Reize der schönen Sängerin hatten den Grafen längst\nbezwungen, auch er war ihr keineswegs gleichgültig, und\nso endete die Arrest-Geschichte mit einer förmlichen Ver-\nlobung und wurde die Veranlassung zu der Verbindung\ndes Grafen Gigiiucci mit Clara Novello. Die Processsache\nwurde endlich durch einen Vergleich geschlichtet, der auf\neinen päpstlichen Erlass begründet war, nach welchem die\nCarnevalszeit für 1842 auf zwölf Wochen ausgedehnt und\ndie Sängerin auf die ersten sechs Wochen dem Impresario\nzu Rom, auf die anderen dem Director zu Genua zuge-\nsprochen wurde.\nUm diese Zeit übernahm in London Macready das\nDrurylane-Theater, um den Versuch zu machen, den Ge-\nschmack durch eine National-Anstalt, die nach wahren\nPrincipien der Kunst geleitet würde, zu heben, ein Ver-\nsuch, der durch spätere Unternehmer eben so vergebens\nwiederholt worden ist. Herr Serie, Gatte der älteren Schwe-\nster Clara's, Sabilla Novello, die nach ehrenvollen Erfol-\ngen als Sängerin sich schon seit Jahren von der Bühne zu-\nrückgezogen hatte, war die Seele der Unternehmung und\nvermittelte das Engagement Clara's, wodurch den Englän-\ndern zum ersten Male die Gelegenheit geboten wurde, ihre\ngrosse Landsmännin auch als Opernsängerin zu hören.\nSie trat im Sommer 1842 dort auf und wählte dazu\ndie Oper Sappho von Paccini, ein Werk, das mehr geeig-\nnet war, die Kenntniss und den Geschmack der Bühnen-\nVerwaltung in Bezug auf Inscenesetzung zu beweisen, als\ndie vorzüglichen Eigenschaften einer grossen Sängerin in\nhelles Licht zu stellen. Serie hatte das Buch ins Englische\nübersetzt, und es geschah Alles, um die Vorstellung so\nglänzend als möglich zu machen; allein nichts vermochte\ndas schwache Werk in ein interessantes zu verwandeln,\nund die verfehlte Wahl des Stückes that dem Erfolg der\ngefeierten Sängerin nicht wenig Schaden.\nGlücklicherweise stand HändeFs „Acis und Galathea'\nauch auf dem Programm des damaligen Drurylane-Thea-\nters; die Vorstellung dieses Meisterwerkes mit Stanfield's\nScenerie und T. Cooke's Instrumentirung für grosses Or-\nchester war ein Ereigniss in der Geschichte der Oper.\nClara Novello sang die Hauptpartie und konnte ihre Künst-\nlergrösse allerdings in diesem unsterblichen Werke ganz\nanders zeigen, als in der schwachen Musik des Italiäners*j.\nIn demselben Sommer (1842) sang Clara Novello noch\nauf den Musikfesten in der Provinz, worauf sie sich, ohne\nvom Publicum förmlich Abschied zu nehmen, von dem\nFelde ihres Ruhmes zurückzog und Gräfin Gigiiucci wurde.\nDa wir nur eine Skizze der Laufbahn der Künstlerin\ngeben wollten, so treten wir natürlich vor ihrem Privat-\nleben zurück und nehmen den Faden erst da wieder auf,\n\n*) Trotz alledem bewundert das londoner Theater-Publicum\nnach wie vor die schwachen Werke der Italiäner in zwei\ngrossen Opernhäusern bis auf den heutigen- Tag, und weder\neine englische noch eine deutsche Oper kann in London auf-\nkommen !\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4441, "texte": "wo sie mit der Ausübung ihrer Kunst zum zweiten Male\nwieder in die Oeffentlichkeit trat.\nHierzu waren, wie bei Henriette Sontag, die Stürme\ndes Jahres 1848, die alle Länder und alle Verhältnisse\nerschütterten, die hauptsächlichste Veranlassung. Clara\nNovello erschien wieder als Sängerin in Italien, Spanien,\nDeutschland und England, und ihre Erfolge erneuerten\nsich überall, wo sie auftrat. Ja, man kann mit Becht be-\nhaupten, dass die Künstlerin während der Zeit ihrer Zu-\nrückgezogenheit an Kraft und Fülle des Tones, an Gross-\nartigkeit der Auffassung und an Gediegenheit des Vortrags\nnoch gewonnen hatte.\nNach zwölfjähriger abermaliger Künstler-Laufbahn\nsteht Clara Novello jetzt auf dem Punkte, mit Ende dieses\nJahres auf immer dem öffentlichen Auftreten zu entsagen,\nda die Verhältnisse der hohen Familie, deren Mitglied sie\ndurch ihre Heirath geworden, den politischen Stürmen\nauch der neuesten Zeit und ihren Folgen widerstanden\nhaben.\nSie zählt jetzt zweiundvierzig Jahre. Von ihrem fünf-\nzehnten Jahre an hat sie, mit Unterbrechung von sechs bis\nsieben Jahren, in fast allen Ländern Europa's gesungen,\nund ihre letzte Anwesenheit in Deutschland hat den Kunst-\nfreunden in Berlin, Hamburg, Leipzig, Köln u. s. w. ge-\nzeigt, dass ihre herrlichen Stimmmittel auch jetzt noch in\nfast ungeschwächter Kraft bestehen und noch immer durch\njenen Wohllaut ergreifen, durch den sie früher, z. B. bei\ndem Musikfeste in Düsseldorf unter Mendelssohn's Lei-\ntung, entzückte.\nDer Charakter ihres Tones und ihres Vortrages war\nstets ein eigenthümlicher. Trotz der grossen Vollkommen-\nheit ihrer technischen Gesangsbildung war es doch nicht\ndie Virtuosität der Ausführung—mit Ausnahme des Tril-\nlers, der in jeder Lage und in jeder dynamischen Färbung\nbei ihr vortrefflich ist—, welche, wie bei Henriette Son-\ntag, Bewunderung erregte. Eben so wenig kann man sa*\ngen, dass sie durch leidenschaftliche Erregung oder dra-\nmatischen Schwung hingerissen hätte; ja, Viele, besonders\nsolche, die ein immerwährendes Aussichherausgehen und\neine excentrische Aufregung verlangen, machten ihr den\nVorwurf der Kälte und Einförmigkeit des Ausdrucks, und\ndieser Vorwurf war vielleicht in Bezug auf ihre dramati-\nschen Leistungen nicht ganz unbegründet.\nWas in ihrem Gesänge bezauberte, war der schöne,\nüberall gleichmässig volle Ton, der auf jeder Stufe vom\nEntstehen bis zum Vergehen, im Ansatz, in der unzerstör-\nbaren, auch nicht der geringsten Schwebung unterworfe-\nnen Beinheit, in der niemals umschleierten Klarheit, in\ndem meisterhaften An- und Abschwellen eine wunderbare\nVereinigung der günstigsten Naturgabe mit den Besulta-\nten eines ungemein fleissigen Studiums offenbarte. Wenn\nder Vortrag der Oratorien-Partieen und des einfachen Lie-\ndes durch Clara Novello mit Becht classisch genannt wird,\nso kann man mit eben so viel Beeilt auch ihren Ton an\nund für sich classisch nennen.\nDieser Ton, über welchen sie die vollste Gewalt hatte,\nist es denn auch hauptsächlich, der sie zu dem classischen\nVortrage namentlich Händel'scher Musik in so hohem\nMaasse befähigt. Da ist von keinerlei Affectation oder\nEffecthascherei die Bede, niemals wird das Maass des\nSchönen überschritten; und dennoch liegt ein Zauber darin,\nvon dem man kaum begreift, dass er durch Mittel, die sich\ninnerhalb so eng gesteckter Gränzen des Ausdrucks bewe-\ngen, erreicht werden kann. Wer den Vortrag der Arien\nim Messias, namentlich der letzten: „Ich weiss, dass mein\nErlöser lebt\", und in dieser wieder besonders der Stelle:\n„Ein Erstling derer, die schlafen\", von Clara Novello ge-\nhört hat, wobei ihr Ton, mit halber Stimme genommen,\nwie ein wunderbar tönender Hauch aus einem unbekann-\nten Klang-Instrumente das Ohr entzückt, der wird ver-\nstehen, was wir meinen.\nWarum muss sich an die Betrachtung der Laufbahn\nsolcher Sängerinnen wie Henriette Sontag, Jenny Lind,\nClara Novello und an die Erinnerung des gar nicht zu be-\nschreibenden Genusses, den ihre Gesangweise gab, stets\nder wehmüthige, betrübende Gedanke knüpfen: „So etwas\nwirst du schwerlich je wieder hören!\" Leider ist dieser\nGedanke nicht Ausfluss einer philistermässigen Anschauung\nunserer Zeit und unserer Kunst, nicht die mit allem Ge-\ngenwärtigen grollende Ansicht eines\nsondern er ist das traurige Ergebniss einer scharfen, auf\nkünstlerischem Gefühle eben so wie auf theoretischen\nGrundsätzen beruhenden kritischen Betrachtung der jetzi-\ngen Gesangesgrössen und des Publicums, das sie bewundert\nund verderbt!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-09-29-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-09-29_01#c003", "volume": "bmtnabi_1860-09-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "316", "page_fin": "318", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.2.3", "titre_corps": "Das Passionsspiel in Obcrammergau.", "titre_sommaire": "Das Passionsspiel in Obcrammergau.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.4", "debut_caractere": 4443, "fin_caractere_exclue": 5000, "texte": "Das Passionsspiel in Obcrammergau.\n(Schluss. S. Nr, 39.)\nEndlich habe ich mich noch über die Darstellung der\nlebenden Bilder auszusprechen. Ich muss hier voraus-\nschicken, dass ich derartigen Compositionen nie einen be-\nsonderen künstlerischen Werth beizulegen vermocht habe.\nMir ist es immer wie etwas Unpassendes und Verkehrtes\nvorgekommen, mit lebendigen Menschen, die mehr zu lei-\nsten vermögen, nur leblose Bilder herzustellen, welche,\nwie lucus ci non lucenclo, „lebende\" genannt werden. Wenn\naber irgendwo, so habe ich dieselben bei diesem Spiel pas-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5490, "texte": "send und wirksam gefunden. Ihre Zahl ein wenig zu be-\nschränken, wie überhaupt das Ganze zu concentriren, dürfte\niridess zweckmässig sein. Diejenigen unter den siebenund-\ndreissig Tableaux, welche vorzugsweise durch schöne Grup-\npirung oder durch Reichthum und Pracht sich auszeichne-\nten, waren etwa folgende: Der junge Tobias nimmt Ab-\nschied von seinen Eltern; die Braut des hohen Liedes be-\nklagt den Verlust des Bräutigams; König Ahasver verstösst\ndie Vasthi und erhebt Esther; der Herr gibt dem Volke\nIsrael das Manna und die Weintrauben aus Canaan; die\nSöhne Jakob's verkaufen ihren Bruder Joseph um zwanzig\nSilberlinge; Adam muss im Schweisse des Angesichts sein\nBrod essen; Iliob erduldet von seinem Weibe und seinen\nFreunden bittere Schmähungen; Kain, von Gewissensbissen\ngequält, irrt unstät umher; Joseph wird als Landesvater\ndem Volke vorgestellt; Moses erhebt eine aus Erz gegos-\nsene Schlange auf dem Querholze; die Israeliten werden\ndurch den Hinblick auf die eherne Schlange vom Biss der\nfeurigen Schlangen geheilt; Jonas wird vom Wallfisch ge-\nsund an das Land gesetzt; das Volk Israel zieht trockenen\nFusses durch das rothe Meer, während seine Feinde darin\nihren Untergang finden, und endlich die Schluss-Vorstel-\nlung, welche Christus in seiner Herrlichkeit zeigt.—Abge-\nsehen von ihrer meist trefflichen künstlerischen Anordnung,\nwaren diese Bilder besonders noch wegen der Ruhe und\nSchnelligkeit zu bewundern, mit welcher sie hergestellt\nwurden. Bei vielen derselben wirkten etwa 500 Personen\nund unter diesen selbst kleine Kinder mit. Trotzdem wa-\nren sie oft binnen wenigen Minuten und ohne dass man\nhinter dem Vorhange die geringste Unruhe vernommen\nhätte, sammt allem Zubehör aufgestellt, so dass man an\neinen Zauber hätte glauben mögen. Nicht weniger zu be-\nwundern war die Sicherheit und Ausdauer, mit der man\nlänger, als es sonst üblich ist, in der angenommenen Stel-\nlung ohne eine Spur von Bewegung verharrte und den\nZuschauern Zeit gewährte, sich die Bedeutung der Gruppe,\nder Interpretation des Chors gemäss, zum Bewusstsein zu\nbringen. Wenn schon Andere behauptet haben, dass alles,\nwas Oper und Ballet in diesem Betracht zu liefern pflegen,\ndagegen als dürftig oder wenigstens als minder exaet und\nminder naturwahr erscheine, so liegt darin keine Ueber-\ntreibung.\nSelbstverständlich wird nun die Wirkung aller dieser\nLeistungen noch sehr bedeutend durch die Erwägung er-\nhöht, dass alles, was man hier sieht und was man bewun-\ndern müsste, auch wenn es von Personen höherer Bildung,\nja, von geübten Künstlern dargestellt würde, das Werk\nländlicher Gebirgsbewohner ist, die sogar mit\nStrenge darauf halten, jede fremde Hülfe auszuschliessen\nund sich in allem, was zur Vorbereitung und Herstellung\ndes Spiels nothwendig ist, lediglich auf die Mittel und\nKräfte, welche die Gemeinde selbst bietet, zu beschränken.\nDie Oberammergauer sind eigentlich von Alters her eine\nArt Künstler-Gemeinde, oder wenigstens hat die\nkünstlerische Beschäftigung unter ihnen dergestalt vorge-\nwaltet, dass sich der Sinn für das Schöne und Neigung\nzur Nachbildung nach und nach der ganzen Bevölkerung\nmitgetheilt hat. So sind sie bekanntlich zugleich als Bild-\nschnitzer in Holz und Elfenbein berühmt.\nBei d ieser Geistes-Richtung hat ohne Frage Ober-\nammergau auch der Darstellung von Mysterien und Pas-\nsionsspielen schon sehr früh seine besondere Aufmerksam-\nkeit gewidmet. Zwar liegen darüber, so viel mir bekannt,\nkeine ausdrücklichen historischen Documente vor; aber da\ndiese Spiele damals in Deutschland, und namentlich in\nBaiern, mit Vorliebe gepllegt wurden, so lässt sich nicht\nannehmen, dass gerade ein Ort wie Oberammergau hinter\nweit unbedeutenderen Orten zurückgeblieben sein sollte.\nWenn daher die Oberammergauer im Jahre 1633 zur\nAbwendung der damals in dortiger Gegend wüthenden\nPest das feierliche Gelübde thaten, die Passionsgeschichte\nregelmässig alle zehn Jahre zur Darstellung zu bringen, so\ngelobten sie damit, wie auch Clarus annimmt, sicherlich\nnichts Neues, sondern verpflichteten sich nur zu einer re-\ngelmässigen Weiterführung dieser damals schon im Ver-\nschwinden begriffenen Sitte; ja, dass sie gerade dieses und\nkein anderes Gelübde thaten, spricht dafür, dass sie mehr\nals andere Ortschaften einen besonderen Werth auf diese\nDarstellungen gelegt haben müssen. Noch mehr wird diese\nVermuthung dadurch unterstützt, dass der älteste uns be-\nkannte Text (der von 1662), welcher wahrscheinlich auch\nder ersten Aufführung nach dem Gelübde (1634) zum\nGrunde lag, einerseits schon so ausgebildet und abgerun-\ndet ist, und andererseits so entschieden an die Texte des\nMittelalters erinnert, dass die Annahme, er sei damals zu-\nerst angefertigt, nicht wohl zulässig ist; auch wird dieser\nText in seiner späteren Bearbeitung mehrmals eine „neue\nPassionsgeschichte\" genannt.\nJedenfalls hat man also das oberammergauer Spiel\nnicht sowohl für eine blosse Folge des religiösen Gelüb-\ndes, als vielmehr dieses Gelübde selbst für eine Folge der\nin Oberammergau vorherrschenden Geistesrichtung, die\nihren religiösen Bedürfnissen am liebsten in künstlerischen\nFormen genügte, anzusehen, und in dieser zugleich ästhe-\ntischen und religiösen Richtung muss daher auch der Grund\nder Beharrlichkeit und Ausdauer gesucht werden, mit wel-\ncher die Oberammergauer nicht bloss die formelle Erfül-\nlung des Gelübdes, sondern auch die zeitgemässe Fort- und\nWeiterbildung des Spiels sich angelegen sein liessen. Wä-\nren sie bloss religiösen Motiven gefolgt, so hätten sie noth-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4150, "texte": "wendig in Zeiten, wo man gerade vom religiösen Stand-\npunkte an diesen Spielen ein Aergerniss nahm, entweder\ndavon zurückkommen oder wenigstens der Darstellung im-\nmer mehr einen specifisch-kirchlichen und weniger künst-\nlerischen Charakter geben müssen. Dies ist aber nicht ge-\nschehen ; vielmehr hat man immer eben so viel Gewicht\nauf die ästhetisch-artistische Vervollkommnung des Spiels,\nwie auf eine Erhöhung der Feierlichkeit und Kirchlichkeit\ngelegt, und daher sind diejenigen im Irrthum, die den\nausserordentlichen Eindruck, welchen das Spiel in seiner\ngegenwärtigen Gestalt macht, lediglich auf Rechnung sei-\nnes religiösen Charakters und des kirchlichen Sinnes, mit\ndem es gespielt wird, schreiben zu müssen glauben, ja,\nim Hinblick auf dasselbe sich für berechtigt halten, auf\nanderweitige Kunstleistungen und alles das, was in das Ge-\nbiet des Aesthetischen als solchen gehört, mit Verachtung\nhinabzublicken.\nGerade das eigentlich Wirksame und tief Ergreifende\nverdankt das Spiel hauptsächlich der ästhetisch-artistischen\nForm seiner Darstellung, und diese hat ihren Grund nicht\nbloss in der Frömmigkeit, sondern nicht weniger in dem\neinmal dem Schönen zugewandten Sinne der Oberammer-\ngauer, der sich von dem ästhetischen Sinne, wie er in an-\nderen Sphären herrscht, nur dadurch unterscheidet, dass\ner mit dem religiösen Sinne enger und unmittelbarer ver-\nwachsen ist und sich heimischer, aber auch einseitiger im\nGebiete des Heiligen und Erhabenen bewegt. Ich halte\ndies nachdrücklich hervorzuheben darum für nothwendig,\nweil es zu ganz falschen Consequenzen verführt, wenn man\ndas ästhetische Element bei derartigen Dingen gering-\nschätzig behandeln zu dürfen glaubt. Wäre dies wirklich\nso bedeutungslos, wie es Manche hinstellen, so müsste auch\ndas erste, beste Muttergottesbild an der Strasse, weil es\nvielleicht mit eben so gläubigem und frommem Sinne ge-\narbeitet ist, denselben Werth besitzen wie Raphael's\nSixtinische Madonna; und bei dem oberammergauer Spiel\nseihst hätte die Darstellung der heiligen Frauen trotz der\nschwächeren künstlerischen Ausführung einen gleich tiefen\nEindruck machen müssen, wie die Mehrzahl der männli-\nchen Rollen, da sicherlich nicht anzunehmen ist, dass die\nDarstellerinnen minder frommen Sinnes gewesen sind, als\ndie Darsteller. Gerade die besten Leistungen in der Dar-\nstellung sind fast regelmässig aus dem Stande der Bild-\nschnitzer hervorgegangen—Beweises genug, dass da, wo\nes sich um Versinnlichung des Göttlichen handelt, nicht\nmehr die Frömmigkeit als solche, sondern Bildung, Ge-\nschmack, Kunstfertigkeit u. dgl. entscheidet, womit jedoch\nnicht gesagt sein soll, dass nicht ein Durchscheinen echter\nFrömmigkeit auch minder vollkommene Kunstleistungen\nin gewissem Grade zu verklären vermöchte, oder dass ein\ngänzlicher Mangel an religiöser Empfindung durch eine\nbloss angelernte Kunst ersetzt werden könnte.\nDurch ein glückliches Zusammentreffen ist der Schön-\nheitssinn der Oberammergauer bis zu einem für ihre Ver-\nhältnisse bewunderungswürdig hohen Grade ausgebildet,\nund dem zufolge machen ihre Darstellungen schon jetzt\neinen merkwürdig ergreifenden Eindruck. Aber es unter-\nliegt keinem Zweifel, dass derselbe durch eine bedeutende\nConcentration des Textes, durch Beseitigung mancher mit-\ntelalterlichen Cruditäten und modernen Plattheiten, durch\nentsprechende Hebung der Frauen-Partieen und Anderes\nnoch um das Doppelte und Dreifache gesteigert werden\nkönnte, und diese Steigerung der ästhetischen Wirkung\nwürde ohne Frage auch dem religiösen Eindruck zu Gut\nkommen.\nBei dem richtigen Tacte, mit welchem die Oberam-\nmergauer ihr Spiel bisher weiter gebildet haben, werden\nsie sicherlich über das, was ihnen noch zu thun übrig bleibt,\nselbst zum Bewusstsein gelangen und darauf bedacht sein,\nbei der nächsten Aufführung zweckdienliche Modificationen\neintreten zu lassen. Entschieden zu wünschen aber ist, dass\nsie sich hierbei lediglich auf ihr eigenes Gefühl verlassen\nund insbesondere die Aenderungen selbst keinen fremden\nHänden anvertrauen; denn jeder Eingriff einer von aussen\nkommenden Kraft würde das Spiel um seine ganze ihm\neigenthümliche culturhistorische Bedeutung bringen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-09-29-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-09-29_01#c004", "volume": "bmtnabi_1860-09-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "318", "page_fin": "319", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.2.4", "titre_corps": "Die erste Aufführung von „Robert der Teufel“.", "titre_sommaire": "Die erste Aufführung von „Robert der Teufel“.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.6", "debut_caractere": 4152, "fin_caractere_exclue": 5241, "texte": "Die erste Aufführung von „Robert der Teufel“.\nIn Veron's Memoires d'u finden\nsich im dritten Theile anziehende Schilderungen über die\ntragi-komischen Unfälle, welche die erste Aufführung von\nMeyerbeer's „Robert der Teufel\" heimsuchten.\nNach der Juli-Revolution im Jahre 1830 wurde be-\nschlossen, die Ausgabe für die grosse Oper in Paris von\nder Civilliste zu streichen. Veron leitete noch vom 1. März\nbis Ende Mai 1831 die berühmte Kunst-Anstalt für Rech-\nnung des Staates und übernahm sie vom 1. Juli an als\nPrivat-Unternehmung auf eigene Gefahr. Am 21. Novem-\nber setzte er „Robert der Teufel4' in Scene, und damit\nwar der Erfolg seiner Unternehmung entschieden.\nAnfangs war das Werk für die komische Oper be-\nstimmt. Die hauptsächliche musicalische Aenderung, als\nMeyerbeer sich mit Veron einigte, bestand darin, dass der\nComponist die Rolle des Bertram, früher Bariton-Partie,\nfür den Bassisten Levasseur umarbeitete.\nBei der sorgfältigst vorbereiteten Aufführung schien\nes, als hätte sich das Schicksal in Gestalt der Theater-Ma-\nschinerie dagegen verschworen. Im dritten Acte stürzte"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2247, "texte": "eines von den Lampengestellen, die an der Innenseite der\nCoulissen angebracht sind, mit seinem ganzen Apparat vor\ndie Füsse der Alice (Mac). Dorus-Gras) zu ihrem Entsetzen\nnieder. In der Ballet-Scene in den Kloster-Ruinen fiel eine\ndunkle Wolke, mit schwerem Eisendraht gearbeitet, plötz-\nlich vom Himmel herab und verscheuchte Helene (Made-\nmoiselle Taglioni) und alle ihre Nonnen von der Bühne.\nDas Schlimmste und Gefährlichste kam aber zuletzt.\nNach dem herrlichen Terzett am Schlüsse der Oper\n—erzählt Veron muss sich Bertram bekanntlich in die\nOeffnung der Versenkung stürzen, um zur Hölle zurück zu\nfahren. Robert (Nourrit), bekehrt durch Gottes Stimme und\ndas heisse Flehen der Alice, muss auf Erden bleiben, um\nendlich die Prinzessin Isabella zu heiralhen; aber Robert,\nvoll Leidenschaft und hingerissen durch die Situation, ver-\ngisst, dass die Pforte der Hölle noch offen steht, und stürzt\ndem Satan nach. Hinter den Coulissen ein Schrei des Ent-\nsetzens: „Nourrit ist todt! er ist todt!\" Alice, die vorher\nbei ihrer persönlichen Gefahr sich stark gezeigt hatte, brach\nin Thränen und Schluchzen aus und eilte ab. Nun gab es\nauf dem Theater, unter dem Podium und vor demselben\nim Zuschauerräume drei verschiedene Scenen. Das Publi-\ncum, überrascht, glaubte, dass Robert sich am Ende doch\ndem Teufel ergebe und ihm ins Reich der Finsterniss folge.\nAuf dem Theater Jammer und Verzweiflung. Als Nourrit\nhinabstürzte, halte man glücklicher Weise die Matrazen\nund Betten, auf welche Levasseur fiel, noch nicht wegge-\nnommen. Nourrit kam mit heiler Haut und ganzem Ge-\nbein davon. Levasseur, der unter der Bühne ruhig nach\nseiner Loge ging, wird auf einmal Nourrit gewahr und\nruft: ,W as Teufel machst du hier? ist der Schluss geän-\ndert worden?\" Aber Nourrit schoss ohne Antwort an ihm\nvorbei nach der Treppe, denn es lag ihm zu sehr daran,\ndie Mitspieler und das Publicum zu beruhigen. Mit Made-\nmoiselle Dorus, die jetzt vor Freude Thränen vergoss, trat\ner heraus, und stürmischer Jubel empfing ihn.\nDer Vorhang fiel, und die Namen des Dichters und\ndes Componisten wurden unter unbeschreiblichem Beifall\nbekannt gemacht.\nNourrit musste den Abend noch zur Ader lassen, und\ndie zweite Vorstellung wurde desshalb auf den dritten Tag\nverschoben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-09-29-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-09-29_01#c005", "volume": "bmtnabi_1860-09-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "319", "page_fin": "320", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.7", "debut_caractere": 2249, "fin_caractere_exclue": 6512, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHannover* Der Tenorist Steg er soll für die hiesige Oper\n(während Niemann's Abwesenheit) mit einem Jahrgehalt von 5000\nThalern engagirt worden sein\nDem Musik-Verein „Euterpe\" in Leipzig steht für nächste\nSaison eine Veränderung bevor. An die Stelle des Dr. Langer, der\nin Folge seiner Berufung an die Universität seine Stelle niedergelegt\nbat, tritt Herr v, Bronsart als Musik-Director der Euterpe. Bei die-\nser Gelegenheit haben zugleich die Vereins-Statuten eine Umgestal-\ntung erfahren, so dass gegenwärtig die Gesellschaft in ihrer Organi-\nsation mehr dem Vorbilde der Gewandhaus-Concerte sich nähert.\nEin Co mite hat sich gebildet, welches sich der geschäftlichen Lei-\ntung unterzieht und die Concerte auf eigene Rechnung zu führen\ngedenkt, während früher die Mitglieder des Orchesters ihre Angele-\ngenheiten selbstständig verwalteten.\nWien. Herr C. Eckert hat, wie bereits gemeldet, seine Stelle\nals artistischer Director am Hof-Operntheater niedergelegt und ver-\nlässt, wie man sagt, Wien in kürzester Frist, ohne den Ablauf sei-\nnes ursprünglichen Engagements abzuwarten. Wir können nicht um-\nhin, diese Lösung der eingetretenen Wirrnisse aufrichtig zu be-\ndauern ; denn was man auch mit Recht über die Leitung dieses In-\nstituts durch Herrn Eckert sagen kann, es sind wenig Hoffnungen\nvorhanden, dass die künftige eine unseren Ansichten entsprechendere\nsein werde. Zudem verlieren wir durch Herrn Eckert jedenfalls einen\nguten Dirigenten, und die durch ihn wieder ins Leben gerufenen\nphilharmonischen Concerte sind durch seinen Abgang neuerdings in\nFrage gestellt. Wie man hört, ist die technische Leitung des Hof-\nOperntheaters provisorisch einem Comite, gebildet aus den Herren\nCapellmeister Esser, Regisseur Schober und Oekonomie-Contro-\nleur S t ein haus er, übergeben worden. Wir wünschten nun vor al-\nlen Dingen das Zustandekommen eines besseren Repertoires, denn\ndas seit Beginn der Saison (15. Juli) beliebte kann in keiner Weise\neines k. k. Hof-Operntheaters würdig genannt werden. (D. M.-Z.)\nDie vieractige Oper „Die Kinder der Haide' von Rubinstein,\nwelche von dem Hof-Operntheater zur Aufführung angenommen wor-\nden ist, soll noch in diesem Jahre in Scene gehen. Die Hauptrollen\nsind den Damen Czillag und Krauss, den Herren Ander, Wachtel,\nHrabanek und Meyerhofer zugedacht.\nDas bis jetzt bestgelungene Standbild Beethoven's, von Schön-\nfeld, befindet sich in der prachtvollen Entree-Halle der Bösendor-\nfer'schen Pianoforte-Fabrik in Wien.\nRichard Wagner in Paris. Die N. Zeitschrift f. Musik ent-\nhält folgende Correspondenz aus Paris: „Wohlunterrichtet, theils\ndurch Aeusserungen Wagner's selbst, theils durch Mittheilungen sei-\nner näheren Freunde, kann ich Ihnen der Wahrheit gemäss Folgen-\ndes als richtigen Sachverhalt eröffnen. Nie hat Wagner's Wunsch\naufgehört, seinen neuen Werken zu Liebe, die einzig nur in Deutsch-\nland aufgeführt werden können, nach Deutschland, wenigstens zeit-\nweise, wieder zurückkehren zu können. Da derselbe jedoch noch im\nvorigen Jahre keine günstigen Zusicherungen darüber erhalten konnte,\nwandte er sich nach Paris und fasste den Plan, im verflossenen Mai\nmit deutschen Sängern Tristan und Isolde zum ersten Male hier auf-\nzuführen, zum Theil allerdings auch dazu durch pecuniäre Rück-\nsichten bestimmt. Diese Unternehmung ist nicht „„fehlgeschlagen\"\",\nsondern einfach nicht zu Stande gekommen, weil die erforderlichen\nKräfte nicht zu gleicher Zeit hier zu vereinigen waren. Wenn unter\nden veranstalteten Aufführungen, welche „„fehlgeschlagen-*\" sein sol-\nlen, die drei von Wagner gegebenen Concerte gemeint sind, so ist\nbekannt, dass sie schon in so fern vollkommen geglückt sind, als\ndiese Concerte, welche einen grossen Eindruck machten, aller Welt\nAugen plötzlich so anhaltend auf Wagner wandten, dass bereits vier\nWochen nach den Concerten der Kaiser, der am Hofe überall von\nWagner reden hörte, den Befehl zur Aufführung des Tannhäuser\ngab, ein Erfolg, an den Wagner nicht gedacht hatte. Erst nachdem\ndieser ganz unerwartete Erfolg eingetreten war, Wagner aber trotz-\ndem in seinem Innern erkennen musste, dass das, was Anderen als\nein glänzendes Ziel erschienen wäre, ihm in Wahrheit nur eine äus-\nserliche, durchaus aber keine innere Befriedigung gewähren könne,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6560, "texte": "so dass seine Blicke noch immer auf Deutschland gerichtet waren,\nbenutzte er die ihm zu Theil gewordene freundschaftliche Theilnahme\ndes königlich sächsischen Gesandten, Frhrn. v. Seebach, um die\ndurch ihn zu vermittelnde Erlaubniss, Deutschland zum Zwecke der\nAufführung seiner Werke wieder betreten zu können, Seitens der\nsächsischen Regierung zu erwerben. Er übergab Herrn v. Seebach\nein Schreiben, worin er seinen dringenden Wunsch dadurch moti-\nvirte, dass, nachdem ihm für seinen Ruhm und für seine äussere\nLage gerade jetzt in Paris die glänzendsten Aussichten eröffnet wä-\nren, er nun erst recht inne würde, wie hiedurch sein Inneres nicht\nbefriedigt werde, sondern sein Herz einzig an der Möglichkeit hange,\nseine neuen Werke in Deutschland aufführen zu können. Sie begrei-\nfen, welchen Eindruck es auf uns machen musste, dieses edelste Mo-\ntiv in deutschen Blättern in Geldnoth umgesetzt zu sehen, und wie\nunsinnig uns zugleich diese Mittheilung vorkommen musste, da Wag-\nner in Paris eben jetzt dasjenige erreicht hatte, was ihn wahrschein-\nlicher Weise künftig der Sorge um die äussere Existenz überheben\ndürfte. Ausser dem Interesse, welches Wagner die Aufführung seiner\nWerke in Paris natürlich einflössen muss, namentlich der grossen\nTheilnahme näherer und entfernterer Freunde gegenüber, die er in\nParis gefunden hat, ist es gerade dieser Umstand, in Folge der\ngrossen Vortheile, welche die Autoren in Frankreich gemessen, der\nGeldfrage künftig überhoben zu sein, um dieselbe bei späteren Un-\nternehmungen in Deutschland mehr als bisher ausser Acht lassen\nzu können. Sein grösstes Leiden bestand gerade darin, seine Werke\nin Deutschland bisher zur Waare machen zu müssen, während dies\nnun allem Erwarten nach jetzt aufhört, so dass er fortan für seine\nneuen Werke nur noch das künstlerische Interesse im Auge zu ha-\nben braucht, mit Sorgsamkeit der Garantieen einer vorzüglichen ersten\nAufführung derselben sich versichern und schlechten Aufführungen\ndadurch wehren kann, dass er die Erlaubniss dazu zurückhält, was er\nbisher aus Rücksichten für seine Lage oft nicht konnte. Wie son-\nderbar! Gerade jetzt fängt man an, in Deutschland sich um seine\npecuniäre Lage zu bekümmern, wo er die besten Hoffnungen hat,\ndieser Sorgen überhoben zu sein. Schliesslich will ich für diesmal\nnoch bemerken, dass auch jene Nachricht, Wagner habe beabsichtigt,\neiner Aufführung des Lohengrin in Wiesbaden beizuwohnen, voll-\nständig aus der Luft gegriffen ist. Wagner machte eine Rheinreise\nvon wenigen Tagen zu seiner Erholung und befindet sich längst\nwieder in Paris.a\nRossini gab neuerdings in Paris bei Gelegenheit der projectir-\nten Aufführung seiner Semiramis im französischen Opernhause einen\nBeweis seiner Uneigennützigkeit. Er schrieb an seinen Freund Ca-\nrafa folgendes Billet:\n„Mein theurer Freund! Da es im Plane ist, die Semiramis an\nder grossen Oper in Scene zu setzen, und ich mich, wie Sie wissen,\nmit solcherlei Dingen nicht abgebe, so bitte ich Sie, Sich dieser\nAufgabe zu unterziehen. Ich gebe Ihnen die ausgedehnteste Voll-\nmacht zu allen Einrichtungen, die Ihnen nöthig scheinen. Da diese\nArbeit dann Ihr Werk ist, so muss sie auch Ihr Eigenthum sein,\nund alle Autorenrechte in und ausser dem Theater gehören Ihnen\ngerade so, wie bei einer Oper von Ihnen selbst. Ihr Sie liebender\nG. Rossini.\"\nEben so unbegrenzte Vollmacht räumte er dem Uebersetzer des\nLibretto ins Französische, Herrn Mdry, ein.\nAllein wozu weder Carafa, noch Mdry, noch der Director der\nOper, Herr Royer, ihn bewegen konnten, war, in eine einzige Probe,\ngeschweige denn in die Vorstellung selbst, zu gehen. Ja, er ging so\nweit, am Sonntag vor der ersten Vorstellung in einer Gesellschaft\nbei sich allen Anwesenden Carafa als den Componisten der neuen\nSemiramis vorzustellen. Unter Anderem erzählte er, dass er seine\nSemiramis in Einem Monat für Venedig geschrieben, aber sechs Mo-\nnate habe correspondiren müssen, um das vertragsmässige Honorar,\nfünftausend Francs (Mozart hundert bis dreihundert Ducaten ?), für\nAbtretung aller Rechte auf Vorstellung der Oper und Veröffentli-\nchung der Partitur zu erhalten.\nSemiramis war bekanntlich die letzte Oper, die er in Italien\nschrieb Bis dahin hätten ihm seine Opern nicht mehr als 500 oder\nhöchstens 1000 Francs eingebracht Der Barbiere sei in vierzehn\nTagen für nicht mehr als 500 Francs geschrieben. rNun, es ist\nwahr,\" setzte er selbst, als er es erzählte, hinzu: „es ist auch nur\nleichte Musik.u\nAm 1. October soll in Warschau das allgemein ersehnte mu-\nsicalische Conservatorium, zu dessen Director Herr A. Kontski,\naugenblicklich in St. Petersburg anwesend, ernannt ist, eröffnet wer-\nden. Am 28. August 1859 hatte Herr A. Kontski die Allerhöchste\nErlaubniss erhalten, die Idee eines musicalischen Instituts zu ver-\nwirklichen, unter der Bedingung, dass das Gründungs-Capital, an-\nnähernd auf 45,<'»00 R. geschätzt, im Verlauf von sechs Monaten in\nder Bank niedergelegt werde; der Gründer war zu gleicher Zeit er-\nmächtigt, Gaben von 500 R. von Seiten der Stifter, von 300 R. von\nSeiten der Gründer von Stipendien und auch von geringeren Sum-\nmen anzunehmen, um selbst auch Stipendien zu stiften. Die Regie-\nrung hatte sich bereit erklärt, die nöthigen Baulichkeiten für das\nInstitut zu überlassen, und die Verpflichtung übernommen, die nö-\nthigen Summen für den Umbau und die Reparatur anzuweisen, 2000\nR. jährlich zu zahlen und einige Vorrechte den Lehrern und denje-\nnigen Schülern zu gewähren, welche ihre musicalische Ausbildung\nin diesem Institut mit Erfolg vollendet. Nicht nur die polnischen\nMagnaten, die Geistlichkeit, die Grundbesitzer, der Beamtenstand,\nsondern auch die Künstler selbst haben Gaben dargebracht, indem\nsie die Notwendigkeit der Gründung eines Instituts eingesehen, wel-\nches sowohl die theuren Reisen ins Ausland zur musicalischen Aus-\nbildung unnötbig machen, als auch zu gleicher Zeit die Mittel bie-\nten wird, Orchester zu bilden und zu ergänzen, und Künstler und\nMeister für alle Instrumente heranzuziehen. Ausserdem hatte man\nin Warschau zum Nutzen dieser Stiftung vier Feste gegeben, welche\neine bedeutende Einnahme erzielten, und in vielen volkreichen Städten\ndes Königreichs wurden Concerte von Liebhabern zum Besten des\nInstituts veranstaltet. Gegenwärtig ist das erforderliche Capital in\nder Bank deponirt, alle Instrumente sind angeschafft, und das In-\nstitut zählt schon 25'J Candidaten. Die jährliche Zahlung der Eleven\nist sehr gering im Verhältniss zu ähnlichen Instituten und auf 50\nR. bestimmt, während sie im Conservatorium zu Leipzig 75 R. be-\nträgt. * (Petersb. Zeitung.)"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nClara Novello (Lebensskizze). - Das Passionsspiel in Oberammergau. Sehluss. Die erste Aufführung von „Robert\nder Teufel\"4. Tages- und Unterhaltungsblatt (Hannover, Herr Steger Leipzig, Der Musik-Verein yEuterpe* Wien, Hof-\nOperntbeater Richard Wagner in Paris Rossini's Uneigennützigkeit Warschau, Conservatorium der Musik).\n\nClara Novello.\nUnter allen Künstlerinnen, deren Talent die Kunst des\nGesanges verherrlicht und die Welt gezwungen hat, zu\nvergessen, dass England ihre Heimat war, hat keine einen\nhöheren Gipfel des Ruhmes erreicht und diese Erhebung\nmehr verdient, als Clara Novello.\nIn dem Augenblicke, wo sie beschlossen hat, sich mit\nEnde dieses Jahres ganz und gar vom Schauplatze der\nOefFentlichkeit zurückzuziehen, dürfte ein Rückblick auf\nihre Laufbahn an der Zeit sein, bei welchem wir in Bezug\nauf die Thatsachen den Verfasser eines ausführlichen Auf-\nsatzes in der Musical World zum Führer nehmen. So gross\nauch die Erfolge der unvergleichlichen Sängerin auf dem\nTheater und im Concertsaale gewesen, so ist sie doch in\nEngland am meisten als Oratoriensängerin berühmt, und\nin dieser Beziehung wird ihr Zurücktritt eine für den Au-\ngenblick gar nicht wieder auszufüllende Lücke lassen. Ihre\nherrliche und durch Kraft und zugleich durch Weichheit\nund Anmuth des Wohllauts ausgezeichnete Stimme, ihr\ngrosser Stil und ihr einfach erhabener Ausdruck im Vor-\n- • i\ntrage dürften bei den grossen Oratorien-Aufführungen un-\nersetzlich sein. Wer ihr „God save ihe Queen*, ihr „Ich\nweiss, dass mein Erlöser lebt\", ihr „Die Nacht ist vergan-\ngen\" (in Mendelssohn's Lobgesang) gehört hat, wird zwei-\nfeln, ob er je wieder etwas so Herrliches, so Ergreifendes\nhören werde.\nClara Novello wurde in der Oxford-Street zu London\nam 10. Juni 1818 geboren.\nIhr V ater, Vincent Novello, gehörte zu den geschätz-\ntesten Musikern jener Zeit in London, zu den tüchtigen\nMännern, welche die Kunst in der ersten Hälfte unseres\nJahrhunderts in London aufrecht hielten, wie Altwood,\nCrotch, der ältere Horsley, F. Gramer und sein noch be-\nrühmterer Bruder J. B. Gramer, Bishop u. s. w. Vincent\nNovello hat Mehreres, besonders für Gesang, geschrieben,\nnamentlich im Fache der katholischen Kirchenmusik. Be-\nkannter ist er jedoch als Musik-Verleger geworden, und\nhatte als solcher grosses Verdienst um England durch die\nAusgaben von Haydn's und Mozart's Messen und von Hän-\nOratorien in Clavier-Auszügen und anderen verschie-\ndenen Einrichtungen.\nEr war einer von den Stiftern der philharmonischen\nGesellschaft, die bekanntlich einen grossen Einfluss auf die\nFörderung der Tonkunst in England gehabt hat, und lei-\ntete lange Zeit, zuerst am Pianoforte, später am Directions-\npulte, die Aufführungen in den Concerten derselben. Auch\nunter den Organisten nahm er einen bedeutenden Rang\nein und wirkte als solcher unter Anderem auch bei dem\ngrossen Musikfeste in Westminster im Jahre 1834 mit.\nSein Vater war, wie man erzählt, ein Italiäner, der als\nKoch im Dienste eines prinzlichen Hauses nach London\nkam und nachher auf eigene Hand eine Conditorei einrich-\ntete. Vincent, der sich mit einer Engländerin verheirathete,\nhatte die Freude, dass seine Kinder alle durch musicali-\nsches und literarisches Talent sich auszeichneten. Sein Haus\nwar der Sammelplatz geistvoller Schriftsteller und Künst-\nler, was natürlich nicht ohne bedeutenden Einfluss schon\nauf die Kindheit und die allererste Entwicklung von Clara\nNovello sein konnte.\nClara erregte in wunderbarer Frühe des Lebensalters,\nwie einst die Catalani und Henriette Sontag, Aufsehen\ndurch ihre starke, schöne Stimme und ausgezeichnete mu-\nsicalische Anlage. Im Jahre 1824 ging ihre Familie nach\nParis, und sie erhielt Musik-Unterricht von Fetis, dem jetzi-\ngen üirector des Conservatoriums in Brüssel und berühm-\nO\nten Musikgelehrten. Fetis, damals Professor am pariser\nConservatorium, empfahl das Wunderkind zur Aufnahme\nin diese Anstalt und hatte Mühe, dass dem sechsjährigen\nMädchen gestattet wurde, die Prüfung unter den älteren\nAspiranten mitzumachen. Choron leitete diese Prüfung, und\nin seinen Händen lag die Entscheidung über Aufnahme"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.2", "texte": "oder Abweisung. Die kleine Clara sang eine damals be-\nrühmte Coloratur-Arie: „ The , aus der eng-\nlischen Oper Artaxerxes von Arne. Der Vortrag gewann\nden strengen Professor noch nicht ganz für das frühreife\nTalent, und er verlangte noch eine Probeleistung in ernster\nMusikgattung. Clara sang das Agnus Dei aus Mozart's\nF-dur-Messe und entfaltete dabei ein so echtes musicali-\nsches Gefühl und einen so ausgezeichneten Vortrag, dass\nsie damit den Sieg über neunzehn Aspiranten davontrug.\nIhre Studien wurden im Conservatorium vorzüglich\nauf Kirchengesang geleitet, und ihre Fortschritte darin er-\nregten allgemeine Bewunderung. Sechs Jahre lang blieb\nsie in der Anstalt. Als aber im Jahre 1830 auch das Con-\nservatorium unter den Einflüssen der Juli-Revolution An-\nfangs litt und auch Famiiien-Rücksichten hinzukamen,\nnahmen die Eltern die junge Sängerin, welche der pariser\nAnstalt den gediegenen Grund ihrer musicalischen Bildung\nverdankte, in ihr Haus nach London zurück.\nClara's öffentliche Laufbahn begann in merkwürdig\nfrühem Lebensalter. Im Jahre 1832, vierzehn Jahre alt,\nin einem Alter, in welchem nach dem gewöhnlichen Laufe\nder Natur die Stimme sich noch nicht vollständig gesetzt\nhat und in welchem die meisten Sängerinnen erst ihre Stu-\ndien beginnen, trat Clara Novello vor der Welt auf, und\nzwar mit reifen, natürlichen und bereits künstlerisch aus-\ngebildeten Mitteln. Sie sang in den einem\nConcert-Institute, das lange Jahre hindurch den ersten\nRang unter allen ähnlichen in England behauptete; sie\nsang in den philharmonischen Concerten als jüngste Künst-\nlerin von allen, die jemals in den Aufführungen dieser Ge-\nsellschaft aufgetreten waren, und sie sang auch schon da-\nmals auf den Musikfesten in der Provinz. Die grosse Zahl\nder Einladungen dazu, die sie erhielt, ist ein sicherer Be-\nweis des Erfolgs, den sie hatte.\nBei dem berühmten Musikfeste in der Westminster-\nAbtei im Jahre 1834, mit welchem eine neue Epoche in\nder Geschichte der Sacred Harmonie Society eintrat, war\nClara Novello eine der Hauptsängerinnen. Es ist merk-\nwürdig, dass sie damals zu den dreissig Solisten gehörte,\ndie man aus aller Welt zur Verherrlichung des Festes her-\nbeigezogen hatte, beim letzten grossartigen Händel-Feste\nim Krystall-Palaste aber die einzige Sängerin war, der man\ndie H aupt-Soli in den Händel'schen Meisterwerken über-\ngab, und dass jetzt ihr Name fast allein hinreichte, um\nein zahlloses Publicum nach den ungeheuren Räumen hin-\nzuziehen.\nMendelssohn war bei seiner ersten Anwesenheit in\nLondon ein häufiger Besucher des Novello'schen Hauses,\nund er war einer von denen, die am lebhaftesten und\nwärmsten Clara's geniale Begabung begriffen und aner-\nkannten und ihre fernere Laufbahn ebneten und förderten.\nIn der Sommerzeit wurden von der Familie oft Land-Par-\ntieen in die schönen Umgebungen Londons gemacht, bei\ndenen Mendelssohn und Malibran stete Theilnehmer wa-\nren und die Musik immer eine Hauptrolle spielte.\nDurch Mendelssohn erhielt Clara Novello die Einla-\ndung, im Winter 1836 in den Gewandhaus-Concerten zu\nLeipzig zu singen. Der Erfolg war ausserordentlich; wie\nsehr sie aber namentlich Mendelssohn selbst befriedigte,\ngeht aus seiner Antwort an die Directoren der philharmo-\nnischen Gesellschaft in London hervor. Diese hatten ihn\nersucht, ihnen grosse Sängerinnen aus Deutschland für\nihre Concerle zu empfehlen. Er schrieb zurück: „Die\ngrössten Sängerinnen in Deutschland sind Miss Clara No-\nvello und Mistress Alfred Shaw.\"\nVon Leipzig aus trat sie eine Kunstreise durch andere\nStädte in Deutschland an, überall mit steigendem Erfolg.\nIn Berlin machte die junge und schöne Sängerin vorzüg-\nliches Glück; der Kronprinz gab ihr einen eigenhändigen\nBrief an seine erlauchte Schwester, die Kaiserin von Russ-\nland, und mit so wirksamer Empfehlung ging sie nach\nPetersburg.\nWenn im Allgemeinen bedeutende Künstler in der\nrussischen Kaiserstadt sehr gut aufgenommen, honorirt\nund beschenkt werden, so bewies sich dies in erhöhtem\nMaasse bei Clara Novello.\nVon Petersburg kehrte sie nach London zurück. Hier\nsang sie eine ganze Saison durch in allen grösseren Auf-\nführungen.\nDarauf reis'te sie mit ihrem Vater und ihrem Bruder\nnach Italien, um in Bologna Rossini zu Bathe zu ziehen,\nob sie ihrer Neigung zur dramatischen Musik folgen und\nauf die Bühne gehen solle. Der Maestro war von ihrer\nStimme und ihrem Talente entzückt, ermuthigte sie aufs\ndringendste, zur Bühne zu gehen, rieth ihr aber, vorher\nnoch einen besonderen Gesang-Cursus durchzumachen,\num sich den ihr noch ungewohnten dramatischen Charak-\nter im Ausdruck anzueignen.\nIn Folge dessen ging sie nach Mailand zu Micheron,\ndem Lehrer der grössten Sängerinnen der damaligen Zeit,\nund widmete sich ein ganzes Jahr lang den eifrigsten Stu-\ndien unter Leitung dieses Meisters ein schönes Zeichen\nvon Charakter und Selbstbeherrschung, so lange den ge-\nwohnten Triumphen zu entsagen, um eine neue Stufe zum\nTempel der Kunst und des Ruhmes zu ersteigen. Aber der\nLohn dafür blieb nicht aus; als sie nach dieser langen\nUnterbrechung wieder in die Oeffentlichkeit trat, bot ihr\ndie neue Laufbahn eine Fülle von Befriedigung und Bei-\nfall, die alles übertrafen, was ihr bisher zu Theil ge-\nworden."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "315", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.3", "texte": "Ihre erste Bühnenrolle war die Semiramis auf dem\nOperntheater zu Padua. Ihr Erfolg war vollständig; den-\nnoch wuchs er täglich noch mehr mit der Uebung und\nErfahrung in theatralischen Dingen. Sie trat dann nach\nund nach in Rom, Bologna, Fermo, Mailand und anderen\nStädten auf. Triumph auf Triumph folgte ihr auf dem\nFusse, und die Italiäner erschöpften sich in Huldigungen\naller Art.\nRossini hatte damals sein Stabat Mater geschrieben.\nIn Bologna sollte es unter Donizetti's Leitung aufgeführt\nwerden, und natürlich befragte man den Componisten um\nseine Wünsche für die Besetzung der Soli. Rossini zog\nvor allen italiänischen Sängerinnen Miss Clara Novello für\ndie Sopran-Partie vor, und das herrliche hör-\nten Rossini's Landsleute zum ersten Male durch die präch-\ntige Stimme einer Engländerin. Als das Stabat Mater im\nfolgenden Jahre zu Florenz wiederholt wurde, äusserte\nRossini denselben Wunsch wieder, und Clara Novello ärn-\ntete auch dort entschiedene Bewunderung.\nDurch ein Versehen ihres Agenten oder Missverständ-\nniss der betreffenden Theater-Directoren befand sich Miss\nNovello gegen Ende des Jahres 1841 in der sonderbaren\nLage, zugleich in Rom und in Genua für die Carnevalszeit\nvon 1842 engagirt zu sein. Beide Directoren verlangten\ndie Erfüllung des Contractes, beide hatten das Gesetz für\nsich. Allein der Impresario in den päpstlichen Staaten hatte\nmehr als das Recht für sich: er war im Besitz. In der\nHerbst-Theaterzeit 1841 war nämlich Clara Novello die\nPrima-Donna der Oper zu Fermo, einer Stadt im Gebiete\ndes Kirchenstaates, die also unter der Jurisdiction der rö-\nmischen Behörden stand. Ohne Pass konnte die Künstlerin\nFermo nicht verlassen. Der römische Theat'er-Director legte\nbei der Policei Beschlag auf den Pass und suchte sich auf\ndiese Weise das Talent der Sängerin für seine Bühne zu\nsichern.\nDer Poücei-Präsident von Fermo, Graf Gigiiucci, setzte\ndie Sängerin von den Zwangs-Maassregeln in Kenntniss,\ndie der Impresario in Rom gegen sie ergriffen habe, indem\ner bedauerte, das unglückliche Werkzeug zu ihrer Aus-\nführung sein zu müssen und sich in der traurigen Not-\nwendigkeit zu sehen, die Lady so lange ihrer Freiheit zu\nberauben, bis sie mit dem Kläger eine befriedigende Ueber-\neinkunft getroffen.\nAllein das Blatt wandte sich der strenge Hüter der\nGefangenen verlor seine eigene Freiheit an sie und lös'te\nihre Fesseln nur, um sie selbst zu tragen. Die Vorzüge\nund Reize der schönen Sängerin hatten den Grafen längst\nbezwungen, auch er war ihr keineswegs gleichgültig, und\nso endete die Arrest-Geschichte mit einer förmlichen Ver-\nlobung und wurde die Veranlassung zu der Verbindung\ndes Grafen Gigiiucci mit Clara Novello. Die Processsache\nwurde endlich durch einen Vergleich geschlichtet, der auf\neinen päpstlichen Erlass begründet war, nach welchem die\nCarnevalszeit für 1842 auf zwölf Wochen ausgedehnt und\ndie Sängerin auf die ersten sechs Wochen dem Impresario\nzu Rom, auf die anderen dem Director zu Genua zuge-\nsprochen wurde.\nUm diese Zeit übernahm in London Macready das\nDrurylane-Theater, um den Versuch zu machen, den Ge-\nschmack durch eine National-Anstalt, die nach wahren\nPrincipien der Kunst geleitet würde, zu heben, ein Ver-\nsuch, der durch spätere Unternehmer eben so vergebens\nwiederholt worden ist. Herr Serie, Gatte der älteren Schwe-\nster Clara's, Sabilla Novello, die nach ehrenvollen Erfol-\ngen als Sängerin sich schon seit Jahren von der Bühne zu-\nrückgezogen hatte, war die Seele der Unternehmung und\nvermittelte das Engagement Clara's, wodurch den Englän-\ndern zum ersten Male die Gelegenheit geboten wurde, ihre\ngrosse Landsmännin auch als Opernsängerin zu hören.\nSie trat im Sommer 1842 dort auf und wählte dazu\ndie Oper Sappho von Paccini, ein Werk, das mehr geeig-\nnet war, die Kenntniss und den Geschmack der Bühnen-\nVerwaltung in Bezug auf Inscenesetzung zu beweisen, als\ndie vorzüglichen Eigenschaften einer grossen Sängerin in\nhelles Licht zu stellen. Serie hatte das Buch ins Englische\nübersetzt, und es geschah Alles, um die Vorstellung so\nglänzend als möglich zu machen; allein nichts vermochte\ndas schwache Werk in ein interessantes zu verwandeln,\nund die verfehlte Wahl des Stückes that dem Erfolg der\ngefeierten Sängerin nicht wenig Schaden.\nGlücklicherweise stand HändeFs „Acis und Galathea'\nauch auf dem Programm des damaligen Drurylane-Thea-\nters; die Vorstellung dieses Meisterwerkes mit Stanfield's\nScenerie und T. Cooke's Instrumentirung für grosses Or-\nchester war ein Ereigniss in der Geschichte der Oper.\nClara Novello sang die Hauptpartie und konnte ihre Künst-\nlergrösse allerdings in diesem unsterblichen Werke ganz\nanders zeigen, als in der schwachen Musik des Italiäners*j.\nIn demselben Sommer (1842) sang Clara Novello noch\nauf den Musikfesten in der Provinz, worauf sie sich, ohne\nvom Publicum förmlich Abschied zu nehmen, von dem\nFelde ihres Ruhmes zurückzog und Gräfin Gigiiucci wurde.\nDa wir nur eine Skizze der Laufbahn der Künstlerin\ngeben wollten, so treten wir natürlich vor ihrem Privat-\nleben zurück und nehmen den Faden erst da wieder auf,\n\n*) Trotz alledem bewundert das londoner Theater-Publicum\nnach wie vor die schwachen Werke der Italiäner in zwei\ngrossen Opernhäusern bis auf den heutigen- Tag, und weder\neine englische noch eine deutsche Oper kann in London auf-\nkommen !\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.4", "texte": "wo sie mit der Ausübung ihrer Kunst zum zweiten Male\nwieder in die Oeffentlichkeit trat.\nHierzu waren, wie bei Henriette Sontag, die Stürme\ndes Jahres 1848, die alle Länder und alle Verhältnisse\nerschütterten, die hauptsächlichste Veranlassung. Clara\nNovello erschien wieder als Sängerin in Italien, Spanien,\nDeutschland und England, und ihre Erfolge erneuerten\nsich überall, wo sie auftrat. Ja, man kann mit Becht be-\nhaupten, dass die Künstlerin während der Zeit ihrer Zu-\nrückgezogenheit an Kraft und Fülle des Tones, an Gross-\nartigkeit der Auffassung und an Gediegenheit des Vortrags\nnoch gewonnen hatte.\nNach zwölfjähriger abermaliger Künstler-Laufbahn\nsteht Clara Novello jetzt auf dem Punkte, mit Ende dieses\nJahres auf immer dem öffentlichen Auftreten zu entsagen,\nda die Verhältnisse der hohen Familie, deren Mitglied sie\ndurch ihre Heirath geworden, den politischen Stürmen\nauch der neuesten Zeit und ihren Folgen widerstanden\nhaben.\nSie zählt jetzt zweiundvierzig Jahre. Von ihrem fünf-\nzehnten Jahre an hat sie, mit Unterbrechung von sechs bis\nsieben Jahren, in fast allen Ländern Europa's gesungen,\nund ihre letzte Anwesenheit in Deutschland hat den Kunst-\nfreunden in Berlin, Hamburg, Leipzig, Köln u. s. w. ge-\nzeigt, dass ihre herrlichen Stimmmittel auch jetzt noch in\nfast ungeschwächter Kraft bestehen und noch immer durch\njenen Wohllaut ergreifen, durch den sie früher, z. B. bei\ndem Musikfeste in Düsseldorf unter Mendelssohn's Lei-\ntung, entzückte.\nDer Charakter ihres Tones und ihres Vortrages war\nstets ein eigenthümlicher. Trotz der grossen Vollkommen-\nheit ihrer technischen Gesangsbildung war es doch nicht\ndie Virtuosität der Ausführung—mit Ausnahme des Tril-\nlers, der in jeder Lage und in jeder dynamischen Färbung\nbei ihr vortrefflich ist—, welche, wie bei Henriette Son-\ntag, Bewunderung erregte. Eben so wenig kann man sa*\ngen, dass sie durch leidenschaftliche Erregung oder dra-\nmatischen Schwung hingerissen hätte; ja, Viele, besonders\nsolche, die ein immerwährendes Aussichherausgehen und\neine excentrische Aufregung verlangen, machten ihr den\nVorwurf der Kälte und Einförmigkeit des Ausdrucks, und\ndieser Vorwurf war vielleicht in Bezug auf ihre dramati-\nschen Leistungen nicht ganz unbegründet.\nWas in ihrem Gesänge bezauberte, war der schöne,\nüberall gleichmässig volle Ton, der auf jeder Stufe vom\nEntstehen bis zum Vergehen, im Ansatz, in der unzerstör-\nbaren, auch nicht der geringsten Schwebung unterworfe-\nnen Beinheit, in der niemals umschleierten Klarheit, in\ndem meisterhaften An- und Abschwellen eine wunderbare\nVereinigung der günstigsten Naturgabe mit den Besulta-\nten eines ungemein fleissigen Studiums offenbarte. Wenn\nder Vortrag der Oratorien-Partieen und des einfachen Lie-\ndes durch Clara Novello mit Becht classisch genannt wird,\nso kann man mit eben so viel Beeilt auch ihren Ton an\nund für sich classisch nennen.\nDieser Ton, über welchen sie die vollste Gewalt hatte,\nist es denn auch hauptsächlich, der sie zu dem classischen\nVortrage namentlich Händel'scher Musik in so hohem\nMaasse befähigt. Da ist von keinerlei Affectation oder\nEffecthascherei die Bede, niemals wird das Maass des\nSchönen überschritten; und dennoch liegt ein Zauber darin,\nvon dem man kaum begreift, dass er durch Mittel, die sich\ninnerhalb so eng gesteckter Gränzen des Ausdrucks bewe-\ngen, erreicht werden kann. Wer den Vortrag der Arien\nim Messias, namentlich der letzten: „Ich weiss, dass mein\nErlöser lebt\", und in dieser wieder besonders der Stelle:\n„Ein Erstling derer, die schlafen\", von Clara Novello ge-\nhört hat, wobei ihr Ton, mit halber Stimme genommen,\nwie ein wunderbar tönender Hauch aus einem unbekann-\nten Klang-Instrumente das Ohr entzückt, der wird ver-\nstehen, was wir meinen.\nWarum muss sich an die Betrachtung der Laufbahn\nsolcher Sängerinnen wie Henriette Sontag, Jenny Lind,\nClara Novello und an die Erinnerung des gar nicht zu be-\nschreibenden Genusses, den ihre Gesangweise gab, stets\nder wehmüthige, betrübende Gedanke knüpfen: „So etwas\nwirst du schwerlich je wieder hören!\" Leider ist dieser\nGedanke nicht Ausfluss einer philistermässigen Anschauung\nunserer Zeit und unserer Kunst, nicht die mit allem Ge-\ngenwärtigen grollende Ansicht eines\nsondern er ist das traurige Ergebniss einer scharfen, auf\nkünstlerischem Gefühle eben so wie auf theoretischen\nGrundsätzen beruhenden kritischen Betrachtung der jetzi-\ngen Gesangesgrössen und des Publicums, das sie bewundert\nund verderbt!\n\nDas Passionsspiel in Obcrammergau.\n(Schluss. S. Nr, 39.)\nEndlich habe ich mich noch über die Darstellung der\nlebenden Bilder auszusprechen. Ich muss hier voraus-\nschicken, dass ich derartigen Compositionen nie einen be-\nsonderen künstlerischen Werth beizulegen vermocht habe.\nMir ist es immer wie etwas Unpassendes und Verkehrtes\nvorgekommen, mit lebendigen Menschen, die mehr zu lei-\nsten vermögen, nur leblose Bilder herzustellen, welche,\nwie lucus ci non lucenclo, „lebende\" genannt werden. Wenn\naber irgendwo, so habe ich dieselben bei diesem Spiel pas-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.5", "texte": "send und wirksam gefunden. Ihre Zahl ein wenig zu be-\nschränken, wie überhaupt das Ganze zu concentriren, dürfte\niridess zweckmässig sein. Diejenigen unter den siebenund-\ndreissig Tableaux, welche vorzugsweise durch schöne Grup-\npirung oder durch Reichthum und Pracht sich auszeichne-\nten, waren etwa folgende: Der junge Tobias nimmt Ab-\nschied von seinen Eltern; die Braut des hohen Liedes be-\nklagt den Verlust des Bräutigams; König Ahasver verstösst\ndie Vasthi und erhebt Esther; der Herr gibt dem Volke\nIsrael das Manna und die Weintrauben aus Canaan; die\nSöhne Jakob's verkaufen ihren Bruder Joseph um zwanzig\nSilberlinge; Adam muss im Schweisse des Angesichts sein\nBrod essen; Iliob erduldet von seinem Weibe und seinen\nFreunden bittere Schmähungen; Kain, von Gewissensbissen\ngequält, irrt unstät umher; Joseph wird als Landesvater\ndem Volke vorgestellt; Moses erhebt eine aus Erz gegos-\nsene Schlange auf dem Querholze; die Israeliten werden\ndurch den Hinblick auf die eherne Schlange vom Biss der\nfeurigen Schlangen geheilt; Jonas wird vom Wallfisch ge-\nsund an das Land gesetzt; das Volk Israel zieht trockenen\nFusses durch das rothe Meer, während seine Feinde darin\nihren Untergang finden, und endlich die Schluss-Vorstel-\nlung, welche Christus in seiner Herrlichkeit zeigt.—Abge-\nsehen von ihrer meist trefflichen künstlerischen Anordnung,\nwaren diese Bilder besonders noch wegen der Ruhe und\nSchnelligkeit zu bewundern, mit welcher sie hergestellt\nwurden. Bei vielen derselben wirkten etwa 500 Personen\nund unter diesen selbst kleine Kinder mit. Trotzdem wa-\nren sie oft binnen wenigen Minuten und ohne dass man\nhinter dem Vorhange die geringste Unruhe vernommen\nhätte, sammt allem Zubehör aufgestellt, so dass man an\neinen Zauber hätte glauben mögen. Nicht weniger zu be-\nwundern war die Sicherheit und Ausdauer, mit der man\nlänger, als es sonst üblich ist, in der angenommenen Stel-\nlung ohne eine Spur von Bewegung verharrte und den\nZuschauern Zeit gewährte, sich die Bedeutung der Gruppe,\nder Interpretation des Chors gemäss, zum Bewusstsein zu\nbringen. Wenn schon Andere behauptet haben, dass alles,\nwas Oper und Ballet in diesem Betracht zu liefern pflegen,\ndagegen als dürftig oder wenigstens als minder exaet und\nminder naturwahr erscheine, so liegt darin keine Ueber-\ntreibung.\nSelbstverständlich wird nun die Wirkung aller dieser\nLeistungen noch sehr bedeutend durch die Erwägung er-\nhöht, dass alles, was man hier sieht und was man bewun-\ndern müsste, auch wenn es von Personen höherer Bildung,\nja, von geübten Künstlern dargestellt würde, das Werk\nländlicher Gebirgsbewohner ist, die sogar mit\nStrenge darauf halten, jede fremde Hülfe auszuschliessen\nund sich in allem, was zur Vorbereitung und Herstellung\ndes Spiels nothwendig ist, lediglich auf die Mittel und\nKräfte, welche die Gemeinde selbst bietet, zu beschränken.\nDie Oberammergauer sind eigentlich von Alters her eine\nArt Künstler-Gemeinde, oder wenigstens hat die\nkünstlerische Beschäftigung unter ihnen dergestalt vorge-\nwaltet, dass sich der Sinn für das Schöne und Neigung\nzur Nachbildung nach und nach der ganzen Bevölkerung\nmitgetheilt hat. So sind sie bekanntlich zugleich als Bild-\nschnitzer in Holz und Elfenbein berühmt.\nBei d ieser Geistes-Richtung hat ohne Frage Ober-\nammergau auch der Darstellung von Mysterien und Pas-\nsionsspielen schon sehr früh seine besondere Aufmerksam-\nkeit gewidmet. Zwar liegen darüber, so viel mir bekannt,\nkeine ausdrücklichen historischen Documente vor; aber da\ndiese Spiele damals in Deutschland, und namentlich in\nBaiern, mit Vorliebe gepllegt wurden, so lässt sich nicht\nannehmen, dass gerade ein Ort wie Oberammergau hinter\nweit unbedeutenderen Orten zurückgeblieben sein sollte.\nWenn daher die Oberammergauer im Jahre 1633 zur\nAbwendung der damals in dortiger Gegend wüthenden\nPest das feierliche Gelübde thaten, die Passionsgeschichte\nregelmässig alle zehn Jahre zur Darstellung zu bringen, so\ngelobten sie damit, wie auch Clarus annimmt, sicherlich\nnichts Neues, sondern verpflichteten sich nur zu einer re-\ngelmässigen Weiterführung dieser damals schon im Ver-\nschwinden begriffenen Sitte; ja, dass sie gerade dieses und\nkein anderes Gelübde thaten, spricht dafür, dass sie mehr\nals andere Ortschaften einen besonderen Werth auf diese\nDarstellungen gelegt haben müssen. Noch mehr wird diese\nVermuthung dadurch unterstützt, dass der älteste uns be-\nkannte Text (der von 1662), welcher wahrscheinlich auch\nder ersten Aufführung nach dem Gelübde (1634) zum\nGrunde lag, einerseits schon so ausgebildet und abgerun-\ndet ist, und andererseits so entschieden an die Texte des\nMittelalters erinnert, dass die Annahme, er sei damals zu-\nerst angefertigt, nicht wohl zulässig ist; auch wird dieser\nText in seiner späteren Bearbeitung mehrmals eine „neue\nPassionsgeschichte\" genannt.\nJedenfalls hat man also das oberammergauer Spiel\nnicht sowohl für eine blosse Folge des religiösen Gelüb-\ndes, als vielmehr dieses Gelübde selbst für eine Folge der\nin Oberammergau vorherrschenden Geistesrichtung, die\nihren religiösen Bedürfnissen am liebsten in künstlerischen\nFormen genügte, anzusehen, und in dieser zugleich ästhe-\ntischen und religiösen Richtung muss daher auch der Grund\nder Beharrlichkeit und Ausdauer gesucht werden, mit wel-\ncher die Oberammergauer nicht bloss die formelle Erfül-\nlung des Gelübdes, sondern auch die zeitgemässe Fort- und\nWeiterbildung des Spiels sich angelegen sein liessen. Wä-\nren sie bloss religiösen Motiven gefolgt, so hätten sie noth-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.6", "texte": "wendig in Zeiten, wo man gerade vom religiösen Stand-\npunkte an diesen Spielen ein Aergerniss nahm, entweder\ndavon zurückkommen oder wenigstens der Darstellung im-\nmer mehr einen specifisch-kirchlichen und weniger künst-\nlerischen Charakter geben müssen. Dies ist aber nicht ge-\nschehen ; vielmehr hat man immer eben so viel Gewicht\nauf die ästhetisch-artistische Vervollkommnung des Spiels,\nwie auf eine Erhöhung der Feierlichkeit und Kirchlichkeit\ngelegt, und daher sind diejenigen im Irrthum, die den\nausserordentlichen Eindruck, welchen das Spiel in seiner\ngegenwärtigen Gestalt macht, lediglich auf Rechnung sei-\nnes religiösen Charakters und des kirchlichen Sinnes, mit\ndem es gespielt wird, schreiben zu müssen glauben, ja,\nim Hinblick auf dasselbe sich für berechtigt halten, auf\nanderweitige Kunstleistungen und alles das, was in das Ge-\nbiet des Aesthetischen als solchen gehört, mit Verachtung\nhinabzublicken.\nGerade das eigentlich Wirksame und tief Ergreifende\nverdankt das Spiel hauptsächlich der ästhetisch-artistischen\nForm seiner Darstellung, und diese hat ihren Grund nicht\nbloss in der Frömmigkeit, sondern nicht weniger in dem\neinmal dem Schönen zugewandten Sinne der Oberammer-\ngauer, der sich von dem ästhetischen Sinne, wie er in an-\nderen Sphären herrscht, nur dadurch unterscheidet, dass\ner mit dem religiösen Sinne enger und unmittelbarer ver-\nwachsen ist und sich heimischer, aber auch einseitiger im\nGebiete des Heiligen und Erhabenen bewegt. Ich halte\ndies nachdrücklich hervorzuheben darum für nothwendig,\nweil es zu ganz falschen Consequenzen verführt, wenn man\ndas ästhetische Element bei derartigen Dingen gering-\nschätzig behandeln zu dürfen glaubt. Wäre dies wirklich\nso bedeutungslos, wie es Manche hinstellen, so müsste auch\ndas erste, beste Muttergottesbild an der Strasse, weil es\nvielleicht mit eben so gläubigem und frommem Sinne ge-\narbeitet ist, denselben Werth besitzen wie Raphael's\nSixtinische Madonna; und bei dem oberammergauer Spiel\nseihst hätte die Darstellung der heiligen Frauen trotz der\nschwächeren künstlerischen Ausführung einen gleich tiefen\nEindruck machen müssen, wie die Mehrzahl der männli-\nchen Rollen, da sicherlich nicht anzunehmen ist, dass die\nDarstellerinnen minder frommen Sinnes gewesen sind, als\ndie Darsteller. Gerade die besten Leistungen in der Dar-\nstellung sind fast regelmässig aus dem Stande der Bild-\nschnitzer hervorgegangen—Beweises genug, dass da, wo\nes sich um Versinnlichung des Göttlichen handelt, nicht\nmehr die Frömmigkeit als solche, sondern Bildung, Ge-\nschmack, Kunstfertigkeit u. dgl. entscheidet, womit jedoch\nnicht gesagt sein soll, dass nicht ein Durchscheinen echter\nFrömmigkeit auch minder vollkommene Kunstleistungen\nin gewissem Grade zu verklären vermöchte, oder dass ein\ngänzlicher Mangel an religiöser Empfindung durch eine\nbloss angelernte Kunst ersetzt werden könnte.\nDurch ein glückliches Zusammentreffen ist der Schön-\nheitssinn der Oberammergauer bis zu einem für ihre Ver-\nhältnisse bewunderungswürdig hohen Grade ausgebildet,\nund dem zufolge machen ihre Darstellungen schon jetzt\neinen merkwürdig ergreifenden Eindruck. Aber es unter-\nliegt keinem Zweifel, dass derselbe durch eine bedeutende\nConcentration des Textes, durch Beseitigung mancher mit-\ntelalterlichen Cruditäten und modernen Plattheiten, durch\nentsprechende Hebung der Frauen-Partieen und Anderes\nnoch um das Doppelte und Dreifache gesteigert werden\nkönnte, und diese Steigerung der ästhetischen Wirkung\nwürde ohne Frage auch dem religiösen Eindruck zu Gut\nkommen.\nBei dem richtigen Tacte, mit welchem die Oberam-\nmergauer ihr Spiel bisher weiter gebildet haben, werden\nsie sicherlich über das, was ihnen noch zu thun übrig bleibt,\nselbst zum Bewusstsein gelangen und darauf bedacht sein,\nbei der nächsten Aufführung zweckdienliche Modificationen\neintreten zu lassen. Entschieden zu wünschen aber ist, dass\nsie sich hierbei lediglich auf ihr eigenes Gefühl verlassen\nund insbesondere die Aenderungen selbst keinen fremden\nHänden anvertrauen; denn jeder Eingriff einer von aussen\nkommenden Kraft würde das Spiel um seine ganze ihm\neigenthümliche culturhistorische Bedeutung bringen.\n\nDie erste Aufführung von „Robert der Teufel“.\nIn Veron's Memoires d'u finden\nsich im dritten Theile anziehende Schilderungen über die\ntragi-komischen Unfälle, welche die erste Aufführung von\nMeyerbeer's „Robert der Teufel\" heimsuchten.\nNach der Juli-Revolution im Jahre 1830 wurde be-\nschlossen, die Ausgabe für die grosse Oper in Paris von\nder Civilliste zu streichen. Veron leitete noch vom 1. März\nbis Ende Mai 1831 die berühmte Kunst-Anstalt für Rech-\nnung des Staates und übernahm sie vom 1. Juli an als\nPrivat-Unternehmung auf eigene Gefahr. Am 21. Novem-\nber setzte er „Robert der Teufel4' in Scene, und damit\nwar der Erfolg seiner Unternehmung entschieden.\nAnfangs war das Werk für die komische Oper be-\nstimmt. Die hauptsächliche musicalische Aenderung, als\nMeyerbeer sich mit Veron einigte, bestand darin, dass der\nComponist die Rolle des Bertram, früher Bariton-Partie,\nfür den Bassisten Levasseur umarbeitete.\nBei der sorgfältigst vorbereiteten Aufführung schien\nes, als hätte sich das Schicksal in Gestalt der Theater-Ma-\nschinerie dagegen verschworen. Im dritten Acte stürzte"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.7", "texte": "eines von den Lampengestellen, die an der Innenseite der\nCoulissen angebracht sind, mit seinem ganzen Apparat vor\ndie Füsse der Alice (Mac). Dorus-Gras) zu ihrem Entsetzen\nnieder. In der Ballet-Scene in den Kloster-Ruinen fiel eine\ndunkle Wolke, mit schwerem Eisendraht gearbeitet, plötz-\nlich vom Himmel herab und verscheuchte Helene (Made-\nmoiselle Taglioni) und alle ihre Nonnen von der Bühne.\nDas Schlimmste und Gefährlichste kam aber zuletzt.\nNach dem herrlichen Terzett am Schlüsse der Oper\n—erzählt Veron muss sich Bertram bekanntlich in die\nOeffnung der Versenkung stürzen, um zur Hölle zurück zu\nfahren. Robert (Nourrit), bekehrt durch Gottes Stimme und\ndas heisse Flehen der Alice, muss auf Erden bleiben, um\nendlich die Prinzessin Isabella zu heiralhen; aber Robert,\nvoll Leidenschaft und hingerissen durch die Situation, ver-\ngisst, dass die Pforte der Hölle noch offen steht, und stürzt\ndem Satan nach. Hinter den Coulissen ein Schrei des Ent-\nsetzens: „Nourrit ist todt! er ist todt!\" Alice, die vorher\nbei ihrer persönlichen Gefahr sich stark gezeigt hatte, brach\nin Thränen und Schluchzen aus und eilte ab. Nun gab es\nauf dem Theater, unter dem Podium und vor demselben\nim Zuschauerräume drei verschiedene Scenen. Das Publi-\ncum, überrascht, glaubte, dass Robert sich am Ende doch\ndem Teufel ergebe und ihm ins Reich der Finsterniss folge.\nAuf dem Theater Jammer und Verzweiflung. Als Nourrit\nhinabstürzte, halte man glücklicher Weise die Matrazen\nund Betten, auf welche Levasseur fiel, noch nicht wegge-\nnommen. Nourrit kam mit heiler Haut und ganzem Ge-\nbein davon. Levasseur, der unter der Bühne ruhig nach\nseiner Loge ging, wird auf einmal Nourrit gewahr und\nruft: ,W as Teufel machst du hier? ist der Schluss geän-\ndert worden?\" Aber Nourrit schoss ohne Antwort an ihm\nvorbei nach der Treppe, denn es lag ihm zu sehr daran,\ndie Mitspieler und das Publicum zu beruhigen. Mit Made-\nmoiselle Dorus, die jetzt vor Freude Thränen vergoss, trat\ner heraus, und stürmischer Jubel empfing ihn.\nDer Vorhang fiel, und die Namen des Dichters und\ndes Componisten wurden unter unbeschreiblichem Beifall\nbekannt gemacht.\nNourrit musste den Abend noch zur Ader lassen, und\ndie zweite Vorstellung wurde desshalb auf den dritten Tag\nverschoben.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHannover* Der Tenorist Steg er soll für die hiesige Oper\n(während Niemann's Abwesenheit) mit einem Jahrgehalt von 5000\nThalern engagirt worden sein\nDem Musik-Verein „Euterpe\" in Leipzig steht für nächste\nSaison eine Veränderung bevor. An die Stelle des Dr. Langer, der\nin Folge seiner Berufung an die Universität seine Stelle niedergelegt\nbat, tritt Herr v, Bronsart als Musik-Director der Euterpe. Bei die-\nser Gelegenheit haben zugleich die Vereins-Statuten eine Umgestal-\ntung erfahren, so dass gegenwärtig die Gesellschaft in ihrer Organi-\nsation mehr dem Vorbilde der Gewandhaus-Concerte sich nähert.\nEin Co mite hat sich gebildet, welches sich der geschäftlichen Lei-\ntung unterzieht und die Concerte auf eigene Rechnung zu führen\ngedenkt, während früher die Mitglieder des Orchesters ihre Angele-\ngenheiten selbstständig verwalteten.\nWien. Herr C. Eckert hat, wie bereits gemeldet, seine Stelle\nals artistischer Director am Hof-Operntheater niedergelegt und ver-\nlässt, wie man sagt, Wien in kürzester Frist, ohne den Ablauf sei-\nnes ursprünglichen Engagements abzuwarten. Wir können nicht um-\nhin, diese Lösung der eingetretenen Wirrnisse aufrichtig zu be-\ndauern ; denn was man auch mit Recht über die Leitung dieses In-\nstituts durch Herrn Eckert sagen kann, es sind wenig Hoffnungen\nvorhanden, dass die künftige eine unseren Ansichten entsprechendere\nsein werde. Zudem verlieren wir durch Herrn Eckert jedenfalls einen\nguten Dirigenten, und die durch ihn wieder ins Leben gerufenen\nphilharmonischen Concerte sind durch seinen Abgang neuerdings in\nFrage gestellt. Wie man hört, ist die technische Leitung des Hof-\nOperntheaters provisorisch einem Comite, gebildet aus den Herren\nCapellmeister Esser, Regisseur Schober und Oekonomie-Contro-\nleur S t ein haus er, übergeben worden. Wir wünschten nun vor al-\nlen Dingen das Zustandekommen eines besseren Repertoires, denn\ndas seit Beginn der Saison (15. Juli) beliebte kann in keiner Weise\neines k. k. Hof-Operntheaters würdig genannt werden. (D. M.-Z.)\nDie vieractige Oper „Die Kinder der Haide' von Rubinstein,\nwelche von dem Hof-Operntheater zur Aufführung angenommen wor-\nden ist, soll noch in diesem Jahre in Scene gehen. Die Hauptrollen\nsind den Damen Czillag und Krauss, den Herren Ander, Wachtel,\nHrabanek und Meyerhofer zugedacht.\nDas bis jetzt bestgelungene Standbild Beethoven's, von Schön-\nfeld, befindet sich in der prachtvollen Entree-Halle der Bösendor-\nfer'schen Pianoforte-Fabrik in Wien.\nRichard Wagner in Paris. Die N. Zeitschrift f. Musik ent-\nhält folgende Correspondenz aus Paris: „Wohlunterrichtet, theils\ndurch Aeusserungen Wagner's selbst, theils durch Mittheilungen sei-\nner näheren Freunde, kann ich Ihnen der Wahrheit gemäss Folgen-\ndes als richtigen Sachverhalt eröffnen. Nie hat Wagner's Wunsch\naufgehört, seinen neuen Werken zu Liebe, die einzig nur in Deutsch-\nland aufgeführt werden können, nach Deutschland, wenigstens zeit-\nweise, wieder zurückkehren zu können. Da derselbe jedoch noch im\nvorigen Jahre keine günstigen Zusicherungen darüber erhalten konnte,\nwandte er sich nach Paris und fasste den Plan, im verflossenen Mai\nmit deutschen Sängern Tristan und Isolde zum ersten Male hier auf-\nzuführen, zum Theil allerdings auch dazu durch pecuniäre Rück-\nsichten bestimmt. Diese Unternehmung ist nicht „„fehlgeschlagen\"\",\nsondern einfach nicht zu Stande gekommen, weil die erforderlichen\nKräfte nicht zu gleicher Zeit hier zu vereinigen waren. Wenn unter\nden veranstalteten Aufführungen, welche „„fehlgeschlagen-*\" sein sol-\nlen, die drei von Wagner gegebenen Concerte gemeint sind, so ist\nbekannt, dass sie schon in so fern vollkommen geglückt sind, als\ndiese Concerte, welche einen grossen Eindruck machten, aller Welt\nAugen plötzlich so anhaltend auf Wagner wandten, dass bereits vier\nWochen nach den Concerten der Kaiser, der am Hofe überall von\nWagner reden hörte, den Befehl zur Aufführung des Tannhäuser\ngab, ein Erfolg, an den Wagner nicht gedacht hatte. Erst nachdem\ndieser ganz unerwartete Erfolg eingetreten war, Wagner aber trotz-\ndem in seinem Innern erkennen musste, dass das, was Anderen als\nein glänzendes Ziel erschienen wäre, ihm in Wahrheit nur eine äus-\nserliche, durchaus aber keine innere Befriedigung gewähren könne,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18600929-01.1.8", "texte": "so dass seine Blicke noch immer auf Deutschland gerichtet waren,\nbenutzte er die ihm zu Theil gewordene freundschaftliche Theilnahme\ndes königlich sächsischen Gesandten, Frhrn. v. Seebach, um die\ndurch ihn zu vermittelnde Erlaubniss, Deutschland zum Zwecke der\nAufführung seiner Werke wieder betreten zu können, Seitens der\nsächsischen Regierung zu erwerben. Er übergab Herrn v. Seebach\nein Schreiben, worin er seinen dringenden Wunsch dadurch moti-\nvirte, dass, nachdem ihm für seinen Ruhm und für seine äussere\nLage gerade jetzt in Paris die glänzendsten Aussichten eröffnet wä-\nren, er nun erst recht inne würde, wie hiedurch sein Inneres nicht\nbefriedigt werde, sondern sein Herz einzig an der Möglichkeit hange,\nseine neuen Werke in Deutschland aufführen zu können. Sie begrei-\nfen, welchen Eindruck es auf uns machen musste, dieses edelste Mo-\ntiv in deutschen Blättern in Geldnoth umgesetzt zu sehen, und wie\nunsinnig uns zugleich diese Mittheilung vorkommen musste, da Wag-\nner in Paris eben jetzt dasjenige erreicht hatte, was ihn wahrschein-\nlicher Weise künftig der Sorge um die äussere Existenz überheben\ndürfte. Ausser dem Interesse, welches Wagner die Aufführung seiner\nWerke in Paris natürlich einflössen muss, namentlich der grossen\nTheilnahme näherer und entfernterer Freunde gegenüber, die er in\nParis gefunden hat, ist es gerade dieser Umstand, in Folge der\ngrossen Vortheile, welche die Autoren in Frankreich gemessen, der\nGeldfrage künftig überhoben zu sein, um dieselbe bei späteren Un-\nternehmungen in Deutschland mehr als bisher ausser Acht lassen\nzu können. Sein grösstes Leiden bestand gerade darin, seine Werke\nin Deutschland bisher zur Waare machen zu müssen, während dies\nnun allem Erwarten nach jetzt aufhört, so dass er fortan für seine\nneuen Werke nur noch das künstlerische Interesse im Auge zu ha-\nben braucht, mit Sorgsamkeit der Garantieen einer vorzüglichen ersten\nAufführung derselben sich versichern und schlechten Aufführungen\ndadurch wehren kann, dass er die Erlaubniss dazu zurückhält, was er\nbisher aus Rücksichten für seine Lage oft nicht konnte. Wie son-\nderbar! Gerade jetzt fängt man an, in Deutschland sich um seine\npecuniäre Lage zu bekümmern, wo er die besten Hoffnungen hat,\ndieser Sorgen überhoben zu sein. Schliesslich will ich für diesmal\nnoch bemerken, dass auch jene Nachricht, Wagner habe beabsichtigt,\neiner Aufführung des Lohengrin in Wiesbaden beizuwohnen, voll-\nständig aus der Luft gegriffen ist. Wagner machte eine Rheinreise\nvon wenigen Tagen zu seiner Erholung und befindet sich längst\nwieder in Paris.a\nRossini gab neuerdings in Paris bei Gelegenheit der projectir-\nten Aufführung seiner Semiramis im französischen Opernhause einen\nBeweis seiner Uneigennützigkeit. Er schrieb an seinen Freund Ca-\nrafa folgendes Billet:\n„Mein theurer Freund! Da es im Plane ist, die Semiramis an\nder grossen Oper in Scene zu setzen, und ich mich, wie Sie wissen,\nmit solcherlei Dingen nicht abgebe, so bitte ich Sie, Sich dieser\nAufgabe zu unterziehen. Ich gebe Ihnen die ausgedehnteste Voll-\nmacht zu allen Einrichtungen, die Ihnen nöthig scheinen. Da diese\nArbeit dann Ihr Werk ist, so muss sie auch Ihr Eigenthum sein,\nund alle Autorenrechte in und ausser dem Theater gehören Ihnen\ngerade so, wie bei einer Oper von Ihnen selbst. Ihr Sie liebender\nG. Rossini.\"\nEben so unbegrenzte Vollmacht räumte er dem Uebersetzer des\nLibretto ins Französische, Herrn Mdry, ein.\nAllein wozu weder Carafa, noch Mdry, noch der Director der\nOper, Herr Royer, ihn bewegen konnten, war, in eine einzige Probe,\ngeschweige denn in die Vorstellung selbst, zu gehen. Ja, er ging so\nweit, am Sonntag vor der ersten Vorstellung in einer Gesellschaft\nbei sich allen Anwesenden Carafa als den Componisten der neuen\nSemiramis vorzustellen. Unter Anderem erzählte er, dass er seine\nSemiramis in Einem Monat für Venedig geschrieben, aber sechs Mo-\nnate habe correspondiren müssen, um das vertragsmässige Honorar,\nfünftausend Francs (Mozart hundert bis dreihundert Ducaten ?), für\nAbtretung aller Rechte auf Vorstellung der Oper und Veröffentli-\nchung der Partitur zu erhalten.\nSemiramis war bekanntlich die letzte Oper, die er in Italien\nschrieb Bis dahin hätten ihm seine Opern nicht mehr als 500 oder\nhöchstens 1000 Francs eingebracht Der Barbiere sei in vierzehn\nTagen für nicht mehr als 500 Francs geschrieben. rNun, es ist\nwahr,\" setzte er selbst, als er es erzählte, hinzu: „es ist auch nur\nleichte Musik.u\nAm 1. October soll in Warschau das allgemein ersehnte mu-\nsicalische Conservatorium, zu dessen Director Herr A. Kontski,\naugenblicklich in St. Petersburg anwesend, ernannt ist, eröffnet wer-\nden. Am 28. August 1859 hatte Herr A. Kontski die Allerhöchste\nErlaubniss erhalten, die Idee eines musicalischen Instituts zu ver-\nwirklichen, unter der Bedingung, dass das Gründungs-Capital, an-\nnähernd auf 45,<'»00 R. geschätzt, im Verlauf von sechs Monaten in\nder Bank niedergelegt werde; der Gründer war zu gleicher Zeit er-\nmächtigt, Gaben von 500 R. von Seiten der Stifter, von 300 R. von\nSeiten der Gründer von Stipendien und auch von geringeren Sum-\nmen anzunehmen, um selbst auch Stipendien zu stiften. Die Regie-\nrung hatte sich bereit erklärt, die nöthigen Baulichkeiten für das\nInstitut zu überlassen, und die Verpflichtung übernommen, die nö-\nthigen Summen für den Umbau und die Reparatur anzuweisen, 2000\nR. jährlich zu zahlen und einige Vorrechte den Lehrern und denje-\nnigen Schülern zu gewähren, welche ihre musicalische Ausbildung\nin diesem Institut mit Erfolg vollendet. Nicht nur die polnischen\nMagnaten, die Geistlichkeit, die Grundbesitzer, der Beamtenstand,\nsondern auch die Künstler selbst haben Gaben dargebracht, indem\nsie die Notwendigkeit der Gründung eines Instituts eingesehen, wel-\nches sowohl die theuren Reisen ins Ausland zur musicalischen Aus-\nbildung unnötbig machen, als auch zu gleicher Zeit die Mittel bie-\nten wird, Orchester zu bilden und zu ergänzen, und Künstler und\nMeister für alle Instrumente heranzuziehen. Ausserdem hatte man\nin Warschau zum Nutzen dieser Stiftung vier Feste gegeben, welche\neine bedeutende Einnahme erzielten, und in vielen volkreichen Städten\ndes Königreichs wurden Concerte von Liebhabern zum Besten des\nInstituts veranstaltet. Gegenwärtig ist das erforderliche Capital in\nder Bank deponirt, alle Instrumente sind angeschafft, und das In-\nstitut zählt schon 25'J Candidaten. Die jährliche Zahlung der Eleven\nist sehr gering im Verhältniss zu ähnlichen Instituten und auf 50\nR. bestimmt, während sie im Conservatorium zu Leipzig 75 R. be-\nträgt. * (Petersb. Zeitung.)"}]}