{"numero_id": "bm-bmtnabi-1860-10-13-01", "volume": "bmtnabi_1860-10-13_01", "ocr_sha256": "21ba9576f65afafb4c8c501cf496061bfac276ddece5131bfc91a3dbbbfc2273", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1860/10/13_01/bmtnabi_1860-10-13_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1860-10-13-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-10-13_01#c001", "volume": "bmtnabi_1860-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "329", "page_fin": "329", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "329", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 437, "texte": "Inhalt.\nDie Musik in der katholischen Kirche. 11. Von L. B. Beurtheilungen. Für Kammermusik: A. Jadassohn, Quartett,\nOp. 10 Woldemar Bargiel, Trio, Op. 20, Scherzo, Op. 13, Phantasie, Op. 19 Max Bruch, Trio, Op. 5, Quartett, Op. 9 Georg\nVierlinge Phantasie, Op. 17. Für Pianoforte allein: Ferdinand Hiller, Dritte Sonate für das Pianoforte, Op. 78. Von M. L. Aus\nLeipzig (Die «eue Concert-Saison). Von E—g. Tages- und Unterhaltungsblatt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-10-13-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-10-13_01#c002", "volume": "bmtnabi_1860-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "329", "page_fin": "333", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.2.2", "titre_corps": "Die Musik in der katholischen Kirche.", "titre_sommaire": "Die Musik in der katholischen Kirche.", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "329", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.1", "debut_caractere": 439, "fin_caractere_exclue": 3985, "texte": "Die Musik in der katholischen Kirche.\n\nII.\n(I. s. Nr. 41.)\nEine andere Schrift, welche denselben hochwichtigen\nGegenstand die katholische Kirchenmusik behandelt,\nkommt von dem Osten Deutschlands her, während Ober-\nhoffer's „Harmonielehre\" u. s. w., die wir in Nr. 41 be-\nsprochen, am äussersten Westen ihren Ursprung hat\nein Beweis, wie sich überall in Deutschland das Bedürf-\nniss einer Reform auf diesem Gebiete geltend macht und\nzu Bestrebungen anregt, durch praktische Vorschläge und\ntheoretische Hülfsmittel sie zweckmässig zu fördern.\nDie Schrift, mit welcher sich dieser zweite Artikel be-\nschäftigen soll, ist zwar nur von mässigem Umfange, allein\nsie enthält in ihrer ersten Hälfte sowohl interessante No-\ntizen über die Zustände der Kirchenmusik in Oesterreich\nund namentlich in Böhmen, als Vorschläge zur Abhülfe\nderselben und zur Wiederherstellung eines würdigen An-\ntheils der Musik am Gottesdienste, welche wegen ihres\nvermittelnden Charakters sich wohl am ersten zu prakti-\nscher Ausführung eignen dürften. Ihr Titel ist:\nJos. Proksch (Director einer Musik-Bildungsanstalt\nzu Prag), Aphorismen über katholische\nKirchenmusik, nebst einem geschichtlichen\nUeberblicke des Gregorianischen Choralgesanges.\nPrag, bei Karl Bellmann. 1858. 88 S. Gr. 8.\nDas Wesentliche des Schriftchens enthalten die ersten\n47 Seiten in den Abschnitten: „Der Gregorianische Ge-\nsang und die Figural-Musik\" „Der gegenwärtige Zu-\nstand der Kirchenmusik und seine Ursachen\" —„Die Or-\ngel und das Orgelspiel\" „Ueber die Mittel, durch welche\ndie Wiederherstellung einer wahren Kirchenmusik sich be-\nwirken Hesse\".\nDiesen Abschnitten folgt ein (in Kürze historisch-bio-\ngraphisches) Verzeichniss der älteren und neueren Kirchen-\nComponisten und ein zweites von guten Compositionen und\nSchriften für und über Kirchenmusik. Beide machen kei-\nnen anderen Anspruch als den eines Beitrags zu weiterer\nVerbreitung der Kenntniss der besten Werke und Hülfs-\nmittel.\nDer erstgenannte Abschnitt gibt einen Ueberblick über\nden allmählichen Verfall des katholischen Choralgesanges.\nBeiläufig bemerken wir, dass sich der Verfasser irrt, wenn\ner die französische Benennung desselben\nschreibt und als „vollen Gesang wegen der gleichen Gat-\ntung der Töne\" erklärt; es muss heissen piain chant,\nd. i. cantus planus (nicht plenusim Gegensatz zum men-\nsurirten und figurirten Gesänge, wie der Verfasser selbst\nin der Sache ganz richtig bemerkt.\nDer zweite Abschnitt (im Buche der 111., da eine kurze\nEinleitung mit I. bezeichnet ist) bespricht den Charakter\nder neueren Kirchen-Compositionen und enthält die be-\nkannten und keineswegs unbegründeten Vorwürfe, die\nihnen zu machen sind. Jedoch beurtheilt der Verfasser die\nSache vorurtheilsfrei und durchaus nicht ascetisch und ze-\nlotisch; er eifert wohl, aber nur gegen die Extreme,\nund darin zeichnet er sich vortheilhaft vor manchen ande-\nren seiner Gesinnungsgenossen aus, die das Kind mit dem\nBade ausschütten und in fanatischer Starrgläubigkeit den\nBannstrahl über die ganze Tonkunst in der Kirche\nschleudern.\nEr vermisst unter Anderem in den meisten modernen\nMessen wahrhaft polyphone Sätze und erklärt diesen Man-\ngel ganz richtig aus dem Wesen der neueren Musik, „wel-\ncher die Erweiterung der Kunst einen ungemein grösseren\nSpielraum für den Ausdruck der kleinsten Regungen und\nindividuellsten Nuancen des Gefühlslebens eröffnet habe.-1\nEr fährt dann fort:\n„Und in der That liegt in diesem particularistischen\nEingehen auf die individuellsten, subjectivsten Gemüths-\nstimmungen eine charakteristische Eigenthümlichkeit der"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "330", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5146, "texte": "neueren Musik, so wie andererseits diese Richtung, sobald\nsie einmal eingeschlagen war, sich immer mehr ausbilden\nmusste, da das Gefühlsleben in dem Maasse sich mit desto\ncapriciöseren Forderungen an die Musik wandte, je mehr\ndie Möglichkeit gegeben schien, durch sie zu einem ent-\nsprechenden Ausdrucke zu gelangen. Diese Möglichkeit\nfand sich einerseits in der Schmiegsamkeit der chromati-\nschen und melismatischen Elemente der Tonbildung, an-\ndererseits in der erweiterten und verfeinerten Gliederung\ndes Rhythmus, der nothwendig aus seiner früheren Ein-\nfachheit im Chorale und Contrapunkte heraustreten und\nzu mannigfaltigeren und complicirteren Formen sich ent-\nwickeln musste, damit die melodische Conception fortan\nmöglichst frei und ungebunden nach ihren eigenen Puls-\nschlägen sich fortspinnen könne.\n„indem nun durch die moderne künstliche Ausbildung\ndes rhythmischen Theiles der Musik der langsame gleich-\narmige Gang des Chorals und die systematische Gebun-\ndenheit des Contrapunktes in eine Mannigfaltigkeit kleiner\nrhythmischer Unterschiede sich aullös'te, musste noch eine\nandere wichtige Folge sich ergeben. Denn das nun ent-\nstehende bunte Gemenge differenter Rhythmen liess sich\nnicht leicht auf viele Stimmen vertheilen, sondern musste\nmehr auf eine der Hauptstimmen sich zurückziehen, welche\nsodann als melodieführende Oberstimme auftritt, eine\nRolle, die gewöhnlich dem Sopran oder der ersten Geige\nzu Theil wird.\n„Für die Opernmusik war diese Entwicklung der Mo-\nnodie allerdings ein unschätzbarer Gewinn, da die drama-\ntisch-mqsicalische Darstellung ohne diese neue Gestaltung\nsich niemals zu ihrer dermaligen Höhe hätte erheben kön-\nnen. Dadurch aber ist keineswegs ausgeschlossen, dass die\nan sich höchst werthvolle Vervollkommnung des Melodiö-\nsen alsogleich sich verderblich erwies, sobald sie auch auf\ndem Gebiete der Kirchenmusik sich geltend machte, ja, in\ndiesem vollends zur Herrschaft gelangte.\n„Dass aber dieses in der That der Fall ist, lässt sich\nnicht bestreiten, wiewohl vielleicht Manchem auf den er-\nsten Blick scheinen dürfte, als trügen unsere Messen, weil\nvierstimmig, vermöge dieser harmonischen Construclion\ndoch ein contrapunktisches Wesen an sich.\n„Allein das Charakteristische des modernen vierstim-\nmigen Satzes liegt gerade darin, dass er vom Princip der\nMelodie durch und durch beherrscht wird, so dass alle\nStimmen in eine unterschiedslose harmonische Masse zu-\nsammenrinnen. Vergleichen wir nur einmal, um uns dies\nlebendig zu vergegenwärtigen, einen Händel'sehen Chor,\netwa das Halleluja im „Messias\" mit einem Kyrie oder\nBenedictus in irgend einer unserer modernen Messen\nu. s. w.\n„Was nun an gediegener contrapunktischer Concep-\ntion unseren Componisten abgeht, das suchen sie durch\npikante Mittel zu ersetzen, nämlich durch den Reiz des\nRhythmus, durch üppige Instrumentation u. s. w. Wie\naber, wird man uns einwenden, besitzen wir denn nicht\neine bedeutende Zahl von Kirchen-Compositionen, mitun-\nter auch von würdigen Meistern, die eine Fülle künstlich\ncontrapunktischer Sätze, Fugen, Canons und thematischer\nVerknüpfungen enthalten?\n„Wir stellen diese Thatsache nicht in Abrede und sind\ngern bereit, das Echte und Gediegene überall anzuerken-\nnen, aus welcher Zeit es uns immer entgegentrete.\"\nDer Abschnitt (IV.) über das Orgelspiel enthält sehr\nfreimüthige und allerdings betrübende Bemerkungen. So\nheisst es z. B. S. 28:\n„Wir nehmen keinen Anstand, zu behaupten, dass kein\nTheil der musicalischen Kunst mehr im Argen liege, als\ndas Orgelspiel, namentlich in katholischen Ländern.\n„Diese Entartung und Verwahrlosung tritt uns vor-\nnehmlich in drei Punkten entgegen: erstens in dem schlech-\nten Zustande der meisten Orgeln; zweitens in den mangel-\nhaften Anstalten für den Orgel-Unterricht und der daraus\nsich ergebenden Unkenntniss in der Behandlung des In-\nstrumentes; endlich drittens in der Art und Weise, wie\nbei der Anwendung des Orgelspiels während des Gottes-\ndienstes verfahren wird.\n„Wie wenig man bei uns auf den Bau guter Orgeln,\nauf die nöthige Reparatur und den zeitgemässen Umbau\nalter Orgeln verwendet, ist bekannt und oft genug beklagt\nworden; am mangelhaftesten sind die Pedal-Tastaturen.\nSo fanden sich z. B. in ganz Böhmen im Jahre 1857 kaum\nein Dutzend Orgeln, die eine vollständige Pedal-Tastatur\nmit den gesammten Tönen der tieferen Octave besassen.\n„Abt Vogler sagt irgendwo: In Böhmen haben die\nOrgeln achtzehn Pedaltasten fürs Auge und zwölf Töne\nfürs Ohr, dazu die so genannte kurze Octave von Lilliput.\n„Wie kann bei so mangelhaften Orgeln je an ein obli-\ngates Pedalspiei, wie es die Orgelwerke des grossen Seb.\nBach erfordern, gedacht werden?\n„Während man zuweilen viel für die Ausstattung und\nAusschmückung der Kirche verwendet, geschieht für die\nOrgel und überhaupt für die Anschaffung guter Chor-In-\nstrumente das Wenigste.\n„Was zweitens die Anstalten zur Erlernung des Or-\ngelspiels betrifft, so wird wohl auch in den österreichi-\nschen Staaten hier und da etwas dafür gethan. Es beste-\nhen nämlich Kirchenmusik-Vereine, Orgelschulen, Schul-\nlehrer-Seminarien u. s. w., in welchen man bestrebt ist,\nnach Kräften so Manches für die Heranbildung junger"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "331", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5399, "texte": "Organisten zu thun*), allein im Allgemeinen bleibt noch\ngar viel zu wünschen übrig, denn es gebricht diesen Ver-\neinen und Schulen vor Aliem an reger Theilnahme und an\nkräftiger Unterstützung von Seiten der hohen und höch-\nsten Behörden wie des musicalischen Publicums im Gros-\nsen, und eben desshalb auch an den erforderlichen pecu-\nniären Mitteln; damit hängt ferner der Mangel an tüchti-\ngen Lehrern zusammen, die eine gründliche Schule bei\neinem anerkannt würdigen Orgelkünstler durchgemacht\nhätten und dort in den Stand gesetzt worden wären, ihre\nKunst nach den Resultaten der neuesten Fortschritte aus-\nzuüben.\n„Wir können hier die Bemerkung nicht unterdrücken,\ndass die katholischen Organisten hinter den protestanti-\nschen, namentlich in neuerer Zeit, weit zurückgeblieben\nsind. Die Ursache dieser Erscheinung ist wohl zum Theil\ndarin zu suchen., dass bei den Protestanten Choralgesang\nund Orgelspiel einen Haupt-Bestandtheil des Gottesdienstes\nausmachen und in einem viel entscheidenderen Verhältnisse\nzu diesem stehen, als bei uns, wesshalb auf die Bildung\nder Organisten und auf gute Orgeln dort auch mehr ge-\nsehen werden musste.\n„Was daher die Art und Weise der Behandlung oder\ndie Methode des Orgelspiels betrifft, so ist es geradezu da-\nhin gekommen, dass wir mit wenig Ausnahme**) bei den\nProtestanten in die Schule gehen möchten, wie das schon\naus der sehr reichhaltigen Orgel-Literatur derselben sich\nerkennen lässt.\n„Wir erinnern hier nur an einige der berühmtesten\nOrganisten neuerer Zeit, z. B. an J. C. Hink, A. Hesse,\nE. Köhler, Brosig, L. Thiele, C. F. Becker, W. Bach,\nSchneider, F. Kühmstedt, A. Klengel, Ritter, Winterberg\nund Andere.\"\nAls Mittel (Abschnitt V.) zur Wiederherstellung einer\nwahren Kirchenmusik verlangt der Verfasser zuvörderst\ndie zweckmässige musicalische Bildung nicht nur der Leh-\nrer, Chor-Dirigenten und Organisten, sondern auch der\nGeistlichen. „In früheren Jahrhunderten\", sagt er, „ist\nder katholische Kirchengesang vorzüglich durch die Geist-\nlichen gepflegt und ausgebildet worden; wenn er in neue-\nrer Zeit verunstaltet und verweltlicht wurde, so kann man\nden Cierus zum mindesten nicht von aller Verantwortung\nfreisprechen. Der Cierus wird es daher auch sein, von dem\nman eine Reform des Kirchengesangos zunächst beanspru-\nchen darf und muss. Er wird jedoch diese Verpflichtung\nnur dann erfüllen können, wenn er im Besitze der erfor-\nderlichen musicalischen Bildung ist. Dies aber zu erstre-\nben, ist nur in den geistlichen Lehranstalten möglich. Der\nbeste Grund hierzu liesse sich in den Knaben-Seminarien\nlegen, von denen man mit Recht eine entsprechende Heran-\nziehung zum geistlichen Stande erwartet. Bis jetzt ist für\ndie musicalische Ausbildung der Geistlichen wenig gesche-\nhen. Dass hin und wieder Einzelne, durch besondere Ver-\nhältnisse begünstigt, eine Ausnahme machen, ist eben nur\nzufällig und kann nicht in Anschlag gebracht werden; die\nMehrzahl bleibt in musicalischer Beziehung vernachlässigt.\nDer Geistliche selbst muss in der Kirche, wenn auch nur\nam Altare, als Sänger auftreten, er hat die Oberaufsicht\nüber die Kirchenmusik, den Volksgesang und das Orgel-\nspiel. Hieraus ergibt sich das Maass der musicalischen\nQualification, welche jeder Geistliche besitzen sollte.\"\nSodann fordert der Verfasser Wiederherstellung des\nVolksgesanges in der üblichen Landessprache.\n„In der ersten Blüthezeit der Kirche entstand neben\nder Hymnologie der Choralgesang. Nach und nach bildete\nsich die Psalmodie aus, bis aus ihr das religiöse Volkslied\nhervorging. So nahm das Volk, die christliche Gemeinde,\nnach Maassgabe der Befähigung Theil am Gesänge. Ganz\nbesonders wurde das gottesdienstliche Volkslied durch die\nReformation gefördert.\n„In den Historisch-Politischen Blättern wurde einmal\nnicht unpassend bemerkt: Man sang sich in die Reforma-\ntion hinein. Die Reformatoren betrachteten den Gesang als\neines ihrer vorzüglichsten Mittel, das Volk für ihre Zwecke\nzu gewinnen, während man katholischerseits dieses Feld\nzu lange brach liegen liess.\n„Es wird daher, wenn es überhaupt mit der katholi-\nschen Kirchenmusik besser werden soll, der Choralgesang\nder Gemeinde neu zu beleben und zu fördern sein. Zu die-\nsem Ende bedürfen wir vor Allem echt katholischer Ge-\nsangbücher. Es existiren zwar deren bereits eine grosse An-\nzahl und mitunter treffliche Arbeiten, z. B. das dresdener,\nfreiburger, breslauer, kölnische, münsterische, ferner die\nAuswahl der schönsten geistlichen Lieder älterer Zeit:\ntica spiritualia, München, 1845; aber in unserem Vater-\nlande Böhmen haben wir noch immer kein allgemein von\nder Kirche anerkanntes Gesangbuch.\n„Die allgemeinere Wiederaufnahme und Verbreitung\ndes altkatholischen Kirchengesanges dürfte allerdings fin-\nden Anfang dadurch erschwert werden, dass er nicht ohne\nUnterbrechung aus den vergangenen Jahrhunderten sich\nfortgepflanzt hat, sondern allmählich von der Instrumental-\n[*]\n\n*) Nicht unerwähnt darf hier die Organistenschule bleiben, welche\nder Kirchenmusik-Verein in Prag um das Jahr 1830 ins Leben\ngerufen und an welcher Anstalt seit 1840 der rühmlichst be-\nkannte C. Pitsch (f 12 Juni 1858) als Director und Lehrer\nwirkte. Diese Anstalt erfreut sich eines sehr segensreichen Ge-\ndeihens für die Heranbildung junger Organisten»\n**). Rühmliche Erwähnung unter den vaterländischen Organisten\nkatholischer Religion verdienen J. Krejci und C. Pitsch in\nPrag und A. Proksch in Reichenberg.\n/"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "332", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5319, "texte": "und Figuralmusik zurückgedrängt wurde, und endlich in\nder neueren Zeit fast gänzlich erloschen ist. Daher kam es\nja auch, dass unsere Zeit in der Herausgabe von Gesang-\nbüchern weit gegen die früheren Jahrhunderte zurücksteht,\nja, dass es zu den Seltenheiten gehört, wenn hier und da\neinmal ein katholisches Gesangbuch erscheint, während bei\nden Protestanten eine ungemein reiche Literatur in diesem\nZweige sich entwickelt und erhalten hat.\n„Um so mehr müsste man vor dem Missgriffe auf sei-\nner Hut sein, der theilweise schon bei der Abfassung des\nleitmeritzer Diözesan-Gesangbuches begangen wurde, dass\nman nämlich so gern neue Lieder produciren und sie dem\nVolke aufdringen mag.\n„Es gibt hier nur Einen Weg zu verfolgen, nämlich\ndas im Volke bereits vorhanden gewesene Material, welches\nuns nachgerade abhanden kam, aus dem Staube der Bi-\nbliotheken hervorzusuchen und jene längst verklungenen\nStimmen einer glaubens- und liederkräftigen Zeit wieder\nzu erwecken. So würde ein historischer Boden gewonnen,\nauf dem sich der rechte, den Bedürfnissen der Gegenwart\nentsprechende Volksgesang gedeihlich entwickeln könnte.\nEs versteht sich von selbst, dass hiermit nicht bloss die ein-\nfache Rückkehr zum Alten, ob auch noch so Veralteten,\nunbedingt anempfohlen werden soll. Ein Gesangbuch des\nsechszehnten oder siebenzehnten Jahrhunderts, und wäre\nes auch seinem Zeitalter noch so neu erschienen, würde\nunmöglich dem Geschmacke unserer Zeit ganz zusagen.\"\nEs werden darauf Vorschläge über zeitgemässe Ver-\nänderungen, Harmonisirung u. s. w. gemacht, und nament-\nlich in Bezug auf letztere gesagt:\n„Auch in dieser Hinsicht haben uns die Protestanten\nbei Weitem übertroffen. Wir erinnern hier nur an die mei-\nsterhaften Harmonisirungeu eines J. S. Bach, Graun, Hil-\nler, Fischer, Umbreit, Natorp, Schneider, Marx, Becker\nu. s. w., während wir in den katholischen Liedersammlun-\ngen nur ausnahmsweise zweckmässige Harmonisirungen\nantreffen.\"\nFerner wünscht der Verfasser neben dem Choralge-\nsange des Volkes die Vertretung des kunstmässigen Gesan-\nges durch einen Kirchen-Sängerchor. Dieser würde\nes dahin bringen, dass das Volk wieder dahin käme, einen\ngrösseren Antheil am regelmässigen gottesdienstlichen Ge-\nsänge zu nehmen*), und dass also Choral, Lied und vier-\nstimmiger Chorgesang die Hauptmittel der Musik zur Un-\nterstützung und Verherrlichung des Gottesdienstes sein\nwürden.\nWas nun endlich die vielfach beregte Frage über die\nAnwendung der Orchester-Instrumente in der Kirche\nbetrifft, so eifert der Verfasser auch hier besonders nur\ngegen die Extreme, und diese scheinen freilich im Südosten\nvon Deutschland entsetzliche Auswüchse zu treiben. Denn\nes heisst S. 42:\n„Gebet der Kirche, was ihr gebührt, eine echte Mu-\nsica sacra,und hinaus mit dem vielen Instrumental-Getöse,\nmit dem Trompetengeschmetter und Paukengewirbel, die\nso oft das Heilige profaniren! Was soll man erst aber zu\nden schmetternden Intraden der Trompeten und Pauken,\ndem häufigen Tuschblasen sagen, als gelte es Toaste aus-\nzubringen? Keinen Celebranten lässt man dem Altare nahen\noder von ihm sich entfernen, ohne dass er von einer Fan-\nfare begleitet wird! Und so geht der Lärm fort durch alle\nHaupttheile der Messe, durch das Gbria, Credo, Sanctus,\nsogar bis in die Wandlung hinein wird getrommelt und\ngeschmettert, zumal wenn ein junger Priester seine Primiz-\nMesse feiert. Ja, selbst die reumüthige Zerknirschung des\nAgnus Dei glaubt man durch Donnergetöse entsprechend\nauszudrücken. So bilden Kriegs-Instrumente die Scala, an\nwelcher der Wärmegrad unserer Theilnahme an den Fe-\nsten des Friedens gemessen wird, und selbst Prolog und\nEpilog der Predigt, des Gotteswortes, bleiben vor ähnli-\nchem Heidenlärm nicht verschont.\n„Wie aber, wird man uns einwenden, sollen denn alle\nInstrumente aus der Kirche verbannt werden? Keineswegs.\nWir eifern nur gegen den Missbrauch und die Uebertrei-\nbung, gegen die den Zweck entweihende Anwendung die-\nser Mittel. Es mögen immerhin Instrumente in der Kirche\ngeduldet werden, aber unter der Bedingung, dass sie sich\njederzeit dem Gesänge unterordnen, niemals vorherrschend\noder obligat auftreten, sondern stets den Singstimmen nur\nzur Unterstützung und Begleitung dienen. Für diesen Zweck\nlangt man nächst der Orgel mit einem Streich-Quartett und\neinigen bescheidenen Blas-Instrumenten vollkommen aus.\nUm so gewisser wird man daher eine bescheidene Instru-\nmental-Begleitung in vielen Fällen zulässig und sogar noth-\nwendig finden, wenn der Sängerchor nicht ein besonders\neingeschulter ist, obwohl es immer am wünschenswerte-\nsten bliebe, in allen grösseren Kirchen einen möglichst\nvollzähligen und ausgebildeten Sängerchor zu besitzen.\n„Um ferner noch eine würdige Abwechslung in die\ngottesdienstliche Musik zu bringen, Hessen sich einige Stücke,\nz. B. das Graduale und Offertorium, von Singstimmen mit\nInstrumental-Begleitung vortragen.\n„Es ist hohe Zeit, allen den hier gerügten Missbräu-\nchen nachdrücklichst entgegen zu treten und es nicht län-\nger zu dulden, dass der Gottesdienst durch das vulgäre Ge-\ntändel der Organisten, durch das plumpe Geschrei der\n\n) »Ein beachtenswerter Anfang wurde vom Dom-Capellmeister\nJoh. N. Skraup in Prag (gegenwärtig in Rotterdam) mit sei-\nner „„Volksmesse'\"\" gemacht, in welcher die Gemeinde den\nCantus firmtts im Unisono zu singen hat.\" Anm. d. Verf. S. 41."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "333", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 736, "texte": "Chorsänger oder durch die Aufdringlichkeit des modernen\nVirtuosenthums in Gesang und Instrumental-Musik ge-\nschändet werde. Vornehmlich wäre aber einmal Ernst zu\nmachen mit der Abstellung des frechen Musicirens während\nder Wandlung. Man sollte meinen, es verstünde sich von\nselbst, dass diesem erhabensten Momente gegenüber vor\nAllem Schweigen sich gezieme, da auch die vollendetste\nMenschenkunst nichts ihm hinzuzufügen, sondern nur ihn\nzu stören vermag.\"\nWir scheiden von dem Büchlein mit aufrichtiger Hoch-\nachtung für den Verfasser, der den gläubig-kirchlichen Sinn\nmit der Achtung vor der Würde und der erhebenden Wirk-\nsamkeit der Tonkunst beim Gottesdienste vereinigt, und\nwünschen seinen Bestrebungen den besten Erfolg*).\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-10-13-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-10-13_01#c003", "volume": "bmtnabi_1860-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "333", "page_fin": "335", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.2.3", "titre_corps": "Beurtheilungen.", "titre_sommaire": "Beurtheilungen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "333", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.5", "debut_caractere": 738, "fin_caractere_exclue": 5080, "texte": "Beurtheilungen.\nFür Kammermusik.\nEs ist stets erfreulich, jüngeren Talenten auf dem Ge-\nbiete der Composition für Kammermusik zu begegnen; es\nist dies immer der Beweis eines Strebens, das die Würde\nder Tonkunst anerkennt und der vollendetsten Gattung der\nreinen Musik, im Gegensatz zu der angewandten, welche\nTexte oder gar Programme zur Unterlage bedarf, huldigt.\nSieht man die neueren Verlags-Verzeichnisse durch, so\nscheint es, als sollte die Musik in gehaltlosen Gesellschafts-\nstücken, Tänzen, flachen Bearbeitungen flacher und frivo-\nler Opern-Melodieen, Liedern und Liederchen u. s. w. auf-\ngehen. Trauriges Loos der edelsten Muse, die von ihren\neigenen—so genannten Priestern gezwungen wird, mit\nder Menge zu liebäugeln und der Mode zu fröhnen! Um\nso mehr Anerkennung verdienen diejenigen Musik-Verle-\nger, welche das höhere Streben in der Composition unter-\nstützen und Werke veröffentlichen, bei denen sie nicht auf\ndie Abnehmer, welche—leider übermässig zahlreich—nur\nden Markt der Flitterwaaren besuchen, rechnen können.\nZu diesen Bemerkungen veranlassen uns folgende\nWerke von A. Jadassohn, Woldemar Bargiel und\nMax Bruch.\n1. A. Jadassohn, Quartett für zwei Violinen,\nViola und Violoncell. Op. 10. M. Hauptmann\ngewidmet. Breslau, bei Leuckart. Preis 2'/i Thlr.\nSchon die Widmung lässt erwarten, dass der Compo-\nnist einem so berühmten Tonmeister nur ein Werk zuge-\neignet haben wird, das dessen würdig ist. Indessen täuscht\nder Schaffende sich leicht über seine Schöplung, und die\nKritik darf sich dadurch nicht bestechen lassen. Ich habe\ndieses Quartett nach den Gesetzen der Kunstlehre geprüft\nund—was leider bei den Kritikern von Handwerk, welche\ndie Werke dutzendweise nur nach dem Durchlesen oder\ngar Durchblättern beurtheilen, häufig nicht der Fall ist—\ngehört und wieder gehört, und das Hören ist doch wahr-\nlich bei aller Musik die Hauptsache. Danach spreche ich\nmein Urtheil in gutem Glauben dahin aus, dass Jadas-\nsohn's Arbeit zu den schönsten Hoffnungen berechtigt.\nDauert er aus auf dem mit vielem Glück betretenen Wege,\nvertieft er sich immer ernster in das Studium der bekann-\nten Meister dieser Gattung, schafft er ohne übereilte Hast\nweiter, prüft er das Fertige mit Gewissenhaftigkeit, ruft\ner das Urtheil bewährter Kenner und nicht bloss jugend-\nlicher Freunde und Bewunderer zu Rathe, studirt er den\nCharakter der Saiten-Instrumente noch besser, erwirbt er\nsich stets grössere Freiheit in geistvoller Handhabung der\ncontrapunktischen Formen, so wird er als einer von den-\njenigen genannt werden, die das jetzt viel zu wenig culti-\nvirte Quartett zu neuer Blüthe gebracht haben.\nZwei neuere kleinere Sachen:\npour le Violon avec Piano,Op. 18, und: Trois\npour le Pianoforte, Op. 22, sind als Salonstücke freilich\nnicht eben tief, das erstere melodisch und gesangmässig,\ndas letztere schon etwas verkünstelt.\n2. Woldemar Bargiel: Trio 11. für Pianoforte,\nVioline und Violoncell. Julius Rietz gewidmet.\n'Op. 20. Preis 3 Thlr.\nDiese tüchtige Arbeit bekundet das eingehendste Stu-\ndium der Beethoven'schen und Mendelssohn'schen Trio's.\nDie thematische Arbeit verräth eine genaue Bekanntschaft\nmit den tausendfachen Geheimnissen dieser vielgepriese-\nnen, aber selten in neueren Werken anzutreffenden Kunst.\nDabei ist der Charakter der einzelnen Instrumente gut ge-\nwahrt, es ist keinem etwas zugemuthet, was ihm nicht\npasste. Das Ensemble ist wirksam und erhebt sich biswei-\nlen so, dass es eine Begeisterung verräth, die sich dem\nZuhörer unwillkürlich mittheilt. Die Ausführung fordert\nnicht ungewöhnliche Fertigkeiten, einiger Maassen geübte\nKräfte können das Trio vorführen; nur wird der Erfolg\nsich erst dann bestätigen, wenn es mit grosser Präcision\nund ästhetischer Feinheit vorgetragen wird. Den meisten\nBeifall werden vielleicht das Adagio und das Scherzo ge-\nwinnen; den ersten und den vierten Satz muss man jeden-\nfalls öfter hören, um gewisse Wendungen u. s. w. minder\nauffallend zu finden. Uebrigens kann ich nur für W. Bar-\ngiel wiederholen, was ich oben bei Nr. 1 gesagt habe.\nAuch er hat jedenfalls eine Zukunft; es wird von ihm ab-\nhangen, ob es eine dauernde oder eine mit der Mode ver-\nrauschende sein wird. Noch liegen mir von ihm vor:\n\n*) Uebrigens vergleiche man die trefflichen Aufsätze: „Die hei-\nlige Tonkunst' von Dr. Ed. Krüger in diesen Blättern,\nJahrgang VI. (1858), Nr. 11, 13, 14 und 15."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "334", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5180, "texte": "W. Bargiei, Scherzo für Pianoforte. Op. 13.\nPreis 25 Sgr.\nPreis 1 Thlr. 17 Sgr.\nDas „Scherzo\" ist ein durchweg originelles Stück voll\nsprudelnden Humors, doch würde es vielleicht noch mehr\nansprechen, wenn es kürzer wäre. Die Durchführung des\nTbema's, obwohl geistvoll, ermüdet doch am Ende den\nHörer ein wenig.\nDie „Phantasie\" ist mit Geist erfunden und durchge-\nführt; an Schumann sich anlehnend, verläugnet sie doch\ndie eigene Originalität nicht, wird aber zuweilen etwas\nbizarr, fast bis zur Herbheit. Ihr Vortrag erfordert feine\nAuffassung und grosse technische Fertigkeit.\nMax Bruch, Trio für Pianoforte, Violine\nund Violoncell. Op. 5. Den Herren Fei. David\nund F. Grützmacher gewidmet. Leipzig, Breitkopf\n& Härtel. Preis 2 Thlr. 15 Sgr.\nQuartett für zwei Violinen, Bratsche und\nVioloncell. Op. 9. Ebendaselbst. Preis?\nBeide Werke des jugendlichen Componisten sind sich\nnur darin ähnlich, dass beide nicht nur Zeugniss von einem\naussergewöhnlichen Talente, sondern auch von dem Ver-\nfolgen einer künstlerischen Richtung geben, die den von\nden grössten Meistern abstrahirten Grundsätzen des wah-\nren Musicalisch-Schönen treu bleibt und zu beweisen strebt,\ndass sich mit dem Schaffen nach diesen, wenn nur das Zeug\ndazu vorhanden ist, die Vortheile und zum Theil auch die\nForderungen der fortgeschrittenen Gestaltung der Tonkunst\nunserer Zeit recht gut, und zwar zum offenbaren Gewinn\ndes Geschaffenen, vereinigen lassen. Uebrigens aber sind\nbeide Werke sehr verschieden. Vielleicht ist das Ciavier -\nTrio (auch in der Form eigentümlich: Andante canta-\nbile, C-moll,3/VTact, einige und fünfzig Tacte lang, über-\ngehend in ein A llegro assai, %, den Hauptsatz,\ndem ein Presto, C-moll,4/4, ein ganz ausgezeichneter Satz,\nals Schluss folgt), in der Erfindung noch origineller als das\nViolin-Qu artelt, während das letztere, ebenfalls durch-\naus nicht einem bestimmten Vorbilde nachgeahmt und eine\nerfreuliche Selbstständigkeit besonders im ersten und drit-\nten Satze wahrend, doch vorzugsweise durch die Gewandt-\nheit der Arbeit in dieser schwierigsten Gattung der Kam-\nmermusik und durch eine Beherrschung der Form und\nTechnik, die in dem Lebensalter des Componisten wirklich\nerstaunenswert]] ist, zur grössten Anerkennung auffordert\nund zur Prophezeiung einer bedeutenden Zukunft berech-\ntigt. Denn wir müssen es offen aussprechen, dass wir in\ndiesen und anderen Sachen von Max Bruch (z. B. einer\nPhantasie für zwei CI avie re, welche, so wie ein zwei-\ntes Violin- Quart e tt, Op. 10, als Op. 11 nächstens in\ndemselben Verlage erscheinen werden) neben einer reichen\nPhantasie und einer melodischen Erfindungsgabe auch das\nGenie der Arbeit wieder finden, welches unserer Zeit fast\nabhanden gekommen ist und besonders so vielen Compo-\nnisten der neueren Schule gänzlich fehlt und weil es ih-\nnen fehlt—wohl gar von ihnen als unnöthig und überflüs-\nsig zum Schaffen sogenannt genialer Werke bezeichnet\nwird. So wie Max Bruch schon jetzt schreibt, sind die al-\nlerlei Nothbehelfe und Schusterflecke, wie die alten Lehrer\nder Composition sie nannten, d. h. angelernte Verbindungs-\nmittel und triviale, oder bei den Jüngern der Neuzeit auch\nmonströse, Füllungssätze, um die Lücken zwischen verein-\nzelten guten Gedanken auszufüllen, bei ihm nirgend anzu-\ntreffen. Ueberall ist Fluss und Guss, und nirgend stolpert\nman über Stellen, welche man augenblicklich als Steine\ndes Anstosses erkennt, über die der Componist sich nur\nmit sichtbarer Mühe hinweggeholfen hat. Und solche tech-\nnische Gewandtheit, welche bei jeder Gedankenentwicklung\nzu Gebote steht, ja, welche nicht nur diese Entwicklung,\nsondern die Gedanken selbst weiter ausspinnen hilft und\noft zu episodischer Erweiterung derselben führt fast wie\ndem Dichter die Gewandtheit in Behandlung des Metrums\nund des Reimes gar oft auch glückliche Gedanken bringt\n—sie lernt sich nicht, selbst nicht bei einem Meister und\nLehrer, wie er Max Bruch durch glückliche Verhältnisse\nin Ferdinand Hiller zu Theil geworden ist; ihr eigentliches\nFundament ist auch die Natur-Anlage; dem Lehrer, der\ndiese erkennt, wird ihre Ausbildung leicht, er hat sie nur\nauf die richtige Bahn der Entwicklung zu leiten.\nWir empfehlen beide Werke als höchst beachtungs-\nwerthe Erzeugnisse der Gegenwart.\nIch erwähne hier ferner:\nGeorg Vierling, Phantasie für Pianoforte und\nVioloncell. Op. 17 . Breslau, bei Leuckart. Preis\n1 Thlr.\nAufrichtig gesagt, bin ich kein besonderer Freund von\nPhantasieen. Nur zu oft wird der Name benutzt, um ein\nChaos von Tonfolgen zusammen zu werfen, die oft weder\nSinn und Verstand, noch Wohlklang haben. Namentlich\nist sie bei Jüngeren beliebt, die entweder den Mangel von\nIdeen oder die Unfähigkeit, ein schönes, harmonisches Gan-\nzes zu setzen, darunter verstecken. Ist\nfreilich die Phantasie so, wie die berühmte Composition,\nwelche Mozart also betitelt hat, dann begrüsse ich sie mit\ntausend Freuden. Dann ist sie auch kein vages Herum-\ntappen in allen Tonarten und Tactarten, kein Zusammen-\nklauben der verschiedenartigsten Melodieen, sondern es\nbeseelt das Ganze eine einheitliche, schöne Idee, sie ist\ngleichsam das photographische Bild einer weiten und gros-\nsen Landschaft, oder anders gesagt: der tonliche Reflex"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 504, "texte": "einer Meditation über einen Gegenstand, der siebenfarbige\nRegenbogenstrahl im Prisma concentrirt. Mit diesen Bil-\ndern habe ich Vierling's Phantasie charakterisirt. Der eine\nGrundgedanke (es ist ein ernstes, kräftiges Thema, von\nzarten Arabesken wie von leisen Wellen umspielt) ist in\nverschiedener Weise durchgeführt, nicht zu lang, was be-\nsonders zu loben ist. Beide Inatrumente geberden sich da-\nbei wie zwei herzliebe, verständige Freunde, von denen\nder ältere, weil erfahrener, den jüngeren leitet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-10-13-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-10-13_01#c004", "volume": "bmtnabi_1860-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "335", "page_fin": "335", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.2.4", "titre_corps": "Für Pianoforte allein.", "titre_sommaire": "Für Pianoforte allein.", "signature_source": "M. L", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.7", "debut_caractere": 506, "fin_caractere_exclue": 3583, "texte": "Für Pianoforte allein.\nM. L.\nFerdinand Hiller, Dritte Sonate für das Piano-\nforte. Op. 78. Ferd. Breunung gewidmet.\nBreslau, bei Leuckart. Preis 1 Thlr. 15 Sgr.\nZum Schlüsse das Werk eines Meisters. Hiller zählt\nzu den gefeiertsten Componisten unserer Tage; sein Ver\nsacrum, sein Saul haben seinen seit der Herausgabe des\nOratoriums „Die Zerstörung von Jerusalem\" neben Men-\ndelssohn genannten Namen nach allen Seiten hin von\nNeuem berühmt gemacht. Die Kritik ist mitunter hart mit\nihm verfahren, zuweilen verdienter, oft iniverdienter Weise;\naber das konnte nur seinen Geist schärfen. Nur kleine\nMenschen lassen sich durch Hindernisse entmuthigen; der\nMusiker, der Schritt für Schritt seinen Boden sich erkäm-\npfen muss, erlahmt nicht in seinem Streben; seine Werke\nsind gestempelt mit der Devise: Auch dem\nvollendetsten Künstler gelingt nicht jeder Wurf; alle Gei-\nstesarbeit ist bedingt durch tausenderlei Dinge. Ist nur das\nStreben ein ernstes, das Ziel ein rechtes, dann ziehen wir\ngetrost den Hut ab! Wo ich Hiller noch begegnete, im-\nmer musste ich ihn hochachten; selbst in der kleinsten\nClavier-Piece, und wäre es nur eine Etüde, stiess ich auf\nden Mann von Geist. Bisweilen fühlte ich mich freilich\nauch verletzt; ich konnte nicht immer seine Tonfolgen lo-\nben, vielleicht weil sie meinen classischen Verwöhnungen\nzu nahe gingen; es berührte mich hier und da ein Accord,\neine Phrase unangenehm, vielleicht weil mein Schönheits-\ngefühl zu einseitig ausgebildet ist. Aber kecke und ver-\nmessene Griffe über das Gebiet der Schönheit überhaupt\nund der musicalischen Schönheit insbesondere hinaus sah\nich nicht. Daher kann ich auch nicht die Meinung derje-\nnigen theilen, welche Hiller zur Zukunfts-Partei zählen,\nnoch weniger aber mit Anderen ihn in den Fussstapfen der\nClassiker wandelnd erkennen. Hiller arbeitet offenbar auf\neine Verschmelzung des Alten und des Neuen hin; er folgt\nseinen Eingebungen, ohne zu untersuchen, zu welcher\nSpecies sie zählen. Auf die vorliegende Sonate findet mehr\noder minder das Gesagte seine Anwendung. Die Arbeit\nHiller's ist durchaus neu bis zu ihrer äusseren Gestalt; die\nSonate ist ein Ganzes und verschmäht die übliche Drei-\noder Vier-Theilung. Die Spielart ist durchaus die neueste\nund setzt den geübtesten Techniker voraus; es finden sich\nhier auch die eigentümlichen rhythmischen Versuche,\nwelche Hiller so liebt, und die eben so schwer als ver-\ndienstlich und kunstreich sind. Aber bei alledem haben\nwir keine Beethoven'sche oder Weber'sche Sonate vor\nuns; es ist eine Folge von kunstvoll verwebten Tönen und\nFiguren, wie sie wohl keiner der jetzt lebenden Compo-\nnisten zu schreiben im Stande sein mag, aber man vermisst\ndie volle Strömung der Gedanken; diese sind mehr geist-\nreich, als schwunghaft, und reissen desshalb Gemüth und\nPhantasie des Hörenden nicht so mit sich fort, wie die\nSchöpfungen jener Meister. Wenn ich Hiller mit diesen\nvergleiche, so fühle ich sehr wohl, dass das nicht recht\nist; allein meine Achtung vor seinem Talente wird mich\nrechtfertigen, wenn ich den grössten Maassstab an seine\nComposition lege."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-10-13-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-10-13_01#c005", "volume": "bmtnabi_1860-10-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "335", "page_fin": "336", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.2.5", "titre_corps": "Aus Leipzig.", "titre_sommaire": "Aus Leipzig.", "signature_source": "E—g", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.7", "debut_caractere": 3585, "fin_caractere_exclue": 5116, "texte": "Aus Leipzig.\n\nDen 8. October 1860.\nDie hiesige Concert-Saison hat am 30. September be-\ngonnen, und gestern wurde das zweite der üblichen zwan-\nzig Abonnements-Concerte abgehalten. Ihrer Aufforderung\ngemäss berichte ich Ihnen über diese beiden Concerte und\nwerde auch künftig von denjenigen Aufführungen, bei de-\nnen ich anwesend sein kann, Ihnen Mittheilungen zusenden.\nIm Ganzen bin ich über die leipziger Concerte nicht\nso erfreut gewesen, als ich hoffte, es sein zu können; der\nkleine Saal macht einen fast beängstigenden Eindruck, und\nim Orchester überwiegen die Blech-Instrumente so, dass\nsie zuweilen alles Andere übertönen. Rechnen Sie dazu\neine tropische Gluth und die Unmöglichkeit für den Frem-\nden, einen „Sperrsitz\" zu gewinnen, so müssen Sie mir\ngewiss zugeben, dass es einige Aufopferung kostet, „im\nSchweisse seines Angesichtes\" die leipziger Concerte zu ge-\nmessen. Doch ist das übrige Orchester ganz prachtvoll, die\nGeigen spielen präcis, wie ein einziges Instrument, die Vio-\nioncelle und Bässe wetteifern würdig mit den Geigen, und\nHolzbläser wie Pauker sind keine Ripienisten, sondern\nwahre Künstler, um welche jede Capelle die leipziger be-\nneiden könnte.\nIm ersten Concerte bestanden die Orchesterwerke\naus der Ouvertüre (124) von Beethoven und der\nSinfonie (Nr. 2) von Schumann; im zweiten aus der Hoch-\nlands-Ouverture von Gade und der von\nBeethoven, welche sämmtlich (die übermässig starken Po-\nsaunen und Trompeten abgerechnet) ganz vortrefflich auf-\ngeführt wurden. Sn Leipzig fiel es auf, dass Karl Rei-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "336", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4516, "texte": "necke (Nachfolger von Rietz) die Tempi etwas langsamer\nnahm, und bereits hat sich von vielen Seiten Einsprache\ndawider erhoben; mir waren die Tempi gewohnte, und\nich kann mir kaum denken, dass ein schnelleres Zeitmaass\nzu Gunsten der Tonstücke sein könnte. Die Ouvertüre\nvon Gade hörte ich zum ersten Male, kann aber nicht be-\ngreifen, wie sie in den Concertsaa! Eingang gefunden hat,\nda sie ein fades, ungeniessbares Lärmstück ist und weder\ndurch inneren noch formellen Werlh anzieht. Sie fand\nauch nur kargen Beifall, so sehr geneigt zum Beifallklat-\nschen das hiesige Publicum im Allgemeinen zu sein scheint.\nUeber die Gesang-Vorträge schien bei beiden Con-\ncerten ein ungünstiger Stern zu walten. Frau Cassh aus\nBerlin, königliche Hof-Opernsängerin, ist erst seit kurzer\nZeit in der Musikwelt bekannt und erregte auch bei den\nihr Fernerstehenden durch ihre persönlichen Schicksale\nTheilnahme, da harte Ungunst der Zeiten sie zwang, eine\nglänzende eigene Häuslichkeit mit der Bühne zu vertau-\nschen; allein ihr Vortrag der Mozart'schen Concert-Arie\n„L'addio\"und der Fidelio-Arie „Abscheulicher\" waren\nleider nicht im Stande, diese für ihre Person günstige\nStimmung auch auf ihre Leistungen auszudehnen. Bei mäs-\nsiger Ausbildung hat sie eine harte, schwer ansprechende,\nin der Höhe scharfe Stimme und war ihrer Aufgabe in\nder Concert-Arie durchaus nicht gewachsen, da sie für\nInnigkeit und Gefühlswärme keinen Ausdruck zu haben\nscheint. Besser gelangen ihr die leidenschaftlichen und pa-\nthetischen Stellen der Beethoven'schen Composition; dafür\nbewies sie in dieser vollständigsten Mangel an Tactgefühl,\nhatte für gute und schlechte Tacttheile keine Andeutung\nund begnügte sich während der ganzen Arie mit der Will-\nkür eines „Tempo rubato\". Ohne Rein ecke's sorgfälti-\nges Nachgeben auf die Capricen der Sängerin wäre die\nArie umgeworfen worden, während man so mit der lästi-\ngen Empfindung davonkam, es könne dieses Concert-Un-\nglück jeden Augenblick eintreten. Fräulein Charlotte\nScharncke (auch aus Berlin) ist noch sehr jung und\nnoch nicht völlig ausgebildet. Sie hat ein hübsches Stimm-\nchen, singt auch ohne grobe Fehler, aber völlig schüler-\nhaft. Von Vortrag ist bei ihr noch gar keine Rede, und\nAuffassung fehlt gänzlich, während sie sich mit der Sorg-\nfalt einer guten Schülerin bemüht, Läufer und Triller\nschulgerecht zu machen. Wie seelenlos und ganz verfehlt\nsie daher die Mozart'sche Idomeneo-Arie „Den Vater ver-\nlass' ich\" und die Semiramis-Cavatine von Rossini ~Dolce\npensisro\"vortrug, mögen Sie Sich selber ausmalen. Viel-\nleicht lernt sie künftig einmal singen, wenn sie erst gei-\nstiges Leben erhalten hat. Es heisst, dass man diese „Sän-\ngerin der Zukunft\" für den Winter engagirt habe; hoffent-\nlich ist dies ein falsches Gerücht.\nMit den Instrumental-Solo-Vor trägen war man\nglücklicher und vermochte sie noch dazu durch Mitglieder\ndes eigenen Orchesters zur Geltung zu bringen. Concert-\nmeister David spielte ein altmodisches Violin-Concert von\nViotti und eine höchst verworrene Phantasie von Schu-\nmann. Die glänzenden Vorzüge dieses Geigers sind bekannt,\nobwohl er in beiden Compösitionen nur gute Technik zei-\ngen konnte. Auch Herr Davidoff brachte zwei mir un-\nbekannte Stücke zu Gehör: ein Concert von G. Golter-\nmann und eine Phantasie eigener Composition über russi-\nsche Volks-Melodieen; er ist ein höchst bedeutender Vio-\nloncellist, der trotz seiner Jugend die Ruhe und Sicherheit\neines Meisters besitzt und eben so durch Reinheit und an-\nmuthige Weichheit des Tones als durch Virtuosität sich\nauszeichnet.\nSo viel scheint mir aus diesen beiden Concerten schon\nhervorzugehen, dass das Beste der leipziger Kräfte im\nOrchester liegt, und es ist mir unbegreiflich, wesshalb\nman sich dann nicht mehr auf dieses stützt, sondern durch\nungenügende Gesanges-Vorträge und durch Virtuosen-\nstückchen die Zeit hinbringt. Auffallend war es mir, dass\nbeide Concert-Programme gleichsam nach einer Scha-\nblone zusammengestellt waren: zuerst eine Ouver-\ntüre, dann eine Arie, hierauf ein „Concert\" für ein\nSolo-Instrument, nun Scene und Arie, endlich eine\n„Phantasie\" und als zweiten Theil eine Sinfonie.\nWenn das in zwanzig Concerten so fort geht, so denke ich\nes mir sehr ermüdend. Ob diese Befürchtung eintrifft, wer-\nden wir später sehen.\nMölai. Ueber einen gründlich musicalisch gebildeten jungen\nMann, der die besten Zeugnisse besitzt und als erster (oder zweiter)\nfagottist eine feste Anstellung bei einer Bühne oder einem\nConcert-Institute sucht, ertheilt Auskunft\ndie Redaction.\n\nE—g."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "329", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie Musik in der katholischen Kirche. 11. Von L. B. Beurtheilungen. Für Kammermusik: A. Jadassohn, Quartett,\nOp. 10 Woldemar Bargiel, Trio, Op. 20, Scherzo, Op. 13, Phantasie, Op. 19 Max Bruch, Trio, Op. 5, Quartett, Op. 9 Georg\nVierlinge Phantasie, Op. 17. Für Pianoforte allein: Ferdinand Hiller, Dritte Sonate für das Pianoforte, Op. 78. Von M. L. Aus\nLeipzig (Die «eue Concert-Saison). Von E—g. Tages- und Unterhaltungsblatt.\n\nDie Musik in der katholischen Kirche.\n\nII.\n(I. s. Nr. 41.)\nEine andere Schrift, welche denselben hochwichtigen\nGegenstand die katholische Kirchenmusik behandelt,\nkommt von dem Osten Deutschlands her, während Ober-\nhoffer's „Harmonielehre\" u. s. w., die wir in Nr. 41 be-\nsprochen, am äussersten Westen ihren Ursprung hat\nein Beweis, wie sich überall in Deutschland das Bedürf-\nniss einer Reform auf diesem Gebiete geltend macht und\nzu Bestrebungen anregt, durch praktische Vorschläge und\ntheoretische Hülfsmittel sie zweckmässig zu fördern.\nDie Schrift, mit welcher sich dieser zweite Artikel be-\nschäftigen soll, ist zwar nur von mässigem Umfange, allein\nsie enthält in ihrer ersten Hälfte sowohl interessante No-\ntizen über die Zustände der Kirchenmusik in Oesterreich\nund namentlich in Böhmen, als Vorschläge zur Abhülfe\nderselben und zur Wiederherstellung eines würdigen An-\ntheils der Musik am Gottesdienste, welche wegen ihres\nvermittelnden Charakters sich wohl am ersten zu prakti-\nscher Ausführung eignen dürften. Ihr Titel ist:\nJos. Proksch (Director einer Musik-Bildungsanstalt\nzu Prag), Aphorismen über katholische\nKirchenmusik, nebst einem geschichtlichen\nUeberblicke des Gregorianischen Choralgesanges.\nPrag, bei Karl Bellmann. 1858. 88 S. Gr. 8.\nDas Wesentliche des Schriftchens enthalten die ersten\n47 Seiten in den Abschnitten: „Der Gregorianische Ge-\nsang und die Figural-Musik\" „Der gegenwärtige Zu-\nstand der Kirchenmusik und seine Ursachen\" —„Die Or-\ngel und das Orgelspiel\" „Ueber die Mittel, durch welche\ndie Wiederherstellung einer wahren Kirchenmusik sich be-\nwirken Hesse\".\nDiesen Abschnitten folgt ein (in Kürze historisch-bio-\ngraphisches) Verzeichniss der älteren und neueren Kirchen-\nComponisten und ein zweites von guten Compositionen und\nSchriften für und über Kirchenmusik. Beide machen kei-\nnen anderen Anspruch als den eines Beitrags zu weiterer\nVerbreitung der Kenntniss der besten Werke und Hülfs-\nmittel.\nDer erstgenannte Abschnitt gibt einen Ueberblick über\nden allmählichen Verfall des katholischen Choralgesanges.\nBeiläufig bemerken wir, dass sich der Verfasser irrt, wenn\ner die französische Benennung desselben\nschreibt und als „vollen Gesang wegen der gleichen Gat-\ntung der Töne\" erklärt; es muss heissen piain chant,\nd. i. cantus planus (nicht plenusim Gegensatz zum men-\nsurirten und figurirten Gesänge, wie der Verfasser selbst\nin der Sache ganz richtig bemerkt.\nDer zweite Abschnitt (im Buche der 111., da eine kurze\nEinleitung mit I. bezeichnet ist) bespricht den Charakter\nder neueren Kirchen-Compositionen und enthält die be-\nkannten und keineswegs unbegründeten Vorwürfe, die\nihnen zu machen sind. Jedoch beurtheilt der Verfasser die\nSache vorurtheilsfrei und durchaus nicht ascetisch und ze-\nlotisch; er eifert wohl, aber nur gegen die Extreme,\nund darin zeichnet er sich vortheilhaft vor manchen ande-\nren seiner Gesinnungsgenossen aus, die das Kind mit dem\nBade ausschütten und in fanatischer Starrgläubigkeit den\nBannstrahl über die ganze Tonkunst in der Kirche\nschleudern.\nEr vermisst unter Anderem in den meisten modernen\nMessen wahrhaft polyphone Sätze und erklärt diesen Man-\ngel ganz richtig aus dem Wesen der neueren Musik, „wel-\ncher die Erweiterung der Kunst einen ungemein grösseren\nSpielraum für den Ausdruck der kleinsten Regungen und\nindividuellsten Nuancen des Gefühlslebens eröffnet habe.-1\nEr fährt dann fort:\n„Und in der That liegt in diesem particularistischen\nEingehen auf die individuellsten, subjectivsten Gemüths-\nstimmungen eine charakteristische Eigenthümlichkeit der"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "330", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.2", "texte": "neueren Musik, so wie andererseits diese Richtung, sobald\nsie einmal eingeschlagen war, sich immer mehr ausbilden\nmusste, da das Gefühlsleben in dem Maasse sich mit desto\ncapriciöseren Forderungen an die Musik wandte, je mehr\ndie Möglichkeit gegeben schien, durch sie zu einem ent-\nsprechenden Ausdrucke zu gelangen. Diese Möglichkeit\nfand sich einerseits in der Schmiegsamkeit der chromati-\nschen und melismatischen Elemente der Tonbildung, an-\ndererseits in der erweiterten und verfeinerten Gliederung\ndes Rhythmus, der nothwendig aus seiner früheren Ein-\nfachheit im Chorale und Contrapunkte heraustreten und\nzu mannigfaltigeren und complicirteren Formen sich ent-\nwickeln musste, damit die melodische Conception fortan\nmöglichst frei und ungebunden nach ihren eigenen Puls-\nschlägen sich fortspinnen könne.\n„indem nun durch die moderne künstliche Ausbildung\ndes rhythmischen Theiles der Musik der langsame gleich-\narmige Gang des Chorals und die systematische Gebun-\ndenheit des Contrapunktes in eine Mannigfaltigkeit kleiner\nrhythmischer Unterschiede sich aullös'te, musste noch eine\nandere wichtige Folge sich ergeben. Denn das nun ent-\nstehende bunte Gemenge differenter Rhythmen liess sich\nnicht leicht auf viele Stimmen vertheilen, sondern musste\nmehr auf eine der Hauptstimmen sich zurückziehen, welche\nsodann als melodieführende Oberstimme auftritt, eine\nRolle, die gewöhnlich dem Sopran oder der ersten Geige\nzu Theil wird.\n„Für die Opernmusik war diese Entwicklung der Mo-\nnodie allerdings ein unschätzbarer Gewinn, da die drama-\ntisch-mqsicalische Darstellung ohne diese neue Gestaltung\nsich niemals zu ihrer dermaligen Höhe hätte erheben kön-\nnen. Dadurch aber ist keineswegs ausgeschlossen, dass die\nan sich höchst werthvolle Vervollkommnung des Melodiö-\nsen alsogleich sich verderblich erwies, sobald sie auch auf\ndem Gebiete der Kirchenmusik sich geltend machte, ja, in\ndiesem vollends zur Herrschaft gelangte.\n„Dass aber dieses in der That der Fall ist, lässt sich\nnicht bestreiten, wiewohl vielleicht Manchem auf den er-\nsten Blick scheinen dürfte, als trügen unsere Messen, weil\nvierstimmig, vermöge dieser harmonischen Construclion\ndoch ein contrapunktisches Wesen an sich.\n„Allein das Charakteristische des modernen vierstim-\nmigen Satzes liegt gerade darin, dass er vom Princip der\nMelodie durch und durch beherrscht wird, so dass alle\nStimmen in eine unterschiedslose harmonische Masse zu-\nsammenrinnen. Vergleichen wir nur einmal, um uns dies\nlebendig zu vergegenwärtigen, einen Händel'sehen Chor,\netwa das Halleluja im „Messias\" mit einem Kyrie oder\nBenedictus in irgend einer unserer modernen Messen\nu. s. w.\n„Was nun an gediegener contrapunktischer Concep-\ntion unseren Componisten abgeht, das suchen sie durch\npikante Mittel zu ersetzen, nämlich durch den Reiz des\nRhythmus, durch üppige Instrumentation u. s. w. Wie\naber, wird man uns einwenden, besitzen wir denn nicht\neine bedeutende Zahl von Kirchen-Compositionen, mitun-\nter auch von würdigen Meistern, die eine Fülle künstlich\ncontrapunktischer Sätze, Fugen, Canons und thematischer\nVerknüpfungen enthalten?\n„Wir stellen diese Thatsache nicht in Abrede und sind\ngern bereit, das Echte und Gediegene überall anzuerken-\nnen, aus welcher Zeit es uns immer entgegentrete.\"\nDer Abschnitt (IV.) über das Orgelspiel enthält sehr\nfreimüthige und allerdings betrübende Bemerkungen. So\nheisst es z. B. S. 28:\n„Wir nehmen keinen Anstand, zu behaupten, dass kein\nTheil der musicalischen Kunst mehr im Argen liege, als\ndas Orgelspiel, namentlich in katholischen Ländern.\n„Diese Entartung und Verwahrlosung tritt uns vor-\nnehmlich in drei Punkten entgegen: erstens in dem schlech-\nten Zustande der meisten Orgeln; zweitens in den mangel-\nhaften Anstalten für den Orgel-Unterricht und der daraus\nsich ergebenden Unkenntniss in der Behandlung des In-\nstrumentes; endlich drittens in der Art und Weise, wie\nbei der Anwendung des Orgelspiels während des Gottes-\ndienstes verfahren wird.\n„Wie wenig man bei uns auf den Bau guter Orgeln,\nauf die nöthige Reparatur und den zeitgemässen Umbau\nalter Orgeln verwendet, ist bekannt und oft genug beklagt\nworden; am mangelhaftesten sind die Pedal-Tastaturen.\nSo fanden sich z. B. in ganz Böhmen im Jahre 1857 kaum\nein Dutzend Orgeln, die eine vollständige Pedal-Tastatur\nmit den gesammten Tönen der tieferen Octave besassen.\n„Abt Vogler sagt irgendwo: In Böhmen haben die\nOrgeln achtzehn Pedaltasten fürs Auge und zwölf Töne\nfürs Ohr, dazu die so genannte kurze Octave von Lilliput.\n„Wie kann bei so mangelhaften Orgeln je an ein obli-\ngates Pedalspiei, wie es die Orgelwerke des grossen Seb.\nBach erfordern, gedacht werden?\n„Während man zuweilen viel für die Ausstattung und\nAusschmückung der Kirche verwendet, geschieht für die\nOrgel und überhaupt für die Anschaffung guter Chor-In-\nstrumente das Wenigste.\n„Was zweitens die Anstalten zur Erlernung des Or-\ngelspiels betrifft, so wird wohl auch in den österreichi-\nschen Staaten hier und da etwas dafür gethan. Es beste-\nhen nämlich Kirchenmusik-Vereine, Orgelschulen, Schul-\nlehrer-Seminarien u. s. w., in welchen man bestrebt ist,\nnach Kräften so Manches für die Heranbildung junger"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "331", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.3", "texte": "Organisten zu thun*), allein im Allgemeinen bleibt noch\ngar viel zu wünschen übrig, denn es gebricht diesen Ver-\neinen und Schulen vor Aliem an reger Theilnahme und an\nkräftiger Unterstützung von Seiten der hohen und höch-\nsten Behörden wie des musicalischen Publicums im Gros-\nsen, und eben desshalb auch an den erforderlichen pecu-\nniären Mitteln; damit hängt ferner der Mangel an tüchti-\ngen Lehrern zusammen, die eine gründliche Schule bei\neinem anerkannt würdigen Orgelkünstler durchgemacht\nhätten und dort in den Stand gesetzt worden wären, ihre\nKunst nach den Resultaten der neuesten Fortschritte aus-\nzuüben.\n„Wir können hier die Bemerkung nicht unterdrücken,\ndass die katholischen Organisten hinter den protestanti-\nschen, namentlich in neuerer Zeit, weit zurückgeblieben\nsind. Die Ursache dieser Erscheinung ist wohl zum Theil\ndarin zu suchen., dass bei den Protestanten Choralgesang\nund Orgelspiel einen Haupt-Bestandtheil des Gottesdienstes\nausmachen und in einem viel entscheidenderen Verhältnisse\nzu diesem stehen, als bei uns, wesshalb auf die Bildung\nder Organisten und auf gute Orgeln dort auch mehr ge-\nsehen werden musste.\n„Was daher die Art und Weise der Behandlung oder\ndie Methode des Orgelspiels betrifft, so ist es geradezu da-\nhin gekommen, dass wir mit wenig Ausnahme**) bei den\nProtestanten in die Schule gehen möchten, wie das schon\naus der sehr reichhaltigen Orgel-Literatur derselben sich\nerkennen lässt.\n„Wir erinnern hier nur an einige der berühmtesten\nOrganisten neuerer Zeit, z. B. an J. C. Hink, A. Hesse,\nE. Köhler, Brosig, L. Thiele, C. F. Becker, W. Bach,\nSchneider, F. Kühmstedt, A. Klengel, Ritter, Winterberg\nund Andere.\"\nAls Mittel (Abschnitt V.) zur Wiederherstellung einer\nwahren Kirchenmusik verlangt der Verfasser zuvörderst\ndie zweckmässige musicalische Bildung nicht nur der Leh-\nrer, Chor-Dirigenten und Organisten, sondern auch der\nGeistlichen. „In früheren Jahrhunderten\", sagt er, „ist\nder katholische Kirchengesang vorzüglich durch die Geist-\nlichen gepflegt und ausgebildet worden; wenn er in neue-\nrer Zeit verunstaltet und verweltlicht wurde, so kann man\nden Cierus zum mindesten nicht von aller Verantwortung\nfreisprechen. Der Cierus wird es daher auch sein, von dem\nman eine Reform des Kirchengesangos zunächst beanspru-\nchen darf und muss. Er wird jedoch diese Verpflichtung\nnur dann erfüllen können, wenn er im Besitze der erfor-\nderlichen musicalischen Bildung ist. Dies aber zu erstre-\nben, ist nur in den geistlichen Lehranstalten möglich. Der\nbeste Grund hierzu liesse sich in den Knaben-Seminarien\nlegen, von denen man mit Recht eine entsprechende Heran-\nziehung zum geistlichen Stande erwartet. Bis jetzt ist für\ndie musicalische Ausbildung der Geistlichen wenig gesche-\nhen. Dass hin und wieder Einzelne, durch besondere Ver-\nhältnisse begünstigt, eine Ausnahme machen, ist eben nur\nzufällig und kann nicht in Anschlag gebracht werden; die\nMehrzahl bleibt in musicalischer Beziehung vernachlässigt.\nDer Geistliche selbst muss in der Kirche, wenn auch nur\nam Altare, als Sänger auftreten, er hat die Oberaufsicht\nüber die Kirchenmusik, den Volksgesang und das Orgel-\nspiel. Hieraus ergibt sich das Maass der musicalischen\nQualification, welche jeder Geistliche besitzen sollte.\"\nSodann fordert der Verfasser Wiederherstellung des\nVolksgesanges in der üblichen Landessprache.\n„In der ersten Blüthezeit der Kirche entstand neben\nder Hymnologie der Choralgesang. Nach und nach bildete\nsich die Psalmodie aus, bis aus ihr das religiöse Volkslied\nhervorging. So nahm das Volk, die christliche Gemeinde,\nnach Maassgabe der Befähigung Theil am Gesänge. Ganz\nbesonders wurde das gottesdienstliche Volkslied durch die\nReformation gefördert.\n„In den Historisch-Politischen Blättern wurde einmal\nnicht unpassend bemerkt: Man sang sich in die Reforma-\ntion hinein. Die Reformatoren betrachteten den Gesang als\neines ihrer vorzüglichsten Mittel, das Volk für ihre Zwecke\nzu gewinnen, während man katholischerseits dieses Feld\nzu lange brach liegen liess.\n„Es wird daher, wenn es überhaupt mit der katholi-\nschen Kirchenmusik besser werden soll, der Choralgesang\nder Gemeinde neu zu beleben und zu fördern sein. Zu die-\nsem Ende bedürfen wir vor Allem echt katholischer Ge-\nsangbücher. Es existiren zwar deren bereits eine grosse An-\nzahl und mitunter treffliche Arbeiten, z. B. das dresdener,\nfreiburger, breslauer, kölnische, münsterische, ferner die\nAuswahl der schönsten geistlichen Lieder älterer Zeit:\ntica spiritualia, München, 1845; aber in unserem Vater-\nlande Böhmen haben wir noch immer kein allgemein von\nder Kirche anerkanntes Gesangbuch.\n„Die allgemeinere Wiederaufnahme und Verbreitung\ndes altkatholischen Kirchengesanges dürfte allerdings fin-\nden Anfang dadurch erschwert werden, dass er nicht ohne\nUnterbrechung aus den vergangenen Jahrhunderten sich\nfortgepflanzt hat, sondern allmählich von der Instrumental-\n[*]\n\n*) Nicht unerwähnt darf hier die Organistenschule bleiben, welche\nder Kirchenmusik-Verein in Prag um das Jahr 1830 ins Leben\ngerufen und an welcher Anstalt seit 1840 der rühmlichst be-\nkannte C. Pitsch (f 12 Juni 1858) als Director und Lehrer\nwirkte. Diese Anstalt erfreut sich eines sehr segensreichen Ge-\ndeihens für die Heranbildung junger Organisten»\n**). Rühmliche Erwähnung unter den vaterländischen Organisten\nkatholischer Religion verdienen J. Krejci und C. Pitsch in\nPrag und A. Proksch in Reichenberg.\n/"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "332", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.4", "texte": "und Figuralmusik zurückgedrängt wurde, und endlich in\nder neueren Zeit fast gänzlich erloschen ist. Daher kam es\nja auch, dass unsere Zeit in der Herausgabe von Gesang-\nbüchern weit gegen die früheren Jahrhunderte zurücksteht,\nja, dass es zu den Seltenheiten gehört, wenn hier und da\neinmal ein katholisches Gesangbuch erscheint, während bei\nden Protestanten eine ungemein reiche Literatur in diesem\nZweige sich entwickelt und erhalten hat.\n„Um so mehr müsste man vor dem Missgriffe auf sei-\nner Hut sein, der theilweise schon bei der Abfassung des\nleitmeritzer Diözesan-Gesangbuches begangen wurde, dass\nman nämlich so gern neue Lieder produciren und sie dem\nVolke aufdringen mag.\n„Es gibt hier nur Einen Weg zu verfolgen, nämlich\ndas im Volke bereits vorhanden gewesene Material, welches\nuns nachgerade abhanden kam, aus dem Staube der Bi-\nbliotheken hervorzusuchen und jene längst verklungenen\nStimmen einer glaubens- und liederkräftigen Zeit wieder\nzu erwecken. So würde ein historischer Boden gewonnen,\nauf dem sich der rechte, den Bedürfnissen der Gegenwart\nentsprechende Volksgesang gedeihlich entwickeln könnte.\nEs versteht sich von selbst, dass hiermit nicht bloss die ein-\nfache Rückkehr zum Alten, ob auch noch so Veralteten,\nunbedingt anempfohlen werden soll. Ein Gesangbuch des\nsechszehnten oder siebenzehnten Jahrhunderts, und wäre\nes auch seinem Zeitalter noch so neu erschienen, würde\nunmöglich dem Geschmacke unserer Zeit ganz zusagen.\"\nEs werden darauf Vorschläge über zeitgemässe Ver-\nänderungen, Harmonisirung u. s. w. gemacht, und nament-\nlich in Bezug auf letztere gesagt:\n„Auch in dieser Hinsicht haben uns die Protestanten\nbei Weitem übertroffen. Wir erinnern hier nur an die mei-\nsterhaften Harmonisirungeu eines J. S. Bach, Graun, Hil-\nler, Fischer, Umbreit, Natorp, Schneider, Marx, Becker\nu. s. w., während wir in den katholischen Liedersammlun-\ngen nur ausnahmsweise zweckmässige Harmonisirungen\nantreffen.\"\nFerner wünscht der Verfasser neben dem Choralge-\nsange des Volkes die Vertretung des kunstmässigen Gesan-\nges durch einen Kirchen-Sängerchor. Dieser würde\nes dahin bringen, dass das Volk wieder dahin käme, einen\ngrösseren Antheil am regelmässigen gottesdienstlichen Ge-\nsänge zu nehmen*), und dass also Choral, Lied und vier-\nstimmiger Chorgesang die Hauptmittel der Musik zur Un-\nterstützung und Verherrlichung des Gottesdienstes sein\nwürden.\nWas nun endlich die vielfach beregte Frage über die\nAnwendung der Orchester-Instrumente in der Kirche\nbetrifft, so eifert der Verfasser auch hier besonders nur\ngegen die Extreme, und diese scheinen freilich im Südosten\nvon Deutschland entsetzliche Auswüchse zu treiben. Denn\nes heisst S. 42:\n„Gebet der Kirche, was ihr gebührt, eine echte Mu-\nsica sacra,und hinaus mit dem vielen Instrumental-Getöse,\nmit dem Trompetengeschmetter und Paukengewirbel, die\nso oft das Heilige profaniren! Was soll man erst aber zu\nden schmetternden Intraden der Trompeten und Pauken,\ndem häufigen Tuschblasen sagen, als gelte es Toaste aus-\nzubringen? Keinen Celebranten lässt man dem Altare nahen\noder von ihm sich entfernen, ohne dass er von einer Fan-\nfare begleitet wird! Und so geht der Lärm fort durch alle\nHaupttheile der Messe, durch das Gbria, Credo, Sanctus,\nsogar bis in die Wandlung hinein wird getrommelt und\ngeschmettert, zumal wenn ein junger Priester seine Primiz-\nMesse feiert. Ja, selbst die reumüthige Zerknirschung des\nAgnus Dei glaubt man durch Donnergetöse entsprechend\nauszudrücken. So bilden Kriegs-Instrumente die Scala, an\nwelcher der Wärmegrad unserer Theilnahme an den Fe-\nsten des Friedens gemessen wird, und selbst Prolog und\nEpilog der Predigt, des Gotteswortes, bleiben vor ähnli-\nchem Heidenlärm nicht verschont.\n„Wie aber, wird man uns einwenden, sollen denn alle\nInstrumente aus der Kirche verbannt werden? Keineswegs.\nWir eifern nur gegen den Missbrauch und die Uebertrei-\nbung, gegen die den Zweck entweihende Anwendung die-\nser Mittel. Es mögen immerhin Instrumente in der Kirche\ngeduldet werden, aber unter der Bedingung, dass sie sich\njederzeit dem Gesänge unterordnen, niemals vorherrschend\noder obligat auftreten, sondern stets den Singstimmen nur\nzur Unterstützung und Begleitung dienen. Für diesen Zweck\nlangt man nächst der Orgel mit einem Streich-Quartett und\neinigen bescheidenen Blas-Instrumenten vollkommen aus.\nUm so gewisser wird man daher eine bescheidene Instru-\nmental-Begleitung in vielen Fällen zulässig und sogar noth-\nwendig finden, wenn der Sängerchor nicht ein besonders\neingeschulter ist, obwohl es immer am wünschenswerte-\nsten bliebe, in allen grösseren Kirchen einen möglichst\nvollzähligen und ausgebildeten Sängerchor zu besitzen.\n„Um ferner noch eine würdige Abwechslung in die\ngottesdienstliche Musik zu bringen, Hessen sich einige Stücke,\nz. B. das Graduale und Offertorium, von Singstimmen mit\nInstrumental-Begleitung vortragen.\n„Es ist hohe Zeit, allen den hier gerügten Missbräu-\nchen nachdrücklichst entgegen zu treten und es nicht län-\nger zu dulden, dass der Gottesdienst durch das vulgäre Ge-\ntändel der Organisten, durch das plumpe Geschrei der\n\n) »Ein beachtenswerter Anfang wurde vom Dom-Capellmeister\nJoh. N. Skraup in Prag (gegenwärtig in Rotterdam) mit sei-\nner „„Volksmesse'\"\" gemacht, in welcher die Gemeinde den\nCantus firmtts im Unisono zu singen hat.\" Anm. d. Verf. S. 41."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "333", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.5", "texte": "Chorsänger oder durch die Aufdringlichkeit des modernen\nVirtuosenthums in Gesang und Instrumental-Musik ge-\nschändet werde. Vornehmlich wäre aber einmal Ernst zu\nmachen mit der Abstellung des frechen Musicirens während\nder Wandlung. Man sollte meinen, es verstünde sich von\nselbst, dass diesem erhabensten Momente gegenüber vor\nAllem Schweigen sich gezieme, da auch die vollendetste\nMenschenkunst nichts ihm hinzuzufügen, sondern nur ihn\nzu stören vermag.\"\nWir scheiden von dem Büchlein mit aufrichtiger Hoch-\nachtung für den Verfasser, der den gläubig-kirchlichen Sinn\nmit der Achtung vor der Würde und der erhebenden Wirk-\nsamkeit der Tonkunst beim Gottesdienste vereinigt, und\nwünschen seinen Bestrebungen den besten Erfolg*).\n\nL. B.\n\nBeurtheilungen.\nFür Kammermusik.\nEs ist stets erfreulich, jüngeren Talenten auf dem Ge-\nbiete der Composition für Kammermusik zu begegnen; es\nist dies immer der Beweis eines Strebens, das die Würde\nder Tonkunst anerkennt und der vollendetsten Gattung der\nreinen Musik, im Gegensatz zu der angewandten, welche\nTexte oder gar Programme zur Unterlage bedarf, huldigt.\nSieht man die neueren Verlags-Verzeichnisse durch, so\nscheint es, als sollte die Musik in gehaltlosen Gesellschafts-\nstücken, Tänzen, flachen Bearbeitungen flacher und frivo-\nler Opern-Melodieen, Liedern und Liederchen u. s. w. auf-\ngehen. Trauriges Loos der edelsten Muse, die von ihren\neigenen—so genannten Priestern gezwungen wird, mit\nder Menge zu liebäugeln und der Mode zu fröhnen! Um\nso mehr Anerkennung verdienen diejenigen Musik-Verle-\nger, welche das höhere Streben in der Composition unter-\nstützen und Werke veröffentlichen, bei denen sie nicht auf\ndie Abnehmer, welche—leider übermässig zahlreich—nur\nden Markt der Flitterwaaren besuchen, rechnen können.\nZu diesen Bemerkungen veranlassen uns folgende\nWerke von A. Jadassohn, Woldemar Bargiel und\nMax Bruch.\n1. A. Jadassohn, Quartett für zwei Violinen,\nViola und Violoncell. Op. 10. M. Hauptmann\ngewidmet. Breslau, bei Leuckart. Preis 2'/i Thlr.\nSchon die Widmung lässt erwarten, dass der Compo-\nnist einem so berühmten Tonmeister nur ein Werk zuge-\neignet haben wird, das dessen würdig ist. Indessen täuscht\nder Schaffende sich leicht über seine Schöplung, und die\nKritik darf sich dadurch nicht bestechen lassen. Ich habe\ndieses Quartett nach den Gesetzen der Kunstlehre geprüft\nund—was leider bei den Kritikern von Handwerk, welche\ndie Werke dutzendweise nur nach dem Durchlesen oder\ngar Durchblättern beurtheilen, häufig nicht der Fall ist—\ngehört und wieder gehört, und das Hören ist doch wahr-\nlich bei aller Musik die Hauptsache. Danach spreche ich\nmein Urtheil in gutem Glauben dahin aus, dass Jadas-\nsohn's Arbeit zu den schönsten Hoffnungen berechtigt.\nDauert er aus auf dem mit vielem Glück betretenen Wege,\nvertieft er sich immer ernster in das Studium der bekann-\nten Meister dieser Gattung, schafft er ohne übereilte Hast\nweiter, prüft er das Fertige mit Gewissenhaftigkeit, ruft\ner das Urtheil bewährter Kenner und nicht bloss jugend-\nlicher Freunde und Bewunderer zu Rathe, studirt er den\nCharakter der Saiten-Instrumente noch besser, erwirbt er\nsich stets grössere Freiheit in geistvoller Handhabung der\ncontrapunktischen Formen, so wird er als einer von den-\njenigen genannt werden, die das jetzt viel zu wenig culti-\nvirte Quartett zu neuer Blüthe gebracht haben.\nZwei neuere kleinere Sachen:\npour le Violon avec Piano,Op. 18, und: Trois\npour le Pianoforte, Op. 22, sind als Salonstücke freilich\nnicht eben tief, das erstere melodisch und gesangmässig,\ndas letztere schon etwas verkünstelt.\n2. Woldemar Bargiel: Trio 11. für Pianoforte,\nVioline und Violoncell. Julius Rietz gewidmet.\n'Op. 20. Preis 3 Thlr.\nDiese tüchtige Arbeit bekundet das eingehendste Stu-\ndium der Beethoven'schen und Mendelssohn'schen Trio's.\nDie thematische Arbeit verräth eine genaue Bekanntschaft\nmit den tausendfachen Geheimnissen dieser vielgepriese-\nnen, aber selten in neueren Werken anzutreffenden Kunst.\nDabei ist der Charakter der einzelnen Instrumente gut ge-\nwahrt, es ist keinem etwas zugemuthet, was ihm nicht\npasste. Das Ensemble ist wirksam und erhebt sich biswei-\nlen so, dass es eine Begeisterung verräth, die sich dem\nZuhörer unwillkürlich mittheilt. Die Ausführung fordert\nnicht ungewöhnliche Fertigkeiten, einiger Maassen geübte\nKräfte können das Trio vorführen; nur wird der Erfolg\nsich erst dann bestätigen, wenn es mit grosser Präcision\nund ästhetischer Feinheit vorgetragen wird. Den meisten\nBeifall werden vielleicht das Adagio und das Scherzo ge-\nwinnen; den ersten und den vierten Satz muss man jeden-\nfalls öfter hören, um gewisse Wendungen u. s. w. minder\nauffallend zu finden. Uebrigens kann ich nur für W. Bar-\ngiel wiederholen, was ich oben bei Nr. 1 gesagt habe.\nAuch er hat jedenfalls eine Zukunft; es wird von ihm ab-\nhangen, ob es eine dauernde oder eine mit der Mode ver-\nrauschende sein wird. Noch liegen mir von ihm vor:\n\n*) Uebrigens vergleiche man die trefflichen Aufsätze: „Die hei-\nlige Tonkunst' von Dr. Ed. Krüger in diesen Blättern,\nJahrgang VI. (1858), Nr. 11, 13, 14 und 15."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "334", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.6", "texte": "W. Bargiei, Scherzo für Pianoforte. Op. 13.\nPreis 25 Sgr.\nPreis 1 Thlr. 17 Sgr.\nDas „Scherzo\" ist ein durchweg originelles Stück voll\nsprudelnden Humors, doch würde es vielleicht noch mehr\nansprechen, wenn es kürzer wäre. Die Durchführung des\nTbema's, obwohl geistvoll, ermüdet doch am Ende den\nHörer ein wenig.\nDie „Phantasie\" ist mit Geist erfunden und durchge-\nführt; an Schumann sich anlehnend, verläugnet sie doch\ndie eigene Originalität nicht, wird aber zuweilen etwas\nbizarr, fast bis zur Herbheit. Ihr Vortrag erfordert feine\nAuffassung und grosse technische Fertigkeit.\nMax Bruch, Trio für Pianoforte, Violine\nund Violoncell. Op. 5. Den Herren Fei. David\nund F. Grützmacher gewidmet. Leipzig, Breitkopf\n& Härtel. Preis 2 Thlr. 15 Sgr.\nQuartett für zwei Violinen, Bratsche und\nVioloncell. Op. 9. Ebendaselbst. Preis?\nBeide Werke des jugendlichen Componisten sind sich\nnur darin ähnlich, dass beide nicht nur Zeugniss von einem\naussergewöhnlichen Talente, sondern auch von dem Ver-\nfolgen einer künstlerischen Richtung geben, die den von\nden grössten Meistern abstrahirten Grundsätzen des wah-\nren Musicalisch-Schönen treu bleibt und zu beweisen strebt,\ndass sich mit dem Schaffen nach diesen, wenn nur das Zeug\ndazu vorhanden ist, die Vortheile und zum Theil auch die\nForderungen der fortgeschrittenen Gestaltung der Tonkunst\nunserer Zeit recht gut, und zwar zum offenbaren Gewinn\ndes Geschaffenen, vereinigen lassen. Uebrigens aber sind\nbeide Werke sehr verschieden. Vielleicht ist das Ciavier -\nTrio (auch in der Form eigentümlich: Andante canta-\nbile, C-moll,3/VTact, einige und fünfzig Tacte lang, über-\ngehend in ein A llegro assai, %, den Hauptsatz,\ndem ein Presto, C-moll,4/4, ein ganz ausgezeichneter Satz,\nals Schluss folgt), in der Erfindung noch origineller als das\nViolin-Qu artelt, während das letztere, ebenfalls durch-\naus nicht einem bestimmten Vorbilde nachgeahmt und eine\nerfreuliche Selbstständigkeit besonders im ersten und drit-\nten Satze wahrend, doch vorzugsweise durch die Gewandt-\nheit der Arbeit in dieser schwierigsten Gattung der Kam-\nmermusik und durch eine Beherrschung der Form und\nTechnik, die in dem Lebensalter des Componisten wirklich\nerstaunenswert]] ist, zur grössten Anerkennung auffordert\nund zur Prophezeiung einer bedeutenden Zukunft berech-\ntigt. Denn wir müssen es offen aussprechen, dass wir in\ndiesen und anderen Sachen von Max Bruch (z. B. einer\nPhantasie für zwei CI avie re, welche, so wie ein zwei-\ntes Violin- Quart e tt, Op. 10, als Op. 11 nächstens in\ndemselben Verlage erscheinen werden) neben einer reichen\nPhantasie und einer melodischen Erfindungsgabe auch das\nGenie der Arbeit wieder finden, welches unserer Zeit fast\nabhanden gekommen ist und besonders so vielen Compo-\nnisten der neueren Schule gänzlich fehlt und weil es ih-\nnen fehlt—wohl gar von ihnen als unnöthig und überflüs-\nsig zum Schaffen sogenannt genialer Werke bezeichnet\nwird. So wie Max Bruch schon jetzt schreibt, sind die al-\nlerlei Nothbehelfe und Schusterflecke, wie die alten Lehrer\nder Composition sie nannten, d. h. angelernte Verbindungs-\nmittel und triviale, oder bei den Jüngern der Neuzeit auch\nmonströse, Füllungssätze, um die Lücken zwischen verein-\nzelten guten Gedanken auszufüllen, bei ihm nirgend anzu-\ntreffen. Ueberall ist Fluss und Guss, und nirgend stolpert\nman über Stellen, welche man augenblicklich als Steine\ndes Anstosses erkennt, über die der Componist sich nur\nmit sichtbarer Mühe hinweggeholfen hat. Und solche tech-\nnische Gewandtheit, welche bei jeder Gedankenentwicklung\nzu Gebote steht, ja, welche nicht nur diese Entwicklung,\nsondern die Gedanken selbst weiter ausspinnen hilft und\noft zu episodischer Erweiterung derselben führt fast wie\ndem Dichter die Gewandtheit in Behandlung des Metrums\nund des Reimes gar oft auch glückliche Gedanken bringt\n—sie lernt sich nicht, selbst nicht bei einem Meister und\nLehrer, wie er Max Bruch durch glückliche Verhältnisse\nin Ferdinand Hiller zu Theil geworden ist; ihr eigentliches\nFundament ist auch die Natur-Anlage; dem Lehrer, der\ndiese erkennt, wird ihre Ausbildung leicht, er hat sie nur\nauf die richtige Bahn der Entwicklung zu leiten.\nWir empfehlen beide Werke als höchst beachtungs-\nwerthe Erzeugnisse der Gegenwart.\nIch erwähne hier ferner:\nGeorg Vierling, Phantasie für Pianoforte und\nVioloncell. Op. 17 . Breslau, bei Leuckart. Preis\n1 Thlr.\nAufrichtig gesagt, bin ich kein besonderer Freund von\nPhantasieen. Nur zu oft wird der Name benutzt, um ein\nChaos von Tonfolgen zusammen zu werfen, die oft weder\nSinn und Verstand, noch Wohlklang haben. Namentlich\nist sie bei Jüngeren beliebt, die entweder den Mangel von\nIdeen oder die Unfähigkeit, ein schönes, harmonisches Gan-\nzes zu setzen, darunter verstecken. Ist\nfreilich die Phantasie so, wie die berühmte Composition,\nwelche Mozart also betitelt hat, dann begrüsse ich sie mit\ntausend Freuden. Dann ist sie auch kein vages Herum-\ntappen in allen Tonarten und Tactarten, kein Zusammen-\nklauben der verschiedenartigsten Melodieen, sondern es\nbeseelt das Ganze eine einheitliche, schöne Idee, sie ist\ngleichsam das photographische Bild einer weiten und gros-\nsen Landschaft, oder anders gesagt: der tonliche Reflex"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "335", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.7", "texte": "einer Meditation über einen Gegenstand, der siebenfarbige\nRegenbogenstrahl im Prisma concentrirt. Mit diesen Bil-\ndern habe ich Vierling's Phantasie charakterisirt. Der eine\nGrundgedanke (es ist ein ernstes, kräftiges Thema, von\nzarten Arabesken wie von leisen Wellen umspielt) ist in\nverschiedener Weise durchgeführt, nicht zu lang, was be-\nsonders zu loben ist. Beide Inatrumente geberden sich da-\nbei wie zwei herzliebe, verständige Freunde, von denen\nder ältere, weil erfahrener, den jüngeren leitet.\n\nFür Pianoforte allein.\nM. L.\nFerdinand Hiller, Dritte Sonate für das Piano-\nforte. Op. 78. Ferd. Breunung gewidmet.\nBreslau, bei Leuckart. Preis 1 Thlr. 15 Sgr.\nZum Schlüsse das Werk eines Meisters. Hiller zählt\nzu den gefeiertsten Componisten unserer Tage; sein Ver\nsacrum, sein Saul haben seinen seit der Herausgabe des\nOratoriums „Die Zerstörung von Jerusalem\" neben Men-\ndelssohn genannten Namen nach allen Seiten hin von\nNeuem berühmt gemacht. Die Kritik ist mitunter hart mit\nihm verfahren, zuweilen verdienter, oft iniverdienter Weise;\naber das konnte nur seinen Geist schärfen. Nur kleine\nMenschen lassen sich durch Hindernisse entmuthigen; der\nMusiker, der Schritt für Schritt seinen Boden sich erkäm-\npfen muss, erlahmt nicht in seinem Streben; seine Werke\nsind gestempelt mit der Devise: Auch dem\nvollendetsten Künstler gelingt nicht jeder Wurf; alle Gei-\nstesarbeit ist bedingt durch tausenderlei Dinge. Ist nur das\nStreben ein ernstes, das Ziel ein rechtes, dann ziehen wir\ngetrost den Hut ab! Wo ich Hiller noch begegnete, im-\nmer musste ich ihn hochachten; selbst in der kleinsten\nClavier-Piece, und wäre es nur eine Etüde, stiess ich auf\nden Mann von Geist. Bisweilen fühlte ich mich freilich\nauch verletzt; ich konnte nicht immer seine Tonfolgen lo-\nben, vielleicht weil sie meinen classischen Verwöhnungen\nzu nahe gingen; es berührte mich hier und da ein Accord,\neine Phrase unangenehm, vielleicht weil mein Schönheits-\ngefühl zu einseitig ausgebildet ist. Aber kecke und ver-\nmessene Griffe über das Gebiet der Schönheit überhaupt\nund der musicalischen Schönheit insbesondere hinaus sah\nich nicht. Daher kann ich auch nicht die Meinung derje-\nnigen theilen, welche Hiller zur Zukunfts-Partei zählen,\nnoch weniger aber mit Anderen ihn in den Fussstapfen der\nClassiker wandelnd erkennen. Hiller arbeitet offenbar auf\neine Verschmelzung des Alten und des Neuen hin; er folgt\nseinen Eingebungen, ohne zu untersuchen, zu welcher\nSpecies sie zählen. Auf die vorliegende Sonate findet mehr\noder minder das Gesagte seine Anwendung. Die Arbeit\nHiller's ist durchaus neu bis zu ihrer äusseren Gestalt; die\nSonate ist ein Ganzes und verschmäht die übliche Drei-\noder Vier-Theilung. Die Spielart ist durchaus die neueste\nund setzt den geübtesten Techniker voraus; es finden sich\nhier auch die eigentümlichen rhythmischen Versuche,\nwelche Hiller so liebt, und die eben so schwer als ver-\ndienstlich und kunstreich sind. Aber bei alledem haben\nwir keine Beethoven'sche oder Weber'sche Sonate vor\nuns; es ist eine Folge von kunstvoll verwebten Tönen und\nFiguren, wie sie wohl keiner der jetzt lebenden Compo-\nnisten zu schreiben im Stande sein mag, aber man vermisst\ndie volle Strömung der Gedanken; diese sind mehr geist-\nreich, als schwunghaft, und reissen desshalb Gemüth und\nPhantasie des Hörenden nicht so mit sich fort, wie die\nSchöpfungen jener Meister. Wenn ich Hiller mit diesen\nvergleiche, so fühle ich sehr wohl, dass das nicht recht\nist; allein meine Achtung vor seinem Talente wird mich\nrechtfertigen, wenn ich den grössten Maassstab an seine\nComposition lege.\n\nAus Leipzig.\n\nDen 8. October 1860.\nDie hiesige Concert-Saison hat am 30. September be-\ngonnen, und gestern wurde das zweite der üblichen zwan-\nzig Abonnements-Concerte abgehalten. Ihrer Aufforderung\ngemäss berichte ich Ihnen über diese beiden Concerte und\nwerde auch künftig von denjenigen Aufführungen, bei de-\nnen ich anwesend sein kann, Ihnen Mittheilungen zusenden.\nIm Ganzen bin ich über die leipziger Concerte nicht\nso erfreut gewesen, als ich hoffte, es sein zu können; der\nkleine Saal macht einen fast beängstigenden Eindruck, und\nim Orchester überwiegen die Blech-Instrumente so, dass\nsie zuweilen alles Andere übertönen. Rechnen Sie dazu\neine tropische Gluth und die Unmöglichkeit für den Frem-\nden, einen „Sperrsitz\" zu gewinnen, so müssen Sie mir\ngewiss zugeben, dass es einige Aufopferung kostet, „im\nSchweisse seines Angesichtes\" die leipziger Concerte zu ge-\nmessen. Doch ist das übrige Orchester ganz prachtvoll, die\nGeigen spielen präcis, wie ein einziges Instrument, die Vio-\nioncelle und Bässe wetteifern würdig mit den Geigen, und\nHolzbläser wie Pauker sind keine Ripienisten, sondern\nwahre Künstler, um welche jede Capelle die leipziger be-\nneiden könnte.\nIm ersten Concerte bestanden die Orchesterwerke\naus der Ouvertüre (124) von Beethoven und der\nSinfonie (Nr. 2) von Schumann; im zweiten aus der Hoch-\nlands-Ouverture von Gade und der von\nBeethoven, welche sämmtlich (die übermässig starken Po-\nsaunen und Trompeten abgerechnet) ganz vortrefflich auf-\ngeführt wurden. Sn Leipzig fiel es auf, dass Karl Rei-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "336", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601013-01.1.8", "texte": "necke (Nachfolger von Rietz) die Tempi etwas langsamer\nnahm, und bereits hat sich von vielen Seiten Einsprache\ndawider erhoben; mir waren die Tempi gewohnte, und\nich kann mir kaum denken, dass ein schnelleres Zeitmaass\nzu Gunsten der Tonstücke sein könnte. Die Ouvertüre\nvon Gade hörte ich zum ersten Male, kann aber nicht be-\ngreifen, wie sie in den Concertsaa! Eingang gefunden hat,\nda sie ein fades, ungeniessbares Lärmstück ist und weder\ndurch inneren noch formellen Werlh anzieht. Sie fand\nauch nur kargen Beifall, so sehr geneigt zum Beifallklat-\nschen das hiesige Publicum im Allgemeinen zu sein scheint.\nUeber die Gesang-Vorträge schien bei beiden Con-\ncerten ein ungünstiger Stern zu walten. Frau Cassh aus\nBerlin, königliche Hof-Opernsängerin, ist erst seit kurzer\nZeit in der Musikwelt bekannt und erregte auch bei den\nihr Fernerstehenden durch ihre persönlichen Schicksale\nTheilnahme, da harte Ungunst der Zeiten sie zwang, eine\nglänzende eigene Häuslichkeit mit der Bühne zu vertau-\nschen; allein ihr Vortrag der Mozart'schen Concert-Arie\n„L'addio\"und der Fidelio-Arie „Abscheulicher\" waren\nleider nicht im Stande, diese für ihre Person günstige\nStimmung auch auf ihre Leistungen auszudehnen. Bei mäs-\nsiger Ausbildung hat sie eine harte, schwer ansprechende,\nin der Höhe scharfe Stimme und war ihrer Aufgabe in\nder Concert-Arie durchaus nicht gewachsen, da sie für\nInnigkeit und Gefühlswärme keinen Ausdruck zu haben\nscheint. Besser gelangen ihr die leidenschaftlichen und pa-\nthetischen Stellen der Beethoven'schen Composition; dafür\nbewies sie in dieser vollständigsten Mangel an Tactgefühl,\nhatte für gute und schlechte Tacttheile keine Andeutung\nund begnügte sich während der ganzen Arie mit der Will-\nkür eines „Tempo rubato\". Ohne Rein ecke's sorgfälti-\nges Nachgeben auf die Capricen der Sängerin wäre die\nArie umgeworfen worden, während man so mit der lästi-\ngen Empfindung davonkam, es könne dieses Concert-Un-\nglück jeden Augenblick eintreten. Fräulein Charlotte\nScharncke (auch aus Berlin) ist noch sehr jung und\nnoch nicht völlig ausgebildet. Sie hat ein hübsches Stimm-\nchen, singt auch ohne grobe Fehler, aber völlig schüler-\nhaft. Von Vortrag ist bei ihr noch gar keine Rede, und\nAuffassung fehlt gänzlich, während sie sich mit der Sorg-\nfalt einer guten Schülerin bemüht, Läufer und Triller\nschulgerecht zu machen. Wie seelenlos und ganz verfehlt\nsie daher die Mozart'sche Idomeneo-Arie „Den Vater ver-\nlass' ich\" und die Semiramis-Cavatine von Rossini ~Dolce\npensisro\"vortrug, mögen Sie Sich selber ausmalen. Viel-\nleicht lernt sie künftig einmal singen, wenn sie erst gei-\nstiges Leben erhalten hat. Es heisst, dass man diese „Sän-\ngerin der Zukunft\" für den Winter engagirt habe; hoffent-\nlich ist dies ein falsches Gerücht.\nMit den Instrumental-Solo-Vor trägen war man\nglücklicher und vermochte sie noch dazu durch Mitglieder\ndes eigenen Orchesters zur Geltung zu bringen. Concert-\nmeister David spielte ein altmodisches Violin-Concert von\nViotti und eine höchst verworrene Phantasie von Schu-\nmann. Die glänzenden Vorzüge dieses Geigers sind bekannt,\nobwohl er in beiden Compösitionen nur gute Technik zei-\ngen konnte. Auch Herr Davidoff brachte zwei mir un-\nbekannte Stücke zu Gehör: ein Concert von G. Golter-\nmann und eine Phantasie eigener Composition über russi-\nsche Volks-Melodieen; er ist ein höchst bedeutender Vio-\nloncellist, der trotz seiner Jugend die Ruhe und Sicherheit\neines Meisters besitzt und eben so durch Reinheit und an-\nmuthige Weichheit des Tones als durch Virtuosität sich\nauszeichnet.\nSo viel scheint mir aus diesen beiden Concerten schon\nhervorzugehen, dass das Beste der leipziger Kräfte im\nOrchester liegt, und es ist mir unbegreiflich, wesshalb\nman sich dann nicht mehr auf dieses stützt, sondern durch\nungenügende Gesanges-Vorträge und durch Virtuosen-\nstückchen die Zeit hinbringt. Auffallend war es mir, dass\nbeide Concert-Programme gleichsam nach einer Scha-\nblone zusammengestellt waren: zuerst eine Ouver-\ntüre, dann eine Arie, hierauf ein „Concert\" für ein\nSolo-Instrument, nun Scene und Arie, endlich eine\n„Phantasie\" und als zweiten Theil eine Sinfonie.\nWenn das in zwanzig Concerten so fort geht, so denke ich\nes mir sehr ermüdend. Ob diese Befürchtung eintrifft, wer-\nden wir später sehen.\nMölai. Ueber einen gründlich musicalisch gebildeten jungen\nMann, der die besten Zeugnisse besitzt und als erster (oder zweiter)\nfagottist eine feste Anstellung bei einer Bühne oder einem\nConcert-Institute sucht, ertheilt Auskunft\ndie Redaction.\n\nE—g."}]}