{"numero_id": "bm-bmtnabi-1860-10-20-01", "volume": "bmtnabi_1860-10-20_01", "ocr_sha256": "e847e4b8549189fd6ae58b190043a114f5bbbaf18fcad05cf2d8767754ab5b10", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1860/10/20_01/bmtnabi_1860-10-20_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1860-10-20-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-10-20_01#c001", "volume": "bmtnabi_1860-10-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "337", "page_fin": "337", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "337", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 403, "texte": "Inhalt.\nAus Frankfurt am Main (Cherubini's „Faniska*). Von A. Schindler. Ueber griechische Musik. Aus Aachen (Die\nverflossene Saison). Von N. Stoppellese (Das Centralblatt des deutschen Cur- und Badelebens Ein berliner Kritiker). Tag es-\nund Unte r h a 1 tun gs b I all (Köln, Gesellschafts-Concerte Berlin, Rossini's „Semiramide* Kegensburg, Beginn der Oper Frank-\nfurt am Main, rVampyru und „Oberon\")."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-10-20-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-10-20_01#c002", "volume": "bmtnabi_1860-10-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "337", "page_fin": "340", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.2.2", "titre_corps": "Aus Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Aus Frankfurt am Main.", "signature_source": "A. 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Von allen Mu-\nsik-Instituten Frankreichs läge diesem wohl zunächst die\nPflicht ob, das Andenken an Cherubini, der durch seine\nmehrere Jahrzehende umfassende weise Leitung und un-\nmittelbare Lehre dieses Institut zu Ruhm und Ehren erho-\nben, in dankbarster Weise zu feiern. Schon die nächsten\nWochen werden uns zeigen, ob man dieser Verpflichtung\ndort eingedenk war.\nUnser Theater wollte den 8. September nicht vorüber\ngehen lassen, ohne die Bedeutung dieses Tages den zahl-\nreichen Verehrern Cherubini's hierselbst in Erinnerung zu\nbringen. Dass dies mit der Oper Faniska, einem seiner\ngrössten und schwierigsten Werke, geschehen, ward in Nr.\n39 d. 81. bereits in Kurzem ausgesagt. Bei der gegenwär-\ntigen Verfassung der frankfurter Opern-Gesellschaft, vor-\nnehmlich des weiblichen Personals, war dies ein.fast allzu\ngrosses W agniss; allein guter Wille und Fleiss Seitens al-\nler Solisten, aber auch Seitens der Leitung, haben einen\nkünstlerischen Erfolg errungen, der kaum zu gewärtigen\nwar, was sich vorzugsweise in der dritten Aufführung am\n22. September, nach vollkommener Bekanntschaft mit dem\nWerke, bethätigt hat. An vortrefflicher Leistung des tüch-\ntig geschulten Chors und des Orchesters war ja im Voraus\nnicht zu zweifeln.\nPariser Kritikern hat es vor nicht lange gefallen, Beet-\nhoven's Fidelio wegen seiner reichen Instrumentirung eine\nSinfonie mit obligaten Singstimmen zu nennen. Möge doch\ndiesen Herren die Gelegenheit werden, Cherubini's Fa-\nniska zu hören, denn dagegen erscheint das Orchester in\nden meisten Nummern von Fidelio fast dürftig, auch weni-\nger Heiz bietend, als das in Faniska. Dafür ist aber die\nMelodie in dem Werke des wiener Meisters durchweg von\ntieferem, edlerem Gehalte. Hierin finden sich in dem des\nParisers einzelne Schwächen, die um so auffallender sind,\nals diese Oper für das in jenen Tagen auf hoher Stufe der\nErkenntniss und Würdigung alles Guten im Opernfache\nstehende wiener Publicum geschrieben worden. Die Ver-\neinigung der Umstände, dass beide grosse Zeitgenossen\ndiese ihre Werke für dieselbe Bühne ausgearbeitet, dass\nbeide dort am Orte freundschaftlich mit einander verkehrt,\ndass die ersten Aufführungen von Fidelio und Faniska nur\ndrei Monate aus einander liegen (erstere fand Statt am 20.\nNovember 1805, die der anderen am 25. Februar 1806,\nnicht am 6. desselben Monats, wie jüngst irrthümlich be-\nmerkt worden)—auch diese Umstände geben Veranlassung,\nbeide Schöpfungen in vocaler und instrumentaler Hinsicht\netwas zu beleuchten.\nWTie die Allg. Musik-Zeitung von 1805, Seite 766,\nmeldet, war Cherubini's Ankunft in Wien im Monat August\ndesselben Jahres erfolgt. Zur Zeit hatte Beethoven seine\nPartitur schon zu Ende gebracht. Dass unser Meister, bis\ndahin auf der Bühne ein Neuling, dem als Opern-Compo-\nnisten bereits auf dem Gipfel seines Ruhmes stehenden Zeit-\ngenossen seine Partitur alsbald vorgelegt, ist mir auch aus\nCherubini's Munde bekannt; dass dieser dann den Auffüh-\nrungen beigewohnt, würde sich von selbst verstehen, hätte\ner es nicht sofort nach Paris berichtet. Wenn sich dem-\nnach Cherubini gleich bei Beginn seiner Arbeit vorgenom-\nmen haben sollte, all sein Wissen und Vermögen zusam-\nmen zu fassen, um noch Höheres zu leisten, als von ihm"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "338", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5580, "texte": "bis dahin gehört worden, und somit auch den Componisten\ndes Fidelio zu überbieten, so wird man dies wohl natür-\nlich finden können. Ein vergleichender Blick, auf seine\nvorausgegangenen Opern gerichtet, darunter namentlich\nder Wasserträger neben Faniska nur als ein kleines Werk\nerscheint, führt uns vollends zur festen Ueberzeugung, dass,\nwie sechszehn Jahre später Rossini in seiner ebenfalls für\ndas alte Wien geschriebenen Zelmira, mit welcher er\nselber am 13. April 1822 die Staggione eröffnete, das\nHöchste seiner Kunst zu bieten beabsichtigt hatte, so auch\nCherubini in diesem Werke sein Allerbestes gerade den\nwiener Musikfreunden zu bieten in Absicht gehabt. Nach\nwelcher Seite hin ihm dies gelungen, zeigt uns das Orche-\nster, denn Reizvolleres, durch Mischung der Tonfarben\nPrächtigeres, dies alles ohne Spur wahrnehmbarer Refle-\nxion, dürfte es im ganzen Opernbereiche wohl nicht wieder\ngeben Mozart's Opernmusik nicht in Betracht gezogen\n—, als in Faniska zu hören. Diesem Theile des W'erkes\njedoch einen in jeder Hinsicht ebenbürtigen vocalen zur\nSeite zu stellen, das ist dem schöpferischen Genius Cheru-\nbini's nicht gelungen, ja, es scheint überhaupt unmöglich,\ndass das Maass nach beiden Seiten hin ein gleiches hätte\nsein können ohne Einschränkung des orchestralen Theiles.\nIndess mag doch dieses ungleiche Verhältniss der beiden\nHaupt-Factoren erst bei dem kläglichen Zustande der ge-\ngenwärtigen Gesangskunst gewichtig erscheinen; denn kennt\nman den Stand dieser Dinge früherer Zeil, und hat man\ndie Meister und Meisterinnen in ihrer Wirksamkeit gehört,\ndenen Cherubini die Parte seiner Oper zunächst angepasst,\nso wird mit ihm über allzu grosse Reichhaltigkeit des Or-\nchesters auf Kosten der Singstimmen kaum zu rechten sein,\nanderer Umstände, als z. B. ein sehr grosses Haus, nicht\nzu gedenken. Wie dem aber auch sei, das Werk so ge-\nnossen, wie es sich uns gegenwärtig präsentirt, werden wir\ndem Fidelio gern das geringere Maass an Glanz und Pracht\ndes Orchesters erlassen, weil gerade durch dieses Minus\ndas richtige Verhältniss zwischen den Vocalen und Instru-\nmentalen erzielt ist.\nThatsache ist, dass die Wiederaufführung der Faniska\nin den Kreisen sinniger Musikfreunde Stoff zu Controver-\nsen gegeben hat, in denen das Für und Wider manchmal\nviele Breitegrade aus einander gelegen ist. Die Einen woll-\nten Veraltetes, die Anderen gar Triviales in der Vocal-\nPartie entdeckt haben und dergl. mehr. Lägen jedoch nicht\nvolle dreissig Jahre zwischen der letzten Aufführung auf\nhiesiger Bühne und dem jetzigen Wiedererstehen, es würde\nsicherlich Keiner zu solch schiefem und ungerechtem Ur-\ntheil gekommen sein. Dass Einiges an Gesangs-Verzierun-\ngen oder Manieren (bisweilen ein Ueberfluss an Mordenten,\nauch Cadenzen mit dem gewissen Sexten-Sprung) veraltet\nscheint, ist nur die Schuld tausendfälliger Nachahmung der\nspäteren Zeit, und hinsichtlich des Trivialen verhält es sich\ngerade wie bei Mozart, dem sein Biograph UHbischeff ja\nauch dergleichen aufgebürdet hat. Zugestanden darf aber\nwerden, dass eben nicht allen Melodieen in Faniska das\nEpitheton schön beigelegt werden kann.\nEs sei gestattet, einige Nummern besonders herauszu-\nheben. Da ist im zweiten Acte ein Duett zwischen Faniska\nund ihrem Gatten Rasinski, das wegen rasch auf einander\nfolgenden Wechselgesanges, dann wieder Zusammengehens\nin Terzen Aehnlichkeit mit dem Duett zwischen Leonore\nund Florestan im zweiten Acte von Fidelio hat. Auch die\nSituation: Rettung des eingekerkerten Gatten und Wieder-\nvereinigung mit ihm, gleicht jener in Fidelio. Nicht zu ver-\ndenken, wenn die Zuhörer eine Einwirkung hierbei aus\ndieser Oper zu finden vermeinten. Es wäre jedoch schwer\nzu negiren, dass nicht bloss der Zufall hierbei sein Spiel\ngetrieben und die etwas auffallende Aehnlichkeit bewirkt\nhabe. Nr. 12 ist ein dreistimmiger Canon in über\ndie Worte: „Hoffnung, du trocknest wieder sanft die Au-\ngenlider\", für zwei Soprane und Tenor, mit einem zehn-\ntactigen Motiv; eminente Schönheit in Verwebung der Stim-\nmen und reizvolle Orchestration fesseln bei jedesmaligem\nAnhören mächtig. Bei Vergleich mit Beethoven's Canon\ngeräth man in Verlegenheit, welchem von beiden der Vor-\nzug zu geben. Eben so ergeht es uns mit einem Terzett\nin A-dur, das mit seiner einfachen, durchsichtigen Factur\nund Innigkeit an das in gleicher Tonart in Fidelio erinnert,\nohne sonst einen Vergleich zuzulassen. Als besondere Cu-\nriosität aber darf eine Romanze in G-moll für Tenor er-\nwähnt werden, die Rasno, der Wegweiser im Gebirge, zu\nsingen hat. Dieselbe ist eine offenbare Nachbildung der\nRomanze in gleicher Tonart, welche der Savoyarde Micheli\nim Wasserträger singt. Auch ist die Situation in beiden\nOpern eine nahe verwandte. Einer anderen Familien-Aehn-\nlichkeit begegnen wir in einem Marsche in A-dur im drit-\nten Acte, vornehmlich wegen imponirender Bewegung des\nBasses, wie diese dem Marsche im Wasserträger eigen.\nFerner sei noch in tiefster Ehrfurcht vor dem grossen Mei-\nster der Einleitungen zum zweiten und dritten Acte gedacht\nzwei ziemlich ausgedehnte Sätze, von denen ersterer auf\ndie zunächst zu eröffnende Kerkerscene vorbereitet. Es ver-\nsteht sich, dass es ein Nachtstück ist, das die Aufmerksam-\nkeit des Zuhörers in fast beängstigende Spannung zu ver-\nsetzen und darin zu erhalten vermag. Wie im Uebrigen\nder dritte Act im Wasserträger weniger an Musik als an\nDialog hören lässt, so im Gleichen der dritte Act in Fa-\nniska, und dieses Zuviel an Prosa, noch dazu an interesse-\nloser, drückt die Stimmung des Auditoriums offenbar um\neinige Grade herab. Nur eine anziehende Handlung, die"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "339", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4167, "texte": "—wie in Fidelio—auf ein edles, der Erhabenheit der Mu-\nsik entsprechendes Motiv gebaut sein müsste, und diese\nOper würde zu den unvergänglichen Monumenten drama-\ntischer Tonkunst gezählt werden können! Der alberne\nStoff, den wir da abwickeln sehen müssen, stört den rei-\nnen Genuss. Und gleiches Schicksal aus gleichen Ursachen\nhaben die meisten der Cherubinischen Opern zu erfahren\ngehabt.\nWer kennt nicht die Ouvertüre zu dieser Oper und\nist nicht bei jedesmaligem Anhören davon entzückt*)? Wie\nin keiner anderen der fest in sich abgeschlossenen und\ncharakteristischen Ouvertüren dieses Meisters bewegt sich\nder Allegro-Satz gleich vom Motiv an zumeist in kurzen\nund getrennten Rhythmen, die für gute, dem Charakter\nentsprechende Ausführung weit schwieriger werden, als\nein breit dahin strömender Rhythmus, wie z. B. in Lo-\ndoiska, Medea, Wasserträger und in anderen der Cheru-\nbinischen Ouvertüren. Soll der Ernst dieses Satzes nicht\nin sein Gegentheil umschlagen, soll der Zuhörer auf die\nDarstellung eines gesungenen Drama's, nicht vielmehr einer\nKomödie, vorbereitet werden, so wird es sich vor Allem\num die dem Inhalte angemessene Bewegung handeln, die\nder Componist einfach mit Allegro bezeichnet. Das Tempo\naber, in welchem dieser Satz ausgeführt worden, war ein\nPresto, wodurch sich eine Störung des Charakteristischen\nergeben musste, abgesehen davon, dass unzählige Feinhei-\nten im Dynamischen auch noch verschwinden inussten. Bei\nsolcher Temponahme wird eine vermehrte Beschleunigung\nvon einem rhythmischen Gliede zum anderen um so gewis-\nser eintreten, wenn der Dirigent noch duldet oder etwa\ngar überhört, dass die Stelle im zweiten Theile des Motivs:\nu. s. w., wobei der Bogen wegen des gleichmässigen, nur\nmerkbaren Accents auf jeder Achtelnote als Vorhalt fest\ndie Saite berühren und das Ganze in einer gewissen Ver-\nbindung gehalten werden muss, so zerrissen wird, dass die\nBestandtheile wie Fetzen im Winde herumfliegen, als z. B.:\nEin anderer Beweis von der tadelnsvverthen Behand-\nlung dieses herrlichen Tongemäldes bei den Aufführungen\nim frankfurter Theater kann durch eine Gruppe aus dem\nSeitensatze anschaulich gemacht werden, die so geschrie-\nben steht:\naber wegen der bis dahin schon zur Hetzjagd ausgearte-\nten Bewegung als Triole:\nhinausgeschleudert worden, weil zu nachdrücklichem\nBeachten der Achtelnote keine Zeit war. Noch verschie-\ndene andere leichtfertige Incorrectheiten aus der Orchester-\nPartie wären mit Grund zu beanstanden, aber wohl eben\nso erfolglos, wie das eben Bemerkte. Dieses Wenigen\nwegen wäre schon um Verzeihung zu bitten!\nWill man wissen, wie Cherubini das Tempo Allegro\nüberhaupt verstanden, so belehrt uns hierüber ein Factum\naus dem Jahre 1805. Bald nach seiner Ankunft in Wien\ndirigirte er seinen Wasserträger im Theater an der Wien.\nDer Referent der Allgv Musik-Zeitung berichtet unter An-\nderem darüber: „. ... Er nahm das Allegro der Ouvertüre\nin einem langsameren Tempo, wodurch dieses schwie-\nrige Musikstück an Deutlichkeit gewonnen.\" (Siebenter\nJahrgang, S. 766.) Ausser diesem kennen wir auch seine\nUnzufriedenheit mit Habeneck's Auffassung aller seiner\nOuvertüren; wegen Uebereilung der Allegro-Sätze hatte\nsich der Meister deren Aufführung in den Concerten des\nConservatoires geradezu verbeten. Die Programme zu\ndiesen Concerten zeigen diese Lücke mehrere Jahrgänge\nhindurch vor dem Ableben des grossen Meisters.\nEndlich soll auch bei dieser Gelegenheit der Bemer-\nkung Raum gegeben werden, dass das frankfurter Theater-\nOrchester, obgleich achtungswerth im Allgemeinen, hin-\nsichtlich discreter Begleitung dennoch hinter der zu lösen-\nden Aufgabe recht oft zurückbleibt. Welchen Kampf so-\nnach die Singstimmen zu bestehen haben, welcher Nach-\ntheil dem Tonwerke zugefügt wird, wenn das Orchester\nsich häufig so loslässt, als spielte es eine Sinfonie, braucht\nbloss angedeutet zu werden. Aber gefragt muss werden:\nIst denn das allenfalls vorgeschriebene in dem beglei-\ntenden Orchester wirklich so zu halten, wie das in\neiner Sinfonie und Ouvertüre? Soll es nicht vielmehr alle-\nzeit dem physischen Vermögen des Sängers, aber auch der\n[*]\n\n*) Yergl. unten: Stoppellese Nr, 2: „Ein berliner Kritiker*."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "340", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3511, "texte": "Bäumüchkeit angepasst werden? Sicherlich wäre die Vo-\ncal-Partie in Faniska mit mehr Wirkung dem Orchester\nzur Seite getreten, hätte nicht letzteres durch concertmäs-\nsige Behandlung der für so beschränkten Raum allerdings\nzu starken Instrumental-Partie erstere verdunkelt, zuwei-\nlen erdrückt.\nZu solcher Ausartung haben nicht nur viele der mo-\ndernen Opern, insbesondere von Wagner, geführt, die an\ndem hiesigen Capellmeister einen der wärmsten Beschützer\ngefunden, auch in der Aufstellung dieses Orchesters\nliegt noch ein Grund solchen Missstandes. Dieser Umstand\nmacht es oft dem Orchester unmöglich, bei starker Instru-\nmentirung die erforderliche Rücksicht auf die Sänger zu\nbeobachten. Man denke sich sämmtliche Blas-Instrumente\nan der Barre des Parterres in einer Beihe sitzend, den\nSchalltrichter gegen die Bühne gewandt, den grösseren\nTheil der Saiten-Instrumente aber an der hohlen Wand\nder Bühne placirt, an welcher sie unfehlbar einen Dämpfer\nfür Tonentwicklung finden, wenn es gilt, diese in voller\nStärke zu äussern. Diese für einen akustisch günstigen\nTheaterraum—wie der hiesige—angenommene, aber nach\ndem akustischen Erforderniss geradezu verkehrte Auf-\nstellung muss bewirken, dass die Blas-Instrumente sehr oft\ndas Ganze beherrschen. Darum hört man bei vollem Hause\nim Hintergrunde des Parterres die Saiten-Instrumente so\ndünn und kraftlos, als wäre nur die Hälfte anwesend. Der\nAugenschein zeigt, dass in allen Orchestern, in denen nicht\nwenigstens 20 bis 24 Violinen den Bläsern gegenüberge-\nstellt sind, letztere allzeit an der Bühnenseite sitzen, damit\nihr zu starkes Hervortreten dort einen Dämpfer finde. Es\nversteht sich, dass die Bässe und Violoncelle an der Bühnen-\nwand gleichfalls eine ganz unvortheilhafte Stellung haben.\nEine Aufstellung, wie hier zu sehen, lähmt überdies\nauch die Wirksamkeit des Concertmeisters vollkommen,\nweil er zunächst der Bühnenwand sitzt und nichts als den\nCapellmeister vor Augen hat. Der Concertmeister, ander-\nwärts Orchester-Director genannt, soll Führer des Orche-\nsters sein; denn was er—bei guter Einsicht in das aufge-\nführte Werk—mit einem kraftvollen Bogen zum Gelingen\ndes Ganzen beizutragen im Stande ist, das vermag der\nTactirstock des Capellmeisters nicht immer. Daher sieht\nman in allen grossen Orchestern seinen etwas erhöhten\nPlatz in der Mitte, und zwar an der Barre des Parterres,\nangelehnt, von wo aus er das ganze Orchester, wie auch\ndie Bühne, überblicken, aber auch überhören und an der\nLeitung wesentlichen Antheil nehmen kann, was eben so-\nwohl sein Becht als seine Pflicht ist. Im hiesigen Theater\nvermag der Concertmeister weder in der Probe noch in der\nAufführung einem Instrumente zu Hülfe zu kommen, über-\nhaupt nicht mehr zum Ganzen beizutragen, als jedes an-\ndere Mitglied; er führt demnach einen leeren Titel. Da-\ndurch, dass gar drei Concertmeister hier am ersten Pulte\nspielen, wird an der verkehrten Sachlage nichts gebessert.\nBehauptet der Eine, welcher eigentlich der erste und rechte\nist, den ihm angemessenen Platz, und greift er in das Ganze\nso ein, wie er pflichtgemäss soll, so wird auch der Uebel-\nstand vermieden werden, den Capellmeister wie auf einer\nDrehscheibe stehend sehen und Aeusserungen hören zu\nmüssen, als geschähen seine oft störenden Wendungen\nwährend der Vorstellung lediglich aus Ostentation.\nVon Cherubini's Oper ist es seit dem 22. September\nbis heute den 14. October zu einer weiteren Vorstellung\nnicht gekommen. Hoffentlich wird es nicht bloss bei dreien\nverbleiben sollen.\n\nA. Schindler."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-10-20-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-10-20_01#c008", "volume": "bmtnabi_1860-10-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "340", "page_fin": "342", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.2.3", "titre_corps": "Ueber griechische Musik.", "titre_sommaire": "Ueber griechische Musik.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "340", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.4", "debut_caractere": 3513, "fin_caractere_exclue": 5260, "texte": "Ueber griechische Musik.\nI.\nWenngleich das unbefangene Urtheil aller Musiker\nwohl darüber einig ist, dass wir es nie dahin bringen wer-\nden, uns eine klare Vorstellung von der Musik der Grie-\nchen zu machen, so hat doch auch die neuere und neueste\nZeit nicht unterlassen, diesem Gegenstande sorgfältige,\nvon gelehrter Forschung unterstützte Aufmerksamkeit zu\nwidmen.\nZunächst ist der Senior der Alterthumsforscher, Au-\ngust Böckh, zu erwähnen, der zu Anfang unseres Jahr-\nhunderts im zweiten Theile des ersten Bandes seiner gros-\nsen Ausgabe des Pindaros sechs Capitel des 111. Buches der\nAbhandlung De metris Pindari der Darstellung der grie-\nchischen Musik widmete (1811). Er nimmt an, dass die\nGriechen allerdings neben der Melodie und den verschie-\ndenen Weisen (modi) ihres Ton-Systems, welches er voll-\nständig und gründlich darstellt und erläutert, auch eine\ngewisse Art von Harmonie, wenigstens eine zweistimmige,\nkannten; allein sein Endurtheil über diesen wesentlichen\nPunkt ist folgendes: „Doch ist es keineswegs meine Mei-\nnung, dass den Griechen dieser Theil der Musik (die Har-\nmonie) vollständig bekannt gewesen sei; vielmehr ist unser\nHarmonie-System so himmelweit von dem Charakter des\nAlterthums entfernt, dass ich zu behaupten wagen möchte,\nes würde, wenn die Griechen es gekannt hätten, ihnen\nmissfallen haben. Eben so wie die Griechen die gothische\nArchitektur durchaus nicht nach ihrem Geschmack gefun-\nden und vor ihrer Geometrie unserer Analysis keineswegs\nden Vorzug gegeben haben würden, eben so würden sie\nauch unsere Harmonie nicht arg bewundert haben, welche\nRousseau gar nicht übel eine gothische nannte\" (S. 253).\nSpäterhin hat sich bekanntlich R. G. Kiesewetter\nin Wien (geb. 1773, gest. 1850) durch seine Forschun-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "341", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5300, "texte": "gen aul dem Gebiete der Geschichte der Musik ausgezeich-\nnet. Die erste Ausgabe seiner „Geschichte der euro-\npäisch-abendländischen, d. i. unserer heutigen,\nMusik\" erschien im Jahre 1834 (Leipzig, bei Breitkopf\n& Härtel. Zweite Auflage 1846 , gr. 4., Preis 2 Thlr.).\nEr trat, zwar nicht zuerst, aber doch am entschiedensten\nder falschen Meinung, dass unsere Musik aus der griechi-\nschen entsprungen und nur eine Fortbildung derselben sei,\nentgegen. Er sagt im Anfange seines geschichtlichen Ab-\nrisses: „Allerdings gab es eine Zeit, in welcher die christ-\nliche Musik des europäischen Occidents sich bei jener Raths\nerholte, und lange sehr lange wurden die Aussprüche\nder griechischen Schriftsteller als die Quelle aller musica-\nlischen Theorie angesehen; die Wahrheit aber ist, dass die\nneue Musik nur in dem Maasse gedieh, als sie sich von\nden ihr aufgedrungenen griechischen Systemen zu entfer-\nnen anfing, und dass sie einen bedeutenden Grad von Voll-\nkommenheit erst dann erreichte, als es ihr gelang, sich\nauch noch der letzten Ueberbleibsel altgriechischer Musik\nvollends zu entledigen. Mit dieser hatte sie schon sehr lange,\nich möchte sagen: von je her, kaum mehr als das Sub-\nstrat— Ton und Klang—gemein. Aus der altgriechischen\nMusik wäre, wenn Alt-Hellas ungestört noch durch zwei\nJahrtausende fortgeblüht hätte, eine Musik, der unsrigen\nähnlich, nimmermehr hervorgegangen; in den Systemen,\nin welchen sie dort durch die Autorität seiner Weltweisen,\ndurch das Herkommen, ja, selbst durch bürgerliche Ge-\nsetze im eigentlichsten Sinne festgebannt war, lag das un-\nübersleigliche Ilinderniss ihres Wachsthums. Sollte die\nschöne Kunst der Töne sich dereinst noch zu jener Voll-\nkommenheit entfalten, deren Keim wohl überall in ihr lag,\nso musste sie dort untergehen und anderwärts, ein anderes\nWesen, neu geboren werden. Die altgriechische Musik\nstarb in ihrer Kindheit: ein liebenswürdiges Kind, aber un-\nfähig, je zur Reife zu gelangen. Für die Menschheit war\nihr Untergang kein Verlust.\"\nSeine besonderen, hieher gehörigen Schriften sind:\n„Ueber die Musik der neueren Griechen nebst\nfreien Gedanken über altägyptische und altgriechische Mu-\nsik.\" Mit 8 lithographirten Tafeln. Leipzig, Breitkopf &\nHärtel. 1838. 4. (3 Thlr.)— „Die Musik der Araber,\nnach Originalquellen dargestellt\" u. s. w. Ebendaselbst.\n1842. Gr. 4. (3 Thlr.) „D er neuen Aristoxener\nzerstreute Aufsätze über das Irrige der musicalischen\nArithmetik und das Eitle ihrer Temperaturrech-\nnungen.\" Mit einer historisch-kritischen Einleitung und\n8 Tafeln. Ebendaselbst. 1846. Gr. 8. (25 Sgr.)\ndiesen sind für das genauere Eingehen auf die\nMaterie zu beachten die Schriften von Bellermann („Die\nHymnen des Dionysius und Mesomedes.\" Berlin, 1840.\n„Anonymi Scriptio de Masicund\nArtis musicae.\" Berlin, 1841.— «Die Tonleitern und Mu-\nsikarten der Griechen.\" Berlin, 1847. 4.), H. Feussner\n(„De antiquorum metrorum et melorum discrimine.\" Ha-\nnau, 1836) und besonders von C. Fortlage: „Das mu-\nsicalische System der Griechen in seiner Urgestalt.\nAus den Tonleitern des Alypius*) zum ersten Male ent-\nwickelt.\" Mit 2 Tafeln. Leipzig, bei Breitkopf & Härtel.\n1847. Gr. 4. (2 Thlr. 15 Sgr.)\nEine recht brauchbare und für den Kunstfreund voll-\nkommen genügende Uebersicht gibt: C. F. Weitzmann's\n„Geschichte der griechischen Musik. Mit einer\nMusik-Beilage, enthaltend die sämmtlichen noch vorhan-\ndenen Proben altgriechischer Melodieen und vierzig neu-\ngriechische Volksmelodieen.\" Berlin, bei Herrn. Peters.\n1855. 4. Die so genannten altgriechischen Melodieen\nsind: 1. Bruchstück einer homerischen Hymne an die De-\nmeter. 2. Der Anfang der ersten pythischen Ode des Pin-\ndaros. 3. Anfang einer Hymne an Kalliope von Dionysius.\n4. Anfang einer Hymne an Phöbus. 5. Hymne an Neme-\nsis von Mesomedes. Die beiden ersten sind wohl unbezwei-\nfeit unecht; die drei letzten dürften nach neueren Unter-\nsuchungen in das zweite Jahrhundert nach Christi Geburt\ngehören. Dass C. F. Weitzmann noch stark an die ganz\nausserordentlichen Wirkungen der griechischen Musik, wie\nsie von alten Schriftstellern erzählt werden, und an „ihre\nzauberische Macht auch ohne den Schmuck unserer heuti-\ngen Harmonie\" glaubt (S. 21), ist eine Schwärmerei, die\nman ihm eben so zu gut halten muss, wie die andere am\nSchlüsse der Schrift: „Endlich ist ja aber auch das „„Kunst-\nwerk der Zukunft\"\" des als Dichter und Musiker gleich\nhochbegabten Richard Wagner nur die Idee einer unserer\nZeit und unserem Volke angemessenen Wiederbelebung\njenes grossartigen, ebenfalls alle edleren Künste in sich\nvereinenden und dem gesammten Volke gewidmeten na-\ntionalen Drama's der Griechen.\"\nIn entfernterer Weise werden die Fragen über das\ngriechische Ton-System in den neuesten Schriften über die\nTon-Verhältnisse und deren mathematische Bestimmung\nberührt. Dahin gehören: M. W. Drobisch, Ueber\nmusicalische Tonbestimmung und Temperatur. Leip-\nzig, 1852. Dessen Nachträge zur Theorie der musi-\ncalischen Ton-Verhältnisse. Leipzig, 1855. M.\nHauptmann's Natur der Metrik und Harmonik, und eine\nsehr beachtungswerthe gelehrte Abhandlung von Dr. C.\nErnst Naumann: „Ueber die Bestimmungen der\n\n*) Alypius lebte um das Jahr 300 v. Clir. in Alexandria und\nist nicht zu verwechseln, wie öfter geschehen, mit einem viel\nspäteren Philosophen Alypius, der nichts über Musik ge-\nschrieben."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "342", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 538, "texte": "Ton-Verhältnisse und die Bedeutung des pythago-\nräischen oder reinen Quinten-Systems für unsere\nheutige Musik.\" Leipzig, bei Breitkopf & Härtel. 1858.\n52 S. Gr. 4.\nNeuerdings hat nun F. J. Fetis eine Schrift heraus-\ngegeben, welchg zwar vorzugsweise nur die Frage, ob die\nGriechen die Harmonie im Sinne der neueren Tonkunst\ngekannt haben oder nicht, behandelt, jedoch bei Erörte-\nrung derselben auch auf die griechische Musik überhaupt\neingeht.\nWir werden uns mit diesem sehr verdienstlichen\nWerke in einem folgenden Artikel beschäftigen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-10-20-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-10-20_01#c009", "volume": "bmtnabi_1860-10-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "342", "page_fin": "342", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.2.4", "titre_corps": "Aus Aachen.", "titre_sommaire": "Aus Aachen.", "signature_source": "N", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "342", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.6", "debut_caractere": 540, "fin_caractere_exclue": 4132, "texte": "Aus Aachen.\nN.\nDen 12. October 1860.\nDie Bade-Saison ist vorüber, d. h. die Zeit der war-\nmen Biider, zu denen Tausende herbeiströmten, um ihre\ntrotz der achten Auflage von Hufeland's Makrobiotik ver-\nlorene Gesundheit wieder zu erlangen. Die Zeit der kalten\nBäder und der gezwungenen Douchetraufen nimmt aber\nkein Ende, und man verwünscht die Danaiden, welche in\ndiesem Jahre so unermüdlich an der Arbeit sind, dass sie\naus uns Schwimmvögel machen wollen, wie es scheint. Alle\nWelt schmähet sie, nur die Fabrikanten von Regenschir-\nmen und Ueberschuhen und —unser Theater-Director nicht,\nder sich das Ueberlaufen seines Regenfangs, der Casse,\nvon Silberwogen sehr gern gefallen liess. Wahrlich, wenn\nman gewahrte, wie die Menge sich zu den Pforten des\nTheaters drängte, so war der Gedanke ganz natürlich, dass\ndie Menschen für die Schönheiten der Natur, die ihnen\nverschleiert blieben, in den Blumengärten und dem Wal-\ndesgrün auf Leinwand einen Ersatz suchten—süsse Hoff-\nnung, die leider zu nichte wurde, sobald unsere Gesang-\nkünstler die Töne der Nachtigallen und Lerchen auf eine\nWeise copirten, dass jede Illusion schwand!\nGlücklicher Weise brachten die Concerte eine wohl-\nthuende Abwechslung in die trüben und traurigen Natur-\nund Bühnen-Zustände. Die bedeutendsten waren das von\nPiatti, dem berühmten Violoncellisten, von Louis Bras-\nsin, dem ausgezeichneten Pianisten, von unserem Concert-\nmcister Fritz Wenigmann und von unserem Musik-\nDirector W ü llner.\nWüllner's Concert war gewisser Maassen der Prolog\nzu den uiesjährigen Abonnements-Concerten. Es fand am\n29. September im grossen Saale des Curhauses vor einer\nzahlreichen Zuhörerschaft Statt. Das Programm brachte\neine Sinfonie in G-moll und drei Lieder für gemischten\nChor von der Composition des Concertgebers; ferner Che-\nrubini's Ouvertüre zu Anakreon, Mozart's Clavier-Concert\nin Es-dur und Beethoven's Phantasie für Ciavier, Orche-\nster und Chor.\nDie Sinfonie ist ein früheres Werk Wüllner's; sie gibt\nein vortheilhaftes Zeugniss von dem kühnen Streben und\nden glücklichen Anlagen des Componisten, und erregt je-\ndenfalls das Interesse der Kenner in hohem Grade; na-\nmentlich sind das Andante und das Finale mit einem Ta-\nlente geschrieben, wie man es selten in Erstlings-Arbeiten\nfindet. Das Finale zeigt die meiste Originalität, es ist voll\nFeuer und Leidenschaft, wogegen das Scherzo wohl am\nwenigsten eigentümlich ist, da es in den Motiven und in\ndem Zuschnitt zu sehr an Beethoven und Mendelssohn er-\ninnert. Der erste Satz hat erstens einen etwas gar zu dü-\nstern und gar zu phantastischen Charakter, und ist zwei-\ntens zu lang ausgesponnen, so dass er monoton wird. Den\nletzteren Tadel könnte man auch gegen das Andante gel-\ntend machen, wenn nicht die gesunde und edle Melodie\nsehr anspräche, und der Comporiist durch die Mannigfal-\ntigkeit der Formen, unter denen sie stets \"wieder erscheint,\nnicht für Abwechslung gesorgt hätte. Im Ganzen offenbart\ndas Werk ernste und gründliche musicalische Studien und\nhat Beifall gefunden, eben so wie die drei Lieder: „Som-\nmergeister\", eine reizende Composition in canonischer\nForm, originel durch ihre Rhythmik und romantisch duf-\ntig; „Erster Verlust\", elegisch und poetisch in der Er-\nfindung und interessant in der Arbeit; „Im Frühling\",\nsehr ansprechend durch Feinheit der Details und eigen-\ntümliches Colorit. Die Ausführung des ganzen Pro-\ngramms war vorzüglich. In dem Concert von Mozart und\nder Phantasie von Beethoven zeigte sich Herr Wüllner\nvon Neuem als trefflicher Clavierspieler; in dem ersteren\nerwarben namentlich auch die vorzüglichen Cadenzen\nBeifall."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-10-20-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-10-20_01#c010", "volume": "bmtnabi_1860-10-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "342", "page_fin": "343", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.2.5", "titre_corps": "Stoppellese.", "titre_sommaire": "Stoppellese.", "signature_source": "S", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "342", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.6", "debut_caractere": 4134, "fin_caractere_exclue": 5069, "texte": "Stoppellese.\n\n1. Das „Cen tral blatt des deutschen Cur- und Bade-\nlebens\"4 (verantwortlicher Eedacteur Dr. Hob. Haas zu Wies-\nbaden) enthält einen Bericht über das rFestival* (!), das von H.\nLitolff Ende August in Wiesbaden gegeben worden. Darin lies't\nman u. A.:\n»Die Litolff'sche Musik hat die Gediegenheit einer historischen\nSchule man kannte einen solchen werthvollen Brillanten der Kunst\nin dem jetzigen Deutschland noch zu wenig\n„Seine imponirende Kraft, seine herrschaftliche Macht über\ndie Materie sein Schwung treibt das Publicum und selbst\ndie mitwirkenden Kunstkräfte immer höher in die Hochlande des\nHimmels! Bald übt er Gewaltschläge in die Gemüther mit Blitz\nund Donner aus, bald vernimmt man die feinsten, edelsten und zar-\ntesten Empfindungen wie Sphärenklang aus dem Elysium. Auch das\näussere Spiel des grossen Künstlers ist wahrhaft bewunderungswür-\ndig. Er greift und schlägt in und auf das irdene (?) Instrument und"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "343", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4372, "texte": "Elfenbein wie mit einem Zauberstabe und mit einem Erfolg, der Al-\nles hinreisst. Sein ganzer Mensch in Seele und Leib ist in seinen\nvon ihm gespielten Schöpfungen aufgelöst. Er wiegt sich hin und her,\nseine Haare fliegen, seine Nerven und Muskeln zucken und zittern,\nseine Augen funkeln und sprühen feurige Strahlen nach allen Seiten.\n»Er spielte: 1) 4me. Concerto symphonique für Piano und Or-\nchester. a. Allegro confuoco; b. Andante religioso. Wie beseelend und\nbeseligend predigte er hier! Der grossartige Saal und die ganze\ngrosse glänzende Gesellschaft verwandelten sich plötzlich in eine\nKirche. Alle Andächtigen, bis in die tiefste Seele und durch Mark\nund Bein bewegt, mussten vorerst niederfallen und zum Herrn aller\nWelten und aller Heerscharen beten, Manche auch innigst gerührt\nund freudenthränend ihm danken. Dann läuteten alle Glocken, die\nPosaunen des Himmels ertönten bis in die weitesten Schichten der\nErde, und alles Irdische lag wie Nebelbilder unter der lichtvollsten\nund heitersten Sonne. Die Engel stiegen vom Himmel herab und\ntrugen die Gläubigen auf den Fittichen ihres Gedankens in <len höch-\nsten Himmel. 2) Das Andante und Finale des dritten Symphonie-\nConcertes, national-holländisch. Nach dieser Darstellung erfährt man,\ndass der Holländer, den man für kalt hält, auch seinen seelischen\nSchrein hat, wenn er nur gehörig angeregt wird, und dann hervor-\ntritt. 3) Maximilien Robespierre, dramatische Ouvertüre, compo-\nnirt und diiigirt von Litolff. Die virtuose Darstellung der revolutio-\nnären Freiheitliebe, Stürme und aufregenden Leidenschaften, und\nzwar in allen Facen (sie), mit dem öfters wiederkehrenden Refrain der\nMarseillaise ärntete neben dem Religioso die grösste Bewunderung.\n»Unter den Mitwirkenden entzückte Madame de Sivers aus Si-\ncilien in ihrem Solospiel über Melodieen von Rossini auf der Orgel\nvon Alexandre (pere et ßls) in Paris durch ihre echt italiänische\nSchule, ihren tiefseelischen Klang mit dem ewig blauen, heiteren,\nitaliänischen Himmel, der aber auch immer noch mit dem Schmerze\nItaliens durchhaucht war. Sie war ihres Stoffes vollkommen mäch-\ntig und spielte in schmelzender Virtuosität.\n„Die Elise Schmidt, welche uns noch nicht mit ihrem hoch-\ngebildeten und weichen Gesänge beglückte, bemächtigte sich dies-\nmal in der grossen Scene aus Rodrigo du Toledo nicht ganz und\ndurchschlagend ihres Stoffes. Sie war krank Auch Formes, der\ndabei mitsang, war unterdessen etwas heiser geworden, so dass Li-\ntolffs „Rodrigo44 grösser blieb, als der Vortrag.41 (!!!)\n2. Ein berliner Kritiker. Cherubini's Säcularfeier hat zu\neinem unerquicklichen Pourparler über den Kunstwerth seiner Com-\nPositionen, vornehmlich der Ouvertüren, Anlass gegeben, das sich\nim Frankfurter Conversations-Blatt vom 4. und 13. Septemhtfr vor-\nfindet. Nachstehender Passus enthält die Quintessenz davon:\n»Wer nicht zu erkennen vermag, dass bei Cherubini die meister-\nhafte Beherrschung der Technik und die kühlste Reflexion das Prä-\ndominirende in seinen Schöpfungen ausmacht, mit dem ist über Mu-\nsik, die leidenschaftlichste und sinnlichste aller Künste, überhaupt\nnicht zu streiten. Mir gilt die Ouvertüre zu Coriolan mehr als alles,\nwas Cherubini je geschrieben.\" (Frankf. Convers.-81., 13. Sept.)\nSo expectorirt sich am Schlüsse einer Quasi-Vertheidigung wegen\neiner vor 15 Jahren „in etwas zu echaufiirtem 4 Zustande geschrie-\nbenen Kritik in einer berliner Zeitung Herr Musik-Director T ruh n«\nWäre Herr Truhn 1845 schon vollkommen Mann gewesen, als er\nsich kritisirend gegen Cherubini's Lodoiska-Ouverture gewandt und\nin einem Athem nebenbei gesagt, „Cherubini's Ouvertüren seien über-\nhaupt nichts als musicalische Gedankenstriche, erfindungs- und cha-\nrakterlos, eiskalt und ohne Interesse\", er hätte sich weder den Sinn\nnoch den Magen verdorben. Dorther Ursache und Wirkung seiner\nBlasirtheit als Kritiker, darüber er sich jetzt selber ein tadelndes\nZeugniss ausstellt. Man muss aber mehr als Einen Apfel vom Baume\nder Erkenntniss gegessen haben, um befähigt zu sein, einen hohen\nKunstgenius in allen seinen Manifestationen richtig und gerecht zu\nbeurtheilen. Es ist nur des unreifen Kritikers verdorbener Magen,\nder jetzt noch an den vielen begangenen Jugendsünden leidet. Auch\nbildet er sich nur ein, dass Beethoven's Ouvertüre eine Panacea\nfür ihn ist. Wolle sich unsere kritisirende Jugend ein Exempel\nan Herrn Truhn nehmen!\n\nS."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-10-20-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-10-20_01#c011", "volume": "bmtnabi_1860-10-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "343", "page_fin": "344", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "343", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.7", "debut_caractere": 4374, "fin_caractere_exclue": 7805, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Das erste Gesel lscli afts-Concert im Gürzenich\nfindet Dinstag den 23. October Statt.\nBerlin. Die Neue Preuss. Zeitung berichtet über die Auffüh-\nrung von Rossini's „Semiramide\" am 6. October durch die italieni-\nsche Opern-Gesellschaft des Herrn Merelli: „Heute erschien eine\nneue Sängerin, Signora Zelia Trebelli, vom königlichen Theater\nin Madrid, als Arsazes Der Ruf hatte Ausserordentliches von dieser\nAltistin verkündet, die Spannung auf ihre Bekanntschaft zeigte sich\nin dem bis auf den letzten Platz besetzten Hause j eine erwartungs-\nvolle Stille herrschte in dem grossen Hause, als Signora Trebelli\naus der Coulisse trat und anstimmte: „Eccotni alfine in Babilonia\nDie aufmerksamen Hörer erkannten sofort, dass sich hier eine jener\nseltenen Altstimmen erhob, welche mit der natürlichen Klangschön-\nheit allen diesem Stimmfache eigentümlichen sympathischen Zauber\nverschmilzt. Dieser Zauber übte auch gleich in der Auftritts-Arie\nder Sängerin seine Wirkung: ein allgemeiner, lang1 anhaltender Applaus\nbrach aus und erneuerte sich nach dem stürmisch begehrten Dacapo-\nGesange der Altistin. Das Beifalls-Gewitter wiederholte sich den\nAbend über nach jedem Tonstücke der Furore machenden Künst-\nlerin. Nach langer Pause fanden wir hier wieder einmal bestätigt,\nwas ein gründlicher Kenner der Tonkunst über die hohe psycholo-\ngische Bedeutung der Altstimme schrieb: »»Die Ausdrucksfähigkeit\ndieser seltenen Stimme ist so eigentümlich, dass sie durch keine\nandere Gesangstimme vollkommen ersetzt werden kann; ihr Klang\n(tinibre) ist ernst, duldsam, herzlich: echt romantisch; keine andere\nStimme drückt weibliche Würde und Hoheit, religiöse Erhebung und\nHingebung so entschieden aus; sie kann sogar jugendliche Mannes-\nkraft, romantischen Heldensinn repräsentiren, ja, sie ist die versöh-\nnende Geisterstimme.\" a Nächst der Debütantin fand die Sängerin\nder Semiramide, Signora Mariani Lorini, verdiente Anerkennung.u\ntj ReyeilSburg, Mitte September. Unsere Oper hat wieder\nbegonnen, nachdem sie seit Ende Mai geruht hatte. Die Direction\nhat neue, tüchtige Kräfte gewonnen, und ist somit recht viel Gutes\nzu erwarten. Abgesehen von dem Sänger-Personale, über das noch\nkein Urtheil möglich ist, bezeichne ich die Veränderungen im Or-\nchester-Personal. An die Stelle- des sehr verdienten Capellmeisters\nKonopasek trat Herr Ott aus Anspach. Herr Beer ist als Violin-,\nHerr Pfeifer als Violoncello-Spieler engagirt; ein Sohn des ver-\nstorbenen Drobisch wird als Chormeister fungiren. In einem Con-\ncerte der letzten Tage spielte ein noch sehr jugendliches Orchester-\nMitglied, Herr Palästrini, das VII. Violin-Concert von Beriot mit\neiner Sicherheit, Reinheit, Fertigkeit und „Eleganz, welche zu deu\nbesten Erfolgen berechtigt. Ich erwähne dies mit um so grösserem\nNachdruck, als ich der Ueberzeugung bin, es sei Pflicht, strebende\njunge Talente durch verdientes Lob zu ermuntern.\nFrankflirt a« M« Durch eine glückliche Zusammenstellung\ndes Repertoires kamen die beiden Opern Vampyr und Oberon\nfast unmittelbar nach einander zur Aufführung, und es bot sich gün-\nstigste Gelegenheit, die oft hervorgehobene Aehnlichkeit zwischen\nWeber und Marschner zu prüfen. Marschner steht vielleicht als spe-\nci fisch er Musiker in manchen Einzelheiten höher als WTeber. Seine\nDeclamation, Stimmführung und seine Instrumentation ist richtiger\nund reiner, als die Weber's, seine Harmonisirung ist oft gesunder,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "344", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3679, "texte": "kräftiger. Dagegen kann er in Melodieen-Reichthum, in Klangfär-\nbung*) und in zündendem Feuer der Leidenschaft nicht verglichen\nwerden mit seinem Vorbilde.\nIm Vampyr ist vieles Schöne, namentlich in den lyrischen Mo-\nmenten ; auch ist die Einheit des Stils anzuerkennen. Aber die grös-\nseren Arien besonders des Vampyrs sind trotz aller Entfaltung\nder instrumentalen Mittel, die manchmal zur Ueberladung wird, matt\nund trocken, und die überall hervortretenden Anklänge an Weber,\nan die Euryanthe in der Ouvertüre, an den Freischütz bei dem je-\ndesmaligen Erscheinen des Vampyrs, sind auffallend**); doch, wie\ngesagt, die Oper bietet des Schönen noch immer genug, um ihre Er-\nhaltung auf dem Repertoire als wünschenswerth erscheinen zu lassen.\nOberon ist eine Musterkarte der Herrlichkeiten und der Schwä-\nchen Weber's. Da sind Melodieen und harmonische Wendungen, die\ngeradezu vom Himmel kommen, und daneben gezwungene, affectirte,\nmitunter ganz banale Phrasen. Dabei ist die Stimmführung eine der-\nartige, dass es den Sängern fast nicht zuzumuthen ist, ihre Partie\nimmer rein zu intoniren.\nWas nun die Aufführung der beiden Opern betrifft, so ist leider\nnicht viel Gutes zu berichten. Herr Pichler leistete im Vampyr Ver-\ndienstliches ; dagegen Hess sich unser geschätzter Tenorist Meyer in\nbeiden Partieen zu bedauerlichem Forciren der Stimme hinreissen,\nund entwickelte manchmal auch im Piano Gaumenton, der auch nicht\nangenehm wirkt. Herr Meyer hat so schöne Mittel und so tüchtige\nAnlagen, natürliche Empfindung und Feuer, dass Fehler wie die vor-\ngeführten, und die sich erst in letzter Zeit bemerkbar\nmachen, von ihm sehr leicht vermieden werden können.\nFräulein Carl schien an beiden Abenden nicht gut disponirt zu\nsein. Desto besser aber war es Fräulein Medal zum Schreien und\nTremuliren. Die junge Dame besitzt Talent und natürliche Beweg-\nlichkeit auf der Bühne, und wenn sie ihr Feuer mässigen und durch\nStudium die Stimme gehörig zu verwenden lernte, so würde ihr eine\nangenehme Carriere zu verkündigen sein. Die Chöre waren wie im-\nmer vortrefflich.\nWir können diese Besprechung nicht schliessen, ohne einige\nWorte über den Zustand der hiesigen Oper im Allgemeinen zu sa-\ngen. So gern wir den Verhältnissen Rechnung tragen, durch welche\nfast die grössten Meisterwerke von unserer Bühne verbannt sind, weil\ndie Kräfte dafür fehlen; so gern wir das Streben der Oberleitung\nanerkennen, mit den vorhandenen Kräften das möglich Beste vorzu-\nführen so können wir doch nicht umhin, auf Uebelstände hinzu-\nweisen, deren Beseitigung dringend nothwendig ist und unter allen\nVerhältnissen gefordert werden kann. Es gibt sich seit einiger Zeit\neine Lauheit, Gleichgültigkeit, ein Mangel an Zusammenwirken in den\nOpernvorstellungen kund die der „Faniska\" wollen wir als Aus-\nnahme gelten lassen —, bei der kein Institut auf die Dauer bestehen\nkann. Dem muss abgeholfen werden im Interesse der Sänger wie\ndes Publieums. Und möge man rasch zur That schreiten, so lange\nnoch die Kritik allein ihre Stimme geltend macht; denn wenn das\nPublicum seine Sache selbst zu vertreten beginnt, dann ist es zu\nspät Wir begnügen uns heute mit dieser Andeutung. (Frankf. Z.)\nEs heisst, Herr von Flotow sei mit der Composition einer\nneuen Oper Text von Emil Pohl beschäftigt.\n*) Hierin hat Weber Unglaubliches geleistet. In der Introduction\nder Oberon-Ouverture kommt eine Stelle vor, wo die Clarinet-\nten den Grundbass einer Melodie führen, welche\nvon den Celli ausgeführt wird. Wenn man diese Stelle\nauf dem Papier sieht, so kann man die wunderbare, zauber-\nhafte Wirkung der Ausführung nicht ahnen.\n**) Stirbt doch der Yampyr bei demselben Pizzicato der Bässe,\ndas auch Caspars Tod begleitet!"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "337", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nAus Frankfurt am Main (Cherubini's „Faniska*). Von A. Schindler. Ueber griechische Musik. Aus Aachen (Die\nverflossene Saison). Von N. Stoppellese (Das Centralblatt des deutschen Cur- und Badelebens Ein berliner Kritiker). Tag es-\nund Unte r h a 1 tun gs b I all (Köln, Gesellschafts-Concerte Berlin, Rossini's „Semiramide* Kegensburg, Beginn der Oper Frank-\nfurt am Main, rVampyru und „Oberon\").\n\nAus Frankfurt am Main.\n\n(Cherubini's rFaniskau )\nEs unterliegt wohl keinem Zweifel mehr, dass ausser\ndem hiesigen Theater-Institut kein anderes von Cherubi-\nni's hundertjähriger Geburtsfeier Notiz genommen, denn\ndas Aufsuchen betreffender Nachrichten in deutschen Blät-\ntern war bisher vergeblich. Auch pariser Blätter haben von\nirgend einem Acte zu Ehren des grossen Meisters, dem\nFrankreich noch mehr als Deutschland schuldet, nichts ge-\nmeldet. Oder wird vielleicht das Conservatoire nachträg-\nlich noch mit einer Solennität hervortreten? Von allen Mu-\nsik-Instituten Frankreichs läge diesem wohl zunächst die\nPflicht ob, das Andenken an Cherubini, der durch seine\nmehrere Jahrzehende umfassende weise Leitung und un-\nmittelbare Lehre dieses Institut zu Ruhm und Ehren erho-\nben, in dankbarster Weise zu feiern. Schon die nächsten\nWochen werden uns zeigen, ob man dieser Verpflichtung\ndort eingedenk war.\nUnser Theater wollte den 8. September nicht vorüber\ngehen lassen, ohne die Bedeutung dieses Tages den zahl-\nreichen Verehrern Cherubini's hierselbst in Erinnerung zu\nbringen. Dass dies mit der Oper Faniska, einem seiner\ngrössten und schwierigsten Werke, geschehen, ward in Nr.\n39 d. 81. bereits in Kurzem ausgesagt. Bei der gegenwär-\ntigen Verfassung der frankfurter Opern-Gesellschaft, vor-\nnehmlich des weiblichen Personals, war dies ein.fast allzu\ngrosses W agniss; allein guter Wille und Fleiss Seitens al-\nler Solisten, aber auch Seitens der Leitung, haben einen\nkünstlerischen Erfolg errungen, der kaum zu gewärtigen\nwar, was sich vorzugsweise in der dritten Aufführung am\n22. September, nach vollkommener Bekanntschaft mit dem\nWerke, bethätigt hat. An vortrefflicher Leistung des tüch-\ntig geschulten Chors und des Orchesters war ja im Voraus\nnicht zu zweifeln.\nPariser Kritikern hat es vor nicht lange gefallen, Beet-\nhoven's Fidelio wegen seiner reichen Instrumentirung eine\nSinfonie mit obligaten Singstimmen zu nennen. Möge doch\ndiesen Herren die Gelegenheit werden, Cherubini's Fa-\nniska zu hören, denn dagegen erscheint das Orchester in\nden meisten Nummern von Fidelio fast dürftig, auch weni-\nger Heiz bietend, als das in Faniska. Dafür ist aber die\nMelodie in dem Werke des wiener Meisters durchweg von\ntieferem, edlerem Gehalte. Hierin finden sich in dem des\nParisers einzelne Schwächen, die um so auffallender sind,\nals diese Oper für das in jenen Tagen auf hoher Stufe der\nErkenntniss und Würdigung alles Guten im Opernfache\nstehende wiener Publicum geschrieben worden. Die Ver-\neinigung der Umstände, dass beide grosse Zeitgenossen\ndiese ihre Werke für dieselbe Bühne ausgearbeitet, dass\nbeide dort am Orte freundschaftlich mit einander verkehrt,\ndass die ersten Aufführungen von Fidelio und Faniska nur\ndrei Monate aus einander liegen (erstere fand Statt am 20.\nNovember 1805, die der anderen am 25. Februar 1806,\nnicht am 6. desselben Monats, wie jüngst irrthümlich be-\nmerkt worden)—auch diese Umstände geben Veranlassung,\nbeide Schöpfungen in vocaler und instrumentaler Hinsicht\netwas zu beleuchten.\nWTie die Allg. Musik-Zeitung von 1805, Seite 766,\nmeldet, war Cherubini's Ankunft in Wien im Monat August\ndesselben Jahres erfolgt. Zur Zeit hatte Beethoven seine\nPartitur schon zu Ende gebracht. Dass unser Meister, bis\ndahin auf der Bühne ein Neuling, dem als Opern-Compo-\nnisten bereits auf dem Gipfel seines Ruhmes stehenden Zeit-\ngenossen seine Partitur alsbald vorgelegt, ist mir auch aus\nCherubini's Munde bekannt; dass dieser dann den Auffüh-\nrungen beigewohnt, würde sich von selbst verstehen, hätte\ner es nicht sofort nach Paris berichtet. Wenn sich dem-\nnach Cherubini gleich bei Beginn seiner Arbeit vorgenom-\nmen haben sollte, all sein Wissen und Vermögen zusam-\nmen zu fassen, um noch Höheres zu leisten, als von ihm"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "338", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.2", "texte": "bis dahin gehört worden, und somit auch den Componisten\ndes Fidelio zu überbieten, so wird man dies wohl natür-\nlich finden können. Ein vergleichender Blick, auf seine\nvorausgegangenen Opern gerichtet, darunter namentlich\nder Wasserträger neben Faniska nur als ein kleines Werk\nerscheint, führt uns vollends zur festen Ueberzeugung, dass,\nwie sechszehn Jahre später Rossini in seiner ebenfalls für\ndas alte Wien geschriebenen Zelmira, mit welcher er\nselber am 13. April 1822 die Staggione eröffnete, das\nHöchste seiner Kunst zu bieten beabsichtigt hatte, so auch\nCherubini in diesem Werke sein Allerbestes gerade den\nwiener Musikfreunden zu bieten in Absicht gehabt. Nach\nwelcher Seite hin ihm dies gelungen, zeigt uns das Orche-\nster, denn Reizvolleres, durch Mischung der Tonfarben\nPrächtigeres, dies alles ohne Spur wahrnehmbarer Refle-\nxion, dürfte es im ganzen Opernbereiche wohl nicht wieder\ngeben Mozart's Opernmusik nicht in Betracht gezogen\n—, als in Faniska zu hören. Diesem Theile des W'erkes\njedoch einen in jeder Hinsicht ebenbürtigen vocalen zur\nSeite zu stellen, das ist dem schöpferischen Genius Cheru-\nbini's nicht gelungen, ja, es scheint überhaupt unmöglich,\ndass das Maass nach beiden Seiten hin ein gleiches hätte\nsein können ohne Einschränkung des orchestralen Theiles.\nIndess mag doch dieses ungleiche Verhältniss der beiden\nHaupt-Factoren erst bei dem kläglichen Zustande der ge-\ngenwärtigen Gesangskunst gewichtig erscheinen; denn kennt\nman den Stand dieser Dinge früherer Zeil, und hat man\ndie Meister und Meisterinnen in ihrer Wirksamkeit gehört,\ndenen Cherubini die Parte seiner Oper zunächst angepasst,\nso wird mit ihm über allzu grosse Reichhaltigkeit des Or-\nchesters auf Kosten der Singstimmen kaum zu rechten sein,\nanderer Umstände, als z. B. ein sehr grosses Haus, nicht\nzu gedenken. Wie dem aber auch sei, das Werk so ge-\nnossen, wie es sich uns gegenwärtig präsentirt, werden wir\ndem Fidelio gern das geringere Maass an Glanz und Pracht\ndes Orchesters erlassen, weil gerade durch dieses Minus\ndas richtige Verhältniss zwischen den Vocalen und Instru-\nmentalen erzielt ist.\nThatsache ist, dass die Wiederaufführung der Faniska\nin den Kreisen sinniger Musikfreunde Stoff zu Controver-\nsen gegeben hat, in denen das Für und Wider manchmal\nviele Breitegrade aus einander gelegen ist. Die Einen woll-\nten Veraltetes, die Anderen gar Triviales in der Vocal-\nPartie entdeckt haben und dergl. mehr. Lägen jedoch nicht\nvolle dreissig Jahre zwischen der letzten Aufführung auf\nhiesiger Bühne und dem jetzigen Wiedererstehen, es würde\nsicherlich Keiner zu solch schiefem und ungerechtem Ur-\ntheil gekommen sein. Dass Einiges an Gesangs-Verzierun-\ngen oder Manieren (bisweilen ein Ueberfluss an Mordenten,\nauch Cadenzen mit dem gewissen Sexten-Sprung) veraltet\nscheint, ist nur die Schuld tausendfälliger Nachahmung der\nspäteren Zeit, und hinsichtlich des Trivialen verhält es sich\ngerade wie bei Mozart, dem sein Biograph UHbischeff ja\nauch dergleichen aufgebürdet hat. Zugestanden darf aber\nwerden, dass eben nicht allen Melodieen in Faniska das\nEpitheton schön beigelegt werden kann.\nEs sei gestattet, einige Nummern besonders herauszu-\nheben. Da ist im zweiten Acte ein Duett zwischen Faniska\nund ihrem Gatten Rasinski, das wegen rasch auf einander\nfolgenden Wechselgesanges, dann wieder Zusammengehens\nin Terzen Aehnlichkeit mit dem Duett zwischen Leonore\nund Florestan im zweiten Acte von Fidelio hat. Auch die\nSituation: Rettung des eingekerkerten Gatten und Wieder-\nvereinigung mit ihm, gleicht jener in Fidelio. Nicht zu ver-\ndenken, wenn die Zuhörer eine Einwirkung hierbei aus\ndieser Oper zu finden vermeinten. Es wäre jedoch schwer\nzu negiren, dass nicht bloss der Zufall hierbei sein Spiel\ngetrieben und die etwas auffallende Aehnlichkeit bewirkt\nhabe. Nr. 12 ist ein dreistimmiger Canon in über\ndie Worte: „Hoffnung, du trocknest wieder sanft die Au-\ngenlider\", für zwei Soprane und Tenor, mit einem zehn-\ntactigen Motiv; eminente Schönheit in Verwebung der Stim-\nmen und reizvolle Orchestration fesseln bei jedesmaligem\nAnhören mächtig. Bei Vergleich mit Beethoven's Canon\ngeräth man in Verlegenheit, welchem von beiden der Vor-\nzug zu geben. Eben so ergeht es uns mit einem Terzett\nin A-dur, das mit seiner einfachen, durchsichtigen Factur\nund Innigkeit an das in gleicher Tonart in Fidelio erinnert,\nohne sonst einen Vergleich zuzulassen. Als besondere Cu-\nriosität aber darf eine Romanze in G-moll für Tenor er-\nwähnt werden, die Rasno, der Wegweiser im Gebirge, zu\nsingen hat. Dieselbe ist eine offenbare Nachbildung der\nRomanze in gleicher Tonart, welche der Savoyarde Micheli\nim Wasserträger singt. Auch ist die Situation in beiden\nOpern eine nahe verwandte. Einer anderen Familien-Aehn-\nlichkeit begegnen wir in einem Marsche in A-dur im drit-\nten Acte, vornehmlich wegen imponirender Bewegung des\nBasses, wie diese dem Marsche im Wasserträger eigen.\nFerner sei noch in tiefster Ehrfurcht vor dem grossen Mei-\nster der Einleitungen zum zweiten und dritten Acte gedacht\nzwei ziemlich ausgedehnte Sätze, von denen ersterer auf\ndie zunächst zu eröffnende Kerkerscene vorbereitet. Es ver-\nsteht sich, dass es ein Nachtstück ist, das die Aufmerksam-\nkeit des Zuhörers in fast beängstigende Spannung zu ver-\nsetzen und darin zu erhalten vermag. Wie im Uebrigen\nder dritte Act im Wasserträger weniger an Musik als an\nDialog hören lässt, so im Gleichen der dritte Act in Fa-\nniska, und dieses Zuviel an Prosa, noch dazu an interesse-\nloser, drückt die Stimmung des Auditoriums offenbar um\neinige Grade herab. Nur eine anziehende Handlung, die"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "339", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.3", "texte": "—wie in Fidelio—auf ein edles, der Erhabenheit der Mu-\nsik entsprechendes Motiv gebaut sein müsste, und diese\nOper würde zu den unvergänglichen Monumenten drama-\ntischer Tonkunst gezählt werden können! Der alberne\nStoff, den wir da abwickeln sehen müssen, stört den rei-\nnen Genuss. Und gleiches Schicksal aus gleichen Ursachen\nhaben die meisten der Cherubinischen Opern zu erfahren\ngehabt.\nWer kennt nicht die Ouvertüre zu dieser Oper und\nist nicht bei jedesmaligem Anhören davon entzückt*)? Wie\nin keiner anderen der fest in sich abgeschlossenen und\ncharakteristischen Ouvertüren dieses Meisters bewegt sich\nder Allegro-Satz gleich vom Motiv an zumeist in kurzen\nund getrennten Rhythmen, die für gute, dem Charakter\nentsprechende Ausführung weit schwieriger werden, als\nein breit dahin strömender Rhythmus, wie z. B. in Lo-\ndoiska, Medea, Wasserträger und in anderen der Cheru-\nbinischen Ouvertüren. Soll der Ernst dieses Satzes nicht\nin sein Gegentheil umschlagen, soll der Zuhörer auf die\nDarstellung eines gesungenen Drama's, nicht vielmehr einer\nKomödie, vorbereitet werden, so wird es sich vor Allem\num die dem Inhalte angemessene Bewegung handeln, die\nder Componist einfach mit Allegro bezeichnet. Das Tempo\naber, in welchem dieser Satz ausgeführt worden, war ein\nPresto, wodurch sich eine Störung des Charakteristischen\nergeben musste, abgesehen davon, dass unzählige Feinhei-\nten im Dynamischen auch noch verschwinden inussten. Bei\nsolcher Temponahme wird eine vermehrte Beschleunigung\nvon einem rhythmischen Gliede zum anderen um so gewis-\nser eintreten, wenn der Dirigent noch duldet oder etwa\ngar überhört, dass die Stelle im zweiten Theile des Motivs:\nu. s. w., wobei der Bogen wegen des gleichmässigen, nur\nmerkbaren Accents auf jeder Achtelnote als Vorhalt fest\ndie Saite berühren und das Ganze in einer gewissen Ver-\nbindung gehalten werden muss, so zerrissen wird, dass die\nBestandtheile wie Fetzen im Winde herumfliegen, als z. B.:\nEin anderer Beweis von der tadelnsvverthen Behand-\nlung dieses herrlichen Tongemäldes bei den Aufführungen\nim frankfurter Theater kann durch eine Gruppe aus dem\nSeitensatze anschaulich gemacht werden, die so geschrie-\nben steht:\naber wegen der bis dahin schon zur Hetzjagd ausgearte-\nten Bewegung als Triole:\nhinausgeschleudert worden, weil zu nachdrücklichem\nBeachten der Achtelnote keine Zeit war. Noch verschie-\ndene andere leichtfertige Incorrectheiten aus der Orchester-\nPartie wären mit Grund zu beanstanden, aber wohl eben\nso erfolglos, wie das eben Bemerkte. Dieses Wenigen\nwegen wäre schon um Verzeihung zu bitten!\nWill man wissen, wie Cherubini das Tempo Allegro\nüberhaupt verstanden, so belehrt uns hierüber ein Factum\naus dem Jahre 1805. Bald nach seiner Ankunft in Wien\ndirigirte er seinen Wasserträger im Theater an der Wien.\nDer Referent der Allgv Musik-Zeitung berichtet unter An-\nderem darüber: „. ... Er nahm das Allegro der Ouvertüre\nin einem langsameren Tempo, wodurch dieses schwie-\nrige Musikstück an Deutlichkeit gewonnen.\" (Siebenter\nJahrgang, S. 766.) Ausser diesem kennen wir auch seine\nUnzufriedenheit mit Habeneck's Auffassung aller seiner\nOuvertüren; wegen Uebereilung der Allegro-Sätze hatte\nsich der Meister deren Aufführung in den Concerten des\nConservatoires geradezu verbeten. Die Programme zu\ndiesen Concerten zeigen diese Lücke mehrere Jahrgänge\nhindurch vor dem Ableben des grossen Meisters.\nEndlich soll auch bei dieser Gelegenheit der Bemer-\nkung Raum gegeben werden, dass das frankfurter Theater-\nOrchester, obgleich achtungswerth im Allgemeinen, hin-\nsichtlich discreter Begleitung dennoch hinter der zu lösen-\nden Aufgabe recht oft zurückbleibt. Welchen Kampf so-\nnach die Singstimmen zu bestehen haben, welcher Nach-\ntheil dem Tonwerke zugefügt wird, wenn das Orchester\nsich häufig so loslässt, als spielte es eine Sinfonie, braucht\nbloss angedeutet zu werden. Aber gefragt muss werden:\nIst denn das allenfalls vorgeschriebene in dem beglei-\ntenden Orchester wirklich so zu halten, wie das in\neiner Sinfonie und Ouvertüre? Soll es nicht vielmehr alle-\nzeit dem physischen Vermögen des Sängers, aber auch der\n[*]\n\n*) Yergl. unten: Stoppellese Nr, 2: „Ein berliner Kritiker*."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "340", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.4", "texte": "Bäumüchkeit angepasst werden? Sicherlich wäre die Vo-\ncal-Partie in Faniska mit mehr Wirkung dem Orchester\nzur Seite getreten, hätte nicht letzteres durch concertmäs-\nsige Behandlung der für so beschränkten Raum allerdings\nzu starken Instrumental-Partie erstere verdunkelt, zuwei-\nlen erdrückt.\nZu solcher Ausartung haben nicht nur viele der mo-\ndernen Opern, insbesondere von Wagner, geführt, die an\ndem hiesigen Capellmeister einen der wärmsten Beschützer\ngefunden, auch in der Aufstellung dieses Orchesters\nliegt noch ein Grund solchen Missstandes. Dieser Umstand\nmacht es oft dem Orchester unmöglich, bei starker Instru-\nmentirung die erforderliche Rücksicht auf die Sänger zu\nbeobachten. Man denke sich sämmtliche Blas-Instrumente\nan der Barre des Parterres in einer Beihe sitzend, den\nSchalltrichter gegen die Bühne gewandt, den grösseren\nTheil der Saiten-Instrumente aber an der hohlen Wand\nder Bühne placirt, an welcher sie unfehlbar einen Dämpfer\nfür Tonentwicklung finden, wenn es gilt, diese in voller\nStärke zu äussern. Diese für einen akustisch günstigen\nTheaterraum—wie der hiesige—angenommene, aber nach\ndem akustischen Erforderniss geradezu verkehrte Auf-\nstellung muss bewirken, dass die Blas-Instrumente sehr oft\ndas Ganze beherrschen. Darum hört man bei vollem Hause\nim Hintergrunde des Parterres die Saiten-Instrumente so\ndünn und kraftlos, als wäre nur die Hälfte anwesend. Der\nAugenschein zeigt, dass in allen Orchestern, in denen nicht\nwenigstens 20 bis 24 Violinen den Bläsern gegenüberge-\nstellt sind, letztere allzeit an der Bühnenseite sitzen, damit\nihr zu starkes Hervortreten dort einen Dämpfer finde. Es\nversteht sich, dass die Bässe und Violoncelle an der Bühnen-\nwand gleichfalls eine ganz unvortheilhafte Stellung haben.\nEine Aufstellung, wie hier zu sehen, lähmt überdies\nauch die Wirksamkeit des Concertmeisters vollkommen,\nweil er zunächst der Bühnenwand sitzt und nichts als den\nCapellmeister vor Augen hat. Der Concertmeister, ander-\nwärts Orchester-Director genannt, soll Führer des Orche-\nsters sein; denn was er—bei guter Einsicht in das aufge-\nführte Werk—mit einem kraftvollen Bogen zum Gelingen\ndes Ganzen beizutragen im Stande ist, das vermag der\nTactirstock des Capellmeisters nicht immer. Daher sieht\nman in allen grossen Orchestern seinen etwas erhöhten\nPlatz in der Mitte, und zwar an der Barre des Parterres,\nangelehnt, von wo aus er das ganze Orchester, wie auch\ndie Bühne, überblicken, aber auch überhören und an der\nLeitung wesentlichen Antheil nehmen kann, was eben so-\nwohl sein Becht als seine Pflicht ist. Im hiesigen Theater\nvermag der Concertmeister weder in der Probe noch in der\nAufführung einem Instrumente zu Hülfe zu kommen, über-\nhaupt nicht mehr zum Ganzen beizutragen, als jedes an-\ndere Mitglied; er führt demnach einen leeren Titel. Da-\ndurch, dass gar drei Concertmeister hier am ersten Pulte\nspielen, wird an der verkehrten Sachlage nichts gebessert.\nBehauptet der Eine, welcher eigentlich der erste und rechte\nist, den ihm angemessenen Platz, und greift er in das Ganze\nso ein, wie er pflichtgemäss soll, so wird auch der Uebel-\nstand vermieden werden, den Capellmeister wie auf einer\nDrehscheibe stehend sehen und Aeusserungen hören zu\nmüssen, als geschähen seine oft störenden Wendungen\nwährend der Vorstellung lediglich aus Ostentation.\nVon Cherubini's Oper ist es seit dem 22. September\nbis heute den 14. October zu einer weiteren Vorstellung\nnicht gekommen. Hoffentlich wird es nicht bloss bei dreien\nverbleiben sollen.\n\nA. Schindler.\n\nUeber griechische Musik.\nI.\nWenngleich das unbefangene Urtheil aller Musiker\nwohl darüber einig ist, dass wir es nie dahin bringen wer-\nden, uns eine klare Vorstellung von der Musik der Grie-\nchen zu machen, so hat doch auch die neuere und neueste\nZeit nicht unterlassen, diesem Gegenstande sorgfältige,\nvon gelehrter Forschung unterstützte Aufmerksamkeit zu\nwidmen.\nZunächst ist der Senior der Alterthumsforscher, Au-\ngust Böckh, zu erwähnen, der zu Anfang unseres Jahr-\nhunderts im zweiten Theile des ersten Bandes seiner gros-\nsen Ausgabe des Pindaros sechs Capitel des 111. Buches der\nAbhandlung De metris Pindari der Darstellung der grie-\nchischen Musik widmete (1811). Er nimmt an, dass die\nGriechen allerdings neben der Melodie und den verschie-\ndenen Weisen (modi) ihres Ton-Systems, welches er voll-\nständig und gründlich darstellt und erläutert, auch eine\ngewisse Art von Harmonie, wenigstens eine zweistimmige,\nkannten; allein sein Endurtheil über diesen wesentlichen\nPunkt ist folgendes: „Doch ist es keineswegs meine Mei-\nnung, dass den Griechen dieser Theil der Musik (die Har-\nmonie) vollständig bekannt gewesen sei; vielmehr ist unser\nHarmonie-System so himmelweit von dem Charakter des\nAlterthums entfernt, dass ich zu behaupten wagen möchte,\nes würde, wenn die Griechen es gekannt hätten, ihnen\nmissfallen haben. Eben so wie die Griechen die gothische\nArchitektur durchaus nicht nach ihrem Geschmack gefun-\nden und vor ihrer Geometrie unserer Analysis keineswegs\nden Vorzug gegeben haben würden, eben so würden sie\nauch unsere Harmonie nicht arg bewundert haben, welche\nRousseau gar nicht übel eine gothische nannte\" (S. 253).\nSpäterhin hat sich bekanntlich R. G. Kiesewetter\nin Wien (geb. 1773, gest. 1850) durch seine Forschun-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "341", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.5", "texte": "gen aul dem Gebiete der Geschichte der Musik ausgezeich-\nnet. Die erste Ausgabe seiner „Geschichte der euro-\npäisch-abendländischen, d. i. unserer heutigen,\nMusik\" erschien im Jahre 1834 (Leipzig, bei Breitkopf\n& Härtel. Zweite Auflage 1846 , gr. 4., Preis 2 Thlr.).\nEr trat, zwar nicht zuerst, aber doch am entschiedensten\nder falschen Meinung, dass unsere Musik aus der griechi-\nschen entsprungen und nur eine Fortbildung derselben sei,\nentgegen. Er sagt im Anfange seines geschichtlichen Ab-\nrisses: „Allerdings gab es eine Zeit, in welcher die christ-\nliche Musik des europäischen Occidents sich bei jener Raths\nerholte, und lange sehr lange wurden die Aussprüche\nder griechischen Schriftsteller als die Quelle aller musica-\nlischen Theorie angesehen; die Wahrheit aber ist, dass die\nneue Musik nur in dem Maasse gedieh, als sie sich von\nden ihr aufgedrungenen griechischen Systemen zu entfer-\nnen anfing, und dass sie einen bedeutenden Grad von Voll-\nkommenheit erst dann erreichte, als es ihr gelang, sich\nauch noch der letzten Ueberbleibsel altgriechischer Musik\nvollends zu entledigen. Mit dieser hatte sie schon sehr lange,\nich möchte sagen: von je her, kaum mehr als das Sub-\nstrat— Ton und Klang—gemein. Aus der altgriechischen\nMusik wäre, wenn Alt-Hellas ungestört noch durch zwei\nJahrtausende fortgeblüht hätte, eine Musik, der unsrigen\nähnlich, nimmermehr hervorgegangen; in den Systemen,\nin welchen sie dort durch die Autorität seiner Weltweisen,\ndurch das Herkommen, ja, selbst durch bürgerliche Ge-\nsetze im eigentlichsten Sinne festgebannt war, lag das un-\nübersleigliche Ilinderniss ihres Wachsthums. Sollte die\nschöne Kunst der Töne sich dereinst noch zu jener Voll-\nkommenheit entfalten, deren Keim wohl überall in ihr lag,\nso musste sie dort untergehen und anderwärts, ein anderes\nWesen, neu geboren werden. Die altgriechische Musik\nstarb in ihrer Kindheit: ein liebenswürdiges Kind, aber un-\nfähig, je zur Reife zu gelangen. Für die Menschheit war\nihr Untergang kein Verlust.\"\nSeine besonderen, hieher gehörigen Schriften sind:\n„Ueber die Musik der neueren Griechen nebst\nfreien Gedanken über altägyptische und altgriechische Mu-\nsik.\" Mit 8 lithographirten Tafeln. Leipzig, Breitkopf &\nHärtel. 1838. 4. (3 Thlr.)— „Die Musik der Araber,\nnach Originalquellen dargestellt\" u. s. w. Ebendaselbst.\n1842. Gr. 4. (3 Thlr.) „D er neuen Aristoxener\nzerstreute Aufsätze über das Irrige der musicalischen\nArithmetik und das Eitle ihrer Temperaturrech-\nnungen.\" Mit einer historisch-kritischen Einleitung und\n8 Tafeln. Ebendaselbst. 1846. Gr. 8. (25 Sgr.)\ndiesen sind für das genauere Eingehen auf die\nMaterie zu beachten die Schriften von Bellermann („Die\nHymnen des Dionysius und Mesomedes.\" Berlin, 1840.\n„Anonymi Scriptio de Masicund\nArtis musicae.\" Berlin, 1841.— «Die Tonleitern und Mu-\nsikarten der Griechen.\" Berlin, 1847. 4.), H. Feussner\n(„De antiquorum metrorum et melorum discrimine.\" Ha-\nnau, 1836) und besonders von C. Fortlage: „Das mu-\nsicalische System der Griechen in seiner Urgestalt.\nAus den Tonleitern des Alypius*) zum ersten Male ent-\nwickelt.\" Mit 2 Tafeln. Leipzig, bei Breitkopf & Härtel.\n1847. Gr. 4. (2 Thlr. 15 Sgr.)\nEine recht brauchbare und für den Kunstfreund voll-\nkommen genügende Uebersicht gibt: C. F. Weitzmann's\n„Geschichte der griechischen Musik. Mit einer\nMusik-Beilage, enthaltend die sämmtlichen noch vorhan-\ndenen Proben altgriechischer Melodieen und vierzig neu-\ngriechische Volksmelodieen.\" Berlin, bei Herrn. Peters.\n1855. 4. Die so genannten altgriechischen Melodieen\nsind: 1. Bruchstück einer homerischen Hymne an die De-\nmeter. 2. Der Anfang der ersten pythischen Ode des Pin-\ndaros. 3. Anfang einer Hymne an Kalliope von Dionysius.\n4. Anfang einer Hymne an Phöbus. 5. Hymne an Neme-\nsis von Mesomedes. Die beiden ersten sind wohl unbezwei-\nfeit unecht; die drei letzten dürften nach neueren Unter-\nsuchungen in das zweite Jahrhundert nach Christi Geburt\ngehören. Dass C. F. Weitzmann noch stark an die ganz\nausserordentlichen Wirkungen der griechischen Musik, wie\nsie von alten Schriftstellern erzählt werden, und an „ihre\nzauberische Macht auch ohne den Schmuck unserer heuti-\ngen Harmonie\" glaubt (S. 21), ist eine Schwärmerei, die\nman ihm eben so zu gut halten muss, wie die andere am\nSchlüsse der Schrift: „Endlich ist ja aber auch das „„Kunst-\nwerk der Zukunft\"\" des als Dichter und Musiker gleich\nhochbegabten Richard Wagner nur die Idee einer unserer\nZeit und unserem Volke angemessenen Wiederbelebung\njenes grossartigen, ebenfalls alle edleren Künste in sich\nvereinenden und dem gesammten Volke gewidmeten na-\ntionalen Drama's der Griechen.\"\nIn entfernterer Weise werden die Fragen über das\ngriechische Ton-System in den neuesten Schriften über die\nTon-Verhältnisse und deren mathematische Bestimmung\nberührt. Dahin gehören: M. W. Drobisch, Ueber\nmusicalische Tonbestimmung und Temperatur. Leip-\nzig, 1852. Dessen Nachträge zur Theorie der musi-\ncalischen Ton-Verhältnisse. Leipzig, 1855. M.\nHauptmann's Natur der Metrik und Harmonik, und eine\nsehr beachtungswerthe gelehrte Abhandlung von Dr. C.\nErnst Naumann: „Ueber die Bestimmungen der\n\n*) Alypius lebte um das Jahr 300 v. Clir. in Alexandria und\nist nicht zu verwechseln, wie öfter geschehen, mit einem viel\nspäteren Philosophen Alypius, der nichts über Musik ge-\nschrieben."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "342", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.6", "texte": "Ton-Verhältnisse und die Bedeutung des pythago-\nräischen oder reinen Quinten-Systems für unsere\nheutige Musik.\" Leipzig, bei Breitkopf & Härtel. 1858.\n52 S. Gr. 4.\nNeuerdings hat nun F. J. Fetis eine Schrift heraus-\ngegeben, welchg zwar vorzugsweise nur die Frage, ob die\nGriechen die Harmonie im Sinne der neueren Tonkunst\ngekannt haben oder nicht, behandelt, jedoch bei Erörte-\nrung derselben auch auf die griechische Musik überhaupt\neingeht.\nWir werden uns mit diesem sehr verdienstlichen\nWerke in einem folgenden Artikel beschäftigen.\n\nAus Aachen.\nN.\nDen 12. October 1860.\nDie Bade-Saison ist vorüber, d. h. die Zeit der war-\nmen Biider, zu denen Tausende herbeiströmten, um ihre\ntrotz der achten Auflage von Hufeland's Makrobiotik ver-\nlorene Gesundheit wieder zu erlangen. Die Zeit der kalten\nBäder und der gezwungenen Douchetraufen nimmt aber\nkein Ende, und man verwünscht die Danaiden, welche in\ndiesem Jahre so unermüdlich an der Arbeit sind, dass sie\naus uns Schwimmvögel machen wollen, wie es scheint. Alle\nWelt schmähet sie, nur die Fabrikanten von Regenschir-\nmen und Ueberschuhen und —unser Theater-Director nicht,\nder sich das Ueberlaufen seines Regenfangs, der Casse,\nvon Silberwogen sehr gern gefallen liess. Wahrlich, wenn\nman gewahrte, wie die Menge sich zu den Pforten des\nTheaters drängte, so war der Gedanke ganz natürlich, dass\ndie Menschen für die Schönheiten der Natur, die ihnen\nverschleiert blieben, in den Blumengärten und dem Wal-\ndesgrün auf Leinwand einen Ersatz suchten—süsse Hoff-\nnung, die leider zu nichte wurde, sobald unsere Gesang-\nkünstler die Töne der Nachtigallen und Lerchen auf eine\nWeise copirten, dass jede Illusion schwand!\nGlücklicher Weise brachten die Concerte eine wohl-\nthuende Abwechslung in die trüben und traurigen Natur-\nund Bühnen-Zustände. Die bedeutendsten waren das von\nPiatti, dem berühmten Violoncellisten, von Louis Bras-\nsin, dem ausgezeichneten Pianisten, von unserem Concert-\nmcister Fritz Wenigmann und von unserem Musik-\nDirector W ü llner.\nWüllner's Concert war gewisser Maassen der Prolog\nzu den uiesjährigen Abonnements-Concerten. Es fand am\n29. September im grossen Saale des Curhauses vor einer\nzahlreichen Zuhörerschaft Statt. Das Programm brachte\neine Sinfonie in G-moll und drei Lieder für gemischten\nChor von der Composition des Concertgebers; ferner Che-\nrubini's Ouvertüre zu Anakreon, Mozart's Clavier-Concert\nin Es-dur und Beethoven's Phantasie für Ciavier, Orche-\nster und Chor.\nDie Sinfonie ist ein früheres Werk Wüllner's; sie gibt\nein vortheilhaftes Zeugniss von dem kühnen Streben und\nden glücklichen Anlagen des Componisten, und erregt je-\ndenfalls das Interesse der Kenner in hohem Grade; na-\nmentlich sind das Andante und das Finale mit einem Ta-\nlente geschrieben, wie man es selten in Erstlings-Arbeiten\nfindet. Das Finale zeigt die meiste Originalität, es ist voll\nFeuer und Leidenschaft, wogegen das Scherzo wohl am\nwenigsten eigentümlich ist, da es in den Motiven und in\ndem Zuschnitt zu sehr an Beethoven und Mendelssohn er-\ninnert. Der erste Satz hat erstens einen etwas gar zu dü-\nstern und gar zu phantastischen Charakter, und ist zwei-\ntens zu lang ausgesponnen, so dass er monoton wird. Den\nletzteren Tadel könnte man auch gegen das Andante gel-\ntend machen, wenn nicht die gesunde und edle Melodie\nsehr anspräche, und der Comporiist durch die Mannigfal-\ntigkeit der Formen, unter denen sie stets \"wieder erscheint,\nnicht für Abwechslung gesorgt hätte. Im Ganzen offenbart\ndas Werk ernste und gründliche musicalische Studien und\nhat Beifall gefunden, eben so wie die drei Lieder: „Som-\nmergeister\", eine reizende Composition in canonischer\nForm, originel durch ihre Rhythmik und romantisch duf-\ntig; „Erster Verlust\", elegisch und poetisch in der Er-\nfindung und interessant in der Arbeit; „Im Frühling\",\nsehr ansprechend durch Feinheit der Details und eigen-\ntümliches Colorit. Die Ausführung des ganzen Pro-\ngramms war vorzüglich. In dem Concert von Mozart und\nder Phantasie von Beethoven zeigte sich Herr Wüllner\nvon Neuem als trefflicher Clavierspieler; in dem ersteren\nerwarben namentlich auch die vorzüglichen Cadenzen\nBeifall.\n\nStoppellese.\n\n1. Das „Cen tral blatt des deutschen Cur- und Bade-\nlebens\"4 (verantwortlicher Eedacteur Dr. Hob. Haas zu Wies-\nbaden) enthält einen Bericht über das rFestival* (!), das von H.\nLitolff Ende August in Wiesbaden gegeben worden. Darin lies't\nman u. A.:\n»Die Litolff'sche Musik hat die Gediegenheit einer historischen\nSchule man kannte einen solchen werthvollen Brillanten der Kunst\nin dem jetzigen Deutschland noch zu wenig\n„Seine imponirende Kraft, seine herrschaftliche Macht über\ndie Materie sein Schwung treibt das Publicum und selbst\ndie mitwirkenden Kunstkräfte immer höher in die Hochlande des\nHimmels! Bald übt er Gewaltschläge in die Gemüther mit Blitz\nund Donner aus, bald vernimmt man die feinsten, edelsten und zar-\ntesten Empfindungen wie Sphärenklang aus dem Elysium. Auch das\näussere Spiel des grossen Künstlers ist wahrhaft bewunderungswür-\ndig. Er greift und schlägt in und auf das irdene (?) Instrument und"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "343", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.7", "texte": "Elfenbein wie mit einem Zauberstabe und mit einem Erfolg, der Al-\nles hinreisst. Sein ganzer Mensch in Seele und Leib ist in seinen\nvon ihm gespielten Schöpfungen aufgelöst. Er wiegt sich hin und her,\nseine Haare fliegen, seine Nerven und Muskeln zucken und zittern,\nseine Augen funkeln und sprühen feurige Strahlen nach allen Seiten.\n»Er spielte: 1) 4me. Concerto symphonique für Piano und Or-\nchester. a. Allegro confuoco; b. Andante religioso. Wie beseelend und\nbeseligend predigte er hier! Der grossartige Saal und die ganze\ngrosse glänzende Gesellschaft verwandelten sich plötzlich in eine\nKirche. Alle Andächtigen, bis in die tiefste Seele und durch Mark\nund Bein bewegt, mussten vorerst niederfallen und zum Herrn aller\nWelten und aller Heerscharen beten, Manche auch innigst gerührt\nund freudenthränend ihm danken. Dann läuteten alle Glocken, die\nPosaunen des Himmels ertönten bis in die weitesten Schichten der\nErde, und alles Irdische lag wie Nebelbilder unter der lichtvollsten\nund heitersten Sonne. Die Engel stiegen vom Himmel herab und\ntrugen die Gläubigen auf den Fittichen ihres Gedankens in <len höch-\nsten Himmel. 2) Das Andante und Finale des dritten Symphonie-\nConcertes, national-holländisch. Nach dieser Darstellung erfährt man,\ndass der Holländer, den man für kalt hält, auch seinen seelischen\nSchrein hat, wenn er nur gehörig angeregt wird, und dann hervor-\ntritt. 3) Maximilien Robespierre, dramatische Ouvertüre, compo-\nnirt und diiigirt von Litolff. Die virtuose Darstellung der revolutio-\nnären Freiheitliebe, Stürme und aufregenden Leidenschaften, und\nzwar in allen Facen (sie), mit dem öfters wiederkehrenden Refrain der\nMarseillaise ärntete neben dem Religioso die grösste Bewunderung.\n»Unter den Mitwirkenden entzückte Madame de Sivers aus Si-\ncilien in ihrem Solospiel über Melodieen von Rossini auf der Orgel\nvon Alexandre (pere et ßls) in Paris durch ihre echt italiänische\nSchule, ihren tiefseelischen Klang mit dem ewig blauen, heiteren,\nitaliänischen Himmel, der aber auch immer noch mit dem Schmerze\nItaliens durchhaucht war. Sie war ihres Stoffes vollkommen mäch-\ntig und spielte in schmelzender Virtuosität.\n„Die Elise Schmidt, welche uns noch nicht mit ihrem hoch-\ngebildeten und weichen Gesänge beglückte, bemächtigte sich dies-\nmal in der grossen Scene aus Rodrigo du Toledo nicht ganz und\ndurchschlagend ihres Stoffes. Sie war krank Auch Formes, der\ndabei mitsang, war unterdessen etwas heiser geworden, so dass Li-\ntolffs „Rodrigo44 grösser blieb, als der Vortrag.41 (!!!)\n2. Ein berliner Kritiker. Cherubini's Säcularfeier hat zu\neinem unerquicklichen Pourparler über den Kunstwerth seiner Com-\nPositionen, vornehmlich der Ouvertüren, Anlass gegeben, das sich\nim Frankfurter Conversations-Blatt vom 4. und 13. Septemhtfr vor-\nfindet. Nachstehender Passus enthält die Quintessenz davon:\n»Wer nicht zu erkennen vermag, dass bei Cherubini die meister-\nhafte Beherrschung der Technik und die kühlste Reflexion das Prä-\ndominirende in seinen Schöpfungen ausmacht, mit dem ist über Mu-\nsik, die leidenschaftlichste und sinnlichste aller Künste, überhaupt\nnicht zu streiten. Mir gilt die Ouvertüre zu Coriolan mehr als alles,\nwas Cherubini je geschrieben.\" (Frankf. Convers.-81., 13. Sept.)\nSo expectorirt sich am Schlüsse einer Quasi-Vertheidigung wegen\neiner vor 15 Jahren „in etwas zu echaufiirtem 4 Zustande geschrie-\nbenen Kritik in einer berliner Zeitung Herr Musik-Director T ruh n«\nWäre Herr Truhn 1845 schon vollkommen Mann gewesen, als er\nsich kritisirend gegen Cherubini's Lodoiska-Ouverture gewandt und\nin einem Athem nebenbei gesagt, „Cherubini's Ouvertüren seien über-\nhaupt nichts als musicalische Gedankenstriche, erfindungs- und cha-\nrakterlos, eiskalt und ohne Interesse\", er hätte sich weder den Sinn\nnoch den Magen verdorben. Dorther Ursache und Wirkung seiner\nBlasirtheit als Kritiker, darüber er sich jetzt selber ein tadelndes\nZeugniss ausstellt. Man muss aber mehr als Einen Apfel vom Baume\nder Erkenntniss gegessen haben, um befähigt zu sein, einen hohen\nKunstgenius in allen seinen Manifestationen richtig und gerecht zu\nbeurtheilen. Es ist nur des unreifen Kritikers verdorbener Magen,\nder jetzt noch an den vielen begangenen Jugendsünden leidet. Auch\nbildet er sich nur ein, dass Beethoven's Ouvertüre eine Panacea\nfür ihn ist. Wolle sich unsere kritisirende Jugend ein Exempel\nan Herrn Truhn nehmen!\n\nS.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Das erste Gesel lscli afts-Concert im Gürzenich\nfindet Dinstag den 23. October Statt.\nBerlin. Die Neue Preuss. Zeitung berichtet über die Auffüh-\nrung von Rossini's „Semiramide\" am 6. October durch die italieni-\nsche Opern-Gesellschaft des Herrn Merelli: „Heute erschien eine\nneue Sängerin, Signora Zelia Trebelli, vom königlichen Theater\nin Madrid, als Arsazes Der Ruf hatte Ausserordentliches von dieser\nAltistin verkündet, die Spannung auf ihre Bekanntschaft zeigte sich\nin dem bis auf den letzten Platz besetzten Hause j eine erwartungs-\nvolle Stille herrschte in dem grossen Hause, als Signora Trebelli\naus der Coulisse trat und anstimmte: „Eccotni alfine in Babilonia\nDie aufmerksamen Hörer erkannten sofort, dass sich hier eine jener\nseltenen Altstimmen erhob, welche mit der natürlichen Klangschön-\nheit allen diesem Stimmfache eigentümlichen sympathischen Zauber\nverschmilzt. Dieser Zauber übte auch gleich in der Auftritts-Arie\nder Sängerin seine Wirkung: ein allgemeiner, lang1 anhaltender Applaus\nbrach aus und erneuerte sich nach dem stürmisch begehrten Dacapo-\nGesange der Altistin. Das Beifalls-Gewitter wiederholte sich den\nAbend über nach jedem Tonstücke der Furore machenden Künst-\nlerin. Nach langer Pause fanden wir hier wieder einmal bestätigt,\nwas ein gründlicher Kenner der Tonkunst über die hohe psycholo-\ngische Bedeutung der Altstimme schrieb: »»Die Ausdrucksfähigkeit\ndieser seltenen Stimme ist so eigentümlich, dass sie durch keine\nandere Gesangstimme vollkommen ersetzt werden kann; ihr Klang\n(tinibre) ist ernst, duldsam, herzlich: echt romantisch; keine andere\nStimme drückt weibliche Würde und Hoheit, religiöse Erhebung und\nHingebung so entschieden aus; sie kann sogar jugendliche Mannes-\nkraft, romantischen Heldensinn repräsentiren, ja, sie ist die versöh-\nnende Geisterstimme.\" a Nächst der Debütantin fand die Sängerin\nder Semiramide, Signora Mariani Lorini, verdiente Anerkennung.u\ntj ReyeilSburg, Mitte September. Unsere Oper hat wieder\nbegonnen, nachdem sie seit Ende Mai geruht hatte. Die Direction\nhat neue, tüchtige Kräfte gewonnen, und ist somit recht viel Gutes\nzu erwarten. Abgesehen von dem Sänger-Personale, über das noch\nkein Urtheil möglich ist, bezeichne ich die Veränderungen im Or-\nchester-Personal. An die Stelle- des sehr verdienten Capellmeisters\nKonopasek trat Herr Ott aus Anspach. Herr Beer ist als Violin-,\nHerr Pfeifer als Violoncello-Spieler engagirt; ein Sohn des ver-\nstorbenen Drobisch wird als Chormeister fungiren. In einem Con-\ncerte der letzten Tage spielte ein noch sehr jugendliches Orchester-\nMitglied, Herr Palästrini, das VII. Violin-Concert von Beriot mit\neiner Sicherheit, Reinheit, Fertigkeit und „Eleganz, welche zu deu\nbesten Erfolgen berechtigt. Ich erwähne dies mit um so grösserem\nNachdruck, als ich der Ueberzeugung bin, es sei Pflicht, strebende\njunge Talente durch verdientes Lob zu ermuntern.\nFrankflirt a« M« Durch eine glückliche Zusammenstellung\ndes Repertoires kamen die beiden Opern Vampyr und Oberon\nfast unmittelbar nach einander zur Aufführung, und es bot sich gün-\nstigste Gelegenheit, die oft hervorgehobene Aehnlichkeit zwischen\nWeber und Marschner zu prüfen. Marschner steht vielleicht als spe-\nci fisch er Musiker in manchen Einzelheiten höher als WTeber. Seine\nDeclamation, Stimmführung und seine Instrumentation ist richtiger\nund reiner, als die Weber's, seine Harmonisirung ist oft gesunder,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "344", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601020-01.1.8", "texte": "kräftiger. Dagegen kann er in Melodieen-Reichthum, in Klangfär-\nbung*) und in zündendem Feuer der Leidenschaft nicht verglichen\nwerden mit seinem Vorbilde.\nIm Vampyr ist vieles Schöne, namentlich in den lyrischen Mo-\nmenten ; auch ist die Einheit des Stils anzuerkennen. Aber die grös-\nseren Arien besonders des Vampyrs sind trotz aller Entfaltung\nder instrumentalen Mittel, die manchmal zur Ueberladung wird, matt\nund trocken, und die überall hervortretenden Anklänge an Weber,\nan die Euryanthe in der Ouvertüre, an den Freischütz bei dem je-\ndesmaligen Erscheinen des Vampyrs, sind auffallend**); doch, wie\ngesagt, die Oper bietet des Schönen noch immer genug, um ihre Er-\nhaltung auf dem Repertoire als wünschenswerth erscheinen zu lassen.\nOberon ist eine Musterkarte der Herrlichkeiten und der Schwä-\nchen Weber's. Da sind Melodieen und harmonische Wendungen, die\ngeradezu vom Himmel kommen, und daneben gezwungene, affectirte,\nmitunter ganz banale Phrasen. Dabei ist die Stimmführung eine der-\nartige, dass es den Sängern fast nicht zuzumuthen ist, ihre Partie\nimmer rein zu intoniren.\nWas nun die Aufführung der beiden Opern betrifft, so ist leider\nnicht viel Gutes zu berichten. Herr Pichler leistete im Vampyr Ver-\ndienstliches ; dagegen Hess sich unser geschätzter Tenorist Meyer in\nbeiden Partieen zu bedauerlichem Forciren der Stimme hinreissen,\nund entwickelte manchmal auch im Piano Gaumenton, der auch nicht\nangenehm wirkt. Herr Meyer hat so schöne Mittel und so tüchtige\nAnlagen, natürliche Empfindung und Feuer, dass Fehler wie die vor-\ngeführten, und die sich erst in letzter Zeit bemerkbar\nmachen, von ihm sehr leicht vermieden werden können.\nFräulein Carl schien an beiden Abenden nicht gut disponirt zu\nsein. Desto besser aber war es Fräulein Medal zum Schreien und\nTremuliren. Die junge Dame besitzt Talent und natürliche Beweg-\nlichkeit auf der Bühne, und wenn sie ihr Feuer mässigen und durch\nStudium die Stimme gehörig zu verwenden lernte, so würde ihr eine\nangenehme Carriere zu verkündigen sein. Die Chöre waren wie im-\nmer vortrefflich.\nWir können diese Besprechung nicht schliessen, ohne einige\nWorte über den Zustand der hiesigen Oper im Allgemeinen zu sa-\ngen. So gern wir den Verhältnissen Rechnung tragen, durch welche\nfast die grössten Meisterwerke von unserer Bühne verbannt sind, weil\ndie Kräfte dafür fehlen; so gern wir das Streben der Oberleitung\nanerkennen, mit den vorhandenen Kräften das möglich Beste vorzu-\nführen so können wir doch nicht umhin, auf Uebelstände hinzu-\nweisen, deren Beseitigung dringend nothwendig ist und unter allen\nVerhältnissen gefordert werden kann. Es gibt sich seit einiger Zeit\neine Lauheit, Gleichgültigkeit, ein Mangel an Zusammenwirken in den\nOpernvorstellungen kund die der „Faniska\" wollen wir als Aus-\nnahme gelten lassen —, bei der kein Institut auf die Dauer bestehen\nkann. Dem muss abgeholfen werden im Interesse der Sänger wie\ndes Publieums. Und möge man rasch zur That schreiten, so lange\nnoch die Kritik allein ihre Stimme geltend macht; denn wenn das\nPublicum seine Sache selbst zu vertreten beginnt, dann ist es zu\nspät Wir begnügen uns heute mit dieser Andeutung. (Frankf. Z.)\nEs heisst, Herr von Flotow sei mit der Composition einer\nneuen Oper Text von Emil Pohl beschäftigt.\n*) Hierin hat Weber Unglaubliches geleistet. In der Introduction\nder Oberon-Ouverture kommt eine Stelle vor, wo die Clarinet-\nten den Grundbass einer Melodie führen, welche\nvon den Celli ausgeführt wird. Wenn man diese Stelle\nauf dem Papier sieht, so kann man die wunderbare, zauber-\nhafte Wirkung der Ausführung nicht ahnen.\n**) Stirbt doch der Yampyr bei demselben Pizzicato der Bässe,\ndas auch Caspars Tod begleitet!"}]}