{"numero_id": "bm-bmtnabi-1860-12-01-01", "volume": "bmtnabi_1860-12-01_01", "ocr_sha256": "c30d8f7a7ab538bc7207f0bd13f58bbd7f19a7d4f60cf00859e0a747f7ef2b78", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1860/12/01_01/bmtnabi_1860-12-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1860-12-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-12-01_01#c001", "volume": "bmtnabi_1860-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "385", "page_fin": "385", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "385", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 468, "texte": "Inhalt.\nBeethoven's Missa solemnis. Aufgeführt im dritten Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich. Fortsetzung, statt Schluss.\nBeurtb eilungen. Für Gesang. Ferd. Hiller, Naenia Heloisae ei Gesang Helo'isens und der Non-\nnen am Grabe Abälard's. Hymne aus dem Mittelalter. Op. 62. Studien für Pianoforte. B.E.Philipp, 12 Etüden, Op. 28, Charles Mayer\n3 grosse Etüden, Op. 159, L. Köhler, Clavier-Etuden, Op. 60. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Soireen Barmen.) 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November.\n(Fortsetzung, statt Schluss. S. Nr. 48.)\nDad ieses gewaltigste Werk unter allen Compositionen\nBeethoven's den Kunstfreunden und selbst vielen Musikern\nnoch am wenigsten bekannt ist, auch von den Auslegern\nund Dolmetschern Beethoven'scher Werke gar nicht zum\nThema ihrer Phantasieen und kunstphilosophisehen Deu-\ntungen genommen worden ist—was freilich seine sehr gu-\nten Gründe hat—, wohl aber manche, zum Theil ganz\nunbegründete Vorurtheile der wahren Würdigung dessel-\nben entgegen stehen, so wollen wir der Betrachtung des-\nselben einige Blätter widmen und zunächst nach den besten\nQuellen das Historische, was sich an die Messe in\nknüpft, zusammenstellen.\nBeethoven's Verh&ltniss zum Erzherzoge Rudolf ist\nbekannt. Die Ernennung dieses erlauchten Schülers und\nGönners des berühmten Meisters zum Cardinal und Erz-\nbischof von Olmütz wurde zu Wien im Jahre 1818 be-\nkannt; seine feierliche Einsetzung wurde auf den 9. März\n1820 festgesetzt. -\n„Ohne irgend welche Aufforderung\", sagt Schindler\n(Biographie, 1., S. 269 ff.), „ fasste Beethoven den Entschluss,\nzu dieser Feierlichkeit eine Messe zu schreiben, sich somit\nnach langen Jahren wieder dem Zweige seiner Kunst zu-\nzuwenden, zu dem er sich wie er oft geäussert—neben\nder Sinfonie am meisten hingezogen fühlte. Im Spätherbste\nvon 1818 sah ich diese Partitur beginnen, nachdem so\neben die Riesen? Sonate in B-dur, Op. 106, beendigt war.\nDen Sommer von 1819 verlebte unser Meister wieder in\nMödling. Dort besuchte ich ihn häufig und sah die Messe\nfortschreiten, auch hörte ich ihn Zweifel äussern an der\nmöglichen Beendigung des Werkes zum festgestellten Ter-\nmin, weil jeder Satz unter der Hand eine viel grössere\nAusdehnung gewonnen hatte, als es anfänglich im Plane\ngelegen. Als weiterer Grund des langsamen Fortschreitens\ndürfen noch die Vorgänge mit der Processsache am wie-\nner Magistrate angenommen werden, die ihn so sehr prä-\noccupirt hatten. Ende Octobers 1819 nach Wien zurück-\ngekehrt, brachte er das Credo fertig mit, und zur Zeit, als\nder Erzherzog die Reise zur Installationsfeier nach Olmütz\nangetreten, war der Meister mit seiner Arbeit bia zum\nAgnus Bei vorgeschritten. Wird aber in Erwägung gezo-\ngen, wie es Beethoven mit der Feile eines jeden Werkes\nzu halten pllegte, welche Summe von Zeit nach Verhält-\nniss zu Inhalt und Form auf jedes verwandt worden, so\ndarf wohl gesagt werden, dass bis zum Tage der Installa-\ntionsfeier noch kein Theil im Sinne des Autors vollen-\ndet vorgelegen. Erst im Jahre 1822 konnte die letzte\nFeile an dieses Werk gelegt werden.\nGedenke ich der Erlebnisse aus dem Jahre 1819,\nvornehmlich der Zeit, als der Tondichter im Hafnerhause\nzu Mödling mit Ausarbeitung des Credo beschäftigt gewe-\nsen, vergegenwärtige ich mir seine geistige Aufgeregtheit,\nso muss ich gestehen, dass ich niemals vor und niemals\nnach diesem Zeitpunkte völliger Erden-Entrücktheit wie-\nder Aehnliches an ihm wahrgenommen habe. Es sei ge-\nstattet, nur Eines anzuführen. Gegen Ende August kam\nich in Begleitung des in Wien noch lebenden Musikers\nJohann Horzalka in des Meisters Wohnhause zu Mödling\nan. Es war 4 Uhr Nachmittags. Gleich beim Eintritte ver-\nnahmen wir, dass am selben Morgen Beethoven's beide\nDienerinnen davongegangen seien, und dass es nach Mit-\nternacht einen alle Hausbewohner störenden Auftritt gege-\nben, weil in Folge langen Wartens Beide eingeschlafen\nund die zubereiteten Gerichte ungeniessbar geworden. In\neinem der Wohnzimmer bei verschlossener Thür hörten\nwir den Meister über der Fuge zum Credo singen, heulen,\nstampfen. Nachdem wir dieser nahezu schauerlichen Scene\nlange schon zugehorcht und uns eben entfernen wollten,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "386", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5350, "texte": "Öffnete sich die Thür, und Beethoven stand vor uns mit\nVerstörten Gesichtszügen, die Beängstigung einflössen konn-\nten. Er sah aus, als habe er so eben einen Kampf auf Tod\nund Leben mit der ganzen Schar der Contrapunktisten,\nseinen immerwährenden Widersachern, bestanden. Seine\nersten Aeusserungen waren confus, als fühle er sich von\nunserem Behorchen unangenehm überrascht. Alsbald kam\ner aber auf das Tagesereigniss zu sprechen und äusserte\nmit merkbarer Fassung: „ „Saubere Wirthschaft! Alles ist\ndavon gelaufen, und ich habe seit gestern Mittag nichts\ngegessen.\"\" Ich suchte ihn zu besänftigen und half bei der\nToilette. Mein Begleiter aber eilte voraus in die Restau-\nration des Badehauses, um Einiges für den ausgehunger-\nten Meister zubereiten zu lassen. Dort klagte er uns die\nMissstände in seinem Hauswesen. Dagegen gab es jedoch\naus vorbemeldeten Gründen keine Abhülfe. Niemals wohl\ndürfte ein so grosses Kunstwerk unter widerwärtigeren\nLebens-Verhältnissen entstanden sein, als diese Missa so-\nlemnis.\"\nSeine erste Messe (in C-dur) halte Beethoven im Jahre\n1807 geschrieben („Christus am Oelberg\" schon im Jahre\n1803), und zwar für den Fürsten Esterhazy in Eisenstadt,\ndessen Capellmeister damals Hummel, Haydn's Nachfolger\nin dieser Stelle, war. Zwei Sätze derselben wurden 1808\nauch in Wien, die ganze Messe aber erst 1816 aufge-\nführt, nachdem sie bereits 1813 in Leipzig bei Breitkopf\n& Härtel erschienen war.\nEs liegen also zwischen der Composition der ersten\nund der zweiten Messe beinahe zwölf Jahre. Aber in\ndiese zwölf Jahre fallen die Sinfonieen Nr. IV., V., VI., VII.,\nVIII. und die Schlacht bei Vittoria, die Ciavier-Concerte\nin G-dur und in JEs-dur und die Phantasie mit Chor Op.\n80, die Violin-Quartelte Op. 59 (F-dur, G-moll, C-dur)\nund Op. 74 (Es-dur),die Clavier-Trio's Op. 70 und Op.\n97, die Sonate mit Violine Op. 96, mit Violoncello in A-\ndur, Op. 69, die Sonaten für Ciavier allein von Op. 81\n(J Les Adieux)bis Op. 106 in Ja, bevor er noch\ndie letzte Hand an die D-dur-Mese im Jahre 1822 ge-\nlegt hatte, waren auch schon die letzten Sonaten Op. 109,\n110 und 111 geschrieben. Welch eine Kluft also liegt\nzwischen der ersten und der zweiten Messe, und welche\nReihe von gewalligen Werken hatte der Biesengeist, der\nbereits den höchsten Gipfel seiner Entwicklung erreicht,\ngeschaffen, als er die Messe in vollendete!\nDass Beethoven das Werk unter widerwärtigen Ver-\nhältnissen schrieb, und dass es dennoch seine höchste Lei-\nstung war, ist nur in so fern der Ueberlieferung werth,\nals es beweis't, dass sein Genius sich aus allen äusseren,\nirdischen Banden zu lösen wusste, wenn die innere Stimme\nzum Schaffen rief, und dies ist bei allen grossen Künstlern\ndas wahre Kennzeichen des göttlichen Berufes. Wüsslen\nwir, wie manche unsterbliche Werke des Dichters und\nComponisten, des Bildhauers und Malers unter den been-\ngendsten, drückendsten, widerwärtigsten Umständen ent-\nstanden sind, wir würden erkennen, wie ganz und gar\nselbstständig und unabhängig von äusseren Verhältnissen\ndie Entwicklung und die Kraft des Geistes ist, und wür-\nden aufhören, das Werden, Erstarken und Schaffen des\nGenius aus seinen persönlichen Lebens-Verhältnissen und\nUmgebungen erklären zu wollen, da diese den Dichter\nwohl fördern, niemals aber ihn erzeugen können. Etwas\nAnderes ist es mit den Zeitverhältnissen, mit dem Geiste,\nder die Welt durchzieht und die jedesmalige Stufe der\nEntwicklung der ganzen Menschheit kennzeichnet; der\nEinwirkung dieser Factoren kann sich auch der Künstler\nnicht entziehen.\nEin anderer Beweis der Macht des Genius, sich zu\nisoliren, sich ein fest umgränztes Gebiet abzustecken, in\nwelchem seine Schöpfungskraft sich auf die Idee eines be-\nstimmten Kunstwerkes concentrirt, liegt in der Möglich-\nkeit, aus diesem Gebiete zeitweise heraustreten und sich\nmit anderen gleichgültigen Dingen oder gar entgegenge-\nsetzten Kunststoffen beschäftigen zu können, und dennoch,\nsobald jenes Gebiet, gleichsam das Heiligthum, in welchem\ndie Mysterien walten, wieder betreten wird, die ganze\nKraft der Phantasie augenblicklich wieder zu finden und\n„die Poesie\" in der That gleichsam „zu commandiren\".\nMozart hatte diese Isolirung des Geistes bekanntlich so\nsehr in der Gewalt, dass er sogar zugleich mit dem Auf-\nschreiben des im Kopfe Fertigen von den gewöhnlichsten\nhausbackenen Dingen plaudern konnte. Von Beethoven\nerzählt Schindler auch in dieser Beziehung Interessantes.\nNach seiner eigenen Aussage hatte der Meister vor\nseiner Ankunft in Wien (1792) gar keine volkstümliche\nMusik, am wenigsten Tanzmusik, gekannt. Nachher be-\nschäftigte er sich viel damit und versuchte auch im Cha-\nrakter der österreichischen Tänze zu schreiben. Der letzte\nVersuch der Art fällt in das Jahr 1819, also mitten in\ndie Begeisterung für die Composition der grossen Messe\nhinein.\n„Im Gasthofe „Zu den drei Baben\" bei Mödling (Beet-\nhoven's gewöhnlichem Sommer-Aufenthalte) spielte\", sagt\nSchindler, 1., S. 156, „seit langen Jahren eine Gesellschaft\nvon sieben Mann. Diese war eine der ersten, die den vom\nBheine gekommenen jungen Musiker die National-Weisen\nder neuen Heimat unverfälscht hören liess. Man machte\ngegenseitig Bekanntschaft, und alsbald wurden für diesel-\nben einige Partieen „Ländler\" und andere Tänze compo-\nnirt. Im Jahre 1819 hatte Beethoven wiederum dem An-\nsuchen dieser Gesellschaft willfahrt. Bei Ueberreichung des"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "387", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5198, "texte": "neuen Opus an den Chef der Gesellschaft zu Mödling war\nich anwesend. Der Meister äusserte unter Anderem in hei-\nterster Stimmung, er habe diese Tänze so einge-\nrichtet, dass ein Musiker um den anderen das\nInstrument zuweilen niederlegen, ausruhen\noder schlafen könne. Nachdem der Fremde voll Freude\nüber das Geschenk des berühmten Componisten sich ent-\nfernt hatte, fragte Beethoven, ob ich nicht bemerkt habe,\nwie die Dorf-Musicanten oft schlafend spielen, zuweilen\ndas Instrument sinken lassen und ganz schweigen, plötz-\nlich erwachen, einige herzhafte Stösse oder Streiche aufs\nGerathewohl, doch meist in der rechten Tonart, thun, um\nsogleich wieder in Schlaf zu fallen;—in der Pastoral-Sin-\nlonie habe er „ „diese armen Leute zu copiren\"\" versucht.\"\nWer hat diese köstlichen Erzeugnisse des Humors\nnicht aus dem „lustigen Zusammensein der Landleute\"\nvor dem „Gewitter\" in der Pastoral-Sinfonie erkannt?\nZu den „Gedankenspänen\", wie sie Schindler mit\nRecht nennt, welche beim Componiren grösserer Werke\nabfielen, gehören auch diezweiten „Bagatellen\", später\nals Op. 126 bei Schott gedruckt. Sie waren ebenfalls\nwährend der Arbeit an der Messe in D entstanden.\n(\nDa Beethoven in den letzten fünf Jahren vor der Voll-\nendung der grossen Messe wenig veröffentlicht hatte, so\nhiess es, Beethoven „habe sich ausgeschrieben\" ; ja, in\nder Allg. Musik-Zeitung (XXIII., 530) stand zu lesen:\n„Beethoven beschäftigt sich, wie einst Vater Haydn, mit\nNotiren schottischer Lieder; für grössere Arbeiten scheint\ner völlig abgestumpft zu sein!!\" —Seine ökonomische Lage\nwar in dieser Periode nichts weniger als glänzend, viel-\nmehr beengt, oft geradezu drückend, wiewohl er einige\nBank-Actien im Pulte hatte, die er aber aus Liebe zu sei-\nnem Neffen nicht verwerthen wollte. Namentlich war sein\nVerhältniss zu den wiener Verlegern ein schmählich ab-\nhängiges geworden. Es musste daher auf einen Plan ge-\nsonnen werden, den Finanzen kräftig aufzuhelfen.\nDies war die Veranlassung zu dem Entschlüsse des\nsonst nicht eben monarchisch gesinnten Beethoven, das\nManuscript der Messe in Dgrossen und kleinen Fürsten\nauf Subscription für den Preis von fünfzig Ducaten an-\nzubieten.\nFür die Sache selbst sind die Aeusserungen Beetho-\nven's über sein Werk in den Begleit- und Einladungs-\nschreiben wichtiger, als die Resultate des ganzen Finanz-\nplanes, die nicht so bedeutend waren, als man zu erwar-\nten berechtigt war (400 Ducaten). In dem deutschen Ein-\nladungsschreiben bezeichnet er die Messe in D als sein\n„gelungenstes Werk\", in dem Schreiben an den Kö-\nnig von Frankreich: „l'oeuvre leplus accompli\"; in allen\nstand die ausdrückliche Bemerkung, dass das Werk auch\nals Oratori u m gebraucht werden könne (Schindler,\nIL, S. 16).\nAm merkwürdigsten dürften die Aeusserungen in der\nCorrespondenz mit Zelter in Berlin sein (Schindler, 11.,\nS. 19):\n„In der Erwiderung auf den Beethoven'schen Antrag\nvom 22. Februar 1823 macht Zelter aufmerksam, dass\nin dem von ihm geleiteten Institute nur Werke a capella\n(ohne Instrumental-Begleitung nämlich) geübt werden, und\nwünscht, dass das für diese Akademie bestimmte Exem-\nplar gleich so eingerichtet werde, indem Beethoven bereits\nbemerkt habe, dass die Missa beinahe durch die Singstim-\nmen allein aufgeführt werden könnte. Unterm 25. März\nschreibt der Wiener an den Berliner wieder: Ich\nhabe noch genau nachgedacht über Ihren Vorschlag für\nIh re Sing-Akademie; sollte die Messe einmal im Stiche\nerscheinen, so schicke ich Ihnen ein Exemplar, ohne\netwas dafür zu nehmen; gewiss ist, dass sie beinahe ganz\na capella aufgeführt werden könnte, das Ganze müsste\naber doch hierzu noch eine Bearbeitung finden, und viel-\nleicht haben Sie die Geduld hierzu. Uebrigens kommt\nohnehin ein Stück ganz a cape bei diesem Werke vor,\nund möchte ich gerade diesen Stil vorzugsweise den einzi-\ngen wahren Kirchenstil nennen.\"\" —Damit wird wohl das\nKyrie gemeint sein.\"\nHier entsteht die Frage, was Beethoven mit dem „ein\nStück ganz a capella\"gemeint haben möge. Wie Schind-\nler dazu kommt, diese Aeusserung auf das zu be-\nziehen, begreifen wir nicht; wenigstens wäre es so, wie es\nuns jetzt vorliegt, unmöglich a capella zu singen. Man\ndenke, alles Andere zu verschweigen, nur an den Ueber-\ngang der Singstimmen beim Wiedereintritt des\nprimo aus Fis-moll in G-dur ohne das Zwischenspiel des\nOrchesters! Bekanntlich finden sich nur die sechs Tacte:\nEt resurrexit— sccundum scripin der Messe a\npella behandelt, und diese kann Beethoven doch kaum mit\ndem Worte „ein Stück\" gemeint haben, wonach denn\nseine Aeusserung ein Räthsel bleibt.\nDas Concept seines Briefes an Cherubini in dersel-\nben Angelegenheit ist ebenfalls in mancher Beziehung merk-\nwürdig. Es befindet sich auf der königlichen Bibliothek zu\nBerlin und lautet so (Schindler, 11., 352):\n„Hochgeehrtester Herr! Mit grossem Vergnügen er-\ngreife ich die Gelegenheit, mich Ihnen schriftlich zu nahen.\nIm Geiste bin ich es schon oft genug, indem ich Ihre\nWerke über alle anderen theatralischen schätze. Nur muss\ndie Kunstwelt bedauern, dass seit längerer Zeit, wenig-\nstens in unserm Deutschland, kein neues theatralisches\nWerk von Ihnen erschienen ist. So hoch auch Ihre andern\nWerke von wahren Kennern geschätzt werden, so ist es\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "388", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5015, "texte": "doch ein wahrer Verlust für die Kunst, kein neues Pro-\nduet Ihres grossen Geistes für das Theater zu besitzen.\nWahre Kunst bleibt unvergänglich, und der wahre Künst-\nler hat inniges Vergnügen an grossen Geistes-Producten.\nEben so bin ich auch entzückt, so oft ich ein neues Werk\nvon Ihnen vernehme, und nehme grösseren Antheil daran,\nJ\nals an meinen eigenen; kurz, ich ehre und liebe Sie. Wäre\nnur meine beständige Kränklichkeit nicht Schuld, Sie in\nParis sehen zu können, mit welch ausserordentlichem Ver-\ngnügen würde ich mich über Kunstgegenstände mit Ihnen\nbesprechen! Glauben Sie nicht, dass, weil ich jetzt im-Be-\ngriffe bin, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten, dies bloss\nder Eingang dazu sei. Ich hoffe und bin überzeugt, dass\nSie mir keine so niedrige Denkungsweise zumuthen.\n„Ich habe so eben eine grosse solenne Messe vollen-\ndet und bin Willens, selbe an die europäischen Höfe zu\nsenden, weil ich sie vor der Hand nicht öffentlich im Stich\nherausgeben will. Ich habe daher durch die französische\nGesandtschaft hier auch eine Einladung an Se. Majestät\nden König von Frankreich ergehen lassen, auf dieses Werk\nzu subscribiren, und bin überzeugt, dass der König selbe\nauf Ihre Empfehlung gewiss nehmen werde.\ncritique demande, que je ne fi\ndinaire mes voeux au ciel, au\naussien bas pour les neeessites Wie es auch\ngehen mag mit meiner Bitte an Sie, ich werde Sie dennoch\nalle Zeit lieben und verehren,\ncelui de mes contemporains,\nVous mes voulez faire un estrem\nm'ecrivez quelques lignes, ce\nunit tout le monde,wie viel mehr wahre Künstler,\netre Vous me dignez aussi, de me mettre auch zu rechnen\nunter diese Zahl.\n„Avec le plus haut estime\n„ Votre ami et serviteur\n„B eethoven.\"\nWenn Schindler, 11., S. 322, aus diesem Briefe fol-\ngert, dass Beethoven nur von den theatralischen Werken\nCherubini's spreche, und sich dafür auf Zeile 3 und 4 des\nBriefes beruft, auch eben daselbst bemerkt, dass Beetho-\nven von Cherubini's Kirchenmusik bloss die Messe in\ngekannt habe, so scheint dagegen die andere Aeusserung\nin demselben Briefe zu sprechen: „Eben so bin ich auch\nentzückt, wenn ich ein neues Werk von Ihnen ver-\nnehme, und nehme grösseren Antheil daran, als an mei-\nnen eigenen.\" Wenn dies nicht als eine blosse Bedensart\nerscheinen soll, so kann Beethoven im Jahre 1823 mit\n„neuen Werken\" von Cherubini nur Kirchenwerke ge-\nineint haben, da Cherubini seit 1813 bis 1823 (ja, bis\n1833: „Ali Baba\") nichts für das Theater geschrieben\nhat. Es dürfte sich der Zeitraum sogar von 1805 („Fa-\nniska\") bis 1823 für Beelhoven erstrecken, da er die\nAbencerrages (1813), die niemals in Deutschland aufge-\nführt worden sind, schwerlich kennen gelernt hat.\nAus den übrigen Briefen ist die Stelle in Beethoven's\nSchreiben an den König von Schweden, Karl XIV. Johann\n(Bernadotte), für die Geschichte der Sinfonia eroica merk-\nwürdig, weil daraus hervorgeht, dass Bernadotte, zur Zeit\nGesandter der französischen Bepublik in Wien, in dem\nComponisten wirklich die Idee, den ersten Consul und\ngrössten Feldherrn Bonaparte in einem Tonwerke zu fei-\nern, zuerst angeregt hat.\nDer Erfolg der ganzen Finanz-Operation dass es\neine solche war, darf man übrigens bei der Beurthciiung\nvon Beethoven's brieflichen Aeusserungen nie verges-\nsen!— bestand darin, dass die Höfe von Preussen, Buss-\nland, Frankreich, Sachsen, Hessen-Darmstadt, der Fürst\nAnton Badziwill, der Fürst Nikolaus Galitzin und der\nCäcilien-Verein in Frankfurt am Main unter Schelble's\nDireclion jeder mit 50 Ducaten unterzeichneten. Der Kö-\nnig von Frankreich fügte noch eine goldene Medaille (21\nLouisd'or an Gewicht) mit seinem Brustbilde und dem\nAvers: „Dornte par le Roi ä hinzu.\nCherubini erklärte übrigens später an Schindler, dass er\nBeethoven's Brief gar nicht erhalten habe. Göthe, an den\nBeethoven ebenfalls geschrieben, antwortete so wenig, wie\nsein Hof.\nBedeutender als alle Selbsturtheile Beethoven's über\nseine Messe in D ist für uns seine Ueberschrift zum\nKyrie, worüber Aloys Fuchs in einem Briefe an Schindler\nvom 30. September 1851 also berichtet:\n„Es war im Herbste des Jahres 1828, als mich der\nIhnen gewiss auch bekannte musicalische Geschichtsfor-\nscher G. Polch au aus Berlin besuchte und, da wir schon\nlange im autographischen Verkehr standen, mich fragte,\nob ich ihm nicht ein schönes Autograph von Beethoven\nverschaffen könnte. Da ich bei Beethoven's Auction Augen-\nzeuge war, wie die Verleger Artaria und Haslinger Alles\nzusammenrafften und keiner armen Christenseele etwas zu-\nkommen lassen wollten, so rieth ich Herrn Pölchau, zu\neinem dieser Herren zu gehen, um sich etwas auszusuchen.\nEr entschied sich für Artaria und bat mich, ihn dahin zu\nführen. Es wurden uns mehrere Originalien von Beetho-\nven vorgezeigt, die wir mit dem grössten Interesse beschau-\nten. Unter diesen befand sich auch die Partitur der zwei-\nten Messe in Dii in ungeheurem gr. Folio-Format, und\nPölchau kaufte das ganze Kyrie um 4 St. Ducaten in Gold.\nIch erinnere mich noch, dass zu Anfang des Stückes von\nBeethoven's Hand geschrieben stand: „„Vom Herzen\n0"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "389", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1985, "texte": "kam es, zum Herzen möge es gehen.\"\"*) Es gehört\naber ein kaufmännischer Vandalismus dazu, von einem sol-\nchen Werke das Kyrie einzeln zu verkaufen und so das\nGanze wie ein geschlachtetes Lamm pfundweise auszu-\nschroten. Wie mit derSortirung des Beethoven'schen Nach-\nlasses umgegangen wurde, habe ich selbst erfahren, indem\nich mir unter anderen Autographen auch das der\nersten Messe in C kaufte, nach Jahren aber eben bei Ar-\ntaria das Gloria dieser Messe fand, welches ich um schwere\nOpfer an mich bringen musste, um dieses schöne Werk\nnur einiger Maassen zu ergänzen. Leider geht das\nnur bis zum Quoniam, und wo der Rest sein mag, wissen\ndie Götter. Alle angewandten Versuche der Auffindung\nblieben fruchtlos.\"\nBeethoven war in der katholischen Religion erzogen;\ner beobachtete über Religions-Gegenstände und über con-\nfessionelle Dogmen dieselbe Schweigsamkeit, wie über das\nGebiet der Musik-Wissenschalt. Er erklärte Religion und\nGeneralbass für in sich abgeschlossene Dinge, über die\nman nicht weiter disputiren solle. Dabei hatte er folgende\nInschriften* eigenhändig abgeschrieben (wahrscheinlich aus\nChampollion's Werk über Aegypten), in Glas und Rahmen\nüber seinem Schreibtische hangen:\n„Ich bin, was da ist.\" — „Ich bin Alles, was ist, was\nwar, was sein wird; kein sterblicher Mensch hat meinen\nSchleier aufgehoben.\" — „Er ist einzig von ihm selbst, und\ndiesem Einzigen sind alle Dinge ihr Dasein schuldig.\" —\n(Schindler, IL, 161 ff.)\nHalten wir diese Sätze mit der so eben erwähnten\nUeberschriit des Kyrie und mit Beethoven's Leben und\nWeben in der Natur und seiner vielfachen Beschäftigung\nO D\nmit „Christian Stu rm's Betrachtungen der Werke Got-\ntes in der Natur\" zusammen, so werden wir ahnen, auf\nwelche Weise ein Geist wie Beethoven's die Gottesvereh-\nrung auff'asste, ein Herz und Gemüth wie seines die Reli-\ngion als Sache des Gefühls in seine innersten Tiefen ver-\nschloss und nur in seiner Sprache, in Tönen, sich darü-\nber auszusprechen vermochte.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-12-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-12-01_01#c003", "volume": "bmtnabi_1860-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "389", "page_fin": "391", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.2.3", "titre_corps": "Beurtheilungen.", "titre_sommaire": "Beurtheilungen.", "signature_source": "M", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "389", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.5", "debut_caractere": 1987, "fin_caractere_exclue": 4403, "texte": "Beurtheilungen.\nFür Gesang.\n\nFerdinand Hiller, Na enia Helo'isae et Mo-\nli alium juxta sepulcrum Gesang He-\nloisens und der Nonnen am Grabe Abälard's.\n$ v\nHymne aus dem Mittelalter mit deutscher Ueber-\nsetzung von G. A. Königsfeld, für eine Alt-\nstimme, Frauenchor und kleines Orche-\nster componirt, Fräulein Jenny Meyer zuge-\neignet. Op. 62. Breslau, Verlag von F. E. C.\nLeuckart (Constantin Sander). Partitur mit un-\ntergelegtem Clavier-Auszug 20 Sgr. Orche-\nster- und Singstimmen 20 Sgr. Chorstimmen be-\nsonders 3 Sgr.\nDas sehr schöne lateinische Gedicht (aus der Samm-\nlung der Hymnobgiton Königsfeld) versetzt unsere Ein-\nbildungskraft in das Grabgewölbe, in welchem Abälard's\nSarg steht. Die Nonnen singen ihm das Ruhelied:\nRequieseat a la<\nDobroso et amor\nUnionem Coeliium\nFlagitavit:\nJam intravit\nSalvatoris adytum.\nNach der zweiten Strophe beginnt der Gesang Heloisens:\nSalve, vidor sub corona!—Sie spricht ihre Sehnsucht nach\nVereinigung mit dem Geliebten durch den Tod aus:\nTecum /ata sum\nTecum dormiam\nEt inSion venia\nDer Chor der Nonnen tritt mit Jeisem Gebete hinzu, bald\nihre Worte unterbrechend, bald begleitend. Da hört sie\nin Verzückung himmlische Klänge:\nAudin'? sonat gaudia\nCantüena\nEt amoena\nAngebrum cithara !\nIhre Stimme verhallt in dahinsterbendem Hauch, der Chor\nnimmt die erste Strophe des Ruheliedes wieder auf, aber\ndas erste Wort: „Requieseat/\" („Ruhe nun!\") verwan-\ndelt sich in „Requiescant!\" („Ruhet Beide!\") eine so\neinfach schöne Andeutung, dass Heloise todt an dem Sarge\nhingesunken, wie sie in keiner anderen Sprache wieder-\ngegeben werden kann. Ueberhaupt wollen wir hier gleich\nbemerken, dass erstens (wie sich das freilich von selbst ver-\nsteht) die Musik auf den Original-Text componirt ist, und\nzweitens, dass bei der Aufführung der lateinische Text\ngesungen werden muss. Am besten ist es, bei diesen und\nähnlichen geistlichen Gesängen im Programm den Urtext\nund daneben zur Orientirung für das grosse Publicum die\nUebersetzung abdrucken zu lassen, im Gesänge aber stets\njenen beizubehalten*).\n\n*) Aloys Fuchs bemerkt hier in einer Randnote, dass sich dieses\nKyrie gegenwärtig in der berliner Hof-Bibliothek befinde sammt\ndem ganzen Pölehau'schen Nachlasse. Dort hat es auch\nSchindler gesehen.\n*) S. 16 der Partitur ist aus Versehen in den ersten Exemplaren\nin der Uebersetzung von Königsfeld die Zeile: „Mit dir trug\nich Leid und Lasten\", zwei Mal abgedruckt Unter dem Vers"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "390", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4954, "texte": "Den schönen Text, im Ganzen sieben Strophen, hat\nF. Hiller trefflich aufgefasst und den Inhalt und die er-\ngreifende Situation auf melodisch einnehmende und har-\nmonisch einfache Weise in entsprechender musicalischer\nPoesie wiedergegeben.\nDer durchweg zweistimmige Frauenchor und auch die\nSolostimme erinnern an den Stil der älteren italiänischen\nKirchen-Componisten, ohne irgendwo gesucht oder copirt\nzu erscheinen; vielmehr hat es Hiller verstanden, den Reiz\nder neueren Instrumentirung mit diesem Stil zu verschmel-\nzen, und dies ist ihm nicht bloss auf geistreiche Weise,\nwie immer, sondern zugleich auch auf melodisch fliessende,\nungemein anziehende Weise gelungen. Diese Begleitung\nwird nur von den Bogen-Instrumenten (die Violinen\nsordini), zwei Flöten, zwei Clarinetten und zwei Hörnern\nausgeführt und ist überall zart und sanftklingend gehalten.\nZu der ersten Strophe der Solostimme tritt das Violoncell\nals Solo-Instrument hinzu, und einzelne Anklänge dessel-\nben wiederholen sich auch bei den folgenden; bei der letz-\nten aber: „Audin' ? sonat gaudia Angelorum citharau\npräludirt eine Solo-Violine ohne Sordin, bleibt über den\nletzten Lauten der Sterbenden schwebend und schliesst\nallmählich absinkend die Cantilene. Auch in den Schluss-\ngesang des Chors klingt sie noch zuweilen wie eine Stimme\nvon oben mit reizenden Melismen hinein.\nDas Ganze ist eine schöne Perle für Gesang-Vereine\nund kann, wie man sieht, ohne grosse Mittel und Kräfte\naufgeführt werden. Der Chor wird sogar mehr Wirkung\nthun, wenn er nicht sehr zahlreich besetzt ist. L.\nStudien für Pianoforte.\nB. E. Philipp, Songe dorne\npieees caracteristiques\nBreslau, Leuckart. 3 Hefte.\nDiese Charakter-Etuden verbinden mit lieblichen,\nmeist originellen Melodieen eine reine, anmuthige und\ndurchsichtige Factur. Ein heutzutage hoch anzuschlagen-\ndes Verdienst, das Vermeiden eines überstürzenden Ha-\nschens nach fremden, bizarren Wendungen und Accorden,\ngibt ihnen gewiss bei dem Unbefangenen den Vorzug vor\nvielen anderen ihres Gleichen, wenn sich auch nicht läug-\nnen lässt, dass dieses ewige schulgerechte Imsattelbleiben\nunserem heutigen Ohr denn doch etwas monoton vor-\nkommt. Was wir einigen Etüden daher noch wünschten,\nwäre etwas mehr Abwechslung in den Harmonieen und\nauch mehr technische Ausführung. Einige derselben kom-\nmen uns—offen gesagt für Etüden viel zu harmlos vor.\nWir finden darin viel zu wenig Gelegenheit zur Ausbil-\nDung der Technik, wie man sie heutzutage fordert, so z. ß.\nin Nr. 3, 4, 5, 7, theilweise auch in Nr. 8. Was die ge-\nhaltvolle Durchführung betrifft, so empfehlen wir beson-\nders die Nummern 4, 5, 8, 9 und 10, die gewiss Jeder-\nmanns Beifall erhalten werden. Zum Schlüsse noch die Be-\nmerkung, dass sowohl der Titel als die\nmeisten Ueberschriften der einzelnen Stücke (z. B.\nUtes, La -coterie, La jabusie,\nu. s. w.), obendrein bei anspruchslosem Inhalt, zu coquett\nund in Spielerei ausartend erscheinen. Und warum fran-\nzösisch?— Schliesslich sprechen wir unsere Ansicht dahin\naus, dass diese Etüden besonders zur Erreichung einer\nzarten, geschmackvollen Spielart das Ihrige redlich beitra-\ngen und durch ihren ansprechenden Inhalt dem musicali-\nschen Ohr und Geschmack eine ergiebige Beschäftigung\ngeben.\nCharles Mayer, Trois grandes etudes bril-\nlantes pour Piano. Op. 159. Breslau, Leuckart.\n3 Hefte.\n>\nAuszuge. 24 Studien für das Pianoforte in metho-\ndischer Ordnung. Op, 168 b. Breslau, Leuckart.\n6 Hefte.\nDie erste und dritte der obigen drei Etüden sind un-\nverkennbar hauptsächlich für die Ausbildung eines leich-\nten, sicheren und angenehmen Anschlags geschrieben. In\ndieser Hinsicht sind sie für den schwächeren Spieler sehr\ndankbar. Werden sie recht gründlich geübt, so wird man\nauch noch manches andere Gute daraus lernen. Die zweite\nscheint uns ihren Hauptzweck, die Unabhängigkeit der\nFinger, weniger gewissenhaft anzustreben, indem beson-\nders in der linken Hand die schwächeren Finger zu wenig\nberücksichtigt sind. Doch wird auch sie dem minder ge-\nübten Spieler in dieser Beziehung eine willkommene Auf-\ngabe sein. Auch müssen wir gestehen, dass sie alle wie\nunser Piano-Publicum heutzutage ist durch ihre weiche\nund für den ersten Moment anziehende Haltung besonders\nbei dem schönen Geschlechte viel Anklang finden werden.\nDies gilt besonders von der dritten, die in jeder Beziehung\ndie beste ist. Was aber der ernste Kenner und derjenige,\ndem es bei Etüden neben technischer Genauigkeit und\nBerechnung auch um Kraft und Saft zu thun ist, rügen\nwird, das ist die oberflächliche Schreibseligkeit, mit der\nbesonders die ersten beiden hingeworfen sind. Uebrigens\nsind die Epitheta „gross und brillant\" für diese viel zu pom-\npös. Kurz gesagt, wir empfehlen alle drei jenen Spielern,\ndie sich mehr mit Blumen, als mit nahrhaften Pflanzen\nbefassen.\nWas das zweite der oben angekündigten Ciavierwerke\nbetrifft, so freuen wir uns aufrichtig, dass der Verfasser\n\nTecum dormiam defessa muss es heissen: „Lass mich müde\nmit dir rasten.*"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "391", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1814, "texte": "hier sein schönes Talent zusammengenommen hat, um uns\netwas recht Brauchbares zu bieten. Wir geben diesen 24\nStudien im Allgemeinen den Vorzug vor der bekannten,\nin ihrer Art trefflichen Schule der Geläufigkeit von Czerny.\nWas eine allseitige Ausbildung der Technik im engeren\nSinne betrifft, so erreichen sie, werden sie anders mit\nLiebe und Ausdauer gemacht, vollkommen ihren Zweck.\nAuch finden wir zumeist recht frische, wohlklingende\nGrund-Melodieen, die den Spieler angenehm anregen und\nihm die saure Arbeit versüssen. Dazu kommt noch die un-\nläugbare Sorgfalt, mit welcher der streng methodische Gang\ngewahrt ist. Als Beweise unserer Bemerkungen heben wir\nbesonders Nr. 14, 16, 18, 23 und 24 heraus. Was wir\nallenfalls noch wünschten, wäre eine eingehendere Behand-\nlung der linken Hand und die Kräftigung der beiden vier-\nten Finger, worin uns besonders Gramer in seinen unüber-\ntroffenen Etüden so Vorzügliches geliefert hat. Wir wün-\nschen diesen 24 Studien möglichst grosse Verbreitung.\nL. Köhler, Clavier-Etuden für Geläufigkeit und\ngebundenes Spiel. Op. 60. 2 Hefte.\nWinterthur, Rieter-Biedermann.\nIn den Etüden in Doppel-Passagen bemerkten wir\nmit grosser Befriedigung neben einer streng logischen Stu-\nfenfolge eine gleichmässige Fingerbildung, Feinheit und\nReinlichkeit des Spiels mit gründlicher Sorgfalt vorberei-\ntet. Die in dem kurzen Vorworte gegebenen Winke finden\nwir praktischer als manche bogenlange Deduction in ge-\nwissen Clavicrschulen. Die beiden Hefte Clavier-Etuden\nsind für ihre im Titel ausgesprochenen Zwecke von gros-\nser Wichtigkeit. Abgesehen davon, dass sie als Composi-\ntionen zu den lieblichsten Erscheinungen in der Etuden-\nLiteralur gehören, führen sie den Schüler mit sicherer\nHand einem in jeder Beziehung vollendeten Spiel entgegen.\nBeide Werke seien warm empfohlen.\n\nM."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-12-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-12-01_01#c004", "volume": "bmtnabi_1860-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "391", "page_fin": "392", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "391", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.7", "debut_caractere": 1816, "fin_caractere_exclue": 6680, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nRollt* Der jugendliche Virtuose Leopold Auer aus Ungarn\nhat hier zwei Soireen gegeben, Donnerstag den 22. November in\nder Gesellschaft „Harmonia* und Montag den 26. im Hotel Disch.\nIn der ersten spielte er die Fanlaisie militaire von Ldonard, das\nFinale aus dem Concert in C-chir von Vieuxtemps, dessen Re-\nverie und einen ungarischen Czärdäs (Nationaltanz); in der zweiten\nBeethove n's Sonate in G-dur (aus Op. 80) für Pianotorte und\nVioline mit Herrn Lack, Fantaisie Caprice von Vieuxtemps,\nLa Ronde des Lulins von Bazzini und eine ungarische Phantasie\nvon Ridley Kohne, Beide Soireen waren sehr besucht, und dem\njungen Künstler wurde nach jedem Stücke der lebhafteste Beifall zu\nTheil, der sich durch die vortreffliche Ausführung der Pnantasie-\nCaprice, der Ronde des Lutins und der charakteristischen ungari-\nschen Musikstücke bis zum Enthusiasmus steigerte.\nIn der letzten Soiree lernten wir in Fräulein Ernestine Zecb-\nlin, einer Schülerin der Frau Mamp6-Babnigg in Breslau, eine an-\ngehende junge Sängerin kennen, welche mit einer besonders in den\nhohen Tönen kräftigen und wohllautenden Stimme durch den Vor-\ntrag der Arie der Anna aus „Hans Heiling8 von Marschner und\neines Liedes von Franz Beifall ärntete. In der ersten Soiree sang\nFräulein Barn, Schülerin des Herrn E. Koch, die Sopran-Partie\nin dem Final-Terzett aus der Oper Sl)as Nachtlager von Granada44\nund ein Lied von Kirchner mit recht ausgiebiger Stimme.\nAm 27. November gab Frau Szarvady-Clauss eine Soiree\nim Hotel Disch, dessen Concertsaal nicht Kaum genug hatte für die\nzahlreiche Zuhörerschaft. Sie spielte eine Sonate für Pianoforte und\nVioline von Haydn mit Herrn Concertmeister von Königslöw,\ndann allein drei kleinere Ciavierstücke: Sonate von Scarlatti,\nArie von Pergolese und „Les Niais de Sologne\" von Rameau,\nferner die grosse Sonate von Beethoven Op. lii und zum\nSchlüsse drei kleinere Stücke von Chopin.\nDie vortreffliche Künstlerin entzückte und begeisterte auch dieses\nMal wieder alle Welt durch die vollendete Ausführung der genann-\nten Compositionen. Während die reizendste Anmuth des Vortrages\nsich auf die reinlichste, alle Tone sowohl im Ligato als im Staccato\nin vollkommener Weise zu einzelner Geltung bringende Technik\nstützt, und der Ausdruck durch den eben so sauberen und elasti-\nschen als kräftigen Anschlag ganz und gar in der Macht der Spie-\nlerin steht, so dass ihre Tongebilde auf dem Gebiete des Zarten\nund Duftigen unnachahmlich schön erscheinen, frappirte die Kraft\nund Energie, welche sie bei der Introduction und dem ersten Alle-\ngro der Sonate Op. 111 von Beethoven entwickelte. Dass sie jedoch\ndie kräftige Vortragsweise nicht forcirt und durch eine aus dem\nKreise der Weiblichkeit ganz heraustretende athletische Tasten-Be-\nwältigung schlagend zu imponiren sucht, rechnen wir ihr hoch an;\nsie befreit uns durch ihre Spielweise endlich einmal wieder von der\nunbändig daher rennenden Clavier-Reiterei, von dem Durcheinander-\nbrausen des Tonsturmes und den Wirbeln des Staubes, der aufge-\nregt wird, um ihn den Zuhörern in die Augen zu streuen. Ist es\ndenn nöthig, dass, um Sätze wie das Allegro der genannten Sonate\nkünstlerisch zur Geltang zu bringen, die Mechanik des Instru-\nmentes unter Riesenhänden ächze und die Saiten unter Faustschlä-\ngen springen? Durch das Maass von Kraft, welches Frau Szarvady\nanwendet, wird sie niemals in die Gefahr kommen, die Grazie darü-\nber zu verlieren, was denn auch der wundervolle Vortrag des zwei-\nten Satzes, der Arietta und ihrer Variationen, bewies, in welchem\nder Componist uns in einen Zaubergarten führt, in dem wir die\nBlumen kaum sehen, sondern nur ihren Duft atbmen wenn der\nSatz nämlich so geistig aufgefasst und so ätherisch wiedergegeben\nwird, wie wir ihn dieses Mal hörten. Von den drei kleineren Cla-\nvierstiieken älterer Meister war das von Rameau, von dessen Cla-\nviermusik wir gar nichts kannten, das interessanteste, auch als Com-\nposition das bedeutendste, wiewohl der ganz ausgezeichnete Vortrag\ndieser gar nicht leicht zu spielenden Curiosität viel zu ihrer günsti-\ngen Aufnahme beitrug.\nZwischen den Ciavierstücken der Concertgeberin sang Fräulein\nGenast eine Composition F. Hill er' s zu H. H eine's „Wallfahrt\nnach Kevelaer'4 für eine Singstimme und Pianoforte, und zwei Lie-\nder von Mendelssohn mit jenem ausdrucksvollen Vortrage, den\nwir an ihr schätzen. Die „Wallfahrt« machte auf viele Zuhörerinnen\neinen sichtbar ergreifenden Eindruck.\nHerr von Königslöw, dessen schöner Ton und einfacher Vor-\ntrag der Violinstimme zu der Sonate schon einen sehr wohlthuenden\nEindruck machte, spielte nachher Bach's Chaconne und erregte\ndurch die grossartige, aber ebenfalls keineswegs übertrieben kräftige\nVortragsweise, die bravourmässige Technik und die treffliche Nuan-\ncirung, welche die sonst nicht zu läugnende Monotonie des Stückes\nvergessen lässt, Bewunderung."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "392", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4477, "texte": "4\nHärmen« Das zweite Abonnements -Concert unter\n- ; - l\nLeitung des Herrn Musik-Directors Anton Krause, Samstag den\n24. November, brachte Mozart's Requiem vollständig und F.\nSchuberts grosse Sinfonie in C-dur. Der Saal war überfüllt,\nund das Publicum zeigte sich sehr befriedigt mit den Aufführungen\nsowohl in ihrem Ganzen als im Einzelnen, was namentlich auch den\nVortrag der Solo-Partieen im Requiem betrifft, die von den Damen\nMarie Büschgens (Sopran) aus Crefeld und Jenny Niethen\naus Köln, den Herren Petack (Tenor) aus Elberfeld und Schif-\nfer (Bass) aus Köln gesungen wurden. Chor und Orchester waren\nrecht brav und zeigten einen unverkennbaren Fortschritt, wozu wir\nder Stadt Barmen, die jetzt über 46,000 Einwohner zählt und mit-\nhin auch an die Kunstleistungen grössere Ansprüche zu machen be-\nrechtigt ist, aufrichtig Glückwünschen. Die Einweihung des neuen\nConcertsaales mit Orgel ist auf den 23. Februar 1861 festge-\nstellt; für den ersten Tag ist Händel's „Messias\" zur Auffüh-\nrung bestimmt.\nMainz, 21. November. Die kurze Zeit der Ruhe nach der be-\nwegten Zeit unseres herrlichen Musikfestes ist vorüber, und allmäh-\nlich ist wieder neues Leben in unseren Vereinen erwacht. Der Ver-\nein für Kirchenmusik hat unter der Leitung des Herrn Capell-\nmeisters Lux eine der Kunst würdige Stellung eingenommen. Dieser\nVerein ist seit seinem beinahe zwanzigjährigen Bestehen nie so tbä-\ntig gewesen, als jetzt. Es wurden in der Zeit eines halben Jahres\nin sehr gelungener Weise zur Aufführung gebracht: in der neu re-\nstaurirten Stephanskirche das Slabat maier des zur Zeit Spontini's\nin Berlin lebenden Italiäners Benelli; ferner im Marmorsaale des\nkurfürstlichen Schlosses ausser anderen gediegenen Sachen das Va-\nter unser von Lindpaintner für Alt-Solo, Chor und Orchester,\nso wie die Motette rDes Staubes eitle Sorgen*\" von J. Haydn, und\nendlich bei einer Jubiläums-Feier in der Ignatiuskirchc die Messe\nin C Nr. 7 von Haydn. Da Herr Lux. Protestant ist, so verdient\nes namentlich für die Bewohner des Niederrheines als ein Beispiel\nvon Toleranz hingestellt zu werden, dass man hier keinen Anstand\ngenommen hat, demselben die Leitung dieses Vereins für katholische\nKirchenmusik zu übertragen. Vom Männergesang-Vereine\nist zu berichten, dass er in dem diesjährigen Concerte im Curscale\nzu Wiesbaden einzelne Chöre nach allgemeinem i)a-tapo-H\\ifQ wie-\nderholen musste. Unterstützt wurde dieses Concert durch die treff-\nliche Coloratur-Sängerin Fräulein Tipka und unseren Landsmann,\nden Baritonisten an der königlichen Oper zu Berlin, Herrn Betz3\nund durch die frappanten Leistungen des jugendlichen Violin-Virtuo-\nsen Herrn Auer aus Wien. Als Neuigkeit kam mit vielem Beifall\nzur Aufführung eine Composition von Lux, »Die Parforce-Jagd\n[musicalische Ironie oder Ernst?] für Männerchor mit Blas-Instru-\nmenten-Begleitung. Von den diesjährigen Opern-\\ orstellungen ist\nzu berichten, dass, wenn auch manche misslungene Vorstellung mit\nunterlief, dieselben doch bei W eitern besser sind als in den früheren\nJahren; namentlich gilt dies von den Leistungen des Orchesters, an\ndessen Spitze Herr Marp u r g steht.\n»\n*\n% i\nMainz, 19. November. Vergangenen Samstag, 17. November,\ntraten hier die Vorstände der zum Mittel rheinischen Musik-\nVerband e gehörenden Städte zusammen, um wegen Erneuerung\ndes Turnus zu berathen. Nach längerer Discussion beschloss die\nVersammlung, das Fest lür das Jahr 1861 ausfallen zu lassen und\nden neuen Turnus im Jahre 1862 zu beginnen. [Warum das? zumal\nda das letzte Fest in Mainz so vortrefflich gelungen! Ist die Begei-\nsterung für die S&cbe schon vorüber ? Das können wir nicht glau-\nben, und wollen nicht fürchten, dass persönliche oder loeale über-\nhaupt unmusicalische Rücksichten jenen Beschluss, den die Süd-\ndeutsche Musik-Zeitung verkündet, veranlasst haben. Die\nRe daction.]\nZur Gründung des böhmischen Nationaltheaters in Prag\nsind bis jetzt zugesichert 104,975 Fl. Kr ; davon wurden be-\nreits erlegt 59,650 Fl., 2 Ducaten, Goldkörner aus Kalifornien, im\nWerthe von 2 Ducaten; weiter sind dafür übergeben worden drei\nOelgemälde, achtzehn Denkmünzen, eine silberne Kette und ein Ring.\n* Paris# Ein hiesiges Blatt sagt: »Die italiänische Oper war\nneulich brechend voll, Mario und Ronconi traten diesen Winter\nzum ersten Male auf. Almaviva und Figaro waren wie immer treff-\nliche Schauspieler, aber ihr Kehlkopf liess viel zu wünschen übrig,\nund im Publicum machte sich eben so wie im Orchester die her-\nabgesetzte Stimmung bemerkbar.\""}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "385", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nBeethoven's Missa solemnis. Aufgeführt im dritten Gesellschafts-Concert in Köln im Gürzenich. Fortsetzung, statt Schluss.\nBeurtb eilungen. Für Gesang. Ferd. Hiller, Naenia Heloisae ei Gesang Helo'isens und der Non-\nnen am Grabe Abälard's. Hymne aus dem Mittelalter. Op. 62. Studien für Pianoforte. B.E.Philipp, 12 Etüden, Op. 28, Charles Mayer\n3 grosse Etüden, Op. 159, L. Köhler, Clavier-Etuden, Op. 60. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Soireen Barmen.) '\n\nBeethoven’s Missa solemnis.\nAufgeführt im dritten Gesellschafts-Concerte im\nGürzenich, Dinstag den 20. November.\n(Fortsetzung, statt Schluss. S. Nr. 48.)\nDad ieses gewaltigste Werk unter allen Compositionen\nBeethoven's den Kunstfreunden und selbst vielen Musikern\nnoch am wenigsten bekannt ist, auch von den Auslegern\nund Dolmetschern Beethoven'scher Werke gar nicht zum\nThema ihrer Phantasieen und kunstphilosophisehen Deu-\ntungen genommen worden ist—was freilich seine sehr gu-\nten Gründe hat—, wohl aber manche, zum Theil ganz\nunbegründete Vorurtheile der wahren Würdigung dessel-\nben entgegen stehen, so wollen wir der Betrachtung des-\nselben einige Blätter widmen und zunächst nach den besten\nQuellen das Historische, was sich an die Messe in\nknüpft, zusammenstellen.\nBeethoven's Verh&ltniss zum Erzherzoge Rudolf ist\nbekannt. Die Ernennung dieses erlauchten Schülers und\nGönners des berühmten Meisters zum Cardinal und Erz-\nbischof von Olmütz wurde zu Wien im Jahre 1818 be-\nkannt; seine feierliche Einsetzung wurde auf den 9. März\n1820 festgesetzt. -\n„Ohne irgend welche Aufforderung\", sagt Schindler\n(Biographie, 1., S. 269 ff.), „ fasste Beethoven den Entschluss,\nzu dieser Feierlichkeit eine Messe zu schreiben, sich somit\nnach langen Jahren wieder dem Zweige seiner Kunst zu-\nzuwenden, zu dem er sich wie er oft geäussert—neben\nder Sinfonie am meisten hingezogen fühlte. Im Spätherbste\nvon 1818 sah ich diese Partitur beginnen, nachdem so\neben die Riesen? Sonate in B-dur, Op. 106, beendigt war.\nDen Sommer von 1819 verlebte unser Meister wieder in\nMödling. Dort besuchte ich ihn häufig und sah die Messe\nfortschreiten, auch hörte ich ihn Zweifel äussern an der\nmöglichen Beendigung des Werkes zum festgestellten Ter-\nmin, weil jeder Satz unter der Hand eine viel grössere\nAusdehnung gewonnen hatte, als es anfänglich im Plane\ngelegen. Als weiterer Grund des langsamen Fortschreitens\ndürfen noch die Vorgänge mit der Processsache am wie-\nner Magistrate angenommen werden, die ihn so sehr prä-\noccupirt hatten. Ende Octobers 1819 nach Wien zurück-\ngekehrt, brachte er das Credo fertig mit, und zur Zeit, als\nder Erzherzog die Reise zur Installationsfeier nach Olmütz\nangetreten, war der Meister mit seiner Arbeit bia zum\nAgnus Bei vorgeschritten. Wird aber in Erwägung gezo-\ngen, wie es Beethoven mit der Feile eines jeden Werkes\nzu halten pllegte, welche Summe von Zeit nach Verhält-\nniss zu Inhalt und Form auf jedes verwandt worden, so\ndarf wohl gesagt werden, dass bis zum Tage der Installa-\ntionsfeier noch kein Theil im Sinne des Autors vollen-\ndet vorgelegen. Erst im Jahre 1822 konnte die letzte\nFeile an dieses Werk gelegt werden.\nGedenke ich der Erlebnisse aus dem Jahre 1819,\nvornehmlich der Zeit, als der Tondichter im Hafnerhause\nzu Mödling mit Ausarbeitung des Credo beschäftigt gewe-\nsen, vergegenwärtige ich mir seine geistige Aufgeregtheit,\nso muss ich gestehen, dass ich niemals vor und niemals\nnach diesem Zeitpunkte völliger Erden-Entrücktheit wie-\nder Aehnliches an ihm wahrgenommen habe. Es sei ge-\nstattet, nur Eines anzuführen. Gegen Ende August kam\nich in Begleitung des in Wien noch lebenden Musikers\nJohann Horzalka in des Meisters Wohnhause zu Mödling\nan. Es war 4 Uhr Nachmittags. Gleich beim Eintritte ver-\nnahmen wir, dass am selben Morgen Beethoven's beide\nDienerinnen davongegangen seien, und dass es nach Mit-\nternacht einen alle Hausbewohner störenden Auftritt gege-\nben, weil in Folge langen Wartens Beide eingeschlafen\nund die zubereiteten Gerichte ungeniessbar geworden. In\neinem der Wohnzimmer bei verschlossener Thür hörten\nwir den Meister über der Fuge zum Credo singen, heulen,\nstampfen. Nachdem wir dieser nahezu schauerlichen Scene\nlange schon zugehorcht und uns eben entfernen wollten,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "386", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.2", "texte": "Öffnete sich die Thür, und Beethoven stand vor uns mit\nVerstörten Gesichtszügen, die Beängstigung einflössen konn-\nten. Er sah aus, als habe er so eben einen Kampf auf Tod\nund Leben mit der ganzen Schar der Contrapunktisten,\nseinen immerwährenden Widersachern, bestanden. Seine\nersten Aeusserungen waren confus, als fühle er sich von\nunserem Behorchen unangenehm überrascht. Alsbald kam\ner aber auf das Tagesereigniss zu sprechen und äusserte\nmit merkbarer Fassung: „ „Saubere Wirthschaft! Alles ist\ndavon gelaufen, und ich habe seit gestern Mittag nichts\ngegessen.\"\" Ich suchte ihn zu besänftigen und half bei der\nToilette. Mein Begleiter aber eilte voraus in die Restau-\nration des Badehauses, um Einiges für den ausgehunger-\nten Meister zubereiten zu lassen. Dort klagte er uns die\nMissstände in seinem Hauswesen. Dagegen gab es jedoch\naus vorbemeldeten Gründen keine Abhülfe. Niemals wohl\ndürfte ein so grosses Kunstwerk unter widerwärtigeren\nLebens-Verhältnissen entstanden sein, als diese Missa so-\nlemnis.\"\nSeine erste Messe (in C-dur) halte Beethoven im Jahre\n1807 geschrieben („Christus am Oelberg\" schon im Jahre\n1803), und zwar für den Fürsten Esterhazy in Eisenstadt,\ndessen Capellmeister damals Hummel, Haydn's Nachfolger\nin dieser Stelle, war. Zwei Sätze derselben wurden 1808\nauch in Wien, die ganze Messe aber erst 1816 aufge-\nführt, nachdem sie bereits 1813 in Leipzig bei Breitkopf\n& Härtel erschienen war.\nEs liegen also zwischen der Composition der ersten\nund der zweiten Messe beinahe zwölf Jahre. Aber in\ndiese zwölf Jahre fallen die Sinfonieen Nr. IV., V., VI., VII.,\nVIII. und die Schlacht bei Vittoria, die Ciavier-Concerte\nin G-dur und in JEs-dur und die Phantasie mit Chor Op.\n80, die Violin-Quartelte Op. 59 (F-dur, G-moll, C-dur)\nund Op. 74 (Es-dur),die Clavier-Trio's Op. 70 und Op.\n97, die Sonate mit Violine Op. 96, mit Violoncello in A-\ndur, Op. 69, die Sonaten für Ciavier allein von Op. 81\n(J Les Adieux)bis Op. 106 in Ja, bevor er noch\ndie letzte Hand an die D-dur-Mese im Jahre 1822 ge-\nlegt hatte, waren auch schon die letzten Sonaten Op. 109,\n110 und 111 geschrieben. Welch eine Kluft also liegt\nzwischen der ersten und der zweiten Messe, und welche\nReihe von gewalligen Werken hatte der Biesengeist, der\nbereits den höchsten Gipfel seiner Entwicklung erreicht,\ngeschaffen, als er die Messe in vollendete!\nDass Beethoven das Werk unter widerwärtigen Ver-\nhältnissen schrieb, und dass es dennoch seine höchste Lei-\nstung war, ist nur in so fern der Ueberlieferung werth,\nals es beweis't, dass sein Genius sich aus allen äusseren,\nirdischen Banden zu lösen wusste, wenn die innere Stimme\nzum Schaffen rief, und dies ist bei allen grossen Künstlern\ndas wahre Kennzeichen des göttlichen Berufes. Wüsslen\nwir, wie manche unsterbliche Werke des Dichters und\nComponisten, des Bildhauers und Malers unter den been-\ngendsten, drückendsten, widerwärtigsten Umständen ent-\nstanden sind, wir würden erkennen, wie ganz und gar\nselbstständig und unabhängig von äusseren Verhältnissen\ndie Entwicklung und die Kraft des Geistes ist, und wür-\nden aufhören, das Werden, Erstarken und Schaffen des\nGenius aus seinen persönlichen Lebens-Verhältnissen und\nUmgebungen erklären zu wollen, da diese den Dichter\nwohl fördern, niemals aber ihn erzeugen können. Etwas\nAnderes ist es mit den Zeitverhältnissen, mit dem Geiste,\nder die Welt durchzieht und die jedesmalige Stufe der\nEntwicklung der ganzen Menschheit kennzeichnet; der\nEinwirkung dieser Factoren kann sich auch der Künstler\nnicht entziehen.\nEin anderer Beweis der Macht des Genius, sich zu\nisoliren, sich ein fest umgränztes Gebiet abzustecken, in\nwelchem seine Schöpfungskraft sich auf die Idee eines be-\nstimmten Kunstwerkes concentrirt, liegt in der Möglich-\nkeit, aus diesem Gebiete zeitweise heraustreten und sich\nmit anderen gleichgültigen Dingen oder gar entgegenge-\nsetzten Kunststoffen beschäftigen zu können, und dennoch,\nsobald jenes Gebiet, gleichsam das Heiligthum, in welchem\ndie Mysterien walten, wieder betreten wird, die ganze\nKraft der Phantasie augenblicklich wieder zu finden und\n„die Poesie\" in der That gleichsam „zu commandiren\".\nMozart hatte diese Isolirung des Geistes bekanntlich so\nsehr in der Gewalt, dass er sogar zugleich mit dem Auf-\nschreiben des im Kopfe Fertigen von den gewöhnlichsten\nhausbackenen Dingen plaudern konnte. Von Beethoven\nerzählt Schindler auch in dieser Beziehung Interessantes.\nNach seiner eigenen Aussage hatte der Meister vor\nseiner Ankunft in Wien (1792) gar keine volkstümliche\nMusik, am wenigsten Tanzmusik, gekannt. Nachher be-\nschäftigte er sich viel damit und versuchte auch im Cha-\nrakter der österreichischen Tänze zu schreiben. Der letzte\nVersuch der Art fällt in das Jahr 1819, also mitten in\ndie Begeisterung für die Composition der grossen Messe\nhinein.\n„Im Gasthofe „Zu den drei Baben\" bei Mödling (Beet-\nhoven's gewöhnlichem Sommer-Aufenthalte) spielte\", sagt\nSchindler, 1., S. 156, „seit langen Jahren eine Gesellschaft\nvon sieben Mann. Diese war eine der ersten, die den vom\nBheine gekommenen jungen Musiker die National-Weisen\nder neuen Heimat unverfälscht hören liess. Man machte\ngegenseitig Bekanntschaft, und alsbald wurden für diesel-\nben einige Partieen „Ländler\" und andere Tänze compo-\nnirt. Im Jahre 1819 hatte Beethoven wiederum dem An-\nsuchen dieser Gesellschaft willfahrt. Bei Ueberreichung des"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "387", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.3", "texte": "neuen Opus an den Chef der Gesellschaft zu Mödling war\nich anwesend. Der Meister äusserte unter Anderem in hei-\nterster Stimmung, er habe diese Tänze so einge-\nrichtet, dass ein Musiker um den anderen das\nInstrument zuweilen niederlegen, ausruhen\noder schlafen könne. Nachdem der Fremde voll Freude\nüber das Geschenk des berühmten Componisten sich ent-\nfernt hatte, fragte Beethoven, ob ich nicht bemerkt habe,\nwie die Dorf-Musicanten oft schlafend spielen, zuweilen\ndas Instrument sinken lassen und ganz schweigen, plötz-\nlich erwachen, einige herzhafte Stösse oder Streiche aufs\nGerathewohl, doch meist in der rechten Tonart, thun, um\nsogleich wieder in Schlaf zu fallen;—in der Pastoral-Sin-\nlonie habe er „ „diese armen Leute zu copiren\"\" versucht.\"\nWer hat diese köstlichen Erzeugnisse des Humors\nnicht aus dem „lustigen Zusammensein der Landleute\"\nvor dem „Gewitter\" in der Pastoral-Sinfonie erkannt?\nZu den „Gedankenspänen\", wie sie Schindler mit\nRecht nennt, welche beim Componiren grösserer Werke\nabfielen, gehören auch diezweiten „Bagatellen\", später\nals Op. 126 bei Schott gedruckt. Sie waren ebenfalls\nwährend der Arbeit an der Messe in D entstanden.\n(\nDa Beethoven in den letzten fünf Jahren vor der Voll-\nendung der grossen Messe wenig veröffentlicht hatte, so\nhiess es, Beethoven „habe sich ausgeschrieben\" ; ja, in\nder Allg. Musik-Zeitung (XXIII., 530) stand zu lesen:\n„Beethoven beschäftigt sich, wie einst Vater Haydn, mit\nNotiren schottischer Lieder; für grössere Arbeiten scheint\ner völlig abgestumpft zu sein!!\" —Seine ökonomische Lage\nwar in dieser Periode nichts weniger als glänzend, viel-\nmehr beengt, oft geradezu drückend, wiewohl er einige\nBank-Actien im Pulte hatte, die er aber aus Liebe zu sei-\nnem Neffen nicht verwerthen wollte. Namentlich war sein\nVerhältniss zu den wiener Verlegern ein schmählich ab-\nhängiges geworden. Es musste daher auf einen Plan ge-\nsonnen werden, den Finanzen kräftig aufzuhelfen.\nDies war die Veranlassung zu dem Entschlüsse des\nsonst nicht eben monarchisch gesinnten Beethoven, das\nManuscript der Messe in Dgrossen und kleinen Fürsten\nauf Subscription für den Preis von fünfzig Ducaten an-\nzubieten.\nFür die Sache selbst sind die Aeusserungen Beetho-\nven's über sein Werk in den Begleit- und Einladungs-\nschreiben wichtiger, als die Resultate des ganzen Finanz-\nplanes, die nicht so bedeutend waren, als man zu erwar-\nten berechtigt war (400 Ducaten). In dem deutschen Ein-\nladungsschreiben bezeichnet er die Messe in D als sein\n„gelungenstes Werk\", in dem Schreiben an den Kö-\nnig von Frankreich: „l'oeuvre leplus accompli\"; in allen\nstand die ausdrückliche Bemerkung, dass das Werk auch\nals Oratori u m gebraucht werden könne (Schindler,\nIL, S. 16).\nAm merkwürdigsten dürften die Aeusserungen in der\nCorrespondenz mit Zelter in Berlin sein (Schindler, 11.,\nS. 19):\n„In der Erwiderung auf den Beethoven'schen Antrag\nvom 22. Februar 1823 macht Zelter aufmerksam, dass\nin dem von ihm geleiteten Institute nur Werke a capella\n(ohne Instrumental-Begleitung nämlich) geübt werden, und\nwünscht, dass das für diese Akademie bestimmte Exem-\nplar gleich so eingerichtet werde, indem Beethoven bereits\nbemerkt habe, dass die Missa beinahe durch die Singstim-\nmen allein aufgeführt werden könnte. Unterm 25. März\nschreibt der Wiener an den Berliner wieder: Ich\nhabe noch genau nachgedacht über Ihren Vorschlag für\nIh re Sing-Akademie; sollte die Messe einmal im Stiche\nerscheinen, so schicke ich Ihnen ein Exemplar, ohne\netwas dafür zu nehmen; gewiss ist, dass sie beinahe ganz\na capella aufgeführt werden könnte, das Ganze müsste\naber doch hierzu noch eine Bearbeitung finden, und viel-\nleicht haben Sie die Geduld hierzu. Uebrigens kommt\nohnehin ein Stück ganz a cape bei diesem Werke vor,\nund möchte ich gerade diesen Stil vorzugsweise den einzi-\ngen wahren Kirchenstil nennen.\"\" —Damit wird wohl das\nKyrie gemeint sein.\"\nHier entsteht die Frage, was Beethoven mit dem „ein\nStück ganz a capella\"gemeint haben möge. Wie Schind-\nler dazu kommt, diese Aeusserung auf das zu be-\nziehen, begreifen wir nicht; wenigstens wäre es so, wie es\nuns jetzt vorliegt, unmöglich a capella zu singen. Man\ndenke, alles Andere zu verschweigen, nur an den Ueber-\ngang der Singstimmen beim Wiedereintritt des\nprimo aus Fis-moll in G-dur ohne das Zwischenspiel des\nOrchesters! Bekanntlich finden sich nur die sechs Tacte:\nEt resurrexit— sccundum scripin der Messe a\npella behandelt, und diese kann Beethoven doch kaum mit\ndem Worte „ein Stück\" gemeint haben, wonach denn\nseine Aeusserung ein Räthsel bleibt.\nDas Concept seines Briefes an Cherubini in dersel-\nben Angelegenheit ist ebenfalls in mancher Beziehung merk-\nwürdig. Es befindet sich auf der königlichen Bibliothek zu\nBerlin und lautet so (Schindler, 11., 352):\n„Hochgeehrtester Herr! Mit grossem Vergnügen er-\ngreife ich die Gelegenheit, mich Ihnen schriftlich zu nahen.\nIm Geiste bin ich es schon oft genug, indem ich Ihre\nWerke über alle anderen theatralischen schätze. Nur muss\ndie Kunstwelt bedauern, dass seit längerer Zeit, wenig-\nstens in unserm Deutschland, kein neues theatralisches\nWerk von Ihnen erschienen ist. So hoch auch Ihre andern\nWerke von wahren Kennern geschätzt werden, so ist es\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "388", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.4", "texte": "doch ein wahrer Verlust für die Kunst, kein neues Pro-\nduet Ihres grossen Geistes für das Theater zu besitzen.\nWahre Kunst bleibt unvergänglich, und der wahre Künst-\nler hat inniges Vergnügen an grossen Geistes-Producten.\nEben so bin ich auch entzückt, so oft ich ein neues Werk\nvon Ihnen vernehme, und nehme grösseren Antheil daran,\nJ\nals an meinen eigenen; kurz, ich ehre und liebe Sie. Wäre\nnur meine beständige Kränklichkeit nicht Schuld, Sie in\nParis sehen zu können, mit welch ausserordentlichem Ver-\ngnügen würde ich mich über Kunstgegenstände mit Ihnen\nbesprechen! Glauben Sie nicht, dass, weil ich jetzt im-Be-\ngriffe bin, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten, dies bloss\nder Eingang dazu sei. Ich hoffe und bin überzeugt, dass\nSie mir keine so niedrige Denkungsweise zumuthen.\n„Ich habe so eben eine grosse solenne Messe vollen-\ndet und bin Willens, selbe an die europäischen Höfe zu\nsenden, weil ich sie vor der Hand nicht öffentlich im Stich\nherausgeben will. Ich habe daher durch die französische\nGesandtschaft hier auch eine Einladung an Se. Majestät\nden König von Frankreich ergehen lassen, auf dieses Werk\nzu subscribiren, und bin überzeugt, dass der König selbe\nauf Ihre Empfehlung gewiss nehmen werde.\ncritique demande, que je ne fi\ndinaire mes voeux au ciel, au\naussien bas pour les neeessites Wie es auch\ngehen mag mit meiner Bitte an Sie, ich werde Sie dennoch\nalle Zeit lieben und verehren,\ncelui de mes contemporains,\nVous mes voulez faire un estrem\nm'ecrivez quelques lignes, ce\nunit tout le monde,wie viel mehr wahre Künstler,\netre Vous me dignez aussi, de me mettre auch zu rechnen\nunter diese Zahl.\n„Avec le plus haut estime\n„ Votre ami et serviteur\n„B eethoven.\"\nWenn Schindler, 11., S. 322, aus diesem Briefe fol-\ngert, dass Beethoven nur von den theatralischen Werken\nCherubini's spreche, und sich dafür auf Zeile 3 und 4 des\nBriefes beruft, auch eben daselbst bemerkt, dass Beetho-\nven von Cherubini's Kirchenmusik bloss die Messe in\ngekannt habe, so scheint dagegen die andere Aeusserung\nin demselben Briefe zu sprechen: „Eben so bin ich auch\nentzückt, wenn ich ein neues Werk von Ihnen ver-\nnehme, und nehme grösseren Antheil daran, als an mei-\nnen eigenen.\" Wenn dies nicht als eine blosse Bedensart\nerscheinen soll, so kann Beethoven im Jahre 1823 mit\n„neuen Werken\" von Cherubini nur Kirchenwerke ge-\nineint haben, da Cherubini seit 1813 bis 1823 (ja, bis\n1833: „Ali Baba\") nichts für das Theater geschrieben\nhat. Es dürfte sich der Zeitraum sogar von 1805 („Fa-\nniska\") bis 1823 für Beelhoven erstrecken, da er die\nAbencerrages (1813), die niemals in Deutschland aufge-\nführt worden sind, schwerlich kennen gelernt hat.\nAus den übrigen Briefen ist die Stelle in Beethoven's\nSchreiben an den König von Schweden, Karl XIV. Johann\n(Bernadotte), für die Geschichte der Sinfonia eroica merk-\nwürdig, weil daraus hervorgeht, dass Bernadotte, zur Zeit\nGesandter der französischen Bepublik in Wien, in dem\nComponisten wirklich die Idee, den ersten Consul und\ngrössten Feldherrn Bonaparte in einem Tonwerke zu fei-\nern, zuerst angeregt hat.\nDer Erfolg der ganzen Finanz-Operation dass es\neine solche war, darf man übrigens bei der Beurthciiung\nvon Beethoven's brieflichen Aeusserungen nie verges-\nsen!— bestand darin, dass die Höfe von Preussen, Buss-\nland, Frankreich, Sachsen, Hessen-Darmstadt, der Fürst\nAnton Badziwill, der Fürst Nikolaus Galitzin und der\nCäcilien-Verein in Frankfurt am Main unter Schelble's\nDireclion jeder mit 50 Ducaten unterzeichneten. Der Kö-\nnig von Frankreich fügte noch eine goldene Medaille (21\nLouisd'or an Gewicht) mit seinem Brustbilde und dem\nAvers: „Dornte par le Roi ä hinzu.\nCherubini erklärte übrigens später an Schindler, dass er\nBeethoven's Brief gar nicht erhalten habe. Göthe, an den\nBeethoven ebenfalls geschrieben, antwortete so wenig, wie\nsein Hof.\nBedeutender als alle Selbsturtheile Beethoven's über\nseine Messe in D ist für uns seine Ueberschrift zum\nKyrie, worüber Aloys Fuchs in einem Briefe an Schindler\nvom 30. September 1851 also berichtet:\n„Es war im Herbste des Jahres 1828, als mich der\nIhnen gewiss auch bekannte musicalische Geschichtsfor-\nscher G. Polch au aus Berlin besuchte und, da wir schon\nlange im autographischen Verkehr standen, mich fragte,\nob ich ihm nicht ein schönes Autograph von Beethoven\nverschaffen könnte. Da ich bei Beethoven's Auction Augen-\nzeuge war, wie die Verleger Artaria und Haslinger Alles\nzusammenrafften und keiner armen Christenseele etwas zu-\nkommen lassen wollten, so rieth ich Herrn Pölchau, zu\neinem dieser Herren zu gehen, um sich etwas auszusuchen.\nEr entschied sich für Artaria und bat mich, ihn dahin zu\nführen. Es wurden uns mehrere Originalien von Beetho-\nven vorgezeigt, die wir mit dem grössten Interesse beschau-\nten. Unter diesen befand sich auch die Partitur der zwei-\nten Messe in Dii in ungeheurem gr. Folio-Format, und\nPölchau kaufte das ganze Kyrie um 4 St. Ducaten in Gold.\nIch erinnere mich noch, dass zu Anfang des Stückes von\nBeethoven's Hand geschrieben stand: „„Vom Herzen\n0"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "389", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.5", "texte": "kam es, zum Herzen möge es gehen.\"\"*) Es gehört\naber ein kaufmännischer Vandalismus dazu, von einem sol-\nchen Werke das Kyrie einzeln zu verkaufen und so das\nGanze wie ein geschlachtetes Lamm pfundweise auszu-\nschroten. Wie mit derSortirung des Beethoven'schen Nach-\nlasses umgegangen wurde, habe ich selbst erfahren, indem\nich mir unter anderen Autographen auch das der\nersten Messe in C kaufte, nach Jahren aber eben bei Ar-\ntaria das Gloria dieser Messe fand, welches ich um schwere\nOpfer an mich bringen musste, um dieses schöne Werk\nnur einiger Maassen zu ergänzen. Leider geht das\nnur bis zum Quoniam, und wo der Rest sein mag, wissen\ndie Götter. Alle angewandten Versuche der Auffindung\nblieben fruchtlos.\"\nBeethoven war in der katholischen Religion erzogen;\ner beobachtete über Religions-Gegenstände und über con-\nfessionelle Dogmen dieselbe Schweigsamkeit, wie über das\nGebiet der Musik-Wissenschalt. Er erklärte Religion und\nGeneralbass für in sich abgeschlossene Dinge, über die\nman nicht weiter disputiren solle. Dabei hatte er folgende\nInschriften* eigenhändig abgeschrieben (wahrscheinlich aus\nChampollion's Werk über Aegypten), in Glas und Rahmen\nüber seinem Schreibtische hangen:\n„Ich bin, was da ist.\" — „Ich bin Alles, was ist, was\nwar, was sein wird; kein sterblicher Mensch hat meinen\nSchleier aufgehoben.\" — „Er ist einzig von ihm selbst, und\ndiesem Einzigen sind alle Dinge ihr Dasein schuldig.\" —\n(Schindler, IL, 161 ff.)\nHalten wir diese Sätze mit der so eben erwähnten\nUeberschriit des Kyrie und mit Beethoven's Leben und\nWeben in der Natur und seiner vielfachen Beschäftigung\nO D\nmit „Christian Stu rm's Betrachtungen der Werke Got-\ntes in der Natur\" zusammen, so werden wir ahnen, auf\nwelche Weise ein Geist wie Beethoven's die Gottesvereh-\nrung auff'asste, ein Herz und Gemüth wie seines die Reli-\ngion als Sache des Gefühls in seine innersten Tiefen ver-\nschloss und nur in seiner Sprache, in Tönen, sich darü-\nber auszusprechen vermochte.\n(Schluss folgt.)\n\nBeurtheilungen.\nFür Gesang.\n\nFerdinand Hiller, Na enia Helo'isae et Mo-\nli alium juxta sepulcrum Gesang He-\nloisens und der Nonnen am Grabe Abälard's.\n$ v\nHymne aus dem Mittelalter mit deutscher Ueber-\nsetzung von G. A. Königsfeld, für eine Alt-\nstimme, Frauenchor und kleines Orche-\nster componirt, Fräulein Jenny Meyer zuge-\neignet. Op. 62. Breslau, Verlag von F. E. C.\nLeuckart (Constantin Sander). Partitur mit un-\ntergelegtem Clavier-Auszug 20 Sgr. Orche-\nster- und Singstimmen 20 Sgr. Chorstimmen be-\nsonders 3 Sgr.\nDas sehr schöne lateinische Gedicht (aus der Samm-\nlung der Hymnobgiton Königsfeld) versetzt unsere Ein-\nbildungskraft in das Grabgewölbe, in welchem Abälard's\nSarg steht. Die Nonnen singen ihm das Ruhelied:\nRequieseat a la<\nDobroso et amor\nUnionem Coeliium\nFlagitavit:\nJam intravit\nSalvatoris adytum.\nNach der zweiten Strophe beginnt der Gesang Heloisens:\nSalve, vidor sub corona!—Sie spricht ihre Sehnsucht nach\nVereinigung mit dem Geliebten durch den Tod aus:\nTecum /ata sum\nTecum dormiam\nEt inSion venia\nDer Chor der Nonnen tritt mit Jeisem Gebete hinzu, bald\nihre Worte unterbrechend, bald begleitend. Da hört sie\nin Verzückung himmlische Klänge:\nAudin'? sonat gaudia\nCantüena\nEt amoena\nAngebrum cithara !\nIhre Stimme verhallt in dahinsterbendem Hauch, der Chor\nnimmt die erste Strophe des Ruheliedes wieder auf, aber\ndas erste Wort: „Requieseat/\" („Ruhe nun!\") verwan-\ndelt sich in „Requiescant!\" („Ruhet Beide!\") eine so\neinfach schöne Andeutung, dass Heloise todt an dem Sarge\nhingesunken, wie sie in keiner anderen Sprache wieder-\ngegeben werden kann. Ueberhaupt wollen wir hier gleich\nbemerken, dass erstens (wie sich das freilich von selbst ver-\nsteht) die Musik auf den Original-Text componirt ist, und\nzweitens, dass bei der Aufführung der lateinische Text\ngesungen werden muss. Am besten ist es, bei diesen und\nähnlichen geistlichen Gesängen im Programm den Urtext\nund daneben zur Orientirung für das grosse Publicum die\nUebersetzung abdrucken zu lassen, im Gesänge aber stets\njenen beizubehalten*).\n\n*) Aloys Fuchs bemerkt hier in einer Randnote, dass sich dieses\nKyrie gegenwärtig in der berliner Hof-Bibliothek befinde sammt\ndem ganzen Pölehau'schen Nachlasse. Dort hat es auch\nSchindler gesehen.\n*) S. 16 der Partitur ist aus Versehen in den ersten Exemplaren\nin der Uebersetzung von Königsfeld die Zeile: „Mit dir trug\nich Leid und Lasten\", zwei Mal abgedruckt Unter dem Vers"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "390", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.6", "texte": "Den schönen Text, im Ganzen sieben Strophen, hat\nF. Hiller trefflich aufgefasst und den Inhalt und die er-\ngreifende Situation auf melodisch einnehmende und har-\nmonisch einfache Weise in entsprechender musicalischer\nPoesie wiedergegeben.\nDer durchweg zweistimmige Frauenchor und auch die\nSolostimme erinnern an den Stil der älteren italiänischen\nKirchen-Componisten, ohne irgendwo gesucht oder copirt\nzu erscheinen; vielmehr hat es Hiller verstanden, den Reiz\nder neueren Instrumentirung mit diesem Stil zu verschmel-\nzen, und dies ist ihm nicht bloss auf geistreiche Weise,\nwie immer, sondern zugleich auch auf melodisch fliessende,\nungemein anziehende Weise gelungen. Diese Begleitung\nwird nur von den Bogen-Instrumenten (die Violinen\nsordini), zwei Flöten, zwei Clarinetten und zwei Hörnern\nausgeführt und ist überall zart und sanftklingend gehalten.\nZu der ersten Strophe der Solostimme tritt das Violoncell\nals Solo-Instrument hinzu, und einzelne Anklänge dessel-\nben wiederholen sich auch bei den folgenden; bei der letz-\nten aber: „Audin' ? sonat gaudia Angelorum citharau\npräludirt eine Solo-Violine ohne Sordin, bleibt über den\nletzten Lauten der Sterbenden schwebend und schliesst\nallmählich absinkend die Cantilene. Auch in den Schluss-\ngesang des Chors klingt sie noch zuweilen wie eine Stimme\nvon oben mit reizenden Melismen hinein.\nDas Ganze ist eine schöne Perle für Gesang-Vereine\nund kann, wie man sieht, ohne grosse Mittel und Kräfte\naufgeführt werden. Der Chor wird sogar mehr Wirkung\nthun, wenn er nicht sehr zahlreich besetzt ist. L.\nStudien für Pianoforte.\nB. E. Philipp, Songe dorne\npieees caracteristiques\nBreslau, Leuckart. 3 Hefte.\nDiese Charakter-Etuden verbinden mit lieblichen,\nmeist originellen Melodieen eine reine, anmuthige und\ndurchsichtige Factur. Ein heutzutage hoch anzuschlagen-\ndes Verdienst, das Vermeiden eines überstürzenden Ha-\nschens nach fremden, bizarren Wendungen und Accorden,\ngibt ihnen gewiss bei dem Unbefangenen den Vorzug vor\nvielen anderen ihres Gleichen, wenn sich auch nicht läug-\nnen lässt, dass dieses ewige schulgerechte Imsattelbleiben\nunserem heutigen Ohr denn doch etwas monoton vor-\nkommt. Was wir einigen Etüden daher noch wünschten,\nwäre etwas mehr Abwechslung in den Harmonieen und\nauch mehr technische Ausführung. Einige derselben kom-\nmen uns—offen gesagt für Etüden viel zu harmlos vor.\nWir finden darin viel zu wenig Gelegenheit zur Ausbil-\nDung der Technik, wie man sie heutzutage fordert, so z. ß.\nin Nr. 3, 4, 5, 7, theilweise auch in Nr. 8. Was die ge-\nhaltvolle Durchführung betrifft, so empfehlen wir beson-\nders die Nummern 4, 5, 8, 9 und 10, die gewiss Jeder-\nmanns Beifall erhalten werden. Zum Schlüsse noch die Be-\nmerkung, dass sowohl der Titel als die\nmeisten Ueberschriften der einzelnen Stücke (z. B.\nUtes, La -coterie, La jabusie,\nu. s. w.), obendrein bei anspruchslosem Inhalt, zu coquett\nund in Spielerei ausartend erscheinen. Und warum fran-\nzösisch?— Schliesslich sprechen wir unsere Ansicht dahin\naus, dass diese Etüden besonders zur Erreichung einer\nzarten, geschmackvollen Spielart das Ihrige redlich beitra-\ngen und durch ihren ansprechenden Inhalt dem musicali-\nschen Ohr und Geschmack eine ergiebige Beschäftigung\ngeben.\nCharles Mayer, Trois grandes etudes bril-\nlantes pour Piano. Op. 159. Breslau, Leuckart.\n3 Hefte.\n>\nAuszuge. 24 Studien für das Pianoforte in metho-\ndischer Ordnung. Op, 168 b. Breslau, Leuckart.\n6 Hefte.\nDie erste und dritte der obigen drei Etüden sind un-\nverkennbar hauptsächlich für die Ausbildung eines leich-\nten, sicheren und angenehmen Anschlags geschrieben. In\ndieser Hinsicht sind sie für den schwächeren Spieler sehr\ndankbar. Werden sie recht gründlich geübt, so wird man\nauch noch manches andere Gute daraus lernen. Die zweite\nscheint uns ihren Hauptzweck, die Unabhängigkeit der\nFinger, weniger gewissenhaft anzustreben, indem beson-\nders in der linken Hand die schwächeren Finger zu wenig\nberücksichtigt sind. Doch wird auch sie dem minder ge-\nübten Spieler in dieser Beziehung eine willkommene Auf-\ngabe sein. Auch müssen wir gestehen, dass sie alle wie\nunser Piano-Publicum heutzutage ist durch ihre weiche\nund für den ersten Moment anziehende Haltung besonders\nbei dem schönen Geschlechte viel Anklang finden werden.\nDies gilt besonders von der dritten, die in jeder Beziehung\ndie beste ist. Was aber der ernste Kenner und derjenige,\ndem es bei Etüden neben technischer Genauigkeit und\nBerechnung auch um Kraft und Saft zu thun ist, rügen\nwird, das ist die oberflächliche Schreibseligkeit, mit der\nbesonders die ersten beiden hingeworfen sind. Uebrigens\nsind die Epitheta „gross und brillant\" für diese viel zu pom-\npös. Kurz gesagt, wir empfehlen alle drei jenen Spielern,\ndie sich mehr mit Blumen, als mit nahrhaften Pflanzen\nbefassen.\nWas das zweite der oben angekündigten Ciavierwerke\nbetrifft, so freuen wir uns aufrichtig, dass der Verfasser\n\nTecum dormiam defessa muss es heissen: „Lass mich müde\nmit dir rasten.*"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "391", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.7", "texte": "hier sein schönes Talent zusammengenommen hat, um uns\netwas recht Brauchbares zu bieten. Wir geben diesen 24\nStudien im Allgemeinen den Vorzug vor der bekannten,\nin ihrer Art trefflichen Schule der Geläufigkeit von Czerny.\nWas eine allseitige Ausbildung der Technik im engeren\nSinne betrifft, so erreichen sie, werden sie anders mit\nLiebe und Ausdauer gemacht, vollkommen ihren Zweck.\nAuch finden wir zumeist recht frische, wohlklingende\nGrund-Melodieen, die den Spieler angenehm anregen und\nihm die saure Arbeit versüssen. Dazu kommt noch die un-\nläugbare Sorgfalt, mit welcher der streng methodische Gang\ngewahrt ist. Als Beweise unserer Bemerkungen heben wir\nbesonders Nr. 14, 16, 18, 23 und 24 heraus. Was wir\nallenfalls noch wünschten, wäre eine eingehendere Behand-\nlung der linken Hand und die Kräftigung der beiden vier-\nten Finger, worin uns besonders Gramer in seinen unüber-\ntroffenen Etüden so Vorzügliches geliefert hat. Wir wün-\nschen diesen 24 Studien möglichst grosse Verbreitung.\nL. Köhler, Clavier-Etuden für Geläufigkeit und\ngebundenes Spiel. Op. 60. 2 Hefte.\nWinterthur, Rieter-Biedermann.\nIn den Etüden in Doppel-Passagen bemerkten wir\nmit grosser Befriedigung neben einer streng logischen Stu-\nfenfolge eine gleichmässige Fingerbildung, Feinheit und\nReinlichkeit des Spiels mit gründlicher Sorgfalt vorberei-\ntet. Die in dem kurzen Vorworte gegebenen Winke finden\nwir praktischer als manche bogenlange Deduction in ge-\nwissen Clavicrschulen. Die beiden Hefte Clavier-Etuden\nsind für ihre im Titel ausgesprochenen Zwecke von gros-\nser Wichtigkeit. Abgesehen davon, dass sie als Composi-\ntionen zu den lieblichsten Erscheinungen in der Etuden-\nLiteralur gehören, führen sie den Schüler mit sicherer\nHand einem in jeder Beziehung vollendeten Spiel entgegen.\nBeide Werke seien warm empfohlen.\n\nM.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nRollt* Der jugendliche Virtuose Leopold Auer aus Ungarn\nhat hier zwei Soireen gegeben, Donnerstag den 22. November in\nder Gesellschaft „Harmonia* und Montag den 26. im Hotel Disch.\nIn der ersten spielte er die Fanlaisie militaire von Ldonard, das\nFinale aus dem Concert in C-chir von Vieuxtemps, dessen Re-\nverie und einen ungarischen Czärdäs (Nationaltanz); in der zweiten\nBeethove n's Sonate in G-dur (aus Op. 80) für Pianotorte und\nVioline mit Herrn Lack, Fantaisie Caprice von Vieuxtemps,\nLa Ronde des Lulins von Bazzini und eine ungarische Phantasie\nvon Ridley Kohne, Beide Soireen waren sehr besucht, und dem\njungen Künstler wurde nach jedem Stücke der lebhafteste Beifall zu\nTheil, der sich durch die vortreffliche Ausführung der Pnantasie-\nCaprice, der Ronde des Lutins und der charakteristischen ungari-\nschen Musikstücke bis zum Enthusiasmus steigerte.\nIn der letzten Soiree lernten wir in Fräulein Ernestine Zecb-\nlin, einer Schülerin der Frau Mamp6-Babnigg in Breslau, eine an-\ngehende junge Sängerin kennen, welche mit einer besonders in den\nhohen Tönen kräftigen und wohllautenden Stimme durch den Vor-\ntrag der Arie der Anna aus „Hans Heiling8 von Marschner und\neines Liedes von Franz Beifall ärntete. In der ersten Soiree sang\nFräulein Barn, Schülerin des Herrn E. Koch, die Sopran-Partie\nin dem Final-Terzett aus der Oper Sl)as Nachtlager von Granada44\nund ein Lied von Kirchner mit recht ausgiebiger Stimme.\nAm 27. November gab Frau Szarvady-Clauss eine Soiree\nim Hotel Disch, dessen Concertsaal nicht Kaum genug hatte für die\nzahlreiche Zuhörerschaft. Sie spielte eine Sonate für Pianoforte und\nVioline von Haydn mit Herrn Concertmeister von Königslöw,\ndann allein drei kleinere Ciavierstücke: Sonate von Scarlatti,\nArie von Pergolese und „Les Niais de Sologne\" von Rameau,\nferner die grosse Sonate von Beethoven Op. lii und zum\nSchlüsse drei kleinere Stücke von Chopin.\nDie vortreffliche Künstlerin entzückte und begeisterte auch dieses\nMal wieder alle Welt durch die vollendete Ausführung der genann-\nten Compositionen. Während die reizendste Anmuth des Vortrages\nsich auf die reinlichste, alle Tone sowohl im Ligato als im Staccato\nin vollkommener Weise zu einzelner Geltung bringende Technik\nstützt, und der Ausdruck durch den eben so sauberen und elasti-\nschen als kräftigen Anschlag ganz und gar in der Macht der Spie-\nlerin steht, so dass ihre Tongebilde auf dem Gebiete des Zarten\nund Duftigen unnachahmlich schön erscheinen, frappirte die Kraft\nund Energie, welche sie bei der Introduction und dem ersten Alle-\ngro der Sonate Op. 111 von Beethoven entwickelte. Dass sie jedoch\ndie kräftige Vortragsweise nicht forcirt und durch eine aus dem\nKreise der Weiblichkeit ganz heraustretende athletische Tasten-Be-\nwältigung schlagend zu imponiren sucht, rechnen wir ihr hoch an;\nsie befreit uns durch ihre Spielweise endlich einmal wieder von der\nunbändig daher rennenden Clavier-Reiterei, von dem Durcheinander-\nbrausen des Tonsturmes und den Wirbeln des Staubes, der aufge-\nregt wird, um ihn den Zuhörern in die Augen zu streuen. Ist es\ndenn nöthig, dass, um Sätze wie das Allegro der genannten Sonate\nkünstlerisch zur Geltang zu bringen, die Mechanik des Instru-\nmentes unter Riesenhänden ächze und die Saiten unter Faustschlä-\ngen springen? Durch das Maass von Kraft, welches Frau Szarvady\nanwendet, wird sie niemals in die Gefahr kommen, die Grazie darü-\nber zu verlieren, was denn auch der wundervolle Vortrag des zwei-\nten Satzes, der Arietta und ihrer Variationen, bewies, in welchem\nder Componist uns in einen Zaubergarten führt, in dem wir die\nBlumen kaum sehen, sondern nur ihren Duft atbmen wenn der\nSatz nämlich so geistig aufgefasst und so ätherisch wiedergegeben\nwird, wie wir ihn dieses Mal hörten. Von den drei kleineren Cla-\nvierstiieken älterer Meister war das von Rameau, von dessen Cla-\nviermusik wir gar nichts kannten, das interessanteste, auch als Com-\nposition das bedeutendste, wiewohl der ganz ausgezeichnete Vortrag\ndieser gar nicht leicht zu spielenden Curiosität viel zu ihrer günsti-\ngen Aufnahme beitrug.\nZwischen den Ciavierstücken der Concertgeberin sang Fräulein\nGenast eine Composition F. Hill er' s zu H. H eine's „Wallfahrt\nnach Kevelaer'4 für eine Singstimme und Pianoforte, und zwei Lie-\nder von Mendelssohn mit jenem ausdrucksvollen Vortrage, den\nwir an ihr schätzen. Die „Wallfahrt« machte auf viele Zuhörerinnen\neinen sichtbar ergreifenden Eindruck.\nHerr von Königslöw, dessen schöner Ton und einfacher Vor-\ntrag der Violinstimme zu der Sonate schon einen sehr wohlthuenden\nEindruck machte, spielte nachher Bach's Chaconne und erregte\ndurch die grossartige, aber ebenfalls keineswegs übertrieben kräftige\nVortragsweise, die bravourmässige Technik und die treffliche Nuan-\ncirung, welche die sonst nicht zu läugnende Monotonie des Stückes\nvergessen lässt, Bewunderung."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "392", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601201-01.1.8", "texte": "4\nHärmen« Das zweite Abonnements -Concert unter\n- ; - l\nLeitung des Herrn Musik-Directors Anton Krause, Samstag den\n24. November, brachte Mozart's Requiem vollständig und F.\nSchuberts grosse Sinfonie in C-dur. Der Saal war überfüllt,\nund das Publicum zeigte sich sehr befriedigt mit den Aufführungen\nsowohl in ihrem Ganzen als im Einzelnen, was namentlich auch den\nVortrag der Solo-Partieen im Requiem betrifft, die von den Damen\nMarie Büschgens (Sopran) aus Crefeld und Jenny Niethen\naus Köln, den Herren Petack (Tenor) aus Elberfeld und Schif-\nfer (Bass) aus Köln gesungen wurden. Chor und Orchester waren\nrecht brav und zeigten einen unverkennbaren Fortschritt, wozu wir\nder Stadt Barmen, die jetzt über 46,000 Einwohner zählt und mit-\nhin auch an die Kunstleistungen grössere Ansprüche zu machen be-\nrechtigt ist, aufrichtig Glückwünschen. Die Einweihung des neuen\nConcertsaales mit Orgel ist auf den 23. Februar 1861 festge-\nstellt; für den ersten Tag ist Händel's „Messias\" zur Auffüh-\nrung bestimmt.\nMainz, 21. November. Die kurze Zeit der Ruhe nach der be-\nwegten Zeit unseres herrlichen Musikfestes ist vorüber, und allmäh-\nlich ist wieder neues Leben in unseren Vereinen erwacht. Der Ver-\nein für Kirchenmusik hat unter der Leitung des Herrn Capell-\nmeisters Lux eine der Kunst würdige Stellung eingenommen. Dieser\nVerein ist seit seinem beinahe zwanzigjährigen Bestehen nie so tbä-\ntig gewesen, als jetzt. Es wurden in der Zeit eines halben Jahres\nin sehr gelungener Weise zur Aufführung gebracht: in der neu re-\nstaurirten Stephanskirche das Slabat maier des zur Zeit Spontini's\nin Berlin lebenden Italiäners Benelli; ferner im Marmorsaale des\nkurfürstlichen Schlosses ausser anderen gediegenen Sachen das Va-\nter unser von Lindpaintner für Alt-Solo, Chor und Orchester,\nso wie die Motette rDes Staubes eitle Sorgen*\" von J. Haydn, und\nendlich bei einer Jubiläums-Feier in der Ignatiuskirchc die Messe\nin C Nr. 7 von Haydn. Da Herr Lux. Protestant ist, so verdient\nes namentlich für die Bewohner des Niederrheines als ein Beispiel\nvon Toleranz hingestellt zu werden, dass man hier keinen Anstand\ngenommen hat, demselben die Leitung dieses Vereins für katholische\nKirchenmusik zu übertragen. Vom Männergesang-Vereine\nist zu berichten, dass er in dem diesjährigen Concerte im Curscale\nzu Wiesbaden einzelne Chöre nach allgemeinem i)a-tapo-H\\ifQ wie-\nderholen musste. Unterstützt wurde dieses Concert durch die treff-\nliche Coloratur-Sängerin Fräulein Tipka und unseren Landsmann,\nden Baritonisten an der königlichen Oper zu Berlin, Herrn Betz3\nund durch die frappanten Leistungen des jugendlichen Violin-Virtuo-\nsen Herrn Auer aus Wien. Als Neuigkeit kam mit vielem Beifall\nzur Aufführung eine Composition von Lux, »Die Parforce-Jagd\n[musicalische Ironie oder Ernst?] für Männerchor mit Blas-Instru-\nmenten-Begleitung. Von den diesjährigen Opern-\\ orstellungen ist\nzu berichten, dass, wenn auch manche misslungene Vorstellung mit\nunterlief, dieselben doch bei W eitern besser sind als in den früheren\nJahren; namentlich gilt dies von den Leistungen des Orchesters, an\ndessen Spitze Herr Marp u r g steht.\n»\n*\n% i\nMainz, 19. November. Vergangenen Samstag, 17. November,\ntraten hier die Vorstände der zum Mittel rheinischen Musik-\nVerband e gehörenden Städte zusammen, um wegen Erneuerung\ndes Turnus zu berathen. Nach längerer Discussion beschloss die\nVersammlung, das Fest lür das Jahr 1861 ausfallen zu lassen und\nden neuen Turnus im Jahre 1862 zu beginnen. [Warum das? zumal\nda das letzte Fest in Mainz so vortrefflich gelungen! Ist die Begei-\nsterung für die S&cbe schon vorüber ? Das können wir nicht glau-\nben, und wollen nicht fürchten, dass persönliche oder loeale über-\nhaupt unmusicalische Rücksichten jenen Beschluss, den die Süd-\ndeutsche Musik-Zeitung verkündet, veranlasst haben. Die\nRe daction.]\nZur Gründung des böhmischen Nationaltheaters in Prag\nsind bis jetzt zugesichert 104,975 Fl. Kr ; davon wurden be-\nreits erlegt 59,650 Fl., 2 Ducaten, Goldkörner aus Kalifornien, im\nWerthe von 2 Ducaten; weiter sind dafür übergeben worden drei\nOelgemälde, achtzehn Denkmünzen, eine silberne Kette und ein Ring.\n* Paris# Ein hiesiges Blatt sagt: »Die italiänische Oper war\nneulich brechend voll, Mario und Ronconi traten diesen Winter\nzum ersten Male auf. Almaviva und Figaro waren wie immer treff-\nliche Schauspieler, aber ihr Kehlkopf liess viel zu wünschen übrig,\nund im Publicum machte sich eben so wie im Orchester die her-\nabgesetzte Stimmung bemerkbar.\""}]}