{"numero_id": "bm-bmtnabi-1860-12-15-01", "volume": "bmtnabi_1860-12-15_01", "ocr_sha256": "1961923f66ea61b5fa71bf53057412a10d2484311b0d0f2a3e7876cf8947a973", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1860/12/15_01/bmtnabi_1860-12-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1860-12-15-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-12-15_01#c001", "volume": "bmtnabi_1860-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "401", "page_fin": "401", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "401", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 293, "texte": "Inhalt.\nMusik und Kritik in Wien. - Aus Osnabrück (Musicalische Zustände). 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Was soll man\ndazu sagen, wenn die zwei grössten Concert-Vereine in\nWien, die Veranstalter der „Gesellschafts-Concerte\" und\nder „philharmonischen Concerte\", ihre Concerte auf den-\nselben Tag und dieselbe Zeit ansetzen, wie es in\nder That am Sonntag den 2. December der Fall gewe-\nsen ist? Die Programme brachten: im philharmoni-\nschen Concerte (Dirigent Dessoff): Beethoven's Eg-\nmont-Ouverture und Sinfonie Nr. VIII., dazu classische\nStücke von Mozart und Mendelssohn; im Gesellschafts-\nConcerte (Dirigent Herbeck): einen von Liszt instru-\nmentirten Marsch und unbekannte Orchestersachen von\nFranz Schubert, ferner ein neues Clavier-Concert von\nVolk mann. Beide Programme bezeichnen, wie es scheint,\ndie Bichtungen, welche die Vorstände beider Institute ein-\nzuschlagen gedenken. Ob eine consequente Durchführung\ndieser Bichtungen gerathen sei, wollen wir nicht unter-\nsuchen; unsere Ueberzeugung sträubt sich jedoch nicht\nbloss gegen jede Tendenz-Musik, sondern auch gegen alle\nTendenz-Concerte. Sie führen zu Parteiungen, und wir\ngehören nun einmal zu denen, die von Parteiungen in der\nKunst nur Störendes und Hinderliches für die Entwick-\nlung der Kunst selbst und noch mehr für die ungetrübte\nund unbefangene Freude an ihr erwarten oder vielmehr\nfürchten.\nIndessen ist das Programm des Herbeck'schen Gesell-\nschafts-Concertes auch für weitere Kreise jedenfalls inter-\nessant, und wir geben darüber folgende Mittheilung von\nEd. llansl ick :\n„Da gab es zuerst einen von Liszt orchestrirten Marsch\nSchubert's. Kühn und dabei leichtbeflügelt, im Trio zärt-\nlich singend, glanzvoll und stürmisch im Abschlüsse! Das\nOriginal (Nr. 3 aus den vierhändigen „Sechs Märschen\",\nOp. 40) kann allerdings dem im vorigen Winter aufge-\nführten „Reitermarsch\" nicht gleichgestellt werden; aber\nwie klingt das in Liszt's Instrumentirung! Wir müssten\nvollständig wiederholen, was wir damals bewundernd über\ndie Liszt'sehe Orchestrirung berichteten. Genug, Schubert\nselbst hätte gestaunt. Scheint es doch kaum möglich, in\nkleinstem Bahmen solchen Glanz des Colorits zu entfalten,\nso viel Zartheit neben so stürmischer Kraft, so geistreiche\nDetails bei solcher Einheit der Totalwirkung. Dabei will\nder glänzende Schmuck, welchen Liszt dem einfachen Cla-\nvierstücke umgethan, nirgend für sich, nirgend mehr gel-\nten, als das Geschmückte selbst; es ist ein Werk aus\nEinem Guss, eigentlich ein kleines Ideal von Compagnie-\nArbeit, eine solche nämlich, die keiner der beiden Künst-\nler allein hätte hervorbringen können. Kaum bedarf es\nder Versicherung, dass der Marsch einhellig zur Wieder-\nholung verlangt wurde.\n„Ungleich geringer war der Erfolg von vier „Frag-\nmenten\", welche man aus Schubert's nachgelassenen, noch\nungedruckten Sinfonieen gewählt und gleichsam zu Einer\nSinfonie zusammengestellt hatte. Die beiden ersten Sätze\nsind einer Sinfonie entnommen, welche Schubert als neun-\nzehnjähriger Jüngling componirt und die „Tragische \" ge-\nnannt hatte. Sie hiesse wohl besser die „Pathetische\";"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "402", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5338, "texte": "pathetisch in dem selbstbewussten, leidenschaftlichen Tone\nder Cherubini'schen Ouvertüren ist namentlich der erste\nSatz. Nicht eben selbstständig oder glänzend in der Erfin-\ndung, weis't er doch ein reifes musicalisches Gefühl, dabei\nein präciseres Zusammenfassen der Form auf, als die spä-\nteren Instrumentalsachen des Meisters. Das Andante bringt\nin Mozart'scher Ausdrucksweise manchen eigentümlich\nSchubert'schen Gedanken; schade, dass die sanfte, einheit-\nliche Empfindung des Stückes (überdies durch Rosalien-\nketten und Aehnliches) über Gebühr breitgezogen wird.\nDas Scherzo, neun Jahre später componirt, äussert bereits\nden vollen, gegen Schubert fast übermächtig einstürmen-\nden Finlluss Beethoven's. Die anregende Wirkung dieses\nlebensfrisch pulsirenden Satzes wird nur durch seine allzu\nstarke Keminiscenz an das Scherzo in Beethoven's\nSinfonie, dann durch ein Trio gestört, dessen langsam\nruckweiser, an Automaten mahnender Bhvthmus uns in\n7 «I\neinige Verwunderung versetzte. Das Finale ist wieder ein\nWerk der Jugend (1815) und ihres vergnügt lärmenden\nThalendranges, der sich noch regt und bewegt, ohne sich\num Ziel und Erfolg Grosses zu kümmern. Herrn Director\nHerbeck gebührt das Verdienst, uns mit diesen Beliquien\neines theuren, frühverblichenen Meisters zuerst bekannt\ngemacht zu haben. Niemand wird ohne Bührung, ohne\nStaunen diese Blüthen eines so früh und üppig produciren-\nden Talentes betrachtet haben. Ob sie ohne dieses per-\nsönliche und historische Interesse bloss durch ihren abso-\nluten Werth nachhaltig zu wirken vermöchten, wollen wir\nnicht entscheiden.\n„Auf das angenehmste überraschte uns Volkmann's\nneues Concertstück für Piano und Orchester. Endlich doch\nwieder ein neues Werk, mit dessen Verdienst wir uns nicht\ndurch die Worte „„geistreich\"\" und „„interessant\"\" ab-\nfinden müssen! Geistreich ist Volkmann's Composition al-\nlerdings und interessant in hohem Grade; aber sie ist weit\nmehr, als dies. Sie ist durch und durch musicalisch,\nder freie Auslluss eines fein gebildeten, echten Talentes.\nSie bietet uns keinen kalten Baritätensaal von Combina-\ntions-Wundern, sondern einen plastisch gegliederten Leib\nund eine singende Seele. Die melodische Erfindung ist,\nwenn auch nicht üppig, doch spontan und eigentümlich;\nder Bau, das Detail, die Instrumentirung verrathen die\nerfahrene, wählerische Hand des Meisters. Eine köstlich\ninstrumentirte, langsame Einleitung, deren schmerzliche\nKlage an ungarische Weisen anklingt, führt zu einem äus-\nserst sinnigen Thema mit Variationen; Schumann könnte\nes geschrieben haben. Gleichfalls in unmittelbarem An-\nschlüsse und ohne den altertümlichen Formalismus der\nCadenz folgt ein rasch dahinperlendes Allegro. Gegen das\nFrühere fällt dieser Schlusssatz dadurch ab, dass der Poet\nhier allzu höflich sich hinter den Virtuosen gestellt hat.\nDas Passagenwerk überwuchert manchmal den selbststän-\ndigen Gedanken und erinnert damit an eine ältere Epoche\nder Concert-Composition. Doch bewahrt der Satz auch\nunter dem dichtesten Bravourllitter seine vornehme, cha-\nraktervolle Haltung. An die Virtuosität des Pianisten stellt\ndas Concertstück so hohe Anforderungen, dass Herr\n!\nDachs (der übrigens gerufen wurde) ihnen nicht durch-\nweg genügte.\"\nBetrachten wir nun zweitens, in welcher Weise die\nGesang-Institute den neuen Aufschwung im Auge ha-\nben, die Sing-Akademie (Dirigent Stegmaier) und\nder Sing-Verein (Dirigent Herbeck), so zeigt sich in\nbeiden das höchst ehrenwerthe Stieben, das Publicum\nwieder an gediegene Musik zu gewöhnen. Doch nein: zu\n„gewöhnen\" —das würde den Zuständen angemessen\nsein und sicher auch Frucht tragen; aber man scheint ge-\nwaltsame Bekehrung zu beabsichtigen, und das ist ohne\nZweifel gefährlich.\nStellen wir auch hier die Programme der letzten Con-\ncerte dieser Körperschaften zusammen, so erscheint auch\nhier Herr Herbeck als Vertreter der Neueren, denn der\nSing-Verein brachte in seinem Concerte am 1. Decem-\nber von Schumann die Ballade „Der Königssohn\" und\nChöre aus dem dritten Theile der Faust-Musik; von F.\nSchubert das Lied: „Der Hirt am Felsen\"—Ständchen\nfür Alt-Solo und Frauenchor, Op. 135 Soldatenlied;\nvon Grädener Chor: „Irwischgesang\"; von Mendels-\nsohn: „Die Nachtigall\" und „Kommt, lasst uns geh'n\".\nDas erste Concert der Akademie hingegen begann\nmit nichts Geringerem als J. S. Bach's doppelchöriger\nMotette: „Singet dem Herrn ein neues Lied!\" —liess Pa-\nlestrina's Stabat matcr,Lotti's achtstimmiges\nfixus und Mendelssohn's achtstimmige Motette: „Aus\ntiefer Noth\", folgen. Doch gab es, plötzlich von dem er-\nhabensten Kothurn herabsteigend, Schumann's „Talis-\nmane\" und dessen Frauenchöre: „Wassermann\" und\n„Tamburinschlägerin\", ja, zwei neue Lieder von Rust zu.\nDieses Programm der Akademie hat nun, was eben\nnicht erfreulich, bei der offen und schroff angekündigten\nTendenz aber leicht erklärlich ist, Veranlassung zu einer\nSpaltung unter den Vertretern der wiener Kritik gegeben.\nDr. Ed. Hanslick machte in der „Presse\" vorn 22. No-\nvember auf die Gefahr aufmerksam, die es habe, wenn\nman eine Geschmacks-Umwälzung überstürmen wolle, und\näusserte seine—unserer Meinung nach sehr wohl begrün-\ndeten— Bedenken über die von der Direction, wie verlau-\ntete, beabsichtigte grundsätzliche Bevorzugung der älteren\nKirchenmusik auch dem Publicum gegenüber. Er warnte\ndavor, „die freudige Empfänglichkeit des Publicums nicht"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "403", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5421, "texte": "durch allzu viel Fremdartiges abzuschwächen. In der Kunst\nsympathisiren wir wärmer mit dem poetischen als mit dem\nkirchlichen Interesse, und erbauen wir uns auch gern\ndurch künstlerische Wallfahrten nach den verlassenen Stät-\nten früherer Jahrhunderte uns dort ungeteilten Her-\nzens anzusiedeln, vermögen wir nicht mehr.\"\nDem stimmen wir vollkommen bei, obwohl wahrlich\ntief erfüllt von Verehrung und Bewunderung für Werke\nBach's, wie die Passionen und viele andere Kirchenslücke.\nNoch mehr müssen wir aber Ed. Ilanslick's Aeusserung\nbilligen, dass „zu der vollen Wirkung der älteren prote-\nstantischen Kirchenmusik in Wien viele Voraussetzun-\ngen fehlen, dass man also bei der Einführung derselben\nin Maass und Auswahl sehr behutsam vorgehen müsse.\"\nSodann richtet sich Ed. Hanslick's Kritik speciel\ngegen die Wahl der genannten zweichörigen Motette von\nBach, macht ihr den Vorwurf, dass sie „stimm- und chor-\nwidrig gesetzt sei\" ; „die besten Sänger der Welt\nwürden hinter der hier gestellten Aufgabe zurückbleiben,\ndas Ziel der Anstrengungen werde dem Hörer weder\nmusicalisch noch poetisch klar, weil das instrumentale Fi-\nguriren der Chorstimmen es unmöglich mache, dem musi-\ncalischen Grundgedanken zu folgen oder auch nur eine\nSylbe vom Texte zu verstehen.\"\nDagegen hat nun Herr S. Bagge in seiner D. Musik-\nZeitung vom 1. December einen sehr gereizten Ton ange-\nstimmt, worauf uns folgende Antwort von Dr. Ed. H ans-\nlick mitgetheilt ist, die wir im Wesentlichen geben:\n„Unser letzter Bericht über die Sing-Akademie hat\nuns eine lange Strafpredigt von dem Redacteur der Deut-\nschen Musik-Zeitung, Herrn Bagge, eingetragen. Sie ist\nwesentlich durch zwei Punkte veranlasst. Fürs Erste durch\nunseren wohlgemeinten Wink, die Sing-Akademie möge,\nwenn sie aus dem Studirsaale heraus vor ein grosses Pu-\nblicum tritt, „ „in Maass und Auswahl der älteren, nament-\nlich protestantischen, Kirchenmusik, zu deren voller Wir-\nkung hier so viele Voraussetzungen fehlen, behutsam vor-\ngehen.\" \" Sodann durch die Bemerkung über Bach's zwei-\nchörige Motette, „ „dass die Composition dieses grossartig\ngedachten, kunstreich gethürmten Baues mit Bewunderung\nerfülle, aber die besten Sänger der Welt hinter der Auf-\ngabe zurückbleiben müssen, solchen stimm- und chorwidri-\ngen Satz präcis durchzuführen.\"\"\n„Es ist dies offenbar derselbe Punkt, welchen ein ge-\nachteter Kritiker, zugleich Haupt-Mitarbeiter Herrn\nBagge's, noch weit stärker mit dem Ausdrucke getroffen\nbat, Bach's „„erstaunliches Werk\"\" sei mit „„halb bar-\nbarischen Kunstmitteln ausgeführt\"\". Herr Bagge zieht\naber nur gegen uns vom Leder. Aus unserer Kritik erge-\nben sich für ihn als nothwendige Folgerungen, „„dass\nman einem Severinus- oder Quäker-Vereine angehören\nmüsse, um an Palestrina oder Bach wirklichen Genuss zu\nfinden\"\", „„dass ein kostbar verzierter, antiker Trink-\nbecher bei modernen Menschen Anstoss erregen f!) müsse,\nweil er vielleicht aus der Zeit der Raubritter herstammt\"\",\n„ „dass Poesie und Religion scharf getrennte Gebiete\"\"\nsind und ich endlich ein „ „verkappter Zukunftsritter\" \".\nDiese Einwürfe kann jedes Kind widerlegen. Nur die letzte,\nvon Herrn Bagge für den Schluss-Effect aufgesparte Bombe\nwollen wir uns etwas näher besehen, da sie die ganze Be-\nlagerungs-Methode am besten charakterisirt ILST Bagge\nfolgert: „ „Von einem Componisten, der chor- und *timm-\nwidrig schreibt, kann man unmöglich Gutes lernen;\nfolglich waren Mozart, Beethoven, Mendelssohn,\nSchumann und hundert andere tüchtige Musiker nicht\nrecht bei Sinnen, wenn sie bei Bach in die Schule gin-\ngen!\" \" Dass man aus Bach „ „nichts Gutes\"\" lernen kann,\nweil er stimmwidrig setzte, ist genau so richtig, als dass\nman aus Hegel's Aesthetik nichts lernen kann, weil sie\nin schwerfälligem Stil geschrieben, oder aus Göthe's\n„Faust\", weil er nicht bühnenmässig und nicht einheitlich\nist, oder aus Cornelius' Bildern, weil sie die Behandlung\nder Farbe vernachlässigen. Mozart, Beethoven, Mendels-\nsohn und Schumann haben allerdings Bach mit Eifer und\nVortheil studirt, allein sie haben sich wohl gehütet, von\nihm zu lernen, wie man für den Gesang schreibt.\n„Herr Bagge sagt wenige Zeilen früher, dass Schu-\nberts Quartette „„bei grosser Liebenswürdigkeit\"\" an\n„ „Gebrechen in der Form\"\" leiden. Wie denn, wenn wir\njetzt aus diesem ganz richtigen Urlheil nachstehende Toll-\nheit folgern wollten: „„Von einem Componisten, den Ge-\nbrechen in der Form charakterisiren, kann man unmöglich\netwas Gutes lernen. Folglich waren Mendelssohn, Schu-\nmann, Robert Franz und unsere talentvollsten jüngeren\nComponisten nicht bei Trost, wenn sie Schubert'sche Werke\nstudirten\"\"? Wir müssten uns gefallen lassen, von allen\nvernünftigen Leuten ausgelacht zu werden. Die Leiden-\nschaftlichkeit treibt jedoch Herrn Bagge noch weiter, zu\nder Behauptung nämlich, dass ich „ „in Einem Athem\nBach's Kunst herabsetze, um die Schumann'sauf den Thron\nzu erheben\"\". Dass klingt ja, als wenn Jemand einen par-\nteiischen Vergleich zwischen Sophokles und Lord Byron\nziehen wollte. In dem Concerte, welches Bach's Motette\nbrachte, kam von Schumann, ausser zwei Kleinigkeiten\n(welche von Herrn Bagge „„reizend\"\", von mir „ „an-\nmutbig\"\" genannt wurden), nur Eine grössere Composi-\ntion, die „Talismane\", zur Aufführung, also bei mir „„in\nEinem Athem\"\" zur Besprechung. Herr Bagge preis't die-\nses Werk als „ „lautes Zeugniss von der Höhe der Phan-\ntasie seines Schöpfers\"\", während ich berichtete, „„dass\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "404", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4724, "texte": "dieser gross angelegte, etwas motetlenhaft schwerfällige\nChor uns nicht zu erwärmen vermochte, da er den schö-\nnen Spruch Göthe's durch breite Behandlung fast er-\ndrückt.\"\" Wer erhebt also??\n„Ein allgemeineres Interesse hat der Angriff des Herrn\nBagge nur dadurch, dass er wieder einmal auf den blin-\nden und leidenschaftlichen Götzendienst hinweis't, der lei-\nder unter Musikern noch immer für „ „Verehrung der\nGlassiker\"\" gilt. Die Kritik und Geschichtschreibung jeder\nanderen Kunst hat sich längst einen viel freieren Stand-\npunkt in der Beurtheilung ihrer grossen Männer geschaf-\nfen. Wollten unsere Tonkünstler sich etwas mehr mit den\nArbeiten deutscher und ausländischer Literatur-Geschichte\nbekannt machen, so würden sie ersehen, dass echte Kritik\nnirgend befürchtet, eine anerkannte Grösse in Frage zu\nstellen, indem sie deren Schattenseiten nachweis't und er-\nklärt. Sie würden lernen, wie freimüthig die hingehendste\nKritik das Ewige von dem Vergänglichen im Kunstwerke\nscheidet, wohl wissend, dass auch das begnadetste Genie\nmit zähen Wurzeln an die Bedingungen seiner Zeit, seines\nVolkes, seines staatlichen und religiösen Bodens, endlich\nspecitl an den jeweiligen Zustand der künstlerischen Tech-\nnik feslgewachsen ist. Unter den Musikern herrscht hierin\neine weit engherzigere Anschauung. Die Mehrzahl von\nihnen will Bach, Gluck, Mozart, Beethoven nicht als grosse\nKünstler verehrt, sondern als Gottheiten angebetet wissen.\nDaher kommt auch in unserer musikhistorischen Literatur\njene unverhältnissmässige Zahl von Schriften (namentlich\nBiographieen), in welchen man so viel Enthusiasmus und\nso wenig Belehrung findet. Für die heftigste und unduld-\nsamste unter den musicalischen Parteien gilt wohl mit\nHecht die der Baehianer. Niemand kann das geringste Be-\ndenken gegen ein Bach'sches Werk äussern, ohne dass so-\nfort die Gesinnungsgenossen Herrn Bagge's ihr wüthendes\n„Au voleur! an volear! ein Moderner! ein Weltlicher!\"\nhinter ihm her rufen.\n„Wir können in Zukunft bei diesem Bufe nicht jedes\nMal stehen bleiben und uns legitimiren. Gern lassen wir\nHerrn Bagge den angenehmen Glauben, dass er sein un-\nläugbares praktisches Verdienst um die Ausbreitung Bach's\ndurch eine intolerante Kritik noch steigere. Uns wolle er\nhingegen unsere Ueberzeugung unangetastet lassen, dass\ndie echte Kritik nicht darauf auszugehen hat, die Mängel\ngrosser Künstler wegzuläugnen, sondern zu zeigen, wie die-\nselben mit diesen Mängeln gross waren und es trotz der-\nselben für alle Zeit bleiben.\"\nZu richtiger Beurtheilung der Sache müssen wir noch\nbestätigen, dass sämmtliche uns zu Gesicht gekommene\nwiener Blätter den Erfolg der Ausführung der Motette\nvon Bach als gering bezeichnen. Der Referent R. der „Re-\ncensionen\" äussert sich in Nr. 47 dieser Zeitschrift folgen-\nder Maassen darüber:\n„Wenn sich das Interesse der Concertbesucher in ge-\nringerem Maasse der Bach'schen Motette zuwandle, so\nlässt sich hiefür mehr als ein Erklärungsgrund angeben.\nVor Allem darf nicht übersehen werden, dass unser Publi-\ncum, selbst das eigentlich musicalische, mit Bach auf we-\nnig vertrautem Fusse lebt, dass daher das erstmalige und\neinmalige Vorüberrauschen einer Titanen-Arbeit wie be-\nsagte Motette unmöglich ein volles Verständniss vermitteln,\nnoch die Unterscheidung reifen lassen könne, was an dem\nWerke unvergänglich kräftiges Mark, was daran unserer\nZeit nicht mehr zusagendes, schnörkelhaftes Beiwerk sei.\nFerner ist in Betracht zu ziehen, dass gerade dieses Werk\nsich von Seiten der Sing-Akademie keiner so schwungvollen\nund haarscharf exacten Ausführung erfreute, wie selbe\nzum annähernden Verständnisse nothwendig gewesen wäre.\nSo kam es, dass selbst der klare, fast von modernem Ge-\nmüthe angehauchte Mittelsalz: „„Wie Väter mit Erbar-\nmen auf ihre schwachen Kinder schauen\"\", nicht durch-\nzugreifen vermochte. Eine wiederholte Aufführung der\nMotette wäre somit aus mehrfachen Gründen, auch im In-\nteresse der Sing-Akademie, angezeigt.\"\nWir wundern uns nicht über diese Vorgänge in Wien,\nsondern verzeichnen sie einfach als ein Zeichen der Zeit,\nin welcher leider die Extreme auch in der Kunst bevor-\nzugt werden. Dass wir auf den ganzen Reichlhum der\nmusicalischen Literatur zurückgreifen, also auch die Alten,\nnamentlich Bach, geltend machen, ist gewiss ganz in der\nOrdnung; aber für eine Thorheil müssen wir es erklären,\nwenn ein Theil des jüngeren Künstlergeschlechtes unserer\nTage mit einer gewissen Affectation die classische Periode\nund ihre Erzeugnisse von Haydn bis Beelhoven (einschliess-\nlich!) ignorirt und die unnatürliche Vermählung von Bat h,\nScarlatti, Tartini u. s. w. mit der neueren Schule von Cho-\npin und Schumann an als einzig legitim und vor der ästhe-\ntischen Hierarchie allein gültig proclamirt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-12-15-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-12-15_01#c003", "volume": "bmtnabi_1860-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "404", "page_fin": "407", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.2.3", "titre_corps": "Aus Osnabrück.", "titre_sommaire": "Aus Osnabrück.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "404", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.4", "debut_caractere": 4726, "fin_caractere_exclue": 5202, "texte": "Aus Osnabrück.\n%\nDen 4. Decembei* ISCO.\n\\ or etlichen Monaten durfte ich Ihnen berichten über\ndie erste öffentliche Aufführung des neugegründeten Or-\nchester-Vereins. Der Erfolg, verbunden mit der all-\ngemeinen Gestaltung der hiesigen musicalischen Verhält-\nnisse, rief im Ausschusse des bestehenden Gesang-Ver-\neins den Gedanken hervor, mit dem Vorstande des neu-\ngegründeten Unternehmens unter Vorbehalt der beider-\nseitigen Selbstständigkeit ein Bündniss zur reciproken Un-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "405", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5512, "texte": "terstülzung bei künftigen Concert-Aufführungen zu schlies-\nsen. Die Verwirklichung des Gedankens ward erleichtert\ndurch den unabhängigen Beschluss des Orchester-Vereins,\nsich auch für seine regelmässigen Proben der ausschliess-\nlichen Leitung des Musik-Directors Klein zu unterstellen.\nDas heutige Concert war das erste praktische Ergebniss\nder geschlossenen Verbindung, die wir eben so wie das\nEntstehen des Orchester-Vereins beglückwünschen und\nals ein werdendes Institut betrachten müssen, welches seine\nStadien der Lehre, des Wachsthums, der Blüthe durchzu-\nmachen, auch unter Verhältnissen wie die unsrigen auf\ngelegentliche Chancen der Veränderung sich gefasst zu\nhalten hat. Schon das heutige Programm erlitt eine solche\nin unwesentlicher Art, indem die zugesagten Männerge-\nsänge, wie Veit's „König in Thüle44 und andere, wegen\nMangels an Zeit während der Aufführung selbst abgesagt\nwerden mussten. Dagegen erfreute der Herr Hauptmann\nG. das Publicum durch den Vortrag einer ansprechenden\nBallade. Vorher waren durch einen Schüler des Herrn\nKlein eine Etüde von Kullak und die „Campanella\" von\niaubert gespielt und zwei der von Kücken frei bearbei-\nteten schwäbischen Volkslieder durch den gemischten Chor\ngesungen worden. Wenn wir hiermit schliessen müssten,\nohne der Eröffnungs- und Schluss-Nummer des ersten\nTheiles der Aufführung, der muthig und schwungvoll vor-\ngetragenen Yelva-Ouverture von Reissiger und des 42.\nPsaimes von Mendelssohn, so wie der den zweiten Theil\nfüllenden dritten Sinfonie in E von Haydn zu gedenken,\nso würden wir auch schwerlich mit Jemandem darüber\nrechten dürfen, dass an leitender Stelle endlich wiederum\ndie Pflicht erkannt ist, den vorhandenen Talenten für den\nEinzelgesang an Ort und Stelle einen Spielraum zu ge-\nwähren, der nur fördernd und erweckend auf die nach-\neifernden Mitglieder des Chors wirken kann, während all-\nzu häufiges Heranziehen momentan anwesender, nicht aus\nder Milte der Mitwirkenden hervorgewachsener Grössen\nbei aller verdienten Bewunderung in mehr als einer Hin-\nsicht deprimirend auf die Lage eines örtlichen Dilettanten-\nVereins wirkt. Wir wissen, dass der Ausschuss des Ge-\nsang-Vereins bei dieser Erkenntniss der natürlichen Ord-\nnung der Dinge der Gefahr zu trotzen hat, einer Schwen-\nkung rückwärts zu der Genügsamkeit eines überwundenen\nkleinbürgerlichen Standpunktes unserer Stadt geziehen zu\nwerden, schätzen aber desswegen den Muth der herrschen-\nden Besonnenheit nur um so höher, da nach einem un-\nverbrüchlichen Naturgesetze die Blüthe eines jeden Gar-\ntens auf dessen Beeten muss entweder aufgewachsen sein\noder doch wachsen können, wenn der Gärtner und Besitzer\ndaran Freude haben soll. Hiermit wird nicht der Engher-\nzigkeit das Wort geredet, sondern nur die Wahrheit wie-\nderholt, dass bei dem Schopf herbeigeholtes Glück nicht\ndauernd lohnen kann wie der im Fortschritt der wett-\neifernden Entwicklung aller vorhandenen Keime langsam\nerzielte Segen, und dass ein künstlich erzeugter Anschein\nder Vollkommenheit, den entmuthigenden Schalten der\nEnttäuschung nach sich ziehend, von der wirklich erklom-\nmenen Stufe den herabstürzt, den er scheinbar auf die\nGipfelhöhe des Zeitalters erheben sollte. Man hat vom eben\nerschienenen zweiten Bande der Chrysander'schen Händel-\nBiographie Anlass genommen, den Gesang-Vereinen unse-\nres Landes in Bausch und Bogen aus der sparsamen Be-\ntheiligung an der Händel-Ausgabe einen Vorwurf zu machen,\nund das harte Wort gebraucht: sie wissen nicht, wozu sie\nda sein sollen (N. Hann. Ztg. vom 3. Dec. 1860, Feuille-\nton). Der osnabrücker Doppel-Verein hat unserer Meinung\nnach seinen Beruf erfüllt durch unbefangenes Zurückgrei-\nfen aul Mendelssoh n's Op. 42, den vor zwanzig Jahren\nhier besonders gern gesungenen Psalm: „Wie der Hirsch\nschreit nach frischem Wasser\", dessen Wiederauftauchen\nalte Sympathieen weckte und neue Sympathieen schuf, von\ndenen ein achtbarer Theil auch auf die Rechnung des\nhingebenden Eifers der Solistin Frau W. zu setzen ist.\nFalls sonst etwa hier oder dort Verfasser von Berichten\nauf gedrängtem Räume sich der Frage gegenüber in Ver-\nlegenheit befinden können, ob zweckmässiger zu sprechen\nüber Auswahl, Ausführung oder Inhalt derConcert-\nNummern, so wünschen wir getrost, es müsse sich in sol-\nchen Fällen über jeden der drei Punkte wenigstens so viel\nRühmliches sagen lassen, wie sich unbeschadet der in ho-\nhem Grade geziemenden Bescheidenheit hier jetzt mögli-\ncher Weise sagen liesse. Sie sehen dem heutigen Programm\nes an, wie man bei der Auswahl den gegebenen Kräften\nvolle Rechnung getragen hat, und ich brauche nicht mehr\nzu wiederholen, dass allerdings dies auch das einzige Mittel\nist, um Unternehmungen dieser Art, verschieden von den\nOratorien-Gesellschaften in Stuttgart und an anderen Or-\nten, ihren goldenen Fussboden an Ort und Stelle zu si-\nchern. Den Punkt der Ausführung betreffend, dürfen\nwir auch dieses Mal wieder das junge Orchester loben oder\nwenigstens demselben den Habedank des Abends votiren,\nund aus dem Ganzen neben unseren drei nicht schlecht\nbesetzten Pulten erster Geige wohl die hervorstechende\nLeistung der ersten Oboe ausheben, sowohl in Präludium\nund obligaten Stellen der Nr. 2 des Psaimes, als auch in\ndem anmuthigen Bläser-Ensemble des Adagio der\nSinfonie. Der Gehalt des Mendelssohn'schen Op. 42 ist\nwegen seiner vollkommen schönen und festen architektoni-\nschen Gliederung auf der breiten, starken Grundlage des\ndreimaligen Chors in F(Nr. 1, Nr. 4, Nr. 7, dazwischen\nNr. 2 und 3, D-mott und A-mottSopran und Jungfrauen-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "406", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5524, "texte": "Haufen, Nr. 5 und 6, G-mollund Recilativ und\nQuintett, Sopran und Männerstimmen) stets als Muster\nhochzuhalten. Die zweite der beiden Haydn'schen Sinfo-\nnieen in Es stellt ein nicht verklingendes Zeugniss aus für\ndie Würde des Meisters, aus dessen frommen Händen diese\nhöchste Form der reinen Instrumentalmusik vor drei Men-\nschenaltern entsprang in der Fülle ihrer organischen Le-\nbendigkeit und krystallenen Klarheit. Die drei Sätze in\nmit dem Adagio in der Ober-Mediante eingeschaltet\nvor der Menuet und dem Finale repräsentiren eine\nin den Imitationen des Schlusssatzes mit ihrer trefflich mei-\nsterhaften Factur culminirende Steigerung des Affectcs und\nTempo's der Motive innerhalb der grossen künstlerischen\nConception, deren formelle Durchschaulichkeit und logi-\nsche Folgerichtigkeit bei der bescheidensten Verwendung\nder modulatorischen Effect-Mittel uns an die ideale Not-\nwendigkeit der erweiterten Sonatenform und an den ka-\ntegorischen Imperativ des Abschlusses ihrer inneren Com-\nbinationen in den vier Sätzen der Orchester-Sinfonie\nflugs würden glauben machen, hätten wir anders bisher\nnoch nicht daran geglaubt. Und diese keineswegs ins Un-\nendliche, sondern zu einem an das Blaue gränzenden run-\nden Gipfel hingeführte Steigerung, die sich gleichsam mit\nAugen sehen und mit Händen greifen lässt, wird ihre emi-\nnente Wirkung auf das Gemüth des hingerissenen Hörers\nnicht verfehlen, wo die Wahl der Tempi nur von richtiger\nEinsicht in den psychologischen Progress geleitet und durch\ntechnische Rücksichten nicht becinflusst wird. Wenn als-\ndann im ekstatischen Momente des Vollgenusses der über-\nwältigenden Tondichtung ein beschauliches Individuum, aus\nseiner Rolle platzend, zwischen das Regen des praktischen\nAmtseifers der executirenden Cohorte unverhofft hinein-\nriefe: „Seid Hörer der Musik und nicht Thäler allein!\"\nwer wollte das Individuum der Blasphemie oder des Sy-\nbaritismus zeihen? Das Individuum hätte eben nur gezeigt,\ndass es etwas vergessen konnte, was die Majorität in den\nVersammlungen der Menschenkinder nie vergisst, nämlich\nsich selbst oder das eigene Ich, und dass es etwas dachte,\nworan das Schlaraffenthum und die Lästerzunge niemals\ndenkt, nämlich wie die gute Musik berechnet ist aufs „An-\nhören\". Will man aus einer Societät, aus einer Stadt die\nhohle, sinnlose Genusssucht bannen, so soll man ihre Jüng-\nlinge und Jungfrauen, ihre Weisen und Aeltesten den\nGeist des rechtschaffenen Hörens wieder kennen\nlehren, das Wesen einer Fähigkeit und Kunst, die, wie\nder Kenner aus Erfahrung weiss, weit schwerer ist, als\ndie der Kinderstube schon vertraute, uns allen angeborene\nFertigkeit und Sucht, sich hören zu lassen.—Ein beschau-\nliches Publicum von so genannten Auditoren, Hörern,\nauch Hörerinnen, welches vom Beschauen der klappern-\nden Zurüstungen den Maassstab nehmen muss für seine\nEhrfurcht vor der klingenden Ausführung einer Musik,\nweil es im Ueberflusse der glänzenden Armuth nie gehö-\nrig horchen lernen kann vor all dem scheinbaren oder\nwirklichen Prunk, der Jeden blendet, mag er ihn spreizend\nentfalten oder neugierig beschauen: —.wann wird es da-\nhin kommen, wie wird es dahin gelenkt, dass es sein\nSchauen richten mag aul die wesentliche Seile einer rei-\nnen Kunst-Production ? Man redet in Pensionen und ge-\ndruckten Büchern viel Abstractes von Bildung des Herzens\nzur Erziehung des inwendigen Menschen, während Andere,\ndie sich auf Concretes stützen, gern zu behaupten pflegen,\ndass Bildung nach Patschuli und Leihbibliotheken riecht,\nund dass bei gedachtem Organ des inneren Lebens nur\nvon Reinigung und von Hingabe an die gesunde Wahr-\nheit geredet werden sollte. Wir übergehen die Gemüths-\nfrage und antworten mit einem dürren, geschichtlichen\nNamen: „Vater Haydn\". Durch gegenständliches Vor-\nführen der Instrumentalwerke Joseph Haydn's, des flüssi-\ngen Spiegels seines künstlerischen Inneren, kann man bei\njedem Publicum unter allen Umständen es wohl dahin brin-\ngen, dass Etliche, deren inneres Ohr nicht an angeborener\nTaubheit leidet, dessen habitueller Verstopfung allmählich\nMeister werden müssen. Sicherlich gilt es auch hier, den\ngrössten Feind, sich selber, zu besiegen, und desswegen\nmöchten wir uns kaum getrauen, selbst mit der Leuchte\ndes Diogenes die rechtschaffenen Hörer ausfindig zu\nmachen -innerhalb jeder noch so sittsam und artig gewöhn-\nten Zuhörerschaft, sitzt schon ihre Versammlung in Reihe\nund Glied da gleich einer Verkörperung des perlenglei-\nchen Spruches, dass Redefertigkeit nur Silber ist und\nSchweigen erst das wahre Gold. Die wenigen Rechtschaf-\nfenen müssen es aber wissen, dass der heutige Mensch\ngesessen haben will zu den Füssen des Vaters Haydn, um\nmit stillem Behagen hörend das Schöne in seiner Klarheit\nzu beobachten, zu fassen, zu vergleichen, gleichwie man\nbei Mozart hörend das Leben lieben lernt und mit Beet-\nhoven hörend dem Leben des Raumes und der Zeit ent-\nfliegt.— Erst wenn die flüchtigen Hauchgebilde einer mit\nSchwingungen der Luft die Pulse der innersten Seele ma-\nlenden Kunst in Haydn's Schüler-Werkstatt man mit dem\ninneren Blicke fixiren lernte, kann man mit unverwandtem\nAngesichte schauen hinein in Mozart's früh verrauchte Le-\nbensgluth, hinauf zu Beethoven's froh obsiegendem Son-\nnenfluge. Wie wohl uns darum, wenn unserem Osna-\nbrück gewährt sein könnte, an der Hand unseres Orche-\nster-Vereins den bildungsreichen Jugendlauf des recht-\nschaffenen Hörers durchzumachen, dessen Sache es\nnicht ist, als blosse vegetirende Zierpflanze höherer Ord-\nnung den Salon zu schmücken; dessen Geschmack kein"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "407", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1164, "texte": "undeiinirbares Gelüst; dessen Theilnahme bei der Auffüh-\nrung einer Composition in lühiender Hingebung, verstän-\ndiger Sammlung und gewissenhafter Schätzung des Ver-\nnommenen bestehend; dessen Atmosphäre nicht herme-\ntisch abgeschlossen ist gegen die Richtung unparteiischer\nReflexion, wiewohl ihm wenig Dinge mehr verdächtig und\nzuwider sind als jenes auf der Lauer stehen mit dem kri-\ntischen Reagentien-Kasten, um bei jeder interessanten und\nfrappanten Phrase sein Fragment zu schnappen und an\njedem losgerissenen Bruchstücke die chemische Analyse\nzu probiren, ehe noch der leiseste Schatten einer Anschau-\nung der organischen Synthese der Motive und Intentionen\ndes Componisten mit dem homogenen Gliederbau des Gan-\nzen vor dem Auge der Betrachtung aufgestiegen ist! Das,\nwas wir hierin als die grosse Wohlthat eines Concert-In-\nstituts bezeichnet haben, welches, wie das unsrige, rüstig\nin Irischer Werdelust den Mittelpunkt eines ansehnlichen\nKreises musikbedürftiger Gemüther eingenommen hat, ist\neben das in unserem vorigen Berichte vom 15. September\nschon berührte aufgabenreiche und verheissungsschwere,\nernste Ding, seine Frucht aber das— Verum Gaudium."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1860-12-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1860-12-15_01#c004", "volume": "bmtnabi_1860-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "407", "page_fin": "408", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "407", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.7", "debut_caractere": 1166, "fin_caractere_exclue": 6835, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAus Berlin wird berichtet, dass dem Dichter und Aesthetiker\nDr< Titus Ulrich, bisher bei der Redaction der National-Zeitung\nbeschäftigt, die Stellung bei der General-Intendantur der königlichen\nSchauspiele übertragen worden, welche früher der verstorbene Hof-\nrath Teichmann einnahm\n** «Mit, 8. December. Auf unserem Hoftheater macht\ndas neu-i Ballet »Diavolina* vom Hof-Balletmeister Ambrogio,\ndas am 2. d. Mts. die zweite Darstellung erlebte, volle Häuser. Die\nAusstattung stellt die Talente des Hofmalers Schwedler und des\nMaschinenmeisters Brandt in helles Licht. Die anerkennendste\nHervorhebung verdient Schindel in eisser's Musik dazu. Sie\nkann sich dem Besten, was auf diesem Gebiete geliefert worden ist,\nan die Seite stellen, in ihrer grossen Ausdehnung aber (das Ballet\nzählt 4 Actej überragt sie die meisten Compositionen dieser Art.\nWenn man die Aufgabe zu ermessen weiss, zu einem Ballette, wel-\nches drei volle Stunden ausfüllt, die Musik zu liefern, ohne dass\ndie letztere monoton wird, während sie sich doch stets im Tanz-\nRhythmus bewegen muss, kann man dem Talente Schindelmeisser's\nnur die höchste Achtung zollen. Seine Musik dient wesentlich zur\nSteigerung des Effectes, weil sie durchaus charakteristisch gehalten\nist und dem Ohr des Zuschauers gleichzeitig einen reizenden musi-\ncalischen Genuss gewährt während sein Auge sich an den prächti-\ngen Bildern ergötzt, die auf der Bühne vor ihm sich entfalten Wäh-\nrend der Laie sich an dem einschmeichelnden, wohlthuenden Melo-\ndieenfluss erfreuen kann, findet der Musikkenner zugleich auch sein\nInteresse durch die von der gründlichen musicalischen Bildung und\ndem reichen Wissen des Componisten zeugende Ausarbeitung erregt.\nBei allem dem ist die Musik originel, und nur bei mehreren frap-\npanten Steilen hat Schindelmeisser absichtlich mit Glück Reminis-\ncenzen an ähnliche Scenen in verschiedenen Opern angewandt.\nDen früher berühmten Helden-Tenor Hermann Breiting, der\nauch bei Ihnen von den niederrheinischen Musikfesten her in gutem\nAndenken stehen wird, haben die hiesigen Künstler und zahlreichen\nI reande gestern, den 7. d. Mts,, auf dem hiesigen Kirchhofe begra-\nben. Lr war 57 Jahre alt und seit zwanzig Jahren in Darmstadt\nam Hottheater; allein die letzten fünf Jahre brachte er im Irren-\nhause zu Hofheim zu, wo ihn am 5. December der Tod von seinen\nLeiden befreite. Die Leiche wurde hieher gebracht.\nStuttgart« Die Abonnements-Concerte sind kürzlich eröffnet\nworden mit einer nicht unverdienstlicben Aufführung von Beetho-\nven s B-Jt/r-feinlonie, während der übrige Theil des Programms nur\nLine interessante Nummer enthält: Mendelssohn's Violin-Concert, mit\nWärme und Schwung vorgetragen von dem einzigen Violin-Virtuo-\nsen Stuttgarts, Herrn Keller, der leider wegen körperlicher Leiden\nnunmehr in den Ruhestand versetzt ist. Am 11. November kam eine\nneue einactige komische Oper von einem Franzosen, A. Vogel, „Das\nStorchennest\", zur Aufführung. Abgesehen von unverkennbaren Län-\ngen und einem Textbuche, das sich durch grosse Unwahrscheinlich-\nkeit der Handlung auszeichnet, hat das Werk viel Hübsches und\nzeugt von dem unverkennbaren Talente des Componisten, welcher\nder Vorstellung beiwohnte und gerufen wurde. (W. Ree.)\nFür heitere Componisten. Die Verlagshandlung des „All-\ngemeinen deutschen Commersbuches*4 von Sil eher und Erk , M.\nSchauenburg & Comp, in Lahr, hat einen Preis von\ndreissig Diicaten\nfür die besten Compositionen von sechs neuen humoristischen Lie-\ndern des Dichters des Ichthyosaurus, des Rodensteiners, des Enderle\nvon Ketsch u. s. w. ausgeschrieben, um zu erreichen, dass die Mu-\nsik den vortrefflichen Texten durchaus entspreche: Das Lied von\nNummer VIII. Perkeo. Letzte Hose. Guter Rath. Lie-\nder fahrender Schüler I. 11. Rodenstein's Auszug. Die Compo-\nsitionen müssen bis zum 15. Januar 1861 eingesandt werden, und\nes wird alsdann von drei Preisrichtern unter Zuzug von Deputirten\nstudentischer Verbindungen die Entscheidung getroffen werden. Die-\nselben erscheinen zunächst in der sechsten Auflage des »Allgemei-\nnen deutschen Commersbuchesu, sodann als zweites Heft der »Lie-\nder aus dem Engern in Heidelberg\"4 und unter Umständen auch\nvierstimmig für Männerchor. Texte versendet die Verlagshandlung\nauf Verlangen umgehend unter Kreuzband franco. Das erste Heft\nder Lieder aus dem Engern ist von ihr durch alle Buchhandlungen\nzu beziehen.\n** In unserem ersten Abonnements-Concerte un-\nter Leitung des Hof-Capellmeisters Herrn G. Schmitt wurde unter\nAnderem F. Hiller's »Lorelei® mit grossem Erfolge aufgeführt.\nAuf die Einübung des Chors war durch Herrn J. Stocks und auf\ndie Proben des Ganzen durch Herrn Schmitt die grösste Sorgfalt\nverwandt worden, um die schöne Composition zu vollster Geltung\nzu bringen. Besonders glücklich war die Partie der Lorelei durch\ndie Opernsängerin U brich hesetzt, die mit ihrer reizenden Stimme\nsowohl die zarten als die leidenschaftlichen Stellen meisterhaft\nvortrug.\nHerr Capellmeister Schmitt hat in den wenigen Jahren seit\nseiner Anstellung bierselbst ausserordentlich viel durch seinen wahr-\nhaft künstlerischen Sinn und Eifer gewirkt ; wirklich zu bewundern\nist die Ausdauer un l Energie, mit denen er den Schwierigkeiten zu\nbegegnen weiss, welche ihm die hiesigen Verhältnisse und leider\nauch die für Kunst noch etwas indifferente Lauheit unseres nord-\nländisclien Charakters bei seinen Bestrebungen entgegenstellen. In-\ndessen wird es doch allmählich besser, und die Zahl derer, die für\ndie edlere Kunst gewonnen werden, vergiössert sich zusehends.\n9Si*efifi&eaa* Der Violinist J. Becker spielte vor seiner Abreise\nnach England im ersten Abonnements-Concerte mit grossem Erfolge."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "408", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4602, "texte": "Wien. Die Sing-Akademie wird in ihrem am 6« Janaar 1861\nStatt findenden zweiten Concerte nicht die Faust-Musik von Schu-\nmann, sondern das Oratorium „Paulus* von Mendelssohn zur Auf-\nführung bringen. Dem „Paulus\", der im Jahre 1846 und zuletzt\nim März 1856 (im Burgtheater) aufgeführt wurde, dürfte nach fast\nfünfjähriger Pause gewiss mit allgemeinem Interesse entgegengese-\nhen werden.\nWachtel begibt sich nach beendigtem Gastspiele in Wien nach\nPesth, wo er am deutschen Theater sechs Mal gastiren wird, sodann\nnach Paris und London, wohin er unter glänzenden Bedingungen\nengagirt sein soll\nHerr Hirsch vom Carltheater hat mehrere Engagements- und\nGastspiel-Anträge erhalten\nDie Proben von Offenbach1 s Operette „Die schöne Magellone'\n(Genofeva von Brabant) werden noch im Laufe dieser Woche am\nTreumann-Theater beginnen.\nGestern eingetroffenen Nachrichten zufolge wird der Violin-Vir-\ntuose Herr Joachim, in der Absicht, Concerte zu geben, zur Fa-\nstenzeit nach Wien kommen.\nPrag;. Unser gefeierter Landsmann Alexander Dreyschock\nwird Prag für den Winter verlassen, um eine Kunstreise nach Russ-\nland zu unternehmen. Zum Abschiede veranstaltete er kürzlich in\nseiner Wohuung eine Matinee, die denn viel des Interessanten bot.\nInsbesondere war es ein neues Trio von W. H. Veit, welches bei\ndem distinguirten Zuhörerkreise einen wahren Applaussturm erregte.\nPolitik und Theater ergänzen sich in diesem Momente in dem\nfieberhaft aufgeregten Italien; das Theater ist der Dolmetscher des\nöffentlichen Lebens, das öffentliche Leben spiegelt sich auf den Bret-\ntern ab. Kaum dass Garibaldi Masaniello's Rolle in einer neuen Auf-\nlage in Neapel erscheinen lässt, wiedelhallen die Opernsäle Italiens\nvon der Auber'schen Oper „Die Stumme von Portier'. Garibaldi\nsoll nach Dumas gesagt haben, es sei schade, da.ss die ltaliäner\nkeine eigentlichen nationalen Volksmelodieen besitzen. Jetzt singt\nman ein Lied ä La „Sie sollen ihn nicht haben! Die Liebe wird\nnur wenig besungen, wenn der Held kein Freischärler und die Hel-\ndin keine verkappte Mazzinistin ist Ungarische Melodieen werden\nvielen Liedern angepasst, der Csardas gedeiht im tropischen Klima\nItaliens, und die Poesie weiss sehr viel von den Csikosen und son-\nstigen Pusstenkindern zu erzählen. Der Rakoezymarsch ist den\npiemontesischen Musikbanden geläufiger, als das 9lJartant pour Ja\nStjriewelches, seitdem von Paris aus eine kühle Luft nach Italien\nweht, nur selten abgespielt wird. In den Kirchen hört man sehr\nviel profane Musik, und man kann häufig eine Variation über das\n„Was ist des Deutschen Vaterland\" unter Orgeiklang in den heili-\ngen Räumen niederbrausen hören.\nVon Paris wird uns die Nachricht mitgetheilt, dass den ausge-\nzeichneten Violinisten Jean Becker von Mannheim, der neuer-\ndings in England noch mehr Aufsehen machte, als im vorigen\nJahre, ein betrübender Unfall getroffen hat. In dem Augenblicke,\nwo er eine Saite seiner Geige besah, sprang die Saite und schlug\nihm ins rechte Auge, welches er wahrscheinlich einbüssen wird. Das\nunglückliche Ereigniss widerfuhr ihm zu Leamington.\nI¥ew-\"Äfoi*S4. Wie wenig wissen die Künstler in Deutschland,\nauf welcher laulen Basis die hiesige Oper steht, wie die frivole Art\nund Weise, in welcher Künstler hergelockt werden, an mehr thut\nals bloss an Schwindel gränzen, wie ein Contract hier weiter nichts\nist, als ein Stück Papier, und man auf Grund desselben nicht einen\nlieiler von bankerotten Menschen erhalten kann! Der Director der\nitalienischen Oper besitzt nicht fünfzig Thaler im Vermögen, wohl\naber für fünfzig Tausend Thaler jener genialen, gottlichen und blen-\ndenden Sicherheit des Auftretens, welche Unerfahrene täuscht. Seit\nMonaten hat kein Künstler einen Heller bekommen. Die Millionen,\nwelche den Künstlern in Europa versprochen wurden, sind noch\nnicht zum millionsten Theile bezahlt worden, und es ist noch kein\nKünstler wieder nach Europa zurückgereist, ohne dass er Tausende\nhier zu fordern gehabt hätte. Dass Forme s gekommen ist, begreife\nich nicht, nachdem man ihm das letzte Mal mehr als 8 >OO Dollar#\nschuldig blieb. Als er hier ankam, sollte er 100'» Dollars erhalten,\nvon denen er noch nicht einen Pfennig hat und nie erhalten wird.\nDeutsche und ltaliäner haben sich nun getrennt. Die Deutschen\n(Formes, Stigelli, Mad. Fabbri und ihr Mann R. Mulder) haben das\nOpernhaus behauptet, und die ltaliäner haben New-York verlassen.\nSeitdem kamen unter Anderem Robert, Hugenotten, Martha und Frei-\nschütz zur Aufführung. Die Hauptrollen waren vortrefflich besetzt,\nChöre und Orchester dagegen weniger als mittelmässig. Es fehlt an\neiner tüchtigen musicalischen Leitung."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "401", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nMusik und Kritik in Wien. - Aus Osnabrück (Musicalische Zustände). Tages- und Un terh altun gs blat t\n(Berlin, Dr. T, Ulrich Darmstadt, Hoftheater, Hermann Breiting f Stuttgart, Abonnements-Concerte Preis-Ausschreiben Schwe-\nrin, Capellmeister Schmitt Bremen Wien Prag Paris New-York).\n\nMusik und Kritik in Wien.\nWir haben schon öfter uns darüber ausgesprochen,\nwie erfreulich es sei, dass in der Stadt Wien, die so lange\nZeit nicht nur eine politische, sondern auch eine musicali-\nsche Kaiserstadt war als Residenz des Triumvirats der Cä-\nsaren der Tonkunst: Haydn, Mozart und Beethoven, dass\nin Wien sagen wir nach einer trüben Periode der\nGleichgültigkeit gegen die classische Musik und der Leicht-\nfertigkeit des Geschmacks und des Urtheils wieder ein\nneues musicalisches Leben erwacht ist und sich dort Kräfte\ngesammelt und vereinigt haben, um die Tonkunst wieder\nzu Ehren zu bringen.\nBei dem Worte „vereinigt\" müssen wir aber den\nneuesten Erfahrungen gegenüber schon wieder ein Frage-\nzeichen machen, und das thut uns sehr leid. Was soll man\ndazu sagen, wenn die zwei grössten Concert-Vereine in\nWien, die Veranstalter der „Gesellschafts-Concerte\" und\nder „philharmonischen Concerte\", ihre Concerte auf den-\nselben Tag und dieselbe Zeit ansetzen, wie es in\nder That am Sonntag den 2. December der Fall gewe-\nsen ist? Die Programme brachten: im philharmoni-\nschen Concerte (Dirigent Dessoff): Beethoven's Eg-\nmont-Ouverture und Sinfonie Nr. VIII., dazu classische\nStücke von Mozart und Mendelssohn; im Gesellschafts-\nConcerte (Dirigent Herbeck): einen von Liszt instru-\nmentirten Marsch und unbekannte Orchestersachen von\nFranz Schubert, ferner ein neues Clavier-Concert von\nVolk mann. Beide Programme bezeichnen, wie es scheint,\ndie Bichtungen, welche die Vorstände beider Institute ein-\nzuschlagen gedenken. Ob eine consequente Durchführung\ndieser Bichtungen gerathen sei, wollen wir nicht unter-\nsuchen; unsere Ueberzeugung sträubt sich jedoch nicht\nbloss gegen jede Tendenz-Musik, sondern auch gegen alle\nTendenz-Concerte. Sie führen zu Parteiungen, und wir\ngehören nun einmal zu denen, die von Parteiungen in der\nKunst nur Störendes und Hinderliches für die Entwick-\nlung der Kunst selbst und noch mehr für die ungetrübte\nund unbefangene Freude an ihr erwarten oder vielmehr\nfürchten.\nIndessen ist das Programm des Herbeck'schen Gesell-\nschafts-Concertes auch für weitere Kreise jedenfalls inter-\nessant, und wir geben darüber folgende Mittheilung von\nEd. llansl ick :\n„Da gab es zuerst einen von Liszt orchestrirten Marsch\nSchubert's. Kühn und dabei leichtbeflügelt, im Trio zärt-\nlich singend, glanzvoll und stürmisch im Abschlüsse! Das\nOriginal (Nr. 3 aus den vierhändigen „Sechs Märschen\",\nOp. 40) kann allerdings dem im vorigen Winter aufge-\nführten „Reitermarsch\" nicht gleichgestellt werden; aber\nwie klingt das in Liszt's Instrumentirung! Wir müssten\nvollständig wiederholen, was wir damals bewundernd über\ndie Liszt'sehe Orchestrirung berichteten. Genug, Schubert\nselbst hätte gestaunt. Scheint es doch kaum möglich, in\nkleinstem Bahmen solchen Glanz des Colorits zu entfalten,\nso viel Zartheit neben so stürmischer Kraft, so geistreiche\nDetails bei solcher Einheit der Totalwirkung. Dabei will\nder glänzende Schmuck, welchen Liszt dem einfachen Cla-\nvierstücke umgethan, nirgend für sich, nirgend mehr gel-\nten, als das Geschmückte selbst; es ist ein Werk aus\nEinem Guss, eigentlich ein kleines Ideal von Compagnie-\nArbeit, eine solche nämlich, die keiner der beiden Künst-\nler allein hätte hervorbringen können. Kaum bedarf es\nder Versicherung, dass der Marsch einhellig zur Wieder-\nholung verlangt wurde.\n„Ungleich geringer war der Erfolg von vier „Frag-\nmenten\", welche man aus Schubert's nachgelassenen, noch\nungedruckten Sinfonieen gewählt und gleichsam zu Einer\nSinfonie zusammengestellt hatte. Die beiden ersten Sätze\nsind einer Sinfonie entnommen, welche Schubert als neun-\nzehnjähriger Jüngling componirt und die „Tragische \" ge-\nnannt hatte. Sie hiesse wohl besser die „Pathetische\";"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "402", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.2", "texte": "pathetisch in dem selbstbewussten, leidenschaftlichen Tone\nder Cherubini'schen Ouvertüren ist namentlich der erste\nSatz. Nicht eben selbstständig oder glänzend in der Erfin-\ndung, weis't er doch ein reifes musicalisches Gefühl, dabei\nein präciseres Zusammenfassen der Form auf, als die spä-\nteren Instrumentalsachen des Meisters. Das Andante bringt\nin Mozart'scher Ausdrucksweise manchen eigentümlich\nSchubert'schen Gedanken; schade, dass die sanfte, einheit-\nliche Empfindung des Stückes (überdies durch Rosalien-\nketten und Aehnliches) über Gebühr breitgezogen wird.\nDas Scherzo, neun Jahre später componirt, äussert bereits\nden vollen, gegen Schubert fast übermächtig einstürmen-\nden Finlluss Beethoven's. Die anregende Wirkung dieses\nlebensfrisch pulsirenden Satzes wird nur durch seine allzu\nstarke Keminiscenz an das Scherzo in Beethoven's\nSinfonie, dann durch ein Trio gestört, dessen langsam\nruckweiser, an Automaten mahnender Bhvthmus uns in\n7 «I\neinige Verwunderung versetzte. Das Finale ist wieder ein\nWerk der Jugend (1815) und ihres vergnügt lärmenden\nThalendranges, der sich noch regt und bewegt, ohne sich\num Ziel und Erfolg Grosses zu kümmern. Herrn Director\nHerbeck gebührt das Verdienst, uns mit diesen Beliquien\neines theuren, frühverblichenen Meisters zuerst bekannt\ngemacht zu haben. Niemand wird ohne Bührung, ohne\nStaunen diese Blüthen eines so früh und üppig produciren-\nden Talentes betrachtet haben. Ob sie ohne dieses per-\nsönliche und historische Interesse bloss durch ihren abso-\nluten Werth nachhaltig zu wirken vermöchten, wollen wir\nnicht entscheiden.\n„Auf das angenehmste überraschte uns Volkmann's\nneues Concertstück für Piano und Orchester. Endlich doch\nwieder ein neues Werk, mit dessen Verdienst wir uns nicht\ndurch die Worte „„geistreich\"\" und „„interessant\"\" ab-\nfinden müssen! Geistreich ist Volkmann's Composition al-\nlerdings und interessant in hohem Grade; aber sie ist weit\nmehr, als dies. Sie ist durch und durch musicalisch,\nder freie Auslluss eines fein gebildeten, echten Talentes.\nSie bietet uns keinen kalten Baritätensaal von Combina-\ntions-Wundern, sondern einen plastisch gegliederten Leib\nund eine singende Seele. Die melodische Erfindung ist,\nwenn auch nicht üppig, doch spontan und eigentümlich;\nder Bau, das Detail, die Instrumentirung verrathen die\nerfahrene, wählerische Hand des Meisters. Eine köstlich\ninstrumentirte, langsame Einleitung, deren schmerzliche\nKlage an ungarische Weisen anklingt, führt zu einem äus-\nserst sinnigen Thema mit Variationen; Schumann könnte\nes geschrieben haben. Gleichfalls in unmittelbarem An-\nschlüsse und ohne den altertümlichen Formalismus der\nCadenz folgt ein rasch dahinperlendes Allegro. Gegen das\nFrühere fällt dieser Schlusssatz dadurch ab, dass der Poet\nhier allzu höflich sich hinter den Virtuosen gestellt hat.\nDas Passagenwerk überwuchert manchmal den selbststän-\ndigen Gedanken und erinnert damit an eine ältere Epoche\nder Concert-Composition. Doch bewahrt der Satz auch\nunter dem dichtesten Bravourllitter seine vornehme, cha-\nraktervolle Haltung. An die Virtuosität des Pianisten stellt\ndas Concertstück so hohe Anforderungen, dass Herr\n!\nDachs (der übrigens gerufen wurde) ihnen nicht durch-\nweg genügte.\"\nBetrachten wir nun zweitens, in welcher Weise die\nGesang-Institute den neuen Aufschwung im Auge ha-\nben, die Sing-Akademie (Dirigent Stegmaier) und\nder Sing-Verein (Dirigent Herbeck), so zeigt sich in\nbeiden das höchst ehrenwerthe Stieben, das Publicum\nwieder an gediegene Musik zu gewöhnen. Doch nein: zu\n„gewöhnen\" —das würde den Zuständen angemessen\nsein und sicher auch Frucht tragen; aber man scheint ge-\nwaltsame Bekehrung zu beabsichtigen, und das ist ohne\nZweifel gefährlich.\nStellen wir auch hier die Programme der letzten Con-\ncerte dieser Körperschaften zusammen, so erscheint auch\nhier Herr Herbeck als Vertreter der Neueren, denn der\nSing-Verein brachte in seinem Concerte am 1. Decem-\nber von Schumann die Ballade „Der Königssohn\" und\nChöre aus dem dritten Theile der Faust-Musik; von F.\nSchubert das Lied: „Der Hirt am Felsen\"—Ständchen\nfür Alt-Solo und Frauenchor, Op. 135 Soldatenlied;\nvon Grädener Chor: „Irwischgesang\"; von Mendels-\nsohn: „Die Nachtigall\" und „Kommt, lasst uns geh'n\".\nDas erste Concert der Akademie hingegen begann\nmit nichts Geringerem als J. S. Bach's doppelchöriger\nMotette: „Singet dem Herrn ein neues Lied!\" —liess Pa-\nlestrina's Stabat matcr,Lotti's achtstimmiges\nfixus und Mendelssohn's achtstimmige Motette: „Aus\ntiefer Noth\", folgen. Doch gab es, plötzlich von dem er-\nhabensten Kothurn herabsteigend, Schumann's „Talis-\nmane\" und dessen Frauenchöre: „Wassermann\" und\n„Tamburinschlägerin\", ja, zwei neue Lieder von Rust zu.\nDieses Programm der Akademie hat nun, was eben\nnicht erfreulich, bei der offen und schroff angekündigten\nTendenz aber leicht erklärlich ist, Veranlassung zu einer\nSpaltung unter den Vertretern der wiener Kritik gegeben.\nDr. Ed. Hanslick machte in der „Presse\" vorn 22. No-\nvember auf die Gefahr aufmerksam, die es habe, wenn\nman eine Geschmacks-Umwälzung überstürmen wolle, und\näusserte seine—unserer Meinung nach sehr wohl begrün-\ndeten— Bedenken über die von der Direction, wie verlau-\ntete, beabsichtigte grundsätzliche Bevorzugung der älteren\nKirchenmusik auch dem Publicum gegenüber. Er warnte\ndavor, „die freudige Empfänglichkeit des Publicums nicht"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "403", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.3", "texte": "durch allzu viel Fremdartiges abzuschwächen. In der Kunst\nsympathisiren wir wärmer mit dem poetischen als mit dem\nkirchlichen Interesse, und erbauen wir uns auch gern\ndurch künstlerische Wallfahrten nach den verlassenen Stät-\nten früherer Jahrhunderte uns dort ungeteilten Her-\nzens anzusiedeln, vermögen wir nicht mehr.\"\nDem stimmen wir vollkommen bei, obwohl wahrlich\ntief erfüllt von Verehrung und Bewunderung für Werke\nBach's, wie die Passionen und viele andere Kirchenslücke.\nNoch mehr müssen wir aber Ed. Ilanslick's Aeusserung\nbilligen, dass „zu der vollen Wirkung der älteren prote-\nstantischen Kirchenmusik in Wien viele Voraussetzun-\ngen fehlen, dass man also bei der Einführung derselben\nin Maass und Auswahl sehr behutsam vorgehen müsse.\"\nSodann richtet sich Ed. Hanslick's Kritik speciel\ngegen die Wahl der genannten zweichörigen Motette von\nBach, macht ihr den Vorwurf, dass sie „stimm- und chor-\nwidrig gesetzt sei\" ; „die besten Sänger der Welt\nwürden hinter der hier gestellten Aufgabe zurückbleiben,\ndas Ziel der Anstrengungen werde dem Hörer weder\nmusicalisch noch poetisch klar, weil das instrumentale Fi-\nguriren der Chorstimmen es unmöglich mache, dem musi-\ncalischen Grundgedanken zu folgen oder auch nur eine\nSylbe vom Texte zu verstehen.\"\nDagegen hat nun Herr S. Bagge in seiner D. Musik-\nZeitung vom 1. December einen sehr gereizten Ton ange-\nstimmt, worauf uns folgende Antwort von Dr. Ed. H ans-\nlick mitgetheilt ist, die wir im Wesentlichen geben:\n„Unser letzter Bericht über die Sing-Akademie hat\nuns eine lange Strafpredigt von dem Redacteur der Deut-\nschen Musik-Zeitung, Herrn Bagge, eingetragen. Sie ist\nwesentlich durch zwei Punkte veranlasst. Fürs Erste durch\nunseren wohlgemeinten Wink, die Sing-Akademie möge,\nwenn sie aus dem Studirsaale heraus vor ein grosses Pu-\nblicum tritt, „ „in Maass und Auswahl der älteren, nament-\nlich protestantischen, Kirchenmusik, zu deren voller Wir-\nkung hier so viele Voraussetzungen fehlen, behutsam vor-\ngehen.\" \" Sodann durch die Bemerkung über Bach's zwei-\nchörige Motette, „ „dass die Composition dieses grossartig\ngedachten, kunstreich gethürmten Baues mit Bewunderung\nerfülle, aber die besten Sänger der Welt hinter der Auf-\ngabe zurückbleiben müssen, solchen stimm- und chorwidri-\ngen Satz präcis durchzuführen.\"\"\n„Es ist dies offenbar derselbe Punkt, welchen ein ge-\nachteter Kritiker, zugleich Haupt-Mitarbeiter Herrn\nBagge's, noch weit stärker mit dem Ausdrucke getroffen\nbat, Bach's „„erstaunliches Werk\"\" sei mit „„halb bar-\nbarischen Kunstmitteln ausgeführt\"\". Herr Bagge zieht\naber nur gegen uns vom Leder. Aus unserer Kritik erge-\nben sich für ihn als nothwendige Folgerungen, „„dass\nman einem Severinus- oder Quäker-Vereine angehören\nmüsse, um an Palestrina oder Bach wirklichen Genuss zu\nfinden\"\", „„dass ein kostbar verzierter, antiker Trink-\nbecher bei modernen Menschen Anstoss erregen f!) müsse,\nweil er vielleicht aus der Zeit der Raubritter herstammt\"\",\n„ „dass Poesie und Religion scharf getrennte Gebiete\"\"\nsind und ich endlich ein „ „verkappter Zukunftsritter\" \".\nDiese Einwürfe kann jedes Kind widerlegen. Nur die letzte,\nvon Herrn Bagge für den Schluss-Effect aufgesparte Bombe\nwollen wir uns etwas näher besehen, da sie die ganze Be-\nlagerungs-Methode am besten charakterisirt ILST Bagge\nfolgert: „ „Von einem Componisten, der chor- und *timm-\nwidrig schreibt, kann man unmöglich Gutes lernen;\nfolglich waren Mozart, Beethoven, Mendelssohn,\nSchumann und hundert andere tüchtige Musiker nicht\nrecht bei Sinnen, wenn sie bei Bach in die Schule gin-\ngen!\" \" Dass man aus Bach „ „nichts Gutes\"\" lernen kann,\nweil er stimmwidrig setzte, ist genau so richtig, als dass\nman aus Hegel's Aesthetik nichts lernen kann, weil sie\nin schwerfälligem Stil geschrieben, oder aus Göthe's\n„Faust\", weil er nicht bühnenmässig und nicht einheitlich\nist, oder aus Cornelius' Bildern, weil sie die Behandlung\nder Farbe vernachlässigen. Mozart, Beethoven, Mendels-\nsohn und Schumann haben allerdings Bach mit Eifer und\nVortheil studirt, allein sie haben sich wohl gehütet, von\nihm zu lernen, wie man für den Gesang schreibt.\n„Herr Bagge sagt wenige Zeilen früher, dass Schu-\nberts Quartette „„bei grosser Liebenswürdigkeit\"\" an\n„ „Gebrechen in der Form\"\" leiden. Wie denn, wenn wir\njetzt aus diesem ganz richtigen Urlheil nachstehende Toll-\nheit folgern wollten: „„Von einem Componisten, den Ge-\nbrechen in der Form charakterisiren, kann man unmöglich\netwas Gutes lernen. Folglich waren Mendelssohn, Schu-\nmann, Robert Franz und unsere talentvollsten jüngeren\nComponisten nicht bei Trost, wenn sie Schubert'sche Werke\nstudirten\"\"? Wir müssten uns gefallen lassen, von allen\nvernünftigen Leuten ausgelacht zu werden. Die Leiden-\nschaftlichkeit treibt jedoch Herrn Bagge noch weiter, zu\nder Behauptung nämlich, dass ich „ „in Einem Athem\nBach's Kunst herabsetze, um die Schumann'sauf den Thron\nzu erheben\"\". Dass klingt ja, als wenn Jemand einen par-\nteiischen Vergleich zwischen Sophokles und Lord Byron\nziehen wollte. In dem Concerte, welches Bach's Motette\nbrachte, kam von Schumann, ausser zwei Kleinigkeiten\n(welche von Herrn Bagge „„reizend\"\", von mir „ „an-\nmutbig\"\" genannt wurden), nur Eine grössere Composi-\ntion, die „Talismane\", zur Aufführung, also bei mir „„in\nEinem Athem\"\" zur Besprechung. Herr Bagge preis't die-\nses Werk als „ „lautes Zeugniss von der Höhe der Phan-\ntasie seines Schöpfers\"\", während ich berichtete, „„dass\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "404", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.4", "texte": "dieser gross angelegte, etwas motetlenhaft schwerfällige\nChor uns nicht zu erwärmen vermochte, da er den schö-\nnen Spruch Göthe's durch breite Behandlung fast er-\ndrückt.\"\" Wer erhebt also??\n„Ein allgemeineres Interesse hat der Angriff des Herrn\nBagge nur dadurch, dass er wieder einmal auf den blin-\nden und leidenschaftlichen Götzendienst hinweis't, der lei-\nder unter Musikern noch immer für „ „Verehrung der\nGlassiker\"\" gilt. Die Kritik und Geschichtschreibung jeder\nanderen Kunst hat sich längst einen viel freieren Stand-\npunkt in der Beurtheilung ihrer grossen Männer geschaf-\nfen. Wollten unsere Tonkünstler sich etwas mehr mit den\nArbeiten deutscher und ausländischer Literatur-Geschichte\nbekannt machen, so würden sie ersehen, dass echte Kritik\nnirgend befürchtet, eine anerkannte Grösse in Frage zu\nstellen, indem sie deren Schattenseiten nachweis't und er-\nklärt. Sie würden lernen, wie freimüthig die hingehendste\nKritik das Ewige von dem Vergänglichen im Kunstwerke\nscheidet, wohl wissend, dass auch das begnadetste Genie\nmit zähen Wurzeln an die Bedingungen seiner Zeit, seines\nVolkes, seines staatlichen und religiösen Bodens, endlich\nspecitl an den jeweiligen Zustand der künstlerischen Tech-\nnik feslgewachsen ist. Unter den Musikern herrscht hierin\neine weit engherzigere Anschauung. Die Mehrzahl von\nihnen will Bach, Gluck, Mozart, Beethoven nicht als grosse\nKünstler verehrt, sondern als Gottheiten angebetet wissen.\nDaher kommt auch in unserer musikhistorischen Literatur\njene unverhältnissmässige Zahl von Schriften (namentlich\nBiographieen), in welchen man so viel Enthusiasmus und\nso wenig Belehrung findet. Für die heftigste und unduld-\nsamste unter den musicalischen Parteien gilt wohl mit\nHecht die der Baehianer. Niemand kann das geringste Be-\ndenken gegen ein Bach'sches Werk äussern, ohne dass so-\nfort die Gesinnungsgenossen Herrn Bagge's ihr wüthendes\n„Au voleur! an volear! ein Moderner! ein Weltlicher!\"\nhinter ihm her rufen.\n„Wir können in Zukunft bei diesem Bufe nicht jedes\nMal stehen bleiben und uns legitimiren. Gern lassen wir\nHerrn Bagge den angenehmen Glauben, dass er sein un-\nläugbares praktisches Verdienst um die Ausbreitung Bach's\ndurch eine intolerante Kritik noch steigere. Uns wolle er\nhingegen unsere Ueberzeugung unangetastet lassen, dass\ndie echte Kritik nicht darauf auszugehen hat, die Mängel\ngrosser Künstler wegzuläugnen, sondern zu zeigen, wie die-\nselben mit diesen Mängeln gross waren und es trotz der-\nselben für alle Zeit bleiben.\"\nZu richtiger Beurtheilung der Sache müssen wir noch\nbestätigen, dass sämmtliche uns zu Gesicht gekommene\nwiener Blätter den Erfolg der Ausführung der Motette\nvon Bach als gering bezeichnen. Der Referent R. der „Re-\ncensionen\" äussert sich in Nr. 47 dieser Zeitschrift folgen-\nder Maassen darüber:\n„Wenn sich das Interesse der Concertbesucher in ge-\nringerem Maasse der Bach'schen Motette zuwandle, so\nlässt sich hiefür mehr als ein Erklärungsgrund angeben.\nVor Allem darf nicht übersehen werden, dass unser Publi-\ncum, selbst das eigentlich musicalische, mit Bach auf we-\nnig vertrautem Fusse lebt, dass daher das erstmalige und\neinmalige Vorüberrauschen einer Titanen-Arbeit wie be-\nsagte Motette unmöglich ein volles Verständniss vermitteln,\nnoch die Unterscheidung reifen lassen könne, was an dem\nWerke unvergänglich kräftiges Mark, was daran unserer\nZeit nicht mehr zusagendes, schnörkelhaftes Beiwerk sei.\nFerner ist in Betracht zu ziehen, dass gerade dieses Werk\nsich von Seiten der Sing-Akademie keiner so schwungvollen\nund haarscharf exacten Ausführung erfreute, wie selbe\nzum annähernden Verständnisse nothwendig gewesen wäre.\nSo kam es, dass selbst der klare, fast von modernem Ge-\nmüthe angehauchte Mittelsalz: „„Wie Väter mit Erbar-\nmen auf ihre schwachen Kinder schauen\"\", nicht durch-\nzugreifen vermochte. Eine wiederholte Aufführung der\nMotette wäre somit aus mehrfachen Gründen, auch im In-\nteresse der Sing-Akademie, angezeigt.\"\nWir wundern uns nicht über diese Vorgänge in Wien,\nsondern verzeichnen sie einfach als ein Zeichen der Zeit,\nin welcher leider die Extreme auch in der Kunst bevor-\nzugt werden. Dass wir auf den ganzen Reichlhum der\nmusicalischen Literatur zurückgreifen, also auch die Alten,\nnamentlich Bach, geltend machen, ist gewiss ganz in der\nOrdnung; aber für eine Thorheil müssen wir es erklären,\nwenn ein Theil des jüngeren Künstlergeschlechtes unserer\nTage mit einer gewissen Affectation die classische Periode\nund ihre Erzeugnisse von Haydn bis Beelhoven (einschliess-\nlich!) ignorirt und die unnatürliche Vermählung von Bat h,\nScarlatti, Tartini u. s. w. mit der neueren Schule von Cho-\npin und Schumann an als einzig legitim und vor der ästhe-\ntischen Hierarchie allein gültig proclamirt.\n\nAus Osnabrück.\n%\nDen 4. Decembei* ISCO.\n\\ or etlichen Monaten durfte ich Ihnen berichten über\ndie erste öffentliche Aufführung des neugegründeten Or-\nchester-Vereins. Der Erfolg, verbunden mit der all-\ngemeinen Gestaltung der hiesigen musicalischen Verhält-\nnisse, rief im Ausschusse des bestehenden Gesang-Ver-\neins den Gedanken hervor, mit dem Vorstande des neu-\ngegründeten Unternehmens unter Vorbehalt der beider-\nseitigen Selbstständigkeit ein Bündniss zur reciproken Un-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "405", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.5", "texte": "terstülzung bei künftigen Concert-Aufführungen zu schlies-\nsen. Die Verwirklichung des Gedankens ward erleichtert\ndurch den unabhängigen Beschluss des Orchester-Vereins,\nsich auch für seine regelmässigen Proben der ausschliess-\nlichen Leitung des Musik-Directors Klein zu unterstellen.\nDas heutige Concert war das erste praktische Ergebniss\nder geschlossenen Verbindung, die wir eben so wie das\nEntstehen des Orchester-Vereins beglückwünschen und\nals ein werdendes Institut betrachten müssen, welches seine\nStadien der Lehre, des Wachsthums, der Blüthe durchzu-\nmachen, auch unter Verhältnissen wie die unsrigen auf\ngelegentliche Chancen der Veränderung sich gefasst zu\nhalten hat. Schon das heutige Programm erlitt eine solche\nin unwesentlicher Art, indem die zugesagten Männerge-\nsänge, wie Veit's „König in Thüle44 und andere, wegen\nMangels an Zeit während der Aufführung selbst abgesagt\nwerden mussten. Dagegen erfreute der Herr Hauptmann\nG. das Publicum durch den Vortrag einer ansprechenden\nBallade. Vorher waren durch einen Schüler des Herrn\nKlein eine Etüde von Kullak und die „Campanella\" von\niaubert gespielt und zwei der von Kücken frei bearbei-\nteten schwäbischen Volkslieder durch den gemischten Chor\ngesungen worden. Wenn wir hiermit schliessen müssten,\nohne der Eröffnungs- und Schluss-Nummer des ersten\nTheiles der Aufführung, der muthig und schwungvoll vor-\ngetragenen Yelva-Ouverture von Reissiger und des 42.\nPsaimes von Mendelssohn, so wie der den zweiten Theil\nfüllenden dritten Sinfonie in E von Haydn zu gedenken,\nso würden wir auch schwerlich mit Jemandem darüber\nrechten dürfen, dass an leitender Stelle endlich wiederum\ndie Pflicht erkannt ist, den vorhandenen Talenten für den\nEinzelgesang an Ort und Stelle einen Spielraum zu ge-\nwähren, der nur fördernd und erweckend auf die nach-\neifernden Mitglieder des Chors wirken kann, während all-\nzu häufiges Heranziehen momentan anwesender, nicht aus\nder Milte der Mitwirkenden hervorgewachsener Grössen\nbei aller verdienten Bewunderung in mehr als einer Hin-\nsicht deprimirend auf die Lage eines örtlichen Dilettanten-\nVereins wirkt. Wir wissen, dass der Ausschuss des Ge-\nsang-Vereins bei dieser Erkenntniss der natürlichen Ord-\nnung der Dinge der Gefahr zu trotzen hat, einer Schwen-\nkung rückwärts zu der Genügsamkeit eines überwundenen\nkleinbürgerlichen Standpunktes unserer Stadt geziehen zu\nwerden, schätzen aber desswegen den Muth der herrschen-\nden Besonnenheit nur um so höher, da nach einem un-\nverbrüchlichen Naturgesetze die Blüthe eines jeden Gar-\ntens auf dessen Beeten muss entweder aufgewachsen sein\noder doch wachsen können, wenn der Gärtner und Besitzer\ndaran Freude haben soll. Hiermit wird nicht der Engher-\nzigkeit das Wort geredet, sondern nur die Wahrheit wie-\nderholt, dass bei dem Schopf herbeigeholtes Glück nicht\ndauernd lohnen kann wie der im Fortschritt der wett-\neifernden Entwicklung aller vorhandenen Keime langsam\nerzielte Segen, und dass ein künstlich erzeugter Anschein\nder Vollkommenheit, den entmuthigenden Schalten der\nEnttäuschung nach sich ziehend, von der wirklich erklom-\nmenen Stufe den herabstürzt, den er scheinbar auf die\nGipfelhöhe des Zeitalters erheben sollte. Man hat vom eben\nerschienenen zweiten Bande der Chrysander'schen Händel-\nBiographie Anlass genommen, den Gesang-Vereinen unse-\nres Landes in Bausch und Bogen aus der sparsamen Be-\ntheiligung an der Händel-Ausgabe einen Vorwurf zu machen,\nund das harte Wort gebraucht: sie wissen nicht, wozu sie\nda sein sollen (N. Hann. Ztg. vom 3. Dec. 1860, Feuille-\nton). Der osnabrücker Doppel-Verein hat unserer Meinung\nnach seinen Beruf erfüllt durch unbefangenes Zurückgrei-\nfen aul Mendelssoh n's Op. 42, den vor zwanzig Jahren\nhier besonders gern gesungenen Psalm: „Wie der Hirsch\nschreit nach frischem Wasser\", dessen Wiederauftauchen\nalte Sympathieen weckte und neue Sympathieen schuf, von\ndenen ein achtbarer Theil auch auf die Rechnung des\nhingebenden Eifers der Solistin Frau W. zu setzen ist.\nFalls sonst etwa hier oder dort Verfasser von Berichten\nauf gedrängtem Räume sich der Frage gegenüber in Ver-\nlegenheit befinden können, ob zweckmässiger zu sprechen\nüber Auswahl, Ausführung oder Inhalt derConcert-\nNummern, so wünschen wir getrost, es müsse sich in sol-\nchen Fällen über jeden der drei Punkte wenigstens so viel\nRühmliches sagen lassen, wie sich unbeschadet der in ho-\nhem Grade geziemenden Bescheidenheit hier jetzt mögli-\ncher Weise sagen liesse. Sie sehen dem heutigen Programm\nes an, wie man bei der Auswahl den gegebenen Kräften\nvolle Rechnung getragen hat, und ich brauche nicht mehr\nzu wiederholen, dass allerdings dies auch das einzige Mittel\nist, um Unternehmungen dieser Art, verschieden von den\nOratorien-Gesellschaften in Stuttgart und an anderen Or-\nten, ihren goldenen Fussboden an Ort und Stelle zu si-\nchern. Den Punkt der Ausführung betreffend, dürfen\nwir auch dieses Mal wieder das junge Orchester loben oder\nwenigstens demselben den Habedank des Abends votiren,\nund aus dem Ganzen neben unseren drei nicht schlecht\nbesetzten Pulten erster Geige wohl die hervorstechende\nLeistung der ersten Oboe ausheben, sowohl in Präludium\nund obligaten Stellen der Nr. 2 des Psaimes, als auch in\ndem anmuthigen Bläser-Ensemble des Adagio der\nSinfonie. Der Gehalt des Mendelssohn'schen Op. 42 ist\nwegen seiner vollkommen schönen und festen architektoni-\nschen Gliederung auf der breiten, starken Grundlage des\ndreimaligen Chors in F(Nr. 1, Nr. 4, Nr. 7, dazwischen\nNr. 2 und 3, D-mott und A-mottSopran und Jungfrauen-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "406", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.6", "texte": "Haufen, Nr. 5 und 6, G-mollund Recilativ und\nQuintett, Sopran und Männerstimmen) stets als Muster\nhochzuhalten. Die zweite der beiden Haydn'schen Sinfo-\nnieen in Es stellt ein nicht verklingendes Zeugniss aus für\ndie Würde des Meisters, aus dessen frommen Händen diese\nhöchste Form der reinen Instrumentalmusik vor drei Men-\nschenaltern entsprang in der Fülle ihrer organischen Le-\nbendigkeit und krystallenen Klarheit. Die drei Sätze in\nmit dem Adagio in der Ober-Mediante eingeschaltet\nvor der Menuet und dem Finale repräsentiren eine\nin den Imitationen des Schlusssatzes mit ihrer trefflich mei-\nsterhaften Factur culminirende Steigerung des Affectcs und\nTempo's der Motive innerhalb der grossen künstlerischen\nConception, deren formelle Durchschaulichkeit und logi-\nsche Folgerichtigkeit bei der bescheidensten Verwendung\nder modulatorischen Effect-Mittel uns an die ideale Not-\nwendigkeit der erweiterten Sonatenform und an den ka-\ntegorischen Imperativ des Abschlusses ihrer inneren Com-\nbinationen in den vier Sätzen der Orchester-Sinfonie\nflugs würden glauben machen, hätten wir anders bisher\nnoch nicht daran geglaubt. Und diese keineswegs ins Un-\nendliche, sondern zu einem an das Blaue gränzenden run-\nden Gipfel hingeführte Steigerung, die sich gleichsam mit\nAugen sehen und mit Händen greifen lässt, wird ihre emi-\nnente Wirkung auf das Gemüth des hingerissenen Hörers\nnicht verfehlen, wo die Wahl der Tempi nur von richtiger\nEinsicht in den psychologischen Progress geleitet und durch\ntechnische Rücksichten nicht becinflusst wird. Wenn als-\ndann im ekstatischen Momente des Vollgenusses der über-\nwältigenden Tondichtung ein beschauliches Individuum, aus\nseiner Rolle platzend, zwischen das Regen des praktischen\nAmtseifers der executirenden Cohorte unverhofft hinein-\nriefe: „Seid Hörer der Musik und nicht Thäler allein!\"\nwer wollte das Individuum der Blasphemie oder des Sy-\nbaritismus zeihen? Das Individuum hätte eben nur gezeigt,\ndass es etwas vergessen konnte, was die Majorität in den\nVersammlungen der Menschenkinder nie vergisst, nämlich\nsich selbst oder das eigene Ich, und dass es etwas dachte,\nworan das Schlaraffenthum und die Lästerzunge niemals\ndenkt, nämlich wie die gute Musik berechnet ist aufs „An-\nhören\". Will man aus einer Societät, aus einer Stadt die\nhohle, sinnlose Genusssucht bannen, so soll man ihre Jüng-\nlinge und Jungfrauen, ihre Weisen und Aeltesten den\nGeist des rechtschaffenen Hörens wieder kennen\nlehren, das Wesen einer Fähigkeit und Kunst, die, wie\nder Kenner aus Erfahrung weiss, weit schwerer ist, als\ndie der Kinderstube schon vertraute, uns allen angeborene\nFertigkeit und Sucht, sich hören zu lassen.—Ein beschau-\nliches Publicum von so genannten Auditoren, Hörern,\nauch Hörerinnen, welches vom Beschauen der klappern-\nden Zurüstungen den Maassstab nehmen muss für seine\nEhrfurcht vor der klingenden Ausführung einer Musik,\nweil es im Ueberflusse der glänzenden Armuth nie gehö-\nrig horchen lernen kann vor all dem scheinbaren oder\nwirklichen Prunk, der Jeden blendet, mag er ihn spreizend\nentfalten oder neugierig beschauen: —.wann wird es da-\nhin kommen, wie wird es dahin gelenkt, dass es sein\nSchauen richten mag aul die wesentliche Seile einer rei-\nnen Kunst-Production ? Man redet in Pensionen und ge-\ndruckten Büchern viel Abstractes von Bildung des Herzens\nzur Erziehung des inwendigen Menschen, während Andere,\ndie sich auf Concretes stützen, gern zu behaupten pflegen,\ndass Bildung nach Patschuli und Leihbibliotheken riecht,\nund dass bei gedachtem Organ des inneren Lebens nur\nvon Reinigung und von Hingabe an die gesunde Wahr-\nheit geredet werden sollte. Wir übergehen die Gemüths-\nfrage und antworten mit einem dürren, geschichtlichen\nNamen: „Vater Haydn\". Durch gegenständliches Vor-\nführen der Instrumentalwerke Joseph Haydn's, des flüssi-\ngen Spiegels seines künstlerischen Inneren, kann man bei\njedem Publicum unter allen Umständen es wohl dahin brin-\ngen, dass Etliche, deren inneres Ohr nicht an angeborener\nTaubheit leidet, dessen habitueller Verstopfung allmählich\nMeister werden müssen. Sicherlich gilt es auch hier, den\ngrössten Feind, sich selber, zu besiegen, und desswegen\nmöchten wir uns kaum getrauen, selbst mit der Leuchte\ndes Diogenes die rechtschaffenen Hörer ausfindig zu\nmachen -innerhalb jeder noch so sittsam und artig gewöhn-\nten Zuhörerschaft, sitzt schon ihre Versammlung in Reihe\nund Glied da gleich einer Verkörperung des perlenglei-\nchen Spruches, dass Redefertigkeit nur Silber ist und\nSchweigen erst das wahre Gold. Die wenigen Rechtschaf-\nfenen müssen es aber wissen, dass der heutige Mensch\ngesessen haben will zu den Füssen des Vaters Haydn, um\nmit stillem Behagen hörend das Schöne in seiner Klarheit\nzu beobachten, zu fassen, zu vergleichen, gleichwie man\nbei Mozart hörend das Leben lieben lernt und mit Beet-\nhoven hörend dem Leben des Raumes und der Zeit ent-\nfliegt.— Erst wenn die flüchtigen Hauchgebilde einer mit\nSchwingungen der Luft die Pulse der innersten Seele ma-\nlenden Kunst in Haydn's Schüler-Werkstatt man mit dem\ninneren Blicke fixiren lernte, kann man mit unverwandtem\nAngesichte schauen hinein in Mozart's früh verrauchte Le-\nbensgluth, hinauf zu Beethoven's froh obsiegendem Son-\nnenfluge. Wie wohl uns darum, wenn unserem Osna-\nbrück gewährt sein könnte, an der Hand unseres Orche-\nster-Vereins den bildungsreichen Jugendlauf des recht-\nschaffenen Hörers durchzumachen, dessen Sache es\nnicht ist, als blosse vegetirende Zierpflanze höherer Ord-\nnung den Salon zu schmücken; dessen Geschmack kein"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "407", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.7", "texte": "undeiinirbares Gelüst; dessen Theilnahme bei der Auffüh-\nrung einer Composition in lühiender Hingebung, verstän-\ndiger Sammlung und gewissenhafter Schätzung des Ver-\nnommenen bestehend; dessen Atmosphäre nicht herme-\ntisch abgeschlossen ist gegen die Richtung unparteiischer\nReflexion, wiewohl ihm wenig Dinge mehr verdächtig und\nzuwider sind als jenes auf der Lauer stehen mit dem kri-\ntischen Reagentien-Kasten, um bei jeder interessanten und\nfrappanten Phrase sein Fragment zu schnappen und an\njedem losgerissenen Bruchstücke die chemische Analyse\nzu probiren, ehe noch der leiseste Schatten einer Anschau-\nung der organischen Synthese der Motive und Intentionen\ndes Componisten mit dem homogenen Gliederbau des Gan-\nzen vor dem Auge der Betrachtung aufgestiegen ist! Das,\nwas wir hierin als die grosse Wohlthat eines Concert-In-\nstituts bezeichnet haben, welches, wie das unsrige, rüstig\nin Irischer Werdelust den Mittelpunkt eines ansehnlichen\nKreises musikbedürftiger Gemüther eingenommen hat, ist\neben das in unserem vorigen Berichte vom 15. September\nschon berührte aufgabenreiche und verheissungsschwere,\nernste Ding, seine Frucht aber das— Verum Gaudium.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAus Berlin wird berichtet, dass dem Dichter und Aesthetiker\nDr< Titus Ulrich, bisher bei der Redaction der National-Zeitung\nbeschäftigt, die Stellung bei der General-Intendantur der königlichen\nSchauspiele übertragen worden, welche früher der verstorbene Hof-\nrath Teichmann einnahm\n** «Mit, 8. December. Auf unserem Hoftheater macht\ndas neu-i Ballet »Diavolina* vom Hof-Balletmeister Ambrogio,\ndas am 2. d. Mts. die zweite Darstellung erlebte, volle Häuser. Die\nAusstattung stellt die Talente des Hofmalers Schwedler und des\nMaschinenmeisters Brandt in helles Licht. Die anerkennendste\nHervorhebung verdient Schindel in eisser's Musik dazu. Sie\nkann sich dem Besten, was auf diesem Gebiete geliefert worden ist,\nan die Seite stellen, in ihrer grossen Ausdehnung aber (das Ballet\nzählt 4 Actej überragt sie die meisten Compositionen dieser Art.\nWenn man die Aufgabe zu ermessen weiss, zu einem Ballette, wel-\nches drei volle Stunden ausfüllt, die Musik zu liefern, ohne dass\ndie letztere monoton wird, während sie sich doch stets im Tanz-\nRhythmus bewegen muss, kann man dem Talente Schindelmeisser's\nnur die höchste Achtung zollen. Seine Musik dient wesentlich zur\nSteigerung des Effectes, weil sie durchaus charakteristisch gehalten\nist und dem Ohr des Zuschauers gleichzeitig einen reizenden musi-\ncalischen Genuss gewährt während sein Auge sich an den prächti-\ngen Bildern ergötzt, die auf der Bühne vor ihm sich entfalten Wäh-\nrend der Laie sich an dem einschmeichelnden, wohlthuenden Melo-\ndieenfluss erfreuen kann, findet der Musikkenner zugleich auch sein\nInteresse durch die von der gründlichen musicalischen Bildung und\ndem reichen Wissen des Componisten zeugende Ausarbeitung erregt.\nBei allem dem ist die Musik originel, und nur bei mehreren frap-\npanten Steilen hat Schindelmeisser absichtlich mit Glück Reminis-\ncenzen an ähnliche Scenen in verschiedenen Opern angewandt.\nDen früher berühmten Helden-Tenor Hermann Breiting, der\nauch bei Ihnen von den niederrheinischen Musikfesten her in gutem\nAndenken stehen wird, haben die hiesigen Künstler und zahlreichen\nI reande gestern, den 7. d. Mts,, auf dem hiesigen Kirchhofe begra-\nben. Lr war 57 Jahre alt und seit zwanzig Jahren in Darmstadt\nam Hottheater; allein die letzten fünf Jahre brachte er im Irren-\nhause zu Hofheim zu, wo ihn am 5. December der Tod von seinen\nLeiden befreite. Die Leiche wurde hieher gebracht.\nStuttgart« Die Abonnements-Concerte sind kürzlich eröffnet\nworden mit einer nicht unverdienstlicben Aufführung von Beetho-\nven s B-Jt/r-feinlonie, während der übrige Theil des Programms nur\nLine interessante Nummer enthält: Mendelssohn's Violin-Concert, mit\nWärme und Schwung vorgetragen von dem einzigen Violin-Virtuo-\nsen Stuttgarts, Herrn Keller, der leider wegen körperlicher Leiden\nnunmehr in den Ruhestand versetzt ist. Am 11. November kam eine\nneue einactige komische Oper von einem Franzosen, A. Vogel, „Das\nStorchennest\", zur Aufführung. Abgesehen von unverkennbaren Län-\ngen und einem Textbuche, das sich durch grosse Unwahrscheinlich-\nkeit der Handlung auszeichnet, hat das Werk viel Hübsches und\nzeugt von dem unverkennbaren Talente des Componisten, welcher\nder Vorstellung beiwohnte und gerufen wurde. (W. Ree.)\nFür heitere Componisten. Die Verlagshandlung des „All-\ngemeinen deutschen Commersbuches*4 von Sil eher und Erk , M.\nSchauenburg & Comp, in Lahr, hat einen Preis von\ndreissig Diicaten\nfür die besten Compositionen von sechs neuen humoristischen Lie-\ndern des Dichters des Ichthyosaurus, des Rodensteiners, des Enderle\nvon Ketsch u. s. w. ausgeschrieben, um zu erreichen, dass die Mu-\nsik den vortrefflichen Texten durchaus entspreche: Das Lied von\nNummer VIII. Perkeo. Letzte Hose. Guter Rath. Lie-\nder fahrender Schüler I. 11. Rodenstein's Auszug. Die Compo-\nsitionen müssen bis zum 15. Januar 1861 eingesandt werden, und\nes wird alsdann von drei Preisrichtern unter Zuzug von Deputirten\nstudentischer Verbindungen die Entscheidung getroffen werden. Die-\nselben erscheinen zunächst in der sechsten Auflage des »Allgemei-\nnen deutschen Commersbuchesu, sodann als zweites Heft der »Lie-\nder aus dem Engern in Heidelberg\"4 und unter Umständen auch\nvierstimmig für Männerchor. Texte versendet die Verlagshandlung\nauf Verlangen umgehend unter Kreuzband franco. Das erste Heft\nder Lieder aus dem Engern ist von ihr durch alle Buchhandlungen\nzu beziehen.\n** In unserem ersten Abonnements-Concerte un-\nter Leitung des Hof-Capellmeisters Herrn G. Schmitt wurde unter\nAnderem F. Hiller's »Lorelei® mit grossem Erfolge aufgeführt.\nAuf die Einübung des Chors war durch Herrn J. Stocks und auf\ndie Proben des Ganzen durch Herrn Schmitt die grösste Sorgfalt\nverwandt worden, um die schöne Composition zu vollster Geltung\nzu bringen. Besonders glücklich war die Partie der Lorelei durch\ndie Opernsängerin U brich hesetzt, die mit ihrer reizenden Stimme\nsowohl die zarten als die leidenschaftlichen Stellen meisterhaft\nvortrug.\nHerr Capellmeister Schmitt hat in den wenigen Jahren seit\nseiner Anstellung bierselbst ausserordentlich viel durch seinen wahr-\nhaft künstlerischen Sinn und Eifer gewirkt ; wirklich zu bewundern\nist die Ausdauer un l Energie, mit denen er den Schwierigkeiten zu\nbegegnen weiss, welche ihm die hiesigen Verhältnisse und leider\nauch die für Kunst noch etwas indifferente Lauheit unseres nord-\nländisclien Charakters bei seinen Bestrebungen entgegenstellen. In-\ndessen wird es doch allmählich besser, und die Zahl derer, die für\ndie edlere Kunst gewonnen werden, vergiössert sich zusehends.\n9Si*efifi&eaa* Der Violinist J. Becker spielte vor seiner Abreise\nnach England im ersten Abonnements-Concerte mit grossem Erfolge."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "408", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18601215-01.1.8", "texte": "Wien. Die Sing-Akademie wird in ihrem am 6« Janaar 1861\nStatt findenden zweiten Concerte nicht die Faust-Musik von Schu-\nmann, sondern das Oratorium „Paulus* von Mendelssohn zur Auf-\nführung bringen. Dem „Paulus\", der im Jahre 1846 und zuletzt\nim März 1856 (im Burgtheater) aufgeführt wurde, dürfte nach fast\nfünfjähriger Pause gewiss mit allgemeinem Interesse entgegengese-\nhen werden.\nWachtel begibt sich nach beendigtem Gastspiele in Wien nach\nPesth, wo er am deutschen Theater sechs Mal gastiren wird, sodann\nnach Paris und London, wohin er unter glänzenden Bedingungen\nengagirt sein soll\nHerr Hirsch vom Carltheater hat mehrere Engagements- und\nGastspiel-Anträge erhalten\nDie Proben von Offenbach1 s Operette „Die schöne Magellone'\n(Genofeva von Brabant) werden noch im Laufe dieser Woche am\nTreumann-Theater beginnen.\nGestern eingetroffenen Nachrichten zufolge wird der Violin-Vir-\ntuose Herr Joachim, in der Absicht, Concerte zu geben, zur Fa-\nstenzeit nach Wien kommen.\nPrag;. Unser gefeierter Landsmann Alexander Dreyschock\nwird Prag für den Winter verlassen, um eine Kunstreise nach Russ-\nland zu unternehmen. Zum Abschiede veranstaltete er kürzlich in\nseiner Wohuung eine Matinee, die denn viel des Interessanten bot.\nInsbesondere war es ein neues Trio von W. H. Veit, welches bei\ndem distinguirten Zuhörerkreise einen wahren Applaussturm erregte.\nPolitik und Theater ergänzen sich in diesem Momente in dem\nfieberhaft aufgeregten Italien; das Theater ist der Dolmetscher des\nöffentlichen Lebens, das öffentliche Leben spiegelt sich auf den Bret-\ntern ab. Kaum dass Garibaldi Masaniello's Rolle in einer neuen Auf-\nlage in Neapel erscheinen lässt, wiedelhallen die Opernsäle Italiens\nvon der Auber'schen Oper „Die Stumme von Portier'. Garibaldi\nsoll nach Dumas gesagt haben, es sei schade, da.ss die ltaliäner\nkeine eigentlichen nationalen Volksmelodieen besitzen. Jetzt singt\nman ein Lied ä La „Sie sollen ihn nicht haben! Die Liebe wird\nnur wenig besungen, wenn der Held kein Freischärler und die Hel-\ndin keine verkappte Mazzinistin ist Ungarische Melodieen werden\nvielen Liedern angepasst, der Csardas gedeiht im tropischen Klima\nItaliens, und die Poesie weiss sehr viel von den Csikosen und son-\nstigen Pusstenkindern zu erzählen. Der Rakoezymarsch ist den\npiemontesischen Musikbanden geläufiger, als das 9lJartant pour Ja\nStjriewelches, seitdem von Paris aus eine kühle Luft nach Italien\nweht, nur selten abgespielt wird. In den Kirchen hört man sehr\nviel profane Musik, und man kann häufig eine Variation über das\n„Was ist des Deutschen Vaterland\" unter Orgeiklang in den heili-\ngen Räumen niederbrausen hören.\nVon Paris wird uns die Nachricht mitgetheilt, dass den ausge-\nzeichneten Violinisten Jean Becker von Mannheim, der neuer-\ndings in England noch mehr Aufsehen machte, als im vorigen\nJahre, ein betrübender Unfall getroffen hat. In dem Augenblicke,\nwo er eine Saite seiner Geige besah, sprang die Saite und schlug\nihm ins rechte Auge, welches er wahrscheinlich einbüssen wird. Das\nunglückliche Ereigniss widerfuhr ihm zu Leamington.\nI¥ew-\"Äfoi*S4. Wie wenig wissen die Künstler in Deutschland,\nauf welcher laulen Basis die hiesige Oper steht, wie die frivole Art\nund Weise, in welcher Künstler hergelockt werden, an mehr thut\nals bloss an Schwindel gränzen, wie ein Contract hier weiter nichts\nist, als ein Stück Papier, und man auf Grund desselben nicht einen\nlieiler von bankerotten Menschen erhalten kann! Der Director der\nitalienischen Oper besitzt nicht fünfzig Thaler im Vermögen, wohl\naber für fünfzig Tausend Thaler jener genialen, gottlichen und blen-\ndenden Sicherheit des Auftretens, welche Unerfahrene täuscht. Seit\nMonaten hat kein Künstler einen Heller bekommen. Die Millionen,\nwelche den Künstlern in Europa versprochen wurden, sind noch\nnicht zum millionsten Theile bezahlt worden, und es ist noch kein\nKünstler wieder nach Europa zurückgereist, ohne dass er Tausende\nhier zu fordern gehabt hätte. Dass Forme s gekommen ist, begreife\nich nicht, nachdem man ihm das letzte Mal mehr als 8 >OO Dollar#\nschuldig blieb. Als er hier ankam, sollte er 100'» Dollars erhalten,\nvon denen er noch nicht einen Pfennig hat und nie erhalten wird.\nDeutsche und ltaliäner haben sich nun getrennt. Die Deutschen\n(Formes, Stigelli, Mad. Fabbri und ihr Mann R. Mulder) haben das\nOpernhaus behauptet, und die ltaliäner haben New-York verlassen.\nSeitdem kamen unter Anderem Robert, Hugenotten, Martha und Frei-\nschütz zur Aufführung. Die Hauptrollen waren vortrefflich besetzt,\nChöre und Orchester dagegen weniger als mittelmässig. Es fehlt an\neiner tüchtigen musicalischen Leitung."}]}