{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-01-05-01", "volume": "bmtnabi_1861-01-05_01", "ocr_sha256": "c9f74edcfd98496a5e380979da5b162cf2e8151f2ff679b351d5f7d3eb974384", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/01/05_01/bmtnabi_1861-01-05_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-01-05-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-01-05_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-01-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "1", "page_fin": "1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 297, "texte": "Inhalt.\ns ... „Zukunftsmusik.\" Yirtuosen-Productionen in den frankfurter Museums-Concerten. I. Aus Aachen (Musik-Auf-\nführungen). Von N. Tages- und Unte r h a 1 tun gsbl a 11 (Mainz, Concert Darmstadt Wien, Erklärung des Herrn F, Glöggl\nRedacteur und Herausgeber der Neuen Wiener Musik-Zeitung). 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J.\nWeber. 1861. 53 S. Gr. 8.).\nDer Brief ist eine Oratio pro Wagner's Haupt-\nzweck, durch eine kurze Zusammenstellung seiner Ansich-\nten über Oper und Drama aus seinen Schriften den Fran-\nzosen eine Vorstellung von dem „System\" zu geben, aus\nwelchem seine poetisch-musicalischen Kunstwerke hervor-\ngegangen, dürfte durch die Veröffentlichung erreicht wer-\nden, in so weit die Denkweise der gebildeten Franzosen,\ndie an Logik und scharfe Dialektik gewöhnt ist, überhaupt\ngeneigt und fähig sein mag, Wagner'sche Philosophie und\nW7agner'sche Darstellung zu verdauen. Wahrscheinlich\nwird der Inhalt des Briefes ihnen durch eine französische\nUebersetzung zugänglich gemacht werden und mag dann\nfür sie interessant genug sein.\nUns aber wird Niemand zumuthen, einen Auszug aus\ndem, was uns des Langen und Breiten bekannt ist, noch\neinmal wieder auszuziehen. Wir wollen zunächst nur Act\nvon dem Bekenntnisse nehmen, welches Wagner an die\nSpitze seines Schreibens stellt.\n„Es hätte mich\", sagt er, „unmöglich dünken müs-\nsen, abermals das Labyrinth theoretischer Speculation in\nrein abstracter Form durchwandern zu sollen; und an der\ngrossen Abneigung, die mich gegenwärtig selbst nur von\neiner Wiederdurchlesung meiner theoretischen Schriften\nabhält, darf ich erkennen, dass ich mich damals, als ich\njene Arbeiten verfasste, in einem durchaus abnormen Zu-\nstande befand, wie er sich in dem Leben eines Künstlers\nwohl einmal einstellen, nicht gut aber wiederholen kann.\nErlauben Sie mir zu allernächst, diesen Zustand in seinen\ncharakteristischen Hauptzügen Ihnen so zu bezeichnen, wie"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5242, "texte": "ich ihn gegenwärtig zu erkennen vermag. Wenn Sie mir\nhierzu einigen Raum gewähren, so darf ich hoffen, von\nder Schilderung einer subjectiven Stimmung ausgehend,\nIhnen den concreten Gehalt künstlerischer Theorieen dar-\nzulegen, welche in rein abstracter Form zu wiederholen\nmir jetzt eben unmöglich und dem Zwecke meiner Mitthei-\nlung nicht minder hinderlich sein würde.\"\nHiernach sollte man erwarten, die erfreulichsten Wir-\nkungen dieser Selbsterkenntniss im Verlaufe des Briefes\nwahrnehmen zu können. Allein dem ist nicht also. Aul\nSeite 29 sagt der Schreiber desselben: „An der eigenen\nErmüdung gewahre ich, dass ich ganz gegen Willen mich\nwieder demjenigen Zustande nähere, der mich gefangen\nhielt, als ich vor Jahren jene theoretischen Schriften aus-\narbeitete, und der mein Gehirn so fremdartig\nkrankhaft bedrückte, dass ich zuvor ihn als einen ab-\nnormen bezeichnete, in welchen zurückzufallen ich eine\nlebhafte Scheu trage.\"\nEin solches Geständniss fordert Beweise, und die wol-\nlen wir den Lesern nicht vorenthalten. Sie mögen daraus\nurtheilen, ob sich der Verfasser dem „krankhaften, abnor-\nmen Zustande\" wieder „genähert\" habe, oder ob der\nRückfall in denselben leider schon wieder so deutlich zu\nerkennen sei, dass die Abnormität unheilbar erscheint.\nNachdem er über die Entwicklung der Instrumental-\nMusik bis zur Sinfonie Beethoven's gesprochen, fährt er\nfort (S. 27):\n„So muss uns die Symphonie geradewegs als eine Of-\nfenbarung aus einer anderen Welt erscheinen; und in\nWahrheit deckt sie uns einen von dem gewöhnlichen logi-\nschen Zusammenhange durchaus verschiedenen Zusammen-\nhang der Phänomene der Welt auf, von welchem das eine\nzuvörderst unläugbar ist, nämlich, dass er mit der über-\nwältigendsten Ueberzeugurig sich uns aufdrängt und unser\nGefühl mit einer solchen Sicherheit bestimmt, dass die\nlogisirende Vernunft vollkommen dadurch verwirrt und\nentwaffnet wird.\n„Die metaphysische Nothwendigkeit der Auffindung\ndieses ganz neuen Sprachvermögens gerade in unseren\nZeiten scheint mir in der immer conventionelleren Ausbil-\ndung der modernen Wortsprachen zu liegen. Betrachten\nwir die Geschichte der Entwicklung dieser Sprachen näher,\nso treffen wir noch heute in den so genannten Wortwur-\nzeln auf einen Ursprung, der uns deutlich zeigt, wie im\nersten Anfange die Bildung des Begriffs von einem Gegen-\nstande fast ganz mit dem subjectiven Gefühl davon zusam-\nmenfiel, und die Annahme, dass die erste Sprache der\nMenschen eine grosse Aehnlichkeit mit dem Gesänge ge-\nhabt haben muss, dürfte vielleicht nicht lächerlich erschei-\nnen. Von einer jedenfalls ganz sinnlich subjectiv gefühlten\nBedeutung der Worte aus entwickelte sich die menschliche\nSprache in einem immer abstracteren Sinne in der Weise,\ndass endlich eine nur noch conventionelle Bedeutung der\n! Worte ührig blieb, welche dem Gefühle allen Antheil an\n! dem Verständnisse derselben entzog, wie auch ihre Fü-\ngung und Construction gänzlich nur noch von zu erler-\nnenden Regeln abhängig gemacht wurde. In notwendi-\nger Uebereinstimmung mit der sittlichen Entwicklung der\nMenschen bildete sich in Sitte und Sprache gleichmässig\ndie Convention aus, deren Gesetze nicht mehr dem natür-\nlichen Gefühle verständlich waren, sondern durch einzig\nder Reflexion begreifliche Maximen der Erziehung aufer-\nlegt wurden. Seitdem nun die modernen europäischen\nSprachen, noch dazu in verschiedene Stämme getheilt, mit\nimmer ersichtlicherer Tendenz ihrer rein conventioneilen\nAusbildung folgten, entwickelte sich andererseits die Mu-\nsik zu einem bisher der Welt unbekannten Vermögen des\nAusdrucks. Es ist, als ob das durch die Compression Sei-\ntens der Conventionellen Civilisation gesteigerte rein mensch-\nliche Gefühl sich einen Ausweg zur Geltendmachung sei-\nner ihm eigentümlichen Sprachgesetze gesucht hätte,\ndurch welche es, frei vom Zwange der logischen Denk-\ngesetze, sich selbst verständlich sich ausdrücken könnte.\nDie ganz ungemeine Popularität der Musik in unserer Zeit,\ndie stets wachsende und bis in alle Schichten der Gesell-\nschaft sich ausbreitende Theilnahme an den Produclionen\nder tiefsinnigsten Musik-Genres, der immer gesteigerte\nEifer, die musicalische Ausbildung zu einem wesentlichen\nTheile der Frziehung zu bestimmen, dies alles, wie es klar\nersichtlich und unläugbar ist, bezeugt zugleich die Rich-\ntigkeit der Annahme, dass mit der modernen Entwicklung\nder Musik einem tiefinnerlichen Bedürfnisse der Mensch-\nheit entsprochen worden ist, und die Musik, so unverständ-\nlich ihre Sprache nach den Gesetzen der Logik ist, eine\nüberzeugendere Nöthigung zu ihrem Verständ-\nnisse in sich schliessen muss, als eben jene Ge-\nsetze sie enthalten. (!)\n„Gegenüber dieser unabweislichen Erkenntniss dürften\nder Poesie fortan nur noch zwei Entwicklungswege offen\nstehen. Entweder gänzliches Uebertreten in das\nFeld der Abstraction, reine Combination von\nBegriffen und Darstellung der Welt durch Er-\nklärung der logischen Gesetze des Denkens. Und\ndies leistet sie als Philosophie. Oder innige Ver-\nschmelzung mit der Musik, und zwar mit derje-\nnigen M usik, deren unendliches Vermögen uns\ndurch die Symphonie Beethoven's erschlossen\nworden ist. (!!)\n„Den Weg hierzu wird die Poesie leicht finden und\nihr letztes Aufgehen in die Musik als ihr eigenes, innigstes"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5384, "texte": "Verlangen erkennen, sobald sie an der Musik selbst ein\nBedürfnissinne wird, welches wiederum nur die Dicht-\nkunst stillen kann. Um dieses Bedürfniss zu erklären, be-\nstätigen wir zunächst die unvertilgbare Eigentümlichkeit\ndes menschlichen Wahrnehmungs-Processes, welche ihn\nzum Auffinden der Gesetze der Causalität drängte, und\nvermöge welcher vor jeder eindrucksvollen Erscheinung\ner sich unwillkürlich fragt: Warum? Auch die Anhörung\neines symphonischen Tonstückes bringt diese Frage nicht\ngänzlich zum Schweigen; da es ihr vielmehr nicht zu ant-\nworten vermag, bringt sie in das causale Vorstellungs-Ver-\nmögen des Zuhörers eine Verwirrung, die ihn nicht nur\nzu beunruhigen im Stande ist, sondern auch der Grund\neines gänzlich falschen Urtheils wird. Diese störende und\ndoch so unerlässliche Frage in einem Sinne zu beantwor-\nten, dass sie von vorn herein durch Beschwichtigung ge-\nwisser Maassen eludirt wird, kann nur das Werk des\nDichters sein. Nur aber demjenigen Dichter kann\ndies gelingen, welcher die Tendenz der Musik\nund ihres unerschöpflichen Ausdrucks-Vermö-\ngens vollkommen inne hat und sein Gedicht da-\nher so entwirft, dass es in die feinsten Fasern\ndes musicalischen Gewebes eindringen und der\nausgesprochene Begriff gänzlich in das Gefühl sich auflö-\nsen kann. Ersichtlich kann daher keine Dichtungsform\nhierzu tauglich sein als diejenige, in welcher der Dichter\nnicht mehr beschreibt, sondern seinen Gegenstand zur\nwirklichen, sinnfällig überzeugenden Darstellung bringt;\nund dies ist nur das Drama.\"\nDie zweite „ersichtliche\" Folgerung: „und der noch\nallein mögliche Dichter ist Richard Wagner\" —wird dem\nlogischen Schluss-Vermögen des Lesers überlassen! Doch\nauch das nicht ganz; denn S. 30 lesen wir:\n„Aus diesem qualvollen Zustande trieb es mich, zur\nnormalen Ausübung meiner künstlerischen Fähigkeiten zu-\nrückzukehren. Ich entwarf und führte einen dramatischen\nPlan von so bedeutender Dimension aus, dass ich, nur den\nAnforderungen meines Gegenstandes folgend, mit diesem\nWerke absichtlich mich von aller Möglichkeit entfernte,\nes unserem Opern-Repertoire, wie es ist, einzuverleiben.\nNur unter den aussergewöhnlichsten Umständen sollte die-\nses eine ganze ausgeführte Tetralogie umfassende musica-\nlische Drama zu einer öffentlichen Aufführung gebracht\nwerden können. Diese mir vorgestellte ideale Möglichkeit,\nbei der ich mich gänzlich von der modernen Oper entfernt\nhielt, schmeichelte meiner Phantasie und hob meine Gei-\nstesstimmung zu der Höhe, dass ich, alle theoretischen\nGrillen verjagend, durch von nun an ununterbrochene\nkünstlerische Production mich, wie zu meiner Genesung\nnach schweren Leiden, wieder in mein eigentümliches\nNaturell versenken konnte. Das Werk, von dem ich Ihnen\nspreche und welches ich seither grösstenteils bereits auch\ndurch musicalische Composition ausgeführt habe, heisst:\n„ „Der Ring des Nibelungen.\"\" Wenn Sie der gegenwär-\ntige Versuch, andere meiner Operndichtungen in prosai-\nscher Uebersetzung Ihnen vorzulegen, nicht verstimmt,\ndürften Sie mich vielleicht bereit finden, auch mit jenem\nDramen-Cyklus ein Gleiches vornehmen zu lassen.\"\nAus dem Verlauf des Briefes sehen wir, was aus dem\nTitel nicht deutlich erhellt, dass Wagner mit diesem Briefe\nzugleich dem „französischen Freunde\" -eine Prosa-Ueber-\nsetzung seiner Dichtungen („Der fliegende Holländer\",\n„Tannhäuser\", „Lohengrin\", „Tristan und Isolde\") vor-\ngelegt hat; von wem sie verfasst sei, sagt er nicht. Die\nUebersetzung Behufs der Aufführung des „Tannhäuser\"\nist in Versen, von Edm. Roche und Rieh. Lindau, wie wir\nin Nr. 53 v. J. nach pariser Blättern mitgetheilt haben.\nDen Erfolg seiner Opern in Deutschland, „auf welchen\ner nicht im Mindesten gerechnet hatte\" (!! S. 31), über-\nschätzt er, zumal in Bezug auf Lohengrin, der bekanntlich\nkeineswegs so gezogen hat, wie Tannhäuser.\nBisher hat Wagner, so viel wir uns erinnern, stets\nzugegeben, dass er im „Tannhäuser\" der alten Oper noch\nConcessionen gemacht u. s. w., dass aber der „Lohengrin\"\nals ein musicalisches Drama zu betrachten sei, das seinen\nGrundsätzen über das „Drama der Zukunft\" entspreche.\nAus dem jetzigen Briefe erfahren wir aber auf einmal, dass\ndie drei ersten Opern nur „den Gang der Entwicklung\nseiner künstlerischen Productivität bis zu dem Punkte\nnachweisen, wo ersieh veranlasst sah, sich theoretisch\nRechenschaft über sein Verfahren zu geben.\" (S.\n34.) Hört! hört!—Der Schlüssel zu diesem Widerspruche\nmit den früheren Aeusserungen des Verfassers liegt darin,\ndass es ihm bei der Ausarbeitung des Briefes für die Fran-\nzosen vorzüglich darum zu thun war, als ein musicali-\nsches Genie zu erscheinen, als ein Tonsetzer, der, wie\nalle grossen Meister, vom inneren Drange zur Composition\ngetrieben, gleichsam unbevvusst geschaffen habe und erst\nnachher zu bewusster Reflexion gekommen sei. Zwar\ngibt er zu, dass sein „Widerwille\" vor der gewöhnlichen\nOper (Mozart, Spontini, Weber, Marschner, Meyerbeer\nu. s. w. einbegriffen) schon früh immer stärker angewach-\nsen sei, weil dieses „Kunstgenre mit dem von ihm ge-\nmeinten Ideale die abschreckende Aehnlichkeit des\nAffen mit dem Menschen habe\" (S. 13); aber er sagt\nausdrücklich in der oben abgedruckten Stelle (S. 30 3l),\ndass er aus dem abnormen Zustande zur „normalen Aus-\nübung seiner künstlerischen Fähigkeiten zurückgekehrt\nsei\" und „sich durch künstlerische Production wieder in\nsein eigentümliches Naturel versenkt habe.\"\n\nH"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5251, "texte": "„Meine Theorie\" —heisst es ferner S. 35— „ist fast nichts\nAnderes als ein abstracter Abdruck des in mir sich bil-\ndenden künstlerisch-productiven Processes. Mein eigent-\nlichstes System (also Unterschied zwischen System, eigent-\nlichem und eigentlichstem System!), wenn Sie es so nennen\nwollen, findet daher in den ersten drei Dichtungen nur\nerst eine sehr bedingte Anwendung.\"\nWelches Opus ist denn nun aber das eigentlichste,\nnach dem neuen Kunst-Canon geschaffene Muster- und\nMeisterstück? Wir lassen Wagner selbst antworten:\n„Anders verhält es sich jedoch mit dem letzten der\nGedichte, welches ich Ihnen vorlege, „Tristan und Isolde\".\nDieses entwarf ich und führte es aus, nachdem ich bereits\nden grössten Theil der Nibelungenstücke vollständig in Mu-\nsik gesetzt hatte. Die äusserliche Veranlassung zu dieser\nUnterbrechung in jener grossen Arbeit war der Wunsch,\nein leichter und eher aufführbares Werk zu liefern, ein\nWunsch, zu dem mich einerseits das Bedürfniss, endlich\nwieder etwas von mir auch hören zu können, trieb, so wie\nandererseits die zuvor Ihnen bezeichneten ermuthigenderi\nund versöhnenden Erfahrungen von den Aufführungen mei-\nner älteren Werke in Deutschland mir diesen Wunsch\njetzt wiederum als erreichbar darstellten. An dieses Werk\nnun erlaube ich die strengsten, aus meinen theore-\ntischen Behauptungen fliessenden Anforderungen\nzu stellen, nicht weil ich es nach meinem System ge-\nformt hätte, denn alle Theorie war vollständig von mir\nvergessen, sondern weil ich hier endlich mit der vollsten\nFreiheit und mit der gänzlichsten Rücksichtslosigkeit gegen\njedes theoretische Bedenken in einer Weise mich bewegte,\ndass ich während der Ausführung selbst inne ward, wie\nich mein System weit überflügelte.\"\nWer diese Darstellung eines künstlerischen Schö-\npfungs-Processes versteht, dem wünschen wir Glück. Wir\nhaben danach im „Tristan\" ein Gedicht, das „strengst\nnach dem System\" zu messen und zu würdigen ist, das\naber „nicht nach dem System\" gemacht ist, sondern bei\ndem „die Theorie ganz vergessen\" und „das System über-\nflügelt\" worden ist! 0 Lessing und Winckelmann, wie weit\nseid ihr noch zurück gewesen! 0 Schiller und Göthe, wie\nhabt ihr euch in eurem Briefwechsel compromittirt mit\neuren ewigen theoretischen Bedenken! Ihr hattet alle noch\nkeine Vorstellung von einem Artiste convaincu; euch ward\nnoch nicht „das grösste Wohlgefühl, die vollkommenste\nUnbedenklichkeit des Künstlers beim Produciren\" zu\nTh eil, wie es R. Wagner „bei der Ausführung seines Tri-\nstan empfand\" (S. 35) nicht seine „Selbstständigkeit\nund Sicherheit\". Habt ihr je jene schöpferische Gottähn-\nlichkeit empfunden, wie R. Wagner, der von sich selbst\nsagt: „Mit voller Zuversicht versenkte ich mich bei dem\nTristan nur noch in die Tiefen der inneren Seelenvorgänge\nund gestaltete zaglos {sie) aus diesem intimsten\nCentrum der Welt ihre äussere Form.— Leben\nund Tod, die ganze Bedeutung und Existenz der äusseren\nWelt, hängt hier allein von der inneren Seelenbewegung\nab. Die ganze ergreifende (?) Handlung kommt nur da-\ndurch zum Vorschein, weil die innerste Seele sie\nfordert, und sie tritt so an das Licht, wie sie von innen\naus vorgebildet ist.\" (S. 39.)\nWir glauben nicht, dass es jemals bei einem schaffen-\nden Künstler irgend einer Art eine so fanatische Selbst-\nverblendung gegeben habe! Die Handlung in Wagner's\nTristan, die von der innersten Seele gefordert, von innen\naus vorgebildet sein soll —worauf beruht sie denn? Auf\netwas durch und durch Aeusserlichem, auf dem Ge-\nnüsse eines Liebestrankes, eines Zaubermittels, das die\nhandelnden Personen zu willenlosen Geschöpfen macht!\nTristan und Isolde müssen so fühlen, wie sie es zeigen,\neine Arznei ist das Motiv ihrer Handlung, nichts Mensch-\nlich-Seelisches; daher sind sie für uns nicht Menschen,\nsondern Marionetten. Wer das Gedicht nicht kennt, den\nverweisen wir auf Nr. 24 des vorigen Jahrgangs (1859)\ndieses Blattes. Zum Ueberfluss setzen wir noch die Wir-\nkung des Trankes, wie Beide auf der Scene sie nach\nWagner's Vorschrift ausdrücken sollen, hieher:\n„(Beide, von Schauer erfasst, blicken sich mit höch-\nster Aufregung, doch mit starrer Haltung, unverwandt in\ndie Augen, in deren Ausdruck der Todestrotz bald der\nLiebesgluth weicht.— Zittern ergreift sie. Sie fassen sich\nkrampfhaft an das Herz und führen die Hand wieder\nan die Stirn. Dann suchen sie sich wieder mit dem Blicke,\nsenken ihn verwirrt und heften ihn von Neuem mit stei-\ngender Sehnsucht auf einander.) Isolde (mit bebender\nStimme): Tristan! Tristan (überströmend): Isolde!\nSie (an seine Brust sinkend): Treuloser Holder!—Er (mit\nGluth sie umfassend): Seligste (?) Frau! (Sie verbleiben in\nstummer Umarmung.)\"\nSpectatimi admissi risum teneatis, amicii Wenn\nBeide die vorgeschriebenen Bewegungen recht\nausführen, so wird diese „äussere Form\" sich sicherlich\nals „aus dem intimsten Centrum der WTelt gestaltet\" of-\nfenbaren.\nNur Eines ist wahr in Wagner's Selbstkritik seines\nTristan das Bekenntniss der „gänzlichen Rücksichtslosig-\nkeit gegen jedes theoretische Bedenken\"; denn nicht bloss\ndie Aesthetik, sondern die Elementar-Grammatik, die Wort-\nbildungs-Lehre, die Poetik, die Logik—kurz, alles Theore-\ntische, was man bis jetzt zur Vollendung der Form und\ndes Verständnisses eines sprachlichen Kunstwerkes für"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 101, "texte": "nothwendig gehalten hat, ist auf die schlotterigste Weise\nim Tristan vernachlässigt.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-01-05-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-01-05_01#c003", "volume": "bmtnabi_1861-01-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "5", "page_fin": "7", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.2.3", "titre_corps": "Virtuosen-Productionen in den frankfurter Museums-Concerten.", "titre_sommaire": "Virtuosen-Productionen in den frankfurter Museums-Concerten.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.5", "debut_caractere": 103, "fin_caractere_exclue": 5242, "texte": "Virtuosen-Productionen in den frankfurter\nMuseums-Concerten.\nI.\nWie in den beiden letzten Jahren, so wird es wieder\nim Laufe dieses Winter-Cyklus gehalten, dass zu jedem\nConcerte ein bereits bewährter oder gut empfohlener Vir-\ntuose zur Production eingeladen wird. Es ward uns somit\ndas Vergnügen, in den bis Ende December Statt gehab-\nten vier Concerten eben so viele Instrumental-Productionen\nzu hören, und zwar abwechselnd einen Pianisten und einen\nViolinisten. Bei dem beschränkten Repertoire an grossen\nOrchesterwerken (vornehmlich in der Sinfonie), das seit\nlange fast in bedauerlicher Starrheit festgehalten wird,\nferner bei dem nicht minder unerfreulichen Umstände,\ndass den Anforderungen genügende Gesang-Productionen,\nselbst bei nicht in Erwägung kommendem Honorar-Punkte,\nsehr schwer aufzufinden sind, wirkt oben genannte Für-\nsorge des Vorstandes als ein alle Theile befriedigendes\nÄuskunftsmittel, sollte die Leistung auch keine ganz ge-\nlungene gewesen sein, da eine sogar nur mittelmässige auf\neinem Instrumente stets weniger verletzt, als eine gesungene\nvon gleicher Qualität. Auf die Wahl der vorzutragenden\nCompositionen wird Seitens des Vorstandes auch bereits\nmehr Einfluss geübt, als früher geschehen, und sollte, was\ndie so genannten Zugaben betrifft, eine noch zweck- und\nortsgemässere Sichtung wahrgenommen werden, weil die\nrichtige Erkenntniss hierin den meisten Virtuosen abgeht.\nEs sei gestattet, zunächst über die Productionen der Pia-\nnisten, dann über die der Violinisten zu sprechen.\nIm ersten Concerte am 9. November hörten wir Mo-\nzart's Clavier-Concert in C-mott, vorgetragen von Herrn\nEduard Franck, Musik-Director in Bern. Bei jedes-\nmaligem Anhören eines dieser bezaubernd schönen Ton-\ngebilde entsteht immer von Neuem der Wunsch, zu wis-\nsen, wie das Spiel Mozart's wohl beschaffen gewesen sein\nmag, wenn er der schwachen Ton-Qualität der damaligen\nFortepiano's von nur fünf Octaven eine so kräftige Instru-\nmentirung gegenüberstellte, gewiss mit voller Zuversicht,\ndass das Haupt-Instrument als Sieger aus dein Kampfe\nmit dem Orchester hervorgehen und auch der Bau des\nGanzen den sinfonischen Charakter zur Geltung bringen\nwerde. Selbst bei dem Umstände, dass allezeit nur ein\nschwach besetztes Orchester zur Begleitung zugelassen\nworden, nämlich 4, höchstens 6 Violinen, 1 Viola, 1 Vio-\nloncell nebst 1 Contrabass (welche Beschränkung sich im\nalten Wien in gewöhnlich benutzten Concertsälen bei allen\nSolo-Productionen fortan erhalten hat), selbst bei diesem\nUmstände wird es uns durch die Tonfülle unserer Instru-\nmente Verwöhnten schwer, zu glauben, dass es in der\nMöglichkeit gewesen, das Pianoforte Mozart's mit seinem\nOrchester zur sinfonischen Einhelligkeit zu bringen. Mo-\nzart's Lob der J. A. Stein'schen Instrumente ist bekannt.\nEs dürfte keine gewagte Vermuthung sein, dass er viel-\nleicht bei diesem oder jenem seiner Concerte die mit Aus-\nlösung, Fänger und Belederung verbesserte Mecha-\nnik Stein's benutzt habe. Kennt man jedoch diese im Gan-\nzen schwach gebauten Tonwerkzeuge, wovon im ersten und\nzweiten Jahrzehend in Wien und in anderen österreichi-\nschen Städten noch viele Exemplare, wenn auch in bereits\nabgenutztem Zustande, anzutreffen waren, so drängt sich\nZweifel an Zweifel, ob wohl mit diesen Erstlingen der\nClavier-Fabrication, selbst bei Mozart's kräftiger Behand-\nlung und, wie bekannt, scharfer Betonung, ein mit den\nBegriffen der späteren Epoche nur einiger Maassen über-\neinstimmendes sinfonisches Verhältniss erzielt werden\nkonnte, oder mag das Pianoforte aus dem Chor des Gan-\nzen nicht vielmehr wie eine unreife Kinderstimme erklun-\ngen sein*).\nIndess, welche Fragepunkte oder Zweifel nach dieser\noder jener Seite hin sich auch aufdrängen mögen, gewiss\nist, dass der grosse Zauberer auf der Tastatur bei jedes-\nmaligem Vortrage seine Zuhörer wahrhaft in Entzücken\nversetzte, worüber der Verfasser die Aussagen von noch\nvielen jener Glücklichen selbst gehört hat. Welchen Um-\nschwung aber auch die musicalischen Dinge in diesem Be-\nreiche seit Mozart bis auf unsere Tage erfahren, so ist es\ndoch nicht minder gewiss, dass bei aller Verwöhnung Mo-\nzart's Concerte heute noch die grösste Wirkung auf ein\nsinniges Publicum zu machen geeignet sind, unter der Vor-\naussetzung jedoch, dass dem Vortragenden die Kunst des\nColorirens in angemessenem Grade zu eigen, derselbe folg-\nlich nicht in der Manier des bloss glatten Abspielens\nder Noten befangen sei. Es muss daher den Urtheilen jener\nmit Entschiedenheit entgegen getreten werden, die da be-\nhaupten, diese Concerte seien für öffentliche Productionen\nnicht mehr zeitgemäss, es sei nichts mehr damit zu ma-\nchen, und dergleichen mehr das alles auf Grund einer\nmisslungenen Ausführung der Hauptstimme. Erfreuten\nsich jene Urtheilenden eines guten Gedächtnisses, so wür-\n\n*) Wenn in O. Jahn's „Mozart\", IV. 477, zu lesen, dass wäh-\nrend Mozart's Anwesenheit in Potsdam ein Herr Sartori sich\nso eben den ersten Streicher'schen Flügel aus Wien habe kom-\nmen lassen, so dürfte dies wobl auf einer Namensverwechslung\nberuhen. Mozart kannte die Streicher'schen Flügel nicht, in-\ndem diese Fabrik erst 1792 gegründet worden."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5424, "texte": "den sie sich der grossen Wirkung erinnern, die Herr Ja-\nkob Rosenhain im November 1858 mit dem -\ncert im Museum hervorgebracht hat, worüber in den\nNummern 1 und 2 d. 81. des vorigen Jahrgangs ziemlich\nausführlich gesprochen worden. War das Ergebniss nun\nmit dem C-moll-Concerte ein anderes, so ist der Grund\nnicht im Werke selbst, sondern in dessen Vortrag zu finden.\nEine kurze Parallele, zwischen den genannten, auf\nziemlich gleicher Stufe der Durchbildung stehenden Künst-\nlern gezogen, mag das Gesagte näher bezeichnen. Herr\nRosenhain colorirt seinen Stoff in echt künstlerischer\nWeise; vermittels einer umfangreichen Scala vom feinsten\nbis zum stärksten der Accente versteht er jeglicher Can-\ntilene wie Passage den charakter-eigenthümlichen Ausdruck\nzu geben; als Componist weiss er, dass eine ausdrückliche,\nbis ins kleinste Detail gehende Beisetzung des Dynamischen\nweder in den Werken der Ton- noch der Dichtkunst ge-\ngeben werden kann noch darf, weil dies dem subjectiven\nGefühls-Ausdrucke des Vortragenden Zwang anlegen und\nihn zur Maschine machen würde. Herr Franck hingegen\nthut nicht mehr, als vorgeschrieben steht, spielt höchst\ncorrect und glatt ab, wobei sich aber ein Mangel an äus-\nserer Belebung des Stoffes fühlbar macht, der notwendi-\nger Weise Monotonie erzeugt und den Geist der Dichtung\nnicht zur Erscheinung kommen lässt. Vergleichsweise lässt\nsich von diesem Tonkünstler sagen, was von manchem\nausgezeichneten Meister der bildenden Kunst gesagt wird,\ndass er zwar ein correcter Zeichner sei, aber nicht zu ma-\nlen verstehe.\nGlücklicher hinsichtlich des erhaltenen Beifalls war\nHerr Franck mit dem Vortrage eines Präludiums und der\nnachfolgenden Fuge in A-mollvon Seb. Bach. Allein\ndürfte nicht im Allgemeinen die Frage aufzuwerfen sein:\nGehört wohl die Fuge in den Concertsaal? Wird der\nKünstler nicht gar zu leicht verleitet, einen so kunstreich\naufgeführten und schwer zu verfolgenden Bau wie jede\nBach'sche Fuge in einem modernen Allegro zu spielen, da-\nmit die sonst sicher eintretende Langeweile eines Publi-\ncums, das vom Wesen der Fuge keinen Begriff hat, ver-\nscheucht werde? Wir legen diese Fragepunkte auch dem\nachtungswerthen Musiker aus Bern vor, weil ein solches\nBeispiel dem in unserem wirren Zeitalter leider tief einge-\nrissenen Unfug, alle Musikgattungen wie Spielkarten unter\neinander zu mischen, Vorschub thun könnte.\nIn der dritten Versammlung am 7. December ward\nvon Herrn Wilhelm Treiber aus Graz Hummel's\nzu Gehör gebracht. Das ist einer jener\nProbiersteine, vermittels deren der Vortragende die ganze\nSumme seiner Errungenschaften nach innen und aussen\nzur Geltung bringen kann und soll; concret bezeichnet:\ntiefe Empfindung in der Cantilene, glänzende Bravour in\nder Passage und in dritter Reihe angemessene Bewegung\nnach der vom Componisten selber in seiner Ciavierschule\nSeite 429 ff. gegebenen Anweisung über Modificirung des\nZeitmaasses zwischen Cantilene und Passage, um diese\nHaupt-Bestandtheile nach Sitte und Brauch der classi-\nschen Periode—gehörig aus einander zu legen. Wer auf\nder Höhe dieser Anforderungen nicht steht, soll sich an\ndiesem durch würdevolle Eleganz und dennoch im ganzen\ngrossartigen Charakter wunderbar ausgezeichneten Ver-\nmächtnisse nicht versündigen. In Bezug auf Eleganz (nicht\nim Sinne unserer Salons), die im erforderlichen Maasse\nnur bei dem vollendeten Künstler angetroffen wird, wenn\ner ja noch nach dieser Seite hin geeigenschaftet ist, wüss-\nten wir in dem ziemlich reichhaltigen Fache der Clavier-\nConcerte keine schwierigere Aufgabe an den Vortrag, als\ndiese Hummel'sche Schöpfung. Die schönen Tage von\nAranjuez liegen leider bald an dreissig Jahre zurück, wo\ndieses Werk, nachdem Meister Hummel bei zunehmendem\nAlter den Anforderungen selber nicht mehr in vollem\nMaasse genügen konnte (was sich schon 1827 in Wien\nmerklich gezeigt hat), -in einigen jungen Talenten würdige\nRepräsentanten gefunden, die damit die lauschenden Con-\ncertsäle in hohe Begeisterung zu versetzen verstanden. Von\ndenen, die wir selbst gehört haben, ragten besonders her-\nvor Leopoldine Blahetka in Wien und der g.eniale\nWörlitzer in Berlin; in Beiden war Hummel's Beispiel\nam mächtigsten nachwirkend. Beide, vornehmlich die wie-\nner Künstlerin, haben sich in der grossen Kunstwelt rühm-\nlichst bekannt gemacht; Wörlitzer aber, aus Ludwig Ber-\nger's Schule hervorgegangen, hat zu grossem Nachtheile\nder Kunst schon im Jünglingsalter das Zeitliche gesegnet.\nWenden wir uns mit diesen Anmerkungen zur Lei-\nstung des noch jugendlichen Pianisten aus der Steyermark,\nso müssen wir rückhaltlos gestehen, dass ihm bis jetzt noch\nalle die tiefer liegenden Eigenschaften abgehen, um sich\ndiesem Hummel'schen Werke nähern zu dürfen. Er hat\ngezeigt, dass er C. Czerny's „Schule der Geläufigkeit\"\nnach Vorschrift fleissig durchgearbeitet, jedoch auf Kosten\ndessen, was man Empfindung nennt, wovon selbst die\nwunderschönen Gesangstellen im ersten Satze nichts in ihm\nzu wecken vermochten. Und wäre auch eine Fiber in sei-\nner Seele rege geworden, die Kundgebung hätte durch die\ngenommenen Tempi niedergeschlagen werden müssen. Der\nComponist überschreibt den ersten und dritten Satz mit\nAllegro moderato, es hätte aber genügt, Tempo giusto zu\nschreiben, wie die alten Meister häufig zu thun pflegten,\nund kein nur einiger Maassen musicalisch, nicht bloss me-\nchanisch, gebildeter Spieler würde die beiden Sätze im\nAllegro moltoabgejagt haben, wobei jegliche Empfindung,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1267, "texte": "aber auch jegliche allenfalls nur versuchte Nuance in den\nbrillanten Passagen zu Boden geworfen werden musste.\nWenn Herr Treiber zur Künstlerschaft (im besten Sinne\ndes Wortes) gelangen will, so möge er sich bei Zeiten des\nverwünschten Notenwustes entledigen und öfters Einkehr\nbei sich selber halten, um daselbst der Wirkung des To-\nnes zu lauschen, von dessen Psyche er noch keine Idee hat.\nFerner ist ihm zu rathen, irgend ein Buch zur Hand zu\nnehmen (etwa die Allgemeine Musiklehre von A. B. Marx),\nin dem das so wichtige Capitel über Accent abgehandelt\nist, denn sein Vortrag beweis't, dass er noch nichts davon\ngehört hat. Es verdient nur noch bemerkt zu werden,\ndass dieser Pianist dem Museums-Vorstande durch Herrn\nA. Dreyschock empfohlen worden, wie noch, dass seine\nProduction mit Ausnahme der Zugabe von einigen Salon-\nslücken sich eines ausgezeichneten Beifalls bis zum Hervor-\nruf zu erfreuen gehabt. Wiederum eine überraschende\nManifestation der „kaleidoskopartigen Masse, die jeden\nAugenblick eine andere Gestalt annimmt, für Alles in Ent-\nzücken geräth, was sinnlich packt, und für das Höchste\nund Grösste oft ganz theilnahmlos bleibt\". —So beantwor-\ntete die Deutsche Musik-Zeitung neulich in Nr. 49 die\nselbstgestellte Frage: Was ist das „Publicum\"?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-01-05-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-01-05_01#c004", "volume": "bmtnabi_1861-01-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "7", "page_fin": "7", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.2.4", "titre_corps": "Aus Aachen.", "titre_sommaire": "Aus Aachen.", "signature_source": "N", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.7", "debut_caractere": 1269, "fin_caractere_exclue": 4951, "texte": "Aus Aachen.\nN.\nDie letzten Wochen des vergangenen Jahres sind von\nden musicalischen Kreisen unserer Stadt vorzugsweise zur\nFeier des Andenkens an Beethoven und Carl Maria von\nWeber benutzt worden.\nIm vierten Abonnements-Concerte feierte man durch\nseine eigenen Töne den zum neunzigsten Male wiederkeh-\nrenden Geburtstag Beethoven's. Das Concert war eines\nder schönsten, denen wir je beigewohnt, vorzugsweise ver-\nherrlicht durch einen der eingeweihtesten Adepten der\nclassischen Musik, den Concertmeister Laub aus Berlin,\nden vortrefflichen Dolmetscher des Beethoven'schen Ge-\nnius, als welcher er sich von Neuem durch den Vortrag\ndes Violin-Concertes und der Romanze in bewährte.\nFerner war die Ausführung der Ouvertüre zu Egmont,\nder neunten Sinfonie und des Opferliedes Op. 121\nsehr gut, und eine junge Sängerin von Talent, Fräulein\nRothenberger aus Köln, ärntete warmen Beifall durch\nden Vortrag der beiden Lieder Klärchen's aus Egmont.\nAm 18. December feierte der Verein der Sera-\npionsbrüder, eine literarische und dramatische Gesell-\nschaft, den Geburtstag Weber's, des phantasiereichsten\nZauberers unter den deutschen Musikern. Unser beliebter\nDichter Inkermann-Sternaü sprach den von ihm ver-\nFassten Prolog, bei dessen Schlüsse die Büste Weber's be-\nkränzt wurde. Die Feier fand vor einem eingeladenen\nPublicum Statt (nicht gegen ein Eintrittsgeld von 20 Sil-\nbergroschen, wie ein entstellender Bericht in den „Kölni-\nschen Blättern\" fälschlich angibt); fünfhundert sechszig\nPersonen waren in dem neuen Saale von Bernaerts ver-\nsammelt, einem wahren Kunsltempel, den wir dem Ta-\nlente Ihres geschickten Architekten Feiten verdanken.\nUnsere L i ed ertafe 1 hatte ihn acht Tage vorher auf glän-\nzende Weise durch ein Concert eingeweiht, zu welchem\nausser den hiesigen Sängern und Musikern drei Berühmt-\nheiten beitrugen, Frau Szarvady-Clauss, Fräulein\nGenast und Herr Concertmeister St raus aus Frankfurt.\nEs war ein grossartiges Fest, wie es nur das glückliche\nOrganisations-Talent der hiesigen Liedertafel zu veranstal-\nten versteht. Ueber die Erfolge der beiden Damen brauche\nich Ihnen nichts zu sagen; ich füge nur hinzu, dass auch\nHerr Straus ganz ausserordentlichen Beifall erlangt hat,\nin den auch Capellmeister Hiller, der bei dem Feste zuge-\ngen war, einstimmte.\nDas Fest der Serapionsbrüder war eines der hei-\ntersten und gemüthlichsten, die wir erlebt haben; die Elite\nunserer Einwohnerschaft war da versammelt. Aufgeführt\nwurde Freudenthal's bekannte burleske Operette „Die\nBarden\", deren übrigens ganz unschuldiger Text noch an\nmehreren Stellen geändert worden war. Wahrlich, der\nComponist hat sich wohl nicht träumen lassen, dass seine\nScherze einst einer rheinischen Zeitung (Kölnische Blätter,\nNr. 221) die Veranlassung geben würden, den Bannfluch\ngegen die harmlosen Darsteller derselben, gegen eine ganze\nehrenwerthe Gesellschaft, ja, sogar speciel gegen zwei Leh-\nrer zu schleudern, welche sich der allgemeinsten Achtung\ndurch die würdige Führung ihres Amtes erfreuen.\nTant de fiel peut-il entrer\n(Racine.)\nZum Schlüsse erwähne ich noch einer Versammlung\ndes Instrumental-Vereins, in welcher wir eine noch\nungedruckte Ouvertüre: „Prometheus\", von Bargiel\nhörten, bei deren Composition der Autor es mehr auf Aus-\nserordentliches, als auf Angenehmes und Interessantes ab-\ngesehen zu haben scheint wie es uns wenigstens beim\neinmaligen Anhören vorkam —; ferner ein Trio von\nWüllner für Sopran, Tenor und Bass: „Die Flucht nach\nAegypten\", eine recht gesunde, melodische Composition,\ndie einen wohlthuenden Eindruck machte. Die Versamm-\nlung fand am ersten Weihnachtstage Statt—vielleicht auch\nin den Augen der ausschliesslichen Zionswächter eine Ent-\nweihung!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-01-05-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-01-05_01#c005", "volume": "bmtnabi_1861-01-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "8", "page_fin": "8", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3699, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\njflaißiz. Ich habe Ihnen von einem Concerte zu berichten, wel-\nches nicht nur wegen seiner gelungenen Durchführung, sondern\nauch des schönen Zweckes wegen für weitere Kreise zur Nachah-\nmung erwähnt zu werden verdient. Der Ertrag war nämlich den\nentlassenen schleswig-holsteinischen Beamten bestimmt. Es wurde\nam 17. December v. J. unter Leitung des Herrn Capellmeisters F.\nLux vom mainzer Männer-Gesangvereine veranstaltet. Das\nProgramm brachte Beethoven's Ouvertüre zu Egmont und Mendels-\nsohn's Ouvertüre zu Ruy-Blas. Von anderen Instrumentalwerken\nkamen zur Aufführung Mendelssohn's Clavier-Capriccio in 11-moll\ndurch Herrn C. Pallat aus Wiesbaden und eine neue effectvolle\nComposition des Herrn Lux: „Germania-Marsch\", für Orchester und\nChor. Der Schluss desselben leitet nämlich über zu dem Arndt-\nReichardt'schen Liede: „Was ist des Deutschen Vaterland?\" Von\nMännerchören ohne Begleitung wurden gesungen: „Haltet Wacht\"\nund „Das treue deutsche Herz\" von Zöllner und „Soldaten-Abschied\"\nvon Stern; dann ferner mit Blasinstrumenten-Begleitung die Hymne\ndes Herzogs von Coburg und das deutsche Lied von P* Fr. Schneider.\nAm 23. December v. J. sollte in Darmstadt die schon im vo-\nrigen Jahre zur Aufführung gelangte Oper des Herzogs von Coburg,\n„Santa wieder gegeben werden. Da jedoch etwa 200 Offen-\nbacher sich durch den Telegraphen für diese Oper Plätze reserviren\nliessen, so wurde plötzlich die Aufführung zurückbestellt, weil man\nvon den wegen Betheiligung am National-Verein verfolgten 200\nOffenbachern Demonstrationen befürchtete.\n(Mainzer Zeitung v. 25. Dec)\nDie Nr 51 der Neuen Wiener Musik-Zeitung enthält folgende\nAnzeige: „Der Unterzeichnete bringt hiermit zur Kenntniss der ge-\nehrten Abonnenten dieser Neuen Wiener Musik-Zeitung, dass die-\nselbe mit dem Schlüsse des Jahres 1860 zu erscheinen aufhören\nwird. Als er dieses Blatt im Jahre 1852 ins Leben rief, war die\nHauptstadt des grossen österreichischen Kaiserreiches, die einstige\nHeimat Haydn's, Mozart's und Beethoven's, welche stets\nals tonangebend in Sachen des musicalischen Geschmacks und Ur-\ntheils galt, ohne Musik-Zeitung. Der Unterzeichnete liess sich durch\nden naheliegenden Gedanken, dass unter den damaligen Verhältnis-\nsen, wo in Folge der schweren politischen Ereignisse noch der Sinn\nfür Kunst und Wissenschaft ganz daniederlag, das Hervorrufen eines\nFach Organs ohne ökonomische Opfer nicht möglich sei, keineswegs\nabschrecken, diese Neue Wiener Musik-Zeitung zu gründen, indem\ner es als ein Verdienst ansah, die Interessen der edeln Kunst, die\neinen so grossen Einfluss auf die menschlichen Zustände übt, in\neinem eigenen, denselben gewidmeten Organe zu vertreten. Die Theil-\nnahme, die seinem Unternehmen von vielen Seiten, namentlich des\nAuslandes, entgegenkam, lohnte seine Bemühungen, und, während\nder Fortführung des Blattes durch volle neun Jahre und Opfer,\nseine Abonnenten, denen er hiefür den herzlichsten Dank sagt, sind\nihm auch dann treu geblieben, als in den letzteren Jahren mehrere\nMusik-Zeitungen nach einander auftauchten. Da nun aber durch\ndiese Blätter die musicalischen Interessen in jeder Richtung auf das\nmannigfaltigste und reichlichste vertreten sind, so kann der Unter-\nzeichnete, dessen umfassendes Verlags- und Musicalien-Leih-Geschäft\nseine volle Zeit und Kraft in Anspruch nimmt, keinen Beruf mehr\nfühlen, jenes Unternehmen auf Kosten seiner geschäftlichen Interes-\nsen mit ökonomischen Opfern weiter fortzuführen, und er tritt da-\nher mit dem einzigen Wunsche von demselben zurück, dass sein\nBestreben, den Sinn für echte Musik zu fördern, nicht ganz erfolg-\nlos geblieben sei. F. Glöggl, Redacteur und Herausgeber der\nNeuen Wiener Musik-Zeitung.*"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.1", "texte": "Inhalt.\ns ... „Zukunftsmusik.\" Yirtuosen-Productionen in den frankfurter Museums-Concerten. I. Aus Aachen (Musik-Auf-\nführungen). Von N. Tages- und Unte r h a 1 tun gsbl a 11 (Mainz, Concert Darmstadt Wien, Erklärung des Herrn F, Glöggl\nRedacteur und Herausgeber der Neuen Wiener Musik-Zeitung). '\n\n„Zukunftsmusik.“\nUnter diesem Titel hat Richard Wagner einer»\n„Brief an einen französischen Freund als Vor-\nwort zu einer Prosa-Uebersetzung seiner Opern-\ndichtungen\" drucken lassen (Leipzig, Verlag von J. J.\nWeber. 1861. 53 S. Gr. 8.).\nDer Brief ist eine Oratio pro Wagner's Haupt-\nzweck, durch eine kurze Zusammenstellung seiner Ansich-\nten über Oper und Drama aus seinen Schriften den Fran-\nzosen eine Vorstellung von dem „System\" zu geben, aus\nwelchem seine poetisch-musicalischen Kunstwerke hervor-\ngegangen, dürfte durch die Veröffentlichung erreicht wer-\nden, in so weit die Denkweise der gebildeten Franzosen,\ndie an Logik und scharfe Dialektik gewöhnt ist, überhaupt\ngeneigt und fähig sein mag, Wagner'sche Philosophie und\nW7agner'sche Darstellung zu verdauen. Wahrscheinlich\nwird der Inhalt des Briefes ihnen durch eine französische\nUebersetzung zugänglich gemacht werden und mag dann\nfür sie interessant genug sein.\nUns aber wird Niemand zumuthen, einen Auszug aus\ndem, was uns des Langen und Breiten bekannt ist, noch\neinmal wieder auszuziehen. Wir wollen zunächst nur Act\nvon dem Bekenntnisse nehmen, welches Wagner an die\nSpitze seines Schreibens stellt.\n„Es hätte mich\", sagt er, „unmöglich dünken müs-\nsen, abermals das Labyrinth theoretischer Speculation in\nrein abstracter Form durchwandern zu sollen; und an der\ngrossen Abneigung, die mich gegenwärtig selbst nur von\neiner Wiederdurchlesung meiner theoretischen Schriften\nabhält, darf ich erkennen, dass ich mich damals, als ich\njene Arbeiten verfasste, in einem durchaus abnormen Zu-\nstande befand, wie er sich in dem Leben eines Künstlers\nwohl einmal einstellen, nicht gut aber wiederholen kann.\nErlauben Sie mir zu allernächst, diesen Zustand in seinen\ncharakteristischen Hauptzügen Ihnen so zu bezeichnen, wie"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.2", "texte": "ich ihn gegenwärtig zu erkennen vermag. Wenn Sie mir\nhierzu einigen Raum gewähren, so darf ich hoffen, von\nder Schilderung einer subjectiven Stimmung ausgehend,\nIhnen den concreten Gehalt künstlerischer Theorieen dar-\nzulegen, welche in rein abstracter Form zu wiederholen\nmir jetzt eben unmöglich und dem Zwecke meiner Mitthei-\nlung nicht minder hinderlich sein würde.\"\nHiernach sollte man erwarten, die erfreulichsten Wir-\nkungen dieser Selbsterkenntniss im Verlaufe des Briefes\nwahrnehmen zu können. Allein dem ist nicht also. Aul\nSeite 29 sagt der Schreiber desselben: „An der eigenen\nErmüdung gewahre ich, dass ich ganz gegen Willen mich\nwieder demjenigen Zustande nähere, der mich gefangen\nhielt, als ich vor Jahren jene theoretischen Schriften aus-\narbeitete, und der mein Gehirn so fremdartig\nkrankhaft bedrückte, dass ich zuvor ihn als einen ab-\nnormen bezeichnete, in welchen zurückzufallen ich eine\nlebhafte Scheu trage.\"\nEin solches Geständniss fordert Beweise, und die wol-\nlen wir den Lesern nicht vorenthalten. Sie mögen daraus\nurtheilen, ob sich der Verfasser dem „krankhaften, abnor-\nmen Zustande\" wieder „genähert\" habe, oder ob der\nRückfall in denselben leider schon wieder so deutlich zu\nerkennen sei, dass die Abnormität unheilbar erscheint.\nNachdem er über die Entwicklung der Instrumental-\nMusik bis zur Sinfonie Beethoven's gesprochen, fährt er\nfort (S. 27):\n„So muss uns die Symphonie geradewegs als eine Of-\nfenbarung aus einer anderen Welt erscheinen; und in\nWahrheit deckt sie uns einen von dem gewöhnlichen logi-\nschen Zusammenhange durchaus verschiedenen Zusammen-\nhang der Phänomene der Welt auf, von welchem das eine\nzuvörderst unläugbar ist, nämlich, dass er mit der über-\nwältigendsten Ueberzeugurig sich uns aufdrängt und unser\nGefühl mit einer solchen Sicherheit bestimmt, dass die\nlogisirende Vernunft vollkommen dadurch verwirrt und\nentwaffnet wird.\n„Die metaphysische Nothwendigkeit der Auffindung\ndieses ganz neuen Sprachvermögens gerade in unseren\nZeiten scheint mir in der immer conventionelleren Ausbil-\ndung der modernen Wortsprachen zu liegen. Betrachten\nwir die Geschichte der Entwicklung dieser Sprachen näher,\nso treffen wir noch heute in den so genannten Wortwur-\nzeln auf einen Ursprung, der uns deutlich zeigt, wie im\nersten Anfange die Bildung des Begriffs von einem Gegen-\nstande fast ganz mit dem subjectiven Gefühl davon zusam-\nmenfiel, und die Annahme, dass die erste Sprache der\nMenschen eine grosse Aehnlichkeit mit dem Gesänge ge-\nhabt haben muss, dürfte vielleicht nicht lächerlich erschei-\nnen. Von einer jedenfalls ganz sinnlich subjectiv gefühlten\nBedeutung der Worte aus entwickelte sich die menschliche\nSprache in einem immer abstracteren Sinne in der Weise,\ndass endlich eine nur noch conventionelle Bedeutung der\n! Worte ührig blieb, welche dem Gefühle allen Antheil an\n! dem Verständnisse derselben entzog, wie auch ihre Fü-\ngung und Construction gänzlich nur noch von zu erler-\nnenden Regeln abhängig gemacht wurde. In notwendi-\nger Uebereinstimmung mit der sittlichen Entwicklung der\nMenschen bildete sich in Sitte und Sprache gleichmässig\ndie Convention aus, deren Gesetze nicht mehr dem natür-\nlichen Gefühle verständlich waren, sondern durch einzig\nder Reflexion begreifliche Maximen der Erziehung aufer-\nlegt wurden. Seitdem nun die modernen europäischen\nSprachen, noch dazu in verschiedene Stämme getheilt, mit\nimmer ersichtlicherer Tendenz ihrer rein conventioneilen\nAusbildung folgten, entwickelte sich andererseits die Mu-\nsik zu einem bisher der Welt unbekannten Vermögen des\nAusdrucks. Es ist, als ob das durch die Compression Sei-\ntens der Conventionellen Civilisation gesteigerte rein mensch-\nliche Gefühl sich einen Ausweg zur Geltendmachung sei-\nner ihm eigentümlichen Sprachgesetze gesucht hätte,\ndurch welche es, frei vom Zwange der logischen Denk-\ngesetze, sich selbst verständlich sich ausdrücken könnte.\nDie ganz ungemeine Popularität der Musik in unserer Zeit,\ndie stets wachsende und bis in alle Schichten der Gesell-\nschaft sich ausbreitende Theilnahme an den Produclionen\nder tiefsinnigsten Musik-Genres, der immer gesteigerte\nEifer, die musicalische Ausbildung zu einem wesentlichen\nTheile der Frziehung zu bestimmen, dies alles, wie es klar\nersichtlich und unläugbar ist, bezeugt zugleich die Rich-\ntigkeit der Annahme, dass mit der modernen Entwicklung\nder Musik einem tiefinnerlichen Bedürfnisse der Mensch-\nheit entsprochen worden ist, und die Musik, so unverständ-\nlich ihre Sprache nach den Gesetzen der Logik ist, eine\nüberzeugendere Nöthigung zu ihrem Verständ-\nnisse in sich schliessen muss, als eben jene Ge-\nsetze sie enthalten. (!)\n„Gegenüber dieser unabweislichen Erkenntniss dürften\nder Poesie fortan nur noch zwei Entwicklungswege offen\nstehen. Entweder gänzliches Uebertreten in das\nFeld der Abstraction, reine Combination von\nBegriffen und Darstellung der Welt durch Er-\nklärung der logischen Gesetze des Denkens. Und\ndies leistet sie als Philosophie. Oder innige Ver-\nschmelzung mit der Musik, und zwar mit derje-\nnigen M usik, deren unendliches Vermögen uns\ndurch die Symphonie Beethoven's erschlossen\nworden ist. (!!)\n„Den Weg hierzu wird die Poesie leicht finden und\nihr letztes Aufgehen in die Musik als ihr eigenes, innigstes"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.3", "texte": "Verlangen erkennen, sobald sie an der Musik selbst ein\nBedürfnissinne wird, welches wiederum nur die Dicht-\nkunst stillen kann. Um dieses Bedürfniss zu erklären, be-\nstätigen wir zunächst die unvertilgbare Eigentümlichkeit\ndes menschlichen Wahrnehmungs-Processes, welche ihn\nzum Auffinden der Gesetze der Causalität drängte, und\nvermöge welcher vor jeder eindrucksvollen Erscheinung\ner sich unwillkürlich fragt: Warum? Auch die Anhörung\neines symphonischen Tonstückes bringt diese Frage nicht\ngänzlich zum Schweigen; da es ihr vielmehr nicht zu ant-\nworten vermag, bringt sie in das causale Vorstellungs-Ver-\nmögen des Zuhörers eine Verwirrung, die ihn nicht nur\nzu beunruhigen im Stande ist, sondern auch der Grund\neines gänzlich falschen Urtheils wird. Diese störende und\ndoch so unerlässliche Frage in einem Sinne zu beantwor-\nten, dass sie von vorn herein durch Beschwichtigung ge-\nwisser Maassen eludirt wird, kann nur das Werk des\nDichters sein. Nur aber demjenigen Dichter kann\ndies gelingen, welcher die Tendenz der Musik\nund ihres unerschöpflichen Ausdrucks-Vermö-\ngens vollkommen inne hat und sein Gedicht da-\nher so entwirft, dass es in die feinsten Fasern\ndes musicalischen Gewebes eindringen und der\nausgesprochene Begriff gänzlich in das Gefühl sich auflö-\nsen kann. Ersichtlich kann daher keine Dichtungsform\nhierzu tauglich sein als diejenige, in welcher der Dichter\nnicht mehr beschreibt, sondern seinen Gegenstand zur\nwirklichen, sinnfällig überzeugenden Darstellung bringt;\nund dies ist nur das Drama.\"\nDie zweite „ersichtliche\" Folgerung: „und der noch\nallein mögliche Dichter ist Richard Wagner\" —wird dem\nlogischen Schluss-Vermögen des Lesers überlassen! Doch\nauch das nicht ganz; denn S. 30 lesen wir:\n„Aus diesem qualvollen Zustande trieb es mich, zur\nnormalen Ausübung meiner künstlerischen Fähigkeiten zu-\nrückzukehren. Ich entwarf und führte einen dramatischen\nPlan von so bedeutender Dimension aus, dass ich, nur den\nAnforderungen meines Gegenstandes folgend, mit diesem\nWerke absichtlich mich von aller Möglichkeit entfernte,\nes unserem Opern-Repertoire, wie es ist, einzuverleiben.\nNur unter den aussergewöhnlichsten Umständen sollte die-\nses eine ganze ausgeführte Tetralogie umfassende musica-\nlische Drama zu einer öffentlichen Aufführung gebracht\nwerden können. Diese mir vorgestellte ideale Möglichkeit,\nbei der ich mich gänzlich von der modernen Oper entfernt\nhielt, schmeichelte meiner Phantasie und hob meine Gei-\nstesstimmung zu der Höhe, dass ich, alle theoretischen\nGrillen verjagend, durch von nun an ununterbrochene\nkünstlerische Production mich, wie zu meiner Genesung\nnach schweren Leiden, wieder in mein eigentümliches\nNaturell versenken konnte. Das Werk, von dem ich Ihnen\nspreche und welches ich seither grösstenteils bereits auch\ndurch musicalische Composition ausgeführt habe, heisst:\n„ „Der Ring des Nibelungen.\"\" Wenn Sie der gegenwär-\ntige Versuch, andere meiner Operndichtungen in prosai-\nscher Uebersetzung Ihnen vorzulegen, nicht verstimmt,\ndürften Sie mich vielleicht bereit finden, auch mit jenem\nDramen-Cyklus ein Gleiches vornehmen zu lassen.\"\nAus dem Verlauf des Briefes sehen wir, was aus dem\nTitel nicht deutlich erhellt, dass Wagner mit diesem Briefe\nzugleich dem „französischen Freunde\" -eine Prosa-Ueber-\nsetzung seiner Dichtungen („Der fliegende Holländer\",\n„Tannhäuser\", „Lohengrin\", „Tristan und Isolde\") vor-\ngelegt hat; von wem sie verfasst sei, sagt er nicht. Die\nUebersetzung Behufs der Aufführung des „Tannhäuser\"\nist in Versen, von Edm. Roche und Rieh. Lindau, wie wir\nin Nr. 53 v. J. nach pariser Blättern mitgetheilt haben.\nDen Erfolg seiner Opern in Deutschland, „auf welchen\ner nicht im Mindesten gerechnet hatte\" (!! S. 31), über-\nschätzt er, zumal in Bezug auf Lohengrin, der bekanntlich\nkeineswegs so gezogen hat, wie Tannhäuser.\nBisher hat Wagner, so viel wir uns erinnern, stets\nzugegeben, dass er im „Tannhäuser\" der alten Oper noch\nConcessionen gemacht u. s. w., dass aber der „Lohengrin\"\nals ein musicalisches Drama zu betrachten sei, das seinen\nGrundsätzen über das „Drama der Zukunft\" entspreche.\nAus dem jetzigen Briefe erfahren wir aber auf einmal, dass\ndie drei ersten Opern nur „den Gang der Entwicklung\nseiner künstlerischen Productivität bis zu dem Punkte\nnachweisen, wo ersieh veranlasst sah, sich theoretisch\nRechenschaft über sein Verfahren zu geben.\" (S.\n34.) Hört! hört!—Der Schlüssel zu diesem Widerspruche\nmit den früheren Aeusserungen des Verfassers liegt darin,\ndass es ihm bei der Ausarbeitung des Briefes für die Fran-\nzosen vorzüglich darum zu thun war, als ein musicali-\nsches Genie zu erscheinen, als ein Tonsetzer, der, wie\nalle grossen Meister, vom inneren Drange zur Composition\ngetrieben, gleichsam unbevvusst geschaffen habe und erst\nnachher zu bewusster Reflexion gekommen sei. Zwar\ngibt er zu, dass sein „Widerwille\" vor der gewöhnlichen\nOper (Mozart, Spontini, Weber, Marschner, Meyerbeer\nu. s. w. einbegriffen) schon früh immer stärker angewach-\nsen sei, weil dieses „Kunstgenre mit dem von ihm ge-\nmeinten Ideale die abschreckende Aehnlichkeit des\nAffen mit dem Menschen habe\" (S. 13); aber er sagt\nausdrücklich in der oben abgedruckten Stelle (S. 30 3l),\ndass er aus dem abnormen Zustande zur „normalen Aus-\nübung seiner künstlerischen Fähigkeiten zurückgekehrt\nsei\" und „sich durch künstlerische Production wieder in\nsein eigentümliches Naturel versenkt habe.\"\n\nH"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.4", "texte": "„Meine Theorie\" —heisst es ferner S. 35— „ist fast nichts\nAnderes als ein abstracter Abdruck des in mir sich bil-\ndenden künstlerisch-productiven Processes. Mein eigent-\nlichstes System (also Unterschied zwischen System, eigent-\nlichem und eigentlichstem System!), wenn Sie es so nennen\nwollen, findet daher in den ersten drei Dichtungen nur\nerst eine sehr bedingte Anwendung.\"\nWelches Opus ist denn nun aber das eigentlichste,\nnach dem neuen Kunst-Canon geschaffene Muster- und\nMeisterstück? Wir lassen Wagner selbst antworten:\n„Anders verhält es sich jedoch mit dem letzten der\nGedichte, welches ich Ihnen vorlege, „Tristan und Isolde\".\nDieses entwarf ich und führte es aus, nachdem ich bereits\nden grössten Theil der Nibelungenstücke vollständig in Mu-\nsik gesetzt hatte. Die äusserliche Veranlassung zu dieser\nUnterbrechung in jener grossen Arbeit war der Wunsch,\nein leichter und eher aufführbares Werk zu liefern, ein\nWunsch, zu dem mich einerseits das Bedürfniss, endlich\nwieder etwas von mir auch hören zu können, trieb, so wie\nandererseits die zuvor Ihnen bezeichneten ermuthigenderi\nund versöhnenden Erfahrungen von den Aufführungen mei-\nner älteren Werke in Deutschland mir diesen Wunsch\njetzt wiederum als erreichbar darstellten. An dieses Werk\nnun erlaube ich die strengsten, aus meinen theore-\ntischen Behauptungen fliessenden Anforderungen\nzu stellen, nicht weil ich es nach meinem System ge-\nformt hätte, denn alle Theorie war vollständig von mir\nvergessen, sondern weil ich hier endlich mit der vollsten\nFreiheit und mit der gänzlichsten Rücksichtslosigkeit gegen\njedes theoretische Bedenken in einer Weise mich bewegte,\ndass ich während der Ausführung selbst inne ward, wie\nich mein System weit überflügelte.\"\nWer diese Darstellung eines künstlerischen Schö-\npfungs-Processes versteht, dem wünschen wir Glück. Wir\nhaben danach im „Tristan\" ein Gedicht, das „strengst\nnach dem System\" zu messen und zu würdigen ist, das\naber „nicht nach dem System\" gemacht ist, sondern bei\ndem „die Theorie ganz vergessen\" und „das System über-\nflügelt\" worden ist! 0 Lessing und Winckelmann, wie weit\nseid ihr noch zurück gewesen! 0 Schiller und Göthe, wie\nhabt ihr euch in eurem Briefwechsel compromittirt mit\neuren ewigen theoretischen Bedenken! Ihr hattet alle noch\nkeine Vorstellung von einem Artiste convaincu; euch ward\nnoch nicht „das grösste Wohlgefühl, die vollkommenste\nUnbedenklichkeit des Künstlers beim Produciren\" zu\nTh eil, wie es R. Wagner „bei der Ausführung seines Tri-\nstan empfand\" (S. 35) nicht seine „Selbstständigkeit\nund Sicherheit\". Habt ihr je jene schöpferische Gottähn-\nlichkeit empfunden, wie R. Wagner, der von sich selbst\nsagt: „Mit voller Zuversicht versenkte ich mich bei dem\nTristan nur noch in die Tiefen der inneren Seelenvorgänge\nund gestaltete zaglos {sie) aus diesem intimsten\nCentrum der Welt ihre äussere Form.— Leben\nund Tod, die ganze Bedeutung und Existenz der äusseren\nWelt, hängt hier allein von der inneren Seelenbewegung\nab. Die ganze ergreifende (?) Handlung kommt nur da-\ndurch zum Vorschein, weil die innerste Seele sie\nfordert, und sie tritt so an das Licht, wie sie von innen\naus vorgebildet ist.\" (S. 39.)\nWir glauben nicht, dass es jemals bei einem schaffen-\nden Künstler irgend einer Art eine so fanatische Selbst-\nverblendung gegeben habe! Die Handlung in Wagner's\nTristan, die von der innersten Seele gefordert, von innen\naus vorgebildet sein soll —worauf beruht sie denn? Auf\netwas durch und durch Aeusserlichem, auf dem Ge-\nnüsse eines Liebestrankes, eines Zaubermittels, das die\nhandelnden Personen zu willenlosen Geschöpfen macht!\nTristan und Isolde müssen so fühlen, wie sie es zeigen,\neine Arznei ist das Motiv ihrer Handlung, nichts Mensch-\nlich-Seelisches; daher sind sie für uns nicht Menschen,\nsondern Marionetten. Wer das Gedicht nicht kennt, den\nverweisen wir auf Nr. 24 des vorigen Jahrgangs (1859)\ndieses Blattes. Zum Ueberfluss setzen wir noch die Wir-\nkung des Trankes, wie Beide auf der Scene sie nach\nWagner's Vorschrift ausdrücken sollen, hieher:\n„(Beide, von Schauer erfasst, blicken sich mit höch-\nster Aufregung, doch mit starrer Haltung, unverwandt in\ndie Augen, in deren Ausdruck der Todestrotz bald der\nLiebesgluth weicht.— Zittern ergreift sie. Sie fassen sich\nkrampfhaft an das Herz und führen die Hand wieder\nan die Stirn. Dann suchen sie sich wieder mit dem Blicke,\nsenken ihn verwirrt und heften ihn von Neuem mit stei-\ngender Sehnsucht auf einander.) Isolde (mit bebender\nStimme): Tristan! Tristan (überströmend): Isolde!\nSie (an seine Brust sinkend): Treuloser Holder!—Er (mit\nGluth sie umfassend): Seligste (?) Frau! (Sie verbleiben in\nstummer Umarmung.)\"\nSpectatimi admissi risum teneatis, amicii Wenn\nBeide die vorgeschriebenen Bewegungen recht\nausführen, so wird diese „äussere Form\" sich sicherlich\nals „aus dem intimsten Centrum der WTelt gestaltet\" of-\nfenbaren.\nNur Eines ist wahr in Wagner's Selbstkritik seines\nTristan das Bekenntniss der „gänzlichen Rücksichtslosig-\nkeit gegen jedes theoretische Bedenken\"; denn nicht bloss\ndie Aesthetik, sondern die Elementar-Grammatik, die Wort-\nbildungs-Lehre, die Poetik, die Logik—kurz, alles Theore-\ntische, was man bis jetzt zur Vollendung der Form und\ndes Verständnisses eines sprachlichen Kunstwerkes für"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.5", "texte": "nothwendig gehalten hat, ist auf die schlotterigste Weise\nim Tristan vernachlässigt.\n(Schluss folgt.)\n\nVirtuosen-Productionen in den frankfurter\nMuseums-Concerten.\nI.\nWie in den beiden letzten Jahren, so wird es wieder\nim Laufe dieses Winter-Cyklus gehalten, dass zu jedem\nConcerte ein bereits bewährter oder gut empfohlener Vir-\ntuose zur Production eingeladen wird. Es ward uns somit\ndas Vergnügen, in den bis Ende December Statt gehab-\nten vier Concerten eben so viele Instrumental-Productionen\nzu hören, und zwar abwechselnd einen Pianisten und einen\nViolinisten. Bei dem beschränkten Repertoire an grossen\nOrchesterwerken (vornehmlich in der Sinfonie), das seit\nlange fast in bedauerlicher Starrheit festgehalten wird,\nferner bei dem nicht minder unerfreulichen Umstände,\ndass den Anforderungen genügende Gesang-Productionen,\nselbst bei nicht in Erwägung kommendem Honorar-Punkte,\nsehr schwer aufzufinden sind, wirkt oben genannte Für-\nsorge des Vorstandes als ein alle Theile befriedigendes\nÄuskunftsmittel, sollte die Leistung auch keine ganz ge-\nlungene gewesen sein, da eine sogar nur mittelmässige auf\neinem Instrumente stets weniger verletzt, als eine gesungene\nvon gleicher Qualität. Auf die Wahl der vorzutragenden\nCompositionen wird Seitens des Vorstandes auch bereits\nmehr Einfluss geübt, als früher geschehen, und sollte, was\ndie so genannten Zugaben betrifft, eine noch zweck- und\nortsgemässere Sichtung wahrgenommen werden, weil die\nrichtige Erkenntniss hierin den meisten Virtuosen abgeht.\nEs sei gestattet, zunächst über die Productionen der Pia-\nnisten, dann über die der Violinisten zu sprechen.\nIm ersten Concerte am 9. November hörten wir Mo-\nzart's Clavier-Concert in C-mott, vorgetragen von Herrn\nEduard Franck, Musik-Director in Bern. Bei jedes-\nmaligem Anhören eines dieser bezaubernd schönen Ton-\ngebilde entsteht immer von Neuem der Wunsch, zu wis-\nsen, wie das Spiel Mozart's wohl beschaffen gewesen sein\nmag, wenn er der schwachen Ton-Qualität der damaligen\nFortepiano's von nur fünf Octaven eine so kräftige Instru-\nmentirung gegenüberstellte, gewiss mit voller Zuversicht,\ndass das Haupt-Instrument als Sieger aus dein Kampfe\nmit dem Orchester hervorgehen und auch der Bau des\nGanzen den sinfonischen Charakter zur Geltung bringen\nwerde. Selbst bei dem Umstände, dass allezeit nur ein\nschwach besetztes Orchester zur Begleitung zugelassen\nworden, nämlich 4, höchstens 6 Violinen, 1 Viola, 1 Vio-\nloncell nebst 1 Contrabass (welche Beschränkung sich im\nalten Wien in gewöhnlich benutzten Concertsälen bei allen\nSolo-Productionen fortan erhalten hat), selbst bei diesem\nUmstände wird es uns durch die Tonfülle unserer Instru-\nmente Verwöhnten schwer, zu glauben, dass es in der\nMöglichkeit gewesen, das Pianoforte Mozart's mit seinem\nOrchester zur sinfonischen Einhelligkeit zu bringen. Mo-\nzart's Lob der J. A. Stein'schen Instrumente ist bekannt.\nEs dürfte keine gewagte Vermuthung sein, dass er viel-\nleicht bei diesem oder jenem seiner Concerte die mit Aus-\nlösung, Fänger und Belederung verbesserte Mecha-\nnik Stein's benutzt habe. Kennt man jedoch diese im Gan-\nzen schwach gebauten Tonwerkzeuge, wovon im ersten und\nzweiten Jahrzehend in Wien und in anderen österreichi-\nschen Städten noch viele Exemplare, wenn auch in bereits\nabgenutztem Zustande, anzutreffen waren, so drängt sich\nZweifel an Zweifel, ob wohl mit diesen Erstlingen der\nClavier-Fabrication, selbst bei Mozart's kräftiger Behand-\nlung und, wie bekannt, scharfer Betonung, ein mit den\nBegriffen der späteren Epoche nur einiger Maassen über-\neinstimmendes sinfonisches Verhältniss erzielt werden\nkonnte, oder mag das Pianoforte aus dem Chor des Gan-\nzen nicht vielmehr wie eine unreife Kinderstimme erklun-\ngen sein*).\nIndess, welche Fragepunkte oder Zweifel nach dieser\noder jener Seite hin sich auch aufdrängen mögen, gewiss\nist, dass der grosse Zauberer auf der Tastatur bei jedes-\nmaligem Vortrage seine Zuhörer wahrhaft in Entzücken\nversetzte, worüber der Verfasser die Aussagen von noch\nvielen jener Glücklichen selbst gehört hat. Welchen Um-\nschwung aber auch die musicalischen Dinge in diesem Be-\nreiche seit Mozart bis auf unsere Tage erfahren, so ist es\ndoch nicht minder gewiss, dass bei aller Verwöhnung Mo-\nzart's Concerte heute noch die grösste Wirkung auf ein\nsinniges Publicum zu machen geeignet sind, unter der Vor-\naussetzung jedoch, dass dem Vortragenden die Kunst des\nColorirens in angemessenem Grade zu eigen, derselbe folg-\nlich nicht in der Manier des bloss glatten Abspielens\nder Noten befangen sei. Es muss daher den Urtheilen jener\nmit Entschiedenheit entgegen getreten werden, die da be-\nhaupten, diese Concerte seien für öffentliche Productionen\nnicht mehr zeitgemäss, es sei nichts mehr damit zu ma-\nchen, und dergleichen mehr das alles auf Grund einer\nmisslungenen Ausführung der Hauptstimme. Erfreuten\nsich jene Urtheilenden eines guten Gedächtnisses, so wür-\n\n*) Wenn in O. Jahn's „Mozart\", IV. 477, zu lesen, dass wäh-\nrend Mozart's Anwesenheit in Potsdam ein Herr Sartori sich\nso eben den ersten Streicher'schen Flügel aus Wien habe kom-\nmen lassen, so dürfte dies wobl auf einer Namensverwechslung\nberuhen. Mozart kannte die Streicher'schen Flügel nicht, in-\ndem diese Fabrik erst 1792 gegründet worden."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.6", "texte": "den sie sich der grossen Wirkung erinnern, die Herr Ja-\nkob Rosenhain im November 1858 mit dem -\ncert im Museum hervorgebracht hat, worüber in den\nNummern 1 und 2 d. 81. des vorigen Jahrgangs ziemlich\nausführlich gesprochen worden. War das Ergebniss nun\nmit dem C-moll-Concerte ein anderes, so ist der Grund\nnicht im Werke selbst, sondern in dessen Vortrag zu finden.\nEine kurze Parallele, zwischen den genannten, auf\nziemlich gleicher Stufe der Durchbildung stehenden Künst-\nlern gezogen, mag das Gesagte näher bezeichnen. Herr\nRosenhain colorirt seinen Stoff in echt künstlerischer\nWeise; vermittels einer umfangreichen Scala vom feinsten\nbis zum stärksten der Accente versteht er jeglicher Can-\ntilene wie Passage den charakter-eigenthümlichen Ausdruck\nzu geben; als Componist weiss er, dass eine ausdrückliche,\nbis ins kleinste Detail gehende Beisetzung des Dynamischen\nweder in den Werken der Ton- noch der Dichtkunst ge-\ngeben werden kann noch darf, weil dies dem subjectiven\nGefühls-Ausdrucke des Vortragenden Zwang anlegen und\nihn zur Maschine machen würde. Herr Franck hingegen\nthut nicht mehr, als vorgeschrieben steht, spielt höchst\ncorrect und glatt ab, wobei sich aber ein Mangel an äus-\nserer Belebung des Stoffes fühlbar macht, der notwendi-\nger Weise Monotonie erzeugt und den Geist der Dichtung\nnicht zur Erscheinung kommen lässt. Vergleichsweise lässt\nsich von diesem Tonkünstler sagen, was von manchem\nausgezeichneten Meister der bildenden Kunst gesagt wird,\ndass er zwar ein correcter Zeichner sei, aber nicht zu ma-\nlen verstehe.\nGlücklicher hinsichtlich des erhaltenen Beifalls war\nHerr Franck mit dem Vortrage eines Präludiums und der\nnachfolgenden Fuge in A-mollvon Seb. Bach. Allein\ndürfte nicht im Allgemeinen die Frage aufzuwerfen sein:\nGehört wohl die Fuge in den Concertsaal? Wird der\nKünstler nicht gar zu leicht verleitet, einen so kunstreich\naufgeführten und schwer zu verfolgenden Bau wie jede\nBach'sche Fuge in einem modernen Allegro zu spielen, da-\nmit die sonst sicher eintretende Langeweile eines Publi-\ncums, das vom Wesen der Fuge keinen Begriff hat, ver-\nscheucht werde? Wir legen diese Fragepunkte auch dem\nachtungswerthen Musiker aus Bern vor, weil ein solches\nBeispiel dem in unserem wirren Zeitalter leider tief einge-\nrissenen Unfug, alle Musikgattungen wie Spielkarten unter\neinander zu mischen, Vorschub thun könnte.\nIn der dritten Versammlung am 7. December ward\nvon Herrn Wilhelm Treiber aus Graz Hummel's\nzu Gehör gebracht. Das ist einer jener\nProbiersteine, vermittels deren der Vortragende die ganze\nSumme seiner Errungenschaften nach innen und aussen\nzur Geltung bringen kann und soll; concret bezeichnet:\ntiefe Empfindung in der Cantilene, glänzende Bravour in\nder Passage und in dritter Reihe angemessene Bewegung\nnach der vom Componisten selber in seiner Ciavierschule\nSeite 429 ff. gegebenen Anweisung über Modificirung des\nZeitmaasses zwischen Cantilene und Passage, um diese\nHaupt-Bestandtheile nach Sitte und Brauch der classi-\nschen Periode—gehörig aus einander zu legen. Wer auf\nder Höhe dieser Anforderungen nicht steht, soll sich an\ndiesem durch würdevolle Eleganz und dennoch im ganzen\ngrossartigen Charakter wunderbar ausgezeichneten Ver-\nmächtnisse nicht versündigen. In Bezug auf Eleganz (nicht\nim Sinne unserer Salons), die im erforderlichen Maasse\nnur bei dem vollendeten Künstler angetroffen wird, wenn\ner ja noch nach dieser Seite hin geeigenschaftet ist, wüss-\nten wir in dem ziemlich reichhaltigen Fache der Clavier-\nConcerte keine schwierigere Aufgabe an den Vortrag, als\ndiese Hummel'sche Schöpfung. Die schönen Tage von\nAranjuez liegen leider bald an dreissig Jahre zurück, wo\ndieses Werk, nachdem Meister Hummel bei zunehmendem\nAlter den Anforderungen selber nicht mehr in vollem\nMaasse genügen konnte (was sich schon 1827 in Wien\nmerklich gezeigt hat), -in einigen jungen Talenten würdige\nRepräsentanten gefunden, die damit die lauschenden Con-\ncertsäle in hohe Begeisterung zu versetzen verstanden. Von\ndenen, die wir selbst gehört haben, ragten besonders her-\nvor Leopoldine Blahetka in Wien und der g.eniale\nWörlitzer in Berlin; in Beiden war Hummel's Beispiel\nam mächtigsten nachwirkend. Beide, vornehmlich die wie-\nner Künstlerin, haben sich in der grossen Kunstwelt rühm-\nlichst bekannt gemacht; Wörlitzer aber, aus Ludwig Ber-\nger's Schule hervorgegangen, hat zu grossem Nachtheile\nder Kunst schon im Jünglingsalter das Zeitliche gesegnet.\nWenden wir uns mit diesen Anmerkungen zur Lei-\nstung des noch jugendlichen Pianisten aus der Steyermark,\nso müssen wir rückhaltlos gestehen, dass ihm bis jetzt noch\nalle die tiefer liegenden Eigenschaften abgehen, um sich\ndiesem Hummel'schen Werke nähern zu dürfen. Er hat\ngezeigt, dass er C. Czerny's „Schule der Geläufigkeit\"\nnach Vorschrift fleissig durchgearbeitet, jedoch auf Kosten\ndessen, was man Empfindung nennt, wovon selbst die\nwunderschönen Gesangstellen im ersten Satze nichts in ihm\nzu wecken vermochten. Und wäre auch eine Fiber in sei-\nner Seele rege geworden, die Kundgebung hätte durch die\ngenommenen Tempi niedergeschlagen werden müssen. Der\nComponist überschreibt den ersten und dritten Satz mit\nAllegro moderato, es hätte aber genügt, Tempo giusto zu\nschreiben, wie die alten Meister häufig zu thun pflegten,\nund kein nur einiger Maassen musicalisch, nicht bloss me-\nchanisch, gebildeter Spieler würde die beiden Sätze im\nAllegro moltoabgejagt haben, wobei jegliche Empfindung,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.7", "texte": "aber auch jegliche allenfalls nur versuchte Nuance in den\nbrillanten Passagen zu Boden geworfen werden musste.\nWenn Herr Treiber zur Künstlerschaft (im besten Sinne\ndes Wortes) gelangen will, so möge er sich bei Zeiten des\nverwünschten Notenwustes entledigen und öfters Einkehr\nbei sich selber halten, um daselbst der Wirkung des To-\nnes zu lauschen, von dessen Psyche er noch keine Idee hat.\nFerner ist ihm zu rathen, irgend ein Buch zur Hand zu\nnehmen (etwa die Allgemeine Musiklehre von A. B. Marx),\nin dem das so wichtige Capitel über Accent abgehandelt\nist, denn sein Vortrag beweis't, dass er noch nichts davon\ngehört hat. Es verdient nur noch bemerkt zu werden,\ndass dieser Pianist dem Museums-Vorstande durch Herrn\nA. Dreyschock empfohlen worden, wie noch, dass seine\nProduction mit Ausnahme der Zugabe von einigen Salon-\nslücken sich eines ausgezeichneten Beifalls bis zum Hervor-\nruf zu erfreuen gehabt. Wiederum eine überraschende\nManifestation der „kaleidoskopartigen Masse, die jeden\nAugenblick eine andere Gestalt annimmt, für Alles in Ent-\nzücken geräth, was sinnlich packt, und für das Höchste\nund Grösste oft ganz theilnahmlos bleibt\". —So beantwor-\ntete die Deutsche Musik-Zeitung neulich in Nr. 49 die\nselbstgestellte Frage: Was ist das „Publicum\"?\n\nAus Aachen.\nN.\nDie letzten Wochen des vergangenen Jahres sind von\nden musicalischen Kreisen unserer Stadt vorzugsweise zur\nFeier des Andenkens an Beethoven und Carl Maria von\nWeber benutzt worden.\nIm vierten Abonnements-Concerte feierte man durch\nseine eigenen Töne den zum neunzigsten Male wiederkeh-\nrenden Geburtstag Beethoven's. Das Concert war eines\nder schönsten, denen wir je beigewohnt, vorzugsweise ver-\nherrlicht durch einen der eingeweihtesten Adepten der\nclassischen Musik, den Concertmeister Laub aus Berlin,\nden vortrefflichen Dolmetscher des Beethoven'schen Ge-\nnius, als welcher er sich von Neuem durch den Vortrag\ndes Violin-Concertes und der Romanze in bewährte.\nFerner war die Ausführung der Ouvertüre zu Egmont,\nder neunten Sinfonie und des Opferliedes Op. 121\nsehr gut, und eine junge Sängerin von Talent, Fräulein\nRothenberger aus Köln, ärntete warmen Beifall durch\nden Vortrag der beiden Lieder Klärchen's aus Egmont.\nAm 18. December feierte der Verein der Sera-\npionsbrüder, eine literarische und dramatische Gesell-\nschaft, den Geburtstag Weber's, des phantasiereichsten\nZauberers unter den deutschen Musikern. Unser beliebter\nDichter Inkermann-Sternaü sprach den von ihm ver-\nFassten Prolog, bei dessen Schlüsse die Büste Weber's be-\nkränzt wurde. Die Feier fand vor einem eingeladenen\nPublicum Statt (nicht gegen ein Eintrittsgeld von 20 Sil-\nbergroschen, wie ein entstellender Bericht in den „Kölni-\nschen Blättern\" fälschlich angibt); fünfhundert sechszig\nPersonen waren in dem neuen Saale von Bernaerts ver-\nsammelt, einem wahren Kunsltempel, den wir dem Ta-\nlente Ihres geschickten Architekten Feiten verdanken.\nUnsere L i ed ertafe 1 hatte ihn acht Tage vorher auf glän-\nzende Weise durch ein Concert eingeweiht, zu welchem\nausser den hiesigen Sängern und Musikern drei Berühmt-\nheiten beitrugen, Frau Szarvady-Clauss, Fräulein\nGenast und Herr Concertmeister St raus aus Frankfurt.\nEs war ein grossartiges Fest, wie es nur das glückliche\nOrganisations-Talent der hiesigen Liedertafel zu veranstal-\nten versteht. Ueber die Erfolge der beiden Damen brauche\nich Ihnen nichts zu sagen; ich füge nur hinzu, dass auch\nHerr Straus ganz ausserordentlichen Beifall erlangt hat,\nin den auch Capellmeister Hiller, der bei dem Feste zuge-\ngen war, einstimmte.\nDas Fest der Serapionsbrüder war eines der hei-\ntersten und gemüthlichsten, die wir erlebt haben; die Elite\nunserer Einwohnerschaft war da versammelt. Aufgeführt\nwurde Freudenthal's bekannte burleske Operette „Die\nBarden\", deren übrigens ganz unschuldiger Text noch an\nmehreren Stellen geändert worden war. Wahrlich, der\nComponist hat sich wohl nicht träumen lassen, dass seine\nScherze einst einer rheinischen Zeitung (Kölnische Blätter,\nNr. 221) die Veranlassung geben würden, den Bannfluch\ngegen die harmlosen Darsteller derselben, gegen eine ganze\nehrenwerthe Gesellschaft, ja, sogar speciel gegen zwei Leh-\nrer zu schleudern, welche sich der allgemeinsten Achtung\ndurch die würdige Führung ihres Amtes erfreuen.\nTant de fiel peut-il entrer\n(Racine.)\nZum Schlüsse erwähne ich noch einer Versammlung\ndes Instrumental-Vereins, in welcher wir eine noch\nungedruckte Ouvertüre: „Prometheus\", von Bargiel\nhörten, bei deren Composition der Autor es mehr auf Aus-\nserordentliches, als auf Angenehmes und Interessantes ab-\ngesehen zu haben scheint wie es uns wenigstens beim\neinmaligen Anhören vorkam —; ferner ein Trio von\nWüllner für Sopran, Tenor und Bass: „Die Flucht nach\nAegypten\", eine recht gesunde, melodische Composition,\ndie einen wohlthuenden Eindruck machte. Die Versamm-\nlung fand am ersten Weihnachtstage Statt—vielleicht auch\nin den Augen der ausschliesslichen Zionswächter eine Ent-\nweihung!"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610105-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\njflaißiz. Ich habe Ihnen von einem Concerte zu berichten, wel-\nches nicht nur wegen seiner gelungenen Durchführung, sondern\nauch des schönen Zweckes wegen für weitere Kreise zur Nachah-\nmung erwähnt zu werden verdient. Der Ertrag war nämlich den\nentlassenen schleswig-holsteinischen Beamten bestimmt. Es wurde\nam 17. December v. J. unter Leitung des Herrn Capellmeisters F.\nLux vom mainzer Männer-Gesangvereine veranstaltet. Das\nProgramm brachte Beethoven's Ouvertüre zu Egmont und Mendels-\nsohn's Ouvertüre zu Ruy-Blas. Von anderen Instrumentalwerken\nkamen zur Aufführung Mendelssohn's Clavier-Capriccio in 11-moll\ndurch Herrn C. Pallat aus Wiesbaden und eine neue effectvolle\nComposition des Herrn Lux: „Germania-Marsch\", für Orchester und\nChor. Der Schluss desselben leitet nämlich über zu dem Arndt-\nReichardt'schen Liede: „Was ist des Deutschen Vaterland?\" Von\nMännerchören ohne Begleitung wurden gesungen: „Haltet Wacht\"\nund „Das treue deutsche Herz\" von Zöllner und „Soldaten-Abschied\"\nvon Stern; dann ferner mit Blasinstrumenten-Begleitung die Hymne\ndes Herzogs von Coburg und das deutsche Lied von P* Fr. Schneider.\nAm 23. December v. J. sollte in Darmstadt die schon im vo-\nrigen Jahre zur Aufführung gelangte Oper des Herzogs von Coburg,\n„Santa wieder gegeben werden. Da jedoch etwa 200 Offen-\nbacher sich durch den Telegraphen für diese Oper Plätze reserviren\nliessen, so wurde plötzlich die Aufführung zurückbestellt, weil man\nvon den wegen Betheiligung am National-Verein verfolgten 200\nOffenbachern Demonstrationen befürchtete.\n(Mainzer Zeitung v. 25. Dec)\nDie Nr 51 der Neuen Wiener Musik-Zeitung enthält folgende\nAnzeige: „Der Unterzeichnete bringt hiermit zur Kenntniss der ge-\nehrten Abonnenten dieser Neuen Wiener Musik-Zeitung, dass die-\nselbe mit dem Schlüsse des Jahres 1860 zu erscheinen aufhören\nwird. Als er dieses Blatt im Jahre 1852 ins Leben rief, war die\nHauptstadt des grossen österreichischen Kaiserreiches, die einstige\nHeimat Haydn's, Mozart's und Beethoven's, welche stets\nals tonangebend in Sachen des musicalischen Geschmacks und Ur-\ntheils galt, ohne Musik-Zeitung. Der Unterzeichnete liess sich durch\nden naheliegenden Gedanken, dass unter den damaligen Verhältnis-\nsen, wo in Folge der schweren politischen Ereignisse noch der Sinn\nfür Kunst und Wissenschaft ganz daniederlag, das Hervorrufen eines\nFach Organs ohne ökonomische Opfer nicht möglich sei, keineswegs\nabschrecken, diese Neue Wiener Musik-Zeitung zu gründen, indem\ner es als ein Verdienst ansah, die Interessen der edeln Kunst, die\neinen so grossen Einfluss auf die menschlichen Zustände übt, in\neinem eigenen, denselben gewidmeten Organe zu vertreten. Die Theil-\nnahme, die seinem Unternehmen von vielen Seiten, namentlich des\nAuslandes, entgegenkam, lohnte seine Bemühungen, und, während\nder Fortführung des Blattes durch volle neun Jahre und Opfer,\nseine Abonnenten, denen er hiefür den herzlichsten Dank sagt, sind\nihm auch dann treu geblieben, als in den letzteren Jahren mehrere\nMusik-Zeitungen nach einander auftauchten. Da nun aber durch\ndiese Blätter die musicalischen Interessen in jeder Richtung auf das\nmannigfaltigste und reichlichste vertreten sind, so kann der Unter-\nzeichnete, dessen umfassendes Verlags- und Musicalien-Leih-Geschäft\nseine volle Zeit und Kraft in Anspruch nimmt, keinen Beruf mehr\nfühlen, jenes Unternehmen auf Kosten seiner geschäftlichen Interes-\nsen mit ökonomischen Opfern weiter fortzuführen, und er tritt da-\nher mit dem einzigen Wunsche von demselben zurück, dass sein\nBestreben, den Sinn für echte Musik zu fördern, nicht ganz erfolg-\nlos geblieben sei. F. Glöggl, Redacteur und Herausgeber der\nNeuen Wiener Musik-Zeitung.*"}]}