{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-01-12-01", "volume": "bmtnabi_1861-01-12_01", "ocr_sha256": "12940645f0dada70106ef1a8333278adf99d1193a84b9e6e9db7b00e603d9f46", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/01/12_01/bmtnabi_1861-01-12_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-01-12-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-01-12_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-01-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "9", "page_fin": "9", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 260, "texte": "Inhalt.\n„Zukunftsmusik/ (Schluss.) Virtuosen-Productionen in den frankfurter Museums-Concerten. 11. Von A. Schind-\nler. Die herabgesetzte Orcbesterstimmung. Aus Düsseldorf (Abonnements-Concerte). Tages- und Unterh altun «-s -\nblatt (Magdeburg, Notiz-Kalender)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-01-12-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-01-12_01#c002", "volume": "bmtnabi_1861-01-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "9", "page_fin": "12", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.2.2", "titre_corps": "„Zukunftsmusik.“", "titre_sommaire": "„Zukunftsmusik.“", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.1", "debut_caractere": 262, "fin_caractere_exclue": 3944, "texte": "„Zukunftsmusik.“\n(Schluss. S. Nr. 1.)\nEhe wir uns von der Selbstschau (wir wählen das be-\nscheidenste Wort) des Dichters R. Wagner zu der des\nMusikers wenden, wollen wir unseren Lesern noch den\nGrund nicht vorenthalten, den Wagner für seine Wahl\nder Stoffe aus dem Gebiete der Sage aufstellt.\nZunächst führt er dafür an, dass durch den Sagen-\nstoff dem Dichter und namentlich dem Musiker die Nöthi-\ngung genommen sei, das Historisch-Conventionelle auszu-\nführen. Dann fährt er fort:\n„Die Sage, in welche Zeit und welche Nation sie auch\nfällt, hat den Vorzug, von dieser Zeit und dieser Nation\nnur den rein menschlichen Inhalt aufzufassen und diesen\nInhalt in einer nur ihr eigenthümlichen, äusserst prägnan-\nten und desshalb schnell verständlichen Form zu geben.\n( Wenn man an die Sage vom heiligen Gral im Lohengrin\ndenkt, so wird man diesen Satz also umkehren müssen:\n„in einer äusserst verschwimmenden und desshalb\nunverständlichen Form\".] Eine Ballade, ein volkstüm-\nlicher Refrain genügt, augenblicklich uns diesen Charak-\nter mit grösster Eindringlichkeit bekannt zu machen. Diese\nsagenhafte Färbung, in welcher sich uns ein rein mensch-\nlicher Vorgang darstellt, hat namentlich auch den wirk-\nlichen Vorzug, die oben von mir dem Dichter zugewiesene\nAufgabe, der Frage nach dem Warum beschwichtigend\nvorzubeugen, ganz ungemein zu erleichtern. Wie durch\ndie charakteristische Scene, so durch den sagenhaften Ton\nwird der Geist sofort in denjenigen träumeri-\nschen Zustand versetzt, in welchem er bald bis zu\ndem völligen Hellsehen gelangen soll, wo er dann\neinen neuen Zusammenhang der Phänomene der\nWelt gewahrt, und zwar einen solchen, den er mit dem\nAuge des gewöhnlichen Wachens nicht gewahren konnte,\nwesshalb er da auch stets nach dem Warum frug, gleich-\nsam um seine Scheu vor dem Unbegreiflichen der Welt\nzu überwinden, der Welt, die ihm nun so klar und\nhell verständlich wird. Wie diesen hellsehend\nmachenden Zauber endlich die Musik vollständig\nausführen soll, begreifen Sie nun leicht.\" [??]\nWas werden sich die Franzosen wundern, sie, die\nbisher den „Zusammenhang der Phänomene der Welt\"\nnur durch wissenschaftliche Forschungen, logische und\nmathematische Folgerungen ergründen zu können mein-\nten, wenn sie von dem deutschen Musiker erfahren, dass\n„das Auge des gewöhnlichen Wachens\" die Welt nicht\nbegreifen konnte, welche „der hellsehend machende Zau-\nber\" der Sage, der aus „dem träumerischen Zustande des\nGeistes\" hervorgeht, ihnen „klar und verständlich\" macht!\nSprächen wir diesen unseren Ausruf als Resultat einer Le-\nsung gewisser Sätze in Wagner's Brief aus, ohne diese\nSätze selbst wiederzugeben, so würden wir jedenfalls der\nAnschuldigung des Auseinanderreissens der Gedanken, der\nböswilligen Entstellung, und was dergleichen mehr ist, an-\nheimfallen. Denn es würde unglaublich sein, dass ein ver-\nnünftiger Mensch bei „gewöhnlichem Wachen\" Dinge\nvorbringen könnte, für deren Bezeichnung der sprüchwört-\nliche „blaue Dunst\" noch ein sehr schmeichelhafter Aus-\ndruck ist. Wir waren also genöthigt, die ganze Stelle ohne\nAuslassung abdrucken zu lassen, wie geschehen, damit\nJeder sich selbst ein Urtheil bilde, oder richtiger sich von\nder „Entrücktheit\"*) des Schreibers überzeuge.\nDie Missgeburt einer solchen Theorie kann man als\nein „neues Phänomen\" nur dann begreifen, wenn man die\nspitzfindige Liebesfaselei, die widrige Spielerei mit Gefühls-\nwitz oder witziger Sentimentalität, das supra-naturalisti-\nsche Symbolisiren des „übersinnlichen sinnlichen\" Freiers\nTristan und seiner Geliebten in dem Drama dieses Namens\nals praktisch ausgeführt, als wirklich vorhanden kennt.\n\n*) Tristan und Isolde. Schluss: „Grosse Entrücktheit unter\nden Umstehenden.u"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5278, "texte": "Nachdem Wagner bis zu S. 40 seines Briefes von\nsich, dem Dichter, gesprochen, fügt er auf den übrigen\nzwölf Seiten, wie er sagt, als „Musiker\", eine „theore-\ntische Beweisführung\" für die Behauptung an, „dass bei\nseinem dichterischen Verfahren die Melodie und ihre\nForm einem Beichthum und einer Unerschöpflichkeit zu-\ngeführt werden, von denen man sich ohne dieses Ver-\nfahren gar keine Vorstellung machen konnte.\"\n(S. 40.)—Armer Mozart, Weber u. s. w.ü\nEr beginnt also auch als Musiker wieder mit jener\nBescheidenheit, die sich selbst als dasjenige Genie hinstellt,\nin dessen Leistungen sich die von nun an noch einzig mög-\nliche Musik, weil aus der einzig möglichen Poesie geflos-\nsen, gipfelt. Nach der versprochenen „theoretischen Be-\nweisführung\" suchen wir auf den letzten Briefseiten ver-\ngebens. Was soll denn auch die Theorie, angenommen,\ndass sie wirklich aufgestellt wäre, hierbei beweisen? Wenn\nder Marmorblock ganz vortrefflich zur Statue vorbereitet\nund „vorgebildet\" dasteht, ist dadurch theoretisch zu be-\nweisen, dass der Künstler daraus eine Venus oder einen\nApollo schaffen wird? Bei diesem Punkte angekommen,\nbei der musicalischen Form, die das Gedicht zum musica-\nlischen oder, nach Wagner's System gesprochen, zum ein-\nheitlich poetisch-musicalischen Kunstwerke macht, die das\nmelodische Gewand dem bis jetzt nur erst dichterisch ge-\nstalteten Bilde umwirft, hört die Theorie auf, und kein\nnoch so phantasiereiches oder „entrücktes\" Geschwätz\nkann an die Stelle der Melodie (der Musik) treten; hier\nwollen wir Töne hören, nicht Raisonnements und De-\nmonstrationen lesen.\nDoch siehe! Wagner kommt endlich selbst zu dieser\nErkenntniss und sagt (S. 48): „Ich bescheide mich, dem\nwilligen Leser nur die allgemeinsten Tendenzen (?) zu ge-\nben; denn in Wahrheit nahen wir uns selbst in dieser\nMittheilung schon dem Punkte, wo schliesslich nur das\nKunstwerk selbst noch vollen Aufschluss geben kann.\"\nDamit stimmen wir vollkommen überein. Wenn er\nnun aber fortfährt: „Sie kennen (vom „„Leser\"\" wendet\ner sich hier wieder an den „„Freund\"\") meine Partitur\ndes Tristan, und wenngleich es mir nicht einfällt, diese\nals Modell des Ideals betrachtet wissen zu wollen, so wer-\nden Sie mir doch zugestehen, dass vom Tannhäuser zum\nTristan ich einen weiteren Schritt gemacht habe, als ich\nihn von meinem ersten Standpunkte, dem der modernen\nOper aus, bis zum Tannhäuser zurückgelegt hatte\" so\nliegt darin allerdings eine Wahrheit; ob der „weitere\nSchritt\" aber ihn dem wirklichen Kunstwerke näher\ngebracht habe, das ist eine andere Frage, deren Beant-\nwortung nicht lange auf sich warten lassen wird.\nSo viel man aus dem ganzen zweiten Abschnitte des\nBriefes ersehen kann, will Wagner die Sinfonie, d. h. die\nBeethoven'sche, mit der scenisch ausgeführten dramati-\nschen Action so verbinden, „dass letztere die Bedeutung\nder Sinfonie ausdrückt.\" Beethoven's Verfahren habe näm-\nlich „als ganz neuen Erfolg die Ausdehnung der Melodie\ndurch reichste Entwicklung aller in ihr liegenden Motive\nzu einem grossen, andauernden Musikstücke, welches nichts\nAnderes als eine einzige, genau zusammenhangende Me-\nlodie war\", bewirkt. Darauf geht die Argumentation etwa\nfolgender Weise weiter:\n„Das gewonnene Verfahren auf dem Felde der In-\nstrumental-Musik ist von deutschen Meistern ziemlich an-\nnähernd auch auf die gemischte Choral- und Orchester-\nmusik angewandt worden [Sollen hier Bach und Händel\ngemeint sein, die von Beethoven gelernt haben?? oder hat\nsich Wagner herabgelassen, an Mendelssohn, Schumann,\nHiller zu denken?]—nie vollgültig bisher auf die Oper.\"\n„Beethoven hat in der grossen Messe Chor und Orche-\nster fast ganz wieder wie in der Sinfonie angewandt.\"\n„Das war ihm durch die Beschaffenheit der Textesworte\nmöglich. Sollte dasselbe Verfahren auf die Oper ange-\nwandt werden, so musste erst in der dramatischen Dich-\ntung selbst ein poetisches Gegenstück zur symphonischen\nForm erhalten werden, welches, indem es diese reiche\nForm vollkommen erfüllte, zugleich den innersten Gesetzen\nder dramatischen Form am besten entsprach.\" (S. 44.)\n„Dieses der melodischen Sinfonie-Form ganz entspre-\nchende Gedicht\" wer hat es geschaffen? Wagner\nnennt ihn nicht, er schildert ihn uns nur, und das wie-\n%\nderum mit seiner gewöhnlichen Bescheidenheit:\n„Der Dichter, welcher das unerschöplliche Ausdrucks-\nVermögen der symphonischen Melodie vollkommen inne\nhat, wird sich veranlasst sehen, den feinsten und innigsten\nNuancen dieser Melodie, die mit einer einzigen harmoni-\nschen Wendung ihren Ausdruck auf das ergreifendste um-\nstimmen kann, von seinem Gebiete aus entgegen zu kom-\nmen; ihn wird die früher ihm vorgehaltene enge Form der\nOpern-Melodie nicht mehr beängstigen, etwa nur einen\ninhaltlosen, trockenen Kanvas(!)zu geben; vielmehr wird\ner dem Musiker das diesem selbst verborgene Geheimniss\nablauschen, dass die melodische Form noch zu unendlich\nreicherer Entwicklung fähig ist, als ihm dies bisher in der\nSymphonie selbst möglich dünken durfte, und diese Ent-\nwicklung vorahnend, bereits die poetische Conceplion mit\nfesselloser Freiheit entwerfen.\n„Wo also selbst der Symphoniker noch mit Befangen-\nheit zur ursprünglichen Tanzform zurückgriff und nieselbst\nfür den Ausdruck ganz die Gränzen zu verlassen wagte,\nwelche ihn mit dieser Form im Zusammenhang hielten,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5196, "texte": "da wird ihm nun der Dichter zurufen: „ „Stürze dich zag-\nlos in die vollen Wogen des Meeres der Musik! Hand in\nHand mit mir kannst du nie den Zusammenhang mit dem\njedem Menschen Allerbegreiflichsten verlieren; denn durch\nmich stehst du jederzeit auf dem Boden der dramatischen\nAction, und diese Action im Momente der scenischen Dar-\nstellung ist das unmittelbar Verständlichste aller Gedichte.\nSpanne deine Melodie kühn aus, dass sie wie ein ununter-\nbrochener Strom sich durch das ganze Werk ergiesst; in\nihr sage du, was ich verschweige, weil nur du es sagen\nkannst; und schweigend werde ich Alles sagen, weil ich\ndich an der Hand führe.\"\"\n„In Wahrheit ist die Grösse des Dichters\nam meisten danach zu ermessen, was er ver-\nschweigt, um uns das Unaussprechliche selbst\nschweigend uns sagen zu lassen; der Musiker\nist es nun, der dieses Verschwiegene zum hellen\nErtönen bringt, und die untrügliche Form sei-\nnes laut erklingenden Schweigens ist die un-\nendliche Melodie.\" (??)\nSo drehen wir uns immer wieder in demselben Kreise\nherum, von dessen Peripherie alle glänzenden Radien auf\nden Einen Mittelpunkt, das Ich des Schreibers, zusammen-\nschiessen. '\n%\nBei der projectirten Anwendung der Beethoven'schen\nSinfonie auf das Drama hat Wagner nur ein kleines Mo-\nment nicht in Anschlag gebracht, das uns dazu doch eini-\nger Maassen nothwendig erscheint, das ist das Genie Beet-\nhoven's, in Verbindung mit dem vollkommensten musica-\nlischen Wissen, aus einem oder zwei musicalischen Moti-\nven ein Musikstück zu schaffen, das allerdings „eine ein-\nzige, zusammenhangende Melodie\" genannt werden kann.\nSo lange wir in dem Dichter-Musiker nicht das geniale\nErfindungs-Vermögen, und nicht dieses allein, sondern\nauch die geniale Arbeit Beethoven's in musicalisch\nthätiger Schaffungskraft finden, werden uns Redensarten\nund die Dreistigkeit, sich mit einem mystischen Dunst-\nkreise als Priester des Sinfonie-Drama's in Beethoven'schem\nStile zu umhüllen, nur von dem anmaassenden Wollen,\nniemals aber von dem wirklichen Können desselben über-\nzeugen. Wir lassen Wagner's Aeusserungen über die Beet-\nhoven'sche Sinfonie gelten; aber in ihnen liegt ja die An-\nerkennung der nicht etwa steif contrapunktischen, sondern\ngenial angewandten thematischen Arbeit, ohne welche\nBeethoven's Verfahren unmöglich gewesen; und wo ist\nvon dieser in allem, was Wagner geschrieben, auch nur\neine Spur vorhanden?\nUnd wie unverantwortlich verhöhnt er den unmittel-\nbaren Vorgänger Beethoven's, den grössten Musiker aller\nZeiten, den Meister in Verbindung von phantasiereichem,\nmelodischem Inhalt mit vollendeter Form! Nachdem er\nvorher bei Erwähnung des italiänischen Opernstils man\nbegreift übrigens nicht, warum Wagner den von jedem\nMusikschüler schon vor langen Jahren zu begründenden\nTadel dieses Stils immer und immer wieder breit tritt und\nsich stets so geberdet, als wären die Opern Mozart's, Che-\nrubini's, Fidelio, Spontini's, Weber's, Marschner's u. s. w.\ngar nicht in der Welt!—nachdem er also geäussert, dass\nim italiänischen Opernhause die Musik während der Con-\nversation und der Besuche in den Logen fortfuhr mit der\nAufgabe, welche man bei grossen Diners der Tafelmu-\nsik stellt, nämlich durch ihr Geräusch die sonst schüch-\nterne Unterhaltung zum lauteren Ausbruch zu bringen,\nschreibt er wörtlich, wie folgt:\n„Noch bei den Vorgängern Beethoven's sehen wir\nbedenkliche Leeren zwischen den melodischen Haupt-Mo-\ntiven selbst in symphonischen Sätzen sich ausbreiten; wenn\nHaydn namentlich zwar schon diesen Zwischensätzen eine\nmeist sehr interessante Bedeutung zu geben vermochte, so\nwar Mozart, der sich hierin bei Weitem mehr der ita-\nliänischen Auffassung der melodischen Form näherte, oft,\nja, fast für gewöhnlich, in diejenige banale Phra-\nsenbildung zurückgefallen, die uns seine symphoni-\nschen Sätze häufig im Lichte der so genannten Tafel-\nmusik zeigt, nämlich einer Musik, welche zwischen dem\nVortrage anziehender Melodieen auch anziehendes Ge-\nräusch für die Conversation bietet; mir ist es we-\nnigstens bei den so stabil wiederkehrenden und lärmend\nsich breit machenden Halbschlüssen der Mozart'-\nschen Symphonie, als hörte ich das Geräusch\ndes Servirens und Deservirens einer fürstlichen\nTafel in Musik gesetzt.\" (S. 42.)\nUnd uns ist es bei diesen Worten, als wenn wir einen\nunverschämten Bettler auf einen Fürsten schimpfen hörten,\nweil es ihm verweigert ist, auch nur die Brosamen von\nder fürstlichen Tafel aufzulesen, geschweige denn, selbst\nmit daran zu sitzen.\nHat Wagner diese Lästerung Mozart's etwa durch die\nSchlussseiten seines Briefes abbüssen wolien, auf denen er\nsich herablässt, von den „grossen Meistern\" vor ihm zu\nsprechen? Wir können diesen ganzen Schluss-Passus nur\nfür ein Zugeständniss an die französischen Leser und an\ndie Stellung Wagner's in Paris vor der Aufführung seines\nTannhäuser halten. Zwar wehrt er sich überhaupt dage-\ngen, dass sein Brief eine Vorbereitung zu dieser Auffüh-\nrung sei,; behauptet auch, dass er in derselben „weniger\neine Speculation, als eine Angelegenheit des Herzens er-\nkennt\". Wir wissen aber, was wir auf solche Sentimen-\ntalitäten bei Wagner zu geben haben, und er widerspricht\nsich selbst, da er ja gleich in dem ersten Absätze der er-\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4613, "texte": "sten Seite die Hoffnung ausspricht, dass durch diesen Brief\n„mancher befangene Kritiker sich in die leichtere Lage\nversetzt fühlen werde, bei der bevorstehenden Aufführung\nnur das Kunstwerk selbst, nicht aber auch zugleich eine\nbedenklich erscheinende Theorie beurtheilen zu dürfen.\"\nAuch -unterlässt er nicht, ganz am Schlüsse dem Tannhäu-\nstr insbesondere noch ein empfehlendes Poslscriptum mit-\nzugeben, was wir ihm übrigens gar nicht verdenken kön-\nnen, da wir selbst der Aufführung der Oper eines deut-\nschen Componisten in Paris den grössten Erfolg wünschen,\netwa gerade so, wie man einer deutschen Macht den Sieg\ngegen das Ausland wünscht, aber nicht zu Gunsten eines\nr> r\nverwerflichen Systems.\nDeutsche Leser werden freilich erstaunen, wenn sie\naus Wagner's Munde die Aeusserungen hören: „Offenbar\nhat alles, was ich hier als strengste Consequenz eines idea-\nlen Verfahrens bezeichnet habe, unseren grossen Meistern\nvon je auch nahe gelegen. Aus rein abstracter Reflexion\nsind auch mir ja diese Folgerungen auf die Möglichkeit\neines idealen Kunstwerkes nicht aufgegangen, sondern ganz\nbestimmt waren es meine Wahrnehmungen aus den Wer-\nken unserer Meister, die mich auf jene Folgerungen brach-\nten. Standen dem grossen Gluck nur noch die Engigkeit\nund Steifheit der vorgefundenen und von ihm keineswegs\nprineipiel erweiterten, meist noch ganz unvermittelt neben\neinander stehenden Opernformen entgegen, so haben schon\nseine Nachfolger diese Formen Schritt für Schritt auf eine\nWeise zu erweitern und unter sich zu verbinden gewusst,\ndass sie, namentlich wenn eine bedeutende dramatische\nSituation hierzu Veranlassung gab, schon vollkommen für\nden höchsten Zweck genügten. Das Grosse, Mächtige\nund Schöne der dramatisch-musicalischen Con-\nception, was wir in vielen Werken verehrter Mei-\nster vorfinden, und wovon zahlreiche Kundgebungen nä-\nher zu bezeichnen mir hier unnöthig dünkt, ist Nie-\nmand williger, entzückt anzuerkennen, als ich,\nda ich mir selbst nicht verheimliche, in den schwächeren\nWerken frivoler Componisten auf einzelne Wirkungen ge-\ntroffen zu sein, die mich in Erstaunen setzten. Was\nvon je mich aber desto tiefer verstimmte, war, dass ich\nalle diese unnachahmlichen Vorzüge der dramatischen\nMusik in der Oper nie zu einem alle Theile umfassenden,\ngleichmässig reinen Stile ausgebildet antraf. In den\nbedeutendsten Werken fand ich neben dem Vollen-\ndetsten und Edelsten ganz unmittelbar auch das unbegreif-\nlich Sinnlose, ausdruckslos Conventionelle, ja, Frivole zur\nSeite.\"\n%\nEr gibt hierauf einige allgemeine Bemerkungen zum\nBeweise der letzteren Behauptung, fährt dann aber auf\nS. 50 fort: „Es ist wahr, die zuletzt bezeichneten lncon-\nSequenzen kommen nicht eigentlich bei unseren\nwirklich grossen Meistern vor, sondern vielmehr bei\ndenjenigen Componisten, bei denen wir uns mehr nur dar-\nüber wundern, wie sie sich auch Schönheilen zu eigen\nmachen konnten.\"\nEs wird dann auch Weber ganz besonders hervor-\ngehoben; ja, Wagner, der recht gut weiss, dass die fran-\nzösische Kritik auf der Stelle die Verwandlschaft des Tann-\nhäuser mit den Weber'schen Opern herausfühlen wird,\nwas sie schon bei seinen Concerten gethan, beeilt sich, zu\ngestehen: „Ich bin sicher, den vielleicht zu hoffenden Er-\nfolg zum grossen Theile noch dem sehr kenntlichen Zu-\nsammenhange dieser Oper mit denen meiner Vorgänger,\nunter denen ich Sie vorzüglich auf Weber hinweise, zu\nverdanken.\" Weiterhin wird Weber ein „reiner, edler\nund inniger Geist\" von ihm genannt und „sein erstes, ge-\nliebtes Vorbild\".\nTrotzdem kann er es natürlich nicht lassen, zu be-\ndauern, dass „die grossen Meister die Oper so nahe an\ndie Vollendung eines reinen Stils brachten\", aber doch\nimmer wieder „Rückfälle eintraten\", so dass selbst We-\nber sich bestimmen liess, „hier und da es mit dem Stil\nnicht so streng zu nehmen, sondern weisliche Zugeständ-\nnisse zu machen\". „Diese Zugeständnisse\", heisst es\ndann weiter, „werden Sie, ich glaube mich dessen rüh-\nmen zu können, in meinem Tannhäuser nicht mehr an-\ntreffen\"— eine leise Andeutung der Ueberflügelung We-\nber's durch den Tannhäuser—, nach welcher schliesslich\nbemerkt wird, dass, ausser in dem „Gedicht und der darin\nenthaltenen consequenten dramatischen Entwicklung\", „die\nForm des Werkes vielleicht das Wesentlichste sei, was\ndie Oper Tannhäuser von der Oper der Vorgänger unter-\nscheide\" .\nDas Letztere klingt ordentlich bescheiden. Nun, wir\nsind neugierig, was die Franzosen zu der Form, die sich\nhauptsächlich in den Recitativen im Tacte, den Arioso's\nu. s. w. offenbart, sagen werden, da dieselbe sie zu der\npsalmodirenden Weise Lully's und Rameau's zurückführt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-01-12-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-01-12_01#c003", "volume": "bmtnabi_1861-01-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "12", "page_fin": "14", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.2.3", "titre_corps": "Virtuosen-Productionen in den frankfurter Museums-Concerten.", "titre_sommaire": "Virtuosen-Productionen in den frankfurter Museums-Concerten.", "signature_source": "A. Schindler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.4", "debut_caractere": 4615, "fin_caractere_exclue": 5003, "texte": "Virtuosen-Productionen in den frankfurter\nMuseums-Concerten.\n\nII.\nDer zum zweiten Concerte (23. November) eingela-\ndene Künstler war der königlich hannoversche Kammer-\nVirtuose Herr August Kömpel, derselbe, der ungefähr\nvor Jahr und Tag an derselben Stelle mit dem eilften Vio-\nlin-Concerte seines ehemaligen Lehrers Spohr die Zuhö-\nrer in gerechte Bewunderuug versetzt hat, worüber Nr. 2"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5249, "texte": "d. 81. im vorigen Jahrgange Kunde gegeben. Diesmal fiel\nseine Wahl auf das zehnte Concert in von seinem\nLehrer, und als Zugabe folgten Variationen über ein Mo-\nzart'sches Thema von F. David.\nFragt der Cultur-Historiker, warum in unserer Zeit\ndie grossen Männer fast in jedem Fache immer seltener\nwerden, und findet er die Ursache -in der nivellirenden\nHartnäckigkeit, die sich dem emporringenden Streben des\nEinzelnen, aber auch seines Erhaltens auf erhöhter Stufe\nentgegenstemmt, so lässt sich diese Beobachtung auch auf\nmusicalischem Gebiete anstellen, und zwar, wie That-\nsachen zeigen, am ergiebigsten auf dem Felde der Repro-\nduetion. Nach dieser Bichtung hin weiss eine frühere Pe-\nriode wenig zu sagen von dem Kampfe des strebenden\nKünstlers mit seiner Zeit, wenn er in Folge erhaltener in-\ndividueller Ausbildung seinen eigenen Weg gehen wollte.\nEine grosse Anzahl Gleichstrebender, zumeist auf langen\nSchulbänken mechanisch abgerichtet, wie in der Gegen-\nwart zu sehen, stellte sich dem Einzelnen nicht entgegen,\num ihn entweder durch materielle Erfolge zu blenden,\noder, indem sie kunstwidrige Manieren zur Herrschaft\nbringt, selbst einen festen Charakter befangen zu machen\nund seine exceptiouelle Stellung unvermerkt zu gefährden.\nDieser Gefahr kann sich heutzutage Niemand ent-\no\nziehen; es kommt also nur darauf an, sie zu bestehen, im\n.\nallgemeinen Wettlaufe nach oben auf dem selbstgewähl-\nten Wege zu beharren, unbeirrt von den Sprüngen der\nMitläufer, denen die „Bewunderung von Kindern und von\nAffen\" zujauchzt, verachtend alle, denen zum Emporkom-\nmen jedes Mittel willkommen ist. Möge Herr Kömpel, der\nsich durch die Vergegenwärtigung des Spohr'schen Violin-\nspiels in die musicalische Welt nicht bloss von Deutsch-\nland so glänzend eingeführt hat, mit energischer Abwei-\nsung aller Verlockungen, die auf ihn eindringen mögen,\nden aller Spohr'schen Concertmusik eigentümlichen brei-\nten Stil unverrückt festhalten, einen Stil, der einen kräf-\ntig geführten Bogen und markigen Ton als wesentliche\nBedingungen voraussetzt, folglich der gegenwärtig herr-\nschenden Flüchtigkeit durch Uebeißeibung der Tempi\nschnurstracks entgegen ist. Bei moderner, flüchtiger Be-\nhandlung würde ein breit angelegtes und meist auch no-\ntenreiches Tongemälde, wie die Spohr'schen Concertstücke,\nzur Miniatur zusammenschrumpfen. Ein von Spohr selber\nmit Sorgfalt ausgebildeter Künstler soll alle ihn umgeben-\nden Irrlichter übersehen und mit gewissenhafter Pietät an\ndem Ueberkommenen hangen. Dies muss ihm einen ehren-\nvollen Platz in der Kunstgeschichte sichern. Er muss sich\nfür zu hoch halten, um den Mendelssohn-Concert-Geigern\nConcurrenz zu machen.\nUeber die David'schen Variationen und deren Vortrag\nneben einem Concerte von Spohr wäre ungefähr die An-\nmerkung zu machen: Wer zwei Herren aus entgegenge-\nsetzten Schichten des Volkes zugleich dienen will, muss\nnothwendiger Weise eine Doppel-Natur haben. Auf diese\nVariationen eben keinen Tadel werfend, erlaube ich mir\ndenn doch den Wunsch auszusprechen, dass ein Spieler\nwie Herr Kömpel sich mit derlei Compositionen nicht be-\nfassen möchte, ja, unbeschadet des angeeigneten Stils sich\nnicht damit befassen dürfe.—Es bleibt nur noch zu bestä-\ntigen, dass die Zuhörerschaft im frankfurter Museum den\nKünstler mit Beifall überschüttet hat.\nDas Programm zum vierten Concerte am 21. De-\ncember brachte zu freudiger Ueberraschung den Namen\neines der gefeiertsten Künstler und Componisten für die\nVioline aus der classischen Epoche, der von der lebenden\nGeneration der Geigenkünstler ganz vernachlässigt, von\nden fashionabien Virtuosen nur mit Achselzucken genannt\nwird; Viotti heisst der Mann. Dass dieser Name fast\ndem gesammten Concert-Publicum unbekannt, ist aus dem\neben Angeführten zu entnehmen, denn zählt er doch seit\ndrei Decennien zu den bereits Verschollenen*). Für dieje-\nnigen Musikfreunde, die über Viotti's Bedeutung in der\nKunstgeschichte näher informirt zu sein wünschen, wird\nnachstehende Stelle aus seiner Biographie nicht unwill-\nkommen erscheinen.\nViotti (Giovanni Battista), geb. 1755 zu Fontana in\nPiemont, gest. 1824 zu London, war einer der ausge-\nzeichnetsten Violinspieler und zugleich einer der vorzüg-\nlichsten Componisten für sein Instrument. Als der wür-\ndigste Schüler Pugnani's hat er dessen gediegene Schule\nrein fortgepflanzt und, selbst mit der Zeit fortschreitend,\nvervollkommnet; unter seinen Schülern sind Rode, Aldav,\nLibon, La Barre, Cartier, Vacher, Pixis u. A. zu erwäh-\nnen. Sein Ton war stark und voll, und sein Spiel verband\nmit Reinheit, Genauigkeit und ungemeiner Fertigkeit die\nreizendste Einfachheit. Von den genannten Schülern war\nes Bode, der am meisten zur Befestigung und Verbreitung\nder Schule gewirkt, andere sind inmitten ihrer Künstler-\nLaufbahn dem Leben entrissen worden. Wir besitzen von\nihm etwa 27 Concerte, 2 Concertanl-Sinfonieen für zwei\nViolinen, 36 Violin-Duette, mehrere Quartette und Trio's\nu. s. w.\nDas von Herrn Concertmeister Ludwig Straus im\nMuseum vorgetragene Concert in ist das vierund-\n\n*) Hier in Köln ist er das nicht. Nicht nur in der musicali-\nschen Gesellschaft haben wir Concerte von Viotti gehört,\nauch in dem Gürzenich-Concerte hat Joachim vor einem\noder zwei Jahren ein Concert von Viotti gespielt.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3702, "texte": "zwanzigste in der Reihenfolge, ein Werk von mauerfesten\nFormen, das seinen Mann sucht, der das erforderliche\nZeug zu dessen charaktergemässer Ausführung mitbringt.\nDass es in Herrn Straus den Bechten gefunden, darf hier-\nmit versichert werden. Männliche Kraft im Vereine mit\nschwungvoller Bogenführung, die nichts gemein hat mit\nder widerlich süsslichen Glätte des Bogens vieler der jetzi-\ngen Geiger, gestaltete die Leistung in Bezug auf Ton-\nQualität und Technik zu einer wahrhaft preiswürdigen.\nDie Tonfärbung anlangend, die Ingredienz nämlich, die\nvon den Werken der früheren Meister vorzugsweise be-\nansprucht wird, so gehört diese überhaupt zu den iobens-\nwerthesten Eigenschaften des Herrn Straus. Was jedoch\ndie ästhetische Seite des Vortrags, vornehmlich in den Pas-\nsagen betrifft, in so fern dieselbe auch von der Adjustirung\nder Violine bedingt wird, da wäre mehr Uebereinstimmung\nzwischen dem subjectiven Gefühle und dem objectiven Mit-\ntel zu dessen Ausdruck zu wünschen gewesen, um das\nSchöne in jeder Stelle makellos zur Erscheinung zu brin-\ngen. Der den modernen, überaus notenreichen Composi-\ntionen entsprechende dünne Saitenbezug lässt die erfor-\nderliche Kraltäusserung beim Auflegen des Bogens nicht\nzu. Bei aller Vorsicht wird die Wucht des Bogens die Saite\nbisweilen schwirren machen und dadurch den beabsichtig-\nten Glanz der Färbung beeinträchtigen. Es wird der phy-\nsischen Kraft des Herrn Straus ein Leichtes sein, sein In-\nstrument zu vollkommener Wiedergabe jener grossen Ton-\ngemälde in Stand zu setzen und in allen Stellen kunstschön\nerklingen zu lassen. Die am Schlüsse des ersten Satzes\neingelegte Cadenz war keine glückliche Erfindung. Ein\nGehäufe von Accorden allein ist noch keine Cadenz. Diese\nsoll ihre wesentlichen Bestandteile aus den Haupt-Moti-\nven des Satzes schöpfen, dessen Abschliessen sie glänzend\nund sinnig bewirken will. Heterogenes, etudenartiges Bei-\ngemische soll fern bleiben. Nebst diesem ist eine wohl-\nerwogene Kürze ein Haupt-Erforderniss der Cadenz. Lei-\nder ist in den Cadenzen der gegenwärtigen Virtuosen zu\noft das pure Gegentheil dieser Erfordernisse hörbar.\nIn dem ausgezeichneten Beifalle, dessen Herr Straus\nsich zu erfreuen gehabt, dürfte er zugleich die Aufforde-\nrung finden, die Gelegenheit wahrzunehmen, um bald ein\nanderes dieser Werke zu Gehör zu bringen, weiterbin\nO 7\naher auch einmal an unseren deutschen Louis Maurer\nzu denken, von dessen prächtigen Conceiten ausser der\nConcertante für vier Violinen unserer Zeit Alles fremd ge-\no\nworden. Wie das frankfurter musikliebende Publicum\nwerthvolle Compositionen aus der früheren Epoche auf-\nnimmt, wenn sie gut vorgetragen werden, das hat es\njüngst in der fünften Quartett-Sitzung des Herrn Straus\nmit Beethoven's Serenade Op. 8 (aus dem Jahre\n1798) wiederum dargethan. Diese in einigen Sätzen rei-\nzend schöne Composition voll Humor und Naivetät hat\nnach einem Quartett von Schumann in F-dur, Op. 41,\nauf die ganze Versammlung wie Balsam gewirkt.\nMit der Tarlini'schen Sonate (Pastorale in zu-\nfolge Programm) für Violin-Solo hat Herr Straus nur spo-\nradischen Beifall geärntet; mit Recht, denn derlei Stücke\ngehören in die Studirslube, nicht in den Concertsaal. Die\nVerbannung der wahrhaft lächerlichen Mode mit derlei\nSolo-Vorträgen würde den im Ganzen achtungswerthen\nCharakter der Museums-Concerte sicherlich noch erhöhen.\nDie Herren vom Orchester bedauern gewiss, während der\nProduction meist elender Salonstücke passive Zuhörer ab-\ngeben zu müssen, und würden sich unbezweifelt freuen,\nkleinere Werke mit Orchester-Begleitung, deren es für\nPianoforte und auch für Violine viele und gehaltvolle gibt,\nunter ihrer Mitwirkung zur Ausführung bringen zu können.\n\nA. Schindler."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-01-12-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-01-12_01#c004", "volume": "bmtnabi_1861-01-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "14", "page_fin": "15", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.2.4", "titre_corps": "Die herabgesetzte Orchesterstimmung.", "titre_sommaire": "Die herabgesetzte Orchesterstimmung.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.6", "debut_caractere": 3704, "fin_caractere_exclue": 5144, "texte": "Die herabgesetzte Orchesterstimmung.\nIn Beziehung auf die Annahme der pariser Stimmung\nhat sieh in Dresden eine Warnungsstimme erhoben, aus\nwelcher wir als Curiosa folgende Stellen miltheilen:\n„Dem Vernehmen nach beabsichtigt man in Dresden\nebenfalls, wie in Paris, die hohe Orchesterstimmung herab-\nzusetzen, und sollen die dresdener Capellmeister mit Vor-\nschlägen darüber von der königlichen General-Direction\ndes Hoftheaters beauftragt worden sein. Diese Bereitwil-\nligkeit ist mit Dank anzuerkennen. Nur übereile man\nsich nicht und nehme ja nicht die neue pariser Normal-\nstimmung an, da dieselbe im Verhältnisse zur jetzigen dres-\ndener Stimmung nur um eine Kleinigkeit, nämlich bloss\neinen Achtelton, tiefer ist, während Sachverständige sich\nmehr für die Erniedrigung ungefähr um fast einen hal-\nben Ton aussprechen müssen. Offen gesagt, haben die\nFranzosen die richtige Lösung dieser wichtigen und über-\naus schwierigen Frage total verfehlt und der Kunst damit\nkeinen wahren Dienst erwiesen. (!)\n„Die Fehler, die in Paris dabei gemacht wurden,\nsind folgende:\n„1. Frankreich hätte nicht für sich allein eine solche\nwichtige Veränderung vornehmen sollen, sondern es hätten\nUnterhandlungen mit Kunstverständigen anderer Staaten,\nmit Deutschland, Italien, England, Russland und America\nStatt finden sollen, welche, wenn auch spät, doch den\nNutzen gehabt hälten, dass eine in der ganzen Welt gül-\ntige Tonhöhe eingeführt worden wäre. (!)"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1786, "texte": "„2. War die Commission aus Männern zusammenge-\nsetzt, welche von ihrem Standpunkte aus nicht die nöthi-\ngen Kenntnisse und Erfahrungen über diesen Gegenstand\nbesassen, welche zu der Entscheidung dieser Frage gehören.\n„3. Den Pianoforte-Fabricanten zu Liebe setzte man\ndie neue Stimmgabel nicht tief, weil man dem Pianoforte-\nhandel nach dem Auslande durch eine zu grosse Abwei-\nchung von der gebräuchlichen Tonhöhe keine Störung ver-\nursachen wollte.\n„4. Hatte man kein leitendes Princip, von welchem\nman ausging. Man wählte von den gegenwärtigen einge-\nsandten vielen hohen Stimmgabeln die tiefste, die an sich\nschon eine sehr hohe genannt werden muss, während man\nbloss die alte bewährte hätte wieder aufsuchen sollen.\n„Wie sonderbar! Zu der Zeit, als die französische\nRegierung diese Regelung der Tonhöhe vorhatte, gab es\nviele Personen, welche auf der Tonkünstler-Versammlung\nin Leipzig Vorträge über diesen Gegenstand halten woll-\nten, und sich lür befähigt glaubten, mit einigen akusti-\nschen Kenntnissen diese Frage zu erörtern. Sobald aber\nder Beschluss über die neue Stimmung von Paris ausge-\ngangen war, hat sich in ganz Deutschland noch nicht eine\neinzige beurtheilende Stimme über denselben ausge-\nsprochen. (??)\n„Da man in Deutschland bekanntlich Alles den Fran-\nzosen so gern nachahmt (in Köln hat die Concert-Direc-\ntion bereits unter Hiller die französische Normal-Stimm-\ngabel angenommen, auch St. Petersburg hat sich vorschnell\nfür dieselbe entschieden), so ist es hohe Zeit, Deutschland\nvon der Annahme derselben abzurathen und zu warnen.\n„Will Dresden eine andere Stimmung als die pari-\nser annehmen, so wird es rathsam sein, sich mit den grös-\nseren Capellen Deutschlands in Einvernehmen zu setzen.\"\n(Ein solcher Bundestag würde sicher am schnellsten\neinig werden!)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-01-12-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-01-12_01#c005", "volume": "bmtnabi_1861-01-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "15", "page_fin": "16", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.2.5", "titre_corps": "Aus Düsseldorf.", "titre_sommaire": "Aus Düsseldorf.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.7", "debut_caractere": 1788, "fin_caractere_exclue": 5987, "texte": "Aus Düsseldorf.\nDer düsseldorfer allgemeine Musik-Verein hat im ver-\ngangenen Jahre die Reihe seiner vier ersten Abonnements-Concerte\nunter Leitung des städtischen Musik-Directors Herrn Julius\nTausch durch das Concert am 20. December beschlossen. Wollte\nman den Maassstab für die Vorzüge eines Concert-Instituts nach der\nZahl der Abonnenten nehmen, so würde man keineswegs immer ge-\nrecht sein, da zumal in kleineren Städten eine Menge von Ursachen,\ndie der Kunst ganz fern liegen, auf den mehr oder weniger zahl-\nreichen Besuch der Concerte einwirken.\nGewöhnlich bildet die musicalische Gemeinde einen Staat im\n/\nStaate, und da sie denn in der Regel eine republicanische ist, so\nist es gar oft sehr schwer, die „harmonischen\" Republicaner unter\nEinen Hut zu bringen. Weil alle Leiter und Beamten des republi-\ncanischen Staates von Wahlen abhangen, so gibt es leicht Parteien,\ndie sich für einen bestimmten Mann interessiren, und oft verliert\ndie besiegte Partei, wenn ihr Mann nicht gewählt wird, plötzlich\nallen Sinn für die Kunst! Ja, man sagt, dass diese Kleinstädterei\nselbst in einer sehr grossen Stadt am Rheine so weit geht, dass man\nsogar für einen Platz Partei macht, und nur dann für den Bau\neines neuen Kunsttempels stimmt und zeichnet (d. h. Geld), wenn\ner auf den von der Partei bestimmten Boden zu stehen kommt,\nsonst nicht.\nDabei scheint es uns aber, die wir wirklich für die Kunst ein-\ngenommen sind, sehr verkehrt und unverantwortlich, wenn man den\neinen republieanischen Grundsatz annimmt und den anderen nicht\nnämlich den, dass sich alle wahren Patrioten der Majorität der\nStimmen fügen.\nEin anderes Ding von Einfluss auf den Concertbesuch, das eben-\nfalls ausser der Kunst liegt, ist die Mode. Ist es einmal dahin ge-\nkommen, dass es zum Tone der gebildeten Welt gehört, Conoerte\nzu besuchen, dass sieh die Damen fragen, was sie im nächsten Con-\ncerte anziehen, dass man sich neue Kleider dazu machen lägst, dass\nes specielle Toilettenstücke gibt, die nach dem Concerte benannt\nwerden, wie z. B. Concert-Mäntel, Concert-Shawls u. s. w., dann\nhat man gewonnen.\nEin Drittes, das dem Concertbesuche freilich am meisten im\nWege steht, ist der wirkliche Mangel an Kunstsinn. Es gibt Städte,\nwo eine Menge einzelner Herren und eben so auch Familien woh-\nnen, die von ihren Kenten leben, denen es aber nie einfällt, aus\ndem reichlichen Strome derselben auch nur ein kleines Canälchen\nzur Berieselung der Wiesen der Kunst abzuzweigen. Das schöne\nGrün und der Duft derselben hat für sie keinen Reiz, da sie weit\nlieber auf dick wolligen holländischen Teppichen und hinter schwe-\nren Damast-Vorhängen sitzen, und zu Anderer Freude beizutragen,\ndazu sind sie viel zu egoistisch, vielleicht auch zu fromm.\nWir wissen nun nicht, welche von diesen Ursachen in Düssel-\ndorf etwa vorhanden ist, oder ob vielleicht die zweite gar nicht,\ndie erste und dritte aber beide wirksam sind, um den geringen\nConcertbesuch zu veranlassen; man kann es uns aber nicht verden-\nken, wenn wir uns die Erscheinung dieser Thatsache in der Kunst-\nstadt Düsseldorf zu erklären suchen.\nIm vierten Concerte, dessen Publicum trotz des hart beginnen-\nden Winters um mehrere Fremde vermehrt war, hörten wir eine\nganz gute Ausführung der grossen Leonoren-Ouverture von Beet-\nhoven, und im zweiten Theile wirkten Chor und Orchester zu der\nAufführung von Men delssohn's 42. Psalm, den numerischen\nKräften, die freilich keine Massen aufstellen können, gemäss, auf\nbefriedigende Weise. Fräulein Hermine Mann aus Barmen be-\nwährte sich als eine musicalisch gebildete Sängerin; die Wahl der\ngrossen Arie der Vitellia aus Titus : 9Non p>ü di fioria} war nicht\nganz zweckmässig, da sie bedeutendere Stimmmittel erfordert.\nDie Krone des Abends waren die Leistungen des königlich han-\nnoverschen Kammer-Virtuosen August Kömpel, der hier zuux\nersten Male auf Spohr's Geige, die jetzt sein Eigenthum ist, spielte.\nDer Vortrag der herrlichen »Gesangscene* Spohr's in dem\nbreiten und grossen Stil, für welchen sie geschrieben ist, mit\nder Fülle des Tones und der krystallenen Reinheit, welche letztere\nnamentlich beim Eintritte der Stelle in Doppelgriffen auf wahrhaft\nhinreissende Weise wirkte, mit dem kräftigen Schliff der Passagen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 602, "texte": "und dem innigen Gesang in den melodischen Adagio-Stellen die-\nsen Vortrag Kömpel's zählen wir in der That zu den edelsten und\nschönsten, die wir je gehört haben. Nachher spielte Herr Kömpel\nnoch die furchtbar schwierige Fuge in G-moll und das Präludium\nderselben von J. S. Bach für die Violine allein, wobei er eine stau-\nnenerregende Bewältigung des meist dreistimmigen, oft vierstimmi-\ngen antiken Bravourstückes entfaltete, und das nicht etwa im dün-\nnen Salonstil, sondern stets mit markigem Tone und breitem Strich\nOb aber dergleichen in den Concertsaal passe, darf allerdings be-\nzweifelt werden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-01-12-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-01-12_01#c006", "volume": "bmtnabi_1861-01-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "16", "page_fin": "16", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.8", "debut_caractere": 604, "fin_caractere_exclue": 1365, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDie Musicalienhandlung von Heinrichshofen in Magde-\nburg hat einen nhistorischen Notiz-Kalender für Musi-\nker und Musik fr eunde* von F. X. Chwatal herausgegeben\n(Pr. 14 Sgr.), welcher für jeden Monatstag einige merkwürdige mu-\nsicalische Ereignisse oder biographische Notizen von Tonkünstlern\nanführt, auch mit Ergänzungen und einem Register versehen ist.\nSogar eine (freilich sehr dürftige) Geschichte der Musik fehlt nicht,\ndie mit folgender Notiz schliesst: „Napoleon 111, Kaiser der\nFranzosen, führte 1859 die Normal-Stimmgabel ein, um die\nStimmung Europa's zu regeln.u Da der Kalender mit Schreib-\npapier durchschossen ist, so kann er dem Musiker dazu dienen, die\nmusicalischen Ereignisse des Jahres 18G1 darin einzutragen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.1", "texte": "Inhalt.\n„Zukunftsmusik/ (Schluss.) Virtuosen-Productionen in den frankfurter Museums-Concerten. 11. Von A. Schind-\nler. Die herabgesetzte Orcbesterstimmung. Aus Düsseldorf (Abonnements-Concerte). Tages- und Unterh altun «-s -\nblatt (Magdeburg, Notiz-Kalender).\n\n„Zukunftsmusik.“\n(Schluss. S. Nr. 1.)\nEhe wir uns von der Selbstschau (wir wählen das be-\nscheidenste Wort) des Dichters R. Wagner zu der des\nMusikers wenden, wollen wir unseren Lesern noch den\nGrund nicht vorenthalten, den Wagner für seine Wahl\nder Stoffe aus dem Gebiete der Sage aufstellt.\nZunächst führt er dafür an, dass durch den Sagen-\nstoff dem Dichter und namentlich dem Musiker die Nöthi-\ngung genommen sei, das Historisch-Conventionelle auszu-\nführen. Dann fährt er fort:\n„Die Sage, in welche Zeit und welche Nation sie auch\nfällt, hat den Vorzug, von dieser Zeit und dieser Nation\nnur den rein menschlichen Inhalt aufzufassen und diesen\nInhalt in einer nur ihr eigenthümlichen, äusserst prägnan-\nten und desshalb schnell verständlichen Form zu geben.\n( Wenn man an die Sage vom heiligen Gral im Lohengrin\ndenkt, so wird man diesen Satz also umkehren müssen:\n„in einer äusserst verschwimmenden und desshalb\nunverständlichen Form\".] Eine Ballade, ein volkstüm-\nlicher Refrain genügt, augenblicklich uns diesen Charak-\nter mit grösster Eindringlichkeit bekannt zu machen. Diese\nsagenhafte Färbung, in welcher sich uns ein rein mensch-\nlicher Vorgang darstellt, hat namentlich auch den wirk-\nlichen Vorzug, die oben von mir dem Dichter zugewiesene\nAufgabe, der Frage nach dem Warum beschwichtigend\nvorzubeugen, ganz ungemein zu erleichtern. Wie durch\ndie charakteristische Scene, so durch den sagenhaften Ton\nwird der Geist sofort in denjenigen träumeri-\nschen Zustand versetzt, in welchem er bald bis zu\ndem völligen Hellsehen gelangen soll, wo er dann\neinen neuen Zusammenhang der Phänomene der\nWelt gewahrt, und zwar einen solchen, den er mit dem\nAuge des gewöhnlichen Wachens nicht gewahren konnte,\nwesshalb er da auch stets nach dem Warum frug, gleich-\nsam um seine Scheu vor dem Unbegreiflichen der Welt\nzu überwinden, der Welt, die ihm nun so klar und\nhell verständlich wird. Wie diesen hellsehend\nmachenden Zauber endlich die Musik vollständig\nausführen soll, begreifen Sie nun leicht.\" [??]\nWas werden sich die Franzosen wundern, sie, die\nbisher den „Zusammenhang der Phänomene der Welt\"\nnur durch wissenschaftliche Forschungen, logische und\nmathematische Folgerungen ergründen zu können mein-\nten, wenn sie von dem deutschen Musiker erfahren, dass\n„das Auge des gewöhnlichen Wachens\" die Welt nicht\nbegreifen konnte, welche „der hellsehend machende Zau-\nber\" der Sage, der aus „dem träumerischen Zustande des\nGeistes\" hervorgeht, ihnen „klar und verständlich\" macht!\nSprächen wir diesen unseren Ausruf als Resultat einer Le-\nsung gewisser Sätze in Wagner's Brief aus, ohne diese\nSätze selbst wiederzugeben, so würden wir jedenfalls der\nAnschuldigung des Auseinanderreissens der Gedanken, der\nböswilligen Entstellung, und was dergleichen mehr ist, an-\nheimfallen. Denn es würde unglaublich sein, dass ein ver-\nnünftiger Mensch bei „gewöhnlichem Wachen\" Dinge\nvorbringen könnte, für deren Bezeichnung der sprüchwört-\nliche „blaue Dunst\" noch ein sehr schmeichelhafter Aus-\ndruck ist. Wir waren also genöthigt, die ganze Stelle ohne\nAuslassung abdrucken zu lassen, wie geschehen, damit\nJeder sich selbst ein Urtheil bilde, oder richtiger sich von\nder „Entrücktheit\"*) des Schreibers überzeuge.\nDie Missgeburt einer solchen Theorie kann man als\nein „neues Phänomen\" nur dann begreifen, wenn man die\nspitzfindige Liebesfaselei, die widrige Spielerei mit Gefühls-\nwitz oder witziger Sentimentalität, das supra-naturalisti-\nsche Symbolisiren des „übersinnlichen sinnlichen\" Freiers\nTristan und seiner Geliebten in dem Drama dieses Namens\nals praktisch ausgeführt, als wirklich vorhanden kennt.\n\n*) Tristan und Isolde. Schluss: „Grosse Entrücktheit unter\nden Umstehenden.u"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.2", "texte": "Nachdem Wagner bis zu S. 40 seines Briefes von\nsich, dem Dichter, gesprochen, fügt er auf den übrigen\nzwölf Seiten, wie er sagt, als „Musiker\", eine „theore-\ntische Beweisführung\" für die Behauptung an, „dass bei\nseinem dichterischen Verfahren die Melodie und ihre\nForm einem Beichthum und einer Unerschöpflichkeit zu-\ngeführt werden, von denen man sich ohne dieses Ver-\nfahren gar keine Vorstellung machen konnte.\"\n(S. 40.)—Armer Mozart, Weber u. s. w.ü\nEr beginnt also auch als Musiker wieder mit jener\nBescheidenheit, die sich selbst als dasjenige Genie hinstellt,\nin dessen Leistungen sich die von nun an noch einzig mög-\nliche Musik, weil aus der einzig möglichen Poesie geflos-\nsen, gipfelt. Nach der versprochenen „theoretischen Be-\nweisführung\" suchen wir auf den letzten Briefseiten ver-\ngebens. Was soll denn auch die Theorie, angenommen,\ndass sie wirklich aufgestellt wäre, hierbei beweisen? Wenn\nder Marmorblock ganz vortrefflich zur Statue vorbereitet\nund „vorgebildet\" dasteht, ist dadurch theoretisch zu be-\nweisen, dass der Künstler daraus eine Venus oder einen\nApollo schaffen wird? Bei diesem Punkte angekommen,\nbei der musicalischen Form, die das Gedicht zum musica-\nlischen oder, nach Wagner's System gesprochen, zum ein-\nheitlich poetisch-musicalischen Kunstwerke macht, die das\nmelodische Gewand dem bis jetzt nur erst dichterisch ge-\nstalteten Bilde umwirft, hört die Theorie auf, und kein\nnoch so phantasiereiches oder „entrücktes\" Geschwätz\nkann an die Stelle der Melodie (der Musik) treten; hier\nwollen wir Töne hören, nicht Raisonnements und De-\nmonstrationen lesen.\nDoch siehe! Wagner kommt endlich selbst zu dieser\nErkenntniss und sagt (S. 48): „Ich bescheide mich, dem\nwilligen Leser nur die allgemeinsten Tendenzen (?) zu ge-\nben; denn in Wahrheit nahen wir uns selbst in dieser\nMittheilung schon dem Punkte, wo schliesslich nur das\nKunstwerk selbst noch vollen Aufschluss geben kann.\"\nDamit stimmen wir vollkommen überein. Wenn er\nnun aber fortfährt: „Sie kennen (vom „„Leser\"\" wendet\ner sich hier wieder an den „„Freund\"\") meine Partitur\ndes Tristan, und wenngleich es mir nicht einfällt, diese\nals Modell des Ideals betrachtet wissen zu wollen, so wer-\nden Sie mir doch zugestehen, dass vom Tannhäuser zum\nTristan ich einen weiteren Schritt gemacht habe, als ich\nihn von meinem ersten Standpunkte, dem der modernen\nOper aus, bis zum Tannhäuser zurückgelegt hatte\" so\nliegt darin allerdings eine Wahrheit; ob der „weitere\nSchritt\" aber ihn dem wirklichen Kunstwerke näher\ngebracht habe, das ist eine andere Frage, deren Beant-\nwortung nicht lange auf sich warten lassen wird.\nSo viel man aus dem ganzen zweiten Abschnitte des\nBriefes ersehen kann, will Wagner die Sinfonie, d. h. die\nBeethoven'sche, mit der scenisch ausgeführten dramati-\nschen Action so verbinden, „dass letztere die Bedeutung\nder Sinfonie ausdrückt.\" Beethoven's Verfahren habe näm-\nlich „als ganz neuen Erfolg die Ausdehnung der Melodie\ndurch reichste Entwicklung aller in ihr liegenden Motive\nzu einem grossen, andauernden Musikstücke, welches nichts\nAnderes als eine einzige, genau zusammenhangende Me-\nlodie war\", bewirkt. Darauf geht die Argumentation etwa\nfolgender Weise weiter:\n„Das gewonnene Verfahren auf dem Felde der In-\nstrumental-Musik ist von deutschen Meistern ziemlich an-\nnähernd auch auf die gemischte Choral- und Orchester-\nmusik angewandt worden [Sollen hier Bach und Händel\ngemeint sein, die von Beethoven gelernt haben?? oder hat\nsich Wagner herabgelassen, an Mendelssohn, Schumann,\nHiller zu denken?]—nie vollgültig bisher auf die Oper.\"\n„Beethoven hat in der grossen Messe Chor und Orche-\nster fast ganz wieder wie in der Sinfonie angewandt.\"\n„Das war ihm durch die Beschaffenheit der Textesworte\nmöglich. Sollte dasselbe Verfahren auf die Oper ange-\nwandt werden, so musste erst in der dramatischen Dich-\ntung selbst ein poetisches Gegenstück zur symphonischen\nForm erhalten werden, welches, indem es diese reiche\nForm vollkommen erfüllte, zugleich den innersten Gesetzen\nder dramatischen Form am besten entsprach.\" (S. 44.)\n„Dieses der melodischen Sinfonie-Form ganz entspre-\nchende Gedicht\" wer hat es geschaffen? Wagner\nnennt ihn nicht, er schildert ihn uns nur, und das wie-\n%\nderum mit seiner gewöhnlichen Bescheidenheit:\n„Der Dichter, welcher das unerschöplliche Ausdrucks-\nVermögen der symphonischen Melodie vollkommen inne\nhat, wird sich veranlasst sehen, den feinsten und innigsten\nNuancen dieser Melodie, die mit einer einzigen harmoni-\nschen Wendung ihren Ausdruck auf das ergreifendste um-\nstimmen kann, von seinem Gebiete aus entgegen zu kom-\nmen; ihn wird die früher ihm vorgehaltene enge Form der\nOpern-Melodie nicht mehr beängstigen, etwa nur einen\ninhaltlosen, trockenen Kanvas(!)zu geben; vielmehr wird\ner dem Musiker das diesem selbst verborgene Geheimniss\nablauschen, dass die melodische Form noch zu unendlich\nreicherer Entwicklung fähig ist, als ihm dies bisher in der\nSymphonie selbst möglich dünken durfte, und diese Ent-\nwicklung vorahnend, bereits die poetische Conceplion mit\nfesselloser Freiheit entwerfen.\n„Wo also selbst der Symphoniker noch mit Befangen-\nheit zur ursprünglichen Tanzform zurückgriff und nieselbst\nfür den Ausdruck ganz die Gränzen zu verlassen wagte,\nwelche ihn mit dieser Form im Zusammenhang hielten,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.3", "texte": "da wird ihm nun der Dichter zurufen: „ „Stürze dich zag-\nlos in die vollen Wogen des Meeres der Musik! Hand in\nHand mit mir kannst du nie den Zusammenhang mit dem\njedem Menschen Allerbegreiflichsten verlieren; denn durch\nmich stehst du jederzeit auf dem Boden der dramatischen\nAction, und diese Action im Momente der scenischen Dar-\nstellung ist das unmittelbar Verständlichste aller Gedichte.\nSpanne deine Melodie kühn aus, dass sie wie ein ununter-\nbrochener Strom sich durch das ganze Werk ergiesst; in\nihr sage du, was ich verschweige, weil nur du es sagen\nkannst; und schweigend werde ich Alles sagen, weil ich\ndich an der Hand führe.\"\"\n„In Wahrheit ist die Grösse des Dichters\nam meisten danach zu ermessen, was er ver-\nschweigt, um uns das Unaussprechliche selbst\nschweigend uns sagen zu lassen; der Musiker\nist es nun, der dieses Verschwiegene zum hellen\nErtönen bringt, und die untrügliche Form sei-\nnes laut erklingenden Schweigens ist die un-\nendliche Melodie.\" (??)\nSo drehen wir uns immer wieder in demselben Kreise\nherum, von dessen Peripherie alle glänzenden Radien auf\nden Einen Mittelpunkt, das Ich des Schreibers, zusammen-\nschiessen. '\n%\nBei der projectirten Anwendung der Beethoven'schen\nSinfonie auf das Drama hat Wagner nur ein kleines Mo-\nment nicht in Anschlag gebracht, das uns dazu doch eini-\nger Maassen nothwendig erscheint, das ist das Genie Beet-\nhoven's, in Verbindung mit dem vollkommensten musica-\nlischen Wissen, aus einem oder zwei musicalischen Moti-\nven ein Musikstück zu schaffen, das allerdings „eine ein-\nzige, zusammenhangende Melodie\" genannt werden kann.\nSo lange wir in dem Dichter-Musiker nicht das geniale\nErfindungs-Vermögen, und nicht dieses allein, sondern\nauch die geniale Arbeit Beethoven's in musicalisch\nthätiger Schaffungskraft finden, werden uns Redensarten\nund die Dreistigkeit, sich mit einem mystischen Dunst-\nkreise als Priester des Sinfonie-Drama's in Beethoven'schem\nStile zu umhüllen, nur von dem anmaassenden Wollen,\nniemals aber von dem wirklichen Können desselben über-\nzeugen. Wir lassen Wagner's Aeusserungen über die Beet-\nhoven'sche Sinfonie gelten; aber in ihnen liegt ja die An-\nerkennung der nicht etwa steif contrapunktischen, sondern\ngenial angewandten thematischen Arbeit, ohne welche\nBeethoven's Verfahren unmöglich gewesen; und wo ist\nvon dieser in allem, was Wagner geschrieben, auch nur\neine Spur vorhanden?\nUnd wie unverantwortlich verhöhnt er den unmittel-\nbaren Vorgänger Beethoven's, den grössten Musiker aller\nZeiten, den Meister in Verbindung von phantasiereichem,\nmelodischem Inhalt mit vollendeter Form! Nachdem er\nvorher bei Erwähnung des italiänischen Opernstils man\nbegreift übrigens nicht, warum Wagner den von jedem\nMusikschüler schon vor langen Jahren zu begründenden\nTadel dieses Stils immer und immer wieder breit tritt und\nsich stets so geberdet, als wären die Opern Mozart's, Che-\nrubini's, Fidelio, Spontini's, Weber's, Marschner's u. s. w.\ngar nicht in der Welt!—nachdem er also geäussert, dass\nim italiänischen Opernhause die Musik während der Con-\nversation und der Besuche in den Logen fortfuhr mit der\nAufgabe, welche man bei grossen Diners der Tafelmu-\nsik stellt, nämlich durch ihr Geräusch die sonst schüch-\nterne Unterhaltung zum lauteren Ausbruch zu bringen,\nschreibt er wörtlich, wie folgt:\n„Noch bei den Vorgängern Beethoven's sehen wir\nbedenkliche Leeren zwischen den melodischen Haupt-Mo-\ntiven selbst in symphonischen Sätzen sich ausbreiten; wenn\nHaydn namentlich zwar schon diesen Zwischensätzen eine\nmeist sehr interessante Bedeutung zu geben vermochte, so\nwar Mozart, der sich hierin bei Weitem mehr der ita-\nliänischen Auffassung der melodischen Form näherte, oft,\nja, fast für gewöhnlich, in diejenige banale Phra-\nsenbildung zurückgefallen, die uns seine symphoni-\nschen Sätze häufig im Lichte der so genannten Tafel-\nmusik zeigt, nämlich einer Musik, welche zwischen dem\nVortrage anziehender Melodieen auch anziehendes Ge-\nräusch für die Conversation bietet; mir ist es we-\nnigstens bei den so stabil wiederkehrenden und lärmend\nsich breit machenden Halbschlüssen der Mozart'-\nschen Symphonie, als hörte ich das Geräusch\ndes Servirens und Deservirens einer fürstlichen\nTafel in Musik gesetzt.\" (S. 42.)\nUnd uns ist es bei diesen Worten, als wenn wir einen\nunverschämten Bettler auf einen Fürsten schimpfen hörten,\nweil es ihm verweigert ist, auch nur die Brosamen von\nder fürstlichen Tafel aufzulesen, geschweige denn, selbst\nmit daran zu sitzen.\nHat Wagner diese Lästerung Mozart's etwa durch die\nSchlussseiten seines Briefes abbüssen wolien, auf denen er\nsich herablässt, von den „grossen Meistern\" vor ihm zu\nsprechen? Wir können diesen ganzen Schluss-Passus nur\nfür ein Zugeständniss an die französischen Leser und an\ndie Stellung Wagner's in Paris vor der Aufführung seines\nTannhäuser halten. Zwar wehrt er sich überhaupt dage-\ngen, dass sein Brief eine Vorbereitung zu dieser Auffüh-\nrung sei,; behauptet auch, dass er in derselben „weniger\neine Speculation, als eine Angelegenheit des Herzens er-\nkennt\". Wir wissen aber, was wir auf solche Sentimen-\ntalitäten bei Wagner zu geben haben, und er widerspricht\nsich selbst, da er ja gleich in dem ersten Absätze der er-\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.4", "texte": "sten Seite die Hoffnung ausspricht, dass durch diesen Brief\n„mancher befangene Kritiker sich in die leichtere Lage\nversetzt fühlen werde, bei der bevorstehenden Aufführung\nnur das Kunstwerk selbst, nicht aber auch zugleich eine\nbedenklich erscheinende Theorie beurtheilen zu dürfen.\"\nAuch -unterlässt er nicht, ganz am Schlüsse dem Tannhäu-\nstr insbesondere noch ein empfehlendes Poslscriptum mit-\nzugeben, was wir ihm übrigens gar nicht verdenken kön-\nnen, da wir selbst der Aufführung der Oper eines deut-\nschen Componisten in Paris den grössten Erfolg wünschen,\netwa gerade so, wie man einer deutschen Macht den Sieg\ngegen das Ausland wünscht, aber nicht zu Gunsten eines\nr> r\nverwerflichen Systems.\nDeutsche Leser werden freilich erstaunen, wenn sie\naus Wagner's Munde die Aeusserungen hören: „Offenbar\nhat alles, was ich hier als strengste Consequenz eines idea-\nlen Verfahrens bezeichnet habe, unseren grossen Meistern\nvon je auch nahe gelegen. Aus rein abstracter Reflexion\nsind auch mir ja diese Folgerungen auf die Möglichkeit\neines idealen Kunstwerkes nicht aufgegangen, sondern ganz\nbestimmt waren es meine Wahrnehmungen aus den Wer-\nken unserer Meister, die mich auf jene Folgerungen brach-\nten. Standen dem grossen Gluck nur noch die Engigkeit\nund Steifheit der vorgefundenen und von ihm keineswegs\nprineipiel erweiterten, meist noch ganz unvermittelt neben\neinander stehenden Opernformen entgegen, so haben schon\nseine Nachfolger diese Formen Schritt für Schritt auf eine\nWeise zu erweitern und unter sich zu verbinden gewusst,\ndass sie, namentlich wenn eine bedeutende dramatische\nSituation hierzu Veranlassung gab, schon vollkommen für\nden höchsten Zweck genügten. Das Grosse, Mächtige\nund Schöne der dramatisch-musicalischen Con-\nception, was wir in vielen Werken verehrter Mei-\nster vorfinden, und wovon zahlreiche Kundgebungen nä-\nher zu bezeichnen mir hier unnöthig dünkt, ist Nie-\nmand williger, entzückt anzuerkennen, als ich,\nda ich mir selbst nicht verheimliche, in den schwächeren\nWerken frivoler Componisten auf einzelne Wirkungen ge-\ntroffen zu sein, die mich in Erstaunen setzten. Was\nvon je mich aber desto tiefer verstimmte, war, dass ich\nalle diese unnachahmlichen Vorzüge der dramatischen\nMusik in der Oper nie zu einem alle Theile umfassenden,\ngleichmässig reinen Stile ausgebildet antraf. In den\nbedeutendsten Werken fand ich neben dem Vollen-\ndetsten und Edelsten ganz unmittelbar auch das unbegreif-\nlich Sinnlose, ausdruckslos Conventionelle, ja, Frivole zur\nSeite.\"\n%\nEr gibt hierauf einige allgemeine Bemerkungen zum\nBeweise der letzteren Behauptung, fährt dann aber auf\nS. 50 fort: „Es ist wahr, die zuletzt bezeichneten lncon-\nSequenzen kommen nicht eigentlich bei unseren\nwirklich grossen Meistern vor, sondern vielmehr bei\ndenjenigen Componisten, bei denen wir uns mehr nur dar-\nüber wundern, wie sie sich auch Schönheilen zu eigen\nmachen konnten.\"\nEs wird dann auch Weber ganz besonders hervor-\ngehoben; ja, Wagner, der recht gut weiss, dass die fran-\nzösische Kritik auf der Stelle die Verwandlschaft des Tann-\nhäuser mit den Weber'schen Opern herausfühlen wird,\nwas sie schon bei seinen Concerten gethan, beeilt sich, zu\ngestehen: „Ich bin sicher, den vielleicht zu hoffenden Er-\nfolg zum grossen Theile noch dem sehr kenntlichen Zu-\nsammenhange dieser Oper mit denen meiner Vorgänger,\nunter denen ich Sie vorzüglich auf Weber hinweise, zu\nverdanken.\" Weiterhin wird Weber ein „reiner, edler\nund inniger Geist\" von ihm genannt und „sein erstes, ge-\nliebtes Vorbild\".\nTrotzdem kann er es natürlich nicht lassen, zu be-\ndauern, dass „die grossen Meister die Oper so nahe an\ndie Vollendung eines reinen Stils brachten\", aber doch\nimmer wieder „Rückfälle eintraten\", so dass selbst We-\nber sich bestimmen liess, „hier und da es mit dem Stil\nnicht so streng zu nehmen, sondern weisliche Zugeständ-\nnisse zu machen\". „Diese Zugeständnisse\", heisst es\ndann weiter, „werden Sie, ich glaube mich dessen rüh-\nmen zu können, in meinem Tannhäuser nicht mehr an-\ntreffen\"— eine leise Andeutung der Ueberflügelung We-\nber's durch den Tannhäuser—, nach welcher schliesslich\nbemerkt wird, dass, ausser in dem „Gedicht und der darin\nenthaltenen consequenten dramatischen Entwicklung\", „die\nForm des Werkes vielleicht das Wesentlichste sei, was\ndie Oper Tannhäuser von der Oper der Vorgänger unter-\nscheide\" .\nDas Letztere klingt ordentlich bescheiden. Nun, wir\nsind neugierig, was die Franzosen zu der Form, die sich\nhauptsächlich in den Recitativen im Tacte, den Arioso's\nu. s. w. offenbart, sagen werden, da dieselbe sie zu der\npsalmodirenden Weise Lully's und Rameau's zurückführt.\n\nVirtuosen-Productionen in den frankfurter\nMuseums-Concerten.\n\nII.\nDer zum zweiten Concerte (23. November) eingela-\ndene Künstler war der königlich hannoversche Kammer-\nVirtuose Herr August Kömpel, derselbe, der ungefähr\nvor Jahr und Tag an derselben Stelle mit dem eilften Vio-\nlin-Concerte seines ehemaligen Lehrers Spohr die Zuhö-\nrer in gerechte Bewunderuug versetzt hat, worüber Nr. 2"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.5", "texte": "d. 81. im vorigen Jahrgange Kunde gegeben. Diesmal fiel\nseine Wahl auf das zehnte Concert in von seinem\nLehrer, und als Zugabe folgten Variationen über ein Mo-\nzart'sches Thema von F. David.\nFragt der Cultur-Historiker, warum in unserer Zeit\ndie grossen Männer fast in jedem Fache immer seltener\nwerden, und findet er die Ursache -in der nivellirenden\nHartnäckigkeit, die sich dem emporringenden Streben des\nEinzelnen, aber auch seines Erhaltens auf erhöhter Stufe\nentgegenstemmt, so lässt sich diese Beobachtung auch auf\nmusicalischem Gebiete anstellen, und zwar, wie That-\nsachen zeigen, am ergiebigsten auf dem Felde der Repro-\nduetion. Nach dieser Bichtung hin weiss eine frühere Pe-\nriode wenig zu sagen von dem Kampfe des strebenden\nKünstlers mit seiner Zeit, wenn er in Folge erhaltener in-\ndividueller Ausbildung seinen eigenen Weg gehen wollte.\nEine grosse Anzahl Gleichstrebender, zumeist auf langen\nSchulbänken mechanisch abgerichtet, wie in der Gegen-\nwart zu sehen, stellte sich dem Einzelnen nicht entgegen,\num ihn entweder durch materielle Erfolge zu blenden,\noder, indem sie kunstwidrige Manieren zur Herrschaft\nbringt, selbst einen festen Charakter befangen zu machen\nund seine exceptiouelle Stellung unvermerkt zu gefährden.\nDieser Gefahr kann sich heutzutage Niemand ent-\no\nziehen; es kommt also nur darauf an, sie zu bestehen, im\n.\nallgemeinen Wettlaufe nach oben auf dem selbstgewähl-\nten Wege zu beharren, unbeirrt von den Sprüngen der\nMitläufer, denen die „Bewunderung von Kindern und von\nAffen\" zujauchzt, verachtend alle, denen zum Emporkom-\nmen jedes Mittel willkommen ist. Möge Herr Kömpel, der\nsich durch die Vergegenwärtigung des Spohr'schen Violin-\nspiels in die musicalische Welt nicht bloss von Deutsch-\nland so glänzend eingeführt hat, mit energischer Abwei-\nsung aller Verlockungen, die auf ihn eindringen mögen,\nden aller Spohr'schen Concertmusik eigentümlichen brei-\nten Stil unverrückt festhalten, einen Stil, der einen kräf-\ntig geführten Bogen und markigen Ton als wesentliche\nBedingungen voraussetzt, folglich der gegenwärtig herr-\nschenden Flüchtigkeit durch Uebeißeibung der Tempi\nschnurstracks entgegen ist. Bei moderner, flüchtiger Be-\nhandlung würde ein breit angelegtes und meist auch no-\ntenreiches Tongemälde, wie die Spohr'schen Concertstücke,\nzur Miniatur zusammenschrumpfen. Ein von Spohr selber\nmit Sorgfalt ausgebildeter Künstler soll alle ihn umgeben-\nden Irrlichter übersehen und mit gewissenhafter Pietät an\ndem Ueberkommenen hangen. Dies muss ihm einen ehren-\nvollen Platz in der Kunstgeschichte sichern. Er muss sich\nfür zu hoch halten, um den Mendelssohn-Concert-Geigern\nConcurrenz zu machen.\nUeber die David'schen Variationen und deren Vortrag\nneben einem Concerte von Spohr wäre ungefähr die An-\nmerkung zu machen: Wer zwei Herren aus entgegenge-\nsetzten Schichten des Volkes zugleich dienen will, muss\nnothwendiger Weise eine Doppel-Natur haben. Auf diese\nVariationen eben keinen Tadel werfend, erlaube ich mir\ndenn doch den Wunsch auszusprechen, dass ein Spieler\nwie Herr Kömpel sich mit derlei Compositionen nicht be-\nfassen möchte, ja, unbeschadet des angeeigneten Stils sich\nnicht damit befassen dürfe.—Es bleibt nur noch zu bestä-\ntigen, dass die Zuhörerschaft im frankfurter Museum den\nKünstler mit Beifall überschüttet hat.\nDas Programm zum vierten Concerte am 21. De-\ncember brachte zu freudiger Ueberraschung den Namen\neines der gefeiertsten Künstler und Componisten für die\nVioline aus der classischen Epoche, der von der lebenden\nGeneration der Geigenkünstler ganz vernachlässigt, von\nden fashionabien Virtuosen nur mit Achselzucken genannt\nwird; Viotti heisst der Mann. Dass dieser Name fast\ndem gesammten Concert-Publicum unbekannt, ist aus dem\neben Angeführten zu entnehmen, denn zählt er doch seit\ndrei Decennien zu den bereits Verschollenen*). Für dieje-\nnigen Musikfreunde, die über Viotti's Bedeutung in der\nKunstgeschichte näher informirt zu sein wünschen, wird\nnachstehende Stelle aus seiner Biographie nicht unwill-\nkommen erscheinen.\nViotti (Giovanni Battista), geb. 1755 zu Fontana in\nPiemont, gest. 1824 zu London, war einer der ausge-\nzeichnetsten Violinspieler und zugleich einer der vorzüg-\nlichsten Componisten für sein Instrument. Als der wür-\ndigste Schüler Pugnani's hat er dessen gediegene Schule\nrein fortgepflanzt und, selbst mit der Zeit fortschreitend,\nvervollkommnet; unter seinen Schülern sind Rode, Aldav,\nLibon, La Barre, Cartier, Vacher, Pixis u. A. zu erwäh-\nnen. Sein Ton war stark und voll, und sein Spiel verband\nmit Reinheit, Genauigkeit und ungemeiner Fertigkeit die\nreizendste Einfachheit. Von den genannten Schülern war\nes Bode, der am meisten zur Befestigung und Verbreitung\nder Schule gewirkt, andere sind inmitten ihrer Künstler-\nLaufbahn dem Leben entrissen worden. Wir besitzen von\nihm etwa 27 Concerte, 2 Concertanl-Sinfonieen für zwei\nViolinen, 36 Violin-Duette, mehrere Quartette und Trio's\nu. s. w.\nDas von Herrn Concertmeister Ludwig Straus im\nMuseum vorgetragene Concert in ist das vierund-\n\n*) Hier in Köln ist er das nicht. Nicht nur in der musicali-\nschen Gesellschaft haben wir Concerte von Viotti gehört,\nauch in dem Gürzenich-Concerte hat Joachim vor einem\noder zwei Jahren ein Concert von Viotti gespielt.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.6", "texte": "zwanzigste in der Reihenfolge, ein Werk von mauerfesten\nFormen, das seinen Mann sucht, der das erforderliche\nZeug zu dessen charaktergemässer Ausführung mitbringt.\nDass es in Herrn Straus den Bechten gefunden, darf hier-\nmit versichert werden. Männliche Kraft im Vereine mit\nschwungvoller Bogenführung, die nichts gemein hat mit\nder widerlich süsslichen Glätte des Bogens vieler der jetzi-\ngen Geiger, gestaltete die Leistung in Bezug auf Ton-\nQualität und Technik zu einer wahrhaft preiswürdigen.\nDie Tonfärbung anlangend, die Ingredienz nämlich, die\nvon den Werken der früheren Meister vorzugsweise be-\nansprucht wird, so gehört diese überhaupt zu den iobens-\nwerthesten Eigenschaften des Herrn Straus. Was jedoch\ndie ästhetische Seite des Vortrags, vornehmlich in den Pas-\nsagen betrifft, in so fern dieselbe auch von der Adjustirung\nder Violine bedingt wird, da wäre mehr Uebereinstimmung\nzwischen dem subjectiven Gefühle und dem objectiven Mit-\ntel zu dessen Ausdruck zu wünschen gewesen, um das\nSchöne in jeder Stelle makellos zur Erscheinung zu brin-\ngen. Der den modernen, überaus notenreichen Composi-\ntionen entsprechende dünne Saitenbezug lässt die erfor-\nderliche Kraltäusserung beim Auflegen des Bogens nicht\nzu. Bei aller Vorsicht wird die Wucht des Bogens die Saite\nbisweilen schwirren machen und dadurch den beabsichtig-\nten Glanz der Färbung beeinträchtigen. Es wird der phy-\nsischen Kraft des Herrn Straus ein Leichtes sein, sein In-\nstrument zu vollkommener Wiedergabe jener grossen Ton-\ngemälde in Stand zu setzen und in allen Stellen kunstschön\nerklingen zu lassen. Die am Schlüsse des ersten Satzes\neingelegte Cadenz war keine glückliche Erfindung. Ein\nGehäufe von Accorden allein ist noch keine Cadenz. Diese\nsoll ihre wesentlichen Bestandteile aus den Haupt-Moti-\nven des Satzes schöpfen, dessen Abschliessen sie glänzend\nund sinnig bewirken will. Heterogenes, etudenartiges Bei-\ngemische soll fern bleiben. Nebst diesem ist eine wohl-\nerwogene Kürze ein Haupt-Erforderniss der Cadenz. Lei-\nder ist in den Cadenzen der gegenwärtigen Virtuosen zu\noft das pure Gegentheil dieser Erfordernisse hörbar.\nIn dem ausgezeichneten Beifalle, dessen Herr Straus\nsich zu erfreuen gehabt, dürfte er zugleich die Aufforde-\nrung finden, die Gelegenheit wahrzunehmen, um bald ein\nanderes dieser Werke zu Gehör zu bringen, weiterbin\nO 7\naher auch einmal an unseren deutschen Louis Maurer\nzu denken, von dessen prächtigen Conceiten ausser der\nConcertante für vier Violinen unserer Zeit Alles fremd ge-\no\nworden. Wie das frankfurter musikliebende Publicum\nwerthvolle Compositionen aus der früheren Epoche auf-\nnimmt, wenn sie gut vorgetragen werden, das hat es\njüngst in der fünften Quartett-Sitzung des Herrn Straus\nmit Beethoven's Serenade Op. 8 (aus dem Jahre\n1798) wiederum dargethan. Diese in einigen Sätzen rei-\nzend schöne Composition voll Humor und Naivetät hat\nnach einem Quartett von Schumann in F-dur, Op. 41,\nauf die ganze Versammlung wie Balsam gewirkt.\nMit der Tarlini'schen Sonate (Pastorale in zu-\nfolge Programm) für Violin-Solo hat Herr Straus nur spo-\nradischen Beifall geärntet; mit Recht, denn derlei Stücke\ngehören in die Studirslube, nicht in den Concertsaal. Die\nVerbannung der wahrhaft lächerlichen Mode mit derlei\nSolo-Vorträgen würde den im Ganzen achtungswerthen\nCharakter der Museums-Concerte sicherlich noch erhöhen.\nDie Herren vom Orchester bedauern gewiss, während der\nProduction meist elender Salonstücke passive Zuhörer ab-\ngeben zu müssen, und würden sich unbezweifelt freuen,\nkleinere Werke mit Orchester-Begleitung, deren es für\nPianoforte und auch für Violine viele und gehaltvolle gibt,\nunter ihrer Mitwirkung zur Ausführung bringen zu können.\n\nA. Schindler.\n\nDie herabgesetzte Orchesterstimmung.\nIn Beziehung auf die Annahme der pariser Stimmung\nhat sieh in Dresden eine Warnungsstimme erhoben, aus\nwelcher wir als Curiosa folgende Stellen miltheilen:\n„Dem Vernehmen nach beabsichtigt man in Dresden\nebenfalls, wie in Paris, die hohe Orchesterstimmung herab-\nzusetzen, und sollen die dresdener Capellmeister mit Vor-\nschlägen darüber von der königlichen General-Direction\ndes Hoftheaters beauftragt worden sein. Diese Bereitwil-\nligkeit ist mit Dank anzuerkennen. Nur übereile man\nsich nicht und nehme ja nicht die neue pariser Normal-\nstimmung an, da dieselbe im Verhältnisse zur jetzigen dres-\ndener Stimmung nur um eine Kleinigkeit, nämlich bloss\neinen Achtelton, tiefer ist, während Sachverständige sich\nmehr für die Erniedrigung ungefähr um fast einen hal-\nben Ton aussprechen müssen. Offen gesagt, haben die\nFranzosen die richtige Lösung dieser wichtigen und über-\naus schwierigen Frage total verfehlt und der Kunst damit\nkeinen wahren Dienst erwiesen. (!)\n„Die Fehler, die in Paris dabei gemacht wurden,\nsind folgende:\n„1. Frankreich hätte nicht für sich allein eine solche\nwichtige Veränderung vornehmen sollen, sondern es hätten\nUnterhandlungen mit Kunstverständigen anderer Staaten,\nmit Deutschland, Italien, England, Russland und America\nStatt finden sollen, welche, wenn auch spät, doch den\nNutzen gehabt hälten, dass eine in der ganzen Welt gül-\ntige Tonhöhe eingeführt worden wäre. (!)"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.7", "texte": "„2. War die Commission aus Männern zusammenge-\nsetzt, welche von ihrem Standpunkte aus nicht die nöthi-\ngen Kenntnisse und Erfahrungen über diesen Gegenstand\nbesassen, welche zu der Entscheidung dieser Frage gehören.\n„3. Den Pianoforte-Fabricanten zu Liebe setzte man\ndie neue Stimmgabel nicht tief, weil man dem Pianoforte-\nhandel nach dem Auslande durch eine zu grosse Abwei-\nchung von der gebräuchlichen Tonhöhe keine Störung ver-\nursachen wollte.\n„4. Hatte man kein leitendes Princip, von welchem\nman ausging. Man wählte von den gegenwärtigen einge-\nsandten vielen hohen Stimmgabeln die tiefste, die an sich\nschon eine sehr hohe genannt werden muss, während man\nbloss die alte bewährte hätte wieder aufsuchen sollen.\n„Wie sonderbar! Zu der Zeit, als die französische\nRegierung diese Regelung der Tonhöhe vorhatte, gab es\nviele Personen, welche auf der Tonkünstler-Versammlung\nin Leipzig Vorträge über diesen Gegenstand halten woll-\nten, und sich lür befähigt glaubten, mit einigen akusti-\nschen Kenntnissen diese Frage zu erörtern. Sobald aber\nder Beschluss über die neue Stimmung von Paris ausge-\ngangen war, hat sich in ganz Deutschland noch nicht eine\neinzige beurtheilende Stimme über denselben ausge-\nsprochen. (??)\n„Da man in Deutschland bekanntlich Alles den Fran-\nzosen so gern nachahmt (in Köln hat die Concert-Direc-\ntion bereits unter Hiller die französische Normal-Stimm-\ngabel angenommen, auch St. Petersburg hat sich vorschnell\nfür dieselbe entschieden), so ist es hohe Zeit, Deutschland\nvon der Annahme derselben abzurathen und zu warnen.\n„Will Dresden eine andere Stimmung als die pari-\nser annehmen, so wird es rathsam sein, sich mit den grös-\nseren Capellen Deutschlands in Einvernehmen zu setzen.\"\n(Ein solcher Bundestag würde sicher am schnellsten\neinig werden!)\n\nAus Düsseldorf.\nDer düsseldorfer allgemeine Musik-Verein hat im ver-\ngangenen Jahre die Reihe seiner vier ersten Abonnements-Concerte\nunter Leitung des städtischen Musik-Directors Herrn Julius\nTausch durch das Concert am 20. December beschlossen. Wollte\nman den Maassstab für die Vorzüge eines Concert-Instituts nach der\nZahl der Abonnenten nehmen, so würde man keineswegs immer ge-\nrecht sein, da zumal in kleineren Städten eine Menge von Ursachen,\ndie der Kunst ganz fern liegen, auf den mehr oder weniger zahl-\nreichen Besuch der Concerte einwirken.\nGewöhnlich bildet die musicalische Gemeinde einen Staat im\n/\nStaate, und da sie denn in der Regel eine republicanische ist, so\nist es gar oft sehr schwer, die „harmonischen\" Republicaner unter\nEinen Hut zu bringen. Weil alle Leiter und Beamten des republi-\ncanischen Staates von Wahlen abhangen, so gibt es leicht Parteien,\ndie sich für einen bestimmten Mann interessiren, und oft verliert\ndie besiegte Partei, wenn ihr Mann nicht gewählt wird, plötzlich\nallen Sinn für die Kunst! Ja, man sagt, dass diese Kleinstädterei\nselbst in einer sehr grossen Stadt am Rheine so weit geht, dass man\nsogar für einen Platz Partei macht, und nur dann für den Bau\neines neuen Kunsttempels stimmt und zeichnet (d. h. Geld), wenn\ner auf den von der Partei bestimmten Boden zu stehen kommt,\nsonst nicht.\nDabei scheint es uns aber, die wir wirklich für die Kunst ein-\ngenommen sind, sehr verkehrt und unverantwortlich, wenn man den\neinen republieanischen Grundsatz annimmt und den anderen nicht\nnämlich den, dass sich alle wahren Patrioten der Majorität der\nStimmen fügen.\nEin anderes Ding von Einfluss auf den Concertbesuch, das eben-\nfalls ausser der Kunst liegt, ist die Mode. Ist es einmal dahin ge-\nkommen, dass es zum Tone der gebildeten Welt gehört, Conoerte\nzu besuchen, dass sieh die Damen fragen, was sie im nächsten Con-\ncerte anziehen, dass man sich neue Kleider dazu machen lägst, dass\nes specielle Toilettenstücke gibt, die nach dem Concerte benannt\nwerden, wie z. B. Concert-Mäntel, Concert-Shawls u. s. w., dann\nhat man gewonnen.\nEin Drittes, das dem Concertbesuche freilich am meisten im\nWege steht, ist der wirkliche Mangel an Kunstsinn. Es gibt Städte,\nwo eine Menge einzelner Herren und eben so auch Familien woh-\nnen, die von ihren Kenten leben, denen es aber nie einfällt, aus\ndem reichlichen Strome derselben auch nur ein kleines Canälchen\nzur Berieselung der Wiesen der Kunst abzuzweigen. Das schöne\nGrün und der Duft derselben hat für sie keinen Reiz, da sie weit\nlieber auf dick wolligen holländischen Teppichen und hinter schwe-\nren Damast-Vorhängen sitzen, und zu Anderer Freude beizutragen,\ndazu sind sie viel zu egoistisch, vielleicht auch zu fromm.\nWir wissen nun nicht, welche von diesen Ursachen in Düssel-\ndorf etwa vorhanden ist, oder ob vielleicht die zweite gar nicht,\ndie erste und dritte aber beide wirksam sind, um den geringen\nConcertbesuch zu veranlassen; man kann es uns aber nicht verden-\nken, wenn wir uns die Erscheinung dieser Thatsache in der Kunst-\nstadt Düsseldorf zu erklären suchen.\nIm vierten Concerte, dessen Publicum trotz des hart beginnen-\nden Winters um mehrere Fremde vermehrt war, hörten wir eine\nganz gute Ausführung der grossen Leonoren-Ouverture von Beet-\nhoven, und im zweiten Theile wirkten Chor und Orchester zu der\nAufführung von Men delssohn's 42. Psalm, den numerischen\nKräften, die freilich keine Massen aufstellen können, gemäss, auf\nbefriedigende Weise. Fräulein Hermine Mann aus Barmen be-\nwährte sich als eine musicalisch gebildete Sängerin; die Wahl der\ngrossen Arie der Vitellia aus Titus : 9Non p>ü di fioria} war nicht\nganz zweckmässig, da sie bedeutendere Stimmmittel erfordert.\nDie Krone des Abends waren die Leistungen des königlich han-\nnoverschen Kammer-Virtuosen August Kömpel, der hier zuux\nersten Male auf Spohr's Geige, die jetzt sein Eigenthum ist, spielte.\nDer Vortrag der herrlichen »Gesangscene* Spohr's in dem\nbreiten und grossen Stil, für welchen sie geschrieben ist, mit\nder Fülle des Tones und der krystallenen Reinheit, welche letztere\nnamentlich beim Eintritte der Stelle in Doppelgriffen auf wahrhaft\nhinreissende Weise wirkte, mit dem kräftigen Schliff der Passagen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610112-01.1.8", "texte": "und dem innigen Gesang in den melodischen Adagio-Stellen die-\nsen Vortrag Kömpel's zählen wir in der That zu den edelsten und\nschönsten, die wir je gehört haben. Nachher spielte Herr Kömpel\nnoch die furchtbar schwierige Fuge in G-moll und das Präludium\nderselben von J. S. Bach für die Violine allein, wobei er eine stau-\nnenerregende Bewältigung des meist dreistimmigen, oft vierstimmi-\ngen antiken Bravourstückes entfaltete, und das nicht etwa im dün-\nnen Salonstil, sondern stets mit markigem Tone und breitem Strich\nOb aber dergleichen in den Concertsaal passe, darf allerdings be-\nzweifelt werden.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDie Musicalienhandlung von Heinrichshofen in Magde-\nburg hat einen nhistorischen Notiz-Kalender für Musi-\nker und Musik fr eunde* von F. X. Chwatal herausgegeben\n(Pr. 14 Sgr.), welcher für jeden Monatstag einige merkwürdige mu-\nsicalische Ereignisse oder biographische Notizen von Tonkünstlern\nanführt, auch mit Ergänzungen und einem Register versehen ist.\nSogar eine (freilich sehr dürftige) Geschichte der Musik fehlt nicht,\ndie mit folgender Notiz schliesst: „Napoleon 111, Kaiser der\nFranzosen, führte 1859 die Normal-Stimmgabel ein, um die\nStimmung Europa's zu regeln.u Da der Kalender mit Schreib-\npapier durchschossen ist, so kann er dem Musiker dazu dienen, die\nmusicalischen Ereignisse des Jahres 18G1 darin einzutragen."}]}