{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-03-02-01", "volume": "bmtnabi_1861-03-02_01", "ocr_sha256": "bc4db2b9bbb9d769a8bc0bb1563edf03020d7d75a279edddddb4f823e9b14f64", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/03/02_01/bmtnabi_1861-03-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-02-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-02_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "65", "page_fin": "65", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 422, "texte": "Inhalt.\nKunst und Handwerk. I Beurtheilungen (Abraham, Oratorium yon C. A. Mangold Chr. Fink, Zehn geistliche\nLieder, Op. 8 und 10 Eduard Beez, Vier Motetten, Op. 2 Heinrich Marschner, Fünf Gesänge, Op. 188). Von M. Aus Osna-\nbrück (Concerte). Von Severus. Eine kolossale Marktschreierei. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, IV. Soiree für\nKammermusik, Fräul. Ingeborg-Starck, Herr Schmidt Wien, Tausig's Liszt-Concerte)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-02-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-02_01#c002", "volume": "bmtnabi_1861-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "65", "page_fin": "67", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.2.2", "titre_corps": "Kunst und Handwerk.", "titre_sommaire": "Kunst und Handwerk.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.1", "debut_caractere": 424, "fin_caractere_exclue": 4183, "texte": "Kunst und Handwerk.\nI.\nUnter diesem Titel mit dem Beisatze: „ein Roman\nvon dem Verfasser der Abenteuer eines Empor-\nkömmlings\", ist bei J. D. Sauerländer in Frank-\nfurt a. M. ein Buch in drei Bänden erschienen, welches\ndas Thema, das der Titel ausspricht, in Bezug auf die Ton-\nkunst in höchst anziehender Weise behandelt und durch\ngewandte, fliessende Darstellung fesselt, die in einfacher\nWeise, ohne nach französischem Feuilleton-Esprit und pi-\nkantem so genanntem Humor zu jagen, die fortwährende\nTheilnahme des Lesers rege zu halten weiss.\nDer „Roman\" des Buches ist eigentlich nur auf dem\nTitel vorhanden; er ist nur Rahmen der scharf nach dem\nLeben gezeichneten Künstler-Charaktere, Einkleidung der\nSchilderungen musicalischer Zustände in die Form von Er-\nzählung des Erlebten, Beobachteten und Erfahrenen. Der\nVerfasser, dessen „Abenteuer eines Emporkömmlings\"\nschon eine sehr gute Aufnahme gefunden hatten, ist ein\nMusiker, der es jedenfalls mit seiner Kunst ehrlich meint\nund bei Darlegung seiner Ansichten von einem gebildeten\nGeiste, von gründlichem Wissen, das sich aber niemals\npedantisch oder langweilig breit macht, von scharfer Be-\nobachtungsgabe und von reicher Lebenserfahrung unter-\nstützt wird.\nSeinen Standpunkt und seinen Zweck spricht er in dem\nöl.Capitel: „Abschied vom Leser\", folgender Maassen aus:\n„Wenn ein Wassertropfen, der dem Auge klar und\ndurchsichtig erscheint, unter ein Sonnen-Mikroskop gebracht\nwird, so schaudert mancher Beschauer zurück vor dem\nAnblicke, der sich ihm plötzlich bietet; er sieht eine Welt\nvon Ungeheuern, die sich mit unbegreiflicher Schnelligkeit\nbewegen, sich gegenseitig angreifen und zerreissen; er sieht\nSkelette, die in ihrer Formation den Mammuthen der ante-\ndiluvianischen Zeit gleichen. Es wird ihm unglaublich er-\nscheinen, dass alles, was er vor sich sieht, in dem Wasser\nvorgehe, das Gott dem Menschen als unentbehrliches Mit-\ntel seiner Erhaltung bestimmt hat. Und er wird vielleicht\nunter dem ersten Eindrucke jenes Anblickes für unmöglich\nhalten, dass ein Tropfen Wasser je mehr über seine Lippen\nkomme. Aber er wird dennoch Wasser trinken, nach wie vor.\n„Dem Wassertropfen sind viele Verhältnisse des mensch-\nlichen Lebens zu vergleichen. Wir leben in ihnen, sie er-\nscheinen uns mehr oder minder klar; sobald wir sie ge-\nnauer prüfen, entdecken wir Schrecknisse, die es fast un-\nbegreiflich erscheinen lassen, dass der Mensch noch eine\nFreude am Leben finden könne. So geht es dem Forscher\nim unermesslichen Kreise der Weltgeschichte; so geht es\ndem Forscher im kleinsten Kreise socialer Verhältnisse, so-\nbald menschliche Leidenschaften daselbst Spielraum finde».\n„Dieser Forscher darf jedoch die Welt eben so wenig\nnach einzelnen mikroskopischen Untersuchungen beurthei-\nlen, als es dem Arzte einfallen darf, das Wesen und Wir-\nken des Menschen aus anatomischen Zergliederungen er-\nkennen zu wollen; er unternimmt sie, weil er durch sie\ndie Ursachen vieler menschlichen Krankheiten ergründet,\num diese desto sicherer zu heilen.\n„Das Gleichnissist nicht in dem Sinne aufzufassen,\nals sollte der Leser dieses Buch wie eine Darstellung von\nResultaten mikroskopischer Untersuchungen betrachten.\nNein! der Verfasser kann mit gutem Gewissen behaupten,\ndass er bei seinen Schilderungen musicalischer Zustände\nnicht einmal ein gewöhnliches Vergrösserungsglas an-\nwandte. Wohl aber hat er sich nicht gescheut, jene trüge-\nrische Decke, welche Eleganz, Mode oder Hypokrisie\ndie falsche Gemüthlichkeit über manchen Uebelstand\nausbreitet, herabzureissen. Ihm schwebte, während er mit\nunbewaffnetem Auge forschte und prüfte, jenes Gleich-\nniss als Richtschnur seines Urtheils vor. Er hat\nüber die vielen einzelnen Miseren des modernen Musiker-\nlebens nie einen Augenblick die Ueberzeugung aufgege-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5403, "texte": "ben, dass den echten Tonkünstler eine herrliche Zukunft\nerwartet. Ihm selbst ist, während er dieses Buch schrieb,\nimmer klarer geworden, dass die gegenwärtige Periode\neine jener Uebergangs-Perioden ist, in welchen die Uebel-\nstände sich bemerkbarer machen als die Symptome der\nBesserung.\n„Kunst und Handwerk werden sich scheiden. Die mu-\nsicalischen Handwerker werden bleiben, was sie immer\nwaren, Menschen des Tages und der Mode; aber in dem\nStreben der Tonkünstler und in ihrer Stellung wird eine\nV eränderung Statt finden. Sie waren zuerst von den deut-\nschen Romantikern als zwischen Erde und Himmel schwe-\nbende Wesen dargestellt, die nirgends festen Fuss fassten;\nwurden dann von den französischen Romantikern zu Sa-\nlonhelden gestempelt; sie werden jetzt erkennen, dass ihre\nMission eine culturhistorische, nationale, echt bürger-\nliche—im höheren Sinne des Wortes ist, gleich jener\ndes Dichters und des bildenden Künstlers. Sie werden er-\nkennen, dass zur Erfüllung dieser Mission Sammlung, ern-\nstes Studium aller Zweige ihrer Kunst und eine hö-\nhere Bildung nolhwendig ist, als der Musiker bisher ge-\nnossen hat, eine Bildung, die ihn gleichmässig bewahre\nvor dem Verflachen im schillernden Modeleben, im geist-\nreichen oder sentimentalen Salongeschwätze, wie vor dem\nVersumpfen in dem gemeinen Coteriewesen, das jetzt über-\nall vorherrscht, und das in Deutschland nur zu oft mit\ndem Ausdruck: „gemüthliche (!) Geselligkeit\", bezeich-\nnet wird. Es soll damit nicht etwa gesagt sein, dass der\nTonkünstler den heiteren Lebensfreuden, wo immer er sie\nfindet, entsage, wohl aber, dass er gewisse Annehmlichkei-\nten nach ihrem wahren Werthe schätzen lerne!\nUnd wir schliessen mit den Worten Lenardo's:\n„Jeder wahre Künstler hat den Compass in der eige-\nnen Brust; er folge ihm —er steuere kühn ins unbekannte\nMeer des Lebens —, er wird, wie einst Columbus, viel-\nleicht das Land nicht finden, das er sucht, aber er wird\nneue Welten entdecken.\"\nAls Probe der Darstellungsweise geben wir einen Ab-\nschnitt aus dem 42. Capitel, das in einem Badeorte spielt.\nDer tüchtige Musiker Horst hat mit einem Unternehmen\nvon Soireen für Kammermusik nichts gemacht und viel\nGeld verloren.\nEr klagt über das Schicksal und bildet sich ein, dass\nein solches Unglück nur ihn treffen könne. Ein Spiel-Auf-\nseher {Chef de parti), der als Vater einer musicalischen\nTochter sich einiger Maassen für ihn interessirte, befreite\nihn aus dem bösen Irrthum und beschrieb ihm die Stellung,\nwelche die Künstler in den Badeorten einnehmen.\n„Mein lieber Mr. Horst,\" meinte er, „Sie wissen am\nbesten, wie sehr die Concerte das Publicum bereits in der\nStadt und im Winter ennuyiren; wie wollen Sie nun, dass\nes auf dem Lande und im Sommer ein Concert besuche?\nIch bin nun seit zwanzig Jahren bei dem „ „Etablisse-\nment* ich liebe die Künstler schon um meiner Tochter\nwillen, die ja „ „musicienne\"\" ist, dennoch muss ich sa-\ngen, man will alle Tage weniger wissen von Concerte»,\nund alle Tage kommen mehr Concertgeber! Bevor es noch\nweniger „ „Etablissements cle ee genre\"\", also auch weni-\nger Concurrenz gab, halten wir hier und da wirklich bril-\nlante musicalische Soireen. Diese wurden aber von den\neuropäischen Berühmtheiten veranstaltet, die von der gan-\nzen Aristokratie gekannt waren; denn bevor die Eisenbah-\nnen errichtet waren, hatten wir hier einerseits bessere Ge-\nsellschaft, andererseits kamen nur grosse Künstler, wie\nLiszt, Thalberg, Kalkbrenner, Rubini, die Pasta oder Ca-\ntalani und Leute von diesem Caliber hieher. Und selbst\ndiese concertirten auch nur Ein Mal mit grossem pecu-\nniärem Erfolge, ein zweiter Versuch fiel meistens ungünstig\naus; ich kann mich erinnern, dass Thalberg und Beriot\nnur ein volles Concert gaben, das zweite war fast leer.\nAber selbst diese Zeiten sind vorüber. Die Musiker sind\njetzt „„ä la charge de la direction\"\". Sie wenden sich an\n„„uns\"\", „„wir\"\" bezahlen sie nach Maassgabe ihrer\nreputation; es gibt deren, die besonders gut mit der Di-\nrection stehen, und die werden über ihren Werth hono-\nrirt; in dieser Weise setzen wir des Jahres wenigstens\nsechs bis zehn Tausend Franken zu; denn nur die Unko-\nsten unserer Concerte zu decken, ist uns niemals eingefal-\nlen, und desswegen waren wir froh, dass Sie gar nichts\nverlangten, als den Saal. Und waren es nur berühmte\nLeute, oder wenigstens Männer von Talent, gleich Ihnen,\ndie wir bezahlen müssen! Alle ausgesungenen Sänger und\nSängerinnen, Ciavierspieler und Ciavierspielerinnen, Geiger\nund Violoncellisten, die Niemand mehr in Paris hören will,\nkommen mit Empfehlungsbriefen von hohen Personnagen,\ndie man nicht ignoriren darf, zu uns, und wir müssen sie\nmit ein paar Hundert Franken abspeisen. Wir sind die\nEscompteurs, auf welche die grossen Herren ihre Günst-\nlinge anweisen. Wir geben alle Augenblicke ein Concert,\nsenden Freikarten an die Honoratioren der Gesellschaft\nund sind noch froh, wenn sie hier und da selbst kommen\nund nicht ihre Maitressen oder Dienerschaft in den Saal\nschicken. Die grossen berühmten Künstler haben sie den\nganzen Winter hindurch bis zum Ueberdrusse gehört, und\num der anderen willen, die sie in Paris oder anderswo\nnicht hören wollten, werden sie sich doch gewiss nicht\nderangiren. Nur bei einem grossen Musikfeste, wo die höch-\nsten Herrschaften erscheinen, da drängt sich die schöne\nWelt heran; im Uebrigen aber könnten wir das Geld, das\ndie Künstler erhalten, eben so gut für eine Seiltän-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3636, "texte": "zer- oder Reiter-Truppe verwenden, wir würden\nbei dem Publicum jedenfalls mehr Dank ärnten. Wenn\nwir nichts desto weniger jene Anderen bezahlen, so ge-\nschieht es, um dem Geschrei in den Zeitungen, mit denen\nsie in Verbindung stehen, auszuweichen. Sehen Sie, lieber\nMöns. Horst, Sie haben die eigentlichen Verhältnisse nicht\ngekannt und sind auch sonst ein Mann von besseren Ge-\nfühlen, als viele Musiker, die hier sind; soll ich Ihnen im\nVertrauen meine offene Meinung sagen? Wenn ich ein\ntüchtiger Künstler wäre, ich ässe lieber ein\nStück Brod und Käse und wahrte meine Würde*),\nals dass ich mich in die Stellung versetzte, mir\nvon einer Direction ein nobles Almosen reichen\n/\nzu lassen.\"\nHorst fühlte wohl die bittere Wahrheit dieser nüch-\nternen, kalten Betrachtungen, er versuchte aber, einen Ein-\nwurf zu erheben, um wenigstens einem Spiel-Aufseher ge-\ngenüber die Künstler, so gut es ging, zu vertheidigen.\n„Sie werden doch eingestehen,\" sagte er, „dass auch sehr\ntüchtige und ehren wert he Künstler hier gewirkt haben\nund von der Direction bezahlt wurden; dass jene dabei\ngewiss nichts von ihrer Würde vergaben.\"\n„Das ist alles recht schön; diese grossen Herren\nKünstler stecken das Geld ein und bekümmern sich nicht\num den fond du sac;sie sehen bloss, dass man unendlich\nhöflich mit ihnen umgeht, und dass die eleganten Leute,\nwelche berühmten Namen überall huldigen, ihnen Beifall\nzuklatschen. Wenn es ihnen aber einmal beifiele, ein Con-\ncert auf eigene Faust zu veranstalten oder die eigentliche\nMeinung der Direction zu kennen, dann würden sie bald\nauf andere Ideen kommen. Auch glaube ich, dass Mancher\nauch sich vom Ehrgeiz, von der Eitelkeit verblenden lässt!\nWas vergisst der Mensch nicht alles im Augenblicke, wo\ner felirt wird! Und welcher Künstler denkt wohl daran,\ndass selbst seinem begeistertsten Verehrer hier bei uns eine\nglückliche „ „veine\"\" im Spiele doch noch lieber ist, als\ndie bestvorgetragene „ „pieceu\", und dass dieser begeisterte\nVerehrer im Moment eines „ \" alle Concertgeber\nder Welt, seinen Freund mit einbegriffen, zum T\nwünscht? Dass unsere französischen Tonkünstler sich um\nso etwas gar nicht kümmern, ist ganz natürlich; sie sind\nein sorgloses Völkchen, kommen hieher, um sich zu amü-\nsiren und ihre Bekannten zu sehen, und wenn sie bei die-\nser Gelegenheit ein paar Hundert oder ein Tausend Fran-\nken-—je nach ihrem Rufe—für zwei Solo-Piecen oder\nArien in die Tasche stecken können, so prüfen sie wenig,\nob dieses Geld aus der Casse Sr. Maj. des Kaisers kommt,\noder aus der eines Spielbank-Directors. Aber dass die\nDeutschen, die doch immer auf die Unmoralität unserer\nEtablissements schimpfen, unser Geld für ihre Leistungen\nso gern nehmen, und auch keinen Schritt unversucht las-\nsen, um dieses Geld von uns zu erhalten, sich an uns em-\npfehlen lassen, uns schreiben, uns bitten, ja, oft auch be-\nlästigen, das könnte mich billig wundern, wenn ich nicht\nschon lange aulgegeben hätte, mich über etwas zu wun-\ndern. Mein lieber Herr Horst, wir lernen hier die Menschen\nvon einer anderen Seite kennen, als von der die Welt sie\nkennt; uns gegenüber glauben sie einerseits sich keinen\nZwang auflegen zu müssen weil wir doch Spielpächter\nund Spielbank -Employessind—, andererseits verlieren sie\nauch wieder jede Selbstbeherrschung, wenn sie ihr Geld\nverloren haben, und mit dem letzten Geldstück schwindet\ngar oft der letzte Rest von „ „tenue\"\" und „ \".\nHe, he, he! ich kenne die Menschen im Allgemeinen, und\ndie reisenden Virtuosen gehören nicht zu der Gattung Men-\nschen, die schwerer zu kennen wären, als andere!\"\n*) 9Je conserverais ma üigniti.* Die oben angeführte Aeusserung\nist historisch."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-02-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-02_01#c003", "volume": "bmtnabi_1861-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "67", "page_fin": "69", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.2.3", "titre_corps": "Beurtheilungen.", "titre_sommaire": "Beurtheilungen.", "signature_source": "M", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.3", "debut_caractere": 3638, "fin_caractere_exclue": 5132, "texte": "Beurtheilungen.\n\nAbrah am, Oratorium in zwei Abtheilungen nach\nWorten der heiligen Schrift von C. A. Mangold.\nClavier-Auszug vom Componisten, Preis 6% Thlr.\nChorstimmen, a 17% Ngr. Textbuch 3 Ngr.\nEinzelne Nummern zu 5—20 Ngr. Partitur und\nOrchesterstimmen sind in Abschriften zu beziehen.\nVerlag von J. Rieter-Biedermann in Winterthur\n(Leipzig, bei Hofmeister). Einleitung und 24 Nrn.\nDas Oratorium ist bei seiner zweimaligen Aufführung\nin Darmstadt—das letzte Mal in Gegenwart und, wie man\nhörte, auf specielle Veranlassung des Königs Ludwig von\nBaiern—mit allgemeinem, lebhaftem ßeifalle aufgenom-\nmen worden. Es ist dem durch sein ernstes, schönes Stre-\nben bekannten Cäcilien-Vereine in Frankfurt am Main ge-\nwidmet. Der Text ist ganz aus dem Worte Gottes ge-\nschöpft, ohne Davon- und Dazuthun, schlicht und erhaben,\nwie es in den heiligen Büchern vorliegt, Alles in gediege-\nnen Kernsprüchen, dem ergriffenen Gefühle zu eigener,\ninnerer Thätigkeit dahingegeben. Die Handlung, in so fern\nund in so weit als man von einer solchen bei einem Ora-\ntorium zu sprechen berechtigt ist, zumal bei dem vorlie-\ngenden, welches mehr lyrisch als dramatisch ist, umfasst\ndie Haupt-Momente der Geschichte des Patriarchen: seine\nTrennung von Loth; die Aufforderung des Herrn und Bot-\nschaft Abraham's davon an Loth, und Zwiegespräch Bei-\nder; die Verheissung Gottes an Abraham; Hagar; die\nFlucht der Magd Sara's; die Verheissung eines Sohnes von\nder Sara durch den Vornehmsten der drei Engel (I. Ab-\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5425, "texte": "theilung). Das Urthei! über Sodoma und seine Erfüllung;\nHagar in der Wüste; Tröstung durch einen Engel; die\nOpferung Isaaks (11. Abtheilung).\nMangold hat die Worte allein gewählt, und man rauss\nsagen, mit grossem Geschick. Man kann dieses Verfahren,\ndas sich an Bach's und Händel's Art und Weise anschliesst,\nnur billigen. Ueberhaupt aber sollte man sich freuen, wenn\nheutzutage ein Künstler wieder einmal in die Saiten der\nHarfe David's greift, da dies so ganz gegen den Geist der\nGegenwart ist. Nicht als ob ich in einseitiger Bewunde-\nrung der geistlichen Musik erstarrt wäre; aber immer bin\nich besonders beglückt, wenn ich einem Talente begegne,\ndas, von den Schwingen des Geistes Gottes berührt, seinen\nFlug vor Allem nach oben nimmt. Die Grösse Gottes durch\ndie Tonkunst vor den Menschen zu verherrlichen, bleibt\ndoch die erhabenste Aufgabe der Musik.-Den religiösen\nCharakter bewahrt nun Mangold's Oratorium durchweg,\nund das ist ein grosser Vorzug desselben.\nDie Instrumental-Begleitung schlägt gleich den rech-\nten Ton an; sie entrückt uns allmählich dem irdischen Ge-\ntöse und entführt unsere Gedanken in höhere Regionen.\nDass sie den Grundgedanken des ganzen Oratoriums wie-\nderspiegelt, beweis't, dass der Autor die Idee eines sol-\nchen Tonstückes wohl erfasst hat. Manchem wird sie nicht\nweit genug ausgesponnen sein; mir gefällt gerade diese\nprägnante Kürze. Die Kunst und Gewandtheit des Instru-\nmentirens, die darin uns entgegentritt, ist ein Vorbild von\ndem durch die 24 Nummern fort und fort sich steigern-\nden Verständnisse des Charakters der Instrumente, von\nder Feinheit, mit der überall das rechte Instrument ge-\ntroffen ist, von der tiefsinnigen Gruppirung, von der wohl-\nüberlegten Verwendung derselben, namentlich zu sanftem\nAusdruck. Vielleicht tritt die nicht zu verkennende Vor-\nliebe für die tieferen Chorden der Viola, des Violoncello\nund der entsprechenden tieferen Blas-Instrumente zu oft\nund zu stark hervor; indess da, wo sie verwandt sind, ist\nihr Auftreten doch meist zu rechtfertigen, z. B. bei den\nRecitativen Abraham's u. s. w. Diese, die Recitative näm-\nlich, sind überhaupt so ganz, wie sie sein sollen, der Ueber-\ngang der pathetischen Rede zum Gesänge, dass ein tüch-\ntiger, fühlender Sänger schon mit ihnen einen tiefen Ein-\ndruck erzielen kann, besonders an Stellen, wo durch den\nText ein kurzes Arioso cantabile a tempo geboten erschien.\nEin minderes Moduliren bezüglich der Harmoniefolge wäre\nvielleicht hier und da am Platze gewesen. Mangold ver-\nsenkt sich stets ganz in seinen Text, daher sind auch seine\nArien stets der Wiederschein des Funkens, der von dem\nWorte aus in das Herz des Componisten zurückstrahlt;\nsie drücken stets jene Empfindungen und Gefühle aus,\nwelche der Text und die Situation erheischen. Mangold\nFasst alle Momente des zum Ausdruck kommenden Affectes\nwie in einen Brennpunkt zusammen, aus dem die Melo-\ndieen hervorstrahlen; seine Töne sind dann das Svmbol\ndes inneren Affectes, den das Wort in sich trägt, z. B. des\nVertrauens Abraham's auf den Herrn, des Hülfeflehens\nder Hagar, der Anbetung Gottes durch Abraham, der\nTröstung Hagar's durch den Engel, der Ermunterung und\nErmulhigung Abraham's durch denselben (eine gar wun-\nderherrliche Nummer). Hier und da tönt freilich wohl ein\nminder origineller Anklang auf, oder das vorschwebende\nMuster ist mehr oder minder erkennbar.\nDie eigentliche Meisterschaft bewährt sich aber in den\nChören. Eine schöne Cavatine, ein hübsches Arioso kann\nauch einem weniger gebildeten Musiker gelingen; aber\nein kunstgerechter Chor erfordert musicalisches Wissen;\ndies ist dabei die Conditio sine qua non. An diesem Erfor-\ndernisse scheitern die meisten der jetzigen Componisten.\nDie Chöre in der gediegenen Weise Händel's, Bach's, Mo-\nzart's, Haydn's werden immer seltener. Mangold hat auch\nnach dieser Richtung hin sehr Gutes geleistet. Vermisst\nman auch allerdings eine eigentliche Fuge in seinem Ora-\ntorium (man muss aber auch gestehen, dass der Text nicht\nwohl Veranlassung dazu bot), so begegnen uns doch treff-\nliche contrapunktische Führungen, und namentlich sind\ndie Chöre: „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist\",\n„Seine Blitze leuchten\", „Gelobt seist Du, Gott\", den Ar-\nbeiten der alten Meister nicht unebenbürtige Schöpfungen.\nDass Mangold das Auftreten und Sprechen Jehova's im\nDoppelchor (Ober- und Unterstimme) symbolisirt, und\ndass er dafür eine stets wiederkehrende Formel anwendet,\nist zu subjectiver Natur, als dass hierüber sich rechten\nliesse. Zu bedauern schien mir, und wird dieses Bedauern\ngewiss von Vielen getheilt werden, dass es Mangold nicht\ngefallen hat, mehr Ensemblestücke anzubringen; aus den\nvorhandenen Duo's lässt sich schliessen, dass er auch hierin\nGutes geleistet haben würde.\nDie Verlagshandlung hat das Werk in gewohnter\nlieblicher und correcter Weise ausgestattet.\nChr. Fink, Zehn geistliche Lieder für ge-\nmischte Chöre. Zwei Hefte. Op. 8 und 10.\nJ. Rieter-Biedermann in Winterthur.\nGeistliche Lieder-Dichter und Componisten müssen\ntief und doch verständlich, Herz und Geist zugleich anre-\ngend, schreiben; das ist aber so schwer, dass nur Weni-\ngen, und auch diesen nur selten, der Wurf gelingt. Wenn\nnun die vorstehenden Compositionen auch nicht durchweg,\ndagegen in 3 4 Nummern (z. B. „Wenn mein letztes\nStündlein kommt\") diese Forderung erfüllen, so ist das\nimmerhin ein ungewöhnliches Lob. Es möge übrigens dem\nComponisten gefallen, weniger hart zu harmonisiren; die"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2908, "texte": "durchlaufenden Noten, besonders wenn sie schleppend und\ngrell gesungen werden, verursachen mitunter gar zu herbe\nSchroffheiten. Das kirchliche Lied darf allerdings nicht\nmodern aufgeputzt erscheinen, aber in ungelenker Form\nmuthet es auch nicht an; man stösst bei dem Verfasser\nauf Accorde, die nimmermehr schön klingen können, trotz\naller Preisschriften über den Fortschritt der Harmonie.\nEduard Beez, Vier Motetten für weibliche\nStimmen. Op. 2. Ebendaselbst.\nMan sollte meinen, zu religiösen und kirchlichen Com-\npositionen dürfte erst das gereifteste Talent schreiten, und\nin der Thal haben auch die grössten Meister so gedacht\nund mit den vollendetsten Geistes-Arbeiten in religiösen\nund kirchlichen Tonwerken ihr Wirken beschlossen. Um-\ngekehrt eröffnet unser Autor mit kirchlich-religiösen Tex-\nten seine Thätigkeit. Das beweis't jedenfalls ein ernstes Stre-\nben, das nicht wie bei hundert Componisten unserer Zeit\nmit dem Herzaubern von Eintagsfliegen der Kunst genug\ngethan zu haben glaubt. Es beweis't ferner Selbstschätzung\nder erworbenen Kenntnisse, für deren Verwerthung die\nSalon-Bedürfnisse ein zu unwürdiger Vorwurf sind. Vor\nAllem aber scheint der Verfasser dem Drange seines from-\nmen Herzens Ausdruck gegeben zu haben. Das ist denn\nauch der Standpunkt, von dem aus diese seine Compo-\nsitionen beurtheilt werden müssen. Sie wollen nichts wei-\nter sein, als der natürliche Erguss der Andacht. Wenn sie\nnicht so tiefsinnig sind, wie die strenge Forderung der\ngottesdienstlichen Musik erheischt, so bedenke man, dass\nnicht Jeder gleich dem heiligen Thomas über die höchsten\nMysterien zu denken und zu betrachten versteht. Reiner\nKinder- und Jungfrauen-Gesang tönt nicht so mächtig, wie\ngereifter Männer Lied, aber desto inniger, herzlicher, zar-\nter und süsser.\nHeinrich Marschner, Fünf Gesänge für drei\nweibliche Stimmen. Op. 188. Ebendaselbst.\nDass diese Compositionen hervorragen, ist bei einem\nso vollendeten Meister selbstverständlich. Wir wollen nur\nzwei Gesänge näher betrachten, nicht weil sie die vorzüg-\nlichsten, sondern weil sie ähnlichen Inhalts wie die vorigen\nsind. „Der Weihnachtsabend\" ist ein durchcomponirtes\nStrophenlied. Die Erwartung der Kinder an diesem Abende\nist so schön und wahr ausgedrückt, durch das Ganze weht\nein so heiliger Odem, die Clavier-Begleitung ist so originel,\ndie Stimmführung so klar, die Harmonieenfolge so geist-\nvoll, dass zu erwarten steht, es werde in zarten Frauen-\nkreisen dieses Lied bald eines der beliebtesten werden.—\n„Empor\" ist ein mehr canonartig gehaltenes. Die Haupt-\nfigur steigt durch die drei Stimmen bis zur Octave in imi-\ntatorischer Bewegung, gleichsam andeutend das Empor-\nheben des Blickes nach oben. Eine weihevolle, andächtige\nStimmung ist die unfehlbare Wirkung dieses Trostliedes.\nGewiss ist, dass solche Töne auf ein betrübtes, niederge-\nschlagenes Herz eine weit siegendere Macht üben, als\nselbst die schönsten Worte.\n\nM."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-02-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-02_01#c004", "volume": "bmtnabi_1861-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "69", "page_fin": "71", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.2.4", "titre_corps": "Aus Osnabrück.", "titre_sommaire": "Aus Osnabrück.", "signature_source": "Severus", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.5", "debut_caractere": 2910, "fin_caractere_exclue": 5194, "texte": "Aus Osnabrück.\n\nIm Februar 1861.\nMedium tenuere beati!—Die Gränze, hinter welcher\nalle Stürme des Applauses schweigen, ist bekanntlich eine\ndoppelte. Himmel und Erde begränzen diese sturmbewegte\nAtmosphäre, worin der Purist empfindlich nach Mwsmen\nspürt, während das Publicum sich sorgenlos berauscht.\nVergessen wir die Kegion der Inferiorität, worin weder ein\nSucces d'estime noch ein Verdict der Kritik mehr möglich\nist, so wird es andererseits im Kunstleben der deutschen\nMittelstädte noch nicht immer täglich zu verlangen sein,\ndass öffentlich gebotene Productionen sich unbedingt über\ndie höchste Schicht des Windes der erregten Laune heben\nin das Feld, wo die mechanische Correctheit zur organi-\nschen Charakteristik, die studirte Eleganz zur classischen\nNatur, der sinnliche Reiz zur übersinnlichen Wahrheit\nwird: wo die Menge begreift, dass es unschicklich ist, den\nEimer des Beifalls in ein Meer der Glorie auszuspülen,\nwahrend die Erfahrenheit, sich selbst ein Räthsel, instinct-\nmässig Griffel und Tabatiere sinken lässt mit stiller Ver-\nwunderung über das unverhoffte Behagen, in freier Luft\nden Athem rein zu heben. Aber kein Zwinger, kein Ker-\nker, keine Festung, worin nicht—trotz Pizarro's Rache—\nwenigstens vorübergehende Momente dieser Luft erreich-\nbar sind. Vielleicht haben wir Recht, daher zu glauben,\ndass von der seltenen Stimmung, in welcher die Leiden-\nschaft des Rühmens vor der Sicherheit des Rufes, die\nKeckheit des Absprechens vor der Gediegenheit des Ge-\nleisteten verstummt, ein leiser Zug hier ausnahmsweise\ndurch unsere Atmosphäre ging, als am Abende des 29.\nJanuar Frau Dr. Clara Schumann im Concertsaale des\ngrossen Clubs vor einem dicht gedrängten Auditorium die\nTasten rührte. Die Concertgeberin wusste auch das Herz\nzu rühren. Sie entzückte einen grossen Theil der Zuhö-\nrerinnen und Zuhörer durch den Vortrag der -\nnate, Op. 31, von dem Schöpfer des Fidelio, worauf die-\nselbe noch eine Mazurka nebst Impromptu von Chopin,\neinige Nummern aus den Phantasiestücken Op. 12 ihres\nverstorbenen Gatten und zum Schlüsse eine Gavotte von\nJ. Seb. Bach mit nachfolgendem Capriccio, Op. 14, von\nMendelssohn zu Gehör brachte, auf ihrem hergesandten\nConcertflügel aus der Fabrik von Riems in Düsseldorf.\nDie Phantasiestücke deckten den Ausfall eines von dem"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5524, "texte": "ausgegebenen Programme nachträglich gestrichenen Cla-\nvier-Trio's von Rob. Schumann. Die Gavotte erwarb den\nstillen Dank der Kenner und erschien allen Compatrioten\nals ein seltener Zugvogel in diebus nostris. Wir haben den\ndurch Fetis weiland angebahnten Weg der historischen\nConcerte bisher nicht einmal als Durchgangs-Stadium be-\ntreten, wissen aber dessen ungeachtet aus echter Natur-\nAnlage das Gros der musicalischen Bissen mit dem Dessert-\nmesser schmackhaft nach Ort, Zeit und Bedürfniss zu zer-\nschneiden, und beweisen ohne den Apparat der Gründe,\nBemerkungen und Folgerungen des gelehrten Dr. Riehl,\ndass unsere Tonkunst keine Antike hat. Unser Orpheus\nund Linus ist und bleibt Händel und Haydn, unser Ter-\npander der Componist des „Elias\", woraus die beiden\nChöre: Nr. 22, „Fürchte dich nicht\", und Nr. 29, „Siehe,\nder Hüter Israels\" (Ps. 91, 7. Ps. 121, 4.), ausgeführt\nvom Gesang-Vereine, mit Clavier-Begleitung des Mu-\nsik-Directors Klein, das Concert statt der Introduction\neröffnen sollten. Dasselbe zerfiel in die gewöhnlichen bei-\nden Abtheilungen; den Schlusssätzen des einen wie des\nanderen von beiden schickten gefällige Solosängerinnen aus\ndem Kreise des Vereins das „Ach, wie so bald\" und ein\nanderes Duett von Mendelssohn voraus, so wie zwei Lie-\nder von Schumann und von Abt. Der Anbeginn der zwei-\nten Abtheilung war ausgezeichnet durch Fr. Schubert's\n23. Psalm für weiblichen Chor, der uns die Correctheit\ndes bekannten Urtheils über das keineswegs moderne Ge-\nnus ad aequalesnur bestätigt hat, wonach dasselbe nach\nUmständen bald einer Aquarell- oder Creta-Polvcolor-\nSkizze, bald nur einer Sepia- oder Bleifeder-Zeichnung\n(Grau in Grau) zu vergleichen scheint. Eine nach allgemei-\nnen Grundsätzen bescheiden zu nennende Breite der Aus-\nführung wird ceteris paribas bei dieser besonderen Gat-\ntung schon als unerträgliche Länge der Ausdehnung em-\npfunden werden können. Bei beschränkter Müsse und mit\nRücksicht auf den Raum thun wir uns den Zwang der\nUnterdrückung eines umständlich motivirten Urtheils über\nden beschaulichen und doch reichen Genuss desSchumann-\nWieck'schen Dinstags-Concertes an*). Des Staunens der\nVerwunderung, das reisende Triumphatoren des techni-\nschen Virtuosenthums bei einem nicht verwöhnten Publi-\ncum unschwer erkämpfen, war unstreitig mehr in dem\nunter Mitwirkung des Orchester-Vereins am Mittwoch\nden 6. d. Mts. veranstalteten Concerte des Herrn Maxi-\nmilian Wölfl' aus Frankfurt am Main. Der Verein habi-\nlitirte sich wiederum einmal in der Erinnerung der Mit-\no\nbürger durch Reproduction seines ältesten Repertoire-\nStückes; er brachte die wohlbekannte vierte Symphonie\ndes gemüthlichen J. Haveln mit adäquater Appropriation\ndes humoristisch-kritischen Rathschlages aus des edlen\nHamlet kunstkennerischem Munde: „Gebt ihr ein Stück,\nso gebt es gleich in Stücken!\" Das Allegro (D-dur) und\nAndante (G-dur) eröffneten den ersten Theil, Menuet und\nFinale die zweite Serie der Nummern des Abends; zur\nUebereilung der Tempi schien das Temperament der Ge-\nsellschaft den Dirigenten nicht zu drängen. Wir wissen\nnicht, ob der Verein unter seinem gegenwärtigen bewähr-\nten Directorium sonder Umschweife wird zurückgreifen\nwollen auf die von Leipzig und Berlin aus so warm em-\npfohlenen Orchester-Symphonieen von C. Ph. Emanuel\nBach*), möchten aber voraussehen, dass es ihm in diesem\nübrigens erwünschten und vielleicht auch rathsamen Falle\nweniger darauf ankommen dürfte, die succcssiv im Bureau\nde Musique (bei Peters) erscheinenden Nummern jener\nPerlenreihe alter Neuigkeiten eine nach der anderen harm-\nlos sich ins Haus zu schlachten, als vielmehr auf eine mit\ndem Schmuck und Reichthum unserer Vorlagen im unge-\nhemmten Gleichschritt unablässig steigende Energie des\nVerständnisses und der Execution. Als Debüt des Concert-\ngebers hörten wir die Spohr'sche Gesangscene; in der zwei-\nten Abtheilung des Concertes bot derselbe zunächst die\nRomanze von Beethoven in G. Rücksichtlich beider Piecen\nwar die Kritik der Urtheilsfähigen einiger Maassen prä-\noccupirt durch Kömpel's und Joachim's Vortrag derselben\nin vorjährigen hiesigen Aufführungen. Nichts desto weni-\nger konnte es dem Spieler keineswegs fehlen, durch seine\nAusführung der Beethoven'schen Composition und der\nGeigen-Partie des darauf folgenden Trio von Mendelssohn,\nOp. 49 (in D),unter Mitwirkung der hiesigen Organisten\nHerren Ellerbrock und Musik-Director Klein für Cello und\nCiavier, den Eindruck zu bestimmen, welcher die befrie-\ndigten Zuhörer aus dem Saale heimbegleiten sollte. Schluss-\nNummern der einen und der anderen Abtheilung waren\ndie hier noch nicht gehörte Phantasie von Leonard über\ndie österreichische Kaiser-Hymne für Violine mit Orche-\nster-Quartett (in G)und Pagariini's Bravour-Etude\nStreghe (Hexentanz). Herr Wölfl\" rechnete sich es zum\nVergnügen, bei der Orchester-Symphonie sich unter die\nZahl der mitwirkenden Dilettanten zu mischen. Wenn bei\ndieser Art von Instrumentalisten, die vor Schwierigkeiten\nnicht erschrickt und die Voraussetzung erweckt, das Be-\n\na) Dem Vernehmen nach hat Frau Schumann in der letzten Woche\ndes Januar auch in Detmold concertirt.\n*) Vom Jahre 1776. Die neue Ausgabe ist nach der berliner Ori-\nginal-Partitur veranstaltet aus Anlass der vorigjährigen Auf-\nführungen im leipziger Gewandhause. Es gibt eine frühere\nAusgabe der »Vier Symphonieen mit zwölf obligaten Stimmen\"\nvon C. Ph. Em. Bach in Folio, Leipzig, mit Jahreszahl 1780,\nwelche noch vor Kurzem für 2 Thlr. zu haben gewesen ist in\nMaske's Antiquariat zu Breslau, S. dessen 52. Katalog,\nNr. 238."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 985, "texte": "deutendste der Literatur ihres Instrumentes sich angeeignet\nzu haben, mit ihrer künstlerischen Capacität sich so viel\nseltener Anspruchslos gkeit verbindet, alsdann wird es für\nden Beobachter am Ende fast zur Pflicht, den executiven\nKünstler aufmerksam zu machen auf die entgegengesetzte\nTugend der Selbstbehauptung und Concentration des ver-\nliehenen Maasses der candiden Kraft, da über allen schon\nerreichten Zielen oder noch zu machenden Fortschritten\nin Technik, Glätte, Tonbildung noch etwas steht, was sich\nder Mensch allein durch freie Selbstbeschränkung im pä-\ndagogischen Interesse des Hervorbildens der individuellen\nWillenskraft erwerben kann: die individualisirende Fär-\nbung, die persönliche Ueberredungsmacht des Seelenge-\nsprächs der Töne, beruhend auf der, inneren Charakter-\nDisposition der Individualität und Persönlichkeit des nach\naussen wirkenden Tonkünstlers. Ein Wahlspruch, werth\ndes Schweisses, lautet: „Jeder Zoll ein Künstler,\njeder Zoll ein Mann!\"\n\nSeverus."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-02-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-02_01#c005", "volume": "bmtnabi_1861-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "71", "page_fin": "72", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.2.5", "titre_corps": "Eine kolossale Marktschreierei.", "titre_sommaire": "Eine kolossale Marktschreierei.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.7", "debut_caractere": 987, "fin_caractere_exclue": 5221, "texte": "Eine kolossale Marktschreierei.\nDas kleine münchener Blatt: „Neueste Nachrichten\naus dem Gebiete der Politik\", brachte unterm 6. Decem-\nber v. J. einen über den Pianisten Mortier de Fon-\ntaine aus St. Petersburg eingesandten Aufsatz,, aus wel-\nchem wir nur Einiges ausheben wollen, bemerkend, dass\nseit dem glorreichen Auftreten des Geigers Ole Bull solch\nunverschämte Reclame nicht wieder die Spalten deutscher\nBlatter angefüllt hat, wie die vorliegende. Diese beginnt:\n„Herr Mortier de Fontaine, der um das Verständniss\nder letzten Clavierdichtungenßeethoven's verdientestePiano-\nforte-Virtuose, wird im December in München eintreffen.\nVor dreissig Jahren hatte man dem hinzugesetzt: und einen\nOhrenschmaus bieten. Das war in den Zeiten von Field,\nHummel, Moscheies und anderen in München gern gehör-\nten Virtuosen. Der Begriff hat sich gewandelt! Beethoven\nschreibt für den Geist. Er beurtheilt alles Menschliche auf\ndem Standpunkte höchster Geistes-Errungenschaften; er\nbezeichnet dem Geiste ideale Bahnen, die den Meridian des\nbürgerlichen Lebens passiren, um höher zu führen, nicht\num sich an dem Status quo der Welt genügen zu lassen\nWer Alles in Beethoven kennt, wie der gebildete Deutsche\nseinen Schiller und Göthe in Kopf und Herz herumträgt,\nder kennt noch gar nichts von seiner eigentlichsten Geistes-\nNatur, wenn er nicht von Sonaten, Quartetten, Sinfonieen\nund Messen kennt, was über Op. 100 hinausliegt.\n„Dies sind aber insbesondere die oben genannten\nWerke, deren jedes in der Geschichte menschlichen Gei-\nstes Epoche macht, eine Station desselben auf dem Wege\n„\\ orwärts\" bezeichnet. Nur ein philosophisches Special-\nStudium ist im Stande, den mit ganzer Seele sich hinge-\nbenden Ideenreigen fassen und für die Zustände eines so\nzu sagen sich selbst durch unberechenbar wichtig gewor-\ndene, bis dahin todte Mächte davongelaufenen Jahrhun-\nderts verwerthen zu lassen. Freiheits-Stadien des mensch-\nlichen Gedankens, wie in Beethoven, begegnet man in der\nGeschichte aller Kunst und Wissenschaft, aber auf keinem\nGebiete in Formen hineingeheimnisst, die für sich\nnoch für eben so viele Ideen gelten, damit aber das glor-\nreichste Beispiel der Befruchtung aller Materie durch den\nallein lebendigen Geist aufstellen. Das ist Beethoven in sei-\nnen letzten Werken, auf der Höhe seiner Geisteskraft, von\nder er wohl sagen durfte: „„Ich bin ein Berg in Gott\nund muss mich selber steigen.\"\" [Beethoven? Ange-\nlus Silesius hat es gesagt!]\n„Dem Verständnisse eines solchen Propheten hat Herr\nMortier de Fontaine sein Künstlerleben gewidmet; dieser\nIdeen-Posaune, mirum spargens sonum, hat er gelauscht ;\ndiese Offenbarungen eines Kopfes, der lieber Heeresmacht\nund Kanonen als Musikschrift sum Triumphe seiner Ideen\ngebraucht hätte, interpretirt Herr Mortier tief und gewal-\ntig, ergriffen von der grossen, verantwortlichen Aufgabe.\nKein Ohrenschmaus, kein Concert eine Fackel, die er\nsich und Anderen vorträgt! Der Pianist, der diese Werke\nin ihre Tonerscheinung treten zu lassen vermag, weiht sich\nhöheren Zwecken, wird zum Kunst-Priester, der in der\nSprache des Geistes zur Welt spricht\n„München wird hören, wird urtheilen; und weil Mün-\nchen ein Urlheil hat, besucht es der Künstler. [Wird er\ndenn nicht auch Frankfurt am Main und Köln beglücken?\nIn der Mainstadt soll er vor einigen Jahren mit Beethoven's\nSonate, Op. 106, und anderen Werken ein unvergäng-\nliches Andenken sich bewahrt haben.]\n„Wenden wir auf den Künstler den Wahlspruch des\nStaatsmannes an: „ „Nicht die Rechte, die Jemand aus-\nübt, sondern die Pflichten, die er sich auferlegt, geben\nihm den Werth.\"\" Herr Mortier hat sich die Pflicht auf-\nerlegt, Ku nstwa h rhei t zu vertreten—zu Felde zu liegen\nsein Lebenlang für Erleuchtung durch Beethoven. Deutsch-\nland lies't den Sophokles und Thukydides reiner als seinen\nBeethoven, und von der ersten bis letzten Ausgabe der\nfünf Schicksals-Sonaten bildet der Vortrag durch Herrn\nMortier die einzige richtige Leseart (editio emendatior)\nu. s. w.\"\nWie müssen sich die münchener Kunstkenner im Bock-\nkeller und bei Pschorr am 6. December die Köpfe zer-\nbrochen haben über diesen petersburger Panegyrikus! Wie\ngross mag aber erst ihre Spannung geworden sein, als\nschon wenige Tage darauf Heid Mortier mit der Fackel"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1005, "texte": "in der Hand seinen Einzug hielt, sich unverweilt ans Cia-\nvier setzte (14. December) und ihnen nicht weniger denn\ndreizehn verschiedene Stücke vorspielte! Der dem Ein-\nsender vorliegende Concert-Zettel führt dieselben in fol-\ngender Ordnung auf:\n1) Fuge von S. Bach; 2) von\nHändel; 3) Sarabande von Francis Couperin; 4) Toccata\nvon Domenico Scarlatti; 5) Tempo di Menuetto von Jos.\nHaydn; 6) Rondo von Mozart; 7) Sonate, Op. 111, von\nBeethoven; 8) Moment Musical von Franz Schubert; 9)\nRomanze von Schumann; 10) Scherzo von Mendelssohn;\n11) Serenade d'un Troubadour von Wilimers; 12) Etüde\nvon Chopin; 13) La Cascade von Pauer.\nSollte wohl nach dieser Speisekarte noch etwas zu voll-\nständigster Erleuchtung der münchener Musikfreunde feh-\nlen? Ach, Herr Mortier de Fontaine, wir bitten, so fort-\nzufahren, denn das ist der rechte Weg, um die ganze\nMusikwelt bis zu den Botokuden in Brasilien in kürzester\nZeit zu vollständiger Erleuchtung zu bringen. An einem\nMonument nach dem Tode soll es nicht fehlen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-02-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-02_01#c006", "volume": "bmtnabi_1861-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "72", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.8", "debut_caractere": 1007, "fin_caractere_exclue": 6008, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nln der letzten Soiree für Kammermusik trug\nFräulein Ingeborg-Starck aus Petersburg, eine junge Pianistin,\ndie sich in Paris und in den rheinischen Badeorten einen ehrenvol-\nlen Ruf erworben, die Sonate Op. 111 von B ee t h ov e n und Bach's\nchromatische Phantasie nebst Fuge vor. Die Fuge spielte sie ganz\nvortrefflich; der Vortrag der Sonate liess indess nicht bloss die\nLaien, sondern auch die Kenner kalt. Das schöne Violin-Quartett\nin C-moll von Beethoven (Op. 18, Nr. 4) erregte durch jeden Satz\nden lebhaftesten Beifall. Curios, dass die grosse Mehrzahl der Kunst-\nfreunde an den Beethoven'schen Ciavier- und Vlolin werken unter\nOp. 100 immer noch mehr Antbeil nimmt, als an denen, die darüber\nhinaus gehen!\nIn der Orchesterprobe am Donnerstag hatten wir das Vergnü-\ngen, Herrn Schmidt aus Moskau zu hören und in ihm einen ganz\nausgezeichneten Virtuosen auf dem Violoncello kennen zu lernen*\nHerr Schmidt erregte durch den Vortrag eines Concertes von Rom-\nberg und namentlich einer Phantasie mit Variationen von Servais\neinen wahren Enthusiasmus bei den Orchester-Mitgliedern und den\nanwesenden Kunstfreunden. Da er noch sehr jung ist, so steht ihm\njedenfalls eine bedeutende Zukunft bevor.\nWien. Nachdem Herr Karl T ausig in seinem ersten Con-\ncerte als Orchester-Dirigent und Pianist ausschliesslich als Interpret\nder Liszt'schen Muse aufgetreten war, veranstaltete er Samstag den\n9. Februar ein zweites Concert, in welchem er sich lediglich als\nCiavierspieler producirte. In jetzt sehr beliebter und vielfach ange-\nwandter Weise hatte er seinem Programm einen historischen Zu-\nschnitt gegeben, indem er mit Sebastian Bach begann und mit\nLiszt schloss. Die Wahl der von Herrn Tausig vorgetragenen Stücke\nzeigt uns aber nicht, dass ihn das innerste Wesen der grossen Mei-\nster wir meinen Bach und Beethoven inspirirt hätte, denn we-\nder die Bach'sche Orgel-Fuge (in H-moll, von Liszt für das Piano-\nforte übertragen) noch Beethoven's dreiunddreissig Variationen (Op.\n36) zählen wir zu jenen Werken, in welchen sich der tiefere, eigent-\nliche Genius der beiden Gewaltigen ausspricht, deren Gaben als\nEingeweihter den Laien zu reichen, den künstlerischen Sinn wohl\nzunächst reizen miisste. Es scheint uns vielmehr, dass Herr Tausig\nder Kunst mit der ganzen unerfreulichen, gemüthlosen Objectivität\ndes echten Virtuosen gegenübersteht, und seine Inspiration für Liszt\nschliesst freilich auch nach ganz allgemeinen psychologischen Ge-\nsetzen die Möglichkeit einer tieferen Empfänglichkeit für die echte\nKunst von vorn herein aus. Herr Tausig spielte ausser den genann-\nten Stücken die I£s-cZwr-Polonaise von C. M. v. Weber (Op. 21),\neinen Walzer von Chopin und Liszt's Don-Juan-Phantasie. Alle diese\nStücke spielte er auswendig (wie er denn in virtuosenhafter Ausbil-\ndung des Gedächtnisses hinter seinem Meister Liszt und seinem Ri-\nvalen Bülow nicht zurückbleibt), mit eiserner Ruhe und ohne je eine\nSpur innerer Bewegung zu verrathen. Allerdings sind diese Stärke\ndes Gedächtnisses, diese leichte, sichere Beherrschung des techni-\nschen Materials unwidersprechliche Zeugen einer bedeutenden Ener-\ngie und als solche positive Eigenschaften, die sich unwillkürlich\nAnerkennung erzwingen : uns aber, die wir gewohnt sind, auf den\nwarmen Pulsschlag der Empfindung zu horchen, und das innere\nFeuer der Leidenschaft, natürlich zur idealen Flamme verklärt, em-\nporlodern sehen wollen, uns macht diese Vortragsweise, welche in\nrein technischer Nuancirung alle Forderungen der Kunst erfüllt zu\nhaben glaubt, durchaus den Eindruck eines Automaten, dessen äus-\nserst künstliche Zusammensetzung, dessen Präcision in dem Zusam-\nmenwirken aller Theile wir zwar bewundern müssen, dessen schein-\nbares Leben uns aber mehr erschreckt und abstösst, als erfreut und\nanzieht. Aehnliche Wirkungen scheint das Publicum, welches sich\nübrigens nur in mässiger Zahl versammelt hatte, empfangen zu ha-\nben, denn die Stimmung blieb, ohne dass man desshalb ungerecht\ngegen die wirklichen Verdienste des Concertgebers geworden wäre,\ndoch den ganzen Abend hindurch eine unverkennbar kühle, uner-\nwärmte. Den Vortrag der Don-Juan-Phantasie allerdings haben wir\nnicht mehr abgewartet, und wissen nicht, ob sich das Publicum\ndurch diese wilde, wüste Tastenstürmerei, in welcher sich Herr Tau-\nsig schon früher als vollendeter Meister bewährte, hat imponiren\nlassen. Wir würden angenommen haben, dass Liszt und daher auch\nseine Schüler und Verehrer dieses von aller Bildung doch längst\nverurtheilte Genre seiner produetiven Muse nicht mehr anerkennen\nwürden; allein nicht nur Tausig, sondern Liszt selbst beweis't mit\nseiner jüngst erschienenen Phantasie über Motive aus „Ernaniu und\n„Trovatore* das Gegentheil. On en revient toujours ä ses jpremiers\namours, und es kommt Alles auf die »unausgesetzte Bethätigung\nunseres Ideals* an. (Recens.)\nUeber das Musikfest in Barmen zur Einweihung des neuen\nConcertsaales im Gebäude der Concordia am 23. und 24. Februar\nberichten wir in der nächsten Nummer."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nKunst und Handwerk. I Beurtheilungen (Abraham, Oratorium yon C. A. Mangold Chr. Fink, Zehn geistliche\nLieder, Op. 8 und 10 Eduard Beez, Vier Motetten, Op. 2 Heinrich Marschner, Fünf Gesänge, Op. 188). Von M. Aus Osna-\nbrück (Concerte). Von Severus. Eine kolossale Marktschreierei. Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, IV. Soiree für\nKammermusik, Fräul. Ingeborg-Starck, Herr Schmidt Wien, Tausig's Liszt-Concerte).\n\nKunst und Handwerk.\nI.\nUnter diesem Titel mit dem Beisatze: „ein Roman\nvon dem Verfasser der Abenteuer eines Empor-\nkömmlings\", ist bei J. D. Sauerländer in Frank-\nfurt a. M. ein Buch in drei Bänden erschienen, welches\ndas Thema, das der Titel ausspricht, in Bezug auf die Ton-\nkunst in höchst anziehender Weise behandelt und durch\ngewandte, fliessende Darstellung fesselt, die in einfacher\nWeise, ohne nach französischem Feuilleton-Esprit und pi-\nkantem so genanntem Humor zu jagen, die fortwährende\nTheilnahme des Lesers rege zu halten weiss.\nDer „Roman\" des Buches ist eigentlich nur auf dem\nTitel vorhanden; er ist nur Rahmen der scharf nach dem\nLeben gezeichneten Künstler-Charaktere, Einkleidung der\nSchilderungen musicalischer Zustände in die Form von Er-\nzählung des Erlebten, Beobachteten und Erfahrenen. Der\nVerfasser, dessen „Abenteuer eines Emporkömmlings\"\nschon eine sehr gute Aufnahme gefunden hatten, ist ein\nMusiker, der es jedenfalls mit seiner Kunst ehrlich meint\nund bei Darlegung seiner Ansichten von einem gebildeten\nGeiste, von gründlichem Wissen, das sich aber niemals\npedantisch oder langweilig breit macht, von scharfer Be-\nobachtungsgabe und von reicher Lebenserfahrung unter-\nstützt wird.\nSeinen Standpunkt und seinen Zweck spricht er in dem\nöl.Capitel: „Abschied vom Leser\", folgender Maassen aus:\n„Wenn ein Wassertropfen, der dem Auge klar und\ndurchsichtig erscheint, unter ein Sonnen-Mikroskop gebracht\nwird, so schaudert mancher Beschauer zurück vor dem\nAnblicke, der sich ihm plötzlich bietet; er sieht eine Welt\nvon Ungeheuern, die sich mit unbegreiflicher Schnelligkeit\nbewegen, sich gegenseitig angreifen und zerreissen; er sieht\nSkelette, die in ihrer Formation den Mammuthen der ante-\ndiluvianischen Zeit gleichen. Es wird ihm unglaublich er-\nscheinen, dass alles, was er vor sich sieht, in dem Wasser\nvorgehe, das Gott dem Menschen als unentbehrliches Mit-\ntel seiner Erhaltung bestimmt hat. Und er wird vielleicht\nunter dem ersten Eindrucke jenes Anblickes für unmöglich\nhalten, dass ein Tropfen Wasser je mehr über seine Lippen\nkomme. Aber er wird dennoch Wasser trinken, nach wie vor.\n„Dem Wassertropfen sind viele Verhältnisse des mensch-\nlichen Lebens zu vergleichen. Wir leben in ihnen, sie er-\nscheinen uns mehr oder minder klar; sobald wir sie ge-\nnauer prüfen, entdecken wir Schrecknisse, die es fast un-\nbegreiflich erscheinen lassen, dass der Mensch noch eine\nFreude am Leben finden könne. So geht es dem Forscher\nim unermesslichen Kreise der Weltgeschichte; so geht es\ndem Forscher im kleinsten Kreise socialer Verhältnisse, so-\nbald menschliche Leidenschaften daselbst Spielraum finde».\n„Dieser Forscher darf jedoch die Welt eben so wenig\nnach einzelnen mikroskopischen Untersuchungen beurthei-\nlen, als es dem Arzte einfallen darf, das Wesen und Wir-\nken des Menschen aus anatomischen Zergliederungen er-\nkennen zu wollen; er unternimmt sie, weil er durch sie\ndie Ursachen vieler menschlichen Krankheiten ergründet,\num diese desto sicherer zu heilen.\n„Das Gleichnissist nicht in dem Sinne aufzufassen,\nals sollte der Leser dieses Buch wie eine Darstellung von\nResultaten mikroskopischer Untersuchungen betrachten.\nNein! der Verfasser kann mit gutem Gewissen behaupten,\ndass er bei seinen Schilderungen musicalischer Zustände\nnicht einmal ein gewöhnliches Vergrösserungsglas an-\nwandte. Wohl aber hat er sich nicht gescheut, jene trüge-\nrische Decke, welche Eleganz, Mode oder Hypokrisie\ndie falsche Gemüthlichkeit über manchen Uebelstand\nausbreitet, herabzureissen. Ihm schwebte, während er mit\nunbewaffnetem Auge forschte und prüfte, jenes Gleich-\nniss als Richtschnur seines Urtheils vor. Er hat\nüber die vielen einzelnen Miseren des modernen Musiker-\nlebens nie einen Augenblick die Ueberzeugung aufgege-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.2", "texte": "ben, dass den echten Tonkünstler eine herrliche Zukunft\nerwartet. Ihm selbst ist, während er dieses Buch schrieb,\nimmer klarer geworden, dass die gegenwärtige Periode\neine jener Uebergangs-Perioden ist, in welchen die Uebel-\nstände sich bemerkbarer machen als die Symptome der\nBesserung.\n„Kunst und Handwerk werden sich scheiden. Die mu-\nsicalischen Handwerker werden bleiben, was sie immer\nwaren, Menschen des Tages und der Mode; aber in dem\nStreben der Tonkünstler und in ihrer Stellung wird eine\nV eränderung Statt finden. Sie waren zuerst von den deut-\nschen Romantikern als zwischen Erde und Himmel schwe-\nbende Wesen dargestellt, die nirgends festen Fuss fassten;\nwurden dann von den französischen Romantikern zu Sa-\nlonhelden gestempelt; sie werden jetzt erkennen, dass ihre\nMission eine culturhistorische, nationale, echt bürger-\nliche—im höheren Sinne des Wortes ist, gleich jener\ndes Dichters und des bildenden Künstlers. Sie werden er-\nkennen, dass zur Erfüllung dieser Mission Sammlung, ern-\nstes Studium aller Zweige ihrer Kunst und eine hö-\nhere Bildung nolhwendig ist, als der Musiker bisher ge-\nnossen hat, eine Bildung, die ihn gleichmässig bewahre\nvor dem Verflachen im schillernden Modeleben, im geist-\nreichen oder sentimentalen Salongeschwätze, wie vor dem\nVersumpfen in dem gemeinen Coteriewesen, das jetzt über-\nall vorherrscht, und das in Deutschland nur zu oft mit\ndem Ausdruck: „gemüthliche (!) Geselligkeit\", bezeich-\nnet wird. Es soll damit nicht etwa gesagt sein, dass der\nTonkünstler den heiteren Lebensfreuden, wo immer er sie\nfindet, entsage, wohl aber, dass er gewisse Annehmlichkei-\nten nach ihrem wahren Werthe schätzen lerne!\nUnd wir schliessen mit den Worten Lenardo's:\n„Jeder wahre Künstler hat den Compass in der eige-\nnen Brust; er folge ihm —er steuere kühn ins unbekannte\nMeer des Lebens —, er wird, wie einst Columbus, viel-\nleicht das Land nicht finden, das er sucht, aber er wird\nneue Welten entdecken.\"\nAls Probe der Darstellungsweise geben wir einen Ab-\nschnitt aus dem 42. Capitel, das in einem Badeorte spielt.\nDer tüchtige Musiker Horst hat mit einem Unternehmen\nvon Soireen für Kammermusik nichts gemacht und viel\nGeld verloren.\nEr klagt über das Schicksal und bildet sich ein, dass\nein solches Unglück nur ihn treffen könne. Ein Spiel-Auf-\nseher {Chef de parti), der als Vater einer musicalischen\nTochter sich einiger Maassen für ihn interessirte, befreite\nihn aus dem bösen Irrthum und beschrieb ihm die Stellung,\nwelche die Künstler in den Badeorten einnehmen.\n„Mein lieber Mr. Horst,\" meinte er, „Sie wissen am\nbesten, wie sehr die Concerte das Publicum bereits in der\nStadt und im Winter ennuyiren; wie wollen Sie nun, dass\nes auf dem Lande und im Sommer ein Concert besuche?\nIch bin nun seit zwanzig Jahren bei dem „ „Etablisse-\nment* ich liebe die Künstler schon um meiner Tochter\nwillen, die ja „ „musicienne\"\" ist, dennoch muss ich sa-\ngen, man will alle Tage weniger wissen von Concerte»,\nund alle Tage kommen mehr Concertgeber! Bevor es noch\nweniger „ „Etablissements cle ee genre\"\", also auch weni-\nger Concurrenz gab, halten wir hier und da wirklich bril-\nlante musicalische Soireen. Diese wurden aber von den\neuropäischen Berühmtheiten veranstaltet, die von der gan-\nzen Aristokratie gekannt waren; denn bevor die Eisenbah-\nnen errichtet waren, hatten wir hier einerseits bessere Ge-\nsellschaft, andererseits kamen nur grosse Künstler, wie\nLiszt, Thalberg, Kalkbrenner, Rubini, die Pasta oder Ca-\ntalani und Leute von diesem Caliber hieher. Und selbst\ndiese concertirten auch nur Ein Mal mit grossem pecu-\nniärem Erfolge, ein zweiter Versuch fiel meistens ungünstig\naus; ich kann mich erinnern, dass Thalberg und Beriot\nnur ein volles Concert gaben, das zweite war fast leer.\nAber selbst diese Zeiten sind vorüber. Die Musiker sind\njetzt „„ä la charge de la direction\"\". Sie wenden sich an\n„„uns\"\", „„wir\"\" bezahlen sie nach Maassgabe ihrer\nreputation; es gibt deren, die besonders gut mit der Di-\nrection stehen, und die werden über ihren Werth hono-\nrirt; in dieser Weise setzen wir des Jahres wenigstens\nsechs bis zehn Tausend Franken zu; denn nur die Unko-\nsten unserer Concerte zu decken, ist uns niemals eingefal-\nlen, und desswegen waren wir froh, dass Sie gar nichts\nverlangten, als den Saal. Und waren es nur berühmte\nLeute, oder wenigstens Männer von Talent, gleich Ihnen,\ndie wir bezahlen müssen! Alle ausgesungenen Sänger und\nSängerinnen, Ciavierspieler und Ciavierspielerinnen, Geiger\nund Violoncellisten, die Niemand mehr in Paris hören will,\nkommen mit Empfehlungsbriefen von hohen Personnagen,\ndie man nicht ignoriren darf, zu uns, und wir müssen sie\nmit ein paar Hundert Franken abspeisen. Wir sind die\nEscompteurs, auf welche die grossen Herren ihre Günst-\nlinge anweisen. Wir geben alle Augenblicke ein Concert,\nsenden Freikarten an die Honoratioren der Gesellschaft\nund sind noch froh, wenn sie hier und da selbst kommen\nund nicht ihre Maitressen oder Dienerschaft in den Saal\nschicken. Die grossen berühmten Künstler haben sie den\nganzen Winter hindurch bis zum Ueberdrusse gehört, und\num der anderen willen, die sie in Paris oder anderswo\nnicht hören wollten, werden sie sich doch gewiss nicht\nderangiren. Nur bei einem grossen Musikfeste, wo die höch-\nsten Herrschaften erscheinen, da drängt sich die schöne\nWelt heran; im Uebrigen aber könnten wir das Geld, das\ndie Künstler erhalten, eben so gut für eine Seiltän-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.3", "texte": "zer- oder Reiter-Truppe verwenden, wir würden\nbei dem Publicum jedenfalls mehr Dank ärnten. Wenn\nwir nichts desto weniger jene Anderen bezahlen, so ge-\nschieht es, um dem Geschrei in den Zeitungen, mit denen\nsie in Verbindung stehen, auszuweichen. Sehen Sie, lieber\nMöns. Horst, Sie haben die eigentlichen Verhältnisse nicht\ngekannt und sind auch sonst ein Mann von besseren Ge-\nfühlen, als viele Musiker, die hier sind; soll ich Ihnen im\nVertrauen meine offene Meinung sagen? Wenn ich ein\ntüchtiger Künstler wäre, ich ässe lieber ein\nStück Brod und Käse und wahrte meine Würde*),\nals dass ich mich in die Stellung versetzte, mir\nvon einer Direction ein nobles Almosen reichen\n/\nzu lassen.\"\nHorst fühlte wohl die bittere Wahrheit dieser nüch-\nternen, kalten Betrachtungen, er versuchte aber, einen Ein-\nwurf zu erheben, um wenigstens einem Spiel-Aufseher ge-\ngenüber die Künstler, so gut es ging, zu vertheidigen.\n„Sie werden doch eingestehen,\" sagte er, „dass auch sehr\ntüchtige und ehren wert he Künstler hier gewirkt haben\nund von der Direction bezahlt wurden; dass jene dabei\ngewiss nichts von ihrer Würde vergaben.\"\n„Das ist alles recht schön; diese grossen Herren\nKünstler stecken das Geld ein und bekümmern sich nicht\num den fond du sac;sie sehen bloss, dass man unendlich\nhöflich mit ihnen umgeht, und dass die eleganten Leute,\nwelche berühmten Namen überall huldigen, ihnen Beifall\nzuklatschen. Wenn es ihnen aber einmal beifiele, ein Con-\ncert auf eigene Faust zu veranstalten oder die eigentliche\nMeinung der Direction zu kennen, dann würden sie bald\nauf andere Ideen kommen. Auch glaube ich, dass Mancher\nauch sich vom Ehrgeiz, von der Eitelkeit verblenden lässt!\nWas vergisst der Mensch nicht alles im Augenblicke, wo\ner felirt wird! Und welcher Künstler denkt wohl daran,\ndass selbst seinem begeistertsten Verehrer hier bei uns eine\nglückliche „ „veine\"\" im Spiele doch noch lieber ist, als\ndie bestvorgetragene „ „pieceu\", und dass dieser begeisterte\nVerehrer im Moment eines „ \" alle Concertgeber\nder Welt, seinen Freund mit einbegriffen, zum T\nwünscht? Dass unsere französischen Tonkünstler sich um\nso etwas gar nicht kümmern, ist ganz natürlich; sie sind\nein sorgloses Völkchen, kommen hieher, um sich zu amü-\nsiren und ihre Bekannten zu sehen, und wenn sie bei die-\nser Gelegenheit ein paar Hundert oder ein Tausend Fran-\nken-—je nach ihrem Rufe—für zwei Solo-Piecen oder\nArien in die Tasche stecken können, so prüfen sie wenig,\nob dieses Geld aus der Casse Sr. Maj. des Kaisers kommt,\noder aus der eines Spielbank-Directors. Aber dass die\nDeutschen, die doch immer auf die Unmoralität unserer\nEtablissements schimpfen, unser Geld für ihre Leistungen\nso gern nehmen, und auch keinen Schritt unversucht las-\nsen, um dieses Geld von uns zu erhalten, sich an uns em-\npfehlen lassen, uns schreiben, uns bitten, ja, oft auch be-\nlästigen, das könnte mich billig wundern, wenn ich nicht\nschon lange aulgegeben hätte, mich über etwas zu wun-\ndern. Mein lieber Herr Horst, wir lernen hier die Menschen\nvon einer anderen Seite kennen, als von der die Welt sie\nkennt; uns gegenüber glauben sie einerseits sich keinen\nZwang auflegen zu müssen weil wir doch Spielpächter\nund Spielbank -Employessind—, andererseits verlieren sie\nauch wieder jede Selbstbeherrschung, wenn sie ihr Geld\nverloren haben, und mit dem letzten Geldstück schwindet\ngar oft der letzte Rest von „ „tenue\"\" und „ \".\nHe, he, he! ich kenne die Menschen im Allgemeinen, und\ndie reisenden Virtuosen gehören nicht zu der Gattung Men-\nschen, die schwerer zu kennen wären, als andere!\"\n*) 9Je conserverais ma üigniti.* Die oben angeführte Aeusserung\nist historisch.\n\nBeurtheilungen.\n\nAbrah am, Oratorium in zwei Abtheilungen nach\nWorten der heiligen Schrift von C. A. Mangold.\nClavier-Auszug vom Componisten, Preis 6% Thlr.\nChorstimmen, a 17% Ngr. Textbuch 3 Ngr.\nEinzelne Nummern zu 5—20 Ngr. Partitur und\nOrchesterstimmen sind in Abschriften zu beziehen.\nVerlag von J. Rieter-Biedermann in Winterthur\n(Leipzig, bei Hofmeister). Einleitung und 24 Nrn.\nDas Oratorium ist bei seiner zweimaligen Aufführung\nin Darmstadt—das letzte Mal in Gegenwart und, wie man\nhörte, auf specielle Veranlassung des Königs Ludwig von\nBaiern—mit allgemeinem, lebhaftem ßeifalle aufgenom-\nmen worden. Es ist dem durch sein ernstes, schönes Stre-\nben bekannten Cäcilien-Vereine in Frankfurt am Main ge-\nwidmet. Der Text ist ganz aus dem Worte Gottes ge-\nschöpft, ohne Davon- und Dazuthun, schlicht und erhaben,\nwie es in den heiligen Büchern vorliegt, Alles in gediege-\nnen Kernsprüchen, dem ergriffenen Gefühle zu eigener,\ninnerer Thätigkeit dahingegeben. Die Handlung, in so fern\nund in so weit als man von einer solchen bei einem Ora-\ntorium zu sprechen berechtigt ist, zumal bei dem vorlie-\ngenden, welches mehr lyrisch als dramatisch ist, umfasst\ndie Haupt-Momente der Geschichte des Patriarchen: seine\nTrennung von Loth; die Aufforderung des Herrn und Bot-\nschaft Abraham's davon an Loth, und Zwiegespräch Bei-\nder; die Verheissung Gottes an Abraham; Hagar; die\nFlucht der Magd Sara's; die Verheissung eines Sohnes von\nder Sara durch den Vornehmsten der drei Engel (I. Ab-\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.4", "texte": "theilung). Das Urthei! über Sodoma und seine Erfüllung;\nHagar in der Wüste; Tröstung durch einen Engel; die\nOpferung Isaaks (11. Abtheilung).\nMangold hat die Worte allein gewählt, und man rauss\nsagen, mit grossem Geschick. Man kann dieses Verfahren,\ndas sich an Bach's und Händel's Art und Weise anschliesst,\nnur billigen. Ueberhaupt aber sollte man sich freuen, wenn\nheutzutage ein Künstler wieder einmal in die Saiten der\nHarfe David's greift, da dies so ganz gegen den Geist der\nGegenwart ist. Nicht als ob ich in einseitiger Bewunde-\nrung der geistlichen Musik erstarrt wäre; aber immer bin\nich besonders beglückt, wenn ich einem Talente begegne,\ndas, von den Schwingen des Geistes Gottes berührt, seinen\nFlug vor Allem nach oben nimmt. Die Grösse Gottes durch\ndie Tonkunst vor den Menschen zu verherrlichen, bleibt\ndoch die erhabenste Aufgabe der Musik.-Den religiösen\nCharakter bewahrt nun Mangold's Oratorium durchweg,\nund das ist ein grosser Vorzug desselben.\nDie Instrumental-Begleitung schlägt gleich den rech-\nten Ton an; sie entrückt uns allmählich dem irdischen Ge-\ntöse und entführt unsere Gedanken in höhere Regionen.\nDass sie den Grundgedanken des ganzen Oratoriums wie-\nderspiegelt, beweis't, dass der Autor die Idee eines sol-\nchen Tonstückes wohl erfasst hat. Manchem wird sie nicht\nweit genug ausgesponnen sein; mir gefällt gerade diese\nprägnante Kürze. Die Kunst und Gewandtheit des Instru-\nmentirens, die darin uns entgegentritt, ist ein Vorbild von\ndem durch die 24 Nummern fort und fort sich steigern-\nden Verständnisse des Charakters der Instrumente, von\nder Feinheit, mit der überall das rechte Instrument ge-\ntroffen ist, von der tiefsinnigen Gruppirung, von der wohl-\nüberlegten Verwendung derselben, namentlich zu sanftem\nAusdruck. Vielleicht tritt die nicht zu verkennende Vor-\nliebe für die tieferen Chorden der Viola, des Violoncello\nund der entsprechenden tieferen Blas-Instrumente zu oft\nund zu stark hervor; indess da, wo sie verwandt sind, ist\nihr Auftreten doch meist zu rechtfertigen, z. B. bei den\nRecitativen Abraham's u. s. w. Diese, die Recitative näm-\nlich, sind überhaupt so ganz, wie sie sein sollen, der Ueber-\ngang der pathetischen Rede zum Gesänge, dass ein tüch-\ntiger, fühlender Sänger schon mit ihnen einen tiefen Ein-\ndruck erzielen kann, besonders an Stellen, wo durch den\nText ein kurzes Arioso cantabile a tempo geboten erschien.\nEin minderes Moduliren bezüglich der Harmoniefolge wäre\nvielleicht hier und da am Platze gewesen. Mangold ver-\nsenkt sich stets ganz in seinen Text, daher sind auch seine\nArien stets der Wiederschein des Funkens, der von dem\nWorte aus in das Herz des Componisten zurückstrahlt;\nsie drücken stets jene Empfindungen und Gefühle aus,\nwelche der Text und die Situation erheischen. Mangold\nFasst alle Momente des zum Ausdruck kommenden Affectes\nwie in einen Brennpunkt zusammen, aus dem die Melo-\ndieen hervorstrahlen; seine Töne sind dann das Svmbol\ndes inneren Affectes, den das Wort in sich trägt, z. B. des\nVertrauens Abraham's auf den Herrn, des Hülfeflehens\nder Hagar, der Anbetung Gottes durch Abraham, der\nTröstung Hagar's durch den Engel, der Ermunterung und\nErmulhigung Abraham's durch denselben (eine gar wun-\nderherrliche Nummer). Hier und da tönt freilich wohl ein\nminder origineller Anklang auf, oder das vorschwebende\nMuster ist mehr oder minder erkennbar.\nDie eigentliche Meisterschaft bewährt sich aber in den\nChören. Eine schöne Cavatine, ein hübsches Arioso kann\nauch einem weniger gebildeten Musiker gelingen; aber\nein kunstgerechter Chor erfordert musicalisches Wissen;\ndies ist dabei die Conditio sine qua non. An diesem Erfor-\ndernisse scheitern die meisten der jetzigen Componisten.\nDie Chöre in der gediegenen Weise Händel's, Bach's, Mo-\nzart's, Haydn's werden immer seltener. Mangold hat auch\nnach dieser Richtung hin sehr Gutes geleistet. Vermisst\nman auch allerdings eine eigentliche Fuge in seinem Ora-\ntorium (man muss aber auch gestehen, dass der Text nicht\nwohl Veranlassung dazu bot), so begegnen uns doch treff-\nliche contrapunktische Führungen, und namentlich sind\ndie Chöre: „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist\",\n„Seine Blitze leuchten\", „Gelobt seist Du, Gott\", den Ar-\nbeiten der alten Meister nicht unebenbürtige Schöpfungen.\nDass Mangold das Auftreten und Sprechen Jehova's im\nDoppelchor (Ober- und Unterstimme) symbolisirt, und\ndass er dafür eine stets wiederkehrende Formel anwendet,\nist zu subjectiver Natur, als dass hierüber sich rechten\nliesse. Zu bedauern schien mir, und wird dieses Bedauern\ngewiss von Vielen getheilt werden, dass es Mangold nicht\ngefallen hat, mehr Ensemblestücke anzubringen; aus den\nvorhandenen Duo's lässt sich schliessen, dass er auch hierin\nGutes geleistet haben würde.\nDie Verlagshandlung hat das Werk in gewohnter\nlieblicher und correcter Weise ausgestattet.\nChr. Fink, Zehn geistliche Lieder für ge-\nmischte Chöre. Zwei Hefte. Op. 8 und 10.\nJ. Rieter-Biedermann in Winterthur.\nGeistliche Lieder-Dichter und Componisten müssen\ntief und doch verständlich, Herz und Geist zugleich anre-\ngend, schreiben; das ist aber so schwer, dass nur Weni-\ngen, und auch diesen nur selten, der Wurf gelingt. Wenn\nnun die vorstehenden Compositionen auch nicht durchweg,\ndagegen in 3 4 Nummern (z. B. „Wenn mein letztes\nStündlein kommt\") diese Forderung erfüllen, so ist das\nimmerhin ein ungewöhnliches Lob. Es möge übrigens dem\nComponisten gefallen, weniger hart zu harmonisiren; die"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.5", "texte": "durchlaufenden Noten, besonders wenn sie schleppend und\ngrell gesungen werden, verursachen mitunter gar zu herbe\nSchroffheiten. Das kirchliche Lied darf allerdings nicht\nmodern aufgeputzt erscheinen, aber in ungelenker Form\nmuthet es auch nicht an; man stösst bei dem Verfasser\nauf Accorde, die nimmermehr schön klingen können, trotz\naller Preisschriften über den Fortschritt der Harmonie.\nEduard Beez, Vier Motetten für weibliche\nStimmen. Op. 2. Ebendaselbst.\nMan sollte meinen, zu religiösen und kirchlichen Com-\npositionen dürfte erst das gereifteste Talent schreiten, und\nin der Thal haben auch die grössten Meister so gedacht\nund mit den vollendetsten Geistes-Arbeiten in religiösen\nund kirchlichen Tonwerken ihr Wirken beschlossen. Um-\ngekehrt eröffnet unser Autor mit kirchlich-religiösen Tex-\nten seine Thätigkeit. Das beweis't jedenfalls ein ernstes Stre-\nben, das nicht wie bei hundert Componisten unserer Zeit\nmit dem Herzaubern von Eintagsfliegen der Kunst genug\ngethan zu haben glaubt. Es beweis't ferner Selbstschätzung\nder erworbenen Kenntnisse, für deren Verwerthung die\nSalon-Bedürfnisse ein zu unwürdiger Vorwurf sind. Vor\nAllem aber scheint der Verfasser dem Drange seines from-\nmen Herzens Ausdruck gegeben zu haben. Das ist denn\nauch der Standpunkt, von dem aus diese seine Compo-\nsitionen beurtheilt werden müssen. Sie wollen nichts wei-\nter sein, als der natürliche Erguss der Andacht. Wenn sie\nnicht so tiefsinnig sind, wie die strenge Forderung der\ngottesdienstlichen Musik erheischt, so bedenke man, dass\nnicht Jeder gleich dem heiligen Thomas über die höchsten\nMysterien zu denken und zu betrachten versteht. Reiner\nKinder- und Jungfrauen-Gesang tönt nicht so mächtig, wie\ngereifter Männer Lied, aber desto inniger, herzlicher, zar-\nter und süsser.\nHeinrich Marschner, Fünf Gesänge für drei\nweibliche Stimmen. Op. 188. Ebendaselbst.\nDass diese Compositionen hervorragen, ist bei einem\nso vollendeten Meister selbstverständlich. Wir wollen nur\nzwei Gesänge näher betrachten, nicht weil sie die vorzüg-\nlichsten, sondern weil sie ähnlichen Inhalts wie die vorigen\nsind. „Der Weihnachtsabend\" ist ein durchcomponirtes\nStrophenlied. Die Erwartung der Kinder an diesem Abende\nist so schön und wahr ausgedrückt, durch das Ganze weht\nein so heiliger Odem, die Clavier-Begleitung ist so originel,\ndie Stimmführung so klar, die Harmonieenfolge so geist-\nvoll, dass zu erwarten steht, es werde in zarten Frauen-\nkreisen dieses Lied bald eines der beliebtesten werden.—\n„Empor\" ist ein mehr canonartig gehaltenes. Die Haupt-\nfigur steigt durch die drei Stimmen bis zur Octave in imi-\ntatorischer Bewegung, gleichsam andeutend das Empor-\nheben des Blickes nach oben. Eine weihevolle, andächtige\nStimmung ist die unfehlbare Wirkung dieses Trostliedes.\nGewiss ist, dass solche Töne auf ein betrübtes, niederge-\nschlagenes Herz eine weit siegendere Macht üben, als\nselbst die schönsten Worte.\n\nM.\n\nAus Osnabrück.\n\nIm Februar 1861.\nMedium tenuere beati!—Die Gränze, hinter welcher\nalle Stürme des Applauses schweigen, ist bekanntlich eine\ndoppelte. Himmel und Erde begränzen diese sturmbewegte\nAtmosphäre, worin der Purist empfindlich nach Mwsmen\nspürt, während das Publicum sich sorgenlos berauscht.\nVergessen wir die Kegion der Inferiorität, worin weder ein\nSucces d'estime noch ein Verdict der Kritik mehr möglich\nist, so wird es andererseits im Kunstleben der deutschen\nMittelstädte noch nicht immer täglich zu verlangen sein,\ndass öffentlich gebotene Productionen sich unbedingt über\ndie höchste Schicht des Windes der erregten Laune heben\nin das Feld, wo die mechanische Correctheit zur organi-\nschen Charakteristik, die studirte Eleganz zur classischen\nNatur, der sinnliche Reiz zur übersinnlichen Wahrheit\nwird: wo die Menge begreift, dass es unschicklich ist, den\nEimer des Beifalls in ein Meer der Glorie auszuspülen,\nwahrend die Erfahrenheit, sich selbst ein Räthsel, instinct-\nmässig Griffel und Tabatiere sinken lässt mit stiller Ver-\nwunderung über das unverhoffte Behagen, in freier Luft\nden Athem rein zu heben. Aber kein Zwinger, kein Ker-\nker, keine Festung, worin nicht—trotz Pizarro's Rache—\nwenigstens vorübergehende Momente dieser Luft erreich-\nbar sind. Vielleicht haben wir Recht, daher zu glauben,\ndass von der seltenen Stimmung, in welcher die Leiden-\nschaft des Rühmens vor der Sicherheit des Rufes, die\nKeckheit des Absprechens vor der Gediegenheit des Ge-\nleisteten verstummt, ein leiser Zug hier ausnahmsweise\ndurch unsere Atmosphäre ging, als am Abende des 29.\nJanuar Frau Dr. Clara Schumann im Concertsaale des\ngrossen Clubs vor einem dicht gedrängten Auditorium die\nTasten rührte. Die Concertgeberin wusste auch das Herz\nzu rühren. Sie entzückte einen grossen Theil der Zuhö-\nrerinnen und Zuhörer durch den Vortrag der -\nnate, Op. 31, von dem Schöpfer des Fidelio, worauf die-\nselbe noch eine Mazurka nebst Impromptu von Chopin,\neinige Nummern aus den Phantasiestücken Op. 12 ihres\nverstorbenen Gatten und zum Schlüsse eine Gavotte von\nJ. Seb. Bach mit nachfolgendem Capriccio, Op. 14, von\nMendelssohn zu Gehör brachte, auf ihrem hergesandten\nConcertflügel aus der Fabrik von Riems in Düsseldorf.\nDie Phantasiestücke deckten den Ausfall eines von dem"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.6", "texte": "ausgegebenen Programme nachträglich gestrichenen Cla-\nvier-Trio's von Rob. Schumann. Die Gavotte erwarb den\nstillen Dank der Kenner und erschien allen Compatrioten\nals ein seltener Zugvogel in diebus nostris. Wir haben den\ndurch Fetis weiland angebahnten Weg der historischen\nConcerte bisher nicht einmal als Durchgangs-Stadium be-\ntreten, wissen aber dessen ungeachtet aus echter Natur-\nAnlage das Gros der musicalischen Bissen mit dem Dessert-\nmesser schmackhaft nach Ort, Zeit und Bedürfniss zu zer-\nschneiden, und beweisen ohne den Apparat der Gründe,\nBemerkungen und Folgerungen des gelehrten Dr. Riehl,\ndass unsere Tonkunst keine Antike hat. Unser Orpheus\nund Linus ist und bleibt Händel und Haydn, unser Ter-\npander der Componist des „Elias\", woraus die beiden\nChöre: Nr. 22, „Fürchte dich nicht\", und Nr. 29, „Siehe,\nder Hüter Israels\" (Ps. 91, 7. Ps. 121, 4.), ausgeführt\nvom Gesang-Vereine, mit Clavier-Begleitung des Mu-\nsik-Directors Klein, das Concert statt der Introduction\neröffnen sollten. Dasselbe zerfiel in die gewöhnlichen bei-\nden Abtheilungen; den Schlusssätzen des einen wie des\nanderen von beiden schickten gefällige Solosängerinnen aus\ndem Kreise des Vereins das „Ach, wie so bald\" und ein\nanderes Duett von Mendelssohn voraus, so wie zwei Lie-\nder von Schumann und von Abt. Der Anbeginn der zwei-\nten Abtheilung war ausgezeichnet durch Fr. Schubert's\n23. Psalm für weiblichen Chor, der uns die Correctheit\ndes bekannten Urtheils über das keineswegs moderne Ge-\nnus ad aequalesnur bestätigt hat, wonach dasselbe nach\nUmständen bald einer Aquarell- oder Creta-Polvcolor-\nSkizze, bald nur einer Sepia- oder Bleifeder-Zeichnung\n(Grau in Grau) zu vergleichen scheint. Eine nach allgemei-\nnen Grundsätzen bescheiden zu nennende Breite der Aus-\nführung wird ceteris paribas bei dieser besonderen Gat-\ntung schon als unerträgliche Länge der Ausdehnung em-\npfunden werden können. Bei beschränkter Müsse und mit\nRücksicht auf den Raum thun wir uns den Zwang der\nUnterdrückung eines umständlich motivirten Urtheils über\nden beschaulichen und doch reichen Genuss desSchumann-\nWieck'schen Dinstags-Concertes an*). Des Staunens der\nVerwunderung, das reisende Triumphatoren des techni-\nschen Virtuosenthums bei einem nicht verwöhnten Publi-\ncum unschwer erkämpfen, war unstreitig mehr in dem\nunter Mitwirkung des Orchester-Vereins am Mittwoch\nden 6. d. Mts. veranstalteten Concerte des Herrn Maxi-\nmilian Wölfl' aus Frankfurt am Main. Der Verein habi-\nlitirte sich wiederum einmal in der Erinnerung der Mit-\no\nbürger durch Reproduction seines ältesten Repertoire-\nStückes; er brachte die wohlbekannte vierte Symphonie\ndes gemüthlichen J. Haveln mit adäquater Appropriation\ndes humoristisch-kritischen Rathschlages aus des edlen\nHamlet kunstkennerischem Munde: „Gebt ihr ein Stück,\nso gebt es gleich in Stücken!\" Das Allegro (D-dur) und\nAndante (G-dur) eröffneten den ersten Theil, Menuet und\nFinale die zweite Serie der Nummern des Abends; zur\nUebereilung der Tempi schien das Temperament der Ge-\nsellschaft den Dirigenten nicht zu drängen. Wir wissen\nnicht, ob der Verein unter seinem gegenwärtigen bewähr-\nten Directorium sonder Umschweife wird zurückgreifen\nwollen auf die von Leipzig und Berlin aus so warm em-\npfohlenen Orchester-Symphonieen von C. Ph. Emanuel\nBach*), möchten aber voraussehen, dass es ihm in diesem\nübrigens erwünschten und vielleicht auch rathsamen Falle\nweniger darauf ankommen dürfte, die succcssiv im Bureau\nde Musique (bei Peters) erscheinenden Nummern jener\nPerlenreihe alter Neuigkeiten eine nach der anderen harm-\nlos sich ins Haus zu schlachten, als vielmehr auf eine mit\ndem Schmuck und Reichthum unserer Vorlagen im unge-\nhemmten Gleichschritt unablässig steigende Energie des\nVerständnisses und der Execution. Als Debüt des Concert-\ngebers hörten wir die Spohr'sche Gesangscene; in der zwei-\nten Abtheilung des Concertes bot derselbe zunächst die\nRomanze von Beethoven in G. Rücksichtlich beider Piecen\nwar die Kritik der Urtheilsfähigen einiger Maassen prä-\noccupirt durch Kömpel's und Joachim's Vortrag derselben\nin vorjährigen hiesigen Aufführungen. Nichts desto weni-\nger konnte es dem Spieler keineswegs fehlen, durch seine\nAusführung der Beethoven'schen Composition und der\nGeigen-Partie des darauf folgenden Trio von Mendelssohn,\nOp. 49 (in D),unter Mitwirkung der hiesigen Organisten\nHerren Ellerbrock und Musik-Director Klein für Cello und\nCiavier, den Eindruck zu bestimmen, welcher die befrie-\ndigten Zuhörer aus dem Saale heimbegleiten sollte. Schluss-\nNummern der einen und der anderen Abtheilung waren\ndie hier noch nicht gehörte Phantasie von Leonard über\ndie österreichische Kaiser-Hymne für Violine mit Orche-\nster-Quartett (in G)und Pagariini's Bravour-Etude\nStreghe (Hexentanz). Herr Wölfl\" rechnete sich es zum\nVergnügen, bei der Orchester-Symphonie sich unter die\nZahl der mitwirkenden Dilettanten zu mischen. Wenn bei\ndieser Art von Instrumentalisten, die vor Schwierigkeiten\nnicht erschrickt und die Voraussetzung erweckt, das Be-\n\na) Dem Vernehmen nach hat Frau Schumann in der letzten Woche\ndes Januar auch in Detmold concertirt.\n*) Vom Jahre 1776. Die neue Ausgabe ist nach der berliner Ori-\nginal-Partitur veranstaltet aus Anlass der vorigjährigen Auf-\nführungen im leipziger Gewandhause. Es gibt eine frühere\nAusgabe der »Vier Symphonieen mit zwölf obligaten Stimmen\"\nvon C. Ph. Em. Bach in Folio, Leipzig, mit Jahreszahl 1780,\nwelche noch vor Kurzem für 2 Thlr. zu haben gewesen ist in\nMaske's Antiquariat zu Breslau, S. dessen 52. Katalog,\nNr. 238."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.7", "texte": "deutendste der Literatur ihres Instrumentes sich angeeignet\nzu haben, mit ihrer künstlerischen Capacität sich so viel\nseltener Anspruchslos gkeit verbindet, alsdann wird es für\nden Beobachter am Ende fast zur Pflicht, den executiven\nKünstler aufmerksam zu machen auf die entgegengesetzte\nTugend der Selbstbehauptung und Concentration des ver-\nliehenen Maasses der candiden Kraft, da über allen schon\nerreichten Zielen oder noch zu machenden Fortschritten\nin Technik, Glätte, Tonbildung noch etwas steht, was sich\nder Mensch allein durch freie Selbstbeschränkung im pä-\ndagogischen Interesse des Hervorbildens der individuellen\nWillenskraft erwerben kann: die individualisirende Fär-\nbung, die persönliche Ueberredungsmacht des Seelenge-\nsprächs der Töne, beruhend auf der, inneren Charakter-\nDisposition der Individualität und Persönlichkeit des nach\naussen wirkenden Tonkünstlers. Ein Wahlspruch, werth\ndes Schweisses, lautet: „Jeder Zoll ein Künstler,\njeder Zoll ein Mann!\"\n\nSeverus.\n\nEine kolossale Marktschreierei.\nDas kleine münchener Blatt: „Neueste Nachrichten\naus dem Gebiete der Politik\", brachte unterm 6. Decem-\nber v. J. einen über den Pianisten Mortier de Fon-\ntaine aus St. Petersburg eingesandten Aufsatz,, aus wel-\nchem wir nur Einiges ausheben wollen, bemerkend, dass\nseit dem glorreichen Auftreten des Geigers Ole Bull solch\nunverschämte Reclame nicht wieder die Spalten deutscher\nBlatter angefüllt hat, wie die vorliegende. Diese beginnt:\n„Herr Mortier de Fontaine, der um das Verständniss\nder letzten Clavierdichtungenßeethoven's verdientestePiano-\nforte-Virtuose, wird im December in München eintreffen.\nVor dreissig Jahren hatte man dem hinzugesetzt: und einen\nOhrenschmaus bieten. Das war in den Zeiten von Field,\nHummel, Moscheies und anderen in München gern gehör-\nten Virtuosen. Der Begriff hat sich gewandelt! Beethoven\nschreibt für den Geist. Er beurtheilt alles Menschliche auf\ndem Standpunkte höchster Geistes-Errungenschaften; er\nbezeichnet dem Geiste ideale Bahnen, die den Meridian des\nbürgerlichen Lebens passiren, um höher zu führen, nicht\num sich an dem Status quo der Welt genügen zu lassen\nWer Alles in Beethoven kennt, wie der gebildete Deutsche\nseinen Schiller und Göthe in Kopf und Herz herumträgt,\nder kennt noch gar nichts von seiner eigentlichsten Geistes-\nNatur, wenn er nicht von Sonaten, Quartetten, Sinfonieen\nund Messen kennt, was über Op. 100 hinausliegt.\n„Dies sind aber insbesondere die oben genannten\nWerke, deren jedes in der Geschichte menschlichen Gei-\nstes Epoche macht, eine Station desselben auf dem Wege\n„\\ orwärts\" bezeichnet. Nur ein philosophisches Special-\nStudium ist im Stande, den mit ganzer Seele sich hinge-\nbenden Ideenreigen fassen und für die Zustände eines so\nzu sagen sich selbst durch unberechenbar wichtig gewor-\ndene, bis dahin todte Mächte davongelaufenen Jahrhun-\nderts verwerthen zu lassen. Freiheits-Stadien des mensch-\nlichen Gedankens, wie in Beethoven, begegnet man in der\nGeschichte aller Kunst und Wissenschaft, aber auf keinem\nGebiete in Formen hineingeheimnisst, die für sich\nnoch für eben so viele Ideen gelten, damit aber das glor-\nreichste Beispiel der Befruchtung aller Materie durch den\nallein lebendigen Geist aufstellen. Das ist Beethoven in sei-\nnen letzten Werken, auf der Höhe seiner Geisteskraft, von\nder er wohl sagen durfte: „„Ich bin ein Berg in Gott\nund muss mich selber steigen.\"\" [Beethoven? Ange-\nlus Silesius hat es gesagt!]\n„Dem Verständnisse eines solchen Propheten hat Herr\nMortier de Fontaine sein Künstlerleben gewidmet; dieser\nIdeen-Posaune, mirum spargens sonum, hat er gelauscht ;\ndiese Offenbarungen eines Kopfes, der lieber Heeresmacht\nund Kanonen als Musikschrift sum Triumphe seiner Ideen\ngebraucht hätte, interpretirt Herr Mortier tief und gewal-\ntig, ergriffen von der grossen, verantwortlichen Aufgabe.\nKein Ohrenschmaus, kein Concert eine Fackel, die er\nsich und Anderen vorträgt! Der Pianist, der diese Werke\nin ihre Tonerscheinung treten zu lassen vermag, weiht sich\nhöheren Zwecken, wird zum Kunst-Priester, der in der\nSprache des Geistes zur Welt spricht\n„München wird hören, wird urtheilen; und weil Mün-\nchen ein Urlheil hat, besucht es der Künstler. [Wird er\ndenn nicht auch Frankfurt am Main und Köln beglücken?\nIn der Mainstadt soll er vor einigen Jahren mit Beethoven's\nSonate, Op. 106, und anderen Werken ein unvergäng-\nliches Andenken sich bewahrt haben.]\n„Wenden wir auf den Künstler den Wahlspruch des\nStaatsmannes an: „ „Nicht die Rechte, die Jemand aus-\nübt, sondern die Pflichten, die er sich auferlegt, geben\nihm den Werth.\"\" Herr Mortier hat sich die Pflicht auf-\nerlegt, Ku nstwa h rhei t zu vertreten—zu Felde zu liegen\nsein Lebenlang für Erleuchtung durch Beethoven. Deutsch-\nland lies't den Sophokles und Thukydides reiner als seinen\nBeethoven, und von der ersten bis letzten Ausgabe der\nfünf Schicksals-Sonaten bildet der Vortrag durch Herrn\nMortier die einzige richtige Leseart (editio emendatior)\nu. s. w.\"\nWie müssen sich die münchener Kunstkenner im Bock-\nkeller und bei Pschorr am 6. December die Köpfe zer-\nbrochen haben über diesen petersburger Panegyrikus! Wie\ngross mag aber erst ihre Spannung geworden sein, als\nschon wenige Tage darauf Heid Mortier mit der Fackel"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610302-01.1.8", "texte": "in der Hand seinen Einzug hielt, sich unverweilt ans Cia-\nvier setzte (14. December) und ihnen nicht weniger denn\ndreizehn verschiedene Stücke vorspielte! Der dem Ein-\nsender vorliegende Concert-Zettel führt dieselben in fol-\ngender Ordnung auf:\n1) Fuge von S. Bach; 2) von\nHändel; 3) Sarabande von Francis Couperin; 4) Toccata\nvon Domenico Scarlatti; 5) Tempo di Menuetto von Jos.\nHaydn; 6) Rondo von Mozart; 7) Sonate, Op. 111, von\nBeethoven; 8) Moment Musical von Franz Schubert; 9)\nRomanze von Schumann; 10) Scherzo von Mendelssohn;\n11) Serenade d'un Troubadour von Wilimers; 12) Etüde\nvon Chopin; 13) La Cascade von Pauer.\nSollte wohl nach dieser Speisekarte noch etwas zu voll-\nständigster Erleuchtung der münchener Musikfreunde feh-\nlen? Ach, Herr Mortier de Fontaine, wir bitten, so fort-\nzufahren, denn das ist der rechte Weg, um die ganze\nMusikwelt bis zu den Botokuden in Brasilien in kürzester\nZeit zu vollständiger Erleuchtung zu bringen. An einem\nMonument nach dem Tode soll es nicht fehlen.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nln der letzten Soiree für Kammermusik trug\nFräulein Ingeborg-Starck aus Petersburg, eine junge Pianistin,\ndie sich in Paris und in den rheinischen Badeorten einen ehrenvol-\nlen Ruf erworben, die Sonate Op. 111 von B ee t h ov e n und Bach's\nchromatische Phantasie nebst Fuge vor. Die Fuge spielte sie ganz\nvortrefflich; der Vortrag der Sonate liess indess nicht bloss die\nLaien, sondern auch die Kenner kalt. Das schöne Violin-Quartett\nin C-moll von Beethoven (Op. 18, Nr. 4) erregte durch jeden Satz\nden lebhaftesten Beifall. Curios, dass die grosse Mehrzahl der Kunst-\nfreunde an den Beethoven'schen Ciavier- und Vlolin werken unter\nOp. 100 immer noch mehr Antbeil nimmt, als an denen, die darüber\nhinaus gehen!\nIn der Orchesterprobe am Donnerstag hatten wir das Vergnü-\ngen, Herrn Schmidt aus Moskau zu hören und in ihm einen ganz\nausgezeichneten Virtuosen auf dem Violoncello kennen zu lernen*\nHerr Schmidt erregte durch den Vortrag eines Concertes von Rom-\nberg und namentlich einer Phantasie mit Variationen von Servais\neinen wahren Enthusiasmus bei den Orchester-Mitgliedern und den\nanwesenden Kunstfreunden. Da er noch sehr jung ist, so steht ihm\njedenfalls eine bedeutende Zukunft bevor.\nWien. Nachdem Herr Karl T ausig in seinem ersten Con-\ncerte als Orchester-Dirigent und Pianist ausschliesslich als Interpret\nder Liszt'schen Muse aufgetreten war, veranstaltete er Samstag den\n9. Februar ein zweites Concert, in welchem er sich lediglich als\nCiavierspieler producirte. In jetzt sehr beliebter und vielfach ange-\nwandter Weise hatte er seinem Programm einen historischen Zu-\nschnitt gegeben, indem er mit Sebastian Bach begann und mit\nLiszt schloss. Die Wahl der von Herrn Tausig vorgetragenen Stücke\nzeigt uns aber nicht, dass ihn das innerste Wesen der grossen Mei-\nster wir meinen Bach und Beethoven inspirirt hätte, denn we-\nder die Bach'sche Orgel-Fuge (in H-moll, von Liszt für das Piano-\nforte übertragen) noch Beethoven's dreiunddreissig Variationen (Op.\n36) zählen wir zu jenen Werken, in welchen sich der tiefere, eigent-\nliche Genius der beiden Gewaltigen ausspricht, deren Gaben als\nEingeweihter den Laien zu reichen, den künstlerischen Sinn wohl\nzunächst reizen miisste. Es scheint uns vielmehr, dass Herr Tausig\nder Kunst mit der ganzen unerfreulichen, gemüthlosen Objectivität\ndes echten Virtuosen gegenübersteht, und seine Inspiration für Liszt\nschliesst freilich auch nach ganz allgemeinen psychologischen Ge-\nsetzen die Möglichkeit einer tieferen Empfänglichkeit für die echte\nKunst von vorn herein aus. Herr Tausig spielte ausser den genann-\nten Stücken die I£s-cZwr-Polonaise von C. M. v. Weber (Op. 21),\neinen Walzer von Chopin und Liszt's Don-Juan-Phantasie. Alle diese\nStücke spielte er auswendig (wie er denn in virtuosenhafter Ausbil-\ndung des Gedächtnisses hinter seinem Meister Liszt und seinem Ri-\nvalen Bülow nicht zurückbleibt), mit eiserner Ruhe und ohne je eine\nSpur innerer Bewegung zu verrathen. Allerdings sind diese Stärke\ndes Gedächtnisses, diese leichte, sichere Beherrschung des techni-\nschen Materials unwidersprechliche Zeugen einer bedeutenden Ener-\ngie und als solche positive Eigenschaften, die sich unwillkürlich\nAnerkennung erzwingen : uns aber, die wir gewohnt sind, auf den\nwarmen Pulsschlag der Empfindung zu horchen, und das innere\nFeuer der Leidenschaft, natürlich zur idealen Flamme verklärt, em-\nporlodern sehen wollen, uns macht diese Vortragsweise, welche in\nrein technischer Nuancirung alle Forderungen der Kunst erfüllt zu\nhaben glaubt, durchaus den Eindruck eines Automaten, dessen äus-\nserst künstliche Zusammensetzung, dessen Präcision in dem Zusam-\nmenwirken aller Theile wir zwar bewundern müssen, dessen schein-\nbares Leben uns aber mehr erschreckt und abstösst, als erfreut und\nanzieht. Aehnliche Wirkungen scheint das Publicum, welches sich\nübrigens nur in mässiger Zahl versammelt hatte, empfangen zu ha-\nben, denn die Stimmung blieb, ohne dass man desshalb ungerecht\ngegen die wirklichen Verdienste des Concertgebers geworden wäre,\ndoch den ganzen Abend hindurch eine unverkennbar kühle, uner-\nwärmte. Den Vortrag der Don-Juan-Phantasie allerdings haben wir\nnicht mehr abgewartet, und wissen nicht, ob sich das Publicum\ndurch diese wilde, wüste Tastenstürmerei, in welcher sich Herr Tau-\nsig schon früher als vollendeter Meister bewährte, hat imponiren\nlassen. Wir würden angenommen haben, dass Liszt und daher auch\nseine Schüler und Verehrer dieses von aller Bildung doch längst\nverurtheilte Genre seiner produetiven Muse nicht mehr anerkennen\nwürden; allein nicht nur Tausig, sondern Liszt selbst beweis't mit\nseiner jüngst erschienenen Phantasie über Motive aus „Ernaniu und\n„Trovatore* das Gegentheil. On en revient toujours ä ses jpremiers\namours, und es kommt Alles auf die »unausgesetzte Bethätigung\nunseres Ideals* an. (Recens.)\nUeber das Musikfest in Barmen zur Einweihung des neuen\nConcertsaales im Gebäude der Concordia am 23. und 24. Februar\nberichten wir in der nächsten Nummer."}]}