{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-03-23-01", "volume": "bmtnabi_1861-03-23_01", "ocr_sha256": "117c1b4c6fa9bd8f1b8110b16dfafd3ed70e995b17546c8bdb0193b4b55e81b5", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/03/23_01/bmtnabi_1861-03-23_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-23-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-23_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-03-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "89", "page_fin": "89", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 368, "texte": "Inhalt.\nUnser kirchliches Volkslied, der Choral. Von Louis Kindscher, Kunst und Handwerk. 11. Nachtrag zu „Beet-\nhovens Musik zum Prometheus-Ballett Aus Aachen (Concerte). Von N. Tages- und Unterh al tun gs blatt (Köln, Concerte\nvon Ole Bull Dorn's „Nibelungen\" Güttingen, Dr. Ed. 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Noch heule bewundern wir die erhabenen Denkmä-\nler der Baukunst in den mittelalterlichen golhischen Domen,\ndie so recht den Geist einer streng-religiösen Gläubigkeit\noffenbaren, die in ihrem Riesenbau die Unendlichkeit des\nHeil igen und Ewigen ahnen lassen, die endlich in ihren\nüberaus geistreichen und sinnigen Verzierungen als hohe,\nwunderbare Muster der Schönheit stets gelten müssen. So\nvereinte sich das Schöne mit der Idee des Erhabenen,\num für den Beschauer ein Ausdruck des Göttlichen\nzu sein, um eben auf Letzteres Auge und Sinn zu richten.\nWurde zugleich hiervon das innerste Gemüth angeregt,\nso gab es andererseits in der That kein besseres, wirksa-\nmeres Mittel, dasselbe mit den Ahnungen des Unendlichen\nzu erfüllen, zu hoher Andacht das Herz zu stimmen, als\ndie Musik mit ihrem allgewaltigen Tonzauber. Sie und\nihre nächste Schwester, die Poesie, beide eigentliche Künste\nder Zeit, schlössen sich nun der Kunst des Raumes,\nd. i. der Architektur, zu gleichem Zwecke und Ziele an,\nbeide zu Einem grossen Strome im Gesänge zusammen-\nfliessend, dessen Gewalt das Gemiilh mit sich fortriss, des-\nsen Wirkung von den ältesten Zeiten bis auf die Gegen-\nwart an dem heiligen Orte ihr Ziel auch niemals verfeh-\nlen konnte.\nWar aber der kirchliche Gesang seit Ambrosius' und\nGregor's Zeiten meist auf einen Einzelnen (Priester) oder\nwirklich schon auf einen Chor von mehreren Kirchensän-\ngern beschränkt (von Harmonie nach unseren Begriffen\nwar damals noch nicht die Rede), so verhielt sich das im\nGotteshause versammelte Volk immer noch ohne Theil-\nnahme an demselben. Die wirkliche Mitbetbeiliauncr\nerst einer späteren Zeit, und es ist sehr leicht denkbar, wie\nder geistige Umschwung der Reformation auch in die-\nser Angelegenheit wirken konnte. Luther, welcher wollte,\ndass „Fraw Musica im Dienste dessen sei, der sie geschaf-\nfen\", wählte und sammelte als wirklicher Musikkundiger\n(er war von Jugend auf Currendschüler gewesen) die be-\nsten Melodieen für das Volk, welches diese nun auch in\nseiner damaligen Glaubens-Begeisterung frisch und kräftig\nanstimmte, und zwar nicht anders als „in schlichter, ein-\nfacher Weise, in gehaltenen, gleich abgemessenen Tö-\nnen\", wie dies der herrschende alte (echt kirchliche) Gre-\ngorianische Kirchengesang, die so genannte Musica plana\n(schlichte Musik, piain chant), vorschrieb. Die Musica\nmensurata (gemessene) begriff umgekehrt die ausser-\nkirchlichen Gesänge (also hier die weltlichen Volkslieder),\nüberhaupt solche, deren ungleich lange Töne nach dem\nTactgesetze streng gemessen oder geordnet werden muss-\nten. Dem Kirchengesange hingegen prägte sich durch die\ngleichmässige und zugleich im Tone mehr gehaltene Sing-\nweise schon eine gewisse Feierlichkeit und Würde\nauf, die ihn eben zum Träger des Heiligen und Er-\nhabenen im Tempel machte, die ihn streng schied von\ndem leichten, frivolen, weltlichen Volksliede, worin eben\nein stets bewegter, höchst verschiedenartiger Wechsel von\nkurzen und langen Tönen herrschend war (Rhythmus).\nWenngleich es nun unter den damaligen Cantoren,\ndie meist zugleich Componisten waren, in künstlerischer\nHinsicht Mode wurde, auch den Choral durch solchen\nRhythmus (sehr muthmaasslich nach dem Vorbilde alter\nVersmaasse entstanden) zu verändern (rhythmische Cho-\nräle), so betraf diese neue (allerdings etwas heterogene!)\nGestaltung doch nur zunächst die in der damaligen Zeit\nschon sehr kunstgeübten Singechöre, wie eben dies auch\naus den sämmtlichen Choralwerken jener Zeit, die zu vier,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3825, "texte": "fünf, sechs Stimmen eingerichtet erschienen, zu ersehen\nist. Man benannte übrigens auch eine derartige Musik mit\ndem Namen „Figuralmusik\", gleichbedeutend also mit\noben erwähnter Musica mensurata. So sagt z. B. Glarean\nin seinem Dodecachordon—Basel, 1547 —: „Der Gesang\nist zweierlei Art; die eine ist einfach und einförmig, wir\nbedienen uns derselben in den Kirchen, und von ihr han-\ndelt die Musica plana; die andere Art ist verschieden und\nmannigfaltig, und von ihr handelt die Figuralmusik.\"\nHiernach aber ist nunmehr als ganz natürlich anzu-\nnehmen, dass auch der einfache, natürliche Choral mehr\ndem Volke, der künstliche und rhythmische dagegen mehr\ndem geschulten, gebildeten Singechore angehörte. Wie\nhätte denn auch das Volk damals an diesen „rhythmischen\nChorälen\" —wie dennoch Manche versichern wollen\nTheil nehmen können, da erstlich darin manche Zeitfor-\nmen der Töne (Synkopen u. dgl.), noch verbunden mit\neinem sehr häufigen Wechsel des geraden und ungeraden\nTactes, einem Musiker von Fach in der Ausführung schon\nschwer genug werden*), da ferner die ganze, aus lauter\nmusicalischen Laien bestehende Volksmasse bei einem so\nverschiedenartigen wie raschen rhythmischen Tonwechsel\nunmöglich die höchst nothwendige Ordnung und Gleich-\nheit im Choralgesange beobachten konnte? Ein Beispiel:\nSchon Palestiina, der allgemeine Vertreter der Kir-\nchenmusik wer kennt nicht die Geschichte, wie seine\nMesse den Papst Marcellus bestimmte, das schon eilassene\nVerbot der Kirchenmusik wegen deren überhand genom-\nmener \"V er vvel tli ch un g wieder zurückzunehmen? er-\nkannte, dass die Höhe des kirchlichen Gesanges un rhyth-\nmisch sei, und darin eben fand er die ideale Form.\nRhythmus ist zwar immer auch in unserem Choral zu\nfinden, nur treten die Längen und Kürzen der Töne äus-\nserlich nicht so grell und bunt gemischt hervor, werden\nvielmehr erst durch die natürlichen Längen und Kürzen\nder Text-Sylben bestimmt. Im rhythmischen Choral ist so-\ngar nun aber nicht einmal dieses äussere Gesetz beobach-\ntet, und das Gefühl sieht sich nur zu häufig verletzt durch\nregelwidrige, gänzlich umgekehrte Verbindung langer\nund kurzer Sylben mit den ihnen doch entsprechenden\nlangen und kurzen Tönen.\nAber einen hiernach so unkirchlichen wie schwer aus-\nzuführenden Choralgesang, wie der rhythmische es ist,\nwollte man noch in unserer letzten Zeit wirklich dem\nVolke aufdringen, das doch einmal und mit vollstem Rechte\nan seinem gewohnten wahrhaft kirchengemässen hängt!\nMüsste nicht sofort die Würde, das wirklich Geistige zu\neinem bloss Weltlichen, gemein Sinnlichen umschla-\ngen? Die Zumuthung aber an die Kunst, zum rhythmi-\nschen Choral zurückzukehren, kann diese schon aus dem\nersten und einfachen Grunde nicht eingehen, weil ihr Prin-\neip ein geistiger Fortschritt, eine immerwährende höhere\nEntwicklung nach dem Idealen ist und bleiben soll, fer-\nner aus dem anderen Grunde, weil ihr, der nun im Laufe\nder Zeit gross und mündig gewordenen, die dreihundert-\njährigen, etwas altmodischen, vom allgewaltigen Zahne der\nZeit auch etwas mürbe gewordenen Kindergewänder,\nmit denen sie sich wiederum kleiden soll, gar nicht mehr\npassen wollen, auf die sie zwar immer mit einer herz-\ninnigen Pietät, doch aber nun auch mit einem stillen Lä-\ncheln blicken muss. Wie kindlich (wo nicht zu sagen: kin-\ndisch) erscheint, um hier nur ein Beispiel für viele zu\ngeben, nicht gegen die kräftige Form unseres allbekann-\nten, wunderschönen Chorals: «„Wie schön leucht't uns der\nMorgenstern\", nun die rhythmische Form!\n\n*) Dies alles wollen aber die Freunde des rhythmischen Chorals\nnoch für eine besondere Schönheit desselben erkennen. Einer\nderselben macht dem Organisten jedoch den (etwas verfängli-\nchen) Vorsehlag, hier, bei Begleitung mit der Orgel, ja streng\nund laut im Tacte zu zählen, um (!!) selber nicht\naus dem Tacte zu kommen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3328, "texte": "Ueberhaupt liegt der Irrthum und Missgriff einer or-\nthodoxen Partei — die (vielleicht mehr unbewusst) durch\nden rhythmischen Choral der Kirche gerade mehr Scha-\nden als Nutzen zufügt — in dem umgekehrt oder vielmehr\nverkehrt eingeschlagenen Wege, durch eine vormalige\nForm auch einen vormaligen Geist wecken zu wollen.\nDoch der Geist schafft ja erst seine Form (die an sich\ntodt ist), und: „Der Buchstabe tödtet, der Geist aber\nmachet lebendig.\"\nMögen die rhythmischen Choräle immer ehrwürdig\nsein und bleiben als historische Denkmäler der\nKunst, so haben sie ihre Zeit gehabt und schlummern\nnun auch ihren Todesschlaf in dem staubigen Kunst-Ar-\nchive, das der einsame Fuss eines vereinzelten Kunstfreun-\ndes oder auch Archäologen betritt. Sollte aber, dennoch\nangenommen, ein in der That dem deutschen Volke so\nrecht eigenthümlicher, erhabener wie erhebender Kirchen-\ngesans, der einfache Choral, der, wohl zu bemerken, auch\nin der gegenwärtigen Kunst nur noch als allgemeiner\nund resp. einziger (!) Repräsentant der Kirchenmusik\nüberhaupt dasteht, im Laufe der Zeit fallen können? In\nFolge einer durch solche Verweltlichung unseres zu-\nkünftigen Choralgesanges hervorgerufenen Entwürdigung\nund Profanation des Heiligen in der Kunst würde nun\nauch das Volk sich vollkommen für berechtigt halten dür-\nfen, wie es auch früher wirklich geschehen, nach irgend\neinem geistlichen Liedertexte seine bekannten und belieb-\nten Volkslieder zu singen: „Heil Dir im Siegerkranz\",\n„Schier dreissig Jahre bist du alt\", „Hier sitz' ich auf Ra-\nsen mit Veilchen umkränzt\", „Guter Mond, du gehst so\nstille\" u. s. w.—Allein zu einem solchen gefährlichen Um-\nsturz wird es hoffentlich nicht kommen, denn das deutsche\nVolk hat seinen Choral, auf den es anderen Völkern ge-\ngenüber stolz sein darf, schon längst als den geistigen Eini-\ngungspunkt des Heiligen und Erhabenen der Kirche sel-\nber erkannt. Möge es nun aber auch sein wirkliches Eigen-\nthum, auf das schon eine lange Reihe der deutschen\nMeister in der Tonkunst (darunter ein Bach, Händel,\nMozart) mit besonderer Hochachtung und Liebe stets ge-\nblickt hat, sich nicht nehmen lassen!\nGöthen. Louis Kindscher.\nHierzu noch als Schlusswort eine Reliquie von Dr.\nFriedrich Schneider, die Referent nachdem in sei-\nnem Besitze befindlichen Autograph hiermit wahrheits-\ngetreu wiedergibt:\n„Gegen die Einführung des so genannten rhythmi-\nschen Choralgesanges muss ich mich auf das bestimmteste\naus Gründen, die aus vollster Ueberzeugung hervorgegan-\ngen sind, erklären, und halte ich die Weise unseres bis-\nherigen Choralgesanges, vorausgesetzt, dass er gehörig\nund zweckmässig ausgeführt wird, gerade für die\npassendste Weise. Denn keineswegs ist unsere bisherige\nArt des Gemeindegesanges ohne Rhythmus, er stellt nur\nden Rhythmus in seinen einfachsten, für den Volksgesang\nfasslichsten Verhältnissen dar. Durch Aufnahme des so\ngenannten rhythmischen Choralgesanges kommt etwas\nSinnlich-Weltliches in unseren Gemeindegesang, was wohl\nmitunter ganz lustig lauten wird, indess kann ich gerade\ndarin kein Mittel zur Erweckung der Erbauung und An-\ndacht finden, vielmehr durch die rhythmische Verwirrung,\nin welcher manche dieser so genannten rectificirten Melo-\ndieen erscheinen, mannigfaltige Störung der Andacht und\nErbauung erreicht werden dürfte.\n„Dessau, im August 1852.\n\n„Dr. Fr. Schneider.“"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-23-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-23_01#c006", "volume": "bmtnabi_1861-03-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "91", "page_fin": "94", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.2.3", "titre_corps": "Kunst und Handwerk.", "titre_sommaire": "Kunst und Handwerk.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.3", "debut_caractere": 3330, "fin_caractere_exclue": 4347, "texte": "Kunst und Handwerk.\nII.\n(I. s. Nr. 9.)\nDas Haus Blagueoni und das Concert-Geschäft in\nParis *).\nIn einer der vielen kleineren Zwischengassen, welche\ndie grossen, zwischen dem Bou und der\nRae Rivoli liegenden Hauptstrassen verbinden, befindet\nsich das Bureau de musique, zugleich wie auf dem ko-\nlossalen Aushängeschilde zu lesen Agence internationale,\ndes theätres, agence de la maison transatlantique Wind 6f\nComp., agence de concertsu. s. w. der Herren Blagueoni\n& Comp. Diese Männer rühmen sich, grossen und weit\nausgreifenden Einfluss auf die musicalischen Angelegen-\nheiten der sCapitale du monde\" auszuüben, und, wie Ho-\nmer sagt, „sie behaupten den Ruhm\".\nBevor die Herren Blagueoni & Comp, sich ganz dem\nDienste Polyhymniens weihten, halten sie in ihrer Heimat\ndem Hauptorte eines südlichen Departements einen\n\n*) Wir glauben das in Nr. 9 angezeigte Buch „Kunst und\nHandwerk« nicht besser empfehlen zu können, als wenn\nwir noch einen Abschnitt auszugsweise aus dem 11.—15. Ca-\npitcl im 11. Bande mittheilen.\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5411, "texte": "nicht unerheblichen Handel mit Südfrüchten getrieben, da-\nbei aber—vielleicht im Vorahnen der künftigen Grösse\nimmer eine gewisse Vorliebe für Musik gezeigt. Sie waren\ndie eifrigsten Besucher der Cafes chantants, und so oft sie\nnach Paris gingen, um Contracte über Lieferungen von\nOliven und getrockneten Pflaumen abzuschliessen, ver-\nschafften sie sich Freimarken zu den dortigen Concerlen,\nkauften Contremarken vor den Theatern, wodurch sie die\nletzten Acte mancher Opern um ein Drittel des Eintritts-\npreises zu sehen bekamen, und brachten die neuesten Qua-\ndrillen von Musard, oder Arrangements von Auber'schen\nund Bellini'schen Opern für die musicalischen Damen ihrer\nKundschaft mit. Auf diese Weise lernten sie die Handgriffe\ndes Musicalienhandels kennen, vorerst nur in kleinem\nMaassstabe und in beschränktem Kreise, bis ein zufalliges\nEreigniss sie veranlasste, ihre Thatigkeit weiter zu ent-\nfalten.\nIn dem Hause eines reichen pariser Epicier, dem die\nHerren Blagueoni & Comp, alljährlich Orangen und Mus-\ncat de Lunellieferten, wohnte ein deutscher Musiker. Der\nMann war, geblendet von den glänzenden Beschreibungen\ndes pariser Musiklebens, womit alle deutschen Zeitungen\ndamals ihre Spalten füllten, begeistert von der Idee, dass\nBeethoven's Sinfonieen in Paris den grössten Triumph ge-\nfeiert hatten, nach der Weltstadt gekommen, um sich da-\nselbst niederzulassen.\nNach bitteren Enttäuschungen sah er sich nach Ver-\nlauf einiger Zeit gezwungen, um sein Leben zu fristen,\neine werthvolle Sammlung von Partituren mehrerer Werke\nvon Palestrina, Orlando Lasso, Marcello, viele Oratorien,\nOpern und Sinfonieen zu verkaufen. Er wandte sich dess-\nhalb an den Sohn seines Wirthes. Dieser junge Mensch\nschrieb damals für kleinere Journale Berichte über Vaude-\nvilles u. dgl., die auf den kleineren Theatern aufgeführt\nwurden, ist jedoch später ein berühmter doppelnami-\nger Kritiker geworden. Er schlug den Herren Blagueoni\nden Ankauf vor. Nachdem diese von Pontius zu Pilatus\ngelaufen, um sich über die alten Manuscripte Raths zu er-\nholen, kamen sie endlich auch zum Custos der Bibliothek,\nder ihnen eine schöne Summe bloss für Lasso's Partituren\nbot. Aul der Stelle kauften sie den ganzen Kram dem ar-\nmen Deutschen für ein wahres Spottgeld ab, und verhan-\ndelten zunächst den Lasso und einige andere ältere Nie-\nderländer und Jtaliäner nicht etwa an den genannten Cu-\nstos, sondern hinter dessen Bücken an einen fürstlichen\nDilettanten und Sammler, der ihnen viel mehr für ihre\nSchätze gab, als jener geboten hatte.\nDer deutsche Musiker überlebte den Verlust seiner\neinzigen Trost- und Erhebungsmittel im Elend nicht lange.\nEr starb in den Armen eines grossen Virtuosen, der An-\nfangs trotz der besten Empfehlungen des Landsmannes sich\nnicht um ihn bekümmert hatte, jetzt aber nur noch eben\nfrüh genug ihn besuchte, um ihn sterben zu sehen.\nDer berühmte Virtuose eilte zu seinen Collegen, er-\nzählte ihnen mit von Thränen erstickter Stimme die Lei-\ndensgeschichte, die wir eben 'mitgetheilt haben. Viele be-\ndeutende Künstler und andere, die als solche gellen woll-\nten, wohnten dem Leichenbegängnisse des Mannes bei, von\ndem sie entweder nie reden gehört oder keine Notiz ge-\nnommen hatten. An seinem Grabe wurden Beden gehal-\nten; ein berühmter Dichter, der nicht einmal dessen Na-\nmen kannte, rührte die ganze Versammlung durch eine\nApologie des Verklärten, „der inmitten einer egoistischen\nZeit, wo Alles nur der Ostentation lebt, still und verborgen\ndas Ideal der Kunst allein anbetete und im Anschauen\nder Gottheit versunken war, während Andere um das gol-\ndene Kalb tanzten.\" Ein Bildhauer erbot sich, ein einfa-\nches Denkmal mit allegorischen Beliefs aus eigenen Mitteln\nzu beschaffen. Der Journalist, der Sohn des Epicier, er-\nregte die allgemeine Aufmerksamkeit durch eine mit\nWärme und Geist geschriebene kurze Geschichte der Er-\nlebnisse des fremden Musikers, der, wie er sagte, „dem\nDrucke der engen Verhältnisse, dem Kastengeiste Deutsch-\nlands entfliehend\", ohne Empfehlungen, ohne Ruf, ohne\nMittel der Lügner! —, nur dem inneren Freiheitsdrange\nfolgend, nach Paris, dem Tempel der Künste, dem gelob-\nten Lande, wo allein der Künstler sich frei fühlt, gewan-\ndert war, und da als ein frommer Priester der Kunst seine\nirdische Wanderschaft beschlossen halte. Man sprach in\nden pariser Salons von diesem eigentümlichen deutschen\nMusiker, den man sich als eine HofTmann'sche Figur, etwa\nals einen zweiten Capeilmeister Kreisler, vorstellte; man\nerkundigte sich, ob er vielleicht eine Frau, Kinder, oder\nauch nur eine Geliebte hinterlassen habe, die man unter-\nstützen könnte. Das dauerte drei Tage; am vierten trat\neine neue Tänzerin in der Oper auf, und der Musiker war\nvergessen.\nDen Herren Blagueoni war nach dem Verkaufe der\nWerke von Benedetto Marcello und Orlando di Lasso noch\neine ansehnliche Zahl von Partituren Havdn'scher und Mo-\n•j\nzart'scher Sinfonieen geblieben. In Paris konnten sie nicht\nauf einen vortheilhaften Verkauf hoffen; doch das mer-\ncantilische Genie unserer Helden zeigte ihnen einen ande-\nren, zum sicheren Ziele führenden Weg.\nSie unternahmen es, in ihrer Heimat, in dem Depar-\ntement, wo sie als Geschäftsleute mit Südfrüchten handel-\nten und als besondere Freunde der Musik sich mit Verkauf\nvon Musicalien abgaben, eine Societe cl'amateurs de mu-\nsique zu gründen, bei der sie gleich die Partituren der mit-\ngebrachten Sinfonieen absetzen konnten. Und es gelang"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5522, "texte": "ihnen vollkommen. Sie wusslen den Präfecten zu gewin-\nnen, und beuteten die Eitelkeiten des Dilettantismus ge-\nschickt zu ihrem Vorlheile aus.\nNach einigen Jahren kam ein neuer Präfect, der zwar\neben so wie sein Vorgänger die Stelle eines Präsidenten\nder Societeannahm, aber auf den unerhörten Einfall einer\nRevision der Gesellschafts-Casse kam. Die Herren Bla-\ngueoni beugten jeder Untersuchung des Vereins-Comite's\ndadurch vor, dass sie alle Gassen- und sonstigen Bück-\nstände sofort aus ihren eigenen Mitteln ersetzten. Dagegen\nerklärten sie sich in ihrem eigentlichen Geschäfte zahlungs-\nunfähig. Sie behaupteten hierbei, dass durch die schlechte\nOliven-Aernte und durch übernommene bedeutende Liefe-\nrungen ihre Mittel schon bedeutend erschöpft gewesen wä-\nren, und dass die plötzliche strenge Rechnungs-Forderung\ndes Herrn Präfecten sie gezwungen habe, alles, was ihnen\nnoch geblieben war, der Ehre der Kunst zu opfern. Die\ngute Gesellschaft bedauerte sie allgemein als ein Opfer der\nHerrschsucht des Präfecten, der allgemein als ein unbe-\nquemer, harter, alles Kunstsinnes entbehrender Mann ver-\nschrieen ward. Unsere Helden aber zogen nach Paris, wo\nsie einem gewissen Theile der musicalischen Welt durch\nihre Berichte aus der Provinzstadt bereits hinlänglich be-\nkannt waren. Sie gründeten ein Musik-Veriagsgeschäft.\nDas Glück war ihnen günstig. Der Handel mit italiäni-\nschen Romanzen war noch gewinntragender, als ihr frühe-\nrer mit italiänischen Früchten. Bald gelang es ihnen auch,\nin einigen Journalen als Kritiker wirken zu können. Sie\nverstanden zwar nichts von Musik, doch sie besassen einige\nGewandtheit und eine nie erröthende Stirn, zwei Eigen-\nschaften, durch welche gewisse Kunstkritiker in gewissen\nKreisen einen gewissen Erfolg erzielen. Gleichgesinnte, Ver-\nbündete gesellten sich zu ihnen; bald waren sie der Mittel-\npunkt einer Clique, durch welche sie in der Journalistik,\nin der Theater- und Musikwelt grossen Einfluss üben konn-\nten. Sie erweiterten nun ihre Thätigkeit und errichteten\nAgenturen für Concerte u. s. w., und da ihnen Geschick\nnicht abzusprechen war und sie alles unternahmen, was\nscrupulöseren und bequemeren Verlegern und Agenten\nnicht genehm war, so erlangten sie bald eine grosse Be-\ndeutung, deren moralische Berechtigung Niemand prüfte;\ndenn in der Welt, die wir in diesem Augenblicke beschrei-\nben, gilt der Grundsatz: Reussir\nHorst [unter diesem Namen führt der Verfasser den\nHelden seines Buches ein, einen tüchtigen deutschen Künst-\nler, dessen Schicksale und künstlerische Ansichten den\nHauptinhalt desselben ausmachen] kam zu den Herren Bla-\ngueoni & Comp., um sich mit ihnen über die Anordnung\nmehrerer Concerte, die er veranstalten wollte, zu berathen.\nEr wollte einige seiner grösseren Compositionen vortragen\nund in dieser Weise seine künstlerische Bedeutung endlich\nzur Geltung bringen; denn in den Salons, wo man alle\nTage eine anders zusammengesetzte und anders gestimmte\nGesellschalt trifft, halte er bisher die verchiedensten Meinun-\ngen hervorgerufen, und um das Urtheil über seine Leistun-\ngen festzustellen, schien ihm eine wiederholte Berufung an\ndas grosse Publicum am geeignetsten; seine Ansicht wäre\nauch eine ganz richtige gewesen, hätte er bei der Veran-\nstaltung seiner Concerte nicht auf die Protection der Leute\ngerechnet, die ihn nur vorn Salon her kannten.\nDie Bedeutung des Concertsaales ist jetzt für den\nKünstler wie für das Publicum eine andere, als sie bis vor\netwa fünfundzwanzig Jahren, wo die glänzende Virtuosen-\nEpoche eintrat, gewesen ist. Damais wirkte der ausübende\nMusiker fast gar nicht durch seine Persönlichkeit und nur\ndurch seine Leistungen. Er und das Publicum trafen ein-\nander nur im Concertsaale. Seine persönlichen Beziehun-\ngen reichten nur in den seltensten Fällen über den be-\nscheidenen Kreis geist- und sinnverwandter Freunde hin-\naus. Das Salonleben existirte nicht für ihn.\nDie darauf folgende Aera der Virtuosen-Cäsaren, die\nda kamen, spielten und siegten, und bei deren Erfolgen\nauch die Persönlichkeit und andere Hebel mitwirkten, gab\nauch dem Concertsaale ein verändertes Ansehen. Er wan-\ndelte sich zu einer Art von Salon um, in welchem sich die\npersönlichen Freunde und Verehrer des Künstlers versam-\nmelten; der Salon dagegen, und was drum und dran hängt,\nSalon-Gelehrte, Salon-Dichter, Salon-Literatoren und Sa-\nlon-Genies waren es, unter denen der Künstler seine Con-\ncert-Erfolge vorbereitete oder wenigstens allenthalben prei-\nsen liess. Von jener Zeit her datirt die angenehmere (?)\nStellung, welche die Tonkünstler in der Gesellschaft ein-\nnehmen, und deren Hohlheit, Unzulänglichkeit, Zwitterhaf-\ntigkeit fast möchten wir sagen: deren Erniedrigung\nnur die Wenigen recht kennen, die an das Leben höhere\nAnforderungen stellen, als der Salon überhaupt zu befrie-\ndigen vermag.\nAls Horst, in das Locol der Herren Blagueoni & Comp,\ntrat, war eben ein grosser Theil der „Compagnons\" da-\nselbst versammelt. Das Aeussere der Gesellschaft wider-\nsprach eigentlich der Vorstellung, die man mit dem Be-\ngriffe von Leuten verbindet, in deren Händen Kunst-An-\ngelegenheiten ruhen. Mit Ausnahme des berühmten Jour-\nnalisten, der sehr elegant gekleidet, und eines zufällig an-\nwesenden italiänischen Gesanglehrers, der mit goldenen\nKetten und Ringen beladen war, boten die Verleger, Agen-\nten und Kunstrichter Blagueoni sammt ihren Verbündeten\nin Kleidung, Haltung und Bewegung ein so eigenthümli-\nch es Bild, dass man sie sich unwillkürlich eher zwischen\nOliven- und Sardeilenfässern feilschend, als in Kunst-An-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4906, "texte": "gelegenheiten wirkend denken mochte. Der Chef des\nEtablissements disputirte mit dem italiänischen Gesang-\nlehrer über einige Romanzen, die dieser schon lange be-\nzahlt zu haben behauptete, während jener auf dem Gegen-\ntheil bestand. Sie suchten einander zu überschreien und\nin Argumenten zu überbieten, die eben nicht dem Code\ndu gentilhomme entnommen waren. Nachdem sie eine\nWeile gestritten halten, wurden sie wieder die besten\nFreunde und besprachen den Plan eines grossartigen Un-\nternehmens, durch welches das Haus Blagueoni alle Fäden\nder musicalischen Angelegenheiten in seine Hand zu lei-\nten gedachte. In einer Ecke vor dem Schreibtische sass\nHerr Cäsar Blagueoni, der Cousin, Miteigenthümer des\nGeschäftes, gleich dem berühmten römischen Cäsar nach\nvier Seiten hin zur selben Zeit thätig. Er schrieb für ein\ngrosses Journal die Kritik eines Concertes, in dem er nicht\ngewesen, unterstützte hier und da durch eine Zwischen-\nbemerkung seinen Verwandten in dem Streite über die\nunbezahlten Romanzen, instruirte den Referenten des Mode-\nJournals, wie er die letzte Oper eines den Blagueoni's\nmissliebigen Componisten am besten angreifen und in der\nMeinung des Publicums herabsetzen könnte, und vernahm\nendlich—wie gesagt, Alles zu gleicher Zeit—den Bericht\ndes Concert-Agenten, des Compagnons der Blagueoni,\nüber die in Aussiebt stehenden Concerte, über deren Ver-\nanstalter, ihre Verbindungen und Verhältnisse. In der Ge-\nsellschaft befanden sich noch ein ziemlich stehen-\nder Componist von Operetten und anderen ephemeren\nErzeugnissen, der ehemals zu den erbittertsten Gegnern\nder oben bezeichneten Herren gehört hatte, aber der ei-\nfrigste Bewerber um ihre Gunst geworden war, als ein\nConcurrent ihm den Platz in den Theatern und in der Gunst\nI\ndes Publicums streitig zu machen begann; dann ein Deut-\nscher, der an grosse und kleine Journale seines Vaterlan-\ndes Berichte über das pariser Kunstleben sandte und bei\nden Herren Blagueoni & Comp, das Losungswort holte;\nendlich mehrere musicalische und schriftstellernde Dilet-\ntanten, die sich überall an so genannte Berühmtheiten\ndrängen, um bei den Leuten, welche das Treiben und Le-\nben der Kreise, die hier beschrieben werden, wenig ken-\nnen, als bedeutend und einllussreich zu gelten.\nAls Horst eintrat, erkannten ihn die Herren Blagueoni\nsehr wohl, aber sie nahmen keine Notiz von seiner Anwe-\nsenheit. Es lag in ihrer Art, alle jene Künstler, die sich\nan sie wandten und nicht schon eines bedeutenden Na-\nmens genossen, nur in so weit zu beachten, als die Be-\nkanntschaft ihnen Vortheil bot. Sie setzten daher nach\nkurzer Begrüssung ihre Gespräche mit den früher Anwe-\nsenden fort, und diese folgten dem Winke mit jener Co-\nterie-Disciplin, worin die Franzosen unnachahmlich sind,\nund wodurch sie im Gutennvie im Schlechten Grosses zu\nleisten vermögen. Selbst der Journalist, dem Horst erst\nwenige Tage zuvor einen längeren Aufsatz über manche\nKunstfragen zugesandt, und die jener in seinen Kritiken\nvielfach benutzt hatte, und der deutsche Correspondent,\nmit dem er öfters zusammengekommen war, begegneten\nihm mit der oberflächlichen Höflichkeit, auf welche auch\nder fast Unbekannte Anspruch hat. Eine kleine Weile sah\nHorst dem Treiben zu; ein eigentümliches Gefühl über-\nkam ihn, wenn er dachte, dass er mit diesen Menschen\nüber Kunst, Ehre, Ruf sprechen sollte, aber er konnte sie\nnicht entbehren; der Weg, den er bisher verfolgt hatte,\nführte ihn zu diesen Menschen; die Erfüllung von Ewalt's\nProphezeiungen begann. Er näherte sich dem Haupte\nder Blagueoni und setzte ihn von dem Zwecke seines Kom-\nmens in Kenntniss. Der Verleger hörte ihn mit süsslichem,\nzweideutigem Lächeln an und entgegnete: „Wir wollen\nuns, so weit es mit unseren massenhaften Geschäften zu\nvereinigen, für Sie interessiren, obwohl Sie uns früher\nvon Ihren Planen hätten unterrichten sollen, wenn Sie hier\nin Paris etwas erlangen wollen; es wunderte uns schon\nlange, Monsieur Horst, dass Sie Sich nicht mehr bemüh-\nten, den Antheil von Männern zu gewinnen, die, wie Sie\nwissen, hier Alles vermögen. Uebrigens wenden Sie Sich\nan unseren Compagnon dort, dem wir das Geschäft des\nConcert-Veranstaltens ausschliesslich übertragen haben, da\nwir unsere Kräfte den anderen Zweigen der Kunst, dem\nVerlage und der Kritik, widmen. Ich will Sie dem Herrn\nbesonders empfehlen. Folgen Sie seinem Rathe.\" —Er rief\nden Agenten herbei. Dieser hatte seinen Rapport an den\nHerrn Cäsar Blagueoni unterbrochen; die Beiden blickten\nmit spöttischer Miene auf den deutschen Künstler, in des-\nsen bald erblassenden, bald erröthenden Zügen der Ein-\ndruck seines Empfanges deutlich zu lesen war. „Monsieur\nAppalton,\" endete der grosse Chef des Bundes, „ich stelle\nIhnen den Herrn Horst vor; nehmen Sie Sich seiner an\nund unterstützen Sie ihn mit Rath und That.\" Nach die-\nsen Worten wandte er sich wieder zu dem italiänischen\nGesanglehrer, mit dem er sich leise unterhielt.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-23-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-23_01#c007", "volume": "bmtnabi_1861-03-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "94", "page_fin": "95", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.2.4", "titre_corps": "Nachtrag zu „Beethoven’s Musik zum Prometheus- Ballet“.", "titre_sommaire": "Nachtrag zu „Beethoven’s Musik zum Prometheus- Ballet“.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.6", "debut_caractere": 4908, "fin_caractere_exclue": 5163, "texte": "Nachtrag zu „Beethoven’s Musik zum Prometheus-\nBallet“.\n(S. Nr. 11.)\nDer erste Clavier-Auszug dieser Musik ist bald\nnach der Aufführung des Ballets (den 28. März 1801) in\nWien erschienen. Er liegt uns vor und führt den Titel:\nGli Uomini di Prometeo. Ballo"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2200, "texte": "noforte composto e dedicato a\ncipessa Lichnowshj nata Contessa Thun da Luigi van\nBeethoven. Opera 24. In Viennapresso Cappi &• Comp.\nPr. 3 FI. 36 Kr. (56 Seiten in Quer-Folio.)\nNach A. Schindler's Begleitschreiben zu der freund-\nlichen Uebersendung dieses Ciavier-Auszugs äusserte Beet-\nhoven bei Einhändigung dieses Exemplars in Bezug auf\ndie Vollständigkeit: „Das ist Alles.\" „Dass er\", fährt\nA. S. fort, „bei diesem Arrangement mitgewirkt, hörte ich\nihn später sagen. Betreffs des schlecht stylisirten Titelblat-\ntes schalt er sich selber aus: Ballo per il Clavicembalo!\nDamals war er durch und durch Italiäner und radbrechte\nhäufig die italiänische Sprache es war in der Epoche\n„ „Gi ulietta Guicciardi\"\", 1801. Herrn Tbayer ver-\ndanken wir nämlich die Gewissheit, in weichem Jahre jene\nKatastrophe im Leben Beethoven's erfolgt ist, und aus wel-\nchem also auch jene drei Briefe an seine Geliebte her-\nrühren, die nur die Angabe des Tages, aber nicht des\nJahres tragen. Thayer hat in allen Kirchenbüchern Wiens\nJahr und Tag der Trauung der Giulietta mit dem Grafen\nGallenberg aufgesucht und gefunden, dass die Trauung\nim Jahre 1801 Statt gefunden.\" —Bisher setzte man diese\nLiebe Beethoven's in viel spätere Zeit, z. B. 1805 und\n1806; auch Schindler war noch in der neuesten Ausgabe\nder Biographie der Meinung, dass sie in das Jahr 1803\ngehöre. Nach Thayer's Fund fällt sie also in das einund-\ndreissigste Lebensjahr Beethoven's. (Vgl. Sch., 1.,\n93 ff.)\nDurch die Opuszahl 24 auf dem Titel des Cappi'-\nschen Clavier-Auszugs wird ebenfalls auf die richtige Zeit\nder Entstehung der Prometheus-Musik hingewiesen (in den\nKatalogen der Beethoven'schen Werke wird sie fälschlich\nmit Op. 43 bezeichnet). Uebrigens ist die Sonate in\nfür Ciavier und Violine auch unter der Nummer Op. 24,\nund zwar auch 1801 (aber bei Mollo in Wien), erschie-\nnen. Die Umgebungen sind demnach folgende:\nOp. 20, Septett in Es-dur. Op. 21, Sinfonie in C-dur.\nOp. 22, Clavier-Sonate in B-dur. Op. 23, Sonate für\nPianoforte und Violine in A-moll. Op. 24 (s. vorher). Op.\n25, Serenade für Flöte, Violine und Alto. Op. 26, Sonate\nin As-moll. Op. 27, die beiden Phantasieen (Nr. 2, Cis-\nmoll, „Alla Contessa Giulietta Guicciardi\")."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-23-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-23_01#c008", "volume": "bmtnabi_1861-03-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "95", "page_fin": "95", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.2.5", "titre_corps": "Aus Aachen.", "titre_sommaire": "Aus Aachen.", "signature_source": "N", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.7", "debut_caractere": 2202, "fin_caractere_exclue": 5805, "texte": "Aus Aachen.\nN.\nWenn ich Ihnen lange nicht über unser musicalisches Leben ge-\nschrieben habe, so ist der Mangel an Concerten wahrlich nicht daran\nschuld, sondern eher die Fülle des Stoffes, ein Embarrcis de ri-\nchesses. Das kann man doch wohl mit Recht sagen, wenn in einer\nWoche drei Künstler von europäischer Berühmtheit hier concertirt\nhaben: Laub, Jaell und Stockhausen.\nIm fünften Abonnements-Concerte (den 19. Januar)\nwurde die vollständige Musik von Beethoven zum Ballet: „Die\nGeschöpfe des Prometheus % und Ouvertüre und 11. Act aus Gluck' s\n„Orpheus\" gemacht; die Alt-Partie in letzterem sang unsere ge-\nschätzte Dilettantin, Frau P. Das sechste Concert (zum Besten\ndes Orchesterfond-s) brachte Beethoven's Ouvertüre in O, Op. 115\nArie für Mezzo-Sopran aus Händel's Herakles - Concert für\ndas Violoncell von Molique, gespielt von Hrn. J. Wenigmann\nzwei Lieder von F. Schubert (Mignon's „So lasst mich scheinen\",\nvon Liszt, und Gretchen's „Meine Ruh' ist hin\", von Hiller instru-\nmentirt) eine Orgel-Toccata von J. S. Bach, orchestiirt von\nEsser Schlussscene aus Göthe's Faust, ll.The.il, für Soli,\nChor und Orchester von R. Schumann. Wie Sie sehen, ein sehr\ninteressantes Programm, das überall recht gelungen ausgeführt wurde.\nFräulein Emilie Genast aus Köln ärntete durch den Vortrag der\nArie von Händel und vorzüglich der beiden Lieder den lebhaftesten\nBeifall. *\nDie oben genannten Künstler gaben Soireen, die, zur Ehre un-\nserer Stadt sei es gesagt, von sehr zahlreicher und enthusiastischer\nZuhörerschaft besucht waren. Laub, der ausgezeichnete Interpret\nclassischer Musik, eröffnete seine Soiree, unterstützt von dem wacke-\nren Quartett der Gebrüder Wenigmann, durch das Quintett von\nMendelssohn in C-dur, dem der Vortrag der Sonate Op. 96 von\nBeethoven für Pianoforte und Violine durch die Herren Wüll-\nner und Laub folgte, eine Leistung, so vollendet, wie man sie von\nzwei so tief in die Geheimnisse des Meisters eingeweihten Künstlern\nerwarten konnte. Während eine Polonaise von Laub und Ernst's\nOthello-Phantasie die Technik des Concertgebers bewundern Hessen,\noffenbarte der Vortrag einer Romanze von Beethoven seinen schö-\nnen Ton und gefühlvollen Ausdruck aufs herrlichste.\nDer eminente Pianist Alfred Jaell erregte in einem Concerte\nder „Liedertafel*4 in dem schönen Bernaert'schen Saale einen stürmi-\nschen Enthusiasmus. Ihnen alles aufzuzählen, was er spielte, wäre\nunmöglich, da seine freundliche Bereitwilligkeit, die stürmischen\nWünsche des Publicums zu befriedigen, eben so gross war, wie\nseine Virtuosität.\nAm 16. d. Mts. hörten wir die grÖsste Berühmtheit unter den\nSängern, Julius Stockhausen; er versetzte unser Publicum in\neine so begeisterte Aufregung, dass es ein wahres musicalisches Fest\nfeierte. Gleich durch die ersten Tacte der Arie aus „Julius Cäsar\"\nvon Händel eroberte er alle Herzen, und bei dem nächsten Ruhe-\npunkte brach auf der Stelle der lauteste Beifall aus. Der glänzende\nRuf, der dem Meistersänger in der edelsten Bedeutung des Wortes\nund der Kunst vorausgegangen war, wurde weit übertroffen, und in\nder That wurde alles, was Stockhausen sang, so vollendet vorgetra-\ngen, jedes Stück trug einen so individuellen Charakter von Voll-\nkommenheit in sich, dass es unmöglich ist, Eines vor dem Anderen\nhervorzuheben. Der Erfolg war ungeheuer und fast beispiellos in\nunseren Concert-Annalen Am folgenden Tage wiederholte er sich in\neinem engeren Kreise in einer Matinee bei Herrn Director Wüll-\nner, wo der Sänger mit vollen Händen aus dem reichen Schatze\nvon Franz Schubert schöpfte, der ihm vor allen Anderen zur Auf-\nBewahrung anvertraut zu sein scheint."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-23-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-23_01#c009", "volume": "bmtnabi_1861-03-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "95", "page_fin": "96", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.7", "debut_caractere": 5807, "fin_caractere_exclue": 6219, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n22. März. Ole Bull, der bereits in Düsseldorf und in\nBonn mit grossem Beif'ale gespielt hatte, gab in dieser Woche zwei\nMal Concert im Theater und hatte einen ungeheuren Erfolg. Im er-\nsten Concerte spielte er ein Concert von Paganini, ein wunder-\nschönes Larghetto von Mozart (ursprünglich für die Clarinette ge-\nschrieben) und seine Folacca guerriera. Nach dem wiederholten Her-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6141, "texte": "vorrufe trug er noch das von ihm für die Violine allein arrangirte\nDuett aus Don Juan: La ci darem la mano, und ein spanisches\nStändchen vor, Alles unter stürmischem Beifall und Fanfaren von\nTrompeten und Pauken. Im zweiten Concerte spielte er sein Con-\ncert in A-dur, auf allgemeines Verlangen wiederum das Larghetto\nvon Mozart, und zum Schluss ein Carneval.\nOle Bull geboren 1810 ist noch immer der bewunderungs-\nwerthe nordische Geigen-Heros, der in seiner Art einzig dasteht.\nWas auch die Kritik über Benutzung oder Missbrauch seiner emi-\nnenten Virtuosität zu nnmusicalischen Kunststücken tadelnd gesagt\nhat, die gerechte, nicht pedantisch einseitige Würdigung seines\nSpiels wird ihn stets und, wir möchten beinahe sagen : jetzt noch\nmit mehr Recht, als früher, unter die ersten Künstler auf der Violine\nsetzen, und ihn in Bezug auf Grösse und Schönheit des Tones aui\nallen Saiten, auf innigen Vortrag der Melodie, auf geniale Behand-\nlung des Instrumentes, auf Darlegung einer scharf ausgeprägten\nKünstler-Individualität den grössten Virtuosen gleich stellen, wäh-\nrend sie ihm in Betreff der technischen Meisterschaft in manchen\nDingen, z. B. im doppelgrifligen Spiel, und namentlich im Staccato,\ndie unbestreitbare Palme zuerkennen muss.\nOle Bull hat hier einen so enthusiastischen Beifall erhalten, dass\nes zu bedauern ist, dass seine Anwesenheit gerade in die nächste\nstille Zeit vor Ostern fällt; zu anderer Zeit würde hier eine Reihe\nvon Concerten desselben ein dankbares Publicum finden. Wie kommt\nes aber, dass wir den eminenten Künstler nicht in einem der Abon-\nnements-Concerte im Gürzenich hören?\nPas sacag lio. (Vgl. Nr. 11, S. 87 ) Von guter Hand geht uns\ndie Noti-i zu, dass im Spanischen Pasac alle „ein gewisses Ton-\nstück für die Zither* oder Gitarra bezeichnet Demnach dürfte das\nWort aus Spanien stammen und von pasar (passer, vorübergehen,\ngehen) und calle (die Strasse) ursprünglich ein Lied (oder einen\nTanz) bedeuten, das in den Strassen gesungen wurde ähnlich\ndem französischen Vaudeville, d. i. Chanson qui court par la ville.\nIm Laufe des Monats Februar fanden in Berlin die 24. und 25.\nVorstellung von H. Dorn's rNibelungenA Statt. Das echt deut-\nsche Werk hatte sich auch diesmal bei zum Theil neuer Besetzung\ndes wärmsten Empfanges von Seiten der Zuhörer und Zuschauer\nzu erfreuen. Erhöht ward die Theilnahme noch durch eine neu com-\nponirte, von Frau Jachmann-Wagner (Brunhilde) trefflich vorgetra-\ngene Einlage im zweiten Acte. Zur Aufführung vorbereitet wird die\nOper in Sondershausen, und Karlsruhe wird folgen. Zuerst wurden\ndie „Nibelungen\"4 in Weimar (Januar 1854), dann in Berlin (März\n1854), Königsberg (Mai 1855), Breslau (November 1855), Wien (Fe-\nbruar 1857J und Stettin (März 1857) aufgeführt,\nCrStilaagjetl» Seit Ostern vorigen Jahres hält Herr Dr. Ed.\nKrüger hier Vorlesungen vor Studiosen über Musik, welche\nrecht gut besucht sind. Ferner steht ein Singverein unter seiner\nLeitung, welcher sich vorzüglich mit Palestr in a und Bach be-\nschäftigt. Die Wirksamkeit des hochgebildeten Musikgelehrten und\nzugleich praktischen Musikers für die Tonkunst, wrelcher er seit\nJahren, wie bekannt, die Mussestunden, die ihm seine amtliche Thä-\ntigkeit liess, widmete, wird von bedeutendem Einflüsse auf die\nmusicalischen Zustände in Güttingen sein.\nISasÄiaa€sTes*. Je seltener bei uns grosse Chor-Aufführungen\nsind, desto erfreulicher war das Concert, welches die Sing-Aka-\ndemie unter Direction des Herrn Capellmeisters B. Scholz am 6.\nFebruar veranstaltete. Zur Aufführung kamen die C an täte von\nJ. S. Bach: „Christ lag in Todesbanden*, nur für Chor ohne Soli,\ndie Orchester-Begleitung zur Aufführung im Concertsaale ohne Orgel\nvon Scholz eingerichtet; Gluek's Ouvertüre zur Iphigenie in Aulis\nund das Requiem von Cherubini. Das Concert fiel sehr gut\naus Se. Majestät der König, Protector des Vereins, war anwesend\nund von der Ausführung so befriedigt, dass er die Wiederholung\ndes Requiems in der nächsten Zeit wünschte.\nUeber die am 18. März in der grossen Oper zu Paris erfolgte\nzweite Vorstellung des Tannhäuser wird uns geschrieben : „Wag-\nner hat sich zwar zur Ausmerzung aller während der ersten Vor-\nstellung verlachten Stellen herbeigelassen; er hat den ersten Dialog\nzwischen Venus unel Tannhäuser gekürzt, das Wiedelerscheinen der\nVenus unterdrückt. Aber das Publicum fühlte sich so unangenehm\nberührt durch diese Musik und so gelangweilt, dass das Pfeifen kein\nEnde nehmen wollte. Trotz der Anwesenheit des Kaisers und der\nKaiserin unterbrachen die Bezeigungen des Missfallens das Stück zu\nwiederholten Malen. Der Marsch und das Lied an den Abendstern\nwurden allein ohne Opposition beklatscht. Als Niemann seinen tragi-\nschen Bericht im dritten Acte beginnen wollte, wurden wieder Zei-\nchen des Missfallens laut. Da machte der Sänger einen Gestus mit\nder Hand, der andeuten sollte, dass er keine Schuld an der Compo-\nsition habe, und sofort antwortete das Publicum mit donnerndem\nBeifalle. Aber seine Erzählung wurde doch hier und da wieder un-\nterbrochen. Ich habe niemals solchen Scenen in der grossen Oper\nbeigewohnt. Als der Lärm einen Augenblick so stark war, dass es\nschien, als pfiffe das ganze Haus, rief Jemand aus einer Loge des\nzweiten Ranges: „Mais c'est la claque qui sifflelÄ Ich glaube nicht,\ndass der Tannhäuser mehr als o—4 Vorstellungen erleben wird.*4\nI\nEine Correspondenz der Independance aus Paris vom 19. d. Mts.\nsagt aus, dass die Opposition bei der zweiten Aufführung sich nicht\nauf Heiterkeit und Murren beschränkt, sondern in arges Pfeifen aus-\ngebrochen sei Der Kaiser und die Kaiserin traten gerade mitten in\neiner solchen Tumultscene gegen Ende des zweiten Actes ein. Sie\nwinden von lautem Applaus begrüsst Der missgestimmte Theil des\nPublicuins nahm diesen für eine Demonstration zu Wagners Gun-\nsten, und das Pfeifen verdoppelte sicii, bis das Missverständniss ge-\nlöst wurde. Im dritten Acte aber ging der Scandal wieder los, und\nnun erfolgte die erwähnte) Scene mit Niemann. Die heftige\nOpposition soll hauptsächlich von den Abonnenten der grossen Oper\nherrühren ; der ungastliche und unanständige Charakter derselben\nist aber jedenfalls bedauernswerth."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nUnser kirchliches Volkslied, der Choral. Von Louis Kindscher, Kunst und Handwerk. 11. Nachtrag zu „Beet-\nhovens Musik zum Prometheus-Ballett Aus Aachen (Concerte). Von N. Tages- und Unterh al tun gs blatt (Köln, Concerte\nvon Ole Bull Dorn's „Nibelungen\" Güttingen, Dr. Ed. Krüger Hannover, Sing-Akademie Paris, Zweite Aufführung von Rieh.\nWagner's Tannhäuser).\n\nUnser Kirchliches Volkslied, der Choral.\n\nDie Kunst hat zu allen Zeiten es sich sehr gern zur\nAufgabe gestellt, dem Heiligen und Erhabenen der Kirche\nzu dienen. Baukunst, Plastik, Malerei, Poesie und Musik\nnahinen aber dann einen diesem Heiligen und Erhabenen\nmöglichst entsprechenden Charakter an, den wir somit\nauch als einen kirchlichen zu bezeichnen berechtigt\no\nsind. Noch heule bewundern wir die erhabenen Denkmä-\nler der Baukunst in den mittelalterlichen golhischen Domen,\ndie so recht den Geist einer streng-religiösen Gläubigkeit\noffenbaren, die in ihrem Riesenbau die Unendlichkeit des\nHeil igen und Ewigen ahnen lassen, die endlich in ihren\nüberaus geistreichen und sinnigen Verzierungen als hohe,\nwunderbare Muster der Schönheit stets gelten müssen. So\nvereinte sich das Schöne mit der Idee des Erhabenen,\num für den Beschauer ein Ausdruck des Göttlichen\nzu sein, um eben auf Letzteres Auge und Sinn zu richten.\nWurde zugleich hiervon das innerste Gemüth angeregt,\nso gab es andererseits in der That kein besseres, wirksa-\nmeres Mittel, dasselbe mit den Ahnungen des Unendlichen\nzu erfüllen, zu hoher Andacht das Herz zu stimmen, als\ndie Musik mit ihrem allgewaltigen Tonzauber. Sie und\nihre nächste Schwester, die Poesie, beide eigentliche Künste\nder Zeit, schlössen sich nun der Kunst des Raumes,\nd. i. der Architektur, zu gleichem Zwecke und Ziele an,\nbeide zu Einem grossen Strome im Gesänge zusammen-\nfliessend, dessen Gewalt das Gemiilh mit sich fortriss, des-\nsen Wirkung von den ältesten Zeiten bis auf die Gegen-\nwart an dem heiligen Orte ihr Ziel auch niemals verfeh-\nlen konnte.\nWar aber der kirchliche Gesang seit Ambrosius' und\nGregor's Zeiten meist auf einen Einzelnen (Priester) oder\nwirklich schon auf einen Chor von mehreren Kirchensän-\ngern beschränkt (von Harmonie nach unseren Begriffen\nwar damals noch nicht die Rede), so verhielt sich das im\nGotteshause versammelte Volk immer noch ohne Theil-\nnahme an demselben. Die wirkliche Mitbetbeiliauncr\nerst einer späteren Zeit, und es ist sehr leicht denkbar, wie\nder geistige Umschwung der Reformation auch in die-\nser Angelegenheit wirken konnte. Luther, welcher wollte,\ndass „Fraw Musica im Dienste dessen sei, der sie geschaf-\nfen\", wählte und sammelte als wirklicher Musikkundiger\n(er war von Jugend auf Currendschüler gewesen) die be-\nsten Melodieen für das Volk, welches diese nun auch in\nseiner damaligen Glaubens-Begeisterung frisch und kräftig\nanstimmte, und zwar nicht anders als „in schlichter, ein-\nfacher Weise, in gehaltenen, gleich abgemessenen Tö-\nnen\", wie dies der herrschende alte (echt kirchliche) Gre-\ngorianische Kirchengesang, die so genannte Musica plana\n(schlichte Musik, piain chant), vorschrieb. Die Musica\nmensurata (gemessene) begriff umgekehrt die ausser-\nkirchlichen Gesänge (also hier die weltlichen Volkslieder),\nüberhaupt solche, deren ungleich lange Töne nach dem\nTactgesetze streng gemessen oder geordnet werden muss-\nten. Dem Kirchengesange hingegen prägte sich durch die\ngleichmässige und zugleich im Tone mehr gehaltene Sing-\nweise schon eine gewisse Feierlichkeit und Würde\nauf, die ihn eben zum Träger des Heiligen und Er-\nhabenen im Tempel machte, die ihn streng schied von\ndem leichten, frivolen, weltlichen Volksliede, worin eben\nein stets bewegter, höchst verschiedenartiger Wechsel von\nkurzen und langen Tönen herrschend war (Rhythmus).\nWenngleich es nun unter den damaligen Cantoren,\ndie meist zugleich Componisten waren, in künstlerischer\nHinsicht Mode wurde, auch den Choral durch solchen\nRhythmus (sehr muthmaasslich nach dem Vorbilde alter\nVersmaasse entstanden) zu verändern (rhythmische Cho-\nräle), so betraf diese neue (allerdings etwas heterogene!)\nGestaltung doch nur zunächst die in der damaligen Zeit\nschon sehr kunstgeübten Singechöre, wie eben dies auch\naus den sämmtlichen Choralwerken jener Zeit, die zu vier,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.2", "texte": "fünf, sechs Stimmen eingerichtet erschienen, zu ersehen\nist. Man benannte übrigens auch eine derartige Musik mit\ndem Namen „Figuralmusik\", gleichbedeutend also mit\noben erwähnter Musica mensurata. So sagt z. B. Glarean\nin seinem Dodecachordon—Basel, 1547 —: „Der Gesang\nist zweierlei Art; die eine ist einfach und einförmig, wir\nbedienen uns derselben in den Kirchen, und von ihr han-\ndelt die Musica plana; die andere Art ist verschieden und\nmannigfaltig, und von ihr handelt die Figuralmusik.\"\nHiernach aber ist nunmehr als ganz natürlich anzu-\nnehmen, dass auch der einfache, natürliche Choral mehr\ndem Volke, der künstliche und rhythmische dagegen mehr\ndem geschulten, gebildeten Singechore angehörte. Wie\nhätte denn auch das Volk damals an diesen „rhythmischen\nChorälen\" —wie dennoch Manche versichern wollen\nTheil nehmen können, da erstlich darin manche Zeitfor-\nmen der Töne (Synkopen u. dgl.), noch verbunden mit\neinem sehr häufigen Wechsel des geraden und ungeraden\nTactes, einem Musiker von Fach in der Ausführung schon\nschwer genug werden*), da ferner die ganze, aus lauter\nmusicalischen Laien bestehende Volksmasse bei einem so\nverschiedenartigen wie raschen rhythmischen Tonwechsel\nunmöglich die höchst nothwendige Ordnung und Gleich-\nheit im Choralgesange beobachten konnte? Ein Beispiel:\nSchon Palestiina, der allgemeine Vertreter der Kir-\nchenmusik wer kennt nicht die Geschichte, wie seine\nMesse den Papst Marcellus bestimmte, das schon eilassene\nVerbot der Kirchenmusik wegen deren überhand genom-\nmener \"V er vvel tli ch un g wieder zurückzunehmen? er-\nkannte, dass die Höhe des kirchlichen Gesanges un rhyth-\nmisch sei, und darin eben fand er die ideale Form.\nRhythmus ist zwar immer auch in unserem Choral zu\nfinden, nur treten die Längen und Kürzen der Töne äus-\nserlich nicht so grell und bunt gemischt hervor, werden\nvielmehr erst durch die natürlichen Längen und Kürzen\nder Text-Sylben bestimmt. Im rhythmischen Choral ist so-\ngar nun aber nicht einmal dieses äussere Gesetz beobach-\ntet, und das Gefühl sieht sich nur zu häufig verletzt durch\nregelwidrige, gänzlich umgekehrte Verbindung langer\nund kurzer Sylben mit den ihnen doch entsprechenden\nlangen und kurzen Tönen.\nAber einen hiernach so unkirchlichen wie schwer aus-\nzuführenden Choralgesang, wie der rhythmische es ist,\nwollte man noch in unserer letzten Zeit wirklich dem\nVolke aufdringen, das doch einmal und mit vollstem Rechte\nan seinem gewohnten wahrhaft kirchengemässen hängt!\nMüsste nicht sofort die Würde, das wirklich Geistige zu\neinem bloss Weltlichen, gemein Sinnlichen umschla-\ngen? Die Zumuthung aber an die Kunst, zum rhythmi-\nschen Choral zurückzukehren, kann diese schon aus dem\nersten und einfachen Grunde nicht eingehen, weil ihr Prin-\neip ein geistiger Fortschritt, eine immerwährende höhere\nEntwicklung nach dem Idealen ist und bleiben soll, fer-\nner aus dem anderen Grunde, weil ihr, der nun im Laufe\nder Zeit gross und mündig gewordenen, die dreihundert-\njährigen, etwas altmodischen, vom allgewaltigen Zahne der\nZeit auch etwas mürbe gewordenen Kindergewänder,\nmit denen sie sich wiederum kleiden soll, gar nicht mehr\npassen wollen, auf die sie zwar immer mit einer herz-\ninnigen Pietät, doch aber nun auch mit einem stillen Lä-\ncheln blicken muss. Wie kindlich (wo nicht zu sagen: kin-\ndisch) erscheint, um hier nur ein Beispiel für viele zu\ngeben, nicht gegen die kräftige Form unseres allbekann-\nten, wunderschönen Chorals: «„Wie schön leucht't uns der\nMorgenstern\", nun die rhythmische Form!\n\n*) Dies alles wollen aber die Freunde des rhythmischen Chorals\nnoch für eine besondere Schönheit desselben erkennen. Einer\nderselben macht dem Organisten jedoch den (etwas verfängli-\nchen) Vorsehlag, hier, bei Begleitung mit der Orgel, ja streng\nund laut im Tacte zu zählen, um (!!) selber nicht\naus dem Tacte zu kommen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.3", "texte": "Ueberhaupt liegt der Irrthum und Missgriff einer or-\nthodoxen Partei — die (vielleicht mehr unbewusst) durch\nden rhythmischen Choral der Kirche gerade mehr Scha-\nden als Nutzen zufügt — in dem umgekehrt oder vielmehr\nverkehrt eingeschlagenen Wege, durch eine vormalige\nForm auch einen vormaligen Geist wecken zu wollen.\nDoch der Geist schafft ja erst seine Form (die an sich\ntodt ist), und: „Der Buchstabe tödtet, der Geist aber\nmachet lebendig.\"\nMögen die rhythmischen Choräle immer ehrwürdig\nsein und bleiben als historische Denkmäler der\nKunst, so haben sie ihre Zeit gehabt und schlummern\nnun auch ihren Todesschlaf in dem staubigen Kunst-Ar-\nchive, das der einsame Fuss eines vereinzelten Kunstfreun-\ndes oder auch Archäologen betritt. Sollte aber, dennoch\nangenommen, ein in der That dem deutschen Volke so\nrecht eigenthümlicher, erhabener wie erhebender Kirchen-\ngesans, der einfache Choral, der, wohl zu bemerken, auch\nin der gegenwärtigen Kunst nur noch als allgemeiner\nund resp. einziger (!) Repräsentant der Kirchenmusik\nüberhaupt dasteht, im Laufe der Zeit fallen können? In\nFolge einer durch solche Verweltlichung unseres zu-\nkünftigen Choralgesanges hervorgerufenen Entwürdigung\nund Profanation des Heiligen in der Kunst würde nun\nauch das Volk sich vollkommen für berechtigt halten dür-\nfen, wie es auch früher wirklich geschehen, nach irgend\neinem geistlichen Liedertexte seine bekannten und belieb-\nten Volkslieder zu singen: „Heil Dir im Siegerkranz\",\n„Schier dreissig Jahre bist du alt\", „Hier sitz' ich auf Ra-\nsen mit Veilchen umkränzt\", „Guter Mond, du gehst so\nstille\" u. s. w.—Allein zu einem solchen gefährlichen Um-\nsturz wird es hoffentlich nicht kommen, denn das deutsche\nVolk hat seinen Choral, auf den es anderen Völkern ge-\ngenüber stolz sein darf, schon längst als den geistigen Eini-\ngungspunkt des Heiligen und Erhabenen der Kirche sel-\nber erkannt. Möge es nun aber auch sein wirkliches Eigen-\nthum, auf das schon eine lange Reihe der deutschen\nMeister in der Tonkunst (darunter ein Bach, Händel,\nMozart) mit besonderer Hochachtung und Liebe stets ge-\nblickt hat, sich nicht nehmen lassen!\nGöthen. Louis Kindscher.\nHierzu noch als Schlusswort eine Reliquie von Dr.\nFriedrich Schneider, die Referent nachdem in sei-\nnem Besitze befindlichen Autograph hiermit wahrheits-\ngetreu wiedergibt:\n„Gegen die Einführung des so genannten rhythmi-\nschen Choralgesanges muss ich mich auf das bestimmteste\naus Gründen, die aus vollster Ueberzeugung hervorgegan-\ngen sind, erklären, und halte ich die Weise unseres bis-\nherigen Choralgesanges, vorausgesetzt, dass er gehörig\nund zweckmässig ausgeführt wird, gerade für die\npassendste Weise. Denn keineswegs ist unsere bisherige\nArt des Gemeindegesanges ohne Rhythmus, er stellt nur\nden Rhythmus in seinen einfachsten, für den Volksgesang\nfasslichsten Verhältnissen dar. Durch Aufnahme des so\ngenannten rhythmischen Choralgesanges kommt etwas\nSinnlich-Weltliches in unseren Gemeindegesang, was wohl\nmitunter ganz lustig lauten wird, indess kann ich gerade\ndarin kein Mittel zur Erweckung der Erbauung und An-\ndacht finden, vielmehr durch die rhythmische Verwirrung,\nin welcher manche dieser so genannten rectificirten Melo-\ndieen erscheinen, mannigfaltige Störung der Andacht und\nErbauung erreicht werden dürfte.\n„Dessau, im August 1852.\n\n„Dr. Fr. Schneider.“\n\nKunst und Handwerk.\nII.\n(I. s. Nr. 9.)\nDas Haus Blagueoni und das Concert-Geschäft in\nParis *).\nIn einer der vielen kleineren Zwischengassen, welche\ndie grossen, zwischen dem Bou und der\nRae Rivoli liegenden Hauptstrassen verbinden, befindet\nsich das Bureau de musique, zugleich wie auf dem ko-\nlossalen Aushängeschilde zu lesen Agence internationale,\ndes theätres, agence de la maison transatlantique Wind 6f\nComp., agence de concertsu. s. w. der Herren Blagueoni\n& Comp. Diese Männer rühmen sich, grossen und weit\nausgreifenden Einfluss auf die musicalischen Angelegen-\nheiten der sCapitale du monde\" auszuüben, und, wie Ho-\nmer sagt, „sie behaupten den Ruhm\".\nBevor die Herren Blagueoni & Comp, sich ganz dem\nDienste Polyhymniens weihten, halten sie in ihrer Heimat\ndem Hauptorte eines südlichen Departements einen\n\n*) Wir glauben das in Nr. 9 angezeigte Buch „Kunst und\nHandwerk« nicht besser empfehlen zu können, als wenn\nwir noch einen Abschnitt auszugsweise aus dem 11.—15. Ca-\npitcl im 11. Bande mittheilen.\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.4", "texte": "nicht unerheblichen Handel mit Südfrüchten getrieben, da-\nbei aber—vielleicht im Vorahnen der künftigen Grösse\nimmer eine gewisse Vorliebe für Musik gezeigt. Sie waren\ndie eifrigsten Besucher der Cafes chantants, und so oft sie\nnach Paris gingen, um Contracte über Lieferungen von\nOliven und getrockneten Pflaumen abzuschliessen, ver-\nschafften sie sich Freimarken zu den dortigen Concerlen,\nkauften Contremarken vor den Theatern, wodurch sie die\nletzten Acte mancher Opern um ein Drittel des Eintritts-\npreises zu sehen bekamen, und brachten die neuesten Qua-\ndrillen von Musard, oder Arrangements von Auber'schen\nund Bellini'schen Opern für die musicalischen Damen ihrer\nKundschaft mit. Auf diese Weise lernten sie die Handgriffe\ndes Musicalienhandels kennen, vorerst nur in kleinem\nMaassstabe und in beschränktem Kreise, bis ein zufalliges\nEreigniss sie veranlasste, ihre Thatigkeit weiter zu ent-\nfalten.\nIn dem Hause eines reichen pariser Epicier, dem die\nHerren Blagueoni & Comp, alljährlich Orangen und Mus-\ncat de Lunellieferten, wohnte ein deutscher Musiker. Der\nMann war, geblendet von den glänzenden Beschreibungen\ndes pariser Musiklebens, womit alle deutschen Zeitungen\ndamals ihre Spalten füllten, begeistert von der Idee, dass\nBeethoven's Sinfonieen in Paris den grössten Triumph ge-\nfeiert hatten, nach der Weltstadt gekommen, um sich da-\nselbst niederzulassen.\nNach bitteren Enttäuschungen sah er sich nach Ver-\nlauf einiger Zeit gezwungen, um sein Leben zu fristen,\neine werthvolle Sammlung von Partituren mehrerer Werke\nvon Palestrina, Orlando Lasso, Marcello, viele Oratorien,\nOpern und Sinfonieen zu verkaufen. Er wandte sich dess-\nhalb an den Sohn seines Wirthes. Dieser junge Mensch\nschrieb damals für kleinere Journale Berichte über Vaude-\nvilles u. dgl., die auf den kleineren Theatern aufgeführt\nwurden, ist jedoch später ein berühmter doppelnami-\nger Kritiker geworden. Er schlug den Herren Blagueoni\nden Ankauf vor. Nachdem diese von Pontius zu Pilatus\ngelaufen, um sich über die alten Manuscripte Raths zu er-\nholen, kamen sie endlich auch zum Custos der Bibliothek,\nder ihnen eine schöne Summe bloss für Lasso's Partituren\nbot. Aul der Stelle kauften sie den ganzen Kram dem ar-\nmen Deutschen für ein wahres Spottgeld ab, und verhan-\ndelten zunächst den Lasso und einige andere ältere Nie-\nderländer und Jtaliäner nicht etwa an den genannten Cu-\nstos, sondern hinter dessen Bücken an einen fürstlichen\nDilettanten und Sammler, der ihnen viel mehr für ihre\nSchätze gab, als jener geboten hatte.\nDer deutsche Musiker überlebte den Verlust seiner\neinzigen Trost- und Erhebungsmittel im Elend nicht lange.\nEr starb in den Armen eines grossen Virtuosen, der An-\nfangs trotz der besten Empfehlungen des Landsmannes sich\nnicht um ihn bekümmert hatte, jetzt aber nur noch eben\nfrüh genug ihn besuchte, um ihn sterben zu sehen.\nDer berühmte Virtuose eilte zu seinen Collegen, er-\nzählte ihnen mit von Thränen erstickter Stimme die Lei-\ndensgeschichte, die wir eben 'mitgetheilt haben. Viele be-\ndeutende Künstler und andere, die als solche gellen woll-\nten, wohnten dem Leichenbegängnisse des Mannes bei, von\ndem sie entweder nie reden gehört oder keine Notiz ge-\nnommen hatten. An seinem Grabe wurden Beden gehal-\nten; ein berühmter Dichter, der nicht einmal dessen Na-\nmen kannte, rührte die ganze Versammlung durch eine\nApologie des Verklärten, „der inmitten einer egoistischen\nZeit, wo Alles nur der Ostentation lebt, still und verborgen\ndas Ideal der Kunst allein anbetete und im Anschauen\nder Gottheit versunken war, während Andere um das gol-\ndene Kalb tanzten.\" Ein Bildhauer erbot sich, ein einfa-\nches Denkmal mit allegorischen Beliefs aus eigenen Mitteln\nzu beschaffen. Der Journalist, der Sohn des Epicier, er-\nregte die allgemeine Aufmerksamkeit durch eine mit\nWärme und Geist geschriebene kurze Geschichte der Er-\nlebnisse des fremden Musikers, der, wie er sagte, „dem\nDrucke der engen Verhältnisse, dem Kastengeiste Deutsch-\nlands entfliehend\", ohne Empfehlungen, ohne Ruf, ohne\nMittel der Lügner! —, nur dem inneren Freiheitsdrange\nfolgend, nach Paris, dem Tempel der Künste, dem gelob-\nten Lande, wo allein der Künstler sich frei fühlt, gewan-\ndert war, und da als ein frommer Priester der Kunst seine\nirdische Wanderschaft beschlossen halte. Man sprach in\nden pariser Salons von diesem eigentümlichen deutschen\nMusiker, den man sich als eine HofTmann'sche Figur, etwa\nals einen zweiten Capeilmeister Kreisler, vorstellte; man\nerkundigte sich, ob er vielleicht eine Frau, Kinder, oder\nauch nur eine Geliebte hinterlassen habe, die man unter-\nstützen könnte. Das dauerte drei Tage; am vierten trat\neine neue Tänzerin in der Oper auf, und der Musiker war\nvergessen.\nDen Herren Blagueoni war nach dem Verkaufe der\nWerke von Benedetto Marcello und Orlando di Lasso noch\neine ansehnliche Zahl von Partituren Havdn'scher und Mo-\n•j\nzart'scher Sinfonieen geblieben. In Paris konnten sie nicht\nauf einen vortheilhaften Verkauf hoffen; doch das mer-\ncantilische Genie unserer Helden zeigte ihnen einen ande-\nren, zum sicheren Ziele führenden Weg.\nSie unternahmen es, in ihrer Heimat, in dem Depar-\ntement, wo sie als Geschäftsleute mit Südfrüchten handel-\nten und als besondere Freunde der Musik sich mit Verkauf\nvon Musicalien abgaben, eine Societe cl'amateurs de mu-\nsique zu gründen, bei der sie gleich die Partituren der mit-\ngebrachten Sinfonieen absetzen konnten. Und es gelang"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.5", "texte": "ihnen vollkommen. Sie wusslen den Präfecten zu gewin-\nnen, und beuteten die Eitelkeiten des Dilettantismus ge-\nschickt zu ihrem Vorlheile aus.\nNach einigen Jahren kam ein neuer Präfect, der zwar\neben so wie sein Vorgänger die Stelle eines Präsidenten\nder Societeannahm, aber auf den unerhörten Einfall einer\nRevision der Gesellschafts-Casse kam. Die Herren Bla-\ngueoni beugten jeder Untersuchung des Vereins-Comite's\ndadurch vor, dass sie alle Gassen- und sonstigen Bück-\nstände sofort aus ihren eigenen Mitteln ersetzten. Dagegen\nerklärten sie sich in ihrem eigentlichen Geschäfte zahlungs-\nunfähig. Sie behaupteten hierbei, dass durch die schlechte\nOliven-Aernte und durch übernommene bedeutende Liefe-\nrungen ihre Mittel schon bedeutend erschöpft gewesen wä-\nren, und dass die plötzliche strenge Rechnungs-Forderung\ndes Herrn Präfecten sie gezwungen habe, alles, was ihnen\nnoch geblieben war, der Ehre der Kunst zu opfern. Die\ngute Gesellschaft bedauerte sie allgemein als ein Opfer der\nHerrschsucht des Präfecten, der allgemein als ein unbe-\nquemer, harter, alles Kunstsinnes entbehrender Mann ver-\nschrieen ward. Unsere Helden aber zogen nach Paris, wo\nsie einem gewissen Theile der musicalischen Welt durch\nihre Berichte aus der Provinzstadt bereits hinlänglich be-\nkannt waren. Sie gründeten ein Musik-Veriagsgeschäft.\nDas Glück war ihnen günstig. Der Handel mit italiäni-\nschen Romanzen war noch gewinntragender, als ihr frühe-\nrer mit italiänischen Früchten. Bald gelang es ihnen auch,\nin einigen Journalen als Kritiker wirken zu können. Sie\nverstanden zwar nichts von Musik, doch sie besassen einige\nGewandtheit und eine nie erröthende Stirn, zwei Eigen-\nschaften, durch welche gewisse Kunstkritiker in gewissen\nKreisen einen gewissen Erfolg erzielen. Gleichgesinnte, Ver-\nbündete gesellten sich zu ihnen; bald waren sie der Mittel-\npunkt einer Clique, durch welche sie in der Journalistik,\nin der Theater- und Musikwelt grossen Einfluss üben konn-\nten. Sie erweiterten nun ihre Thätigkeit und errichteten\nAgenturen für Concerte u. s. w., und da ihnen Geschick\nnicht abzusprechen war und sie alles unternahmen, was\nscrupulöseren und bequemeren Verlegern und Agenten\nnicht genehm war, so erlangten sie bald eine grosse Be-\ndeutung, deren moralische Berechtigung Niemand prüfte;\ndenn in der Welt, die wir in diesem Augenblicke beschrei-\nben, gilt der Grundsatz: Reussir\nHorst [unter diesem Namen führt der Verfasser den\nHelden seines Buches ein, einen tüchtigen deutschen Künst-\nler, dessen Schicksale und künstlerische Ansichten den\nHauptinhalt desselben ausmachen] kam zu den Herren Bla-\ngueoni & Comp., um sich mit ihnen über die Anordnung\nmehrerer Concerte, die er veranstalten wollte, zu berathen.\nEr wollte einige seiner grösseren Compositionen vortragen\nund in dieser Weise seine künstlerische Bedeutung endlich\nzur Geltung bringen; denn in den Salons, wo man alle\nTage eine anders zusammengesetzte und anders gestimmte\nGesellschalt trifft, halte er bisher die verchiedensten Meinun-\ngen hervorgerufen, und um das Urtheil über seine Leistun-\ngen festzustellen, schien ihm eine wiederholte Berufung an\ndas grosse Publicum am geeignetsten; seine Ansicht wäre\nauch eine ganz richtige gewesen, hätte er bei der Veran-\nstaltung seiner Concerte nicht auf die Protection der Leute\ngerechnet, die ihn nur vorn Salon her kannten.\nDie Bedeutung des Concertsaales ist jetzt für den\nKünstler wie für das Publicum eine andere, als sie bis vor\netwa fünfundzwanzig Jahren, wo die glänzende Virtuosen-\nEpoche eintrat, gewesen ist. Damais wirkte der ausübende\nMusiker fast gar nicht durch seine Persönlichkeit und nur\ndurch seine Leistungen. Er und das Publicum trafen ein-\nander nur im Concertsaale. Seine persönlichen Beziehun-\ngen reichten nur in den seltensten Fällen über den be-\nscheidenen Kreis geist- und sinnverwandter Freunde hin-\naus. Das Salonleben existirte nicht für ihn.\nDie darauf folgende Aera der Virtuosen-Cäsaren, die\nda kamen, spielten und siegten, und bei deren Erfolgen\nauch die Persönlichkeit und andere Hebel mitwirkten, gab\nauch dem Concertsaale ein verändertes Ansehen. Er wan-\ndelte sich zu einer Art von Salon um, in welchem sich die\npersönlichen Freunde und Verehrer des Künstlers versam-\nmelten; der Salon dagegen, und was drum und dran hängt,\nSalon-Gelehrte, Salon-Dichter, Salon-Literatoren und Sa-\nlon-Genies waren es, unter denen der Künstler seine Con-\ncert-Erfolge vorbereitete oder wenigstens allenthalben prei-\nsen liess. Von jener Zeit her datirt die angenehmere (?)\nStellung, welche die Tonkünstler in der Gesellschaft ein-\nnehmen, und deren Hohlheit, Unzulänglichkeit, Zwitterhaf-\ntigkeit fast möchten wir sagen: deren Erniedrigung\nnur die Wenigen recht kennen, die an das Leben höhere\nAnforderungen stellen, als der Salon überhaupt zu befrie-\ndigen vermag.\nAls Horst, in das Locol der Herren Blagueoni & Comp,\ntrat, war eben ein grosser Theil der „Compagnons\" da-\nselbst versammelt. Das Aeussere der Gesellschaft wider-\nsprach eigentlich der Vorstellung, die man mit dem Be-\ngriffe von Leuten verbindet, in deren Händen Kunst-An-\ngelegenheiten ruhen. Mit Ausnahme des berühmten Jour-\nnalisten, der sehr elegant gekleidet, und eines zufällig an-\nwesenden italiänischen Gesanglehrers, der mit goldenen\nKetten und Ringen beladen war, boten die Verleger, Agen-\nten und Kunstrichter Blagueoni sammt ihren Verbündeten\nin Kleidung, Haltung und Bewegung ein so eigenthümli-\nch es Bild, dass man sie sich unwillkürlich eher zwischen\nOliven- und Sardeilenfässern feilschend, als in Kunst-An-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.6", "texte": "gelegenheiten wirkend denken mochte. Der Chef des\nEtablissements disputirte mit dem italiänischen Gesang-\nlehrer über einige Romanzen, die dieser schon lange be-\nzahlt zu haben behauptete, während jener auf dem Gegen-\ntheil bestand. Sie suchten einander zu überschreien und\nin Argumenten zu überbieten, die eben nicht dem Code\ndu gentilhomme entnommen waren. Nachdem sie eine\nWeile gestritten halten, wurden sie wieder die besten\nFreunde und besprachen den Plan eines grossartigen Un-\nternehmens, durch welches das Haus Blagueoni alle Fäden\nder musicalischen Angelegenheiten in seine Hand zu lei-\nten gedachte. In einer Ecke vor dem Schreibtische sass\nHerr Cäsar Blagueoni, der Cousin, Miteigenthümer des\nGeschäftes, gleich dem berühmten römischen Cäsar nach\nvier Seiten hin zur selben Zeit thätig. Er schrieb für ein\ngrosses Journal die Kritik eines Concertes, in dem er nicht\ngewesen, unterstützte hier und da durch eine Zwischen-\nbemerkung seinen Verwandten in dem Streite über die\nunbezahlten Romanzen, instruirte den Referenten des Mode-\nJournals, wie er die letzte Oper eines den Blagueoni's\nmissliebigen Componisten am besten angreifen und in der\nMeinung des Publicums herabsetzen könnte, und vernahm\nendlich—wie gesagt, Alles zu gleicher Zeit—den Bericht\ndes Concert-Agenten, des Compagnons der Blagueoni,\nüber die in Aussiebt stehenden Concerte, über deren Ver-\nanstalter, ihre Verbindungen und Verhältnisse. In der Ge-\nsellschaft befanden sich noch ein ziemlich stehen-\nder Componist von Operetten und anderen ephemeren\nErzeugnissen, der ehemals zu den erbittertsten Gegnern\nder oben bezeichneten Herren gehört hatte, aber der ei-\nfrigste Bewerber um ihre Gunst geworden war, als ein\nConcurrent ihm den Platz in den Theatern und in der Gunst\nI\ndes Publicums streitig zu machen begann; dann ein Deut-\nscher, der an grosse und kleine Journale seines Vaterlan-\ndes Berichte über das pariser Kunstleben sandte und bei\nden Herren Blagueoni & Comp, das Losungswort holte;\nendlich mehrere musicalische und schriftstellernde Dilet-\ntanten, die sich überall an so genannte Berühmtheiten\ndrängen, um bei den Leuten, welche das Treiben und Le-\nben der Kreise, die hier beschrieben werden, wenig ken-\nnen, als bedeutend und einllussreich zu gelten.\nAls Horst eintrat, erkannten ihn die Herren Blagueoni\nsehr wohl, aber sie nahmen keine Notiz von seiner Anwe-\nsenheit. Es lag in ihrer Art, alle jene Künstler, die sich\nan sie wandten und nicht schon eines bedeutenden Na-\nmens genossen, nur in so weit zu beachten, als die Be-\nkanntschaft ihnen Vortheil bot. Sie setzten daher nach\nkurzer Begrüssung ihre Gespräche mit den früher Anwe-\nsenden fort, und diese folgten dem Winke mit jener Co-\nterie-Disciplin, worin die Franzosen unnachahmlich sind,\nund wodurch sie im Gutennvie im Schlechten Grosses zu\nleisten vermögen. Selbst der Journalist, dem Horst erst\nwenige Tage zuvor einen längeren Aufsatz über manche\nKunstfragen zugesandt, und die jener in seinen Kritiken\nvielfach benutzt hatte, und der deutsche Correspondent,\nmit dem er öfters zusammengekommen war, begegneten\nihm mit der oberflächlichen Höflichkeit, auf welche auch\nder fast Unbekannte Anspruch hat. Eine kleine Weile sah\nHorst dem Treiben zu; ein eigentümliches Gefühl über-\nkam ihn, wenn er dachte, dass er mit diesen Menschen\nüber Kunst, Ehre, Ruf sprechen sollte, aber er konnte sie\nnicht entbehren; der Weg, den er bisher verfolgt hatte,\nführte ihn zu diesen Menschen; die Erfüllung von Ewalt's\nProphezeiungen begann. Er näherte sich dem Haupte\nder Blagueoni und setzte ihn von dem Zwecke seines Kom-\nmens in Kenntniss. Der Verleger hörte ihn mit süsslichem,\nzweideutigem Lächeln an und entgegnete: „Wir wollen\nuns, so weit es mit unseren massenhaften Geschäften zu\nvereinigen, für Sie interessiren, obwohl Sie uns früher\nvon Ihren Planen hätten unterrichten sollen, wenn Sie hier\nin Paris etwas erlangen wollen; es wunderte uns schon\nlange, Monsieur Horst, dass Sie Sich nicht mehr bemüh-\nten, den Antheil von Männern zu gewinnen, die, wie Sie\nwissen, hier Alles vermögen. Uebrigens wenden Sie Sich\nan unseren Compagnon dort, dem wir das Geschäft des\nConcert-Veranstaltens ausschliesslich übertragen haben, da\nwir unsere Kräfte den anderen Zweigen der Kunst, dem\nVerlage und der Kritik, widmen. Ich will Sie dem Herrn\nbesonders empfehlen. Folgen Sie seinem Rathe.\" —Er rief\nden Agenten herbei. Dieser hatte seinen Rapport an den\nHerrn Cäsar Blagueoni unterbrochen; die Beiden blickten\nmit spöttischer Miene auf den deutschen Künstler, in des-\nsen bald erblassenden, bald erröthenden Zügen der Ein-\ndruck seines Empfanges deutlich zu lesen war. „Monsieur\nAppalton,\" endete der grosse Chef des Bundes, „ich stelle\nIhnen den Herrn Horst vor; nehmen Sie Sich seiner an\nund unterstützen Sie ihn mit Rath und That.\" Nach die-\nsen Worten wandte er sich wieder zu dem italiänischen\nGesanglehrer, mit dem er sich leise unterhielt.\n(Schluss folgt.)\n\nNachtrag zu „Beethoven’s Musik zum Prometheus-\nBallet“.\n(S. Nr. 11.)\nDer erste Clavier-Auszug dieser Musik ist bald\nnach der Aufführung des Ballets (den 28. März 1801) in\nWien erschienen. Er liegt uns vor und führt den Titel:\nGli Uomini di Prometeo. Ballo"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.7", "texte": "noforte composto e dedicato a\ncipessa Lichnowshj nata Contessa Thun da Luigi van\nBeethoven. Opera 24. In Viennapresso Cappi &• Comp.\nPr. 3 FI. 36 Kr. (56 Seiten in Quer-Folio.)\nNach A. Schindler's Begleitschreiben zu der freund-\nlichen Uebersendung dieses Ciavier-Auszugs äusserte Beet-\nhoven bei Einhändigung dieses Exemplars in Bezug auf\ndie Vollständigkeit: „Das ist Alles.\" „Dass er\", fährt\nA. S. fort, „bei diesem Arrangement mitgewirkt, hörte ich\nihn später sagen. Betreffs des schlecht stylisirten Titelblat-\ntes schalt er sich selber aus: Ballo per il Clavicembalo!\nDamals war er durch und durch Italiäner und radbrechte\nhäufig die italiänische Sprache es war in der Epoche\n„ „Gi ulietta Guicciardi\"\", 1801. Herrn Tbayer ver-\ndanken wir nämlich die Gewissheit, in weichem Jahre jene\nKatastrophe im Leben Beethoven's erfolgt ist, und aus wel-\nchem also auch jene drei Briefe an seine Geliebte her-\nrühren, die nur die Angabe des Tages, aber nicht des\nJahres tragen. Thayer hat in allen Kirchenbüchern Wiens\nJahr und Tag der Trauung der Giulietta mit dem Grafen\nGallenberg aufgesucht und gefunden, dass die Trauung\nim Jahre 1801 Statt gefunden.\" —Bisher setzte man diese\nLiebe Beethoven's in viel spätere Zeit, z. B. 1805 und\n1806; auch Schindler war noch in der neuesten Ausgabe\nder Biographie der Meinung, dass sie in das Jahr 1803\ngehöre. Nach Thayer's Fund fällt sie also in das einund-\ndreissigste Lebensjahr Beethoven's. (Vgl. Sch., 1.,\n93 ff.)\nDurch die Opuszahl 24 auf dem Titel des Cappi'-\nschen Clavier-Auszugs wird ebenfalls auf die richtige Zeit\nder Entstehung der Prometheus-Musik hingewiesen (in den\nKatalogen der Beethoven'schen Werke wird sie fälschlich\nmit Op. 43 bezeichnet). Uebrigens ist die Sonate in\nfür Ciavier und Violine auch unter der Nummer Op. 24,\nund zwar auch 1801 (aber bei Mollo in Wien), erschie-\nnen. Die Umgebungen sind demnach folgende:\nOp. 20, Septett in Es-dur. Op. 21, Sinfonie in C-dur.\nOp. 22, Clavier-Sonate in B-dur. Op. 23, Sonate für\nPianoforte und Violine in A-moll. Op. 24 (s. vorher). Op.\n25, Serenade für Flöte, Violine und Alto. Op. 26, Sonate\nin As-moll. Op. 27, die beiden Phantasieen (Nr. 2, Cis-\nmoll, „Alla Contessa Giulietta Guicciardi\").\n\nAus Aachen.\nN.\nWenn ich Ihnen lange nicht über unser musicalisches Leben ge-\nschrieben habe, so ist der Mangel an Concerten wahrlich nicht daran\nschuld, sondern eher die Fülle des Stoffes, ein Embarrcis de ri-\nchesses. Das kann man doch wohl mit Recht sagen, wenn in einer\nWoche drei Künstler von europäischer Berühmtheit hier concertirt\nhaben: Laub, Jaell und Stockhausen.\nIm fünften Abonnements-Concerte (den 19. Januar)\nwurde die vollständige Musik von Beethoven zum Ballet: „Die\nGeschöpfe des Prometheus % und Ouvertüre und 11. Act aus Gluck' s\n„Orpheus\" gemacht; die Alt-Partie in letzterem sang unsere ge-\nschätzte Dilettantin, Frau P. Das sechste Concert (zum Besten\ndes Orchesterfond-s) brachte Beethoven's Ouvertüre in O, Op. 115\nArie für Mezzo-Sopran aus Händel's Herakles - Concert für\ndas Violoncell von Molique, gespielt von Hrn. J. Wenigmann\nzwei Lieder von F. Schubert (Mignon's „So lasst mich scheinen\",\nvon Liszt, und Gretchen's „Meine Ruh' ist hin\", von Hiller instru-\nmentirt) eine Orgel-Toccata von J. S. Bach, orchestiirt von\nEsser Schlussscene aus Göthe's Faust, ll.The.il, für Soli,\nChor und Orchester von R. Schumann. Wie Sie sehen, ein sehr\ninteressantes Programm, das überall recht gelungen ausgeführt wurde.\nFräulein Emilie Genast aus Köln ärntete durch den Vortrag der\nArie von Händel und vorzüglich der beiden Lieder den lebhaftesten\nBeifall. *\nDie oben genannten Künstler gaben Soireen, die, zur Ehre un-\nserer Stadt sei es gesagt, von sehr zahlreicher und enthusiastischer\nZuhörerschaft besucht waren. Laub, der ausgezeichnete Interpret\nclassischer Musik, eröffnete seine Soiree, unterstützt von dem wacke-\nren Quartett der Gebrüder Wenigmann, durch das Quintett von\nMendelssohn in C-dur, dem der Vortrag der Sonate Op. 96 von\nBeethoven für Pianoforte und Violine durch die Herren Wüll-\nner und Laub folgte, eine Leistung, so vollendet, wie man sie von\nzwei so tief in die Geheimnisse des Meisters eingeweihten Künstlern\nerwarten konnte. Während eine Polonaise von Laub und Ernst's\nOthello-Phantasie die Technik des Concertgebers bewundern Hessen,\noffenbarte der Vortrag einer Romanze von Beethoven seinen schö-\nnen Ton und gefühlvollen Ausdruck aufs herrlichste.\nDer eminente Pianist Alfred Jaell erregte in einem Concerte\nder „Liedertafel*4 in dem schönen Bernaert'schen Saale einen stürmi-\nschen Enthusiasmus. Ihnen alles aufzuzählen, was er spielte, wäre\nunmöglich, da seine freundliche Bereitwilligkeit, die stürmischen\nWünsche des Publicums zu befriedigen, eben so gross war, wie\nseine Virtuosität.\nAm 16. d. Mts. hörten wir die grÖsste Berühmtheit unter den\nSängern, Julius Stockhausen; er versetzte unser Publicum in\neine so begeisterte Aufregung, dass es ein wahres musicalisches Fest\nfeierte. Gleich durch die ersten Tacte der Arie aus „Julius Cäsar\"\nvon Händel eroberte er alle Herzen, und bei dem nächsten Ruhe-\npunkte brach auf der Stelle der lauteste Beifall aus. Der glänzende\nRuf, der dem Meistersänger in der edelsten Bedeutung des Wortes\nund der Kunst vorausgegangen war, wurde weit übertroffen, und in\nder That wurde alles, was Stockhausen sang, so vollendet vorgetra-\ngen, jedes Stück trug einen so individuellen Charakter von Voll-\nkommenheit in sich, dass es unmöglich ist, Eines vor dem Anderen\nhervorzuheben. Der Erfolg war ungeheuer und fast beispiellos in\nunseren Concert-Annalen Am folgenden Tage wiederholte er sich in\neinem engeren Kreise in einer Matinee bei Herrn Director Wüll-\nner, wo der Sänger mit vollen Händen aus dem reichen Schatze\nvon Franz Schubert schöpfte, der ihm vor allen Anderen zur Auf-\nBewahrung anvertraut zu sein scheint.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n22. März. Ole Bull, der bereits in Düsseldorf und in\nBonn mit grossem Beif'ale gespielt hatte, gab in dieser Woche zwei\nMal Concert im Theater und hatte einen ungeheuren Erfolg. Im er-\nsten Concerte spielte er ein Concert von Paganini, ein wunder-\nschönes Larghetto von Mozart (ursprünglich für die Clarinette ge-\nschrieben) und seine Folacca guerriera. Nach dem wiederholten Her-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610323-01.1.8", "texte": "vorrufe trug er noch das von ihm für die Violine allein arrangirte\nDuett aus Don Juan: La ci darem la mano, und ein spanisches\nStändchen vor, Alles unter stürmischem Beifall und Fanfaren von\nTrompeten und Pauken. Im zweiten Concerte spielte er sein Con-\ncert in A-dur, auf allgemeines Verlangen wiederum das Larghetto\nvon Mozart, und zum Schluss ein Carneval.\nOle Bull geboren 1810 ist noch immer der bewunderungs-\nwerthe nordische Geigen-Heros, der in seiner Art einzig dasteht.\nWas auch die Kritik über Benutzung oder Missbrauch seiner emi-\nnenten Virtuosität zu nnmusicalischen Kunststücken tadelnd gesagt\nhat, die gerechte, nicht pedantisch einseitige Würdigung seines\nSpiels wird ihn stets und, wir möchten beinahe sagen : jetzt noch\nmit mehr Recht, als früher, unter die ersten Künstler auf der Violine\nsetzen, und ihn in Bezug auf Grösse und Schönheit des Tones aui\nallen Saiten, auf innigen Vortrag der Melodie, auf geniale Behand-\nlung des Instrumentes, auf Darlegung einer scharf ausgeprägten\nKünstler-Individualität den grössten Virtuosen gleich stellen, wäh-\nrend sie ihm in Betreff der technischen Meisterschaft in manchen\nDingen, z. B. im doppelgrifligen Spiel, und namentlich im Staccato,\ndie unbestreitbare Palme zuerkennen muss.\nOle Bull hat hier einen so enthusiastischen Beifall erhalten, dass\nes zu bedauern ist, dass seine Anwesenheit gerade in die nächste\nstille Zeit vor Ostern fällt; zu anderer Zeit würde hier eine Reihe\nvon Concerten desselben ein dankbares Publicum finden. Wie kommt\nes aber, dass wir den eminenten Künstler nicht in einem der Abon-\nnements-Concerte im Gürzenich hören?\nPas sacag lio. (Vgl. Nr. 11, S. 87 ) Von guter Hand geht uns\ndie Noti-i zu, dass im Spanischen Pasac alle „ein gewisses Ton-\nstück für die Zither* oder Gitarra bezeichnet Demnach dürfte das\nWort aus Spanien stammen und von pasar (passer, vorübergehen,\ngehen) und calle (die Strasse) ursprünglich ein Lied (oder einen\nTanz) bedeuten, das in den Strassen gesungen wurde ähnlich\ndem französischen Vaudeville, d. i. Chanson qui court par la ville.\nIm Laufe des Monats Februar fanden in Berlin die 24. und 25.\nVorstellung von H. Dorn's rNibelungenA Statt. Das echt deut-\nsche Werk hatte sich auch diesmal bei zum Theil neuer Besetzung\ndes wärmsten Empfanges von Seiten der Zuhörer und Zuschauer\nzu erfreuen. Erhöht ward die Theilnahme noch durch eine neu com-\nponirte, von Frau Jachmann-Wagner (Brunhilde) trefflich vorgetra-\ngene Einlage im zweiten Acte. Zur Aufführung vorbereitet wird die\nOper in Sondershausen, und Karlsruhe wird folgen. Zuerst wurden\ndie „Nibelungen\"4 in Weimar (Januar 1854), dann in Berlin (März\n1854), Königsberg (Mai 1855), Breslau (November 1855), Wien (Fe-\nbruar 1857J und Stettin (März 1857) aufgeführt,\nCrStilaagjetl» Seit Ostern vorigen Jahres hält Herr Dr. Ed.\nKrüger hier Vorlesungen vor Studiosen über Musik, welche\nrecht gut besucht sind. Ferner steht ein Singverein unter seiner\nLeitung, welcher sich vorzüglich mit Palestr in a und Bach be-\nschäftigt. Die Wirksamkeit des hochgebildeten Musikgelehrten und\nzugleich praktischen Musikers für die Tonkunst, wrelcher er seit\nJahren, wie bekannt, die Mussestunden, die ihm seine amtliche Thä-\ntigkeit liess, widmete, wird von bedeutendem Einflüsse auf die\nmusicalischen Zustände in Güttingen sein.\nISasÄiaa€sTes*. Je seltener bei uns grosse Chor-Aufführungen\nsind, desto erfreulicher war das Concert, welches die Sing-Aka-\ndemie unter Direction des Herrn Capellmeisters B. Scholz am 6.\nFebruar veranstaltete. Zur Aufführung kamen die C an täte von\nJ. S. Bach: „Christ lag in Todesbanden*, nur für Chor ohne Soli,\ndie Orchester-Begleitung zur Aufführung im Concertsaale ohne Orgel\nvon Scholz eingerichtet; Gluek's Ouvertüre zur Iphigenie in Aulis\nund das Requiem von Cherubini. Das Concert fiel sehr gut\naus Se. Majestät der König, Protector des Vereins, war anwesend\nund von der Ausführung so befriedigt, dass er die Wiederholung\ndes Requiems in der nächsten Zeit wünschte.\nUeber die am 18. März in der grossen Oper zu Paris erfolgte\nzweite Vorstellung des Tannhäuser wird uns geschrieben : „Wag-\nner hat sich zwar zur Ausmerzung aller während der ersten Vor-\nstellung verlachten Stellen herbeigelassen; er hat den ersten Dialog\nzwischen Venus unel Tannhäuser gekürzt, das Wiedelerscheinen der\nVenus unterdrückt. Aber das Publicum fühlte sich so unangenehm\nberührt durch diese Musik und so gelangweilt, dass das Pfeifen kein\nEnde nehmen wollte. Trotz der Anwesenheit des Kaisers und der\nKaiserin unterbrachen die Bezeigungen des Missfallens das Stück zu\nwiederholten Malen. Der Marsch und das Lied an den Abendstern\nwurden allein ohne Opposition beklatscht. Als Niemann seinen tragi-\nschen Bericht im dritten Acte beginnen wollte, wurden wieder Zei-\nchen des Missfallens laut. Da machte der Sänger einen Gestus mit\nder Hand, der andeuten sollte, dass er keine Schuld an der Compo-\nsition habe, und sofort antwortete das Publicum mit donnerndem\nBeifalle. Aber seine Erzählung wurde doch hier und da wieder un-\nterbrochen. Ich habe niemals solchen Scenen in der grossen Oper\nbeigewohnt. Als der Lärm einen Augenblick so stark war, dass es\nschien, als pfiffe das ganze Haus, rief Jemand aus einer Loge des\nzweiten Ranges: „Mais c'est la claque qui sifflelÄ Ich glaube nicht,\ndass der Tannhäuser mehr als o—4 Vorstellungen erleben wird.*4\nI\nEine Correspondenz der Independance aus Paris vom 19. d. Mts.\nsagt aus, dass die Opposition bei der zweiten Aufführung sich nicht\nauf Heiterkeit und Murren beschränkt, sondern in arges Pfeifen aus-\ngebrochen sei Der Kaiser und die Kaiserin traten gerade mitten in\neiner solchen Tumultscene gegen Ende des zweiten Actes ein. Sie\nwinden von lautem Applaus begrüsst Der missgestimmte Theil des\nPublicuins nahm diesen für eine Demonstration zu Wagners Gun-\nsten, und das Pfeifen verdoppelte sicii, bis das Missverständniss ge-\nlöst wurde. Im dritten Acte aber ging der Scandal wieder los, und\nnun erfolgte die erwähnte) Scene mit Niemann. Die heftige\nOpposition soll hauptsächlich von den Abonnenten der grossen Oper\nherrühren ; der ungastliche und unanständige Charakter derselben\nist aber jedenfalls bedauernswerth."}]}