{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-03-30-01", "volume": "bmtnabi_1861-03-30_01", "ocr_sha256": "bde1b84db05dd260224f5472f994f42f8188175629ac22a99dbd7709f071d3ac", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/03/30_01/bmtnabi_1861-03-30_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-30-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-30_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-03-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "97", "page_fin": "97", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 336, "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Richard Wagner's Tannhäuser) Kunst und Handwerk. II« Schluss. Aus Brüssel (Schumann's\nInstrumental Compositionen). Eilftes Gesellschafts-Coneert in Köln im Gürzenich. Tages- und Unterh altungs b 1 att (Köln,\nV. Soiree für Kammermusik Paderborn, Concert Würzburg, Herr August Kömpel Wien, Beethoven's Messe in D)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-30-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-30_01#c002", "volume": "bmtnabi_1861-03-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "97", "page_fin": "100", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.2.2", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.1", "debut_caractere": 338, "fin_caractere_exclue": 4058, "texte": "Pariser Briefe.\n[Richard Wagner's T an n h ä us er]\nIch habe mich nicht beeilt, über die Ereignisse der\nTheater-Abende des 13. und 18. März im kaiserlichen\nOpernhause an die Niederrheinische Musik-Zeitung zu be-\nrichten; die politischen Blätter haben dafür gesorgt, dass\ndas Schicksal des „Tannhäuser\" bereits aller Welt be-\nkannt ist.\nIch muss aber bestätigen, dass die Art und Weise,\nwie das sonst so anständige Publicum der grossen Oper\ndieses Mal seine Missbilligung äusserte, von den Zeitungen\nganz der Wahrheit gemäss und ohne Uebertreibung ge-\nschildert worden ist. DieThatsache steht fest; aber die Ver-\nsuche, sie durch eine systematische, vorherbedachte und\norganisirte Opposition erklären zu wollen, beruhen auf irr-\nthümlichen Voraussetzungen und auf grosser Unkenntniss\nder hiesigen Verhältnisse. Einen Erfolg durch äussere\nMittel zu machen, das ist in Paris möglich, die Beispiele\nliegen nahe, und selbst Wagner's Concerte könnten, wenn\nauch nur in zweiter Linie, Belege dazu liefern. Aber ein\nFiasco zu bestellen, und es gegen die Ueberzeugung des\nPublicums durchzusetzen, das ist hier nicht möglich. Die\neinzige bedeutende und entscheidende Macht, welche beim\nTannhäuser Opposition gemacht und durchgesetzt hat, ist\nder französische Geschmack. Dieser hat sich sowohl\ngegen den tendentiösen, supranaturalistischen Text des\nLegenden-Drama's, als gegen die unmelodische Musik\nempört. »\nDarin findet der Fall der Oper für jeden, der den\nfranzösischen Geist und Geschmack kennt, seine ganz na-\ntürliche Erklärung, und er konnte auch mit ziemlicher Ge-\nwissheit vorausgesehen werden. Dass aber die Nichtbe-\nfriedigung des Geschmacks nicht in den gewöhnlichen\nSchranken einer kalten Aufnahme blieb, dass sie den Cha-\nrakter einer theiiweisen Verspottung und Verhöhnung an-\nnahm, daran ist Wagner's persönliches Auftreten allein\nschuld; seine maasslose Selbstüberhebung, seine literari-\nsche Selbstbespiegelung, seine reformatorische Renom-\nmisterei und seine empörende Herabsetzung der grössten\nComponisten dramatischer Musik haben zur Prüfung der\nBerechtigung oder auch nur Entschuldigung seines Prun-\nkens mit Redensarten die Anlage eines strengen Maass-\nstabes .an seine künstlerischen Leistungen aufgedrun-\ngen. Das Publicum betrachtete die Aufführungen als ein\nHie Rhodus, hie salta,und da der Sprung nicht gelang,\nso lag den Franzosen das Voltaire'sche: Du sublime au\nridicule il n'y a qu'unpas,sehr nahe.\nUnd hat denn bei so geringem Resultate ungeheurer\nAnstrengungen und eines ganz übermässigen Kostenauf-\nwandes, um allen Forderungen, auch den übertriebensten,\ndes Componisten zu genügen, die Volksstimme so Unrecht,\nwenn sie sagt: „Wagner ist seiner eigenen Erklärung nach\nnicht nach Paris gekommen, um sich dem Urtheil des fran-\nzösischen Publicums zu unterwerfen. O nein! Als Verbann-\nter „„ist er der einzige Deutsche, der den Tannhäuser\nund seine übrigen Werke noch nie gehört hat\"\". Er ist\nalso gekommen, um die Kräfte unserer grossen Oper und\n250,000 Francs für die Ausstattung in Anspruch zu neh-\nmen, um das höchst berechtigte Vergnügen zu haben, sich\nzu hören und sich —zu bewundern.\"\nEs kann mir nicht einfallen, in diesen Blättern, in de-\nnen Wagner's Musik und im Besonderen der Tannhäuser\nschon längst gründliche Würdigung gefunden, noch ein-\nmal auf die Schwächen des Werkes zurück zu kommen.\nIn der ausführlichen Kritik, die bereits im Jahrgange von\n1852 der Rheinischen Musik-Zeitung in einer Reihe von\nArtikeln erschienen, ist das Schöne, das sich in einzelnen\nScenen findet, vollständig anerkannt, aber auch das Lä-\ncherliche und Unmusicalische ohne Schonung nachgewie-\nsen— und gerade an denselben Stellen, die jetzt das pari-\nser Publicum belacht und bepfiffen hat. Wenn die Fran-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5381, "texte": "zosen deutsche Zeitungen läsen, so würden sie längst ge-\nwusst haben, was sie zu erwarten hatten. Aber man hatte\ndafür gesorgt, ihnen die Vorstellung beizubringen, dass\ndas ganze Deutschland von Bewunderung für Tannhäuser\nund Lohengrin überströme, und da nun der Dichter-Com-\nponist selbst sich über alle seine Vorgänger in den Hallen\nder grossen Oper nicht bloss in gesellschaftlichen Gesprä-\nchen, sondern durch officielle Manifeste (wie seinen letzten\n„Brief an einen Freund über Zukunftsmusik\") setzte, so\nkonnte eine heftige Reaction, wie sie bei glänzend aufge-\nstützten Vorspiegelungen und später gänzlich getäuschten\nErwartungen stets Statt findet, nicht ausbleiben.\nFür die Geschichte der Zukunftsmusik dürfte es aber\ndoch wichtig sein, die Urtheile der pariser Kritik in ihren\nHauptpunkten den Lesern mitzutheilen. Höchst merkwür-\ndig ist schon die Thatsache, dass kein einziges Blatt den\nTannhäuser als ganzes Kunstwerk in Schutz nimmt, son-\ndern dass höchstens einzelne Nummern als wirksam be-\nzeichnet werden. An einen musicalisch-ästhetischen Streit,\nder aus einer Spaltung in Parteien entstände, wie zur Zeit\nder Gluckisten und Piccinisten, ist gar nicht zu den-\nken; die letzte Hoffnung des Componisten, wenigstens da-\ndurch Aufsehen zu machen und noch eine Weile oben ge-\nhalten zu werden, muss vor der Einstimmigkeit der Ur-\nlheile verschwinden.\nBeginnen wir eine kleine Musterung derselben.\n„Herr Wagner stellt selbst den Satz auf, die Haupt-\nsache der Oper nach seinem System sei, das Publicum\nan die dramatische Handlung zu fesseln. Nun? und Tann-\nhäuser? Der edle Ritter hat sich kopfüber in den Venus-\nberg gestürzt; auf einmal wird er der Wollust überdrüs-\nsig, ruft die Maria an, hat das Glück, dass sie ihn hört,\npilgert nach Rom, wird vom Papste verworfen und kehrt\nwieder in den Venusberg zurück. Das ist die ganze Hand-\nlung. Das Stück könnte eben so gut „ „Der rückfällige\nWüstling\"\", oder „„Wer einmal trinkt, trinkt immer\nwieder\"\" heissen. Und nun hat der Dichter seinen edlen\nRitter dadurch noch verächtlicher gemacht, dass er ihm\neine reine und heilige Jungfrau zur Seite stellt, deren keu-\nsche Liebe ihn nicht vom Laster zurück halten und die\nselber lür ihn nichts Ihun kann, als beten und sterben!\n„Wollten wir aber auch über die widrige Mischung\ndes Heiligen und Weltlichen, des Papstes und der Venus!\nhinwegsehen, so fehlt doch Wagner als Dichter ganz und\ngar die Kunst, seinen Personen wirkliches Leben einzu-\nhauchen, und wir begreifen nicht, wie sein Held Tann-\nhäuser der Mittelpunkt einer fesselnden dramatischen Hand-\nlung sein könne! —Mit Einem Worte: das Gedicht dieser\nOper ist, für uns Franzosen wenigstens, durch Inhalt und\nForm ungeniessbar und unzulässig.\n„Die Partitur scheint in zwei gänzlich verschiedene\nHälften zu zerfallen. In die erste stellen wir einige nach\ndem gewöhnlichen Stile geschriebene Stücke, die Jeder-\nmann eben so gut hätte machen können, z. ß. den Pilger-\nmarsch, die Introduction zum Liederkampfe, das Duett\nzwischen Elisabeth und Tannhäuser, Wolfram's Lied. In\ndie andere Hälfte müssen wir die grosse Menge von Stücken\nalle mit einander werfen, die wir nicht zu benennen wis-\nsen, weil sie weder Gesang noch Recitativ sind. Das sind\naber gerade diejenigen, auf welche Wagner am meisten\ngibt; ja, er erklärt den Tannhäuser selbst für ein weit\nhinter seinem gegenwärtigen Standpunkte liegendes Werk\nund verweis't uns auf Tristan und Isolde!\n„Man kann Wagner's Talent und hohe Begabung an-\nerkennen, aber man darf ihm nicht verschweigen, dass\nseine Natur sich ganz und gar verirrt hat.\" (Paul Smith,\nGazette musicale.)\n„Man kann unserem Opern-Publicum viel bieten, das\nist wahr; aber wenn man es doch allzu arg macht, so wird\nes rebellisch und störrisch. Es war in der besten Stimmung\nvon der Welt gekommen. Man halte ihm gesagt, dass hier\nvon einem Genie ersten Ranges die Rede sei, von einem\nOffenbarer, einem Propheten, einem Messias, der den üp-\npigen Tanz und die sinnliche Melodie auf ewig von der\nBühne verbanne, um uns zu der reinen griechischen Kunst,\nzur vollkommenen Harmonie des Wahren und Schönen\nzurückzuführen. Daher denn auch eine Erwartung, eine\nSpannung, eine heilige Stille, eine wahre Andacht. Wie\ngern hätte man applaudirt, hätte man nur öfter Veranlas-\nsung dazu gefunden!\n„Das Gedicht ist leider nichts weniger als interessant.\nDie Ouvertüre, ein Musikstück von wirklichem Werthe,\nwurde vortrefflich ausgeführt und stürmisch beklatscht.\nAllein gleich die folgende Scene [durch den Componisten\nnoch in seinem neuesten Tristan-Stil verlängert] gab trotz\nder prachtvollen Ausstattung der guten Stimmung des Pu-\nblicums einen argen Stoss; 24 Bacchantinnen, 24 Faune,\n16 Nymphen, 16 Jünglinge, 16 Amoretten, 3 Grazien\nstellten das Ballet der Zukunft vor, schritten vorüber und\ndurch einander, alle mit langsam und so lange erhobenen\nArmen, dass einem bange sein musste, sie würden den\nKrampf kriegen. Ist der Tanz sehr keusch und nüchtern,\nso ist die Musik desto lärmender, ja, betäubend und höl-\nlisch nichts als hochzischende Quinten, wüthende Zim-\nbeln und Becken, wahnsinniges Geklingel. Es ist einem\ngerade so, als wenn hundert Nadeln einem auf einmal ins\nOhr stächen. Die höflichsten Zuhörer, die eine anständige\nHaltung beobachten wollten, hielten den Schmerz aus, ohne\nsich zu rühren; andere drehten und wendeten sich auf\nihren Sitzen von einer auf die andere Seite, wie der heilige"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5332, "texte": "Laurentius auf dem Rost. Viele junge Damen versuchten\nzu lächeln, aber unwillkürlich knirschten sie mit den Zäh-\nnen und zerrieben die Lorgnette oder den Fächer mit ihren\nkrausen Fingern.\n„Tannhäuser, der bis jetzt geschlafen, wacht auf, und\nVenus kommt auf den unglücklichen Gedanken, ihn zu fra-\ngen: Woran denkst du? —0 weh! diese ganz gewöhnliche\nFrage ruft sechs Seiten lange Erklärungen hervor. Das ist\nkein Duett, kein Recitativ, keine Scene, kein Act, es ist\nein Wagner'scher Dialog von endloser Länge, wobei wir\nzuerst die traurige Gewohnheit Wagner's bemerken, jedes\nWort, jede Sylbe seiner ewigen Reden mit einer Violin-,\nContrabass- oder Blech-Figur zu unterstreichen. Man ver-\nliert sich in die Details und vergisst das Ganze; man müht\nsich auf wahrhaft kindische Weise ab, jedem Worte einen\nbesonderen Ausdruck zu geben, und das Resultat dieser\nMühe und Arbeit ist, die Zuhörer durch eine nicht zu be-\nwältigende Langeweile zu ermüden.\n[Hierauf folgt die Erzählung von dem Ausbruch des\n*\nschallenden Gelächters bei der trivialen Dudelei des Hir-\ntenknaben auf der Schalmei u. s. w.]\n„Viel Wirkung machte das grosse Ensemble am Ende\ndes ersten Actes; es hat mächtige Klangwirkung, eine fast\nabgerundete periodische Form, glückliche lichte Stellen,\ndie nach so vielem Dunst und Gewölk überraschen und\neinen erleichtern. Dasselbe lässt sich von dem Triumph-\nmarsch in der Prachthalle sagen. Das sind glückliche Mo-\nmente, aber man muss sie theuer erkaufen.\n„Ich komme zu dem Liebeshof auf der Wartburg, wo\ndie ritterlichen Sänger mit einander wetteifern, wer der\nlangweiligste von ihnen sein werde. Dieser Musikschul-\nConcurs fiel den Zuhörern auf die Nerven; so wie ein Rit-\nter wieder nach seiner Harfe griff, gab das ganze Haus\nZeichen von Ungeduld, die am Ende, als Morelli nur Miene\nmachte, nach der Harfe zu greifen, in die Worte ausbrach:\n„ „0 nein! Gnade! Mitleid! fange nicht wieder von vorn\nan, ehrlicher Wolfram! wir können's nicht mehr aushal-\nten!\"\" Und Morelli war so gefällig und liess die Harfe\nliegen.\n„Man wird mir vielleicht vorwerfen, dass ich nicht auf\neine ernste Kritik der Musik Wagner's eingehe und be-\nweise, dass das Publicum in vollem Rechte gewesen. Allein\nwie soll man es anfangen, die Leere, das Chaos, die syste-\nmatische und überlegte Umkehr aller Grundsätze der mu-\nsicalischen und dramatischen Composition gründlich zu\nkritisiren? Als Symphonisten wollen wir Wagner als einem\nManne von Talent alle Gerechtigkeit widerfahren lassen;\nals dramatischer Componisl aber ist er für uns abgethan.\nWir gehören zur Schule aller grossen Meister der Oper,\ndie Wagner geringschätzt; wir sind für Klarheit, Melodie\nund Gesang, und verabscheuen Unordnung, Verworren-\nheit, Lärm, das Nichts und die Finsterniss.\n„Zu beklagen sind die Künstler, die nach sechsmonat-\nlicher Arbeit und Anstrengung gezwungen sind, zu Ziel-\nscheiben des Unwillens und der Spöttereien des Publicums\nzu dienen. Der arme Niemann, ein Tenorist, der nur\nan Erfolge gewohnt ist, ein Sänger mit Stimme, Wärme\nund Ausdruck, muss unter einem solchen Scandal auftre-\nten und sich in einer unmenschlichen Rolle abarbeiten!\nMadame Tedesco (Venus) blieb bei ihrer Ruhe; wo nichts\nist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Wenn ein ganzer\nAct kein einziges Stückchen Melodie enthält, so kann die\ngrösste Sängerin nichts thun, als die Noten mit mehr oder\nweniger Betonung absingen.\" (Fiorentino im Con-\nstitutionnel. )\n„Seit einigen Jahren beansprucht eine neue Schule,\nwelche in Deutschland viel Aufsehen gemacht hat, sich auf\nden Trümmern der Vergangenheit zu erheben; ohne ge-\nradezu das Verdienst der älteren Meister zu läugnen, be-\nhauptet sie, dass jene ihre Zeit gehabt haben, und dass\ndie Zukunft ihrer Schule gehöre, und mehr durch ihre\ntheoretischen Lehren, als durch ihre Werke hat sie einen\nTheil der deutschen Jugend verführt und mehrere Bühnen\nerobert; auch hat sie jedenfalls, wenn auch nicht überaus\nzahlreiche, doch sehr thätige und entschiedene Anhänger.\n„Als das Haupt und der Prophet derselben ist Wag-\nner nach Paris gekommen. Was keine Privat-Unterneh-\nmung über sich nehmen wollte, hat ihm die Oper, die un-\nmittelbar unter dem Schutze des Staates steht, gewährt,\ntreu ihren gastlichen Gewohnheiten. Wagner erhielt un-\numschränkte Vollmacht; die Künstler, die er vorschlug,\nwurden engagirt, prachtvolle Decorationen, eine wahrhaft\nverschwenderisch prächtige Ausstattung, ein ungeheures\nPersonal, Hülfsquellen und Mittel, die kein anderes Thea-\nter besitzt, alles, was zum Erfolg eines Werkes auf der\nBühne beitragen kann, wurde ihm zur Verfügung gestellt.\nDazu das erste Orchester auf der Welt, dasselbe, welches\nin den Conservatoire-Concerten die deutsche Musik Haydn's,\nMozart's, Beethoven's, Weber's und Mendelssohn's so mei-\nsterhaft wiedergibt. Sechs Monate lang wurde die Oper\neifrigst studirt und probirt, und jede Note und jede Nuance\nder Partitur wurde mit der grössten Gewissenhaftigkeit\nausgeführt.\" (Moniteur.)\n[Dies ist alles buchstäblich wahr. Der Berichterstatter\nhätte noch zusetzen können, dass drei General-Proben im\nCostume und mit allem Theater-Apparat gehalten worden\nsind, nach denen wohlwollende Componisten Wagner rie-\nthen, die meisten von den Stellen, die nachher dem Ge-\nlächter anheim fielen, zu streichen, was er aber mit Stolz\nzurückwies. Niemals noch ist einem deutschen Componisten\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4130, "texte": "eine so umfassende Begünstigung in Frankreich zu Theil\ngeworden, und zwar von der ersten Kunstanstalt des Rei-\nches, an deren Pforten die einheimischen Tonsetzer jahre-\nlang, manche auf immer, vergebens klopfen.]\n„Der Erfolg hat so vieler Arbeit und so grossem Auf-\nwände nicht entsprochen. Und doch hatte Wagner unter\nseinen Werken nach seinem eigenen Geständnisse dasje-\nnige ausgewählt, das sich noch am wenigsten von der\nSchule der Vergangenheit entfernt, das Werk, das noch\nmelodische Stellen enthält und WTeber zum Ausgangs-\npunkte genommen hat.\n[ Wagner hatte das Erstere allerdings auch hier in\nParis eingeräumt, aber hinzugesetzt, dass er Vieles in dem\nSinne seines späteren Systems, wie es als vollendet in Tri-\nstan und Isolde erscheine, im Tannhäuser umgearbeitet\nhabe, z. B. den Dialog zwischen Venus und dem Ritter\nim ersten Acte. Dem war auch wirklich also; denn diese\nScene war jetzt fast zwei Mal so lang, als früher. Schon\nnach den Proben bemerkte ein Blatt:\ndu Wagner plus pur et plus abstrakt que les Allemands;\nen sommes-nous dignes?u —ln Bezug auf den genannten\nDialog sagt der Referent des Moniteur (de Rovray = Fio-\nrentino):]\n„Der Gesang des Ritters im Rausch der Liebe und\nder Lust ist eben so grau und trübe, wie sein Traum. Es\ngeht, gewisser Maassen ohne Punkt und Komma, hundert\nvierundachtzig Verse lang fort; Tannhäuser ergreift sechs\nMal seine Harfe und stellt sie sechs Mal wieder hin!\nDem Sänger-Wettstreit folgte das Publicum weder mit\ngrosser Aufmerksamkeit noch mit lebhafter Theilnahme.\nDas Finale des zweiten Actes, in welchem Elisabeth\nihren Ritter schützt, erregte Sensation und Staunen, als\nauf einmal eine Violin-Passage von verzweifelter Komik\nallen Eindruck zerstörte und ein lautes Gelächter hervor-\nrief. [Diese wunderliche Passage kennt man, so viel ich\nweiss, in Deutschland nicht*), sie ist ebenfalls ein Zusatz\nim reineren Wagner-Stil. Der Effect ist ungefähr derselbe,\nals wenn man mit dem Finger auf- und abwärts über die\nTasten einer Claviatur streicht.] So unbegränzt auch Wag-\nner's Vertrauen auf sein System ist, so müssen wir ihn\n%)\ndoch bitten, wenn er noch einige ruhige Vorstellungen des\nTannhäuser erleben will, diese Stelle und alle diejenigen,\nwelche das Publicum in Heiterkeit versetzt haben, zu un-\nterdrücken. Man erträgt die Langeweile, man sieht über\nLängen hinweg, man gewöhnt sich an Lärm und an Dun-\nkel; aber man vermag nichts gegen eine unwiderstehliche\nLachlust.\n„Man hat es oft erlebt, dass ein Werk verschieden\nbeurtheilt wird, dass man darüber streitet, dass entgegen-\nstehende Parteien es angreifen und vertheidigen. Nach der\nAufführung des Tannhäuser haben wir nichts dergleichen\nbemerkt. Im Orchester, im Parterre, in den Logen, im\nFoyer, in den Gängen überall \\ollstäridige Einstimmig-\nkeit. Keine einzige Stimme hat sich für diese Zukunfts-\nmusik erhoben. Man hat redlich applaudirt, so oft sich eine\nbemerkenswerthe und relativ leuchtende Seite aus dem\nfinsteren Chaos entwirrte: also bei der Ouvertüre, dem\nTriumphmarscb, dem Finale des ersten Actes. Aber das\nist alles in der alten Weise gedacht und behandelt, es ist\nWeber zweiten oder dritten Ranges, und nicht selten mi-\nschen sich sogar ganz gewöhnliche Melodieen und italiäni-\nsche Reminiscenzen wider ihren Willen unter das wirre\nGewühl des Orchesters. Alles Gute im Tannhäuser, alles,\nwas beim Schiffbruche oben auf blieb, gehört der Musik\nder Vergangenheit an.—-—Niemann, ein grosser, schö-\nner Mann, ist auch ein guter Schauspieler, was er in der\nlangen Erzählung des letzten Actes bewiesen hat; keinen\nanderen Darsteller würde man diese endlose Declamation\nhaben aussingen lassen. Wenn sich Tannhäuser je von\nseinem Falle erhebt, so wird er es grösstenteils Niemann\nzu danken haben.\" [Moniteur) [Und doch ist Wagner\nauch gegen Niemann undankbar gewesen; denn er hat\nsich, wie mir bestimmt versichert wird, in den Proben ge-\näussert: „Wenn ich ihn früher hätte singen hören, so\nwürde ich ihn nicht engagirt haben.\" ]\n(Schluss folgt.)\n\n*) In der gedruckten Partitur sucht man sie vergebens, aber alle\nBerichte über die erste Vorstellung in Paris sprechen davon.\nAnmerkung der Redaction."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-30-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-30_01#c003", "volume": "bmtnabi_1861-03-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "100", "page_fin": "103", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.2.3", "titre_corps": "Kunst und Handwerk.", "titre_sommaire": "Kunst und Handwerk.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.4", "debut_caractere": 4132, "fin_caractere_exclue": 4868, "texte": "Kunst und Handwerk.\nII.\n(Schluss. S. Nr. 12.)\nMonsieur Appalton, ein ziemlich untersetztes Männ-\nchen, dessen Züge eine gewisse gemeine Gutmüthigkeit,\nmit Verschmitztheit gepaart, zeigten, lud Horst mit\nihm in ein Nebengemach zu treten. Dieses Nebengemach\nwar eigentlich eine Art von Magazin, in welchem Kisten,\nalte Musicalien und ein paar halb zerbrochene Stühle stan-\nden. Auf diesen richteten sich die beiden Unterhandelnden,\nso gut es ging, ein.\n„Vor Allem\", begann Herr Appalton, „sagen Sie mir,\nob Sie ?o viele Connexionen haben, dass Sie auf den Ver-\nkauf einer grossen Anzahl Billette rechnen können und\ndaher eines pecuniären Erfolges sicher sind, oder ob Sie\nein Concert geben, um Sich bekannt zu machen, um Ruf\nzu gewinnen.\""}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5477, "texte": "Horst war auf diese Art des Examens über seine Ab-\nsichten und Verhältnisse nicht gefasst; er kon:ite einige\nVerlegenheit nicht verbergen, als er die Antwort gab, dass\nseine Connexionen nicht so bedeutend seien, ihm eine be-\ndeutende Einnahme zu sichern. „Mir ist es\", meinte er,\n„doch hauptsächlich darum zu thun, mich dem Publicum\nin meiner Eigenschaft als Musiker, als Compositeur vor-\nzustellen, wenn ich auch andererseits die Vortheile, die\nmir eine ziemlich ausgebreitete Bekanntschaft gewähren,\nso viel als möglich zu benutzen suchen will.\"\n„Erlauben Sie mir,\" bemerkte Herr Appalton, „Sie\nantworten mir da wie ein echter Deutscher, der Alles\nmöchte und doch nichts recht will. Geben Sie ein Con-\ncert für Ihre Bekannten, denen Sie Billette verkaufen,\ndann müssen Sie den Leuten das vorspielen, was diese\nnach Ihrer Erfahrung am liebsten von Ihnen hören; ich\nwill Ihnen Anweisung geben, wie Sie die grösstmögliche\nAnzahl Billette an den Mann bringen, will Sie lehren, wie\ndie Eitelkeit und der Einfluss der Banquiers und der rei-\nchen Leute, die in ihrem Hause Salon halten, zu benutzen\nist, kurz, ich will für Ihre Tasche sorgen und dabei doch\ndas Interesse unseres H auses auch nicht aus den Äugen\nlassen. Sind Sie aber gesonnen, pour la gloire zu arbeiten,\ndann dürfen Sie keine pecuniären Angelegenheiten berück-\nsichtigen, dann muss vorgearbeitet werden, dann müssen\nSie die Kritik zu gewinnen suchen und Sich nicht um die\nUnkosten kümmern. Gelingt es Ihnen, Sich Ruf zu erwer-\nben, dann ist es an Ihnen, denselben auch für andere\nZwecke auszubeuten. Vor der Hand aber müssen Sie Sich\nden Bedingungen unterwerfen, unter welchen unser Haus\nes übernimmt, Ihnen Ruf und Ansehen zu verschaffen.\"\n„Ist denn Ihr Haus das im Stande?\" fragte Horst naiv.\n„Ob es dies im Stande ist?\" entgegnete der Gefragte\nin einem Tone der moralischen Entrüstung gegen den an-\ngedeuteten Zweifel. „Wir können einen Künstler erheben,\nwir können ihn vernichten. Wer mit uns in Verbindung\nsteht, wer es verstanden hat, unsere Gunst zu gewinnen,\nder hat auch die Presse von Paris für sich. Erstens schrei-\nben wir selbst in die meisten grossen Journale, zweitens\naber ist unser Privat-Urtheil maassgebend für die meisten\nanderen Kritiker und Journale. Sie haben den Monsieur *,\nden berühmten Referenten, in unserem Etablissement ge-\nsehen, den Mann, vor dem die berühmtesten Künstler zit-\ntern, für dessen Gunst sie kein Opfer scheuen. Er schreibt,\nwas wir ihm sagen. Wir haben ihn zu dem gemacht, was\ner ist. Noch vor wenigen Jahren war er der unbekannte\nSohn eines Epicier und schrieb Stilübungen für kleine\nJournale. Heute ist er unter seinem Namen Berichterstat-\nter in einem Blatte und unter dem Pseudonym Möns. de *\nin einem anderen. Er ist der Einzige, dem gegenüber das\nPressgeselz, welches bekanntlich in den Journalen Pseudo-\nnymilät und Anonymität nicht erlaubt, eine Ausnahme\nmacht. Das haben wir durchgesetzt. Was wir ihm sagen,\ndas gilt. Denn er selbst versteht von Musik gar nichts, das\nwird er Ihnen, wenn Sie einmal näher mit ihm bekannt\nsind, selbst sagen; aber er ist ein geistreicher Mann, führt\neine elegante, scharfe Feder, und seine Kritiken sind die\nbeliebtesten; dem lesenden Publicum kommt's ja nicht\ndarauf an, dass ihm eine gelehrte Abhandlung geboten\nwerde; es will sich angenehm unterhalten und das Neueste\nerfahren. Und dabei hat der Mann eine merkwürdige Ge-\nschicklichkeit, seine Kritiken so zu fassen, dass man manch-\nmal glauben sollte, er besässe gründliche Kenntniss von\nMusik. Haben Sie seinen Bericht über die neueste Oper\ngelesen? Wie geistreich schrieb er da nicht über Instru-\nmentation, über Declamation, über Recitation!\"\n„Ja,\" platzte Horst heraus, „ich glaube wohl, dass\ndiese Bemerkungen zu dem Glauben verleiten konnten,\nder Kritiker besässe gründliche Kenntnisse; denn ich habe\njene ihm schriftlich einige Tage früher mitgetheilt, und er\nhat sie dann in seinem Referate benutzt.\"\n„Hm! das ist's also!\" meinte Appalton, indem er einen\neigenthümlichen, stechenden Blick auf Horst heftete:\n„dachte ich mir's doch gleich! Ich rathe Ihnen, lassen Sie\nes ja nicht laut werden, dass Sie schreiben, am wenigsten\naber, dass Sie Ihre Ansichten einem Kritiker, und gar\ndiesem, schriftlich mitgetheilt haben. Aller Grimm der\nGetadelten, und vielleicht auch der mancher Gelobten, de-\nnen das Lob nicht warm genug erschien, wird sich gegen\nSie wenden, da jenem nichts anzuhaben ist. Sie scheinen\nEines noch nicht genau zu wissen, und ich will es Ihnen\nsagen, damit Sie Sich danach richten. Niemanden has-\nsen die Musiker mehr, als den Collegen,der sich\nmit Kritik beschäftigt. Sie ertragen eher den un-\ngerechtesten Tadel des unwissendsten Recen-\nsenten von Handwerk, als die gerechteste und\nzarteste, ja, kaum andeutende Bemerkung eines\nZunftgenossen. Wollen Sie ein Beispiel als Beweis?\nFassen Sie die Stellung unseres Freundes, des doppelna-\nmigen Journalisten, ins Auge. Er versteht nichts von Mu-\nsik, schreibt nichts desto weniger über die Concerte des\nConservatoire; seine jährliche Einnahme beträgt fast zwan-\nzig Tausend Franken, die ihm höchst wahrscheinlich nicht\naus der Gasse der Redacteure allein zufliessen. Wo er hin-\nkommt, wird er mit Höflichkeiten überladen und geprie-\nsen, am meisten von den Musikern. Betrachten Sie dage-\ngen die Stellung eines anderen Kritikers, der aber zugleich\nKünstler ist: Berlioz's. Man sagt, er componire vortreffliche\nMusik; bei Euch in Deutschland geniesst er sogar grossen\nRufes; hier schreibt er für das Wer"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5582, "texte": "sind seine grössten Feinde? Die Musiker, von denen man\ndoch voraussetzen könnte, dass sie lieber von einem bedeu-\ntenden Componisten, von einem unparteiischen Ehrenmanne\nbeurtheilt werden möchten, als von einem Journalisten,\ndessen einziges Verdienst der glatte, pikante Stil ist. Der\nPunkt wäre nun zur Genüge erörtert; kehren wir zur\nHauptsache zurück. Sie haben den steilen Weg nach dem\nTempel des Ruhmes erwählt, wie die Dichter sagen, und\nmüssen daher die Kritiker noch mehr berücksichtigen, als\ndie Einnahmen; ich weise Sie also an Herrn Cäsar Bia-\ngueoni, der sich hauptsächlich mit dem Ruhme der Künst-\nler beschäftigt. Setzen Sie Sich mit ihm ins Einvernehmen\nüber die Details, über die Opfer, die Sie bringen können\nund wollen. Die eigentlichen Arrangements für die Con-\ncerte will ich allein besorgen. Doch es fällt mir ein, Ihnen\nals Deutschem muss ja auch daran gelegen sein, dass die\nBlätter Ihres Vaterlandes Sie in ihren Spalten preisen; zu\ndiesem Zwecke kann ich Ihnen den Herrn Doctor Laicher\nempfehlen, der mit allen grossen Journalen Deutschlands\nin Verbindung steht, mit reactionären, demokratischen,\nstreng kirchlichen und freigeistischen, wie man es haben\nwill. Ich will die Angelegenheit gleich ins Reine bringen.\n„ „Monsieur Laicher!\"\" rief er dem in dem anderen Zim-\nmer befindlichen und auf den Ruf bereits wartenden deut-\nschen Journalisten zu, „ „Sie kennen ja Monsieur Horst\nbereits und werden Sich seiner annehmen. Verständigen\nSie Sich mit ihm. Bei Ihrer genauen Kenntniss der pariser\nVerhältnisse sind Sie im Stande, ihm einige Andeutungen\nzu geben, die mir längere Expirationen ersparen wür-\nden.\" \" Und jetzt, mon eher Monsieur „ „Orst,\"u muss ich\nSie verlassen; ich habe noch für eine Masse der grossen\nKünstler zu thun, die nichts ohne uns unternehmen kön-\nnen. Uebermorgen komme ich zu Ihnen frühstücken, dann\nwollen wir alles Weitere feststellen.\"\nEr packte eine Masse Papierschnilze, die hier und da\nauf den Tischen lagen und Commissionen nebst Adressen\nenthielten, zusammen, unterhielt sich einen Augenblick\nleise mit Herrn Cäsar Biagueoni, zankte mit dem älteren\nüber einen unbedeutenden Gegenstand, wobei wie in\ndem Streite mit dem Italiäner nicht die zartesten Rede-\nweisen gebraucht wurden; der Chef behauptete z. 8., er\nwerde immer betrogen; der Andere entgegnete, das käme\nnur daher, weil er meistens mit sich selbst zu thun habe\n—und entfernte sich. Horst wechselte noch einige Worte\nmit den beiden Chefs, unterhielt sich eine kurze Zeit mit\ndem doppelnamigen Kritiker und verliess in Gesellschaft des\nDoctors Laicher, des Agenten für auswärtige Lobpreisun-\ngen, das Etablissement der ruhmvollen Blagudoni & Comp.\nDer deutsche Künstler und der deutsche Literat gin-\ngen einige Minuten lang schweigend neben einander. Jeder\nvon ihnen dachte darüber nach, was er mit dem Anderen\nverhandeln sollte. Horst befand sich in nicht geringer Ver-\nlegenheit. Es ging ihm, wie so vielen Deutschen, die ihr\nVaterland schmähen, über deutsche Ehrlichkeit und Treue\nspotten und doch, so oft sie etwas unternehmen, was dem\ndeutschen Ehrlichkeits-Gefühle widerspricht, sich gedrückt\nund beschämt fühlen. Diese Verhandlungen über den\neigenen Ruf, über die eigene künstlerische Geltung, die\nder Franzose als zum Geschäfte gehörend betrachtet, die\ner leichthin erledigt, wie eine blosse Toiletten-Angelegen-\nheit, war für Horst in hohem Grade peinlich. Ja, er hatte\nsich den Blagueoni's gegenüber, trotz ihrer Anmaassung\nund ihrer insolenten Bemerkungen, viel weniger gedemü-\nthigt gefühlt, als gegenüber dem deutschen Literaten, von\ndem er wusste, dass er, wo es sich um Geldgewinn han-\ndelte, keine zarten Rücksichten beanspruchte.\nAber auch bei dem Doctor Laicher regten sich Ge-\nfühle, die mit der Situation nicht im Einklänge standen.\nAls er Horst zuerst kennen gelernt, betrachtete er ihn als\neinen der vielen alljährlich nach Paris kommenden clavier-\nspielenden oder geigenden Zugvögel, denen man gelegent-\nlich ein paar Federn ausrupft. Als echter Deutscher be-\ngnügte er sich jedoch nicht mit der oberflächlichen Be-\nkanntschaft, er wollte auch wissen, was der Virtuose noch\nsonst trieb, ob er Bildung besass, Geld hatte, wissenschaft-\nliche Studien trieb, und welche Restaurateure er besuchte.\nSo erfuhr er, dass Horst nicht zu der Kategorie, die wir\neben erwähnten, zu rechnen war; er überzeugte sich, dass\ner keinen der gewöhnlichen Virtuosen vor sich hatte, de-\nnen der äusserliche Erfolg das höchste Lebensziel ist; er\nlernte Einiges von den Erlebnissen und Schicksalen unse-\nres Helden kennen und zollte ihm so viel Theilnahme und\nAchtung, als er eben zu zollen fähig war. Er gab ihm\nmanche Aufklärung über die künstlerischen und sonstigen\nVerhältnisse der Seinestadt, und als Horst sich nach län-\ngerem Zögern endlich entschied, Concerte zu veranstal-\nten, rieth er ihm, sich an die Biagueoni zu wenden, einer-\nseits, weil sie wirklich die für dieses Geschäft Geschick-\ntesten und Brauchbarsten waren, andererseits aber auch,\nweil er wusste, dass sie ihn an dem Verdienste Theil nehmen\nlassen würden. Während des Zwiegesprächs zwischen Mon-\nsieur Appalton und Horst halte er seine Rede und die For-\nderungen überdacht, die er in seinem und der Biagueoni,\ndie ihn vorschoben, Namen stellen sollte; und doch, als\nder entscheidende Moment herankam, als die Verhandlung\nbegann, als er geradeaus zu sagen hatte: „Die Agenten\nund ich verlangen so und so viel, damit wir Ihnen nicht\nhinderlich in den Weg treten, damit Ihre Leistungen hier\nund auswärts nicht mit Stillschweigen übergangen oder\nangegriffen werden, und damit, wenn Ihre Concerte im"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1902, "texte": "Publicum eine Wirkung hervorgebracht haben, wir Ihnen\nbei der Gründung einer dauernden und sicheren Stellung\nin jeder Weise behülflich seien\" als er diesen Handel\nmit Ehre und Ruf abschliessen sollte, überkam ihn ein Ge-\nfühl, das fast der Scham glich. Gern hätte er dem Künst-\nler seine Dienste in uneigennütziger Weise gewidmet, aber\nseine beschränkten Verhältnisse erlaubten es nicht; er\nhatte Weib und Kinder zu ernähren und war auf den\nprekären Erwerb des Handwerkes, das er nun seit Jahren\ntrieb, angewiesen; gern hätte er ihm gesagt, dass es für\nden Künstler einen Weg zum Ruhme gebe, mühseliger\nund langsamer, aber sicherer und edler als der, auf wel-\nchem man die Genossenschaft der Gemeinsten ertragen\nmuss; gern hätte er ihn vor den Blagueoni gewarnt, die\nkeine andere Rücksicht beobachteten, als den eigenen Vor-\ntheil, denen nur der Besserzahlende als der Bedeutendere\ngilt; aber das durfte er nicht, er hing ja fast von diesen\nLeuten ab! Es blieb ihm kein Ausweg als die leidige Selbst-\nvertröstung, dass es ihm vielleicht später gelingen werde,\ndas Unrecht gut zu machen und dem Künstler, den er jetzt\nmit ausbeuten musste, noch wesentliche Dienste zu leisten.\nSo traten diese beiden Menschen einander gegenüber,\njeder in Missachtung vor der Handlung des Anderen, je-\nder mit der Scham vor sich selbst. Die gemeinen oder ge-\nwöhnlichen Handwerks-Naturen sind vor derartigem inne-\nrem Zwiespalt gesichert; sie nehmen das Leben, wie es\nsich ihnen bietet, drehen, wenden sich und schicken sich\nin alle Verhältnisse; energische, widerstandskräftige Men-\nschen lassen sich in ihrem Wege nicht beirren, sie wissen\noft das Schlimmste, das ihnen aufstösst, so anzugreifen,\ndass es ihnen zum Hebel für ihre Zwecke wird. Aber ge-\nbrochene und unfertige Naturen erkennen das Unrechte,\nseufzen über den Drang der Verhältnisse, der sie zwingt,\ngegen ihre Ueberzeugung zu handeln, und gehen zu Grunde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-30-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-30_01#c004", "volume": "bmtnabi_1861-03-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "103", "page_fin": "103", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.2.4", "titre_corps": "Aus Brüssel.", "titre_sommaire": "Aus Brüssel.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.7", "debut_caractere": 1904, "fin_caractere_exclue": 5367, "texte": "Aus Brüssel.\nEs wird Ihre Leser interessiren, zu erfahren, dass man hier end-\nlich auch anfängt, die grösseren Instrumental-Compositionen von\nRob. Schumann dem Publicum vorzuführen, was bekanntlich in\nden Niederlanden schon längst mit Erfolg geschehen; an die Gesang-\nstücke können wir freilich nicht denken, da wir keinen Chor für\nConcerte haben.\nEin vorzügliches Verdienst darum hat Louis Brassin. Nach*\ndem er in vielen Privatkreisen Schumann'sche Musik vorgetragen,\nspielte er in einer Soiree Ende Januar d. J. die JEtudes en forme\nde Variadons Op. 13 und ein Trio für Pianoforte, Violine und\nVioloncello von ihm. Die öffentliche Kritik erkannte die Meisterschaft\ndes Spielers an, sträubte sich aber gegen die Schwierigkeiten und\nden Charakter der Compositionen, in denen sie keine Stamm-Accorde\nund keine Dreiklänge fände. Das Trio namentlich galt ihr für ganz\nunverständlich. 9An Melodie, nämlich was man in der Regel darun-\nter versteht, ist nicht zu denken; ist man aber Poet, das heisst ein\nPoet, der alle geschriebene Poesie für Plattheit erklärt, so fühlt man\naus Schumann s Musik eine Art Genie heraus ein krankhaftes,\nungleiches, ungeheuerliches, aber doch immer ein Genie. Sein Wahl-\nspruch scheint gewesen zu sein: „„jßeethoven ne puis, Haydn ne\ndaigne, Schumann je suis.uu (Beethoven kann ich nicht, Haydn mag\nich nicht sein, Schumann bin ich.) Und wahrhaftig, er ist und\nbleibt Schumann, ein Mann voll Leidenschaft, voll Feuer, voll Wahn-\nsinn (!), ein Ajax, der die Muse herausfordert und zwingt, ein küh-\nner Wanderer, der sich einen Weg durch den Urwald haut. Hier\nund da stösst man bei ihm auf Stimmen aus friedlichen, lichten\nStellen, auf Melodieen ohne Anfang und Ende, die aber einen ge-\nheimen Reiz haben, der in die Seele dringt. Aber bald reisst ihn\ndie Leidenschaft wieder zu fieberhafter Aufregung hin« u. s. w.\nAber Brassin Hess sich nicht irre machen. In dem Concerte der\nAssociation des Artistes musiciens spielte er nichts Geringeres als\nSchumann's Concert für Piano und Orchester. Es war ein Wag-\nstück, diese grossartige Composition, in welcher das Pianoforte nur\neinen integrirenden Theil des ganzen Orchesters bildet, einem Publi-\ncum vorzuführen, welches bei den Pianisten nur die Virtuosität und\ndie modernen Effectstücke der Salon-Composition zu bewundern ge-\nwohnt ist. Allein Brassin trug einen vollständigen Sieg davon, und\nso glänzend und erhebend die Ausführung war, so gross und er-\ngreifend war die Wirkung, welche das schöne Werk auf die Zuhö-\nrerschaft hervorbrachte. Nachdem das Publicum an vielen Stellen\nunzweideutige Beweise seiner Bewunderung gegeben, huldigte es\nam Schlüsse durch einen zweimaligen Applaus der Composition und\ndem Spieler. Für diesen wiederholte sich später der Beifallssturm\nnoch stärker nach dem überaus glänzenden Vortrage einer Bhajpsodie\nhongroise von Liszt.\nEndlich entschloss man sieh sogar im Conservatoire, dem Publi-\ncum, das in der Anhänglichkeit an das Alte den pariser Abonnenten\nder Concert-Gesellschaft schon desswegen, weil es Pariser sind,\nnichts nachgibt, den romantischen Schumann einmal versuchsweise\nvorzustellen und um dessen Aufnahme bei der musicalischen Aristo-\nkratie zu bitten. Herr Director gab die Sinfonie in B-dur,\nund sie wurde von dem grössten Theile der Zuhörer gut aufgenom-\nmen, Es war das erste Mal, dass man eine Sinfonie von Schumann\nhörte, den man bisher und bis auf die neueste Zeit noch sehr un-\ngenügend nur aus seinen Clavier-Compositionen kannte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-30-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-30_01#c005", "volume": "bmtnabi_1861-03-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "103", "page_fin": "104", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.2.5", "titre_corps": "Gilstes Gesellschasts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferd. Hiller.", "titre_sommaire": "Gilstes Gesellschasts-Concert in Köln im Gürzenich, unter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferd. Hiller.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.7", "debut_caractere": 5369, "fin_caractere_exclue": 6454, "texte": "Gilstes Gesellschasts-Concert in Köln\nim Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferd. Hiller.\nSonntag, 24. März 1861.\nDie Erwartung, die wir vor zwei Jahren bei der ersten Auffüh-\nrung der grossen Matthäus-Passion von J. S. Bach ausspra-\nchen, dass dieses in seiner Art einzige Werk denn nur Bach\nselbst hat in der Johannes-Passion ein Gegenstück dazu gege-\nben alljährlich zur Feier des Palmsonntags benutzt werden\nmöchte, ist durch die Aufführung im Jahre 1860 und die gegen-\nwärtige am 24. März in Eriüllung gegangen, und diese herrliche\nMusik der Vergangenheit wird ohne Zweifel auch die Zukunft und\nderen Geschlechter erbauen und erheben, wenn viele andere Schö-\npfungen dem Untergange und der Vergessenheit verfallen sein werden.\nDas Erfreulichste dabei ist die immer wachsende Theilnahme des\nPublicums; nicht nur, dass die Plätze der Abonnenten ganz gefüllt\nwaren, auch das Herbeiströmen von Fremden, selbst aus sehr fernen\nGpgenden, z. B der Schweiz, war bedeutend und veranlasste eine\nausserordentliche Einnahme für beinahe viertehalb Hundert Eintritts-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2949, "texte": "karten, während auch die Hauptprobe zu 10 Sgr. Eintrittsgeld schon\n121 Thlr. eingetragen hatte. Möchten doch die Hyper-Orthodoxen\nin beiden Confessionen, welche die Musik aus der Kirche verbannen\nwollen, durch solche Thatsachen sich belehren lassen, wie tief bei\ndem deutschen Volke das religiöse Gefühl mit dem Sinne für die\nTonkunst verbunden ist; denn wer wollte nicht einsehen, dass beim\nAnhören der Bach'schen Passion die Sammlung und andächtige Stille\nder Zuhörerschaft und die tiefe Wirkung des Ganzen auf Alle\ndurch die Vereinigung des gläubigen Sinnes und der Empfänglich-\nkeit für den musicalischen Ausdruck desselben erzeugt werde ? Die\nschöne Anschmiegung der Musik Bach's an die einfache und eben\ndarum so ergreifende Erzählung der Leidensgeschichte durch den\nEvangelisten, und die wunderbare Macht des Choralgesanges,\ndas sind die zwei Hauptmomente, welche der Bach'sclien Passions-\nmusik ihre herzbezwingende Gewalt über alle gefühlvollen Menschen\nverleihen.\nDie Solostimmen, deren Ausführung freilich sehr wichtig für den\nEindruck des Ganzen ist, waren sehr gut besetzt. Man braucht Ju-\nlius Stockhausen nur zu nennen, und alle Welt ist überzeugt,\ndass er Alles vortrefflich singt; was aber nicht alle Welt weiss, ist,\ndass dieser meisterliche Sänger zugleich ein ausgezeichneter Musiker\nist, der aus dem tiefen Studium der Werke Bach's eine Lieblings-\nAufgabe seines Lebens macht. Wie ist es da anders möglich, als\ndass er durch die vollständige Beherrschung aller Mittel des Aus-\ndrucks, die ihm zu Gebote steht, auf die gelungenste Weise das\nIdeal, das er sich von seiner Aufgabe gebildet, musicalisch dar-\nstellt? Recht lobenswerth war die Leistung des Herrn Rudolf\nOtto, Dom- und Concertsängers aus Berlin, der mit einer schönen,\nleicht ansprechenden und sonoren Tenorstimme die schwierige Partie\ndes Evangelisten sang und allgemeine Anerkennung fand. Fräulein\nGenast (Sopran; lös'te ihre Aufgabe durch richtige Auffassung und\njenen im guten Sinne sentimentalen Vortrag, in welchem sie Mei-\nsterin ist, sehr befriedigend Auch die Alt-Partie hatte in einer\nschätzenswerthen Dilettantin, Frau Potthof-Diehl aus Aachen,\neine würdige Vertreterin gefunden.\nDie Chöre waren vortrefflich, ihre GesammtWirkung in den gros-\nsen Anfangs- und Schlusschören und in den Chorälen erhebend und\nergreifend. Die beiden Hauptchöre, der erste und zweite, waren in\ngutem Verhältnisse zu einander besetzt und leisteten Vorzügliches;\nder dritte, der so genannte kleine Chor, sang recht gut, besonders\nden letzten Choral: „Wenn ich einmal soll scheiden®, und auch der\nvierte, der Knabenchor, trug durch Sicherheit und Festigkeit des\nvon ihm vertretenen Cantus firmus tüchtig zum Ganzen bei. Alle\nverdienen den Dank nicht nur des Publicums, sondern auch der\nKunst, in deren Interesse es wahrlich liegt, dass ein solches Werk\nimmer einmal wieder in die Oeffentlichkeit tritt, was ohne die rege\nund eifrige Thei'.nahme der Dilettanten nicht möglich wäre."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-03-30-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-03-30_01#c006", "volume": "bmtnabi_1861-03-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "104", "page_fin": "104", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.8", "debut_caractere": 2951, "fin_caractere_exclue": 6091, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMcSisa. In der fünften Soiree für Kammermusik trugen\ndie Herren von Königslöw, Derckum, Grunwald und B.\nBreuer das Quartett Op. 12 in Es-dur von Mendelssohn und\ndas Quartett Op. 18 in B-dur von Beethoven mit bekannter Mei-\nsterschaft vor. Zwischen beiden hörten wir Schumann1 s Quintett\nfür Pianoforte u. s. w, Op. 44 in Es-dur; die Ciavierstimme wurde\ndurch Herrn Theodor Kirchner aus Wintert hur in trefflicher\nAuffassung mit Geist und Feuer vorgetragen. Herr Kirchner zeigte\nsich auch dadurch als einen tüchtigen Musiker, dass er das Quintett\nauswendig spielte. Der Vortrag von drei kleineren Ciavierstücken\nvon seiner Composition machte den Besehluss der Soiree.\nPaderborn. In dem fünften Concerte des Musik-Vereins er-\nwarb die Violinspielerin Fräulein Amalie Bidd aus Wien vielen\nBeifall. Unter anderen Stücken wurden auch zwei von den Quin-\ntetten F. Hill er' s für Sopran und vier Männerstimmen: „Reiselied*\nund „Frühlings-Einzug\", mit grossem Applaus aufgenommen.\nWürzburg. Der*berühmte Violinist Herr August Köm-\npel, der auf sein Gesuch aus der k. hannoverschen Hofcapelle mit\nBeibehaltung des Titels eines k. hannoverschen Kammer-Virtuosen\nentlassen ist, hat uns durch zwei Concerte erfreut, in denen er ne-\nben verschiedenen brillanten kleinen Piecen die grossen Concerte\nvon Beethoven und Nr. 8 (Gesangscene) von Spohr spielte und\ndurch den ganz ausgezeichneten Vortrag derselben das Publicum\nbegeisterte. Er gedenkt den Sommer hier in seiner Heimat zuzu-\nbringen.\nWien. Der 17. März war einer der wichtigsten Tage, wenn\nnicht der wichtigste, in unserem diesjährigen Musikleben. Director\nHerbeck, als verantwortlicher Vertreter der Gesellschaft der Mu-\nsikfreunde und ihrer Direction, hatte es unternommen, im vierten\nGesellschafts-Concerte die D-Messe von Beethoven aufzuführen,\nund das mit nicht ermüdendem Fleiss vorbereitete und so zu sagen\ntrefflich „in Scene gesetzte\" Unternehmen gestaltete sich für die\nDirection und ihren Capellmeister zu einem Triumphe, den wir allen\nBetheiligten, auf deren tüchtiges, überzeugungskräftiges und sacli-\ngemässes Wirken wir stets mit freudigen Erwartungen hingewiesen\nhatten, von Herzen gönnen. Die, einige immer mögliche Zufälle\nabgerechnet, vortreffliche Aufführung der Messe macht nicht nur\nHerrn Herbeck, sondern auch seinem Orchester, Herrn Joseph Hell-\nmesberger, welcher bereitwillig sich an die Spitze des Orchesters\ngestellt und das Violin-Solo übernommen hatte, Herrn Bibl, der den\nOrgelpart ausführte, dann dem Chor (Singverein und Conservato-\nriuins-Schülerinnen) und den Solisten Fräulein Krauss, Fräulein\nSchmidl, Herrn Gunz und Herrn Panzer alle Ehre. Die Auffüh-\nrung hatte wie schon seit vielen Jahren kein musicalisches Ereig-\nniss alle Musikfreunde in Bewegung gesetzt.. Es kamen Leute aus\nPesth, aus Brünn, aus Gmunden und anderen Provinzstädten eigens\nnach Wien, um der Aufführung beizuwohnen, und trotzdem in den\nletzten Tagen die Sitze um eine grosse Anzahl vermehrt wurden,\nwaren nicht nur alle Sitzp ätze, sondern sogar alle Eintrittskarten\nschon zwei Tage vor der Aufführung vergriffen, ein Fall, der noch\nnie vorgekommen war."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Richard Wagner's Tannhäuser) Kunst und Handwerk. II« Schluss. Aus Brüssel (Schumann's\nInstrumental Compositionen). Eilftes Gesellschafts-Coneert in Köln im Gürzenich. Tages- und Unterh altungs b 1 att (Köln,\nV. Soiree für Kammermusik Paderborn, Concert Würzburg, Herr August Kömpel Wien, Beethoven's Messe in D).\n\nPariser Briefe.\n[Richard Wagner's T an n h ä us er]\nIch habe mich nicht beeilt, über die Ereignisse der\nTheater-Abende des 13. und 18. März im kaiserlichen\nOpernhause an die Niederrheinische Musik-Zeitung zu be-\nrichten; die politischen Blätter haben dafür gesorgt, dass\ndas Schicksal des „Tannhäuser\" bereits aller Welt be-\nkannt ist.\nIch muss aber bestätigen, dass die Art und Weise,\nwie das sonst so anständige Publicum der grossen Oper\ndieses Mal seine Missbilligung äusserte, von den Zeitungen\nganz der Wahrheit gemäss und ohne Uebertreibung ge-\nschildert worden ist. DieThatsache steht fest; aber die Ver-\nsuche, sie durch eine systematische, vorherbedachte und\norganisirte Opposition erklären zu wollen, beruhen auf irr-\nthümlichen Voraussetzungen und auf grosser Unkenntniss\nder hiesigen Verhältnisse. Einen Erfolg durch äussere\nMittel zu machen, das ist in Paris möglich, die Beispiele\nliegen nahe, und selbst Wagner's Concerte könnten, wenn\nauch nur in zweiter Linie, Belege dazu liefern. Aber ein\nFiasco zu bestellen, und es gegen die Ueberzeugung des\nPublicums durchzusetzen, das ist hier nicht möglich. Die\neinzige bedeutende und entscheidende Macht, welche beim\nTannhäuser Opposition gemacht und durchgesetzt hat, ist\nder französische Geschmack. Dieser hat sich sowohl\ngegen den tendentiösen, supranaturalistischen Text des\nLegenden-Drama's, als gegen die unmelodische Musik\nempört. »\nDarin findet der Fall der Oper für jeden, der den\nfranzösischen Geist und Geschmack kennt, seine ganz na-\ntürliche Erklärung, und er konnte auch mit ziemlicher Ge-\nwissheit vorausgesehen werden. Dass aber die Nichtbe-\nfriedigung des Geschmacks nicht in den gewöhnlichen\nSchranken einer kalten Aufnahme blieb, dass sie den Cha-\nrakter einer theiiweisen Verspottung und Verhöhnung an-\nnahm, daran ist Wagner's persönliches Auftreten allein\nschuld; seine maasslose Selbstüberhebung, seine literari-\nsche Selbstbespiegelung, seine reformatorische Renom-\nmisterei und seine empörende Herabsetzung der grössten\nComponisten dramatischer Musik haben zur Prüfung der\nBerechtigung oder auch nur Entschuldigung seines Prun-\nkens mit Redensarten die Anlage eines strengen Maass-\nstabes .an seine künstlerischen Leistungen aufgedrun-\ngen. Das Publicum betrachtete die Aufführungen als ein\nHie Rhodus, hie salta,und da der Sprung nicht gelang,\nso lag den Franzosen das Voltaire'sche: Du sublime au\nridicule il n'y a qu'unpas,sehr nahe.\nUnd hat denn bei so geringem Resultate ungeheurer\nAnstrengungen und eines ganz übermässigen Kostenauf-\nwandes, um allen Forderungen, auch den übertriebensten,\ndes Componisten zu genügen, die Volksstimme so Unrecht,\nwenn sie sagt: „Wagner ist seiner eigenen Erklärung nach\nnicht nach Paris gekommen, um sich dem Urtheil des fran-\nzösischen Publicums zu unterwerfen. O nein! Als Verbann-\nter „„ist er der einzige Deutsche, der den Tannhäuser\nund seine übrigen Werke noch nie gehört hat\"\". Er ist\nalso gekommen, um die Kräfte unserer grossen Oper und\n250,000 Francs für die Ausstattung in Anspruch zu neh-\nmen, um das höchst berechtigte Vergnügen zu haben, sich\nzu hören und sich —zu bewundern.\"\nEs kann mir nicht einfallen, in diesen Blättern, in de-\nnen Wagner's Musik und im Besonderen der Tannhäuser\nschon längst gründliche Würdigung gefunden, noch ein-\nmal auf die Schwächen des Werkes zurück zu kommen.\nIn der ausführlichen Kritik, die bereits im Jahrgange von\n1852 der Rheinischen Musik-Zeitung in einer Reihe von\nArtikeln erschienen, ist das Schöne, das sich in einzelnen\nScenen findet, vollständig anerkannt, aber auch das Lä-\ncherliche und Unmusicalische ohne Schonung nachgewie-\nsen— und gerade an denselben Stellen, die jetzt das pari-\nser Publicum belacht und bepfiffen hat. Wenn die Fran-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.2", "texte": "zosen deutsche Zeitungen läsen, so würden sie längst ge-\nwusst haben, was sie zu erwarten hatten. Aber man hatte\ndafür gesorgt, ihnen die Vorstellung beizubringen, dass\ndas ganze Deutschland von Bewunderung für Tannhäuser\nund Lohengrin überströme, und da nun der Dichter-Com-\nponist selbst sich über alle seine Vorgänger in den Hallen\nder grossen Oper nicht bloss in gesellschaftlichen Gesprä-\nchen, sondern durch officielle Manifeste (wie seinen letzten\n„Brief an einen Freund über Zukunftsmusik\") setzte, so\nkonnte eine heftige Reaction, wie sie bei glänzend aufge-\nstützten Vorspiegelungen und später gänzlich getäuschten\nErwartungen stets Statt findet, nicht ausbleiben.\nFür die Geschichte der Zukunftsmusik dürfte es aber\ndoch wichtig sein, die Urtheile der pariser Kritik in ihren\nHauptpunkten den Lesern mitzutheilen. Höchst merkwür-\ndig ist schon die Thatsache, dass kein einziges Blatt den\nTannhäuser als ganzes Kunstwerk in Schutz nimmt, son-\ndern dass höchstens einzelne Nummern als wirksam be-\nzeichnet werden. An einen musicalisch-ästhetischen Streit,\nder aus einer Spaltung in Parteien entstände, wie zur Zeit\nder Gluckisten und Piccinisten, ist gar nicht zu den-\nken; die letzte Hoffnung des Componisten, wenigstens da-\ndurch Aufsehen zu machen und noch eine Weile oben ge-\nhalten zu werden, muss vor der Einstimmigkeit der Ur-\nlheile verschwinden.\nBeginnen wir eine kleine Musterung derselben.\n„Herr Wagner stellt selbst den Satz auf, die Haupt-\nsache der Oper nach seinem System sei, das Publicum\nan die dramatische Handlung zu fesseln. Nun? und Tann-\nhäuser? Der edle Ritter hat sich kopfüber in den Venus-\nberg gestürzt; auf einmal wird er der Wollust überdrüs-\nsig, ruft die Maria an, hat das Glück, dass sie ihn hört,\npilgert nach Rom, wird vom Papste verworfen und kehrt\nwieder in den Venusberg zurück. Das ist die ganze Hand-\nlung. Das Stück könnte eben so gut „ „Der rückfällige\nWüstling\"\", oder „„Wer einmal trinkt, trinkt immer\nwieder\"\" heissen. Und nun hat der Dichter seinen edlen\nRitter dadurch noch verächtlicher gemacht, dass er ihm\neine reine und heilige Jungfrau zur Seite stellt, deren keu-\nsche Liebe ihn nicht vom Laster zurück halten und die\nselber lür ihn nichts Ihun kann, als beten und sterben!\n„Wollten wir aber auch über die widrige Mischung\ndes Heiligen und Weltlichen, des Papstes und der Venus!\nhinwegsehen, so fehlt doch Wagner als Dichter ganz und\ngar die Kunst, seinen Personen wirkliches Leben einzu-\nhauchen, und wir begreifen nicht, wie sein Held Tann-\nhäuser der Mittelpunkt einer fesselnden dramatischen Hand-\nlung sein könne! —Mit Einem Worte: das Gedicht dieser\nOper ist, für uns Franzosen wenigstens, durch Inhalt und\nForm ungeniessbar und unzulässig.\n„Die Partitur scheint in zwei gänzlich verschiedene\nHälften zu zerfallen. In die erste stellen wir einige nach\ndem gewöhnlichen Stile geschriebene Stücke, die Jeder-\nmann eben so gut hätte machen können, z. ß. den Pilger-\nmarsch, die Introduction zum Liederkampfe, das Duett\nzwischen Elisabeth und Tannhäuser, Wolfram's Lied. In\ndie andere Hälfte müssen wir die grosse Menge von Stücken\nalle mit einander werfen, die wir nicht zu benennen wis-\nsen, weil sie weder Gesang noch Recitativ sind. Das sind\naber gerade diejenigen, auf welche Wagner am meisten\ngibt; ja, er erklärt den Tannhäuser selbst für ein weit\nhinter seinem gegenwärtigen Standpunkte liegendes Werk\nund verweis't uns auf Tristan und Isolde!\n„Man kann Wagner's Talent und hohe Begabung an-\nerkennen, aber man darf ihm nicht verschweigen, dass\nseine Natur sich ganz und gar verirrt hat.\" (Paul Smith,\nGazette musicale.)\n„Man kann unserem Opern-Publicum viel bieten, das\nist wahr; aber wenn man es doch allzu arg macht, so wird\nes rebellisch und störrisch. Es war in der besten Stimmung\nvon der Welt gekommen. Man halte ihm gesagt, dass hier\nvon einem Genie ersten Ranges die Rede sei, von einem\nOffenbarer, einem Propheten, einem Messias, der den üp-\npigen Tanz und die sinnliche Melodie auf ewig von der\nBühne verbanne, um uns zu der reinen griechischen Kunst,\nzur vollkommenen Harmonie des Wahren und Schönen\nzurückzuführen. Daher denn auch eine Erwartung, eine\nSpannung, eine heilige Stille, eine wahre Andacht. Wie\ngern hätte man applaudirt, hätte man nur öfter Veranlas-\nsung dazu gefunden!\n„Das Gedicht ist leider nichts weniger als interessant.\nDie Ouvertüre, ein Musikstück von wirklichem Werthe,\nwurde vortrefflich ausgeführt und stürmisch beklatscht.\nAllein gleich die folgende Scene [durch den Componisten\nnoch in seinem neuesten Tristan-Stil verlängert] gab trotz\nder prachtvollen Ausstattung der guten Stimmung des Pu-\nblicums einen argen Stoss; 24 Bacchantinnen, 24 Faune,\n16 Nymphen, 16 Jünglinge, 16 Amoretten, 3 Grazien\nstellten das Ballet der Zukunft vor, schritten vorüber und\ndurch einander, alle mit langsam und so lange erhobenen\nArmen, dass einem bange sein musste, sie würden den\nKrampf kriegen. Ist der Tanz sehr keusch und nüchtern,\nso ist die Musik desto lärmender, ja, betäubend und höl-\nlisch nichts als hochzischende Quinten, wüthende Zim-\nbeln und Becken, wahnsinniges Geklingel. Es ist einem\ngerade so, als wenn hundert Nadeln einem auf einmal ins\nOhr stächen. Die höflichsten Zuhörer, die eine anständige\nHaltung beobachten wollten, hielten den Schmerz aus, ohne\nsich zu rühren; andere drehten und wendeten sich auf\nihren Sitzen von einer auf die andere Seite, wie der heilige"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.3", "texte": "Laurentius auf dem Rost. Viele junge Damen versuchten\nzu lächeln, aber unwillkürlich knirschten sie mit den Zäh-\nnen und zerrieben die Lorgnette oder den Fächer mit ihren\nkrausen Fingern.\n„Tannhäuser, der bis jetzt geschlafen, wacht auf, und\nVenus kommt auf den unglücklichen Gedanken, ihn zu fra-\ngen: Woran denkst du? —0 weh! diese ganz gewöhnliche\nFrage ruft sechs Seiten lange Erklärungen hervor. Das ist\nkein Duett, kein Recitativ, keine Scene, kein Act, es ist\nein Wagner'scher Dialog von endloser Länge, wobei wir\nzuerst die traurige Gewohnheit Wagner's bemerken, jedes\nWort, jede Sylbe seiner ewigen Reden mit einer Violin-,\nContrabass- oder Blech-Figur zu unterstreichen. Man ver-\nliert sich in die Details und vergisst das Ganze; man müht\nsich auf wahrhaft kindische Weise ab, jedem Worte einen\nbesonderen Ausdruck zu geben, und das Resultat dieser\nMühe und Arbeit ist, die Zuhörer durch eine nicht zu be-\nwältigende Langeweile zu ermüden.\n[Hierauf folgt die Erzählung von dem Ausbruch des\n*\nschallenden Gelächters bei der trivialen Dudelei des Hir-\ntenknaben auf der Schalmei u. s. w.]\n„Viel Wirkung machte das grosse Ensemble am Ende\ndes ersten Actes; es hat mächtige Klangwirkung, eine fast\nabgerundete periodische Form, glückliche lichte Stellen,\ndie nach so vielem Dunst und Gewölk überraschen und\neinen erleichtern. Dasselbe lässt sich von dem Triumph-\nmarsch in der Prachthalle sagen. Das sind glückliche Mo-\nmente, aber man muss sie theuer erkaufen.\n„Ich komme zu dem Liebeshof auf der Wartburg, wo\ndie ritterlichen Sänger mit einander wetteifern, wer der\nlangweiligste von ihnen sein werde. Dieser Musikschul-\nConcurs fiel den Zuhörern auf die Nerven; so wie ein Rit-\nter wieder nach seiner Harfe griff, gab das ganze Haus\nZeichen von Ungeduld, die am Ende, als Morelli nur Miene\nmachte, nach der Harfe zu greifen, in die Worte ausbrach:\n„ „0 nein! Gnade! Mitleid! fange nicht wieder von vorn\nan, ehrlicher Wolfram! wir können's nicht mehr aushal-\nten!\"\" Und Morelli war so gefällig und liess die Harfe\nliegen.\n„Man wird mir vielleicht vorwerfen, dass ich nicht auf\neine ernste Kritik der Musik Wagner's eingehe und be-\nweise, dass das Publicum in vollem Rechte gewesen. Allein\nwie soll man es anfangen, die Leere, das Chaos, die syste-\nmatische und überlegte Umkehr aller Grundsätze der mu-\nsicalischen und dramatischen Composition gründlich zu\nkritisiren? Als Symphonisten wollen wir Wagner als einem\nManne von Talent alle Gerechtigkeit widerfahren lassen;\nals dramatischer Componisl aber ist er für uns abgethan.\nWir gehören zur Schule aller grossen Meister der Oper,\ndie Wagner geringschätzt; wir sind für Klarheit, Melodie\nund Gesang, und verabscheuen Unordnung, Verworren-\nheit, Lärm, das Nichts und die Finsterniss.\n„Zu beklagen sind die Künstler, die nach sechsmonat-\nlicher Arbeit und Anstrengung gezwungen sind, zu Ziel-\nscheiben des Unwillens und der Spöttereien des Publicums\nzu dienen. Der arme Niemann, ein Tenorist, der nur\nan Erfolge gewohnt ist, ein Sänger mit Stimme, Wärme\nund Ausdruck, muss unter einem solchen Scandal auftre-\nten und sich in einer unmenschlichen Rolle abarbeiten!\nMadame Tedesco (Venus) blieb bei ihrer Ruhe; wo nichts\nist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Wenn ein ganzer\nAct kein einziges Stückchen Melodie enthält, so kann die\ngrösste Sängerin nichts thun, als die Noten mit mehr oder\nweniger Betonung absingen.\" (Fiorentino im Con-\nstitutionnel. )\n„Seit einigen Jahren beansprucht eine neue Schule,\nwelche in Deutschland viel Aufsehen gemacht hat, sich auf\nden Trümmern der Vergangenheit zu erheben; ohne ge-\nradezu das Verdienst der älteren Meister zu läugnen, be-\nhauptet sie, dass jene ihre Zeit gehabt haben, und dass\ndie Zukunft ihrer Schule gehöre, und mehr durch ihre\ntheoretischen Lehren, als durch ihre Werke hat sie einen\nTheil der deutschen Jugend verführt und mehrere Bühnen\nerobert; auch hat sie jedenfalls, wenn auch nicht überaus\nzahlreiche, doch sehr thätige und entschiedene Anhänger.\n„Als das Haupt und der Prophet derselben ist Wag-\nner nach Paris gekommen. Was keine Privat-Unterneh-\nmung über sich nehmen wollte, hat ihm die Oper, die un-\nmittelbar unter dem Schutze des Staates steht, gewährt,\ntreu ihren gastlichen Gewohnheiten. Wagner erhielt un-\numschränkte Vollmacht; die Künstler, die er vorschlug,\nwurden engagirt, prachtvolle Decorationen, eine wahrhaft\nverschwenderisch prächtige Ausstattung, ein ungeheures\nPersonal, Hülfsquellen und Mittel, die kein anderes Thea-\nter besitzt, alles, was zum Erfolg eines Werkes auf der\nBühne beitragen kann, wurde ihm zur Verfügung gestellt.\nDazu das erste Orchester auf der Welt, dasselbe, welches\nin den Conservatoire-Concerten die deutsche Musik Haydn's,\nMozart's, Beethoven's, Weber's und Mendelssohn's so mei-\nsterhaft wiedergibt. Sechs Monate lang wurde die Oper\neifrigst studirt und probirt, und jede Note und jede Nuance\nder Partitur wurde mit der grössten Gewissenhaftigkeit\nausgeführt.\" (Moniteur.)\n[Dies ist alles buchstäblich wahr. Der Berichterstatter\nhätte noch zusetzen können, dass drei General-Proben im\nCostume und mit allem Theater-Apparat gehalten worden\nsind, nach denen wohlwollende Componisten Wagner rie-\nthen, die meisten von den Stellen, die nachher dem Ge-\nlächter anheim fielen, zu streichen, was er aber mit Stolz\nzurückwies. Niemals noch ist einem deutschen Componisten\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.4", "texte": "eine so umfassende Begünstigung in Frankreich zu Theil\ngeworden, und zwar von der ersten Kunstanstalt des Rei-\nches, an deren Pforten die einheimischen Tonsetzer jahre-\nlang, manche auf immer, vergebens klopfen.]\n„Der Erfolg hat so vieler Arbeit und so grossem Auf-\nwände nicht entsprochen. Und doch hatte Wagner unter\nseinen Werken nach seinem eigenen Geständnisse dasje-\nnige ausgewählt, das sich noch am wenigsten von der\nSchule der Vergangenheit entfernt, das Werk, das noch\nmelodische Stellen enthält und WTeber zum Ausgangs-\npunkte genommen hat.\n[ Wagner hatte das Erstere allerdings auch hier in\nParis eingeräumt, aber hinzugesetzt, dass er Vieles in dem\nSinne seines späteren Systems, wie es als vollendet in Tri-\nstan und Isolde erscheine, im Tannhäuser umgearbeitet\nhabe, z. B. den Dialog zwischen Venus und dem Ritter\nim ersten Acte. Dem war auch wirklich also; denn diese\nScene war jetzt fast zwei Mal so lang, als früher. Schon\nnach den Proben bemerkte ein Blatt:\ndu Wagner plus pur et plus abstrakt que les Allemands;\nen sommes-nous dignes?u —ln Bezug auf den genannten\nDialog sagt der Referent des Moniteur (de Rovray = Fio-\nrentino):]\n„Der Gesang des Ritters im Rausch der Liebe und\nder Lust ist eben so grau und trübe, wie sein Traum. Es\ngeht, gewisser Maassen ohne Punkt und Komma, hundert\nvierundachtzig Verse lang fort; Tannhäuser ergreift sechs\nMal seine Harfe und stellt sie sechs Mal wieder hin!\nDem Sänger-Wettstreit folgte das Publicum weder mit\ngrosser Aufmerksamkeit noch mit lebhafter Theilnahme.\nDas Finale des zweiten Actes, in welchem Elisabeth\nihren Ritter schützt, erregte Sensation und Staunen, als\nauf einmal eine Violin-Passage von verzweifelter Komik\nallen Eindruck zerstörte und ein lautes Gelächter hervor-\nrief. [Diese wunderliche Passage kennt man, so viel ich\nweiss, in Deutschland nicht*), sie ist ebenfalls ein Zusatz\nim reineren Wagner-Stil. Der Effect ist ungefähr derselbe,\nals wenn man mit dem Finger auf- und abwärts über die\nTasten einer Claviatur streicht.] So unbegränzt auch Wag-\nner's Vertrauen auf sein System ist, so müssen wir ihn\n%)\ndoch bitten, wenn er noch einige ruhige Vorstellungen des\nTannhäuser erleben will, diese Stelle und alle diejenigen,\nwelche das Publicum in Heiterkeit versetzt haben, zu un-\nterdrücken. Man erträgt die Langeweile, man sieht über\nLängen hinweg, man gewöhnt sich an Lärm und an Dun-\nkel; aber man vermag nichts gegen eine unwiderstehliche\nLachlust.\n„Man hat es oft erlebt, dass ein Werk verschieden\nbeurtheilt wird, dass man darüber streitet, dass entgegen-\nstehende Parteien es angreifen und vertheidigen. Nach der\nAufführung des Tannhäuser haben wir nichts dergleichen\nbemerkt. Im Orchester, im Parterre, in den Logen, im\nFoyer, in den Gängen überall \\ollstäridige Einstimmig-\nkeit. Keine einzige Stimme hat sich für diese Zukunfts-\nmusik erhoben. Man hat redlich applaudirt, so oft sich eine\nbemerkenswerthe und relativ leuchtende Seite aus dem\nfinsteren Chaos entwirrte: also bei der Ouvertüre, dem\nTriumphmarscb, dem Finale des ersten Actes. Aber das\nist alles in der alten Weise gedacht und behandelt, es ist\nWeber zweiten oder dritten Ranges, und nicht selten mi-\nschen sich sogar ganz gewöhnliche Melodieen und italiäni-\nsche Reminiscenzen wider ihren Willen unter das wirre\nGewühl des Orchesters. Alles Gute im Tannhäuser, alles,\nwas beim Schiffbruche oben auf blieb, gehört der Musik\nder Vergangenheit an.—-—Niemann, ein grosser, schö-\nner Mann, ist auch ein guter Schauspieler, was er in der\nlangen Erzählung des letzten Actes bewiesen hat; keinen\nanderen Darsteller würde man diese endlose Declamation\nhaben aussingen lassen. Wenn sich Tannhäuser je von\nseinem Falle erhebt, so wird er es grösstenteils Niemann\nzu danken haben.\" [Moniteur) [Und doch ist Wagner\nauch gegen Niemann undankbar gewesen; denn er hat\nsich, wie mir bestimmt versichert wird, in den Proben ge-\näussert: „Wenn ich ihn früher hätte singen hören, so\nwürde ich ihn nicht engagirt haben.\" ]\n(Schluss folgt.)\n\n*) In der gedruckten Partitur sucht man sie vergebens, aber alle\nBerichte über die erste Vorstellung in Paris sprechen davon.\nAnmerkung der Redaction.\n\nKunst und Handwerk.\nII.\n(Schluss. S. Nr. 12.)\nMonsieur Appalton, ein ziemlich untersetztes Männ-\nchen, dessen Züge eine gewisse gemeine Gutmüthigkeit,\nmit Verschmitztheit gepaart, zeigten, lud Horst mit\nihm in ein Nebengemach zu treten. Dieses Nebengemach\nwar eigentlich eine Art von Magazin, in welchem Kisten,\nalte Musicalien und ein paar halb zerbrochene Stühle stan-\nden. Auf diesen richteten sich die beiden Unterhandelnden,\nso gut es ging, ein.\n„Vor Allem\", begann Herr Appalton, „sagen Sie mir,\nob Sie ?o viele Connexionen haben, dass Sie auf den Ver-\nkauf einer grossen Anzahl Billette rechnen können und\ndaher eines pecuniären Erfolges sicher sind, oder ob Sie\nein Concert geben, um Sich bekannt zu machen, um Ruf\nzu gewinnen.\""}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.5", "texte": "Horst war auf diese Art des Examens über seine Ab-\nsichten und Verhältnisse nicht gefasst; er kon:ite einige\nVerlegenheit nicht verbergen, als er die Antwort gab, dass\nseine Connexionen nicht so bedeutend seien, ihm eine be-\ndeutende Einnahme zu sichern. „Mir ist es\", meinte er,\n„doch hauptsächlich darum zu thun, mich dem Publicum\nin meiner Eigenschaft als Musiker, als Compositeur vor-\nzustellen, wenn ich auch andererseits die Vortheile, die\nmir eine ziemlich ausgebreitete Bekanntschaft gewähren,\nso viel als möglich zu benutzen suchen will.\"\n„Erlauben Sie mir,\" bemerkte Herr Appalton, „Sie\nantworten mir da wie ein echter Deutscher, der Alles\nmöchte und doch nichts recht will. Geben Sie ein Con-\ncert für Ihre Bekannten, denen Sie Billette verkaufen,\ndann müssen Sie den Leuten das vorspielen, was diese\nnach Ihrer Erfahrung am liebsten von Ihnen hören; ich\nwill Ihnen Anweisung geben, wie Sie die grösstmögliche\nAnzahl Billette an den Mann bringen, will Sie lehren, wie\ndie Eitelkeit und der Einfluss der Banquiers und der rei-\nchen Leute, die in ihrem Hause Salon halten, zu benutzen\nist, kurz, ich will für Ihre Tasche sorgen und dabei doch\ndas Interesse unseres H auses auch nicht aus den Äugen\nlassen. Sind Sie aber gesonnen, pour la gloire zu arbeiten,\ndann dürfen Sie keine pecuniären Angelegenheiten berück-\nsichtigen, dann muss vorgearbeitet werden, dann müssen\nSie die Kritik zu gewinnen suchen und Sich nicht um die\nUnkosten kümmern. Gelingt es Ihnen, Sich Ruf zu erwer-\nben, dann ist es an Ihnen, denselben auch für andere\nZwecke auszubeuten. Vor der Hand aber müssen Sie Sich\nden Bedingungen unterwerfen, unter welchen unser Haus\nes übernimmt, Ihnen Ruf und Ansehen zu verschaffen.\"\n„Ist denn Ihr Haus das im Stande?\" fragte Horst naiv.\n„Ob es dies im Stande ist?\" entgegnete der Gefragte\nin einem Tone der moralischen Entrüstung gegen den an-\ngedeuteten Zweifel. „Wir können einen Künstler erheben,\nwir können ihn vernichten. Wer mit uns in Verbindung\nsteht, wer es verstanden hat, unsere Gunst zu gewinnen,\nder hat auch die Presse von Paris für sich. Erstens schrei-\nben wir selbst in die meisten grossen Journale, zweitens\naber ist unser Privat-Urtheil maassgebend für die meisten\nanderen Kritiker und Journale. Sie haben den Monsieur *,\nden berühmten Referenten, in unserem Etablissement ge-\nsehen, den Mann, vor dem die berühmtesten Künstler zit-\ntern, für dessen Gunst sie kein Opfer scheuen. Er schreibt,\nwas wir ihm sagen. Wir haben ihn zu dem gemacht, was\ner ist. Noch vor wenigen Jahren war er der unbekannte\nSohn eines Epicier und schrieb Stilübungen für kleine\nJournale. Heute ist er unter seinem Namen Berichterstat-\nter in einem Blatte und unter dem Pseudonym Möns. de *\nin einem anderen. Er ist der Einzige, dem gegenüber das\nPressgeselz, welches bekanntlich in den Journalen Pseudo-\nnymilät und Anonymität nicht erlaubt, eine Ausnahme\nmacht. Das haben wir durchgesetzt. Was wir ihm sagen,\ndas gilt. Denn er selbst versteht von Musik gar nichts, das\nwird er Ihnen, wenn Sie einmal näher mit ihm bekannt\nsind, selbst sagen; aber er ist ein geistreicher Mann, führt\neine elegante, scharfe Feder, und seine Kritiken sind die\nbeliebtesten; dem lesenden Publicum kommt's ja nicht\ndarauf an, dass ihm eine gelehrte Abhandlung geboten\nwerde; es will sich angenehm unterhalten und das Neueste\nerfahren. Und dabei hat der Mann eine merkwürdige Ge-\nschicklichkeit, seine Kritiken so zu fassen, dass man manch-\nmal glauben sollte, er besässe gründliche Kenntniss von\nMusik. Haben Sie seinen Bericht über die neueste Oper\ngelesen? Wie geistreich schrieb er da nicht über Instru-\nmentation, über Declamation, über Recitation!\"\n„Ja,\" platzte Horst heraus, „ich glaube wohl, dass\ndiese Bemerkungen zu dem Glauben verleiten konnten,\nder Kritiker besässe gründliche Kenntnisse; denn ich habe\njene ihm schriftlich einige Tage früher mitgetheilt, und er\nhat sie dann in seinem Referate benutzt.\"\n„Hm! das ist's also!\" meinte Appalton, indem er einen\neigenthümlichen, stechenden Blick auf Horst heftete:\n„dachte ich mir's doch gleich! Ich rathe Ihnen, lassen Sie\nes ja nicht laut werden, dass Sie schreiben, am wenigsten\naber, dass Sie Ihre Ansichten einem Kritiker, und gar\ndiesem, schriftlich mitgetheilt haben. Aller Grimm der\nGetadelten, und vielleicht auch der mancher Gelobten, de-\nnen das Lob nicht warm genug erschien, wird sich gegen\nSie wenden, da jenem nichts anzuhaben ist. Sie scheinen\nEines noch nicht genau zu wissen, und ich will es Ihnen\nsagen, damit Sie Sich danach richten. Niemanden has-\nsen die Musiker mehr, als den Collegen,der sich\nmit Kritik beschäftigt. Sie ertragen eher den un-\ngerechtesten Tadel des unwissendsten Recen-\nsenten von Handwerk, als die gerechteste und\nzarteste, ja, kaum andeutende Bemerkung eines\nZunftgenossen. Wollen Sie ein Beispiel als Beweis?\nFassen Sie die Stellung unseres Freundes, des doppelna-\nmigen Journalisten, ins Auge. Er versteht nichts von Mu-\nsik, schreibt nichts desto weniger über die Concerte des\nConservatoire; seine jährliche Einnahme beträgt fast zwan-\nzig Tausend Franken, die ihm höchst wahrscheinlich nicht\naus der Gasse der Redacteure allein zufliessen. Wo er hin-\nkommt, wird er mit Höflichkeiten überladen und geprie-\nsen, am meisten von den Musikern. Betrachten Sie dage-\ngen die Stellung eines anderen Kritikers, der aber zugleich\nKünstler ist: Berlioz's. Man sagt, er componire vortreffliche\nMusik; bei Euch in Deutschland geniesst er sogar grossen\nRufes; hier schreibt er für das Wer"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.6", "texte": "sind seine grössten Feinde? Die Musiker, von denen man\ndoch voraussetzen könnte, dass sie lieber von einem bedeu-\ntenden Componisten, von einem unparteiischen Ehrenmanne\nbeurtheilt werden möchten, als von einem Journalisten,\ndessen einziges Verdienst der glatte, pikante Stil ist. Der\nPunkt wäre nun zur Genüge erörtert; kehren wir zur\nHauptsache zurück. Sie haben den steilen Weg nach dem\nTempel des Ruhmes erwählt, wie die Dichter sagen, und\nmüssen daher die Kritiker noch mehr berücksichtigen, als\ndie Einnahmen; ich weise Sie also an Herrn Cäsar Bia-\ngueoni, der sich hauptsächlich mit dem Ruhme der Künst-\nler beschäftigt. Setzen Sie Sich mit ihm ins Einvernehmen\nüber die Details, über die Opfer, die Sie bringen können\nund wollen. Die eigentlichen Arrangements für die Con-\ncerte will ich allein besorgen. Doch es fällt mir ein, Ihnen\nals Deutschem muss ja auch daran gelegen sein, dass die\nBlätter Ihres Vaterlandes Sie in ihren Spalten preisen; zu\ndiesem Zwecke kann ich Ihnen den Herrn Doctor Laicher\nempfehlen, der mit allen grossen Journalen Deutschlands\nin Verbindung steht, mit reactionären, demokratischen,\nstreng kirchlichen und freigeistischen, wie man es haben\nwill. Ich will die Angelegenheit gleich ins Reine bringen.\n„ „Monsieur Laicher!\"\" rief er dem in dem anderen Zim-\nmer befindlichen und auf den Ruf bereits wartenden deut-\nschen Journalisten zu, „ „Sie kennen ja Monsieur Horst\nbereits und werden Sich seiner annehmen. Verständigen\nSie Sich mit ihm. Bei Ihrer genauen Kenntniss der pariser\nVerhältnisse sind Sie im Stande, ihm einige Andeutungen\nzu geben, die mir längere Expirationen ersparen wür-\nden.\" \" Und jetzt, mon eher Monsieur „ „Orst,\"u muss ich\nSie verlassen; ich habe noch für eine Masse der grossen\nKünstler zu thun, die nichts ohne uns unternehmen kön-\nnen. Uebermorgen komme ich zu Ihnen frühstücken, dann\nwollen wir alles Weitere feststellen.\"\nEr packte eine Masse Papierschnilze, die hier und da\nauf den Tischen lagen und Commissionen nebst Adressen\nenthielten, zusammen, unterhielt sich einen Augenblick\nleise mit Herrn Cäsar Biagueoni, zankte mit dem älteren\nüber einen unbedeutenden Gegenstand, wobei wie in\ndem Streite mit dem Italiäner nicht die zartesten Rede-\nweisen gebraucht wurden; der Chef behauptete z. 8., er\nwerde immer betrogen; der Andere entgegnete, das käme\nnur daher, weil er meistens mit sich selbst zu thun habe\n—und entfernte sich. Horst wechselte noch einige Worte\nmit den beiden Chefs, unterhielt sich eine kurze Zeit mit\ndem doppelnamigen Kritiker und verliess in Gesellschaft des\nDoctors Laicher, des Agenten für auswärtige Lobpreisun-\ngen, das Etablissement der ruhmvollen Blagudoni & Comp.\nDer deutsche Künstler und der deutsche Literat gin-\ngen einige Minuten lang schweigend neben einander. Jeder\nvon ihnen dachte darüber nach, was er mit dem Anderen\nverhandeln sollte. Horst befand sich in nicht geringer Ver-\nlegenheit. Es ging ihm, wie so vielen Deutschen, die ihr\nVaterland schmähen, über deutsche Ehrlichkeit und Treue\nspotten und doch, so oft sie etwas unternehmen, was dem\ndeutschen Ehrlichkeits-Gefühle widerspricht, sich gedrückt\nund beschämt fühlen. Diese Verhandlungen über den\neigenen Ruf, über die eigene künstlerische Geltung, die\nder Franzose als zum Geschäfte gehörend betrachtet, die\ner leichthin erledigt, wie eine blosse Toiletten-Angelegen-\nheit, war für Horst in hohem Grade peinlich. Ja, er hatte\nsich den Blagueoni's gegenüber, trotz ihrer Anmaassung\nund ihrer insolenten Bemerkungen, viel weniger gedemü-\nthigt gefühlt, als gegenüber dem deutschen Literaten, von\ndem er wusste, dass er, wo es sich um Geldgewinn han-\ndelte, keine zarten Rücksichten beanspruchte.\nAber auch bei dem Doctor Laicher regten sich Ge-\nfühle, die mit der Situation nicht im Einklänge standen.\nAls er Horst zuerst kennen gelernt, betrachtete er ihn als\neinen der vielen alljährlich nach Paris kommenden clavier-\nspielenden oder geigenden Zugvögel, denen man gelegent-\nlich ein paar Federn ausrupft. Als echter Deutscher be-\ngnügte er sich jedoch nicht mit der oberflächlichen Be-\nkanntschaft, er wollte auch wissen, was der Virtuose noch\nsonst trieb, ob er Bildung besass, Geld hatte, wissenschaft-\nliche Studien trieb, und welche Restaurateure er besuchte.\nSo erfuhr er, dass Horst nicht zu der Kategorie, die wir\neben erwähnten, zu rechnen war; er überzeugte sich, dass\ner keinen der gewöhnlichen Virtuosen vor sich hatte, de-\nnen der äusserliche Erfolg das höchste Lebensziel ist; er\nlernte Einiges von den Erlebnissen und Schicksalen unse-\nres Helden kennen und zollte ihm so viel Theilnahme und\nAchtung, als er eben zu zollen fähig war. Er gab ihm\nmanche Aufklärung über die künstlerischen und sonstigen\nVerhältnisse der Seinestadt, und als Horst sich nach län-\ngerem Zögern endlich entschied, Concerte zu veranstal-\nten, rieth er ihm, sich an die Biagueoni zu wenden, einer-\nseits, weil sie wirklich die für dieses Geschäft Geschick-\ntesten und Brauchbarsten waren, andererseits aber auch,\nweil er wusste, dass sie ihn an dem Verdienste Theil nehmen\nlassen würden. Während des Zwiegesprächs zwischen Mon-\nsieur Appalton und Horst halte er seine Rede und die For-\nderungen überdacht, die er in seinem und der Biagueoni,\ndie ihn vorschoben, Namen stellen sollte; und doch, als\nder entscheidende Moment herankam, als die Verhandlung\nbegann, als er geradeaus zu sagen hatte: „Die Agenten\nund ich verlangen so und so viel, damit wir Ihnen nicht\nhinderlich in den Weg treten, damit Ihre Leistungen hier\nund auswärts nicht mit Stillschweigen übergangen oder\nangegriffen werden, und damit, wenn Ihre Concerte im"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.7", "texte": "Publicum eine Wirkung hervorgebracht haben, wir Ihnen\nbei der Gründung einer dauernden und sicheren Stellung\nin jeder Weise behülflich seien\" als er diesen Handel\nmit Ehre und Ruf abschliessen sollte, überkam ihn ein Ge-\nfühl, das fast der Scham glich. Gern hätte er dem Künst-\nler seine Dienste in uneigennütziger Weise gewidmet, aber\nseine beschränkten Verhältnisse erlaubten es nicht; er\nhatte Weib und Kinder zu ernähren und war auf den\nprekären Erwerb des Handwerkes, das er nun seit Jahren\ntrieb, angewiesen; gern hätte er ihm gesagt, dass es für\nden Künstler einen Weg zum Ruhme gebe, mühseliger\nund langsamer, aber sicherer und edler als der, auf wel-\nchem man die Genossenschaft der Gemeinsten ertragen\nmuss; gern hätte er ihn vor den Blagueoni gewarnt, die\nkeine andere Rücksicht beobachteten, als den eigenen Vor-\ntheil, denen nur der Besserzahlende als der Bedeutendere\ngilt; aber das durfte er nicht, er hing ja fast von diesen\nLeuten ab! Es blieb ihm kein Ausweg als die leidige Selbst-\nvertröstung, dass es ihm vielleicht später gelingen werde,\ndas Unrecht gut zu machen und dem Künstler, den er jetzt\nmit ausbeuten musste, noch wesentliche Dienste zu leisten.\nSo traten diese beiden Menschen einander gegenüber,\njeder in Missachtung vor der Handlung des Anderen, je-\nder mit der Scham vor sich selbst. Die gemeinen oder ge-\nwöhnlichen Handwerks-Naturen sind vor derartigem inne-\nrem Zwiespalt gesichert; sie nehmen das Leben, wie es\nsich ihnen bietet, drehen, wenden sich und schicken sich\nin alle Verhältnisse; energische, widerstandskräftige Men-\nschen lassen sich in ihrem Wege nicht beirren, sie wissen\noft das Schlimmste, das ihnen aufstösst, so anzugreifen,\ndass es ihnen zum Hebel für ihre Zwecke wird. Aber ge-\nbrochene und unfertige Naturen erkennen das Unrechte,\nseufzen über den Drang der Verhältnisse, der sie zwingt,\ngegen ihre Ueberzeugung zu handeln, und gehen zu Grunde.\n\nAus Brüssel.\nEs wird Ihre Leser interessiren, zu erfahren, dass man hier end-\nlich auch anfängt, die grösseren Instrumental-Compositionen von\nRob. Schumann dem Publicum vorzuführen, was bekanntlich in\nden Niederlanden schon längst mit Erfolg geschehen; an die Gesang-\nstücke können wir freilich nicht denken, da wir keinen Chor für\nConcerte haben.\nEin vorzügliches Verdienst darum hat Louis Brassin. Nach*\ndem er in vielen Privatkreisen Schumann'sche Musik vorgetragen,\nspielte er in einer Soiree Ende Januar d. J. die JEtudes en forme\nde Variadons Op. 13 und ein Trio für Pianoforte, Violine und\nVioloncello von ihm. Die öffentliche Kritik erkannte die Meisterschaft\ndes Spielers an, sträubte sich aber gegen die Schwierigkeiten und\nden Charakter der Compositionen, in denen sie keine Stamm-Accorde\nund keine Dreiklänge fände. Das Trio namentlich galt ihr für ganz\nunverständlich. 9An Melodie, nämlich was man in der Regel darun-\nter versteht, ist nicht zu denken; ist man aber Poet, das heisst ein\nPoet, der alle geschriebene Poesie für Plattheit erklärt, so fühlt man\naus Schumann s Musik eine Art Genie heraus ein krankhaftes,\nungleiches, ungeheuerliches, aber doch immer ein Genie. Sein Wahl-\nspruch scheint gewesen zu sein: „„jßeethoven ne puis, Haydn ne\ndaigne, Schumann je suis.uu (Beethoven kann ich nicht, Haydn mag\nich nicht sein, Schumann bin ich.) Und wahrhaftig, er ist und\nbleibt Schumann, ein Mann voll Leidenschaft, voll Feuer, voll Wahn-\nsinn (!), ein Ajax, der die Muse herausfordert und zwingt, ein küh-\nner Wanderer, der sich einen Weg durch den Urwald haut. Hier\nund da stösst man bei ihm auf Stimmen aus friedlichen, lichten\nStellen, auf Melodieen ohne Anfang und Ende, die aber einen ge-\nheimen Reiz haben, der in die Seele dringt. Aber bald reisst ihn\ndie Leidenschaft wieder zu fieberhafter Aufregung hin« u. s. w.\nAber Brassin Hess sich nicht irre machen. In dem Concerte der\nAssociation des Artistes musiciens spielte er nichts Geringeres als\nSchumann's Concert für Piano und Orchester. Es war ein Wag-\nstück, diese grossartige Composition, in welcher das Pianoforte nur\neinen integrirenden Theil des ganzen Orchesters bildet, einem Publi-\ncum vorzuführen, welches bei den Pianisten nur die Virtuosität und\ndie modernen Effectstücke der Salon-Composition zu bewundern ge-\nwohnt ist. Allein Brassin trug einen vollständigen Sieg davon, und\nso glänzend und erhebend die Ausführung war, so gross und er-\ngreifend war die Wirkung, welche das schöne Werk auf die Zuhö-\nrerschaft hervorbrachte. Nachdem das Publicum an vielen Stellen\nunzweideutige Beweise seiner Bewunderung gegeben, huldigte es\nam Schlüsse durch einen zweimaligen Applaus der Composition und\ndem Spieler. Für diesen wiederholte sich später der Beifallssturm\nnoch stärker nach dem überaus glänzenden Vortrage einer Bhajpsodie\nhongroise von Liszt.\nEndlich entschloss man sieh sogar im Conservatoire, dem Publi-\ncum, das in der Anhänglichkeit an das Alte den pariser Abonnenten\nder Concert-Gesellschaft schon desswegen, weil es Pariser sind,\nnichts nachgibt, den romantischen Schumann einmal versuchsweise\nvorzustellen und um dessen Aufnahme bei der musicalischen Aristo-\nkratie zu bitten. Herr Director gab die Sinfonie in B-dur,\nund sie wurde von dem grössten Theile der Zuhörer gut aufgenom-\nmen, Es war das erste Mal, dass man eine Sinfonie von Schumann\nhörte, den man bisher und bis auf die neueste Zeit noch sehr un-\ngenügend nur aus seinen Clavier-Compositionen kannte.\n\nGilstes Gesellschasts-Concert in Köln\nim Gürzenich,\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn Ferd. Hiller.\nSonntag, 24. März 1861.\nDie Erwartung, die wir vor zwei Jahren bei der ersten Auffüh-\nrung der grossen Matthäus-Passion von J. S. Bach ausspra-\nchen, dass dieses in seiner Art einzige Werk denn nur Bach\nselbst hat in der Johannes-Passion ein Gegenstück dazu gege-\nben alljährlich zur Feier des Palmsonntags benutzt werden\nmöchte, ist durch die Aufführung im Jahre 1860 und die gegen-\nwärtige am 24. März in Eriüllung gegangen, und diese herrliche\nMusik der Vergangenheit wird ohne Zweifel auch die Zukunft und\nderen Geschlechter erbauen und erheben, wenn viele andere Schö-\npfungen dem Untergange und der Vergessenheit verfallen sein werden.\nDas Erfreulichste dabei ist die immer wachsende Theilnahme des\nPublicums; nicht nur, dass die Plätze der Abonnenten ganz gefüllt\nwaren, auch das Herbeiströmen von Fremden, selbst aus sehr fernen\nGpgenden, z. B der Schweiz, war bedeutend und veranlasste eine\nausserordentliche Einnahme für beinahe viertehalb Hundert Eintritts-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610330-01.1.8", "texte": "karten, während auch die Hauptprobe zu 10 Sgr. Eintrittsgeld schon\n121 Thlr. eingetragen hatte. Möchten doch die Hyper-Orthodoxen\nin beiden Confessionen, welche die Musik aus der Kirche verbannen\nwollen, durch solche Thatsachen sich belehren lassen, wie tief bei\ndem deutschen Volke das religiöse Gefühl mit dem Sinne für die\nTonkunst verbunden ist; denn wer wollte nicht einsehen, dass beim\nAnhören der Bach'schen Passion die Sammlung und andächtige Stille\nder Zuhörerschaft und die tiefe Wirkung des Ganzen auf Alle\ndurch die Vereinigung des gläubigen Sinnes und der Empfänglich-\nkeit für den musicalischen Ausdruck desselben erzeugt werde ? Die\nschöne Anschmiegung der Musik Bach's an die einfache und eben\ndarum so ergreifende Erzählung der Leidensgeschichte durch den\nEvangelisten, und die wunderbare Macht des Choralgesanges,\ndas sind die zwei Hauptmomente, welche der Bach'sclien Passions-\nmusik ihre herzbezwingende Gewalt über alle gefühlvollen Menschen\nverleihen.\nDie Solostimmen, deren Ausführung freilich sehr wichtig für den\nEindruck des Ganzen ist, waren sehr gut besetzt. Man braucht Ju-\nlius Stockhausen nur zu nennen, und alle Welt ist überzeugt,\ndass er Alles vortrefflich singt; was aber nicht alle Welt weiss, ist,\ndass dieser meisterliche Sänger zugleich ein ausgezeichneter Musiker\nist, der aus dem tiefen Studium der Werke Bach's eine Lieblings-\nAufgabe seines Lebens macht. Wie ist es da anders möglich, als\ndass er durch die vollständige Beherrschung aller Mittel des Aus-\ndrucks, die ihm zu Gebote steht, auf die gelungenste Weise das\nIdeal, das er sich von seiner Aufgabe gebildet, musicalisch dar-\nstellt? Recht lobenswerth war die Leistung des Herrn Rudolf\nOtto, Dom- und Concertsängers aus Berlin, der mit einer schönen,\nleicht ansprechenden und sonoren Tenorstimme die schwierige Partie\ndes Evangelisten sang und allgemeine Anerkennung fand. Fräulein\nGenast (Sopran; lös'te ihre Aufgabe durch richtige Auffassung und\njenen im guten Sinne sentimentalen Vortrag, in welchem sie Mei-\nsterin ist, sehr befriedigend Auch die Alt-Partie hatte in einer\nschätzenswerthen Dilettantin, Frau Potthof-Diehl aus Aachen,\neine würdige Vertreterin gefunden.\nDie Chöre waren vortrefflich, ihre GesammtWirkung in den gros-\nsen Anfangs- und Schlusschören und in den Chorälen erhebend und\nergreifend. Die beiden Hauptchöre, der erste und zweite, waren in\ngutem Verhältnisse zu einander besetzt und leisteten Vorzügliches;\nder dritte, der so genannte kleine Chor, sang recht gut, besonders\nden letzten Choral: „Wenn ich einmal soll scheiden®, und auch der\nvierte, der Knabenchor, trug durch Sicherheit und Festigkeit des\nvon ihm vertretenen Cantus firmus tüchtig zum Ganzen bei. Alle\nverdienen den Dank nicht nur des Publicums, sondern auch der\nKunst, in deren Interesse es wahrlich liegt, dass ein solches Werk\nimmer einmal wieder in die Oeffentlichkeit tritt, was ohne die rege\nund eifrige Thei'.nahme der Dilettanten nicht möglich wäre.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMcSisa. In der fünften Soiree für Kammermusik trugen\ndie Herren von Königslöw, Derckum, Grunwald und B.\nBreuer das Quartett Op. 12 in Es-dur von Mendelssohn und\ndas Quartett Op. 18 in B-dur von Beethoven mit bekannter Mei-\nsterschaft vor. Zwischen beiden hörten wir Schumann1 s Quintett\nfür Pianoforte u. s. w, Op. 44 in Es-dur; die Ciavierstimme wurde\ndurch Herrn Theodor Kirchner aus Wintert hur in trefflicher\nAuffassung mit Geist und Feuer vorgetragen. Herr Kirchner zeigte\nsich auch dadurch als einen tüchtigen Musiker, dass er das Quintett\nauswendig spielte. Der Vortrag von drei kleineren Ciavierstücken\nvon seiner Composition machte den Besehluss der Soiree.\nPaderborn. In dem fünften Concerte des Musik-Vereins er-\nwarb die Violinspielerin Fräulein Amalie Bidd aus Wien vielen\nBeifall. Unter anderen Stücken wurden auch zwei von den Quin-\ntetten F. Hill er' s für Sopran und vier Männerstimmen: „Reiselied*\nund „Frühlings-Einzug\", mit grossem Applaus aufgenommen.\nWürzburg. Der*berühmte Violinist Herr August Köm-\npel, der auf sein Gesuch aus der k. hannoverschen Hofcapelle mit\nBeibehaltung des Titels eines k. hannoverschen Kammer-Virtuosen\nentlassen ist, hat uns durch zwei Concerte erfreut, in denen er ne-\nben verschiedenen brillanten kleinen Piecen die grossen Concerte\nvon Beethoven und Nr. 8 (Gesangscene) von Spohr spielte und\ndurch den ganz ausgezeichneten Vortrag derselben das Publicum\nbegeisterte. Er gedenkt den Sommer hier in seiner Heimat zuzu-\nbringen.\nWien. Der 17. März war einer der wichtigsten Tage, wenn\nnicht der wichtigste, in unserem diesjährigen Musikleben. Director\nHerbeck, als verantwortlicher Vertreter der Gesellschaft der Mu-\nsikfreunde und ihrer Direction, hatte es unternommen, im vierten\nGesellschafts-Concerte die D-Messe von Beethoven aufzuführen,\nund das mit nicht ermüdendem Fleiss vorbereitete und so zu sagen\ntrefflich „in Scene gesetzte\" Unternehmen gestaltete sich für die\nDirection und ihren Capellmeister zu einem Triumphe, den wir allen\nBetheiligten, auf deren tüchtiges, überzeugungskräftiges und sacli-\ngemässes Wirken wir stets mit freudigen Erwartungen hingewiesen\nhatten, von Herzen gönnen. Die, einige immer mögliche Zufälle\nabgerechnet, vortreffliche Aufführung der Messe macht nicht nur\nHerrn Herbeck, sondern auch seinem Orchester, Herrn Joseph Hell-\nmesberger, welcher bereitwillig sich an die Spitze des Orchesters\ngestellt und das Violin-Solo übernommen hatte, Herrn Bibl, der den\nOrgelpart ausführte, dann dem Chor (Singverein und Conservato-\nriuins-Schülerinnen) und den Solisten Fräulein Krauss, Fräulein\nSchmidl, Herrn Gunz und Herrn Panzer alle Ehre. Die Auffüh-\nrung hatte wie schon seit vielen Jahren kein musicalisches Ereig-\nniss alle Musikfreunde in Bewegung gesetzt.. Es kamen Leute aus\nPesth, aus Brünn, aus Gmunden und anderen Provinzstädten eigens\nnach Wien, um der Aufführung beizuwohnen, und trotzdem in den\nletzten Tagen die Sitze um eine grosse Anzahl vermehrt wurden,\nwaren nicht nur alle Sitzp ätze, sondern sogar alle Eintrittskarten\nschon zwei Tage vor der Aufführung vergriffen, ein Fall, der noch\nnie vorgekommen war."}]}