{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-04-06-01", "volume": "bmtnabi_1861-04-06_01", "ocr_sha256": "ded85bda024f5ac26c13b48701b2c8502eeebf8d70ba83432bee65124d534c2c", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/04/06_01/bmtnabi_1861-04-06_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-04-06-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-04-06_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-04-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "105", "page_fin": "105", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 461, "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Eichard Wagner's Tannhäuser). Schluss. Aus Frankfurt am Main (Museums-Coneerte Herr\nIsidor Seiss). Von A. Schindler. Aus Rotterdam (Das deutsche Theater Musik-Aufführungen). Von A. Worthmann. Ta-\nges- und Unterhaltungsblatt (Köln, Herr Hans Seeling, Fräulein Nina Hartmann Bielefeld, Musik-Verein Darmstadt, Gou-\nnod's „Faust\" Frankfurt a. 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Das wahre Talent ist fügsam, und die wahre\nOriginalität bedarf der thörichten Ansprüche nicht, weder\nan die Uebersetzer, noch an die Ausstattung, noch an die\nKünstler, noch an das Orchester oder gar an den Dirigen-\nten-Posten, welche Wagner gemacht hat.\n„Er hat neulich die Erfindung des Ausdrucks „„Zu-\nkunftsmusik\" * einem Gegner seines Systems zugeschrie-\nben; allein er sagt selbst in der Vorrede zu seinen „ „Drei\nOperngedichten\"\": „ „Man hat mich nicht verstanden. We-\nder das Publicum noch die Kritiker haben ein Verständ-\nniss meiner Werke und meines Zweckes. Ausser der klei-\nnen Zahl meiner Freunde hat Niemand meine Idee begrif-\nfen, und nach vielen Erfahrungen habe ich eingesehen,\ndass ich nichts von der gegenwärtigen Generation zu er-\nwarten habe. Ich arbeite nur für die Zukunft.\"\"\n„Nun, er hat jetzt noch eine Erfahrung mehr gemacht!\nUnd eine Erleichterung des Verständnisses hat auch sein\nletzter „„Brief an einen Freund\"\" weder dem Publicum\nnoch den Kritikern gebracht; wir alle erklären uns für\nincompetent, die Melodie als „„Melodie des Waldes\"\"\nund noch viel weniger als „ „untrügliche Form des laut\nerklingenden Schweigens des Musikers\"\" {Ja forme in-\nfaillible du silence retentissant) zu begreifen*).\n„Die Ouvertüre und der Marsch sind im Grunde die\neinzigen Stücke, die beim allgemeinen Schiffbruche oben\nauf schwammen. Es ist dies besonders desswegen merk-\nwürdig, weil es Musikstücke ohne Worte sind; und doch\nsoll sich Wagner's Musik vorzüglich an das Wort schmie-\ngen, das Wort ausdrücken, in Musik übersetzen, gewisser\nMaassen eine musicalische Sprache neben der poetischen\nschaffen, so dass jene nicht weniger lebensvoll, bilderreich,\nberedt sei, als diese. Ja, das ist alles recht gut gemeint,\naber es war ein Wunsch, ein Traum, der nicht in Erfül-\nlung gegangen.\n„Man würde übrigens die Sache am Abende der er-\nsten Aufführung mit Verwunderung, aber ruhig, vielleicht\nauch mit Heiterkeit, die sich schwer unterdrücken lässt,\nals eine Täuschung, eine Mystification hingenommen ha-\nben, wenn die Herren Ritter unter dem Kronleuchter, die\nWagner dem Gerüchte nach verbannen wollte, die aber\ndennoch da waren, nicht die Tactlosigkeit begangen\nhätten, zu klatschen. Bei dieser merkwürdigen Kühnheit\nempörte sich allerdings das ganze Haus, und aus der Mitte\ndes gebildetsten Publicums der grossen Oper wurde ge-\npfiffen, nicht gegen Wagner, sondern gegen die Klatscher,\nwodurch allerdings deren bezahlter Enthusiasmus schnell\ngelöscht wurde. Dagegen hat das ganze Publicum die\nOuvertüre und den Marsch applaudirt.\n„Uebrigens müssen wir bemerken, dass hier durchaus\nnicht von einer Antipathie gegen eine andere Schule\nals die französische die Rede ist. Das pariser Publicum\nhat hinlänglich bewiesen, wie hoch es die deutsche Musik\nzu schätzen weiss, und in Bezug auf die dramatische haben\ndies auch neuerdings die Wiederaufnahmen der Opern von\nMozart und Weber bewiesen, zu denen es strömte und sie\nmit Begeisterung aufnahm. Wagner ist kein Meister der\ndeutschen Schule; er beansprucht eine eigene Schule für\nsich, aber mit dem Anspruch ist's freilich nicht gethan.\"\n[France musicale)\n\n■') Wir haben diesen „Brief\" in Nr. ] und 2 des gegenwärtigen\nJahrgangs d. 81. ausführlich besprochen. Vgl. besonders S.ll.\nDie Redaction*"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5296, "texte": "Am schlechtesten kommt der Tannhäuser im Feuille-\nton der Presse weg, deren Berichterstatter (Paul de St.\nVictor) kaum ein gutes Haar daran lässt. Er urlheilt scharf,\naber es ist sehr viel Wahres in der schroffen Form ent-\nhalten. „Tannhäuser ist vorüber gegangen,\"—so beginnt\ner—t nUncl mjt der Musik der Zukunft war es vorbei! Ein\nindischer Gott mit sieben Armen und drei Köpfen, thronend\nin einem griechischen Tempel, voilä Mr. Wagner im fran-\nzösischen Opernhause! Nun, wenn uns diese herbe Erfah-\nrung vorsichtiger macht gegen künstlich aufgeblasene Re-\nnommeen, gegen apokryphische Genies, gegen gemachten\nFanatismus, gegen die Messias, welche die Aera der Kunst\nmit der Hedschra ihres persönlichen Auftretens zu zählen\nanfangen, so hat die grosse Oper die Lehre nicht zu theuer\nbezahlt.\"\nNachdem der Inhalt des Drama's kurz angegeben (mit\nUebersetzung des grössten Theiles der Ballade von H.\nHeine) und gesagt ist, dass jene naiven Legenden-Figuren\ngeeigneter sind, auf gemalten Kirchenfenstern zu schim-\nmern, als auf der Bühne zu singen und zu gesticuliren,\nheisst es weiter: „Aber die Frage liegt nicht im Texte,\nsie liegt ganz und gar in der Musik\" und nun wird\n„diese und ihre unendliche Melodie, welche dem\nVerstände die Tortur aullegt, um ihre Geheimnisse zu be-\ngreifen, und deren Ideal die Unverständlichkeit ist\"\nscharf mitgenommen.\n„Mögen nur aber\", heisst es weiter, „die Mystagogen\nder deutschen Kunst uns nicht mit ihren Behauptungen\nkommen, dass wir die Tiefe der deutschen Musik nicht\nfassen könnten. Das Genie Mozart's, Weber's und Beetho-\nven's beherrscht uns in Paris eben so, wie in Dresden und\nBerlin, wir folgen ihm gern in den Zauberwald des Frei-\nschütz und der Beethoven'schen Sinfonie, ohne uns darin\nzu verirren. Aber was der französische Geist, ohne sich\nselbst zu verläugnen, nicht annehmen kann, ist, wenn die\nverschwimmende Zerilossenheit als Regel, die Incohärenz\nals Dogma aufgestellt und die Unklarheit für Tiefe er-\nklärt werden eoll; solche Musik ist für uns eine mystische\nKunst, welche dummstolz im Leeren an Mangel an Nah-\nrung stirbt. Nun ist in der That das Gefühl des unendlich\nLeeren dasjenige, das uns am meisten ergreift, wenn wir\nauf die Partitur des Tannhäuser eingehen. Das Gewirr von\nTönen u. s. w. u. s. w. Lässt im Gemüthe keinen Gedan-\nken, kein Gefühl, nicht den Schatten eines Traumes, nicht\nden Wiederschein eines Bildes zurück. Die ungeheure In-\nstrumentation schlägt an unser Ohr, aber kommt nicht ans\nHerz. „„Schlag' zu, aber sag' etwas!\"\" möchte man der\nbetäubenden zurufen, aber umsonst! sie fälit und fällt im-\nmer wieder nieder wie der rohe Hammer auf den Amboss;\neine Sprache ist ihr nicht gegeben, sie ist nichts als Klang.\"\n„Die Ouvertüre zerfällt in zwei scharf gesonderte\nTheile; der erste ist schön, der zweite ein überhohes Cha-\nrivari, in welchem die Violinen das zu\nhaben scheinen, man kann sich das Accompagnemerit zum\nVeitstanz dabei denken. [Wer weiss, ob Wagner das nicht\nals ein Lob aufnimmt!]\n„ Auf einmal stimmt das Orchester den Marsch\nan, mit welchem die Gäste in die Halle des Landgrafen\neinziehen; das ganze Publicum athmete auf, es war, als\nwenn ein langer Druck von ihm genommen würde. Glitten\naus dem nebeligen Wirrwarr brach endlich eine rhythmisch\ngegliederte Melodie hervor, die Sonne verscheuchte. die\nGespenster der Nacht. Dieser Marsch ist prächtig, sein\nheroischer Schwung charakterisirt und begleitet vortreff-\nlich ein grossartiges Fest aus der Feudalzeit. Aber es mischt\nsich in die Bewunderung des Zuhörers ein Gefühl von\nAerger gegen einen Componisten, der durch ein eigensin-\nnig festgehaltenes System das Talent verdirbt, welches die-\nses lange Musikstück offenbart. Dieser Triumphbogen in\nder Wüste zeigt ihre unfruchtbare Dürre nur um so\ndeutlicher.\"\nNachdem er über Wagner's Schriften, in denen „die\neitle Selbstüberhebung des Koran mit dem Dunkel der\nApokalypse sich verbindet\", gesprochen, fährt Herr St.\nVictor folgender Maassen fort:\n„Nicht Wagner allein ist an jenem Abende geschla-\ngen worden, sondern der ganze übertriebene Germanis-\nmus, dessen Fehler sich in ihm alle verkörpert finden. Das\nintellectuelle Deutschland und Frankreich können sich mit\neinander verbinden und ergänzen, aber sie können nicht\nmit einander verwechselt werden oder in einander aufgehen.\nDer grösste Antipode des französischen Geistes ist der deut-\nsche. Der französische Geist ist lauter, lebendig und schnell;\ndie Klarheit ist sein Element und die Analyse seine Me-\nthode; er handhabt eine Sprache, die den Gedanken be-\nstimmt und gedrängt fasst, und deren Tiefe selbst immer\nnoch durchsichtig bleibt. Der deutsche Geist scheut dage-\ngen weder Weitschweifigkeit noch Dunkelheit; seine weit-\ngreifende und frei dahinschwebende Sprache verliert sich\nleicht in das Unendliche der Ideen. Kommt er mit dem\nfranzösischen in Berührung, so fühlt er wieder Boden unter\nsich und kommt zur Empfindung des realen Lebens; um-\ngekehrt tritt der französische unter dem Einflüsse des deut-\nschen aus dem beschränkten Kreise heraus, in welchem\nihn sein ausschliesslicher Geschmack gebannt hält, und\ndringt weiter in die ideale Welt ein. Aber den pedanti-\nschen und hohlen Mysticismus in der Kunst werden wir\nnie annehmen: lue desinit O[Auch wir Deutschen\nund nicht bloss die Berliner sagen eben so: Da hört Alles\nauf!]"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "107", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5227, "texte": "„Und wissen Sie, was das Gefahrbringendste dieses\nmusicalischen Kauderwälsches ist? Es wirft einen in das\nentgegengesetzte Extrem zurück; die Antipathie, die es\neinflösst, befördert den Geschmack am Trivialen. Wenn\nman aus dem Tannhäuser kommt, so preis't man Etienne's\nJeannet et Colin und Flotow's Martha als leuchtende und\nerfrischende Schöpfungen; man summt Vaudeville-Lieder-\nchen, man sehnt sich nach der Zeit zurück, wo das Or-\nchester auf dem Deckel eines Weinfasses Platz hatte\nu. s. w. u. s. w.\"\n„Wenn Wagner's Oper noch einige Abende erlebt,\nso hat sie es der tapferen Neugier der Pariser und der\nprächtigen Ausstattung zu danken. Die Venus-Grotte ist\nfeenartig, die Frühlings-Landschaft an der Wartburg hat\neine ideale Frische; die Jagd des Landgrafen mit seinen\nPiqueurs, Hifthornbläsern, mit der gekoppelten Meute [wie\nglücklich muss Wagner gewesen sein, class er das von ihm\nin der Partitur vorgeschriebene „Rüdengebell\"\nzum ersten Male gehört hat!], mit seinen Rittern in den\nanschliessenden Trachten erscheint als ein Gemälde, wel-\nches unmittelbar aus einer Legende des Mittelalters vor\nuns aufsteigt. Das Turnier der Minnesänger ist vielleicht\ndas schönste Fest, das die Oper je in Scene gesetzt hat.\nEs gibt nichts Prächtigeres als die grosse Halle, in welche\ndie romantischen Personen, die Tieck und Novalis besun-\ngen, mit dem pomphaften altdeutschen Ceremoniel ein-\nziehen; es ist die Wiederbelebung der Ritterzeit, ein wan-\ndelndes Museum!\"\nNehmen wir die Opinion nationale in die Hand, so\nlesen wir in dem Berichte des Herrn Alexis Azevedo\nunter Anderem, „dass es schwer sei, gegen die Lacher\neine strenge Rüge auszusprechen, weil man bei dem Schel-\nlengeläute hinter der Scene, dem unglaublichen Gedudel\ndes Hirtenknaben, dem Gesang-Wettstreit, der Quinten-\nquikerei der Violinen im Finale des zweiten Actes u. s. w.\nden Ausbruch der Heiterkeit kaum unterdrücken könne.\nDas Gedicht sei so schlecht wie die Musik; die Personen\ndesselben seien Abstractionen, keine menschlichen Wesen,\nsie handeln nicht, sie leben nicht. Die Situationen werden\nso zu sagen gleich ganz gar aufgetischt, ohne dass irgend\netwas sie vorbereite und sie motivire. Reflexionen,\nTräume, Erzählung, Reue und Busse vertreten die Stelle\nder Handlung, der einzig wahren Grundlage des Drama's.\nDie Deutschen mögen in ihrem Rechte sein, wenn sie\ndarin die Moral finden, dass die sinnliche Liebe zur Ver-\ndammniss, die reine Liebe zum Heile führt; aber wir Fran-\nzosen sind in unserem Rechte, wenn wir dieser Legende\nin der Gestalt, die Wagner ihr gegeben, a!le Bedingungen\nzur Lebensfähigkeit auf der Bühne absprechen.\"\nHiernach theilt der Berichterstatter seinen Lesern die\nlange Stelle aus Wagner's oft erwähntem „Briefe an einen\nFreund\" mit, in der er seine „unendliche Melodie\" durch\ndie „Melodie des Waldes\" [deutsche Ausgabe, S. 47]\nerklärt. Das gibt natürlich sehr fassbare Handhaben zu\nbeissendem Spott. „Wir wissen jetzt\" —heisst es —, „wie\nsehr wir im Irrthum waren, als wir einen Namen für diese\nMusikgattung suchten, als wir sie Zukunftsmusik nannten,\noder Sonorismus u. s. w. Melodie des Wraldes ist es\ndagegen lässt sich nichts sagen. Als Librettist und Com-\nponist hat Wagner einen glänzenden Misserfolg gehabt,\naber als Taufpathe seiner Musik hat er sich unsterblich\ngemacht.\"\nDer Schluss dieses Berichtes ist merkwürdig genug:\n„Wodurch haben diese seltsamen Dinge in Deutsch-\nland einen Anschein von Erfolg, eine scheinbare Billigung\nerhalten? Sind sie die Fahne irgend einer politischen Op-\nposition, oder der Vorwand einer Minderzahl von Compo-\nnisten, denen die Melodie versagt ist, oder betrachten un-\nsere Nachbarn sie als schöne Gelegenheit,ihre Haupttugend,\ndie Geduld, zu üben?\n„Doch wir haben kein Recht, ihnen nur den gering-\nsten Vorwurf zu machen. Die Musik der Dissonanzen, un-\nterbrochenen Schlüsse, unzusammenhangenden Tonreihen,\nzerknickten Rhythmen, seltsamen Klangwirkungen, barba-\nrischen Modulationen ist bei uns entstanden, und durch\nJournal-Artikel und die Thätigkeit der Schar der Roman-\ntiker, die ihren musicalischen Messias suchten und ihn ge-\nfunden zu haben glaubten, kann in weiter Ferne bei den\nFremden die Täuschung entstanden sein, als hätte jene\nMusik in Frankreich eine Heimat gefunden. Aber das ist\nein starker Irrthum. Niemand bei uns spielt, hört, lies't\noder studirt sie, auf keinem Repertoire erscheint sie, nir-\ngends hat sie Wurzel geschlagen.\n„Nun, durch die Aufführungen des Tannhäuser sind\nwir quitt mit unseren Nachbarn. Die unmögliche Musik,\ndie wir ihnen hinübergeschickt hatten, haben sie uns jetzt,\nmit einem anderen Zeichen versehen, zurückgesandt. Da\nnun die Rechnung ausgeglichen ist, so wäre es Zeit, zu\nsagen: Umarmen wir einander, und die Sache sei abgethan!\n„Es ist indess in der That schade, dass Wagner sich\nsystematisch in eine Sackgasse verrannt hat; denn man\nmuss jedenfalls in ihm das Zeug zu einem vernünftigen\nComponisten finden, wenn man den Marsch im Tannhäu-\nser und mehrere hier und da vereinzelt stehende Bruch-\nstücke hört. Die verdammten Systeme und die verdamm-\nten Vorreden!\n„Die Resultate der ersten Vorstellung sind übrigens\nfür uns erspriesslich- und glücklich. Seit dreissig Jahren\nschläferte man die Leute mit dem kabbalistischen Worte\n\n11"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2448, "texte": "„ „gelehrte Musik\"\" ein oder führte sie irre. Man pries\nihnen Werke an, in denen geistreiche, aber auch zugleich\nbarbarische Combinationen die melodische Erfindung und\nden wahren musicalischen Ausdruck ersetzen sollten. Diese\nTaschenspieler-Stückchen sind von jetzt an nicht mehr\nmöglich. Wir haben endlich ein Publicum, das seine Mei-\nnung kund geben will und sie kund zu geben versteht, ein\nPublicum, dem der geschickteste Charlatanismus nicht mehr\nein X für ein U machen kann.\"\nIn der zweiten Vorstellung am 18. März wurde al-\nlerdings weniger gelacht, aber desto mehr gezischt und\ngepfiffen, was besonders auch durch eine verstärkte und\nnicht bloss unter dem Kronleuchter aufgestellte, sondern\ngeschickter verlheilte Claque hervorgerufen wurde. Diese\nOrganisation rührte indess durchaus nicht von Wagner,\nsondern von anderer Seite her; auch erleidet es keinen\nZweifel, dass unter den Applaudirenden sich viele befan-\nden, die es aufrichtig meinten und keineswegs zum Klat-\nschen bestellt waren. Sie begingen aber alle mit einander\nden grossen Fehler, gerade bei den Stellen am kräftigsten\nloszulegen, welche das vorige Mal am wenigsten gefallen\nhatten. Obgleich Wagner eingewilligt hatte, die auffallend-\nsten zu streichen, z. 13. das Schalmeistückchen, die schau-\nderhafte Violin-Passage im zweiten Acte, die Meute der Jagd-\nhunde, die Wiedererscheinung der Venus im dritten Acte,\nund hier und da ausserdem bedeutende Kürzungen vorge-\nnommen: nichts konnte den Tannhäuser retten.\nTrotz alledem ist Wagner noch nicht enttäuscht. Er\nsetzt sich als Märtyrer und schimpft über die Franzosen\ngerade so, wie er sie als die ersten Kunstlichter der Welt\ngepriesen haben würde, wenn sie seinem System und der\nOffenbarung desselben gehuldigt hätten. Sehr wahr sagt\nPaul Smith in dem Berichte über die zweite Vorstellung:\n„In seiner Doppel-Eigenschaft als Dichter und Musiker\nmuss Wagner wohl eine doppelte Dosis von Stolz oder\nEitelkeit haben, hat aber auch Anspruch auf doppelte\nNachsicht von unserer Seite. Wir wollen sie auch gern\nmit ihm haben, und er thut uns sogar leid; denn wir ken-\nnen nichts Traurigeres und Unheilbringenderes, als jene in\nunseren Tagen so verbreitete Selbstverblendung, mit wel-\ncher sich die Componisten in ihren Schöpfungen beschauen\nund bewundern, wie der liebe Gott in der seinigen, und\nrücksichtslos erklären, dass sie gut sind, ohne alle Beach-\ntung der öffentlichen Meinung. „Und er sah, dass es\ng u t w a r!\" —\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-04-06-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-04-06_01#c003", "volume": "bmtnabi_1861-04-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "108", "page_fin": "110", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.2.3", "titre_corps": "Aus Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Aus Frankfurt am Main.", "signature_source": "A. Schindler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.4", "debut_caractere": 2450, "fin_caractere_exclue": 5314, "texte": "Aus Frankfurt am Main.\n\nDas Museum hat seinen Cyklus mit dem zehnten\nConcerte am 15. März beendet, im Fache der Orchester-\nMusik ist wiederum kein einziges Werk von einem leben-\nden Componisten zur Aufführung gebracht worden, wäre\nes auch nur eine Ouvertüre gewesen. Dieses Nichtbeach-\nten aller, mitunter gewiss sehr anerkennenswerlher Lei-\nstungen von Tonsetzern unserer Tage in diesem Fache,\nwie nicht minder in der Gesangmusik, soll nun einmal in\ndieser so musikreichen Stadt Regel bleiben. Es entspricht\ndies der seit lange vorherrschenden Classicomanie; kein\nWunder sonach, wenn in anderen Städten mit Achtung\ngenannte Componisten zu Frankfurt am Main nicht einmal\ndem Namen nach bekannt sind. Hingegen geniessen Men-\ndelssohn und Schumann die Ehre, mit allen ihren Orche-\nsterwerken auf dem Repertoire zu stehen, da doch nicht\nwenige davon tief unter das Niveau von Werken ihrer\nZeitgenossen zu stehen kämen, hätte man einen ungetrüb-\nten Blick für ihre Schwächen und für die Vorzüge Ande-\nrer. In Erwägung jedoch des Umstandes, dass Alles in einer\neinzigen Probe abgethan werden muss, die nur selten drei\nvolle Stunden Zeit ausfüllt, demnach auf eine Sinfonie\nhöchstens 1 x/% Stunde abfällt, so erscheint die Nichtbe-\nachtung von Werken lebender Componisten fast löblich,\nindem keines derselben dem Gebote jenes Umstandes zum\nOpfer gebracht wird. Aus solchem Verfahren erwächst\njedoch dem Museums-Vorstande kein ihn allein treffender\nVorwurf; denn leider war die Instrumentalmusik seit\nOlim's Zeiten in Deutschland von dem Missgeschick ge-\ntroffen— in purem Gegensatze zu dem in Frankreich üb-\nlichen Verfahren—, aller Orten bis zum beutigen Tage in\nwenig veränderter Weise sich behandelt sehen zu müssen,\nc? 7\nwas letztlich bei den in technischer Fertigkeit immer mehr\nvorschreitenden Orchestern und bei der Leichtfertigkeit der\nmeisten ihrer Führer viele Werke zu blossen Concert-,\nresp. zu Paradestücken für die Orchester herabgewürdigt\nhat.\nAls Capellmeister Nicolai Anfangs der vierziger Jahre\nmit dem Hofopern Orchester in Wien die „philharmoni-\nschen Concerte\" veranstaltete, sind jeder Aufführung sie-\nben Proben vorausgegangen, nämlich zwei ausschliesslich\nfür die Saiten-, zwei für die Blas-Instrumente und drei im\nganzen Vereine. Diese Anzahl Proben war unumgänglich\nnothwendig, sollte der bei den Mozart'schen und Beethöven'-\nschen Sinfonieen und Ouvertüren seit lange liefgewurzelte\nLeichtsinn und Schlendrian herausgetrieben und der echte\nSinn und Charakter hineingebracht werden. Dieser Modus\nward in jenen kunstgeschichtlich berühmten Concerten noch\neingehalten, als dieselben um einige Jahre später unter\nLeitung des Capellmeisters Reuling wieder aufgenommen\nworden*). Die Bestätigung dieser Thatsachen lies't man in\n\n*) Diese beiden Kunstmänner, Nicolai und Heuling, fanden bei\nihrem Wirken noch mehrere gebildete Künstler aus Beethoven's"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5513, "texte": "wiener Blattern aus jenen Jahren. Erst durch völliges Um-\nstudiren aller dieser Meisterwerke kam die lebende Gene-\nralion der wiener Musikfreunde zum reinen Genüsse, aber\nauch zur richtigen Erkenntniss des Inhaltes dieser ewigen\nMonumente der Tonkunst. Man lernte einsehen, dass es\nhierbei mit exacter Beachtung der vorgeschriebenen Aeus-\nserlichkeitcn, als piano, forte u. s. w., noch lange nicht ab-\ngethan ist, dass es vielmehr noch ein oftmals tiefliegendes\nEtwas im Kunstwerke gibt, das vor allem Anderen in die\nErscheinung treten will und soll. Dieses Etwas ist das\nCharakteristisch-Eigenthümliche, das sich bisweilen schon\nin den verschiedenen Perioden eines Satzes verschieden mo-\ndificirt und durch angemessene Bewegung (Tempo) dem\nZuhörer sich bemerkbar macht.\nDas Ergründen dieses specifisch Charakteristischen\nsetzt Studium und poetische Begabung bei dem Dirigenten\nvoraus; zu Ersterem haben diese Herren in der Mehrzahl\nweder Zeit noch Müsse, und das Andere, die Poesie, ist in\nFolge des täglich zu prakticirenden Handwerks schon früh\nvon ihnen gewichen. Um die richtige Auffassung eines je-\nden Theiles des Kunstwerkes nach bestem Vermögen in\nScene zu setzen, dazu braucht der tüchtigste und von der\nhimmlischen Muse noch fest umschlungene Dirigent Zeit\nund Raum. Sein Orchester soll keinem Räderwerke glei-\nchen, das, in Bewegung gesetzt, nach mechanischen Ge-\nsetzen die zu lösende Aufgabe abspult. Was wir aber in\nunseren Tagen von Orchester-Leistungen zu hören bekom-\nmen, darf, mit wenig Ausnahmen, nicht höher angeschla-\ngen werden, denn als Maschinenarbeit.—Als zur Zeit der\nConcerts spirituelsim wiener Orchester der Geist vor-\nherrschte, konnte die Wirkung manches Satzes aus Beet-\nlioven's Sinfonieen mit dem auf Musik sonst nicht an-\nwendbaren Beschaffenheitsworte „plastisch\" bezeichnet\nwerden, indem einzelne Perioden wirklich, wenn im Sinne\ndes Schöpfers ausgeführt, eine gleichsam plastische Gestal-\ntung erhalten halten; denn sie trennten sich von dem Gan-\nzen in der Weise ab, wie der gehobene Arm vom Körper.\nNoch häufiger fand dieses Beschaffenheitswort bei des Mei-\nsters Sonaten für Pianoforte allein passende Anwendung.\nDas alles hat der Mechanismus unserer Zeit verschwinden\ngemacht, und dauert die Herrschaft der Instrumentalmusik\nin der nun üblichen Verfahrungsweise noch einige Zeit fort,\nso wird vollständige Abnutzung der Meisterwerke und\nGleichgültigkeit des Publicums gegen dieselben die unaus-\nbleibliche Folge sein. Jedoch vorbei, vorbei an diesen jedes\nKünstlergemüth tief betrübenden Erscheinungen! Erheben\nwir lieber unseren Blick in schöne Aussichten, welche sich\nden frankfurter Musikfreunden schon in der nächsten Zeit\neröffnen wollen.\nDer neue Coricertsaal steigt von Tag zu Tag höher\nempor. Die grössere Räumlichkeit wird einen grösseren\nZuhörerkreis fassen, dieser wird nicht nur die erforderli-\nchen Geldmittel erhöhen, zweifelsohne auch die bisherige\nf o\nAnzahl der Concerte um fünf oder um noch mehr vermeh-\nren; zu jedem dieser Concerte werden mindestens zwei\nProben abgehalten werden; die Sinfonieen von Mendels-\nsohn und Schumann werden nur selten zu Gehör kommen,\ndie aber von Mozart und Beethoven sammt den Ouvertü-\nren auf mindestens drei Jahre ruhen gelassen, um sie vor\ngänzlicher Abnutzung zu reiten; später sollen dann ihre\nAufführungen wie hohe Festtage betrachtet und für heilig\ngehalten werden; jeder Aufführung davon werden sechs\nbis sieben Proben (nach dem oben angeführten wiener\nVerfahren) vorausgehen, um die früher in den Museums-\nConcerten allen Meisterwerken aufgeprägte Charakterlosig-\nkeit zu beseitigen; die verschiedenen Stilarten sollen nicht\nmehr unter einander gemischt werden; daher werden Solo-\nVorträge von Salonstücken und alten Tänzen, Gigue, Sara-\nbande u. dgl., wenngleich contrapunktisch gearbeitet, den-\nnoch den Zopf hinten und vorn tragend, niemals wieder\nZulassung finden; Lieder-Vorträge hingegen, jetzt so un-\ngebührlich vorherrschend, sollen in Zukunft nur ausnahms-\nweise und sich darin auszeichnenden Sängern gestattet\nwerden. Im Verlaufe der drei Jahre, die dem genannten\nTheile des Repertoires zur Ruhe gegönnt werden, soll den\nCompositionen lebender Tonsetzer die grösste Sorgfalt ge-\nwidmet werden, um das an ihnen begangene Unrecht wie-\nder gut zu machen. Alles aus der neueren Zeit soll geprüft,\ndas Beste davon dem Repertoire einverleibt werden. End-\nlich noch, um alles Zukünftige verrathen zu haben, soll\nauch die Classicomanie mit Stumpf und Stiel ausgerottet\n(versteht sich, nur in den Bäumen des Museums) und ein\nzweites Orchester, wozu Kräfte genug vorhanden, heran-\ngebildet werden, um bei allen Unternehmungen dem kaum\nzu vermeidenden Veto der Theater-Direction wegen Frei-\ngebung ihres Orchesters auszuweichen.\nDiese schönen, wahrhafter Musikliebe und Würdigung\nentsprechenden Aussichten lassen für diese reiche Stadl\neine neue und ruhmvolle, der hehren Tonkunst aber grosse\nVortheile bringende Epoche erkennen, die durch keinerlei\nWechselfälle je eine Reaction zum Absolutismus und Opti-\nmismus erleiden soll; denn die Localkritik, ihrer Würde\nund Amtspflicht gegen Künstler und Publicum stets einge-\ndenk, wird den allseitigen Bestrebungen mit offenem Visir,\nmit Schild und Lanze zur Hand, schützend und schirmend\n\nTagen am Leben, die auf Aufführung seiner Musik bezügliche\nFragen prompt zu beantworten im Stande waren. Heuling ins-\nbesondere, aus Seyfried's Schule hervorgegangen, hat noch einen\ngrossen Theil der „Concerts spirituels' unter Seyfried's Lei-\ntung zu hören Gelegenheit gehabt."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2481, "texte": "zur Seite gehen und die genaue Befolgung der so löblichen\nVorsätze mit Gewissenhaftigkeit, Wahrheitsliebe undSach-\nkenntniss überwachen. Kurz, die Kunst-Annalen werden\nviel des Seltenen und Ausserordentlichen dem kommenden\nGeschlechte zu überliefern haben, wenn ja, wenn das\nVorstehende nicht fromme Wünsche oder gar freie Phan-\ntasieen eines jugendlichen Kopfes sein und bleiben sollen.\nUnd nun werde noch eines im Jünglingsalter stehen-\nden Pianisten aus Wiek's Schule in Dresden Erwähnung\ngethan, der im letzten Museum C. M. v. Weber's\nConcert nebst einigen Beigaben von L. Berger, Mendels-\nsohn und Chopin für Pianoforte allein zum Vortrag ge-\nbracht und auszeichnenden Beifall gefunden hat. Es ist\nHerr Isidor Seiss, derselbe, der kurz vorher dieses We-\nber'sche Werk in Köln gespielt, worüber Nr. 8 dieser\nMusik-Zeitung einen sehr belobenden Bericht gebracht hat.\nIn vollkommener Zustimmung zu dem dort gefällten Ur-\ntheile wollen wir unsererseits noch bemerken, dass in Hin-\nsicht auf prägnante Accentuirung, kräftiges, dem hohen\nIdeenschwunge des ersten Satzes bestens entsprechendes\nColorit, feine und dem Charakter der Cantilene angemes-\nsene Nuancirung des Tempo Herr Seiss den Jüngling be-\nreits weit zurückgelassen und einen ausgewachsenen, ener-\ngischen Mann am Piano vorstellt, der, wenn er auf diesem\nWege fortgeht, der Kunst in diesem Bereiche seltene Vor-\ntheile zuwenden wird. Was dem vollständigen Gelingen\ndes Werkes Eintrag gethan, war die Auffassung des vom\nComponisten beim dritten Salze vorgeschriebenen Presto\nnach modernem Begriffe. Bei solcher Uebereilung konnten\nlediglich nur die Finger, nicht aber auch der Geist thätig\nsein, demnach alle die höheren Anforderungen an den Vor-\ntrag in die Brüche fallen mussten. Will Herr Seiss diesem\nMissverhältnisse in dem herrlichen Werke Weber's noch\nabhelfen, vermag er die Macht der Gewohnheit zu besie-\ngen, so verwandle er das Presto in ein einfaches Allegro,\ndas nach heutigem Verständnisse schon als Presto gilt. Für\nalles, was in der Bewegung das Allegro assai nach dem\nVerständnisse der Gegenwart übersteigt, findet\nsich in der gesammten Literatur der Classiker kein einzi-\nger Satz, daher ich meines lheils jede Anwendung eines\nmodernen Presto oder gar Prestissimo bei den Classikern,\nund zwar in jeglicher Gattung, für eine Verletzung des\nbetreffenden Werkes, überhaupt für einen evidenten Be-\nweis von Unkenntniss des Gesammt-Charakters der classi-\nschen Epoche zu erklären mir erlaube.\n\nA. Schindler."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-04-06-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-04-06_01#c004", "volume": "bmtnabi_1861-04-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "110", "page_fin": "111", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.2.4", "titre_corps": "Aus Rotterdam.", "titre_sommaire": "Aus Rotterdam.", "signature_source": "A Worthmann", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.6", "debut_caractere": 2483, "fin_caractere_exclue": 6321, "texte": "Aus Rotterdam.\n\nDen 25. März 1861.\nDie Jahreszeit der Opern und Concerte geht zu Ende; da ge-\nstatten Sie mir denn wohl einen Rückblick auf die ferneren Thaten\nund Schicksale der deutschen Oper in Rotterdam, und lassen Sich\nbei der Gelegenheit auch erzählen, was sonst Frau Musica hier für\nein Leben führt. Eine gefährliche Aufgabe, wie Ihr Correspondent\naus Erfahrung weiss. Zwar überall ist die Rose der Kunst für den\nKritiker selten ohne Dornen; aber in einem kleinen Lande ist die\nSache doppelt heiklig. „Die Holländer lieben das Lob und hassen\ndie Kritik.*4 Das habe ich nicht gesagt, glücklich genug, sondern\nein Holländer, Herr Thorbecke, der ehrlichste und gescheiteste\nStaatsmann in den Niederlanden, sagt es in seinen „historischen\nSkizzen* und fügt hinzu: »Der Maassstab wahrer Grösse kommt\nuns wohl einmal abhanden.\"\nD ie Franzosen haben vor den Niederländern nichts voraus; auch\nwir haben diesen Winter unseren „Tannhäuser* gehabt. An jenen\nAbenden brannten zum ersten und letzten Male sogar die Armleuch-\nter vor den Logen zu Ehren Richard Wagner's mit wirklichem Gas-\nlichte. Die Stimmen über die Oper waren, wie in Deutschland,\nziemlich getheilt, doch waren die Musiker und die Gebildeteren im\nGanzen dafür. Nicht dass mir, um meine Ansicht auszusprechen, an\ndieser Musik nicht Manches gespreizt, trivial, unschön, unverständ-\nlich schiene; der entsetzliche Missbrauch, der mit dem Recitativ auf\nKosten der armen unterdrückten Melodie getrieben wird, hat mich\nziemlich 'gelangweilt. Aber ausser dem Marsch und dem Liede an\nden Abendstern erlaube ich mir noch einige andere Stellen schön zu\nfinden. Mag sein, dass Frau Kainz grosse Schuld daran hat; denn\nsie war gar lieb als Elisabeth. Ich habe zwar früher gesagt, Frau\nKainz sei keine dramatische Sängerin, und in gewissem Maasse be-\nhaupte ich das noch. Rollen wie die Valentine sind nicht die ihren,\nüberhaupt keine leidenschaftlichen Partieen; nur die Lucia spielte\nsie recht gut. Als Elisabeth hingegen und als Euryanthe befriedigt\nsie, einige Augenblicke ausgenommen, sehr hoch gestellte Ansprüche.\nEuryanthe wurde mit vielem Beifall gegeben; irreich nicht, so hört\nman diese Oper in Deutschland ziemlich selten. Das Libretto hat\ndie rotterdamer Kritik ungereimt gefunden [die deutsche auch!]; ich\nkenne jedoch wenige Opern, in denen es mir so gut gefiele. In den\nGrundzügen gleicht sie Shakespeare's „Cymbeline\" aufs Haar. Frau\nKainz war an einigen Stellen indess nicht leidenschaftlich genug.\nDaran, an der Leidenschaft, hat es Frau Bertram als Eglantine\nnicht fehlen lassen. Sie ist Meisterin des dramatischen Ausdrucks;\ndie Wahnsinns-Scene spielte sie, einen kleinen Fehler abgerechnet,\nausgezeichnet. In der Euryanthe und im Nachtlager von Granada\nwurde der Chor gerufen, einmal sogar, nachdem der Vorhang ge-\nfallen war; ein schönes Zeugniss für die Thätigkeit des Herrn K.\nHempel. Herr Scraup, der erste Capellmeister, genoss nach meh-\nreren Ouvertüren eine ähnliche Ehre. Von diesem verdienstvollen\nMusiker wird jetzt eine Oper einstudirt, deren Libretto für die Nie-\nderländer doppelt anziehend ist: „Der Meergeuse\". Diese Oper und\n„Romeo\" werden die Saison beschliessen.^\nNur Eine Oper hat in diesem Jahre nicht gefallen, „Wilhelm\nTeil®. Namentlich Herr Grimminger als Arnold hat unter drei\nAufführungen nur in einer befriedigt, woraus also zu schliessen ist,\ndass er die beiden anderen Male nicht disponirt war. Aber auch für\nHerrn Dalle Aste soll die Bariton-Partie des Teil zu hoch liegen\nfür einen Bassisten freilich kein Tadel.\nDas Theater-Unternehmen verspricht sich so weit zu rentiren,\ndass die Actionäre ihre Plätze nicht theuer bezahlen. Schon spricht\nman davon, ein neues Gebäude zu errichten, da das alte, mit thö-\nrichter Raumverschwendung gebaute, sich zu klein erweis't. Der Saal\nwar meist jgut besetzt; wenn rFidelio,t gegeben wurde und das"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5265, "texte": "ist 10—11 Mal geschehen —, wurden bis zuletzt Einnahmen von\n1200 Fl. erzielt. Auch hat sich unser immer eifriger Herr v. B.\nschon auf eine Entdeckungsreise zum Frommen der nächsten Saison\nnach Deutschland begeben Von Orchester und Chor wird ein Stamm\nerhalten bleiben. Der deutschen Oper in Rotterdam wünschen wir\nsomit ein kräftiges Gedeihen, und hoffen ihr im nächsten Winter\nin noch verschönerter Gestalt zu begegnen.\nIm Mai sehen wir hier einer grossen Aufführung durch die hie-\nsige Abtheilung der Gesellschaft zur Beförderung der Tonkunst ent-\ngegen, über die ich Ihnen zu berichten hoffe. Diesen Winter hatten\nwir ein „Familien-Concert\", d. h. ausschliesslich für Mitglieder (man\nkann Mitglied sein, ohne musicalisch mitzuwirken), wo Krau Of-\nfermans uns Hillens „Lorelei* sang. Die Stimme dieser mit\nRecht gefeierten Sängerin ist weder sehr stark, noch besonders wohl-\nlautend ; man kann leicht viele finden, die beide Eigenschaften in\nhöherem Grade besitzen. Aber ich kann mir recht gut denken, wess-\nhalb Hiller von ihrer Lorelei so entzückt war. Denn eine Künst-\nlerin wie Frau Offermans in ihrem Genre für das Oratorium würde\nman vielleicht nicht so leicht wieder entdecken. Niemals sehwankt\nsie über das Maass dieser Gattung in wohlfeilem Haschen nach dra-\nmatischen Effecten hinaus. Aber ihr Gesang ist Seele; jede Regung\ndes Gefühls erhält ihren echten Ausdruck. Die rLoreleiu hat hier\nauch als Composition gar sehr gefallen. Auf demselben Concerte\nkam ausser Mendelssohns „Lobgesang\" ein neues Werk von Franz\nCoenen zu Gehör. Der Text hat grosse Schönheiten, ist sogar,\nsollte ich meinen, eine sehr glückliche Neuerung. Statt der bibli-\nschen ist nämlich der Gegenstand der nationalen Geschichte entnom-\nmen. Albrecht Beiling war der niederländische Regulus. Führer der\nunterliegenden Partei in einem berühmten Bürgerkriege, verschafft\ner den Seinen günstige Bedingungen, indem er sich freiwillig dem\nTode darbietet. Nachdem er heimgegangen, um Frau und Kind noch\neinmal wiederzusehen, kehrt er zurück, um lebendig begraben zu\nwerden. Diese Begebenheit ist historisch. Dem männlich ernsten\nGeiste dieses Textes*) entspricht nun auch die Composition.\nWunder, dass sie bei dem grossen Publicum durch die folgenden\nlieblichen Töne der Lorelei mehr, als sie verdiente, in Schatten ge-\nstellt ward! Dazu kam, dass nur Eine General-Probe vorhergegangen\nwar und das Haupt-Solo (Beiling Bariton) sich in allzu schwa-\nchen Händen befand. Den Lobgesang und die Lorelei dirigirte\nHerr Verhulst, ein geborener Capellmeister.\nSeit Jahren veranstaltet Herr Tours jeden Winter sechs Abon-\nnements-Concerte; sie werden als die der Eruditio musica bezeich-\nnet und im Saale der Gesellschaft Tot Nut van H Algemeen, dem\nzweiten der Stadt, ausgeführt. Es liegt mir nun sehr fern, einem so\nverdienstvollen Manne etwas Tadelndes sagen zu wollen, wenn ich\nbemerke, dass die neue Oper auf den Besuch dieser Concerte einen\nnachtheiligen Einfluss gehabt zu haben scheint, und dass daher in\ndiesem Jahre die Leistungen nicht so gut waren, als sonst als\nz. B. im vorigen, wo uns Laub, Stockhausen und Jaell vorgeführt\nwurden. Nur mit Violoncellisten wurden wir reichlich bedacht. Da\nwar vor Allen ein Herr aus dem Haag, der mir gezeigt hat, wie\nlangmüthig ein holländisches Publicum sein kann. Er wurde für eine\nunerlaubt lange und langweilige Misshandlung seines Instrumentes\nschwach applaudirt und nicht hervorgerufen wie es scheint, die\näusserste Strafe hier zu Lande. Anders war es mit Herrn Golter-\nmann. Das Spiel dieses ausgezeichneten Virtuosen war die Krone\ndieser Concerte, wenn ich einige Lieder der Frau Offermans daneben\nsteile Ein voller, breiter, klangvoller Ton, eine Leichtigkeit und ein\nAusdruck, wie ihn alle, die Servais gehört haben, selbst bei diesem\nberühmten Cellisten nicht gefunden haben wollen. Bei seinem Vor-\ntrage des Ave Maria von Schubert flössen Thränen.\nFasse ich die öffentlichen musicalischen Leistungen dieses Win-\nters und das, was hier in Dilettanten-Kreisen gethan wird, zu einem\nGesammtbilde zusammen, so zeigt sich derselbe erfreuliche Fort-\nsehritt, der überhaupt das gesellige Leben in Rotterdam kennzeich-\nnet. Das wäre wahrlich nicht eine strenge, sondern eine ungerechte\nKritik, die nicht alle kleinen Mängel, welche dabei noch unterlaufen,\nherzlich gern vergessen möchte über der Anerkennung einer rühm-\nlichen Entwicklung. Wie hier die Musik vor dreissig Jahren be-\nschaffen war, das wissen ältere Männer recht anschaulich zu erzäh-\nlen. Der Mann, der in Rotterdam den hauptsächlichen Anstoss zu\ndiesem Fortschritte gegeben hat, ist der greise, aber noch immer\njugendliche städtische Capellmeister Herr Hutschenruyter.\nEine aufblühende Stadt, wie Rotterdam ist, wird auch die Kunst\nund alles, was heitere Geselligkeit schmückt, mehr und mehr lieben\nund pflegen. Ich prophezeie der deutschen Musik hier eine gute Zu-\nkunft. Mag man, wie in Berlin, einmal zur Abwechslung nach Ita-\nliänern oder nach Franzosen greifen: das holländische Gemüth ist\ngermanisch, und so werden es sich mehr und mehr die reichen Bür-\nger zur Ehre rechnen, die Oper und die Concerte der „Gesellschaft\"\nund der Eruditio zu unterstützen\n*). Ich habe ihn im „Magazin für Literatur des Auslandes* (18G0)\nin deutscher Uebertragung mitgethcilt.\n\nA Worthmann."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-04-06-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-04-06_01#c005", "volume": "bmtnabi_1861-04-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "111", "page_fin": "112", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "B. P", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.7", "debut_caractere": 5267, "fin_caractere_exclue": 7835, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nKoflra. Die Reihe der fremden Pianisten, die wir diesen Winter\nhier gehört haben, hat in diesen Tagen Herr Hans Seeling aus\nPrag beschlossen. In ihm haben wir einen ausgezeichneten Künstler\nkennen gelernt, der den Ruf, der ihm von Paris und Frankfurt a M ,\nwo er Concerte gegeben, vorausging, bei uns mehr als gerechtfertigt\nhat Herr Seelingist aber nicht bloss als Virtuose, sondern nament-\nlich auch als Componist für sein Instrument höchst beaclitungswerth.\nEr hat sich nämlich im Gegensatze der meisten Kunstgenossen, die\nheutzutage durch Viel- oder gar Allseitigkeit* zu imponiren suchen\nund die ganze Clavier-Literatur von Bach und noch höher hinauf\nbis auf sich selbst in ihren Bereich ziehen, hauptsächlich auf eine\nGattung der Composition concentrirt, ein Verfahren, das zu jeder\nZeit und in jedem Fache geistiger Thätigkeit stets zu wirklichen\nResultaten führt. Diese Gattung ist die edle Salonmusik, wenn wir\nmit diesem Namen die Producte jener Darstellungsweise bezeichnen\ndürfen, welche auf dem Pianoforte eine bestimmte Empfindung, die\nauch wohl durch Aussermusicalisches angeregt ist, durch ein entspre-\nchendes Motiv und dessen nicht bloss melodische, sondern kunst-\nund phantasiereich figurirte Durchführung in dem bescheidenen Rah-\nmen eines musicalischen Bildchens („Eidyllion\" nannten es die Grie-\nchen) auszudrücken sucht. In dieser Gattung, in welcher uns zuerst\nField, dann die guten Componisten melodischer Etüden, dann Cho-\npin, Schumann, PLller, Schulhoff, Stephen Heller u. s. w. Treffliches\ngegeben, leistet nun auch Herr Seeling ganz Vorzügliches, und es\nist bemerkenswerth, wie sich bei der Entwicklung seines Talentes\nComposition und Spiel in wechselweiser Förderung zu einer eigen-\ntümlichen und interessanten Künstler-Specialität ausgebildet haben.\nSeine Etüden, seine „Lorelei , seine „Idylle\" u s. w u. s. w. sind\nhübsch erfundene und sehr geschmackvoll und kunstreich ausgear-\nbeitete Sachen, in deren Vortrag Herr Seeling eine meisterhafte Tech-\nnik mit künstlerischem Bewusstsein und natürlichem, nicht affectir-\ntem Ausdruck zur Geltung bringt. Er hat in der letzten Sitzung der\nmusicalischen Gesellschaft und in einer Soiree vor einem gewählten\nPublicum lebhaften Beifall und die vollste Anerkennung seines ern-\nsten künstlerischen Strebens gefunden.\nFräul. Nina Hart mann aus Köln hat die Bühne in Gr atz,\nderen Hauptzierde sie drei Jahre lang war, verlassen, um ein Enga-\ngement in Frankfurt a. M. anzutreten. Nachdem ihre diesjährige\nBenefiz-Vorstellung Verdfs Traviata zahlreich besucht wor-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6142, "texte": "den, wurden ihr bei ihrer Abschieds-Rolle Elvira in Verdi s Er-\nnani die ehrenvollsten Beweise der Hochschätzung ihres ausge-\nzeichneten Talentes vom ganzen Publicum zu Tlieil. Gleich bei ih-\nrem Auftreten wurde sie mit einem lange anhaltenden Applaus von\nallen Seiten empfangen; selbst die Damen in den Logen Hessen ihre\nTücher wehen, und jede Nummer ihres Gesanges erregte denselben\nrauschenden Beifall. Nach dem Schlüsse der Oper wurde Fräul. Hart-\nmann fortwährend gerufen, sie musste über zwölf Mal wieder er-\nscheinen, eine Menge von Kränzen mit Bändern in deutschen und\nitaliänischen Farben wurden ihr zugeworfen mit deutschen und ita-\nliänischen Gedichten, so dass die Gefeierte, von so vielen Beweisen\nder Gunst überwältigt, nur mit Mühe einige Worte des Abschiedes\nund des Dankes sprechen konnte.\nBielefeld* Unsere musicalischen Zustände heben sich auf er-\nfreuliche Weise. Der Musik-Verein, dem es Ernst um die Kunst\nist, scheut keine Ausgaben zum Behuf von Aufführungen grösserer\nWerke. So brachten z. B. die letzten Abonnements-Concerte dessel-\nben unter Leitung des Musik-Directors Ludwig Hoff mann am\n24. Februar Me n de Iss o h n's „Paulus* und am 29. März Joseph\nIlaydn's B-dur-Messe.\nlsai*sai Stadt* Während in Paris Wagner's Tannhäuser nicht\ngefallen hat, erhält sieh Gounod's »Faust\" hier in der grössten\nGunst des Publicums. [Wir geben in der nächsten Nummer dieses\nBlattes die ausführlichere Kritik dieser Oper aus der Feder eines\nMusikers. Die Redaction]\nFrankfurt a. M« Zwei policeiliche Ausweisungen haben\nunsere Bürgerschaft in eine förmliche Aufregung versetzt, und man\nbespricht dieselben in der Stadt, so wie in hiesigen und auswärtigen\nBlättern mit der grössten Erbitterung gegen die Policeibehörde und\ngegen Herrn Dr. Guaita, den Hauptleiter unserer Bühnen-Verhält-\nnisse, den man allgemein als den moralischen Urheber dieser uner-\nhörten Maassregeln betrachtet, zumal er dem derzeitigen Chef der\nPolicei persönlich sehr nahe steht. Ein Dr. Ed. Löwenthal, Mitarbei-\nter am „Arbeitgeber' und Herausgeber einer „Universitäts-Zeitung\",\näusserte sein Missfallen über die jetzige Theater-Leitung in einem\nArtikel, in dem zugleich erwähnt war, dass dem Abschiedsfeste für\nFräulein Janauschek die Bürgermeister beigewohnt hätten, was\njedoch auf einer Verwechslung mit dem Concerte beruhte. In Erwä-\ngung nun, dass „ein Blatt mit so unzuverlässigen Nachrichten der\nStadt wenig Ehre bringe\", und ferner wegen eines Artikels über\nMilitär-Excesse in Greifswalde ward derselbe, angeblich auf preussi-\nsche Requisition, aus Frankfurt ausgewiesen. Die preussische Ge-\nsandtschaft erklärte jedoch, dass keine Requisition ihrerseits Statt\ngefunden habe, und die schriftlichen Missfallens-Aeusserungen des\nHerrn Löwenthal werden daher allgemein als in erster Linie mit sei-\nner Ausweisung zusammenhangend bezeichnet. Der Hetroffene sowohl\nselber wie der würtembergische Gesandte haben sofort Recurs beim\nSenate eingelegt. Der zweite Fall jedoch ist noch ärger und steht\nin seiner Art ganz einzig da. Ein junger österreichischer Handlungs-\nCommis hatte im Theater, um sein Missfallen zu äussern, nach\nSehluss der Vorstellung gepfiffen, und ward wegen dieses Verbre-\nchens aus der Stadt gewiesen! Beide Verwiesene sind natürlich\nFremde, so genannte „Permissionisten\", sonst hätte man sich eine\nsolche Willkür, welche jedoch in der Befugniss der Policei steht,\nda die Fremden hier eigentlich nur geduldet sind und sogar ohne\nGrund-Angabe ausgewiesen werden können, nicht erlauben können.\nDie Stadt nimmt sich jedoch mit lebhafter Theilnahme dieser Ge-\nmaassregelten an, und es soll, wie es heisst, sogar eine Bürger-\nVersammlung berufen werden, um Protest gegen diese unerhörten\nVorgänge einzulegen und auf eine Aenderung der vollkommen recht-\nlosen Stellung der Permissionisten überhaupt zu dringen.\nJoseph Staudigl ist am 28. März, 54 Jahre alt,\nhier im Irrenhause sanft und ohne Schmerzen verschieden. Seit dem\n11. April 1854 war er der Pflege der Anstalt anvertraut. Seine\nSöhne waren an seinem Sterbebette.\nXilltS?»riicl&* Die neue Oper „Der Liebesring* vom Capell-\nmeister Herrn Skuheisky fand hier so entschiedenen Beifall, dass\nsie was als etwas hier ganz Aussergewöhnliches bezeichnet wer-\nden muss im Laufe einer Woche drei Aufführungen bei gefüll-\ntem Hause ermöglichte. Ler junge Componist wurde wiederholt\ngerufen.\n2. April. Der Brief R. Wagner's an den Director der\ngrossen Oper, mit welchem er die Partitur des Tannhäuser nach\nder dritten Vorstellung (Sonntag, den 24. März) zurückzog, lautet\nim Original:\nMonsieur le directeur,\nL\" Opposition, qui s'est mani/estee contre le Tannhauser me prouve\ncombien vous aviez raison quand, au debut de cette affaire, vous me\nfaisiez des observations sur Vabsence du ballet et d'autres Conven-\ntions scöniques auxquelles les abonnes de VOp&ra sont habituös.\nJe regrette que la nature de mon ouvrage rrCait empeche de le\nconformer a ces exlgences. Maintenant que la vivacitö de Vopposi-\ntion qui lui est faite ne permet meme pas a ceux des spectateurs\nqui voudraient Ventendre &y donner Vattention necessaire pour Vap-\npretier, je riai dautre ressource honorable que de le retirer.\nJe vous prie de faire connaitre cette d&cision a Sun Exc. M. le\nMinistre dl Etat.\nAgreeZj etc. Richard Wagner.\nParis, le 25 marB 1861.\nWas Wagner mit dem Fehlen von d*autres Conventions sedniques\n(anderen scenischen Conventionellen Dingen) in seiner Oper sagen\nwill, ist nicht recht klar. Er kann doch einer Direction, welche\n25<>,01»0 Francs an die scenische Ausstattung gewandt hat, unmög-\nlich ins Gesicht sagen, dass eine solche gefehlt habe! Er muss alco\nunter absence d autres Conventions sceniques die Abwesenheit der\nMelodie u. s. w. gemeint haben ; dann hätte er aber von Conventions\nmusicales sprechen müssen Man sieht, es war ihm nur um einen\nVor wand zu thun, sich selbst als Märtyrer einer gemachten Oppo-\nsition hinzustellen und eine ressource honorable für das Aufhören\nder Vorstellungen zu suchen. Trotzdem sprach man hier von noch\neiner Verstellung am Freitag den 5. April, welche die Freitags-\nAbonnenten der grossen Oper verlangten, die den Tannhäuser noch\nnicht gesehen.\n\nB. P."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Eichard Wagner's Tannhäuser). Schluss. Aus Frankfurt am Main (Museums-Coneerte Herr\nIsidor Seiss). Von A. Schindler. Aus Rotterdam (Das deutsche Theater Musik-Aufführungen). Von A. Worthmann. Ta-\nges- und Unterhaltungsblatt (Köln, Herr Hans Seeling, Fräulein Nina Hartmann Bielefeld, Musik-Verein Darmstadt, Gou-\nnod's „Faust\" Frankfurt a. M., Ausweisungen Wien, Joseph Staudigl f Paris, Wagner's Brief an den Director der grossen Oper).\n\nPariser Briefe.\n\n[Richard Wagner's Tanuhäuser.]\n(Schluss. S. Nr. 13.)\n„Tannhäuser ist durchgefallen; man darf freilich ge-\ngen ein verfehltes Werk nicht allzu streng sein, aber man\ndarf auch nicht zu viel Mitleid mit einem Unglück haben,\nzu dem der Componist selbst am meisten und eigensinnig-\nsten beigetragen hat. Vergebens hat Wagner den Mängeln\noder vielmehr den Ungeheuerlichkeiten seines Werkes\ndurch übertriebene Anforderungen das Gleichgewicht hal-\nten wollen. Das wahre Talent ist fügsam, und die wahre\nOriginalität bedarf der thörichten Ansprüche nicht, weder\nan die Uebersetzer, noch an die Ausstattung, noch an die\nKünstler, noch an das Orchester oder gar an den Dirigen-\nten-Posten, welche Wagner gemacht hat.\n„Er hat neulich die Erfindung des Ausdrucks „„Zu-\nkunftsmusik\" * einem Gegner seines Systems zugeschrie-\nben; allein er sagt selbst in der Vorrede zu seinen „ „Drei\nOperngedichten\"\": „ „Man hat mich nicht verstanden. We-\nder das Publicum noch die Kritiker haben ein Verständ-\nniss meiner Werke und meines Zweckes. Ausser der klei-\nnen Zahl meiner Freunde hat Niemand meine Idee begrif-\nfen, und nach vielen Erfahrungen habe ich eingesehen,\ndass ich nichts von der gegenwärtigen Generation zu er-\nwarten habe. Ich arbeite nur für die Zukunft.\"\"\n„Nun, er hat jetzt noch eine Erfahrung mehr gemacht!\nUnd eine Erleichterung des Verständnisses hat auch sein\nletzter „„Brief an einen Freund\"\" weder dem Publicum\nnoch den Kritikern gebracht; wir alle erklären uns für\nincompetent, die Melodie als „„Melodie des Waldes\"\"\nund noch viel weniger als „ „untrügliche Form des laut\nerklingenden Schweigens des Musikers\"\" {Ja forme in-\nfaillible du silence retentissant) zu begreifen*).\n„Die Ouvertüre und der Marsch sind im Grunde die\neinzigen Stücke, die beim allgemeinen Schiffbruche oben\nauf schwammen. Es ist dies besonders desswegen merk-\nwürdig, weil es Musikstücke ohne Worte sind; und doch\nsoll sich Wagner's Musik vorzüglich an das Wort schmie-\ngen, das Wort ausdrücken, in Musik übersetzen, gewisser\nMaassen eine musicalische Sprache neben der poetischen\nschaffen, so dass jene nicht weniger lebensvoll, bilderreich,\nberedt sei, als diese. Ja, das ist alles recht gut gemeint,\naber es war ein Wunsch, ein Traum, der nicht in Erfül-\nlung gegangen.\n„Man würde übrigens die Sache am Abende der er-\nsten Aufführung mit Verwunderung, aber ruhig, vielleicht\nauch mit Heiterkeit, die sich schwer unterdrücken lässt,\nals eine Täuschung, eine Mystification hingenommen ha-\nben, wenn die Herren Ritter unter dem Kronleuchter, die\nWagner dem Gerüchte nach verbannen wollte, die aber\ndennoch da waren, nicht die Tactlosigkeit begangen\nhätten, zu klatschen. Bei dieser merkwürdigen Kühnheit\nempörte sich allerdings das ganze Haus, und aus der Mitte\ndes gebildetsten Publicums der grossen Oper wurde ge-\npfiffen, nicht gegen Wagner, sondern gegen die Klatscher,\nwodurch allerdings deren bezahlter Enthusiasmus schnell\ngelöscht wurde. Dagegen hat das ganze Publicum die\nOuvertüre und den Marsch applaudirt.\n„Uebrigens müssen wir bemerken, dass hier durchaus\nnicht von einer Antipathie gegen eine andere Schule\nals die französische die Rede ist. Das pariser Publicum\nhat hinlänglich bewiesen, wie hoch es die deutsche Musik\nzu schätzen weiss, und in Bezug auf die dramatische haben\ndies auch neuerdings die Wiederaufnahmen der Opern von\nMozart und Weber bewiesen, zu denen es strömte und sie\nmit Begeisterung aufnahm. Wagner ist kein Meister der\ndeutschen Schule; er beansprucht eine eigene Schule für\nsich, aber mit dem Anspruch ist's freilich nicht gethan.\"\n[France musicale)\n\n■') Wir haben diesen „Brief\" in Nr. ] und 2 des gegenwärtigen\nJahrgangs d. 81. ausführlich besprochen. Vgl. besonders S.ll.\nDie Redaction*"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.2", "texte": "Am schlechtesten kommt der Tannhäuser im Feuille-\nton der Presse weg, deren Berichterstatter (Paul de St.\nVictor) kaum ein gutes Haar daran lässt. Er urlheilt scharf,\naber es ist sehr viel Wahres in der schroffen Form ent-\nhalten. „Tannhäuser ist vorüber gegangen,\"—so beginnt\ner—t nUncl mjt der Musik der Zukunft war es vorbei! Ein\nindischer Gott mit sieben Armen und drei Köpfen, thronend\nin einem griechischen Tempel, voilä Mr. Wagner im fran-\nzösischen Opernhause! Nun, wenn uns diese herbe Erfah-\nrung vorsichtiger macht gegen künstlich aufgeblasene Re-\nnommeen, gegen apokryphische Genies, gegen gemachten\nFanatismus, gegen die Messias, welche die Aera der Kunst\nmit der Hedschra ihres persönlichen Auftretens zu zählen\nanfangen, so hat die grosse Oper die Lehre nicht zu theuer\nbezahlt.\"\nNachdem der Inhalt des Drama's kurz angegeben (mit\nUebersetzung des grössten Theiles der Ballade von H.\nHeine) und gesagt ist, dass jene naiven Legenden-Figuren\ngeeigneter sind, auf gemalten Kirchenfenstern zu schim-\nmern, als auf der Bühne zu singen und zu gesticuliren,\nheisst es weiter: „Aber die Frage liegt nicht im Texte,\nsie liegt ganz und gar in der Musik\" und nun wird\n„diese und ihre unendliche Melodie, welche dem\nVerstände die Tortur aullegt, um ihre Geheimnisse zu be-\ngreifen, und deren Ideal die Unverständlichkeit ist\"\nscharf mitgenommen.\n„Mögen nur aber\", heisst es weiter, „die Mystagogen\nder deutschen Kunst uns nicht mit ihren Behauptungen\nkommen, dass wir die Tiefe der deutschen Musik nicht\nfassen könnten. Das Genie Mozart's, Weber's und Beetho-\nven's beherrscht uns in Paris eben so, wie in Dresden und\nBerlin, wir folgen ihm gern in den Zauberwald des Frei-\nschütz und der Beethoven'schen Sinfonie, ohne uns darin\nzu verirren. Aber was der französische Geist, ohne sich\nselbst zu verläugnen, nicht annehmen kann, ist, wenn die\nverschwimmende Zerilossenheit als Regel, die Incohärenz\nals Dogma aufgestellt und die Unklarheit für Tiefe er-\nklärt werden eoll; solche Musik ist für uns eine mystische\nKunst, welche dummstolz im Leeren an Mangel an Nah-\nrung stirbt. Nun ist in der That das Gefühl des unendlich\nLeeren dasjenige, das uns am meisten ergreift, wenn wir\nauf die Partitur des Tannhäuser eingehen. Das Gewirr von\nTönen u. s. w. u. s. w. Lässt im Gemüthe keinen Gedan-\nken, kein Gefühl, nicht den Schatten eines Traumes, nicht\nden Wiederschein eines Bildes zurück. Die ungeheure In-\nstrumentation schlägt an unser Ohr, aber kommt nicht ans\nHerz. „„Schlag' zu, aber sag' etwas!\"\" möchte man der\nbetäubenden zurufen, aber umsonst! sie fälit und fällt im-\nmer wieder nieder wie der rohe Hammer auf den Amboss;\neine Sprache ist ihr nicht gegeben, sie ist nichts als Klang.\"\n„Die Ouvertüre zerfällt in zwei scharf gesonderte\nTheile; der erste ist schön, der zweite ein überhohes Cha-\nrivari, in welchem die Violinen das zu\nhaben scheinen, man kann sich das Accompagnemerit zum\nVeitstanz dabei denken. [Wer weiss, ob Wagner das nicht\nals ein Lob aufnimmt!]\n„ Auf einmal stimmt das Orchester den Marsch\nan, mit welchem die Gäste in die Halle des Landgrafen\neinziehen; das ganze Publicum athmete auf, es war, als\nwenn ein langer Druck von ihm genommen würde. Glitten\naus dem nebeligen Wirrwarr brach endlich eine rhythmisch\ngegliederte Melodie hervor, die Sonne verscheuchte. die\nGespenster der Nacht. Dieser Marsch ist prächtig, sein\nheroischer Schwung charakterisirt und begleitet vortreff-\nlich ein grossartiges Fest aus der Feudalzeit. Aber es mischt\nsich in die Bewunderung des Zuhörers ein Gefühl von\nAerger gegen einen Componisten, der durch ein eigensin-\nnig festgehaltenes System das Talent verdirbt, welches die-\nses lange Musikstück offenbart. Dieser Triumphbogen in\nder Wüste zeigt ihre unfruchtbare Dürre nur um so\ndeutlicher.\"\nNachdem er über Wagner's Schriften, in denen „die\neitle Selbstüberhebung des Koran mit dem Dunkel der\nApokalypse sich verbindet\", gesprochen, fährt Herr St.\nVictor folgender Maassen fort:\n„Nicht Wagner allein ist an jenem Abende geschla-\ngen worden, sondern der ganze übertriebene Germanis-\nmus, dessen Fehler sich in ihm alle verkörpert finden. Das\nintellectuelle Deutschland und Frankreich können sich mit\neinander verbinden und ergänzen, aber sie können nicht\nmit einander verwechselt werden oder in einander aufgehen.\nDer grösste Antipode des französischen Geistes ist der deut-\nsche. Der französische Geist ist lauter, lebendig und schnell;\ndie Klarheit ist sein Element und die Analyse seine Me-\nthode; er handhabt eine Sprache, die den Gedanken be-\nstimmt und gedrängt fasst, und deren Tiefe selbst immer\nnoch durchsichtig bleibt. Der deutsche Geist scheut dage-\ngen weder Weitschweifigkeit noch Dunkelheit; seine weit-\ngreifende und frei dahinschwebende Sprache verliert sich\nleicht in das Unendliche der Ideen. Kommt er mit dem\nfranzösischen in Berührung, so fühlt er wieder Boden unter\nsich und kommt zur Empfindung des realen Lebens; um-\ngekehrt tritt der französische unter dem Einflüsse des deut-\nschen aus dem beschränkten Kreise heraus, in welchem\nihn sein ausschliesslicher Geschmack gebannt hält, und\ndringt weiter in die ideale Welt ein. Aber den pedanti-\nschen und hohlen Mysticismus in der Kunst werden wir\nnie annehmen: lue desinit O[Auch wir Deutschen\nund nicht bloss die Berliner sagen eben so: Da hört Alles\nauf!]"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "107", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.3", "texte": "„Und wissen Sie, was das Gefahrbringendste dieses\nmusicalischen Kauderwälsches ist? Es wirft einen in das\nentgegengesetzte Extrem zurück; die Antipathie, die es\neinflösst, befördert den Geschmack am Trivialen. Wenn\nman aus dem Tannhäuser kommt, so preis't man Etienne's\nJeannet et Colin und Flotow's Martha als leuchtende und\nerfrischende Schöpfungen; man summt Vaudeville-Lieder-\nchen, man sehnt sich nach der Zeit zurück, wo das Or-\nchester auf dem Deckel eines Weinfasses Platz hatte\nu. s. w. u. s. w.\"\n„Wenn Wagner's Oper noch einige Abende erlebt,\nso hat sie es der tapferen Neugier der Pariser und der\nprächtigen Ausstattung zu danken. Die Venus-Grotte ist\nfeenartig, die Frühlings-Landschaft an der Wartburg hat\neine ideale Frische; die Jagd des Landgrafen mit seinen\nPiqueurs, Hifthornbläsern, mit der gekoppelten Meute [wie\nglücklich muss Wagner gewesen sein, class er das von ihm\nin der Partitur vorgeschriebene „Rüdengebell\"\nzum ersten Male gehört hat!], mit seinen Rittern in den\nanschliessenden Trachten erscheint als ein Gemälde, wel-\nches unmittelbar aus einer Legende des Mittelalters vor\nuns aufsteigt. Das Turnier der Minnesänger ist vielleicht\ndas schönste Fest, das die Oper je in Scene gesetzt hat.\nEs gibt nichts Prächtigeres als die grosse Halle, in welche\ndie romantischen Personen, die Tieck und Novalis besun-\ngen, mit dem pomphaften altdeutschen Ceremoniel ein-\nziehen; es ist die Wiederbelebung der Ritterzeit, ein wan-\ndelndes Museum!\"\nNehmen wir die Opinion nationale in die Hand, so\nlesen wir in dem Berichte des Herrn Alexis Azevedo\nunter Anderem, „dass es schwer sei, gegen die Lacher\neine strenge Rüge auszusprechen, weil man bei dem Schel-\nlengeläute hinter der Scene, dem unglaublichen Gedudel\ndes Hirtenknaben, dem Gesang-Wettstreit, der Quinten-\nquikerei der Violinen im Finale des zweiten Actes u. s. w.\nden Ausbruch der Heiterkeit kaum unterdrücken könne.\nDas Gedicht sei so schlecht wie die Musik; die Personen\ndesselben seien Abstractionen, keine menschlichen Wesen,\nsie handeln nicht, sie leben nicht. Die Situationen werden\nso zu sagen gleich ganz gar aufgetischt, ohne dass irgend\netwas sie vorbereite und sie motivire. Reflexionen,\nTräume, Erzählung, Reue und Busse vertreten die Stelle\nder Handlung, der einzig wahren Grundlage des Drama's.\nDie Deutschen mögen in ihrem Rechte sein, wenn sie\ndarin die Moral finden, dass die sinnliche Liebe zur Ver-\ndammniss, die reine Liebe zum Heile führt; aber wir Fran-\nzosen sind in unserem Rechte, wenn wir dieser Legende\nin der Gestalt, die Wagner ihr gegeben, a!le Bedingungen\nzur Lebensfähigkeit auf der Bühne absprechen.\"\nHiernach theilt der Berichterstatter seinen Lesern die\nlange Stelle aus Wagner's oft erwähntem „Briefe an einen\nFreund\" mit, in der er seine „unendliche Melodie\" durch\ndie „Melodie des Waldes\" [deutsche Ausgabe, S. 47]\nerklärt. Das gibt natürlich sehr fassbare Handhaben zu\nbeissendem Spott. „Wir wissen jetzt\" —heisst es —, „wie\nsehr wir im Irrthum waren, als wir einen Namen für diese\nMusikgattung suchten, als wir sie Zukunftsmusik nannten,\noder Sonorismus u. s. w. Melodie des Wraldes ist es\ndagegen lässt sich nichts sagen. Als Librettist und Com-\nponist hat Wagner einen glänzenden Misserfolg gehabt,\naber als Taufpathe seiner Musik hat er sich unsterblich\ngemacht.\"\nDer Schluss dieses Berichtes ist merkwürdig genug:\n„Wodurch haben diese seltsamen Dinge in Deutsch-\nland einen Anschein von Erfolg, eine scheinbare Billigung\nerhalten? Sind sie die Fahne irgend einer politischen Op-\nposition, oder der Vorwand einer Minderzahl von Compo-\nnisten, denen die Melodie versagt ist, oder betrachten un-\nsere Nachbarn sie als schöne Gelegenheit,ihre Haupttugend,\ndie Geduld, zu üben?\n„Doch wir haben kein Recht, ihnen nur den gering-\nsten Vorwurf zu machen. Die Musik der Dissonanzen, un-\nterbrochenen Schlüsse, unzusammenhangenden Tonreihen,\nzerknickten Rhythmen, seltsamen Klangwirkungen, barba-\nrischen Modulationen ist bei uns entstanden, und durch\nJournal-Artikel und die Thätigkeit der Schar der Roman-\ntiker, die ihren musicalischen Messias suchten und ihn ge-\nfunden zu haben glaubten, kann in weiter Ferne bei den\nFremden die Täuschung entstanden sein, als hätte jene\nMusik in Frankreich eine Heimat gefunden. Aber das ist\nein starker Irrthum. Niemand bei uns spielt, hört, lies't\noder studirt sie, auf keinem Repertoire erscheint sie, nir-\ngends hat sie Wurzel geschlagen.\n„Nun, durch die Aufführungen des Tannhäuser sind\nwir quitt mit unseren Nachbarn. Die unmögliche Musik,\ndie wir ihnen hinübergeschickt hatten, haben sie uns jetzt,\nmit einem anderen Zeichen versehen, zurückgesandt. Da\nnun die Rechnung ausgeglichen ist, so wäre es Zeit, zu\nsagen: Umarmen wir einander, und die Sache sei abgethan!\n„Es ist indess in der That schade, dass Wagner sich\nsystematisch in eine Sackgasse verrannt hat; denn man\nmuss jedenfalls in ihm das Zeug zu einem vernünftigen\nComponisten finden, wenn man den Marsch im Tannhäu-\nser und mehrere hier und da vereinzelt stehende Bruch-\nstücke hört. Die verdammten Systeme und die verdamm-\nten Vorreden!\n„Die Resultate der ersten Vorstellung sind übrigens\nfür uns erspriesslich- und glücklich. Seit dreissig Jahren\nschläferte man die Leute mit dem kabbalistischen Worte\n\n11"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.4", "texte": "„ „gelehrte Musik\"\" ein oder führte sie irre. Man pries\nihnen Werke an, in denen geistreiche, aber auch zugleich\nbarbarische Combinationen die melodische Erfindung und\nden wahren musicalischen Ausdruck ersetzen sollten. Diese\nTaschenspieler-Stückchen sind von jetzt an nicht mehr\nmöglich. Wir haben endlich ein Publicum, das seine Mei-\nnung kund geben will und sie kund zu geben versteht, ein\nPublicum, dem der geschickteste Charlatanismus nicht mehr\nein X für ein U machen kann.\"\nIn der zweiten Vorstellung am 18. März wurde al-\nlerdings weniger gelacht, aber desto mehr gezischt und\ngepfiffen, was besonders auch durch eine verstärkte und\nnicht bloss unter dem Kronleuchter aufgestellte, sondern\ngeschickter verlheilte Claque hervorgerufen wurde. Diese\nOrganisation rührte indess durchaus nicht von Wagner,\nsondern von anderer Seite her; auch erleidet es keinen\nZweifel, dass unter den Applaudirenden sich viele befan-\nden, die es aufrichtig meinten und keineswegs zum Klat-\nschen bestellt waren. Sie begingen aber alle mit einander\nden grossen Fehler, gerade bei den Stellen am kräftigsten\nloszulegen, welche das vorige Mal am wenigsten gefallen\nhatten. Obgleich Wagner eingewilligt hatte, die auffallend-\nsten zu streichen, z. 13. das Schalmeistückchen, die schau-\nderhafte Violin-Passage im zweiten Acte, die Meute der Jagd-\nhunde, die Wiedererscheinung der Venus im dritten Acte,\nund hier und da ausserdem bedeutende Kürzungen vorge-\nnommen: nichts konnte den Tannhäuser retten.\nTrotz alledem ist Wagner noch nicht enttäuscht. Er\nsetzt sich als Märtyrer und schimpft über die Franzosen\ngerade so, wie er sie als die ersten Kunstlichter der Welt\ngepriesen haben würde, wenn sie seinem System und der\nOffenbarung desselben gehuldigt hätten. Sehr wahr sagt\nPaul Smith in dem Berichte über die zweite Vorstellung:\n„In seiner Doppel-Eigenschaft als Dichter und Musiker\nmuss Wagner wohl eine doppelte Dosis von Stolz oder\nEitelkeit haben, hat aber auch Anspruch auf doppelte\nNachsicht von unserer Seite. Wir wollen sie auch gern\nmit ihm haben, und er thut uns sogar leid; denn wir ken-\nnen nichts Traurigeres und Unheilbringenderes, als jene in\nunseren Tagen so verbreitete Selbstverblendung, mit wel-\ncher sich die Componisten in ihren Schöpfungen beschauen\nund bewundern, wie der liebe Gott in der seinigen, und\nrücksichtslos erklären, dass sie gut sind, ohne alle Beach-\ntung der öffentlichen Meinung. „Und er sah, dass es\ng u t w a r!\" —\n\nB. P.\n\nAus Frankfurt am Main.\n\nDas Museum hat seinen Cyklus mit dem zehnten\nConcerte am 15. März beendet, im Fache der Orchester-\nMusik ist wiederum kein einziges Werk von einem leben-\nden Componisten zur Aufführung gebracht worden, wäre\nes auch nur eine Ouvertüre gewesen. Dieses Nichtbeach-\nten aller, mitunter gewiss sehr anerkennenswerlher Lei-\nstungen von Tonsetzern unserer Tage in diesem Fache,\nwie nicht minder in der Gesangmusik, soll nun einmal in\ndieser so musikreichen Stadt Regel bleiben. Es entspricht\ndies der seit lange vorherrschenden Classicomanie; kein\nWunder sonach, wenn in anderen Städten mit Achtung\ngenannte Componisten zu Frankfurt am Main nicht einmal\ndem Namen nach bekannt sind. Hingegen geniessen Men-\ndelssohn und Schumann die Ehre, mit allen ihren Orche-\nsterwerken auf dem Repertoire zu stehen, da doch nicht\nwenige davon tief unter das Niveau von Werken ihrer\nZeitgenossen zu stehen kämen, hätte man einen ungetrüb-\nten Blick für ihre Schwächen und für die Vorzüge Ande-\nrer. In Erwägung jedoch des Umstandes, dass Alles in einer\neinzigen Probe abgethan werden muss, die nur selten drei\nvolle Stunden Zeit ausfüllt, demnach auf eine Sinfonie\nhöchstens 1 x/% Stunde abfällt, so erscheint die Nichtbe-\nachtung von Werken lebender Componisten fast löblich,\nindem keines derselben dem Gebote jenes Umstandes zum\nOpfer gebracht wird. Aus solchem Verfahren erwächst\njedoch dem Museums-Vorstande kein ihn allein treffender\nVorwurf; denn leider war die Instrumentalmusik seit\nOlim's Zeiten in Deutschland von dem Missgeschick ge-\ntroffen— in purem Gegensatze zu dem in Frankreich üb-\nlichen Verfahren—, aller Orten bis zum beutigen Tage in\nwenig veränderter Weise sich behandelt sehen zu müssen,\nc? 7\nwas letztlich bei den in technischer Fertigkeit immer mehr\nvorschreitenden Orchestern und bei der Leichtfertigkeit der\nmeisten ihrer Führer viele Werke zu blossen Concert-,\nresp. zu Paradestücken für die Orchester herabgewürdigt\nhat.\nAls Capellmeister Nicolai Anfangs der vierziger Jahre\nmit dem Hofopern Orchester in Wien die „philharmoni-\nschen Concerte\" veranstaltete, sind jeder Aufführung sie-\nben Proben vorausgegangen, nämlich zwei ausschliesslich\nfür die Saiten-, zwei für die Blas-Instrumente und drei im\nganzen Vereine. Diese Anzahl Proben war unumgänglich\nnothwendig, sollte der bei den Mozart'schen und Beethöven'-\nschen Sinfonieen und Ouvertüren seit lange liefgewurzelte\nLeichtsinn und Schlendrian herausgetrieben und der echte\nSinn und Charakter hineingebracht werden. Dieser Modus\nward in jenen kunstgeschichtlich berühmten Concerten noch\neingehalten, als dieselben um einige Jahre später unter\nLeitung des Capellmeisters Reuling wieder aufgenommen\nworden*). Die Bestätigung dieser Thatsachen lies't man in\n\n*) Diese beiden Kunstmänner, Nicolai und Heuling, fanden bei\nihrem Wirken noch mehrere gebildete Künstler aus Beethoven's"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.5", "texte": "wiener Blattern aus jenen Jahren. Erst durch völliges Um-\nstudiren aller dieser Meisterwerke kam die lebende Gene-\nralion der wiener Musikfreunde zum reinen Genüsse, aber\nauch zur richtigen Erkenntniss des Inhaltes dieser ewigen\nMonumente der Tonkunst. Man lernte einsehen, dass es\nhierbei mit exacter Beachtung der vorgeschriebenen Aeus-\nserlichkeitcn, als piano, forte u. s. w., noch lange nicht ab-\ngethan ist, dass es vielmehr noch ein oftmals tiefliegendes\nEtwas im Kunstwerke gibt, das vor allem Anderen in die\nErscheinung treten will und soll. Dieses Etwas ist das\nCharakteristisch-Eigenthümliche, das sich bisweilen schon\nin den verschiedenen Perioden eines Satzes verschieden mo-\ndificirt und durch angemessene Bewegung (Tempo) dem\nZuhörer sich bemerkbar macht.\nDas Ergründen dieses specifisch Charakteristischen\nsetzt Studium und poetische Begabung bei dem Dirigenten\nvoraus; zu Ersterem haben diese Herren in der Mehrzahl\nweder Zeit noch Müsse, und das Andere, die Poesie, ist in\nFolge des täglich zu prakticirenden Handwerks schon früh\nvon ihnen gewichen. Um die richtige Auffassung eines je-\nden Theiles des Kunstwerkes nach bestem Vermögen in\nScene zu setzen, dazu braucht der tüchtigste und von der\nhimmlischen Muse noch fest umschlungene Dirigent Zeit\nund Raum. Sein Orchester soll keinem Räderwerke glei-\nchen, das, in Bewegung gesetzt, nach mechanischen Ge-\nsetzen die zu lösende Aufgabe abspult. Was wir aber in\nunseren Tagen von Orchester-Leistungen zu hören bekom-\nmen, darf, mit wenig Ausnahmen, nicht höher angeschla-\ngen werden, denn als Maschinenarbeit.—Als zur Zeit der\nConcerts spirituelsim wiener Orchester der Geist vor-\nherrschte, konnte die Wirkung manches Satzes aus Beet-\nlioven's Sinfonieen mit dem auf Musik sonst nicht an-\nwendbaren Beschaffenheitsworte „plastisch\" bezeichnet\nwerden, indem einzelne Perioden wirklich, wenn im Sinne\ndes Schöpfers ausgeführt, eine gleichsam plastische Gestal-\ntung erhalten halten; denn sie trennten sich von dem Gan-\nzen in der Weise ab, wie der gehobene Arm vom Körper.\nNoch häufiger fand dieses Beschaffenheitswort bei des Mei-\nsters Sonaten für Pianoforte allein passende Anwendung.\nDas alles hat der Mechanismus unserer Zeit verschwinden\ngemacht, und dauert die Herrschaft der Instrumentalmusik\nin der nun üblichen Verfahrungsweise noch einige Zeit fort,\nso wird vollständige Abnutzung der Meisterwerke und\nGleichgültigkeit des Publicums gegen dieselben die unaus-\nbleibliche Folge sein. Jedoch vorbei, vorbei an diesen jedes\nKünstlergemüth tief betrübenden Erscheinungen! Erheben\nwir lieber unseren Blick in schöne Aussichten, welche sich\nden frankfurter Musikfreunden schon in der nächsten Zeit\neröffnen wollen.\nDer neue Coricertsaal steigt von Tag zu Tag höher\nempor. Die grössere Räumlichkeit wird einen grösseren\nZuhörerkreis fassen, dieser wird nicht nur die erforderli-\nchen Geldmittel erhöhen, zweifelsohne auch die bisherige\nf o\nAnzahl der Concerte um fünf oder um noch mehr vermeh-\nren; zu jedem dieser Concerte werden mindestens zwei\nProben abgehalten werden; die Sinfonieen von Mendels-\nsohn und Schumann werden nur selten zu Gehör kommen,\ndie aber von Mozart und Beethoven sammt den Ouvertü-\nren auf mindestens drei Jahre ruhen gelassen, um sie vor\ngänzlicher Abnutzung zu reiten; später sollen dann ihre\nAufführungen wie hohe Festtage betrachtet und für heilig\ngehalten werden; jeder Aufführung davon werden sechs\nbis sieben Proben (nach dem oben angeführten wiener\nVerfahren) vorausgehen, um die früher in den Museums-\nConcerten allen Meisterwerken aufgeprägte Charakterlosig-\nkeit zu beseitigen; die verschiedenen Stilarten sollen nicht\nmehr unter einander gemischt werden; daher werden Solo-\nVorträge von Salonstücken und alten Tänzen, Gigue, Sara-\nbande u. dgl., wenngleich contrapunktisch gearbeitet, den-\nnoch den Zopf hinten und vorn tragend, niemals wieder\nZulassung finden; Lieder-Vorträge hingegen, jetzt so un-\ngebührlich vorherrschend, sollen in Zukunft nur ausnahms-\nweise und sich darin auszeichnenden Sängern gestattet\nwerden. Im Verlaufe der drei Jahre, die dem genannten\nTheile des Repertoires zur Ruhe gegönnt werden, soll den\nCompositionen lebender Tonsetzer die grösste Sorgfalt ge-\nwidmet werden, um das an ihnen begangene Unrecht wie-\nder gut zu machen. Alles aus der neueren Zeit soll geprüft,\ndas Beste davon dem Repertoire einverleibt werden. End-\nlich noch, um alles Zukünftige verrathen zu haben, soll\nauch die Classicomanie mit Stumpf und Stiel ausgerottet\n(versteht sich, nur in den Bäumen des Museums) und ein\nzweites Orchester, wozu Kräfte genug vorhanden, heran-\ngebildet werden, um bei allen Unternehmungen dem kaum\nzu vermeidenden Veto der Theater-Direction wegen Frei-\ngebung ihres Orchesters auszuweichen.\nDiese schönen, wahrhafter Musikliebe und Würdigung\nentsprechenden Aussichten lassen für diese reiche Stadl\neine neue und ruhmvolle, der hehren Tonkunst aber grosse\nVortheile bringende Epoche erkennen, die durch keinerlei\nWechselfälle je eine Reaction zum Absolutismus und Opti-\nmismus erleiden soll; denn die Localkritik, ihrer Würde\nund Amtspflicht gegen Künstler und Publicum stets einge-\ndenk, wird den allseitigen Bestrebungen mit offenem Visir,\nmit Schild und Lanze zur Hand, schützend und schirmend\n\nTagen am Leben, die auf Aufführung seiner Musik bezügliche\nFragen prompt zu beantworten im Stande waren. Heuling ins-\nbesondere, aus Seyfried's Schule hervorgegangen, hat noch einen\ngrossen Theil der „Concerts spirituels' unter Seyfried's Lei-\ntung zu hören Gelegenheit gehabt."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.6", "texte": "zur Seite gehen und die genaue Befolgung der so löblichen\nVorsätze mit Gewissenhaftigkeit, Wahrheitsliebe undSach-\nkenntniss überwachen. Kurz, die Kunst-Annalen werden\nviel des Seltenen und Ausserordentlichen dem kommenden\nGeschlechte zu überliefern haben, wenn ja, wenn das\nVorstehende nicht fromme Wünsche oder gar freie Phan-\ntasieen eines jugendlichen Kopfes sein und bleiben sollen.\nUnd nun werde noch eines im Jünglingsalter stehen-\nden Pianisten aus Wiek's Schule in Dresden Erwähnung\ngethan, der im letzten Museum C. M. v. Weber's\nConcert nebst einigen Beigaben von L. Berger, Mendels-\nsohn und Chopin für Pianoforte allein zum Vortrag ge-\nbracht und auszeichnenden Beifall gefunden hat. Es ist\nHerr Isidor Seiss, derselbe, der kurz vorher dieses We-\nber'sche Werk in Köln gespielt, worüber Nr. 8 dieser\nMusik-Zeitung einen sehr belobenden Bericht gebracht hat.\nIn vollkommener Zustimmung zu dem dort gefällten Ur-\ntheile wollen wir unsererseits noch bemerken, dass in Hin-\nsicht auf prägnante Accentuirung, kräftiges, dem hohen\nIdeenschwunge des ersten Satzes bestens entsprechendes\nColorit, feine und dem Charakter der Cantilene angemes-\nsene Nuancirung des Tempo Herr Seiss den Jüngling be-\nreits weit zurückgelassen und einen ausgewachsenen, ener-\ngischen Mann am Piano vorstellt, der, wenn er auf diesem\nWege fortgeht, der Kunst in diesem Bereiche seltene Vor-\ntheile zuwenden wird. Was dem vollständigen Gelingen\ndes Werkes Eintrag gethan, war die Auffassung des vom\nComponisten beim dritten Salze vorgeschriebenen Presto\nnach modernem Begriffe. Bei solcher Uebereilung konnten\nlediglich nur die Finger, nicht aber auch der Geist thätig\nsein, demnach alle die höheren Anforderungen an den Vor-\ntrag in die Brüche fallen mussten. Will Herr Seiss diesem\nMissverhältnisse in dem herrlichen Werke Weber's noch\nabhelfen, vermag er die Macht der Gewohnheit zu besie-\ngen, so verwandle er das Presto in ein einfaches Allegro,\ndas nach heutigem Verständnisse schon als Presto gilt. Für\nalles, was in der Bewegung das Allegro assai nach dem\nVerständnisse der Gegenwart übersteigt, findet\nsich in der gesammten Literatur der Classiker kein einzi-\nger Satz, daher ich meines lheils jede Anwendung eines\nmodernen Presto oder gar Prestissimo bei den Classikern,\nund zwar in jeglicher Gattung, für eine Verletzung des\nbetreffenden Werkes, überhaupt für einen evidenten Be-\nweis von Unkenntniss des Gesammt-Charakters der classi-\nschen Epoche zu erklären mir erlaube.\n\nA. Schindler.\n\nAus Rotterdam.\n\nDen 25. März 1861.\nDie Jahreszeit der Opern und Concerte geht zu Ende; da ge-\nstatten Sie mir denn wohl einen Rückblick auf die ferneren Thaten\nund Schicksale der deutschen Oper in Rotterdam, und lassen Sich\nbei der Gelegenheit auch erzählen, was sonst Frau Musica hier für\nein Leben führt. Eine gefährliche Aufgabe, wie Ihr Correspondent\naus Erfahrung weiss. Zwar überall ist die Rose der Kunst für den\nKritiker selten ohne Dornen; aber in einem kleinen Lande ist die\nSache doppelt heiklig. „Die Holländer lieben das Lob und hassen\ndie Kritik.*4 Das habe ich nicht gesagt, glücklich genug, sondern\nein Holländer, Herr Thorbecke, der ehrlichste und gescheiteste\nStaatsmann in den Niederlanden, sagt es in seinen „historischen\nSkizzen* und fügt hinzu: »Der Maassstab wahrer Grösse kommt\nuns wohl einmal abhanden.\"\nD ie Franzosen haben vor den Niederländern nichts voraus; auch\nwir haben diesen Winter unseren „Tannhäuser* gehabt. An jenen\nAbenden brannten zum ersten und letzten Male sogar die Armleuch-\nter vor den Logen zu Ehren Richard Wagner's mit wirklichem Gas-\nlichte. Die Stimmen über die Oper waren, wie in Deutschland,\nziemlich getheilt, doch waren die Musiker und die Gebildeteren im\nGanzen dafür. Nicht dass mir, um meine Ansicht auszusprechen, an\ndieser Musik nicht Manches gespreizt, trivial, unschön, unverständ-\nlich schiene; der entsetzliche Missbrauch, der mit dem Recitativ auf\nKosten der armen unterdrückten Melodie getrieben wird, hat mich\nziemlich 'gelangweilt. Aber ausser dem Marsch und dem Liede an\nden Abendstern erlaube ich mir noch einige andere Stellen schön zu\nfinden. Mag sein, dass Frau Kainz grosse Schuld daran hat; denn\nsie war gar lieb als Elisabeth. Ich habe zwar früher gesagt, Frau\nKainz sei keine dramatische Sängerin, und in gewissem Maasse be-\nhaupte ich das noch. Rollen wie die Valentine sind nicht die ihren,\nüberhaupt keine leidenschaftlichen Partieen; nur die Lucia spielte\nsie recht gut. Als Elisabeth hingegen und als Euryanthe befriedigt\nsie, einige Augenblicke ausgenommen, sehr hoch gestellte Ansprüche.\nEuryanthe wurde mit vielem Beifall gegeben; irreich nicht, so hört\nman diese Oper in Deutschland ziemlich selten. Das Libretto hat\ndie rotterdamer Kritik ungereimt gefunden [die deutsche auch!]; ich\nkenne jedoch wenige Opern, in denen es mir so gut gefiele. In den\nGrundzügen gleicht sie Shakespeare's „Cymbeline\" aufs Haar. Frau\nKainz war an einigen Stellen indess nicht leidenschaftlich genug.\nDaran, an der Leidenschaft, hat es Frau Bertram als Eglantine\nnicht fehlen lassen. Sie ist Meisterin des dramatischen Ausdrucks;\ndie Wahnsinns-Scene spielte sie, einen kleinen Fehler abgerechnet,\nausgezeichnet. In der Euryanthe und im Nachtlager von Granada\nwurde der Chor gerufen, einmal sogar, nachdem der Vorhang ge-\nfallen war; ein schönes Zeugniss für die Thätigkeit des Herrn K.\nHempel. Herr Scraup, der erste Capellmeister, genoss nach meh-\nreren Ouvertüren eine ähnliche Ehre. Von diesem verdienstvollen\nMusiker wird jetzt eine Oper einstudirt, deren Libretto für die Nie-\nderländer doppelt anziehend ist: „Der Meergeuse\". Diese Oper und\n„Romeo\" werden die Saison beschliessen.^\nNur Eine Oper hat in diesem Jahre nicht gefallen, „Wilhelm\nTeil®. Namentlich Herr Grimminger als Arnold hat unter drei\nAufführungen nur in einer befriedigt, woraus also zu schliessen ist,\ndass er die beiden anderen Male nicht disponirt war. Aber auch für\nHerrn Dalle Aste soll die Bariton-Partie des Teil zu hoch liegen\nfür einen Bassisten freilich kein Tadel.\nDas Theater-Unternehmen verspricht sich so weit zu rentiren,\ndass die Actionäre ihre Plätze nicht theuer bezahlen. Schon spricht\nman davon, ein neues Gebäude zu errichten, da das alte, mit thö-\nrichter Raumverschwendung gebaute, sich zu klein erweis't. Der Saal\nwar meist jgut besetzt; wenn rFidelio,t gegeben wurde und das"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.7", "texte": "ist 10—11 Mal geschehen —, wurden bis zuletzt Einnahmen von\n1200 Fl. erzielt. Auch hat sich unser immer eifriger Herr v. B.\nschon auf eine Entdeckungsreise zum Frommen der nächsten Saison\nnach Deutschland begeben Von Orchester und Chor wird ein Stamm\nerhalten bleiben. Der deutschen Oper in Rotterdam wünschen wir\nsomit ein kräftiges Gedeihen, und hoffen ihr im nächsten Winter\nin noch verschönerter Gestalt zu begegnen.\nIm Mai sehen wir hier einer grossen Aufführung durch die hie-\nsige Abtheilung der Gesellschaft zur Beförderung der Tonkunst ent-\ngegen, über die ich Ihnen zu berichten hoffe. Diesen Winter hatten\nwir ein „Familien-Concert\", d. h. ausschliesslich für Mitglieder (man\nkann Mitglied sein, ohne musicalisch mitzuwirken), wo Krau Of-\nfermans uns Hillens „Lorelei* sang. Die Stimme dieser mit\nRecht gefeierten Sängerin ist weder sehr stark, noch besonders wohl-\nlautend ; man kann leicht viele finden, die beide Eigenschaften in\nhöherem Grade besitzen. Aber ich kann mir recht gut denken, wess-\nhalb Hiller von ihrer Lorelei so entzückt war. Denn eine Künst-\nlerin wie Frau Offermans in ihrem Genre für das Oratorium würde\nman vielleicht nicht so leicht wieder entdecken. Niemals sehwankt\nsie über das Maass dieser Gattung in wohlfeilem Haschen nach dra-\nmatischen Effecten hinaus. Aber ihr Gesang ist Seele; jede Regung\ndes Gefühls erhält ihren echten Ausdruck. Die rLoreleiu hat hier\nauch als Composition gar sehr gefallen. Auf demselben Concerte\nkam ausser Mendelssohns „Lobgesang\" ein neues Werk von Franz\nCoenen zu Gehör. Der Text hat grosse Schönheiten, ist sogar,\nsollte ich meinen, eine sehr glückliche Neuerung. Statt der bibli-\nschen ist nämlich der Gegenstand der nationalen Geschichte entnom-\nmen. Albrecht Beiling war der niederländische Regulus. Führer der\nunterliegenden Partei in einem berühmten Bürgerkriege, verschafft\ner den Seinen günstige Bedingungen, indem er sich freiwillig dem\nTode darbietet. Nachdem er heimgegangen, um Frau und Kind noch\neinmal wiederzusehen, kehrt er zurück, um lebendig begraben zu\nwerden. Diese Begebenheit ist historisch. Dem männlich ernsten\nGeiste dieses Textes*) entspricht nun auch die Composition.\nWunder, dass sie bei dem grossen Publicum durch die folgenden\nlieblichen Töne der Lorelei mehr, als sie verdiente, in Schatten ge-\nstellt ward! Dazu kam, dass nur Eine General-Probe vorhergegangen\nwar und das Haupt-Solo (Beiling Bariton) sich in allzu schwa-\nchen Händen befand. Den Lobgesang und die Lorelei dirigirte\nHerr Verhulst, ein geborener Capellmeister.\nSeit Jahren veranstaltet Herr Tours jeden Winter sechs Abon-\nnements-Concerte; sie werden als die der Eruditio musica bezeich-\nnet und im Saale der Gesellschaft Tot Nut van H Algemeen, dem\nzweiten der Stadt, ausgeführt. Es liegt mir nun sehr fern, einem so\nverdienstvollen Manne etwas Tadelndes sagen zu wollen, wenn ich\nbemerke, dass die neue Oper auf den Besuch dieser Concerte einen\nnachtheiligen Einfluss gehabt zu haben scheint, und dass daher in\ndiesem Jahre die Leistungen nicht so gut waren, als sonst als\nz. B. im vorigen, wo uns Laub, Stockhausen und Jaell vorgeführt\nwurden. Nur mit Violoncellisten wurden wir reichlich bedacht. Da\nwar vor Allen ein Herr aus dem Haag, der mir gezeigt hat, wie\nlangmüthig ein holländisches Publicum sein kann. Er wurde für eine\nunerlaubt lange und langweilige Misshandlung seines Instrumentes\nschwach applaudirt und nicht hervorgerufen wie es scheint, die\näusserste Strafe hier zu Lande. Anders war es mit Herrn Golter-\nmann. Das Spiel dieses ausgezeichneten Virtuosen war die Krone\ndieser Concerte, wenn ich einige Lieder der Frau Offermans daneben\nsteile Ein voller, breiter, klangvoller Ton, eine Leichtigkeit und ein\nAusdruck, wie ihn alle, die Servais gehört haben, selbst bei diesem\nberühmten Cellisten nicht gefunden haben wollen. Bei seinem Vor-\ntrage des Ave Maria von Schubert flössen Thränen.\nFasse ich die öffentlichen musicalischen Leistungen dieses Win-\nters und das, was hier in Dilettanten-Kreisen gethan wird, zu einem\nGesammtbilde zusammen, so zeigt sich derselbe erfreuliche Fort-\nsehritt, der überhaupt das gesellige Leben in Rotterdam kennzeich-\nnet. Das wäre wahrlich nicht eine strenge, sondern eine ungerechte\nKritik, die nicht alle kleinen Mängel, welche dabei noch unterlaufen,\nherzlich gern vergessen möchte über der Anerkennung einer rühm-\nlichen Entwicklung. Wie hier die Musik vor dreissig Jahren be-\nschaffen war, das wissen ältere Männer recht anschaulich zu erzäh-\nlen. Der Mann, der in Rotterdam den hauptsächlichen Anstoss zu\ndiesem Fortschritte gegeben hat, ist der greise, aber noch immer\njugendliche städtische Capellmeister Herr Hutschenruyter.\nEine aufblühende Stadt, wie Rotterdam ist, wird auch die Kunst\nund alles, was heitere Geselligkeit schmückt, mehr und mehr lieben\nund pflegen. Ich prophezeie der deutschen Musik hier eine gute Zu-\nkunft. Mag man, wie in Berlin, einmal zur Abwechslung nach Ita-\nliänern oder nach Franzosen greifen: das holländische Gemüth ist\ngermanisch, und so werden es sich mehr und mehr die reichen Bür-\nger zur Ehre rechnen, die Oper und die Concerte der „Gesellschaft\"\nund der Eruditio zu unterstützen\n*). Ich habe ihn im „Magazin für Literatur des Auslandes* (18G0)\nin deutscher Uebertragung mitgethcilt.\n\nA Worthmann.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nKoflra. Die Reihe der fremden Pianisten, die wir diesen Winter\nhier gehört haben, hat in diesen Tagen Herr Hans Seeling aus\nPrag beschlossen. In ihm haben wir einen ausgezeichneten Künstler\nkennen gelernt, der den Ruf, der ihm von Paris und Frankfurt a M ,\nwo er Concerte gegeben, vorausging, bei uns mehr als gerechtfertigt\nhat Herr Seelingist aber nicht bloss als Virtuose, sondern nament-\nlich auch als Componist für sein Instrument höchst beaclitungswerth.\nEr hat sich nämlich im Gegensatze der meisten Kunstgenossen, die\nheutzutage durch Viel- oder gar Allseitigkeit* zu imponiren suchen\nund die ganze Clavier-Literatur von Bach und noch höher hinauf\nbis auf sich selbst in ihren Bereich ziehen, hauptsächlich auf eine\nGattung der Composition concentrirt, ein Verfahren, das zu jeder\nZeit und in jedem Fache geistiger Thätigkeit stets zu wirklichen\nResultaten führt. Diese Gattung ist die edle Salonmusik, wenn wir\nmit diesem Namen die Producte jener Darstellungsweise bezeichnen\ndürfen, welche auf dem Pianoforte eine bestimmte Empfindung, die\nauch wohl durch Aussermusicalisches angeregt ist, durch ein entspre-\nchendes Motiv und dessen nicht bloss melodische, sondern kunst-\nund phantasiereich figurirte Durchführung in dem bescheidenen Rah-\nmen eines musicalischen Bildchens („Eidyllion\" nannten es die Grie-\nchen) auszudrücken sucht. In dieser Gattung, in welcher uns zuerst\nField, dann die guten Componisten melodischer Etüden, dann Cho-\npin, Schumann, PLller, Schulhoff, Stephen Heller u. s. w. Treffliches\ngegeben, leistet nun auch Herr Seeling ganz Vorzügliches, und es\nist bemerkenswerth, wie sich bei der Entwicklung seines Talentes\nComposition und Spiel in wechselweiser Förderung zu einer eigen-\ntümlichen und interessanten Künstler-Specialität ausgebildet haben.\nSeine Etüden, seine „Lorelei , seine „Idylle\" u s. w u. s. w. sind\nhübsch erfundene und sehr geschmackvoll und kunstreich ausgear-\nbeitete Sachen, in deren Vortrag Herr Seeling eine meisterhafte Tech-\nnik mit künstlerischem Bewusstsein und natürlichem, nicht affectir-\ntem Ausdruck zur Geltung bringt. Er hat in der letzten Sitzung der\nmusicalischen Gesellschaft und in einer Soiree vor einem gewählten\nPublicum lebhaften Beifall und die vollste Anerkennung seines ern-\nsten künstlerischen Strebens gefunden.\nFräul. Nina Hart mann aus Köln hat die Bühne in Gr atz,\nderen Hauptzierde sie drei Jahre lang war, verlassen, um ein Enga-\ngement in Frankfurt a. M. anzutreten. Nachdem ihre diesjährige\nBenefiz-Vorstellung Verdfs Traviata zahlreich besucht wor-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610406-01.1.8", "texte": "den, wurden ihr bei ihrer Abschieds-Rolle Elvira in Verdi s Er-\nnani die ehrenvollsten Beweise der Hochschätzung ihres ausge-\nzeichneten Talentes vom ganzen Publicum zu Tlieil. Gleich bei ih-\nrem Auftreten wurde sie mit einem lange anhaltenden Applaus von\nallen Seiten empfangen; selbst die Damen in den Logen Hessen ihre\nTücher wehen, und jede Nummer ihres Gesanges erregte denselben\nrauschenden Beifall. Nach dem Schlüsse der Oper wurde Fräul. Hart-\nmann fortwährend gerufen, sie musste über zwölf Mal wieder er-\nscheinen, eine Menge von Kränzen mit Bändern in deutschen und\nitaliänischen Farben wurden ihr zugeworfen mit deutschen und ita-\nliänischen Gedichten, so dass die Gefeierte, von so vielen Beweisen\nder Gunst überwältigt, nur mit Mühe einige Worte des Abschiedes\nund des Dankes sprechen konnte.\nBielefeld* Unsere musicalischen Zustände heben sich auf er-\nfreuliche Weise. Der Musik-Verein, dem es Ernst um die Kunst\nist, scheut keine Ausgaben zum Behuf von Aufführungen grösserer\nWerke. So brachten z. B. die letzten Abonnements-Concerte dessel-\nben unter Leitung des Musik-Directors Ludwig Hoff mann am\n24. Februar Me n de Iss o h n's „Paulus* und am 29. März Joseph\nIlaydn's B-dur-Messe.\nlsai*sai Stadt* Während in Paris Wagner's Tannhäuser nicht\ngefallen hat, erhält sieh Gounod's »Faust\" hier in der grössten\nGunst des Publicums. [Wir geben in der nächsten Nummer dieses\nBlattes die ausführlichere Kritik dieser Oper aus der Feder eines\nMusikers. Die Redaction]\nFrankfurt a. M« Zwei policeiliche Ausweisungen haben\nunsere Bürgerschaft in eine förmliche Aufregung versetzt, und man\nbespricht dieselben in der Stadt, so wie in hiesigen und auswärtigen\nBlättern mit der grössten Erbitterung gegen die Policeibehörde und\ngegen Herrn Dr. Guaita, den Hauptleiter unserer Bühnen-Verhält-\nnisse, den man allgemein als den moralischen Urheber dieser uner-\nhörten Maassregeln betrachtet, zumal er dem derzeitigen Chef der\nPolicei persönlich sehr nahe steht. Ein Dr. Ed. Löwenthal, Mitarbei-\nter am „Arbeitgeber' und Herausgeber einer „Universitäts-Zeitung\",\näusserte sein Missfallen über die jetzige Theater-Leitung in einem\nArtikel, in dem zugleich erwähnt war, dass dem Abschiedsfeste für\nFräulein Janauschek die Bürgermeister beigewohnt hätten, was\njedoch auf einer Verwechslung mit dem Concerte beruhte. In Erwä-\ngung nun, dass „ein Blatt mit so unzuverlässigen Nachrichten der\nStadt wenig Ehre bringe\", und ferner wegen eines Artikels über\nMilitär-Excesse in Greifswalde ward derselbe, angeblich auf preussi-\nsche Requisition, aus Frankfurt ausgewiesen. Die preussische Ge-\nsandtschaft erklärte jedoch, dass keine Requisition ihrerseits Statt\ngefunden habe, und die schriftlichen Missfallens-Aeusserungen des\nHerrn Löwenthal werden daher allgemein als in erster Linie mit sei-\nner Ausweisung zusammenhangend bezeichnet. Der Hetroffene sowohl\nselber wie der würtembergische Gesandte haben sofort Recurs beim\nSenate eingelegt. Der zweite Fall jedoch ist noch ärger und steht\nin seiner Art ganz einzig da. Ein junger österreichischer Handlungs-\nCommis hatte im Theater, um sein Missfallen zu äussern, nach\nSehluss der Vorstellung gepfiffen, und ward wegen dieses Verbre-\nchens aus der Stadt gewiesen! Beide Verwiesene sind natürlich\nFremde, so genannte „Permissionisten\", sonst hätte man sich eine\nsolche Willkür, welche jedoch in der Befugniss der Policei steht,\nda die Fremden hier eigentlich nur geduldet sind und sogar ohne\nGrund-Angabe ausgewiesen werden können, nicht erlauben können.\nDie Stadt nimmt sich jedoch mit lebhafter Theilnahme dieser Ge-\nmaassregelten an, und es soll, wie es heisst, sogar eine Bürger-\nVersammlung berufen werden, um Protest gegen diese unerhörten\nVorgänge einzulegen und auf eine Aenderung der vollkommen recht-\nlosen Stellung der Permissionisten überhaupt zu dringen.\nJoseph Staudigl ist am 28. März, 54 Jahre alt,\nhier im Irrenhause sanft und ohne Schmerzen verschieden. Seit dem\n11. April 1854 war er der Pflege der Anstalt anvertraut. Seine\nSöhne waren an seinem Sterbebette.\nXilltS?»riicl&* Die neue Oper „Der Liebesring* vom Capell-\nmeister Herrn Skuheisky fand hier so entschiedenen Beifall, dass\nsie was als etwas hier ganz Aussergewöhnliches bezeichnet wer-\nden muss im Laufe einer Woche drei Aufführungen bei gefüll-\ntem Hause ermöglichte. Ler junge Componist wurde wiederholt\ngerufen.\n2. April. Der Brief R. Wagner's an den Director der\ngrossen Oper, mit welchem er die Partitur des Tannhäuser nach\nder dritten Vorstellung (Sonntag, den 24. März) zurückzog, lautet\nim Original:\nMonsieur le directeur,\nL\" Opposition, qui s'est mani/estee contre le Tannhauser me prouve\ncombien vous aviez raison quand, au debut de cette affaire, vous me\nfaisiez des observations sur Vabsence du ballet et d'autres Conven-\ntions scöniques auxquelles les abonnes de VOp&ra sont habituös.\nJe regrette que la nature de mon ouvrage rrCait empeche de le\nconformer a ces exlgences. Maintenant que la vivacitö de Vopposi-\ntion qui lui est faite ne permet meme pas a ceux des spectateurs\nqui voudraient Ventendre &y donner Vattention necessaire pour Vap-\npretier, je riai dautre ressource honorable que de le retirer.\nJe vous prie de faire connaitre cette d&cision a Sun Exc. M. le\nMinistre dl Etat.\nAgreeZj etc. Richard Wagner.\nParis, le 25 marB 1861.\nWas Wagner mit dem Fehlen von d*autres Conventions sedniques\n(anderen scenischen Conventionellen Dingen) in seiner Oper sagen\nwill, ist nicht recht klar. Er kann doch einer Direction, welche\n25<>,01»0 Francs an die scenische Ausstattung gewandt hat, unmög-\nlich ins Gesicht sagen, dass eine solche gefehlt habe! Er muss alco\nunter absence d autres Conventions sceniques die Abwesenheit der\nMelodie u. s. w. gemeint haben ; dann hätte er aber von Conventions\nmusicales sprechen müssen Man sieht, es war ihm nur um einen\nVor wand zu thun, sich selbst als Märtyrer einer gemachten Oppo-\nsition hinzustellen und eine ressource honorable für das Aufhören\nder Vorstellungen zu suchen. Trotzdem sprach man hier von noch\neiner Verstellung am Freitag den 5. April, welche die Freitags-\nAbonnenten der grossen Oper verlangten, die den Tannhäuser noch\nnicht gesehen.\n\nB. P."}]}