{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-05-25-01", "volume": "bmtnabi_1861-05-25_01", "ocr_sha256": "2f19e61ce9821129d830e4820344adfd19e955b5fd7be3aed0ac59af19911b3b", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/05/25_01/bmtnabi_1861-05-25_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-05-25-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-05-25_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-05-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "161", "page_fin": "161", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 402, "texte": "Inhalt.\nDas 38. niederrheinische Musikfest. I. Briefe aus Wien (Wagner's Opern in Wien). Von Verax. Die wiener Coneert-\nSaison 1860—1861. Tages- und Un terh al tun gs bi at t (Köln, Herr Franz Lachner Elberfeld, Concert von J. A. van Eyken\nSchwerin, Orgel-Concert von F. 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Wir erinnern hier nur an das Programm ihres ersten\nTest-Comite's (1825), nach welchem unter der Leitung\nvon Ferdinand Ries Händel's Alexanderfest, Mo-\nzart's Davidde penitente,Beethoven's Christus am\nOelberge, Mozart's Ouvertüre zur Zauberflöte, eine neue\nSinfonie [Es-dur)von F. Ries und die neunte Sinfo-\nnie von Beethoven aufgeführt wurden letztere zum\nersten Male in Deutschland nach der wiener Aufführung;\nferner an die Darstellungen der besten Oratorien Hän-\ndel's (Messias, Judas Maccabäus, Samson, Israel in Ae-\ngypten); an die herrliche Aufführung von Haydn's\n„Schöpfung\" im Jahre 1846 unter Mendelssohn's Lei-\ntung und den Vortrag der Sopran-Partie durch Jenny\nLind; endlich an die Wiederaufnahme der Festfeier im\nJahre 1851, wozu nach den Jahren der Unterbrechung\nseit 1848 Aachen zuerst wieder den Muth hatte, der ver-\ndienter Maassen durch das schönste Resultat gekrönt\nwurde.\nDen glänzenden Erfolg des diesjährigen Festes hat das\nComite dem vortrefflichen Programm und der Vereinigung\nvon ganz vorzüglichen Kräften für Chor und für Orche-\nster zu danken, welche der königlich baierische General-\nMusik-Director Franz Lachner mit bekannter Meister-\nschaft zu leiten, zusammen zu halten und künstlerisch wirk-\nsam zu machen verstand, worin ihm der königliche Musik-\nDirector und städtische Capellmeister von Aachen, Herr\nFranz Wüllner, bei den Vorübungen auf so ausgezeich-\nnet tüchtige Weise vorangegangen war, wie dies beson-\nders die Sicherheit des Chors in der Missa solemnis von\nBeethoven bewies, dass dem Fest-Dirigenten in der That\nin Bezug auf die Vocal-Partie nichts mehr zu thun übrig\nblieb. Ueberhaupt waren die Aufführungen ein neuer und\nerfreulicher Beweis für den grossen Fortschritt, welchen\ndas schöne Land am Niederrheine, das seit Jahrhunderten\nin musicalischer Hinsicht rühmlich bekannt ist, in den letz-\nten Jahren in der genauen und ausdrucksvollen Wieder-\ngabe der classischen Werke der Meister der Tonkunst ge-\nmacht hat. Es war wirklich zweifelhaft, welcher Partie\nman die Palme zuerkennen sollte, dem Sängerchor oder\ndem Orchester. Das Orchester zeigte sich in der Ausfüh-\nrung der Sinfonia eroicavon Beethoven, womit das\nConcert des ersten Tages begann, so ausserordentlich schön\nzusammengesetzt, so kräftig und gewaltig in der Gesammt-\nwirkung und so reich an schönem Klang und Ausdruck\nder einzelnen Solo-Instrumente, dass man es selbst über\nden feurigen und volltönenden Aufschwung des Chors im\nGloria der Messe und über die glänzende Pracht der\nHauptchöre im Josua nicht vergessen konnte, zumal es\ndurch seine Kraftfülle und unzerstörbare Sicherheit das\nGanze auf imponirende Weise zusammenhielt.\nAls Mitwirkende auf der Tonbühne gibt der Anhang\nzum Textbuche folgende Zahlen an:\nA. Vocal-Partie.\nI. Sologesang: 4. Sopran: Frau Francisca Rüb-\nsamen-Veith, kurfürstlich hessische Hof-Opernsängerin\naus Kassel. Alt: Frau Christine Potthoff-Diehl\naus Aachen. Tenor: Herr Karl Schneider, herzog-\nlich nassauischer Kammersänger aus Wiesbaden. Bass:"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4021, "texte": "Herr Julius Krause, königlich preussischer Hof-Opern-\nsänger aus Berlin.\n11. Chorgesang: Sopran . . 9-3\nAlt 91\nTenor... 103\nBass .... 138\nSumme: 425.\nB. Instrumental-Partie.\nI. Concertisten: Frau Clara Schumann, k. k.\nösterreichische Kammer-Virtuosin.— Herr Joseph Joa-\nchim, königlich hannoverscher Concert-Director.\n11. Orchester: Violinen ... 52\nViolen .... 16\nVioloncelle . 18\nContrabässe . 13\nFlöten .... 4\nOboen .... 4\nClarinetten . 4\nFagotte ... 4\nHorner. ... 8\nTrompeten . 4\nPosaunen . . 6\nBass-Tuba. . 1\nPauker.... 1\nSumme: 135.\nOhne die zwei Dirigenten wirkten also 566 Personen zu\nden Aufführungen mit. Nehmen wir dabei im Chor einen\nAusfall von etwa 25 an, die verhindert waren, ihre Zu -\nsase zu halten, so bleibt immer eine Masse von 530 bis\nO 7\n540 wirklichen Sängern und Instrumentisten, eine Zahl,\ndie vollständig hinreichend ist, diejenige Wirkung zu er-\nzielen, welche bei grossen Oratorien nur durch Massen zu\nerzielen ist. Eine bedeutende Ueberschreitung oder gar\neine Verdoppelung und Verdreifachung derselben, wie sie\njetzt z. B. in England im Krystall-Palaste bei London Mode\ngeworden ist, erhöht erfahrungsmässig den Eindruck der\nKraft keineswegs, beeinträchtigt hingegen häufig die Prä-\ncision und vor Allem den feineren Ausdruck der Aus-\nführung.\nDas Fest-Local in Aachen, das Theater, ist zwar nach\nden jetzigen Verhältnissen der Concertsäle und Opernhäu-\nser klein, allein die akustischen Verhältnisse sind sehr gut,\nund der Abschluss des stufenweise bis zu bedeutender\nHöhe aufsteigenden Orchesters durch feste Seitenwände\nund Hinterwand concentrirt den Gesammtton auf sehr vor-\ntheilhafte Weise und wirft ihn mit seinem ganzen vollen\nKlange in den Zuschauerraum hinein.\nTrotz des grossen Zudranges, der das Haus an jedem\nTage bis auf die schmälsten Bäume, die nur zum Stehen\nPlatz gaben, füllte, herrschte durch die musterhaften Ein-\nrichtungen überall die grösste Ordnung, und es kam nicht\ndie geringste Störung vor.\nUnter den Zuhörern bemerkten wir die Herren Fer-\ndinand Hiller, Franz Weber, Breun ung, Max\nBruch, Ho m pesch aus Köln, Müller aus Frankfurt\nam Main, Scholz aus Hannover, Krause aus Barmen,\nG. Aloys Schmitt aus Schwerin, Felis Vater und Sohn\nund S o u b r e aus Brüssel, van Boos aus Lüttich u. s. w.\nDer Erfolg der Fest-Concerte war aber nicht nur in\nkünstlerischer Hinsicht, sondern auch in Bezug auf die\nEinnahme ein sehr befriedigender, und dies ist bei den\ngrossen Kosten, die unsere Musikfeste jetzt verursachen,\nein wichtiger Punkt, weil von ihm doch am Ende das Be-\nstehen derselben abhängt. Trotz der hohen Eintrittspreise,\nwelche der gegen die Locale in Köln und Düsseldorf be-\nschränkt zu nennende Zuhörerraum nöthig macht näm-\nlich 4% Thlr. für jeden Platz (ohne Unterschied, ob im\nParterre, ersten Bange u. s. w.) für alle drei Tage, 2 Thlr.\nfür jeden einzelnen Tag, 20 Sgr. für jede Probe —, wa-\nren doch die Proben und die Aufführungen stets so be-\nsucht, dass Eintrittskarten für einzelne Tage nur Wenigen\nzu Thcil werden konnten, da der ganze verfügbare Baum\nim Hause immer schon durch die Abonnenten besetzt war.\nWenn sich der Sinn für grosse Musik-Aufführungen\ndurch das Herbeiströmen der Menge von Zuhörern wie-\nderum bekundete, so legte die höchst aufmerksame und\ngespannte Theilnahme derselben, die sichtbare Befriedi-\ngung, die in immer wachsender Aufregung bis zur Begei-\nsterung stieg und nicht nur bei vielen Vorträgen der So-\nlisten, sondern hauptsächlich bei den Chören in den leb-\nhaftesten Applaus ausbrach, so dass im Josua der Anfangs-\nchor des dritten Theiles: „Glorreich ist Gott\" (mit dem\nTenor- und Trompeten-Solo), und nachher der Siegeschor\nin G-durwiederholt werden mussten: diese Empfäng-\nlichkeit und ihr begeisterter Ausdruck legten den klarsten\nund schlagendsten Beweis für den richtigen Geschmack\nund den noch ungetrübt erhaltenen Sinn für das wahrhalt\nMusicalisch-Schöne in unserem Publicum ab. Und so wird\nes überall sein, wo man classische Meisterwerke mit Ver-\nständniss und durch befriedigende Mittel zur Aufführung\nbringt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-05-25-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-05-25_01#c003", "volume": "bmtnabi_1861-05-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "162", "page_fin": "164", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.2.3", "titre_corps": "Briefe aus Wien.", "titre_sommaire": "Briefe aus Wien.", "signature_source": "Verax", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.2", "debut_caractere": 4023, "fin_caractere_exclue": 4257, "texte": "Briefe aus Wien.\n\nWenn die kritischen Federn an der Seine geglaubt\nhaben, der pariser Wagner-Fiasco werde auf Deutschland\nzurückwirken und die Anhänger der „Zukunftsmusik\" da-\nselbst zur Vernunft bringen, so haben sie sich, wenigstens"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5515, "texte": "H\n\nwas Wien betrifft, bedeutend getäuscht. Sie haben nicht\nmit in Rechnung gebracht, was bei der Wagner-Frage\nsonst noch unter der Decke mitspielt. Obwohl Wagner's\nTannhäuser, Lohengrin und neuerlich auch der Fliegende\nHolländer sich das wiener Theater-Publicum bald unter-\njochten, so würde der Componist hier doch nicht so viel\nGlück gemacht, so viel Sympathie gefunden haben, wäre\ner nicht erstens ein Flüchtling und Verbannter, und wäre\nsein Tannhäuser nicht in Paris so jämmerlich ausgepfiffen\nworden. Sie kennen wohl, wenigstens zu-\nnächst die „wiener Gemütlichkeit\", welche sich namentlich\ndarin gefällt, für alle Arten irgendwie Verfolgter, wenn\ndieselben nur nicht gerade ein scheussliches Verbrechen\nbegangen haben, eine unendliche Sympathie zu fassen.\nAbgesehen von den eigentlichen Musikfreunden, die sich\nnatürlich von Wagner'scher Musik hier eben so fern hal-\nten, wie anderswo, ist ferner das Publicum von einer un-\ngemeinen Weitherzigkeit. Es bejubelt Alles: Beethoven\nund Verdi, Meyerbeer und Wagner, Mozart und Rubin-\nstein. Dass es dabei natürlich mit sich selbst in Wider-\n\\\nSpruch geräth, das kümmert es nicht im Mindesten; und\nwie sollte es das auch? Es will ja bloss geniessen, nicht\nurthcilen, nicht für seine Bildung etwas gewinnen.\nBei Richard Wagner treten aber noch andere Ele-\nmente auf, als die wiener „Gemüthlichkeit\" und Urtheils-\niosigkeit. Ich will Ihnen sagen, was bei seinen Erfolgen\nalles mitwirkt und so auffallende Ovationen und Demon-\nstrationen zu Stande bringt, wie wir sie hier in diesem\nAugenblicke erleben. Da ist erstens das in Wien reichlich\nvertretene Judenthum. Die dem christlichen geläuterten\nWesen, der hohen Reinheit und Charakterfestigkeit, der\nmehr duldenden als leidenschaftlichen Liebe so ganz ent-\ngegengesetzte Wagner'sche Kunst, diese orientalische Uep-\npigkeit und nervöse Sinnlichkeit, wie sie namentlich im\nTannhäuser (im Pilgermarsch, im Allegro der Ouvertüre,\nin den Bacchanalien des Venusberges) so abstossend auf-\ntritt, entzündet gerade den oben genannten ehrenwerthen\nTheil der wiener Bevölkerung auf das heftigste. Ich habe\ndas oft beobachtet und weiss, was ich sage. So wie Wag-\nner in seinen Schriften das Christenthum perhorrescirt,\nso thut es auch seine Musik, welche der vollkommenste\nAusdruck des modernen Materialismus und Rationalismus\nist. Alles, was Demuth, Sittenreinheit, Keuschheit, geistige\nVerklärung und Veredlung heisst, ist der Natur der Wag-\nner'schen Musik gerade entgegengesetzt, und da diese\nEigenschaften in den grossen Städten nur einen kleinen\nKreis von Anhängern haben, so jubelt der Tross um so\nlauter, je mehr eine Kunst das Gegentheil ausspricht.\nAusser dem Judenthum ist es die mit ihm verwandte\nDemokratie, in der üblen Bedeutung des Wortes, welche\nin Wagner den Freiheits- und Barricaden-Helden feiert,\nvor Allem aber den Flüchtling und Verbannten. Sie wis-\nsen, dass ich die Demokratie im edleren Sinne werth und\nhoch halte und keineswegs zu den Reactionären gehöre,\ndie jeden Freigesinnten sofort mit Lust an dem Galgen\nhangen sehen möchten. Ich kann mich aber auch der Be-\nobachtung nicht entschlagen, dass es Zeiten gibt, wo je-\nder Demokrat, sei sein Charakter sonst auch keineswegs\nvon jener drakonischen Strenge, die ich von dem Demo-\nkraten und Republikaner vor Allem fordere, als Märtyrer\nselig gesprochen und mit wahrhaft heidnischer Abgötterei\ngefeiert wird. Wagner ist nun in so fern allerdings mit\nRecht Gegenstand mitleidigen Bedauerns, als er sich nach\nseinen dresdener Affairen in eine sein Streben und Wir-\nken so ganz niederdrückende Unthätigkeit versetzt sah und\nüberdies eine Kritik über sich ergehen lassen musste, die,\nvom Standpunkte der Kunst jedenfalls hochberechtigt,\ndoch nicht gerade dazu angethan war, das traurige Loos des\nVerbannten zu versüssen. Allein der strahlende Heiligen-\nschein, mit dem man jetzt sein Haupt bekleidet, hat doch\netwas gar zu Uebertriebenes an sich, als dass man nicht\ndavon mit Ekel erfüllt werden sollte. Es ist aber nicht\ndie Demokratie im Volke allein, welche jetzt Wagner in\ndie Schuhe hilft. Sie wissen, welcher Umschwung hier im\npolitischen Leben vor sich gegangen ist, und wie sehr man\nsich bemüht, durch die jetzige „Liberalität\" alle Völker\nund Regierungen des Erdballes zu beschämen. Dieser\nirrende Wagner war ein gefundener Handel, um Allen\nzu beweisen, wie milde man in Oesterreich jetzt die Re-\nvolutionäre behandelt, und wie sehr man die Sache der\nKunst von der Politik zu trennen geneigt ist. Wagner ist\nein grosser Künstler, dem man es jetzt wohl verzeihen\nmag, dass er auf den Barricaden gegen den seine Schul-\nden bezahlenden König gestanden. Also nicht allein die\nvon ihrer Neigung zu Katzenmusiken u. dgl. erst kürzlich\nwieder mit Mühe curirte Bevölkerung Wiens, auch das\nMinisterium selber befördert die heilige Sache der\nWagner'schen Kunst, und wie Sie erfahren haben wer-\nden, sind wir eben daran, in die Fussstapfen Napoleon's\n111. zu treten und durch hohen Machlspruch eine Insceni-\nrung und Aufführung von „Tristan und Isolde\" durch-\nzusetzen. Nun beneide ich zwar weder Capellmeister, noch\nSänger, noch Publicum um die hiervon zu gewärtigende\nArbeit und Genüsse, aber anerkennen muss ich die hohe\nIntelligenz, welche sich darin ausspricht, die Sache der\nKunst durch eine Aufführung von Tristan und Isolde zu\nfördern, Wagner aber immer fester an Wien zu fesseln,\ndamit es immer gewisser der Wohlthaten theilhaftig werde,\nwelche die Wirksamkeit eines solchen Mannes, verbunden\nmit der seiner Anhänger, die sich natürlich beeilen wer-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3663, "texte": "den, sich um ihn zu \\ ersammeln, einer Stadt wie Wien\nbieten kann.\nDie Unterstützung, die man Wagner zu Theil wer-\nden lässt, hat wohl ausser dem Ministerium auch im wie-\nner Adel überhaupt seinen Grund. Die hohe Fürstin,\nGemahlin des österreichischen Gesandten in Paris, deren\nUrlheil von dem dortigen Opern-Publicum ein so schmäh-\nliches Dementi erfahren hat, muss natürlich hier gerecht-\nfertigt erscheinen in den Erfolgen, welche das „musicali-\nsche\" Publicum Wiens gegenüber dem „unmusicalischen\"\nvon Paris Wagner zu Theil werden lässt. Der österreichi-\nsche Adel, von je her die höchste Intelligenz repräsenti-\nrend, ist übrigens in dieser Sache ganz consequent. Ein\naltes Sprüchwort sagt: Les extremes se touchent, und so\nwie die exclusiv „deutsche\" Opernrichtung in Wagner,\ndie italiänische in Verdi ihre letzten Consequenzen der\nAusbildung erfahren haben, so reichen sich jenseit der\nwirklichen Kunst die einander von rechts und links her\nganz nahe gekommenen Häupter der beiden Schulen\nfreundschaftlich die Hand. Und so kommt es denn, dass\nunsere Aristokratie, die sich in ihren Salons bekanntlich\nunter ganzen Notenbergen Verdi'scher Musik begräbt,\nsich leichter mit Wagner befreundet, als man hätte glau-\nben mögen; denn es wird doch Niemand bestreiten, dass\nin seinen Opern das Meiste, was nicht entschieden Wag-\nnerisch ist (namentlich im Tannhäuser), eine bedeutende\nVerwandtschaft mit Donizetti verräth? Was ist denn das\nberühmte Septett daselbst viel anders, als ein italiänisches\nEnsemblestück, wie man es in der Lucia und in Don Se-\nbastian auch findet? Und der eben so berühmte Pilger-\nmarsch, das Abendlied u. s. w., lehnen sich diese nicht\nebenlalls mehr an Donizetti, als an deutsche Meister? Im\nLohengrin allerdings sind Weber'sehe Einflüsse unver-\nkennbar, also deutsche, doch aber nur im Massenhaften,\nin der Behandlung Steigerungen, nirgends\naber im Einzeigesange, der mit den Vorbildern deutscher\ndramatischer Musik in gar keinem Zusammenhange mehr\nsteht.\nNoch eines Factors darf ich nicht unterlassen zu er-\nwähnen, der zu den Erfolgen Wagner's in Wien wesent-\nlich beiträgt. Es ist die Demi-mder Ladenmädchen\nund Putzmacherinnen sammt ihren Anbetern, den Commis\nu. s. w. Die Herrlichkeiten und Freuden des Venusber-\nges, die festlichen, das Auge blendenden Ritter-Aufzüge,\nder geharnischte Lohengrin und sein Schwan u. s. w.\nwie sollte das alles nicht so unendlich anziehend wirken,\ndass die Langweiligkeit der Musik dabei ganz übersehen\nwird! Das dröhnende Blech, welches diese löbliche Classe\nin den öffentlichen Wirthshausgärten kennen und lieben\ngelernt hat, findet dasselbe in ihren Augen hier nicht eine\npoetische Verklärung, wie man sie nicht herrlicher wün-\nschen möchte? Wie armselig und „unwirksam\" nimmt\nsich doch dagegen eine Mozart'sche Oper in ihrem be-\nscheidenen Gewände aus, wo nur manchmal eine hellere\nFarbe vorübergehend auftaucht! In der That, gehen Sie\neinmal in den Strassen Wiens umher, und sehen Sie diese\nmit tausend rothen, grünen, blauen Lappen behängten\nDämchen an, wie das schillert, flimmert und glitzert, und\nfragen Sie Sich dann, ob diese liebebedürftigen Seelen\nin einer Wagner'schen Oper nicht mit den Freuden und\nLeiden Tannhäuser's und dem Heldenmuthe Lohengrin's\nsympathisiren und allen Vorgängen mit der gespanntesten\nAufmerksamkeit folgen müssen!\nAlso Heil dem drei Mal glücklichen Maestro, der sei-\nnen Thron aufrichtet auf politischem Zwist und Eifersucht,\nauf rother Demokratie und hochgebildeter Aristokratie,\nauf Judenthum und Demi-monde,nur nicht auf dem gebil-\ndeten Geschmack des musicalischen Publicums! Wer\nwill ihm diesen festen Stuhl wankend machen?\nWien, den 15. Mai 1861.\n\nVerax."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-05-25-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-05-25_01#c004", "volume": "bmtnabi_1861-05-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "164", "page_fin": "166", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.2.4", "titre_corps": "Die wiener Concert-Saison 1860—1861", "titre_sommaire": "Die wiener Concert-Saison 1860—1861", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.4", "debut_caractere": 3665, "fin_caractere_exclue": 5145, "texte": "Die wiener Concert-Saison 1860—1861\n*\\\n;•\nDie Concert-Saison, an deren äusserster Gränze wir\nnunmehr bald angelangt sein dürften, wird allseitig als\neine der zugleich gediegensten und glänzendsten, die man\nseit Jahren hier erlebt, gepriesen, und zwar mit vollem\nRechte. Ein Blick auf die reichliche und tüchtige Ausbeute\ndieser Periode bringt uns sofort die erfreulichen Ergeb-\nnisse angestrengter, einsichtsvoller Thätigkeit zum Bewusst-\nsein, der genaue Vergleich dieser Ergebnisse mit denen\nder letztverflossenen acht oder zehn Jahre wird dem Leser\ndurch die jährlichen statistischen und kritischen „Ueber-\nsichten\" d. ß1. erleichtert, und eine, wenn auch nur apho-\nristische, Hinweisung auf die innere Beschaffenheit unserer\nmusicalischen Institute wirkt immer fruchtbringend, oder\nbleibt mindestens für künftige Vorkommnisse lehrreich.\nDie musicalische Thätigkeit unserer Stadt lässt sich in\nder Regel in fünf Gruppen theilen: 1) die vorwiegend in-\nstrumentalen Concerte, vertreten durch die „Gesell-\nschaft der Musikfreunde\", das „philharmonische\" Orche-\nster, den „Orchester-Verein\" und die „Euterpe\";—2) die\nganz oder vorwiegend vocalen Concerte, vertreten durch\ndie „Sing-Akademie\", den „Sing-Verein\" und die ver-\nschiedenen Männergesang-Vereine; 3) die Kammer-\nmusik, vertreten durch die Hellmesberger'schen und die\nHofmann'schen Quartette; 4) die einzelnen Concert-\ngeber, an deren Spitze diesmal Joachim; endlich 5}\n\n*) Aus: Eecensionen über Theater und Musik, Nr. 18."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4961, "texte": "die so genannten Akademieen, Wohlthätigkeits-Pro-\nductionen, Zweck-Concerte u. s. w.\nIn ihren vier Abonnements-Concerten brachte die\n„Gesellschaft der Musikfreunde\" Beethoven's Z?-Messe,\nSchumann's „Manfred-Musik\" mit Declamation, drei\nSinfonieen (Haydn, Beethoven, Schubert), ein für\nWien neues Clavier-Concert von Robert Volkmann,\neinen neuen Chor mit Orchester von Debroisvanßruyck,\neinen von Liszt für Orchester bearbeiteten Schubert'-\nschen Marsch und eine Ouvertüre von Catel. Ausser-\nhalb des Abonnements wurde von der „Gesellschaft\"\nSchubert's neu aufgefundene Oper „Der häusliche Krieg\"\nzwei Mal aufgeführt und ein „Zöglings-Concert\" veran-\nstaltet (Ouvertüre, Clavier-Concert, Arien, Lieder und Sin-\nfonie). An diese Thätigkeit schliesst sich die der Filial-\nVereine, und zwar des „Orchester-Vereins\" durch Auf-\nführung (an zwei besonderen Abenden) von vier Sinfo-\nnieen, zwei Clavier-Concerten, Arien u. s. w.,—dann des\n„Singvereins\" durch Aufführung der Schumann'schen\nFaust-Musik (3. Thl.) und Mitwirkung im „Manfred\", im\n„Häuslichen Krieg\", in der „Messe\" u.s.w.—Die selbst-\nständige Orchester-Gesellschaft „Euterpe\" ihrerseits brachte\nvier Sinfonieen (Christoph Bach, Mozart, Beetho-\nven, Schumann), drei Ouvertüren (Cherubini, Ries,\nLangwara) und verschiedene Einzel-Vorträge.\nDie Philharmoniker haben in acht Concerten zur mu-\nsicalischen Ausbeute Folgendes beigesteuert: zehn Sinfo-\nnieen (drei von Beethoven, je zwei von Mozart und\nSchumann, je eine von Haydn, Gade und Rietz),\neilf Ouvertüren (drei von Mendelssohn, zwei von Che-\nrub ini, je eine von Beethoven, Spohr, Schumann,\nGade, Rietz und Wagner), ferner: Gade's „Früh-\nlings-Phantasie\", Mendelssohn's Musik zum „Sommer-\nnachtstraum\" mit Declamation, Arien von Händel, Gluck,\nMozart, und Spohr, und einzelne Orchester-\noder Gesangstücke von Bach, Mozart, Beethoven,\nSpohr und Berlioz.\nEine eigentümliche Episode bilden die Orchester-\nConcerte, welche der Pianist Herr Tausig\"veranstaltete,\num einigen Orchesterwerken Liszt's Eingang zu ver-\nschaffen.\nDie vocalen Leistungen finden in den Programmen\nder „Sing-Akademie\" ihre würdigste Vertretung haupt-\nsächlich nach der kirchlich-musicalischen Richtung hin\n(Oratorium „Paulus\" von Mendelssohn, Motetten von\nSebastian und Christoph Bach, einzelne Chöre und\nam 5. Mai zu ihrer Stiftungsfeier in der Augustinerkirche\ndie sechsstimmige Messe Assum\nvon Palestrina; dann von Lotti,Gabrieli,Herman-\nnus Contractus, Händel und Mehreres von Mendels-\nsöhn und Schumann), während auch lebende Compo-\nnisten (Wilhelm Rust, Otto Grimm, Franz Mair)\nnicht vergessen sind.\nDer „ Singverein\" brachte, wie schon erwähnt, den\ndritten Theil der Faust-Musik, dazu Einzelnes von Men-\ndelssohn, Hans Walter und Grädener, ferner in\neinem kleineren Abend-Concerte Chöre und Lieder von\nSchubert, Mendelssohn, Schumann und Gräde-\nner. Der Singverein wirkt übrigens wesentlich nur mehr\nals ein tüchtiges Hülfscorps für die Zwecke der „Gesell-\nschaft der Musikfreunde\".\nDurch den „Männergesang-Verein\" kam in einem\nConcerte Mendelssohn's Musik zu „Oedipus\" zur Auf-\nführung, im anderen eine Reihe von Vocal-Chören. Auf\nletzterem beide bewegten sich auch der „Akademische\nGesangverein\", der „Sängerbund\" u. A.\nIm Programm des Hellmesberger'schen Quartetts\n(erster Cyklus, sechs Productionen) finden wir: Haydn,\nMozart, Beethoven (sechs Mal), Spohr, Schubert,\nMendelssohn, Schumann (drei Mal) und als Novitäte-\nn Waldemar Bargiel, Johann Herbeck,\nRobert Volkmann, MorizKässmayer. Im zweiten\nCyklus (vier Productionen) Haydn, Mozart (zwei Mal),\nBeethoven (vier Mal), Spohr, Hummel, Schubert,\nMendelssohn, Schumann und keine Novitäten. Das\nHofmann'sche Quartett brachte in sechs Productionen No-\nvitäten von Rappoldi, Langwara, Bibl, nebst älteren\nWerken von Haydn bis auf Schumann.\nDie Zahl der von einzelnen Persönlichkeiten veran-\nstalteten Concerte ist diesmal eine ziemlich geringe, selbst\nwenn wir Componisten-Concerte (Goldmark, Dorn,\nMögele) dazu rechnen wollen. Aus den einzelnen Vir-\ntuosenleistungen, unter welchen Herr Tausig mehr eigen-\ntümlich als angenehm leuchtet, und Fräulein Zadrobi-\nlek, Fräulein Kress, Fräulein Mösner, Herr de Ah na,\nHerr Epstein, Herr Bachrich, HerrSchweida eine\nehrenvolle Stellung einnehmen, ragt diesmal vor Allen\nJoachim's Erscheinung, als die eines echten Künstlers,\nglänzend und gediegen hervor. Wo solche Virtuosenkräfte\nmit so künstlerischem Streben sich vereinen., da gewinnt\nder Sieg der Kunst über den eitlen Virtuosenflitter immer\nmehr an Bedeutung und Dauerhaftigkeit.\nEs ist wahr, dieser Sieg kann nur durch stetes Rin-\ngen, durch immer wieder erneutes Streiten erkämpft und\nfast niemals ganz gesichert werden. Unzweifelhaft aber be-\nhält im Augenblicke, seit den letzten Jahren in erfreulich\nsteigendem Maasse, die bessere Richtung entschieden die\nOberhand. Das sehen wir an dem Streben unserer musi-\ncalischen Institute, an den Programmen der einzelnen Con-\ncertgeber, an dem Verhalten des Publicums und der Kri-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5351, "texte": "tik,—ja, selbst an der Art, wie man jetzt bemüht ist,\n„musicalisch-declamatorische Akademieen\" zusammen zu\nstellen. Flachheit und Trivialität ist von diesem letzleren\nGebiete zwar bei Weitem nicht ganz verschwunden, allein\ndiese ehemals ausschliesslichen Kennzeichen der „gemisch-\nten\" Concerte hören allmählich auf, vorherrschend zu sein,\nund, was das Beste ist, das Publicum hat nicht mehr aus-\nschliesslich daran seine Freude. So konnte in dieser Saison\nfür den „Pensionsfonds\" des Operntheaters in einer Aka-\ndemie eine Ouvertüre von Weber, Arien von Spohr\nund Mozart, Violin-Concert und Lorelei-Finale von Men-\ndelssohn und die (?-m>//-Sinfonie von Beethoven auf-\ngelührt werden. So konnte die „Concordia\" die vollstän-\ndige AufFührung des „Sommernachtstraums\" mit den Kräf-\nten beider Hoftheater veranstalten. Eine „Schiller-Akade-\nmie\" brachte Musikstücke von W eber und Lintpaint-\nner. Auch die Declamations-Piecen werden jetzt in der\nKegel verständiger gewählt, oder man sucht doch Neues,\nwirklich Interessantes vorzuführen, so Hebbel's „Michel\nAngelo\", die kleinen Lustspiele von Schlesinger, Bruch-\nstücke aus Meverbeer's „Dinorah\" u. dgl. m.\nDass die einzelnen Concertgeber es kaum mehr wa-\ngen, ohne Beethoven, Chopin und Schumann vor\ndie Oeffeiitlichkeit zu treten, ist schon wiederholt bemerkt\nworden. Geschieht dies nun auch Seitens Vieler auf ziem-\nlich unkundige Weise, und wäre es auch namentlich zu\nwünschen, dass Beethoven in der Heranbildung unserer\nkünstlerischen Jugend nur das Omega, nicht aber das Alpha\nsein möchte, so bleibt die Nöthigung der Künstler zu einem\ngediegenen Programm doch immer ein gutes Zeichen für\nden Bildungsgrad der Hörer, und dreiundzwanzig Sin-\nfonieen ohne die Liszt'chen „Dichtungen\" zu zählen (siehe\ndie vorhergegangene Einzelanführung derselben), dreiund-\nzwanzig Sinfonieen im Verlaufe von sechs Monaten öffent-\nlich zur Aufführung gebracht in einer Stadt wie Wien,\ndas ist wahrlich kein kleiner Fortschritt. Es ist nämlich\nvon vorn herein unstatthaft, Wien in Bezug auf musicali-\nsche Thätigkeit mit irgend einer kleineren nord- oder mit-\nteldeutschen Stadt zu vergleichen. Jene Conceritrirung auf\nengbegränzte specielle Zwecke, jenes Sichvertiefen in den\nGeist einer bestimmten Richtung kann bei uns nicht er-\nwartet, nicht gefordert werden. Man darf von Wien nicht\nfordern, dass es Leipzig oder Breslau sei, oder irgend eine\nStadt, wo in diesem oder jenem Punkte tüchtige Kräfte\nmit eiserner Consequenz nur dem Einen zustreben. Dafür\nbesitzt aber Wien so viele und so mancherlei Kräfte nach\nso vielen Bichtungen hin, dafür ist hier die Empfänglich-\nkeit so gross, der Sinn so offen, das Temperament so frisch,\ndass alles Vorhandene nur geweckt zu werden braucht,\num frisch und frei und kräftig zu pulsiren und seine Bahn\nzu gehen, oft wohl leichtfertig davon abspringend, doch\nbald wieder dahin zurückkehrend, wo es der richtige In-\nstinet hinzieht. Dieser Inslinct warnt uns hauptsächlich vor\nallem „Langweiligen\". Kommen wir nun auch dadurch\num manchen späteren Genuss, wenn wir es verschmähen,\nin das scheinbar Langweilige einzudringen, so ist auch der\nGewinn nicht zu verachten: die frisch erhaltene, rasche\nEmpfänglichkeit für das sinnlich Lebendige in der Kunst\nüberhaupt, in der Musik insbesondere für den lichten Ge-\nnius: Melodie.\nEs würde ein specielles Eingehen auf besondere Ver-\nhältnisse und einzelne Institute erfordern, wollten wir de-\ntaillirt den steten Fortschritt des musicalischen Wiens aus\neinander setzen. Wir haben unlängst zu zeigen versucht,\nwelche Veränderung in zehn Jahren hier vor sich gegan-\ngen ist. Wir werden vermuthlich noch öfter Gelegenheit\nfinden, uns namentlich über das musicalische Vereinswe-\nsen, dessen Zweck und Endziele auszusprechen. Manche\nbetrachten unsere musicalischen Zustände consequent nur\nvon der musicalischen Seite aus, nicht auch vom cultur-\nhistorischen Standpunkte. Auch wir haben vielleicht oft\nfälschlich aus jenem begränzten Gesichtskreise geurtheilt.\nWir nehmen aber keinen Anstand, unseren Irrthum ein-\nzugestehen, wenn wir etwas Besseres gefunden zu haben\nglauben. Auch trachten wir, wenn es auch oft nur „Ge-\ndächtniss-Uebung\" wäre, uns den Zusammenhang der\nmenschlichen und künstlerischen Dinge klar zu machen,\nund wenn wir z. B. in diesem Winter die „Gesellschaft\nder Musikfreunde\" oben auf und mit der mit\nder Schubert-Oper, mit der Herstellung eines selbstständi-\ngen Orchesters, mit der wenigstens begonnenen Organi-\nsirung des Conservatoriums Triumphe feiern sehen,—dann\nerinnern wir uns auch der Kämpfe, die nothwendig waren,\nnicht etwa um eines fachkünstlerischen Personalwechsels\nwillen, sondern um die Leitung des Instituts verlässlichen\nund einheitlich wirkenden Kräften zu übergeben. Wir\nbemerken dieses nur, um unseren Partei-Standpunkt fest-\nzuhalten; denn Parteien muss es geben, wo Leben und\nlebendiges Wirken gilt, und zusammenhalten müssen die\nkünstlerisch Gesinnten, sonst ziehen ihre klugen Gegner\ndas ganze Volk der Schwachen und „Halben\" mit sich\nfort. Wir freuen uns aufrichtig der auf diesem Wege\nerrungenen Erfolge, und indem wir das minder Gelungene\ngegenüber dem vielen Tüchtigen als unwesentliche Schat-\ntenseite mit billigem Schweigen bedecken, sprechen wir\nzum Schlüsse nur die Hoffnung aus, dass es uns nach einem\nJahre vergönnt sei, eben so Günstiges von der „wiener\nConcert-Saison\" zu berichten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-05-25-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-05-25_01#c005", "volume": "bmtnabi_1861-05-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "167", "page_fin": "168", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7590, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Der königlich baierische General-Musik-D'rector Herr\nFranz Lachner verweilte in dieser Woche auf seiner Rückreise\nvon Aachen nach München einen Tag bei seinem Kunstgenossen\nHerrn Capellmeister Hiller.\nElberfeld. Herr J. A. van Eyken hat uns am 4. d. Mts.\ndurch das von ihm veranstaltete Concert zum Besten der Ueber-\nschwemmten in Holland einen neuen Beweis von seinem anerkann-\nten Talente als Dirigent geliefert, und sich zugleich den Dank des\nPublicums für den genussreichen Abend und seiner nothleidenden\nLandsleute in vollem Maasse verdient. Wer bedenkt, dass Herr van\nEyken mit Aufopferung seiner Zeit und ungeachtet der Ungunst der\nZeit- und Ortsverhältnisse mit unermüdlichem Eifer der sich ge-\nstellten Aufgabe obgelegen hat, der stimmt gewiss nachträglich noch\neinmal ein in die Beifallsbezeigungen, welche dem Componisten nach\njeder Nummer bei der Aufführung seines „Lucifer\" in reichem\nMaasse aus dem Auditorium und von den Mitwirkenden zu Tbeil\nwurden. Die Ausführung der Composition der Musik zu dem ge-\nnannten Trauerspiel kann eine glänzende genannt werden, und ob-\ngleich zu den Solo-Partieen keine auswärtigen künstlerischen Ge-\nsangkräfte, wie es Elberfeld in den Concerten gewohnt ist, engagirt\nwaren, so befriedigten die Solo-Vorträge (unter Anderen wirkten die\nHerren Gebrüder Steinhaus mit) nebst der Declamation dennoch\nsehr, und die Ausführenden waren ihrer Aufgabe wohl gewachsen.\nHervortretender sind zudem die Ouvertüre, die einleitenden Instru-\nmentalsätze und vor Allem die Chöre. Ganz besonders gefielen die\nOuvertüre, die pompösen Instrumentalsätze, welche eine meisterhafte\nSchilderung des höllischen Kampfes sind, die beiden ersten Chöre\nund der Doppelchor im fünften Acte, welch letzterer mit seiner Fuge\nein Meisterwerk genannt zu werden verdient, das fugirten Chören\naus berühmten Oratorien würdig zur Seite steht. So machte denn\ndas ganze Werk, welches den ersten Theil des Concertes bildete,\neinen freudigen und erhebenden Eindruck; und wenn auch Stimmen\nlaut geworden sind, dass das Werk verrathe, wie der Componist ein\nSchüler Mendelssohn1 s sei, so werden sie doch auch nicht läugnen,\ndass er sein würdiger Schüler ist, und dass ihm eine ehrende Stelle\nin der Reihe der lebenden Tonkünstler gebührt. Den zweiten\nTheil des Programms bildete die zweite Sinfonie von L. van Beet-\nhoven, die, nicht minder gut vorgeführt, einen schönen Schluss des\nConcertes machte.\nDie Mitglieder des königlichen Dom-Chors in Berlin errichten\naus eigenen Mitteln ihrem dahingeschiedenen Dirigenten, dem Musik-\nDirector Neithard, ein würdiges Grabdenkmal.\nAls den Schluss unserer musicalischen Winter-\nSaison können wir das Orgel-C oncert bezeichnen, welches Herr\nF. Burmeister am 10. Mai Abends unter Mitwirkung der Herren\nund Arnold, so wie mehrerer Mitglieder des Hautboisten-\nCorps in der Domkirche gab. Der Concertgeber gab durch seine\nOrgel-Vorträge aufs Neue den Beweis von seinem ernsten, unabläs-\nsigen Kunststreben. Von den sechs Stücken: Phantasie in G-moll\nvon J. Seb. Bach; Fuge von Wilhelm Friedemann Bach; Choral-\nVorspiel zu: „Dies sind die heiligen zehn Gebot*, Cantus firmus,\ncanonisch von J. Seb» Bach; Choral-Vorspiel zu: „Aus tiefer Noth\nschrei* ich zu Dir\" (sechsstimmig), in A-moll, für volle Orgel von\nJ. Seb. Bach ; Largo aus Op. 2 (Nr. 2) von Beethoven, und Trauer-\nmarsch iu F-moll für Orgel und Blas-Instrumente, bei Thorwald-\nsen's Beisetzung zuerst aufgeführt, componirt von P. Hartmann,\ndie Herr Burmeister vortrug, brauchen wir die Compositionen\nvon Joh. Seb. Bach nicht weiter hervorzuheben; die hohe Schönheit\nund die contrapunktische Tiefe derselben bewährten sich auch hier,\nnamentlich bei der Phantasie in G-moll. Bei dem sechsstimmigen\nChoral-Vorspiel zu: »Aus tiefer Noth schrei' ich zu Dir«, waren\neine Tenor- und eine Bass-Posaune zur Verstärkung der in der Ober-\nstimme des Pedals liegenden Melodie verwandt. Die Fuge von Wil-\nhelm Friedemann Bach, entnommen aus einem Concerte dieses Com-\nponisten, dessen Werth der Vater, Johann Sebastian, dadurch be-\nglaubigt hat, dass er es mit eigener Hand abgeschrieben, zeichnete\nsich durch ansprechende Gefälligkeit und Klarheit aus. Der schon\nfrüher hier ausgeführte Trauermarsch von Hartmann für Orgel und\nBlas-Instrumente ist an sich eine tüchtige Composition und beson-\nders geeignet, die grosse Wirkung der Verbindung des Orgeltones\nmit Posaune u. s. w. zu zeigen. Die Mitwirkung der Herren Ar-\nnold und Andre gereichte dem Concerte zum besonderen Vortheil.\nDie Stimmen beider Herren fanden in den grossen Räumen der Dom-\nkirche ein günstiges Feld zur Entwicklung ihrer vollen Kraft. Herr\nArnold trug die Tenor-Arie von Händel: »Herr, gedenke David*,\nH(jrr Andre die Arie aus dem Paulus von Mendelssolm-Bartholdy,\n„Gott, sei mir gnädig*, beide mit schönster Wirkung und Beifall\ndes Publicums vor.\nDer vor Kurzem durch die leipziger Bach-Gesellscbaft ausge-\ngebene zehnte Jahrgang von J. S. Bach's Werken enthält wieder\nzehn Kirchen-Cantaten, welche nur geeignet sind, die Be-\nwunderung und Verehrung des grossen Meisters zu erhöhen. Es ist\ndem heutigen Musiker, und hätte er noch so viel contrapunktische\nFertigkeit, geradezu unbegreiflich, wie Bach in so verhältnissmässig\nkurzer Zeit, als er zur Composition einer solchen Cantate verwandt\nhat, so durch und durch vollendete Kunstwerke in der schwierig-\nsten Form zu Stande bringen konnte; zugleich aber muss er in\nwahren Jubel ausbrechen über die Fülle musicalischer Poesie, die\nhier aufgehäuft ist, von Declamation gar nicht zu reden; denn eine\nsinngemässere, nach jeder Seite hin zutreffendere Betonung lässt\nsich gar nicht denken. Wenn es heute noch Leute gibt, die es R.\nWagner aufs Wort glauben, er habe die richtige Declamation er-\nfunden, so darf man getrost das Buch der Zeit um mehr als hun-\ndert Jahre zurückschlagen und aus Bach beweisen, wie es damit\nsteht. Der Unterschied ist nur der, dass dort bei Bach noch andere\nDinge zu finden sind, die Wagner nicht hat, namentlich musicali-\nsche Logik, Ordnung, Symmetrie, Wohlklang. Von den zehn\nCantaten dieses Bandes, auf die wir noch ausführlicher zurückkom-\nmen, haben uns bis jetzt namentlich Nr. 45 und 46 unbeschreiblich\nerquickt. Es sind nun fünfzig Cantaten da, und wie viel kennt das\nPublicum davon? Es kommen wohl auch noch sporadisch in Deutsch-\nland Gesang-Vereine vor, welche die jährliche Ausgabe von 5 Thlr.\nscheuen, um sich in den eigenen Besitz dieser Schätze zu setzen;\nvielleicht auch Directoren solcher Institute, die von diesen fünfzig\nCantaten kaum Eine kennen. Es ist geradezu unbegreiflich, dass\nmail hier nicht eifriger zugreift; und wenn drei Gesang-Vereine in\neiner Stadt Zugriffen, sie hätten alle Hände voll zu thun, um für\nsich und Andere Freude daraus zu schöpfen. (D. M.-Z.)\nIn Coburg starb am 28. April der in früheren Jahren durch\nseine Concertreisen mit seinen Söhnen berühmt gewordene Johann\nPaul Eichhorn im 74. Lebensjahre.\nWien* Die ersten Mitglieder des k. k. Hof-Operntheaters,\nwelche als Kunstgenossen StaudigTs dem verewigten Sänger nahe\nstanden, hatten den Besehluss gefasst, demselben ein würdiges Grab-\nDenkmal zu errichten, und es sollten die hierzu nötliigen Fonds\ndurch Veranstaltung einer Akademie aufgebracht werden. Die hin-\nterbliebene Familie des Künstlers hat jedoch mit Rücksicht darauf,\ndass sie sich in sehr günstigen Vermögens-Verhältnissen befindet,\nwelche sie dem Dahingeschiedenen verdankt, diesen Antrag und ins-\nbesondere die Veranstaltung einer Akademie abgelehnt und die An-\nfertigung einer Pyramide aus Granit mit einer einfachen Aufschrift\nselbst in Auftrag gegeben."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2926, "texte": "Das Treumann-Theater in Wien veröffentlicht folgende Abonne-\nments-Ankündigung: Jacques Offenbach, Director des Theaters\nBouffes Parisiens, wird Anfangs Juni d. J. mit seiner Gesellschaft,\nbestehend ans den Damen: Tautin, Tostee, Natrier, Beaudoin, Taf-\nfanel, Matheau, Legris, und den Herren: Leonce, Desire', Bache,\nDuvernoy, Potel, Marchand, Desmont, Jean Paul, Tautin, Walter\nund Herrn Barney, Chef des Orchesters, einen Cyklus von dreissig\nGast-Vorstellungen im Abonnement eröffnen. (Folgt das Repertoire\nder Bouffes Parisiens.) Preise des Abonnements: Eine Loge im Par-\nterre oder erste Galerie für sämmtliche dreissig Vorstellungen 300\nFl.; eine Loge in der zweiten Galerie 240 Fl.; ein Fauteuil in der\nFremden-Loge 90 Fl.; ein Balcon-Fauteuil 90 Fl.; ein Fauteuil im\nParquette (die ersten sechs Reihen im Parterre) 75 Fl. u. s. w.\nPrag. Die Concerte unseres Cäcilien-Vereins haben in\nder vergangenen Saison folgende Musikstücke zur Aufführung ge-\nbracht : I. ]. Trauerspiel-Ouverture in C-moll von J. Iy. Zvonar,\nOp. 37 (Manuscript). 2. 9Na Prahu* von V. H. Veita. 3. Arie\nfür Tenor und Orchester von Mozart (1783), gesungen von Herrn\nNaehbauer. 4. Duett aus Faust von Spohr. 5. »Das Glück von\nEdenhall* von Rob. Schumann. 6. Mendelssohn's Sinfonie\nNr. 4 in A-dur. 11. Stabat Mater von Rossini (zum ersten\nMale). 111. 1. Ouvertüre in C (Suite Nr. 1) von J. Seb. Bach.\n2. Sopran-Arie aus der Matthäus-Passion von J. S. Bach. 3. Sin-\nfonie in D-dur von Phil Em. Bach. 4. Credo aus der Messe in\nH-moll von J. S. Bach. (Alles zum ersten Male.) IV 1. Ouver-\ntüre zur Faniska von Cherubini. 2. Arie aus dem Stabat Mater\nvon J. Haydn (Frau Prochaska Schmidt). 3. Gesänge von Skrup\nund Rubinstein. 4. Scene aus Schiller's Braut von Messina für\ndrei Solostimmen (Beatrice, Isabelle, Don Cesare), Männerchor und\nOrchester von Wenzel Tomaschek (zum ersten Male). 5. Czechi-\nsches Lied von F. Vogla 6. Sinfonie in Es-dur von Mozart.\nAloys Taux, Dom-Capellmeister und Director des Mozarteums\nin Salzburg, starb am 18. April in dem Augenblicke, als er in\nder Liedertafel am Ciavier den ersten Accord anschlug, um den\nChor „Waldeinsamkeit* zu dirigiren. Aloys Taux, als Mensch und\nTonkünstler und ganz besonders als Regenerator der Musik-Zustände\nSalzburgs allgemein geachtet, war 1817 zu Baumgarten in Preussisch-\nSchlesien geboren, wurde im prager Conservatorium zum tüchtigen\nMusiker herangebildet und 1841 zum Director des damals in Salz-\nburg ins Leben gerufenen Mozarteums und zum Dom-Capellmeister\ndaselbst ernannt, welchem Posten er mit anerkannter Tüchtigkeit\nund Energie durch volle zwanzig Jahre vorstand. Von seinen zahl-\nreichen Compositionen erwähnen wir nur seiner beiden grossen Mes-\nsen in Es und in F} seiner Ouvertüre zum „Tourist im Geister-\nreich* und seiner Streich-Quartette. Der verdienstvolle Mann rar\nmit der österreichischen, preussischen uud baierischen Ehren-Medaille\nfür Kunst und Wissenschaft decorirt."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas 38. niederrheinische Musikfest. I. Briefe aus Wien (Wagner's Opern in Wien). Von Verax. Die wiener Coneert-\nSaison 1860—1861. Tages- und Un terh al tun gs bi at t (Köln, Herr Franz Lachner Elberfeld, Concert von J. A. van Eyken\nSchwerin, Orgel-Concert von F. Burmeister Leipziger Bach-Gesellschaft Wien, Denkmal für Staudigl, Offenbach's\nsiens Prag, Cäcilien-Verein Salzburg, Aloys Taux f).\n\nDas 38. niederrheinische Musikfest.\nI.\nDie Stadt Aachen hat das 38. niederrheinische\nMusikfest an den Pfingsttagen, den 19., 20. und 21.\nMai, auf eine höchst gelungene Weise gefeiert und für\ndie letzte in ihren Mauern begangene Festfeier im Jahre\n1857, über deren Ergebniss die Stimmen bekanntlich\nsehr getheilt waren, eine glänzende Revanche genommen.\nEs ist dies um so erfreulicher, als seit dem Jahre 1825,\nin welchem Aachen dem musicalischen Bunde der Städte\nDüsseldorf Elberfeld und Köln beitrat und zum ersten\nMale das Fest feierte, diese Stadt sich so viele Verdienste\num die Sache der lonkunst am Niederrheine erworben\nhat. Wir erinnern hier nur an das Programm ihres ersten\nTest-Comite's (1825), nach welchem unter der Leitung\nvon Ferdinand Ries Händel's Alexanderfest, Mo-\nzart's Davidde penitente,Beethoven's Christus am\nOelberge, Mozart's Ouvertüre zur Zauberflöte, eine neue\nSinfonie [Es-dur)von F. Ries und die neunte Sinfo-\nnie von Beethoven aufgeführt wurden letztere zum\nersten Male in Deutschland nach der wiener Aufführung;\nferner an die Darstellungen der besten Oratorien Hän-\ndel's (Messias, Judas Maccabäus, Samson, Israel in Ae-\ngypten); an die herrliche Aufführung von Haydn's\n„Schöpfung\" im Jahre 1846 unter Mendelssohn's Lei-\ntung und den Vortrag der Sopran-Partie durch Jenny\nLind; endlich an die Wiederaufnahme der Festfeier im\nJahre 1851, wozu nach den Jahren der Unterbrechung\nseit 1848 Aachen zuerst wieder den Muth hatte, der ver-\ndienter Maassen durch das schönste Resultat gekrönt\nwurde.\nDen glänzenden Erfolg des diesjährigen Festes hat das\nComite dem vortrefflichen Programm und der Vereinigung\nvon ganz vorzüglichen Kräften für Chor und für Orche-\nster zu danken, welche der königlich baierische General-\nMusik-Director Franz Lachner mit bekannter Meister-\nschaft zu leiten, zusammen zu halten und künstlerisch wirk-\nsam zu machen verstand, worin ihm der königliche Musik-\nDirector und städtische Capellmeister von Aachen, Herr\nFranz Wüllner, bei den Vorübungen auf so ausgezeich-\nnet tüchtige Weise vorangegangen war, wie dies beson-\nders die Sicherheit des Chors in der Missa solemnis von\nBeethoven bewies, dass dem Fest-Dirigenten in der That\nin Bezug auf die Vocal-Partie nichts mehr zu thun übrig\nblieb. Ueberhaupt waren die Aufführungen ein neuer und\nerfreulicher Beweis für den grossen Fortschritt, welchen\ndas schöne Land am Niederrheine, das seit Jahrhunderten\nin musicalischer Hinsicht rühmlich bekannt ist, in den letz-\nten Jahren in der genauen und ausdrucksvollen Wieder-\ngabe der classischen Werke der Meister der Tonkunst ge-\nmacht hat. Es war wirklich zweifelhaft, welcher Partie\nman die Palme zuerkennen sollte, dem Sängerchor oder\ndem Orchester. Das Orchester zeigte sich in der Ausfüh-\nrung der Sinfonia eroicavon Beethoven, womit das\nConcert des ersten Tages begann, so ausserordentlich schön\nzusammengesetzt, so kräftig und gewaltig in der Gesammt-\nwirkung und so reich an schönem Klang und Ausdruck\nder einzelnen Solo-Instrumente, dass man es selbst über\nden feurigen und volltönenden Aufschwung des Chors im\nGloria der Messe und über die glänzende Pracht der\nHauptchöre im Josua nicht vergessen konnte, zumal es\ndurch seine Kraftfülle und unzerstörbare Sicherheit das\nGanze auf imponirende Weise zusammenhielt.\nAls Mitwirkende auf der Tonbühne gibt der Anhang\nzum Textbuche folgende Zahlen an:\nA. Vocal-Partie.\nI. Sologesang: 4. Sopran: Frau Francisca Rüb-\nsamen-Veith, kurfürstlich hessische Hof-Opernsängerin\naus Kassel. Alt: Frau Christine Potthoff-Diehl\naus Aachen. Tenor: Herr Karl Schneider, herzog-\nlich nassauischer Kammersänger aus Wiesbaden. Bass:"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.2", "texte": "Herr Julius Krause, königlich preussischer Hof-Opern-\nsänger aus Berlin.\n11. Chorgesang: Sopran . . 9-3\nAlt 91\nTenor... 103\nBass .... 138\nSumme: 425.\nB. Instrumental-Partie.\nI. Concertisten: Frau Clara Schumann, k. k.\nösterreichische Kammer-Virtuosin.— Herr Joseph Joa-\nchim, königlich hannoverscher Concert-Director.\n11. Orchester: Violinen ... 52\nViolen .... 16\nVioloncelle . 18\nContrabässe . 13\nFlöten .... 4\nOboen .... 4\nClarinetten . 4\nFagotte ... 4\nHorner. ... 8\nTrompeten . 4\nPosaunen . . 6\nBass-Tuba. . 1\nPauker.... 1\nSumme: 135.\nOhne die zwei Dirigenten wirkten also 566 Personen zu\nden Aufführungen mit. Nehmen wir dabei im Chor einen\nAusfall von etwa 25 an, die verhindert waren, ihre Zu -\nsase zu halten, so bleibt immer eine Masse von 530 bis\nO 7\n540 wirklichen Sängern und Instrumentisten, eine Zahl,\ndie vollständig hinreichend ist, diejenige Wirkung zu er-\nzielen, welche bei grossen Oratorien nur durch Massen zu\nerzielen ist. Eine bedeutende Ueberschreitung oder gar\neine Verdoppelung und Verdreifachung derselben, wie sie\njetzt z. B. in England im Krystall-Palaste bei London Mode\ngeworden ist, erhöht erfahrungsmässig den Eindruck der\nKraft keineswegs, beeinträchtigt hingegen häufig die Prä-\ncision und vor Allem den feineren Ausdruck der Aus-\nführung.\nDas Fest-Local in Aachen, das Theater, ist zwar nach\nden jetzigen Verhältnissen der Concertsäle und Opernhäu-\nser klein, allein die akustischen Verhältnisse sind sehr gut,\nund der Abschluss des stufenweise bis zu bedeutender\nHöhe aufsteigenden Orchesters durch feste Seitenwände\nund Hinterwand concentrirt den Gesammtton auf sehr vor-\ntheilhafte Weise und wirft ihn mit seinem ganzen vollen\nKlange in den Zuschauerraum hinein.\nTrotz des grossen Zudranges, der das Haus an jedem\nTage bis auf die schmälsten Bäume, die nur zum Stehen\nPlatz gaben, füllte, herrschte durch die musterhaften Ein-\nrichtungen überall die grösste Ordnung, und es kam nicht\ndie geringste Störung vor.\nUnter den Zuhörern bemerkten wir die Herren Fer-\ndinand Hiller, Franz Weber, Breun ung, Max\nBruch, Ho m pesch aus Köln, Müller aus Frankfurt\nam Main, Scholz aus Hannover, Krause aus Barmen,\nG. Aloys Schmitt aus Schwerin, Felis Vater und Sohn\nund S o u b r e aus Brüssel, van Boos aus Lüttich u. s. w.\nDer Erfolg der Fest-Concerte war aber nicht nur in\nkünstlerischer Hinsicht, sondern auch in Bezug auf die\nEinnahme ein sehr befriedigender, und dies ist bei den\ngrossen Kosten, die unsere Musikfeste jetzt verursachen,\nein wichtiger Punkt, weil von ihm doch am Ende das Be-\nstehen derselben abhängt. Trotz der hohen Eintrittspreise,\nwelche der gegen die Locale in Köln und Düsseldorf be-\nschränkt zu nennende Zuhörerraum nöthig macht näm-\nlich 4% Thlr. für jeden Platz (ohne Unterschied, ob im\nParterre, ersten Bange u. s. w.) für alle drei Tage, 2 Thlr.\nfür jeden einzelnen Tag, 20 Sgr. für jede Probe —, wa-\nren doch die Proben und die Aufführungen stets so be-\nsucht, dass Eintrittskarten für einzelne Tage nur Wenigen\nzu Thcil werden konnten, da der ganze verfügbare Baum\nim Hause immer schon durch die Abonnenten besetzt war.\nWenn sich der Sinn für grosse Musik-Aufführungen\ndurch das Herbeiströmen der Menge von Zuhörern wie-\nderum bekundete, so legte die höchst aufmerksame und\ngespannte Theilnahme derselben, die sichtbare Befriedi-\ngung, die in immer wachsender Aufregung bis zur Begei-\nsterung stieg und nicht nur bei vielen Vorträgen der So-\nlisten, sondern hauptsächlich bei den Chören in den leb-\nhaftesten Applaus ausbrach, so dass im Josua der Anfangs-\nchor des dritten Theiles: „Glorreich ist Gott\" (mit dem\nTenor- und Trompeten-Solo), und nachher der Siegeschor\nin G-durwiederholt werden mussten: diese Empfäng-\nlichkeit und ihr begeisterter Ausdruck legten den klarsten\nund schlagendsten Beweis für den richtigen Geschmack\nund den noch ungetrübt erhaltenen Sinn für das wahrhalt\nMusicalisch-Schöne in unserem Publicum ab. Und so wird\nes überall sein, wo man classische Meisterwerke mit Ver-\nständniss und durch befriedigende Mittel zur Aufführung\nbringt.\n\nBriefe aus Wien.\n\nWenn die kritischen Federn an der Seine geglaubt\nhaben, der pariser Wagner-Fiasco werde auf Deutschland\nzurückwirken und die Anhänger der „Zukunftsmusik\" da-\nselbst zur Vernunft bringen, so haben sie sich, wenigstens"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.3", "texte": "H\n\nwas Wien betrifft, bedeutend getäuscht. Sie haben nicht\nmit in Rechnung gebracht, was bei der Wagner-Frage\nsonst noch unter der Decke mitspielt. Obwohl Wagner's\nTannhäuser, Lohengrin und neuerlich auch der Fliegende\nHolländer sich das wiener Theater-Publicum bald unter-\njochten, so würde der Componist hier doch nicht so viel\nGlück gemacht, so viel Sympathie gefunden haben, wäre\ner nicht erstens ein Flüchtling und Verbannter, und wäre\nsein Tannhäuser nicht in Paris so jämmerlich ausgepfiffen\nworden. Sie kennen wohl, wenigstens zu-\nnächst die „wiener Gemütlichkeit\", welche sich namentlich\ndarin gefällt, für alle Arten irgendwie Verfolgter, wenn\ndieselben nur nicht gerade ein scheussliches Verbrechen\nbegangen haben, eine unendliche Sympathie zu fassen.\nAbgesehen von den eigentlichen Musikfreunden, die sich\nnatürlich von Wagner'scher Musik hier eben so fern hal-\nten, wie anderswo, ist ferner das Publicum von einer un-\ngemeinen Weitherzigkeit. Es bejubelt Alles: Beethoven\nund Verdi, Meyerbeer und Wagner, Mozart und Rubin-\nstein. Dass es dabei natürlich mit sich selbst in Wider-\n\\\nSpruch geräth, das kümmert es nicht im Mindesten; und\nwie sollte es das auch? Es will ja bloss geniessen, nicht\nurthcilen, nicht für seine Bildung etwas gewinnen.\nBei Richard Wagner treten aber noch andere Ele-\nmente auf, als die wiener „Gemüthlichkeit\" und Urtheils-\niosigkeit. Ich will Ihnen sagen, was bei seinen Erfolgen\nalles mitwirkt und so auffallende Ovationen und Demon-\nstrationen zu Stande bringt, wie wir sie hier in diesem\nAugenblicke erleben. Da ist erstens das in Wien reichlich\nvertretene Judenthum. Die dem christlichen geläuterten\nWesen, der hohen Reinheit und Charakterfestigkeit, der\nmehr duldenden als leidenschaftlichen Liebe so ganz ent-\ngegengesetzte Wagner'sche Kunst, diese orientalische Uep-\npigkeit und nervöse Sinnlichkeit, wie sie namentlich im\nTannhäuser (im Pilgermarsch, im Allegro der Ouvertüre,\nin den Bacchanalien des Venusberges) so abstossend auf-\ntritt, entzündet gerade den oben genannten ehrenwerthen\nTheil der wiener Bevölkerung auf das heftigste. Ich habe\ndas oft beobachtet und weiss, was ich sage. So wie Wag-\nner in seinen Schriften das Christenthum perhorrescirt,\nso thut es auch seine Musik, welche der vollkommenste\nAusdruck des modernen Materialismus und Rationalismus\nist. Alles, was Demuth, Sittenreinheit, Keuschheit, geistige\nVerklärung und Veredlung heisst, ist der Natur der Wag-\nner'schen Musik gerade entgegengesetzt, und da diese\nEigenschaften in den grossen Städten nur einen kleinen\nKreis von Anhängern haben, so jubelt der Tross um so\nlauter, je mehr eine Kunst das Gegentheil ausspricht.\nAusser dem Judenthum ist es die mit ihm verwandte\nDemokratie, in der üblen Bedeutung des Wortes, welche\nin Wagner den Freiheits- und Barricaden-Helden feiert,\nvor Allem aber den Flüchtling und Verbannten. Sie wis-\nsen, dass ich die Demokratie im edleren Sinne werth und\nhoch halte und keineswegs zu den Reactionären gehöre,\ndie jeden Freigesinnten sofort mit Lust an dem Galgen\nhangen sehen möchten. Ich kann mich aber auch der Be-\nobachtung nicht entschlagen, dass es Zeiten gibt, wo je-\nder Demokrat, sei sein Charakter sonst auch keineswegs\nvon jener drakonischen Strenge, die ich von dem Demo-\nkraten und Republikaner vor Allem fordere, als Märtyrer\nselig gesprochen und mit wahrhaft heidnischer Abgötterei\ngefeiert wird. Wagner ist nun in so fern allerdings mit\nRecht Gegenstand mitleidigen Bedauerns, als er sich nach\nseinen dresdener Affairen in eine sein Streben und Wir-\nken so ganz niederdrückende Unthätigkeit versetzt sah und\nüberdies eine Kritik über sich ergehen lassen musste, die,\nvom Standpunkte der Kunst jedenfalls hochberechtigt,\ndoch nicht gerade dazu angethan war, das traurige Loos des\nVerbannten zu versüssen. Allein der strahlende Heiligen-\nschein, mit dem man jetzt sein Haupt bekleidet, hat doch\netwas gar zu Uebertriebenes an sich, als dass man nicht\ndavon mit Ekel erfüllt werden sollte. Es ist aber nicht\ndie Demokratie im Volke allein, welche jetzt Wagner in\ndie Schuhe hilft. Sie wissen, welcher Umschwung hier im\npolitischen Leben vor sich gegangen ist, und wie sehr man\nsich bemüht, durch die jetzige „Liberalität\" alle Völker\nund Regierungen des Erdballes zu beschämen. Dieser\nirrende Wagner war ein gefundener Handel, um Allen\nzu beweisen, wie milde man in Oesterreich jetzt die Re-\nvolutionäre behandelt, und wie sehr man die Sache der\nKunst von der Politik zu trennen geneigt ist. Wagner ist\nein grosser Künstler, dem man es jetzt wohl verzeihen\nmag, dass er auf den Barricaden gegen den seine Schul-\nden bezahlenden König gestanden. Also nicht allein die\nvon ihrer Neigung zu Katzenmusiken u. dgl. erst kürzlich\nwieder mit Mühe curirte Bevölkerung Wiens, auch das\nMinisterium selber befördert die heilige Sache der\nWagner'schen Kunst, und wie Sie erfahren haben wer-\nden, sind wir eben daran, in die Fussstapfen Napoleon's\n111. zu treten und durch hohen Machlspruch eine Insceni-\nrung und Aufführung von „Tristan und Isolde\" durch-\nzusetzen. Nun beneide ich zwar weder Capellmeister, noch\nSänger, noch Publicum um die hiervon zu gewärtigende\nArbeit und Genüsse, aber anerkennen muss ich die hohe\nIntelligenz, welche sich darin ausspricht, die Sache der\nKunst durch eine Aufführung von Tristan und Isolde zu\nfördern, Wagner aber immer fester an Wien zu fesseln,\ndamit es immer gewisser der Wohlthaten theilhaftig werde,\nwelche die Wirksamkeit eines solchen Mannes, verbunden\nmit der seiner Anhänger, die sich natürlich beeilen wer-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.4", "texte": "den, sich um ihn zu \\ ersammeln, einer Stadt wie Wien\nbieten kann.\nDie Unterstützung, die man Wagner zu Theil wer-\nden lässt, hat wohl ausser dem Ministerium auch im wie-\nner Adel überhaupt seinen Grund. Die hohe Fürstin,\nGemahlin des österreichischen Gesandten in Paris, deren\nUrlheil von dem dortigen Opern-Publicum ein so schmäh-\nliches Dementi erfahren hat, muss natürlich hier gerecht-\nfertigt erscheinen in den Erfolgen, welche das „musicali-\nsche\" Publicum Wiens gegenüber dem „unmusicalischen\"\nvon Paris Wagner zu Theil werden lässt. Der österreichi-\nsche Adel, von je her die höchste Intelligenz repräsenti-\nrend, ist übrigens in dieser Sache ganz consequent. Ein\naltes Sprüchwort sagt: Les extremes se touchent, und so\nwie die exclusiv „deutsche\" Opernrichtung in Wagner,\ndie italiänische in Verdi ihre letzten Consequenzen der\nAusbildung erfahren haben, so reichen sich jenseit der\nwirklichen Kunst die einander von rechts und links her\nganz nahe gekommenen Häupter der beiden Schulen\nfreundschaftlich die Hand. Und so kommt es denn, dass\nunsere Aristokratie, die sich in ihren Salons bekanntlich\nunter ganzen Notenbergen Verdi'scher Musik begräbt,\nsich leichter mit Wagner befreundet, als man hätte glau-\nben mögen; denn es wird doch Niemand bestreiten, dass\nin seinen Opern das Meiste, was nicht entschieden Wag-\nnerisch ist (namentlich im Tannhäuser), eine bedeutende\nVerwandtschaft mit Donizetti verräth? Was ist denn das\nberühmte Septett daselbst viel anders, als ein italiänisches\nEnsemblestück, wie man es in der Lucia und in Don Se-\nbastian auch findet? Und der eben so berühmte Pilger-\nmarsch, das Abendlied u. s. w., lehnen sich diese nicht\nebenlalls mehr an Donizetti, als an deutsche Meister? Im\nLohengrin allerdings sind Weber'sehe Einflüsse unver-\nkennbar, also deutsche, doch aber nur im Massenhaften,\nin der Behandlung Steigerungen, nirgends\naber im Einzeigesange, der mit den Vorbildern deutscher\ndramatischer Musik in gar keinem Zusammenhange mehr\nsteht.\nNoch eines Factors darf ich nicht unterlassen zu er-\nwähnen, der zu den Erfolgen Wagner's in Wien wesent-\nlich beiträgt. Es ist die Demi-mder Ladenmädchen\nund Putzmacherinnen sammt ihren Anbetern, den Commis\nu. s. w. Die Herrlichkeiten und Freuden des Venusber-\nges, die festlichen, das Auge blendenden Ritter-Aufzüge,\nder geharnischte Lohengrin und sein Schwan u. s. w.\nwie sollte das alles nicht so unendlich anziehend wirken,\ndass die Langweiligkeit der Musik dabei ganz übersehen\nwird! Das dröhnende Blech, welches diese löbliche Classe\nin den öffentlichen Wirthshausgärten kennen und lieben\ngelernt hat, findet dasselbe in ihren Augen hier nicht eine\npoetische Verklärung, wie man sie nicht herrlicher wün-\nschen möchte? Wie armselig und „unwirksam\" nimmt\nsich doch dagegen eine Mozart'sche Oper in ihrem be-\nscheidenen Gewände aus, wo nur manchmal eine hellere\nFarbe vorübergehend auftaucht! In der That, gehen Sie\neinmal in den Strassen Wiens umher, und sehen Sie diese\nmit tausend rothen, grünen, blauen Lappen behängten\nDämchen an, wie das schillert, flimmert und glitzert, und\nfragen Sie Sich dann, ob diese liebebedürftigen Seelen\nin einer Wagner'schen Oper nicht mit den Freuden und\nLeiden Tannhäuser's und dem Heldenmuthe Lohengrin's\nsympathisiren und allen Vorgängen mit der gespanntesten\nAufmerksamkeit folgen müssen!\nAlso Heil dem drei Mal glücklichen Maestro, der sei-\nnen Thron aufrichtet auf politischem Zwist und Eifersucht,\nauf rother Demokratie und hochgebildeter Aristokratie,\nauf Judenthum und Demi-monde,nur nicht auf dem gebil-\ndeten Geschmack des musicalischen Publicums! Wer\nwill ihm diesen festen Stuhl wankend machen?\nWien, den 15. Mai 1861.\n\nVerax.\n\nDie wiener Concert-Saison 1860—1861\n*\\\n;•\nDie Concert-Saison, an deren äusserster Gränze wir\nnunmehr bald angelangt sein dürften, wird allseitig als\neine der zugleich gediegensten und glänzendsten, die man\nseit Jahren hier erlebt, gepriesen, und zwar mit vollem\nRechte. Ein Blick auf die reichliche und tüchtige Ausbeute\ndieser Periode bringt uns sofort die erfreulichen Ergeb-\nnisse angestrengter, einsichtsvoller Thätigkeit zum Bewusst-\nsein, der genaue Vergleich dieser Ergebnisse mit denen\nder letztverflossenen acht oder zehn Jahre wird dem Leser\ndurch die jährlichen statistischen und kritischen „Ueber-\nsichten\" d. ß1. erleichtert, und eine, wenn auch nur apho-\nristische, Hinweisung auf die innere Beschaffenheit unserer\nmusicalischen Institute wirkt immer fruchtbringend, oder\nbleibt mindestens für künftige Vorkommnisse lehrreich.\nDie musicalische Thätigkeit unserer Stadt lässt sich in\nder Regel in fünf Gruppen theilen: 1) die vorwiegend in-\nstrumentalen Concerte, vertreten durch die „Gesell-\nschaft der Musikfreunde\", das „philharmonische\" Orche-\nster, den „Orchester-Verein\" und die „Euterpe\";—2) die\nganz oder vorwiegend vocalen Concerte, vertreten durch\ndie „Sing-Akademie\", den „Sing-Verein\" und die ver-\nschiedenen Männergesang-Vereine; 3) die Kammer-\nmusik, vertreten durch die Hellmesberger'schen und die\nHofmann'schen Quartette; 4) die einzelnen Concert-\ngeber, an deren Spitze diesmal Joachim; endlich 5}\n\n*) Aus: Eecensionen über Theater und Musik, Nr. 18."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.5", "texte": "die so genannten Akademieen, Wohlthätigkeits-Pro-\nductionen, Zweck-Concerte u. s. w.\nIn ihren vier Abonnements-Concerten brachte die\n„Gesellschaft der Musikfreunde\" Beethoven's Z?-Messe,\nSchumann's „Manfred-Musik\" mit Declamation, drei\nSinfonieen (Haydn, Beethoven, Schubert), ein für\nWien neues Clavier-Concert von Robert Volkmann,\neinen neuen Chor mit Orchester von Debroisvanßruyck,\neinen von Liszt für Orchester bearbeiteten Schubert'-\nschen Marsch und eine Ouvertüre von Catel. Ausser-\nhalb des Abonnements wurde von der „Gesellschaft\"\nSchubert's neu aufgefundene Oper „Der häusliche Krieg\"\nzwei Mal aufgeführt und ein „Zöglings-Concert\" veran-\nstaltet (Ouvertüre, Clavier-Concert, Arien, Lieder und Sin-\nfonie). An diese Thätigkeit schliesst sich die der Filial-\nVereine, und zwar des „Orchester-Vereins\" durch Auf-\nführung (an zwei besonderen Abenden) von vier Sinfo-\nnieen, zwei Clavier-Concerten, Arien u. s. w.,—dann des\n„Singvereins\" durch Aufführung der Schumann'schen\nFaust-Musik (3. Thl.) und Mitwirkung im „Manfred\", im\n„Häuslichen Krieg\", in der „Messe\" u.s.w.—Die selbst-\nständige Orchester-Gesellschaft „Euterpe\" ihrerseits brachte\nvier Sinfonieen (Christoph Bach, Mozart, Beetho-\nven, Schumann), drei Ouvertüren (Cherubini, Ries,\nLangwara) und verschiedene Einzel-Vorträge.\nDie Philharmoniker haben in acht Concerten zur mu-\nsicalischen Ausbeute Folgendes beigesteuert: zehn Sinfo-\nnieen (drei von Beethoven, je zwei von Mozart und\nSchumann, je eine von Haydn, Gade und Rietz),\neilf Ouvertüren (drei von Mendelssohn, zwei von Che-\nrub ini, je eine von Beethoven, Spohr, Schumann,\nGade, Rietz und Wagner), ferner: Gade's „Früh-\nlings-Phantasie\", Mendelssohn's Musik zum „Sommer-\nnachtstraum\" mit Declamation, Arien von Händel, Gluck,\nMozart, und Spohr, und einzelne Orchester-\noder Gesangstücke von Bach, Mozart, Beethoven,\nSpohr und Berlioz.\nEine eigentümliche Episode bilden die Orchester-\nConcerte, welche der Pianist Herr Tausig\"veranstaltete,\num einigen Orchesterwerken Liszt's Eingang zu ver-\nschaffen.\nDie vocalen Leistungen finden in den Programmen\nder „Sing-Akademie\" ihre würdigste Vertretung haupt-\nsächlich nach der kirchlich-musicalischen Richtung hin\n(Oratorium „Paulus\" von Mendelssohn, Motetten von\nSebastian und Christoph Bach, einzelne Chöre und\nam 5. Mai zu ihrer Stiftungsfeier in der Augustinerkirche\ndie sechsstimmige Messe Assum\nvon Palestrina; dann von Lotti,Gabrieli,Herman-\nnus Contractus, Händel und Mehreres von Mendels-\nsöhn und Schumann), während auch lebende Compo-\nnisten (Wilhelm Rust, Otto Grimm, Franz Mair)\nnicht vergessen sind.\nDer „ Singverein\" brachte, wie schon erwähnt, den\ndritten Theil der Faust-Musik, dazu Einzelnes von Men-\ndelssohn, Hans Walter und Grädener, ferner in\neinem kleineren Abend-Concerte Chöre und Lieder von\nSchubert, Mendelssohn, Schumann und Gräde-\nner. Der Singverein wirkt übrigens wesentlich nur mehr\nals ein tüchtiges Hülfscorps für die Zwecke der „Gesell-\nschaft der Musikfreunde\".\nDurch den „Männergesang-Verein\" kam in einem\nConcerte Mendelssohn's Musik zu „Oedipus\" zur Auf-\nführung, im anderen eine Reihe von Vocal-Chören. Auf\nletzterem beide bewegten sich auch der „Akademische\nGesangverein\", der „Sängerbund\" u. A.\nIm Programm des Hellmesberger'schen Quartetts\n(erster Cyklus, sechs Productionen) finden wir: Haydn,\nMozart, Beethoven (sechs Mal), Spohr, Schubert,\nMendelssohn, Schumann (drei Mal) und als Novitäte-\nn Waldemar Bargiel, Johann Herbeck,\nRobert Volkmann, MorizKässmayer. Im zweiten\nCyklus (vier Productionen) Haydn, Mozart (zwei Mal),\nBeethoven (vier Mal), Spohr, Hummel, Schubert,\nMendelssohn, Schumann und keine Novitäten. Das\nHofmann'sche Quartett brachte in sechs Productionen No-\nvitäten von Rappoldi, Langwara, Bibl, nebst älteren\nWerken von Haydn bis auf Schumann.\nDie Zahl der von einzelnen Persönlichkeiten veran-\nstalteten Concerte ist diesmal eine ziemlich geringe, selbst\nwenn wir Componisten-Concerte (Goldmark, Dorn,\nMögele) dazu rechnen wollen. Aus den einzelnen Vir-\ntuosenleistungen, unter welchen Herr Tausig mehr eigen-\ntümlich als angenehm leuchtet, und Fräulein Zadrobi-\nlek, Fräulein Kress, Fräulein Mösner, Herr de Ah na,\nHerr Epstein, Herr Bachrich, HerrSchweida eine\nehrenvolle Stellung einnehmen, ragt diesmal vor Allen\nJoachim's Erscheinung, als die eines echten Künstlers,\nglänzend und gediegen hervor. Wo solche Virtuosenkräfte\nmit so künstlerischem Streben sich vereinen., da gewinnt\nder Sieg der Kunst über den eitlen Virtuosenflitter immer\nmehr an Bedeutung und Dauerhaftigkeit.\nEs ist wahr, dieser Sieg kann nur durch stetes Rin-\ngen, durch immer wieder erneutes Streiten erkämpft und\nfast niemals ganz gesichert werden. Unzweifelhaft aber be-\nhält im Augenblicke, seit den letzten Jahren in erfreulich\nsteigendem Maasse, die bessere Richtung entschieden die\nOberhand. Das sehen wir an dem Streben unserer musi-\ncalischen Institute, an den Programmen der einzelnen Con-\ncertgeber, an dem Verhalten des Publicums und der Kri-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.6", "texte": "tik,—ja, selbst an der Art, wie man jetzt bemüht ist,\n„musicalisch-declamatorische Akademieen\" zusammen zu\nstellen. Flachheit und Trivialität ist von diesem letzleren\nGebiete zwar bei Weitem nicht ganz verschwunden, allein\ndiese ehemals ausschliesslichen Kennzeichen der „gemisch-\nten\" Concerte hören allmählich auf, vorherrschend zu sein,\nund, was das Beste ist, das Publicum hat nicht mehr aus-\nschliesslich daran seine Freude. So konnte in dieser Saison\nfür den „Pensionsfonds\" des Operntheaters in einer Aka-\ndemie eine Ouvertüre von Weber, Arien von Spohr\nund Mozart, Violin-Concert und Lorelei-Finale von Men-\ndelssohn und die (?-m>//-Sinfonie von Beethoven auf-\ngelührt werden. So konnte die „Concordia\" die vollstän-\ndige AufFührung des „Sommernachtstraums\" mit den Kräf-\nten beider Hoftheater veranstalten. Eine „Schiller-Akade-\nmie\" brachte Musikstücke von W eber und Lintpaint-\nner. Auch die Declamations-Piecen werden jetzt in der\nKegel verständiger gewählt, oder man sucht doch Neues,\nwirklich Interessantes vorzuführen, so Hebbel's „Michel\nAngelo\", die kleinen Lustspiele von Schlesinger, Bruch-\nstücke aus Meverbeer's „Dinorah\" u. dgl. m.\nDass die einzelnen Concertgeber es kaum mehr wa-\ngen, ohne Beethoven, Chopin und Schumann vor\ndie Oeffeiitlichkeit zu treten, ist schon wiederholt bemerkt\nworden. Geschieht dies nun auch Seitens Vieler auf ziem-\nlich unkundige Weise, und wäre es auch namentlich zu\nwünschen, dass Beethoven in der Heranbildung unserer\nkünstlerischen Jugend nur das Omega, nicht aber das Alpha\nsein möchte, so bleibt die Nöthigung der Künstler zu einem\ngediegenen Programm doch immer ein gutes Zeichen für\nden Bildungsgrad der Hörer, und dreiundzwanzig Sin-\nfonieen ohne die Liszt'chen „Dichtungen\" zu zählen (siehe\ndie vorhergegangene Einzelanführung derselben), dreiund-\nzwanzig Sinfonieen im Verlaufe von sechs Monaten öffent-\nlich zur Aufführung gebracht in einer Stadt wie Wien,\ndas ist wahrlich kein kleiner Fortschritt. Es ist nämlich\nvon vorn herein unstatthaft, Wien in Bezug auf musicali-\nsche Thätigkeit mit irgend einer kleineren nord- oder mit-\nteldeutschen Stadt zu vergleichen. Jene Conceritrirung auf\nengbegränzte specielle Zwecke, jenes Sichvertiefen in den\nGeist einer bestimmten Richtung kann bei uns nicht er-\nwartet, nicht gefordert werden. Man darf von Wien nicht\nfordern, dass es Leipzig oder Breslau sei, oder irgend eine\nStadt, wo in diesem oder jenem Punkte tüchtige Kräfte\nmit eiserner Consequenz nur dem Einen zustreben. Dafür\nbesitzt aber Wien so viele und so mancherlei Kräfte nach\nso vielen Bichtungen hin, dafür ist hier die Empfänglich-\nkeit so gross, der Sinn so offen, das Temperament so frisch,\ndass alles Vorhandene nur geweckt zu werden braucht,\num frisch und frei und kräftig zu pulsiren und seine Bahn\nzu gehen, oft wohl leichtfertig davon abspringend, doch\nbald wieder dahin zurückkehrend, wo es der richtige In-\nstinet hinzieht. Dieser Inslinct warnt uns hauptsächlich vor\nallem „Langweiligen\". Kommen wir nun auch dadurch\num manchen späteren Genuss, wenn wir es verschmähen,\nin das scheinbar Langweilige einzudringen, so ist auch der\nGewinn nicht zu verachten: die frisch erhaltene, rasche\nEmpfänglichkeit für das sinnlich Lebendige in der Kunst\nüberhaupt, in der Musik insbesondere für den lichten Ge-\nnius: Melodie.\nEs würde ein specielles Eingehen auf besondere Ver-\nhältnisse und einzelne Institute erfordern, wollten wir de-\ntaillirt den steten Fortschritt des musicalischen Wiens aus\neinander setzen. Wir haben unlängst zu zeigen versucht,\nwelche Veränderung in zehn Jahren hier vor sich gegan-\ngen ist. Wir werden vermuthlich noch öfter Gelegenheit\nfinden, uns namentlich über das musicalische Vereinswe-\nsen, dessen Zweck und Endziele auszusprechen. Manche\nbetrachten unsere musicalischen Zustände consequent nur\nvon der musicalischen Seite aus, nicht auch vom cultur-\nhistorischen Standpunkte. Auch wir haben vielleicht oft\nfälschlich aus jenem begränzten Gesichtskreise geurtheilt.\nWir nehmen aber keinen Anstand, unseren Irrthum ein-\nzugestehen, wenn wir etwas Besseres gefunden zu haben\nglauben. Auch trachten wir, wenn es auch oft nur „Ge-\ndächtniss-Uebung\" wäre, uns den Zusammenhang der\nmenschlichen und künstlerischen Dinge klar zu machen,\nund wenn wir z. B. in diesem Winter die „Gesellschaft\nder Musikfreunde\" oben auf und mit der mit\nder Schubert-Oper, mit der Herstellung eines selbstständi-\ngen Orchesters, mit der wenigstens begonnenen Organi-\nsirung des Conservatoriums Triumphe feiern sehen,—dann\nerinnern wir uns auch der Kämpfe, die nothwendig waren,\nnicht etwa um eines fachkünstlerischen Personalwechsels\nwillen, sondern um die Leitung des Instituts verlässlichen\nund einheitlich wirkenden Kräften zu übergeben. Wir\nbemerken dieses nur, um unseren Partei-Standpunkt fest-\nzuhalten; denn Parteien muss es geben, wo Leben und\nlebendiges Wirken gilt, und zusammenhalten müssen die\nkünstlerisch Gesinnten, sonst ziehen ihre klugen Gegner\ndas ganze Volk der Schwachen und „Halben\" mit sich\nfort. Wir freuen uns aufrichtig der auf diesem Wege\nerrungenen Erfolge, und indem wir das minder Gelungene\ngegenüber dem vielen Tüchtigen als unwesentliche Schat-\ntenseite mit billigem Schweigen bedecken, sprechen wir\nzum Schlüsse nur die Hoffnung aus, dass es uns nach einem\nJahre vergönnt sei, eben so Günstiges von der „wiener\nConcert-Saison\" zu berichten."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.7", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Der königlich baierische General-Musik-D'rector Herr\nFranz Lachner verweilte in dieser Woche auf seiner Rückreise\nvon Aachen nach München einen Tag bei seinem Kunstgenossen\nHerrn Capellmeister Hiller.\nElberfeld. Herr J. A. van Eyken hat uns am 4. d. Mts.\ndurch das von ihm veranstaltete Concert zum Besten der Ueber-\nschwemmten in Holland einen neuen Beweis von seinem anerkann-\nten Talente als Dirigent geliefert, und sich zugleich den Dank des\nPublicums für den genussreichen Abend und seiner nothleidenden\nLandsleute in vollem Maasse verdient. Wer bedenkt, dass Herr van\nEyken mit Aufopferung seiner Zeit und ungeachtet der Ungunst der\nZeit- und Ortsverhältnisse mit unermüdlichem Eifer der sich ge-\nstellten Aufgabe obgelegen hat, der stimmt gewiss nachträglich noch\neinmal ein in die Beifallsbezeigungen, welche dem Componisten nach\njeder Nummer bei der Aufführung seines „Lucifer\" in reichem\nMaasse aus dem Auditorium und von den Mitwirkenden zu Tbeil\nwurden. Die Ausführung der Composition der Musik zu dem ge-\nnannten Trauerspiel kann eine glänzende genannt werden, und ob-\ngleich zu den Solo-Partieen keine auswärtigen künstlerischen Ge-\nsangkräfte, wie es Elberfeld in den Concerten gewohnt ist, engagirt\nwaren, so befriedigten die Solo-Vorträge (unter Anderen wirkten die\nHerren Gebrüder Steinhaus mit) nebst der Declamation dennoch\nsehr, und die Ausführenden waren ihrer Aufgabe wohl gewachsen.\nHervortretender sind zudem die Ouvertüre, die einleitenden Instru-\nmentalsätze und vor Allem die Chöre. Ganz besonders gefielen die\nOuvertüre, die pompösen Instrumentalsätze, welche eine meisterhafte\nSchilderung des höllischen Kampfes sind, die beiden ersten Chöre\nund der Doppelchor im fünften Acte, welch letzterer mit seiner Fuge\nein Meisterwerk genannt zu werden verdient, das fugirten Chören\naus berühmten Oratorien würdig zur Seite steht. So machte denn\ndas ganze Werk, welches den ersten Theil des Concertes bildete,\neinen freudigen und erhebenden Eindruck; und wenn auch Stimmen\nlaut geworden sind, dass das Werk verrathe, wie der Componist ein\nSchüler Mendelssohn1 s sei, so werden sie doch auch nicht läugnen,\ndass er sein würdiger Schüler ist, und dass ihm eine ehrende Stelle\nin der Reihe der lebenden Tonkünstler gebührt. Den zweiten\nTheil des Programms bildete die zweite Sinfonie von L. van Beet-\nhoven, die, nicht minder gut vorgeführt, einen schönen Schluss des\nConcertes machte.\nDie Mitglieder des königlichen Dom-Chors in Berlin errichten\naus eigenen Mitteln ihrem dahingeschiedenen Dirigenten, dem Musik-\nDirector Neithard, ein würdiges Grabdenkmal.\nAls den Schluss unserer musicalischen Winter-\nSaison können wir das Orgel-C oncert bezeichnen, welches Herr\nF. Burmeister am 10. Mai Abends unter Mitwirkung der Herren\nund Arnold, so wie mehrerer Mitglieder des Hautboisten-\nCorps in der Domkirche gab. Der Concertgeber gab durch seine\nOrgel-Vorträge aufs Neue den Beweis von seinem ernsten, unabläs-\nsigen Kunststreben. Von den sechs Stücken: Phantasie in G-moll\nvon J. Seb. Bach; Fuge von Wilhelm Friedemann Bach; Choral-\nVorspiel zu: „Dies sind die heiligen zehn Gebot*, Cantus firmus,\ncanonisch von J. Seb» Bach; Choral-Vorspiel zu: „Aus tiefer Noth\nschrei* ich zu Dir\" (sechsstimmig), in A-moll, für volle Orgel von\nJ. Seb. Bach ; Largo aus Op. 2 (Nr. 2) von Beethoven, und Trauer-\nmarsch iu F-moll für Orgel und Blas-Instrumente, bei Thorwald-\nsen's Beisetzung zuerst aufgeführt, componirt von P. Hartmann,\ndie Herr Burmeister vortrug, brauchen wir die Compositionen\nvon Joh. Seb. Bach nicht weiter hervorzuheben; die hohe Schönheit\nund die contrapunktische Tiefe derselben bewährten sich auch hier,\nnamentlich bei der Phantasie in G-moll. Bei dem sechsstimmigen\nChoral-Vorspiel zu: »Aus tiefer Noth schrei' ich zu Dir«, waren\neine Tenor- und eine Bass-Posaune zur Verstärkung der in der Ober-\nstimme des Pedals liegenden Melodie verwandt. Die Fuge von Wil-\nhelm Friedemann Bach, entnommen aus einem Concerte dieses Com-\nponisten, dessen Werth der Vater, Johann Sebastian, dadurch be-\nglaubigt hat, dass er es mit eigener Hand abgeschrieben, zeichnete\nsich durch ansprechende Gefälligkeit und Klarheit aus. Der schon\nfrüher hier ausgeführte Trauermarsch von Hartmann für Orgel und\nBlas-Instrumente ist an sich eine tüchtige Composition und beson-\nders geeignet, die grosse Wirkung der Verbindung des Orgeltones\nmit Posaune u. s. w. zu zeigen. Die Mitwirkung der Herren Ar-\nnold und Andre gereichte dem Concerte zum besonderen Vortheil.\nDie Stimmen beider Herren fanden in den grossen Räumen der Dom-\nkirche ein günstiges Feld zur Entwicklung ihrer vollen Kraft. Herr\nArnold trug die Tenor-Arie von Händel: »Herr, gedenke David*,\nH(jrr Andre die Arie aus dem Paulus von Mendelssolm-Bartholdy,\n„Gott, sei mir gnädig*, beide mit schönster Wirkung und Beifall\ndes Publicums vor.\nDer vor Kurzem durch die leipziger Bach-Gesellscbaft ausge-\ngebene zehnte Jahrgang von J. S. Bach's Werken enthält wieder\nzehn Kirchen-Cantaten, welche nur geeignet sind, die Be-\nwunderung und Verehrung des grossen Meisters zu erhöhen. Es ist\ndem heutigen Musiker, und hätte er noch so viel contrapunktische\nFertigkeit, geradezu unbegreiflich, wie Bach in so verhältnissmässig\nkurzer Zeit, als er zur Composition einer solchen Cantate verwandt\nhat, so durch und durch vollendete Kunstwerke in der schwierig-\nsten Form zu Stande bringen konnte; zugleich aber muss er in\nwahren Jubel ausbrechen über die Fülle musicalischer Poesie, die\nhier aufgehäuft ist, von Declamation gar nicht zu reden; denn eine\nsinngemässere, nach jeder Seite hin zutreffendere Betonung lässt\nsich gar nicht denken. Wenn es heute noch Leute gibt, die es R.\nWagner aufs Wort glauben, er habe die richtige Declamation er-\nfunden, so darf man getrost das Buch der Zeit um mehr als hun-\ndert Jahre zurückschlagen und aus Bach beweisen, wie es damit\nsteht. Der Unterschied ist nur der, dass dort bei Bach noch andere\nDinge zu finden sind, die Wagner nicht hat, namentlich musicali-\nsche Logik, Ordnung, Symmetrie, Wohlklang. Von den zehn\nCantaten dieses Bandes, auf die wir noch ausführlicher zurückkom-\nmen, haben uns bis jetzt namentlich Nr. 45 und 46 unbeschreiblich\nerquickt. Es sind nun fünfzig Cantaten da, und wie viel kennt das\nPublicum davon? Es kommen wohl auch noch sporadisch in Deutsch-\nland Gesang-Vereine vor, welche die jährliche Ausgabe von 5 Thlr.\nscheuen, um sich in den eigenen Besitz dieser Schätze zu setzen;\nvielleicht auch Directoren solcher Institute, die von diesen fünfzig\nCantaten kaum Eine kennen. Es ist geradezu unbegreiflich, dass\nmail hier nicht eifriger zugreift; und wenn drei Gesang-Vereine in\neiner Stadt Zugriffen, sie hätten alle Hände voll zu thun, um für\nsich und Andere Freude daraus zu schöpfen. (D. M.-Z.)\nIn Coburg starb am 28. April der in früheren Jahren durch\nseine Concertreisen mit seinen Söhnen berühmt gewordene Johann\nPaul Eichhorn im 74. Lebensjahre.\nWien* Die ersten Mitglieder des k. k. Hof-Operntheaters,\nwelche als Kunstgenossen StaudigTs dem verewigten Sänger nahe\nstanden, hatten den Besehluss gefasst, demselben ein würdiges Grab-\nDenkmal zu errichten, und es sollten die hierzu nötliigen Fonds\ndurch Veranstaltung einer Akademie aufgebracht werden. Die hin-\nterbliebene Familie des Künstlers hat jedoch mit Rücksicht darauf,\ndass sie sich in sehr günstigen Vermögens-Verhältnissen befindet,\nwelche sie dem Dahingeschiedenen verdankt, diesen Antrag und ins-\nbesondere die Veranstaltung einer Akademie abgelehnt und die An-\nfertigung einer Pyramide aus Granit mit einer einfachen Aufschrift\nselbst in Auftrag gegeben."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610525-01.1.8", "texte": "Das Treumann-Theater in Wien veröffentlicht folgende Abonne-\nments-Ankündigung: Jacques Offenbach, Director des Theaters\nBouffes Parisiens, wird Anfangs Juni d. J. mit seiner Gesellschaft,\nbestehend ans den Damen: Tautin, Tostee, Natrier, Beaudoin, Taf-\nfanel, Matheau, Legris, und den Herren: Leonce, Desire', Bache,\nDuvernoy, Potel, Marchand, Desmont, Jean Paul, Tautin, Walter\nund Herrn Barney, Chef des Orchesters, einen Cyklus von dreissig\nGast-Vorstellungen im Abonnement eröffnen. (Folgt das Repertoire\nder Bouffes Parisiens.) Preise des Abonnements: Eine Loge im Par-\nterre oder erste Galerie für sämmtliche dreissig Vorstellungen 300\nFl.; eine Loge in der zweiten Galerie 240 Fl.; ein Fauteuil in der\nFremden-Loge 90 Fl.; ein Balcon-Fauteuil 90 Fl.; ein Fauteuil im\nParquette (die ersten sechs Reihen im Parterre) 75 Fl. u. s. w.\nPrag. Die Concerte unseres Cäcilien-Vereins haben in\nder vergangenen Saison folgende Musikstücke zur Aufführung ge-\nbracht : I. ]. Trauerspiel-Ouverture in C-moll von J. Iy. Zvonar,\nOp. 37 (Manuscript). 2. 9Na Prahu* von V. H. Veita. 3. Arie\nfür Tenor und Orchester von Mozart (1783), gesungen von Herrn\nNaehbauer. 4. Duett aus Faust von Spohr. 5. »Das Glück von\nEdenhall* von Rob. Schumann. 6. Mendelssohn's Sinfonie\nNr. 4 in A-dur. 11. Stabat Mater von Rossini (zum ersten\nMale). 111. 1. Ouvertüre in C (Suite Nr. 1) von J. Seb. Bach.\n2. Sopran-Arie aus der Matthäus-Passion von J. S. Bach. 3. Sin-\nfonie in D-dur von Phil Em. Bach. 4. Credo aus der Messe in\nH-moll von J. S. Bach. (Alles zum ersten Male.) IV 1. Ouver-\ntüre zur Faniska von Cherubini. 2. Arie aus dem Stabat Mater\nvon J. Haydn (Frau Prochaska Schmidt). 3. Gesänge von Skrup\nund Rubinstein. 4. Scene aus Schiller's Braut von Messina für\ndrei Solostimmen (Beatrice, Isabelle, Don Cesare), Männerchor und\nOrchester von Wenzel Tomaschek (zum ersten Male). 5. Czechi-\nsches Lied von F. Vogla 6. Sinfonie in Es-dur von Mozart.\nAloys Taux, Dom-Capellmeister und Director des Mozarteums\nin Salzburg, starb am 18. April in dem Augenblicke, als er in\nder Liedertafel am Ciavier den ersten Accord anschlug, um den\nChor „Waldeinsamkeit* zu dirigiren. Aloys Taux, als Mensch und\nTonkünstler und ganz besonders als Regenerator der Musik-Zustände\nSalzburgs allgemein geachtet, war 1817 zu Baumgarten in Preussisch-\nSchlesien geboren, wurde im prager Conservatorium zum tüchtigen\nMusiker herangebildet und 1841 zum Director des damals in Salz-\nburg ins Leben gerufenen Mozarteums und zum Dom-Capellmeister\ndaselbst ernannt, welchem Posten er mit anerkannter Tüchtigkeit\nund Energie durch volle zwanzig Jahre vorstand. Von seinen zahl-\nreichen Compositionen erwähnen wir nur seiner beiden grossen Mes-\nsen in Es und in F} seiner Ouvertüre zum „Tourist im Geister-\nreich* und seiner Streich-Quartette. Der verdienstvolle Mann rar\nmit der österreichischen, preussischen uud baierischen Ehren-Medaille\nfür Kunst und Wissenschaft decorirt."}]}