{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-06-01-01", "volume": "bmtnabi_1861-06-01_01", "ocr_sha256": "927a0a5c2fe7b2dfcbd127851bc9f9f0c18f226bf2ab18dcdde41560972e6dfc", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/06/01_01/bmtnabi_1861-06-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-06-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-06-01_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "169", "page_fin": "169", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 379, "texte": "Inhalt.\nDas 38. niederrheinische Musikfest. 11. (Sinfonia eroica.) Richard Wagner in Wien. Von Ed. Hanslick und C. D.\nAus Stettin (Wohlthätigkeits-Coneert) Von x. Tages- und Unterhaltungsblatt (Weimar, Tonkünstler-Versammlung Leip-\nzig, Riedel'scher Gesang-Verein Dresden, Theater Nürnberg, Muster-Oper Stettin, Herr G. Flügel Paris, Marschner, Grosse\nOper, Franz Liszt, Sivori)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-06-01-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-06-01_01#c002", "volume": "bmtnabi_1861-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "169", "page_fin": "172", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.2.2", "titre_corps": "Das 38. niederrheinische Musikfest.", "titre_sommaire": "Das 38. niederrheinische Musikfest.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.1", "debut_caractere": 381, "fin_caractere_exclue": 4138, "texte": "Das 38. niederrheinische Musikfest.\nII.\nDer erste Festabend brachte zwei Werke von Beet-\nhoven. Da die Missa solemnisin zur Aufführung\nbestimmt worden, so war es schwer, ein Orchesterwerk\nzu wählen, das als würdige, im Stil nicht gar zu stark\ncontrastirende Vorbereitung auf das gewaltige Vocalwerk\ngelten konnte. Man entschied sich desshalb für eine Sin-\nfonie desselben Meisters, und zwar für die Eroica, eine\nWahl, die sehr zu billigen war, indem durch diese beiden\nWerke uns der Anfang und der Gipfel der Entwicklung\ndes Beethoven'schen Genius in seiner Eigenthürnlicbkeit\nvorgeführt wurde.\nWir haben schon in Nr. 21 erwähnt, dass das Or-\nchester in Aachen ganz vorzüglich war, und wir möchten\nbeinahe behaupten, dass sich in der Vereinigung eines\ntüchtigen grossen Orchesters wenigstens eben so sehr, wo\nnicht noch in höherem Grade, als in der Stärke des Chors,\nder grosse Unterschied zwischen einem Musikfeste und den\ngewöhnlichen Concerten in grösseren Städten zum über-\nwiegendsten Vortheil des ersteren offenbart. Einen mehr\noder weniger zahlreichen Chor frisch klingender Stimmen\nhat jetzt in unserem Rheinlande fast jede Stadt, keineswegs\naber ein Orchester, das in demselben Maasse den Ansprü-\nchen genügte. An dem einen Orte hapert's mit den Blas-\ninstrumenten, an dem anderen mangelt es an tüchtigen\nViolinen, Bratschen und Bässen, oder wenigstens an einem\nvon diesen Bestandteilen des Geigen-Quartetts. Daher ist\nnur auf den Musikfesten ein so starkes und tüchtiges Or-\nchester herzustellen, dass es den Vocalmassen die Wage\nhält. Dies gilt besonders von den Saiten-Instrumenten, die\nin den gewöhnlichen Concerten selten im richtigen Ver-\nhältnisse zu dem Chor und im Orchester selbst zu dem\nBlech der Hörner, Trompeten und Posaunen stehen, von\ndenen sie erdrückt werden. Nun aber sind es nicht diese\nletzteren, sondern das Geigen-Quartett ist es, welches das\nFundament der Ausführung grosser Vocalwerke, vor Al-\nlem der Oratorien, bildet und ihr die wahre classische\nKraft und Farbe gibt. Desswegen ist die erschütternde\nMacht des Geigen-Quartettes, die nur durch Vereinigung\nvon Massen zu erzeugen ist, das Charakteristische der Mu-\nsikfeste, und erst auf dem Grunde dieser instrumentalen\nKlangfülle leuchtet die Pracht der schönen, frischen rhei-\nnischen Stimmen in ihrem wahren Glänze, wenngleich wir\nnicht in Abrede stellen wollen, dass für die Kunstfreunde,\ndie aus dem östlichen und mittleren Deutschland und\nvollends aus dem ganzen Westen, aus Holland, Belgien\nund Frankreich, unsere Musikfeste besuchen, der Klang\ndes rheinischen Chorgesangs mit Recht etwas wunderbar\nAnziehendes hat.\nMan kann freilich sagen—und wir haben dergleichen\nAeusserungen auch schon öfter gehört—: „Gut! was die\nAufführung von Oratorien betrifft, da stimmen wir mit\ndeiner Ansicht überein; aber eine Ouvertüre, vollends eine\nSinfonie wollen wir zehn Mal lieber von einem kleinen,\ntrefflich eingespielten Orchester hören, als von einem aus\nallen vier Weltgegenden zusammengeholten.\"\nDas hat etwas Scheinbares, allein in der Allgemein-\nheit, wie der Satz aufgestellt wird, ist er nicht haltbar.\nEine Ouvertüre wie Mozart's zum Figaro, wie Boieldieu's\nzur Weissen Dame, eine Sinfonie wie die meisten von\nHaydn, oder wie die G-moll-Sinfonie von Mozart, die B-\ndfwr-Sinfonie von Beethoven und Orchesterwerke ähnlichen\nCharakters werden bei correcter und feiner Ausführung\ndurch ein kleineres Orchester einen Genuss gewähren, der\nden .Vorzug vor dem Eindruck einer massenhaften verdie-\nnen mag. Aber bei einer Ouvertüre wie Weber's zum\nOberon, Spontini's zur Olympia, bei einer Sinfonie wie die\ngrosse in C-dur von Mozart, die Beethoven'schen u. s. w.\nu. s. w. wird sich mit der steigenden Masse der Ausfüh-\nrenden bei gleicher Tüchtigkeit im Technischen auch die"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5324, "texte": "Wirkung steigern. Und dieses Resultat hat seine haupt-\nsächlichste Quelle in dem oben hervorgehobenen Verhält-\nnisse der Saiten-Instrumente zu den Blas-Instrumenten,\nnamentlich dem Blech. Man vergleiche doch nur die Instru-\nmentirung von Werken der oben angegebenen ersten\nGattung mit der Instrumentirung der Werke der zweiten!\nMan stelle dasselbe Geigen-Quartett, das in den Wer-\nken der ersten Gattung mit den weichen Holz-Blase-In-\nstrumenten und zwei noch dazu sehr bescheiden ange-\nwandten Hörnern ein vortreffliches, durch zwei verschie-\ndene Klangfarben in richtigem gegenseitigem Verhältnisse\nwirkendes Tongemälde ergeben wird, mit dem vollen Or-\nchester der neueren Sinfonie zusammen, welches ausser\ndem weit ausgedehnteren und massenhafteren Gebrauche\nder Holz-Blase-Instrumente noch eine dritte und zwar\nfurchtbar mächtige Klangfarbe durch vier Hörner, zwei\nTrompeten, drei Posaunen, wo möglich auch Tuba, in sich\naufgenommen hat, und man wird gewahr werden, dass\nder Kern der Orchestermusik, das Geigen-Quartett, von\nder Schale undurchdringlich dick umhüllt, die Haupt-Ton-\nfarbe der schwingenden Saiten von den metallenen Mün-\ndungen der schweren Blechbatterie unterdrückt, der kunst-\nreiche Bogenstrich der Geiger von der naturkräftigen\nLunge der Bläser überwunden wird. Wir werden nicht\nzu viel sagen, wenn wir behaupten, dass zum wenigsten\neine Verdoppelung jenes für die Werke der ersten Gattung\ngenügenden Geigen-Quartetts erst das richtige Verhältniss\neiniger Maassen wieder herstellen und seine eigene Klang-\nfarbe mit den beiden anderen Gruppen von Ton-Werk-\nzeugen in Uebereinstimmung bringen kann.\nHierzu kommt nun, dass die musicalische Technik in\nunserem Zeitalter doch unläugbar so weit fortgeschritten\nist, dass auch bei grossen Massen von Instrumentalisten die\nnothwendige Uebereinstimmung im genauen und correcten\nund auch im ausdrucksvollen Vortrage zu erzielen ist. Es\nhat allerdings auch früher höchst ausgezeichnete Virtuosen\ngegeben, allein sie waren mehr vereinzelte Erscheinun-\ngen. Die gegenwärtige Instrumentalfertigkeil ist offenbar\nviel verbreiteter, als früher. Hunderte, ja, Tausende von\nMusikern erreichen eine Stufe der Technik, welche noch\nim Anfange unseres Jahrhunderts für Orchesterspieler in\ndas Reich der Fabel gehörte, wie die Klagen über Unaus-\nführbarkeit der Beethoven'schen Sinfonieen bei ihrer Er-\nscheinung beweisen, die wahrlich nicht weniger laut wur-\nden, als die Bannflüche der alten Harmoniker über die\nKetzereien des Neuerers.\nWr as würde z. B. der alte Dionysius Weber, weiland\nDirector des Conservatoriums zu Prag, welcher die heroi-\nsche Sinfonie als ein „sittenverderbendes\" Werk Beetho-\nven's in seiner Anstalt verpönte, so dass sie erst zu Anfang\nder vierziger Jahre unseres Jahrhunderts dort zum ersten\nMale aufgeführt wurde, was würde der wohl gesagt\nhaben, wenn er dasselbe Werk in Aachen von 140 Per-\nsonen, darunter 99 Mann an den kleinen und grossen Gei-\ngen, mit Leichtigkeit und mit Begeisterung hätte spielen\nhören? Und der wiener Kritiker der leipziger Allgemeinen\nMusik-Zeitung vom Jahre 1805, der bei der ersten Auf-\nführung, die im Januar Statt fand, sich dahin äusserte,\ndass es „dieser langen, äusserst schwierigen, sehr weit aus-\ngeführten, kühnen und wilden Phantasie gar nicht an frap-\npanten und schönen Stellen fehle, in denen man den ener-\ngischen, talentvollen Geist ihres Schöpfers erkennen muss,\nsehr oft aber verliere sie sich ins Regellose Referent\ngehöre gewiss zu Beethoven's aufrichtigsten Verehrern,\naber bei dieser Arbeit müsse er doch gestehen, des Grel-\nlen und Bizarren allzu viel zu finden\" u. s. w.; und bei\nder zweiten: „Allerdings hat diese neue Arbeit grosse und\nkühne Ideen, und wie man von dem Genie dieses Compo-\nnisten erwarten kann, eine grosse Kraft der Ausführung;\naber die Sinfonie würde unendlich gewinnen (sie dauert\neine ganze Stunde*), wenn sich Beethoven entschliessen\nwollte, sie abzukürzen und in das Ganze mehr Licht, Klar-\nheit und Einheit zu bringen\" u. s. w.\nWas würde dieser Referent gestaunt haben, wenn er\ngesehen hätte, dass eine Zuhörerschaft von mehr als tau-\nsend Menschen und ein Chor von mehr als fünfhundert\njeden Satz jubelnd beklatschten und vollständig durch die\nSchönheit des Werkes und der Ausführung hingerissen\nwaren!\nWenn man übrigens den Zeitpunkt bedenkt und sich\nerinnert, dass sogar Beethoven's Schüler Ferdinand Ries\nbei dem bekannten Eintritt des Horns auf das und\nder Violinen ausrief: „Das klingt ja infam falsch!\" so muss\nman in jenem Referate doch anerkennen, dass der Verfas-\nser das ausserordentliche Werk mit einer Ahnung seiner\nhohen Bedeutung und einem gewissen Respect vor seinem\nSchöpfer betrachtet.\nF. Ries erzählt bekanntlich, dass Beethoven bei der\nNachricht von der Thronbesteigung Napoleon's I. das Ti-\ntelblatt der Sinfonie mit der Aufschrift:\nparte\", abgerissen, und Schindler berichtet (I. S. 101),\ndass Beethoven selbst ihm gesagt habe, „der Gedanke zu\ndiesem Werke gehöre dem General Bernadotte an.\"\nDasselbe geht aus dem Schreiben Beethoven's, mit wel-\nchem er ein Exemplar der Missa solemnis an den König\nvon Schweden Karl Johann schickte, hervor, da Beethoven\ndarin den König—nach Schindlers Bericht an jene erste\nAnregung erinnerte.\n\n*) Hört, hört! Beethoven wird wohl die Tempi langsamer genom-\nmen haben, als die meisten Dirigenten es jetzt thun."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5340, "texte": "Es lässt sich hiernach an der Thatsache, dass Beethoven\nursprünglich durch dieses grosse Orchesterwerk den Hel-\nden Bonaparte habe feiern wollen, und dass Bernadotte\nihn dazu aufgefordert, nicht wohl zweifeln. Aber seltsam\ndabei ist Folgendes: Der General Bernadotte ist nur im\nJahre 1798 als Gesandter in Wien gewesen, kam im\nFebruar dahin und verliess es bereits wieder nach dem\nScandal, den er am 11. April veranlasst hatte, wobei das\nVolk sein Hotel stürmte und die von ihm ausgesteckte\nfranzösische Fahne auf dem Markte verbrannte. Er konnte\nalso nur während dieser Zeit Beethoven auf den Ge-\ndanken bringen, Bonaparte zu verherrlichen. Hiernach\nhätte sich denn Beethoven an sechs bis sieben Jahre\nmit jenem Gedanken getragen, da die Sinfonia erst 1804\ngeschrieben und im Januar 1805 zum ersten Male aufge-\nführt worden ist. Bernadotte ist nach 1798 nie wieder in\nWien gewesen. Es ist also wahrscheinlich, dass die stei-\ngende Bewunderung Beethoven's für Bonaparte, deren\nGründe Schindler aus des Meisters Charakter wohl richtig\nerklärt, ihn in den Jahren 1803 —lBO4 zu der Compo-\nsition der Eroica begeistert, und er sich dann erinnert\nhabe, dass der General Bernadotte ihm schon vor Jahren\ndiese Idee angedeutet habe.\nWir haben also in der zum ersten\nMale ein grosses Instrumentalwerk Beethoven's mit einem\nProgramm! Aber wie himmelweit ist trotzdem das\nWerk von der jetzigen Programm-Musik verschieden! Man\ndenke sich einmal eine Composition der neueren Schule,\neine so genannte symphonische Dichtung oder eine Ode-\nSinfonie mit der Ueberschrift: „Napoleon Bonaparte\"! Es\nüberläuft einen, wenn man sich vorstellt, was da für ein\nTongewühl herauskommen würde. Das Bild eines Helden\nerfüllte bei der Erfindung des Thema's und dessen Aus-\narbeitung im ersten Allegro gewiss Beethoven's Seele; eben\nso beim Trauermarsch, der übrigens schon eine seltsame\nHuldigung für einen lebenden Heros gewesen wäre, und\nin uns stets,den Glauben wankend gemacht hat, dass Beet-\nhoven die Sinfonie dem ersten Consul wirklich habe wid-\nmen und übersenden wollen; es ist, als wenn man einem\nmächtigen Herrscher eine Sieges-Hymne und zugleich einen\nPsalm, „an seinem Grabe zu singen\", überschickte! Wie\nanders erscheint das Ganze, wenn man die Aufschrift er-\nwägt, welche Beethoven der gedruckten Ausgabe, die im\nJahre 1807 herauskam, vorsetzte: Sinfonia eroica, composta\nper festeggiare il sovvenire diungrand' uomo (com-\nponirt, um das Andenken an einen grossen Mann zu\nfeiern). Nun ist Alles in der besten Ordnung und im Lichte,\nund die ganze Bonaparte-Geschichte rückt ins Nebelgraue.\nDiese Aufschrift ist also das wahre Programm des\nWerkes, und dies schwebte, wie gesagt, der Seele des\nComponisten als allgemeine Idee vor. Das war aber auch\nAlles. In allem Uebrigen und im Einzelnen Latte bei ihm\nder Musiker und die musicalische Runstform so\nvollständig das Uebergewicht, dass ihm die ursprüngliche\nIdee sogar in den beiden letzten Sätzen so gut wie ganz\nabhanden kam. Daher ist denn auch nichts lächerlicher\nals die Windungen und Krümmungen der ästhetischen\nAusleger, um das Scherzo und das Finale, dessen Ballet-\nMotiv (aus den Geschöpfen des Prometheus) sie vollends\nzur Verzweiflung bringt, mit „Napoleon Bonaparte\" in\nEinklang zu bringen. Am possierlichsten ist Richard Wag-\nner, der in dem Finale den musicalischen Ausdruck des\n„ewig Weiblichen\" sieht, das den Helden, wie den Faust,\nzu sich empor zieht!\nDie Angabe von Fetis (Biographie universelle, Up.\n•312 der neuen Auflage), die auch Berlioz und Ulibischeft\nnachsprechen, dass das Finale der C-moß-Sinfonie ur-\nsprünglich zum Finale der Eroica bestimmt gewesen wäre,\nist rein aus der Luft gegriffen und auch eine Folge der\nBonaparte-Idee. Sie ist wahrscheinlich aus der Anekdote\nhervorgegangen, dass ein alter französischer Soldat in\neinem Concerte bei dem Eintritte des glänzenden C-dur-\nSatzes in der fünften Sinfonie ausgerufen haben soll: „C'est\nl' Empereur/\"\nDem herrlichen Werke wurde eine ganz vorzügliche,\nman kann fast sagen: vollendete, Ausführung durch das\nin Aachen versammelte Orchester, dessen treffliche Eigen-\nschaften wir schon im Artikel I. geschildert haben, zu\nTheil. Mochte man auf Präcision und Einheit, auf Kraft\nund Ton, auf Weichheit und Schmelz, auf meisterliche\nTechnik, auf Geist und Schwung sehen, es war Alles zu-\nsammen da. Manche Stellen, z. B. das Terzett der Hörner\nim Trio des Scherzo, erinnern wir uns nicht, je so gut\ngehört zu haben. Mit den Tempi, die Franz Lachner nahm,\nkonnte man sich im Ganzen einverstanden erklären; das\nerste Allegro war feurig, aber doch nicht zu schnell, und\nes machte eine gute Wirkung, dass der Schluss vom Ein-\ntritt des Horns mit dem Hauptmotiv und der aufsteigen-\nden Violin-Figur an durchaus nicht überjagt, sondern im\nGegentheil ganz ruhig und würdig genommen wurde, was\nbesonders den Bässen bei der Aufnahme der Violin-Figur\ndurch sie zu Gute kam. Das Zeitmaass des Trauermarsches\nhätte dagegen ein klein wenig bewegter sein können; die\nAusführung war wunderbar schön. Entschieden zu lang-\nsam wurde das Andante im Finale genommen; dieser Satz\nist Poco Andante bezeichnet, was sehr mit Unrecht oft\nvergessen wird, da er als Adagio viel zu sehr aus dem\nCharakter des Ganzen heraustritt. Ausserdem war das\nTempo im Finale und im Scherzo dem Geiste der Compo-\nsition ganz angemessen, und der Vortrag der ganzen Sin-\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 189, "texte": "fonie ein erhebender Ku stgenuss für die Zuhörerschaft,\ndie denn auch jedem Satz 3 rauschenden Beifall spendete\nund am Schlüsse den Herrn Dirigenten noch durch wie-\nderholten Applaus ehrte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-06-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-06-01_01#c003", "volume": "bmtnabi_1861-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "172", "page_fin": "175", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.2.3", "titre_corps": "Richard Wagner in Wien", "titre_sommaire": "Richard Wagner in Wien", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.4", "debut_caractere": 191, "fin_caractere_exclue": 5125, "texte": "Richard Wagner in Wien\nEin musicalisches Feuilleton dieser Woche hat offen-\nbar nur das Recht, von Richard Wagner zu sprechen.\nDas Opernhaus, in welchem Wagner's Muse ihre glän-\nzendste Stätte fand, hat sich auch dem Componisten selbst\nals Festsaal und Redner-Tribüne erschlossen. Die Le-\nser wissen bereits von den Huldigungen, welche dem Dich-\nter des „Lohengrin\" und des „Fliegenden Holländers\" bei\nder letzten Aufführung dieser Opern dargebracht wurden.\nWir haben darüber einige Tage verstreichen lassen; denn\nunfähig, in den maasslosen Jubel einzustimmen, wünsch-\nten wir doch das allgemeine Gefühl durch keinen Misston\nzu verletzen. Von rein menschlichem Standpunkte haften\nwir uns redlich mitgefreut. Wir gönnten dem vielbegab-\nten, vielgeprüften Manne den Balsam auf die demüthigen-\nden Wunden aus Paris; wir theilten die Freude des lange\nVerbannten, sich nun auf deutschem Boden gefeiert und\nsein durchgearbeitetstes Werk vortrefflich aufgeführt zu\nsehen. Dieses Mitgefühl hätte sich überall Luft gemacht;\nin Wien, man weiss es, ist das Publicum ganz besonders\nherzlich, leicht gerührt und persönlicher Theilnahme offen.\nDennoch übertraf das Maass der Demonstrationen jede\nVoraussicht.\nWar es doch in diesen Räumen nie früher vorgekom-\nmen, dass ein Componist schon nach wenigen einleitenden\nTacten durch donnernden Beifall genöthigt worden, sich\nwiederholt aus seiner Loge zu verneigen, später unzählige\nMal zu erscheinen, endlich an zwei Abenden nach einan-\nder das Publicum von der Bühne aus zu haranguiren. Der\nkünstlerische Enthusiasmus Vieler und das menschliche\nMitgefühl Aller braus'te hier, Eines das Andere mitreis-\nsend, zu einem Jubel zusammen, wie er nie vorher an den\nMauern dieses Theaters gebrandet.\nEs ist eine recht undankbare Aufgabe der Kritik, auf\nsolch ein Bacchanale hinauf Abkühlungen zu reichen. Al-\nlein sie scheint uns dafür verantwortlich, dass die Elemente\ndieses Enthusiasmus nachträglich aus einander gehalten\nwerden und die Persönlichkeit Wagner's die „süsse Last\"\nzu tragen bekomme, für die seine Leistungen zu schwäch-\nlich sind. Die Kritik darf gegen die Deutung protestiren,\ndass der jüngste Theater-Fanatismus das Urlheil des mu-\nsicalischen Wien über die Wagner'schen Opern ausdrücke.\n*).\nWir hoffen wenigstens, es werde die Stadt, für welche\nGluck, Mozart und Beethoven dichteten, den guten\nRuf Wagner'scher Musik nicht mit ihrem eigenen erkau-\nfen wollen. Oder glaubt ein musicalisches Publicum wirk-\nlich, seine Verherrlichung des „Fliegenden Holländers\",\nauch abgesehen von der zufälligen Anwesenheit des Com-\nponisten, rechtfertigen zu können? Wenn gleich nach der\nOuvertüre, diesem symphonischen Scheusal, Wagner\nstürmisch auf die Bühne gerufen wurde, so wollen wir\ndoch lieber annehmen, dass neben gastfreundlicher Artig-\nkeit die Neugierde, den vielgenannten Componisten so\nschnell als möglich zu sehen, diese Ehrenbezeigung ver-\nanlasst hat.\nWie den schönen, menschlichen Antheil unseres Pu-\nblicums, so respectiren wir mit Freuden die nationale\nErregung, welche den deutschen Künstler an den Fran-\nzosen rächen wollte. Jeder Aufschwung deutschen Bewusst-\nseins in Wien dünkt uns so werthvoll, so erfreulich, dass\nwir nur ungern die Täuschung aufdecken, die ihm hier zu\nGrunde lag. Denn eine Täuschung ist der Glaube, es habe\ndas Fiasco des „Tannhäuser\" in Paris der deutschen\nKunst gegolten. Der „Benvenuto Cellini\" des Franzosen\nBerlioz wurde bei seiner ersten Aufführung in Paris eben-\nfalls ausgepfiffen. Wer die Urtheile der namhaftesten fran-\nzösischen Blätter verglichen, wer die Berichte glaubwürdi-\nger deutscher Correspondenten gelesen, weiss, dass der\nMisserfolg des „Tannhäuser\" in keiner Weise gegen die\nDeutschen gemünzt war. „Tannhäuser\" wurde nach Wag-\nner's eigenen Berichten in Paris mit einer Munificenz aus-\ncestattet, mit einer Sorgfalt vorbereitet, wie niemals auf\nirgend einer deutschen Bühne. Wenn trotzdem das Publi-\ncum die Novität zurückwies freilich in einer bedauerlich\nbeleidigenden Form —, so geschah dies einfach, weil sie\nihm nicht gefiel, nicht gefallen konnte. Dass man dieses\nLetztere nicht voraussah, hat uns an der ganzen Angele-\ngenheit am meisten verwundert. Indess, Wagner's Partei\nwar für alle Fälle gerüstet, die Aulführung des „Tann-\nhäuser\" in Paris, gut oder übel, als einen Triumph des\nComponisten aufzufassen. Brendel's „Musik-Zeitschrift\"\nmeldete das Fiasco gleich mit der Vorbemerkung, es sei\nallbekannt, dass Paris längst jede maassgebende Stimme\nin musicalischen Dingen verloren habe. Wenn aber der\n„Tannhäuser\" gefallen hätte?!\nEin anderer Enthusiast, der Wagner als den Gluck\nunserer Zeit feiert*), schliesst seinen Bericht wörtlich mit\nder Behauptung, „die erlittene Niederlage habe dem\nKünstler Wagner das ehrenvolle Zeugniss eines histo-\nrischen Erfolges gegeben\"! Da die jüngste Wagner-Feier\nin Wien doch auch ein Erfolg war (vermuthlich ein „un-\n\n*) Von Ed. Hanslick.\n*) »Der Tannhäuser in Paris\" von Ed. Schelle, 1861."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5307, "texte": "historischer\"), so könnte eigentlich der Componist von den\nWienern und den Parisern mit Wilhelm Teil rühmen:\n„Sie sind mir beide gleich liebe Kinder.\"\nIn der Ansprache, die Wagner nach dem „Fliegenden\nHolländer\" an das Publicum richtete, bezeichnete er die\nwiener Erfolge als „von unsäglicher Bedeutung für seine\nZukunft\". Indem er sich zugleich die „Gunst des Publi-\ncums für seine ferneren Leistungen\" erbeten und „einen\nlängeren Aufenthalt in Wien\" in Aussicht gestellt hat,\nscheint Wagner der festen Zuversicht, ein ihm für jeden\nFall ergebenes Publicum hier bereit zu finden. Die Zu-\nkunft wird es lehren. Begierig sind wir, ob dieses Publi-\ncum, das allerdings der Wagner'schen Muse bisher warm\nanhing, mit ihr weiter durch Dick und Dünn fortgehen\nwerde.\nUnter „Dick und Dünn\" verstehen wir den „Tri-\nstan\" und das „Rheingold\". Diese beiden noch unauf-\ngeführten Opern sind die äussersten Consequenzen der\nWagner'schen Richtung. Sie werden recht eigentlich die\n„Probe\" bilden, ob seine Rechnung richtig war. In Wag-\nner's früheren Opern ist Altes und Neues, sinnlicher Effect\nund dramatische Intention zu bunt gemischt, als dass sie\nin principiellem Sinne eigentliche Parteien begründen könn-\nten. Die Anhänger der alten Opernform und die der neuen\nTheorieen:—es Gndet jeder etwas für seinen Geschmack.\n„Tristan\" und das „Rheingold\" hingegen sind äusserst\nexclusiv; sie werden erproben, wie viele und welche von\nWagner's bisherigen Anhängern mit ihm weiter zu gehen\nvermögen. Der Componist selbst bezeichnet die beiden ge-\nnannten Werke als etwas über seine früheren Opern we-\nsentlich Hinausgehendes, und wir können ihm bezeugen,\ndass er damit wahr spricht. Wir haben uns mit „Tristan\nund Isolde\" wie mit dem „Rheingold\" angelegentlich be-\nschäftigt und gedenken demnächst Ausführlicheres davon\nzu erzählen. Vor der Hand können wir, ganz individuel,\nversichern, dass uns nie eine musicalische Beschäftigung\nso viel Qual verursacht hat, wie die Durchsicht dieser\nOpern. Gegen diese Musik wenn anders man einen\nKampf gegen jede Musik so nennen kann erscheint der\n„Lohengrin\" wie ein Zwillingsbruder der „Zauberflöte\".\nBei dem Interesse, welches sich seit der „Wagner-\nWoche\" an diese Opern knüpft, die vielleicht von Wien\naus ins Leben zu treten bestimmt sind, wird man nicht\nungern den Componisten selbst sich darüber aussprechen\nhören*). Von dem „Ring der Nibelungen\" (dessen\nerster Theil das „Rheingold\" bildet) erzählt Wagner:\n„Ich entwarf und führte einen dramatischen Plan von so\nbedeutender Dimension aus, dass ich, nur den Anforde-\nrungen meines Gegenstandes folgend, mit diesem Werke\nabsichtlich mich von jeder Möglichkeit ent-\nfernte, es unserem Opern-Repertoire, wie es ist, einzu-\nverleiben. Nur unter den äussergewohnlichsten Um-\nständen sollte dieses eine ganze ausgeführte Tetralogie um-\nfassende musicalische Drama zu einer öffentlichen Auffüh-\nrung gebracht werden können.\" Dass das „Rheingold\" auf\nunserer Bühne sich wirklich etwas fremdartig ausnehmen\nwürde, glauben wir schon aus dem Grunde, weil gar keine\nMenschen darin spielen, sondern nur Götter, Riesen, Was-\nsernixen und ein „buckeliger, haariger Zwerg\", der, von\nRiff zu Riff springend, die Nixen in allgemein verständli-\ncher Weise verfolgt. Die eine Hälfte der Oper spielt „in\nder Tiefe des Rheins\", die andere in der Götterburg, also\nüber den Wolken.— „Tristan und Isolde\" entstand\ngleichzeitig mit den „Nibelungen\", ist jedoch „seines klei-\nneren Umfanges wegen ein leichter und eher ausführba-\nres Werk\". „An dieses Werk\", sagt WTagner, „erlaube\nich die strengsten, aus meinen theoretischen Behaup-\ntungen fliessenden Anforderungen zu stellen, nicht\nweil ich es nach meinem System geformt hätte, sondern\nweil ich hier endlich mit der vollsten Freiheit und mit der\ngänzlichsten Rücksichtslosigkeit gegen jedes theoretische\nBedenken in einer Weise mich bewegte, dass ich während\nder Ausführung selbst inne ward, wie ich mein System\nweit überflügelte.\"\nDas neue Princip, welches Wagner im „Tristan\" con-\nsequent durchführt, besteht zunächst darin, dass „in der\nmusicalischen Ausführung gar keine Wortwiederholung\nmehr Statt findet, sondern im Gewebe der Worte und\nVerse bereits die ganze Ausdehnung der Melodie vorge-\nzeichnet, nämlich diese Melodie dichterisch bereits\nconstruirt ist\". Wagner versichert, „dass bei diesem\nVerfahren die Melodie einem Reichthum und einer Uner-\nschöpflichkeit zugeführt wird, von denen man sich ohne\ndieses Verfahren gar keine Vorstellung machen\nkann\"! Indem der Componist des „Lohengrin* von dem\n„Reichthum und der Unerschöpflichkeit\" seiner Melodie\nspricht, ahnt er offenbar ein zweifelndes Lächeln auf den\nLippen seiner Leser. Er fügt desshalb gleich hinzu, das,\nwas man gewöhnlich als „Melodie\" rühme (und womit er\nsich natürlich nicht befasse), sei „nur eine bestimmte enge\nForm der Melodie, welche der Kindheit der musicali-\nschen Kunst angehört, wesshalb das ausschliessliche Gefal-\nlen an ihr auch wirklich kindisch erscheinen muss\". Man\nmöchte glauben, dass Wagner von der ärmlichen Melodie\neines Cavalli oder Cesti, eines Lully oder R. Keiser\nspricht, weit entfernt. Dieser von Wagner verachteten\n„Kindheit\" der Melodieen-Bildung gehören noch unsere\ngrössten modernen Meister an. Mozart's „banale Phra-\n\n*) „Zukunftsmusik\". Brief an einen französischen Freund,\nvon ß. Wagner. JB6l."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5352, "texte": "senbildung\" erinnert Wagner an „Tafelmusik\", und „die\nBeethoven'sche Symphonie als melodischer Complex\"\nist ihm „nichts Anderes, als die idealisirte Tanzform\".\nWagner verheisst uns im „Tristan\" eine ganz andere,\nhöhere Melodie; das „vom Dichter Verschwiegene will er\nzum hellen Ertönen bringen\", und „die untrügliche\nForm seines laut erklingenden Schweigens ist\ndie unendliche Melodie\".\nEs fällt uns nicht bei, dem Leser erst aus einander zu\nsetzen, dass eine „unendliche Melodie\" ein Unding ist, in-\ndem jeder musicalische Gedanke in einer symmetrischen,\ngeprägten Form sich aussprechen, Anfang und Ende ha-\nben muss. Diese neue Panacee Wagner's, die „unendliche\nMelodie\", ist eine täuschende Phrase, ein geistreicher Hum-\nbug. Wer die Oper selbst noch nicht kennt, wird wenig-\nstens zugeben, dass Wagner ein grosses Talent besitzt, die\nallgemeine Aufmerksamkeit darauf zu spannen. Indem wir\ndie wichtigsten Punkte seiner Verheissungen wörtlich mit-\ntheilten, haben wir nur die Absichten seines jüngsten\n„Sendschreibens\" unterstützt. Sollte das Hof-Operntheater\nwirklich das Experiment mit Wagner's neuester „Hand-\nlung\" machen (so nennt Wagner gegenwärtig seine Opern),\nso kann sich das Publicum jedenfalls auf eine interessante\nSeltenheit freuen. Es ist nicht unmöglich, dass sich dabei\nder Jubel von neulich wiederhole. Für unsere beschränk-\nten Sinne jedoch ist und bleibt die „unendliche Melodie\"\ndie in Musik gesetzte unendliche Langeweile.\nIn der „Wiener Zeitung\" schreibt der musicalische\nReferent derselben, C. D., unter Anderem:\n„Die jüngste Vorstellung des Lohengrin nun erhielt\nihr Interesse durch die persönliche Anwesenheit Richard\nWagner's. Bei dem Antheil, welchen Wagner's Schöpfun-\ngen in Wien gefunden haben, liess sich, vollends nach den\njüngsten Vorgängen in Paris, eine lebhafte Demonstration\nfür den gegenwärtigen Liebling des Opern-Publicums er-\nwarten. Dieselbe hat auch wirklich Statt gefunden, ja, wir\nfügen gern hinzu, dass die Ovation, welche man dem\nSchöpfer des Tannhäuser und des Lohengrin darbrachte,\neinen so stürmischen, spontanen, ja, herzlichen Charakter\nhatte, dass sie selbst denjenigen nicht gleichgültig lassen\nkonnte, der ihr, wie wir, nur sehr bedingt beizustimmen\nvermöchte. Wir haben zunächst zu bemerken, dass diese\nKundgebung^fast ausschliesslich von den Galerieen aus-\nging, während das Parterre sich als ruhiger Zuschauer\nverhielt und seine Blicke abwechselnd nach dem sich in\nseiner Loge verneigenden Gefeierten und nach den Tumul-\ntuanten in der Höhe richtete. Wir führen aber diese That-\nsache lediglich als solche und nicht etwa als ein Argument\nan. Das Parterre-Publicum unserer Hoftheater ist so vor-\nnehm und—kalt geworden (wir bedienen uns eines mög-\nlichst milden Ausdrucks), dass es sich selbst durch einen\nneuen Schiller oder Beethoven nicht aus seiner ruhigen\nFassung bringen liesse, ja, dass es in der Kegel seiner\nWürde unangemessen erachtet, selbst seine wirklichen\nLieblinge anders als durch sein Erscheinen auszuzeichnen.\n„Es begreift sich, dass man es zunächst sich selbst\nschuldig war, diesmal für Wagner so laut als möglich\nPartei zu ergreifen; denn man durfte sich nicht compro-\nmittiren.\n„In Wien sagt man seit Jahren Ja und bewundert\nund ist entzückt, in Paris sagt man auf einmal Nein und\nbewundert nicht und ist nicht entzückt; denn wir erlauben\nes uns doch zu bezweifeln, dass es, wie Wagner die Sache\nin seinem bekannten Briefe darstellt, lediglich und aus-\nschliesslich der Jockey-Club gewesen sein sollte, welcher\ndie Aufführung des Tannhäuser in Paris so sehr verun-\nglücken machte. Auch mochte etwas von einer politischen\nStimmung und auch das gute Herz, welches man dem\nWiener ja nachrühmt, zugleich bei der Ovation im Spiele\ngewesen sein, da man sich durch den allerdings harten\nSchlag, welchen Wagner kürzlich in Paris erlitt, zu rein\nmenschlichem Antheil gestimmt fühlte.\n„Wagner spricht in seinen Büchern wiederholt und\nmit den stärksten Ausdrücken seine Verachtung des heu-\ntigen Theater- und vor Allem des Opern-Publicums aus,\nund diese Verachtung ist eine vvohlbegründete. Wir dür-\nfen daher annehmen, dass er selbst weder das Urtheil der\nSeine-, noch jenes der Donau-Stadt als ein in letzter In-\nstanz über den Werth seiner Schöpfungen entscheidendes\nansehen wird. Er wird nicht vergessen, dass dem Geiste\nnach dasselbe Publicum, welches ihm heute huldigt, der-\neinst Rossini und Meyerbeer, ja, Verdi nicht minder laut\nzujauchzte. Er kann sich unmöglich dem Wahne hingeben,\ndass dieser Enthusiasmus seine Quelle in dem habe, was\nin seinem Streben wirklich echt und bedeutsam ist, son-\ndern gerade der neuliche Abend muss es ihm, wenn die\nStimme des Gewissens in ihm lebendig ist, auf das deut-\nlichste gezeigt haben, wie er überall dort die lautesten\nSympathieen erweckt, wo seine Ausdrucksweise sehr nahe\nmit jener gewisser Vorgänger, vor Allen Meyerbeer's, ver-\nwandt ist. Dieser Enthusiasmus ist uns übrigens nicht\ndurchaus unbegreiflich, denn in Wagner's Opern-Dramen\nleben und weben so viele sinnbestrickende Elemente, dass\nverweichlichte, jedem Nervenreiz zugängliche Gemüther\nleicht von ihnen bis zum Entzücken fortgerissen werden\nmögen. Man dürfte mit Zuversicht die Wette bieten, dass,\nwenn aus Lohengrin und Tannhäuser einige Stücke (oder\nPartieen) eliminirt und die scenischen Mittel zu der Ein-\nfachheit der Shakespeare'schen Bühne zurückgeführt wür-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1152, "texte": "den, dieser Enthusiasmus sehr schnell unter den Gefrier-\npunkt sinken würde.\n„Die Zurufe an Wagner begannen schon und, wie be-\nreits bemerkt, mit ungestümer, entschiedenen Enthusiasmus\naussprechender Heftigkeit nach der Introduction und wie-\nderholten sich an vielen Stellen des Opern-Drama's. Nach\njedem Actschlusse musste Wagner wiederholt auf der\nBühne erscheinen und dankte am Schlüsse der Vorstellung\nmit einigen Worten.\n„Dass das Haus in allen Räumen überfüllt war, ver-\nsteht sich bei diesem Anlasse von selbst. Sollten wir ge-\nzwungen sein, zu bekennen, es verstehe sich eben so von\nselbst, dass es bei der Vorstellung der Iphigenie von Gluck\nwenigstens in vielen Räumen leer war? Stände das Werk\nauf dem Repertoire, so hätte die Thatsache aus mancher-\nlei Gründen nicht das Gewicht, welches ihr diesem Um-\nstände gegenüber allerdings zukommt. Wagner besitzt in\nWien eine und zwar sehr zahlreiche Partei, die ihm, wie\nwir glauben, mit aufrichtiger und glühender Verehrung\nergeben ist, und welche die Gelegenheit natürlich nicht ver-\nsäumte, ihrem Herzen Luft zu machen. Sie füllte vornehm-\nlich die Galerieen, und das Parterre—die Neugierigen.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-06-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-06-01_01#c004", "volume": "bmtnabi_1861-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "175", "page_fin": "176", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.2.4", "titre_corps": "Aus Stettin.", "titre_sommaire": "Aus Stettin.", "signature_source": "X", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.7", "debut_caractere": 1154, "fin_caractere_exclue": 5024, "texte": "Aus Stettin.\n\nDas diesjährige, von Herrn Stadt-Schulrath Alberti\nins Leben gerufene geistliche Concert zum Besten des Gu-\nstav-Adolf-Frauen-Vereins, welches in der Jacobi-Kirche\nunter Leitung der königlichen Musik-Directoren Herren\nDr. Löwe und Gustav Flügel gegeben wurde, verdient\nin mehrfacher Hinsicht erwähnt zu werden. Einmal wegen\nder uneigennützigen Mitwirkung der Damen Fräulein\nStrahl (Sopran) und Frau Musik-Director Würst (Alt)\nund der königlichen Hof- und Opernsänger Herren von\nder Osten (Tenor) und Krause (Dass) aus Berlin; dann\nwegen des interessanten Programms. Es kamen ausser den\nSolo's und Ensemble-Solostücken nur Frauenchöre zur\nAufführung, weil das Concert von einem Frauen-Verein\nausging, und weil es hier schwer hält, die Männer zur\nAusführung gemischter Chöre zusammen zu bringen,\nwas zum grösslen Theile an der Mitwirkung bei Männer-\ngesang-Vereinen liegen mag. Endlich auch wegen der ent-\nschieden allgemein beifälligen Aufnahme, den die gelun-\ngene Ausführung des Programms bei dem sehr zahlreich\nversammelten Publicum gefunden hat. Es kamen Compo-\nsitionen vou Seb. Bach, Händel, Mozart, Naumann,\nMendelssohn, Ferd. Hiller und Richard Würst\nzur Aufführung. Die Orgel-Begleitung wurde von Herrn\nDr. Löwe meisterhaft ausgeführt; Musik-Director Flü-\nGel leitete die Gesangstücke mit Orchester mit Umsicht\nund Sicherheit; er hatte auch die Einübung der Frauen-\nchöre bereitwillig übernommen.\nDie Reihenfolge der Stücke war folgende: 1. Zweite\nMotette für dreistimmigen Frauenchor und Soli (von ein-\nheimischen Damen gesungen) mit Orgel-Begleitung von\nMendelssohn. —2. Alt-Arie aus Seb. Bach's Matthäus-Pas-\nsion mit obligater Violine und Orchester (die Violin-Partie\nvon Herrn Jacques Rosenthal lobenswerth ausgeführt), von\nFrau Musik-Director Würst mit Verständniss und volltö-\nnender Altstimme gesungen. Diese durch und durch musi-\ncalische Sängerin gebietet über einen bedeutenden Stimm-\numfang.— 3. Das Tuba mirum aus Mozart's Requiem mit\nOrgelbegleitung, von dem berliner Solo-Quartett vorzüg-\nlich ausgeführt.—4. Ave Mari von Cherubini, Arie für\nSopran (Fräul. Strahl) mit Orgelbegleitung. Fräul. Strahl\nbesitzt schöne Stimmmittel, deren Ausbildung bereits er-\nfreulich vorgeschritten ist.—5. Bass-Arie aus dem Orato-\nrium Paulus: „Gott sei mir gnädig\" (mit Orchester). Herr\nHof-Opernsänger Krause bewährte auch hier seinen Ruf.\n6. Recitativ und Arie für Alt mit dem Chor der Engel\naus „David\", Oratorium von Naumann (Frau Würst).—\n7. Tenor-Arie aus Paulus: „Sei getreu bis in den Tod\"\n(Herr v. d. Osten), mit Orgelbegleitung. Herr v. d. Osten,\nals Liedersänger ausgezeichnet, ist auch ein Liebling des\nstettiner Publicums. B. Geistliches Abendlied für vier-\nstimmigen Frauenchor mit Sopran-Solo von Richard\nWürst, mit Streich-Quartett-Begleitung. 9. Bass-Arie\naus dem Messias: „Warum toben die Heiden\", mit Or-\nchester, von Herrn Krause meisterlich gesungen. lO.\nDas Beneclictusaus Mozart's mit Orgelbegleitung,\nvon dem berliner Solo-Quartett gelungen ausgeführt.\n11. Duett für Alt und Tenor aus Hiller's „Die Zerstö-\nrung Jerusalems\": „0, wäre mein Haupt eine Wasser-\nquelle\" , mit Orgelbegleitung. Frau Würst und Herr v. d.\nOsten brachten diese schöne Composition zu voller Geltung,\nso dass sie allgemein ansprach. —l2. Der 28. Psalm für\ndreistimmigen Frauenchor und Alt-Solo von Richard\nWürst.\nMusik-Director Flügel hatte sich die Einübung der\nWürst'schen Compositionen besonders angelegen sein las-\nsen ; sie haben aber trotz ihrer gefälligen (nur nicht kirch-\nlichen) Weise nicht besonders angesprochen und konnten\ngegen die übrigen Compositionen nicht aufkommen.\nWer da weiss, was dazu gehört, um ein Concert über-\nhaupt, namentlich aber mit auswärtigen Solisten, zu\nStande zu bringen, der wird die opferwillige Mühewaltung\ndes Herrn Schulrathes Alberti gern dankend anerkennen,\nwenn auch sämmtliche Localblätter darüber geschwie-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 114, "texte": "gen haben. Und warum? Weil sie zu einem „Wohlthätig-\nkeits-Concerte\" (ä 10 Sgr.) keine Frei-Billets erhielten.\n\nX."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-06-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-06-01_01#c005", "volume": "bmtnabi_1861-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "176", "page_fin": "176", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.8", "debut_caractere": 116, "fin_caractere_exclue": 5314, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDie diesjährige Tonkünstler-Versammlung in Weimar betreffend.\nAls Gegenstand der Aufführung des ersten Tages (am 5. August) in\nder Stadtkirche zu Weimar ist Bee t h o ven' s „Missa solemnis\" fest-\ngesetzt worden, mit der Hauptprobe dazu in den späteren Nachmit-\ntagsstunden des 4. August. Im zweiten Concerte am 6. August im\ngrossherzoglicben Hoftheater wird Liszt's „Faust-Symphonie®, so\nwie die Musik desselben zu Herder's rEntfesseltem Prometheus\" zur\nAufführung kommen. Ueber die Aufführungen des dritten Tages (am\n7. August), ebenfalls im grossherzoglichen Hoftheater, wird später\ndas Nähere bekannt gemacht werden.\nLeipzig 13. Mai. Der Riedel'sche Gesang-Verein, der bisher\nimmer ältere und classische Musik aufgeführt hat, brachte gestern\nAbends in der Thomas-Kirche nun auch einmal Kirchenmusiken\nlebender Tonsetzer zur Aufführung. Das Programm enthielt eine\nacht6timmige Motette a cajpella von G. Vierling in Berlin; ein Ad-\nventlied und „Begräbniss Christi\" von J Klengel von hier; einen\nPsalm für eine Sopranstimme mit Orgelbegleitung von Ferdinand\nHiller; Salve Regina, achtsimmig a capella von Robert Papperitz\nin Leipzig; ein geistliches Lied für gemischten Chor von Christian\nFink in Esslingen; »Die Seligkeiten', für Bariton-Solo, gemischten\nChor und Orgelbegleitung von F. Liszt, und ein Kyrie für Chor\nund Solostimmen a capella von Robert Franz in Halle.\nl>res«leil. Am 18. Mai trat Fräu>ein Emmy La Grua in\nMozart's Meisterwerke »Don Juan* als Donna Anna auf und be-\nwährte ihre hohe Künstlerschaft als Sängerin und Darstellerin an\ndiesem idealen Gebilde des Genius in der Malerei tragischer Leiden-\nschaft. Herr Pichler, der als Don Juan gastirte (Tags vorher\nals Jäger im Nachtlager mit besserem Erfolge), wurde durch plötz-\nliche Heiserkeit in seiner Leistung ungemein behindert. Aber sehr\ngern hierauf jede Rücksicht zugegeben, so erwies doch seine Be-\nhandlung des Gesanges und Spiels, dass er in beider Hinsicht zu\nder Ausführung dieser Mozart'schen Schöpfung dieses dämonischen\nHeros der Sinnlichkeit noch durchaus keine genügende Vorbildung\nhat und die Auffassung dieser Partie vorläufig ausser seinen Kräf-\nten liegt. In diesem Falle befand sich auch Fräulein Baldamus,\nder die Donna Elvira zugetheilt war.\nMontag, 20. Mai, bestätigte Fräulein Janausch eck als Maria\nStuart das schon ausgesprochene Urtheil, dass sie zu den Künst-\nlerinnen ersten Ranges gehört, sowohl durch die Einfachheit und\nNatürlichkeit in der Verwendung ihrer Mittel, als durch die Classi-\ncität des Ausdrucks in Sprache, Betonung und Geberdenspiel und\nin der Plastik ihrer Bewegungen. Das Publicum zeichnete die leider\nschon wieder scheidende Künstlerin durch allgemeinen, oft wieder-\nholten und lang' anhaltenden Beifall aus.\nHerr Director Reck beabsichtigt während der\nDauer des im Monat Juli hier Statt findenden Gesangfestes eine\n„Muster-Oper\" zu engagiren, und werden von demselben bereits\ngrosse Anstrengungen Behufs Engagements hervorragender Persön-\nlichkeiten getroffen ; auch lässt derselbe die bereits sehr grosse Bühne\num ein Beträchtliches vergrössern.\nStettin. Musik-Director Flügel ist vom Magistrate seit dem\n1. April d. J. als Gesanglehrer an der städtischen höheren Töchter-\nschule für die oberen Classen angestellt.\nPflft*is« Marschner hat einen Process gegen den Musik-Ver-\nleger Aulagnier wegen Verunstaltung der Partitur seines „Vampyr*\nin erster Instanz gewonnen. Aulagnier hatte vor vielen Jahren durch\neinen belgischen Musiker Recitative zu dieser Oper machen las-\nsen, und sie mit dieser gedruckt. Er ist zur Vernichtung dieser Re-\ncitative und Zahlung von 500 Fr. Schadenersatz verurtheilt worden,\nhat aber appellirt.\nAn der grossen Oper hat man den Plan, Gluck's „Alceste* in\nScene zu setzen, wieder aufgegeben und denkt an „Iphigenie auf\nTaurisu mit Demoiselle Sax, Faure und Michot. Die Wieder-\naufnahme der „Stummen von Portiei\" steht fest; nach ihr kommt\nder „Freischütz* daran, dessen Proben H. Berlioz eifrig leitet.\nFranz Liszt erregt, da er wieder spielt und häufig spielt, den-\nselben Enthusiasmus, den seine geniale Virtuosität stets hervorgeru-\nfen hat. Er hat in den Tuilerieen vor dem Kaiser und der Kaiserin\nund der Fürstin Metternich, die, wie er, zur kaiserlichen Tafel ge-\nzogen war, gespielt. Ferner bei der Gräfin Walewska, bei Rossini,\nbei seinem Schwiegersohne, dem Deputirten Olivier u. s. w.\nRossini hat jetzt seine Freude am Ciavierspielen und am Compo-\nniren von kleineren und grösseren Salonstücken für Ciavier. Seitdem\nwallfahrten alle Pianisten im Winter nach der Chaussee d7Antin,\njetzt nach Passy, Thalberg, Jaell und jetzt Liszt an der Spitze.\nLiszt soll ihn besonders durch den Vortrag der Ouvertüre zu Wil-\nhelm Teil begeistert haben.\nAuch Sivori hat bei Rossini gespielt, bei dem in diesem Win-\nter viel Musik gemacht worden ist. Nachher gab Sivori im Saale\nBeethoven ein glänzendes Concert. Bei Rossini entzückte er durch\nden wundervollen Gesang der Preghiera aus „Moses\" auf der Vio-\nline und spielte die grosse Sonate von Beethoven in A (Kreutzer\ngewidmet) und ein Quartett von C. Estienne. Er ist nach Genua\ngereis't, um in seiner Heimat den Frühling zuzubringen und dann\nnach Baden-Baden zu gehen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas 38. niederrheinische Musikfest. 11. (Sinfonia eroica.) Richard Wagner in Wien. Von Ed. Hanslick und C. D.\nAus Stettin (Wohlthätigkeits-Coneert) Von x. Tages- und Unterhaltungsblatt (Weimar, Tonkünstler-Versammlung Leip-\nzig, Riedel'scher Gesang-Verein Dresden, Theater Nürnberg, Muster-Oper Stettin, Herr G. Flügel Paris, Marschner, Grosse\nOper, Franz Liszt, Sivori).\n\nDas 38. niederrheinische Musikfest.\nII.\nDer erste Festabend brachte zwei Werke von Beet-\nhoven. Da die Missa solemnisin zur Aufführung\nbestimmt worden, so war es schwer, ein Orchesterwerk\nzu wählen, das als würdige, im Stil nicht gar zu stark\ncontrastirende Vorbereitung auf das gewaltige Vocalwerk\ngelten konnte. Man entschied sich desshalb für eine Sin-\nfonie desselben Meisters, und zwar für die Eroica, eine\nWahl, die sehr zu billigen war, indem durch diese beiden\nWerke uns der Anfang und der Gipfel der Entwicklung\ndes Beethoven'schen Genius in seiner Eigenthürnlicbkeit\nvorgeführt wurde.\nWir haben schon in Nr. 21 erwähnt, dass das Or-\nchester in Aachen ganz vorzüglich war, und wir möchten\nbeinahe behaupten, dass sich in der Vereinigung eines\ntüchtigen grossen Orchesters wenigstens eben so sehr, wo\nnicht noch in höherem Grade, als in der Stärke des Chors,\nder grosse Unterschied zwischen einem Musikfeste und den\ngewöhnlichen Concerten in grösseren Städten zum über-\nwiegendsten Vortheil des ersteren offenbart. Einen mehr\noder weniger zahlreichen Chor frisch klingender Stimmen\nhat jetzt in unserem Rheinlande fast jede Stadt, keineswegs\naber ein Orchester, das in demselben Maasse den Ansprü-\nchen genügte. An dem einen Orte hapert's mit den Blas-\ninstrumenten, an dem anderen mangelt es an tüchtigen\nViolinen, Bratschen und Bässen, oder wenigstens an einem\nvon diesen Bestandteilen des Geigen-Quartetts. Daher ist\nnur auf den Musikfesten ein so starkes und tüchtiges Or-\nchester herzustellen, dass es den Vocalmassen die Wage\nhält. Dies gilt besonders von den Saiten-Instrumenten, die\nin den gewöhnlichen Concerten selten im richtigen Ver-\nhältnisse zu dem Chor und im Orchester selbst zu dem\nBlech der Hörner, Trompeten und Posaunen stehen, von\ndenen sie erdrückt werden. Nun aber sind es nicht diese\nletzteren, sondern das Geigen-Quartett ist es, welches das\nFundament der Ausführung grosser Vocalwerke, vor Al-\nlem der Oratorien, bildet und ihr die wahre classische\nKraft und Farbe gibt. Desswegen ist die erschütternde\nMacht des Geigen-Quartettes, die nur durch Vereinigung\nvon Massen zu erzeugen ist, das Charakteristische der Mu-\nsikfeste, und erst auf dem Grunde dieser instrumentalen\nKlangfülle leuchtet die Pracht der schönen, frischen rhei-\nnischen Stimmen in ihrem wahren Glänze, wenngleich wir\nnicht in Abrede stellen wollen, dass für die Kunstfreunde,\ndie aus dem östlichen und mittleren Deutschland und\nvollends aus dem ganzen Westen, aus Holland, Belgien\nund Frankreich, unsere Musikfeste besuchen, der Klang\ndes rheinischen Chorgesangs mit Recht etwas wunderbar\nAnziehendes hat.\nMan kann freilich sagen—und wir haben dergleichen\nAeusserungen auch schon öfter gehört—: „Gut! was die\nAufführung von Oratorien betrifft, da stimmen wir mit\ndeiner Ansicht überein; aber eine Ouvertüre, vollends eine\nSinfonie wollen wir zehn Mal lieber von einem kleinen,\ntrefflich eingespielten Orchester hören, als von einem aus\nallen vier Weltgegenden zusammengeholten.\"\nDas hat etwas Scheinbares, allein in der Allgemein-\nheit, wie der Satz aufgestellt wird, ist er nicht haltbar.\nEine Ouvertüre wie Mozart's zum Figaro, wie Boieldieu's\nzur Weissen Dame, eine Sinfonie wie die meisten von\nHaydn, oder wie die G-moll-Sinfonie von Mozart, die B-\ndfwr-Sinfonie von Beethoven und Orchesterwerke ähnlichen\nCharakters werden bei correcter und feiner Ausführung\ndurch ein kleineres Orchester einen Genuss gewähren, der\nden .Vorzug vor dem Eindruck einer massenhaften verdie-\nnen mag. Aber bei einer Ouvertüre wie Weber's zum\nOberon, Spontini's zur Olympia, bei einer Sinfonie wie die\ngrosse in C-dur von Mozart, die Beethoven'schen u. s. w.\nu. s. w. wird sich mit der steigenden Masse der Ausfüh-\nrenden bei gleicher Tüchtigkeit im Technischen auch die"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.2", "texte": "Wirkung steigern. Und dieses Resultat hat seine haupt-\nsächlichste Quelle in dem oben hervorgehobenen Verhält-\nnisse der Saiten-Instrumente zu den Blas-Instrumenten,\nnamentlich dem Blech. Man vergleiche doch nur die Instru-\nmentirung von Werken der oben angegebenen ersten\nGattung mit der Instrumentirung der Werke der zweiten!\nMan stelle dasselbe Geigen-Quartett, das in den Wer-\nken der ersten Gattung mit den weichen Holz-Blase-In-\nstrumenten und zwei noch dazu sehr bescheiden ange-\nwandten Hörnern ein vortreffliches, durch zwei verschie-\ndene Klangfarben in richtigem gegenseitigem Verhältnisse\nwirkendes Tongemälde ergeben wird, mit dem vollen Or-\nchester der neueren Sinfonie zusammen, welches ausser\ndem weit ausgedehnteren und massenhafteren Gebrauche\nder Holz-Blase-Instrumente noch eine dritte und zwar\nfurchtbar mächtige Klangfarbe durch vier Hörner, zwei\nTrompeten, drei Posaunen, wo möglich auch Tuba, in sich\naufgenommen hat, und man wird gewahr werden, dass\nder Kern der Orchestermusik, das Geigen-Quartett, von\nder Schale undurchdringlich dick umhüllt, die Haupt-Ton-\nfarbe der schwingenden Saiten von den metallenen Mün-\ndungen der schweren Blechbatterie unterdrückt, der kunst-\nreiche Bogenstrich der Geiger von der naturkräftigen\nLunge der Bläser überwunden wird. Wir werden nicht\nzu viel sagen, wenn wir behaupten, dass zum wenigsten\neine Verdoppelung jenes für die Werke der ersten Gattung\ngenügenden Geigen-Quartetts erst das richtige Verhältniss\neiniger Maassen wieder herstellen und seine eigene Klang-\nfarbe mit den beiden anderen Gruppen von Ton-Werk-\nzeugen in Uebereinstimmung bringen kann.\nHierzu kommt nun, dass die musicalische Technik in\nunserem Zeitalter doch unläugbar so weit fortgeschritten\nist, dass auch bei grossen Massen von Instrumentalisten die\nnothwendige Uebereinstimmung im genauen und correcten\nund auch im ausdrucksvollen Vortrage zu erzielen ist. Es\nhat allerdings auch früher höchst ausgezeichnete Virtuosen\ngegeben, allein sie waren mehr vereinzelte Erscheinun-\ngen. Die gegenwärtige Instrumentalfertigkeil ist offenbar\nviel verbreiteter, als früher. Hunderte, ja, Tausende von\nMusikern erreichen eine Stufe der Technik, welche noch\nim Anfange unseres Jahrhunderts für Orchesterspieler in\ndas Reich der Fabel gehörte, wie die Klagen über Unaus-\nführbarkeit der Beethoven'schen Sinfonieen bei ihrer Er-\nscheinung beweisen, die wahrlich nicht weniger laut wur-\nden, als die Bannflüche der alten Harmoniker über die\nKetzereien des Neuerers.\nWr as würde z. B. der alte Dionysius Weber, weiland\nDirector des Conservatoriums zu Prag, welcher die heroi-\nsche Sinfonie als ein „sittenverderbendes\" Werk Beetho-\nven's in seiner Anstalt verpönte, so dass sie erst zu Anfang\nder vierziger Jahre unseres Jahrhunderts dort zum ersten\nMale aufgeführt wurde, was würde der wohl gesagt\nhaben, wenn er dasselbe Werk in Aachen von 140 Per-\nsonen, darunter 99 Mann an den kleinen und grossen Gei-\ngen, mit Leichtigkeit und mit Begeisterung hätte spielen\nhören? Und der wiener Kritiker der leipziger Allgemeinen\nMusik-Zeitung vom Jahre 1805, der bei der ersten Auf-\nführung, die im Januar Statt fand, sich dahin äusserte,\ndass es „dieser langen, äusserst schwierigen, sehr weit aus-\ngeführten, kühnen und wilden Phantasie gar nicht an frap-\npanten und schönen Stellen fehle, in denen man den ener-\ngischen, talentvollen Geist ihres Schöpfers erkennen muss,\nsehr oft aber verliere sie sich ins Regellose Referent\ngehöre gewiss zu Beethoven's aufrichtigsten Verehrern,\naber bei dieser Arbeit müsse er doch gestehen, des Grel-\nlen und Bizarren allzu viel zu finden\" u. s. w.; und bei\nder zweiten: „Allerdings hat diese neue Arbeit grosse und\nkühne Ideen, und wie man von dem Genie dieses Compo-\nnisten erwarten kann, eine grosse Kraft der Ausführung;\naber die Sinfonie würde unendlich gewinnen (sie dauert\neine ganze Stunde*), wenn sich Beethoven entschliessen\nwollte, sie abzukürzen und in das Ganze mehr Licht, Klar-\nheit und Einheit zu bringen\" u. s. w.\nWas würde dieser Referent gestaunt haben, wenn er\ngesehen hätte, dass eine Zuhörerschaft von mehr als tau-\nsend Menschen und ein Chor von mehr als fünfhundert\njeden Satz jubelnd beklatschten und vollständig durch die\nSchönheit des Werkes und der Ausführung hingerissen\nwaren!\nWenn man übrigens den Zeitpunkt bedenkt und sich\nerinnert, dass sogar Beethoven's Schüler Ferdinand Ries\nbei dem bekannten Eintritt des Horns auf das und\nder Violinen ausrief: „Das klingt ja infam falsch!\" so muss\nman in jenem Referate doch anerkennen, dass der Verfas-\nser das ausserordentliche Werk mit einer Ahnung seiner\nhohen Bedeutung und einem gewissen Respect vor seinem\nSchöpfer betrachtet.\nF. Ries erzählt bekanntlich, dass Beethoven bei der\nNachricht von der Thronbesteigung Napoleon's I. das Ti-\ntelblatt der Sinfonie mit der Aufschrift:\nparte\", abgerissen, und Schindler berichtet (I. S. 101),\ndass Beethoven selbst ihm gesagt habe, „der Gedanke zu\ndiesem Werke gehöre dem General Bernadotte an.\"\nDasselbe geht aus dem Schreiben Beethoven's, mit wel-\nchem er ein Exemplar der Missa solemnis an den König\nvon Schweden Karl Johann schickte, hervor, da Beethoven\ndarin den König—nach Schindlers Bericht an jene erste\nAnregung erinnerte.\n\n*) Hört, hört! Beethoven wird wohl die Tempi langsamer genom-\nmen haben, als die meisten Dirigenten es jetzt thun."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.3", "texte": "Es lässt sich hiernach an der Thatsache, dass Beethoven\nursprünglich durch dieses grosse Orchesterwerk den Hel-\nden Bonaparte habe feiern wollen, und dass Bernadotte\nihn dazu aufgefordert, nicht wohl zweifeln. Aber seltsam\ndabei ist Folgendes: Der General Bernadotte ist nur im\nJahre 1798 als Gesandter in Wien gewesen, kam im\nFebruar dahin und verliess es bereits wieder nach dem\nScandal, den er am 11. April veranlasst hatte, wobei das\nVolk sein Hotel stürmte und die von ihm ausgesteckte\nfranzösische Fahne auf dem Markte verbrannte. Er konnte\nalso nur während dieser Zeit Beethoven auf den Ge-\ndanken bringen, Bonaparte zu verherrlichen. Hiernach\nhätte sich denn Beethoven an sechs bis sieben Jahre\nmit jenem Gedanken getragen, da die Sinfonia erst 1804\ngeschrieben und im Januar 1805 zum ersten Male aufge-\nführt worden ist. Bernadotte ist nach 1798 nie wieder in\nWien gewesen. Es ist also wahrscheinlich, dass die stei-\ngende Bewunderung Beethoven's für Bonaparte, deren\nGründe Schindler aus des Meisters Charakter wohl richtig\nerklärt, ihn in den Jahren 1803 —lBO4 zu der Compo-\nsition der Eroica begeistert, und er sich dann erinnert\nhabe, dass der General Bernadotte ihm schon vor Jahren\ndiese Idee angedeutet habe.\nWir haben also in der zum ersten\nMale ein grosses Instrumentalwerk Beethoven's mit einem\nProgramm! Aber wie himmelweit ist trotzdem das\nWerk von der jetzigen Programm-Musik verschieden! Man\ndenke sich einmal eine Composition der neueren Schule,\neine so genannte symphonische Dichtung oder eine Ode-\nSinfonie mit der Ueberschrift: „Napoleon Bonaparte\"! Es\nüberläuft einen, wenn man sich vorstellt, was da für ein\nTongewühl herauskommen würde. Das Bild eines Helden\nerfüllte bei der Erfindung des Thema's und dessen Aus-\narbeitung im ersten Allegro gewiss Beethoven's Seele; eben\nso beim Trauermarsch, der übrigens schon eine seltsame\nHuldigung für einen lebenden Heros gewesen wäre, und\nin uns stets,den Glauben wankend gemacht hat, dass Beet-\nhoven die Sinfonie dem ersten Consul wirklich habe wid-\nmen und übersenden wollen; es ist, als wenn man einem\nmächtigen Herrscher eine Sieges-Hymne und zugleich einen\nPsalm, „an seinem Grabe zu singen\", überschickte! Wie\nanders erscheint das Ganze, wenn man die Aufschrift er-\nwägt, welche Beethoven der gedruckten Ausgabe, die im\nJahre 1807 herauskam, vorsetzte: Sinfonia eroica, composta\nper festeggiare il sovvenire diungrand' uomo (com-\nponirt, um das Andenken an einen grossen Mann zu\nfeiern). Nun ist Alles in der besten Ordnung und im Lichte,\nund die ganze Bonaparte-Geschichte rückt ins Nebelgraue.\nDiese Aufschrift ist also das wahre Programm des\nWerkes, und dies schwebte, wie gesagt, der Seele des\nComponisten als allgemeine Idee vor. Das war aber auch\nAlles. In allem Uebrigen und im Einzelnen Latte bei ihm\nder Musiker und die musicalische Runstform so\nvollständig das Uebergewicht, dass ihm die ursprüngliche\nIdee sogar in den beiden letzten Sätzen so gut wie ganz\nabhanden kam. Daher ist denn auch nichts lächerlicher\nals die Windungen und Krümmungen der ästhetischen\nAusleger, um das Scherzo und das Finale, dessen Ballet-\nMotiv (aus den Geschöpfen des Prometheus) sie vollends\nzur Verzweiflung bringt, mit „Napoleon Bonaparte\" in\nEinklang zu bringen. Am possierlichsten ist Richard Wag-\nner, der in dem Finale den musicalischen Ausdruck des\n„ewig Weiblichen\" sieht, das den Helden, wie den Faust,\nzu sich empor zieht!\nDie Angabe von Fetis (Biographie universelle, Up.\n•312 der neuen Auflage), die auch Berlioz und Ulibischeft\nnachsprechen, dass das Finale der C-moß-Sinfonie ur-\nsprünglich zum Finale der Eroica bestimmt gewesen wäre,\nist rein aus der Luft gegriffen und auch eine Folge der\nBonaparte-Idee. Sie ist wahrscheinlich aus der Anekdote\nhervorgegangen, dass ein alter französischer Soldat in\neinem Concerte bei dem Eintritte des glänzenden C-dur-\nSatzes in der fünften Sinfonie ausgerufen haben soll: „C'est\nl' Empereur/\"\nDem herrlichen Werke wurde eine ganz vorzügliche,\nman kann fast sagen: vollendete, Ausführung durch das\nin Aachen versammelte Orchester, dessen treffliche Eigen-\nschaften wir schon im Artikel I. geschildert haben, zu\nTheil. Mochte man auf Präcision und Einheit, auf Kraft\nund Ton, auf Weichheit und Schmelz, auf meisterliche\nTechnik, auf Geist und Schwung sehen, es war Alles zu-\nsammen da. Manche Stellen, z. B. das Terzett der Hörner\nim Trio des Scherzo, erinnern wir uns nicht, je so gut\ngehört zu haben. Mit den Tempi, die Franz Lachner nahm,\nkonnte man sich im Ganzen einverstanden erklären; das\nerste Allegro war feurig, aber doch nicht zu schnell, und\nes machte eine gute Wirkung, dass der Schluss vom Ein-\ntritt des Horns mit dem Hauptmotiv und der aufsteigen-\nden Violin-Figur an durchaus nicht überjagt, sondern im\nGegentheil ganz ruhig und würdig genommen wurde, was\nbesonders den Bässen bei der Aufnahme der Violin-Figur\ndurch sie zu Gute kam. Das Zeitmaass des Trauermarsches\nhätte dagegen ein klein wenig bewegter sein können; die\nAusführung war wunderbar schön. Entschieden zu lang-\nsam wurde das Andante im Finale genommen; dieser Satz\nist Poco Andante bezeichnet, was sehr mit Unrecht oft\nvergessen wird, da er als Adagio viel zu sehr aus dem\nCharakter des Ganzen heraustritt. Ausserdem war das\nTempo im Finale und im Scherzo dem Geiste der Compo-\nsition ganz angemessen, und der Vortrag der ganzen Sin-\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.4", "texte": "fonie ein erhebender Ku stgenuss für die Zuhörerschaft,\ndie denn auch jedem Satz 3 rauschenden Beifall spendete\nund am Schlüsse den Herrn Dirigenten noch durch wie-\nderholten Applaus ehrte.\n\nRichard Wagner in Wien\nEin musicalisches Feuilleton dieser Woche hat offen-\nbar nur das Recht, von Richard Wagner zu sprechen.\nDas Opernhaus, in welchem Wagner's Muse ihre glän-\nzendste Stätte fand, hat sich auch dem Componisten selbst\nals Festsaal und Redner-Tribüne erschlossen. Die Le-\nser wissen bereits von den Huldigungen, welche dem Dich-\nter des „Lohengrin\" und des „Fliegenden Holländers\" bei\nder letzten Aufführung dieser Opern dargebracht wurden.\nWir haben darüber einige Tage verstreichen lassen; denn\nunfähig, in den maasslosen Jubel einzustimmen, wünsch-\nten wir doch das allgemeine Gefühl durch keinen Misston\nzu verletzen. Von rein menschlichem Standpunkte haften\nwir uns redlich mitgefreut. Wir gönnten dem vielbegab-\nten, vielgeprüften Manne den Balsam auf die demüthigen-\nden Wunden aus Paris; wir theilten die Freude des lange\nVerbannten, sich nun auf deutschem Boden gefeiert und\nsein durchgearbeitetstes Werk vortrefflich aufgeführt zu\nsehen. Dieses Mitgefühl hätte sich überall Luft gemacht;\nin Wien, man weiss es, ist das Publicum ganz besonders\nherzlich, leicht gerührt und persönlicher Theilnahme offen.\nDennoch übertraf das Maass der Demonstrationen jede\nVoraussicht.\nWar es doch in diesen Räumen nie früher vorgekom-\nmen, dass ein Componist schon nach wenigen einleitenden\nTacten durch donnernden Beifall genöthigt worden, sich\nwiederholt aus seiner Loge zu verneigen, später unzählige\nMal zu erscheinen, endlich an zwei Abenden nach einan-\nder das Publicum von der Bühne aus zu haranguiren. Der\nkünstlerische Enthusiasmus Vieler und das menschliche\nMitgefühl Aller braus'te hier, Eines das Andere mitreis-\nsend, zu einem Jubel zusammen, wie er nie vorher an den\nMauern dieses Theaters gebrandet.\nEs ist eine recht undankbare Aufgabe der Kritik, auf\nsolch ein Bacchanale hinauf Abkühlungen zu reichen. Al-\nlein sie scheint uns dafür verantwortlich, dass die Elemente\ndieses Enthusiasmus nachträglich aus einander gehalten\nwerden und die Persönlichkeit Wagner's die „süsse Last\"\nzu tragen bekomme, für die seine Leistungen zu schwäch-\nlich sind. Die Kritik darf gegen die Deutung protestiren,\ndass der jüngste Theater-Fanatismus das Urlheil des mu-\nsicalischen Wien über die Wagner'schen Opern ausdrücke.\n*).\nWir hoffen wenigstens, es werde die Stadt, für welche\nGluck, Mozart und Beethoven dichteten, den guten\nRuf Wagner'scher Musik nicht mit ihrem eigenen erkau-\nfen wollen. Oder glaubt ein musicalisches Publicum wirk-\nlich, seine Verherrlichung des „Fliegenden Holländers\",\nauch abgesehen von der zufälligen Anwesenheit des Com-\nponisten, rechtfertigen zu können? Wenn gleich nach der\nOuvertüre, diesem symphonischen Scheusal, Wagner\nstürmisch auf die Bühne gerufen wurde, so wollen wir\ndoch lieber annehmen, dass neben gastfreundlicher Artig-\nkeit die Neugierde, den vielgenannten Componisten so\nschnell als möglich zu sehen, diese Ehrenbezeigung ver-\nanlasst hat.\nWie den schönen, menschlichen Antheil unseres Pu-\nblicums, so respectiren wir mit Freuden die nationale\nErregung, welche den deutschen Künstler an den Fran-\nzosen rächen wollte. Jeder Aufschwung deutschen Bewusst-\nseins in Wien dünkt uns so werthvoll, so erfreulich, dass\nwir nur ungern die Täuschung aufdecken, die ihm hier zu\nGrunde lag. Denn eine Täuschung ist der Glaube, es habe\ndas Fiasco des „Tannhäuser\" in Paris der deutschen\nKunst gegolten. Der „Benvenuto Cellini\" des Franzosen\nBerlioz wurde bei seiner ersten Aufführung in Paris eben-\nfalls ausgepfiffen. Wer die Urtheile der namhaftesten fran-\nzösischen Blätter verglichen, wer die Berichte glaubwürdi-\nger deutscher Correspondenten gelesen, weiss, dass der\nMisserfolg des „Tannhäuser\" in keiner Weise gegen die\nDeutschen gemünzt war. „Tannhäuser\" wurde nach Wag-\nner's eigenen Berichten in Paris mit einer Munificenz aus-\ncestattet, mit einer Sorgfalt vorbereitet, wie niemals auf\nirgend einer deutschen Bühne. Wenn trotzdem das Publi-\ncum die Novität zurückwies freilich in einer bedauerlich\nbeleidigenden Form —, so geschah dies einfach, weil sie\nihm nicht gefiel, nicht gefallen konnte. Dass man dieses\nLetztere nicht voraussah, hat uns an der ganzen Angele-\ngenheit am meisten verwundert. Indess, Wagner's Partei\nwar für alle Fälle gerüstet, die Aulführung des „Tann-\nhäuser\" in Paris, gut oder übel, als einen Triumph des\nComponisten aufzufassen. Brendel's „Musik-Zeitschrift\"\nmeldete das Fiasco gleich mit der Vorbemerkung, es sei\nallbekannt, dass Paris längst jede maassgebende Stimme\nin musicalischen Dingen verloren habe. Wenn aber der\n„Tannhäuser\" gefallen hätte?!\nEin anderer Enthusiast, der Wagner als den Gluck\nunserer Zeit feiert*), schliesst seinen Bericht wörtlich mit\nder Behauptung, „die erlittene Niederlage habe dem\nKünstler Wagner das ehrenvolle Zeugniss eines histo-\nrischen Erfolges gegeben\"! Da die jüngste Wagner-Feier\nin Wien doch auch ein Erfolg war (vermuthlich ein „un-\n\n*) Von Ed. Hanslick.\n*) »Der Tannhäuser in Paris\" von Ed. Schelle, 1861."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.5", "texte": "historischer\"), so könnte eigentlich der Componist von den\nWienern und den Parisern mit Wilhelm Teil rühmen:\n„Sie sind mir beide gleich liebe Kinder.\"\nIn der Ansprache, die Wagner nach dem „Fliegenden\nHolländer\" an das Publicum richtete, bezeichnete er die\nwiener Erfolge als „von unsäglicher Bedeutung für seine\nZukunft\". Indem er sich zugleich die „Gunst des Publi-\ncums für seine ferneren Leistungen\" erbeten und „einen\nlängeren Aufenthalt in Wien\" in Aussicht gestellt hat,\nscheint Wagner der festen Zuversicht, ein ihm für jeden\nFall ergebenes Publicum hier bereit zu finden. Die Zu-\nkunft wird es lehren. Begierig sind wir, ob dieses Publi-\ncum, das allerdings der Wagner'schen Muse bisher warm\nanhing, mit ihr weiter durch Dick und Dünn fortgehen\nwerde.\nUnter „Dick und Dünn\" verstehen wir den „Tri-\nstan\" und das „Rheingold\". Diese beiden noch unauf-\ngeführten Opern sind die äussersten Consequenzen der\nWagner'schen Richtung. Sie werden recht eigentlich die\n„Probe\" bilden, ob seine Rechnung richtig war. In Wag-\nner's früheren Opern ist Altes und Neues, sinnlicher Effect\nund dramatische Intention zu bunt gemischt, als dass sie\nin principiellem Sinne eigentliche Parteien begründen könn-\nten. Die Anhänger der alten Opernform und die der neuen\nTheorieen:—es Gndet jeder etwas für seinen Geschmack.\n„Tristan\" und das „Rheingold\" hingegen sind äusserst\nexclusiv; sie werden erproben, wie viele und welche von\nWagner's bisherigen Anhängern mit ihm weiter zu gehen\nvermögen. Der Componist selbst bezeichnet die beiden ge-\nnannten Werke als etwas über seine früheren Opern we-\nsentlich Hinausgehendes, und wir können ihm bezeugen,\ndass er damit wahr spricht. Wir haben uns mit „Tristan\nund Isolde\" wie mit dem „Rheingold\" angelegentlich be-\nschäftigt und gedenken demnächst Ausführlicheres davon\nzu erzählen. Vor der Hand können wir, ganz individuel,\nversichern, dass uns nie eine musicalische Beschäftigung\nso viel Qual verursacht hat, wie die Durchsicht dieser\nOpern. Gegen diese Musik wenn anders man einen\nKampf gegen jede Musik so nennen kann erscheint der\n„Lohengrin\" wie ein Zwillingsbruder der „Zauberflöte\".\nBei dem Interesse, welches sich seit der „Wagner-\nWoche\" an diese Opern knüpft, die vielleicht von Wien\naus ins Leben zu treten bestimmt sind, wird man nicht\nungern den Componisten selbst sich darüber aussprechen\nhören*). Von dem „Ring der Nibelungen\" (dessen\nerster Theil das „Rheingold\" bildet) erzählt Wagner:\n„Ich entwarf und führte einen dramatischen Plan von so\nbedeutender Dimension aus, dass ich, nur den Anforde-\nrungen meines Gegenstandes folgend, mit diesem Werke\nabsichtlich mich von jeder Möglichkeit ent-\nfernte, es unserem Opern-Repertoire, wie es ist, einzu-\nverleiben. Nur unter den äussergewohnlichsten Um-\nständen sollte dieses eine ganze ausgeführte Tetralogie um-\nfassende musicalische Drama zu einer öffentlichen Auffüh-\nrung gebracht werden können.\" Dass das „Rheingold\" auf\nunserer Bühne sich wirklich etwas fremdartig ausnehmen\nwürde, glauben wir schon aus dem Grunde, weil gar keine\nMenschen darin spielen, sondern nur Götter, Riesen, Was-\nsernixen und ein „buckeliger, haariger Zwerg\", der, von\nRiff zu Riff springend, die Nixen in allgemein verständli-\ncher Weise verfolgt. Die eine Hälfte der Oper spielt „in\nder Tiefe des Rheins\", die andere in der Götterburg, also\nüber den Wolken.— „Tristan und Isolde\" entstand\ngleichzeitig mit den „Nibelungen\", ist jedoch „seines klei-\nneren Umfanges wegen ein leichter und eher ausführba-\nres Werk\". „An dieses Werk\", sagt WTagner, „erlaube\nich die strengsten, aus meinen theoretischen Behaup-\ntungen fliessenden Anforderungen zu stellen, nicht\nweil ich es nach meinem System geformt hätte, sondern\nweil ich hier endlich mit der vollsten Freiheit und mit der\ngänzlichsten Rücksichtslosigkeit gegen jedes theoretische\nBedenken in einer Weise mich bewegte, dass ich während\nder Ausführung selbst inne ward, wie ich mein System\nweit überflügelte.\"\nDas neue Princip, welches Wagner im „Tristan\" con-\nsequent durchführt, besteht zunächst darin, dass „in der\nmusicalischen Ausführung gar keine Wortwiederholung\nmehr Statt findet, sondern im Gewebe der Worte und\nVerse bereits die ganze Ausdehnung der Melodie vorge-\nzeichnet, nämlich diese Melodie dichterisch bereits\nconstruirt ist\". Wagner versichert, „dass bei diesem\nVerfahren die Melodie einem Reichthum und einer Uner-\nschöpflichkeit zugeführt wird, von denen man sich ohne\ndieses Verfahren gar keine Vorstellung machen\nkann\"! Indem der Componist des „Lohengrin* von dem\n„Reichthum und der Unerschöpflichkeit\" seiner Melodie\nspricht, ahnt er offenbar ein zweifelndes Lächeln auf den\nLippen seiner Leser. Er fügt desshalb gleich hinzu, das,\nwas man gewöhnlich als „Melodie\" rühme (und womit er\nsich natürlich nicht befasse), sei „nur eine bestimmte enge\nForm der Melodie, welche der Kindheit der musicali-\nschen Kunst angehört, wesshalb das ausschliessliche Gefal-\nlen an ihr auch wirklich kindisch erscheinen muss\". Man\nmöchte glauben, dass Wagner von der ärmlichen Melodie\neines Cavalli oder Cesti, eines Lully oder R. Keiser\nspricht, weit entfernt. Dieser von Wagner verachteten\n„Kindheit\" der Melodieen-Bildung gehören noch unsere\ngrössten modernen Meister an. Mozart's „banale Phra-\n\n*) „Zukunftsmusik\". Brief an einen französischen Freund,\nvon ß. Wagner. JB6l."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.6", "texte": "senbildung\" erinnert Wagner an „Tafelmusik\", und „die\nBeethoven'sche Symphonie als melodischer Complex\"\nist ihm „nichts Anderes, als die idealisirte Tanzform\".\nWagner verheisst uns im „Tristan\" eine ganz andere,\nhöhere Melodie; das „vom Dichter Verschwiegene will er\nzum hellen Ertönen bringen\", und „die untrügliche\nForm seines laut erklingenden Schweigens ist\ndie unendliche Melodie\".\nEs fällt uns nicht bei, dem Leser erst aus einander zu\nsetzen, dass eine „unendliche Melodie\" ein Unding ist, in-\ndem jeder musicalische Gedanke in einer symmetrischen,\ngeprägten Form sich aussprechen, Anfang und Ende ha-\nben muss. Diese neue Panacee Wagner's, die „unendliche\nMelodie\", ist eine täuschende Phrase, ein geistreicher Hum-\nbug. Wer die Oper selbst noch nicht kennt, wird wenig-\nstens zugeben, dass Wagner ein grosses Talent besitzt, die\nallgemeine Aufmerksamkeit darauf zu spannen. Indem wir\ndie wichtigsten Punkte seiner Verheissungen wörtlich mit-\ntheilten, haben wir nur die Absichten seines jüngsten\n„Sendschreibens\" unterstützt. Sollte das Hof-Operntheater\nwirklich das Experiment mit Wagner's neuester „Hand-\nlung\" machen (so nennt Wagner gegenwärtig seine Opern),\nso kann sich das Publicum jedenfalls auf eine interessante\nSeltenheit freuen. Es ist nicht unmöglich, dass sich dabei\nder Jubel von neulich wiederhole. Für unsere beschränk-\nten Sinne jedoch ist und bleibt die „unendliche Melodie\"\ndie in Musik gesetzte unendliche Langeweile.\nIn der „Wiener Zeitung\" schreibt der musicalische\nReferent derselben, C. D., unter Anderem:\n„Die jüngste Vorstellung des Lohengrin nun erhielt\nihr Interesse durch die persönliche Anwesenheit Richard\nWagner's. Bei dem Antheil, welchen Wagner's Schöpfun-\ngen in Wien gefunden haben, liess sich, vollends nach den\njüngsten Vorgängen in Paris, eine lebhafte Demonstration\nfür den gegenwärtigen Liebling des Opern-Publicums er-\nwarten. Dieselbe hat auch wirklich Statt gefunden, ja, wir\nfügen gern hinzu, dass die Ovation, welche man dem\nSchöpfer des Tannhäuser und des Lohengrin darbrachte,\neinen so stürmischen, spontanen, ja, herzlichen Charakter\nhatte, dass sie selbst denjenigen nicht gleichgültig lassen\nkonnte, der ihr, wie wir, nur sehr bedingt beizustimmen\nvermöchte. Wir haben zunächst zu bemerken, dass diese\nKundgebung^fast ausschliesslich von den Galerieen aus-\nging, während das Parterre sich als ruhiger Zuschauer\nverhielt und seine Blicke abwechselnd nach dem sich in\nseiner Loge verneigenden Gefeierten und nach den Tumul-\ntuanten in der Höhe richtete. Wir führen aber diese That-\nsache lediglich als solche und nicht etwa als ein Argument\nan. Das Parterre-Publicum unserer Hoftheater ist so vor-\nnehm und—kalt geworden (wir bedienen uns eines mög-\nlichst milden Ausdrucks), dass es sich selbst durch einen\nneuen Schiller oder Beethoven nicht aus seiner ruhigen\nFassung bringen liesse, ja, dass es in der Kegel seiner\nWürde unangemessen erachtet, selbst seine wirklichen\nLieblinge anders als durch sein Erscheinen auszuzeichnen.\n„Es begreift sich, dass man es zunächst sich selbst\nschuldig war, diesmal für Wagner so laut als möglich\nPartei zu ergreifen; denn man durfte sich nicht compro-\nmittiren.\n„In Wien sagt man seit Jahren Ja und bewundert\nund ist entzückt, in Paris sagt man auf einmal Nein und\nbewundert nicht und ist nicht entzückt; denn wir erlauben\nes uns doch zu bezweifeln, dass es, wie Wagner die Sache\nin seinem bekannten Briefe darstellt, lediglich und aus-\nschliesslich der Jockey-Club gewesen sein sollte, welcher\ndie Aufführung des Tannhäuser in Paris so sehr verun-\nglücken machte. Auch mochte etwas von einer politischen\nStimmung und auch das gute Herz, welches man dem\nWiener ja nachrühmt, zugleich bei der Ovation im Spiele\ngewesen sein, da man sich durch den allerdings harten\nSchlag, welchen Wagner kürzlich in Paris erlitt, zu rein\nmenschlichem Antheil gestimmt fühlte.\n„Wagner spricht in seinen Büchern wiederholt und\nmit den stärksten Ausdrücken seine Verachtung des heu-\ntigen Theater- und vor Allem des Opern-Publicums aus,\nund diese Verachtung ist eine vvohlbegründete. Wir dür-\nfen daher annehmen, dass er selbst weder das Urtheil der\nSeine-, noch jenes der Donau-Stadt als ein in letzter In-\nstanz über den Werth seiner Schöpfungen entscheidendes\nansehen wird. Er wird nicht vergessen, dass dem Geiste\nnach dasselbe Publicum, welches ihm heute huldigt, der-\neinst Rossini und Meyerbeer, ja, Verdi nicht minder laut\nzujauchzte. Er kann sich unmöglich dem Wahne hingeben,\ndass dieser Enthusiasmus seine Quelle in dem habe, was\nin seinem Streben wirklich echt und bedeutsam ist, son-\ndern gerade der neuliche Abend muss es ihm, wenn die\nStimme des Gewissens in ihm lebendig ist, auf das deut-\nlichste gezeigt haben, wie er überall dort die lautesten\nSympathieen erweckt, wo seine Ausdrucksweise sehr nahe\nmit jener gewisser Vorgänger, vor Allen Meyerbeer's, ver-\nwandt ist. Dieser Enthusiasmus ist uns übrigens nicht\ndurchaus unbegreiflich, denn in Wagner's Opern-Dramen\nleben und weben so viele sinnbestrickende Elemente, dass\nverweichlichte, jedem Nervenreiz zugängliche Gemüther\nleicht von ihnen bis zum Entzücken fortgerissen werden\nmögen. Man dürfte mit Zuversicht die Wette bieten, dass,\nwenn aus Lohengrin und Tannhäuser einige Stücke (oder\nPartieen) eliminirt und die scenischen Mittel zu der Ein-\nfachheit der Shakespeare'schen Bühne zurückgeführt wür-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.7", "texte": "den, dieser Enthusiasmus sehr schnell unter den Gefrier-\npunkt sinken würde.\n„Die Zurufe an Wagner begannen schon und, wie be-\nreits bemerkt, mit ungestümer, entschiedenen Enthusiasmus\naussprechender Heftigkeit nach der Introduction und wie-\nderholten sich an vielen Stellen des Opern-Drama's. Nach\njedem Actschlusse musste Wagner wiederholt auf der\nBühne erscheinen und dankte am Schlüsse der Vorstellung\nmit einigen Worten.\n„Dass das Haus in allen Räumen überfüllt war, ver-\nsteht sich bei diesem Anlasse von selbst. Sollten wir ge-\nzwungen sein, zu bekennen, es verstehe sich eben so von\nselbst, dass es bei der Vorstellung der Iphigenie von Gluck\nwenigstens in vielen Räumen leer war? Stände das Werk\nauf dem Repertoire, so hätte die Thatsache aus mancher-\nlei Gründen nicht das Gewicht, welches ihr diesem Um-\nstände gegenüber allerdings zukommt. Wagner besitzt in\nWien eine und zwar sehr zahlreiche Partei, die ihm, wie\nwir glauben, mit aufrichtiger und glühender Verehrung\nergeben ist, und welche die Gelegenheit natürlich nicht ver-\nsäumte, ihrem Herzen Luft zu machen. Sie füllte vornehm-\nlich die Galerieen, und das Parterre—die Neugierigen.\"\n\nAus Stettin.\n\nDas diesjährige, von Herrn Stadt-Schulrath Alberti\nins Leben gerufene geistliche Concert zum Besten des Gu-\nstav-Adolf-Frauen-Vereins, welches in der Jacobi-Kirche\nunter Leitung der königlichen Musik-Directoren Herren\nDr. Löwe und Gustav Flügel gegeben wurde, verdient\nin mehrfacher Hinsicht erwähnt zu werden. Einmal wegen\nder uneigennützigen Mitwirkung der Damen Fräulein\nStrahl (Sopran) und Frau Musik-Director Würst (Alt)\nund der königlichen Hof- und Opernsänger Herren von\nder Osten (Tenor) und Krause (Dass) aus Berlin; dann\nwegen des interessanten Programms. Es kamen ausser den\nSolo's und Ensemble-Solostücken nur Frauenchöre zur\nAufführung, weil das Concert von einem Frauen-Verein\nausging, und weil es hier schwer hält, die Männer zur\nAusführung gemischter Chöre zusammen zu bringen,\nwas zum grösslen Theile an der Mitwirkung bei Männer-\ngesang-Vereinen liegen mag. Endlich auch wegen der ent-\nschieden allgemein beifälligen Aufnahme, den die gelun-\ngene Ausführung des Programms bei dem sehr zahlreich\nversammelten Publicum gefunden hat. Es kamen Compo-\nsitionen vou Seb. Bach, Händel, Mozart, Naumann,\nMendelssohn, Ferd. Hiller und Richard Würst\nzur Aufführung. Die Orgel-Begleitung wurde von Herrn\nDr. Löwe meisterhaft ausgeführt; Musik-Director Flü-\nGel leitete die Gesangstücke mit Orchester mit Umsicht\nund Sicherheit; er hatte auch die Einübung der Frauen-\nchöre bereitwillig übernommen.\nDie Reihenfolge der Stücke war folgende: 1. Zweite\nMotette für dreistimmigen Frauenchor und Soli (von ein-\nheimischen Damen gesungen) mit Orgel-Begleitung von\nMendelssohn. —2. Alt-Arie aus Seb. Bach's Matthäus-Pas-\nsion mit obligater Violine und Orchester (die Violin-Partie\nvon Herrn Jacques Rosenthal lobenswerth ausgeführt), von\nFrau Musik-Director Würst mit Verständniss und volltö-\nnender Altstimme gesungen. Diese durch und durch musi-\ncalische Sängerin gebietet über einen bedeutenden Stimm-\numfang.— 3. Das Tuba mirum aus Mozart's Requiem mit\nOrgelbegleitung, von dem berliner Solo-Quartett vorzüg-\nlich ausgeführt.—4. Ave Mari von Cherubini, Arie für\nSopran (Fräul. Strahl) mit Orgelbegleitung. Fräul. Strahl\nbesitzt schöne Stimmmittel, deren Ausbildung bereits er-\nfreulich vorgeschritten ist.—5. Bass-Arie aus dem Orato-\nrium Paulus: „Gott sei mir gnädig\" (mit Orchester). Herr\nHof-Opernsänger Krause bewährte auch hier seinen Ruf.\n6. Recitativ und Arie für Alt mit dem Chor der Engel\naus „David\", Oratorium von Naumann (Frau Würst).—\n7. Tenor-Arie aus Paulus: „Sei getreu bis in den Tod\"\n(Herr v. d. Osten), mit Orgelbegleitung. Herr v. d. Osten,\nals Liedersänger ausgezeichnet, ist auch ein Liebling des\nstettiner Publicums. B. Geistliches Abendlied für vier-\nstimmigen Frauenchor mit Sopran-Solo von Richard\nWürst, mit Streich-Quartett-Begleitung. 9. Bass-Arie\naus dem Messias: „Warum toben die Heiden\", mit Or-\nchester, von Herrn Krause meisterlich gesungen. lO.\nDas Beneclictusaus Mozart's mit Orgelbegleitung,\nvon dem berliner Solo-Quartett gelungen ausgeführt.\n11. Duett für Alt und Tenor aus Hiller's „Die Zerstö-\nrung Jerusalems\": „0, wäre mein Haupt eine Wasser-\nquelle\" , mit Orgelbegleitung. Frau Würst und Herr v. d.\nOsten brachten diese schöne Composition zu voller Geltung,\nso dass sie allgemein ansprach. —l2. Der 28. Psalm für\ndreistimmigen Frauenchor und Alt-Solo von Richard\nWürst.\nMusik-Director Flügel hatte sich die Einübung der\nWürst'schen Compositionen besonders angelegen sein las-\nsen ; sie haben aber trotz ihrer gefälligen (nur nicht kirch-\nlichen) Weise nicht besonders angesprochen und konnten\ngegen die übrigen Compositionen nicht aufkommen.\nWer da weiss, was dazu gehört, um ein Concert über-\nhaupt, namentlich aber mit auswärtigen Solisten, zu\nStande zu bringen, der wird die opferwillige Mühewaltung\ndes Herrn Schulrathes Alberti gern dankend anerkennen,\nwenn auch sämmtliche Localblätter darüber geschwie-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610601-01.1.8", "texte": "gen haben. Und warum? Weil sie zu einem „Wohlthätig-\nkeits-Concerte\" (ä 10 Sgr.) keine Frei-Billets erhielten.\n\nX.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDie diesjährige Tonkünstler-Versammlung in Weimar betreffend.\nAls Gegenstand der Aufführung des ersten Tages (am 5. August) in\nder Stadtkirche zu Weimar ist Bee t h o ven' s „Missa solemnis\" fest-\ngesetzt worden, mit der Hauptprobe dazu in den späteren Nachmit-\ntagsstunden des 4. August. Im zweiten Concerte am 6. August im\ngrossherzoglicben Hoftheater wird Liszt's „Faust-Symphonie®, so\nwie die Musik desselben zu Herder's rEntfesseltem Prometheus\" zur\nAufführung kommen. Ueber die Aufführungen des dritten Tages (am\n7. August), ebenfalls im grossherzoglichen Hoftheater, wird später\ndas Nähere bekannt gemacht werden.\nLeipzig 13. Mai. Der Riedel'sche Gesang-Verein, der bisher\nimmer ältere und classische Musik aufgeführt hat, brachte gestern\nAbends in der Thomas-Kirche nun auch einmal Kirchenmusiken\nlebender Tonsetzer zur Aufführung. Das Programm enthielt eine\nacht6timmige Motette a cajpella von G. Vierling in Berlin; ein Ad-\nventlied und „Begräbniss Christi\" von J Klengel von hier; einen\nPsalm für eine Sopranstimme mit Orgelbegleitung von Ferdinand\nHiller; Salve Regina, achtsimmig a capella von Robert Papperitz\nin Leipzig; ein geistliches Lied für gemischten Chor von Christian\nFink in Esslingen; »Die Seligkeiten', für Bariton-Solo, gemischten\nChor und Orgelbegleitung von F. Liszt, und ein Kyrie für Chor\nund Solostimmen a capella von Robert Franz in Halle.\nl>res«leil. Am 18. Mai trat Fräu>ein Emmy La Grua in\nMozart's Meisterwerke »Don Juan* als Donna Anna auf und be-\nwährte ihre hohe Künstlerschaft als Sängerin und Darstellerin an\ndiesem idealen Gebilde des Genius in der Malerei tragischer Leiden-\nschaft. Herr Pichler, der als Don Juan gastirte (Tags vorher\nals Jäger im Nachtlager mit besserem Erfolge), wurde durch plötz-\nliche Heiserkeit in seiner Leistung ungemein behindert. Aber sehr\ngern hierauf jede Rücksicht zugegeben, so erwies doch seine Be-\nhandlung des Gesanges und Spiels, dass er in beider Hinsicht zu\nder Ausführung dieser Mozart'schen Schöpfung dieses dämonischen\nHeros der Sinnlichkeit noch durchaus keine genügende Vorbildung\nhat und die Auffassung dieser Partie vorläufig ausser seinen Kräf-\nten liegt. In diesem Falle befand sich auch Fräulein Baldamus,\nder die Donna Elvira zugetheilt war.\nMontag, 20. Mai, bestätigte Fräulein Janausch eck als Maria\nStuart das schon ausgesprochene Urtheil, dass sie zu den Künst-\nlerinnen ersten Ranges gehört, sowohl durch die Einfachheit und\nNatürlichkeit in der Verwendung ihrer Mittel, als durch die Classi-\ncität des Ausdrucks in Sprache, Betonung und Geberdenspiel und\nin der Plastik ihrer Bewegungen. Das Publicum zeichnete die leider\nschon wieder scheidende Künstlerin durch allgemeinen, oft wieder-\nholten und lang' anhaltenden Beifall aus.\nHerr Director Reck beabsichtigt während der\nDauer des im Monat Juli hier Statt findenden Gesangfestes eine\n„Muster-Oper\" zu engagiren, und werden von demselben bereits\ngrosse Anstrengungen Behufs Engagements hervorragender Persön-\nlichkeiten getroffen ; auch lässt derselbe die bereits sehr grosse Bühne\num ein Beträchtliches vergrössern.\nStettin. Musik-Director Flügel ist vom Magistrate seit dem\n1. April d. J. als Gesanglehrer an der städtischen höheren Töchter-\nschule für die oberen Classen angestellt.\nPflft*is« Marschner hat einen Process gegen den Musik-Ver-\nleger Aulagnier wegen Verunstaltung der Partitur seines „Vampyr*\nin erster Instanz gewonnen. Aulagnier hatte vor vielen Jahren durch\neinen belgischen Musiker Recitative zu dieser Oper machen las-\nsen, und sie mit dieser gedruckt. Er ist zur Vernichtung dieser Re-\ncitative und Zahlung von 500 Fr. Schadenersatz verurtheilt worden,\nhat aber appellirt.\nAn der grossen Oper hat man den Plan, Gluck's „Alceste* in\nScene zu setzen, wieder aufgegeben und denkt an „Iphigenie auf\nTaurisu mit Demoiselle Sax, Faure und Michot. Die Wieder-\naufnahme der „Stummen von Portiei\" steht fest; nach ihr kommt\nder „Freischütz* daran, dessen Proben H. Berlioz eifrig leitet.\nFranz Liszt erregt, da er wieder spielt und häufig spielt, den-\nselben Enthusiasmus, den seine geniale Virtuosität stets hervorgeru-\nfen hat. Er hat in den Tuilerieen vor dem Kaiser und der Kaiserin\nund der Fürstin Metternich, die, wie er, zur kaiserlichen Tafel ge-\nzogen war, gespielt. Ferner bei der Gräfin Walewska, bei Rossini,\nbei seinem Schwiegersohne, dem Deputirten Olivier u. s. w.\nRossini hat jetzt seine Freude am Ciavierspielen und am Compo-\nniren von kleineren und grösseren Salonstücken für Ciavier. Seitdem\nwallfahrten alle Pianisten im Winter nach der Chaussee d7Antin,\njetzt nach Passy, Thalberg, Jaell und jetzt Liszt an der Spitze.\nLiszt soll ihn besonders durch den Vortrag der Ouvertüre zu Wil-\nhelm Teil begeistert haben.\nAuch Sivori hat bei Rossini gespielt, bei dem in diesem Win-\nter viel Musik gemacht worden ist. Nachher gab Sivori im Saale\nBeethoven ein glänzendes Concert. Bei Rossini entzückte er durch\nden wundervollen Gesang der Preghiera aus „Moses\" auf der Vio-\nline und spielte die grosse Sonate von Beethoven in A (Kreutzer\ngewidmet) und ein Quartett von C. Estienne. Er ist nach Genua\ngereis't, um in seiner Heimat den Frühling zuzubringen und dann\nnach Baden-Baden zu gehen."}]}