{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-06-22-01", "volume": "bmtnabi_1861-06-22_01", "ocr_sha256": "10716cdf079e9aa8e7b1d7436adb1f732551d6ba1812e56f4fc5211a17959182", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/06/22_01/bmtnabi_1861-06-22_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-06-22-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-06-22_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-06-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "193", "page_fin": "193", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "193", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 385, "texte": "Inhalt.\nG. F. Händel. Die Sänger an der italiänischen Opern Akademie zu London in den Jahren 1720—1728. HändeFs\nVerhältniss zu den Damen. Tages- und Unte r h al tun gsbl a 11 (Berlin, General-Intendant v. Hülsen —A. Rubinstein Prag,\nCapellmeister Titl Paris, Kosten des neuen Opernhauses, Männergesang-Vereine Giuseppe Concone f London, Brandunglück\nPetersburg, Musicalischer Scandal)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-06-22-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-06-22_01#c002", "volume": "bmtnabi_1861-06-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "193", "page_fin": "194", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.2.2", "titre_corps": "G. F. Händel.", "titre_sommaire": "G. F. 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Abgesehen davon, dass wir die Mitwirkung Chry-\nsander's bei der deutschen Händel-Ausgabe für sehr frucht-\nbringend halten, finden wir, da«? das Publicum bei dem\nlängeren Harren nichts 'sondern durch die Aus-\ndehnung der mühevollen und gründlichen Arbeit auch auf\ndie scheinbar entferntesten Quellen und Hülfsmittel zur\nGeschichte Händel's als Mensch und Künstler nur gewon-\nnen hat. Uebrigens ist das Werk nicht für die nach Neuem\nlechzenden und nur das schnell auf einander folgende Neue\nhastig verschlingenden und eben so schnell vergessenden\nLeser geschrieben. Es ist eben so wie Jahn's „Mozart\"\nein Neues, das die Lebenskraft, alt zu werden, in sich hat,\num fort und fort Künstler und ernste Kunstfreunde zu\nunterhalten und zu belehren.\nDer hier geschilderte Lebens-Abschnitt des grossen\nMannes, der die Jahre 1720 —1740 umfasst, steht in der\nMitte zwischen den Lehr- und Wanderjahren und der\ngrossen Oratorienzeit des Meisters. Seine hauptsächliche\nThätigkeit während desselben war der italiänischen Oper\nauf englischem Boden gewidmet; erst in den letzten Jah-\nren dieser Periode begegnen wir oratorischen Tonschöpfun-\ngen, wie Israel in Aegypten und Saul, die freilich schon eine\nganz andere Höhe des Slils zeigen, als die weit früheren\nArbeiten Esther und Acis und Galatea aus dem\nJahre 1720 (1732 wiederaufgenommen) und selbst De-\nborah und Athalia aus den Jahren 1732 und 1733.\nUm diesen mittleren Abschnitt gründlich aufzuhellen,\nbedurfte es des tiefen Eindringens nicht nur in die musi-\ncalische Entwicklung des Zeitalters, sondern in die ganzen\nCulturzustände Englands und namentlich Londons, wie sie\nsich in der Literatur und Poesie der Briten jener Zeit ab-\ngebildet finden.\nChrysander hält nun diesen Abschnitt für einen höchst\nwichtigen in der künstlerischen Entwicklung Händel's, und\nnach öurchlesung seines zweiten Theiles stimmen wir\ndarin im Ganzen mit ihm überein, und wollen die Aeusse-\nrung des Vorwortes, dass „derselbe für das Gesammt-\nVerständniss Händel's von grösserer Bedeutung sei,\nals der erste und letzte\", der Begeisterung des Biographen\nfür seinen Helden, wobei man's leiden mag, wenn auch\nder Becher überschäumt, und der mühsam errungenen\nund desshalb von Allen zu achtenden Freude über die\neigene Forschung, die so manchen verborgenen Schacht\nentdeckt und zuerst ausgebeutet hat, gern zu Gut halten.\nEr hat es sich zur Haupt-Aufgabe gemacht, diese seine\nUeberzeugung darzulegen, die, in wenige Worte zusam-\nmengefasst, dahin geht, dass Händel durch die italiänische\nOper erst zu den Schöpfungen durchgedrungen sei, die für\nseinen unsterblichen Buhm wie für die Höhe der deut-\nschen Tonkunst entscheidend wurden, dass die Oper ihm\nden Weg zum Oratorium bahnte, und „gewisser Maassen\nder Tummelplatz war, auf welchem sich sein Genie für\ndie höchste Gattung der Vocalmusik stählte\".\nNun ist es freilich eine Eigenschaft, wir wissen nicht,\nsollen wir sagen: eine Schwäche oder eine Stärke, neuerer\nLiterar- und Kunst-Historiker, ihre persönliche Ansicht\nüber den Entwicklungsgang eines bedeutenden Menschen\nund über das Verhältniss geiner Werke zu seinem Leben\n\n*) Die Lieferungen von 1860 enthalten die Passion, Semele,\nTheodora."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "194", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1765, "texte": "und Charakter sich dermaassen aus jenen, den' Werken\nallein, heraus zu bilden, dass sie unmerklich dahin kom-\nmen, ihre Ansicht auch überall in die Werke, und na-\nmentlich in deren Entstehungsgeschichte, hinein zu tragen,\nwährend sich doch nicht läugnen lässt, dass in diesen Din-\ngen durchaus nicht Alles von innen heraus zu erklären\nist, da einerseits die zwingende Kraft äusserer Verhält-\nnisse und Veranlassungen zu wenig beachtet wird, ande-\nrerseits Sprünge des Genius von einer Stufe auf eine an-\ndere räthselhaft bleiben und der Auslegung spotten wer-\nden, die da meint:\nDas Erst1 ist so, das Zweite so,\nUnd drum das Dritt' und Vierte so,\nUnd wenn das Erst1 und Zweit' nicht wär\\\nDas Dritt' und Viert1 war1 nimmermehr.\nChrysander hat die Aufgabe, die er sich gestellt hat,\nallerdings stets im Auge und verfolgt sie mit Liebe und\nEifer, allein er verbirgt uns auch nichts von den äusseren\nVerhältnissen Händel's, das auf seine künstlerische Ent-\nwicklung nach der Ansicht Anderer vielleicht mehr Einfluss\ngeübt haben dürfte, als er ihm zugesteht; ja, er eröffnet\nselbst der Begründung dieser abweichenden Ansicht An-\nderer viele neue Quellen durch Eingehen in bisher unbe-\nkannte Einzelheiten der Lebens-Ereignisse, Lebens-An-\nnehmlichkeiten und Widrigkeiten, dass am Ende des vor-\ntrefflichen Buches dem verständigen, prüfenden Leser das\nreichste Material sowohl in Bezug auf psychologische und\nästhetische Künstler-Entwicklung, als auf historische und\nbürgerliche Daseins-Abwicklung vorliegt, um sich ein\nselbstständiges Urtheil zu bilden.\nWir theilen zunächst aus der letzteren Rubrik zwei\nFragmente mit, von denen das erste die italiänischen Opern-\nsänger Händel's, das zweite sein Verhältniss zu der schö-\nneren Hälfte des Menschengeschlechtes betrifft."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-06-22-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-06-22_01#c003", "volume": "bmtnabi_1861-06-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "194", "page_fin": "197", "image_debut": 2, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.2.3", "titre_corps": "„Die Sänger an der italiänischen Opern-Akademie zu London in den Jahren 1720—1728.", "titre_sommaire": "„Die Sänger an der italiänischen Opern-Akademie zu London in den Jahren 1720—1728.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "194", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.2", "debut_caractere": 1767, "fin_caractere_exclue": 5320, "texte": "„Die Sänger an der italiänischen Opern-Akademie zu\nLondon in den Jahren 1720—1728.\n„Wir haben es hier ausschliesslich mit den Italiänern\noder italiänisch gewordenen Deutschen und Engländern zu\nthun. Für die Germanen soll kein Vorwurf darin liegen;\nes rnüsste denn ein Vorwurf sein, eine Kunst, die man zu\nHause nicht besass, den Fremden abgelernt zu haben.\nUnter der wahren Kunst des Gesanges, als fortbildende\nSchule betrachtet, kann nur die italiänische verstanden wer-\nden. Zum Glück ist bei der Gesangskunst die Einheit wich-\ntiger als die Mannigfaltigkeit, da ihre Grundlage, die rich-\ntige Tonbildung, gleich der Tugend, auf einer einzigen\ngeraden Strasse zwischen den Irrpfaden liegt. Die Aneig-\nnung der italiänischen Methode hat daher überall, wo sie\nmit Verständniss betrieben wurde, nur wohlthätige Folgen\ngehabt.\n„Näher betrachtet, herrscht im Bereiche dieser einen\nungeteilten grossen italienischen Gesangskunst, so wie sie\nsich in verschiedenen Künstlern und Zeiten darstellte, eine\nMannigfaltigkeit, welche den Schreibarten der Tonsetzer\nannähernd entspricht. Dadurch wird sie einer historischen\nBeschreibung zugänglich, die noch über etwas Anderes zu\nberichten hat, als über die abenteuerliche Gold-Laufbahn\neinzelner Sänger, und sich auch mit den allgemeinen Re-\ndensarten über die „„grosse Schule des italiänischen Ge-\nsanges\" \" ungern begnügen möchte. Händel's Leben stand\nso recht in der Milte des Schönsten und Wundervollsten,\nwas die Gesangskunst aufzuweisen hat, und das Beste von\nAllem hatte sich in persönlichem vertrautem Verkehr an\nseinen Werken zu erproben. Sein Leben ist daher wie kein\nanderes geeignet, auch diese Seite der Kunst unbefangen\nüberschauen zu lassen. Vier Epochen der Gesangskunst\nsind in Händel's Zeit zu unterscheiden.\n„Die Biüthe der ersten fällt noch in die letzten Jahr-\nzehende des siebenzehnten Jahrhunderts. Ihre Hauptvertre-\nter sind Pistocchi und StefFani, und ihre Kennzeichen sinn-\nvolle Feinheit des Vortrages, daher hauptsächlich zur Kam-\nmermusik geeignet, Verbindung contrapunktischer und\nmelodischer Künste und Vereinigung des Sängers und des\nTonsetzers in Einer Person. Von Seiten des Componisten\nkann man es Steffani's, von Seiten des Gesanglehrers Pi-\nstocchi's Schule nennen. Doch schon Carissimi und Stra-\ndella aus früherer Zeit gehören dazu, und alle sind Sstzer\nund Sänger zugleich.\n„Diezweite Wandlung entstand im Gegensatze zu der\nersten. Sie pflegte vor Allem den dramatischen Gesang und\ntrieb die theatralische Aclion aufs Aeusserste. Begonnen um\n1690, stand sie in vollem Flor, als Händel in Italien war\nund nach England kam, also um 1710. Dies war Scar-\nlatti's Schule. Auch Keiser's Musik erforderte und erzeugte\nderartige Sänger, nur weniger vollkommen. Setzer und\nSänger traten wieder aus einander, oder blieben doch nur\nda vereinigt, wo die Richtung sich zwitterhaft gestaltete,\nz. ß. bei Mattheson in Hamburg. Der gefeiertste Name in\ndieser Sängerclasse war der Ritter Nicolini. Auch Viltoria\nTesi gehört hieher. Hervorstechend bei Allen ist feurige\nLebendigkeit, Vorwiegen eines glücklichen Naturalismus,\nZurücktreten der rein musicalischen Schulbildung und in\nFolge dessen Vernachlässigung des gesanglichen Theiles\nzu Gunsten des dramatischen. Dies waren die Sänger, von\ndenen Händel zu sagen pflegte: „ „Mässige Stimmen, aber\ngute Acteurs\"\". Der Aufgabe eines Theatersängers ent-\nsprachen sie unbestreitbar viel besser, als die feingebildeten\nMeister vor ihnen.\n„Die dritte Epoche bildete sich aufsteigend aus den\nbeiden vorigen, das Gute beider sich aneignend, doch mit"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "195", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5468, "texte": "Hinneigung zu der ersten, gehaltvolleren. In ihr ertönte\nwahrhaft goldener Gesang. Die Sänger bewahrten sich die\nin der voraufgegangenen Periode errungene Selbstständig-\nkeit, gaben sich aber wieder mit allem Ernste musicali-\nschen Studien hin, zum Theil auf Kosten der dramatischen,\nund erreichten so bei guter Begabung eine Stufe der Voll-\nkommenheit, die unübertrefflich war und für alle Zeiten\nmustergültig sein wird. Dies waren die Sänger für Hän-\ndel's Musik und seine erklärten Lieblinge. Ein näheres\nEingehen auf sie ist hier überflüssig, denn manches der\nfolgenden Blätter wird mit den Leistungen und Tollheiten\nder Herren Senesino, Carestini, Beard, der Damen Cuz-\nzoni, Strada, Francesina, Cibber, Frasi und Anderer mehr\nangefüllt sein.\n„Die letzte Wandlung endlich, welche HändeFs Kunst-\nleben berührte, ist in ihrer forcirten Lebendigkeit und\nlückenhaften musicalischen Bildung in mehrfacher Hinsicht\nein Zurücksinken auf die zweite, stellt sich aber wesentlich\ndar als Uebertreibung der gewonnenen Ausdrucksmittel,\nals einseitige Abweichung von der maassvollen goldenen\nMitte. Die Selbstständigkeit der Sänger artete in übermü-\nthige Sonderstellung aus, und aus dem Diener der Kunst\nwurde ein Tyrann des Componisten. Auch von dieser\nSchar, die bald den grossen Haufen nach sich zog und in\nItalien und Deutschland allmächtig wurde, werden wir\nweiterhin genug hören. Faustina war die erste, Farinelli\nder namhafteste unter ihnen.\n„Francesca Cuzzoni, um das Jahr 1700 in Parma\ngeboren, war in ihrem Vaterlande schnell berühmt gewor-\nden. Ihr Gesang, verständniss-innig, seelenvoll und ergrei-\nfend, ward durch keinerlei Mängel musicalischer Bildung\ngehemmt. Francesco Lanzi hatte ihre helle, höchst wohl-\nlautende und biegsame Stimme, die sich in der vollen So-\npranlage vom eingestrichenen bis zum dreigestrichenen\nbewegte, durch reine Intonation, sichere Cadenzen und\nTriller und durch beständige Hinweisung auf das Natür-\nliche, Ungezwungene, kunstvoll Einfache zu einem so macht-\nvollen Organ ausgebildet, dass ihr die höchsten Wirkungen\ngelangen. Man nannte sie nur die goldene Leier.\n„Die wirklich schöne Seele, die im goldenen Gewände\nder Kunst aus ihr sprach, war aber durch einen hässlichen\nKörper und noch hässlichere Leidenschaften verunstaltet.\nDer Widerstreit des Künstlerischen und Menschlichen in\nihr blieb allen, die sie hörten nnd sahen, ein merkwürdi-\nges, viel besprochenes, aber immer unerklärliches Räthsel.\n„Mit dieser Dame schloss Heidegger, der technische\nDirector des Theaters, der ebenfalls bemerkenswerthe, viel-\nseitige Fähigkeiten in einem wahrhaft abscheulichen Kör-\nper beherbergte, einen Contract ab und zahlte ihr L. 250\nHandgeld. Zum Anfange der Saison versprach sie sich ein-\nzustellen, desshalb fing man schon im October an, Ilän-\ndel's neue, auf ihre Mitwirkung berechnete Oper Otto\nzur Aufführung vorzubereiten. Als sie zu kommen verzog,\nwurde man unruhig, besonders Heidegger, und sandte ihr\nden als Ciavier- und Orgelspieler bedeutenden, mit Händel\nbefreundeten Pietro Giuseppe Sandoni, welcher in der Oper\nden zweiten Flügel spielte, entgegen. Auf der Reise ent-\nspann sich ein näheres Verhältniss, und sie machten ohne\nUmstände Hochzeit. Der gute Mann warf seine Augen\nnicht auf die Frau, sondern auf das Geld, wurde aber sehr\ngetäuscht und wirklich entsetzlich gestraft; denn nach\neinem Leben voll Unfrieden, ebbend und flutend in Man-\ngel und Ueberfluss, ermordete sie ihn. Endlich in der letz-\nten Woche des Jahres 1722 erreichte sie London. Der\nRuf der grössten lebenden Sängerin, die sie auch wirklich\nwar, ging ihr vorauf und verhiess genussreichere Opern-\nAbende, als je zuvor. Sie bekam jährlich L. 2000 und\nden Ertrag einer Vorstellung. Nachdem sie sich bei Hofe\nhören lassen, trat sie am 12. Januar 1723 in der Hän-\ndel'schen Oper Ottone zuerst öffentlich auf.\n„In dieser Oper ist die Musik nicht minder dem dra-\nmatischen Charakter angemessen, als im Rhadamist,' aber\ndie Gesänge sind etwas abweichend gestaltet. Als Händel\nden Rhadamist schuf, hatte er noch kein Opern-Publicum\nvor sich; er musste sich an den Kreis von Musikfreunden\nhalten, welcher in der Umgebung des Herzogs von Chan-\ndos seinen Tönen lauschte, und so wurden die Arien im\nRhadamist denen in Esther und Acis und Galatea sehr\nähnlich. Jetzt aber stand ihm ein in seinen Neigungen\ngründlich erforschtes Publicum vor Augen, und die tief-\ngehende Wirkung des Otto hing zum guten Theile davon\nab, dass die Gesänge nach dem Fassungs-Vermögen und\nso zu sagen Rononcini'schen Geschmack seiner Zuhörer\nmöglichst kurz gehalten und für bekannte Sänger ge-\nschrieben waren. [Also von aussen bedingt.]\n„Nur die für die Cuzzoni bestimmte Hauptpartie ent-\nstand, als Händel noch nicht persönlich, sondern erst durch\nNachrichten Anderer mit der Art und dem Umfange ihrer\nStimme bekannt sein konnte. Die persönliche Berührung\nwurde durch einen wunderlichen Vorfall eingeleitet. Sie\ngab die Theophane, eine griechische Prinzessin, welche von\nKonstantinopel nach Rom kommt, um dem ihr nur durch\nein Bildniss bekannten deutschen Könige Otto vermählt zu\nwerden. Anstatt des Otto tritt ihr dort ein anderer Anbe-\nter, sein Feind, der Prinz Adelbert aus der Lombardei,\nentgegen und nimmt sie als seine Braut in Empfang. Sie\nerschrickt vor dem widerwärtigen, dem ihr gesandten Bild-\nnisse so unähnlichen Manne, und beklagt, allein gelassen,\ndie ihr noch immer unerklärliche Täuschung in der Arie:\nFalsa imagine, Falsches Bildniss, du betrogst mich, denn\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "196", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5528, "texte": "du zeigtest ein holdes Antlitz mir u. s. w. Händel hat die\nUnruhe der Theophane, ihre Verwirrung und ihr Erstau-\nnen, ihren durch eine erhoffte Aufklärung noch zurück-\ngehaltenen Schmerz bewundernswürdig charakteristisch\nausgedrückt in dieser nur von einem schönen Violoncell-\nbasse begleiteten, durch kleine sprachliche Einschnitte be-\nzeichneten, recitativischen und gesanglichen Ausdruck ver-\neint zulassenden Melodie. Der Gesang ist bei herrlichem\nSchwünge und einheitlicher Haltung doch im schönsten\nSinne individuel gestaltet, und einer bedeutenden Sängerin\nwar es möglich, ihm durch gute Ausführung der leicht und\nhoch aufllatternden Gänge noch einen besonderen Beiz zu\nverleihen. Händel hatte natürlich seine Freude an einem\nsolchen Geschöpfe, das ihm Niemand nachmachte, und das\nselbst bei ihm nicht gar viele seines Gleichen hat; der Er-\nfolg bestätigte auch seine Vorliebe nur zu sehr, denn\nimagine wurde schnell berühmt, und wird es immer blei-\nben. Man denke sich nun: als er Zwecks Einübung der\nPartie zu Signora Cuzzoni ging und sie zunächst an diese\nArie kamen, wollte sie sie nicht singen! Zu der Art, wie\nsie ihre erste Erscheinung vor einem fremden Publicum\neinleiten wollte, schien ihr ein getragener Gesang erforder-\nlich ! Hierüber musste sie allein zu bestimmen haben;\nmachte man doch schon damals in Italien den Sängern\ndieses Becht längst nicht mehr streitig! Auch war durch-\naus nöthig, einen noch jüngeren Tonsetzer, der nicht ein-\nmal Italiäner war, und der nach ihrer Meinung neben dem\nallbekannten Bononcini hier höchstens die zweite Stelle\neinnahm, rechtzeitig an Unterwürfigkeit zu gewöhnen!\nUnd kurzum, sie wollte die Arie nicht singen! Dies in ihrem\nwilden Trotze so beleidigend hingeworfen, brachte Händel\nausser sich; in (lammendem Zorne, jeder Selbstbeherr-\nschung unfähig, rufend: „ „Dass Sie ein leibhaftiger Teufel\nsind, weiss ich; aber Sie sollen wissen, dass Ich Beelzebub\nbin, der Teufel Oberster!\"\"*) ergriff er sie, der riesen-\nstarke Mann, hob sie auf und hielt sie, zitternd vor Wuth,\nin das offene Fenster, indem er schwur, sie unfehlbar hin-\nunter zu werfen, wenn sie nicht gehorche. Schreiend, in\nTodesängsten, versprach sie Alles; und dieser weibliche\nGottseibeiuns aller italiänischen Capellmeister war fortan\ngegen Händel musterhaft gehorsam. Sie halten sich jetzt\nVerständigt. Ihre Zähmung bewirkten zwei starke Mächte:\nFurcht vor ihm, und der alles Erwarten übersteigende Er-\nfolg. den sie ausschliesslich mit seinen Compositionen er-\nreichte. Das Komische in diesem sonderbaren Begegnisse\nspricht sich in Händel's Worten aus: „ „er wisse wohl, wer\nsie sei, aber sie wisse nur nicht, wer Er sei\"\", und in dem\nthatsächiichen Beweise, der hier wie der Donnerschlag dem\nBlitze folgte. Bei allen solchen Ausbrüchen, wie wir noch\nmehrfach wahrnehmen werden, sprangen bei Händel zwei\nAdern zu gleicher Zeit auf, die zornige und die humoristi-\nsche, und das verlieh diesen sonst so peinlichen Sccnen das\nvon den Zeitgenossen oft mit Erstaunen bemerkte Gewal-\ntige, Eigenthümliche und Versöhnliche. Uebrigens muss\nman nicht vergessen, was für Menschen es waren, die diese\nScenen veranlassten, und was die Folge gewesen wäre,\nwenn Händel die Meuterei nicht schon im Keime erstickt\nhätte. Sandoni, der Gemahl der Cuzzoni, liess sich durch\ndiesen Auftritt so wenig in seinem guten Verhältnisse zu\nHändel stören, dass er vielmehr, der bei den Streitigkeiten\nmit seiner Frau gewöhnlich den Kürzeren zog, Händel's\nenergische Erledigung nicht ohne Neid billigte, ungefähr\nwie Lucretio die des Petruchio in Shakespeare's „ „Zäh-\nmung der Widerspänstigen\"\".\n„Zu der zweiten Vorstellung am 15. Januar, oder rich-\ntiger gesagt: zu dem zweiten Auftreten der Cuzzoni wur-\nden Karten zu vier Guineen verkauft, nämlich von den\nZwischenhändlern, die damit die Stadt durchzogen; die\nPreise blieben längere Zeit beträchtlich hoch. Signora\nCuzzoni wählte auch diese Oper zu ihrem Benefiz am 20.\nMärz, und Händel, um ihr dafür, dass er sie Anfangs so\nhart mitnehmen müssen, etwas Liebes zu erweisen, com-\nponirte ihr dazu „ „drei neue Gesäuge und eine funkelna-\ngelneue Scene\" \", Three new Songs, new\nScene. Man beeilte sich, ihr auf alle mögliche Art seine\nAnerkennung zu beweisen; unter der ungeheuren Menge,\ndie zusammenströmte, hatten Einige vom Adel ihr Billet\nmit fünfzig Guineen bezahlt! Die Londoner Zeitung, nach\neinem patriotischen Stossseufzer, erinnert indess daran, dass\nSignora Faustina in Venedig sie noch übertreffen solle\nund, wie man höre, schon nach London eingeladen sei.\n„Im Jahre 1724 wurde auch unter den Sängern auf-\ngeräumt. Berenstadt ging davon. Miss Robinson zog sich\ngekränkt von der Bühne zurück und lebte privatim Bonon-\ncini'sMuse, katholischen Gottesdienst-Lebungen und ihren?\nGeliebten, dem alten Grafen Peterborough, der sie 1727\nheirathete. Signora Durastanti glaubte neben der Cuzzoni\nhier keinen Boden mehr zu haben; am 17. März sang sie\nin Coriolan, ihrem Benefiz, „ „eine englische Cantate zum\nLobe dieser Nation\"\", mit welcher sie förmlich Abschied\nnahm, und nach beendigter Saison verliess sie England.\nIn ihrer Cantate (Generons, gay, and gallant nation), auf\nErsuchen Peterborough's von Pope gedichtet und bald\ndarauf von Arbuthnot traveslirt (Puppies, whom Inow am\nleaving), sagt sie mit naiver Offenherzigkeit: „ „Alte Lieb-\nlinge müssen neuen weichen, und so Adieu!\"\"\n\n*) „Oh! Madame, je sgais bien qiie vous etes une veritable Dia-\nblesse: mais je vous ferai sgavoiry moir que je suis Beelzebub,\nle Chef des Diabits. * 3/ainv: ar in g . Memolrs, p. 110."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1670, "texte": "»Ein Uebelstand blieb es immer, dassSignora Cuzzoni\nzu solchen Rollen wie Kleopatra in H.'s Cäsar weder Reiz\nnoch hinreichende dramatische Lebendigkeit besass. Um\nso lauter pries man die Faustina in dieser Hinsieht und\nbedauerte ihre Abwesenheit; nur Senesino, der während\nder Cuzzoni-Begeisterung nicht immer mit gewohnter Ehr-\nfurcht behandelt wurde, freute sich, auf der Bretterwelt\njetzt wieder alleiniger Cäsar zu sein. Aber eben jetzt, als\ner wieder so glänzend monarchisch emporstieg, bekam sein\nDünkel einen harten Schlag. Miss Robinson war von ihm\nim Frühling d. J. in einer Probe empfindlich beleidigt,\nwahrscheinlich durch Anspielungen auf ihr Verhältniss zu\nPeterborough. Der alte phantastische Lord, seit seinen spa-\nnischen Feldzügen ein gefürchteter Feuerbrand, prügelte\nSeine theatralische Majestät dafür im Opernhause hinter\nder Scene Angesichts mehrerer Zuschauer. Der Stadtklatsch\nnährte sich eine Zeit lang davon, und die Libellisten schrie-\nben Briefe von Anastasia an Senesino und von Senesino\nan Anastasia, bei welcher Gelegenheit Aaron Hill sich des\nCastraten annahm. Eine weitere Demüthigung brachte ihm\neine Vorstellung des Julius Cäsar, in welcher, als er kaum\ndie Worte: „Cäsar kennt keine Furcht!\" hervor gedon-\nnert, von oben mehrere Holzstücke mit grossem Getöse\nneben ihm niederstürzten, worüber er erschrocken auf die\nErde fiel und in der Einbildung, dass er zerschmettert sei,\nein jämmerliches Geschrei erhob. Signora Faustina war\nfür den nächsten Winter an Wien gebunden, wollte aber\nsodann nach London kommen. Anastasia Robinson wurde\ndurch Signora Dolti ersetzt. Die übrigen Plätze füllte man\nmit den Herren Borosini und Paeini aus.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-06-22-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-06-22_01#c004", "volume": "bmtnabi_1861-06-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "197", "page_fin": "199", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.2.4", "titre_corps": "Händel’s Verhältniss zu den Damen.", "titre_sommaire": "Händel’s Verhältniss zu den Damen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.5", "debut_caractere": 1672, "fin_caractere_exclue": 5478, "texte": "Händel’s Verhältniss zu den Damen.\n„Im Mai 1724 erschien ein kleines Gedicht, welches\neine „ „Sitzung der londoner Componisten\"\" vorstellt.\nApoll tritt ein, macht die Anwesenden alle tüchtig herun-\nter und reicht dem erst am Schlüsse von der Fama unter\nTrompetenstoss eingeführten Händel den Preis.\n„Line Dame sandte an Händel einen Lorberkranz,\nvon diesem Gedichte (wie wir annehmen dürfen) begleitet.\nSie wird Ophelia genannt. So viel erfahren wir aus einem\nsein sollenden Spottgedichte, zu welchem sich die Getrof-\nfenen nach monatelangem Schweigen endlich aufrafften,\nund dessen Ueberschrilt lautet: „„Eine Ode, gesungen,\nals ich von einer Dame einen Lorberkranz empfing\"\".\nWir erfahren noch mehr aus diesem Poem, nämlich dass\nHändel's Privatleben unangreifbar war. Von den unterlie-\ngenden, aufs äusserste gereizten Gegnern war schon ihrem\nCharakter nach keine Schonung zu erwarten, und diese\nscandalsüchtige Zeil gefiel sich maassloos in der Jagd nach\nHeimlichkeiten, welche die Nacht bedeckt, und in scham-\nloser Enthüllung derselben. Das Geschenk kam von einer\nDame, der Gegenstand war also zartester Natur und ge-\neignet, die Spür kraft zu reizen. Aber wie rein, wie im\nschönsten Sinne ereignisslos und unmodern muss das Le-\nben des grossen Tonmeisters gewesen sein, wenn man ihm\nin der Ode an sich selbst und an seine Dame nichts in den\nMund zu legen wusste, als dass er sich in dieser Höhe ge-\nfalle, dass er höher steige als die Dichter des Alterthums,\ndie nur ein Elysium erreichten, dass er ebenfalls die Weit\nbesiege und allgemeiner als Alexander, aber nicht mit\nMännern und Waffen, sondern mit Thaten künstlerischer\nEinbildungskraft, dass er sich mit seiner Schönen zu einem\nneuen Reiche der Liebe erhebe und der Dichtkunst neue\nGegenstände zu begeisterter Darstellung zuführe! Wie\nwenig Aenderungen wären nöthig, wollte man diese Spott-\nreime in ein Lobgedicht von bleibender Wahrheit verwan-\ndeln! Der edle Mist brachte nach vierzehn Tagen allerdings\nnoch ein anderes, „ „Midas, eine Fabel\"\", von Bononcini's\noder Marlborough's Kreise aus bestellt und wahrscheinlich\nvon Rolli angefertigt, welches in pöbelhaften Ausdrücken\nnicht hinter der Gesinnung derer, von denen es ausging,\nzurückblieb; aber auch dieses ist nicht nur völlig inhalt-\nlos, sondern auch wegen abenteuerlicher Entstellung des\nvorliegenden, allbekannten Verhältnisses für Nichteinge-\nweihte durchaus unverständlich, also auch ohne Wirkung.\nEin solcher Aufschrei ohnmächtiger Wuth zeigte nur, wie\nsehr das Geschoss aus Händel's Lager ins Innerste gedrun-\ngen war. Die Mittelmässigkeit konnte das unbehagliche\nGefühl nicht los werden. Ihr grösster Trost blieb, dass das\nGenie, wie Göthe sagt, doch auch nicht unsterblich ist, und\ndass wohl noch andere Tage zu erleben seien, als die des\nblüthenherriiehen Frühlings, wo sich der Lorber um seine\nmännliche Stirn schlang.\n„Es lässt sich nicht viel entnehmen aus den Phrasen\ndes Spottgedichtes, er wolle sich mit seiner Schönen zum\nReiche der Liebe erheben, wo er Apoll, sie Venus sei, und\nein Geschlecht von Göttern ihre Nachkommenschaft bilde;\nalles Schicksal liege in Ophelia's Augen; von Liebe und\nLorber inspirirt, erzeuge er seine Gesänge, u. s. w.—und\ndoch ist dies das einzige Mal, wo von Zeitgenossen auf\nHändel's Verhältniss zu einer Dame angespielt wird. Fand\nein solches je einmal Statt, so war gewiss jetzt die aller-\nseits günstigste Zeit dafür. Er war für sein Alter von 39\nJahren fast noch jugendlich zu nennen. Lange gefeiert,\nhatte er doch niemals vorher die ruhmvolle Bedeutung er-\nlangt, wie in diesen Tagen. Kein Wunder, wenn in Folge\ndessen ihm auch ein häusliches Glück zu nahen schien,\nwenn unter den zahllosen Schönen, die das Genie bewun-\nderten, sich auch einige fanden, die den Mann liebten und\nzu besitzen wünschten. Aber dieses Glück war nur eine"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "198", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5517, "texte": "schöne Täuschung; Händel blieb unverheiratet. Wir sind\nnicht ganz ohne Nachrichten über die wahren Ursachen.\nZwar wenn Hawkins sagt: „„Seine geselligen Gefühle\nwaren nicht sehr stark, und daher mag es kommen, dass\ner sein ganzes Leben im Cölibat zubrachte; dass er aber\nkeinen weiblichen Umgang von anderer Sorte hatte, darf\nman besseren Grundsätzen zuschreiben\"\" —: so ist dies\nzunächst nur seine eigene Ansicht, indess auf Hörensagen\nund eine gewisse persönliche Bekanntschaft gegründet.\nAber der jüngere Schmidt, der es wissen musste, und der\nden besseren Theil von Hawkins' Vermuthung willig be-\nstätigte, erzählte den Seinen mancherlei über das wahre\nVerhältniss, und diese haben uns Folgendes davon aufbe-\nwahrt: „„Er war niemals verheirathet; aber sein Cölibat\nmuss nicht einem Mangel persönlicher Anziehungskraft zu-\ngeschrieben werden, oder der von Sir John Hawkins un-\ngerechter Weise vermulheten Quelle, nämlich der Abwe-\nsenheit geselliger Gefühle. Im Gegentheil, es kam von sei-\nnem Streben nach Unabhängigkeit. Er fürchtete Erniedri-\ngung und scheute die unlösbaren Fesseln. Als er jung war,\nverliebten sich zwei seiner Schülerinnen, Damen von be-\nträchtlichem Vermögen, so sehr in ihn, dass jede von ihnen\neine eheliche Verbindung mit ihm wünschte. Die erste,\nsagt man, wurde ein Opfer ihrer Leidenschaft. Händel\nwollte sie heirathen; aber sein Stolz wurde verletzt durch\ndie, rohe Erklärung ihrer Mutter, sie werde niemals zuge-\nben, dass ihre Tochter einen Fiedler heirathe. Empört\nüber diesen Ausdruck, gab er jede weitere Verbindung auf.\nNach dem Tode der Mutter erneuerte der Vater seine Be-\nkanntschaft und theilte ihm mit, dass alle Hindernisse be-\nseitigt seien; aber er antwortete, die Zeit sei nun vorbei;\nund die junge Dame verfiel in ein Siechthum, welches\nihrem Leben bald ein Ende machte. Die zweite Liebschaft\nwar eine Dame von glänzendem Stande, deren Hand er\nmöchte erhalten haben, wenn er seine Profession hätte\naufgeben wollen. Diese Bedingung verwarf er entschlossen\nund lös'te löblicher Weise ein Verhältniss, welches die gros-\nsen Fähigkeiten seines Geistes eingeengt haben würde.\"\"\n„Hiermit sind die Quellen, welche über diesen Gegen-\nstand fliessen, rein ausgeschöpft. Was man weiter beibrin-\ngen mag, wird sich auf Bemerkungen und Muthmaassun-\ngen beschränken. Es ist auffallend, dass beide Verhältnisse\nwie eine Prüfung und Versuchung an den Musiker heran-\ntreten, und hiedurch nur Ringe bilden in der langen Kette,\ndie schon in seiner Kindheit den Genius fesseln wollte.\nVater Händel wollte nicht, dass der Sohn ein Fiedler\nwerde; nun will die Mutter der einen Geliebten nicht,\ndass die Tochter einen Fiedler heirathe; und die Ver-\nwandten der anderen von noch höherem Stande sind es\nnur dann zufrieden, wenn er, dem FiedJerthume als Er-\nwerb entsagend, als vornehmer Mann gleich ihnen seinem\nGelde und nebenbei zum Vergnügen auch der Kunst leben\nwolle. In diesem Widerstreite war er aufgewachsen, käm-\npfend mit der Macht der Vorurtheile war er ein Mann ge-\nworden, die Ausübung der Kunst hatte ihn persönlich\nglücklich und Anderen gegenüber weltberühmt gemacht;\nnachgerade kannte er seinen natürlichen, hundertfältig zu-\nrückgeschlagenen Feind, und so wusste er neue Angriffe\ndesselben, selbst von so zarter und verwickelter Natur, wie\nLiebesverhältnisse zu sein pflegen, geschickt und ruhig zu\nerledigen. Wie leicht oder wie schwer ihm dies ward,\nkann man nicht wissen; die Erzählung klärt uns doch im\nGrunde sehr wenig über die berührten Verhältnisse auf.\nNur so viel ist gesagt, dass die erste Anregung von den\nDamen ausging; nicht der Lehrmeister, sondern die Schü-\nlerin verliebte sich zuerst. Aber selbst hieraus lässt sich\nnicht schliessen, dass er halb mitleidig Gegenliebe schenkte;\nes kann eben sowohl, und vom englischen Standpunkte ge-\nwiss am richtigsten, heissen sollen, er habe die so sehr\nüber seine Ansprüche hinausgehenden Verbindungen erst\ngesucht, als die Damen ihm in freier Neigung entgegen-\nkamen.\n„Den Ausdruck: „„als er jung war\"\", hat man so\ngenau nicht zu nehmen. Dass Coxe die Verhältnisse der\nZeitfolge nach richtig angegeben hat, darf vorausgesetzt\nwerden. Demnach hatte das mehr unscheinbare Verhält-\nniss mit der eigentlichen Treuliebsten schon vor ein paar\nJahren Statt gefunden, wo er passende Lectionen wenig-\nstens nicht ganz von der Hand wies; Gedicht und Lorber\nkamen aber jetzt, als er nur noch ganz ausnahmsweise\nund mehr aus höflicher Gefälligkeit bei Einigen vom Adel\ndas Ciavierspiel lehrte, von der zweiten, die sich als vor-\nnehme Dame eine so pomphafte Ovation schon erlauben\ndurfte. Eine wehmüthige Erinnerung sei dem Mädchen\ngewidmet, welches also auch an dem so tausendfach er-\nlebten, so tief beklagten, so viel besungenen Conflict von\nLiebe und Elternwillen zu Grunde gegangen ist. Was ihr\nHändel war, war ihm die Kunst; auch sein Leben hing an\nder Erlangung eines höchsten Zieles. Wer nun für die\nVerbindung eines solchen Paares fromme Wünsche hätte,\nder vergesse doch auch nicht, seinen Blick auf die Zeiten\nzu richten, welche bevorstanden. Im folgerichtigen Künst-\nlerstreben kam Händel dahin, alles zu verlieren, ohne wel-\nches ein Familienleben im Kreise vornehmer Verwandt-\nschaft kaum denkbar ist, Geld, Ruhe, Gesundheit, Publi-\ncum, Unterstützung der Grossen, Freunde, namentlich alle\ndie vornehmen .Halbfreunde, und was bei solchen Zustän-\nden weiter zu folgen pflegt. Angenommen, seine Gattin be-\nsass die volle Gewalt weiblicher Sanftmuth und vermitteln-\nder Versöhnlichkeit, wo hätte sie diese anwenden können?"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "199", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2235, "texte": "Was konnte sie anders ihun, als, wie einstimmig alle\nFreunde, zum Nachgeben rathen, wo doch nicht nachzu-\ngeben war? Und wie war dem bis zum Wahnsinn erreg-\nten Manne das häusliche Leben angenehm zu machen,\nwenn die Mittel kaum für seine eigenen wenigen Bedürf-\nnisse zureichten? Die Verhältnisse und Händel's Künstler-\ngang machten einen Zusammenstoss unvermeidlich; auch\ndas beste Weib würde schwach in sich zusammen gesun-\nken sein und wohl erfahren haben, dass bei Händel's Na-\ntur eine sanfte Ablenkung vom sturmvollen Gange unmög-\nlich war. Händel war empfänglich für Weiblichkeit, ja,\nverehrungsvoll empfänglich im höchsten Maasse; dass er\neine Gattin auf seinem Lebenswege stets dieser seiner Stel-\nlung zu dem ganzen Geschlechte entsprechend behandelt\nhaben würde, darf man voraussetzen, aber nicht schlech-\nterdings behaupten. Mit anderen Worten: sein Verhältniss\nzu dem Geschlechte war das des Künstlers; Weiblichkeit\nwar ihm ein Gegenstand, eine der theuersten, fruchtbrin-\ngendsten Ideen; ihm fehlte nichts dadurch, dass er unver-\nheiratet blieb. Sehr selten wird man, wie hier, das Künst-\nlerische von dem natürlich und individuel Menschlichen\ntrennen können. Bei Mozart z. B. würde Niemand daran\nglauben; die Glulh des idealen Künstlers schlägt in zu\nvielen Gesängen mit der des sinnlichen Menschen zusam-\nmen. Händel's Flamme ist rein ideal; sein Altar steht frei\nund bildet nicht zugleich den häuslichen Heerd. Dass er\naber weibliches Gefühl und Wesen wirklich aufs tiefste\nund wundervollste aussprach, ist längst erwiesen. Ueberall\nwaren es die Damen, welche für ihn Partei ergriffen; der\nüberwiegende und bessere Theil fand sich in ihm wieder,\neben in den pathetischen Frauengesängen; und die Eng-\nländerinnen seiner Zeit vereinigten mit echt weiblichem\nCharakter italienische Gluth der Empfindung. Dass er die-\nser gluthvollen, reinen Weiblichkeit die rechte Sprache zu\ngeben wusste, war mitunter sein einzig wirksames Zauber-\nmittel. Man nehme ihm etwas von der Flöhe absoluter\nVollkommenheit, auf welcher er hier steht, und eine Wir-\nkung dieser Art wäre unmöglich gewesen. Während er\ndie Weichlinge unter den Männern oft durch männliche\nHärte verscheuchte, durfte er auf die Damen unter allen\nUmständen rechnen.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-06-22-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-06-22_01#c005", "volume": "bmtnabi_1861-06-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "199", "page_fin": "200", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "199", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.7", "debut_caractere": 2237, "fin_caractere_exclue": 6320, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMit dem 1. d. Mts. trat der General-Intendant Herr\nvon Hülsen das zweite Jahrzehenl der Verwaltung der königlichen\nBühnen an, und es wurden ihm an diesem Tage zahlreiche Beweise\nder Aufmerksamkeit und Hochschätzung zu Theil. Unter Anderem\nempfing Herr v. Hülsen eine für die Statistik der königlichen Bühne\ninteressante und der Veröffentlichung würdige Gabe in einer Reihe\nsorgfältig ausgearbeiteter Tabellen über die Aufführungen, Gast-\nspiele und Engagements u. s. w. des Decenniums vom 1. Juni 1851\nbis 1. Juni 186 J.\nA. Rubinstein hat Wien nach einem kurzen Aufenthalte ver-\nlassen und sich in die Schweiz begeben, wo er bis Ende August\nbleiben wird.\nfrag. Capellmeister Till hat eine Oper: „Der Jungfern tri-\nbutu, vollendet.\nParis. Nach der Vorlage des Ministeriums an den gesetzge-\nbenden Körper bedarf der Bau des neuen Opernhauses 22 Millionen\nFr., nämlich 10 Millionen für 14,000 Meter Boden und 12 Millionen\nfür Baukosten. Der Staat übernimmt allerdings sämmtliche Kosten\nallein er hat vor, 19,378,7('0 Fr. dafür anzuweisen, welche die Stadt\nParis für Domainen bezahlen muss, die für das System des neuen\nStrassennetzes in die Expropriation fallen. Dazu gehört z. B. auch\nder Park von Monceaux, Staats-Eigenthum, für welches die Stadt\nnach bereits erfolgtem Spruch der Expropriations-Jury 4,887,975\nFr. zu zahlen hat. Ausser jenen 19 u. s. w. Millionen wird also\nder Staat nur 2 bis 3 Millionen herzugeben brauchen. Desshalb\ntragt der Minister darauf an, die Ueberweisung jener Expropriations-\nsumme zu dem gedachten Zwecke und einen Credit von einer Million\nzum Beginn des Baues zu genehmigen. Und das ist geschehen.\nBei den Franzosen spukt jetzt die Orpheonomanie, die Männer-\ngesang-Vereine wachsen wie Pilze aus der Erde, und die Musik-\nVerleger und Componisten benutzen die Gelegenheit zu Speculationen\nfür ihre Casse, d. h. die letzteren gewiss nur im Interesse der\nKunst! So hat Felicien David jetzt bei E. Gdrard u. Comp,\n(vormals M eis s on nier), 18 rue Dauphine, einen »harmonischen\nBienenkorb\" {Bache harmonieuse) herausgegeben, der nicht weniger\nals dreissig vierstimmige Männerchöre auf einmal, alle von seiner\nComposition, enthält, ein Band in 8., netto 12 Fr. Neun davon sind\nAbdrücke aus seinem „Moses auf dem Sinai«, „Eden« und der Oper\n„La Perle du Brösil*; die übrigen sind neu und enthalten in Text\nund musicalischem Charakter alles Mögliche bunt durch einander\nwas die Herren Sänger zu lieben pflegen. Da hast Du Serenaden\nund Heures du soir und Paix et bonheur und Hymne ä la nature\nneben Kriegslied der Palikaren und Anderer, Cris jpopulaires de la\nProvence (!), Honneur aux enfants du gerne, Hymne ä Dieu, Choeur\nde chasse, Betour des Proscrits, Choeur bachique, Choeur de de-\nmons u. s. w. u. s. w. Ein musicalisches Blatt knüpft an die\nAnkündigung dieses summenden und brummenden „Bienenkorbes\"\nden guten Rath für die Vereine, „stets nach Fortschritten zu stre-\nben, und alles zu beseitigen, wodurch sie in den Verdacht der Un-\nzulänglichkeit ihrer Leistung und der Nachlässigkeit und Gleich-\ngültigkeit in den Proben kommen könnten.« Man sieht also, dass\nsie bereits in diesem Verdacht stehen.\nAm 17. Juni ist im Theater der komischen Oper Marianne. eine\nErstlings-Oper von Theodor Ritter, gegeben worden.\nAuf der Kunst-Ausstellung befindet sich das Bild der Madame\nViardot als Orpheus.\nBekanntlich spielte Liszt bei seiner letzten Anwesenheit in Pa-\nris ausser in den Tuilorieen auch bei der Gräfin Walewska, bei La-\nmartine, bei Kossini, bei Erard und noch in einigen Künstlerkreisen.\nAus diesem Anlasse bemerkte Rossini: „Liszt sagt immer, er spiele\nnicht mehr; ich aber finde, dass er noch immer mehr spielt, als\nalle Anderen.«\nGiuseppe Concone, als Gesanglehrer und Verfasser verschie-\ndener Solfeggien und Gesangstudien rühmlichst bekannt, ist in ver-\ngangener Woche zu Turin, seiner Vaterstadt, gestorben. Daselbst\nim Jahre 1810 geboren, ging er 1837 nach Paris, von wo er 1848\nwieder nach Turin zurückkehrte, wo er zuletzt Organist der könig-\nlichen Capelle war und in hohen Ehren stand. In seinen Opern-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5252, "texte": "Compositionen war er nicht glücklich, wohl aber bat er mehrere\neinzelne Scenen und Duette für Gesang geschrieben auf Texte, die\ndramatische Situationen ausdrückten, von denen z. B. Jeanne Ha-\nchette und Judith für Mezzo-Sopran, La Comtesse ei Bachelette, Les\nSoeurs de lait (zwei Duette) u. s w. viel Erfolg hatten. Auch für\nCiavier hat er eine Menge Sachen, meist leichtere Waare, heraus-\ngegeben; interessant sind seine Etüden für vier Hände. Am ge-\nschätztesten werden immer seine Vocalisen und methodischen Sing-\nübungen bleiben.\nLondon hat durch eine Feuersbrunst in diesen Tagen einen\nseiner grössten Concertsäle verloren. Die Musikhalle in den Surrey\nQardens, die erst vor wenigen Jahren mit grossem Kostenaufwande\nerbaut und eben wieder neu decorirt worden war, ist durch die\nNachlässigkeit einiger Arbeiter bis auf die Grundmaueru nieder-\ngebrannt.\nDer „Nord* erzählt folgenden musicalischen Scandal aus Pe-\ntersburg:\n„Vor ungefähr einem Monate erschien eine Broschüre: Laza-\nrew und Beethoven, mit Beider Portraits auf dem Umschlage.\nDieses Sehriftchen sollte beweisen, dass der Signore Alessandro La-\nzarew, amico di Rossini (so betitelt er sich selbst), dem Componi-\nsten des Fidelio und der Sinfonie pastorale weit überlegen sei.\n„Der anonyme Verfasser, der sich Staatsrath und Kitter mehre-\nrer Orden nennt, erbot sich, in dem ersten Concerte des Lazarew\nvor dem Publicum zu erscheinen und die Ansprüche seines Schütz-\nlings auf den Titel eines genialen Componisten laut zu vertheidigen.\nEs erscheint eine Ankündigung des Inhalts, dass am 26. März zum\nVortheil der Christen in Syrien und aus Anlass der Broschüre Lazarew\nund Beethoven ein grosses Concert Statt fin let, in welchem auch\nMusik von Beethoven zur Aufführung kommen soll, damit das Pu-\nblicum vergleichen könne.\n»Der Saal des Bürgerclubs füllte sich lange vor Beginn des Con-\ncertes. Ungewöhnlicher Weise fand man die Flügelthüren weit ge-\nöffnet und keine Spur von einem Cassier. Die armen syrischen Chri-\nsten haben also schlechte Aussichten. Alle unsere berühmten Musi-\nker, Künstler und Kritiker hatten sich eingefunden. Das Orchester\nwar aus den ersten Künstlern der Hauptstadt zusammengesetzt, her\nHeld des Festes vertheilt selbst die Stimmen und n'rnrnt den Diri-\ngenten-Platz ein.\n„Der Maestro griisst würdevoll und gibt dem Orchester das Zei-\nchen. Das erste Stück verlief Anfangs unter tiefem Schweigen, wel-\nches jedoch nach und nach unterbrochen wurde, indem sich immer\nlauter werdendes Gelächter unter den Zuhörern und selbst unter den\nMusikern hören liess. Nachdem das Stück so gut als möglich zu\nEnde gespielt war, verlangte das Publicum mit lautem Rufen den\nVerfasser der Broschüre, damit er seine Verteidigung zum Besten\ngebe. Alex. Lazarew kündigt an, dass der „ „Staatsrath und Ritter\nmehrerer Orden Markow unwohl und dass derselbe keine erdich-\ntete Persönlichkeit ist; er existirt wirklich, und wer daran zweifelt,\nkann sich davon in dessen Wohnung an der Brücke Alartschin über-\nzeugen. Allgemeine Heiterkeit unter den Zuhörern. Das zweite Stück\nsollte eben bcg.nnen, als plötzlich ein Herr mit langem, krausein\nHaar, ein sehr bekannter und geachteter Musik-Kritiker, auf einen\nStuhl steigt und das Wort verlangt, was ihm unverweilt gestaltet\nwird. „„Meine Herren !*\" spricht er, „„Sie haben das erste Stück\ndes berühmten Componisten gehört und somit einen vollständigen\nBegriff von der Bedeutung seines Talentes bek omincn. Ist es dem\nUrheber einer so seheusslichen Musik erlaubt, seinen Namen neben\nden Namen des grössten aller Componisten. zu setzen? Ist dies nicht\neine ganz unwürdige Speculation, und hätten wir nicht vollkommen\ndas Recht, denjenigen mit faulen Kartoffeln zu werfen, der es wagt,\nuns auf diese Weise zum Besten zu halten ?\" *\n„Dieser Ausfall wird mit einstimmigen Bravo's aufgenommen,\nLazarew, der sich jedoch noch nicht für überwunden gesteht, springt\nauf die Tribüne, d. h. an sein Pult, und fordert Stillschweigen und\ndie Aufmerksamkeit des Publicums. „„Hören Sie, meine Herren, ge-\nfälligst meine Ouvertüre; gleich darauf wird eine Beethoven'sche\nfolgen, und daun können Sie selbst vergleichen. Was den Herrn be-\ntrifft, der so eben gesprochen, so verachte ich ihn, und es liegt mir\ngar nichts an seiner Meinung.\"* Nach diesen Worten gibt er dem\nOrchester wieder das Zeichen, und die Ouvertüre beginnt. Man\nerhob sich mit Geräusch, man rief: „„Genug, genug von diesem\nCharivari! Sie zerreissen uns die Ohren! das ist zu unver-\nschämt Der fanatische Maestro müht sich nach Kräften ab,\nindem er fortfährt, das Orchester zu dirigiren. Allein die Geduld des\nPublicums ist zu Ende. Man macht Wurfgeschosse aus den Zetteln\nund aus allen Fetzen, die man erwischen kann, und schleudert sie\nvon allen Seiten dem Rivalen Beethoven's an den Kopf. Dieser hält\nsich wacker, obgleich schon ein Theil der Musiker die Flucht er-\ngriffen hat; der Tumult des Publicums wetteifert mit dgra Lärmen\ndes Orchesters Endlich stürzen einige Personen auf die Bühne und\nmachen Lazarew begreiflich, dass er sich zurückziehen soll. Er ver-\nsucht es, zu widerstehen; allein die Zahl der Stürmenden wird im-\nmer grösser, und der unglückliche Maestro sieht sich bald von\neinem Haufen fortgerissen, der ihn stösst, drängt und endlich aus\ndem Saale hinauswirft.®"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "193", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nG. F. Händel. Die Sänger an der italiänischen Opern Akademie zu London in den Jahren 1720—1728. HändeFs\nVerhältniss zu den Damen. Tages- und Unte r h al tun gsbl a 11 (Berlin, General-Intendant v. Hülsen —A. Rubinstein Prag,\nCapellmeister Titl Paris, Kosten des neuen Opernhauses, Männergesang-Vereine Giuseppe Concone f London, Brandunglück\nPetersburg, Musicalischer Scandal).\n\nG. F. Händel.\nDer zweite Band von Friedrich Chrysander's\n„G. F. Händel \" ist erst Ende des vorigen Jahres erschie-\nnen, mithin beinahe zwei Jahre nach dem ersten (Leipzig,\nbei Breitkopf und Härtel. I. 1858. 11. 1860). Der Ver-\nfasser entschuldigt dessen Ver' \" *rung zunächst dadurch,\ndass seine Thätigkeit auf längere Zeit durch die begonnene\nAusgabe von Händel's Werken*) in Anspruch genommen\nworden, und ferner durch die grosse Verwirrung und das\nUngenügende der bisherigen Berichte über denjenigen Le-\nbens-Abschnitt Händers, welchen dieser zweite Theil be-\nhandelt. Abgesehen davon, dass wir die Mitwirkung Chry-\nsander's bei der deutschen Händel-Ausgabe für sehr frucht-\nbringend halten, finden wir, da«? das Publicum bei dem\nlängeren Harren nichts 'sondern durch die Aus-\ndehnung der mühevollen und gründlichen Arbeit auch auf\ndie scheinbar entferntesten Quellen und Hülfsmittel zur\nGeschichte Händel's als Mensch und Künstler nur gewon-\nnen hat. Uebrigens ist das Werk nicht für die nach Neuem\nlechzenden und nur das schnell auf einander folgende Neue\nhastig verschlingenden und eben so schnell vergessenden\nLeser geschrieben. Es ist eben so wie Jahn's „Mozart\"\nein Neues, das die Lebenskraft, alt zu werden, in sich hat,\num fort und fort Künstler und ernste Kunstfreunde zu\nunterhalten und zu belehren.\nDer hier geschilderte Lebens-Abschnitt des grossen\nMannes, der die Jahre 1720 —1740 umfasst, steht in der\nMitte zwischen den Lehr- und Wanderjahren und der\ngrossen Oratorienzeit des Meisters. Seine hauptsächliche\nThätigkeit während desselben war der italiänischen Oper\nauf englischem Boden gewidmet; erst in den letzten Jah-\nren dieser Periode begegnen wir oratorischen Tonschöpfun-\ngen, wie Israel in Aegypten und Saul, die freilich schon eine\nganz andere Höhe des Slils zeigen, als die weit früheren\nArbeiten Esther und Acis und Galatea aus dem\nJahre 1720 (1732 wiederaufgenommen) und selbst De-\nborah und Athalia aus den Jahren 1732 und 1733.\nUm diesen mittleren Abschnitt gründlich aufzuhellen,\nbedurfte es des tiefen Eindringens nicht nur in die musi-\ncalische Entwicklung des Zeitalters, sondern in die ganzen\nCulturzustände Englands und namentlich Londons, wie sie\nsich in der Literatur und Poesie der Briten jener Zeit ab-\ngebildet finden.\nChrysander hält nun diesen Abschnitt für einen höchst\nwichtigen in der künstlerischen Entwicklung Händel's, und\nnach öurchlesung seines zweiten Theiles stimmen wir\ndarin im Ganzen mit ihm überein, und wollen die Aeusse-\nrung des Vorwortes, dass „derselbe für das Gesammt-\nVerständniss Händel's von grösserer Bedeutung sei,\nals der erste und letzte\", der Begeisterung des Biographen\nfür seinen Helden, wobei man's leiden mag, wenn auch\nder Becher überschäumt, und der mühsam errungenen\nund desshalb von Allen zu achtenden Freude über die\neigene Forschung, die so manchen verborgenen Schacht\nentdeckt und zuerst ausgebeutet hat, gern zu Gut halten.\nEr hat es sich zur Haupt-Aufgabe gemacht, diese seine\nUeberzeugung darzulegen, die, in wenige Worte zusam-\nmengefasst, dahin geht, dass Händel durch die italiänische\nOper erst zu den Schöpfungen durchgedrungen sei, die für\nseinen unsterblichen Buhm wie für die Höhe der deut-\nschen Tonkunst entscheidend wurden, dass die Oper ihm\nden Weg zum Oratorium bahnte, und „gewisser Maassen\nder Tummelplatz war, auf welchem sich sein Genie für\ndie höchste Gattung der Vocalmusik stählte\".\nNun ist es freilich eine Eigenschaft, wir wissen nicht,\nsollen wir sagen: eine Schwäche oder eine Stärke, neuerer\nLiterar- und Kunst-Historiker, ihre persönliche Ansicht\nüber den Entwicklungsgang eines bedeutenden Menschen\nund über das Verhältniss geiner Werke zu seinem Leben\n\n*) Die Lieferungen von 1860 enthalten die Passion, Semele,\nTheodora."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "194", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.2", "texte": "und Charakter sich dermaassen aus jenen, den' Werken\nallein, heraus zu bilden, dass sie unmerklich dahin kom-\nmen, ihre Ansicht auch überall in die Werke, und na-\nmentlich in deren Entstehungsgeschichte, hinein zu tragen,\nwährend sich doch nicht läugnen lässt, dass in diesen Din-\ngen durchaus nicht Alles von innen heraus zu erklären\nist, da einerseits die zwingende Kraft äusserer Verhält-\nnisse und Veranlassungen zu wenig beachtet wird, ande-\nrerseits Sprünge des Genius von einer Stufe auf eine an-\ndere räthselhaft bleiben und der Auslegung spotten wer-\nden, die da meint:\nDas Erst1 ist so, das Zweite so,\nUnd drum das Dritt' und Vierte so,\nUnd wenn das Erst1 und Zweit' nicht wär\\\nDas Dritt' und Viert1 war1 nimmermehr.\nChrysander hat die Aufgabe, die er sich gestellt hat,\nallerdings stets im Auge und verfolgt sie mit Liebe und\nEifer, allein er verbirgt uns auch nichts von den äusseren\nVerhältnissen Händel's, das auf seine künstlerische Ent-\nwicklung nach der Ansicht Anderer vielleicht mehr Einfluss\ngeübt haben dürfte, als er ihm zugesteht; ja, er eröffnet\nselbst der Begründung dieser abweichenden Ansicht An-\nderer viele neue Quellen durch Eingehen in bisher unbe-\nkannte Einzelheiten der Lebens-Ereignisse, Lebens-An-\nnehmlichkeiten und Widrigkeiten, dass am Ende des vor-\ntrefflichen Buches dem verständigen, prüfenden Leser das\nreichste Material sowohl in Bezug auf psychologische und\nästhetische Künstler-Entwicklung, als auf historische und\nbürgerliche Daseins-Abwicklung vorliegt, um sich ein\nselbstständiges Urtheil zu bilden.\nWir theilen zunächst aus der letzteren Rubrik zwei\nFragmente mit, von denen das erste die italiänischen Opern-\nsänger Händel's, das zweite sein Verhältniss zu der schö-\nneren Hälfte des Menschengeschlechtes betrifft.\n\n„Die Sänger an der italiänischen Opern-Akademie zu\nLondon in den Jahren 1720—1728.\n„Wir haben es hier ausschliesslich mit den Italiänern\noder italiänisch gewordenen Deutschen und Engländern zu\nthun. Für die Germanen soll kein Vorwurf darin liegen;\nes rnüsste denn ein Vorwurf sein, eine Kunst, die man zu\nHause nicht besass, den Fremden abgelernt zu haben.\nUnter der wahren Kunst des Gesanges, als fortbildende\nSchule betrachtet, kann nur die italiänische verstanden wer-\nden. Zum Glück ist bei der Gesangskunst die Einheit wich-\ntiger als die Mannigfaltigkeit, da ihre Grundlage, die rich-\ntige Tonbildung, gleich der Tugend, auf einer einzigen\ngeraden Strasse zwischen den Irrpfaden liegt. Die Aneig-\nnung der italiänischen Methode hat daher überall, wo sie\nmit Verständniss betrieben wurde, nur wohlthätige Folgen\ngehabt.\n„Näher betrachtet, herrscht im Bereiche dieser einen\nungeteilten grossen italienischen Gesangskunst, so wie sie\nsich in verschiedenen Künstlern und Zeiten darstellte, eine\nMannigfaltigkeit, welche den Schreibarten der Tonsetzer\nannähernd entspricht. Dadurch wird sie einer historischen\nBeschreibung zugänglich, die noch über etwas Anderes zu\nberichten hat, als über die abenteuerliche Gold-Laufbahn\neinzelner Sänger, und sich auch mit den allgemeinen Re-\ndensarten über die „„grosse Schule des italiänischen Ge-\nsanges\" \" ungern begnügen möchte. Händel's Leben stand\nso recht in der Milte des Schönsten und Wundervollsten,\nwas die Gesangskunst aufzuweisen hat, und das Beste von\nAllem hatte sich in persönlichem vertrautem Verkehr an\nseinen Werken zu erproben. Sein Leben ist daher wie kein\nanderes geeignet, auch diese Seite der Kunst unbefangen\nüberschauen zu lassen. Vier Epochen der Gesangskunst\nsind in Händel's Zeit zu unterscheiden.\n„Die Biüthe der ersten fällt noch in die letzten Jahr-\nzehende des siebenzehnten Jahrhunderts. Ihre Hauptvertre-\nter sind Pistocchi und StefFani, und ihre Kennzeichen sinn-\nvolle Feinheit des Vortrages, daher hauptsächlich zur Kam-\nmermusik geeignet, Verbindung contrapunktischer und\nmelodischer Künste und Vereinigung des Sängers und des\nTonsetzers in Einer Person. Von Seiten des Componisten\nkann man es Steffani's, von Seiten des Gesanglehrers Pi-\nstocchi's Schule nennen. Doch schon Carissimi und Stra-\ndella aus früherer Zeit gehören dazu, und alle sind Sstzer\nund Sänger zugleich.\n„Diezweite Wandlung entstand im Gegensatze zu der\nersten. Sie pflegte vor Allem den dramatischen Gesang und\ntrieb die theatralische Aclion aufs Aeusserste. Begonnen um\n1690, stand sie in vollem Flor, als Händel in Italien war\nund nach England kam, also um 1710. Dies war Scar-\nlatti's Schule. Auch Keiser's Musik erforderte und erzeugte\nderartige Sänger, nur weniger vollkommen. Setzer und\nSänger traten wieder aus einander, oder blieben doch nur\nda vereinigt, wo die Richtung sich zwitterhaft gestaltete,\nz. ß. bei Mattheson in Hamburg. Der gefeiertste Name in\ndieser Sängerclasse war der Ritter Nicolini. Auch Viltoria\nTesi gehört hieher. Hervorstechend bei Allen ist feurige\nLebendigkeit, Vorwiegen eines glücklichen Naturalismus,\nZurücktreten der rein musicalischen Schulbildung und in\nFolge dessen Vernachlässigung des gesanglichen Theiles\nzu Gunsten des dramatischen. Dies waren die Sänger, von\ndenen Händel zu sagen pflegte: „ „Mässige Stimmen, aber\ngute Acteurs\"\". Der Aufgabe eines Theatersängers ent-\nsprachen sie unbestreitbar viel besser, als die feingebildeten\nMeister vor ihnen.\n„Die dritte Epoche bildete sich aufsteigend aus den\nbeiden vorigen, das Gute beider sich aneignend, doch mit"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "195", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.3", "texte": "Hinneigung zu der ersten, gehaltvolleren. In ihr ertönte\nwahrhaft goldener Gesang. Die Sänger bewahrten sich die\nin der voraufgegangenen Periode errungene Selbstständig-\nkeit, gaben sich aber wieder mit allem Ernste musicali-\nschen Studien hin, zum Theil auf Kosten der dramatischen,\nund erreichten so bei guter Begabung eine Stufe der Voll-\nkommenheit, die unübertrefflich war und für alle Zeiten\nmustergültig sein wird. Dies waren die Sänger für Hän-\ndel's Musik und seine erklärten Lieblinge. Ein näheres\nEingehen auf sie ist hier überflüssig, denn manches der\nfolgenden Blätter wird mit den Leistungen und Tollheiten\nder Herren Senesino, Carestini, Beard, der Damen Cuz-\nzoni, Strada, Francesina, Cibber, Frasi und Anderer mehr\nangefüllt sein.\n„Die letzte Wandlung endlich, welche HändeFs Kunst-\nleben berührte, ist in ihrer forcirten Lebendigkeit und\nlückenhaften musicalischen Bildung in mehrfacher Hinsicht\nein Zurücksinken auf die zweite, stellt sich aber wesentlich\ndar als Uebertreibung der gewonnenen Ausdrucksmittel,\nals einseitige Abweichung von der maassvollen goldenen\nMitte. Die Selbstständigkeit der Sänger artete in übermü-\nthige Sonderstellung aus, und aus dem Diener der Kunst\nwurde ein Tyrann des Componisten. Auch von dieser\nSchar, die bald den grossen Haufen nach sich zog und in\nItalien und Deutschland allmächtig wurde, werden wir\nweiterhin genug hören. Faustina war die erste, Farinelli\nder namhafteste unter ihnen.\n„Francesca Cuzzoni, um das Jahr 1700 in Parma\ngeboren, war in ihrem Vaterlande schnell berühmt gewor-\nden. Ihr Gesang, verständniss-innig, seelenvoll und ergrei-\nfend, ward durch keinerlei Mängel musicalischer Bildung\ngehemmt. Francesco Lanzi hatte ihre helle, höchst wohl-\nlautende und biegsame Stimme, die sich in der vollen So-\npranlage vom eingestrichenen bis zum dreigestrichenen\nbewegte, durch reine Intonation, sichere Cadenzen und\nTriller und durch beständige Hinweisung auf das Natür-\nliche, Ungezwungene, kunstvoll Einfache zu einem so macht-\nvollen Organ ausgebildet, dass ihr die höchsten Wirkungen\ngelangen. Man nannte sie nur die goldene Leier.\n„Die wirklich schöne Seele, die im goldenen Gewände\nder Kunst aus ihr sprach, war aber durch einen hässlichen\nKörper und noch hässlichere Leidenschaften verunstaltet.\nDer Widerstreit des Künstlerischen und Menschlichen in\nihr blieb allen, die sie hörten nnd sahen, ein merkwürdi-\nges, viel besprochenes, aber immer unerklärliches Räthsel.\n„Mit dieser Dame schloss Heidegger, der technische\nDirector des Theaters, der ebenfalls bemerkenswerthe, viel-\nseitige Fähigkeiten in einem wahrhaft abscheulichen Kör-\nper beherbergte, einen Contract ab und zahlte ihr L. 250\nHandgeld. Zum Anfange der Saison versprach sie sich ein-\nzustellen, desshalb fing man schon im October an, Ilän-\ndel's neue, auf ihre Mitwirkung berechnete Oper Otto\nzur Aufführung vorzubereiten. Als sie zu kommen verzog,\nwurde man unruhig, besonders Heidegger, und sandte ihr\nden als Ciavier- und Orgelspieler bedeutenden, mit Händel\nbefreundeten Pietro Giuseppe Sandoni, welcher in der Oper\nden zweiten Flügel spielte, entgegen. Auf der Reise ent-\nspann sich ein näheres Verhältniss, und sie machten ohne\nUmstände Hochzeit. Der gute Mann warf seine Augen\nnicht auf die Frau, sondern auf das Geld, wurde aber sehr\ngetäuscht und wirklich entsetzlich gestraft; denn nach\neinem Leben voll Unfrieden, ebbend und flutend in Man-\ngel und Ueberfluss, ermordete sie ihn. Endlich in der letz-\nten Woche des Jahres 1722 erreichte sie London. Der\nRuf der grössten lebenden Sängerin, die sie auch wirklich\nwar, ging ihr vorauf und verhiess genussreichere Opern-\nAbende, als je zuvor. Sie bekam jährlich L. 2000 und\nden Ertrag einer Vorstellung. Nachdem sie sich bei Hofe\nhören lassen, trat sie am 12. Januar 1723 in der Hän-\ndel'schen Oper Ottone zuerst öffentlich auf.\n„In dieser Oper ist die Musik nicht minder dem dra-\nmatischen Charakter angemessen, als im Rhadamist,' aber\ndie Gesänge sind etwas abweichend gestaltet. Als Händel\nden Rhadamist schuf, hatte er noch kein Opern-Publicum\nvor sich; er musste sich an den Kreis von Musikfreunden\nhalten, welcher in der Umgebung des Herzogs von Chan-\ndos seinen Tönen lauschte, und so wurden die Arien im\nRhadamist denen in Esther und Acis und Galatea sehr\nähnlich. Jetzt aber stand ihm ein in seinen Neigungen\ngründlich erforschtes Publicum vor Augen, und die tief-\ngehende Wirkung des Otto hing zum guten Theile davon\nab, dass die Gesänge nach dem Fassungs-Vermögen und\nso zu sagen Rononcini'schen Geschmack seiner Zuhörer\nmöglichst kurz gehalten und für bekannte Sänger ge-\nschrieben waren. [Also von aussen bedingt.]\n„Nur die für die Cuzzoni bestimmte Hauptpartie ent-\nstand, als Händel noch nicht persönlich, sondern erst durch\nNachrichten Anderer mit der Art und dem Umfange ihrer\nStimme bekannt sein konnte. Die persönliche Berührung\nwurde durch einen wunderlichen Vorfall eingeleitet. Sie\ngab die Theophane, eine griechische Prinzessin, welche von\nKonstantinopel nach Rom kommt, um dem ihr nur durch\nein Bildniss bekannten deutschen Könige Otto vermählt zu\nwerden. Anstatt des Otto tritt ihr dort ein anderer Anbe-\nter, sein Feind, der Prinz Adelbert aus der Lombardei,\nentgegen und nimmt sie als seine Braut in Empfang. Sie\nerschrickt vor dem widerwärtigen, dem ihr gesandten Bild-\nnisse so unähnlichen Manne, und beklagt, allein gelassen,\ndie ihr noch immer unerklärliche Täuschung in der Arie:\nFalsa imagine, Falsches Bildniss, du betrogst mich, denn\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "196", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.4", "texte": "du zeigtest ein holdes Antlitz mir u. s. w. Händel hat die\nUnruhe der Theophane, ihre Verwirrung und ihr Erstau-\nnen, ihren durch eine erhoffte Aufklärung noch zurück-\ngehaltenen Schmerz bewundernswürdig charakteristisch\nausgedrückt in dieser nur von einem schönen Violoncell-\nbasse begleiteten, durch kleine sprachliche Einschnitte be-\nzeichneten, recitativischen und gesanglichen Ausdruck ver-\neint zulassenden Melodie. Der Gesang ist bei herrlichem\nSchwünge und einheitlicher Haltung doch im schönsten\nSinne individuel gestaltet, und einer bedeutenden Sängerin\nwar es möglich, ihm durch gute Ausführung der leicht und\nhoch aufllatternden Gänge noch einen besonderen Beiz zu\nverleihen. Händel hatte natürlich seine Freude an einem\nsolchen Geschöpfe, das ihm Niemand nachmachte, und das\nselbst bei ihm nicht gar viele seines Gleichen hat; der Er-\nfolg bestätigte auch seine Vorliebe nur zu sehr, denn\nimagine wurde schnell berühmt, und wird es immer blei-\nben. Man denke sich nun: als er Zwecks Einübung der\nPartie zu Signora Cuzzoni ging und sie zunächst an diese\nArie kamen, wollte sie sie nicht singen! Zu der Art, wie\nsie ihre erste Erscheinung vor einem fremden Publicum\neinleiten wollte, schien ihr ein getragener Gesang erforder-\nlich ! Hierüber musste sie allein zu bestimmen haben;\nmachte man doch schon damals in Italien den Sängern\ndieses Becht längst nicht mehr streitig! Auch war durch-\naus nöthig, einen noch jüngeren Tonsetzer, der nicht ein-\nmal Italiäner war, und der nach ihrer Meinung neben dem\nallbekannten Bononcini hier höchstens die zweite Stelle\neinnahm, rechtzeitig an Unterwürfigkeit zu gewöhnen!\nUnd kurzum, sie wollte die Arie nicht singen! Dies in ihrem\nwilden Trotze so beleidigend hingeworfen, brachte Händel\nausser sich; in (lammendem Zorne, jeder Selbstbeherr-\nschung unfähig, rufend: „ „Dass Sie ein leibhaftiger Teufel\nsind, weiss ich; aber Sie sollen wissen, dass Ich Beelzebub\nbin, der Teufel Oberster!\"\"*) ergriff er sie, der riesen-\nstarke Mann, hob sie auf und hielt sie, zitternd vor Wuth,\nin das offene Fenster, indem er schwur, sie unfehlbar hin-\nunter zu werfen, wenn sie nicht gehorche. Schreiend, in\nTodesängsten, versprach sie Alles; und dieser weibliche\nGottseibeiuns aller italiänischen Capellmeister war fortan\ngegen Händel musterhaft gehorsam. Sie halten sich jetzt\nVerständigt. Ihre Zähmung bewirkten zwei starke Mächte:\nFurcht vor ihm, und der alles Erwarten übersteigende Er-\nfolg. den sie ausschliesslich mit seinen Compositionen er-\nreichte. Das Komische in diesem sonderbaren Begegnisse\nspricht sich in Händel's Worten aus: „ „er wisse wohl, wer\nsie sei, aber sie wisse nur nicht, wer Er sei\"\", und in dem\nthatsächiichen Beweise, der hier wie der Donnerschlag dem\nBlitze folgte. Bei allen solchen Ausbrüchen, wie wir noch\nmehrfach wahrnehmen werden, sprangen bei Händel zwei\nAdern zu gleicher Zeit auf, die zornige und die humoristi-\nsche, und das verlieh diesen sonst so peinlichen Sccnen das\nvon den Zeitgenossen oft mit Erstaunen bemerkte Gewal-\ntige, Eigenthümliche und Versöhnliche. Uebrigens muss\nman nicht vergessen, was für Menschen es waren, die diese\nScenen veranlassten, und was die Folge gewesen wäre,\nwenn Händel die Meuterei nicht schon im Keime erstickt\nhätte. Sandoni, der Gemahl der Cuzzoni, liess sich durch\ndiesen Auftritt so wenig in seinem guten Verhältnisse zu\nHändel stören, dass er vielmehr, der bei den Streitigkeiten\nmit seiner Frau gewöhnlich den Kürzeren zog, Händel's\nenergische Erledigung nicht ohne Neid billigte, ungefähr\nwie Lucretio die des Petruchio in Shakespeare's „ „Zäh-\nmung der Widerspänstigen\"\".\n„Zu der zweiten Vorstellung am 15. Januar, oder rich-\ntiger gesagt: zu dem zweiten Auftreten der Cuzzoni wur-\nden Karten zu vier Guineen verkauft, nämlich von den\nZwischenhändlern, die damit die Stadt durchzogen; die\nPreise blieben längere Zeit beträchtlich hoch. Signora\nCuzzoni wählte auch diese Oper zu ihrem Benefiz am 20.\nMärz, und Händel, um ihr dafür, dass er sie Anfangs so\nhart mitnehmen müssen, etwas Liebes zu erweisen, com-\nponirte ihr dazu „ „drei neue Gesäuge und eine funkelna-\ngelneue Scene\" \", Three new Songs, new\nScene. Man beeilte sich, ihr auf alle mögliche Art seine\nAnerkennung zu beweisen; unter der ungeheuren Menge,\ndie zusammenströmte, hatten Einige vom Adel ihr Billet\nmit fünfzig Guineen bezahlt! Die Londoner Zeitung, nach\neinem patriotischen Stossseufzer, erinnert indess daran, dass\nSignora Faustina in Venedig sie noch übertreffen solle\nund, wie man höre, schon nach London eingeladen sei.\n„Im Jahre 1724 wurde auch unter den Sängern auf-\ngeräumt. Berenstadt ging davon. Miss Robinson zog sich\ngekränkt von der Bühne zurück und lebte privatim Bonon-\ncini'sMuse, katholischen Gottesdienst-Lebungen und ihren?\nGeliebten, dem alten Grafen Peterborough, der sie 1727\nheirathete. Signora Durastanti glaubte neben der Cuzzoni\nhier keinen Boden mehr zu haben; am 17. März sang sie\nin Coriolan, ihrem Benefiz, „ „eine englische Cantate zum\nLobe dieser Nation\"\", mit welcher sie förmlich Abschied\nnahm, und nach beendigter Saison verliess sie England.\nIn ihrer Cantate (Generons, gay, and gallant nation), auf\nErsuchen Peterborough's von Pope gedichtet und bald\ndarauf von Arbuthnot traveslirt (Puppies, whom Inow am\nleaving), sagt sie mit naiver Offenherzigkeit: „ „Alte Lieb-\nlinge müssen neuen weichen, und so Adieu!\"\"\n\n*) „Oh! Madame, je sgais bien qiie vous etes une veritable Dia-\nblesse: mais je vous ferai sgavoiry moir que je suis Beelzebub,\nle Chef des Diabits. * 3/ainv: ar in g . Memolrs, p. 110."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.5", "texte": "»Ein Uebelstand blieb es immer, dassSignora Cuzzoni\nzu solchen Rollen wie Kleopatra in H.'s Cäsar weder Reiz\nnoch hinreichende dramatische Lebendigkeit besass. Um\nso lauter pries man die Faustina in dieser Hinsieht und\nbedauerte ihre Abwesenheit; nur Senesino, der während\nder Cuzzoni-Begeisterung nicht immer mit gewohnter Ehr-\nfurcht behandelt wurde, freute sich, auf der Bretterwelt\njetzt wieder alleiniger Cäsar zu sein. Aber eben jetzt, als\ner wieder so glänzend monarchisch emporstieg, bekam sein\nDünkel einen harten Schlag. Miss Robinson war von ihm\nim Frühling d. J. in einer Probe empfindlich beleidigt,\nwahrscheinlich durch Anspielungen auf ihr Verhältniss zu\nPeterborough. Der alte phantastische Lord, seit seinen spa-\nnischen Feldzügen ein gefürchteter Feuerbrand, prügelte\nSeine theatralische Majestät dafür im Opernhause hinter\nder Scene Angesichts mehrerer Zuschauer. Der Stadtklatsch\nnährte sich eine Zeit lang davon, und die Libellisten schrie-\nben Briefe von Anastasia an Senesino und von Senesino\nan Anastasia, bei welcher Gelegenheit Aaron Hill sich des\nCastraten annahm. Eine weitere Demüthigung brachte ihm\neine Vorstellung des Julius Cäsar, in welcher, als er kaum\ndie Worte: „Cäsar kennt keine Furcht!\" hervor gedon-\nnert, von oben mehrere Holzstücke mit grossem Getöse\nneben ihm niederstürzten, worüber er erschrocken auf die\nErde fiel und in der Einbildung, dass er zerschmettert sei,\nein jämmerliches Geschrei erhob. Signora Faustina war\nfür den nächsten Winter an Wien gebunden, wollte aber\nsodann nach London kommen. Anastasia Robinson wurde\ndurch Signora Dolti ersetzt. Die übrigen Plätze füllte man\nmit den Herren Borosini und Paeini aus.\"\n\nHändel’s Verhältniss zu den Damen.\n„Im Mai 1724 erschien ein kleines Gedicht, welches\neine „ „Sitzung der londoner Componisten\"\" vorstellt.\nApoll tritt ein, macht die Anwesenden alle tüchtig herun-\nter und reicht dem erst am Schlüsse von der Fama unter\nTrompetenstoss eingeführten Händel den Preis.\n„Line Dame sandte an Händel einen Lorberkranz,\nvon diesem Gedichte (wie wir annehmen dürfen) begleitet.\nSie wird Ophelia genannt. So viel erfahren wir aus einem\nsein sollenden Spottgedichte, zu welchem sich die Getrof-\nfenen nach monatelangem Schweigen endlich aufrafften,\nund dessen Ueberschrilt lautet: „„Eine Ode, gesungen,\nals ich von einer Dame einen Lorberkranz empfing\"\".\nWir erfahren noch mehr aus diesem Poem, nämlich dass\nHändel's Privatleben unangreifbar war. Von den unterlie-\ngenden, aufs äusserste gereizten Gegnern war schon ihrem\nCharakter nach keine Schonung zu erwarten, und diese\nscandalsüchtige Zeil gefiel sich maassloos in der Jagd nach\nHeimlichkeiten, welche die Nacht bedeckt, und in scham-\nloser Enthüllung derselben. Das Geschenk kam von einer\nDame, der Gegenstand war also zartester Natur und ge-\neignet, die Spür kraft zu reizen. Aber wie rein, wie im\nschönsten Sinne ereignisslos und unmodern muss das Le-\nben des grossen Tonmeisters gewesen sein, wenn man ihm\nin der Ode an sich selbst und an seine Dame nichts in den\nMund zu legen wusste, als dass er sich in dieser Höhe ge-\nfalle, dass er höher steige als die Dichter des Alterthums,\ndie nur ein Elysium erreichten, dass er ebenfalls die Weit\nbesiege und allgemeiner als Alexander, aber nicht mit\nMännern und Waffen, sondern mit Thaten künstlerischer\nEinbildungskraft, dass er sich mit seiner Schönen zu einem\nneuen Reiche der Liebe erhebe und der Dichtkunst neue\nGegenstände zu begeisterter Darstellung zuführe! Wie\nwenig Aenderungen wären nöthig, wollte man diese Spott-\nreime in ein Lobgedicht von bleibender Wahrheit verwan-\ndeln! Der edle Mist brachte nach vierzehn Tagen allerdings\nnoch ein anderes, „ „Midas, eine Fabel\"\", von Bononcini's\noder Marlborough's Kreise aus bestellt und wahrscheinlich\nvon Rolli angefertigt, welches in pöbelhaften Ausdrücken\nnicht hinter der Gesinnung derer, von denen es ausging,\nzurückblieb; aber auch dieses ist nicht nur völlig inhalt-\nlos, sondern auch wegen abenteuerlicher Entstellung des\nvorliegenden, allbekannten Verhältnisses für Nichteinge-\nweihte durchaus unverständlich, also auch ohne Wirkung.\nEin solcher Aufschrei ohnmächtiger Wuth zeigte nur, wie\nsehr das Geschoss aus Händel's Lager ins Innerste gedrun-\ngen war. Die Mittelmässigkeit konnte das unbehagliche\nGefühl nicht los werden. Ihr grösster Trost blieb, dass das\nGenie, wie Göthe sagt, doch auch nicht unsterblich ist, und\ndass wohl noch andere Tage zu erleben seien, als die des\nblüthenherriiehen Frühlings, wo sich der Lorber um seine\nmännliche Stirn schlang.\n„Es lässt sich nicht viel entnehmen aus den Phrasen\ndes Spottgedichtes, er wolle sich mit seiner Schönen zum\nReiche der Liebe erheben, wo er Apoll, sie Venus sei, und\nein Geschlecht von Göttern ihre Nachkommenschaft bilde;\nalles Schicksal liege in Ophelia's Augen; von Liebe und\nLorber inspirirt, erzeuge er seine Gesänge, u. s. w.—und\ndoch ist dies das einzige Mal, wo von Zeitgenossen auf\nHändel's Verhältniss zu einer Dame angespielt wird. Fand\nein solches je einmal Statt, so war gewiss jetzt die aller-\nseits günstigste Zeit dafür. Er war für sein Alter von 39\nJahren fast noch jugendlich zu nennen. Lange gefeiert,\nhatte er doch niemals vorher die ruhmvolle Bedeutung er-\nlangt, wie in diesen Tagen. Kein Wunder, wenn in Folge\ndessen ihm auch ein häusliches Glück zu nahen schien,\nwenn unter den zahllosen Schönen, die das Genie bewun-\nderten, sich auch einige fanden, die den Mann liebten und\nzu besitzen wünschten. Aber dieses Glück war nur eine"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "198", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.6", "texte": "schöne Täuschung; Händel blieb unverheiratet. Wir sind\nnicht ganz ohne Nachrichten über die wahren Ursachen.\nZwar wenn Hawkins sagt: „„Seine geselligen Gefühle\nwaren nicht sehr stark, und daher mag es kommen, dass\ner sein ganzes Leben im Cölibat zubrachte; dass er aber\nkeinen weiblichen Umgang von anderer Sorte hatte, darf\nman besseren Grundsätzen zuschreiben\"\" —: so ist dies\nzunächst nur seine eigene Ansicht, indess auf Hörensagen\nund eine gewisse persönliche Bekanntschaft gegründet.\nAber der jüngere Schmidt, der es wissen musste, und der\nden besseren Theil von Hawkins' Vermuthung willig be-\nstätigte, erzählte den Seinen mancherlei über das wahre\nVerhältniss, und diese haben uns Folgendes davon aufbe-\nwahrt: „„Er war niemals verheirathet; aber sein Cölibat\nmuss nicht einem Mangel persönlicher Anziehungskraft zu-\ngeschrieben werden, oder der von Sir John Hawkins un-\ngerechter Weise vermulheten Quelle, nämlich der Abwe-\nsenheit geselliger Gefühle. Im Gegentheil, es kam von sei-\nnem Streben nach Unabhängigkeit. Er fürchtete Erniedri-\ngung und scheute die unlösbaren Fesseln. Als er jung war,\nverliebten sich zwei seiner Schülerinnen, Damen von be-\nträchtlichem Vermögen, so sehr in ihn, dass jede von ihnen\neine eheliche Verbindung mit ihm wünschte. Die erste,\nsagt man, wurde ein Opfer ihrer Leidenschaft. Händel\nwollte sie heirathen; aber sein Stolz wurde verletzt durch\ndie, rohe Erklärung ihrer Mutter, sie werde niemals zuge-\nben, dass ihre Tochter einen Fiedler heirathe. Empört\nüber diesen Ausdruck, gab er jede weitere Verbindung auf.\nNach dem Tode der Mutter erneuerte der Vater seine Be-\nkanntschaft und theilte ihm mit, dass alle Hindernisse be-\nseitigt seien; aber er antwortete, die Zeit sei nun vorbei;\nund die junge Dame verfiel in ein Siechthum, welches\nihrem Leben bald ein Ende machte. Die zweite Liebschaft\nwar eine Dame von glänzendem Stande, deren Hand er\nmöchte erhalten haben, wenn er seine Profession hätte\naufgeben wollen. Diese Bedingung verwarf er entschlossen\nund lös'te löblicher Weise ein Verhältniss, welches die gros-\nsen Fähigkeiten seines Geistes eingeengt haben würde.\"\"\n„Hiermit sind die Quellen, welche über diesen Gegen-\nstand fliessen, rein ausgeschöpft. Was man weiter beibrin-\ngen mag, wird sich auf Bemerkungen und Muthmaassun-\ngen beschränken. Es ist auffallend, dass beide Verhältnisse\nwie eine Prüfung und Versuchung an den Musiker heran-\ntreten, und hiedurch nur Ringe bilden in der langen Kette,\ndie schon in seiner Kindheit den Genius fesseln wollte.\nVater Händel wollte nicht, dass der Sohn ein Fiedler\nwerde; nun will die Mutter der einen Geliebten nicht,\ndass die Tochter einen Fiedler heirathe; und die Ver-\nwandten der anderen von noch höherem Stande sind es\nnur dann zufrieden, wenn er, dem FiedJerthume als Er-\nwerb entsagend, als vornehmer Mann gleich ihnen seinem\nGelde und nebenbei zum Vergnügen auch der Kunst leben\nwolle. In diesem Widerstreite war er aufgewachsen, käm-\npfend mit der Macht der Vorurtheile war er ein Mann ge-\nworden, die Ausübung der Kunst hatte ihn persönlich\nglücklich und Anderen gegenüber weltberühmt gemacht;\nnachgerade kannte er seinen natürlichen, hundertfältig zu-\nrückgeschlagenen Feind, und so wusste er neue Angriffe\ndesselben, selbst von so zarter und verwickelter Natur, wie\nLiebesverhältnisse zu sein pflegen, geschickt und ruhig zu\nerledigen. Wie leicht oder wie schwer ihm dies ward,\nkann man nicht wissen; die Erzählung klärt uns doch im\nGrunde sehr wenig über die berührten Verhältnisse auf.\nNur so viel ist gesagt, dass die erste Anregung von den\nDamen ausging; nicht der Lehrmeister, sondern die Schü-\nlerin verliebte sich zuerst. Aber selbst hieraus lässt sich\nnicht schliessen, dass er halb mitleidig Gegenliebe schenkte;\nes kann eben sowohl, und vom englischen Standpunkte ge-\nwiss am richtigsten, heissen sollen, er habe die so sehr\nüber seine Ansprüche hinausgehenden Verbindungen erst\ngesucht, als die Damen ihm in freier Neigung entgegen-\nkamen.\n„Den Ausdruck: „„als er jung war\"\", hat man so\ngenau nicht zu nehmen. Dass Coxe die Verhältnisse der\nZeitfolge nach richtig angegeben hat, darf vorausgesetzt\nwerden. Demnach hatte das mehr unscheinbare Verhält-\nniss mit der eigentlichen Treuliebsten schon vor ein paar\nJahren Statt gefunden, wo er passende Lectionen wenig-\nstens nicht ganz von der Hand wies; Gedicht und Lorber\nkamen aber jetzt, als er nur noch ganz ausnahmsweise\nund mehr aus höflicher Gefälligkeit bei Einigen vom Adel\ndas Ciavierspiel lehrte, von der zweiten, die sich als vor-\nnehme Dame eine so pomphafte Ovation schon erlauben\ndurfte. Eine wehmüthige Erinnerung sei dem Mädchen\ngewidmet, welches also auch an dem so tausendfach er-\nlebten, so tief beklagten, so viel besungenen Conflict von\nLiebe und Elternwillen zu Grunde gegangen ist. Was ihr\nHändel war, war ihm die Kunst; auch sein Leben hing an\nder Erlangung eines höchsten Zieles. Wer nun für die\nVerbindung eines solchen Paares fromme Wünsche hätte,\nder vergesse doch auch nicht, seinen Blick auf die Zeiten\nzu richten, welche bevorstanden. Im folgerichtigen Künst-\nlerstreben kam Händel dahin, alles zu verlieren, ohne wel-\nches ein Familienleben im Kreise vornehmer Verwandt-\nschaft kaum denkbar ist, Geld, Ruhe, Gesundheit, Publi-\ncum, Unterstützung der Grossen, Freunde, namentlich alle\ndie vornehmen .Halbfreunde, und was bei solchen Zustän-\nden weiter zu folgen pflegt. Angenommen, seine Gattin be-\nsass die volle Gewalt weiblicher Sanftmuth und vermitteln-\nder Versöhnlichkeit, wo hätte sie diese anwenden können?"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "199", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.7", "texte": "Was konnte sie anders ihun, als, wie einstimmig alle\nFreunde, zum Nachgeben rathen, wo doch nicht nachzu-\ngeben war? Und wie war dem bis zum Wahnsinn erreg-\nten Manne das häusliche Leben angenehm zu machen,\nwenn die Mittel kaum für seine eigenen wenigen Bedürf-\nnisse zureichten? Die Verhältnisse und Händel's Künstler-\ngang machten einen Zusammenstoss unvermeidlich; auch\ndas beste Weib würde schwach in sich zusammen gesun-\nken sein und wohl erfahren haben, dass bei Händel's Na-\ntur eine sanfte Ablenkung vom sturmvollen Gange unmög-\nlich war. Händel war empfänglich für Weiblichkeit, ja,\nverehrungsvoll empfänglich im höchsten Maasse; dass er\neine Gattin auf seinem Lebenswege stets dieser seiner Stel-\nlung zu dem ganzen Geschlechte entsprechend behandelt\nhaben würde, darf man voraussetzen, aber nicht schlech-\nterdings behaupten. Mit anderen Worten: sein Verhältniss\nzu dem Geschlechte war das des Künstlers; Weiblichkeit\nwar ihm ein Gegenstand, eine der theuersten, fruchtbrin-\ngendsten Ideen; ihm fehlte nichts dadurch, dass er unver-\nheiratet blieb. Sehr selten wird man, wie hier, das Künst-\nlerische von dem natürlich und individuel Menschlichen\ntrennen können. Bei Mozart z. B. würde Niemand daran\nglauben; die Glulh des idealen Künstlers schlägt in zu\nvielen Gesängen mit der des sinnlichen Menschen zusam-\nmen. Händel's Flamme ist rein ideal; sein Altar steht frei\nund bildet nicht zugleich den häuslichen Heerd. Dass er\naber weibliches Gefühl und Wesen wirklich aufs tiefste\nund wundervollste aussprach, ist längst erwiesen. Ueberall\nwaren es die Damen, welche für ihn Partei ergriffen; der\nüberwiegende und bessere Theil fand sich in ihm wieder,\neben in den pathetischen Frauengesängen; und die Eng-\nländerinnen seiner Zeit vereinigten mit echt weiblichem\nCharakter italienische Gluth der Empfindung. Dass er die-\nser gluthvollen, reinen Weiblichkeit die rechte Sprache zu\ngeben wusste, war mitunter sein einzig wirksames Zauber-\nmittel. Man nehme ihm etwas von der Flöhe absoluter\nVollkommenheit, auf welcher er hier steht, und eine Wir-\nkung dieser Art wäre unmöglich gewesen. Während er\ndie Weichlinge unter den Männern oft durch männliche\nHärte verscheuchte, durfte er auf die Damen unter allen\nUmständen rechnen.\"\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMit dem 1. d. Mts. trat der General-Intendant Herr\nvon Hülsen das zweite Jahrzehenl der Verwaltung der königlichen\nBühnen an, und es wurden ihm an diesem Tage zahlreiche Beweise\nder Aufmerksamkeit und Hochschätzung zu Theil. Unter Anderem\nempfing Herr v. Hülsen eine für die Statistik der königlichen Bühne\ninteressante und der Veröffentlichung würdige Gabe in einer Reihe\nsorgfältig ausgearbeiteter Tabellen über die Aufführungen, Gast-\nspiele und Engagements u. s. w. des Decenniums vom 1. Juni 1851\nbis 1. Juni 186 J.\nA. Rubinstein hat Wien nach einem kurzen Aufenthalte ver-\nlassen und sich in die Schweiz begeben, wo er bis Ende August\nbleiben wird.\nfrag. Capellmeister Till hat eine Oper: „Der Jungfern tri-\nbutu, vollendet.\nParis. Nach der Vorlage des Ministeriums an den gesetzge-\nbenden Körper bedarf der Bau des neuen Opernhauses 22 Millionen\nFr., nämlich 10 Millionen für 14,000 Meter Boden und 12 Millionen\nfür Baukosten. Der Staat übernimmt allerdings sämmtliche Kosten\nallein er hat vor, 19,378,7('0 Fr. dafür anzuweisen, welche die Stadt\nParis für Domainen bezahlen muss, die für das System des neuen\nStrassennetzes in die Expropriation fallen. Dazu gehört z. B. auch\nder Park von Monceaux, Staats-Eigenthum, für welches die Stadt\nnach bereits erfolgtem Spruch der Expropriations-Jury 4,887,975\nFr. zu zahlen hat. Ausser jenen 19 u. s. w. Millionen wird also\nder Staat nur 2 bis 3 Millionen herzugeben brauchen. Desshalb\ntragt der Minister darauf an, die Ueberweisung jener Expropriations-\nsumme zu dem gedachten Zwecke und einen Credit von einer Million\nzum Beginn des Baues zu genehmigen. Und das ist geschehen.\nBei den Franzosen spukt jetzt die Orpheonomanie, die Männer-\ngesang-Vereine wachsen wie Pilze aus der Erde, und die Musik-\nVerleger und Componisten benutzen die Gelegenheit zu Speculationen\nfür ihre Casse, d. h. die letzteren gewiss nur im Interesse der\nKunst! So hat Felicien David jetzt bei E. Gdrard u. Comp,\n(vormals M eis s on nier), 18 rue Dauphine, einen »harmonischen\nBienenkorb\" {Bache harmonieuse) herausgegeben, der nicht weniger\nals dreissig vierstimmige Männerchöre auf einmal, alle von seiner\nComposition, enthält, ein Band in 8., netto 12 Fr. Neun davon sind\nAbdrücke aus seinem „Moses auf dem Sinai«, „Eden« und der Oper\n„La Perle du Brösil*; die übrigen sind neu und enthalten in Text\nund musicalischem Charakter alles Mögliche bunt durch einander\nwas die Herren Sänger zu lieben pflegen. Da hast Du Serenaden\nund Heures du soir und Paix et bonheur und Hymne ä la nature\nneben Kriegslied der Palikaren und Anderer, Cris jpopulaires de la\nProvence (!), Honneur aux enfants du gerne, Hymne ä Dieu, Choeur\nde chasse, Betour des Proscrits, Choeur bachique, Choeur de de-\nmons u. s. w. u. s. w. Ein musicalisches Blatt knüpft an die\nAnkündigung dieses summenden und brummenden „Bienenkorbes\"\nden guten Rath für die Vereine, „stets nach Fortschritten zu stre-\nben, und alles zu beseitigen, wodurch sie in den Verdacht der Un-\nzulänglichkeit ihrer Leistung und der Nachlässigkeit und Gleich-\ngültigkeit in den Proben kommen könnten.« Man sieht also, dass\nsie bereits in diesem Verdacht stehen.\nAm 17. Juni ist im Theater der komischen Oper Marianne. eine\nErstlings-Oper von Theodor Ritter, gegeben worden.\nAuf der Kunst-Ausstellung befindet sich das Bild der Madame\nViardot als Orpheus.\nBekanntlich spielte Liszt bei seiner letzten Anwesenheit in Pa-\nris ausser in den Tuilorieen auch bei der Gräfin Walewska, bei La-\nmartine, bei Kossini, bei Erard und noch in einigen Künstlerkreisen.\nAus diesem Anlasse bemerkte Rossini: „Liszt sagt immer, er spiele\nnicht mehr; ich aber finde, dass er noch immer mehr spielt, als\nalle Anderen.«\nGiuseppe Concone, als Gesanglehrer und Verfasser verschie-\ndener Solfeggien und Gesangstudien rühmlichst bekannt, ist in ver-\ngangener Woche zu Turin, seiner Vaterstadt, gestorben. Daselbst\nim Jahre 1810 geboren, ging er 1837 nach Paris, von wo er 1848\nwieder nach Turin zurückkehrte, wo er zuletzt Organist der könig-\nlichen Capelle war und in hohen Ehren stand. In seinen Opern-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610622-01.1.8", "texte": "Compositionen war er nicht glücklich, wohl aber bat er mehrere\neinzelne Scenen und Duette für Gesang geschrieben auf Texte, die\ndramatische Situationen ausdrückten, von denen z. B. Jeanne Ha-\nchette und Judith für Mezzo-Sopran, La Comtesse ei Bachelette, Les\nSoeurs de lait (zwei Duette) u. s w. viel Erfolg hatten. Auch für\nCiavier hat er eine Menge Sachen, meist leichtere Waare, heraus-\ngegeben; interessant sind seine Etüden für vier Hände. Am ge-\nschätztesten werden immer seine Vocalisen und methodischen Sing-\nübungen bleiben.\nLondon hat durch eine Feuersbrunst in diesen Tagen einen\nseiner grössten Concertsäle verloren. Die Musikhalle in den Surrey\nQardens, die erst vor wenigen Jahren mit grossem Kostenaufwande\nerbaut und eben wieder neu decorirt worden war, ist durch die\nNachlässigkeit einiger Arbeiter bis auf die Grundmaueru nieder-\ngebrannt.\nDer „Nord* erzählt folgenden musicalischen Scandal aus Pe-\ntersburg:\n„Vor ungefähr einem Monate erschien eine Broschüre: Laza-\nrew und Beethoven, mit Beider Portraits auf dem Umschlage.\nDieses Sehriftchen sollte beweisen, dass der Signore Alessandro La-\nzarew, amico di Rossini (so betitelt er sich selbst), dem Componi-\nsten des Fidelio und der Sinfonie pastorale weit überlegen sei.\n„Der anonyme Verfasser, der sich Staatsrath und Kitter mehre-\nrer Orden nennt, erbot sich, in dem ersten Concerte des Lazarew\nvor dem Publicum zu erscheinen und die Ansprüche seines Schütz-\nlings auf den Titel eines genialen Componisten laut zu vertheidigen.\nEs erscheint eine Ankündigung des Inhalts, dass am 26. März zum\nVortheil der Christen in Syrien und aus Anlass der Broschüre Lazarew\nund Beethoven ein grosses Concert Statt fin let, in welchem auch\nMusik von Beethoven zur Aufführung kommen soll, damit das Pu-\nblicum vergleichen könne.\n»Der Saal des Bürgerclubs füllte sich lange vor Beginn des Con-\ncertes. Ungewöhnlicher Weise fand man die Flügelthüren weit ge-\nöffnet und keine Spur von einem Cassier. Die armen syrischen Chri-\nsten haben also schlechte Aussichten. Alle unsere berühmten Musi-\nker, Künstler und Kritiker hatten sich eingefunden. Das Orchester\nwar aus den ersten Künstlern der Hauptstadt zusammengesetzt, her\nHeld des Festes vertheilt selbst die Stimmen und n'rnrnt den Diri-\ngenten-Platz ein.\n„Der Maestro griisst würdevoll und gibt dem Orchester das Zei-\nchen. Das erste Stück verlief Anfangs unter tiefem Schweigen, wel-\nches jedoch nach und nach unterbrochen wurde, indem sich immer\nlauter werdendes Gelächter unter den Zuhörern und selbst unter den\nMusikern hören liess. Nachdem das Stück so gut als möglich zu\nEnde gespielt war, verlangte das Publicum mit lautem Rufen den\nVerfasser der Broschüre, damit er seine Verteidigung zum Besten\ngebe. Alex. Lazarew kündigt an, dass der „ „Staatsrath und Ritter\nmehrerer Orden Markow unwohl und dass derselbe keine erdich-\ntete Persönlichkeit ist; er existirt wirklich, und wer daran zweifelt,\nkann sich davon in dessen Wohnung an der Brücke Alartschin über-\nzeugen. Allgemeine Heiterkeit unter den Zuhörern. Das zweite Stück\nsollte eben bcg.nnen, als plötzlich ein Herr mit langem, krausein\nHaar, ein sehr bekannter und geachteter Musik-Kritiker, auf einen\nStuhl steigt und das Wort verlangt, was ihm unverweilt gestaltet\nwird. „„Meine Herren !*\" spricht er, „„Sie haben das erste Stück\ndes berühmten Componisten gehört und somit einen vollständigen\nBegriff von der Bedeutung seines Talentes bek omincn. Ist es dem\nUrheber einer so seheusslichen Musik erlaubt, seinen Namen neben\nden Namen des grössten aller Componisten. zu setzen? Ist dies nicht\neine ganz unwürdige Speculation, und hätten wir nicht vollkommen\ndas Recht, denjenigen mit faulen Kartoffeln zu werfen, der es wagt,\nuns auf diese Weise zum Besten zu halten ?\" *\n„Dieser Ausfall wird mit einstimmigen Bravo's aufgenommen,\nLazarew, der sich jedoch noch nicht für überwunden gesteht, springt\nauf die Tribüne, d. h. an sein Pult, und fordert Stillschweigen und\ndie Aufmerksamkeit des Publicums. „„Hören Sie, meine Herren, ge-\nfälligst meine Ouvertüre; gleich darauf wird eine Beethoven'sche\nfolgen, und daun können Sie selbst vergleichen. Was den Herrn be-\ntrifft, der so eben gesprochen, so verachte ich ihn, und es liegt mir\ngar nichts an seiner Meinung.\"* Nach diesen Worten gibt er dem\nOrchester wieder das Zeichen, und die Ouvertüre beginnt. Man\nerhob sich mit Geräusch, man rief: „„Genug, genug von diesem\nCharivari! Sie zerreissen uns die Ohren! das ist zu unver-\nschämt Der fanatische Maestro müht sich nach Kräften ab,\nindem er fortfährt, das Orchester zu dirigiren. Allein die Geduld des\nPublicums ist zu Ende. Man macht Wurfgeschosse aus den Zetteln\nund aus allen Fetzen, die man erwischen kann, und schleudert sie\nvon allen Seiten dem Rivalen Beethoven's an den Kopf. Dieser hält\nsich wacker, obgleich schon ein Theil der Musiker die Flucht er-\ngriffen hat; der Tumult des Publicums wetteifert mit dgra Lärmen\ndes Orchesters Endlich stürzen einige Personen auf die Bühne und\nmachen Lazarew begreiflich, dass er sich zurückziehen soll. Er ver-\nsucht es, zu widerstehen; allein die Zahl der Stürmenden wird im-\nmer grösser, und der unglückliche Maestro sieht sich bald von\neinem Haufen fortgerissen, der ihn stösst, drängt und endlich aus\ndem Saale hinauswirft.®"}]}