{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-06-29-01", "volume": "bmtnabi_1861-06-29_01", "ocr_sha256": "44d41f7027fa929e679af4c0c8dc6cf1e7a81279501aab9813dd20587c5b27fd", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/06/29_01/bmtnabi_1861-06-29_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-06-29-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-06-29_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "201", "page_fin": "201", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 497, "texte": "Inhalt.\nEine Stimme aus Belgien über Beethoveu's Messe in D-dur. Von L. B. Musicalische Reise-Erinnerungen (Berlin: Bach's\nH-moll-Messe Leipzig: Tsehirch's Oper „Meister Martin-1, Flotow's „Martha-, Violinist Isidoi Lotto, der Thomauer-Chor Dresden:\n„Rienzi\" Herrnhuth: VVauer's Oratorium „Die Märtyrer-*). Von P. T. Für Männergesang-Vereine. - „Das alles war schon einmal\nda!1' Von S. Fhr. v. S. 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Dieses\nGlaubensbekeniitniss zu Anfang unseres Berichtes über\nBeethoven's Messe in D kündet an, dass dieses Werk den\nEindruck auf uns nicht gemacht hat, den viele Personen\nbei jedweder Offenbarung des Genie's seines Schöpfers\nempfinden zu müssen glauben. [!]\n„Beethoven hat bei der Composition dieser Messe die\nBestimmung eines solchen Werkes gänzlich aus den Augen\ngesetzt. Seine fanatischen [!] Bewunderer werden sagen,\ndass ein so grosser Künstler nicht an dergleichen Conve-\nnienzen gebunden ist. Sie haben Unrecht. Der\nComponist einer Messe muss vor Allem zwei Dinge fest-\nhalten: erstens dass seine Musik einen Charakter habe, der\nmit den religiösen Ideen in Verbindung stehe; zweitens\ndass sie binnen derjenigen Zeit ausgeführt werden könne,\nwelche auf die Feier des Gottesdienstes verwandt wird.\nBeethoven hat sich um Keines von Beiden bekümmert, er\nhat keine der Bedingungen der Kunstgattung, die er be-\nhandeln wollte, erlüllt, was jedoch die Fanatiker nicht\nhindert, auszuschreien (crier!),dass er ein Meisterwerk\ngeliefert.\n„Es gibt allerdings in der Messe Stellen von einer\nKühnheit, Kraft und Gewalt der Wirkung, die kein An-\nderer als Beethoven geschrieben haben würde; der Stem-\npel des Genie's ist darin, wie in allem, was er gemacht\nhat, sichtbar. Was man aber nicht darin findet, ist Aus-\ndruck des religiösen Gefühls [!], directe Beziehung der\nMusik auf die Worte, irgend etwas, das einem Gebete\ngliche.\n„Beethoven hat in seiner Messe die Fugen auf einan-\nder gehäuft, in jedem Satze [??] sind Fugen, und zwar\nsolche, die gar kein Ende nehmen, ohne in Anschlag zu\nbringen, dass sie unklar und die Theile mehr in einander\ngeschachtelt als geistvoll combinirt sind. Man hat unserer\nMeinung nach die Fuge irrthümlich als zum Kirchenstil\ngehörig betrachtet. Rousseau hat gesagt, eine schöne Fuge\nsei das undankbare Meisterstück eines Theoretikers; allein\ndas ist zu viel gesagt, denn gewisse Fugen von Palestrina,\nHändel und Bach, und unter den Neueren von Cherubini,\nsind nicht undankbare Meisterwerke [wahrhaftig?]; aber\ntrotz alledem bleibt es wahr, dass die Fuge eine wissen-\nschaftliche Grübelei ist, und wenn die Wissenschaft über-\nhaupt vermeiden soll, sich mit Affectation zu zeigen, so ist\ndas vor Allem in der religiösen Musik nothwendig. Der\nComponist, der sich abarbeitet, um als geschickt zu glän-\nzen, der sein gelehrtes Wissen auskramt, um sich persön-\nlich bewundern zu lassen, wenn er eine Messe schreibt [ül\nbegeht eine grosse Ungebühr. Die menschliche Eitelkeit\nist in der Kirche weniger an ihrer Stelle, als sonst über-\nall. Es ist freilich dem Kirchen-Componisten nicht unter-\nsagt, gelehrt zu sein [es sollte aber von ästhetischer Policei\nwegen einem musicalischen Kritiker untersagt sein, So un-\ngelehrt und unwissend über Musik-Gelehrsamkeit und mu-\nsicalisches Wissen zu schreiben!],—allein er muss gelehrt\nsein, ohne es sein zu wollen, und darf nicht seine Persön-\nlichkeit mit Affectation voranstellen. [!!] Der grösste Theii\nder Fugen in Beethoven's Messe ist überflüssig, und wenn\nman sie wegliesse, so würde man die Partitur\num die gute Hälfte verkürzen. [Bravo! dann wäre"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5282, "texte": "ja die Eine Haupthedingung, dass das Werk nach der Uhr\nund Elle gemessen sein müsse, auf die einfachste Weise\nerfüllt! Wir haben in Opern-Partituren bei kleineren\nTheatern schon arge Striche gesehen, aber ein so kolossa-\nler Schneider wie Herr X X. ist uns noch nicht vorge-\nkommen. Doch er hat einen haltbaren Grund für sein\nunerhörtes Censur-Verfahren: er wirft die Hälfte der Par-\ntitur nur weg, um sie dem Gottesdienste anzumessen!]\n„Wir sagten so eben, dass sehr kräftige Stellen in\nder Messe in D wären. Diese Eigenschaft, welche nur\nrelativ ist, artet häufig in Fehlerhaftigkeit aus, denn sie\ngeht bis zum heftigen Lärm an Stellen, wo die ernste\nWürde mehr am Platze wäre. Lamennais hat irgendwo\ngesagt, dass Anstrengung nicht Kraft sei; Beethoven hat\ndiese grosse Wahrheit verkannt. [!]\n„Wir hatten die Reinheit und Schönheit der rheini-\nschen Chorstimmen stets gerühmt; wir müssen aber er-\nklären, dass die Soprane schauderhaft unrein sangen\n(cruettement faux). Es war das erste Mal, dass wir Gele-\ngenheit hatten, bei dem Chor des niederrheinischen Musik-\nfestes einen Mangel an Reinheit zu constatiren.\n|constater. Wodurch legitimirt sich denn Herr X X. zu\neinem constatirenden Richter? Durch das „Gesichterschnei-\nden eines neben ihm sitzenden Kenners\"!] Wir machen\ndamit den jungen Damen, die sich brav aufführten\ncomportaient bravement), keinen Vorwurf, sie sangen mit\nganzer Seele, aber ihr Eifer scheiterte an der physischen\nUnmöglichkeit. Die Singstimmen überschreiten in dieser\nMesse die natürliche Gränze, sie sind geradezu unausführ-\nbar, und wenn man sich über Eines wundern muss, so ist\nes darüber, dass die Soprane in Aachen nicht noch fal-\nscher gesungen haben.\"\nWie weit kann doch die Verblendung führen! Von\nseiner persönlichen Ansicht über den ungeschickten Beet-\nhoven befangen, hört Herr X X. sogar falsch, oder\nträgt wenigstens ein kleines Schwanken der höchsten Töne\ndes Soprans in der Probe auf die Aufführung über, bei\nwelcher es nicht Statt fand. Trotzdem, dass Herr X X.\nspäter die Ausführung der Chöre in Händel's Josua ganz\nausserordentlich lobt und erhebt, hat doch eine von den\nChor-Damen, die mitgewirkt haben, in gerechtem Zorne,\nden jedoch der Humor nicht aulLommen lässt, ihm in der\nAachener Zeitung (Nr. 106 und 167) durch ein „Of-\nfenes Schreiben einer Sopranistin\" recht hübsch\ngeantwortet.\nNachdem hierauf noch die gewöhnlichen Gemein-\nplätze derer, die am Ciavier componiren, über Beetho-\nven's Taubheit als den Sündenbock alles Fremdartigen\nin seinen letzten Werken wiederholt worden, bebst es\nnoch:\n„Viele Leute werden empört sein, dass wir so über\nBeethoven sprechen; wir glauben aber, dass man stets die\nWahrheit sagen muss. Was wir ausgesprochen, das\nhat der grösste Theil der Zuhörer gedacht, denn es ist\neine Thatsache, welche zu bestreiten wir die Fanatiker\nherausfordern, dass die Messe in D gar keinen Eindruck\ngemacht hat, und dass das Publicum dabei kalt wie Eis\ngeblieben ist.\" Ferner am Schlüsse des Artikels: „Arn\nersten Tage konnte man dem Publicum Kälte vorwerfen;\nder Beifall war selten und gleichsam nur eine Anerken-\nnung der Leistungen der Ausführenden. [Also doch Bei-\nfall,, trotz des „Eises\", und Anerkennung, trotz des „schau-\nderhaft Falschsingens\"!] Das bedeutet, dass alle Welt über\ndie Messe so dachte, wie wir, und wenn man auch nicht\nwagte, laut zu kritisiren, so nahm man sich doch die Frei-\nheit, sich im Stillen zu langweilen.\"\nDas Thatsächliche in diesen letzten Sätzen ist ganz\neinfach nicht der Wahrheit getreu. Die Wirkung der Auf-\nführung der Messe war für jeden, der das rheinische Pu-\nblicum kennt, im Ganzen eine sichtbar ergreifende, und\nder Eindruck ein von Staunen und Bewunderung gemisch-\nter. Auch ohne die Fäden des prachtvollen Tongewebes\ngenau erkennen und überall verfolgen zu können, fühlte\nsich die Menge über das Gewöhnliche emporgetragen. Und\ndas vorzüglich dadurch, dass sie gerade durch die Ueber-\neinstimmung der Musik mit den religiösen Ideen, welche\nHerr X X. Vermisst, bei so zahlreichen Stellen von einem\nehrfurchtsvollen Staunen und von jenem lielen Gel üble er-\nfüllt war, das bei guten Kirchen-Compositionen aus der\nMischung von gläubiger Empfindung mit sinniger Em-\npfänglichkeit für das Musicalisch-Schöne sich im Innern\ndes Menschen bildet, und keineswegs dazu treibt, sich in\nrauschendem Applaus zu documentiren.\nEs wird Niemand von uns verlangen, die übrigens kei-\nneswegs von ihm zueist vorgebrachten Naivetäten des bel-\ngischen Kritikers zu widerlegen. Wer von dem eigentlichen\nWesen der Fuge in der Kirchenmusik so gar keinen Be-\ngriff hat, wer nie eine Ahnung von ihrer tieleren Bedeu-\ntung als Ausdruck des begeisterten Aufschwungs der Volks-\nstimmen der Gemeinde, als Zusammenströmen der indivi-\nduellen Gefühle in die vollendete Form der Einheit gehabt\nhat, wessen Ignoranz in Beziehung aul Beethoven's Künst-\nlernatur und seinen schaffenden Genius so weit geht, dass\ner ihm zutraut, er habe die Hälfte eines Werkes hindurch\nnur seine pe rsön 1 i che Eitelkeit als Musiker zeigen wol-\nlen, was Beethoven nicht einmal bei einem einzigen Tacte\neingefallen ist, den wird die gediegenste Analyse der Schön-\nheiten der Beelhoven'schen Messe nicht bekehren.\nNur den Ton aber, in dem Herr XX. über Beethoven\nund diejenigen spricht, welche die Messe für ein grosses"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3060, "texte": "und erhabenes W7erk halten, wenn es auch nicht nach der\nKirchenuhr abgemessen ist, müssen wir ernstlich rügen,\nweil wir ihn bei einer solchen Frage für unwürdig und\nfür sehr anmaassend halten. Wäre es nicht besser gewe-\nsen, wenn Herr X X., ehe er die aufrichtigen Bewunde-\nrer Beethoven's „Fanatiker\" nannte, sich einem solchen\nHeros gegenüber gefragt hätte, ob es nicht vielleicht ihm\nselbst an einigen Bedingungen fehle, jene Bewunderung,\ndie er Fanatismus nennt, zu theilen? Er entschuldigt sich\nstets damit, dass man einem grossen Manne die Wahr-\nheit sagen müsse, und thut sich etwas darauf zu Gut, dass\ner das eethan. Aber wo ist denn seine Legitimation, seine\nBerechtigung dazu? Doch nicht in seinen Trivialitäten über\ndie Fuge, oder in seiner Entdeckung über Beethoven's\nSchaffen aus persönlicher Eitelkeit? Womit wird denn\nbewiesen, dass die gerühmte „Wahrheit\" etwas Anderes\nsei, als eine Wahrheit nach der Schablone des Herrn X X.?\nWenn er sich auch selbst für einen so tiefen Geistes-\nschauer hält, dass er einem ganzen Publicum sein eigenes\nUrtheil angesehen hat, so können wir doch aus seinem\nAufsatze nicht das geringste Vertrauen in seine Unfehlbar-\nkeit schöpfen, da wir darin nicht einen einzigen durch mu-\nsicalisches oder ästhetisches Wissen begründeten Gedan-\nken finden können. Der nackte Ausspruch, die Musik der\nMesse stehe nicht im richtigen Ausdrucks-Verhältnisse zu\n„religiösen Ideen\" (in seinem Sinne hätte X X. wenig-\nstens „kirchliche Dogmen und deren traditionelle Behand-\nJungsweise\" sagen sollen), ist freilich sehr wohlfeil; aber\nwir verlangen durch tiefe Studien theuer erkaufte Beweise\ndafür; und dass sie „zu lang\" sei, ist doch ein gar zu\npossierlicher Grund gegen ihren inneren Werth, noch pos-\nsierlicher freilich der Vorschlag, sie durch Weglassung\naller lügirlen Sätze für den Hausgebrauch zuzuschneiden.\nWas sagt denn Herr X X. zu J. S. Bach's e,\nwenn er nämlich von dieser vielleicht einmal hat sprechen\nhören, und zu Cherubini's grosser Krönungs-Messe, die er\nvielleicht wirklich einmal gehört hat? Da wird's auch viel\nzu streichen geben, wenn diese einmal in Brüssel aufge-\nführt werden sollten!\nDie Frage über das Mein und Dein, die im bürger-\nlichen Leben eine so grosse Rolle spielt, findet als: „Liegt\nes an mir, oder an dir\", bei der Würdigung eines Kunst-\nwerkes eben so gut ihre Anwendung. Wir meinen, einem\nGenie wie Beethoven gegenüber, das über hundert und\nzwanzig unangefochtene Documente seiner Macht aufzu-\nweisen hat, und vor dessen unerreichbarer Grösse sich\nheutzutage alle Musiker beugen, geziemte einem Kritiker\ndoch ein klein wenig mehr Misstrauen in seine eigene Be-\nfähigung, denn es wäre doch möglich, dass ihm der Him-\nmel die Pässe für jene Regionen, welche Beethoven's Hei-\nmat sind, durch ungünstige Constellation bei seiner Geburt\nganz und gar versagt hätte. Und sich diese Gunst durch\nernste Studien und andauernde Vertiefung in den fremden\nGeist zu erarbeiten, dazu hat ein Franzose bei aller Lie-\nbenswürdigkeit und universellen Conversationsbildung keine\nLust und keine Zeit.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-06-29-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-06-29_01#c003", "volume": "bmtnabi_1861-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "203", "page_fin": "205", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.2.3", "titre_corps": "Musicalische Reise-Erinnerungen.", "titre_sommaire": "Musicalische Reise-Erinnerungen.", "signature_source": "P. 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April im raschen Fluge nach Berlin, wo\nfür den Abend zu meiner grossen Freude vom Stern'-\nschen Gesang-Vereine die Aufführung der Sebastian\nBach'schen hohen Messe in H-nioll in dem Concert-\nsaale der Sing-Akademie angekündigt war. Dorthin rich-\ntete ich denn auch ohne Verzug meine Schritte; konnte\nich mir doch auch von dem achtungswerthen Vereine, der\nschon seit einer Reihe von Jahren durch Aufführung vie-\nler classischen Tonwerke sich nicht geringe Verdienste um\ndie Tonkunst erworben hat, einen besonders dankenswer-\nten Genuss versprechen. Ich sah mich hierin auch nicht\ngetäuscht. Der von der Licbig'schen Capelle unterstützte,\nvon Herrn Director Stern wohlgeschulte und sicher ge-\nleitete Gesang-Verein lös'te vor seiner zahlreichen Zuhö-\nrerschaft seine bekanntlich überaus schwierige Aufgabe in\neiner Weise, wie sie wohl nur selten gelös't worden ist.\nDer alte Meister Sebastian, der, sagt man, dieses sein\ngrösstes Werk niemals selbst gehört haben soll, würde\nseine Freude daran gehabt haben, wenn er den Zauber-\nklängen seiner wunderbaren Schöpfung hätte lauschen\nkönnen. Ueberall in den polyphonen Tonbaulen seiner\nChöre und nicht minder in den Soli, die man den tüch-\ntigsten Kräften der Residenz anvertraut halte, war das\nsorgsamste Studium deutlich zu erkennen, und zu der\näusseren technischen Bewältigung gesellte sich nicht selten\nein tieferes Erfassen und Eingehen in die nicht immer\nnaheliegenden Intentionen des tiefsinnigen Tonwerkes, wie\nes eben nur einem Vereine möglich ist, der mit der aner-\nkennenswerthesten Energie die höchsten Ziele zu erstreben\nsucht. Ich will mir selbst den Nachgenuss nicht trüben\ndurch kleinliche Ausstellungen, die sich auch bei der ge-\n\nH"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5371, "texte": "lungensten Aufführung immer noch machen lassen; nur\ndas möchte ich erwähnen, tlass der iMangel der Orgel\ndurch nichts zu ersetzen sein dürfte. Das aber wurde mir\nheute von Neuem klar, wie von einem Verständnisse Se-\nbastian Bach's bei denen nicht im Entferntesten die Rede\nsein kann, die in Bach nur den kalten Rechenmeister sehen,\nder wohl seine Fugen-Exempel wie kein Anderer zu ma-\nchen im Stande gewesen, dessen Schule aber vollständig\nverläugnet werden müsse, wenn man endlich einmal die\nbei solcher Musik „unvermeidliche Langeweile\" bannen\nwolle. Kenner der neuesten Musik-Literatur werden wis-\nsen, dass es in den letzten Jahren nicht an Stimmen, die\nsich in solcher Weise ausgesprochen haben, gefehlt hat.\nZur Beseitigung jener Vorurtheile werden übrigens die in\nunseren Tagen immer häufiger werdenden Aufführungen\nBach'scher Werke, die vor drei bis vier Jahrzehenden\nnoch ziemlich vereinzelt da standen, ohne Zweifel daslh rige\nbeitragen. Möge der Stern'sche Verein auch ferner nicht\nermüden, an derartige Aufgaben sich zu machen; Künst-\nler und Dilettanten, die in der Musikkunst Erhebung für\nGeist und Merz suchen, werden es ihm sicherlich Dank\nwissen; wird doch dadurch gerade am erfolgreichsten der\nimmer mehr überhand nehmenden Verllachung entgegen-\ngearbeitet.\nMit diesen Gedanken verliess ich eine Kunststätte\nden Saal der Sing-Akademie—am Abende des Busstages,\nin hohem Maasse befriedigt, dass mir heute hier ein so\nhoher Genuss zu Theil geworden war. Am Morgen des\n25. April verliess ich Berlin, um nun in raschem Fluge\nnach Leipzig zu eilen. Zunächst zog mich die Aufführung\nder von Wilhelm Tschirch componirten Oper: „Mei-\nster Martin und seine Gesellen\", dorthin. Die Di-\nrection des leipziger Stadttheaters hat es sich \\on je her\nzur Pflicht gemacht, es alljährlich mit neuen Opern zu\nversuchen; sie hat im April dieses Jahres kurz hinter ein-\nander zwei neue Opern gebracht, eine von Sch liebner:\n„Der Gral von San laxem\", und bald nachher die ge-\nnannte Tschirch'sehe. Der durch sein dramatisches Ton-\ngemälde „Eine Nacht auf dem Meere\" in den weitesten\nKreisen bekannt gewordene Componist, Willi. Tschirch\nin Gera, hat sich in dieser Oper das erste Mal mit einem\nBühnenwerke versucht. Moriz Horn, der Dichter der\n\\on Bob. Schumann compofiirten „Pilgerfahrt der Rose\",\nhat ihm in der Bearbeitung der bekannten IJofTmann'-\nschen Novelle „Meister Martin und seine Gesellen\" ein\nOpernbuch geschrieben, in welchem das lyrische Element\nfast zu sehr das Uebergewicht über das dramatische ge-\nwinnt, wesshalb auch die vieractige Oper das Prädicat\neiner lyrisch-romantischen mehr denn andere in An-\nspruch nimmt. Von diesem Gesichtspunkte aus muss sie\nvorzugsweise beurtheilt werden, wenn dem Componisten\nnicht Unrecht geschehen soll. Ich maasse mir nicht an, ein\nentscheidendes Urlheil über das neue Bühnenwerk zu fäl-\nlen, und erwähne nur, dass sich nicht bloss die vom Or-\nchester vorzüglich ausgeführte Ouvertüre, sondern auch\ndas ganze Werk einer sehr beifälligen Aufnahme Seitens\ndes Publicums erfreute. Zudem hat sich auch die leipziger\nKritik überwiegend in so günstiger Weise über das\nneue Musikwerk geäussert, dass demselben wohl ein\ngünstiges Prognostiken gestellt werden kann. Leider ist\ndie Theater-Direction genöthigt gewesen, das Werk vor-\nläufig wieder zurückzustellen, da das Auftreten der enga-\ngirten italiänischen Operngesellschaft die beabsichtigten\nWiederholungen unmöglich machte. Zur richtigen Wür-\ndigung kritischer Bemerkungen, die von einer Seite her\ndem Componisten den Vorwurf machen, dass er den Er-\nrungenschaften der Neuzeit nicht genugsam Rechnung ge-\ntragen habe, diene hier nur die Bemerkung, dass sich der\nComponist aller unnöthigen Eff'ectmittel enthalten hat, die\nauch in der Thal für den vorliegenden Stoff durchaus\nnicht am Orte gewesen wären. Was die Aufführung des\nWerkes selbst anlangt, so war sie nach allen Seiten hin\neine gelungene. Die brave Theater-Capelle wirkte im Ver-\neine mit den Trägern der Haupt-Partieen und den Chören\nin einer so präcisen Weise zusammen, dass der reichlich\ngespendete Beifall als ein wohlverdienter erschien und der\nComponist sich in jeder Weise befriedigt sehen konnte.\nDie Herren Young (Friedrich), Bernard (Reinhold) und\nFräulein v. Ehrenberg (Rosa) gefielen sich sichtlich in\nihren Partieen, nicht minder Herr Bertram (Meister Mar-\nlin) und Herr Wallenreiter (Paumgärtner); sie gaben\nsämmtlich ihre Rollen mit Liebe und Verständniss. Ein\nGleiches liess sich auch von Frau Bachmann (Martha)\nund Herrn Gitt (Konrad) sagen. Der Componist wurde\nmit den Haupt-Darstellern wiederholt gerufen. Die Oper\nmacht übrigens keine besonderen Schwierigkeiten in der\nBesetzung. Ein hoher Sopran und eine Mezzo-Sopran-Sou-\nbrette, zwei Tenoristen und zwei Bassisten—und die Par-\ntieen sind vertheilt.\nAn einem der folgenden Abende sah ich von Flo-\ntow's Oper „Martha\" vor fast leerem Hause, die übri-\ngens recht gut gegeben wurde. Was man auch dagegen\nsagen mag, sie entwickelt viel dramatisches Leben -und\neinen Reichthum von Melodieen, wie er in diesem Genre\nnur wenigen Componisten der Gegenwart zu Gebote steht.\nAm nächsten Abende liess sich im Theater ein junger\nViolin-Virtuose hören, der bei seinen eminenten Leistun-\ngen den lebhaftesten Beifall ärntete. Der achtzehnjährige\nIsidor Lotto aus Warschau, in Paris auf dem Conser-\nvatorium gebildet, beginnt eben erst sein öffentliches Auf-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3142, "texte": "treten, aber der Hörer hat in ihm schon einen vollendeten\nMeister vor sich. Die grössten Schwierigkeiten überwindet\nder junge Virtuose mit einer Leichtigkeit, wie dies nur\nMeister ersten Banges im Stande sind. Die rapidesten\nPassagen spielt er mit einer Klarheit und Reinheit, dass\nauch nicht der leiseste Misston jemals zu hören ist. Elegan-\nter und graziöser kann die Violine nicht behandelt werden.\nVermisste man auch namentlich in den Gesangstellen jene\nausgiebige Tonfülle, die den so genannten grossen Ton\ncharakterisirt, eben so wie jenes tief Seelische, wie man\nes sonst wohl bei Meistern ersten Ranges findet, so blei-\nben dessen ungeachtet die Leistungen des Herrn Lotto im-\nmerhin von der hervorragendsten Art. Ausser dem sieben-\nten Concerte von Beriot, der Teufels-Sonate von Tartini\nund dem Carneval von Venedig war es besonders ein von\nihm selbst componirler Concert-Walzer, mit welchem\ner den rauschendsten Applaus ärntete. Es ist nicht zu\nzweifeln, dass, wenn Herr Lotto seine Kunstreisen nach\nden Hauptpunkten der civilisirten Welt fortsetzt, er in\nKurzem einen europäischen Ruf sich erworben haben wird.\nDa ich übrigens den Sonnabend noch in Leipzig ver-\nweilte, so fand ich auch noch Gelegenheit, den Thoma-\nner-Chor zu hören, der wohl immer noch unter den\nSingchören der gelehrten Schulen den ersten Platz ein-\nnimmt. Die seit langen Jahren bestehende Einrichtung,\nnach welcher dieser Chor allsonnabendlich Nachmittags\nhalb zwei Uhr einige Chor-Gesangstücke in der Thomarier-\n%\nKirche vorträgt, hat viel Erbauliches. Die zahlreich ver-\nsammelte Zuhörerschaft folgte auch in der That den bei-\nden Motetten von Richter und Hauptmann mit vieler Auf-\nmerksamkeit. Eine grössere Kraft der Bassstimmen wäre\nwünschenswert!) gewesen. Das jugendliche Alter der Ober-\nschüler, die jetzt durchschnittlich weit eher, als dies früher\ngeschah, zur Universität abgehen, macht wohl diesen Man-\ngel erklärlich.\nIn Dresden wohnte ich im Hoftheater einer Auffüh-\n*\nrung von Richard Wagner's Oper „Rienzi\" bei. Die\ntreffliche Hofcapelle im Vereine mit dein nicht minder\ntrefflichen Gesang-Personale brachte die Oper zu einer\nnach allen Seiten hin befriedigenden Darstellung. Herrn\nO O\nTichatscheck's ausgiebiges Organ bewährt sich noch\nimmer, auch in der sehr anstrengenden Rolle des Rienzi.\nAuf meiner Rückreise machte ich noch in Herrri-\nhuth die Bekanntschaft eines jungen Componisten, des\nHerrn Wilhelm Wauer, der durch sein Oratorium\n„Die Märtyrer\" den Beweis geliefert hat, dass er in\nvollem Maasse berechtigt gewesen wäre, die Kunst zum\nLebensberufe zu wählen, wenn er es nicht vorgezogen\no O\nhätte, ihr nur seine Mussestunden zu widmen. Sein Ora-\ntorium, in welches mir der talentvolle junge Mann schon\nfrüher einen Einblick gestattet hatte, verdiente in weite-\nren Kreisen bekannt zu werden. Der Mendelssohn'schen\nSchule sich anschliessend, hat sich der Componist doch\neine Selbstständigkeit zu bewahren gewusst. die für seine\nProductivität ein rühmliches Zeugniss ablegt. Directoren\nvon Sing-Vereinen möchte ich auch hier auf dieses wackere\nWerk, das der Autor desselben gern zur Ansicht darreicht,\naufmerksam gemacht haben.\n\nP. T."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-06-29-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-06-29_01#c004", "volume": "bmtnabi_1861-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "205", "page_fin": "207", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.2.4", "titre_corps": "Für Männergesang-Vereine.", "titre_sommaire": "Für Männergesang-Vereine.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.5", "debut_caractere": 3144, "fin_caractere_exclue": 5191, "texte": "Für Männergesang-Vereine.\nEs liegen uns die beiden ersten Nummern von zwei\nneuen Zeitbläitern für Männergesang auf einmal vor, und\nwir entsprechen gern den Wünschen der Herren Heraus-\ngeber, indem wir unsere Leser darauf aufmerksam machen.\n1. Deutsche Männergesangs-Zeitung. Heraus-\ngegeben vom märkischen Central-Sän gerbunde\nunter Redaction seines Directors Rudolf Tschirch. Ber-\nlin, bei E. Schotte & Comp. Jahrgang 11. Erscheint mo-\nnatlich. Preis von April bis December 22% Sgr. April-\nNummer ein halber Bogen in 4.\nUeber die Entstehung u. s. w. erfahren wir Folgendes\naus einem Artikel von Fl. Geyer in der Berliner Zeitung\n(Spener) vom 19. d. Mts.:\n„Der Gedanke, den Angelegenheiten des Männerge-\nsanges einen eigenen Heerd zu gründen, ist im Schoosse\ndes märkischen Central-Sängerbundes bereits seit längerer\nZeit gehegt, namentlich aber von dem Dirigenten dieses\n•aus über dreissig Filial-Sängerchören bestehenden Ver-\nbandes, Rudolf Tschirch, angeregt worden. Unter der\nRedaction desselben erschien vorläufig für ein Vierteljahr\nder Stoff im Selbstverlage. Alsbald jedoch durch die Zahl\nder Theilnehmer auf monatlich eine Nummer anwachsend,\nwurde diese erste „ „Deutsche Männergesangs Zeitung\"\"\n[Die Teutonia existirt ja schon seit Jahren. Wir wissen\nnicht, ob sie vielleicht eingegangen. Die Red.] einem Ver-\nleger von Fach, E. Schotte & Comp., in Commission\ngegeben, durch welchen die zwölf Nummern eines Jahr-\ngangs für 1 Thlr. (ohne Post-Erhöhung) zu beziehen sind.\nDen Inhalt bilden Leit-Artikel, Vereins-Nachrichten, Mit-\ntheilungen über Gesangfeste, Empfehlungen guter, brauch-\nbarer, neu erschienener Männergesänge, eine Art Feuille-\nton unter der Aufschrilt Füllhorn und endlich eine ge-\ndiegene Original-Composition für Männergesang von einem\nbewährten Componisten. Es liegen bis jetzt fünf Nummern\ndieses anspruchslosen und in treffend populärem Tone ge-\nschriebenen Blattes vor, das von einem durchaus anzuer-\nkennenden, seiner Sache liebevoll ergebenen Bestreben ge-\nleitet wird. Dass der Verfasser in Beziehung auf die Ver-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5249, "texte": "edlung des Volkes durch sittlichen Gesang auf die Vereine\neinwirken will, sie zu sich heraufziehend und sie abziehend\nvon allem seichten Treiben, dem diese Convente leicht ver-\nfallen, das beweis't der Aufsatz: „„Ueber die Wahl der\nLieder\"\". Eine andere kleine Abhandlung lässt sich über\ndie Nothwendigkeit der technischen Heran- und Vorbildung\nvernehmen; sie heisst: „ „Wie steht's um das Notenlesen?\"\"\nwobei der Verfasser hindeutet, dass in dieser Beziehung\ndie Schule weit mehr thun müsse, wenn sie in der wahr-\nlich nicht kurzen Frist der Schulpflichtigkeit von 8 —l4\nJahren für das Erlernen der musicalischen Zeichenschrift\nSorge zu tragen verpflichtet würde. Die bisher von der\nZeitung gebrachten Lieder sind durchaus correct und in-\nteressant.\"\nDer Aufsatz „über die Wahl der Lieder\" ist al-\nlerdings recht gut gemeint, aber curios ist die „schwär-\nmende\" Einleitung und namentlich folgende Stelle: „(Bei\neinem allgemeinen deutschen Gesangfeste) würden wir ein\nPostament errichten von der Höhe des Marien-Kirchthur-\nmes und einen deutschen Mann darauf stellen, dessen Schläfe\ndie Lorberkränze aller civilisirten Länder geschmückt ha-\nben— unseren Meyerbeer! Einen deutschen Eichen-\nstamm in der Hand, würde er dirigiren, und aus tausend\nund aber tausend Kehlen würde es frisch und froh ertönen,\ndass Vater Arndt im Himmel Bravo klatschen müsste: Das\nganze Deutschland soll es sein!\" —Wahrhaftig, allen Re-\nspect vor Meyerbeer, aber zu einem Repräsentanten\n„deutscher Kraft und Einigkeit im Gesänge\" könnte man\ndoch keinen ungeeigneteren 31ann im ganzen Reiche der\nTonkunst wählen, als ihn. Man wäre versucht, die obigen\nZeilen für einen berliner Witz zu nehmen, wenn man nicht\nleider die Erfahrung gemacht hätte, dass der einer Haupt-\nstadt so unwürdige, wahrhaft kleinstädtische Local-Patrio-\ntismus der Berliner, der mit dem Worte „unser\" überall\nin aussermärkischen deutschen Landen die Svmpathieen\nfür Preussen abstösst, solche Dinge wirklich in vollem\nErnst zu Tage brächte.\nEin Lied von R. Tschirch: „Der Zimmerg'seH\", in der\nApril-Nummer ist der Ueberschrift nach „gemüthlich\";\nwir würden aber Spielereien wie: „er zimmert ein gan-\ngan- zes zes Haus Haus zu- zusam- sam- sam- sammen\"\nund glüht für sie „in Flam- Flam- Flam- Flammen\", nicht\nals Probe gegeben haben.\n2. Die Sängerhalle. Deutsche Gesangvereins-\nZeitung lür das In- und Ausland. Begründet und\nherausgegeben von Müller von der Werra. Hedigirt\nunter Verantwortlichkeit von Moriz Schäfer. Verlag von\nErnst Schäfer in Leipzig. Erscheint wöchentlich in\neinem Bogen in 4. Preis vierteljährlich % Thlr.\nDie uns vorliegende Probenummer mit der Jahreszahl\n1861, aber ohne Tagesangabe, deutet wohl auf das Er-\nscheinen der neuen Zeitung vom 1. Juli an. Sie enthält das\nvom Herausgeber unterzeichnete Programm. Bei dem letz-\nten Gesangfeste in Coburg, wo auch das deutsche Sänger-\nfest in Nürnberg beschlossen wurde, entstand der Gedanke,\nzur Anbahnung eines allgemeinen deutschen Sän-\ngerbundes ein Zeitungs-Organ zu gründen. Dieser Bund\nsoll in Nürnberg zu Stande gebracht und die „Sängerhalle\"\ndessen Organ, Bureau und statistisches Journal werden.\nDer künftige Inhalt wird reichlich genug, ja, überreichlich\nangekündigt; versprochen werden auch „Bildnisse\" und\nholzschniltliche „Autographen\" (die Nummer enthält Sil-\ncher's Bildniss und dessen Nekrolog, aus der lllustrirten\nZeitung abgedruckt, dessen erstes Original, wenn wir nicht\nirren, im Schwäbischen Mercur zu lesen war), ferner „Mu-\nsterlieder\" („All-Deutschland\" von Müller v. d. W., mit\nder Bemerkung, dass dasselbe nicht componirt werden\ndürfe, da es Abt bereits für Nürnberg componirt habe!)\nund „Muster-Compositionen\" (dieses Mai Hymne von M.\nv. d. W., componirt von E. IL z.*S., „Lobpreiset den Hort\nder Lieder!\").\nWir wünschen dem Unternehmen alles Glück, nur\nmöge die Redaction bei dem Vielen, was das Blatt um-\nfassen soll, „sich nicht zerstreuen lassen\". Den Ausdrücken\n„M u ste r - Lieder\" und „Muster-Compositionen\" wird\nes wohl erlaubt sein die Bedeutung des Wortes Muster,\nwie sie in „Muster-Zeitung\" gilt, unterzulegen. Sollten\naber vollendete, als maassgebende Meisterstücke geltende\nErzeugnisse dar unter verstanden sein, so würde die litera-\nrische und musicalische Weit gegen das entscheidende Tri-\nbunal der Redaction wahrscheinlich Verwahrung einlegen,\nda dessen Competenz namentlich bei eigenen Leistungen,\nwie z. B. „All-Deutschland\", angezweifelt werden dürfte.\nDie Gesinnung macht noch keinen Dichter. Die Composi-\ntionen führen in der vorliegenden Nummer den allgemei-\nnen Titel: „Musicalischer Lorberkranz. I. Blatt\",\nder ebenfalls nicht an allzu grosser Bescheidenheit leidet.\nAuch den undeutschen Ausdrücken: Seclionen, Bureau,\nJournal, Novitäten (sogar als Ueberschrift!), Personalien\nu. s. w., begegnen wir ungern in einer Zeitung für das\ndeutsche Volk.\nAus einer Nachricht über das bevorstehende „Sän-\ngerfest in Nürnberg\" von Phil. Körber in Nürnberg\ntheilenwir folgende Angaben von allgemeinerem Belang mit :\nIm Vertrauen auf die edlen Gesinnungen der Bürger-\nschaft traten die Vorstände der vier grössten nürnberger\nLiedertafeln:Liederkranz,Singverein,Sängerlust und Union,\nzusammen. Mit einer Begeisterung, die nicht dankbar ge-\nnug gerühmt werden kann, erklärte sofort eine grosse An-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3668, "texte": "zahl von Bürgern, darunter viele, deren Namen auch weit-\nhin im grossen Vaterlande einen guten Klang haben, ihre\nTheilnahme und Hülfsbereitwilligkeit. Die Vorstände ent-\nwarfen ein Bittgesuch an die höchste Stelle, um die Er-\nlaubniss zur Abhaltung des Festes zu erwirken. [Sind denn\ndie Sängerfeste in Bai er n verboten?] Der Magistrat trat\nals Behörde der ersten Instanz eifrig fördernd ein und em-\npfahl der hohen Kegierung die Sache so warm, dass am\n8. Januar 1861 bereits die Genehmigung Sr. Maj. des\nKönigs zur Abhaltung des Festes in den Tagen vom\n20. bis 23. Juli in Nürnberg eintraf. Zunächst bildete\nsich nun das Comite, dessen Ziel war, dass das Fest als ein\ndeutsches Gesangfest ein Prüf- und Markstein werde, und\nerkennen lasse, wie hoch die Pflege des Liedes in allen\ndeutschen Gauen bis jetzt gestiegen und was sie gewirkt.\nZu diesem Ende mussten wir uns die thätige Theilnahme\nder grössten deutschen Meister des Liedes als Componisten\nund Auto-Directoren der uns von ihnen gelieferten Ton-\nwerke erwerben. Wir können nach dem Maasse der Kräfte\nunserer Stadt etwa 4000 Sänger bewirthen; wir können\naber keinem Vereine die Theilnahme (wenigstens in Form\neines vollständigen mitsingenden Quartetts als Fahnen-De-\nputation muss jeder sich anmeldende Verein vertreten wer-\nden dürfen) am Feste versagen. Wir müssen eine Halle mit\neinem Podium für wenigstens 4000 Sänger und den nö-\nthigen Raum für die Musiker, dann für eine Zahl von\n11,000 Zuhörern bauen. Die Kosten werden sich auf etwa\n60,000 Gulden rhein. (35,000 Thlr.) belaufen. Vier Bür-\nger zeichneten sofort zusammen 20,000 Fl. So wurden\ndenn auch die übrigen Mittel auf das rascheste beschafft.\nEinladungen an die Componisten wurden erlassen; sie\nfanden überall einen liebevollen, ermunternden Wiederhall.\nSe. Hoheit der Herzog Ernst von Coburg, General-Musik-\nDirector Lachner in München, dessen Bruder, Capellmeister\nLachner in Mannheim, Otto in Dresden, Hiller in Köln,\nAbt und der greise Methfessel in Braunschweig, dessen liebe\nBriefe in rührender Weise seine Begeisterung für die herr-\nliche Sache, das Lied und das Vaterland, athmen, Tschirch\nin Gera, Neeb in Frankfurt, Kalliwoda in Donaueschingen,\nBecker in Würzburg, Möhring in Neuruppin, Kücken in\nStuttgart, Storch in Wien—Alle versprachen Lieder, die\nmeisten sagten sofort auch ihre Mitwirkung am Feste selbst\nzu. Bis heute sind auch bereits zwölf Compositionen, die für\ngrosse Massen berechnet sind und von tiefem musicalischem\nWerthe und hoher Auffassung der gewählten poetischen\noder biblischen Stoffe zeugen, eingelaufen; sie werden eiligst\ngedruckt und an die Festgäste zur Einübung versandt. Bis\nheute sind Zusagen der Theilnahme von 172 Gesellschaften\neingetroffen, und die Zahl der bereits namentlich angemel-\ndeten Sängergäste ist auf 3602 gestiegen. Noch sind aber\nviele Liedertafeln, die starke Contingente stellen, mit ihren\nNamensverzeichnissen im Hockstände, und da die nürnber-\nger Vereine allein über 300 Sänger stellen, so ist voraus-\nzusehen, dass die Zahl eines Chors von 4000 Stimmen weit\nüberschritten werden wird. Dankbar gedenken wir der be-\nsonnenen Freunde der guten Sache, welche schon in der\nAnlage ein Maass feststellten,durch das die räumliche Mög-\nlichkeit und die Ausführung als Gesangfest dem Feste ge-\nwahrt wurde. Schon erhebt sich das der\nmächtigen, 1 x/iMorgen deckenden Halle auf dem grossen\n„ Maxfelde\" , einer weiten anmuthigen Anlage, nördlich von,\naber ganz nahe an Nürnberg. Uralte Castanien und Linden\nbeschatten sie und den schönen, grossen Festplatz. Sie blü-\nhen lieblich, wie ein Symbol unserer Hoffnungen, unserer\nWünsche. Möge des Friedens holde Sonne auch dem Feste\nlieblich strahlen!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-06-29-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-06-29_01#c005", "volume": "bmtnabi_1861-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "207", "page_fin": "208", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.2.5", "titre_corps": "„Das alles war schon einmal da!“", "titre_sommaire": "„Das alles war schon einmal da!“", "signature_source": "S. Fhr. v. 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Jene erregen die Empfindungen,\ndiese verstärkt, bestimmt sie, und zieht die Seele mit einer\nbezaubernden Kralt an sich, die, je nachdem unsere Ein-\nbildung durch sie beschäftigt wird, immer mehr zunimmt.\nWie viel Eindruck eine solche auf irgend einen Gegen-\nstand in der Natur anspielende Musik mache, erhellt aus\nden Opern, pantomimischen Ballels und einigen anderen\nwenigen Stücken, wo die Componisten dieser Kegel ge-\nmeiniglich folgen.\nHaydn, Dillers, Philidor und noch mehrere, die\nich Kürze wegen übergehe, haben uns Symphonieen und\nganze Partieen geliefert, worin sie die Bedeutung und den\nHauptzweck ihrer Arbeit bestimmt haben, und wie vor-\nzüglich gefallen sie nicht vor allen anderen, die das Ohr\nnur mit einem harmonischen Geräusch**) erfüllen,\ndas zwar die Sinne betäubt, aber uns selten ans Herz\ngreift! Ein Stück ohne Charakter, ohne Endzweck, wenn\nes auch bloss für Instrumente geschrieben ist, kann nie\nein vollkommenes Product sein, weil der Setzer nie weiss,\nwas er singen soll. Ich will zwar zugeben, dass er hier und\nda Melodieen und meistens dadurch auf solche Stellen an-\nspielen könne, die ihm von ehemals gehörten Arien, Lie-\ndern oder irgend einem ausdrückenden Gesänge, ohne dass\ner es gemerkt hat, geblieben sind; allein wie verhält sich\n\n*) Nämlich im Mercufu vom Jahre 177 C. Also\nschon vor beinahe hundert Jahren gab es Leute, welche bei\nder Musik Gegenstände und Ueberschriften verlangten.\n**) Vgl. R. Wagner'B »Brief an einen Freund3."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2084, "texte": "dieses Stückwerk zum Ganzen? Was kann der Zuhörer\ndabei empfinden? oder vielmehr, wie will der Setzer ihn\nzwingen, das Nämliche zu fühlen, was er haben möchte,\ndass er fühlen soll?\nJa, höre ich Viele sagen, das mag wohl sein; aber\noibt es denn nicht auch viele Stücke, die eben keinen\no\nHaupt-Charakter haben und doch unendlich gefallen?\nBeinahe alle Concerte, Soli, Symphonieen u.dgl. sind ohne\nEndzweck bearbeitet und bezaubern doch, wenn sie gut\nvorgetragen werden.—Wahr, sehr wahr; und ich schliesse\nmich auch nie von der Zahl der Hörenden aus, wenn\nLetzteres Statt hat; allein folgt denn hieraus, dass alle\ndiese Stücke nicht noch besser gefallen würden, wenn man\nsie nach obiger Richtschnur behandelte? und würde das\nVergnügen, das sie vielleicht jetzt nur auf unsere Sinne\nverbreiten, nicht im anderen Falle weit mehr auf das Herz\nwirken? Wer sich im Voraus von dieser Wahrheit über-\nzeugen will, prüfe sich genau bei Anhörung einer Instru-\nmental-Alusik, bei der er sich weiter nichts denkt. Selten\nwird ihn eine Stelle rühren, es sei denn, dass sie mit sei-\nnen Lieblings-Empfindungen oder der eben zufälligen und\naugenblicklichen Lage seiner Seele etwas gemein habe;\nweicht aber die Folge des Stückes von der Reihe oder\nden Stufen dieser Empfindungen ab, so fällt die Seele wie-\nder in den fühllosesten Zustand zurück, und wird nur als-\ndann wieder angezogen, wenn etwa eine ähnliche Stelle\nsie von Neuem aufruft. Was kann also der Componist bei\neinem solchen Stücke von Kennern und in ihrer Erwar-\ntung betrogenen Zuhörern wohl für einen Lobspruch er-\nwarten, als höchstens den, dass sein Stück schöne Stellen\nhabe, und dass solche, man wisse nicht, warum, aufge-\nfallen seien ?\n*. jj • WS* \\ f\nDiese verschiedenen Betrachtungen, unter einen Augen-\npunkt zusammengezogen, werden uns nun freilich beleh-\nren müssen, dass das Theater der einzige Sitz der wahren\nund rührenden Tonkunst nicht allein bisher gewesen sei,\nsondern auch noch so lange sein werde, bis die Instru-\nmental-Musik zu dem oben bestimmten möglichen Grade\nihrer Vollkommenheit gelangen wird.\n\nS. Fhr. v. 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Lux vom Vereine\nfür Kirchenmusik in Verbindung mit anderen Gesangeskräften\nder Stadt Haydn's y Jahreszeiten * aufgeführt. Fräulein Barth vom\nHoftheater in Wiesbaden sang die Partie der Hanne, und die beiden\nauch am Niederrheine als Oratoriensänger gefeierten Herren Schnei-\nder aus Wiesbaden und Hill aus Frankfurt die Partieen des Lucas\nund Simon. Das Werk war, was man namentlich in den fugirten\nSätzen wahrnehmen konnte, mit grosser Sorgfalt einstudirt, und er-\nregte die in allen Theilen gelungene Aufführung vor dem trotz der\ndrückenden Hitze zahlreich versammelten Publicum enthusiastischen\n«\nBeifall. Der Clior zählte ungefähr 130 Stimmen, die man nach dem\nerzielten Effecte auch als klingende bezeichnen konnte, und durch\nVerstärkung des Streich-Quartetts mit Wiesbadener Kräften fand an-\nnähernd wenigstens das richtige Yerhältniss zwischen Streich- und\nBlas-Instrumenten Statt. Für die Veranstaltung dieses Concertes ver-\ndient der Vorstand des Vereins alles Lob, weil es im Theater Statt\nfand und also einem Publicum für alle Plätze die hier seltene Ge-\nlegenheit bot, ein Oratorium zu hören.\nUeber die mit einer hier nie gesehenen Decorationspracht in Scene\ngesetzte und stets bei ausverkauftem Hause gegebene Oper „Faust\"\nvon Gounod kann auch ich Ihnen bestätigen, dass sie alle Vorzüge\nund Mängel der französischen Musik aufzuweisen hat, nämlich einer-\nseits Leichtigkeit in der dramatischen Behandlung und pikante 111-\nstrumentirung, andererseits aber homophone und unisone Behandlung\nder Chöre, so wie Mangel an Durchführung der oft anregend auf-\ntretenden Motive Sie trägt also keineswegs einen deutschen Cha-\nrakter, wie zur Zeit in hiesigen Blättern behauptet wurde. Herr\nMarpurg wird nun für die nächste Saison seine ganze Kraft der\nOper widmen können; seine Stelle als Dirigent der Liedertafel wird\nin einigen Tagen schon Herr Kühl aus Frankfurt antreten, und kann\nman der Liedertafel zu dieser Acquisition jedenfalls Glück wünschen.\nSchliesslich noch die Mittheilung, dass Herr Lux eine Kunst-\nreise nach Belgien und England angetreten hat, um dort Orgel-Con-\ncerte zu geben.\nAus Stettin ist uns ein Artikel der „Neuen Stettiner Zeitung,,\nNr. 275 zur Ergänzung der Correspondenz in unserer Nr. 22 einge-\nsandt worden, dem wir entnehmen, dass die gedachte Zeitung dem\nKirchen-Concerte für den Gustav-Adolf-Verein in ihren Num-\nmern 154, 157 und 166 drei vorbereitende und empfehlende Artikel\ngewidmet hat. Alles Uebrige (von beiden Seiten uns zugegangene)\nkann weder die Sache der Kunst noch das grössere Publicum in-\nteressiren.\nNach Wien. Die „Deutsche Musik-Zeitunga enthält in ihrer\nNr 25 eine derbe Replik des Herrn Karl van Bruyck an einen\nHerrn Ed. Kulke, der in der leipziger rNeuen Zeitschrift* die wiener\n*\nKritik der Herren Hanslick, Speidel, Bagge, van Bruyck hofmeistert.\n(Die des Herrn L. A. Zellner wird ihm wohl recht sein!) Wir ma-\nchen daraus und auch aus sonstigen Mittheilungen die Erfahrung,\ndass unsere ehrenwerthen Collegen von der Deutsehen Musik-Zeitung\nnoch viel zu jugendlich und heissblutig sind, sonst würden sie nicht\njedem Hahn, der, oft noch mit der Eierschale auf dem Kopfe, für\nseinen Hühnerhof gegen sie ankräht, den Gefallen thun, ihm zu be-\nzeugen, dass sie ihn gehört hätten. Haben sie doch in ihrer näch-\nsten Nähe ein Blatt (oder rßlätter\", wie es sich nennt), dessen feile\nLobhudeleien nach der einen, un i dessen gemeine Ausfälle nach der\nanderen Seite hin sie an den Stil dieser Handlanger beim Tempelbau\nder Zukunft gewöhnen müssten Solche Wesen zu „versengen mit\nheiliger Lohe\", lohnt wahrlich nicht der Mühe; es bedarf nicht des\n„dreimal glühenden Lichtes\" eines edlen Zornes, um in ihnen »des\nPudels Kern\" zu zeigen, den ja doch ein Jeder kennt."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nEine Stimme aus Belgien über Beethoveu's Messe in D-dur. Von L. B. Musicalische Reise-Erinnerungen (Berlin: Bach's\nH-moll-Messe Leipzig: Tsehirch's Oper „Meister Martin-1, Flotow's „Martha-, Violinist Isidoi Lotto, der Thomauer-Chor Dresden:\n„Rienzi\" Herrnhuth: VVauer's Oratorium „Die Märtyrer-*). Von P. T. Für Männergesang-Vereine. - „Das alles war schon einmal\nda!1' Von S. Fhr. v. S. Tages- un d Un ter hal tun gs b 1 att (Mainz, Haydn's Jahreszeiten Stettin, Berichtigung Näch Wien).\n\nEine Stimme aus Belgien über Beethoven’s Messe\nin D-dur.\n\nDie Indepeiidance Beige brachte (Nr. 154) einen Be-\nricht über das diesjährige Musikfest in Aachen, in welchem\nein Urtheil über Beethoven's grosse Messe in die\nbekanntlich am ersten Festtage aufgeführt wurde, enthal-\nten ist, das uns um so mehr auffällt, als es von einem\ngebildeten Musiker und Schriftsteller herrührt, der unter\ndem väterlichen Einllusse des angesehensten und berühm-\ntesten Musikgelehrten von Belgien steht. Da heisst es z. B.:\n* Die Kritik muss es wagen, grossen Männern die\nWahrheit zu sagen. Bedeckt der grosse Name auch die\nSchwächen des Menschen, des Künstlers? u. s. w. Dieses\nGlaubensbekeniitniss zu Anfang unseres Berichtes über\nBeethoven's Messe in D kündet an, dass dieses Werk den\nEindruck auf uns nicht gemacht hat, den viele Personen\nbei jedweder Offenbarung des Genie's seines Schöpfers\nempfinden zu müssen glauben. [!]\n„Beethoven hat bei der Composition dieser Messe die\nBestimmung eines solchen Werkes gänzlich aus den Augen\ngesetzt. Seine fanatischen [!] Bewunderer werden sagen,\ndass ein so grosser Künstler nicht an dergleichen Conve-\nnienzen gebunden ist. Sie haben Unrecht. Der\nComponist einer Messe muss vor Allem zwei Dinge fest-\nhalten: erstens dass seine Musik einen Charakter habe, der\nmit den religiösen Ideen in Verbindung stehe; zweitens\ndass sie binnen derjenigen Zeit ausgeführt werden könne,\nwelche auf die Feier des Gottesdienstes verwandt wird.\nBeethoven hat sich um Keines von Beiden bekümmert, er\nhat keine der Bedingungen der Kunstgattung, die er be-\nhandeln wollte, erlüllt, was jedoch die Fanatiker nicht\nhindert, auszuschreien (crier!),dass er ein Meisterwerk\ngeliefert.\n„Es gibt allerdings in der Messe Stellen von einer\nKühnheit, Kraft und Gewalt der Wirkung, die kein An-\nderer als Beethoven geschrieben haben würde; der Stem-\npel des Genie's ist darin, wie in allem, was er gemacht\nhat, sichtbar. Was man aber nicht darin findet, ist Aus-\ndruck des religiösen Gefühls [!], directe Beziehung der\nMusik auf die Worte, irgend etwas, das einem Gebete\ngliche.\n„Beethoven hat in seiner Messe die Fugen auf einan-\nder gehäuft, in jedem Satze [??] sind Fugen, und zwar\nsolche, die gar kein Ende nehmen, ohne in Anschlag zu\nbringen, dass sie unklar und die Theile mehr in einander\ngeschachtelt als geistvoll combinirt sind. Man hat unserer\nMeinung nach die Fuge irrthümlich als zum Kirchenstil\ngehörig betrachtet. Rousseau hat gesagt, eine schöne Fuge\nsei das undankbare Meisterstück eines Theoretikers; allein\ndas ist zu viel gesagt, denn gewisse Fugen von Palestrina,\nHändel und Bach, und unter den Neueren von Cherubini,\nsind nicht undankbare Meisterwerke [wahrhaftig?]; aber\ntrotz alledem bleibt es wahr, dass die Fuge eine wissen-\nschaftliche Grübelei ist, und wenn die Wissenschaft über-\nhaupt vermeiden soll, sich mit Affectation zu zeigen, so ist\ndas vor Allem in der religiösen Musik nothwendig. Der\nComponist, der sich abarbeitet, um als geschickt zu glän-\nzen, der sein gelehrtes Wissen auskramt, um sich persön-\nlich bewundern zu lassen, wenn er eine Messe schreibt [ül\nbegeht eine grosse Ungebühr. Die menschliche Eitelkeit\nist in der Kirche weniger an ihrer Stelle, als sonst über-\nall. Es ist freilich dem Kirchen-Componisten nicht unter-\nsagt, gelehrt zu sein [es sollte aber von ästhetischer Policei\nwegen einem musicalischen Kritiker untersagt sein, So un-\ngelehrt und unwissend über Musik-Gelehrsamkeit und mu-\nsicalisches Wissen zu schreiben!],—allein er muss gelehrt\nsein, ohne es sein zu wollen, und darf nicht seine Persön-\nlichkeit mit Affectation voranstellen. [!!] Der grösste Theii\nder Fugen in Beethoven's Messe ist überflüssig, und wenn\nman sie wegliesse, so würde man die Partitur\num die gute Hälfte verkürzen. [Bravo! dann wäre"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.2", "texte": "ja die Eine Haupthedingung, dass das Werk nach der Uhr\nund Elle gemessen sein müsse, auf die einfachste Weise\nerfüllt! Wir haben in Opern-Partituren bei kleineren\nTheatern schon arge Striche gesehen, aber ein so kolossa-\nler Schneider wie Herr X X. ist uns noch nicht vorge-\nkommen. Doch er hat einen haltbaren Grund für sein\nunerhörtes Censur-Verfahren: er wirft die Hälfte der Par-\ntitur nur weg, um sie dem Gottesdienste anzumessen!]\n„Wir sagten so eben, dass sehr kräftige Stellen in\nder Messe in D wären. Diese Eigenschaft, welche nur\nrelativ ist, artet häufig in Fehlerhaftigkeit aus, denn sie\ngeht bis zum heftigen Lärm an Stellen, wo die ernste\nWürde mehr am Platze wäre. Lamennais hat irgendwo\ngesagt, dass Anstrengung nicht Kraft sei; Beethoven hat\ndiese grosse Wahrheit verkannt. [!]\n„Wir hatten die Reinheit und Schönheit der rheini-\nschen Chorstimmen stets gerühmt; wir müssen aber er-\nklären, dass die Soprane schauderhaft unrein sangen\n(cruettement faux). Es war das erste Mal, dass wir Gele-\ngenheit hatten, bei dem Chor des niederrheinischen Musik-\nfestes einen Mangel an Reinheit zu constatiren.\n|constater. Wodurch legitimirt sich denn Herr X X. zu\neinem constatirenden Richter? Durch das „Gesichterschnei-\nden eines neben ihm sitzenden Kenners\"!] Wir machen\ndamit den jungen Damen, die sich brav aufführten\ncomportaient bravement), keinen Vorwurf, sie sangen mit\nganzer Seele, aber ihr Eifer scheiterte an der physischen\nUnmöglichkeit. Die Singstimmen überschreiten in dieser\nMesse die natürliche Gränze, sie sind geradezu unausführ-\nbar, und wenn man sich über Eines wundern muss, so ist\nes darüber, dass die Soprane in Aachen nicht noch fal-\nscher gesungen haben.\"\nWie weit kann doch die Verblendung führen! Von\nseiner persönlichen Ansicht über den ungeschickten Beet-\nhoven befangen, hört Herr X X. sogar falsch, oder\nträgt wenigstens ein kleines Schwanken der höchsten Töne\ndes Soprans in der Probe auf die Aufführung über, bei\nwelcher es nicht Statt fand. Trotzdem, dass Herr X X.\nspäter die Ausführung der Chöre in Händel's Josua ganz\nausserordentlich lobt und erhebt, hat doch eine von den\nChor-Damen, die mitgewirkt haben, in gerechtem Zorne,\nden jedoch der Humor nicht aulLommen lässt, ihm in der\nAachener Zeitung (Nr. 106 und 167) durch ein „Of-\nfenes Schreiben einer Sopranistin\" recht hübsch\ngeantwortet.\nNachdem hierauf noch die gewöhnlichen Gemein-\nplätze derer, die am Ciavier componiren, über Beetho-\nven's Taubheit als den Sündenbock alles Fremdartigen\nin seinen letzten Werken wiederholt worden, bebst es\nnoch:\n„Viele Leute werden empört sein, dass wir so über\nBeethoven sprechen; wir glauben aber, dass man stets die\nWahrheit sagen muss. Was wir ausgesprochen, das\nhat der grösste Theil der Zuhörer gedacht, denn es ist\neine Thatsache, welche zu bestreiten wir die Fanatiker\nherausfordern, dass die Messe in D gar keinen Eindruck\ngemacht hat, und dass das Publicum dabei kalt wie Eis\ngeblieben ist.\" Ferner am Schlüsse des Artikels: „Arn\nersten Tage konnte man dem Publicum Kälte vorwerfen;\nder Beifall war selten und gleichsam nur eine Anerken-\nnung der Leistungen der Ausführenden. [Also doch Bei-\nfall,, trotz des „Eises\", und Anerkennung, trotz des „schau-\nderhaft Falschsingens\"!] Das bedeutet, dass alle Welt über\ndie Messe so dachte, wie wir, und wenn man auch nicht\nwagte, laut zu kritisiren, so nahm man sich doch die Frei-\nheit, sich im Stillen zu langweilen.\"\nDas Thatsächliche in diesen letzten Sätzen ist ganz\neinfach nicht der Wahrheit getreu. Die Wirkung der Auf-\nführung der Messe war für jeden, der das rheinische Pu-\nblicum kennt, im Ganzen eine sichtbar ergreifende, und\nder Eindruck ein von Staunen und Bewunderung gemisch-\nter. Auch ohne die Fäden des prachtvollen Tongewebes\ngenau erkennen und überall verfolgen zu können, fühlte\nsich die Menge über das Gewöhnliche emporgetragen. Und\ndas vorzüglich dadurch, dass sie gerade durch die Ueber-\neinstimmung der Musik mit den religiösen Ideen, welche\nHerr X X. Vermisst, bei so zahlreichen Stellen von einem\nehrfurchtsvollen Staunen und von jenem lielen Gel üble er-\nfüllt war, das bei guten Kirchen-Compositionen aus der\nMischung von gläubiger Empfindung mit sinniger Em-\npfänglichkeit für das Musicalisch-Schöne sich im Innern\ndes Menschen bildet, und keineswegs dazu treibt, sich in\nrauschendem Applaus zu documentiren.\nEs wird Niemand von uns verlangen, die übrigens kei-\nneswegs von ihm zueist vorgebrachten Naivetäten des bel-\ngischen Kritikers zu widerlegen. Wer von dem eigentlichen\nWesen der Fuge in der Kirchenmusik so gar keinen Be-\ngriff hat, wer nie eine Ahnung von ihrer tieleren Bedeu-\ntung als Ausdruck des begeisterten Aufschwungs der Volks-\nstimmen der Gemeinde, als Zusammenströmen der indivi-\nduellen Gefühle in die vollendete Form der Einheit gehabt\nhat, wessen Ignoranz in Beziehung aul Beethoven's Künst-\nlernatur und seinen schaffenden Genius so weit geht, dass\ner ihm zutraut, er habe die Hälfte eines Werkes hindurch\nnur seine pe rsön 1 i che Eitelkeit als Musiker zeigen wol-\nlen, was Beethoven nicht einmal bei einem einzigen Tacte\neingefallen ist, den wird die gediegenste Analyse der Schön-\nheiten der Beelhoven'schen Messe nicht bekehren.\nNur den Ton aber, in dem Herr XX. über Beethoven\nund diejenigen spricht, welche die Messe für ein grosses"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.3", "texte": "und erhabenes W7erk halten, wenn es auch nicht nach der\nKirchenuhr abgemessen ist, müssen wir ernstlich rügen,\nweil wir ihn bei einer solchen Frage für unwürdig und\nfür sehr anmaassend halten. Wäre es nicht besser gewe-\nsen, wenn Herr X X., ehe er die aufrichtigen Bewunde-\nrer Beethoven's „Fanatiker\" nannte, sich einem solchen\nHeros gegenüber gefragt hätte, ob es nicht vielleicht ihm\nselbst an einigen Bedingungen fehle, jene Bewunderung,\ndie er Fanatismus nennt, zu theilen? Er entschuldigt sich\nstets damit, dass man einem grossen Manne die Wahr-\nheit sagen müsse, und thut sich etwas darauf zu Gut, dass\ner das eethan. Aber wo ist denn seine Legitimation, seine\nBerechtigung dazu? Doch nicht in seinen Trivialitäten über\ndie Fuge, oder in seiner Entdeckung über Beethoven's\nSchaffen aus persönlicher Eitelkeit? Womit wird denn\nbewiesen, dass die gerühmte „Wahrheit\" etwas Anderes\nsei, als eine Wahrheit nach der Schablone des Herrn X X.?\nWenn er sich auch selbst für einen so tiefen Geistes-\nschauer hält, dass er einem ganzen Publicum sein eigenes\nUrtheil angesehen hat, so können wir doch aus seinem\nAufsatze nicht das geringste Vertrauen in seine Unfehlbar-\nkeit schöpfen, da wir darin nicht einen einzigen durch mu-\nsicalisches oder ästhetisches Wissen begründeten Gedan-\nken finden können. Der nackte Ausspruch, die Musik der\nMesse stehe nicht im richtigen Ausdrucks-Verhältnisse zu\n„religiösen Ideen\" (in seinem Sinne hätte X X. wenig-\nstens „kirchliche Dogmen und deren traditionelle Behand-\nJungsweise\" sagen sollen), ist freilich sehr wohlfeil; aber\nwir verlangen durch tiefe Studien theuer erkaufte Beweise\ndafür; und dass sie „zu lang\" sei, ist doch ein gar zu\npossierlicher Grund gegen ihren inneren Werth, noch pos-\nsierlicher freilich der Vorschlag, sie durch Weglassung\naller lügirlen Sätze für den Hausgebrauch zuzuschneiden.\nWas sagt denn Herr X X. zu J. S. Bach's e,\nwenn er nämlich von dieser vielleicht einmal hat sprechen\nhören, und zu Cherubini's grosser Krönungs-Messe, die er\nvielleicht wirklich einmal gehört hat? Da wird's auch viel\nzu streichen geben, wenn diese einmal in Brüssel aufge-\nführt werden sollten!\nDie Frage über das Mein und Dein, die im bürger-\nlichen Leben eine so grosse Rolle spielt, findet als: „Liegt\nes an mir, oder an dir\", bei der Würdigung eines Kunst-\nwerkes eben so gut ihre Anwendung. Wir meinen, einem\nGenie wie Beethoven gegenüber, das über hundert und\nzwanzig unangefochtene Documente seiner Macht aufzu-\nweisen hat, und vor dessen unerreichbarer Grösse sich\nheutzutage alle Musiker beugen, geziemte einem Kritiker\ndoch ein klein wenig mehr Misstrauen in seine eigene Be-\nfähigung, denn es wäre doch möglich, dass ihm der Him-\nmel die Pässe für jene Regionen, welche Beethoven's Hei-\nmat sind, durch ungünstige Constellation bei seiner Geburt\nganz und gar versagt hätte. Und sich diese Gunst durch\nernste Studien und andauernde Vertiefung in den fremden\nGeist zu erarbeiten, dazu hat ein Franzose bei aller Lie-\nbenswürdigkeit und universellen Conversationsbildung keine\nLust und keine Zeit.\n\nL. B.\n\nMusicalische Reise-Erinnerungen.\n\n[Berlin: Bach's Messe in H-moll im Stern'schen Verein. Leipzig:\nW. Tschireh's Oper «Meister Martin®. Flotow's „Martha'4.\nViolinist Isidor Lotto. Der Thomaner-Chor.— Dresden: rßienzia:\nHerrnhuth: W. Wauer: »Die Märtyrer\", Oratorium.]\nIn den wenigen Tagen, die mir für meine Reise zu-\ngemessen waren, hat es mir nicht an musicalischen Genüs-\nsen gefehlt, so dass ich mich sogar als einen vom Glück\nBegünstigten ansehen konnte, wenn man nicht ausser Acht\nlässt, dass die Winter-Saison in den von mir berührten\nStädten doch bereits zu Ende ging. Der Schnellzug führte\nmich am 24. April im raschen Fluge nach Berlin, wo\nfür den Abend zu meiner grossen Freude vom Stern'-\nschen Gesang-Vereine die Aufführung der Sebastian\nBach'schen hohen Messe in H-nioll in dem Concert-\nsaale der Sing-Akademie angekündigt war. Dorthin rich-\ntete ich denn auch ohne Verzug meine Schritte; konnte\nich mir doch auch von dem achtungswerthen Vereine, der\nschon seit einer Reihe von Jahren durch Aufführung vie-\nler classischen Tonwerke sich nicht geringe Verdienste um\ndie Tonkunst erworben hat, einen besonders dankenswer-\nten Genuss versprechen. Ich sah mich hierin auch nicht\ngetäuscht. Der von der Licbig'schen Capelle unterstützte,\nvon Herrn Director Stern wohlgeschulte und sicher ge-\nleitete Gesang-Verein lös'te vor seiner zahlreichen Zuhö-\nrerschaft seine bekanntlich überaus schwierige Aufgabe in\neiner Weise, wie sie wohl nur selten gelös't worden ist.\nDer alte Meister Sebastian, der, sagt man, dieses sein\ngrösstes Werk niemals selbst gehört haben soll, würde\nseine Freude daran gehabt haben, wenn er den Zauber-\nklängen seiner wunderbaren Schöpfung hätte lauschen\nkönnen. Ueberall in den polyphonen Tonbaulen seiner\nChöre und nicht minder in den Soli, die man den tüch-\ntigsten Kräften der Residenz anvertraut halte, war das\nsorgsamste Studium deutlich zu erkennen, und zu der\näusseren technischen Bewältigung gesellte sich nicht selten\nein tieferes Erfassen und Eingehen in die nicht immer\nnaheliegenden Intentionen des tiefsinnigen Tonwerkes, wie\nes eben nur einem Vereine möglich ist, der mit der aner-\nkennenswerthesten Energie die höchsten Ziele zu erstreben\nsucht. Ich will mir selbst den Nachgenuss nicht trüben\ndurch kleinliche Ausstellungen, die sich auch bei der ge-\n\nH"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.4", "texte": "lungensten Aufführung immer noch machen lassen; nur\ndas möchte ich erwähnen, tlass der iMangel der Orgel\ndurch nichts zu ersetzen sein dürfte. Das aber wurde mir\nheute von Neuem klar, wie von einem Verständnisse Se-\nbastian Bach's bei denen nicht im Entferntesten die Rede\nsein kann, die in Bach nur den kalten Rechenmeister sehen,\nder wohl seine Fugen-Exempel wie kein Anderer zu ma-\nchen im Stande gewesen, dessen Schule aber vollständig\nverläugnet werden müsse, wenn man endlich einmal die\nbei solcher Musik „unvermeidliche Langeweile\" bannen\nwolle. Kenner der neuesten Musik-Literatur werden wis-\nsen, dass es in den letzten Jahren nicht an Stimmen, die\nsich in solcher Weise ausgesprochen haben, gefehlt hat.\nZur Beseitigung jener Vorurtheile werden übrigens die in\nunseren Tagen immer häufiger werdenden Aufführungen\nBach'scher Werke, die vor drei bis vier Jahrzehenden\nnoch ziemlich vereinzelt da standen, ohne Zweifel daslh rige\nbeitragen. Möge der Stern'sche Verein auch ferner nicht\nermüden, an derartige Aufgaben sich zu machen; Künst-\nler und Dilettanten, die in der Musikkunst Erhebung für\nGeist und Merz suchen, werden es ihm sicherlich Dank\nwissen; wird doch dadurch gerade am erfolgreichsten der\nimmer mehr überhand nehmenden Verllachung entgegen-\ngearbeitet.\nMit diesen Gedanken verliess ich eine Kunststätte\nden Saal der Sing-Akademie—am Abende des Busstages,\nin hohem Maasse befriedigt, dass mir heute hier ein so\nhoher Genuss zu Theil geworden war. Am Morgen des\n25. April verliess ich Berlin, um nun in raschem Fluge\nnach Leipzig zu eilen. Zunächst zog mich die Aufführung\nder von Wilhelm Tschirch componirten Oper: „Mei-\nster Martin und seine Gesellen\", dorthin. Die Di-\nrection des leipziger Stadttheaters hat es sich \\on je her\nzur Pflicht gemacht, es alljährlich mit neuen Opern zu\nversuchen; sie hat im April dieses Jahres kurz hinter ein-\nander zwei neue Opern gebracht, eine von Sch liebner:\n„Der Gral von San laxem\", und bald nachher die ge-\nnannte Tschirch'sehe. Der durch sein dramatisches Ton-\ngemälde „Eine Nacht auf dem Meere\" in den weitesten\nKreisen bekannt gewordene Componist, Willi. Tschirch\nin Gera, hat sich in dieser Oper das erste Mal mit einem\nBühnenwerke versucht. Moriz Horn, der Dichter der\n\\on Bob. Schumann compofiirten „Pilgerfahrt der Rose\",\nhat ihm in der Bearbeitung der bekannten IJofTmann'-\nschen Novelle „Meister Martin und seine Gesellen\" ein\nOpernbuch geschrieben, in welchem das lyrische Element\nfast zu sehr das Uebergewicht über das dramatische ge-\nwinnt, wesshalb auch die vieractige Oper das Prädicat\neiner lyrisch-romantischen mehr denn andere in An-\nspruch nimmt. Von diesem Gesichtspunkte aus muss sie\nvorzugsweise beurtheilt werden, wenn dem Componisten\nnicht Unrecht geschehen soll. Ich maasse mir nicht an, ein\nentscheidendes Urlheil über das neue Bühnenwerk zu fäl-\nlen, und erwähne nur, dass sich nicht bloss die vom Or-\nchester vorzüglich ausgeführte Ouvertüre, sondern auch\ndas ganze Werk einer sehr beifälligen Aufnahme Seitens\ndes Publicums erfreute. Zudem hat sich auch die leipziger\nKritik überwiegend in so günstiger Weise über das\nneue Musikwerk geäussert, dass demselben wohl ein\ngünstiges Prognostiken gestellt werden kann. Leider ist\ndie Theater-Direction genöthigt gewesen, das Werk vor-\nläufig wieder zurückzustellen, da das Auftreten der enga-\ngirten italiänischen Operngesellschaft die beabsichtigten\nWiederholungen unmöglich machte. Zur richtigen Wür-\ndigung kritischer Bemerkungen, die von einer Seite her\ndem Componisten den Vorwurf machen, dass er den Er-\nrungenschaften der Neuzeit nicht genugsam Rechnung ge-\ntragen habe, diene hier nur die Bemerkung, dass sich der\nComponist aller unnöthigen Eff'ectmittel enthalten hat, die\nauch in der Thal für den vorliegenden Stoff durchaus\nnicht am Orte gewesen wären. Was die Aufführung des\nWerkes selbst anlangt, so war sie nach allen Seiten hin\neine gelungene. Die brave Theater-Capelle wirkte im Ver-\neine mit den Trägern der Haupt-Partieen und den Chören\nin einer so präcisen Weise zusammen, dass der reichlich\ngespendete Beifall als ein wohlverdienter erschien und der\nComponist sich in jeder Weise befriedigt sehen konnte.\nDie Herren Young (Friedrich), Bernard (Reinhold) und\nFräulein v. Ehrenberg (Rosa) gefielen sich sichtlich in\nihren Partieen, nicht minder Herr Bertram (Meister Mar-\nlin) und Herr Wallenreiter (Paumgärtner); sie gaben\nsämmtlich ihre Rollen mit Liebe und Verständniss. Ein\nGleiches liess sich auch von Frau Bachmann (Martha)\nund Herrn Gitt (Konrad) sagen. Der Componist wurde\nmit den Haupt-Darstellern wiederholt gerufen. Die Oper\nmacht übrigens keine besonderen Schwierigkeiten in der\nBesetzung. Ein hoher Sopran und eine Mezzo-Sopran-Sou-\nbrette, zwei Tenoristen und zwei Bassisten—und die Par-\ntieen sind vertheilt.\nAn einem der folgenden Abende sah ich von Flo-\ntow's Oper „Martha\" vor fast leerem Hause, die übri-\ngens recht gut gegeben wurde. Was man auch dagegen\nsagen mag, sie entwickelt viel dramatisches Leben -und\neinen Reichthum von Melodieen, wie er in diesem Genre\nnur wenigen Componisten der Gegenwart zu Gebote steht.\nAm nächsten Abende liess sich im Theater ein junger\nViolin-Virtuose hören, der bei seinen eminenten Leistun-\ngen den lebhaftesten Beifall ärntete. Der achtzehnjährige\nIsidor Lotto aus Warschau, in Paris auf dem Conser-\nvatorium gebildet, beginnt eben erst sein öffentliches Auf-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.5", "texte": "treten, aber der Hörer hat in ihm schon einen vollendeten\nMeister vor sich. Die grössten Schwierigkeiten überwindet\nder junge Virtuose mit einer Leichtigkeit, wie dies nur\nMeister ersten Banges im Stande sind. Die rapidesten\nPassagen spielt er mit einer Klarheit und Reinheit, dass\nauch nicht der leiseste Misston jemals zu hören ist. Elegan-\nter und graziöser kann die Violine nicht behandelt werden.\nVermisste man auch namentlich in den Gesangstellen jene\nausgiebige Tonfülle, die den so genannten grossen Ton\ncharakterisirt, eben so wie jenes tief Seelische, wie man\nes sonst wohl bei Meistern ersten Ranges findet, so blei-\nben dessen ungeachtet die Leistungen des Herrn Lotto im-\nmerhin von der hervorragendsten Art. Ausser dem sieben-\nten Concerte von Beriot, der Teufels-Sonate von Tartini\nund dem Carneval von Venedig war es besonders ein von\nihm selbst componirler Concert-Walzer, mit welchem\ner den rauschendsten Applaus ärntete. Es ist nicht zu\nzweifeln, dass, wenn Herr Lotto seine Kunstreisen nach\nden Hauptpunkten der civilisirten Welt fortsetzt, er in\nKurzem einen europäischen Ruf sich erworben haben wird.\nDa ich übrigens den Sonnabend noch in Leipzig ver-\nweilte, so fand ich auch noch Gelegenheit, den Thoma-\nner-Chor zu hören, der wohl immer noch unter den\nSingchören der gelehrten Schulen den ersten Platz ein-\nnimmt. Die seit langen Jahren bestehende Einrichtung,\nnach welcher dieser Chor allsonnabendlich Nachmittags\nhalb zwei Uhr einige Chor-Gesangstücke in der Thomarier-\n%\nKirche vorträgt, hat viel Erbauliches. Die zahlreich ver-\nsammelte Zuhörerschaft folgte auch in der That den bei-\nden Motetten von Richter und Hauptmann mit vieler Auf-\nmerksamkeit. Eine grössere Kraft der Bassstimmen wäre\nwünschenswert!) gewesen. Das jugendliche Alter der Ober-\nschüler, die jetzt durchschnittlich weit eher, als dies früher\ngeschah, zur Universität abgehen, macht wohl diesen Man-\ngel erklärlich.\nIn Dresden wohnte ich im Hoftheater einer Auffüh-\n*\nrung von Richard Wagner's Oper „Rienzi\" bei. Die\ntreffliche Hofcapelle im Vereine mit dein nicht minder\ntrefflichen Gesang-Personale brachte die Oper zu einer\nnach allen Seiten hin befriedigenden Darstellung. Herrn\nO O\nTichatscheck's ausgiebiges Organ bewährt sich noch\nimmer, auch in der sehr anstrengenden Rolle des Rienzi.\nAuf meiner Rückreise machte ich noch in Herrri-\nhuth die Bekanntschaft eines jungen Componisten, des\nHerrn Wilhelm Wauer, der durch sein Oratorium\n„Die Märtyrer\" den Beweis geliefert hat, dass er in\nvollem Maasse berechtigt gewesen wäre, die Kunst zum\nLebensberufe zu wählen, wenn er es nicht vorgezogen\no O\nhätte, ihr nur seine Mussestunden zu widmen. Sein Ora-\ntorium, in welches mir der talentvolle junge Mann schon\nfrüher einen Einblick gestattet hatte, verdiente in weite-\nren Kreisen bekannt zu werden. Der Mendelssohn'schen\nSchule sich anschliessend, hat sich der Componist doch\neine Selbstständigkeit zu bewahren gewusst. die für seine\nProductivität ein rühmliches Zeugniss ablegt. Directoren\nvon Sing-Vereinen möchte ich auch hier auf dieses wackere\nWerk, das der Autor desselben gern zur Ansicht darreicht,\naufmerksam gemacht haben.\n\nP. T.\n\nFür Männergesang-Vereine.\nEs liegen uns die beiden ersten Nummern von zwei\nneuen Zeitbläitern für Männergesang auf einmal vor, und\nwir entsprechen gern den Wünschen der Herren Heraus-\ngeber, indem wir unsere Leser darauf aufmerksam machen.\n1. Deutsche Männergesangs-Zeitung. Heraus-\ngegeben vom märkischen Central-Sän gerbunde\nunter Redaction seines Directors Rudolf Tschirch. Ber-\nlin, bei E. Schotte & Comp. Jahrgang 11. Erscheint mo-\nnatlich. Preis von April bis December 22% Sgr. April-\nNummer ein halber Bogen in 4.\nUeber die Entstehung u. s. w. erfahren wir Folgendes\naus einem Artikel von Fl. Geyer in der Berliner Zeitung\n(Spener) vom 19. d. Mts.:\n„Der Gedanke, den Angelegenheiten des Männerge-\nsanges einen eigenen Heerd zu gründen, ist im Schoosse\ndes märkischen Central-Sängerbundes bereits seit längerer\nZeit gehegt, namentlich aber von dem Dirigenten dieses\n•aus über dreissig Filial-Sängerchören bestehenden Ver-\nbandes, Rudolf Tschirch, angeregt worden. Unter der\nRedaction desselben erschien vorläufig für ein Vierteljahr\nder Stoff im Selbstverlage. Alsbald jedoch durch die Zahl\nder Theilnehmer auf monatlich eine Nummer anwachsend,\nwurde diese erste „ „Deutsche Männergesangs Zeitung\"\"\n[Die Teutonia existirt ja schon seit Jahren. Wir wissen\nnicht, ob sie vielleicht eingegangen. Die Red.] einem Ver-\nleger von Fach, E. Schotte & Comp., in Commission\ngegeben, durch welchen die zwölf Nummern eines Jahr-\ngangs für 1 Thlr. (ohne Post-Erhöhung) zu beziehen sind.\nDen Inhalt bilden Leit-Artikel, Vereins-Nachrichten, Mit-\ntheilungen über Gesangfeste, Empfehlungen guter, brauch-\nbarer, neu erschienener Männergesänge, eine Art Feuille-\nton unter der Aufschrilt Füllhorn und endlich eine ge-\ndiegene Original-Composition für Männergesang von einem\nbewährten Componisten. Es liegen bis jetzt fünf Nummern\ndieses anspruchslosen und in treffend populärem Tone ge-\nschriebenen Blattes vor, das von einem durchaus anzuer-\nkennenden, seiner Sache liebevoll ergebenen Bestreben ge-\nleitet wird. Dass der Verfasser in Beziehung auf die Ver-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.6", "texte": "edlung des Volkes durch sittlichen Gesang auf die Vereine\neinwirken will, sie zu sich heraufziehend und sie abziehend\nvon allem seichten Treiben, dem diese Convente leicht ver-\nfallen, das beweis't der Aufsatz: „„Ueber die Wahl der\nLieder\"\". Eine andere kleine Abhandlung lässt sich über\ndie Nothwendigkeit der technischen Heran- und Vorbildung\nvernehmen; sie heisst: „ „Wie steht's um das Notenlesen?\"\"\nwobei der Verfasser hindeutet, dass in dieser Beziehung\ndie Schule weit mehr thun müsse, wenn sie in der wahr-\nlich nicht kurzen Frist der Schulpflichtigkeit von 8 —l4\nJahren für das Erlernen der musicalischen Zeichenschrift\nSorge zu tragen verpflichtet würde. Die bisher von der\nZeitung gebrachten Lieder sind durchaus correct und in-\nteressant.\"\nDer Aufsatz „über die Wahl der Lieder\" ist al-\nlerdings recht gut gemeint, aber curios ist die „schwär-\nmende\" Einleitung und namentlich folgende Stelle: „(Bei\neinem allgemeinen deutschen Gesangfeste) würden wir ein\nPostament errichten von der Höhe des Marien-Kirchthur-\nmes und einen deutschen Mann darauf stellen, dessen Schläfe\ndie Lorberkränze aller civilisirten Länder geschmückt ha-\nben— unseren Meyerbeer! Einen deutschen Eichen-\nstamm in der Hand, würde er dirigiren, und aus tausend\nund aber tausend Kehlen würde es frisch und froh ertönen,\ndass Vater Arndt im Himmel Bravo klatschen müsste: Das\nganze Deutschland soll es sein!\" —Wahrhaftig, allen Re-\nspect vor Meyerbeer, aber zu einem Repräsentanten\n„deutscher Kraft und Einigkeit im Gesänge\" könnte man\ndoch keinen ungeeigneteren 31ann im ganzen Reiche der\nTonkunst wählen, als ihn. Man wäre versucht, die obigen\nZeilen für einen berliner Witz zu nehmen, wenn man nicht\nleider die Erfahrung gemacht hätte, dass der einer Haupt-\nstadt so unwürdige, wahrhaft kleinstädtische Local-Patrio-\ntismus der Berliner, der mit dem Worte „unser\" überall\nin aussermärkischen deutschen Landen die Svmpathieen\nfür Preussen abstösst, solche Dinge wirklich in vollem\nErnst zu Tage brächte.\nEin Lied von R. Tschirch: „Der Zimmerg'seH\", in der\nApril-Nummer ist der Ueberschrift nach „gemüthlich\";\nwir würden aber Spielereien wie: „er zimmert ein gan-\ngan- zes zes Haus Haus zu- zusam- sam- sam- sammen\"\nund glüht für sie „in Flam- Flam- Flam- Flammen\", nicht\nals Probe gegeben haben.\n2. Die Sängerhalle. Deutsche Gesangvereins-\nZeitung lür das In- und Ausland. Begründet und\nherausgegeben von Müller von der Werra. Hedigirt\nunter Verantwortlichkeit von Moriz Schäfer. Verlag von\nErnst Schäfer in Leipzig. Erscheint wöchentlich in\neinem Bogen in 4. Preis vierteljährlich % Thlr.\nDie uns vorliegende Probenummer mit der Jahreszahl\n1861, aber ohne Tagesangabe, deutet wohl auf das Er-\nscheinen der neuen Zeitung vom 1. Juli an. Sie enthält das\nvom Herausgeber unterzeichnete Programm. Bei dem letz-\nten Gesangfeste in Coburg, wo auch das deutsche Sänger-\nfest in Nürnberg beschlossen wurde, entstand der Gedanke,\nzur Anbahnung eines allgemeinen deutschen Sän-\ngerbundes ein Zeitungs-Organ zu gründen. Dieser Bund\nsoll in Nürnberg zu Stande gebracht und die „Sängerhalle\"\ndessen Organ, Bureau und statistisches Journal werden.\nDer künftige Inhalt wird reichlich genug, ja, überreichlich\nangekündigt; versprochen werden auch „Bildnisse\" und\nholzschniltliche „Autographen\" (die Nummer enthält Sil-\ncher's Bildniss und dessen Nekrolog, aus der lllustrirten\nZeitung abgedruckt, dessen erstes Original, wenn wir nicht\nirren, im Schwäbischen Mercur zu lesen war), ferner „Mu-\nsterlieder\" („All-Deutschland\" von Müller v. d. W., mit\nder Bemerkung, dass dasselbe nicht componirt werden\ndürfe, da es Abt bereits für Nürnberg componirt habe!)\nund „Muster-Compositionen\" (dieses Mai Hymne von M.\nv. d. W., componirt von E. IL z.*S., „Lobpreiset den Hort\nder Lieder!\").\nWir wünschen dem Unternehmen alles Glück, nur\nmöge die Redaction bei dem Vielen, was das Blatt um-\nfassen soll, „sich nicht zerstreuen lassen\". Den Ausdrücken\n„M u ste r - Lieder\" und „Muster-Compositionen\" wird\nes wohl erlaubt sein die Bedeutung des Wortes Muster,\nwie sie in „Muster-Zeitung\" gilt, unterzulegen. Sollten\naber vollendete, als maassgebende Meisterstücke geltende\nErzeugnisse dar unter verstanden sein, so würde die litera-\nrische und musicalische Weit gegen das entscheidende Tri-\nbunal der Redaction wahrscheinlich Verwahrung einlegen,\nda dessen Competenz namentlich bei eigenen Leistungen,\nwie z. B. „All-Deutschland\", angezweifelt werden dürfte.\nDie Gesinnung macht noch keinen Dichter. Die Composi-\ntionen führen in der vorliegenden Nummer den allgemei-\nnen Titel: „Musicalischer Lorberkranz. I. Blatt\",\nder ebenfalls nicht an allzu grosser Bescheidenheit leidet.\nAuch den undeutschen Ausdrücken: Seclionen, Bureau,\nJournal, Novitäten (sogar als Ueberschrift!), Personalien\nu. s. w., begegnen wir ungern in einer Zeitung für das\ndeutsche Volk.\nAus einer Nachricht über das bevorstehende „Sän-\ngerfest in Nürnberg\" von Phil. Körber in Nürnberg\ntheilenwir folgende Angaben von allgemeinerem Belang mit :\nIm Vertrauen auf die edlen Gesinnungen der Bürger-\nschaft traten die Vorstände der vier grössten nürnberger\nLiedertafeln:Liederkranz,Singverein,Sängerlust und Union,\nzusammen. Mit einer Begeisterung, die nicht dankbar ge-\nnug gerühmt werden kann, erklärte sofort eine grosse An-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.7", "texte": "zahl von Bürgern, darunter viele, deren Namen auch weit-\nhin im grossen Vaterlande einen guten Klang haben, ihre\nTheilnahme und Hülfsbereitwilligkeit. Die Vorstände ent-\nwarfen ein Bittgesuch an die höchste Stelle, um die Er-\nlaubniss zur Abhaltung des Festes zu erwirken. [Sind denn\ndie Sängerfeste in Bai er n verboten?] Der Magistrat trat\nals Behörde der ersten Instanz eifrig fördernd ein und em-\npfahl der hohen Kegierung die Sache so warm, dass am\n8. Januar 1861 bereits die Genehmigung Sr. Maj. des\nKönigs zur Abhaltung des Festes in den Tagen vom\n20. bis 23. Juli in Nürnberg eintraf. Zunächst bildete\nsich nun das Comite, dessen Ziel war, dass das Fest als ein\ndeutsches Gesangfest ein Prüf- und Markstein werde, und\nerkennen lasse, wie hoch die Pflege des Liedes in allen\ndeutschen Gauen bis jetzt gestiegen und was sie gewirkt.\nZu diesem Ende mussten wir uns die thätige Theilnahme\nder grössten deutschen Meister des Liedes als Componisten\nund Auto-Directoren der uns von ihnen gelieferten Ton-\nwerke erwerben. Wir können nach dem Maasse der Kräfte\nunserer Stadt etwa 4000 Sänger bewirthen; wir können\naber keinem Vereine die Theilnahme (wenigstens in Form\neines vollständigen mitsingenden Quartetts als Fahnen-De-\nputation muss jeder sich anmeldende Verein vertreten wer-\nden dürfen) am Feste versagen. Wir müssen eine Halle mit\neinem Podium für wenigstens 4000 Sänger und den nö-\nthigen Raum für die Musiker, dann für eine Zahl von\n11,000 Zuhörern bauen. Die Kosten werden sich auf etwa\n60,000 Gulden rhein. (35,000 Thlr.) belaufen. Vier Bür-\nger zeichneten sofort zusammen 20,000 Fl. So wurden\ndenn auch die übrigen Mittel auf das rascheste beschafft.\nEinladungen an die Componisten wurden erlassen; sie\nfanden überall einen liebevollen, ermunternden Wiederhall.\nSe. Hoheit der Herzog Ernst von Coburg, General-Musik-\nDirector Lachner in München, dessen Bruder, Capellmeister\nLachner in Mannheim, Otto in Dresden, Hiller in Köln,\nAbt und der greise Methfessel in Braunschweig, dessen liebe\nBriefe in rührender Weise seine Begeisterung für die herr-\nliche Sache, das Lied und das Vaterland, athmen, Tschirch\nin Gera, Neeb in Frankfurt, Kalliwoda in Donaueschingen,\nBecker in Würzburg, Möhring in Neuruppin, Kücken in\nStuttgart, Storch in Wien—Alle versprachen Lieder, die\nmeisten sagten sofort auch ihre Mitwirkung am Feste selbst\nzu. Bis heute sind auch bereits zwölf Compositionen, die für\ngrosse Massen berechnet sind und von tiefem musicalischem\nWerthe und hoher Auffassung der gewählten poetischen\noder biblischen Stoffe zeugen, eingelaufen; sie werden eiligst\ngedruckt und an die Festgäste zur Einübung versandt. Bis\nheute sind Zusagen der Theilnahme von 172 Gesellschaften\neingetroffen, und die Zahl der bereits namentlich angemel-\ndeten Sängergäste ist auf 3602 gestiegen. Noch sind aber\nviele Liedertafeln, die starke Contingente stellen, mit ihren\nNamensverzeichnissen im Hockstände, und da die nürnber-\nger Vereine allein über 300 Sänger stellen, so ist voraus-\nzusehen, dass die Zahl eines Chors von 4000 Stimmen weit\nüberschritten werden wird. Dankbar gedenken wir der be-\nsonnenen Freunde der guten Sache, welche schon in der\nAnlage ein Maass feststellten,durch das die räumliche Mög-\nlichkeit und die Ausführung als Gesangfest dem Feste ge-\nwahrt wurde. Schon erhebt sich das der\nmächtigen, 1 x/iMorgen deckenden Halle auf dem grossen\n„ Maxfelde\" , einer weiten anmuthigen Anlage, nördlich von,\naber ganz nahe an Nürnberg. Uralte Castanien und Linden\nbeschatten sie und den schönen, grossen Festplatz. Sie blü-\nhen lieblich, wie ein Symbol unserer Hoffnungen, unserer\nWünsche. Möge des Friedens holde Sonne auch dem Feste\nlieblich strahlen!\n\n„Das alles war schon einmal da!“\n\nSo nothwendig bei einer Musik Einheit der Harmonie\nund des Gesanges ist, eben so unzertrennlich ist von der-\nselben die Nachahmung, oder noch besser: Anspie-\nlung auf die Natur. Jene erregen die Empfindungen,\ndiese verstärkt, bestimmt sie, und zieht die Seele mit einer\nbezaubernden Kralt an sich, die, je nachdem unsere Ein-\nbildung durch sie beschäftigt wird, immer mehr zunimmt.\nWie viel Eindruck eine solche auf irgend einen Gegen-\nstand in der Natur anspielende Musik mache, erhellt aus\nden Opern, pantomimischen Ballels und einigen anderen\nwenigen Stücken, wo die Componisten dieser Kegel ge-\nmeiniglich folgen.\nHaydn, Dillers, Philidor und noch mehrere, die\nich Kürze wegen übergehe, haben uns Symphonieen und\nganze Partieen geliefert, worin sie die Bedeutung und den\nHauptzweck ihrer Arbeit bestimmt haben, und wie vor-\nzüglich gefallen sie nicht vor allen anderen, die das Ohr\nnur mit einem harmonischen Geräusch**) erfüllen,\ndas zwar die Sinne betäubt, aber uns selten ans Herz\ngreift! Ein Stück ohne Charakter, ohne Endzweck, wenn\nes auch bloss für Instrumente geschrieben ist, kann nie\nein vollkommenes Product sein, weil der Setzer nie weiss,\nwas er singen soll. Ich will zwar zugeben, dass er hier und\nda Melodieen und meistens dadurch auf solche Stellen an-\nspielen könne, die ihm von ehemals gehörten Arien, Lie-\ndern oder irgend einem ausdrückenden Gesänge, ohne dass\ner es gemerkt hat, geblieben sind; allein wie verhält sich\n\n*) Nämlich im Mercufu vom Jahre 177 C. Also\nschon vor beinahe hundert Jahren gab es Leute, welche bei\nder Musik Gegenstände und Ueberschriften verlangten.\n**) Vgl. R. Wagner'B »Brief an einen Freund3."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610629-01.1.8", "texte": "dieses Stückwerk zum Ganzen? Was kann der Zuhörer\ndabei empfinden? oder vielmehr, wie will der Setzer ihn\nzwingen, das Nämliche zu fühlen, was er haben möchte,\ndass er fühlen soll?\nJa, höre ich Viele sagen, das mag wohl sein; aber\noibt es denn nicht auch viele Stücke, die eben keinen\no\nHaupt-Charakter haben und doch unendlich gefallen?\nBeinahe alle Concerte, Soli, Symphonieen u.dgl. sind ohne\nEndzweck bearbeitet und bezaubern doch, wenn sie gut\nvorgetragen werden.—Wahr, sehr wahr; und ich schliesse\nmich auch nie von der Zahl der Hörenden aus, wenn\nLetzteres Statt hat; allein folgt denn hieraus, dass alle\ndiese Stücke nicht noch besser gefallen würden, wenn man\nsie nach obiger Richtschnur behandelte? und würde das\nVergnügen, das sie vielleicht jetzt nur auf unsere Sinne\nverbreiten, nicht im anderen Falle weit mehr auf das Herz\nwirken? Wer sich im Voraus von dieser Wahrheit über-\nzeugen will, prüfe sich genau bei Anhörung einer Instru-\nmental-Alusik, bei der er sich weiter nichts denkt. Selten\nwird ihn eine Stelle rühren, es sei denn, dass sie mit sei-\nnen Lieblings-Empfindungen oder der eben zufälligen und\naugenblicklichen Lage seiner Seele etwas gemein habe;\nweicht aber die Folge des Stückes von der Reihe oder\nden Stufen dieser Empfindungen ab, so fällt die Seele wie-\nder in den fühllosesten Zustand zurück, und wird nur als-\ndann wieder angezogen, wenn etwa eine ähnliche Stelle\nsie von Neuem aufruft. Was kann also der Componist bei\neinem solchen Stücke von Kennern und in ihrer Erwar-\ntung betrogenen Zuhörern wohl für einen Lobspruch er-\nwarten, als höchstens den, dass sein Stück schöne Stellen\nhabe, und dass solche, man wisse nicht, warum, aufge-\nfallen seien ?\n*. jj • WS* \\ f\nDiese verschiedenen Betrachtungen, unter einen Augen-\npunkt zusammengezogen, werden uns nun freilich beleh-\nren müssen, dass das Theater der einzige Sitz der wahren\nund rührenden Tonkunst nicht allein bisher gewesen sei,\nsondern auch noch so lange sein werde, bis die Instru-\nmental-Musik zu dem oben bestimmten möglichen Grade\nihrer Vollkommenheit gelangen wird.\n\nS. Fhr. v. S.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n** im Juni.« Am 17. d Mts. wurden im hiesigen Thea-\nter unter Leitung des Herrn Capellmeisters Fr. Lux vom Vereine\nfür Kirchenmusik in Verbindung mit anderen Gesangeskräften\nder Stadt Haydn's y Jahreszeiten * aufgeführt. Fräulein Barth vom\nHoftheater in Wiesbaden sang die Partie der Hanne, und die beiden\nauch am Niederrheine als Oratoriensänger gefeierten Herren Schnei-\nder aus Wiesbaden und Hill aus Frankfurt die Partieen des Lucas\nund Simon. Das Werk war, was man namentlich in den fugirten\nSätzen wahrnehmen konnte, mit grosser Sorgfalt einstudirt, und er-\nregte die in allen Theilen gelungene Aufführung vor dem trotz der\ndrückenden Hitze zahlreich versammelten Publicum enthusiastischen\n«\nBeifall. Der Clior zählte ungefähr 130 Stimmen, die man nach dem\nerzielten Effecte auch als klingende bezeichnen konnte, und durch\nVerstärkung des Streich-Quartetts mit Wiesbadener Kräften fand an-\nnähernd wenigstens das richtige Yerhältniss zwischen Streich- und\nBlas-Instrumenten Statt. Für die Veranstaltung dieses Concertes ver-\ndient der Vorstand des Vereins alles Lob, weil es im Theater Statt\nfand und also einem Publicum für alle Plätze die hier seltene Ge-\nlegenheit bot, ein Oratorium zu hören.\nUeber die mit einer hier nie gesehenen Decorationspracht in Scene\ngesetzte und stets bei ausverkauftem Hause gegebene Oper „Faust\"\nvon Gounod kann auch ich Ihnen bestätigen, dass sie alle Vorzüge\nund Mängel der französischen Musik aufzuweisen hat, nämlich einer-\nseits Leichtigkeit in der dramatischen Behandlung und pikante 111-\nstrumentirung, andererseits aber homophone und unisone Behandlung\nder Chöre, so wie Mangel an Durchführung der oft anregend auf-\ntretenden Motive Sie trägt also keineswegs einen deutschen Cha-\nrakter, wie zur Zeit in hiesigen Blättern behauptet wurde. Herr\nMarpurg wird nun für die nächste Saison seine ganze Kraft der\nOper widmen können; seine Stelle als Dirigent der Liedertafel wird\nin einigen Tagen schon Herr Kühl aus Frankfurt antreten, und kann\nman der Liedertafel zu dieser Acquisition jedenfalls Glück wünschen.\nSchliesslich noch die Mittheilung, dass Herr Lux eine Kunst-\nreise nach Belgien und England angetreten hat, um dort Orgel-Con-\ncerte zu geben.\nAus Stettin ist uns ein Artikel der „Neuen Stettiner Zeitung,,\nNr. 275 zur Ergänzung der Correspondenz in unserer Nr. 22 einge-\nsandt worden, dem wir entnehmen, dass die gedachte Zeitung dem\nKirchen-Concerte für den Gustav-Adolf-Verein in ihren Num-\nmern 154, 157 und 166 drei vorbereitende und empfehlende Artikel\ngewidmet hat. Alles Uebrige (von beiden Seiten uns zugegangene)\nkann weder die Sache der Kunst noch das grössere Publicum in-\nteressiren.\nNach Wien. Die „Deutsche Musik-Zeitunga enthält in ihrer\nNr 25 eine derbe Replik des Herrn Karl van Bruyck an einen\nHerrn Ed. Kulke, der in der leipziger rNeuen Zeitschrift* die wiener\n*\nKritik der Herren Hanslick, Speidel, Bagge, van Bruyck hofmeistert.\n(Die des Herrn L. A. Zellner wird ihm wohl recht sein!) Wir ma-\nchen daraus und auch aus sonstigen Mittheilungen die Erfahrung,\ndass unsere ehrenwerthen Collegen von der Deutsehen Musik-Zeitung\nnoch viel zu jugendlich und heissblutig sind, sonst würden sie nicht\njedem Hahn, der, oft noch mit der Eierschale auf dem Kopfe, für\nseinen Hühnerhof gegen sie ankräht, den Gefallen thun, ihm zu be-\nzeugen, dass sie ihn gehört hätten. Haben sie doch in ihrer näch-\nsten Nähe ein Blatt (oder rßlätter\", wie es sich nennt), dessen feile\nLobhudeleien nach der einen, un i dessen gemeine Ausfälle nach der\nanderen Seite hin sie an den Stil dieser Handlanger beim Tempelbau\nder Zukunft gewöhnen müssten Solche Wesen zu „versengen mit\nheiliger Lohe\", lohnt wahrlich nicht der Mühe; es bedarf nicht des\n„dreimal glühenden Lichtes\" eines edlen Zornes, um in ihnen »des\nPudels Kern\" zu zeigen, den ja doch ein Jeder kennt."}]}