{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-07-13-01", "volume": "bmtnabi_1861-07-13_01", "ocr_sha256": "3b7c141f2b634d34289a6bbdf8cc466e16732e2ab7df592af07024ffa81d30bd", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/07/13_01/bmtnabi_1861-07-13_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-07-13-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-07-13_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-07-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "217", "page_fin": "217", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "217", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 456, "texte": "Inhalt.\nKarl Fiiedrich Zelter. 11. 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Zelter erzählt (S. 47\nu. s. w.):\n„Der Frühling d*s Jahres 1776 war gekommen, und\nich sollte, leider! nun wieder mauern. In Berlin wurde ein\nneues königliches Cadeltenhaus gebaut, daran sollte ich\narbeiten. Mein Vater übergab mich einem anderen, sehr\ngeschickten Lehrmeister, Namens Lemmius; hier sollte ich\ndas letzte Lehrjahr bestehen und das Versäumte nachholen.\n»Die erste Bekanntschaft, welche ich hier machte, wa-\nren die Hautboisten des Cadettencorps, welche ganz un-\nwissende Leute waren; jedoch ich nahm mit ihnen und\nsie auch mit mir fürlieb, denn am Ende war ich doch\n\\\nnichts als ein Maurerbursche. Lemmius war in seiner Art\nein gebildeter Mann zu nennen; er war klug, kalt und\nwusste sich zu helfen, um allenfalls für etwas mehr zu\ngelten; auch gab es in seiner Zeit noch mehrere Hand-\nwerker dieser Art.——-\n„Mein Lehrmeister war nicht unmusicalisch, denn er\nspielte etwas Violine und Violoncell, und wenn Sonntags\nnoch einige Freunde dazu kamen, so kam in den Winter-\ntagen ein kleines Concert hei ihm zusammen, wobei auch\nich thätig war, indem ich bald den Flügel, bald die Vio-\nline, Flöte, und was eben erfordert wurde, übernahm und\nhier gleichsam den Meister des Meisters spielte.\n„Da ich schon componirte, so wurden meine Versuche\nhier ans Licht gezogen und, wie sie nun gegen andere be-\nliebte Stücke ausfielen, belächelt oder belobt. Damit ich\nmir aber auch hier nicht zu viel zu Gute that, so hatte\nLemmius meinen Violinmeister Schulz, welcher die Com-\nposition recht gut verstand, mit in sein Haus gezogen,\nwesshalb ich mich denn nicht mausig machte, weil Schulz\nmir die Fehler laut und derb verwies.\n„Zu diesen vielen Lustbarkeiten gehörte noch das\nMontags-Concert im Brunow'schen Garten, wo man Sin-\nfonieen, Concerte und italiänische Opern-Arien (welche\nletztere auf der Oboe geblasen wurden) hörte. Ein Jude,\nNamens Levin, führte dieses Concert nicht ungeschickt an,\nwas in einer rauschenden Gesellschaft, im Nebel unzähli-\nger Tabakspfeifen r.icht leicht sein mochte. Was hier meine\nAufmerksamkeit zuerst auf sich zog, war der Paukenschlä-\nger Froloff. Dieser schlanke, lange Mann wusste durch\neine sinnreiche Führung der Schlägel, welche er an bei-\nden Enden gebrauchte, ein interessantes Spiel für Alt und\nJung zu veranstalten und mir einen ganz besonderen Re-\nspect gegen ein Paukenpaar abzugewinnen. Ich wüsste\nkaum zu sagen, ob seit all der Zeil eine Paukenmusik noch\nzu einem ähnlichen Antheil mich bewegt hätte. Ueber\neinen ruhigen Wirbel als Grundton lloss ein sanftes, me-\nlodisches esen daher, das man zu verstehen glaubte.\nDurch eine Unzahl Kurven, welche sein Schlägel vom\nCentro nach der Peripherie und zurück beschrieb, entstan-\nden Tonleitern nach oben und unten, denen er durch An-\nwachsen und Zunehmen eine modulatorische Haltung: zu\n©\ngeben wusste. Ungeachtet einer Menge von Künsteleien,\nwomit er Frauen und Kinder ergötzte, indem während des\nSpiels die Schlägel in die Luft geworfen und aufgefangen\nwurden, war ihm die seltene Eigenschaft natürlich, dass\ner, die Umstehenden im Auge, zu schliessen wusste, wenn\ner sein Höchstes erreicht hatte.\n„Unterdessen hatte ich nun eine gute Zeit lang auf-\nmerksam gemauert, ich möchte sagen: mit Lust, so lange\nnämlich neue Fälle meine Erfahrungen bereicherten; auch\nsah ich hin und wieder neben mir kräftige Leute tüchli»"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "218", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5354, "texte": "arbeiten, und konnte an diesen sogar ein freies, geniales\nWesen auch im Handwerk bemerken, wogegen den mei-\nsten dieser Leute die Arbeit blutsauer ward, ihr ganzes\nKommen und Gehen, ja, ihr Essen und ihre Freude schlep-\npend und träge erschien.\n„Völlig unausstehlich und gemein aber war mir das\nVerderben der Hände und Füsse durch das ewige Wüh-\nlen und Treten unter Schutt und Steinen, Kalk und lauter\nätzenden Sachen, die mich um so empfindlicher angingen,\nwenn nasse Witterung oder Kälte die Gliedmaassen steil\nmachte. Unter solchen Umständen waren mir denn Ar-\nbeiten, welche dem Körper grosse Bewegungen gaben, die\nliebsten. Wenn es etwas zu graben, zu laufen, zu schlep-\npen gab, war ich gern dabei, und wohin Keiner wollte,\nbot ich mich an. Indessen ward ich bald gewahr, dass\nmeine Mitarbeiter in solchen Fällen darauf rechneten, mir\naufzutragen, was sie nicht gern thun wollten, und da liess\nich mich denn weniger willig finden und hatte oft die\ntödlichste Langeweile, wenn ich bedachte, wie viel lieber\nund besser ich mich bei der Musik, als beim Mauern aus-\nnehmen müsse. Ich fühlte hier recht tief und schmerzhaft\ndas Glück derjenigen, welche mit einem Talente unter be-\ngünstigenden Umständen in die Welt treten. Wäre mein\nVater ein Tonkünstler oder ich mit einem Talente zur Ar-\nchitektur begabt gewesen, so hätte meinem Glücke bei so\ntrefflichen Eltern nichts gefehlt, da ich hingegen ein so\ntrauriges Leben führte. Unter meinen Mitschülern im\nGymnasio oder beim Stadtpfeifer war ich munter, auf-\ngelegt zu freien Ausbrüchen des Geistes; hier unter diesen\nLeuten war ich traurig, ohne Leben, Witz, Heiterkeit.\nOft habe ich zu Gott gebetet, dass er mir mein musicali-\nsches Talent in ein architektonisches verwandeln möchte,\num meinem geliebten Vater frei und fröhlich unter die\nAugen treten zu können; zuletzt glaubte ich, es müsse so\nsein, und ergab mich, bis dann wieder einmal meine all-\nmächtige Liebe zur Musik mich packte und alles gewalt-\nsam aus einander riss, was die Resignation mühsam er-\nbaut hatte.\"\nIm Jahre 1782 hatte der junge Zelter eine Kirchen-\nmusik zur Einweihung der Orgel in der St.-Georgen-\nKirche in Berlin componirt und brachte sie auch nach\nvielen Mühen und äusseren Hindernissen zur Aufführung.\nEr schreibt darüber:\n„Der Morgen fand mich gerüstet. Mein erster Gang\nwar zum Cantor, der mir nicht ohne Heftigkeit sagte:\no H\ner habe noch keinen einzigen Text verkauft. [Er hatte\nauf Zelter's Verlangen 1800 Stück drucken lassen.] Ich\nstand an der Kirchthür und sah die Leute hereinströmen,\nund zu meiner Freude viele alte Musiker und endlich den\nalten Marpurg, der mich sehr munter und freundlich\ngrüsste. Als ich diesen gesehen hatte, ging ich an mein\nAmt, verlheilte die Stimmen, als meine Freunde, die Mu-\nsiker, sich nach und nach ansammelten und mich grüssten.\nDie Trompeter und Pauker waren die devotesten, und so\nging es nach und nach etwas kälter hinauf bis zu den er-\nsten Violinisten und Sängern, in deren Händen das Schick-\nsal eines angehenden Componisten liegt. Meine Musik be-\ngann. Noch tönen die herrlichen Trompeten in meinen\nOhren. Alles lös'te sich zu meiner Zufriedenheit auf, in-\ndem Alles vor mir abging, ja, abfiel, wie eine leichte\nDecke. Besonders gefiel meine Orgel-Arie, welche mir\ndoppeltes Vergnügen brachte, weil ich sie selber spielte.\nNach der Musik ward ich von allen Musikern aufs freund-\nschaftlichste angesehen. Georg umarmte mich kräftig und\ngerührt; seine Gehülfen und Lehrlinge sahen in einiger\nEntfernung meiner Erhebung zu; ich war glücklich. Nach\nder Musik ward ich von der Cantorin förmlich zu Tische\ngebeten; bei Tische ward von mir gesprochen, und der\nCantor legte etwas von seiner Würde bei Seite, indem er\nsagte: er wünschte, dass er mir gefolgt wäre; er habe\nalle seine Texte verkauft, und nun nach der Musik schick-\nten die Leute noch immer nach Texten.\n„Ich war über allen Ausdruck glücklich und ward es\nimmer mehr. Am anderen Morgen erhielt ich ein Schrei-\nben mit fingerlangen Buchstaben von Herrn Marpurg,\nworin er mich auf das freundschaftlichste anzufeuern\nsuchte, die Ordnung meiner Composition lobte u. dgl.\n„Ich fasste nun den Entschluss, den ordentlichen Cur-\nsus der Harmonie bei Fasch zu lernen. Fasch verlangte\nerst etwas von meiner Arbeit zu sehen; so ging ich hin\nund zeigte eine Sinfonie und eine Sonate vor, welche Fasch\ndurchsah; ich ward angenommen, und nun ging ich zu\nFasch in die Lehre. Als ich hier angefangen hatte, schickte\nKirn berger zu mir und liess mich rufen. Ich kam; er\nkannte mich schon, wie ich ihn. „ „Sie haben ja\"\", sagte\ner, „ „eine Kirchenmusik gemacht, die ich so rühmen höre;\nlassen Sie mich doch diese sehen. Wo haben Sie denn ge-\nlernt?\"\" lch antwortete: „„Ich habe nirgends und so\nviel als nichts gelernt; erst seit Kurzem ist Herr Fasch so\ngütig, mich durch seinen Unterricht zu beglücken.\"\"\n„ „Nun,\"\" sagte er, „ „wenn Sie das lernen wollen, was\ner kann, so haben Sie alle Hände voll zu thun. Den Con-\ntrapunkt versteht er ordentlich; seine Canons sind gewiss\ngut, und dabei hat er einen guten, ja, einen feinen Ge-\nschmack. Sebastian's Sachen habe ich von Keinem besser\nspielen hören, und des Hamburgers Sachen spielt er noch\nbesser. Was mir nicht an ihm gefällt, ist, dass er Allen\nAlles recht machen will.\"\"\n„Ich trug meine Musik zu Kirnberger; er las erst den\nText, welchen er kannte. Als er das Ganze durchgegangen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5481, "texte": "war, sagte er: „ „Ei, das mag wohl recht stark klingen.\"\"\nIch bat ihn, mir seine Meinung nicht zu verhehlen; ich sei\nüberzeugt, noch weit zurück zu sein, doch voll des besten\nWillens, empor zu kommen; und was er mir sagen werde,\nsolle mir ein Evangelium sein; ich wolle gern auf den\nGrund, die Wahrheit ginge mir über Alles.\n„ „Wahrheit!\"\" sagte er, „ „das schwere Wort reden\nSie so hin, als ob Sie längst vvüssten, was Wahrheit ist.\nFreilich wissen sie alle es; was sie gern hören, ist ihnen\nauch Wahrheit; man darf ihnen nur schmeicheln, und\nman kann ihnen weis machen, was man will; und dann\ngehen sie von Haus zu Haus und erzählen, was Kirnber-\nger gesagt hat. Ihre Musik, junger Herr, muss wohl klin-\ngen, ja, schallen, knallen muss sie; aber wenn ich nun\nhinzusetze, dass sie nicht singt, nicht andächtig, heilig,\nkirchlich, dagegen aber weltlich, leidenschaftlich und frech\nist,—ist das auch wahr? —sprechen Sie!\"\" „ „Wenn\nSie es sagen, Herr Kirnberger, ist es gewiss wahr.\"\"\n„ „Sie haben also\"\", fuhr er fort, „ „das Beste ausgelas-\nsen ; so gut macht es jeder Anfänger, und so hört jeder\nPfuscher auf; denn was für Kunst kann darin sein, im\nSchweisse des Angesichts Noten so oft auf einander zu\npassen, bis sie harmoniren? und wenn Sie nichts Besseres\nwerden wollen, als ein solcher Hucker und Drucker, so\nbleiben Sie bei der Kelle.\"\" Der Schmerz, den ich bei\ndieser harten Rede empfand, war so überwältigend, dass\nes Kirnberger merkte und sagte: „„Dies scheint Ihnen\nwehe zu thun, und Sie nehmen es gewiss übel; das mögen\nSie nur thun; und wenn Sie desswegen von Ihrer Compo-\nnirerei ablassen, so habe ich gewiss zu Ihrem Heile beige-\ntragen. Es gibt nichts Erbarmungsvolleres, als einen ge-\nmeinen Künstler, deren so viele sind, dagegen ein gemeiner\nHandwerker immer eine würdige Person bleibt, sobald es\nihm bei geringer Fähigkeit nur Ernst ist.\"\"\n„ „Was müsste ich denn aber thun,\"\" sagte ich, „ „da\nich doch einmal den Trieb und die Lust habe, etwas Mu-\nsicalisches zu leisten?\"\" „ „So sprechen Alle!\"\" antwor-\ntete er; „ „noch habe ich keinen gesehen, der nicht seine\nersten Aulwallungen für Beruf, ja, für Genie gehalten\nhätte. Es hat sich mit dem Genie! Genie ist etwas Ande-\nres, als ihr jungen Herren glaubt. Da läuft eine Herde\nvon Genie's herum, die das Brod nicht werth sind, das\nsie essen. Glauben Sie mir, junger Freund, die Natur ist\nnur auf die Natur angewiesen; was nicht zu ihr gehört,\nkann sie nicht ernähren; was ist denn also ein Musicus\nohne Naturel? ein Sänger ohne Stimme? und davon ist\ndie Welt voll.—Erst fangen sie an, Liedchen, Sonatchen,\nSinfoniechen, Cantatchen, Alles so niedlich, artig anzufer-\ntigen, dass ihren Eltern oder ihren Mädchen das Wasser\nim Munde zusammenläuft, und nun denken sie, sie hätten's,\nund des Genie's ist kein Ende, bis man zuletzt ein Mann,\nein Vater und ein Stümper ist. Soll man nun einem Men-\nschen rathen, ein Künstler zu werden? Die Musik ist die\ngefährlichste von allen Künsten für den Künstler; das Beste,\nwas er leisten kann, kommt so leicht und harmlos hervor,\ndass Jeder es für sein eigen hält und Keinem dabei der\nhimmlische Geist einfällt und die unsägliche Mühe, den\nTon sicher zu finden, der in eines Menschen Herz dringt.\nDie Welt nimmt es hin, wie die Blätter und Früchte des\nBaumes, wie das Licht des Tages, weil sich das von selber\nversteht, und wer wird seinem Gotte für solche gemeine\nDinge danken? Da will man denn Ausserordentliches lei-\nsten, es muss auffallend sein; da müssen denn die Trom-\npeten heran, und des Gepaukes ist kein Ende.\n„ „So, mein junger Freund, ist es mit dieser Musik,\nund Papa und Mama denken gewiss, das sei ganz was Er-\nstaunliches; aber haben Sie schon einen Choral vierstim-\nmig setzen lernen? Sie fangen an bei dem Zwecke, womit\nwollen Sie enden? Ich habe noch keinen gesehen, der\nglücklich um die Schule herumgekommen ist; sie brechen\nalle den Hals. Sie wollen ein Handwerk treiben und eine\nKunst auch; wissen Sie, was das heisst?—Ich habe mein\nLeben lang nichts als Musik gemacht, und glaube, was zu\nkönnen, und lebenslang gepfuscht; denn wenn ich grosse\nMeister betrachte, komme ich mir vor wie ein verlorener\nMensch; ich weiss mich vor Traurigkeit nicht zu lassen.\nSie wollen Häuser bauen und nebenher componiren; oder\nwollen Sie componiren und nebenher Häuser bauen?\"\"\n„Das Gespräch wirkte zerschmetternd. Meine Kirchen-\nmusik war mir zum Ekel geworden, und ich fand in allen\nWinkeln Fehler, die ich mir nicht erklären konnte. Klagen\nkonnte ich Keinem; die meisten meiner Bekannten waren\nkalt, ich hatte sie für neidisch gehalten, und ich würde\nvor Scham gestorben sein, wenn mein Vater oder einer\nvon ihnen Ivirnberger's Sermon gewusst hätte. Seine Schü-\nlerin, die Prinzessin Amalia, Schwester Friedrich s des\nGrossen, liess mich rufen und verlangte, dass ich auf ihrer\nOrgel spielen solle. Ohne Vorbereitung und Vorrede setzte\nich m-ich hin und spielte. Als ich lange noch nicht fertig\nwar, sagte die Prinzessin: „ „Hör' Er mal! Hör' Er man\nauf! Er kann ja nischt! Da reden die Menschen von Genie!\ndas ist ja nischt! Geh' Er man zu Kirnbergern, der wird\nIhm schon sagen, wo's Ihm sitzt; denn was Er da macht,\nis alles nischt nutze!\"\"\n„Wo mich nun diese gute Prinzessin hinschicken\nwollte, da war ich schon gewesen, und diese doppelte De-\nmülhigung würde mich umgebracht haben, wenn ich vor\nLeichtsinn, und was sonst der Jugend beiwohnt, an etwas\nAnderes gedacht hälte, als es besser zu machen. Auch\nwar icb in der That nicht der Meinung, etwas Besonderes\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "220", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5322, "texte": "geleistet zu haben; indessen wurde diese nämliche Musik\nbei anderer Gelegenheit, wozu 13urmann einen neuen\nText unterlegte, mehrmals wieder aufgeführt, iiier hörte\nsie der wohlbekannte Capellmeister Schulz, der mir dar-\nüber manches Belehrende sagte, was mich wieder er-\nmunterte.\n„Zufällig sprach ich später einen von Kirnberger's\nSchülern, der in meiner Kirchenmusik milgesungen halte.\nEr lobte meine Musik und sagte inir, Kirnberger halte\netwas auf mich. Ich konnte meine Verwunderung nicht\nverbergen und setzte ihm entgegen, dass ich dies besser\nwisse.— „„Wie?** sagteer, „ „Sie haben ihm ja Ihre\nMusik selber gebracht, und er hat mir davon gesagt, dass\ner bei einem so jungen Menschen weder den Ernst noch\ndie Kühnheit gesucht hätte.\"\" „„Hat er Ihnen dies\nwirklich gesagt?\"\" fragte ich. Er wiederholte mir diese\nWorte. Nun erzählte ich ihm treu, wie mir Kirnberger\nalles Componiren auf Lebenszeit verleidet hätte; seit der\nZeit hätte ich keine Lust, eine Note zu schreiben. „ „Das\nist\"\", versetzte er, „„nichts Ungewöhnliches bei ihm; je\nbesser man es ihm macht, desto unleidlicher wird er, und\neigentlich lobt er nur die, von denen er nichts hofft, be-\nkümmert sich wenig um sie und sagt dann, sie hätten's\nschön gemacht.\"\"\n„Diese Rede gab mir meine ganze Lebenskraft wieder.\n„Wenn ich über diesen ersten Versuch hier ausführ-\nlicher gewesen bin, als es meine Schularbeit verdient, so\ndarf ich hinzusetzen, dass ich ihn ganz vergessen hätte,\nwenn nicht der sehr geschickte und bekannte Musik-Di-\nrector Schicht in Leipzig diese Musik ohne mein Wissen\nsich anzuschaffen gewusst hätte, der sie mir dann vor eini-\ngen Jahren bei meiner Anwesenheit in Leipzig, also nach\nvierzig Jahren, vorzeigte. Der nächste Vortheil, den ich\nnun von dieser Musik hatte, bestand darin, ein Ganzes ge-\nfertigt zu haben, dessen Ueberblick mir die Einsicht gab,\nwas mir fehlte.\"\nDiese wenigen Auszüge werden gewiss genügen, auf\ndas interessante Buch aufmerksam zu machen, welches vor\nden Mode-Biographieen in romanhafter Ausschmückung\nden grossen \\ orzug der Wahrheit hat, und vor anderen\nauch den, dass man es lieber länger als kürzer wünschte.\nSchliessen wir hier noch einige Stellen aus dem Nach-\nrufe an, den L. Rellstab Zelter'n widmete.\n„Berlin, 15. Mai 1832.\n„Diesen Morgen vor 6 Uhr entschlief hierselbst nach\nxierzehntägigem, grossentheils sehr schmerzlichem Kran-\nkenlager der würdige Veteran der Kunst Karl Fried-\nrich Zelter. Das äusserliche Leben dieses bedeutenden\nMannes lässt sich in wenigen \\\\ orten zusammenfassen\nu. s. w. Viel bedeutender ist jedoch die innere Lebens-\ngeschichte dieses seltenen, höchst eigentümlichen Mannes;\nallein sie bietet eine ungleich grössere Aufgabe, als der\nZweck und der Raum dieser Blätter zu lösen gestattet. Von\nwarmer Verehrung für das Schöne in jeder Gestalt durch-\ndrungen, lebte Zelter im vertrauten Umgänge mit den aus-\ngezeichnetsten Künstlern des Zeitalters. Die nahe Ver-\nschvvisterung der Musik mit der Dichtkunst knüpfte ein\nBand der Freundschaft zwischen ihm und den beiden gröss-\nten deutschen Dichtern. Schiller schied früh aus diesem\nschönen Bunde ab; Göthe und Zelter blieben bis an ihre\nletzten Tage die innigsten Freunde. Das Dahingehen des\nDichtergreises wirkte so erschütternd auf den Zurückblei-\nbenden, es raubte ihm so das kostbarste Gut, welches die\nErde für ihn besass, dass von jenem Tage an auch er das\nVorgefühl des Todes in sich zu tragen schien. Er fühlte\ndeutlich, dass diese Welt ihm zu wenig mehr biete, um\nihr noch lange angehören zu können. Eine weiche, dem\nfesten, freudigen Charakter Zelter's sonst fremde Stimmung\nwaltete in ihm vor. Es zog ihn mächtig dem Freunde nach.\nEin wehmülhiges, aber dennoch erhebendes Gefühl ergreift\nuns, wenn wir sehen, wie die äussere Natur auf diese Weise\nder Seele einen traurigen Gehorsam leistet. Der Todte\nfand, und häufig auch nicht mit Unrecht, entschiedene\nGegnerschaft in seinem Wirken. Wie man aber auch von\ndem Würdigen denken möge, den wir betrauern, die An-\nerkennung muss ihm Jeder zollen, dass er mit heiligem\nEifer für das Edle in der Kunst gewirkt hat, dass er der\nfesteste Damm gegen ihre leichtsinnige Ausartung war, dass\ner, unablässig in seiner Thätigkeit, unermüdlich in der Aus-\ndauer, mit seinen Gaben und Mitteln den möglichsten Grad\nder Erfolge errang. Selbst die Besonderheit der Tüchti-\ngen darf Achtung verlangen. Hätten wir dem Todten eine\nGrabschrift zu setzen, so würden wir die Zeilen des Dich-\nters, den er so hoch verehrte, wählen:\n\\\nrDenn Recht bat jeder eigene Charakter!\n„Berlin, 18. Mai 1832.\n„Diesen Morgen wurden Zelter's sterbliche Ueberreste\nin ernster, aber erhebender Feier bestattet. Um 6 Uhr hat-\nten sich im Saale der Sing-Akademie die sämmtlichen Mit-\nglieder u. s. w. versammelt. Ein schöner Zug war es, dass\ndas löbliche Maurergewerk sich der Bestattung angeschlos-\nsen hatte. Auch ein fürstlicher kunstsinniger Freund (Fürst\nRadziwill, der Componist des Faust) ehrte das Gedächtniss\ndes Todten durch seine Gegenwart. Inmitten des Saales\nstand der Sarg, zu Füssen mit einer Leier, zu Häupten mit\neinem Lorberkranze geschmückt. Blumen bildeten eine\nfreundliche Umgebung, aus der sich fünf Postamente mit\nBüsten erhoben. Die mittlere war die des Verstorbenen\nselbst, zur Rechten stand die seiner Gattin, zur Linken die\nseines grossen, ihm kurz vorangegangenen Freundes, so"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3005, "texte": "dass er von denen, die ihm im Loben die Thcuerslen ce-\nvvesen, zunächst umgeben war. An den Leiden äussersten\nEnden waren rasch und SebaMian Bach als diejenigen\ngrossen Künstler aufgestellt, denen der Verstorbene die\nHauptrichtung seines Lebens verdankte. Ein von dem «an-\nzen Chor der Sing-Akademie ernst angestimmter Choral:\n„ „Wen hab' ich sonst, als Dich allein!\" * begann die Feier.\nHiernächst sprach Schleiermacher eine kurze, aber iiihalt-\nreiche Bede, in welcher er mit wenigen Zügen das be-\ndeutsame Leben des Verstorbenen entwarf und namentlich\ndessen letzte Lebens-Augenblicke, in denen sich gewisser\nMaassen die Summe seiner Bestrebungen als End-Besultat\nzusammendrängte, auf ergreifende Weise berührte. Nach\ndem Schlüsse der Bede sang der Chorden Choral: „ „Wenn\nich einmal soll scheiden\"\". Hierauf wurde der Sarg hinab-\ngetragen, und der Zug ordnete sich: zunächst hinter den\nVerwandten als ältester Vorsteher der Sing-Akademie Ge-\nheimerath Köhler, als Director der Akademie der Künste\nProfessor Schadow, als Bector der Universität Professor\nMarheinecke, und als ältester Meister des Maurergewerkes\nder Maurermeister Einsiedler. Das schönste Frühlingswet-\nter verlieh der ernsten Feier eine rührende Milde. Auf dem\nKirchhofe stimmte nach dreimaligem Accord der Posaunen\nder Männerchor der Sing-Akademie an der Gruft den Cho-\nral: „„Jesus meine Zuversicht\"\", an. Nachdem Professor\nSchleiermacher noch einige tiefeindringende Worte ge-\nsprochen, hob der Männerchor noch einmal den Gesang\nan: „ „Wenn ich einmal soll scheiden\"\". Mit den letzten\nverklingenden Tönen war die wehmüthige Feier geschlos-\nsen. Die ernsten Klänge, die das Leben des Dahingegan-\ngenen geleiteten, trugen und verschönten, wehten ihm auch\njenseit der Gruft nach.\"\nSpäterhin lügte Bellstab dem Abdruck dieses Be-\nrichtes (Gesammelte Schriften, Bd. 20,5. 200) hinzu:\n„An dem unbeschreiblich schönen Frühlings-Vormit-\ntage, der dieser uns alle im Tiefsten ergreifenden Trauer-\nfeier folgte, ging ich mit Bernard Klein nach dem Gar-\nten, den er damals bewohnte, hinaus. Nie habe ich ihn\nbewegter, nie hingegebener, nie so von Wehmuth ergrif-\nfen gesehen. Er strömte mir sein ganzes Herz aus. Bitterste\nSchmerzen hatten ihn getroffen. Seine junge Gattin war\nihm durch den Tod entrissen; eine innere Missstiinmuns:,\nö '\nvielleicht ein tiefer künstlerischer Zwiespalt (dessen nähere\nErklärung hier nicht möglich ist), folterte ihn. Vielleicht\nwar es aber auch eine Mahnung, dass auch sein Ziel nahe,\nallzu nahe gesteckt sei. Noch derselbe Sommer sollte ihn\ndem Leben entreissen. (B. Klein starb den 9. September\n1832, in der Blüthe des Lebens und Wirkens, 38 Jahre\nalt.) Abgetrennt von seiner musicalischen hohen Bedeut-\nsamkeit, war Bernard Klein, es kann nicht genug wieder-\nholt werden, eine der wunderbarsten künstlerischen Na-\nturen, von einer geistigen Hervorragung seltenster Art:\neine Seele aus Flammen geschaffen. Jean Paul hat ver-\nwandte Charaktere dichterisch construirt. Das Leben hat\nmir keinen zweiten gezeigt.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-07-13-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-07-13_01#c003", "volume": "bmtnabi_1861-07-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "221", "page_fin": "223", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.2.3", "titre_corps": "Das sechste seeländische Musikfest in Holland.", "titre_sommaire": "Das sechste seeländische Musikfest in Holland.", "signature_source": "Richard Hol", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.5", "debut_caractere": 3007, "fin_caractere_exclue": 5155, "texte": "Das sechste seeländische Musikfest in Holland.\nDen 6. und 7. Juni 1861.\n\n[Aufführung des Oratoriums Die Zerstörung von Jeru-\nsalem von K. Hill er]\nAuch in Seeland, der westlichsten Provinz von Holland,\nhat sich in den letzten Jahrzehenden der allgemeine Auf-\nschwung der Tonkunst nicht minder offenbart, als in den\nanderen Theilen der Niederlande, und ihm verdankt das\ndortige Provincial-Musikfest het Zeeuwsch Muziclcfeest\n—sein Entstehen. Es findet in den Städten Middelburs\nGoes und Zieriksee Statt, und das am 6. und 7. Juni\nin Middelburg gefeierte war bereits das sechste in der\nReihe.*\nDie Theilnahme daran stieg in den letzten Tagen im-\nmer höher. Das ersah man nicht bloss aus der zahlreichen\nAnwesenheit von Fremden, die den Boden der Insel Wal-\ncheren beiraten, und der sichtbaren Begeisterung, sondern\nhauptsächlich daraus, dass die letzte Probe so besucht war,\ndass viele später Kommende die Räume der Kirche bereits\nso gefüllt trafen, dass sie keinen Platz fanden. Eben so\nwenig wäre es möglich gewesen, bei der Aufführung noch\neinen unbesetzten Platz zu erspähen.\nUm halb sieben Uhr erschien der Fest-Dirigent, Herr\nW. B. Ceulen, an seinem Pulte, empfangen von rau-\nschendem Applaus und Fanfaren, und sofort wogten die\nKlänge des prächtigen Einleitungschors des Oratoriums\nvon F. Hiller: „Wie heilig und hehr sind Deine Hallen,\no Israel!\" durch die hohen Tempelgewölbe.\nBesprechen wir zuerst die Leistungen des Chors, da\ndieser doch bei solchen Werken die Hauptsache ist.\nWenn das feste Einsetzen aller Sänger Einer und der-\nselben Stimme namentlich bei der Ausführung von fi<ru-\nO o\nrirten Gesangstücken ein Hauplerforderniss ist, so müssen\nwir uns gegen diejenigen erklären, die bescheidentlich zu\nglauben scheinen, diesen oder jenen von den Genossen ihrer\nStimme den Vorrang einräumen zu müssen, und auf diese\nArt ein Vorsänger-System einführen wollen. Es ist freilich\nwahr, dass dieses System bei vielen Singvereinen Mode ge-\nworden ist, und dass man vielleicht unsere Bemerkung da-\ngegen nicht artig findet; allein je schwieriger das vollkom-\nmene Zugleich-Einsetzen des ganzen Chors ist, desto mehr\nmuss darauf gedrungen werden."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5261, "texte": "Die Klangwirkung des Chors war im Allgemeinen\ngut und oft sehr schön. Die Schattirungen des Ausdrucks\nwurden wohl beobachtet. Die Kraftstellen hätten hier und\nda etwas energischer in Angriff' genommen werden kön-\nnen. Der Alt war am schwächsten; im Tenor war nur in\neinzelnen Chören (Nr. 15 und 44) ein Schwanken zu be-\nmerken. Im Ganzen wurden die Musikstücke von weichem,\nsanftem Charakter besser vorgetragen, als die kralligen,\nwovon jedoch der Chor babylonischer Krieger (Nr. 40)\neine glänzende Ausnahme machte. Wenn wir nun noch\nNr. 22: „Verräther! er ist ein Freund von Babylon!\" als\nsehr schwach ausgeführt bezeichnen, so können wir uns\nbeeilen, diese kleinen Schatten durch das helle Licht und\nden Glanz zu verscheuchen, den die trefflichen Ausführun-\ngen der übrigen Chorgesänge unserer Schilderung ver-\nleihen. Besonders müssen wir den tiefempfundenen Vor-\ntrag der Nr. 8: „Eine Seele tief gebeugt\", und der schö-\nnen Nr. 15: „Wir zittern ob des Sehers Dräu'n\", und des\nSchlusschors des ersten Theils rühmend erwähnen.\nDer herrliche, charakteristische Chor Nr. 27: „Schon\nbrausen sie daher\", wurde prächtig ausgeführt, und von\ndieser Nummer an war die Sicherheit bei allen Stimmen\nso vorzüglich, dass man die Ausführung des ganzen zwei-\nten Theiles eine glänzende Ueberwindung der vielen Schwie-\nrigkeiten nennen kann, welche der Componist in diese Par-\ntitur gelegt hat. Des vortrefflich gesungenen: „Heil Ne-\nbukadnezar!\" ist schon oben gedacht, wesshalb es um so\nmehr zu bedauern war, dass der Männerchor Nr. 42 weg-\ngelassen wurde, welcher, wenn auch nicht von lieblicher\nArt, doch um des Contrastes willen in der Folge der\nMusikstücke sehr richtig vom Componisten angebracht\nworden ist.\nDas Resultat unserer aufrichtigen Betrachtungen ist,\ndass, trotz einzelner Unvollkommenheiten in der Ausfüh-\nrung, die vereinigten zeeuw'schen Gesangkräfte den Be-\nweis geliefert haben, dass die Tonkunst hier mit wahrer\nLiebe geübt wird, und dass hier ein Geist der Eintracht\nherrscht, der auch für die Zukunft zu den schönsten Er-\nwartungen berechtigt.\nDie glückliche Besetzung derSolo-Partieen durch Frau\nOffermans van Hove und die Herren Göbbels und\nBergstein erkannte man schon in den Proben; dennoch\nübertrafen sie im Concert selbst Aller Erwartung.\nZunächst müssen wir der Frau Offermans unsere Hul-\ndigung bringen. Ist auch die Partie des Soprans vom Com-\nponisten nicht sehr reichlich bedacht, so gaben doch die\nstarken Gegensätze in dem Charakter der frommen israe-\nlitischen Jungfrau und der leichtsinnigen Chamital ihr voll-\nkommen Gelegenheit, sich als ausgezeichnete Künstlerin\nzu bewähren. Verstand sie in der Arie Nr. 9 und vor AI-\nlern am Schlüsse des Recitativs Nr. 25 eine ernste Stim-\nmung durch die schöne Harmonie zwischen Wort und\nTon zu erfegen, so war ihre Auflassung von Nr. 21: „I)u\nHeuchler, weiche von hier!\" noch genialer; mit höchster\ndramatischer Kraft, die nirgends die Gränzen des Schönen\nüberschritt, überschüttete sie den Jeremias mit ihren Ver-\nwünschungen. Bei dem: „Verderben sei dein Loos!\" er-\nlasstc uns ein kalter Schauer. Solch eine Auffassung ist\ndoch der höchste Triumph der Kunst!\nDie Alt-Partie wurde von einer Dame aus Middelburg\n• •\ngesungen. Wir schätzen es hoch, wenn diejenigen, welche\ndie Kunst nur aus Liebe zu ihr treiben, den grossen Schritt\nzu thun wagen, vor die Oeffentlichkeit zu treten, um die\nAufführung grosser Werke zu ermöglichen. Unsere Di-\nlettantin besitzt eine angenehme Stimme, die in den iVlittel-\ntönen einer grösseren Entwicklung fähig ist, und scheint\ngut musicalisch zu sein. War die bei einem ersten Auftre-\nten natürliche Befangenheit Veranlassung zu nicht ganz\nreiner Intonation, so beeilen wir uns, doch hinzuzufügen,\ndass ihr Vortrag des Duetts Nr. 24 und der Nummern im\nzweiten Theile mehr Ruhe zeigte, reiner und höchst ver-\ndienstlich zu nennen war. Als Schülerin der geschätzten\nSängerin und Gesanglehrerin Frau Anschütz-Botgortscbek\nwird sie bei fortgesetzten Studien noch manche Auffüh-\nrung zieren.\nDer Jeremias ist eine der schwierigsten Bariton-Par-\ntieen, die es in Oratorien gibt. Gross von Umfang, vielsei-\ntig durch die verschiedenen Situationen, ist die gute Auf-\nlassung derselben nicht leicht. Dabei verursacht die hohe\nLage gegen den Schluss hin dem Sänger grosse Unbe-\nquemlichkeit und erfordert eine Meisterschaft in Behand-\nlung des Organs. Herr Bergstein*) zeigte sich jedoch\nvollkommen befähigt, alle diese Schwierigkeiten glänzend\nzu überwinden. Seine klang- und umfangreiche Stimme,\nverbunden mit einer guten Schule, eignet sich ganz beson-\nders für diese Partie. Vortrefflich war seine Auffassung,\ndie in der Arie Nr. 33: „Um Juda trag' ich schweres\nLeid\", und in dem Klagelied Nr. 41 wohl die höchste\nStufe des Ausdrucks erreichte. Die Steigerung in dem Liede\nwar vortrefflich, und die Rückkehr des ersten Motivs:\n„Euch sag' ich's allen\", machte durch den Vortrag mit\nschöner mezza voce grossen Eindruck.\nWrir freuen uns ausserordentlich, Herrn Bergstein als\nSänger kennen gelernt zu haben, und sind überzeugt,\ndass der günstige Eindruck, den er hier hinterlassen, noch\nmanche Ansprüche an seine gefällige Mitwirkung hervor-\nrufen wird.\n\n*) Herr Berg stein hat sich dem Vernehmen nach in Aachen\nals Sänger und Gesanglehrer niedergelassen.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1859, "texte": "Auch HerrGöbbels hat ausgezeichnet gesungen. Die\nTenor-Partie des Werkes ist wie lür ihn geschrieben.\nGrosse Weit- hheit ist der Charakter seiner schönen Stim-\nme, und diese Eigenschaft kam dem Sänger sowohl in der\nRolle des schwachen Königs Zedekia, als in der Partie des\nfrommen Israeliten Achicam sehr zu Statten. Wenn wir\nin dem Recitativ: „Ich biete Leben dir und Freiheit!\"\n(Nr. 36) etwas mehr dramatische Kraft erwarteten, so ist\ndies auch die einzige Bemerkung, die wir uns bei dem\nedlen und gefühlvollen Vortrage der Tenor-Partie erlauben.\nMit der Erwähnung, dass das Recitativ des Heroldes:\n„Der Sohn der Sonne\" 11. s. w., auf eine Nebukadnezar's\nim besten Sinne des Wortes würdige Weise vorgetragen\nwurde, können wir unsere Betrachtungen über den ge-\nsanglichen Theil der Aufführung schliessen.\nUeber das Orchester können wir kurz sein, da das\nProgramm des Theiles uns Gelegenheit geben\nwird, mehr darüber zu sagen.\nDie Leistung des Streich-Quartetts ist sehr zu rüh-\nmen; besonders in der Begleitung war es vortrefflich. In\nden Blas-Instrumenten war die Stimmung nicht frei von\nMängeln; im ersten Theile gab es manche Unfälle. Der\nPauker schlug sein Solo sehr gut; weniger glücklich wurde\ndas Violin-Solo ausgeführt. Die Posaunen, die in dem\nmajestätischen Anfange des Oratoriums eine wirkungsvolle\nKraft entwickelten, hätten nachher dem Chor, der hier\nnicht nach Hunderten gezählt werden konnte, gegenüber\nwohl etwas sanfter zu Werke gehen mögen.\nMit den genommenen Tempi sind wir bis auf eine\nkleine Abweichung mit dem Fest-Dirigenten einverstan-\nden: etwas mehr Bestimmtheit beim Anfange einiger\no o\nschnellen Chöre würde ein kräftigeres Ineinandergreifen\nzur Folge gehabt haben. Schliesslich können wir nicht\nunterlassen, dem Herrn Ceulen die Anerkennung zu zol-\nlen, die seine umsichtige und geschickte Leitung so sehr\nverdient.\n\nRichard Hol."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-07-13-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-07-13_01#c004", "volume": "bmtnabi_1861-07-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "223", "page_fin": "224", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.7", "debut_caractere": 1861, "fin_caractere_exclue": 6263, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolfll, 10. Juli. Unsere musicalischen Institute haben durch\ndie Anstellung von zwei höchst ausgezeichneten Tonkünstlern eine\nwesentliche Bereicherung erfahren. Durch die vereinigten Bemühun-\ngen hiesiger Kunstfreunde ist es gelungen, den Violoncell-Virtuosen\nAlexander Schmidt aus Moskau zu gewinnen, welcher letzten\nWinter auf einem der Gürzenich-Concerte einen so ausserordentlichen\nErfolg hatte, und der jedenfalls zu den hervorragendsten Künstlern\nauf seinem Instrumente gehört. An der Stelle des Herrn Brambach,\nder als Musik-Director nach Bonn gekommen, hat man Herrn Isi-\ndor Seiss aus Dresden hieher berufen, dessen vortreffliches Cla-\nvierspiel vor einigen Monaten die kunstverständigen Zuhörer der\nmusicalischen Gesellschaft wahrhaft enthusiasmirte. Beide jungen\nKünstler werden im Herbste hier eintreffen und ihre Wirksamkeit\nbeginnen.\nOper und Ballet der k. Bühnen in Berlin 1860—1E61.\nDie Gesammtzahl der vom 2. August 1860 bis zum 28. Juni 1861\ndeutsch gegebenen Vorstellungen betrug 438, die sich folgender Ge-\nstalt eintheilen: Trauerspiel 77, Drama 6, Schauspiel 84, Lustspiel\n154,' Posse 9, ernste Oper 108, komische Oper 20, Singspiel 5, Ballet\n86. Geschlossen waren die k. Theater 29 Tage, theils wegen Able-\nbens des Königs Friedrich Wilhelm IV. und der Kaiserin-Mutter von\nKussland, theils der Charwoche, des Busstages und des Königs-\nSterbetages wegen; den übrigen Schliessungen mangelte ein haltba-\nrer Grund. Die italienische Operngesellschaft unter Leitung des\nHerrn Eugenio Merelli, bestehend aus den Damen Lorini Ma-\nria ni, ZeliaTrebelli, Maria Brunnetti, Bella Incli (ging\nwährend der Saison nach America ab), den Herren Giacomo Gal-\nvani, Malagola, Tartini, Luisa, Mauro Zacchi, Fiora-\nvanti, Ciampi, Capellmeister Orsini, gab vom 1. Oct. 1860 bis\n1. Jan. 1861 41 Vorstellungen. Die Componisten waren in ibren Werken\nalso vertreten: Bellini: „Norma* 2 Mal; Gimarosa: ~Die heimliche\nEhe\" 1 Mal; Donizetti: „Don Pasquale\" 1 Mal, „Linda von Chamounixu\n1 Mal, „Lucrezia Borgia\" 2 Mal; Rossini: „Tancred\" 2 Mal, „Mathilde\nvon Shabran\" 2 Mal, „Die Italienerin in Algier\" 2 Mal, „Der Barbier\nvon Sevilla\" 7 Mal, „Semiramis\" 12 Mal; Verdi: ..Rigoletto\" 2 Mal,\n„Trovatore\" 2 Mal, „La Traviata\", „Violetta\" 4 Mal. Eine Vorstel-\nlung war aus Scenen verschiedener Opern zusammengesetzt. Gast:\nSignor Faure 1 Mal. In der deutschen Oper kamen vor: Auber\n14, Bellini 5, Beethoven 5, Cherubini 1, Donizetti 13, Dorn 2, Flo-\ntow 1, Gluck 6, Halevy 3, Isouard 3, Lachner 3, Marschner 4,\nl, Meyerbeer 1, Mozart 17, Nicolai 2, Offenbach 3, Rossini\n2, G. Schmidt 1, Schneider 1, Spontini 3, Taubert 3, Verdi 5,\nWagner 8, Weber 12 Mal. Im Ballet: Hoguet 6, Perrot 3, Paul\nTaglioni 75, St. Georges 2. Die Novitäten und Neu-Inscenesetzun-\ngen waren in der Oper: Keine Neuigkeit. Neu einstudirt 2 Opern\n(„Catharina Cornaro\", „Vestalin\"). Plötzliche Abbestellung der Hul-\ndigungs-Feierlichkeiten unterdrückte Spontini's „Nurmahal\". Im\nBallet: Ein Ballet, „Ellinor\" oder „Träumen und Erwachen\", von\nPaul Taglioni. Neu einstudirt nichts. In der Oper fand 1 er-\nster theatralischer Versuch des Fräul Fliess und 1 Debüt des Herrn\nSchäfer Statt. Gastspiele kamen 8 (an 28 Abenden) vor: FrÜul.\nMayer höfer 6 Mal, Fräul. Baldamus 1 Mal, Frau Miolan-\nCarvalho 6 Mal, Frau Cash 3 Mal, Fräul. Lucca 3 Mal, Fräul.\nSchubert 2 Mal, Fräul. La Grua 6 Mal, Herr Fischer 1 Mal.\nFrau Cash (wieder abgegangen), Fräul. Lucca, Herr\nRöhn, Herr Schäfer (Anfänger), Herr Fischer. Im Ballet\nfand 1 Gastspiel (an 3 Abenden) Statt: Fräul. Freitag aus War-\nschau. In der Capelle neu engagirt: Herr Willner (Hornist).\nDer durch seine Leistungen auf musicalisch-pädagogischem Ge-\nbiete bekannte Musiklehrer Julius Knorr in Leipzig ist am 17.\nJuni gestorben. Er war mit R. Schumann nahe befreundet und hat\nmit diesem gemeinschaftlich den ersten Jahrgang der rNeuen Zeit-\nschrift\" redigirt. Auch soll nach einer biographischen Notiz der\neben genannten Zeitung Knorr es gewesen sein, der Chopin in\nDeutschland einführte, und zwar in einem Gewandhaus-Concerte in\nLeipzig, wo er dessen Variationen Op. 2 vortrug.\nÄassel. Sicherem Vernehmen nach wird als Fest-Vorstellung\nzum Allerhöchsten Geburtstage Sr. Königlichen Hoheit des Kurfür-\nsten die romantische Oper rOtto der Schütz\", Musik von Hof-Ca-\npellmeister Karl lieiss, Text von E. zur Aufführung kom-\nmen, und haben die Proben bereits begonnen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3565, "texte": "Es war neulich in diesen Blättern von der Oper „Macbeth** von\nVerdi die Rede (in Nr. 24 unter Wien, wobei zu berichtigen,\ndass Macbeth keine neue, sondern eine ältere Oper Verdi's ist); jetzt\nhören wir aber von Paris aus von einer noch ärgeren Zurechtma-\nchung eines Drama's von Shakespeare zum Operntexte Herr Ambr.\nThomas arbeitet bereits seit längerer Zeit an nichts Geringerem\nals an einer vieractigen Oper „Hamlet\", welches Drama die Herren\nJules Barbier und Michel ihm erobert und veropert\nhaben! Wo wird man doch noch die Opernstoffe hernehmen! Doch\nwie? Das neue Gebäude des Thedtre lyrique wird zum Winter fer-\ntig und mit einer neuen Oper von Haldvy und St. Georges,\n„Noah\" geheissen, eingeweiht werden. Nun, da haben wir's! Schnee,\nSturm und Gewitter das ist oft genug da gewesen: aber die\nSiindfluth auf der Bühne, d. h. die wirkliche, nicht die musica-\nlische, das ist wahrlich neu !\nDie belgische Regierung hat Herrn Fetis, Director des könig-\nlichen Conservatoriums in Brüssel, beauftragt, für die bevorstehen-\nden September-Feste ein grosses Musikfest zu veranstalten. Dasselbe\nsoll aus zwei Concerten bestehen; in dem ersten sollen eine Sinfonie\nvon Beethoven und Bruchstücke aus den vorzüglichsten Oratorien\nHändel's zur Aufführung kommen. Das zweite Concert wird vorzugs-\nweise den Solo-Vorträgen der Herren Vieuxtemps, Servais und Lem-\nmens gewidmet sein. Die grosse Orgel, zu deren Erbauung die Ko-\nsten von dem Staate, der Pi*ovinz und der Gemeinde gemeinschaft-\nlich beigesteuert wurden, wird bei dieser Gelegenheit eingeweiht\nwerden. Man wird einen Chor von 180 Sängern uud ein Orchester\nvon 120 Künstlern vereinigen.\n• ,\nWer hätte gedacht, dass Körner's und C. M. von\nWeber's „Wilde Jagd Lützow's\", mit welcher die Preussen die\nFranzosen 1813 aus Deutschland trieben, im Jahre 1861, unter der\nglorreichen Regierung eines Napoleon, hier im Cirque Napoleon von\n1500 pariser Sängern gesungen und von Tausenden von Zuhörern\njedes Mal bis verlangt werden würde? Und doch ist dem also;\n„Les Noirs Chasseursu von Weber haben schon bei zwei Sänger-\nConcerten hier diese Ehre gehabt. Freilich ist der Text französirt\nworden.\nfest «Sie Meißen\nDer Tonkünstler-Verein zu Dresden, welcher sich zunächst\ndie Pflege und Ausführung von Tonwerken für Kammermusik zur\nAufgabe stellt, hat auf Antrag seines derzeitigen Vorsitzenden be-\nschlossen, jedes noch nicht in Druck erschienene und als Manuscript\nan den von ihm veranstalteten Öffentlichen Productions-Abenden zur\nAufführung gelangende, unten näher bezeichnete Tonwerk eines le-\nbenden Componisten mit zwei Friedrichsd'or, und zwar nach der\njedesmaligen ersten Aufführung, zu honoriren, wobei das liigenthums-\nrecht des betreffenden Componisten auf das strengste gewahrt blei-\nben soll, und der Tonkünstler-Verein nur beansprucht, das Werk für\nseine Bibliothek, ohne jede Weiterverbreitung seinerseits, copiren zu\ndürfen. An die Herren Componisten ergeht daher die Aufforderung,\nCompositionen 1) für Blas-lnstrumente allein, von sechs- bis zu drei-\nzehnstimmiger Besetzung, 2) für Bias-Instrumente in Verbindung\nmit Saiten-Instrumenten, in gleicher Besetzung wie vorher, oder 3)\nfür Blas- und Saiten-Instrumente in Verbindung mit Pianoforte, un-\nter der Adresse: Julius Rühlinann, Vorsitzender des Tonkünst-\nler-Vereins zu Dresden, Georgenstrasse Nr. 4, einsenden zu wollen.\nUeber die Zulässigkeit derartiger Tonwerke zur Aufführung an den\nProductions-Abenden entscheiden sämmtliche anwesende Mitglie-\nder des Tonkünstler-Vereins bei den vorausgehenden Uebungs-Aben-\nden durch einlache Stimmenmehrheit."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "217", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nKarl Fiiedrich Zelter. 11. Das sechste seelandische Musikfest in Holland. (Aufführung des Oratoriums ..Die Zer-\nstörung von Jerusalem* von F. Hiller.) Von Richard Hol. Tages- und Unterh al tun gs blatt (Köln, Herr Alexander Schmidt aus\nMoskau, Herr Isidor Seiss aus Dresden Oper und Ballet der k. Bühnen in Berlin IBGO —lB6l Julius Knorr f Kassel, ..Otto der\nSchütz-', Oper von Karl Reiss Brüssel, Musikfest Aufforderung an die Herren Componisten).\n\nKarl Friedrich Zelter.\nII.\n(I. s Nr. 27.)\nWie schwer es für den Mann gewesen, der in seinen\nreifen Jahren von seinem Könige und dessen hohen Umge-\nbungen so geehrt wurde, wie wir (in voriger Nummer)\ngelesen, sich durch das Handwerk, dessen gröbste Hand-\ntirungen ihm nicht erspart wurden, zur Tonkunst durch-\nzuarbeiten, davon nur Eine Probe. Zelter erzählt (S. 47\nu. s. w.):\n„Der Frühling d*s Jahres 1776 war gekommen, und\nich sollte, leider! nun wieder mauern. In Berlin wurde ein\nneues königliches Cadeltenhaus gebaut, daran sollte ich\narbeiten. Mein Vater übergab mich einem anderen, sehr\ngeschickten Lehrmeister, Namens Lemmius; hier sollte ich\ndas letzte Lehrjahr bestehen und das Versäumte nachholen.\n»Die erste Bekanntschaft, welche ich hier machte, wa-\nren die Hautboisten des Cadettencorps, welche ganz un-\nwissende Leute waren; jedoch ich nahm mit ihnen und\nsie auch mit mir fürlieb, denn am Ende war ich doch\n\\\nnichts als ein Maurerbursche. Lemmius war in seiner Art\nein gebildeter Mann zu nennen; er war klug, kalt und\nwusste sich zu helfen, um allenfalls für etwas mehr zu\ngelten; auch gab es in seiner Zeit noch mehrere Hand-\nwerker dieser Art.——-\n„Mein Lehrmeister war nicht unmusicalisch, denn er\nspielte etwas Violine und Violoncell, und wenn Sonntags\nnoch einige Freunde dazu kamen, so kam in den Winter-\ntagen ein kleines Concert hei ihm zusammen, wobei auch\nich thätig war, indem ich bald den Flügel, bald die Vio-\nline, Flöte, und was eben erfordert wurde, übernahm und\nhier gleichsam den Meister des Meisters spielte.\n„Da ich schon componirte, so wurden meine Versuche\nhier ans Licht gezogen und, wie sie nun gegen andere be-\nliebte Stücke ausfielen, belächelt oder belobt. Damit ich\nmir aber auch hier nicht zu viel zu Gute that, so hatte\nLemmius meinen Violinmeister Schulz, welcher die Com-\nposition recht gut verstand, mit in sein Haus gezogen,\nwesshalb ich mich denn nicht mausig machte, weil Schulz\nmir die Fehler laut und derb verwies.\n„Zu diesen vielen Lustbarkeiten gehörte noch das\nMontags-Concert im Brunow'schen Garten, wo man Sin-\nfonieen, Concerte und italiänische Opern-Arien (welche\nletztere auf der Oboe geblasen wurden) hörte. Ein Jude,\nNamens Levin, führte dieses Concert nicht ungeschickt an,\nwas in einer rauschenden Gesellschaft, im Nebel unzähli-\nger Tabakspfeifen r.icht leicht sein mochte. Was hier meine\nAufmerksamkeit zuerst auf sich zog, war der Paukenschlä-\nger Froloff. Dieser schlanke, lange Mann wusste durch\neine sinnreiche Führung der Schlägel, welche er an bei-\nden Enden gebrauchte, ein interessantes Spiel für Alt und\nJung zu veranstalten und mir einen ganz besonderen Re-\nspect gegen ein Paukenpaar abzugewinnen. Ich wüsste\nkaum zu sagen, ob seit all der Zeil eine Paukenmusik noch\nzu einem ähnlichen Antheil mich bewegt hätte. Ueber\neinen ruhigen Wirbel als Grundton lloss ein sanftes, me-\nlodisches esen daher, das man zu verstehen glaubte.\nDurch eine Unzahl Kurven, welche sein Schlägel vom\nCentro nach der Peripherie und zurück beschrieb, entstan-\nden Tonleitern nach oben und unten, denen er durch An-\nwachsen und Zunehmen eine modulatorische Haltung: zu\n©\ngeben wusste. Ungeachtet einer Menge von Künsteleien,\nwomit er Frauen und Kinder ergötzte, indem während des\nSpiels die Schlägel in die Luft geworfen und aufgefangen\nwurden, war ihm die seltene Eigenschaft natürlich, dass\ner, die Umstehenden im Auge, zu schliessen wusste, wenn\ner sein Höchstes erreicht hatte.\n„Unterdessen hatte ich nun eine gute Zeit lang auf-\nmerksam gemauert, ich möchte sagen: mit Lust, so lange\nnämlich neue Fälle meine Erfahrungen bereicherten; auch\nsah ich hin und wieder neben mir kräftige Leute tüchli»"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "218", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.2", "texte": "arbeiten, und konnte an diesen sogar ein freies, geniales\nWesen auch im Handwerk bemerken, wogegen den mei-\nsten dieser Leute die Arbeit blutsauer ward, ihr ganzes\nKommen und Gehen, ja, ihr Essen und ihre Freude schlep-\npend und träge erschien.\n„Völlig unausstehlich und gemein aber war mir das\nVerderben der Hände und Füsse durch das ewige Wüh-\nlen und Treten unter Schutt und Steinen, Kalk und lauter\nätzenden Sachen, die mich um so empfindlicher angingen,\nwenn nasse Witterung oder Kälte die Gliedmaassen steil\nmachte. Unter solchen Umständen waren mir denn Ar-\nbeiten, welche dem Körper grosse Bewegungen gaben, die\nliebsten. Wenn es etwas zu graben, zu laufen, zu schlep-\npen gab, war ich gern dabei, und wohin Keiner wollte,\nbot ich mich an. Indessen ward ich bald gewahr, dass\nmeine Mitarbeiter in solchen Fällen darauf rechneten, mir\naufzutragen, was sie nicht gern thun wollten, und da liess\nich mich denn weniger willig finden und hatte oft die\ntödlichste Langeweile, wenn ich bedachte, wie viel lieber\nund besser ich mich bei der Musik, als beim Mauern aus-\nnehmen müsse. Ich fühlte hier recht tief und schmerzhaft\ndas Glück derjenigen, welche mit einem Talente unter be-\ngünstigenden Umständen in die Welt treten. Wäre mein\nVater ein Tonkünstler oder ich mit einem Talente zur Ar-\nchitektur begabt gewesen, so hätte meinem Glücke bei so\ntrefflichen Eltern nichts gefehlt, da ich hingegen ein so\ntrauriges Leben führte. Unter meinen Mitschülern im\nGymnasio oder beim Stadtpfeifer war ich munter, auf-\ngelegt zu freien Ausbrüchen des Geistes; hier unter diesen\nLeuten war ich traurig, ohne Leben, Witz, Heiterkeit.\nOft habe ich zu Gott gebetet, dass er mir mein musicali-\nsches Talent in ein architektonisches verwandeln möchte,\num meinem geliebten Vater frei und fröhlich unter die\nAugen treten zu können; zuletzt glaubte ich, es müsse so\nsein, und ergab mich, bis dann wieder einmal meine all-\nmächtige Liebe zur Musik mich packte und alles gewalt-\nsam aus einander riss, was die Resignation mühsam er-\nbaut hatte.\"\nIm Jahre 1782 hatte der junge Zelter eine Kirchen-\nmusik zur Einweihung der Orgel in der St.-Georgen-\nKirche in Berlin componirt und brachte sie auch nach\nvielen Mühen und äusseren Hindernissen zur Aufführung.\nEr schreibt darüber:\n„Der Morgen fand mich gerüstet. Mein erster Gang\nwar zum Cantor, der mir nicht ohne Heftigkeit sagte:\no H\ner habe noch keinen einzigen Text verkauft. [Er hatte\nauf Zelter's Verlangen 1800 Stück drucken lassen.] Ich\nstand an der Kirchthür und sah die Leute hereinströmen,\nund zu meiner Freude viele alte Musiker und endlich den\nalten Marpurg, der mich sehr munter und freundlich\ngrüsste. Als ich diesen gesehen hatte, ging ich an mein\nAmt, verlheilte die Stimmen, als meine Freunde, die Mu-\nsiker, sich nach und nach ansammelten und mich grüssten.\nDie Trompeter und Pauker waren die devotesten, und so\nging es nach und nach etwas kälter hinauf bis zu den er-\nsten Violinisten und Sängern, in deren Händen das Schick-\nsal eines angehenden Componisten liegt. Meine Musik be-\ngann. Noch tönen die herrlichen Trompeten in meinen\nOhren. Alles lös'te sich zu meiner Zufriedenheit auf, in-\ndem Alles vor mir abging, ja, abfiel, wie eine leichte\nDecke. Besonders gefiel meine Orgel-Arie, welche mir\ndoppeltes Vergnügen brachte, weil ich sie selber spielte.\nNach der Musik ward ich von allen Musikern aufs freund-\nschaftlichste angesehen. Georg umarmte mich kräftig und\ngerührt; seine Gehülfen und Lehrlinge sahen in einiger\nEntfernung meiner Erhebung zu; ich war glücklich. Nach\nder Musik ward ich von der Cantorin förmlich zu Tische\ngebeten; bei Tische ward von mir gesprochen, und der\nCantor legte etwas von seiner Würde bei Seite, indem er\nsagte: er wünschte, dass er mir gefolgt wäre; er habe\nalle seine Texte verkauft, und nun nach der Musik schick-\nten die Leute noch immer nach Texten.\n„Ich war über allen Ausdruck glücklich und ward es\nimmer mehr. Am anderen Morgen erhielt ich ein Schrei-\nben mit fingerlangen Buchstaben von Herrn Marpurg,\nworin er mich auf das freundschaftlichste anzufeuern\nsuchte, die Ordnung meiner Composition lobte u. dgl.\n„Ich fasste nun den Entschluss, den ordentlichen Cur-\nsus der Harmonie bei Fasch zu lernen. Fasch verlangte\nerst etwas von meiner Arbeit zu sehen; so ging ich hin\nund zeigte eine Sinfonie und eine Sonate vor, welche Fasch\ndurchsah; ich ward angenommen, und nun ging ich zu\nFasch in die Lehre. Als ich hier angefangen hatte, schickte\nKirn berger zu mir und liess mich rufen. Ich kam; er\nkannte mich schon, wie ich ihn. „ „Sie haben ja\"\", sagte\ner, „ „eine Kirchenmusik gemacht, die ich so rühmen höre;\nlassen Sie mich doch diese sehen. Wo haben Sie denn ge-\nlernt?\"\" lch antwortete: „„Ich habe nirgends und so\nviel als nichts gelernt; erst seit Kurzem ist Herr Fasch so\ngütig, mich durch seinen Unterricht zu beglücken.\"\"\n„ „Nun,\"\" sagte er, „ „wenn Sie das lernen wollen, was\ner kann, so haben Sie alle Hände voll zu thun. Den Con-\ntrapunkt versteht er ordentlich; seine Canons sind gewiss\ngut, und dabei hat er einen guten, ja, einen feinen Ge-\nschmack. Sebastian's Sachen habe ich von Keinem besser\nspielen hören, und des Hamburgers Sachen spielt er noch\nbesser. Was mir nicht an ihm gefällt, ist, dass er Allen\nAlles recht machen will.\"\"\n„Ich trug meine Musik zu Kirnberger; er las erst den\nText, welchen er kannte. Als er das Ganze durchgegangen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.3", "texte": "war, sagte er: „ „Ei, das mag wohl recht stark klingen.\"\"\nIch bat ihn, mir seine Meinung nicht zu verhehlen; ich sei\nüberzeugt, noch weit zurück zu sein, doch voll des besten\nWillens, empor zu kommen; und was er mir sagen werde,\nsolle mir ein Evangelium sein; ich wolle gern auf den\nGrund, die Wahrheit ginge mir über Alles.\n„ „Wahrheit!\"\" sagte er, „ „das schwere Wort reden\nSie so hin, als ob Sie längst vvüssten, was Wahrheit ist.\nFreilich wissen sie alle es; was sie gern hören, ist ihnen\nauch Wahrheit; man darf ihnen nur schmeicheln, und\nman kann ihnen weis machen, was man will; und dann\ngehen sie von Haus zu Haus und erzählen, was Kirnber-\nger gesagt hat. Ihre Musik, junger Herr, muss wohl klin-\ngen, ja, schallen, knallen muss sie; aber wenn ich nun\nhinzusetze, dass sie nicht singt, nicht andächtig, heilig,\nkirchlich, dagegen aber weltlich, leidenschaftlich und frech\nist,—ist das auch wahr? —sprechen Sie!\"\" „ „Wenn\nSie es sagen, Herr Kirnberger, ist es gewiss wahr.\"\"\n„ „Sie haben also\"\", fuhr er fort, „ „das Beste ausgelas-\nsen ; so gut macht es jeder Anfänger, und so hört jeder\nPfuscher auf; denn was für Kunst kann darin sein, im\nSchweisse des Angesichts Noten so oft auf einander zu\npassen, bis sie harmoniren? und wenn Sie nichts Besseres\nwerden wollen, als ein solcher Hucker und Drucker, so\nbleiben Sie bei der Kelle.\"\" Der Schmerz, den ich bei\ndieser harten Rede empfand, war so überwältigend, dass\nes Kirnberger merkte und sagte: „„Dies scheint Ihnen\nwehe zu thun, und Sie nehmen es gewiss übel; das mögen\nSie nur thun; und wenn Sie desswegen von Ihrer Compo-\nnirerei ablassen, so habe ich gewiss zu Ihrem Heile beige-\ntragen. Es gibt nichts Erbarmungsvolleres, als einen ge-\nmeinen Künstler, deren so viele sind, dagegen ein gemeiner\nHandwerker immer eine würdige Person bleibt, sobald es\nihm bei geringer Fähigkeit nur Ernst ist.\"\"\n„ „Was müsste ich denn aber thun,\"\" sagte ich, „ „da\nich doch einmal den Trieb und die Lust habe, etwas Mu-\nsicalisches zu leisten?\"\" „ „So sprechen Alle!\"\" antwor-\ntete er; „ „noch habe ich keinen gesehen, der nicht seine\nersten Aulwallungen für Beruf, ja, für Genie gehalten\nhätte. Es hat sich mit dem Genie! Genie ist etwas Ande-\nres, als ihr jungen Herren glaubt. Da läuft eine Herde\nvon Genie's herum, die das Brod nicht werth sind, das\nsie essen. Glauben Sie mir, junger Freund, die Natur ist\nnur auf die Natur angewiesen; was nicht zu ihr gehört,\nkann sie nicht ernähren; was ist denn also ein Musicus\nohne Naturel? ein Sänger ohne Stimme? und davon ist\ndie Welt voll.—Erst fangen sie an, Liedchen, Sonatchen,\nSinfoniechen, Cantatchen, Alles so niedlich, artig anzufer-\ntigen, dass ihren Eltern oder ihren Mädchen das Wasser\nim Munde zusammenläuft, und nun denken sie, sie hätten's,\nund des Genie's ist kein Ende, bis man zuletzt ein Mann,\nein Vater und ein Stümper ist. Soll man nun einem Men-\nschen rathen, ein Künstler zu werden? Die Musik ist die\ngefährlichste von allen Künsten für den Künstler; das Beste,\nwas er leisten kann, kommt so leicht und harmlos hervor,\ndass Jeder es für sein eigen hält und Keinem dabei der\nhimmlische Geist einfällt und die unsägliche Mühe, den\nTon sicher zu finden, der in eines Menschen Herz dringt.\nDie Welt nimmt es hin, wie die Blätter und Früchte des\nBaumes, wie das Licht des Tages, weil sich das von selber\nversteht, und wer wird seinem Gotte für solche gemeine\nDinge danken? Da will man denn Ausserordentliches lei-\nsten, es muss auffallend sein; da müssen denn die Trom-\npeten heran, und des Gepaukes ist kein Ende.\n„ „So, mein junger Freund, ist es mit dieser Musik,\nund Papa und Mama denken gewiss, das sei ganz was Er-\nstaunliches; aber haben Sie schon einen Choral vierstim-\nmig setzen lernen? Sie fangen an bei dem Zwecke, womit\nwollen Sie enden? Ich habe noch keinen gesehen, der\nglücklich um die Schule herumgekommen ist; sie brechen\nalle den Hals. Sie wollen ein Handwerk treiben und eine\nKunst auch; wissen Sie, was das heisst?—Ich habe mein\nLeben lang nichts als Musik gemacht, und glaube, was zu\nkönnen, und lebenslang gepfuscht; denn wenn ich grosse\nMeister betrachte, komme ich mir vor wie ein verlorener\nMensch; ich weiss mich vor Traurigkeit nicht zu lassen.\nSie wollen Häuser bauen und nebenher componiren; oder\nwollen Sie componiren und nebenher Häuser bauen?\"\"\n„Das Gespräch wirkte zerschmetternd. Meine Kirchen-\nmusik war mir zum Ekel geworden, und ich fand in allen\nWinkeln Fehler, die ich mir nicht erklären konnte. Klagen\nkonnte ich Keinem; die meisten meiner Bekannten waren\nkalt, ich hatte sie für neidisch gehalten, und ich würde\nvor Scham gestorben sein, wenn mein Vater oder einer\nvon ihnen Ivirnberger's Sermon gewusst hätte. Seine Schü-\nlerin, die Prinzessin Amalia, Schwester Friedrich s des\nGrossen, liess mich rufen und verlangte, dass ich auf ihrer\nOrgel spielen solle. Ohne Vorbereitung und Vorrede setzte\nich m-ich hin und spielte. Als ich lange noch nicht fertig\nwar, sagte die Prinzessin: „ „Hör' Er mal! Hör' Er man\nauf! Er kann ja nischt! Da reden die Menschen von Genie!\ndas ist ja nischt! Geh' Er man zu Kirnbergern, der wird\nIhm schon sagen, wo's Ihm sitzt; denn was Er da macht,\nis alles nischt nutze!\"\"\n„Wo mich nun diese gute Prinzessin hinschicken\nwollte, da war ich schon gewesen, und diese doppelte De-\nmülhigung würde mich umgebracht haben, wenn ich vor\nLeichtsinn, und was sonst der Jugend beiwohnt, an etwas\nAnderes gedacht hälte, als es besser zu machen. Auch\nwar icb in der That nicht der Meinung, etwas Besonderes\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "220", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.4", "texte": "geleistet zu haben; indessen wurde diese nämliche Musik\nbei anderer Gelegenheit, wozu 13urmann einen neuen\nText unterlegte, mehrmals wieder aufgeführt, iiier hörte\nsie der wohlbekannte Capellmeister Schulz, der mir dar-\nüber manches Belehrende sagte, was mich wieder er-\nmunterte.\n„Zufällig sprach ich später einen von Kirnberger's\nSchülern, der in meiner Kirchenmusik milgesungen halte.\nEr lobte meine Musik und sagte inir, Kirnberger halte\netwas auf mich. Ich konnte meine Verwunderung nicht\nverbergen und setzte ihm entgegen, dass ich dies besser\nwisse.— „„Wie?** sagteer, „ „Sie haben ihm ja Ihre\nMusik selber gebracht, und er hat mir davon gesagt, dass\ner bei einem so jungen Menschen weder den Ernst noch\ndie Kühnheit gesucht hätte.\"\" „„Hat er Ihnen dies\nwirklich gesagt?\"\" fragte ich. Er wiederholte mir diese\nWorte. Nun erzählte ich ihm treu, wie mir Kirnberger\nalles Componiren auf Lebenszeit verleidet hätte; seit der\nZeit hätte ich keine Lust, eine Note zu schreiben. „ „Das\nist\"\", versetzte er, „„nichts Ungewöhnliches bei ihm; je\nbesser man es ihm macht, desto unleidlicher wird er, und\neigentlich lobt er nur die, von denen er nichts hofft, be-\nkümmert sich wenig um sie und sagt dann, sie hätten's\nschön gemacht.\"\"\n„Diese Rede gab mir meine ganze Lebenskraft wieder.\n„Wenn ich über diesen ersten Versuch hier ausführ-\nlicher gewesen bin, als es meine Schularbeit verdient, so\ndarf ich hinzusetzen, dass ich ihn ganz vergessen hätte,\nwenn nicht der sehr geschickte und bekannte Musik-Di-\nrector Schicht in Leipzig diese Musik ohne mein Wissen\nsich anzuschaffen gewusst hätte, der sie mir dann vor eini-\ngen Jahren bei meiner Anwesenheit in Leipzig, also nach\nvierzig Jahren, vorzeigte. Der nächste Vortheil, den ich\nnun von dieser Musik hatte, bestand darin, ein Ganzes ge-\nfertigt zu haben, dessen Ueberblick mir die Einsicht gab,\nwas mir fehlte.\"\nDiese wenigen Auszüge werden gewiss genügen, auf\ndas interessante Buch aufmerksam zu machen, welches vor\nden Mode-Biographieen in romanhafter Ausschmückung\nden grossen \\ orzug der Wahrheit hat, und vor anderen\nauch den, dass man es lieber länger als kürzer wünschte.\nSchliessen wir hier noch einige Stellen aus dem Nach-\nrufe an, den L. Rellstab Zelter'n widmete.\n„Berlin, 15. Mai 1832.\n„Diesen Morgen vor 6 Uhr entschlief hierselbst nach\nxierzehntägigem, grossentheils sehr schmerzlichem Kran-\nkenlager der würdige Veteran der Kunst Karl Fried-\nrich Zelter. Das äusserliche Leben dieses bedeutenden\nMannes lässt sich in wenigen \\\\ orten zusammenfassen\nu. s. w. Viel bedeutender ist jedoch die innere Lebens-\ngeschichte dieses seltenen, höchst eigentümlichen Mannes;\nallein sie bietet eine ungleich grössere Aufgabe, als der\nZweck und der Raum dieser Blätter zu lösen gestattet. Von\nwarmer Verehrung für das Schöne in jeder Gestalt durch-\ndrungen, lebte Zelter im vertrauten Umgänge mit den aus-\ngezeichnetsten Künstlern des Zeitalters. Die nahe Ver-\nschvvisterung der Musik mit der Dichtkunst knüpfte ein\nBand der Freundschaft zwischen ihm und den beiden gröss-\nten deutschen Dichtern. Schiller schied früh aus diesem\nschönen Bunde ab; Göthe und Zelter blieben bis an ihre\nletzten Tage die innigsten Freunde. Das Dahingehen des\nDichtergreises wirkte so erschütternd auf den Zurückblei-\nbenden, es raubte ihm so das kostbarste Gut, welches die\nErde für ihn besass, dass von jenem Tage an auch er das\nVorgefühl des Todes in sich zu tragen schien. Er fühlte\ndeutlich, dass diese Welt ihm zu wenig mehr biete, um\nihr noch lange angehören zu können. Eine weiche, dem\nfesten, freudigen Charakter Zelter's sonst fremde Stimmung\nwaltete in ihm vor. Es zog ihn mächtig dem Freunde nach.\nEin wehmülhiges, aber dennoch erhebendes Gefühl ergreift\nuns, wenn wir sehen, wie die äussere Natur auf diese Weise\nder Seele einen traurigen Gehorsam leistet. Der Todte\nfand, und häufig auch nicht mit Unrecht, entschiedene\nGegnerschaft in seinem Wirken. Wie man aber auch von\ndem Würdigen denken möge, den wir betrauern, die An-\nerkennung muss ihm Jeder zollen, dass er mit heiligem\nEifer für das Edle in der Kunst gewirkt hat, dass er der\nfesteste Damm gegen ihre leichtsinnige Ausartung war, dass\ner, unablässig in seiner Thätigkeit, unermüdlich in der Aus-\ndauer, mit seinen Gaben und Mitteln den möglichsten Grad\nder Erfolge errang. Selbst die Besonderheit der Tüchti-\ngen darf Achtung verlangen. Hätten wir dem Todten eine\nGrabschrift zu setzen, so würden wir die Zeilen des Dich-\nters, den er so hoch verehrte, wählen:\n\\\nrDenn Recht bat jeder eigene Charakter!\n„Berlin, 18. Mai 1832.\n„Diesen Morgen wurden Zelter's sterbliche Ueberreste\nin ernster, aber erhebender Feier bestattet. Um 6 Uhr hat-\nten sich im Saale der Sing-Akademie die sämmtlichen Mit-\nglieder u. s. w. versammelt. Ein schöner Zug war es, dass\ndas löbliche Maurergewerk sich der Bestattung angeschlos-\nsen hatte. Auch ein fürstlicher kunstsinniger Freund (Fürst\nRadziwill, der Componist des Faust) ehrte das Gedächtniss\ndes Todten durch seine Gegenwart. Inmitten des Saales\nstand der Sarg, zu Füssen mit einer Leier, zu Häupten mit\neinem Lorberkranze geschmückt. Blumen bildeten eine\nfreundliche Umgebung, aus der sich fünf Postamente mit\nBüsten erhoben. Die mittlere war die des Verstorbenen\nselbst, zur Rechten stand die seiner Gattin, zur Linken die\nseines grossen, ihm kurz vorangegangenen Freundes, so"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.5", "texte": "dass er von denen, die ihm im Loben die Thcuerslen ce-\nvvesen, zunächst umgeben war. An den Leiden äussersten\nEnden waren rasch und SebaMian Bach als diejenigen\ngrossen Künstler aufgestellt, denen der Verstorbene die\nHauptrichtung seines Lebens verdankte. Ein von dem «an-\nzen Chor der Sing-Akademie ernst angestimmter Choral:\n„ „Wen hab' ich sonst, als Dich allein!\" * begann die Feier.\nHiernächst sprach Schleiermacher eine kurze, aber iiihalt-\nreiche Bede, in welcher er mit wenigen Zügen das be-\ndeutsame Leben des Verstorbenen entwarf und namentlich\ndessen letzte Lebens-Augenblicke, in denen sich gewisser\nMaassen die Summe seiner Bestrebungen als End-Besultat\nzusammendrängte, auf ergreifende Weise berührte. Nach\ndem Schlüsse der Bede sang der Chorden Choral: „ „Wenn\nich einmal soll scheiden\"\". Hierauf wurde der Sarg hinab-\ngetragen, und der Zug ordnete sich: zunächst hinter den\nVerwandten als ältester Vorsteher der Sing-Akademie Ge-\nheimerath Köhler, als Director der Akademie der Künste\nProfessor Schadow, als Bector der Universität Professor\nMarheinecke, und als ältester Meister des Maurergewerkes\nder Maurermeister Einsiedler. Das schönste Frühlingswet-\nter verlieh der ernsten Feier eine rührende Milde. Auf dem\nKirchhofe stimmte nach dreimaligem Accord der Posaunen\nder Männerchor der Sing-Akademie an der Gruft den Cho-\nral: „„Jesus meine Zuversicht\"\", an. Nachdem Professor\nSchleiermacher noch einige tiefeindringende Worte ge-\nsprochen, hob der Männerchor noch einmal den Gesang\nan: „ „Wenn ich einmal soll scheiden\"\". Mit den letzten\nverklingenden Tönen war die wehmüthige Feier geschlos-\nsen. Die ernsten Klänge, die das Leben des Dahingegan-\ngenen geleiteten, trugen und verschönten, wehten ihm auch\njenseit der Gruft nach.\"\nSpäterhin lügte Bellstab dem Abdruck dieses Be-\nrichtes (Gesammelte Schriften, Bd. 20,5. 200) hinzu:\n„An dem unbeschreiblich schönen Frühlings-Vormit-\ntage, der dieser uns alle im Tiefsten ergreifenden Trauer-\nfeier folgte, ging ich mit Bernard Klein nach dem Gar-\nten, den er damals bewohnte, hinaus. Nie habe ich ihn\nbewegter, nie hingegebener, nie so von Wehmuth ergrif-\nfen gesehen. Er strömte mir sein ganzes Herz aus. Bitterste\nSchmerzen hatten ihn getroffen. Seine junge Gattin war\nihm durch den Tod entrissen; eine innere Missstiinmuns:,\nö '\nvielleicht ein tiefer künstlerischer Zwiespalt (dessen nähere\nErklärung hier nicht möglich ist), folterte ihn. Vielleicht\nwar es aber auch eine Mahnung, dass auch sein Ziel nahe,\nallzu nahe gesteckt sei. Noch derselbe Sommer sollte ihn\ndem Leben entreissen. (B. Klein starb den 9. September\n1832, in der Blüthe des Lebens und Wirkens, 38 Jahre\nalt.) Abgetrennt von seiner musicalischen hohen Bedeut-\nsamkeit, war Bernard Klein, es kann nicht genug wieder-\nholt werden, eine der wunderbarsten künstlerischen Na-\nturen, von einer geistigen Hervorragung seltenster Art:\neine Seele aus Flammen geschaffen. Jean Paul hat ver-\nwandte Charaktere dichterisch construirt. Das Leben hat\nmir keinen zweiten gezeigt.\"\n\nDas sechste seeländische Musikfest in Holland.\nDen 6. und 7. Juni 1861.\n\n[Aufführung des Oratoriums Die Zerstörung von Jeru-\nsalem von K. Hill er]\nAuch in Seeland, der westlichsten Provinz von Holland,\nhat sich in den letzten Jahrzehenden der allgemeine Auf-\nschwung der Tonkunst nicht minder offenbart, als in den\nanderen Theilen der Niederlande, und ihm verdankt das\ndortige Provincial-Musikfest het Zeeuwsch Muziclcfeest\n—sein Entstehen. Es findet in den Städten Middelburs\nGoes und Zieriksee Statt, und das am 6. und 7. Juni\nin Middelburg gefeierte war bereits das sechste in der\nReihe.*\nDie Theilnahme daran stieg in den letzten Tagen im-\nmer höher. Das ersah man nicht bloss aus der zahlreichen\nAnwesenheit von Fremden, die den Boden der Insel Wal-\ncheren beiraten, und der sichtbaren Begeisterung, sondern\nhauptsächlich daraus, dass die letzte Probe so besucht war,\ndass viele später Kommende die Räume der Kirche bereits\nso gefüllt trafen, dass sie keinen Platz fanden. Eben so\nwenig wäre es möglich gewesen, bei der Aufführung noch\neinen unbesetzten Platz zu erspähen.\nUm halb sieben Uhr erschien der Fest-Dirigent, Herr\nW. B. Ceulen, an seinem Pulte, empfangen von rau-\nschendem Applaus und Fanfaren, und sofort wogten die\nKlänge des prächtigen Einleitungschors des Oratoriums\nvon F. Hiller: „Wie heilig und hehr sind Deine Hallen,\no Israel!\" durch die hohen Tempelgewölbe.\nBesprechen wir zuerst die Leistungen des Chors, da\ndieser doch bei solchen Werken die Hauptsache ist.\nWenn das feste Einsetzen aller Sänger Einer und der-\nselben Stimme namentlich bei der Ausführung von fi<ru-\nO o\nrirten Gesangstücken ein Hauplerforderniss ist, so müssen\nwir uns gegen diejenigen erklären, die bescheidentlich zu\nglauben scheinen, diesen oder jenen von den Genossen ihrer\nStimme den Vorrang einräumen zu müssen, und auf diese\nArt ein Vorsänger-System einführen wollen. Es ist freilich\nwahr, dass dieses System bei vielen Singvereinen Mode ge-\nworden ist, und dass man vielleicht unsere Bemerkung da-\ngegen nicht artig findet; allein je schwieriger das vollkom-\nmene Zugleich-Einsetzen des ganzen Chors ist, desto mehr\nmuss darauf gedrungen werden."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.6", "texte": "Die Klangwirkung des Chors war im Allgemeinen\ngut und oft sehr schön. Die Schattirungen des Ausdrucks\nwurden wohl beobachtet. Die Kraftstellen hätten hier und\nda etwas energischer in Angriff' genommen werden kön-\nnen. Der Alt war am schwächsten; im Tenor war nur in\neinzelnen Chören (Nr. 15 und 44) ein Schwanken zu be-\nmerken. Im Ganzen wurden die Musikstücke von weichem,\nsanftem Charakter besser vorgetragen, als die kralligen,\nwovon jedoch der Chor babylonischer Krieger (Nr. 40)\neine glänzende Ausnahme machte. Wenn wir nun noch\nNr. 22: „Verräther! er ist ein Freund von Babylon!\" als\nsehr schwach ausgeführt bezeichnen, so können wir uns\nbeeilen, diese kleinen Schatten durch das helle Licht und\nden Glanz zu verscheuchen, den die trefflichen Ausführun-\ngen der übrigen Chorgesänge unserer Schilderung ver-\nleihen. Besonders müssen wir den tiefempfundenen Vor-\ntrag der Nr. 8: „Eine Seele tief gebeugt\", und der schö-\nnen Nr. 15: „Wir zittern ob des Sehers Dräu'n\", und des\nSchlusschors des ersten Theils rühmend erwähnen.\nDer herrliche, charakteristische Chor Nr. 27: „Schon\nbrausen sie daher\", wurde prächtig ausgeführt, und von\ndieser Nummer an war die Sicherheit bei allen Stimmen\nso vorzüglich, dass man die Ausführung des ganzen zwei-\nten Theiles eine glänzende Ueberwindung der vielen Schwie-\nrigkeiten nennen kann, welche der Componist in diese Par-\ntitur gelegt hat. Des vortrefflich gesungenen: „Heil Ne-\nbukadnezar!\" ist schon oben gedacht, wesshalb es um so\nmehr zu bedauern war, dass der Männerchor Nr. 42 weg-\ngelassen wurde, welcher, wenn auch nicht von lieblicher\nArt, doch um des Contrastes willen in der Folge der\nMusikstücke sehr richtig vom Componisten angebracht\nworden ist.\nDas Resultat unserer aufrichtigen Betrachtungen ist,\ndass, trotz einzelner Unvollkommenheiten in der Ausfüh-\nrung, die vereinigten zeeuw'schen Gesangkräfte den Be-\nweis geliefert haben, dass die Tonkunst hier mit wahrer\nLiebe geübt wird, und dass hier ein Geist der Eintracht\nherrscht, der auch für die Zukunft zu den schönsten Er-\nwartungen berechtigt.\nDie glückliche Besetzung derSolo-Partieen durch Frau\nOffermans van Hove und die Herren Göbbels und\nBergstein erkannte man schon in den Proben; dennoch\nübertrafen sie im Concert selbst Aller Erwartung.\nZunächst müssen wir der Frau Offermans unsere Hul-\ndigung bringen. Ist auch die Partie des Soprans vom Com-\nponisten nicht sehr reichlich bedacht, so gaben doch die\nstarken Gegensätze in dem Charakter der frommen israe-\nlitischen Jungfrau und der leichtsinnigen Chamital ihr voll-\nkommen Gelegenheit, sich als ausgezeichnete Künstlerin\nzu bewähren. Verstand sie in der Arie Nr. 9 und vor AI-\nlern am Schlüsse des Recitativs Nr. 25 eine ernste Stim-\nmung durch die schöne Harmonie zwischen Wort und\nTon zu erfegen, so war ihre Auflassung von Nr. 21: „I)u\nHeuchler, weiche von hier!\" noch genialer; mit höchster\ndramatischer Kraft, die nirgends die Gränzen des Schönen\nüberschritt, überschüttete sie den Jeremias mit ihren Ver-\nwünschungen. Bei dem: „Verderben sei dein Loos!\" er-\nlasstc uns ein kalter Schauer. Solch eine Auffassung ist\ndoch der höchste Triumph der Kunst!\nDie Alt-Partie wurde von einer Dame aus Middelburg\n• •\ngesungen. Wir schätzen es hoch, wenn diejenigen, welche\ndie Kunst nur aus Liebe zu ihr treiben, den grossen Schritt\nzu thun wagen, vor die Oeffentlichkeit zu treten, um die\nAufführung grosser Werke zu ermöglichen. Unsere Di-\nlettantin besitzt eine angenehme Stimme, die in den iVlittel-\ntönen einer grösseren Entwicklung fähig ist, und scheint\ngut musicalisch zu sein. War die bei einem ersten Auftre-\nten natürliche Befangenheit Veranlassung zu nicht ganz\nreiner Intonation, so beeilen wir uns, doch hinzuzufügen,\ndass ihr Vortrag des Duetts Nr. 24 und der Nummern im\nzweiten Theile mehr Ruhe zeigte, reiner und höchst ver-\ndienstlich zu nennen war. Als Schülerin der geschätzten\nSängerin und Gesanglehrerin Frau Anschütz-Botgortscbek\nwird sie bei fortgesetzten Studien noch manche Auffüh-\nrung zieren.\nDer Jeremias ist eine der schwierigsten Bariton-Par-\ntieen, die es in Oratorien gibt. Gross von Umfang, vielsei-\ntig durch die verschiedenen Situationen, ist die gute Auf-\nlassung derselben nicht leicht. Dabei verursacht die hohe\nLage gegen den Schluss hin dem Sänger grosse Unbe-\nquemlichkeit und erfordert eine Meisterschaft in Behand-\nlung des Organs. Herr Bergstein*) zeigte sich jedoch\nvollkommen befähigt, alle diese Schwierigkeiten glänzend\nzu überwinden. Seine klang- und umfangreiche Stimme,\nverbunden mit einer guten Schule, eignet sich ganz beson-\nders für diese Partie. Vortrefflich war seine Auffassung,\ndie in der Arie Nr. 33: „Um Juda trag' ich schweres\nLeid\", und in dem Klagelied Nr. 41 wohl die höchste\nStufe des Ausdrucks erreichte. Die Steigerung in dem Liede\nwar vortrefflich, und die Rückkehr des ersten Motivs:\n„Euch sag' ich's allen\", machte durch den Vortrag mit\nschöner mezza voce grossen Eindruck.\nWrir freuen uns ausserordentlich, Herrn Bergstein als\nSänger kennen gelernt zu haben, und sind überzeugt,\ndass der günstige Eindruck, den er hier hinterlassen, noch\nmanche Ansprüche an seine gefällige Mitwirkung hervor-\nrufen wird.\n\n*) Herr Berg stein hat sich dem Vernehmen nach in Aachen\nals Sänger und Gesanglehrer niedergelassen.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.7", "texte": "Auch HerrGöbbels hat ausgezeichnet gesungen. Die\nTenor-Partie des Werkes ist wie lür ihn geschrieben.\nGrosse Weit- hheit ist der Charakter seiner schönen Stim-\nme, und diese Eigenschaft kam dem Sänger sowohl in der\nRolle des schwachen Königs Zedekia, als in der Partie des\nfrommen Israeliten Achicam sehr zu Statten. Wenn wir\nin dem Recitativ: „Ich biete Leben dir und Freiheit!\"\n(Nr. 36) etwas mehr dramatische Kraft erwarteten, so ist\ndies auch die einzige Bemerkung, die wir uns bei dem\nedlen und gefühlvollen Vortrage der Tenor-Partie erlauben.\nMit der Erwähnung, dass das Recitativ des Heroldes:\n„Der Sohn der Sonne\" 11. s. w., auf eine Nebukadnezar's\nim besten Sinne des Wortes würdige Weise vorgetragen\nwurde, können wir unsere Betrachtungen über den ge-\nsanglichen Theil der Aufführung schliessen.\nUeber das Orchester können wir kurz sein, da das\nProgramm des Theiles uns Gelegenheit geben\nwird, mehr darüber zu sagen.\nDie Leistung des Streich-Quartetts ist sehr zu rüh-\nmen; besonders in der Begleitung war es vortrefflich. In\nden Blas-Instrumenten war die Stimmung nicht frei von\nMängeln; im ersten Theile gab es manche Unfälle. Der\nPauker schlug sein Solo sehr gut; weniger glücklich wurde\ndas Violin-Solo ausgeführt. Die Posaunen, die in dem\nmajestätischen Anfange des Oratoriums eine wirkungsvolle\nKraft entwickelten, hätten nachher dem Chor, der hier\nnicht nach Hunderten gezählt werden konnte, gegenüber\nwohl etwas sanfter zu Werke gehen mögen.\nMit den genommenen Tempi sind wir bis auf eine\nkleine Abweichung mit dem Fest-Dirigenten einverstan-\nden: etwas mehr Bestimmtheit beim Anfange einiger\no o\nschnellen Chöre würde ein kräftigeres Ineinandergreifen\nzur Folge gehabt haben. Schliesslich können wir nicht\nunterlassen, dem Herrn Ceulen die Anerkennung zu zol-\nlen, die seine umsichtige und geschickte Leitung so sehr\nverdient.\n\nRichard Hol.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolfll, 10. Juli. Unsere musicalischen Institute haben durch\ndie Anstellung von zwei höchst ausgezeichneten Tonkünstlern eine\nwesentliche Bereicherung erfahren. Durch die vereinigten Bemühun-\ngen hiesiger Kunstfreunde ist es gelungen, den Violoncell-Virtuosen\nAlexander Schmidt aus Moskau zu gewinnen, welcher letzten\nWinter auf einem der Gürzenich-Concerte einen so ausserordentlichen\nErfolg hatte, und der jedenfalls zu den hervorragendsten Künstlern\nauf seinem Instrumente gehört. An der Stelle des Herrn Brambach,\nder als Musik-Director nach Bonn gekommen, hat man Herrn Isi-\ndor Seiss aus Dresden hieher berufen, dessen vortreffliches Cla-\nvierspiel vor einigen Monaten die kunstverständigen Zuhörer der\nmusicalischen Gesellschaft wahrhaft enthusiasmirte. Beide jungen\nKünstler werden im Herbste hier eintreffen und ihre Wirksamkeit\nbeginnen.\nOper und Ballet der k. Bühnen in Berlin 1860—1E61.\nDie Gesammtzahl der vom 2. August 1860 bis zum 28. Juni 1861\ndeutsch gegebenen Vorstellungen betrug 438, die sich folgender Ge-\nstalt eintheilen: Trauerspiel 77, Drama 6, Schauspiel 84, Lustspiel\n154,' Posse 9, ernste Oper 108, komische Oper 20, Singspiel 5, Ballet\n86. Geschlossen waren die k. Theater 29 Tage, theils wegen Able-\nbens des Königs Friedrich Wilhelm IV. und der Kaiserin-Mutter von\nKussland, theils der Charwoche, des Busstages und des Königs-\nSterbetages wegen; den übrigen Schliessungen mangelte ein haltba-\nrer Grund. Die italienische Operngesellschaft unter Leitung des\nHerrn Eugenio Merelli, bestehend aus den Damen Lorini Ma-\nria ni, ZeliaTrebelli, Maria Brunnetti, Bella Incli (ging\nwährend der Saison nach America ab), den Herren Giacomo Gal-\nvani, Malagola, Tartini, Luisa, Mauro Zacchi, Fiora-\nvanti, Ciampi, Capellmeister Orsini, gab vom 1. Oct. 1860 bis\n1. Jan. 1861 41 Vorstellungen. Die Componisten waren in ibren Werken\nalso vertreten: Bellini: „Norma* 2 Mal; Gimarosa: ~Die heimliche\nEhe\" 1 Mal; Donizetti: „Don Pasquale\" 1 Mal, „Linda von Chamounixu\n1 Mal, „Lucrezia Borgia\" 2 Mal; Rossini: „Tancred\" 2 Mal, „Mathilde\nvon Shabran\" 2 Mal, „Die Italienerin in Algier\" 2 Mal, „Der Barbier\nvon Sevilla\" 7 Mal, „Semiramis\" 12 Mal; Verdi: ..Rigoletto\" 2 Mal,\n„Trovatore\" 2 Mal, „La Traviata\", „Violetta\" 4 Mal. Eine Vorstel-\nlung war aus Scenen verschiedener Opern zusammengesetzt. Gast:\nSignor Faure 1 Mal. In der deutschen Oper kamen vor: Auber\n14, Bellini 5, Beethoven 5, Cherubini 1, Donizetti 13, Dorn 2, Flo-\ntow 1, Gluck 6, Halevy 3, Isouard 3, Lachner 3, Marschner 4,\nl, Meyerbeer 1, Mozart 17, Nicolai 2, Offenbach 3, Rossini\n2, G. Schmidt 1, Schneider 1, Spontini 3, Taubert 3, Verdi 5,\nWagner 8, Weber 12 Mal. Im Ballet: Hoguet 6, Perrot 3, Paul\nTaglioni 75, St. Georges 2. Die Novitäten und Neu-Inscenesetzun-\ngen waren in der Oper: Keine Neuigkeit. Neu einstudirt 2 Opern\n(„Catharina Cornaro\", „Vestalin\"). Plötzliche Abbestellung der Hul-\ndigungs-Feierlichkeiten unterdrückte Spontini's „Nurmahal\". Im\nBallet: Ein Ballet, „Ellinor\" oder „Träumen und Erwachen\", von\nPaul Taglioni. Neu einstudirt nichts. In der Oper fand 1 er-\nster theatralischer Versuch des Fräul Fliess und 1 Debüt des Herrn\nSchäfer Statt. Gastspiele kamen 8 (an 28 Abenden) vor: FrÜul.\nMayer höfer 6 Mal, Fräul. Baldamus 1 Mal, Frau Miolan-\nCarvalho 6 Mal, Frau Cash 3 Mal, Fräul. Lucca 3 Mal, Fräul.\nSchubert 2 Mal, Fräul. La Grua 6 Mal, Herr Fischer 1 Mal.\nFrau Cash (wieder abgegangen), Fräul. Lucca, Herr\nRöhn, Herr Schäfer (Anfänger), Herr Fischer. Im Ballet\nfand 1 Gastspiel (an 3 Abenden) Statt: Fräul. Freitag aus War-\nschau. In der Capelle neu engagirt: Herr Willner (Hornist).\nDer durch seine Leistungen auf musicalisch-pädagogischem Ge-\nbiete bekannte Musiklehrer Julius Knorr in Leipzig ist am 17.\nJuni gestorben. Er war mit R. Schumann nahe befreundet und hat\nmit diesem gemeinschaftlich den ersten Jahrgang der rNeuen Zeit-\nschrift\" redigirt. Auch soll nach einer biographischen Notiz der\neben genannten Zeitung Knorr es gewesen sein, der Chopin in\nDeutschland einführte, und zwar in einem Gewandhaus-Concerte in\nLeipzig, wo er dessen Variationen Op. 2 vortrug.\nÄassel. Sicherem Vernehmen nach wird als Fest-Vorstellung\nzum Allerhöchsten Geburtstage Sr. Königlichen Hoheit des Kurfür-\nsten die romantische Oper rOtto der Schütz\", Musik von Hof-Ca-\npellmeister Karl lieiss, Text von E. zur Aufführung kom-\nmen, und haben die Proben bereits begonnen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610713-01.1.8", "texte": "Es war neulich in diesen Blättern von der Oper „Macbeth** von\nVerdi die Rede (in Nr. 24 unter Wien, wobei zu berichtigen,\ndass Macbeth keine neue, sondern eine ältere Oper Verdi's ist); jetzt\nhören wir aber von Paris aus von einer noch ärgeren Zurechtma-\nchung eines Drama's von Shakespeare zum Operntexte Herr Ambr.\nThomas arbeitet bereits seit längerer Zeit an nichts Geringerem\nals an einer vieractigen Oper „Hamlet\", welches Drama die Herren\nJules Barbier und Michel ihm erobert und veropert\nhaben! Wo wird man doch noch die Opernstoffe hernehmen! Doch\nwie? Das neue Gebäude des Thedtre lyrique wird zum Winter fer-\ntig und mit einer neuen Oper von Haldvy und St. Georges,\n„Noah\" geheissen, eingeweiht werden. Nun, da haben wir's! Schnee,\nSturm und Gewitter das ist oft genug da gewesen: aber die\nSiindfluth auf der Bühne, d. h. die wirkliche, nicht die musica-\nlische, das ist wahrlich neu !\nDie belgische Regierung hat Herrn Fetis, Director des könig-\nlichen Conservatoriums in Brüssel, beauftragt, für die bevorstehen-\nden September-Feste ein grosses Musikfest zu veranstalten. Dasselbe\nsoll aus zwei Concerten bestehen; in dem ersten sollen eine Sinfonie\nvon Beethoven und Bruchstücke aus den vorzüglichsten Oratorien\nHändel's zur Aufführung kommen. Das zweite Concert wird vorzugs-\nweise den Solo-Vorträgen der Herren Vieuxtemps, Servais und Lem-\nmens gewidmet sein. Die grosse Orgel, zu deren Erbauung die Ko-\nsten von dem Staate, der Pi*ovinz und der Gemeinde gemeinschaft-\nlich beigesteuert wurden, wird bei dieser Gelegenheit eingeweiht\nwerden. Man wird einen Chor von 180 Sängern uud ein Orchester\nvon 120 Künstlern vereinigen.\n• ,\nWer hätte gedacht, dass Körner's und C. M. von\nWeber's „Wilde Jagd Lützow's\", mit welcher die Preussen die\nFranzosen 1813 aus Deutschland trieben, im Jahre 1861, unter der\nglorreichen Regierung eines Napoleon, hier im Cirque Napoleon von\n1500 pariser Sängern gesungen und von Tausenden von Zuhörern\njedes Mal bis verlangt werden würde? Und doch ist dem also;\n„Les Noirs Chasseursu von Weber haben schon bei zwei Sänger-\nConcerten hier diese Ehre gehabt. Freilich ist der Text französirt\nworden.\nfest «Sie Meißen\nDer Tonkünstler-Verein zu Dresden, welcher sich zunächst\ndie Pflege und Ausführung von Tonwerken für Kammermusik zur\nAufgabe stellt, hat auf Antrag seines derzeitigen Vorsitzenden be-\nschlossen, jedes noch nicht in Druck erschienene und als Manuscript\nan den von ihm veranstalteten Öffentlichen Productions-Abenden zur\nAufführung gelangende, unten näher bezeichnete Tonwerk eines le-\nbenden Componisten mit zwei Friedrichsd'or, und zwar nach der\njedesmaligen ersten Aufführung, zu honoriren, wobei das liigenthums-\nrecht des betreffenden Componisten auf das strengste gewahrt blei-\nben soll, und der Tonkünstler-Verein nur beansprucht, das Werk für\nseine Bibliothek, ohne jede Weiterverbreitung seinerseits, copiren zu\ndürfen. An die Herren Componisten ergeht daher die Aufforderung,\nCompositionen 1) für Blas-lnstrumente allein, von sechs- bis zu drei-\nzehnstimmiger Besetzung, 2) für Bias-Instrumente in Verbindung\nmit Saiten-Instrumenten, in gleicher Besetzung wie vorher, oder 3)\nfür Blas- und Saiten-Instrumente in Verbindung mit Pianoforte, un-\nter der Adresse: Julius Rühlinann, Vorsitzender des Tonkünst-\nler-Vereins zu Dresden, Georgenstrasse Nr. 4, einsenden zu wollen.\nUeber die Zulässigkeit derartiger Tonwerke zur Aufführung an den\nProductions-Abenden entscheiden sämmtliche anwesende Mitglie-\nder des Tonkünstler-Vereins bei den vorausgehenden Uebungs-Aben-\nden durch einlache Stimmenmehrheit."}]}