{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-07-20-01", "volume": "bmtnabi_1861-07-20_01", "ocr_sha256": "3df0e13131dde6f60dbb35333a4ee85bd12bc5029f896434c0c12bf2acb98c49", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/07/20_01/bmtnabi_1861-07-20_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-07-20-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-07-20_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-07-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "225", "page_fin": "225", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 446, "texte": "Inhalt.\nDie Lieferungen der Händel-Gesellschaft für 18P0. Beleuchtung eines Urtheils über Passionsrausik und über die Coloratur\nbei Händel. Das sechste seeländisclie Musikfest in Holland. 11. (Zweiter Tag: Elia op Horeb von Franz Coenen Der 95. Psalm\nPastoral-Sinfonie Frühlingsbotschaft von Gade.) Von Richard Hol. Aus Mannheim (Vincenz Lachner's Jubelfeier). —Tag e s -\nund Unterhaltungsblatt (Jahresbericht der deutschen Tonhalle in Mannheim)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-07-20-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-07-20_01#c002", "volume": "bmtnabi_1861-07-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "225", "page_fin": "229", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.2.2", "titre_corps": "Die Lieferungen der Händel-Gesellschaft für 1860.", "titre_sommaire": "Die Lieferungen der Händel-Gesellschaft für 1860.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.1", "debut_caractere": 448, "fin_caractere_exclue": 4259, "texte": "Die Lieferungen der Händel-Gesellschaft für 1860.\nBeleuchtung eines Urtheils über Passionsmusik und\nüber die Coloratur bei Händel.\nDas Jahr 1860 hat die deutsche Ausgabe der Werke\nHändcl's um drei Compositionen des Meisters vervollstän-\ndigt: die „Passion nach dem neunzehnten Capitel des\nEvangelisten Johannes\", Text von Postel, die Semele\nund Theodora.\nDas Feuilleton der Kölnischen Zeitung der Num-\nmern 148 und 149 enthält eine Anzeige dieser drei\nWerke, welche wir, als unter unseren Augen gedruckt,\nnicht mit Stillschweigen übergehen können, wegen ihres\nEingehens in die künstlerischen Intentionen Händel's, was\nausführlicher und fachmässiger geschieht, als es ein Feuil-\nleton erwarten lässt. Dies legt uns die Notwendigkeit auf,\ndie daselbst niedergelegten Ansichten und Voraussetzungen\naus dem grossen Ivreise musicalischer Laien, in den sie\nhineingeworfen sind, vor dasjenige Tribunal zu ziehen, vor\nwelches dergleichen Dinge gehören, zumal da wir der Mei-\nnung sind, dass eine unbefangene Würdigung der Hän-\ndel'schen Werke und des so reich vorhandenen Grossen\nund Herrlichen in ihnen weit mehr zur Theilnahme für\ndas Unternehmen der deutschen Gesammt-Ausgabe an-\nrege, als ein bis zur Abgötterei getriebener Cultus, mag\ner auch mit dem ganzen Aufgebote einer lebhaften Ein-\nbildungskraft und einer dialektischen Verstandesfertigkeit\nim Dienste jener uns gepredigt werden. Im vorliegenden\nFalle fordert die Autorität des leicht zu erkennenden Ver-\nfassers (des Professors G. in Heidelberg) in literarisch-\nästhetischen Dingen und seine höchst ehrenwerthen Ver-\ndienste um die Händel-Gesellschaft und deren Ausgaben\nin Bezug auf die Texte doppelt zur Prüfung seines Urtheils\nin musicalischen Dingen auf.\nDie Passion ist ein wenig umfangreiches Werk aus\nHändel's frühester Zeit, in Hamburg wahrscheinlich (denn\ndie genaueren Angaben fehlen) im Jahre 1704 geschrie-\nben. Dass G. den Werth dieses Jugend Werkes nicht be-\nsonders erhebt, dass er ihm mehr nur ein historisches In-\nteresse zuerkennt, verargen wir ihm nicht; wir stimmen\nmit ihm darüber ein. Auffallend aber für einen so ent-\nschiedenen Verehrer Händel's sind Aeusserungen wie die,\ndass „ein Mann wie Thibaut aus der Beschaffenheit dieses\nJugend werkchens herausgelauscht haben würde, dass Hän-\ndel dieser Richtung schon jetzt nicht mit dem\nHerzen anhing; dass man herauszuhören glaubt, dass\nselbst in solchen Stücken, wo der Text noch einigen ge-\nsunden Anhalt bietet, der Componist sich kalt dazu ver-\nhält; dass man herauszufühlen glaubt, dass er da, wo er\nsich am meisten heben will, unnatürliche Stelzen gebraucht,\nwie in einigen erhabeneren Stellen des Bibel-Textes, wo\ner durch Ungewöhnlichkeit und Originalität den Wieder-\nholungen des oft Wiederholten, scheint es, entge-\nhen wollte, durch einen Kunstgriff, heisst dies, der sonst\nNiemandem ferner lag, als gerade Händel\".\nDiese Aeusserungen sind wieder einmal die leidige\nFolge der Literaten-Kritik in musicalischen Dingen. Neh-\nmen wir auch das Wort Literat im allerbesten Sinne, also\nfür einen wissenschaftlich und philosophisch gebildeten\nSchriftsteller, so liegt es doch auf der Hand, dass diese\nBildung für sich allein nicht genügt, über Musik, die ihre\nbesondere Wissenschaft und Aesthetik hat, ein richtiges\nUrtheil zu fällen, wenn nicht die Kenntniss dieser musica-\nlischen Wissenschaft, und noch mehr als das, auch eine\ngewisse praktische Uebung und Einlebung in die Kunst\nund in ihre Formen hinzukommt. An dem Mangel der\nbeiden letzteren Eigenschaften bei so vielen Kritikern un-\nserer Zeit liegt es, dass die Vocalwerke der Tonkunst so\nhäufig ganz einseitig vom poetischen Standpunkte aus, d. h.\nnach den Texten, analysirt und beurtheilt werden*).\n\n*) „Die Musik ist eine gar eigene Wissenschaft; wie mancher\nDilettant schon hat sich an ihr die Finger verbrannt! Keines-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "226", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5611, "texte": "Fragen wir, was denn der geistreiche und gelehrte\nSchreiber obiger Zeilen für eine „Richtung\" meint,\nwelcher Händel schon in seiner Jugend „nicht mit dem\nHerzen anhing\", und „aus welcher er glücklich zu prei-\nsen, den Ausweg früh gefunden zu haben\", so gewahren\nwir mit Erstaunen, dass keine andere als die S. Bach'-\nsche gemeint ist! Und warum ist diese verwerflich? Weil\ndie Texte dieser Gattung „ein Conglomerat von gegebenen\nBibelworten grösstenteils unmusicalischen Inhalts, von\nKirchenliedern u. s. w. sind\". Doch die Sache klingt so\nunglaublich, dass wir G. selbst reden lassen müssen:\n„Zwar wäre es nicht undenkbar, dass der herrschende\nModegeschmack für Passionen auch diesem jugend-\nlichen Debüt unseres Meisters eine unverhältnissmässig gün-\nstige Aufnahme verschaffte, wie denn schon Winterfeld in\nden Chören desselben den „ „gereifteren Meister\"\" erkannt\nhaben wollte, wo Chrysander nur den späteren Meister\n„ „schüchtern angedeutet\"\" findet. Indessen wird es nicht\nausbleiben, dass diese Geschmacksrichtung des Tages ihre\nLäuterung erlebt, sobald man in Deutschland ein wenig\nlernen will, zwischen Kunstgenuss und Erbauung zu unter-\nscheiden. Wir lassen dahin gestellt, ob Passionen noch jetzt\neine geeignete Art gottesdienstlicher Feier seien; jedenlaUs\nentsprechen sie diesem Zwecke mehr, als dem, der eigent-\nlichen Kunstwerken vorgezeichnet ist, und am meisten dort,\nwo sie in einer allursprünglichen, durchaus naiven Form\n(wie in Bom bei den Charfreitags-Aufführungen durch\nPriester) auf allen Kunst-Anspruch gänzlich verzichten.\nSelbst in der vollkommensten Gestalt, die sie\nunter Bach's Händen angenommen hat, kann\ndiese Gattung (ein Conglomerat von gegebenen Bibel-\nworten eines zum Theil unmusicalischsten Inhaltes, von\nKirchenliedern, von den einfachsten Chor- und den ver-\nschiedensten Arien-Texten der bombastischsten und plat-\ntesten Poetaster) einem wahrhaft kunstsinnigen\nGeiste niemals einen ungetrübten Genuss ge-\nwähren. Ein Mann wie Thibaut scheute sich nicht vor\nder herbsten Satire über diese Anstrengungen der ehr-\nwürdigen Alten, mit bleiernem Bohrer zu bohren.\"\nHier entsteht doch alles Ernstes die Frage: Können\nwir-einem Manne, der auf solche Weise über Bach's Pas-\nsionsmusiken abspricht, und dieses absprechende Urtheil\nso, wie er es thut, motivirt, können wir dem eine Stimme\nbei der Würdigung musicalischer Kunstwerke überhaupt\neinräumen? Kann im Besonderen jemand, dem auf der\neinen Seite die Einsicht in die Kunstformen der Bach'schen\nMusik, auf der anderen die Empfänglichkeit für ihre Wir-\nkung auf Herz und Gemüth durch musicalische Schönheit\nso sehr abgeht, dass er an die gehobene und erhöhte See-\nlenstimmung von Tausenden bei ihrer Ausführung gar\nnicht glauben kann, sondern sie auf Rechnung der Mode\ndes Tages, wie die Erfolge eines Verdi, Flotow u. s. w.\nsetzt—kann man dem zutrauen, in das Wesen der Musik\nHändel's eindringen zu können, oder ihn gar für berech-\ntigt halten, uns neue Aufschlüsse über diese zu geben?\nWas soll überhaupt der Ausfall gegen Bach an dieser\nStelle? Warum ist er an den Haaren herbeigezogen? Wir\nbegreifen das nicht. Wie wird es nach diesen Urtheils-\nProben wohl der gesammten Literatur der musicalischen\nMessen vor dem kritischen Richlerstuhle zu Heidelberg er-\ngehen, da ihr Text unmöglich Gnade vor ihm finden kann\nals „ein Conglomerat\" von Glaubens-Artikeln unpoetischen\nInhalts. Wahrscheinlich werden die kirchlichen Werke von\nBach, Mozart, Cherubini, Beethoven als „Versuche\" be-\ntrachtet, „den Wiederholungen des oft Wiederholten\"\ndurch „Ungewöhnlichkeit und Originalität\", d. h. durch\n„Kunstgriffe\", zu entgehen!\nSpräche G. von der Affectation, mit welcher Clavier-\nVirtuosen auf die bunten Lappen ihrerXoncert-Programme\nheutzutage auch ein Stück Bach flicken zu müssen glau-\nben, oder von den pariser Salons, in welche der alte Mei-\nster von Leuten wie Prudent und Goria unter die Arme\ngefasst und im brocatenen Schlafrock aul einen Pauteuil\ngeführt wird, so würden wir seinen Ausdruck „Modege-\nschmack\" für vollkommen gerechtfertigt halten. Aber die\nEmpfänglichkeit der Gebildeten des deutschen Volkes für\ndie Tiefe und Herrlichkeit des grössten musicalischen\nKunstwerkes des vorigen Jahrhunderts, der Bach'schen\nMatthäus-Passion, wegzuläugnen und als Modesache zu\nverhöhnen, und allen denjenigen, denen sie einen reinen\nund erhebenden Kunstgenuss gewährt, den „wahrhaft\nkunstsinnigen Geist\" ohne Weiteres abzusprechen: das\ndürfte nur aus einer Monomanie für eine bestimmte Kunst-\ngattung oder Kunstgrösse, die bis zu fast erbitterter Ver-\nkennung anderer gestiegen ist, zu erklären sein.\nNun kommt aber hinzu, dass die Annahme, Händel\nhabe gleich nach diesem Werke „den Ausweg aus dieser\n\nWegs stimme ich denjenigen Musikern bei, welche die Musik\nals Klostergut ansehen, die Dilettanten zu Laien machen und\nihnen alles Mitsprechen untersagen möchten. Der verehrte Ger-\nvinus, dem ich so viele Belehrung verdanke und dessen\nherrliche Einsicht in das Grundwesen der Händerschen Musik\nfür mich ermuthigender gewesen ist, als das Verhalten meiner\nsämmtlichen musicalischen Freunde, will auch nur Dilettant\nsein. Wie alle Tonkunst, die in der Reinheit sinnvollen Klan-\nges da steht, für Alle ist, so ist auch die Tonwissenschaft für\nAlle, so weit sie in allgemein geistige Begriffe aufgeht.\nDoch wer die Musik aus den eigentlichen Quellen, aus den\nOriginalen der Meister beschreiben will, muss unter allen Um-\nständen eine fachmässige Bildung mitbringen. Was würden die\nPhilologen dazu sagen, wenn Jemand alte Inschriften entziffern\nwollte, deren Sprache er nicht versteht?\" F. Chrysander.\nG. F. Händel. I. S. 177 und 178."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5340, "texte": "Richtung gefunden\", und die Behauptung, „er verhalle\nsich schon hier zu dem Stoffe kalt, gehe auf Stelzen\"\nu. s. w., durch die offenbare Thatsache widerlegt wird,\ndass Händel zwölf Jahre später (1716) wiederum eine\nPassion schrieb, und zwar eine grosse, auf den Text von\nB. H. Brockes „Der gemarterte und sterbende\nJesus\". Dieser Text ist wahrlich noch etwas Aergeres\nals ein „Conglomerat von Bibelworten und von Kirchen-\nliedern\", denn er verwässert, versteift, verziert und ver-\nzerrt die Bibelworte in gespreizter, geschmacklosester Rei-\nmerei, die er mit Kirchenliedern aufputzt. Und trotzdem\nhat Händel auf dieser Unterlage ein musicalisches Kunst-\nwerk aufgebaut, bei welchem er wahrlich mit seinem gan-\nzen Herzen war, und weder „auf Stelzen geht\", noch\n„Kunstgriffe\" anwendet.\nKannte G. die sieben vollständig?n Nummern\ndieser Passion nicht, die Händel in sein Oratorium Esther\naufgenommen und J. J. Maier im Vorwort zu seiner Aus-\ngabe desselben (bei Breitkopf & Härtel, schon vor der\nGründung der deutschen Händel-Gesellschaft) als aus der\nPassion herstammend bezeichnet hat? Sind sie nicht alle\nschön und fünf davon ausgezeichnet schön? (Vgl. Niederrh.\nMusik-Zeitung, Jahrg. 1859, Nr. 43.)\nWenn er sie nicht kannte, was freilich bei einem Kri-\ntiker, der über Händel's Befähigung zu einer Passions-\nmusik abspricht, wenigstens auffallend ist, so können wir\ndoch unmöglich voraussetzen, dass er auch Chrysan-\nder's ausführliche und begeisterte Analyse der Passion\naus dem Jahre 1716 (G. F. Händel, I. S. 427 447)\nnicht gelesen haben sollte! —Wir sträuben uns allerdings\nso lange wie möglich, bei einem Historiker wie G. an ein\nabsichtliches Ignoriren einer entscheidenden Thatsache, was\ndie Composition der zweiten Passionsmusik Händel's für\ndie beregte Frage unzweifelhaft ist, zu glauben; allein[der\nVorwurf des Uebersehens derselben zu Gunsten einer vor-\ngefassten Ansicht, in welche man sich bis zum Blindwer-\nden gegen jedes widersprechende Factum verrannt hat,\nlässt sich nicht beseitigen. Und an ein Misstrauen G.'s in\nChrysander's Urtheil können wir doch vollends nicht glau-\nben. Dieser sagt aber z. B. über den Choral, welcher die\nAbendmahlshandlung beschliesst: „Auf diesem Tonsatze\nruht die volle Weihe des kirchlichen Gemeindegesanges,\ndie hehre Ruhe, die das Gefühl göttlicher Nähe und Ge-\nmeinschaft erzeugen muss\" u. s. w. Ferner: „Christi Ge-\nbet in Gethsemane ist ein weiterer Beweis von der Be-\ngeisterung, mit welcher Händel sich dem Ge-\ngenstande hingab (für den er nach G. schon zwölf\nJahre früher glücklicher Weise kein Herz mehr hatte!),\nvon der Verklärung, in welcherßrockes'Reime\naus seiner Hand hervorgingen.\"—Dann über den\nGesang der Tochter Zion: „Auch hier schaltet Händel\nmit den schwülstigen Worten seines Dichters wie ein idea-\nler, reiner Geist, der eingedenk ist, dass er nicht Brockes'\nReime, sondern die grosse That der Erlösung zu verherr-\nlichen hat.\" Nachdem Chrysander die Erhebung aus dem\nGrundtone (F-moU)in die kleine None (im 11. Tacte vor\ndem Schlüsse) als „die bedeutungsvollste von allen ihm be-\nkannten\" bezeichnet hat, fährt er fort: „Wer mit einem\nkleinen, leicht auszuführenden, überall verständlichen Bei-\nspiele zeigen will, wie bei Händel das Tonleben zum Geiste\ndurchdringt, wie aus den Tönen lebendige, nie alternde\nGestalten hervorwachsen, der darf nur zu diesem Liede\ngreifen. Eine echt Händel'sche Art des Tonsatzes ist hier\nam geistvollsten und prächtigsten zu musicali-\nscher Schönheit erblüht\" (S.444).—Von der Wahr-\nheit diesesUrtheils kann sich Jeder überzeugen; er braucht\nnur in dem Oratorium „Deborah\" den Gesang der Pro-\nphetin in F-moU Nr. 30 aufzuschlagen, von dem wir alle\nso oft schon mit heiligem Schauer, mit tief gefühlter Be-\nwunderung erfüllt worden sind—ohne zu wissen, dass er\nganz, wie er da ist, aus der letzten deutschen Passion Hän-\ndel's genommen ist. Der Text in der Deborah ist freilich\nedler: „Vor dem hehren Antlitz Jehovah's sind Tyrannen\nnur Staub\", als der ursprüngliche:\n„Die ihr Gottes Gnad' versäumet\nUnd mit Sünden Sünden häuft,\nDenket, dass die Straf schon keimet,\nWenn die Frucht der Sünden reift la\naber die Poesie-Kritiker in der Musik mögen daraus ein-\nsehen lernen, dass sie es sind, die „mit bleiernem Bohrer\nbohren\", wenn sie musicalische Werke nach den Texten\nwürdigen wollen. So wenig wie das schönste Gedicht vor\neiner hässlichen Composition sicher ist, so sehr kann auch\ndie Reimerei eines „Poetasters\" ein musicalisch schönes\nTonstück veranlassen, wenn der rechte Mann darüber\nkommt.\nAuch über das Verhältniss von Händel zu Bach hätte\nG. das Richtige bei Chrysander finden können (I., S.\n446 — 448), namentlich über den Fortschritt von Hän-\nPassion zu Bach, besonders zu dessen Matthäus-Pas-\nsion, und später von Bach's Passionen zu Händel's Ora-\ntorien. Dieser letztere beruhte aber keineswegs auf einer\nliterarisch-kritischen Einsicht Händel's der deutschen Poesie\ngegenüber, was Chrysander sehr richtig bemerkt, sondern\n„auf den lebensvollen geistigen Kräften, die nach und nach\naus seinem Innern hervorbrachen und ihn über eine nie-\ndrigere Vorstufe hinweghoben\". So gelangte er, „sich\nstärkend an den Psalmen und den Geschichten des alten\nTestamentes, zur Idee seines Messias, des Messias der alten\nPropheten, und diese hob ihn seit 1740 nicht bloss über\nBrockes'. sondern über iede musicalische Passion hinweg\".\n\n['"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5265, "texte": "Dieser Ansicht Chrysander's kann man vollkommen\nbeistimmen; zwischen der Passion von 1716, geschweige\nder von 1704, und dem Oratorium „Der Messias\" von\n1740 liegt aber ein langer Zeitraum, in welchem die Ge-\nnesis der höheren Idee sich allmählich vollendete. Desshalb\nkönnen wir die Bemerkung, die wir früher schon gemacht\nhaben (Nr. 25, S. 194), auch hier nicht unterdrücken,\ndass der treffliche Biograph mitunter den äusseren Ein-\nflüssen auf Händel's künstlerische Entwicklung zu wenig\nRechnung trägt. Während des Zeitraumes von 1716 bis\n1740 hätte Händel vielleicht doch noch Passionsmusik ge-\nschrieben, wenn in England irgend Boden dafür\ngewesen wäre. Bemerkt doch Chrysander früher selbst\nsehr richtig, dass sich England am meisten frei gehalten\nhatte von der „sinnlichen Frömmigkeit\", die als religiöser\nRückschlag in der späteren Lebens-Periode Ludwig's XIV.\nin Frankreich, Italien und Deutschland, in letzterem am\nernstesten, zur Geltung kam. In dieser Art von Frömmig-\nkeit wurzelten aber eben die deutschen Passionen und ihre\nTexte, bis ihnen J. S. Bach hauptsächlich durch Bibelwort\nund Choral die vollkommenere Gestaltung gab, und den-\nnoch in jener zum Theil noch befangen blieb, obwohl frei-\nlich mit einer Innigkeit und Stärke, die ihn zu derjenigen\nVerklärung derselben emporhob, die wir in seinen Wer-\nken bewundern. In England wäre es Händel sicherlich un-\nmöglich gewesen, mit dieser Gattung deutscher Musik\ndurchzudringen, und wenn Chrysander dies auch nicht\ngeradezu sagt, so erhält doch diese unsere Ueberzeugung\ndurch seine Darstellung namentlich der zwanzig Jahre,\nwelche der 11. Theil seines Buches umfasst, ihre volle Be-\ngründung.\nDoch wir schliessen hiermit unsere Bemerkungen, be-\ntreffend die Ansichten des Feuilletons der Kölnischen Zei-\ntung Nr. 148 über Händel's und Bach's Passionsmusiken,\nab, und wenden uns zu einem zweiten Punkte desselben\nAufsatzes, der uns, wiewohl in anderer Weise, ebenfalls\nnur für einen Auswuchs übertriebener und bis zu leiden-\nschaftlicher Befangenheit gesteigerter Vorliebe, die eines\nKritikers literarischer und musicalischer Grössen nicht\nwürdig zu sein scheint, gelten kann.\nWenn diese Vorliebe bei Gelegenheit der kleinen Pas-\nsion sich gegen Händel negativ verhielt, um abstossend\ngegen die Passionen überhaupt und namentlich gegen die\nBach'schen zu wirken, so tritt sie im Folgenden positiv\nauf, um zu beweisen, dass Händel die Coloratur in sei-\nnen Arien „nur zu Zwecken der plastischen Dar-\nstellung oder der Charakteristik starker und\ngreller Aflecte\" benutzt habe, und dass, „wenn die\ngehäufte Coloratur ja eine Sünde wäre, sie von Händel\nzur Tugend umgewandelt worden\". Zunächst\nwird, wie so eben gegen Bach, gegen Mozart eine Spitze\ngerichtet.\n„Es könnte hier nicht der Ort sein,\" heisst es, „mit\neinem Gegner (dieser Meinung) die einzelnen Karten aus-\nspielend Stich um Stich den Beleg zu dieser Behauptung\nzu führen; einen einzigen Trumpf aber aufzulegen, mit\ndem allein uns das ganze Spiel verloren oder gewonnen\nscheinen würde, möchten wir uns doch nicht versagen.\nMan nennt diesen Händel'scheri Läufe- und Passagen-\nReichthum Zopf, und vielleicht die Barbarei eines roheren\nZeitalters. Nun aber prüfe und singe man die berühmte\nArie der Königin der Nacht in der Zauberflöte, und dann\n(wir bieten Alles gegen Nichts, wenn es gelingt) suche\nman uns in Iländel's 80 Folianten etwas auch nur von\nWeitem Aehnliches von Zopf auf! Der Abstand der über-\nladensten Händel'scheri Coloraturen wird sich ausserordent-\nlich erweisen, wenn man bloss auf den Geschmack oder\nUngeschmack der Figuren an sich sieht; der Vergleich\naber würde ganz aufhören, wenn man die inneren\nZwecke und Anlässe erwöge, die Händel bei der\nAnwendung dieser Formen in seinen reiferen Wer-\nken so gut wie immer gehabt hat. Es gibt der Arien\nbei ihm schon, deren Verzierungen auf den ersten Anblick\nsehr müssig und zwecklos erscheinen mögen; wir unserer-\nseits haben aber zu oft erfahren, dass uns bei ernsterem\nEindringen ihr Sinn auch dort aufging, wo wir früher\ndaran verzweifelt hatten, als dass wir nicht bescheidentlich\nglauben sollten, es müsse auch da, wo uns die Absicht des\nMeisters noch immer nicht aufgegangen ist, der Fehler\nmehr an uns, als an ihm liegen.\"\nHier möchten wir zuerst den Wunsch aussprechen,\ndass der Verfasser den zuletzt erwähnten „bescheidenen\nGlauben\" auch Bach's Passionen gegenüber gehegt haben\nmöchte, oder wenigstens künftig hegen möge.\nZur Sache selbst ist es bekannt und neuerdings durch\nChrysander ausser Zweifel gestellt, dass Händel wie alle\nComponisten, die es mit grossen Sängern und Sängerinnen\nzu thun hatten, seine Arien meist für bestimmte Künstler\ngeschrieben und bei der Coloratur auf die künstlerische\nIndividualität und Fertigkeit der Einzelnen Rücksicht, und\nzwar oft nur allzu gefällige, genommen hat. Dass diese\nRücksicht eine rein musicalische gewesen, daran ha-\nben wohl alle Musiker nie gezweifelt. Eines Anderen be-\nlehrt sie Professor G., der zuvörderst einen „Trumpf\"\ngegen Mozart auflegt.\nWir nehmen ihn an, wiewohl wir die Entscheidung\nzwischen Händel'scher und Mozart'scher Coloratur in Bezug\nauf Charakteristik, Mannigfaltigkeit, musicalische Schön-\nheit und Geschmack keineswegs auf eine einzige Karte\nsetzen. Es wird Niemandem einfallen, die Coloraturen in"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2098, "texte": "den beiden Arien der „Königin der Nacht\" für geschmack-\nvoll und charakteristisch zu halten; auch Otto Jahn, der\nsich seinem gewiss innigst geliebten Mozart gegenüber vor\nheideiberger Schwäche wohl zu wahren weiss, nennt sie\ninstrumental, unnatürlich und geschmacklos* Wenn sich\naber G. nicht etwa bloss auf die Staccato's steift, was er\nnicht darf, da sie zu liändel's Zeit noch nicht Mode wa-\nren, obschon ein Anlauf dazu gerade in der Semele (S. 29)\nvorkommt, so möchten wir Zopf gegen Zopf wetten (denn\nmehr ist das Spiel doch nicht werth!), dass gar manche\nColoratur HändePs eben so „instrumental, unnatürlich und\ngeschmacklos\" sei, als die verrufene „Gurgelei\" der Kö-\nnigin der Nacht. Die „80 Folianten\" kann ich zu diesem\nZwecke nicht durchblättern, erstens weil ich sie nicht be-\nsitze, und zweitens weil ich sie nicht nöthig habe, da mir\ndie „Esther\", die ich wegen der aus der Passion darin\naufgenommenen Sätze eben aufgeschlagen habe, ein ge-\nnügendes Beispiel gibt. Es ist, genau genommen, die ganze\nB-dur-Arie für Sopran auf das Wort (Nr. 3-3b),\nbesonders aber folgende Stellen:\nund dann wieder, wahrscheinlich zum Zwecke umgekehr-\nter „plastischer Darstellung\":\ndann wieder in Triolen :\nund um zu endigen, spiele ich jetzt meinen „Trumpf\" aus:\nNehmen wir nun noch den drei Tacte langen Triller auf\nd zugleich mit der Oboe auf /hinzu und den Anhang\ndesselben:\nso denke ich, haben wir genug. Und nun bieten wir Al-\nles gegen Nichts dem, der uns beweis't, dass dieses\nPresto nicht den Charakter einer Bravour-Tarantella, son-\ndern den eines Hallelujah habe!\nAllein Professor G. scheint doch gefühlt zu haben,\ndass als Mittel zum Zweck, die Vergleichung sämmtlicher\nHändel'scher Coloraturen mit einer einzigen längst ver-\nurteilten Mozart'schen, sehr wohlfeil und einer Berückung\nund Uebervortheilung des Gegners sehr ähnlich sei. Dess-\nhalb bemüht er sich, seinen Ausspruch durch die Analyse\neiner Händel'schen Partie zu rechtfertigen. Er wählt dazu\ndie Partie der Semele; wir werden aber sehen, dass\ndiese gerade das Gegentheil von dem beweis't, was sie\nbeweisen soll.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-07-20-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-07-20_01#c009", "volume": "bmtnabi_1861-07-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "229", "page_fin": "231", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.2.3", "titre_corps": "Das sechste seeländische Musikfest in Holland.", "titre_sommaire": "Das sechste seeländische Musikfest in Holland.", "signature_source": "Richard Hol", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.5", "debut_caractere": 2100, "fin_caractere_exclue": 3254, "texte": "Das sechste seeländische Musikfest in Holland.\n\nII.\n[Zweiter Tag: Elia op Horeb von Franz Coenen Der 95.\nPsalm Pastoral-Sinfonie Frühlingsbotschaft von Gade]\n(I. s. Nr. 28.)\nWenn wir bemerken mussten, dass am ersten Fest-\ntage sich bei der Ausführung des ersten Theiles des Ora-\ntoriums hier und da eine gewisse Unruhe zeigte, die nur\ndurch die teste Leitung des Dirigenten bemeislert werden\nkonnte, so berichten wir um so lieber, dass über die Auf-\nführungen am zweiten Tage ein glückliches Gestirn waltete.\nDie Cantate Elia op Horeb wurde von dem Compo-\nnisten derselben, Herrn Franz Coenen, dirigirt. Schon\ndie Proben hatten sowohl für die Composition als für die\nPersönlichkeit des Dirigenten eingenommen, und so war\nes nicht zu verwundern, dass er bei der Aufführung mit\nschallendem Applaus empfangen wurde. Ein vortrefflicher\nGeist beseelte alle Mitwirkenden, und Alles griff schön in\neinander. Die Chorstimmen klangen so frisch, als hätten\nsie sich noch gar nicht angestrengt; besonders zu rühmen\nist der Sopran, der in dem Chor Nr. 5:\nwind verheft (erhebt) zieh, daar dondert d'orkaan/\" die\nSchwierigkeiten der hohen Lage sehr gut überwand. Deut-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5310, "texte": "liehe Aussprache des Textes ist aber zweifelsohne auch in\nden Chören möglich; dass sie hier, selbst auch bei einem\nSolisten, zu wünschen übrig liess, bemerken wir besonders\ndesshalb, um auf die Notwendigkeit dieses so wichtigen\nPunktes aufmerksam zu machen.\nAusser dem schönen Quartett Nr. 7 enthält dieser\nElias nur zwei Solo-Partieen, für Alt und Bariton. Der\nAlt hat die erklärenden Recitative zu singen, an sich selbst\nschon eine schwierige Aufgabe, die hier noch durch manche\nIntonationen vergrössert wird. Der Bariton hat das dank-\nbarere Arioso: „Es ist genug, o Gott und Herr!\" Mit der\nAusführung durch zwei Dilettanten konnten der Compo-\nnistund das Publicum zufrieden sein; besonders entwickelte\ndie talentvolle Dame aus Middelburg, welche auch am vo-\nrigen Tage die Alt-Partie gesungen hatte, ihre schöne\nStimme um so besser, als die Befangenheit des ersten Auf-\ntretens von ihr gewichen war. Das Solo-Quartett wurde\ngut, jedoch nicht ganz mit derjenigen Klangwirkung vor-\ngetragen, deren es fähig ist.\nAm Schlüsse bezeugten Blumenspenden, Fanfaren\nund rauschender Applaus den höchst günstigen Eindruck\ndes Ganzen. .\nDie Ausführung des „95. Psalmes\" war in allen\nStücken eine recht gelungene. Das Tenor-Solo sang Herr\nGöbbels auf die ihm eigene natürliche und eben dadurch\nrecht schöne Weise. Bei dem Duett stand der Frau Offer-\nmans eine Dilettantin aus dem Haag mit schöner Stimme\nwürdig zur Seite. Der Chor war vortrefflich; auch der\nAlt hielt sich tapfer, doch dürfte es rathsam sein, in der\nFolge einige gute Knabenstimmen zur Mitwirkung heran-\nzuziehen. Das Orchester hielt sich gut, die Kraftentwick-\nlung der Posaunen war hier an ihrer Stelle. Die ganze\nklangreiche Composition machte einen wohlthuenden Ein-\ndruck.\nNach der Pause kam Beethoven's Pastoral-Sinfonie\ndaran, d. h. der Zeitpunkt, in welchem die vereinigten\nKünstler und Dilettanten im Orchester zeigen konnten, wie\nweit eine gute Harmonie selbst bei den heterogensten Be-\nstandteilen durch ernsten Willen zu erreichen ist. Das\nSchlimmste dabei ist freilich immer die Stimmung der\nBlas-Instrumente. Der Eine hat eine Clarinette aus See-\nland, der Andere eine Flöte von holländischer Abkunft,\nder Dritte bläs't auf einem deutschen Fagott, der Vierte\nauf einem Instrumente von französischer Fabrik. Die Ein-\nführung der Normalstimmung durch den jetzigen Kaiser\nder Franzosen ist sicherlich ein Gedanke, der mehr Har-\nmonie erzeugen wird, als manches Andere von dem, was\ner gethan. Kommt dazu, dass Einige gut ausgeblasene, viel\ngebrauchte Instrumente haben, Andere die ihrigen oft lange\nim Kasten liegen lassen, so ist es klar, dass die Bläser nicht\nimmer gut zusammen stimmten, obwohl wir gern bestäti-\ngen, dass der grosse Unterschied in diesem Punkte zwi-\nschen der ersten Probe und der letzten Aufführung von\ndem ernsten Bestreben zeugte, den Bemerkungen des Di-\nrigenten nach Kräften gerecht zu werden.\nDer beschränkte Raum erlaubte keine stärkere Be-\nsetzung des Quartetts als 15 Violinen, 5 Bratschen, 5\nVioloncelle und 4 Contrabässe. Die ersten Geigen, an ihrer\nSpitze die Herren Fr. Coenen aus Amsterdam, H. J. Dah-\nmen aus Utrecht und H. A. Meyroos aus Hoorn, waren\nsehr gut, die zweiten und die Bratschen meist etwas zu\nschwach. Die Violoncelle führte Herr P. R. Bekker an.\nDie Sinfonie wurde in mancher Beziehung gut, in an-\nderer nicht so befriedigend ausgeführt. Zum Guten rech-\nnen wir den Vortrag der Solostellen der Flöte, Oboe, Cla-\nrinette, Fagott und Horn, und im Allgemeinen die Deut-\nlichkeit, mit welcher die schönen Gedanken des Werkes\nans Licht traten, wozu sicher die gute Akustik in der\nKirche nicht wenig beitrug. Die mangelhafte Seite war\ndas Herabjagen des ersten und dritten Theiles, wogegen\ndas Andante con moto etwas lebhafter hätte genommen\nwerden können. Der letzte Satz ging bis auf eine kleine\nUngleichheit in den Sechszehntel-Figuren zwischen den\nFagotten und Violoncellen am besten von allen. Immerhin\nist der Eifer und die Kunstliebe besonders auch der tüch-\ntigen Dilettanten zu rühmen, die von Amsterdam, Utrecht\nu. s. w. her das Geigen-Quartett unterstützten.\nGade's liebliche „Frühlingsbotschaft\" wurde mit Lust\nund Liebe gesungen. Ein etwas schnelleres Tempo zu An-\nfang und eine noch feinere Nuancirung würde das Ver-\ndienstliche der Ausführung noch erhöht haben.\nZum Schlüsse des Concertes brachte der Vortrag der\nSopran-Arie Nr. 2 mit Chor aus Beethoven's „Maccabäer\"\n[„Christus am Oelberg\", wozu die Holländer einen ande-\nren Text singen] der Frau Offermans, die im Allegro und\nder Schluss Cadenz ihre ganze Virtuosität glänzen liess,\nreiche Blumen- und Beifallsspenden, durch welche auch\ndem Fest-Dirigenten die Dankbarkeit des Publicums und\nder Mitwirkenden sich kund gab.\nDas Publicum hat während des ganzen Festes seinen\nKunstsinn an den Tag gelegt: stets eine volle Kirche, stets\neine gespannte Aufmerksamkeit. Aus der Haltung und dem\nAeusseren der Zuhörer am ersten Tage ersah man deut-\nlich, dass es lebhaft gefühlt wurde, dass die Aufführung\neines Oratoriums in einer Kirche doch etwas ganz Ande-\nres ist, als wenn sie in einem Concertsaale Statt findet.\nViele enthielten sich desshalb auch der Beifalls-Ergüsse mit\nHänden und Füssen, die selbst im Concertsaale nach der\nAusführung von ernster, erhebender Musik uns sehr un-\nharmonisch vorkommen. Diese Kundgebungen mögen in"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1507, "texte": "Augenblicken der Begeisterung vollkommen in der Natur\nder Menschen begründet sein, allein in der That wirken\nsie doch oft störend und vernichten den Eindruck des\nKunstwerkes. Wir können es daher allein der Macht der\nGewohnheit und dem Aufwallen der Dankbarkeit gegen\ndie Solisten zuschreiben, wenn man bei Hiller's Oraloriurn\nnach Nr. 7 und nach der Tenor-Arie sich handgreitlichen\nIllustrationen hingab. Ob nach solchem Texte, solcher Mu-\nsik und auch nach solchem Vortrage eine feierliche Stille\nnicht angemessener gewesen sein dürfte, überlassen wir\ndem Urtheil feinfühlender Leser. Die Sitte unserer deut-\nschen Nachbarn, sich bei Aufführungen in Kirchen aller\nlebhaften Beifallsbezeigungen zu enthalten, finden wir sehr\nnachahmungswerth. Der Theil des Publicums aber, der\nhierin verschiedener Meinung mit uns zu sein scheint, hätte\nmit seinen Dankbarkeits-Aeusserungen dem Chor gegen-\nüber weniger karg sein sollen; denn der Chor ist doch\nder Kern eines Musikfestes. Um so mehr erwähnen wir\ndies, als die Provinz Seeland alle Ursache hat, auf ihre\nChorkräfte stolz zu sein.\nDesshalb mögen aber auch die verbündeten Städte\nMiddelburg, Goes und Zierikzee nie vergessen, dass das\nseeländische Musikfest nicht ein städtisches, sondern ein\nallen dreien gemeinschaftliches sei, dass nur durch die\nregste gieichmässige Theilnahme aller musicalischen Kräfte\naus jeder der drei Städte das Musikfest blühen und ge-\ndeihen könne, welches auf Mitwirkung der Gesammtheit\nder Singvereine begründet ist.\n\nRichard Hol."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-07-20-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-07-20_01#c010", "volume": "bmtnabi_1861-07-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "231", "page_fin": "231", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.2.4", "titre_corps": "Aus Mannheim.", "titre_sommaire": "Aus Mannheim.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.7", "debut_caractere": 1509, "fin_caractere_exclue": 6001, "texte": "Aus Mannheim.\nHier wurde am 26. Juni unter allgemeiner Theilnabme eine\nschöne Jubelfeier begangen. Am genannten Tage nämlich hatte der\nHof-Capellmeister Vincenz Lachner vor fünfundzwanzig Jahren,\nan die Stelle seines nach München berufenen Bruders tretend, zum\nersten Male die mannheimer Oper dirigirt.\nWer mit den musicalischen Zuständen Mannheims einiger Maas-\nsen vertraut ist, dem kann kein Zweifel bleibeu über die wirklich\ngrossen Verdienste, die sich V. Lachner um die Musik sowohl im\nTheater als im Concertsaale, sowohl an öffentlicher Stelle als im\nDilettantenkreise erworben hat. Es besteht dieses Verdienst insbe-\nsondere darin, dass er mit strenger Consequenz und geleitet von\ntiefem, innigem Verständnisse der Schöpfungen unserer wahren, ech-\nten Tonmeister den regen Sinn und die wärmste Liebe für dieselben\nbei Künstlern und Laien wach zu halten, zu stärken und bis zu der\nglühenden Begeisterung, die ihn selbst erfüllt, zu steigern verstand;\nseine Wirksamkeit als Dirigent des Theater-Orchesters, die Pro-\ngramme der grossen Winter-Concerte, deren gediegene Auswahl und\nvollendete Durchführung so vortheilhaft auf die Geschmacksbildung\neines ohnedies empfänglichen Publicums wirkten, und endlich seine\nvielfache Thätigkeit für die Belebung des edleren musicalischen Sin-\nnes in Privatkreisen und in den Gesang-Vereinen liefern gleichmäs-\nsig die unverkennbarsten Beweise dafür.\nAm Abende des 25. Juni zogen die sämmtlichen Männer-Gesang-\nvereine Mannheims mit Fackeln und von zwei Musikchören beglei-\ntet vor das Haus des Jubilars, wo sie einige Männercböre in sehr\ngelungener Weise vortrugen und ein dreifaches Lebehoch ausbrach-\nten. V. Lachner hielt von seinem Fenster aus eine eben so herzliche\nals gediegene Ansprache an die versammelten Sänger, indem er für\ndie ihm gewordene Auszeichnung dankte und die Bedeutung des\ndeutschen Männergesanges besonders im patriotischen Sinne hervor-\nhob. Wiederholtes Lebehoch der Sänger, das tausendfachen Wieder-\nhall bei der versammelten Menge fand, folgte der Rede Lacbner's.\nAm Moigen des 2( . wurde der Jubilar mit seiner Gattin vou\neiner Deputation des I heater-Personals in seiner Wohnung abgeholt\nund in das 1 heater geleitet, wo auf der von Mühldorfers Meister-\nhand in sinnig geschmackvoller Weise geschmückten Bühne das ge-\nsammte darstellende Personal, technische und Bureau-Beamte, an\nderen Spitze die Mitglieder des Theater Comite's und der Geheime\nReg.-Rath v. Stengel, als Hof-Commissar des mannheimer Hofthea-\nters, dieselben erwartete. Herr Rath Achenbach, als Präsident des\nComite's, hob in schwungvoller Ansprache die Verdienste des Ge-\nfeierten hervor, worauf Herr v. Stengel demselben im Auftrage des\nGrossherzogs die Insignien in Eichenlaub zu dem Zähringer Löwen-\nOrden, der Lachner schon vor einigen Jahren verliehen wurde, nebst\neinem huldvollen Handschreiben des kunstliebenden Fürsten über-\nreichte. Herr Rath Achenbach übergab nun im Namen des Comite's\neine von demselben zur Erinnerung an diesen Tag bestimmte, schön\ngearbeitete, kostbare goldene Denkmünze.\nHerr Janson, als ältestes Orchester-Mitglied, überreichte sodann\nmit einigen herzlichen Worten im Namen des Orchesters einen werth-\nvollen silbernen Pocal, so wie Herr Ober-Regisseur Wolf einen von\nsämmtlichen Theater-Mitgliedern gewidmeten prachtvollen silbernen\nLorberkranz nebst einer kalligraphischen Adresse. Hieran schloss\nsich der Vortrag des schönen Octetts „Der Männergesang\" von V.\nLachner, und die Aufführung von dessen Ouvertüre zu Schiller's\n„Turandot\", unter Leitung des General-Musik-Directors Franz Lach-\nner aus München, der auf Einladung des Comite's zur Jubelfeier\nseines Bruders nach Mannheim gekommen war.\nAbends kam „Joseph und seine Brüder\" von die erste\nOper, welche Lachner vor fünfundzwanzig Jahren in Mannheim diri-\ngirte, zur Aufführung, bei welcher Gelegenheit auch das Theater-\nPublicum seine Verehrung für den Gefeierten durch lebhafte Accla-\nmationen und reichliche Blumenspenden kund gab. Nach dem\nSchlüsse der Oper fand in den festlich geschmückten Räumen des\nEuropäischen Hofes ein Festessen Statt, bei welchem es an Trink-\nsprüchen ernster und heiterer, ja, sogar politischer Art natürlich\nnicht fehlte.\nAuch von einer Privat-Männergesellschaft wurde dem Jubilar ein\nkostbarer, von Meisterhand gearbeiteter silberner Pocal überreicht,\nund der literarisch-gesellige Verein brachte seinem gefeierten Mit-\ngliede in einem schönen, kalligraphisch ausgeführten Gedichte seine\nfreundliche Huldigung dar. (Südd. M.-Z.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-07-20-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-07-20_01#c011", "volume": "bmtnabi_1861-07-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "231", "page_fin": "232", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.7", "debut_caractere": 6003, "fin_caractere_exclue": 6770, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDie deutsche Tonhalle in Mannheim. Der Rechenschafts-\nbericht für 1860 zählt 675 Mitglieder auf, unter denen 6 fürstliche\nPersonen und 172 Tonkünstler. Die bei Weitem grösste Betheiligung\nfindet in Mannheim selbst Statt, dann folgen Mainz, Karlsruhe,\nOffenbach, Fiankfurt a. M , Dresden, Rostock, Linz u. s w. Am\nschwächsten ist Köln vertreten. Eintrittsgeld zehn Silbergro-\nschen und Jahresbeitrag zehn Silb ergrosehen (im October\nfällig) Anmeldungen postfrei „an den Vorstand der D. T. zu\nMannheim\". Höhere Gaben werden dankbar bescheinigt. Seit der\nStiftung im Jahre 1852 sind 21 Preise ausgeschrieben, wovon 12\nzuerkannt worden sind (unter ihnen Ouvertüre von V. Lachner,\nHymne für Soli, Chor und Orchester von W. Scheffer in Eise-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1898, "texte": "nach, Sinfonie von H. Neu mann in Heiligenstadt, ein Opern text:\n.,Der Liebesring\" von H. T. Schmid in München, die Musik dazu\nvon Krämer in Augsburg u. s. w.). Fünf Preise konnten nicht zu-\nerkannt werden und vier sind noch unerledigt.\nVereliis-Cassestand.\nEinnahme.\nGld. Kr.\n]. Aus voriger Rechnung (1859) 907 —\n2. Eintrittsgeld (1860) 56 35\n3. Jahres-Beiträge von Vereins-Mitgliedern... 277 50\n4. Mehrleistungen, Geschenke derselben 133 13\n5. Verschiedenes (Zinsen u. s. w.) 39 45\nSumme.. 1414 23\nAusgabe.\n1. Für Schreibbedarf 5 15\n2. Druck- und Schreibkosten 58 29\n3. Post- und Sendgebühren 50 34\n4. Für Preise 200 —\n5. Bedienung und Verschiedenes (dabei Begründung des\nStockvermögens) 241 42\nCassenvorrath 858 23\nSumme. . 1414 23\nMannheim, Ende Christmonats 1860.\nAnhang zu den Statuten.\nWir haben im besten Erwägen einen Vermögensstock der Ton-\nhalle gegründet, in welchen bis jetzt einhundert und fünfzig Gulden\naus dem Vorrath der Vereinscasse von 1858 und 59, wie auch die\nSchenkung zweier Theilnehmer der Tonhalle geflossen tind, welche\nBeträge sich in der besonderen Verwaltung des Vereins-Mitgliedes\nHerrn Jos. Ant. Böhm, Handelsmannes in Mannheim, befinden.\nDie Vermehrung dieses Stock Vermögens, von dem die Uebersichten\ndes Vereins (Satz 14a) s. Z. Näheres mittheilen werden, geschieht:\na) durch die aus ihm sich ergebenden Zinsen ;\nb) durch freiwillige Beiträge, welche für ihn seiner Verwaltung\noder dem Vorstande zukommen, und\nc) dadurch, dass ihm aus den jährlichen Vorräthen der Vereins-\ncasse je zwanzig Gulden vom Hundert zufliessen sollen.\nWenn der Vermögensstock mindestens 500 Gulden beträgt, so\nsoll ein Theil seiner Zinsen nach Bedürfniss und dem Ermessen des\nVorstandes mit zu Preisen verwandt werden, so dass es dann gestat-\ntet sein wird, jährlich drei Preise oder zwei für zwei grössere Werke\nauszusetzen.\nMannheim, am 10. des Christmonats 1860.\nDer Vereins-Vorstand."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie Lieferungen der Händel-Gesellschaft für 18P0. Beleuchtung eines Urtheils über Passionsrausik und über die Coloratur\nbei Händel. Das sechste seeländisclie Musikfest in Holland. 11. (Zweiter Tag: Elia op Horeb von Franz Coenen Der 95. Psalm\nPastoral-Sinfonie Frühlingsbotschaft von Gade.) Von Richard Hol. Aus Mannheim (Vincenz Lachner's Jubelfeier). —Tag e s -\nund Unterhaltungsblatt (Jahresbericht der deutschen Tonhalle in Mannheim).\n\nDie Lieferungen der Händel-Gesellschaft für 1860.\nBeleuchtung eines Urtheils über Passionsmusik und\nüber die Coloratur bei Händel.\nDas Jahr 1860 hat die deutsche Ausgabe der Werke\nHändcl's um drei Compositionen des Meisters vervollstän-\ndigt: die „Passion nach dem neunzehnten Capitel des\nEvangelisten Johannes\", Text von Postel, die Semele\nund Theodora.\nDas Feuilleton der Kölnischen Zeitung der Num-\nmern 148 und 149 enthält eine Anzeige dieser drei\nWerke, welche wir, als unter unseren Augen gedruckt,\nnicht mit Stillschweigen übergehen können, wegen ihres\nEingehens in die künstlerischen Intentionen Händel's, was\nausführlicher und fachmässiger geschieht, als es ein Feuil-\nleton erwarten lässt. Dies legt uns die Notwendigkeit auf,\ndie daselbst niedergelegten Ansichten und Voraussetzungen\naus dem grossen Ivreise musicalischer Laien, in den sie\nhineingeworfen sind, vor dasjenige Tribunal zu ziehen, vor\nwelches dergleichen Dinge gehören, zumal da wir der Mei-\nnung sind, dass eine unbefangene Würdigung der Hän-\ndel'schen Werke und des so reich vorhandenen Grossen\nund Herrlichen in ihnen weit mehr zur Theilnahme für\ndas Unternehmen der deutschen Gesammt-Ausgabe an-\nrege, als ein bis zur Abgötterei getriebener Cultus, mag\ner auch mit dem ganzen Aufgebote einer lebhaften Ein-\nbildungskraft und einer dialektischen Verstandesfertigkeit\nim Dienste jener uns gepredigt werden. Im vorliegenden\nFalle fordert die Autorität des leicht zu erkennenden Ver-\nfassers (des Professors G. in Heidelberg) in literarisch-\nästhetischen Dingen und seine höchst ehrenwerthen Ver-\ndienste um die Händel-Gesellschaft und deren Ausgaben\nin Bezug auf die Texte doppelt zur Prüfung seines Urtheils\nin musicalischen Dingen auf.\nDie Passion ist ein wenig umfangreiches Werk aus\nHändel's frühester Zeit, in Hamburg wahrscheinlich (denn\ndie genaueren Angaben fehlen) im Jahre 1704 geschrie-\nben. Dass G. den Werth dieses Jugend Werkes nicht be-\nsonders erhebt, dass er ihm mehr nur ein historisches In-\nteresse zuerkennt, verargen wir ihm nicht; wir stimmen\nmit ihm darüber ein. Auffallend aber für einen so ent-\nschiedenen Verehrer Händel's sind Aeusserungen wie die,\ndass „ein Mann wie Thibaut aus der Beschaffenheit dieses\nJugend werkchens herausgelauscht haben würde, dass Hän-\ndel dieser Richtung schon jetzt nicht mit dem\nHerzen anhing; dass man herauszuhören glaubt, dass\nselbst in solchen Stücken, wo der Text noch einigen ge-\nsunden Anhalt bietet, der Componist sich kalt dazu ver-\nhält; dass man herauszufühlen glaubt, dass er da, wo er\nsich am meisten heben will, unnatürliche Stelzen gebraucht,\nwie in einigen erhabeneren Stellen des Bibel-Textes, wo\ner durch Ungewöhnlichkeit und Originalität den Wieder-\nholungen des oft Wiederholten, scheint es, entge-\nhen wollte, durch einen Kunstgriff, heisst dies, der sonst\nNiemandem ferner lag, als gerade Händel\".\nDiese Aeusserungen sind wieder einmal die leidige\nFolge der Literaten-Kritik in musicalischen Dingen. Neh-\nmen wir auch das Wort Literat im allerbesten Sinne, also\nfür einen wissenschaftlich und philosophisch gebildeten\nSchriftsteller, so liegt es doch auf der Hand, dass diese\nBildung für sich allein nicht genügt, über Musik, die ihre\nbesondere Wissenschaft und Aesthetik hat, ein richtiges\nUrtheil zu fällen, wenn nicht die Kenntniss dieser musica-\nlischen Wissenschaft, und noch mehr als das, auch eine\ngewisse praktische Uebung und Einlebung in die Kunst\nund in ihre Formen hinzukommt. An dem Mangel der\nbeiden letzteren Eigenschaften bei so vielen Kritikern un-\nserer Zeit liegt es, dass die Vocalwerke der Tonkunst so\nhäufig ganz einseitig vom poetischen Standpunkte aus, d. h.\nnach den Texten, analysirt und beurtheilt werden*).\n\n*) „Die Musik ist eine gar eigene Wissenschaft; wie mancher\nDilettant schon hat sich an ihr die Finger verbrannt! Keines-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "226", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.2", "texte": "Fragen wir, was denn der geistreiche und gelehrte\nSchreiber obiger Zeilen für eine „Richtung\" meint,\nwelcher Händel schon in seiner Jugend „nicht mit dem\nHerzen anhing\", und „aus welcher er glücklich zu prei-\nsen, den Ausweg früh gefunden zu haben\", so gewahren\nwir mit Erstaunen, dass keine andere als die S. Bach'-\nsche gemeint ist! Und warum ist diese verwerflich? Weil\ndie Texte dieser Gattung „ein Conglomerat von gegebenen\nBibelworten grösstenteils unmusicalischen Inhalts, von\nKirchenliedern u. s. w. sind\". Doch die Sache klingt so\nunglaublich, dass wir G. selbst reden lassen müssen:\n„Zwar wäre es nicht undenkbar, dass der herrschende\nModegeschmack für Passionen auch diesem jugend-\nlichen Debüt unseres Meisters eine unverhältnissmässig gün-\nstige Aufnahme verschaffte, wie denn schon Winterfeld in\nden Chören desselben den „ „gereifteren Meister\"\" erkannt\nhaben wollte, wo Chrysander nur den späteren Meister\n„ „schüchtern angedeutet\"\" findet. Indessen wird es nicht\nausbleiben, dass diese Geschmacksrichtung des Tages ihre\nLäuterung erlebt, sobald man in Deutschland ein wenig\nlernen will, zwischen Kunstgenuss und Erbauung zu unter-\nscheiden. Wir lassen dahin gestellt, ob Passionen noch jetzt\neine geeignete Art gottesdienstlicher Feier seien; jedenlaUs\nentsprechen sie diesem Zwecke mehr, als dem, der eigent-\nlichen Kunstwerken vorgezeichnet ist, und am meisten dort,\nwo sie in einer allursprünglichen, durchaus naiven Form\n(wie in Bom bei den Charfreitags-Aufführungen durch\nPriester) auf allen Kunst-Anspruch gänzlich verzichten.\nSelbst in der vollkommensten Gestalt, die sie\nunter Bach's Händen angenommen hat, kann\ndiese Gattung (ein Conglomerat von gegebenen Bibel-\nworten eines zum Theil unmusicalischsten Inhaltes, von\nKirchenliedern, von den einfachsten Chor- und den ver-\nschiedensten Arien-Texten der bombastischsten und plat-\ntesten Poetaster) einem wahrhaft kunstsinnigen\nGeiste niemals einen ungetrübten Genuss ge-\nwähren. Ein Mann wie Thibaut scheute sich nicht vor\nder herbsten Satire über diese Anstrengungen der ehr-\nwürdigen Alten, mit bleiernem Bohrer zu bohren.\"\nHier entsteht doch alles Ernstes die Frage: Können\nwir-einem Manne, der auf solche Weise über Bach's Pas-\nsionsmusiken abspricht, und dieses absprechende Urtheil\nso, wie er es thut, motivirt, können wir dem eine Stimme\nbei der Würdigung musicalischer Kunstwerke überhaupt\neinräumen? Kann im Besonderen jemand, dem auf der\neinen Seite die Einsicht in die Kunstformen der Bach'schen\nMusik, auf der anderen die Empfänglichkeit für ihre Wir-\nkung auf Herz und Gemüth durch musicalische Schönheit\nso sehr abgeht, dass er an die gehobene und erhöhte See-\nlenstimmung von Tausenden bei ihrer Ausführung gar\nnicht glauben kann, sondern sie auf Rechnung der Mode\ndes Tages, wie die Erfolge eines Verdi, Flotow u. s. w.\nsetzt—kann man dem zutrauen, in das Wesen der Musik\nHändel's eindringen zu können, oder ihn gar für berech-\ntigt halten, uns neue Aufschlüsse über diese zu geben?\nWas soll überhaupt der Ausfall gegen Bach an dieser\nStelle? Warum ist er an den Haaren herbeigezogen? Wir\nbegreifen das nicht. Wie wird es nach diesen Urtheils-\nProben wohl der gesammten Literatur der musicalischen\nMessen vor dem kritischen Richlerstuhle zu Heidelberg er-\ngehen, da ihr Text unmöglich Gnade vor ihm finden kann\nals „ein Conglomerat\" von Glaubens-Artikeln unpoetischen\nInhalts. Wahrscheinlich werden die kirchlichen Werke von\nBach, Mozart, Cherubini, Beethoven als „Versuche\" be-\ntrachtet, „den Wiederholungen des oft Wiederholten\"\ndurch „Ungewöhnlichkeit und Originalität\", d. h. durch\n„Kunstgriffe\", zu entgehen!\nSpräche G. von der Affectation, mit welcher Clavier-\nVirtuosen auf die bunten Lappen ihrerXoncert-Programme\nheutzutage auch ein Stück Bach flicken zu müssen glau-\nben, oder von den pariser Salons, in welche der alte Mei-\nster von Leuten wie Prudent und Goria unter die Arme\ngefasst und im brocatenen Schlafrock aul einen Pauteuil\ngeführt wird, so würden wir seinen Ausdruck „Modege-\nschmack\" für vollkommen gerechtfertigt halten. Aber die\nEmpfänglichkeit der Gebildeten des deutschen Volkes für\ndie Tiefe und Herrlichkeit des grössten musicalischen\nKunstwerkes des vorigen Jahrhunderts, der Bach'schen\nMatthäus-Passion, wegzuläugnen und als Modesache zu\nverhöhnen, und allen denjenigen, denen sie einen reinen\nund erhebenden Kunstgenuss gewährt, den „wahrhaft\nkunstsinnigen Geist\" ohne Weiteres abzusprechen: das\ndürfte nur aus einer Monomanie für eine bestimmte Kunst-\ngattung oder Kunstgrösse, die bis zu fast erbitterter Ver-\nkennung anderer gestiegen ist, zu erklären sein.\nNun kommt aber hinzu, dass die Annahme, Händel\nhabe gleich nach diesem Werke „den Ausweg aus dieser\n\nWegs stimme ich denjenigen Musikern bei, welche die Musik\nals Klostergut ansehen, die Dilettanten zu Laien machen und\nihnen alles Mitsprechen untersagen möchten. Der verehrte Ger-\nvinus, dem ich so viele Belehrung verdanke und dessen\nherrliche Einsicht in das Grundwesen der Händerschen Musik\nfür mich ermuthigender gewesen ist, als das Verhalten meiner\nsämmtlichen musicalischen Freunde, will auch nur Dilettant\nsein. Wie alle Tonkunst, die in der Reinheit sinnvollen Klan-\nges da steht, für Alle ist, so ist auch die Tonwissenschaft für\nAlle, so weit sie in allgemein geistige Begriffe aufgeht.\nDoch wer die Musik aus den eigentlichen Quellen, aus den\nOriginalen der Meister beschreiben will, muss unter allen Um-\nständen eine fachmässige Bildung mitbringen. Was würden die\nPhilologen dazu sagen, wenn Jemand alte Inschriften entziffern\nwollte, deren Sprache er nicht versteht?\" F. Chrysander.\nG. F. Händel. I. S. 177 und 178."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.3", "texte": "Richtung gefunden\", und die Behauptung, „er verhalle\nsich schon hier zu dem Stoffe kalt, gehe auf Stelzen\"\nu. s. w., durch die offenbare Thatsache widerlegt wird,\ndass Händel zwölf Jahre später (1716) wiederum eine\nPassion schrieb, und zwar eine grosse, auf den Text von\nB. H. Brockes „Der gemarterte und sterbende\nJesus\". Dieser Text ist wahrlich noch etwas Aergeres\nals ein „Conglomerat von Bibelworten und von Kirchen-\nliedern\", denn er verwässert, versteift, verziert und ver-\nzerrt die Bibelworte in gespreizter, geschmacklosester Rei-\nmerei, die er mit Kirchenliedern aufputzt. Und trotzdem\nhat Händel auf dieser Unterlage ein musicalisches Kunst-\nwerk aufgebaut, bei welchem er wahrlich mit seinem gan-\nzen Herzen war, und weder „auf Stelzen geht\", noch\n„Kunstgriffe\" anwendet.\nKannte G. die sieben vollständig?n Nummern\ndieser Passion nicht, die Händel in sein Oratorium Esther\naufgenommen und J. J. Maier im Vorwort zu seiner Aus-\ngabe desselben (bei Breitkopf & Härtel, schon vor der\nGründung der deutschen Händel-Gesellschaft) als aus der\nPassion herstammend bezeichnet hat? Sind sie nicht alle\nschön und fünf davon ausgezeichnet schön? (Vgl. Niederrh.\nMusik-Zeitung, Jahrg. 1859, Nr. 43.)\nWenn er sie nicht kannte, was freilich bei einem Kri-\ntiker, der über Händel's Befähigung zu einer Passions-\nmusik abspricht, wenigstens auffallend ist, so können wir\ndoch unmöglich voraussetzen, dass er auch Chrysan-\nder's ausführliche und begeisterte Analyse der Passion\naus dem Jahre 1716 (G. F. Händel, I. S. 427 447)\nnicht gelesen haben sollte! —Wir sträuben uns allerdings\nso lange wie möglich, bei einem Historiker wie G. an ein\nabsichtliches Ignoriren einer entscheidenden Thatsache, was\ndie Composition der zweiten Passionsmusik Händel's für\ndie beregte Frage unzweifelhaft ist, zu glauben; allein[der\nVorwurf des Uebersehens derselben zu Gunsten einer vor-\ngefassten Ansicht, in welche man sich bis zum Blindwer-\nden gegen jedes widersprechende Factum verrannt hat,\nlässt sich nicht beseitigen. Und an ein Misstrauen G.'s in\nChrysander's Urtheil können wir doch vollends nicht glau-\nben. Dieser sagt aber z. B. über den Choral, welcher die\nAbendmahlshandlung beschliesst: „Auf diesem Tonsatze\nruht die volle Weihe des kirchlichen Gemeindegesanges,\ndie hehre Ruhe, die das Gefühl göttlicher Nähe und Ge-\nmeinschaft erzeugen muss\" u. s. w. Ferner: „Christi Ge-\nbet in Gethsemane ist ein weiterer Beweis von der Be-\ngeisterung, mit welcher Händel sich dem Ge-\ngenstande hingab (für den er nach G. schon zwölf\nJahre früher glücklicher Weise kein Herz mehr hatte!),\nvon der Verklärung, in welcherßrockes'Reime\naus seiner Hand hervorgingen.\"—Dann über den\nGesang der Tochter Zion: „Auch hier schaltet Händel\nmit den schwülstigen Worten seines Dichters wie ein idea-\nler, reiner Geist, der eingedenk ist, dass er nicht Brockes'\nReime, sondern die grosse That der Erlösung zu verherr-\nlichen hat.\" Nachdem Chrysander die Erhebung aus dem\nGrundtone (F-moU)in die kleine None (im 11. Tacte vor\ndem Schlüsse) als „die bedeutungsvollste von allen ihm be-\nkannten\" bezeichnet hat, fährt er fort: „Wer mit einem\nkleinen, leicht auszuführenden, überall verständlichen Bei-\nspiele zeigen will, wie bei Händel das Tonleben zum Geiste\ndurchdringt, wie aus den Tönen lebendige, nie alternde\nGestalten hervorwachsen, der darf nur zu diesem Liede\ngreifen. Eine echt Händel'sche Art des Tonsatzes ist hier\nam geistvollsten und prächtigsten zu musicali-\nscher Schönheit erblüht\" (S.444).—Von der Wahr-\nheit diesesUrtheils kann sich Jeder überzeugen; er braucht\nnur in dem Oratorium „Deborah\" den Gesang der Pro-\nphetin in F-moU Nr. 30 aufzuschlagen, von dem wir alle\nso oft schon mit heiligem Schauer, mit tief gefühlter Be-\nwunderung erfüllt worden sind—ohne zu wissen, dass er\nganz, wie er da ist, aus der letzten deutschen Passion Hän-\ndel's genommen ist. Der Text in der Deborah ist freilich\nedler: „Vor dem hehren Antlitz Jehovah's sind Tyrannen\nnur Staub\", als der ursprüngliche:\n„Die ihr Gottes Gnad' versäumet\nUnd mit Sünden Sünden häuft,\nDenket, dass die Straf schon keimet,\nWenn die Frucht der Sünden reift la\naber die Poesie-Kritiker in der Musik mögen daraus ein-\nsehen lernen, dass sie es sind, die „mit bleiernem Bohrer\nbohren\", wenn sie musicalische Werke nach den Texten\nwürdigen wollen. So wenig wie das schönste Gedicht vor\neiner hässlichen Composition sicher ist, so sehr kann auch\ndie Reimerei eines „Poetasters\" ein musicalisch schönes\nTonstück veranlassen, wenn der rechte Mann darüber\nkommt.\nAuch über das Verhältniss von Händel zu Bach hätte\nG. das Richtige bei Chrysander finden können (I., S.\n446 — 448), namentlich über den Fortschritt von Hän-\nPassion zu Bach, besonders zu dessen Matthäus-Pas-\nsion, und später von Bach's Passionen zu Händel's Ora-\ntorien. Dieser letztere beruhte aber keineswegs auf einer\nliterarisch-kritischen Einsicht Händel's der deutschen Poesie\ngegenüber, was Chrysander sehr richtig bemerkt, sondern\n„auf den lebensvollen geistigen Kräften, die nach und nach\naus seinem Innern hervorbrachen und ihn über eine nie-\ndrigere Vorstufe hinweghoben\". So gelangte er, „sich\nstärkend an den Psalmen und den Geschichten des alten\nTestamentes, zur Idee seines Messias, des Messias der alten\nPropheten, und diese hob ihn seit 1740 nicht bloss über\nBrockes'. sondern über iede musicalische Passion hinweg\".\n\n['"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.4", "texte": "Dieser Ansicht Chrysander's kann man vollkommen\nbeistimmen; zwischen der Passion von 1716, geschweige\nder von 1704, und dem Oratorium „Der Messias\" von\n1740 liegt aber ein langer Zeitraum, in welchem die Ge-\nnesis der höheren Idee sich allmählich vollendete. Desshalb\nkönnen wir die Bemerkung, die wir früher schon gemacht\nhaben (Nr. 25, S. 194), auch hier nicht unterdrücken,\ndass der treffliche Biograph mitunter den äusseren Ein-\nflüssen auf Händel's künstlerische Entwicklung zu wenig\nRechnung trägt. Während des Zeitraumes von 1716 bis\n1740 hätte Händel vielleicht doch noch Passionsmusik ge-\nschrieben, wenn in England irgend Boden dafür\ngewesen wäre. Bemerkt doch Chrysander früher selbst\nsehr richtig, dass sich England am meisten frei gehalten\nhatte von der „sinnlichen Frömmigkeit\", die als religiöser\nRückschlag in der späteren Lebens-Periode Ludwig's XIV.\nin Frankreich, Italien und Deutschland, in letzterem am\nernstesten, zur Geltung kam. In dieser Art von Frömmig-\nkeit wurzelten aber eben die deutschen Passionen und ihre\nTexte, bis ihnen J. S. Bach hauptsächlich durch Bibelwort\nund Choral die vollkommenere Gestaltung gab, und den-\nnoch in jener zum Theil noch befangen blieb, obwohl frei-\nlich mit einer Innigkeit und Stärke, die ihn zu derjenigen\nVerklärung derselben emporhob, die wir in seinen Wer-\nken bewundern. In England wäre es Händel sicherlich un-\nmöglich gewesen, mit dieser Gattung deutscher Musik\ndurchzudringen, und wenn Chrysander dies auch nicht\ngeradezu sagt, so erhält doch diese unsere Ueberzeugung\ndurch seine Darstellung namentlich der zwanzig Jahre,\nwelche der 11. Theil seines Buches umfasst, ihre volle Be-\ngründung.\nDoch wir schliessen hiermit unsere Bemerkungen, be-\ntreffend die Ansichten des Feuilletons der Kölnischen Zei-\ntung Nr. 148 über Händel's und Bach's Passionsmusiken,\nab, und wenden uns zu einem zweiten Punkte desselben\nAufsatzes, der uns, wiewohl in anderer Weise, ebenfalls\nnur für einen Auswuchs übertriebener und bis zu leiden-\nschaftlicher Befangenheit gesteigerter Vorliebe, die eines\nKritikers literarischer und musicalischer Grössen nicht\nwürdig zu sein scheint, gelten kann.\nWenn diese Vorliebe bei Gelegenheit der kleinen Pas-\nsion sich gegen Händel negativ verhielt, um abstossend\ngegen die Passionen überhaupt und namentlich gegen die\nBach'schen zu wirken, so tritt sie im Folgenden positiv\nauf, um zu beweisen, dass Händel die Coloratur in sei-\nnen Arien „nur zu Zwecken der plastischen Dar-\nstellung oder der Charakteristik starker und\ngreller Aflecte\" benutzt habe, und dass, „wenn die\ngehäufte Coloratur ja eine Sünde wäre, sie von Händel\nzur Tugend umgewandelt worden\". Zunächst\nwird, wie so eben gegen Bach, gegen Mozart eine Spitze\ngerichtet.\n„Es könnte hier nicht der Ort sein,\" heisst es, „mit\neinem Gegner (dieser Meinung) die einzelnen Karten aus-\nspielend Stich um Stich den Beleg zu dieser Behauptung\nzu führen; einen einzigen Trumpf aber aufzulegen, mit\ndem allein uns das ganze Spiel verloren oder gewonnen\nscheinen würde, möchten wir uns doch nicht versagen.\nMan nennt diesen Händel'scheri Läufe- und Passagen-\nReichthum Zopf, und vielleicht die Barbarei eines roheren\nZeitalters. Nun aber prüfe und singe man die berühmte\nArie der Königin der Nacht in der Zauberflöte, und dann\n(wir bieten Alles gegen Nichts, wenn es gelingt) suche\nman uns in Iländel's 80 Folianten etwas auch nur von\nWeitem Aehnliches von Zopf auf! Der Abstand der über-\nladensten Händel'scheri Coloraturen wird sich ausserordent-\nlich erweisen, wenn man bloss auf den Geschmack oder\nUngeschmack der Figuren an sich sieht; der Vergleich\naber würde ganz aufhören, wenn man die inneren\nZwecke und Anlässe erwöge, die Händel bei der\nAnwendung dieser Formen in seinen reiferen Wer-\nken so gut wie immer gehabt hat. Es gibt der Arien\nbei ihm schon, deren Verzierungen auf den ersten Anblick\nsehr müssig und zwecklos erscheinen mögen; wir unserer-\nseits haben aber zu oft erfahren, dass uns bei ernsterem\nEindringen ihr Sinn auch dort aufging, wo wir früher\ndaran verzweifelt hatten, als dass wir nicht bescheidentlich\nglauben sollten, es müsse auch da, wo uns die Absicht des\nMeisters noch immer nicht aufgegangen ist, der Fehler\nmehr an uns, als an ihm liegen.\"\nHier möchten wir zuerst den Wunsch aussprechen,\ndass der Verfasser den zuletzt erwähnten „bescheidenen\nGlauben\" auch Bach's Passionen gegenüber gehegt haben\nmöchte, oder wenigstens künftig hegen möge.\nZur Sache selbst ist es bekannt und neuerdings durch\nChrysander ausser Zweifel gestellt, dass Händel wie alle\nComponisten, die es mit grossen Sängern und Sängerinnen\nzu thun hatten, seine Arien meist für bestimmte Künstler\ngeschrieben und bei der Coloratur auf die künstlerische\nIndividualität und Fertigkeit der Einzelnen Rücksicht, und\nzwar oft nur allzu gefällige, genommen hat. Dass diese\nRücksicht eine rein musicalische gewesen, daran ha-\nben wohl alle Musiker nie gezweifelt. Eines Anderen be-\nlehrt sie Professor G., der zuvörderst einen „Trumpf\"\ngegen Mozart auflegt.\nWir nehmen ihn an, wiewohl wir die Entscheidung\nzwischen Händel'scher und Mozart'scher Coloratur in Bezug\nauf Charakteristik, Mannigfaltigkeit, musicalische Schön-\nheit und Geschmack keineswegs auf eine einzige Karte\nsetzen. Es wird Niemandem einfallen, die Coloraturen in"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.5", "texte": "den beiden Arien der „Königin der Nacht\" für geschmack-\nvoll und charakteristisch zu halten; auch Otto Jahn, der\nsich seinem gewiss innigst geliebten Mozart gegenüber vor\nheideiberger Schwäche wohl zu wahren weiss, nennt sie\ninstrumental, unnatürlich und geschmacklos* Wenn sich\naber G. nicht etwa bloss auf die Staccato's steift, was er\nnicht darf, da sie zu liändel's Zeit noch nicht Mode wa-\nren, obschon ein Anlauf dazu gerade in der Semele (S. 29)\nvorkommt, so möchten wir Zopf gegen Zopf wetten (denn\nmehr ist das Spiel doch nicht werth!), dass gar manche\nColoratur HändePs eben so „instrumental, unnatürlich und\ngeschmacklos\" sei, als die verrufene „Gurgelei\" der Kö-\nnigin der Nacht. Die „80 Folianten\" kann ich zu diesem\nZwecke nicht durchblättern, erstens weil ich sie nicht be-\nsitze, und zweitens weil ich sie nicht nöthig habe, da mir\ndie „Esther\", die ich wegen der aus der Passion darin\naufgenommenen Sätze eben aufgeschlagen habe, ein ge-\nnügendes Beispiel gibt. Es ist, genau genommen, die ganze\nB-dur-Arie für Sopran auf das Wort (Nr. 3-3b),\nbesonders aber folgende Stellen:\nund dann wieder, wahrscheinlich zum Zwecke umgekehr-\nter „plastischer Darstellung\":\ndann wieder in Triolen :\nund um zu endigen, spiele ich jetzt meinen „Trumpf\" aus:\nNehmen wir nun noch den drei Tacte langen Triller auf\nd zugleich mit der Oboe auf /hinzu und den Anhang\ndesselben:\nso denke ich, haben wir genug. Und nun bieten wir Al-\nles gegen Nichts dem, der uns beweis't, dass dieses\nPresto nicht den Charakter einer Bravour-Tarantella, son-\ndern den eines Hallelujah habe!\nAllein Professor G. scheint doch gefühlt zu haben,\ndass als Mittel zum Zweck, die Vergleichung sämmtlicher\nHändel'scher Coloraturen mit einer einzigen längst ver-\nurteilten Mozart'schen, sehr wohlfeil und einer Berückung\nund Uebervortheilung des Gegners sehr ähnlich sei. Dess-\nhalb bemüht er sich, seinen Ausspruch durch die Analyse\neiner Händel'schen Partie zu rechtfertigen. Er wählt dazu\ndie Partie der Semele; wir werden aber sehen, dass\ndiese gerade das Gegentheil von dem beweis't, was sie\nbeweisen soll.\n(Schluss folgt.)\n\nDas sechste seeländische Musikfest in Holland.\n\nII.\n[Zweiter Tag: Elia op Horeb von Franz Coenen Der 95.\nPsalm Pastoral-Sinfonie Frühlingsbotschaft von Gade]\n(I. s. Nr. 28.)\nWenn wir bemerken mussten, dass am ersten Fest-\ntage sich bei der Ausführung des ersten Theiles des Ora-\ntoriums hier und da eine gewisse Unruhe zeigte, die nur\ndurch die teste Leitung des Dirigenten bemeislert werden\nkonnte, so berichten wir um so lieber, dass über die Auf-\nführungen am zweiten Tage ein glückliches Gestirn waltete.\nDie Cantate Elia op Horeb wurde von dem Compo-\nnisten derselben, Herrn Franz Coenen, dirigirt. Schon\ndie Proben hatten sowohl für die Composition als für die\nPersönlichkeit des Dirigenten eingenommen, und so war\nes nicht zu verwundern, dass er bei der Aufführung mit\nschallendem Applaus empfangen wurde. Ein vortrefflicher\nGeist beseelte alle Mitwirkenden, und Alles griff schön in\neinander. Die Chorstimmen klangen so frisch, als hätten\nsie sich noch gar nicht angestrengt; besonders zu rühmen\nist der Sopran, der in dem Chor Nr. 5:\nwind verheft (erhebt) zieh, daar dondert d'orkaan/\" die\nSchwierigkeiten der hohen Lage sehr gut überwand. Deut-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.6", "texte": "liehe Aussprache des Textes ist aber zweifelsohne auch in\nden Chören möglich; dass sie hier, selbst auch bei einem\nSolisten, zu wünschen übrig liess, bemerken wir besonders\ndesshalb, um auf die Notwendigkeit dieses so wichtigen\nPunktes aufmerksam zu machen.\nAusser dem schönen Quartett Nr. 7 enthält dieser\nElias nur zwei Solo-Partieen, für Alt und Bariton. Der\nAlt hat die erklärenden Recitative zu singen, an sich selbst\nschon eine schwierige Aufgabe, die hier noch durch manche\nIntonationen vergrössert wird. Der Bariton hat das dank-\nbarere Arioso: „Es ist genug, o Gott und Herr!\" Mit der\nAusführung durch zwei Dilettanten konnten der Compo-\nnistund das Publicum zufrieden sein; besonders entwickelte\ndie talentvolle Dame aus Middelburg, welche auch am vo-\nrigen Tage die Alt-Partie gesungen hatte, ihre schöne\nStimme um so besser, als die Befangenheit des ersten Auf-\ntretens von ihr gewichen war. Das Solo-Quartett wurde\ngut, jedoch nicht ganz mit derjenigen Klangwirkung vor-\ngetragen, deren es fähig ist.\nAm Schlüsse bezeugten Blumenspenden, Fanfaren\nund rauschender Applaus den höchst günstigen Eindruck\ndes Ganzen. .\nDie Ausführung des „95. Psalmes\" war in allen\nStücken eine recht gelungene. Das Tenor-Solo sang Herr\nGöbbels auf die ihm eigene natürliche und eben dadurch\nrecht schöne Weise. Bei dem Duett stand der Frau Offer-\nmans eine Dilettantin aus dem Haag mit schöner Stimme\nwürdig zur Seite. Der Chor war vortrefflich; auch der\nAlt hielt sich tapfer, doch dürfte es rathsam sein, in der\nFolge einige gute Knabenstimmen zur Mitwirkung heran-\nzuziehen. Das Orchester hielt sich gut, die Kraftentwick-\nlung der Posaunen war hier an ihrer Stelle. Die ganze\nklangreiche Composition machte einen wohlthuenden Ein-\ndruck.\nNach der Pause kam Beethoven's Pastoral-Sinfonie\ndaran, d. h. der Zeitpunkt, in welchem die vereinigten\nKünstler und Dilettanten im Orchester zeigen konnten, wie\nweit eine gute Harmonie selbst bei den heterogensten Be-\nstandteilen durch ernsten Willen zu erreichen ist. Das\nSchlimmste dabei ist freilich immer die Stimmung der\nBlas-Instrumente. Der Eine hat eine Clarinette aus See-\nland, der Andere eine Flöte von holländischer Abkunft,\nder Dritte bläs't auf einem deutschen Fagott, der Vierte\nauf einem Instrumente von französischer Fabrik. Die Ein-\nführung der Normalstimmung durch den jetzigen Kaiser\nder Franzosen ist sicherlich ein Gedanke, der mehr Har-\nmonie erzeugen wird, als manches Andere von dem, was\ner gethan. Kommt dazu, dass Einige gut ausgeblasene, viel\ngebrauchte Instrumente haben, Andere die ihrigen oft lange\nim Kasten liegen lassen, so ist es klar, dass die Bläser nicht\nimmer gut zusammen stimmten, obwohl wir gern bestäti-\ngen, dass der grosse Unterschied in diesem Punkte zwi-\nschen der ersten Probe und der letzten Aufführung von\ndem ernsten Bestreben zeugte, den Bemerkungen des Di-\nrigenten nach Kräften gerecht zu werden.\nDer beschränkte Raum erlaubte keine stärkere Be-\nsetzung des Quartetts als 15 Violinen, 5 Bratschen, 5\nVioloncelle und 4 Contrabässe. Die ersten Geigen, an ihrer\nSpitze die Herren Fr. Coenen aus Amsterdam, H. J. Dah-\nmen aus Utrecht und H. A. Meyroos aus Hoorn, waren\nsehr gut, die zweiten und die Bratschen meist etwas zu\nschwach. Die Violoncelle führte Herr P. R. Bekker an.\nDie Sinfonie wurde in mancher Beziehung gut, in an-\nderer nicht so befriedigend ausgeführt. Zum Guten rech-\nnen wir den Vortrag der Solostellen der Flöte, Oboe, Cla-\nrinette, Fagott und Horn, und im Allgemeinen die Deut-\nlichkeit, mit welcher die schönen Gedanken des Werkes\nans Licht traten, wozu sicher die gute Akustik in der\nKirche nicht wenig beitrug. Die mangelhafte Seite war\ndas Herabjagen des ersten und dritten Theiles, wogegen\ndas Andante con moto etwas lebhafter hätte genommen\nwerden können. Der letzte Satz ging bis auf eine kleine\nUngleichheit in den Sechszehntel-Figuren zwischen den\nFagotten und Violoncellen am besten von allen. Immerhin\nist der Eifer und die Kunstliebe besonders auch der tüch-\ntigen Dilettanten zu rühmen, die von Amsterdam, Utrecht\nu. s. w. her das Geigen-Quartett unterstützten.\nGade's liebliche „Frühlingsbotschaft\" wurde mit Lust\nund Liebe gesungen. Ein etwas schnelleres Tempo zu An-\nfang und eine noch feinere Nuancirung würde das Ver-\ndienstliche der Ausführung noch erhöht haben.\nZum Schlüsse des Concertes brachte der Vortrag der\nSopran-Arie Nr. 2 mit Chor aus Beethoven's „Maccabäer\"\n[„Christus am Oelberg\", wozu die Holländer einen ande-\nren Text singen] der Frau Offermans, die im Allegro und\nder Schluss Cadenz ihre ganze Virtuosität glänzen liess,\nreiche Blumen- und Beifallsspenden, durch welche auch\ndem Fest-Dirigenten die Dankbarkeit des Publicums und\nder Mitwirkenden sich kund gab.\nDas Publicum hat während des ganzen Festes seinen\nKunstsinn an den Tag gelegt: stets eine volle Kirche, stets\neine gespannte Aufmerksamkeit. Aus der Haltung und dem\nAeusseren der Zuhörer am ersten Tage ersah man deut-\nlich, dass es lebhaft gefühlt wurde, dass die Aufführung\neines Oratoriums in einer Kirche doch etwas ganz Ande-\nres ist, als wenn sie in einem Concertsaale Statt findet.\nViele enthielten sich desshalb auch der Beifalls-Ergüsse mit\nHänden und Füssen, die selbst im Concertsaale nach der\nAusführung von ernster, erhebender Musik uns sehr un-\nharmonisch vorkommen. Diese Kundgebungen mögen in"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.7", "texte": "Augenblicken der Begeisterung vollkommen in der Natur\nder Menschen begründet sein, allein in der That wirken\nsie doch oft störend und vernichten den Eindruck des\nKunstwerkes. Wir können es daher allein der Macht der\nGewohnheit und dem Aufwallen der Dankbarkeit gegen\ndie Solisten zuschreiben, wenn man bei Hiller's Oraloriurn\nnach Nr. 7 und nach der Tenor-Arie sich handgreitlichen\nIllustrationen hingab. Ob nach solchem Texte, solcher Mu-\nsik und auch nach solchem Vortrage eine feierliche Stille\nnicht angemessener gewesen sein dürfte, überlassen wir\ndem Urtheil feinfühlender Leser. Die Sitte unserer deut-\nschen Nachbarn, sich bei Aufführungen in Kirchen aller\nlebhaften Beifallsbezeigungen zu enthalten, finden wir sehr\nnachahmungswerth. Der Theil des Publicums aber, der\nhierin verschiedener Meinung mit uns zu sein scheint, hätte\nmit seinen Dankbarkeits-Aeusserungen dem Chor gegen-\nüber weniger karg sein sollen; denn der Chor ist doch\nder Kern eines Musikfestes. Um so mehr erwähnen wir\ndies, als die Provinz Seeland alle Ursache hat, auf ihre\nChorkräfte stolz zu sein.\nDesshalb mögen aber auch die verbündeten Städte\nMiddelburg, Goes und Zierikzee nie vergessen, dass das\nseeländische Musikfest nicht ein städtisches, sondern ein\nallen dreien gemeinschaftliches sei, dass nur durch die\nregste gieichmässige Theilnahme aller musicalischen Kräfte\naus jeder der drei Städte das Musikfest blühen und ge-\ndeihen könne, welches auf Mitwirkung der Gesammtheit\nder Singvereine begründet ist.\n\nRichard Hol.\n\nAus Mannheim.\nHier wurde am 26. Juni unter allgemeiner Theilnabme eine\nschöne Jubelfeier begangen. Am genannten Tage nämlich hatte der\nHof-Capellmeister Vincenz Lachner vor fünfundzwanzig Jahren,\nan die Stelle seines nach München berufenen Bruders tretend, zum\nersten Male die mannheimer Oper dirigirt.\nWer mit den musicalischen Zuständen Mannheims einiger Maas-\nsen vertraut ist, dem kann kein Zweifel bleibeu über die wirklich\ngrossen Verdienste, die sich V. Lachner um die Musik sowohl im\nTheater als im Concertsaale, sowohl an öffentlicher Stelle als im\nDilettantenkreise erworben hat. Es besteht dieses Verdienst insbe-\nsondere darin, dass er mit strenger Consequenz und geleitet von\ntiefem, innigem Verständnisse der Schöpfungen unserer wahren, ech-\nten Tonmeister den regen Sinn und die wärmste Liebe für dieselben\nbei Künstlern und Laien wach zu halten, zu stärken und bis zu der\nglühenden Begeisterung, die ihn selbst erfüllt, zu steigern verstand;\nseine Wirksamkeit als Dirigent des Theater-Orchesters, die Pro-\ngramme der grossen Winter-Concerte, deren gediegene Auswahl und\nvollendete Durchführung so vortheilhaft auf die Geschmacksbildung\neines ohnedies empfänglichen Publicums wirkten, und endlich seine\nvielfache Thätigkeit für die Belebung des edleren musicalischen Sin-\nnes in Privatkreisen und in den Gesang-Vereinen liefern gleichmäs-\nsig die unverkennbarsten Beweise dafür.\nAm Abende des 25. Juni zogen die sämmtlichen Männer-Gesang-\nvereine Mannheims mit Fackeln und von zwei Musikchören beglei-\ntet vor das Haus des Jubilars, wo sie einige Männercböre in sehr\ngelungener Weise vortrugen und ein dreifaches Lebehoch ausbrach-\nten. V. Lachner hielt von seinem Fenster aus eine eben so herzliche\nals gediegene Ansprache an die versammelten Sänger, indem er für\ndie ihm gewordene Auszeichnung dankte und die Bedeutung des\ndeutschen Männergesanges besonders im patriotischen Sinne hervor-\nhob. Wiederholtes Lebehoch der Sänger, das tausendfachen Wieder-\nhall bei der versammelten Menge fand, folgte der Rede Lacbner's.\nAm Moigen des 2( . wurde der Jubilar mit seiner Gattin vou\neiner Deputation des I heater-Personals in seiner Wohnung abgeholt\nund in das 1 heater geleitet, wo auf der von Mühldorfers Meister-\nhand in sinnig geschmackvoller Weise geschmückten Bühne das ge-\nsammte darstellende Personal, technische und Bureau-Beamte, an\nderen Spitze die Mitglieder des Theater Comite's und der Geheime\nReg.-Rath v. Stengel, als Hof-Commissar des mannheimer Hofthea-\nters, dieselben erwartete. Herr Rath Achenbach, als Präsident des\nComite's, hob in schwungvoller Ansprache die Verdienste des Ge-\nfeierten hervor, worauf Herr v. Stengel demselben im Auftrage des\nGrossherzogs die Insignien in Eichenlaub zu dem Zähringer Löwen-\nOrden, der Lachner schon vor einigen Jahren verliehen wurde, nebst\neinem huldvollen Handschreiben des kunstliebenden Fürsten über-\nreichte. Herr Rath Achenbach übergab nun im Namen des Comite's\neine von demselben zur Erinnerung an diesen Tag bestimmte, schön\ngearbeitete, kostbare goldene Denkmünze.\nHerr Janson, als ältestes Orchester-Mitglied, überreichte sodann\nmit einigen herzlichen Worten im Namen des Orchesters einen werth-\nvollen silbernen Pocal, so wie Herr Ober-Regisseur Wolf einen von\nsämmtlichen Theater-Mitgliedern gewidmeten prachtvollen silbernen\nLorberkranz nebst einer kalligraphischen Adresse. Hieran schloss\nsich der Vortrag des schönen Octetts „Der Männergesang\" von V.\nLachner, und die Aufführung von dessen Ouvertüre zu Schiller's\n„Turandot\", unter Leitung des General-Musik-Directors Franz Lach-\nner aus München, der auf Einladung des Comite's zur Jubelfeier\nseines Bruders nach Mannheim gekommen war.\nAbends kam „Joseph und seine Brüder\" von die erste\nOper, welche Lachner vor fünfundzwanzig Jahren in Mannheim diri-\ngirte, zur Aufführung, bei welcher Gelegenheit auch das Theater-\nPublicum seine Verehrung für den Gefeierten durch lebhafte Accla-\nmationen und reichliche Blumenspenden kund gab. Nach dem\nSchlüsse der Oper fand in den festlich geschmückten Räumen des\nEuropäischen Hofes ein Festessen Statt, bei welchem es an Trink-\nsprüchen ernster und heiterer, ja, sogar politischer Art natürlich\nnicht fehlte.\nAuch von einer Privat-Männergesellschaft wurde dem Jubilar ein\nkostbarer, von Meisterhand gearbeiteter silberner Pocal überreicht,\nund der literarisch-gesellige Verein brachte seinem gefeierten Mit-\ngliede in einem schönen, kalligraphisch ausgeführten Gedichte seine\nfreundliche Huldigung dar. (Südd. M.-Z.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDie deutsche Tonhalle in Mannheim. Der Rechenschafts-\nbericht für 1860 zählt 675 Mitglieder auf, unter denen 6 fürstliche\nPersonen und 172 Tonkünstler. Die bei Weitem grösste Betheiligung\nfindet in Mannheim selbst Statt, dann folgen Mainz, Karlsruhe,\nOffenbach, Fiankfurt a. M , Dresden, Rostock, Linz u. s w. Am\nschwächsten ist Köln vertreten. Eintrittsgeld zehn Silbergro-\nschen und Jahresbeitrag zehn Silb ergrosehen (im October\nfällig) Anmeldungen postfrei „an den Vorstand der D. T. zu\nMannheim\". Höhere Gaben werden dankbar bescheinigt. Seit der\nStiftung im Jahre 1852 sind 21 Preise ausgeschrieben, wovon 12\nzuerkannt worden sind (unter ihnen Ouvertüre von V. Lachner,\nHymne für Soli, Chor und Orchester von W. Scheffer in Eise-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610720-01.1.8", "texte": "nach, Sinfonie von H. Neu mann in Heiligenstadt, ein Opern text:\n.,Der Liebesring\" von H. T. Schmid in München, die Musik dazu\nvon Krämer in Augsburg u. s. w.). Fünf Preise konnten nicht zu-\nerkannt werden und vier sind noch unerledigt.\nVereliis-Cassestand.\nEinnahme.\nGld. Kr.\n]. Aus voriger Rechnung (1859) 907 —\n2. Eintrittsgeld (1860) 56 35\n3. Jahres-Beiträge von Vereins-Mitgliedern... 277 50\n4. Mehrleistungen, Geschenke derselben 133 13\n5. Verschiedenes (Zinsen u. s. w.) 39 45\nSumme.. 1414 23\nAusgabe.\n1. Für Schreibbedarf 5 15\n2. Druck- und Schreibkosten 58 29\n3. Post- und Sendgebühren 50 34\n4. Für Preise 200 —\n5. Bedienung und Verschiedenes (dabei Begründung des\nStockvermögens) 241 42\nCassenvorrath 858 23\nSumme. . 1414 23\nMannheim, Ende Christmonats 1860.\nAnhang zu den Statuten.\nWir haben im besten Erwägen einen Vermögensstock der Ton-\nhalle gegründet, in welchen bis jetzt einhundert und fünfzig Gulden\naus dem Vorrath der Vereinscasse von 1858 und 59, wie auch die\nSchenkung zweier Theilnehmer der Tonhalle geflossen tind, welche\nBeträge sich in der besonderen Verwaltung des Vereins-Mitgliedes\nHerrn Jos. Ant. Böhm, Handelsmannes in Mannheim, befinden.\nDie Vermehrung dieses Stock Vermögens, von dem die Uebersichten\ndes Vereins (Satz 14a) s. Z. Näheres mittheilen werden, geschieht:\na) durch die aus ihm sich ergebenden Zinsen ;\nb) durch freiwillige Beiträge, welche für ihn seiner Verwaltung\noder dem Vorstande zukommen, und\nc) dadurch, dass ihm aus den jährlichen Vorräthen der Vereins-\ncasse je zwanzig Gulden vom Hundert zufliessen sollen.\nWenn der Vermögensstock mindestens 500 Gulden beträgt, so\nsoll ein Theil seiner Zinsen nach Bedürfniss und dem Ermessen des\nVorstandes mit zu Preisen verwandt werden, so dass es dann gestat-\ntet sein wird, jährlich drei Preise oder zwei für zwei grössere Werke\nauszusetzen.\nMannheim, am 10. des Christmonats 1860.\nDer Vereins-Vorstand."}]}