{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-07-27-01", "volume": "bmtnabi_1861-07-27_01", "ocr_sha256": "6e80212436387222e27c65ff769c7137d947d0051b080522850dd63cdda501d9", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/07/27_01/bmtnabi_1861-07-27_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-07-27-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-07-27_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "234", "page_fin": "234", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "234", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 385, "texte": "Inhalt.\nDie Orgel in Beethoven's Missa solemnis, Von A. Schindler. der Aeltere über Beethoven's Missa solemnis. •\nDie Anfänge der berliner Sing-Akademie. Nach Zelter1 s Selbstbiographie. 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Ich bekam dadurch\nimmer mehr Beweise vor Augen, dass die nähere Bekannt-\nschaft mit dem Wesen des Werkes im Kreise gediegener\nMusiker im Fortschreiten begriffen ist, aber auch, dass die\nScheu vor den Schwierigkeiten in dessen Aufführung desto\nmehr zunimmt, je mehr die Eigentümlichkeiten des Wer-\nkes gekannt und erwogen sind. In den letzten Wochen\nsind mir wieder Zuschriften ähnlichen Inhalts von drei Mu-\nsik-Directoren zugegangen; zwei dieser Herren sind mit\nVorbereitungen zu Aufführungen im nächsten Winter be-\nschäftigt, und zwar mit bedeutenden Kräften; Beide haben\ndie Absicht, die Orgel mitwirken zu lassen, da grosse\nWerke ihnen zur Verfügung stehen; dies der Grund, dass\nin ihren Zuschriften die Orgelfrage an erster Stelle steht.\nDer Umstand, dass der Eine davon seinen Wirkungskreis\nin einer grossen Stadt Norddeutschlands, der Andere aber\nden seinen in einer kleinen Stadt Süddeutschlands hat, dass\nder Erstere evangelischer, der Andere katholischer Con-\nfession ist, mag noch insbesondere hier angegeben sein,\nweil dieser verschiedene kirchliche Standpunkt auf die An-\nschauungen der Missa in kirchlicher Beziehung bei beiden\nMusikern Einfluss zu üben scheint. Der dritte dieser Her-\nren hat seinen Wirkungskreis im nördlichen Böhmen; der\nInhalt seiner Zuschrift wird uns hier nicht beschäftigen,\nweil keine seiner Fragen sich auf den Orgelpunkt stützt.\nDass den wackeren Arbeitern im Weingarten der Ton-\nkunst die Beantwortung sämmtlicher Fragen, in so weit\ndies möglich war, alsbald zugegangen, soll auch bemerkt\nsein.\nWenn ich diesen Gegenstand hiermit vor die Oeffent-\nlichkeit ziehe, so geschieht es im Interesse von Beethoven's\nWerke, indem die darin vorgeschriebene Orgel bereits An-\nlass zu Discussionen für und wider gegeben hat, und\ndürfte dies in der Folgezeit noch mehr der Fall sein, wenn\ndie Missa sich in der ganzen deutschen Musikwelt freie\nBahn gebrochen haben wird.— Ich kann es nur natürlich\nfinden, wenn dem denkenden Leser der Partitur sich die\nFrage aufdrängt, wie es komme, dass Beethoven diesem so\nüberaus reich ausgestatteten Werke noch die Orgel hinzu-\nfügt, da er diese doch in der ersten Messe hat fehlen\nlassen. Aus dieser Frage entspringt alsbald die andere,\nlautend: Ist die Orgel bei der Missa in D ein notwendi-\nges Integrum, oder darf sie unbeschadet der Gesammt-\nwirkung wegbleiben?\nErsterer Fragepunkt ist so schwerwiegend, dass ich\nsehr bedaure, denselben in des Meisters Lebensgeschichte\nnicht umständlich erörtert zu haben, wie ich es im Stande\nbin. Daher soll Gegenwärtiges so viel als möglich die\nLücke dort ausfüllen.\nAls die Missa noch im Geiste ihres Schöpfers ver-\nschlossen lag, war ihre Bestimmung, die Installirungsfeier\n\n*) Diese Fragen waren die nachstehenden:\n1. Zu welcher Zeit und in welcher Stadt ist diese Messe zu-\nerst ausgeführt worden?\n2. Ist diese Messe in den meisten Städten Deutschlands aus-\ngeführt worden, und geschieht solches auch jetzt noch ?\n3. Hat diese Messe denselben Beifall gefunden, wie die in\nC-dur ?\nWie grosse Länder und Meere haben noch im Jahre 1841\nHolland von Deutschland getrennt! aber auch welch grosse\nEhre für Deutschland, dass die Holländer damals für gewiss\nangenommen hatten, die Missa in D sei der deutschen Musik-\nwelt schon eine gute ..Bekannte\"!"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "235", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5466, "texte": "seines kaiserlichen Schülers, des Erzherzogs Rudolf, als\nErzbischof von Olmütz im dortigen Dome zu verherrlichen.\nWie es gekommen, dass der Meister, einmal an die Aus-\narbeitung gegangen, immer mehr und mehr zur Einsicht\ngelangte, dass das Werk bis zu dem bestimmten Zeit-\npunkte nicht vollendet sein werde, er daher seine Intention\nfallen lassen müsse, darf ich wohl aus seiner Biographie\nals bekannt voraussetzen. Es sei der geneigte Leser dem-\nnach freundlichst ersucht, sich ohne Weiteres in den Dom\nvon Olmütz führen zu lassen, denn dort findet sich der\nBeweggrund zum Hinzufügen der Orgel in der Missa.\nIn der langgestreckten Kathedrale zu Olmütz ist die\nOrgel nicht im Hintergrunde des Schiffes aufgestellt, sie\nbefindet sich vielmehr zu beiden Seiten des um 3 4 Stu-\nfen erhöhten Aufganges in das Chor. Wenngleich diese\nzertheilte Aufstellung dem Chor zu besonderer Zierde ge-\nreicht, so werden dadurch andererseits der Ausführung\nvon Kirchenmusik so grosse Schwierigkeiten bereitet, wie\ndiese kaum grösser gedacht werden können; denn die\nAusführenden müssen sich auf diese beiden Bühnen ab-\ntheilen, die ungefähr 15—18 Fuss von einander entfernt\nsind. Auf der Bühne rechts am Aufgange in das Chor, wo\nder Organist seinen Sitz hat und der Capellmeister sein\nPult aufstellt, sehen wir sämmtliche Vocalisten, auf der\nBühne gegenüber sämmtliche Instrumentalisten. Diese ge-\ntheillen Kräfte zusammen zu halten und zu einem Ganzen\nzu vereinigen, vermag die Orgel allein. Zu diesem Hinder-\nniss einer guten, wenn auch nicht vorzüglichen Auffüh-\nrung gesellt sich noch ein anderes, und zwar: beide Orgel-\nbühnen sind kreisförmig, dazu noch schmal in der Bäum-\nlichkeit. Dieser Umstand wirkt um so nachtheiliger, als\nnicht alle die Mitwirkenden den Capellmeister im Auge\nhaben können abermals ein Grund, die Orgel als Ver-\nmittlerin wirken zu lassen. Dass die Zahl der Ausführen-\nden nur eine sehr beschränkte sein kann und die Ziffer\n35 kaum übersteigen dürfte, muss auch noch in Erwägung\ngezogen werden. Welche geringe Wirkung selbst.ein stark\ninstrumentirtes Tonwerk ohne Orgelbegleitung in einem\nso grossen Dome hervorbringen könne, lehrt die Erfah-\nrung mit anderen Domen, wo dergleichen Hindernisse\nnicht obwalten.\nDiese hindernden Umstände zusammengefasst, ergibt\nes sich ganz deutlich, dass das Beisetzen einer Orgelstimme\nin der Missa lediglich aus einem äusseren Grunde er-\nfolgt ist. Daraus ergibt sich aber auch ganz evident, dass\ndie Orgel nur ein Accidens ist, durch dessen Weglassung\nder Integrität des Werkes kein Abbruch geschieht; sie\nsoll stellenweise nur ausfüllend wirken, stellenweise wie-\nderum den Grundbass verstärken helfen, der bei Auf-\nführungen in der Kirche fast durchweg am schwächsten\nbesetzt ist. Wie selten findet man zwei gute Contrabässe!\nund schlimmer noch steht es in der Hegel mit den Violon-\ncellen. Die Partitur gibt Zeugniss für diese Absicht des\nComponisten. Wie häufig geht nicht die Orgel im Ein-\nklang mit dem Contrabass! Dies alles wird aber die\nstärkste Bekräftigung darin finden, dass unserem Meister\nDO,\ndie eben geschilderten Verhältnisse in der olmützer Kathe-\ndrale aus eigener Anschauung bekannt waren, und da ich\nwährend eines dreijährigen Aufenthaltes auf dem Gymna-\nsium jener Stadt bei besonderen Feierlichkeiten im Dome\noft in der Zahl der Mitwirkenden auf der linken Orgel-\nbühne gestanden, so war es natürlich, dass diese Verhält-\nnisse auch Gegenstand unserer Conversation gewesen.\nErwähne ich hier noch die Thatsache, dass die Orgel-\nstimme, nachdem ihr der erforderliche Raum vom Kyrie\nan offen gelassen war, erst nach vollendeter Ausarbeitung\ndes Werkes an die Reihe kam, und zwar mit Hülfe des\nalten Türk, der seit des Meisters Schuljahren nun wieder\ngute Dienste geleistet, so liegt auch darin nichts, was zur\nAnnahme berechtigen könnte, die Orgel solle als ein In-\ntegrum Geltung haben. Beethoven's Aeusserung in der be-\nkannten Einladung zur Subscription auf die Missa, näm-\nlich: dass sie au ch als Oratorium gebraucht werden könne,\nzeigt doch deutlich, dass ihre Bestimmung zunächst der\nGebrauch beim Gottesdienste sein soll. Vindicirt man aber\nder Orgel eine integrale Geltung, so zeiht man den Com-\nponisten der Missa eines offenbaren Irrthums; denn wenn\nschon ein vollständiges Orchester bei starker Besetzung die\nWirkung der Orgel lähmt, wie erst bei der sinfonistischen\nBehandlung des Orchesters in und\nHätte es in der Absicht des Componisten gelegen, der Or-\ngel nur theilweise eine vorwiegende Bedeutung zu geben,\nso wäre dies im Präludium vor dem geschehen.\nDort ist der Ort, wo während des erhabensten Momentes\nam Altare die heilige Wandlung Statt findet, ein Moment,\nder überall ausschliesslich nur von der Orgel ausgefüllt\nwird. Dass Beethoven denselben gekannt und gefühlt, be-\nweis't die Gestaltung eben dieses Präludiums, wobei die\nOrgel fast störend wirkt, würde man sie mitgehen lassen;\ndessgleichen im Benedictus.— Sollte indess die Aufführung\nin einer grossen, mit einer guten Orgel versehenen Kirche\nals Oratorium Statt finden, so versuche man es immerhin,\neinen oder den anderen Theil wenn auch nicht einen\nganzen Satz von der Orgel begleiten zu lassen; doch\nwird man wohl thun, den dadurch erreichten äusseren\n/ '\nEffect nicht zu hoch anzuschlagen, weil durch theilweises\nHinzutreten der Orgel die Einheit in der Klangwirkung\ndes Ganzen beeinträchtigt werden würde.\nUeberhaupt wird in allen Kirchenwerken, in denen\nein vollständiger Chor von Blas-Instrume'nten auftritt, die"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "236", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4145, "texte": "Orgel am besten thun, zu schweigen; denn beide neben\neinander vertragen sich nicht, weil jeder Theil ob seiner\nMächtigkeit die Herrschaft über das Ganze in Anspruch\nnimmt und damit auch die Aufmerksamkeit des Zuhörers.\nSo findet sich dies in aller neueren Kirchenmusik seit\nBach's, Hasse's und Naumann's Zeiten. Wer möchte so-\ngar Mozart's Requiem mit Orgelbegleitung hören? von\nCherubini's Messen gar nicht zu reden. Und Händel's Ora-\ntorien, mit einem vollständigen Orchester nach Begriffen\nunserer Zeit versehen, bedürfen sie denn noch der Orgel?\nJa, ich wage zu behaupten, dass diese heiligen Werke\ndurch die moderne Instrumentirung so sehr verweltlicht\nworden, dass sich der erhabene Charakter der Orgel vor\nsolcher Gemeinschaft ordentlich scheut. Dass diese Ver-\nweltlichung der Kirchenmusik durch so kolossale Massen-\nAuflührungen, wie heutzutage üblich, nebenbei aber auch\ndurch die damit verbundene Schaustellung der Massen\nerst in vollem Glänze hervortritt, wird wohl von Unbefan-\ngenen nicht bestritten werden. Wenn man dies erwägen\nwill, so wird man die Verurtheilung der Missa als eines\ngänzlich unkirchlichen Werkes als sehr ungerecht erken-\nnen müssen, und damit wird auch jeder Anhalt wegfallen,\nBeethoven s religiöse Anschauungen und Gefühle aus die-\nsem Werke heraushören zu wollen.\nWenn man doch bei Beurtheilung des technischen\nBaues der Missa, besonders in der Vocal-Partie, zwei Um-\nstände scharf ins Auge lassen wollte, nämlich den Unter-\nschied zwischen der gegenwärtigen Orchester-Stimmung\nund der bis zu Anfang des zweiten Jahrzehends bestande-\nnen, die fast um einen Halbton tiefer war. Von dieser\nwar der äussere und innere Sinn unseres Meisters befan-\ngen; die im zweiten Jahrzehend schon höher gewordene\nvermochte sein bereits sehr geschwächtes Ohr nicht mehr\naufzunehmen. Wie steht es aber vollends um das Verhält-\nnis der gegenwärtigen Orchester-Stimmung zu jener im\nzweiten Jahrzehend! Der andere zu beachtende Umstand\nbetrifft die Besetzung der Sopran- und Alt-Partie in allen\nkatholischen Kirchen mit Knabenstimmen. Diese machen\nnoch heute an vielen Orten die Mehrzahl aus. Wie leicht\nsteigt eine gute Knabenstimme zum zweigestrichenen gis,\na> h hinauf, wo hingegen die Mehrzahl der Frauenstim-\nmen im Chor schon mit g ihr Höchstes geleistet.— (Hätte\nder hyperboräische Kritiker X X. aus der Hauptstadt Nova\nZemblas, dessen Beurtheilung der Missa nach dem aache-\nner Musikfeste wir in Nr. 26 dieser Blätter, aber auch in\nder Independance zu Gesicht erhielten, nur wenigstens\ndiese dem erfahrenen Fachmanne doch so nahe liegenden\nUmstände berücksichtigt, er wäre zu anderen Schlüssen\ngekommen, die seine Befähigung zur Beurtheilung eines\nsolchen Werkes, das wohl den kritischen Horizont aller\nHyperboreer, selbst ihres Nestors, weit übersteigt, viel-\nleicht in ein besseres Licht gestellt haben würde.)\nWill man den Schwierigkeiten im Werke begegnen,\nso erniedrige man vor Allem die Orchester-Stimmung um\nein Bedeutendes, oder man transponire das die grössten\nSchwierigkeiten bietende Credo um einen Halbton tiefer,\nalso nach A. Damit wird man dem von der berliner Sing-\nAkademie bereits gegebenen Beispiele mit Bach's\nMesse folgen, die mit der bestehenden Orchester-Stimmung\ngleichfalls sehr schwer auszuführen ist. Der alte Sebastian\nhat den Sopran und Alt auch für Knabenstimmen geschrie-\nben, da zu seiner Zeit und viel später noch die Mitwirkung\nder weiblichen Stimmen in allen Kirchen verboten war.\nSeitdem nun Beethoven s Missa ein Gegenstand besonderer\nAffection Seitens der grossen Musikfeste geworden, treten\nnoch ganz besondere Momente der Beachtung entgegen.\n..it. ODO''\nüber die schon wiederholt gesprochen worden, es scheint\njedoch, fruchtlos. Nun, so quälet euch damit fort, aber las-\nset ab, dem erhabenen Schöpfer des Werkes Vorwürfe zu\nmachen, dem es sicher und gewiss nicht im Traume ein-\ngefallen ist, sein Werk solle einstens mit einer Masse von\nmehr denn 400 Vocalisten und 130 150 Instrumen-\ntisten zur Ausführung gebracht werden. Dieser eingetre-\ntene Fall schliesst eine Beihe von Fragepunkten ein, die\nwohl mit Worten, nicht aber mit Thaten leicht zu beant-\nWorten sind.\n\nA. Schindler."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-07-27-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-07-27_01#c003", "volume": "bmtnabi_1861-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "236", "page_fin": "238", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.2.3", "titre_corps": "Fétis der Aeltere über Beethoven’s Missa solemnis.", "titre_sommaire": "Fétis der Aeltere über Beethoven’s Missa solemnis.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "236", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.3", "debut_caractere": 4147, "fin_caractere_exclue": 5315, "texte": "Fétis der Aeltere über Beethoven’s Missa solemnis.\nWenn man in den Organen der Kunstkritik die ent-\ngegengesetztesten Urtheile über hervorragende Werke\nlies't, so scheint es fast, als gäbe es gar keinen Canon für\ndas Musicalisch-Schöne, und als wäre die Muse der Ton-\nkunst die bedauernswertheste von allen, da ihre Schöpfun-\ngen nur dem bon plaisiroder der subjectivsten Empfin-\ndung des Einzelnen zur Würdigung anheim fallen. Wir\nsprechen hier nicht von den Handlangern der Journalistik,\ndie ihr Leben fristen, indem sie die Spalten füllen, oder\nvon den Parteigängern für und wider eine Bichtung oder\neine Persönlichkeit, oder gar von den Vorkäufern, die Lob\nund Tadel nach ihrer Weise auf die Goldwage legen:\nnein, wir haben Männer im Auge, die durch tüchtiges Wis-\nsen und bedeutende schriftstellerische Leistungen im Fache\nder Geschichte, Kritik und Aesthetik einen grossen Buf,\neine Autorität erlangt haben, und die über alle äusseren\nMotive ihrer Aussprüche unzweifelhaft erhaben sind. Diese\nBetrachtungen drängen sich uns unwillkürlich auf, wenn\nwir lesen, wie ein Mann wie Gervinus (siehe die vorige\nNummer) über Bach's Passionen urlheilt, und wie er da-\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "237", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5152, "texte": "gegen in Händel reflectirte Intentionen hineindeutet (wie\nwir in der nächsten Nummer sehen werden), an welche\ndieser sicher nie gedacht hat; ferner wenn wir gewahren,\nwie ein Mann wie Felis in Brüssel sich über die grosse\nMesse in D-dur von Beethoven ausspricht.\nAls wir in Nr. 26 dem Kritiker der Independance\nnach Hause leuchten mussten, deuteten wir nur unsere\nVerwunderung an, dass er (Herr Fetis der Jüngere) unter\nden Augen seines Vaters so unüberlegtes Zeug schreiben\nkonnte. Jetzt aber dürfen wir leider nicht verschweigen,\ndass Herr Fetis der Aeltere selbst in dem ersten musica-\nlischen Organ von Frankreich [Revue 6f Gazette mus. de\nParis, Nr. 21) sein Anathem gegen Beelhoven's Messe\nschleudert, und zwar im vollen Bewusstsein seiner Auto-\nrität, wie dies aus dem Texte des Aufsatzes hervorgeht;\ndenn nur in der Unterzeichnung erblicken wir eine leise\nMahnung seines Gewissens, indem er sein berühmtes\nAntlitz unter der Chiffre ABC verschleiert.\nWir geben einige Proben dieser Art von Kritik, die\nwir dem Manne, der die erste Entwicklung des eigenthüm-\nlichen Beethoven'schen Genie's so richtig in der Partitur\nder Sinfonia eaoica findet, der die Quartette Op. 59 be-\nwundert und unter den Sonaten u. A. Op. 47, 53, 57,\n81, ja, 106 als Meisterwerke anerkennt, kaum zugetraut\nhätten:\n„Das gewaltige Werk ist durchaus nicht beim Gottes-\ndienste zu gebrauchen und gar nicht in einer Kirche aus-\nführbar. [lst aber am 4. August 1857 im Dome zu Frei-\nburg in Baden bei der Säcularfeier vollständig geschehen;\nin Köln wurden schon 1838 das und\nim Dome gemacht.] Ihre maasslose Länge, der Missbrauch\nder hohen Lagen der Singstimmen, die häufigen Absprünge\nder musicalischen Gedanken von dem wahren Sinne des\nliturgischen Textes, endlich das Unbestimmte (le vague)\ndieser Gedanken an vielen Stellen und der allzu dramati-\nsche Charakter anderer werden niemals erlauben, diese\nMusik ihrer eigentlichen Bestimmung gemäss zu verwen-\nden. Man hat es noch nie versucht [s. oben!] und wird es\nnoch viel weniger künftig versuchen.\n„Das Kyrie ist Anfangs ziemlich schön, obschon un-\nklar und nicht correct genug geschrieben. Das ist\nweniger gelungen, die Motive sind gewöhnlich und erin-\nnern an den Stil der deutschen Capellmeister des achtzehn-\nten Jahrhunderts, mit Ausnahme der Instrumentation, die\nhier viel mehr überladen ist.\n„Das Gloria befriedigt mit am wenigsten von allen\nNummern, obgleich man hier und da in einzelnen Zügen,\nz. B. im Qui tollis, das Genie des grossen Mannes wieder-\nfindet. Es fehlt aber den Ideen offenbar an logischer Ord-\nnung, und die Worte befinden sich in einem wunderlichen\nDurcheinander. [??] Die Fuge ist mittelmässig und zu lang,\ndie Schluss-Cadenz nimmt kein Ende und wird durch die\nhohe Lage der Stimmen vierzig Tacte lang peinlich. Nach\ndieser Cadenz wäre für jeden Anderen nichts mehr mög-\nlich gewesen, aber Beethoven kann kein Ende finden,\nnimmt das erste Motiv des Gbria wieder auf u. s. w., und\nschliesst ohne Wirkung.\n„Der Anfang des Credo ist schön, wird aber bald\ndurch die überhohen Töne der Stimmen verdorben. Im\nEt incarnatusfindet man an einigen Stellen Beethoven\nwieder, aber vom Et ascendit an bis zum Schlüsse ist der\nIdeen-Inhalt unbestimmt, die Form unklar und die Stimm-\nführung fehlerhaft.\n„Die Idee des Benedictus ist von grosser Schönheit.\nDie vier Solostimmen und ihre Begleitung durch Flöten\nu. s. w. und eine Solo-Violine ergreifen die Seele. Leider\nist das Stück drei oder vier Mal länger, als es sein sollte,\nund zwar nicht nur für die kirchliche Handlung des Prie-\nsters, sondern auch für die Zuhörer, weil derselbe An-\nfangs so schöne Gedanke sich am Ende ins Schrankenlose\nverliert.\n„Das Uebermaass der Ausdehnung ist noch schlimmer\nim Agnus Dei,dessen Anfang auch sehr schön ist; aber\ndieser Salz verliert seine Wirkung nicht bloss durch die\nLänge, sondern auch durch den Widerspruch der Musik\nmit dem Texte. Die Worte Do werden bis\nzum Ueberdrusse in einem sehr jovialen Tone wiederholt,\ndann fällt Kriegslärm dazwischen ein u. s. w., so dass das\nganze Agnus Dei 144 Tacte hat, wovon 95 im Tempo\nAdagio sind!\"\nDas ist die Becension der Beethoven'schen D-dur-\nMesse durch den grössten Musikgelehrten und Kritiker\nFrankreichs und Belgiens!! Und dabei macht er sich\nnoch der offenbaren historischen Unwahrheit schuldig, dass\ndas Werk auch in Deutschland noch bei jeder Aufführung\ndas Publicum kalt gelassen und gelangweilt habe.\nUnd derselbe Mann schreibt im Verlaufe seines Arti-\nkels, der sich auf das letzte niederrheinische Musikfest be-\nzieht, ganz vortrefflich über Händel's Josua und dessen\nAufführung, die man so vollkommen nur in Deutschland\nhören könne, und fügt über Beethoven's Violin-Concert\nund Joachim folgende schöne Sätze hinzu, die wir, um mit\nihm zu versöhnen, zum Schlüsse hieher setzen:\n„Das Violin-Concert von Beethoven, eine der schön-\nsten Schöpfungen des grossen Mannes, von Joachim ge-\nspielt, machte auf Künstler und Publicum einen der leb-\nhaftesten und herrlichsten Eindrücke, die man sich nur\ndenken kann. Beethoven muss von Joachim geträumt ha-\nben, als er dieses Concert schrieb, und Joachim's Dasein\nwäre unvollständig, wenn Beethoven dieses Meisterwerk"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "238", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 560, "texte": "nicht geschrieben hätte. Beide sind für einander ge-\nmacht!\n„Der grosse, maassvolle und zugleich poetische Stil\ndes grossen Violinisten ist für die richtige Darstellung des\nWerkes unerlässlich, so wie das Werk die einzige Gele-\ngenheit darbietet, bei welcher die Seele des Künstlers sich\nin ihrer ganzen Schönheit offenbaren kann. Paris hat\nJoachim nicht begriffen. Es ist schwer, den Ausbruch von\nBegeisterung zu beschreiben, den diese wundervolle Musik\ndurch diese wundervolle Ausführung hervorrief\nveille de musique rendue par cette merveille cfezecution).u"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-07-27-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-07-27_01#c004", "volume": "bmtnabi_1861-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "238", "page_fin": "240", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.2.4", "titre_corps": "Die Anfänge der berliner Sing-Akademie", "titre_sommaire": "Die Anfänge der berliner Sing-Akademie", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "238", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.5", "debut_caractere": 562, "fin_caractere_exclue": 5227, "texte": "Die Anfänge der berliner Sing-Akademie\nk*\\\n' )•\nSeit dem Jahre 1789 hatte sich nach und nach zu-\nsammengefunden, was nachher zufällig den Namen „Sing-\nAkademie\" erhielt und seine Stiftung meinem edlen Mei-\nster und väterlichen Freunde Fasch verdankt.\nFaschen's hinterlassene Werke bekunden einen Mann,\nder lebenslang sich mit der Harmonie besonders beschäf-\ntigt und in Absicht ihrer Anwendung auf das Ernste,\nWürdige, Gründliche hingearbeitet hat.\nSein äusserlicher sittlicher Charakter hatte sich zuerst\nan einem kleinen fürstlichen Hofe und nachher in grösse-\nren königlichen Dienst-Verhältnissen zu einer gehaltenen\nPersönlichkeit gebildet, die weder anregend noch zurück-\nstossend war. Eine prekäre Gesundheit und notwendige\nSparsamkeit hatten sich die Hand geboten, weder viel zu\nerwerben, noch viel zu versprechen.\nSeine Erziehung und früheste Umgebung war von der\nArt, dass er bei einem heiteren, bildsamen Naturel noth-\nwendig ein vorzüglicher Tonkünstler werden musste; doch\nhatte ihn seine übergrosse Bescheidenheit an ein Zurück-\nsichstellen gegen andere Artisten, wie Bach, Quanz und\nGeringere, gewöhnt.\nSo trat er mit den ersten Mitgliedern der Sing-Aka-\ndemie, gleichsam als seinen Schülern, die ersten Uebungen\nan, mit ihnen seine Compositionen versuchend, die er sel-\nber nur als Versuche gab, wie überzeugt er auch im Stil-\nlen von ihrer Güte sein mochte. Wenn eine gute Sache so\nangefangen und mit ruhiger Beharrlichkeit fortgesetzt wird,\nkann sie nicht anders als gedeihen. Das ist der Anfang der\nSing-Akademie, welcher auch noch in eine Zeit fällt, die\nnicht mit Musik überfüllt war, wie die jetzige.\nDie ersten ordentlichen Zusammenkünfte der Sine-\no\nAkademie waren in einem Privathause**), dessen Ton bil-\nliger Weise der Ton der guten Gesellschaft sein musste;\ndadurch ward die ganze Sache nebenher behandelt und\nFasch dessgleichcn. So schlich dies einige Jahre hin, und\nan ein festes Wesen war kaum zu denken, ja, Alles wäre\nin sein Nichts versunken, wenn Fasch seine Intentionen\nhätte mit Nachdruck durchsetzen wollen.\nAls der Jüngste, ich könnte wohl sagen: der Geringste,\nunter Faschens Schülern in der Harmonie, denn Röllie.\nu\nJohannes, Seneyders, Reilstab, v. Bülow*) waren alle wei-\nter, da sie eher angefangen hatten, als ich, war ich auch\nin diese Versammlung getreten **), ohne jemals auszubleiben.\nMeine Kenntnisse in der Tonkunst bezogen sich mehr\naufs Praktische, da ich verschiedene Instrumente mit Bei-\nfall spielte. Ein dreissigjähriger munterer, doch ernsthafter\nMann, der ich war, konnte ich kaum meine Ungeduld be-\nzügeln. Was Fasch aus Höflichkeit und Menschlichkeit\nlobte, um zu ermuntern, kam mir unerträglich vor, je be-\nhaglicher sich Andere das Lob ohne Einschränkung zu-\neigneten; ja, ich war in einer verzweifelten Stimmung,\nindem ich auf diesem Wege nichts hoffte; denn was auch\nimmer als gelungen gelten konnte, kam doch nur zärtlich,\nja, ängstlich und gebunden an den Tag.\nDie Zusammenkünfte der Gesellschaft geschahen Dins-\ntags, wie noch heute.\nMan versammelte sich am Abende, man trank Thee,\nman sprach, erzählte, kurz, zerstreute sich, und an die\nSache selbst ward nur nebenher gedacht.\nDie Stücke waren nicht immer leicht, ja, oft unbe-\nzwinglich, und wollte es zuletzt nicht vor sich gehen, so\nlegte man dies bei Seite, um etwas Anderes nicht glück-\nlicher zu versuchen. Ich zerrieb mich innerlich, um ein\nMittel aufzufinden, Ordnung und Ernst in diese Sache zu\nbringen; das war aber nicht leicht, da ich gar nichts zu\nsagen hatte, und Fasch, um nur einiger Maassen zufrieden\nsein zu können, für jede Stimme immer noch wenigstens\neinen wirklichen Sänger dazu bat; gegen mich aber liess\nFasch so wenig Vertrauen sehen, dass er mich kaum an\nden Flügel liess; denn wenn er selbst nicht spielte, so liess\ner einen Anderen als mich heran.\nEndlich verabredete ich mit Einigen von uns, wir\nwollten jeden Montag vorher uns versammeln, um das\n\n*) Nach Zelter's Selbstbiographie.\n**) In den Tagebüchern der Sing-Akademie ist darüber von Fasch's\neigener Hand folgende Bemerkung gemacht: „Im Sommer ]790\nist mit der Singe-Uebung der Anfang gemacht in dem Garten-\nhause des Herrn Geheim-Rath Milow. Die ersten Mitglieder\nwaren: Discant: Dem. Dietrich, Mad. Bachmann, Dem.\nSchmalz, M. Preuss. Alt: Dem. Pappritz, Mad. Messor,\nDem. Nobiling, Frau Geheim-Räthin Meyer. Tenor: Herr\nSeneyders. Bass: Herr Johannes, Herr Hofrath Zenkel.^\n*) Der nachherige heldenmüthige Sieger bei Gross-Beeren und\nDennewitz. Von seiner Composition ward in seiner Gegenwart\neine Messe in der Sing-Akademie aufgeführt.\n**) Im Jahre 1791, als die Versammlung bei der Frau Geh.-Rath\nPappritz Statt fand, trat Zelter ein und sang beim Tenor mit."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "239", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5493, "texte": "ordentlich einzuüben, was wir Dinstags in Faschens Bei-\nsein vortragen wollten.\nDadurch gerieth ich an den Flügel, und hier ging\nmeine liegierung an. Schon seit manchen Jahren halte\nich kleine Privat-Concerte und Kirchenmusiken mit der\nVioline angeführt; so war mir die Sache nichts Neues, und\nmit Freuden sage ich es denen, die mit mir waren, nach,\ndass sie sich Vieles von mir gefallen liessen, was freilich\ndazu gehörte; denn hatte ich mir auch gute Stimmen ge-\nwählt, so waren doch die wenigsten von ihnen je angehal-\nten worden, einen Ton ordentlich, wie sich's gehört, her-\nvorzubringen. Dadurch hatte ich nun der Mühe viel, und\nes vergingen Monate, ehe wir vom Flecke kamen; doch\nnach Jahr und Tag konnte Fasch bemerken, dass etwas\nneben ihm geschah, und nun fing er an, auch vertraulicher\ngegen mich zu werden.\nNach etlichen Jahren mochte die Gesellschaft wohl zu\neinem Chor von dreissig Personen und darüber herange-\nwachsen sein, als unser Local zu enge und in ökonomischer\nHinsicht lästig für die Wohnung einer Witwe ward. Die\nMitglieder waren selten vollzählig, und unser Hauptstu-\ndium, welches auf die Production eines sechszehnstimmi-\ngen Kyrie und Gbria von Fasch ging, wurde zurückge-\nhalten.\nHier entdeckte ich den runden Saal der königlichen\nAkademie, welcher bis dahin ein blosser Durchgang, eine\nVorhalle der Akademie gewesen war, wirkte durch den\ndamaligen DirectorMeil bei dem Curatorio und dem Senate\nder Akademie die Erlaubniss aus, hier unsere Uebungen\nfortzusetzen, wo wir ungestört, unabhängig, unentgeltlich\nmitten unter Künsten und Wissenschaften unsere Woh-\nnung aufschlagen konnten. Fasch stimmte nach einigem\nWiderstreben ein; doch fanden sich neue Schwierigkeiten.\nDie Privat-Gesellschaft, meinten Einige unter uns, sei nicht\nmehr, was sie gewesen; Sänger und Sängerinnen wollten\nsie nicht werden, und sehr bedeutende Mitglieder gingen\naus dem Vereine. Fasch war etwas ängstlich dabei; ich\nsuchte ihn zu ermuntern. Ganz hatte man nicht Unrecht;\ndas neue Local sah sehr unerfreulich aus: schmutzige\nWände, schlechte Dielen, zerschlagene Scheiben, unfeste\nThüren und Fenster, ein Aufgang durch Pferdeställe, der\nWinter nahe. Im Saale war kein Ofen, ja, selbst kein\nRaum, um einen zu stellen; alles das versprach wenig be-\nhagliches Dasein. Doch die Erlaubniss war da*), nach\n* *\ndem Winter war ein Sommer zu erwarten, die Wände\nkonnten gereinigt, die Fensterscheiben hergestellt, der\nFussboden gebessert werden; ich liess mich nicht stören.\nDer Winter, die Kälte und Feuchtigkeit waren unerträg-\nlich. Wenn ich die Hände auf den Flügel legte, so war es,\nals wenn ich auf stechenden Nägeln spielte. Mehr als Ein\nMal wurde gewünscht, wenigstens den harten Winter hin-\ndurch wieder ins alte Quartier zu ziehen; ich stimmte ein,\naber es geschah nicht. Wenige Mitglieder liessen sich se-\nhen, und die Gesellschaft bestand manchen Dinstag so\narmselig, dass wir kein Stück besetzen konnten. Die Mäd-\nchen jedoch waren die Tapfersten. Eines Tages, als die\nKälte unerträglich war, wollten die Meisten wieder von\ndannen gehen. Eine unter ihnen legte ihre Muffe auf die\nErde, kniete darauf und wickelte ihre Füsse in ihr langes\nKleid; dies ahmten mehrere nach, und zuletzt sang die\nganze Versammlung in dieser rührenden Stellung einen\nChoral, dass Fasch darüber in Thränen ausbrach. Das\nBild dieses Abends schwebt mir noch heute vor Augen;\nes war ein so rührender Anblick, dass ich diese kleine Be-\ngebenheit auf immer dem Gedächtnisse aufzubewahren\nwünschte. Nun wurde beschlossen, nach wie vor ununter-\nbrochen hier zusammen zu kommen, und wäre die Kälte\nzu gross, so wollte man ein einziges Stück singen, damit\nnur etwas gesungen und die Uebungen nicht ganz unter-\nbrochen würden.\nIm Februar trat gelindere Witterung ein und zugleich\neine neue Last; der Schnee ging auf, das Dach des Aka-\ndemie-Gebäudes war nicht fest, und unser Saal schwamm.\nAuch hier fand sich Rath; man legte zusammen, und\nes wurden zwei Fussteppiche angeschafft, worauf die\nFrauenzimmer zu beiden Seiten des Flügels stehen konn-\nten; die Männer behalfen sich. Der erste Sommer kam;\nunser Bestehen war noch jetzt immer auf den Beitritt an-\nerkannter Artisten gegründet: Fischer und seine Frau,\nLehmann, Hurka, Johannes, Kleinhans, Mad. Graziani mit\nihrer Tochter, Mlle. Niclas, Reichardt, Seidel u. A. Muss-\nten gegenwärtig sein, wenn etwas gelingen sollte; diese\nmussten Dinstag von Fasch besonders eingeladen werden;\ndas Schwere durfte nicht zu oft wiederholt werden, wenn\n\n*) Von Fasch's Hand findet man darüber folgende Notiz: „Nach\nerhaltener Erlaubniss probirten wir den 12. October zum ersten\nMale auf dem Saale der Akademie, den 29. October 1792 san-\ngen wir zum letzten Male bei Mad. Voitus, und dort erwählte\nich die ältesten Mitglieder zu Vorstehern der Gesellschaft. Die\nVorsteher kamen zusammen, und da ward ausgemittelt, dass\njedes Mitglied monatlich 12 Gr. zur Bestreitung der Kosten\nzur Casse beitragen sollte; doch waren von diesem Beitrage\nausgenommen alle Musiker von Profession: denn da diese die\nZeit, da sie sonst durch ihre Kunst Geld verdienen, unserer\nAkademie (dieser Ausdruck hier zuerst gebraucht) widmen,\nso leisten sie durch diesen Verlust ihrer Zeit schon mehr, als\nden Werth des Beitrages.\n„Herrn Zelter wählte ich desshalb nicht zum\nVorsteher, weil ich ihn von Anfang an zu meinem\nAssistenten ausersehen, und die Folge hat meine\nWahl vollkommen gerechtfertigt» Den 5. November\nwurde dem zufolge die Akademie eröffnet und die Vorsteher\nder Gesellschaft vorgestellt.\""}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "240", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4176, "texte": "die Theilnahme nicht vermindert werden sollte. Was also\nnoth war, bestand darin, für uns allein bald dahin zu ge-\nlangen, etwas zu leisten. Wir waren aui Faschens Com-\npositionen beschränkt, welche schwer sind und geübte Sän-\nger erfordern; und hatten wir auch unter uns mehr als\nEine schöne Stimme, so waren es doch nicht so viele, als\nwir bedurften. Fasch richtete uns daher einige Chöre von\nHasse und Händel ein, worin ich ihm beistand, indem ich\nmich auf ähnliche Art beschäftigte; besonders wurden Cho-\nräle gesungen. Was uns am meisten zurückhielt, war Fa-\nschens Kränklichkeit, die ihn öfter Monate lang im Hause\nhielt; denn war er uns bei der Musik noth wendig, so war\ner auch uns unentbehrlich, weil sein Dasein so Viele an-\nlockte. Die Sache hatte ohnehin nicht mehr den Reiz der\nNeuheit, und das Schädlichste war, dass einige von Fa-\nschens Freunden sich merken liessen, die Sache würde\nnicht bestehen können. Einen dieser Unglücks-Propheten,\nder diese Meinung in meiner Gegenwart äusserte, beschied\nich in ziemlicher Hast: „Die Sing-Akademie wird länger\nbestehen, als Sie! Warum reden Sie so, wenn die Sache\ngut ist, da es Ihre Pflicht wäre, an Erhaltung zu denken?\"\nEr ist längst todt und seine Werke mit ihm.—\nHatte ich mich bisher leidend verhalten, so war es\ndiese Rede und meine Erklärung dagegen, was mich be-\nstimmte, mit aller Kraft zu wirken und nicht von der Sin.\"-\nAkademie zu lassen, so lange Einer mit mir bleiben wollte.\nWas der Sing-Akademie gleichfalls hinderlich, war,\ndass man zu gross angefangen hatte. Sechszehnstimmige\nund achtstimmige Stücke waren selten zu besetzen*), und\nvon diesen Stücken, welche einen grossen Geschmack, Stil\nund Ausdruck athmen, zu kleinen, leichten Stücken über-\nzugehen, mit denen wir eigentlich hätten anfangen sollen,\nwar keine leichte Ueberwindung.\nDie Benennung Sing-Akademie entstand nach und\nnach daher, weil sich singende Stimmen in den Mauern\neiner wirklichen Akademie versammelten, und da das ganze\nPublicum sich dieser Benennung bediente, so ist sie ge-\nblieben.\nDie Uebungen wurden regelmässig zwei Mal in der\nWoche fortgesetzt, und am 3. August des Jahres 1800,\nals der edle Stifter Fasch starb, war die Anzahl der Mit-\nglieder seit 8 Jahren von 30 bis auf 148 angewachsen.\nMit dem Tode Fasch's übernahm Zelter selbstständi\"\ndie Leitung der Sing-Akademie. In dem so genannten\nPräsensbuche derselben finden wir von seiner Iland un-\nterm 3. August 1800 folgende Bemerkung: „Sonntag\nden 3. August, ist der rechtschaffene Fasch Nachmittags\num halb vier Uhr gestorben, und von hier an werde ich,\nsein Freund und Schüler, dieses Buch und die Sing-Aka-\ndemie fortsetzen.\"\nAm 15. August versammelten sich zum ersten Male\nnach Fasch's Tode die Mitglieder zu gemeinschaftlicher\nüebung. Zelter schreibt darüber: „53 Personen sangen\nmit Thränen und gerührtem Herzen den IJ. Choral und\ndas Requiem von Fasch. Ich machte der Gesellschaft das\nletzte Lebewohl des Seligen bekannt, welches wörtlich\nhier folgt:\n» »Fs wird wohl Niemandem von uns mehr unbekannt\nsein, dass unser rechtschaffener Freund und Stifter sein\nschönes, fruchtbares Leben sanft geendigt hat; allein ich\nhabe von ihm den officiellen Auftrag, seinen Tod unter\nuns bekannt zu machen und Ihnen allen sein letztes Lebe-\nwohl zu sagen. Er lässt Jedem von Ihnen besonders aufs\ninnigste danken für die vielen Beweise aller ihm erzeigten\nAchtung und Liebe, deren Gefühl sein Herz bis zur letz-\nten Stunde fröhlich erhalten hat. Er versichert Sie alle sei-\nner unbedingten Zufriedenheit, die er mit in jene Welt\ngenommen, und hofft von Ihrem Wohlwollen gegen ihn,\ndass Sie sein Andenken mit der gewohnten Einigkeit\nehren werden, die der einzige und höchste Zweck der\nKunst ist.\"\"\n\n*) Die häufig eintretende Unmöglichkeit, die sechszehnstimmige\nMesse zu besetzen, veranlasste auch Fasch, im Jahre 1792\nachtbtimmige Stücke zu schreiben; von seiner Hand findet sich\ndarüber folgende Notiz: „Da Frau Geh.-Rath Meyer und Dem.\nGraziani von der Gesellschaft abgingen u. s. w., so musste ich\ndie sechszehnstimmige Messe bei Seite setzen. Ich schrieb\ndesshalb den achtstimmigen 51* Psalm Miserere mei7 und die-\nses unterhielt uns den ganzen Sommer durch.\"\n(Hört! Hört!)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-07-27-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-07-27_01#c005", "volume": "bmtnabi_1861-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "240", "page_fin": "241", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "240", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.7", "debut_caractere": 4178, "fin_caractere_exclue": 5584, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nIn den Tagen des 15., 16. und 17. Juni fand in der Stadt\nMünden ein Gosangfest Statt, an dem sich die Männergesang-\nVereine von Münden, Kassel, Göttingen, Eschwege und\nAV itzenh a u s e n betheiligten, so dass sich die Zahl der Sänger\nauf ungefähr 350 belief. Die Leitung des Ganzen war dem akade-\nmischen Musik-Director Hille aus Göttingen übertragen, unter\ndessen vortrefflicher Direction ein Kirchen-Concert, das den Mittel-\npunkt des Festes bildete, in wohlgelungener Weise zur Aufführung\nkam. Die Hauptnummern des Concert-Programms waren: eine Mo-\ntette von Hauptmann, der Festgesang an die Künstler von Men-\ndelssohn, der lüO. Psalm von Hille und rDie Himmel rühmen\ndes Ewigen Ehre\" von Beethoven. Die Wirkung sämmtlicher\nChorgesänge, die mit Orgel-Vorträgen des Herrn Emil Weiss aus\nGöttingen wechselten, war eine grossartige und befriedigte das zahl-\nreich anwesende Publicum im vollsten Maasse. Ausserdem wurden\nbei einer Vereinigung auf dem Markte und einem Ausfluge nach\nden? so genannten Kattenbühl zahlreiche Quartette vom vollen Chor\ngesungen und fanden bei dem Festessen Lieder-Vorträge der einzel-\nnen Gesang-Vereine Statt, unter denen sich der Gesang-Verein aus\nKassel und der göttinger Studenten-Gesang-Verein besonders aus-\nzeichneten. Während des ganzen Festes, das vom schönsten Wetter\nbegünstigt war, herrschte ungetrübte Heiterkeit, und die Stadt Mün-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "241", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4656, "texte": "\\ ■ . ' 7%. ■\nden, die schon durch ihre reizende Lage entzückt und in diesen\nTagen im reichsten Festschmuck prangte, hatte Alles aufgeboten,\num ihren Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu\nmachen. K.\nMan schreibt der Süddeutschen Musik-Zeitung aus Frankfurt\na M , 4. Juli: „Am L Juli, Abends 7 Uhr, hatte der KühPscbe\nGesang-Verein eine Abschiedsfeier im Saale des Holländischen Hofes\n(Vereinslocal), all wo dem scheidenden Director, Herrn Kühl, ein\nBrillantring überreicht wurde.\n„Für morgen Abends zeigt der Theaterzettel Troubadour von\nVerdi an, mit welcher Oper die hier eingetroffene italiänische Ge-\nsellschaft des Herrn E. Merelli ihre Gastdarstellungen eröffnen wird.\nIn Folge dieser Gastdarstellungen figuriren dann seit einigen Tagen\nnicht weniger als neun Namen hiesiger Bühnen-Mitglieder als\nurlaubt\" \" auf den Theaterzetteln.\n„Der 1. September, an welchem der neue Theater-Capellmeister\nseine Functionen antreten soll, rückt immer näher heran, und noch\nverlautet nichts Bestimmtes darüber, wer diese Stelle erhalten soll.\nEs geht das Gerücht, dass die Theater-Verwaltung mit dem bishe-\nrigen k. schwedischen Hof-Capellmeister Ignaz Lachner in Un-\nterhandlung stehe; allein wir wissen nicht, ob die Sache sich wirk-\nlich so verhält. Jedenfalls wäre I. Lachner wohl der rechte Mann\nfür uns.\"\nIBeilbroiiaft, 30. Juni. Den Glanzpunkt der musicalischen\nLeistungen in unserer Stadt bildet unstreitig die von Herrn Musik-\nDirector Mascheck ins Leben gerufene und in diesem Jahre zum\nsechsten Male Statt gefundene alljährliche Aufführung eines grossen\nOratoriums durch den Oratorien-Verein; ja, es hat sich diese\nProduction zu einem wahren Musikfeste nicht allein für unsere Stadt,\nsondern auch für die weite Umgegend gestaltet. Für die diesjährige\nProduction war das Oratorium von L. Spohr: „Des Heilands letzte\nStunden\", Gedicht von Rochlitz, ausersehen, ein grossartiges, beson-\nders durch eine prachtvolle Instrumentirung ausgezeichnetes Ton-\nwerk. Die Aufführung in der Hauptkirche St. Kilian war, wie bei\nden Oratorien der letzten Jahre, im Ganzen sowohl als in den ein-\nzelnen Theilen eine vollendete; Soli, Chöre und Orchester leisteten\nim schönsten Zusammenwirken Vortreffliches. Dieses erfreuliche Re-\nsultat verdanken wir nächst den Bemühungen unseres Herrn Ma-\nscheck hauptsächlich der abermaligen gütigen Mitwirkung ausge-\nzeichneter künstlerischer Kräfte von Stuttgart. Die Solo-Partieen\nübernahmen Frau Doctor Leisinger und die Herren Schütky,\nFranz Jäger und Horn, und das Orchester war ausser den hie-\nsigen Kräften von Mitgliedern der k. Hofcapelle besetzt; auch wur-\nden einzelne Solostellen von hiesigen Sängerinnen recht gut vorge-\ntragen. Besonders ergreifend waren die der lyrischen Richtung ange-\nhörenden Chöre: „Senke dich, stille Nacht\", „Und wenn sie alle\nweichen\", mit dem tief erschütternden Solo der Maria: „Blicke, du\nstrahlende Sonne\"; „Wir sinken in den Staub\", und der Schluss-\nchor: „Wir drücken dir die Augen zu\". Nicht minder Effect mach-\nten die grosse Leidenschaft uni Fanatismus ausdrückenden Chöre\nder Priester und des Volkes: „Schmach! Schmach! Schmach!\" „Ueber\nuns komme sein Blut\", „Arzt, der Allen half\", und hauptsächlich\nder Erdbeben-Chor (ein wundervolles Tongemälde): „Welch drohend\nUngewitter\". Durch das Einüben der schweren Chöre hat sich Herr\nMascheck wieder als Meister bewährt; überhaupt widmete er sich\ndiesem Oratorium mit besonderer Liebe, da er vor Jahren einmal die\nEhre hatte, dasselbe in Anwesenheit des Componisten und mit gros-\nser Anerkennung von Seiten des letzteren bei einem eidgenössischen\nMusikfeste in Lnzern, mit mehr als 500 Mitwirkenden besetzt, 11 r\ndirigiren. Möge der Oratorien-Verein in seinem seitherigen, alle hie-\nsigen Kräfte vereinigenden Wirken mit gleichem Eifer fortfahren\nund uns auch in künftigen Jahren durch Aufführungen solcher Mei-\nsterwerke der deutschen Tonkunst erfreuen !\nProfessor Moscheies, der bekanntlich seit einer langen Reihe\nvon Jahren es aufgegeben hat, öffentlich mehr zu spielen, liess sich\ndurch eine Einladung der Harmonie Society in London bestimmen,\nin einem Concerte derselben aufzutreten. Er spielte sein G-moll-Con-\ncert. Natürlich war das Interesse an dem Spiel des alten Herrn ein\nüberaus grosses. Der Violinist Herr Ludwig St raus s (aus Wien)\nspielte das Beethoven'sche Concert. Die englischen Blätter nennen\nStrauss den ebenbürtigen Rivalen Sivori's und Molique's.\nDer Universitäts-Musik-Director Robert Franz bat in Aner-\nkennung seiner Leistungen als Componist, so wie seiner Verdienste\num die Pflege und Verbreitung der Bach'schen Musik von der Uni-\nversität zu Halle das Diplom eines Doctors der Philosophie erhalten."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "234", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie Orgel in Beethoven's Missa solemnis, Von A. Schindler. der Aeltere über Beethoven's Missa solemnis. •\nDie Anfänge der berliner Sing-Akademie. Nach Zelter1 s Selbstbiographie. Tages- und Unterhaltungsblatt (Münden, Gesang-\nfest Frankfurt am Main, Abschiedsfeier, Italiänische Oper Heilbronn, Aufführung des Oratorien-Vereins Professor Moscheies\nMusik-Director Robert Franz).\n\nDie Orgel in Beethoven’s Missa solemnis.\n\nEin neues Thema bietet sich dar, um den vielen Dis-\ncussionen über dieses Werk eine Fortsetzung zu geben;\ndieses Thema wollen wir die Orgelfrage nennen.\nSeit dem Jahre 1841, als die holländische Gesellschaft\nzur Beförderung der Tonkunst zuerst es war, die mir die\nEhre erzeigte, sich mit einigen die Missa betreffenden\nFragen an mich zu wenden*), sind von Zeit zu Zeit Zu-\nschriften von achtungswerthen Musikern an mjch gekom-\nmen, deren Inhalt, meist in bestimmte Fragepunkte ge-\nfasst, das Innere des Werkes betrafen. Ich bekam dadurch\nimmer mehr Beweise vor Augen, dass die nähere Bekannt-\nschaft mit dem Wesen des Werkes im Kreise gediegener\nMusiker im Fortschreiten begriffen ist, aber auch, dass die\nScheu vor den Schwierigkeiten in dessen Aufführung desto\nmehr zunimmt, je mehr die Eigentümlichkeiten des Wer-\nkes gekannt und erwogen sind. In den letzten Wochen\nsind mir wieder Zuschriften ähnlichen Inhalts von drei Mu-\nsik-Directoren zugegangen; zwei dieser Herren sind mit\nVorbereitungen zu Aufführungen im nächsten Winter be-\nschäftigt, und zwar mit bedeutenden Kräften; Beide haben\ndie Absicht, die Orgel mitwirken zu lassen, da grosse\nWerke ihnen zur Verfügung stehen; dies der Grund, dass\nin ihren Zuschriften die Orgelfrage an erster Stelle steht.\nDer Umstand, dass der Eine davon seinen Wirkungskreis\nin einer grossen Stadt Norddeutschlands, der Andere aber\nden seinen in einer kleinen Stadt Süddeutschlands hat, dass\nder Erstere evangelischer, der Andere katholischer Con-\nfession ist, mag noch insbesondere hier angegeben sein,\nweil dieser verschiedene kirchliche Standpunkt auf die An-\nschauungen der Missa in kirchlicher Beziehung bei beiden\nMusikern Einfluss zu üben scheint. Der dritte dieser Her-\nren hat seinen Wirkungskreis im nördlichen Böhmen; der\nInhalt seiner Zuschrift wird uns hier nicht beschäftigen,\nweil keine seiner Fragen sich auf den Orgelpunkt stützt.\nDass den wackeren Arbeitern im Weingarten der Ton-\nkunst die Beantwortung sämmtlicher Fragen, in so weit\ndies möglich war, alsbald zugegangen, soll auch bemerkt\nsein.\nWenn ich diesen Gegenstand hiermit vor die Oeffent-\nlichkeit ziehe, so geschieht es im Interesse von Beethoven's\nWerke, indem die darin vorgeschriebene Orgel bereits An-\nlass zu Discussionen für und wider gegeben hat, und\ndürfte dies in der Folgezeit noch mehr der Fall sein, wenn\ndie Missa sich in der ganzen deutschen Musikwelt freie\nBahn gebrochen haben wird.— Ich kann es nur natürlich\nfinden, wenn dem denkenden Leser der Partitur sich die\nFrage aufdrängt, wie es komme, dass Beethoven diesem so\nüberaus reich ausgestatteten Werke noch die Orgel hinzu-\nfügt, da er diese doch in der ersten Messe hat fehlen\nlassen. Aus dieser Frage entspringt alsbald die andere,\nlautend: Ist die Orgel bei der Missa in D ein notwendi-\nges Integrum, oder darf sie unbeschadet der Gesammt-\nwirkung wegbleiben?\nErsterer Fragepunkt ist so schwerwiegend, dass ich\nsehr bedaure, denselben in des Meisters Lebensgeschichte\nnicht umständlich erörtert zu haben, wie ich es im Stande\nbin. Daher soll Gegenwärtiges so viel als möglich die\nLücke dort ausfüllen.\nAls die Missa noch im Geiste ihres Schöpfers ver-\nschlossen lag, war ihre Bestimmung, die Installirungsfeier\n\n*) Diese Fragen waren die nachstehenden:\n1. Zu welcher Zeit und in welcher Stadt ist diese Messe zu-\nerst ausgeführt worden?\n2. Ist diese Messe in den meisten Städten Deutschlands aus-\ngeführt worden, und geschieht solches auch jetzt noch ?\n3. Hat diese Messe denselben Beifall gefunden, wie die in\nC-dur ?\nWie grosse Länder und Meere haben noch im Jahre 1841\nHolland von Deutschland getrennt! aber auch welch grosse\nEhre für Deutschland, dass die Holländer damals für gewiss\nangenommen hatten, die Missa in D sei der deutschen Musik-\nwelt schon eine gute ..Bekannte\"!"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "235", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.2", "texte": "seines kaiserlichen Schülers, des Erzherzogs Rudolf, als\nErzbischof von Olmütz im dortigen Dome zu verherrlichen.\nWie es gekommen, dass der Meister, einmal an die Aus-\narbeitung gegangen, immer mehr und mehr zur Einsicht\ngelangte, dass das Werk bis zu dem bestimmten Zeit-\npunkte nicht vollendet sein werde, er daher seine Intention\nfallen lassen müsse, darf ich wohl aus seiner Biographie\nals bekannt voraussetzen. Es sei der geneigte Leser dem-\nnach freundlichst ersucht, sich ohne Weiteres in den Dom\nvon Olmütz führen zu lassen, denn dort findet sich der\nBeweggrund zum Hinzufügen der Orgel in der Missa.\nIn der langgestreckten Kathedrale zu Olmütz ist die\nOrgel nicht im Hintergrunde des Schiffes aufgestellt, sie\nbefindet sich vielmehr zu beiden Seiten des um 3 4 Stu-\nfen erhöhten Aufganges in das Chor. Wenngleich diese\nzertheilte Aufstellung dem Chor zu besonderer Zierde ge-\nreicht, so werden dadurch andererseits der Ausführung\nvon Kirchenmusik so grosse Schwierigkeiten bereitet, wie\ndiese kaum grösser gedacht werden können; denn die\nAusführenden müssen sich auf diese beiden Bühnen ab-\ntheilen, die ungefähr 15—18 Fuss von einander entfernt\nsind. Auf der Bühne rechts am Aufgange in das Chor, wo\nder Organist seinen Sitz hat und der Capellmeister sein\nPult aufstellt, sehen wir sämmtliche Vocalisten, auf der\nBühne gegenüber sämmtliche Instrumentalisten. Diese ge-\ntheillen Kräfte zusammen zu halten und zu einem Ganzen\nzu vereinigen, vermag die Orgel allein. Zu diesem Hinder-\nniss einer guten, wenn auch nicht vorzüglichen Auffüh-\nrung gesellt sich noch ein anderes, und zwar: beide Orgel-\nbühnen sind kreisförmig, dazu noch schmal in der Bäum-\nlichkeit. Dieser Umstand wirkt um so nachtheiliger, als\nnicht alle die Mitwirkenden den Capellmeister im Auge\nhaben können abermals ein Grund, die Orgel als Ver-\nmittlerin wirken zu lassen. Dass die Zahl der Ausführen-\nden nur eine sehr beschränkte sein kann und die Ziffer\n35 kaum übersteigen dürfte, muss auch noch in Erwägung\ngezogen werden. Welche geringe Wirkung selbst.ein stark\ninstrumentirtes Tonwerk ohne Orgelbegleitung in einem\nso grossen Dome hervorbringen könne, lehrt die Erfah-\nrung mit anderen Domen, wo dergleichen Hindernisse\nnicht obwalten.\nDiese hindernden Umstände zusammengefasst, ergibt\nes sich ganz deutlich, dass das Beisetzen einer Orgelstimme\nin der Missa lediglich aus einem äusseren Grunde er-\nfolgt ist. Daraus ergibt sich aber auch ganz evident, dass\ndie Orgel nur ein Accidens ist, durch dessen Weglassung\nder Integrität des Werkes kein Abbruch geschieht; sie\nsoll stellenweise nur ausfüllend wirken, stellenweise wie-\nderum den Grundbass verstärken helfen, der bei Auf-\nführungen in der Kirche fast durchweg am schwächsten\nbesetzt ist. Wie selten findet man zwei gute Contrabässe!\nund schlimmer noch steht es in der Hegel mit den Violon-\ncellen. Die Partitur gibt Zeugniss für diese Absicht des\nComponisten. Wie häufig geht nicht die Orgel im Ein-\nklang mit dem Contrabass! Dies alles wird aber die\nstärkste Bekräftigung darin finden, dass unserem Meister\nDO,\ndie eben geschilderten Verhältnisse in der olmützer Kathe-\ndrale aus eigener Anschauung bekannt waren, und da ich\nwährend eines dreijährigen Aufenthaltes auf dem Gymna-\nsium jener Stadt bei besonderen Feierlichkeiten im Dome\noft in der Zahl der Mitwirkenden auf der linken Orgel-\nbühne gestanden, so war es natürlich, dass diese Verhält-\nnisse auch Gegenstand unserer Conversation gewesen.\nErwähne ich hier noch die Thatsache, dass die Orgel-\nstimme, nachdem ihr der erforderliche Raum vom Kyrie\nan offen gelassen war, erst nach vollendeter Ausarbeitung\ndes Werkes an die Reihe kam, und zwar mit Hülfe des\nalten Türk, der seit des Meisters Schuljahren nun wieder\ngute Dienste geleistet, so liegt auch darin nichts, was zur\nAnnahme berechtigen könnte, die Orgel solle als ein In-\ntegrum Geltung haben. Beethoven's Aeusserung in der be-\nkannten Einladung zur Subscription auf die Missa, näm-\nlich: dass sie au ch als Oratorium gebraucht werden könne,\nzeigt doch deutlich, dass ihre Bestimmung zunächst der\nGebrauch beim Gottesdienste sein soll. Vindicirt man aber\nder Orgel eine integrale Geltung, so zeiht man den Com-\nponisten der Missa eines offenbaren Irrthums; denn wenn\nschon ein vollständiges Orchester bei starker Besetzung die\nWirkung der Orgel lähmt, wie erst bei der sinfonistischen\nBehandlung des Orchesters in und\nHätte es in der Absicht des Componisten gelegen, der Or-\ngel nur theilweise eine vorwiegende Bedeutung zu geben,\nso wäre dies im Präludium vor dem geschehen.\nDort ist der Ort, wo während des erhabensten Momentes\nam Altare die heilige Wandlung Statt findet, ein Moment,\nder überall ausschliesslich nur von der Orgel ausgefüllt\nwird. Dass Beethoven denselben gekannt und gefühlt, be-\nweis't die Gestaltung eben dieses Präludiums, wobei die\nOrgel fast störend wirkt, würde man sie mitgehen lassen;\ndessgleichen im Benedictus.— Sollte indess die Aufführung\nin einer grossen, mit einer guten Orgel versehenen Kirche\nals Oratorium Statt finden, so versuche man es immerhin,\neinen oder den anderen Theil wenn auch nicht einen\nganzen Satz von der Orgel begleiten zu lassen; doch\nwird man wohl thun, den dadurch erreichten äusseren\n/ '\nEffect nicht zu hoch anzuschlagen, weil durch theilweises\nHinzutreten der Orgel die Einheit in der Klangwirkung\ndes Ganzen beeinträchtigt werden würde.\nUeberhaupt wird in allen Kirchenwerken, in denen\nein vollständiger Chor von Blas-Instrume'nten auftritt, die"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "236", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.3", "texte": "Orgel am besten thun, zu schweigen; denn beide neben\neinander vertragen sich nicht, weil jeder Theil ob seiner\nMächtigkeit die Herrschaft über das Ganze in Anspruch\nnimmt und damit auch die Aufmerksamkeit des Zuhörers.\nSo findet sich dies in aller neueren Kirchenmusik seit\nBach's, Hasse's und Naumann's Zeiten. Wer möchte so-\ngar Mozart's Requiem mit Orgelbegleitung hören? von\nCherubini's Messen gar nicht zu reden. Und Händel's Ora-\ntorien, mit einem vollständigen Orchester nach Begriffen\nunserer Zeit versehen, bedürfen sie denn noch der Orgel?\nJa, ich wage zu behaupten, dass diese heiligen Werke\ndurch die moderne Instrumentirung so sehr verweltlicht\nworden, dass sich der erhabene Charakter der Orgel vor\nsolcher Gemeinschaft ordentlich scheut. Dass diese Ver-\nweltlichung der Kirchenmusik durch so kolossale Massen-\nAuflührungen, wie heutzutage üblich, nebenbei aber auch\ndurch die damit verbundene Schaustellung der Massen\nerst in vollem Glänze hervortritt, wird wohl von Unbefan-\ngenen nicht bestritten werden. Wenn man dies erwägen\nwill, so wird man die Verurtheilung der Missa als eines\ngänzlich unkirchlichen Werkes als sehr ungerecht erken-\nnen müssen, und damit wird auch jeder Anhalt wegfallen,\nBeethoven s religiöse Anschauungen und Gefühle aus die-\nsem Werke heraushören zu wollen.\nWenn man doch bei Beurtheilung des technischen\nBaues der Missa, besonders in der Vocal-Partie, zwei Um-\nstände scharf ins Auge lassen wollte, nämlich den Unter-\nschied zwischen der gegenwärtigen Orchester-Stimmung\nund der bis zu Anfang des zweiten Jahrzehends bestande-\nnen, die fast um einen Halbton tiefer war. Von dieser\nwar der äussere und innere Sinn unseres Meisters befan-\ngen; die im zweiten Jahrzehend schon höher gewordene\nvermochte sein bereits sehr geschwächtes Ohr nicht mehr\naufzunehmen. Wie steht es aber vollends um das Verhält-\nnis der gegenwärtigen Orchester-Stimmung zu jener im\nzweiten Jahrzehend! Der andere zu beachtende Umstand\nbetrifft die Besetzung der Sopran- und Alt-Partie in allen\nkatholischen Kirchen mit Knabenstimmen. Diese machen\nnoch heute an vielen Orten die Mehrzahl aus. Wie leicht\nsteigt eine gute Knabenstimme zum zweigestrichenen gis,\na> h hinauf, wo hingegen die Mehrzahl der Frauenstim-\nmen im Chor schon mit g ihr Höchstes geleistet.— (Hätte\nder hyperboräische Kritiker X X. aus der Hauptstadt Nova\nZemblas, dessen Beurtheilung der Missa nach dem aache-\nner Musikfeste wir in Nr. 26 dieser Blätter, aber auch in\nder Independance zu Gesicht erhielten, nur wenigstens\ndiese dem erfahrenen Fachmanne doch so nahe liegenden\nUmstände berücksichtigt, er wäre zu anderen Schlüssen\ngekommen, die seine Befähigung zur Beurtheilung eines\nsolchen Werkes, das wohl den kritischen Horizont aller\nHyperboreer, selbst ihres Nestors, weit übersteigt, viel-\nleicht in ein besseres Licht gestellt haben würde.)\nWill man den Schwierigkeiten im Werke begegnen,\nso erniedrige man vor Allem die Orchester-Stimmung um\nein Bedeutendes, oder man transponire das die grössten\nSchwierigkeiten bietende Credo um einen Halbton tiefer,\nalso nach A. Damit wird man dem von der berliner Sing-\nAkademie bereits gegebenen Beispiele mit Bach's\nMesse folgen, die mit der bestehenden Orchester-Stimmung\ngleichfalls sehr schwer auszuführen ist. Der alte Sebastian\nhat den Sopran und Alt auch für Knabenstimmen geschrie-\nben, da zu seiner Zeit und viel später noch die Mitwirkung\nder weiblichen Stimmen in allen Kirchen verboten war.\nSeitdem nun Beethoven s Missa ein Gegenstand besonderer\nAffection Seitens der grossen Musikfeste geworden, treten\nnoch ganz besondere Momente der Beachtung entgegen.\n..it. ODO''\nüber die schon wiederholt gesprochen worden, es scheint\njedoch, fruchtlos. Nun, so quälet euch damit fort, aber las-\nset ab, dem erhabenen Schöpfer des Werkes Vorwürfe zu\nmachen, dem es sicher und gewiss nicht im Traume ein-\ngefallen ist, sein Werk solle einstens mit einer Masse von\nmehr denn 400 Vocalisten und 130 150 Instrumen-\ntisten zur Ausführung gebracht werden. Dieser eingetre-\ntene Fall schliesst eine Beihe von Fragepunkten ein, die\nwohl mit Worten, nicht aber mit Thaten leicht zu beant-\nWorten sind.\n\nA. Schindler.\n\nFétis der Aeltere über Beethoven’s Missa solemnis.\nWenn man in den Organen der Kunstkritik die ent-\ngegengesetztesten Urtheile über hervorragende Werke\nlies't, so scheint es fast, als gäbe es gar keinen Canon für\ndas Musicalisch-Schöne, und als wäre die Muse der Ton-\nkunst die bedauernswertheste von allen, da ihre Schöpfun-\ngen nur dem bon plaisiroder der subjectivsten Empfin-\ndung des Einzelnen zur Würdigung anheim fallen. Wir\nsprechen hier nicht von den Handlangern der Journalistik,\ndie ihr Leben fristen, indem sie die Spalten füllen, oder\nvon den Parteigängern für und wider eine Bichtung oder\neine Persönlichkeit, oder gar von den Vorkäufern, die Lob\nund Tadel nach ihrer Weise auf die Goldwage legen:\nnein, wir haben Männer im Auge, die durch tüchtiges Wis-\nsen und bedeutende schriftstellerische Leistungen im Fache\nder Geschichte, Kritik und Aesthetik einen grossen Buf,\neine Autorität erlangt haben, und die über alle äusseren\nMotive ihrer Aussprüche unzweifelhaft erhaben sind. Diese\nBetrachtungen drängen sich uns unwillkürlich auf, wenn\nwir lesen, wie ein Mann wie Gervinus (siehe die vorige\nNummer) über Bach's Passionen urlheilt, und wie er da-\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "237", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.4", "texte": "gegen in Händel reflectirte Intentionen hineindeutet (wie\nwir in der nächsten Nummer sehen werden), an welche\ndieser sicher nie gedacht hat; ferner wenn wir gewahren,\nwie ein Mann wie Felis in Brüssel sich über die grosse\nMesse in D-dur von Beethoven ausspricht.\nAls wir in Nr. 26 dem Kritiker der Independance\nnach Hause leuchten mussten, deuteten wir nur unsere\nVerwunderung an, dass er (Herr Fetis der Jüngere) unter\nden Augen seines Vaters so unüberlegtes Zeug schreiben\nkonnte. Jetzt aber dürfen wir leider nicht verschweigen,\ndass Herr Fetis der Aeltere selbst in dem ersten musica-\nlischen Organ von Frankreich [Revue 6f Gazette mus. de\nParis, Nr. 21) sein Anathem gegen Beelhoven's Messe\nschleudert, und zwar im vollen Bewusstsein seiner Auto-\nrität, wie dies aus dem Texte des Aufsatzes hervorgeht;\ndenn nur in der Unterzeichnung erblicken wir eine leise\nMahnung seines Gewissens, indem er sein berühmtes\nAntlitz unter der Chiffre ABC verschleiert.\nWir geben einige Proben dieser Art von Kritik, die\nwir dem Manne, der die erste Entwicklung des eigenthüm-\nlichen Beethoven'schen Genie's so richtig in der Partitur\nder Sinfonia eaoica findet, der die Quartette Op. 59 be-\nwundert und unter den Sonaten u. A. Op. 47, 53, 57,\n81, ja, 106 als Meisterwerke anerkennt, kaum zugetraut\nhätten:\n„Das gewaltige Werk ist durchaus nicht beim Gottes-\ndienste zu gebrauchen und gar nicht in einer Kirche aus-\nführbar. [lst aber am 4. August 1857 im Dome zu Frei-\nburg in Baden bei der Säcularfeier vollständig geschehen;\nin Köln wurden schon 1838 das und\nim Dome gemacht.] Ihre maasslose Länge, der Missbrauch\nder hohen Lagen der Singstimmen, die häufigen Absprünge\nder musicalischen Gedanken von dem wahren Sinne des\nliturgischen Textes, endlich das Unbestimmte (le vague)\ndieser Gedanken an vielen Stellen und der allzu dramati-\nsche Charakter anderer werden niemals erlauben, diese\nMusik ihrer eigentlichen Bestimmung gemäss zu verwen-\nden. Man hat es noch nie versucht [s. oben!] und wird es\nnoch viel weniger künftig versuchen.\n„Das Kyrie ist Anfangs ziemlich schön, obschon un-\nklar und nicht correct genug geschrieben. Das ist\nweniger gelungen, die Motive sind gewöhnlich und erin-\nnern an den Stil der deutschen Capellmeister des achtzehn-\nten Jahrhunderts, mit Ausnahme der Instrumentation, die\nhier viel mehr überladen ist.\n„Das Gloria befriedigt mit am wenigsten von allen\nNummern, obgleich man hier und da in einzelnen Zügen,\nz. B. im Qui tollis, das Genie des grossen Mannes wieder-\nfindet. Es fehlt aber den Ideen offenbar an logischer Ord-\nnung, und die Worte befinden sich in einem wunderlichen\nDurcheinander. [??] Die Fuge ist mittelmässig und zu lang,\ndie Schluss-Cadenz nimmt kein Ende und wird durch die\nhohe Lage der Stimmen vierzig Tacte lang peinlich. Nach\ndieser Cadenz wäre für jeden Anderen nichts mehr mög-\nlich gewesen, aber Beethoven kann kein Ende finden,\nnimmt das erste Motiv des Gbria wieder auf u. s. w., und\nschliesst ohne Wirkung.\n„Der Anfang des Credo ist schön, wird aber bald\ndurch die überhohen Töne der Stimmen verdorben. Im\nEt incarnatusfindet man an einigen Stellen Beethoven\nwieder, aber vom Et ascendit an bis zum Schlüsse ist der\nIdeen-Inhalt unbestimmt, die Form unklar und die Stimm-\nführung fehlerhaft.\n„Die Idee des Benedictus ist von grosser Schönheit.\nDie vier Solostimmen und ihre Begleitung durch Flöten\nu. s. w. und eine Solo-Violine ergreifen die Seele. Leider\nist das Stück drei oder vier Mal länger, als es sein sollte,\nund zwar nicht nur für die kirchliche Handlung des Prie-\nsters, sondern auch für die Zuhörer, weil derselbe An-\nfangs so schöne Gedanke sich am Ende ins Schrankenlose\nverliert.\n„Das Uebermaass der Ausdehnung ist noch schlimmer\nim Agnus Dei,dessen Anfang auch sehr schön ist; aber\ndieser Salz verliert seine Wirkung nicht bloss durch die\nLänge, sondern auch durch den Widerspruch der Musik\nmit dem Texte. Die Worte Do werden bis\nzum Ueberdrusse in einem sehr jovialen Tone wiederholt,\ndann fällt Kriegslärm dazwischen ein u. s. w., so dass das\nganze Agnus Dei 144 Tacte hat, wovon 95 im Tempo\nAdagio sind!\"\nDas ist die Becension der Beethoven'schen D-dur-\nMesse durch den grössten Musikgelehrten und Kritiker\nFrankreichs und Belgiens!! Und dabei macht er sich\nnoch der offenbaren historischen Unwahrheit schuldig, dass\ndas Werk auch in Deutschland noch bei jeder Aufführung\ndas Publicum kalt gelassen und gelangweilt habe.\nUnd derselbe Mann schreibt im Verlaufe seines Arti-\nkels, der sich auf das letzte niederrheinische Musikfest be-\nzieht, ganz vortrefflich über Händel's Josua und dessen\nAufführung, die man so vollkommen nur in Deutschland\nhören könne, und fügt über Beethoven's Violin-Concert\nund Joachim folgende schöne Sätze hinzu, die wir, um mit\nihm zu versöhnen, zum Schlüsse hieher setzen:\n„Das Violin-Concert von Beethoven, eine der schön-\nsten Schöpfungen des grossen Mannes, von Joachim ge-\nspielt, machte auf Künstler und Publicum einen der leb-\nhaftesten und herrlichsten Eindrücke, die man sich nur\ndenken kann. Beethoven muss von Joachim geträumt ha-\nben, als er dieses Concert schrieb, und Joachim's Dasein\nwäre unvollständig, wenn Beethoven dieses Meisterwerk"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "238", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.5", "texte": "nicht geschrieben hätte. Beide sind für einander ge-\nmacht!\n„Der grosse, maassvolle und zugleich poetische Stil\ndes grossen Violinisten ist für die richtige Darstellung des\nWerkes unerlässlich, so wie das Werk die einzige Gele-\ngenheit darbietet, bei welcher die Seele des Künstlers sich\nin ihrer ganzen Schönheit offenbaren kann. Paris hat\nJoachim nicht begriffen. Es ist schwer, den Ausbruch von\nBegeisterung zu beschreiben, den diese wundervolle Musik\ndurch diese wundervolle Ausführung hervorrief\nveille de musique rendue par cette merveille cfezecution).u\n\nDie Anfänge der berliner Sing-Akademie\nk*\\\n' )•\nSeit dem Jahre 1789 hatte sich nach und nach zu-\nsammengefunden, was nachher zufällig den Namen „Sing-\nAkademie\" erhielt und seine Stiftung meinem edlen Mei-\nster und väterlichen Freunde Fasch verdankt.\nFaschen's hinterlassene Werke bekunden einen Mann,\nder lebenslang sich mit der Harmonie besonders beschäf-\ntigt und in Absicht ihrer Anwendung auf das Ernste,\nWürdige, Gründliche hingearbeitet hat.\nSein äusserlicher sittlicher Charakter hatte sich zuerst\nan einem kleinen fürstlichen Hofe und nachher in grösse-\nren königlichen Dienst-Verhältnissen zu einer gehaltenen\nPersönlichkeit gebildet, die weder anregend noch zurück-\nstossend war. Eine prekäre Gesundheit und notwendige\nSparsamkeit hatten sich die Hand geboten, weder viel zu\nerwerben, noch viel zu versprechen.\nSeine Erziehung und früheste Umgebung war von der\nArt, dass er bei einem heiteren, bildsamen Naturel noth-\nwendig ein vorzüglicher Tonkünstler werden musste; doch\nhatte ihn seine übergrosse Bescheidenheit an ein Zurück-\nsichstellen gegen andere Artisten, wie Bach, Quanz und\nGeringere, gewöhnt.\nSo trat er mit den ersten Mitgliedern der Sing-Aka-\ndemie, gleichsam als seinen Schülern, die ersten Uebungen\nan, mit ihnen seine Compositionen versuchend, die er sel-\nber nur als Versuche gab, wie überzeugt er auch im Stil-\nlen von ihrer Güte sein mochte. Wenn eine gute Sache so\nangefangen und mit ruhiger Beharrlichkeit fortgesetzt wird,\nkann sie nicht anders als gedeihen. Das ist der Anfang der\nSing-Akademie, welcher auch noch in eine Zeit fällt, die\nnicht mit Musik überfüllt war, wie die jetzige.\nDie ersten ordentlichen Zusammenkünfte der Sine-\no\nAkademie waren in einem Privathause**), dessen Ton bil-\nliger Weise der Ton der guten Gesellschaft sein musste;\ndadurch ward die ganze Sache nebenher behandelt und\nFasch dessgleichcn. So schlich dies einige Jahre hin, und\nan ein festes Wesen war kaum zu denken, ja, Alles wäre\nin sein Nichts versunken, wenn Fasch seine Intentionen\nhätte mit Nachdruck durchsetzen wollen.\nAls der Jüngste, ich könnte wohl sagen: der Geringste,\nunter Faschens Schülern in der Harmonie, denn Röllie.\nu\nJohannes, Seneyders, Reilstab, v. Bülow*) waren alle wei-\nter, da sie eher angefangen hatten, als ich, war ich auch\nin diese Versammlung getreten **), ohne jemals auszubleiben.\nMeine Kenntnisse in der Tonkunst bezogen sich mehr\naufs Praktische, da ich verschiedene Instrumente mit Bei-\nfall spielte. Ein dreissigjähriger munterer, doch ernsthafter\nMann, der ich war, konnte ich kaum meine Ungeduld be-\nzügeln. Was Fasch aus Höflichkeit und Menschlichkeit\nlobte, um zu ermuntern, kam mir unerträglich vor, je be-\nhaglicher sich Andere das Lob ohne Einschränkung zu-\neigneten; ja, ich war in einer verzweifelten Stimmung,\nindem ich auf diesem Wege nichts hoffte; denn was auch\nimmer als gelungen gelten konnte, kam doch nur zärtlich,\nja, ängstlich und gebunden an den Tag.\nDie Zusammenkünfte der Gesellschaft geschahen Dins-\ntags, wie noch heute.\nMan versammelte sich am Abende, man trank Thee,\nman sprach, erzählte, kurz, zerstreute sich, und an die\nSache selbst ward nur nebenher gedacht.\nDie Stücke waren nicht immer leicht, ja, oft unbe-\nzwinglich, und wollte es zuletzt nicht vor sich gehen, so\nlegte man dies bei Seite, um etwas Anderes nicht glück-\nlicher zu versuchen. Ich zerrieb mich innerlich, um ein\nMittel aufzufinden, Ordnung und Ernst in diese Sache zu\nbringen; das war aber nicht leicht, da ich gar nichts zu\nsagen hatte, und Fasch, um nur einiger Maassen zufrieden\nsein zu können, für jede Stimme immer noch wenigstens\neinen wirklichen Sänger dazu bat; gegen mich aber liess\nFasch so wenig Vertrauen sehen, dass er mich kaum an\nden Flügel liess; denn wenn er selbst nicht spielte, so liess\ner einen Anderen als mich heran.\nEndlich verabredete ich mit Einigen von uns, wir\nwollten jeden Montag vorher uns versammeln, um das\n\n*) Nach Zelter's Selbstbiographie.\n**) In den Tagebüchern der Sing-Akademie ist darüber von Fasch's\neigener Hand folgende Bemerkung gemacht: „Im Sommer ]790\nist mit der Singe-Uebung der Anfang gemacht in dem Garten-\nhause des Herrn Geheim-Rath Milow. Die ersten Mitglieder\nwaren: Discant: Dem. Dietrich, Mad. Bachmann, Dem.\nSchmalz, M. Preuss. Alt: Dem. Pappritz, Mad. Messor,\nDem. Nobiling, Frau Geheim-Räthin Meyer. Tenor: Herr\nSeneyders. Bass: Herr Johannes, Herr Hofrath Zenkel.^\n*) Der nachherige heldenmüthige Sieger bei Gross-Beeren und\nDennewitz. Von seiner Composition ward in seiner Gegenwart\neine Messe in der Sing-Akademie aufgeführt.\n**) Im Jahre 1791, als die Versammlung bei der Frau Geh.-Rath\nPappritz Statt fand, trat Zelter ein und sang beim Tenor mit."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "239", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.6", "texte": "ordentlich einzuüben, was wir Dinstags in Faschens Bei-\nsein vortragen wollten.\nDadurch gerieth ich an den Flügel, und hier ging\nmeine liegierung an. Schon seit manchen Jahren halte\nich kleine Privat-Concerte und Kirchenmusiken mit der\nVioline angeführt; so war mir die Sache nichts Neues, und\nmit Freuden sage ich es denen, die mit mir waren, nach,\ndass sie sich Vieles von mir gefallen liessen, was freilich\ndazu gehörte; denn hatte ich mir auch gute Stimmen ge-\nwählt, so waren doch die wenigsten von ihnen je angehal-\nten worden, einen Ton ordentlich, wie sich's gehört, her-\nvorzubringen. Dadurch hatte ich nun der Mühe viel, und\nes vergingen Monate, ehe wir vom Flecke kamen; doch\nnach Jahr und Tag konnte Fasch bemerken, dass etwas\nneben ihm geschah, und nun fing er an, auch vertraulicher\ngegen mich zu werden.\nNach etlichen Jahren mochte die Gesellschaft wohl zu\neinem Chor von dreissig Personen und darüber herange-\nwachsen sein, als unser Local zu enge und in ökonomischer\nHinsicht lästig für die Wohnung einer Witwe ward. Die\nMitglieder waren selten vollzählig, und unser Hauptstu-\ndium, welches auf die Production eines sechszehnstimmi-\ngen Kyrie und Gbria von Fasch ging, wurde zurückge-\nhalten.\nHier entdeckte ich den runden Saal der königlichen\nAkademie, welcher bis dahin ein blosser Durchgang, eine\nVorhalle der Akademie gewesen war, wirkte durch den\ndamaligen DirectorMeil bei dem Curatorio und dem Senate\nder Akademie die Erlaubniss aus, hier unsere Uebungen\nfortzusetzen, wo wir ungestört, unabhängig, unentgeltlich\nmitten unter Künsten und Wissenschaften unsere Woh-\nnung aufschlagen konnten. Fasch stimmte nach einigem\nWiderstreben ein; doch fanden sich neue Schwierigkeiten.\nDie Privat-Gesellschaft, meinten Einige unter uns, sei nicht\nmehr, was sie gewesen; Sänger und Sängerinnen wollten\nsie nicht werden, und sehr bedeutende Mitglieder gingen\naus dem Vereine. Fasch war etwas ängstlich dabei; ich\nsuchte ihn zu ermuntern. Ganz hatte man nicht Unrecht;\ndas neue Local sah sehr unerfreulich aus: schmutzige\nWände, schlechte Dielen, zerschlagene Scheiben, unfeste\nThüren und Fenster, ein Aufgang durch Pferdeställe, der\nWinter nahe. Im Saale war kein Ofen, ja, selbst kein\nRaum, um einen zu stellen; alles das versprach wenig be-\nhagliches Dasein. Doch die Erlaubniss war da*), nach\n* *\ndem Winter war ein Sommer zu erwarten, die Wände\nkonnten gereinigt, die Fensterscheiben hergestellt, der\nFussboden gebessert werden; ich liess mich nicht stören.\nDer Winter, die Kälte und Feuchtigkeit waren unerträg-\nlich. Wenn ich die Hände auf den Flügel legte, so war es,\nals wenn ich auf stechenden Nägeln spielte. Mehr als Ein\nMal wurde gewünscht, wenigstens den harten Winter hin-\ndurch wieder ins alte Quartier zu ziehen; ich stimmte ein,\naber es geschah nicht. Wenige Mitglieder liessen sich se-\nhen, und die Gesellschaft bestand manchen Dinstag so\narmselig, dass wir kein Stück besetzen konnten. Die Mäd-\nchen jedoch waren die Tapfersten. Eines Tages, als die\nKälte unerträglich war, wollten die Meisten wieder von\ndannen gehen. Eine unter ihnen legte ihre Muffe auf die\nErde, kniete darauf und wickelte ihre Füsse in ihr langes\nKleid; dies ahmten mehrere nach, und zuletzt sang die\nganze Versammlung in dieser rührenden Stellung einen\nChoral, dass Fasch darüber in Thränen ausbrach. Das\nBild dieses Abends schwebt mir noch heute vor Augen;\nes war ein so rührender Anblick, dass ich diese kleine Be-\ngebenheit auf immer dem Gedächtnisse aufzubewahren\nwünschte. Nun wurde beschlossen, nach wie vor ununter-\nbrochen hier zusammen zu kommen, und wäre die Kälte\nzu gross, so wollte man ein einziges Stück singen, damit\nnur etwas gesungen und die Uebungen nicht ganz unter-\nbrochen würden.\nIm Februar trat gelindere Witterung ein und zugleich\neine neue Last; der Schnee ging auf, das Dach des Aka-\ndemie-Gebäudes war nicht fest, und unser Saal schwamm.\nAuch hier fand sich Rath; man legte zusammen, und\nes wurden zwei Fussteppiche angeschafft, worauf die\nFrauenzimmer zu beiden Seiten des Flügels stehen konn-\nten; die Männer behalfen sich. Der erste Sommer kam;\nunser Bestehen war noch jetzt immer auf den Beitritt an-\nerkannter Artisten gegründet: Fischer und seine Frau,\nLehmann, Hurka, Johannes, Kleinhans, Mad. Graziani mit\nihrer Tochter, Mlle. Niclas, Reichardt, Seidel u. A. Muss-\nten gegenwärtig sein, wenn etwas gelingen sollte; diese\nmussten Dinstag von Fasch besonders eingeladen werden;\ndas Schwere durfte nicht zu oft wiederholt werden, wenn\n\n*) Von Fasch's Hand findet man darüber folgende Notiz: „Nach\nerhaltener Erlaubniss probirten wir den 12. October zum ersten\nMale auf dem Saale der Akademie, den 29. October 1792 san-\ngen wir zum letzten Male bei Mad. Voitus, und dort erwählte\nich die ältesten Mitglieder zu Vorstehern der Gesellschaft. Die\nVorsteher kamen zusammen, und da ward ausgemittelt, dass\njedes Mitglied monatlich 12 Gr. zur Bestreitung der Kosten\nzur Casse beitragen sollte; doch waren von diesem Beitrage\nausgenommen alle Musiker von Profession: denn da diese die\nZeit, da sie sonst durch ihre Kunst Geld verdienen, unserer\nAkademie (dieser Ausdruck hier zuerst gebraucht) widmen,\nso leisten sie durch diesen Verlust ihrer Zeit schon mehr, als\nden Werth des Beitrages.\n„Herrn Zelter wählte ich desshalb nicht zum\nVorsteher, weil ich ihn von Anfang an zu meinem\nAssistenten ausersehen, und die Folge hat meine\nWahl vollkommen gerechtfertigt» Den 5. November\nwurde dem zufolge die Akademie eröffnet und die Vorsteher\nder Gesellschaft vorgestellt.\""}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "240", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.7", "texte": "die Theilnahme nicht vermindert werden sollte. Was also\nnoth war, bestand darin, für uns allein bald dahin zu ge-\nlangen, etwas zu leisten. Wir waren aui Faschens Com-\npositionen beschränkt, welche schwer sind und geübte Sän-\nger erfordern; und hatten wir auch unter uns mehr als\nEine schöne Stimme, so waren es doch nicht so viele, als\nwir bedurften. Fasch richtete uns daher einige Chöre von\nHasse und Händel ein, worin ich ihm beistand, indem ich\nmich auf ähnliche Art beschäftigte; besonders wurden Cho-\nräle gesungen. Was uns am meisten zurückhielt, war Fa-\nschens Kränklichkeit, die ihn öfter Monate lang im Hause\nhielt; denn war er uns bei der Musik noth wendig, so war\ner auch uns unentbehrlich, weil sein Dasein so Viele an-\nlockte. Die Sache hatte ohnehin nicht mehr den Reiz der\nNeuheit, und das Schädlichste war, dass einige von Fa-\nschens Freunden sich merken liessen, die Sache würde\nnicht bestehen können. Einen dieser Unglücks-Propheten,\nder diese Meinung in meiner Gegenwart äusserte, beschied\nich in ziemlicher Hast: „Die Sing-Akademie wird länger\nbestehen, als Sie! Warum reden Sie so, wenn die Sache\ngut ist, da es Ihre Pflicht wäre, an Erhaltung zu denken?\"\nEr ist längst todt und seine Werke mit ihm.—\nHatte ich mich bisher leidend verhalten, so war es\ndiese Rede und meine Erklärung dagegen, was mich be-\nstimmte, mit aller Kraft zu wirken und nicht von der Sin.\"-\nAkademie zu lassen, so lange Einer mit mir bleiben wollte.\nWas der Sing-Akademie gleichfalls hinderlich, war,\ndass man zu gross angefangen hatte. Sechszehnstimmige\nund achtstimmige Stücke waren selten zu besetzen*), und\nvon diesen Stücken, welche einen grossen Geschmack, Stil\nund Ausdruck athmen, zu kleinen, leichten Stücken über-\nzugehen, mit denen wir eigentlich hätten anfangen sollen,\nwar keine leichte Ueberwindung.\nDie Benennung Sing-Akademie entstand nach und\nnach daher, weil sich singende Stimmen in den Mauern\neiner wirklichen Akademie versammelten, und da das ganze\nPublicum sich dieser Benennung bediente, so ist sie ge-\nblieben.\nDie Uebungen wurden regelmässig zwei Mal in der\nWoche fortgesetzt, und am 3. August des Jahres 1800,\nals der edle Stifter Fasch starb, war die Anzahl der Mit-\nglieder seit 8 Jahren von 30 bis auf 148 angewachsen.\nMit dem Tode Fasch's übernahm Zelter selbstständi\"\ndie Leitung der Sing-Akademie. In dem so genannten\nPräsensbuche derselben finden wir von seiner Iland un-\nterm 3. August 1800 folgende Bemerkung: „Sonntag\nden 3. August, ist der rechtschaffene Fasch Nachmittags\num halb vier Uhr gestorben, und von hier an werde ich,\nsein Freund und Schüler, dieses Buch und die Sing-Aka-\ndemie fortsetzen.\"\nAm 15. August versammelten sich zum ersten Male\nnach Fasch's Tode die Mitglieder zu gemeinschaftlicher\nüebung. Zelter schreibt darüber: „53 Personen sangen\nmit Thränen und gerührtem Herzen den IJ. Choral und\ndas Requiem von Fasch. Ich machte der Gesellschaft das\nletzte Lebewohl des Seligen bekannt, welches wörtlich\nhier folgt:\n» »Fs wird wohl Niemandem von uns mehr unbekannt\nsein, dass unser rechtschaffener Freund und Stifter sein\nschönes, fruchtbares Leben sanft geendigt hat; allein ich\nhabe von ihm den officiellen Auftrag, seinen Tod unter\nuns bekannt zu machen und Ihnen allen sein letztes Lebe-\nwohl zu sagen. Er lässt Jedem von Ihnen besonders aufs\ninnigste danken für die vielen Beweise aller ihm erzeigten\nAchtung und Liebe, deren Gefühl sein Herz bis zur letz-\nten Stunde fröhlich erhalten hat. Er versichert Sie alle sei-\nner unbedingten Zufriedenheit, die er mit in jene Welt\ngenommen, und hofft von Ihrem Wohlwollen gegen ihn,\ndass Sie sein Andenken mit der gewohnten Einigkeit\nehren werden, die der einzige und höchste Zweck der\nKunst ist.\"\"\n\n*) Die häufig eintretende Unmöglichkeit, die sechszehnstimmige\nMesse zu besetzen, veranlasste auch Fasch, im Jahre 1792\nachtbtimmige Stücke zu schreiben; von seiner Hand findet sich\ndarüber folgende Notiz: „Da Frau Geh.-Rath Meyer und Dem.\nGraziani von der Gesellschaft abgingen u. s. w., so musste ich\ndie sechszehnstimmige Messe bei Seite setzen. Ich schrieb\ndesshalb den achtstimmigen 51* Psalm Miserere mei7 und die-\nses unterhielt uns den ganzen Sommer durch.\"\n(Hört! Hört!)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nIn den Tagen des 15., 16. und 17. Juni fand in der Stadt\nMünden ein Gosangfest Statt, an dem sich die Männergesang-\nVereine von Münden, Kassel, Göttingen, Eschwege und\nAV itzenh a u s e n betheiligten, so dass sich die Zahl der Sänger\nauf ungefähr 350 belief. Die Leitung des Ganzen war dem akade-\nmischen Musik-Director Hille aus Göttingen übertragen, unter\ndessen vortrefflicher Direction ein Kirchen-Concert, das den Mittel-\npunkt des Festes bildete, in wohlgelungener Weise zur Aufführung\nkam. Die Hauptnummern des Concert-Programms waren: eine Mo-\ntette von Hauptmann, der Festgesang an die Künstler von Men-\ndelssohn, der lüO. Psalm von Hille und rDie Himmel rühmen\ndes Ewigen Ehre\" von Beethoven. Die Wirkung sämmtlicher\nChorgesänge, die mit Orgel-Vorträgen des Herrn Emil Weiss aus\nGöttingen wechselten, war eine grossartige und befriedigte das zahl-\nreich anwesende Publicum im vollsten Maasse. Ausserdem wurden\nbei einer Vereinigung auf dem Markte und einem Ausfluge nach\nden? so genannten Kattenbühl zahlreiche Quartette vom vollen Chor\ngesungen und fanden bei dem Festessen Lieder-Vorträge der einzel-\nnen Gesang-Vereine Statt, unter denen sich der Gesang-Verein aus\nKassel und der göttinger Studenten-Gesang-Verein besonders aus-\nzeichneten. Während des ganzen Festes, das vom schönsten Wetter\nbegünstigt war, herrschte ungetrübte Heiterkeit, und die Stadt Mün-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "241", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610727-01.1.8", "texte": "\\ ■ . ' 7%. ■\nden, die schon durch ihre reizende Lage entzückt und in diesen\nTagen im reichsten Festschmuck prangte, hatte Alles aufgeboten,\num ihren Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu\nmachen. K.\nMan schreibt der Süddeutschen Musik-Zeitung aus Frankfurt\na M , 4. Juli: „Am L Juli, Abends 7 Uhr, hatte der KühPscbe\nGesang-Verein eine Abschiedsfeier im Saale des Holländischen Hofes\n(Vereinslocal), all wo dem scheidenden Director, Herrn Kühl, ein\nBrillantring überreicht wurde.\n„Für morgen Abends zeigt der Theaterzettel Troubadour von\nVerdi an, mit welcher Oper die hier eingetroffene italiänische Ge-\nsellschaft des Herrn E. Merelli ihre Gastdarstellungen eröffnen wird.\nIn Folge dieser Gastdarstellungen figuriren dann seit einigen Tagen\nnicht weniger als neun Namen hiesiger Bühnen-Mitglieder als\nurlaubt\" \" auf den Theaterzetteln.\n„Der 1. September, an welchem der neue Theater-Capellmeister\nseine Functionen antreten soll, rückt immer näher heran, und noch\nverlautet nichts Bestimmtes darüber, wer diese Stelle erhalten soll.\nEs geht das Gerücht, dass die Theater-Verwaltung mit dem bishe-\nrigen k. schwedischen Hof-Capellmeister Ignaz Lachner in Un-\nterhandlung stehe; allein wir wissen nicht, ob die Sache sich wirk-\nlich so verhält. Jedenfalls wäre I. Lachner wohl der rechte Mann\nfür uns.\"\nIBeilbroiiaft, 30. Juni. Den Glanzpunkt der musicalischen\nLeistungen in unserer Stadt bildet unstreitig die von Herrn Musik-\nDirector Mascheck ins Leben gerufene und in diesem Jahre zum\nsechsten Male Statt gefundene alljährliche Aufführung eines grossen\nOratoriums durch den Oratorien-Verein; ja, es hat sich diese\nProduction zu einem wahren Musikfeste nicht allein für unsere Stadt,\nsondern auch für die weite Umgegend gestaltet. Für die diesjährige\nProduction war das Oratorium von L. Spohr: „Des Heilands letzte\nStunden\", Gedicht von Rochlitz, ausersehen, ein grossartiges, beson-\nders durch eine prachtvolle Instrumentirung ausgezeichnetes Ton-\nwerk. Die Aufführung in der Hauptkirche St. Kilian war, wie bei\nden Oratorien der letzten Jahre, im Ganzen sowohl als in den ein-\nzelnen Theilen eine vollendete; Soli, Chöre und Orchester leisteten\nim schönsten Zusammenwirken Vortreffliches. Dieses erfreuliche Re-\nsultat verdanken wir nächst den Bemühungen unseres Herrn Ma-\nscheck hauptsächlich der abermaligen gütigen Mitwirkung ausge-\nzeichneter künstlerischer Kräfte von Stuttgart. Die Solo-Partieen\nübernahmen Frau Doctor Leisinger und die Herren Schütky,\nFranz Jäger und Horn, und das Orchester war ausser den hie-\nsigen Kräften von Mitgliedern der k. Hofcapelle besetzt; auch wur-\nden einzelne Solostellen von hiesigen Sängerinnen recht gut vorge-\ntragen. Besonders ergreifend waren die der lyrischen Richtung ange-\nhörenden Chöre: „Senke dich, stille Nacht\", „Und wenn sie alle\nweichen\", mit dem tief erschütternden Solo der Maria: „Blicke, du\nstrahlende Sonne\"; „Wir sinken in den Staub\", und der Schluss-\nchor: „Wir drücken dir die Augen zu\". Nicht minder Effect mach-\nten die grosse Leidenschaft uni Fanatismus ausdrückenden Chöre\nder Priester und des Volkes: „Schmach! Schmach! Schmach!\" „Ueber\nuns komme sein Blut\", „Arzt, der Allen half\", und hauptsächlich\nder Erdbeben-Chor (ein wundervolles Tongemälde): „Welch drohend\nUngewitter\". Durch das Einüben der schweren Chöre hat sich Herr\nMascheck wieder als Meister bewährt; überhaupt widmete er sich\ndiesem Oratorium mit besonderer Liebe, da er vor Jahren einmal die\nEhre hatte, dasselbe in Anwesenheit des Componisten und mit gros-\nser Anerkennung von Seiten des letzteren bei einem eidgenössischen\nMusikfeste in Lnzern, mit mehr als 500 Mitwirkenden besetzt, 11 r\ndirigiren. Möge der Oratorien-Verein in seinem seitherigen, alle hie-\nsigen Kräfte vereinigenden Wirken mit gleichem Eifer fortfahren\nund uns auch in künftigen Jahren durch Aufführungen solcher Mei-\nsterwerke der deutschen Tonkunst erfreuen !\nProfessor Moscheies, der bekanntlich seit einer langen Reihe\nvon Jahren es aufgegeben hat, öffentlich mehr zu spielen, liess sich\ndurch eine Einladung der Harmonie Society in London bestimmen,\nin einem Concerte derselben aufzutreten. Er spielte sein G-moll-Con-\ncert. Natürlich war das Interesse an dem Spiel des alten Herrn ein\nüberaus grosses. Der Violinist Herr Ludwig St raus s (aus Wien)\nspielte das Beethoven'sche Concert. Die englischen Blätter nennen\nStrauss den ebenbürtigen Rivalen Sivori's und Molique's.\nDer Universitäts-Musik-Director Robert Franz bat in Aner-\nkennung seiner Leistungen als Componist, so wie seiner Verdienste\num die Pflege und Verbreitung der Bach'schen Musik von der Uni-\nversität zu Halle das Diplom eines Doctors der Philosophie erhalten."}]}