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Beurtheilungen: Deux Sonatines pour le Piano par G. Taubert. OD. 44\nSonate fantastique pour Piano par Gottwald.Op. 1. Grande Sona Op. 19. Phantasie für Piano\nund Violoncello von Gr. Vierling. Op. 17. Duo für Piano und Violine von Meinardus. Op. 5. Trio I. u. 11. für Piano, Violine und\nVioloncell von W. Bargiel. Gounod's Faust in Wiesbaden. Von W. Wülfinghoff. 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Alles, was dieser Stimmung Ausdruck, dem nach\nEinheit des Vaterlandes strebenden Geiste Nahrung und\nKräftigung geben kann, ist willkommen und wird überall\nmit Liebe und regstem Eifer aufgenommen und gefördert.\nIn dieser Beziehung war denn auch das Sängerfest in\nNürnberg durch die ungeheure Theilnahme, die es her-\nvorrief, ein schönes Zeichen der Zeit. Auf ein grosses Er-\ngebniss für die Kunst konnte es kaum abgesehen sein,\nwiewohl dennoch das Fest Veranlassung zu einigen Com-\npositionen für Männerchor gewesen ist, welche sich über\ndas Gewöhnliche erheben, mithin die Literatur für diesen\nZweig des Gesanges wirklich bereichert haben. Dass das\nkünstlerische Element vom volkstümlichen überwältiat\nwerden würde, war zu erwarten; warum aber sollte es\nsich die Tonkunst nicht zur Ehre anrechnen, Dolmetscherin\nder edelsten Gesinnungen und Gefühle, der Liebe zum\nVaterlande und der Sehnsucht nach Einigkeit und Macht\ndes ganzen deutschen Volkes zu sein? Ist doch die Musik,\nwelche unmittelbar aus der Brust des Menschen quillt, der\nGesang, am verwandtesten mit der Seele, aus der sie allein\nihren wahren Ausdruck schöpft und auf die sie wiederum\nden tiefsten Eindruck macht. Fassen wir in wenige Worte\ndas Gesammt-Ergebniss des Festes zusammen, so sagen\nwir mit Freuden, dass der Hauptzweck desselben: begei-\nsterter Ausdruck deutschen Volksthums durch\ndeutsche Dichtung und Gesang, in grossartiger\nWeise erreicht worden ist.\nDass die Vereinigung von Massen der Ausführenden,\ndas Herbeiströmen von Tausenden von Zuhörern und\nZuschauern, die festliche Bewegung einer ganzen Bevölke-\nrung von Stadt und Umgegend, ferner alles Aeussere, wie\ndie Herrlichkeit Nürnbergs, die Pracht der Festzüge, der\nüberaus günstige Himmel, gar mächtig zu dem erfreuli-\nchen Resultate des Ganzen mitwirkten, ist natürlich; Eines\nhob das Andere, und die Tonkunst bildete nur den Mittel-\npunkt eines Volkslebens, wie man es in so zwanglosem\nDurcheinander aller Stände und so gemüthlicher Fröhlich-\nkeit von Menschen, die sich dem Augenblicke hingeben\nund noch die seltene Eigenschaft besitzen, sich ihres Da-\nseins um des Daseins willen erfreuen zu können, nur bei\nunseren Stammgenossen in Süddeutschland finden kann.\nZur Feier eines deutschen Nationalfestes ist Nürnberg\nim höchsten Grade geeignet. Bewunderung ergriff uns,\nals wir unter Bewillkommungs-Jubel und Schmettern der\nF.anfaren am 20. Juli (Samstag) vom Bahnhofe in die Stadt\nzogen und diese Krone der deutschen Städte ihre archi-\ntektonische Pracht vor unseren Augen entfaltete, die an und\nfür sich-schon ihres Gleichen in Deutschland, ja, in dieser\neigentümlichen Art in ganz Europa nicht hat, und nun\nnoch dazu heute in einem Festschmucke prangte, der un-\nsere Phantasie in die Zeiten versetzte, wo das reichsstädti-\nsche Nürnberg die deutschen Kaiser empfing und ihnen\neinen glänzenden Einzug bereitete. Dieses Mal war es aber\ndie Tonkunst, für welche das herrliche Nürnberg, die\nMutter aller deutschen Kunst, ihr Feierkleid angelegt hatte.\nAn allen öffentlichen Gebäuden und allen Privathäusern,\nvon den Palästen bis zu den bescheidenen Wohnungen des\nBürgers herab, offenbarte sich in den Verzierungen durch\nLaub- und Blumengewinde vom untersten Stock bis in die\nhöchsten Giebel hinauf ein wahrhafter Kunstsinn, durch\ndessen allgemeines Walten die schönen Bauformen der\nHäuser um so besser hervortraten, und von hoch oben bis\nauf Mannshöhe von der Strasse aufwärts hingen Tausende\nvon langen Fahnen herab, die mit ihren breiten schwarz-\nrothgoldenen Streifen die nationale Bedeutung des Festes\nverkündeten, während eine Menge anderer in den baieri-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "242", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5413, "texte": "sehen Landesfarben dazwischen wehte, und oft in höchst\nsinnvoller Weise, wie z. 13. an dem Rathhause, die archi-\ntektonischen Linien durch eine Unzahl von Fähnlein in die\nAugen springen liess.\nUnd doch bedarf es in Nürnberg keiner Fahnen und\nFarben, um die deutsche Stadt zu kennzeichnen; denn\nhier sind nicht nur die altehrwürdigen weltberühmten Kir-\nchen, sondern jedes Haus ein Denkmal deutscher Bau-\nkunst: und nicht bloss von früheren Jahrhunderten her,\nnein, bis auf die neueste Zeit hat sich durch die nürnber-\nger Architekten, Heideloff an der Spitze, der Sinn für den\ndeutschen Baustyl und die Tüchtigkeit in der Ausführung\ndesselben fortgepllanzt bis auf unsere Tage, und die brei-\nten Strassen, nirgends nach der geradlinigen Perspective\ngezogen, bieten in ihren Wendungen so malerische und\nüberraschende Prospecte dar, auf welche überall der freie\nHimmel hereinsieht, da die Häuserreihen in allen Haupt-\nstrassen weit und luftig einander gegenüber stehen, dass es\nkeine Stadt gibt, in der das alte Schöne so harmonisch mit\ndem neuen Schönen vereinigt ist.\nDenken sich nun die Leser diese Strassen von Tau-\nsenden von Menschen belebt, die den unabsehbaren Zug\nder Sänger-Vereine vom Rathhause aus nach der vor dem\nLauffer-Thor gelegenen Tonhalle in rühmenswerthester\nOrdnung ohne störendes Gewühl und Gedränge durch ihre\ndichten Reihen ziehen Hessen und nur mit schallenden\nHochs bald diesen, bald jenen Verein aus allen Gegenden\ndes Vaterlandes begrüssten; denken sie sich die hohen, fast\ndurchweg vierstöckigen Häuser mit ihren Erkern und Bal-\nconen und den blühenden Frauengestalten in jedem Fen-\nster, überall die Freude auf dem Antlitz, die jubelnde Be-\ngrüssung mit wehenden Taschentüchern, Fähnlein und\nBlumensträussen, und mitten durch das schauende Volk\nden Zug von fünftausend frischen, munteren Männern und\nJünglingen mit ihren prachtvollen, von Gold schweren und\nvon Malerei und Stickerei prangenden Fahnen, hinter ih-\nnen die stolzen Träger der Ehrenpreise der Vereine, die\nEinen mit goldenen oder silbernen, oder köstlich in Elfen-\nbein und Holz geschnitzten Pocalen, Andere mit altdeut-\nschen riesigen Trinkhörnern, mit Denkmünzen und breiten\nSchärpen, dabei den Wiederhall der Kriegsmusik, die\nheute zur Verherrlichung des Friedens und seiner schön-\nsten Segnungen, der Kunst und der Vaterlandsliebe,\nnoch einmal so freudig erklang—und sie werden sich eini-\nger Maassen das Bild eines Festes vorstellen können, wenn\nes auch freilich die Wirklichkeit, wie sie sich vor den Au-\ngen aller Festgenossen entrollte, nicht erreichen kann;\ndenn zu dieser gehört die unmittelbare Anschauung jenes\nheiteren, gemüthlichen, zwanglosen Treibens, in welchem\nunsere süddeutschen Brüder leben und weben.\nDurch das Lauffer Thor, das mit seinem Thurm von\nriesigem Umfange eines der schönsten Denkmale mittel-\nalterlicher Befestigung ist, ging es nach dem Maxplatze,\nwo die Tonhalle erbaut war. Der Platz liegt etwa zehn\nMinuten vor der Stadt und macht mit seinen ausgezeichnet\nschönen Gruppen alter Bäume, den grossen Rasenflächen\nund den breiten Wegen ungefähr den Eindruck eines der\nParks von London. Einen schöneren Raum für ein Volks-\nfest kann es kaum geben; rings um die Sängerhalle im\nweiten Kreise standen Buden und improvisirte Restaura-\ntionen, Abends von zahllosen bunten Laternen beleuchtet.\nAls Hauptzierde des Platzes schaute das kolossale Ge-\nbäude der Tonhalle aus den hohen malerischen Baumgrup-\npen hervor. Die Vorderseite (die Breitseite) mit dem Haupt-\neingange, einem hohen Portal zwischen zwei Thürmen,\nim schönsten deutschen Baustyl errichtet, gewährte einen\nAnblick, der durch Höhe und Grösse der Proportionen\nund durch den künstlerischen Geschmack der Ausführung\naufs angenehmste überraschte, ja, in Erstaunen setzte,\nwenn man an das Material denkt, aus welchem der ganze\nBau errichtet, und an die kurze Zeit, in welcher er aufge-\nführt worden ist. Die Maassverhältnisse dieses Riesensaales\nmögen dem Leser eine ungefähre Vorstellung von seiner\nGrösse geben: er ist 390 Fuss lang, 180 Fuss breit und\nim Mittelschiff 54 Fuss hoch, bedeckt mithin einen Raum\nvon 70,000 Quadratfuss. Auch die innere Einrichtung und\nAusschmückung dieser riesigen Halle war zweckmässig und\ngeschmackvoll. Die schönste Zierde bildeten auch hier wie-\nder die Sängerfahnen, die hoch oben von der Galerie,\nwelche bloss zu diesem Zwecke angebracht war, herab\nhingen. In der Mitte der Halle stieg aus einem runden,\nmit Blumen verzierten Becken von Felsgestein ein kühlen-\nder Wasserstrahl in die Höhe, den eine zur Seite der Halle\naufgestellte Dampfmaschine emportrieb. Der Bau-Aus-\nschuss des Fest-Comite's hatte unter dem Vorsitze des\nstädtischen Baurathes Solger diesen prächtigen Sänger-\ntempel geschaffen, und der Baumeister Schellhorn ihn\nausgeführt.\nErst um neun Uhr Abends waren die Scharen der\nSänger auf dem breiten Räume der lonbühne, die allein\nschon einen gewaltigen Saal bildet, vereinigt. Die Halle\nwar an diesem Abende ganz mit Zuhörern gefüllt, die\nPlätze auf den Logen-Galerieen, der Bühne gegenüber und\nan den beiden Langseiten hin, gegen Eintrittsgeld, der\nweite Raum des Parterres durch die zur feierlichen Eröff-\nnung des Festes eingeladenen Einwohner Nürnbergs mit\nihren Familien. Denn die ganze ehrenwerthe Bürgerschaft\nhatte wahrlich das vollste Recht auf diese Einladung, da\nsie an fünf Tausend Sänger ohne alle Ausnahme gast-\nfreundschaftlich in ihren Wohnungen aufgenommen hatte."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "243", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5089, "texte": "So waren denn an diesem Abende wohl an 12- bis 15,000\nMenschen in der weiten Halle versammelt, und man kann\nsich vorstellen, was der Beifall unter den mannigfachsten\nFormen der Aeusserung hier für donner- und sturmähn-\nliche Schallwellen aufwühlte.\nUnter den musicalischen Empfangs- und Begrüssungs-\nstücken zeichneten sich ein schöner Fest marsch von\nVincenz Lachner, der Sängergruss der augsburger\nLiedertafel (Gedicht von Hertie, Composition von Frey,\nMitgliedern der Liedertafel) und die Instrumental-Einlei-\ntung zu Arndt's Vaterlandslied von F. Lux in Mainz aus.\nDie Festordnung bestimmte für die zwei Tage den 21.\nund 22. Juli die Probe Morgens um 7 Uhr, die Haupt-\nAulführung Nachmittags um 4 Uhr, die Vorträge ein-\nzelner Vereine Abends um 8 Uhr.\nDie Eintrittspreise (12 Fl. als Abonnement für alle\nAufführungen und zwei Proben, für einzelne Tage je nach\nden Platzen von 4 8 Fl. u. s. w.) waren durchweg zu\nhoch angesetzt; die Folge davon war, dass namentlich die\nLogenreihen dem Orchester gegenüber und an beiden\nLangseiten der Halle am ersten Tage schwach besetzt, am\nzweiten geradezu leer waren.\nWir übergehen die Festreden bei der ersten Haupt-\nAufführung und wenden uns zu den Vorträgen der er-\nsten acht von den sechszehn neuen Compositionen,wel-\nche unter der persönlichen Leitung der Componisten vom\nGesammtchor ausgeführt wurden. Nicht anwesend waren\nvon diesen nur der Herzog Ernst von Gotha, A. Methfes-\nsel, Kücken und Kalliwoda.\nAn die Ausführung der Gesammtchöre wird kein Mu-\nsiker, der weiss, was bei solchen Massen mit einer Probe\nzu erreichen ist, den Maassstab künstlerisch vollendeten\nGesanges anlegen wollen; Jeder aber wird eingestehen,\ndass im Ganzen auch an Präcision und Ausdruck so viel\ngeleistet wurde, als unter den gegebenen Verhältnissen\nbilliger Weise nur immer zu erwarten war. Namentlich\nwurden die kräftigen Stellen in den Vaterlandsliedern mit\nSchwung und Begeisterung gesungen.\nDie Reihe der neuen Wrerke eröffnete der 23. Psalm:\n„Der Herr ist mein Hirte\", von Jul. Otto, Musik-Direc-\ntor in Dresden; die Solostellen (d. h. überall in mehrfacher\nBesetzung der vier Stimmen im Verhältnisse eines Halb-\nchors zu dem Ganzen) vorgetragen von den Vereinen Or-\npheus, Liedertafel und Liederkreis aus Dresden, eine\ngrössere Composition in mehreren Sätzen. Ihr folgte ein\nFestgesang, gedichtet und componirt von dem ehrwür-\ndigen Altmeister A. Meth fessel in Braunschweig. Der\npatriotische Inhalt mit dem Schlüsse: „Weit jubelnd er-\nschallt das Lied von der deutschen Einheit!\" rief, wie alle\nähnlichen Gedanken in sämmtlichen Vaterlandsliedern jedes\nMal, einen Slurm von Applaus und von Hochs hervor, wie\nes sich gleich, wieder bei der dritten Nummer: „All-\nDeutschland\", von Müller von der Werra, cora-\nponirt von Franz Abt aus Braunschweig, zeigte. Die um-\nfangreichste und bedeutendste Composition war Ferdi-\nnand Hiller's Cantate: „An das Vaterland\", Gedicht von\nW. Müller von Königswinter, in welcher die Halb-\nchöre von den vereinigten vier Gesang-Vereinen von Mün-\nchen vorgetragen wurden. Alle vier Compositionen—sie\nbildeten die erste Abtheilung des Concertes—hatten einen\ngrossen Erfolg, der sich durch rauschenden Applaus und\nHochs auf die Componisten auf enthusiastische Weise\naussprach.\nDie zweite Abtheilung begann mit einer Composition\nvon Franz Lachner: „ Sturmes-Mythe\", Gedicht von\nLenau, welche einen ungeheuren Erfolg hatte und wie-\nderholt werden musste. Wir pflichten vollkommen der\nVolksslimme bei; ausser der gehaltvollen Composition hatte\nLachner noch zwei Dinge als wirksame Hebel des Beifalls\nfür sich : einmal, dass der von ihm gewählte Text:\nStumm und regungslos, in sich verschlossen,\nRuht die tiefe See dahingegossen, u s. w.\nein schönes und, die Wahrheit zu sagen, das einzige wirk-\nliche Gedicht im Textbuche war, und dann, dass den Ge-\nsang ein vollständiges Orchester von Saiten- und Blas-In-\nstrumenten begleitete, was nach dem immerwährenden\nGeschmetter der Trompeten und Posaunen dem Ohr sehr\nwohl that.\nHierauf ertönte G. von Mevern's Gedicht: „An die\n•J 7'\ndeutsche Tricolore\", mit den schwungvollen Tönen des\nHerzogs E. v. S., eine Composition, die mit Enthusiasmus\naufgenommen und deren letzte Strophe wiederholt werden\nmusste. Nach ihr erhielt das Lied: „An die Deutschen\",\nvon G. Elstermann, componirt vom Musik-Director\nTschirch in Gera, ehrenvollen Beifall, und den Schluss\nmachte: „Des Sängers Herz\", Gedicht von 0. Weiss,\ncomponirt von G. Emmerling, Dirigenten des Sing-Ver-\neins in Nürnberg. Gedicht und Composition waren beide\nrecht gut gemeint und erhielten auch Beifall; wir dürfen\naber doch nicht verschweigen, dass neben Werken von\nLachner, Hiller und anderen namhaften Componisten dieses\nLied für ein „deutsches Sängerfest\" zu unbedeutend er-\nschien.\nAlles strömte nun ins Freie, wo man sich dem bunten,\nvolksfestlichen Treiben hingab und einander in der That\nvon Nord und Süd und Ost und West begrüsste. Und\ndoch war die Volksmenge so gross und wogte so sehr hin\nund her, dass viele Bekannte, die um ihre gegenseitige\nAnwesenheit wussten,sich während des ganzen Festes nicht\ngefunden haben.\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "244", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5077, "texte": "Gegen neun Uhr füllte sich die Tonbühne und der\nZuhörerraum wieder, und die Vorträge verschiedener\neinzelner Vereine begannen. Es würde uns aber zu\nweit führen, wenn wir sie verfolgen sollten; ja, es wurde\ndies zum Theil geradezu unmöglich gemacht, indem nicht\nnur keine Textbücher, sondern auch nicht einmal Pro-\ngramme vorhanden waren, aus denen man hätte ersehen\nkönnen, was und von wem gesungen wurde. Die jedes-\nmalige mündliche Ankündigung verhallte in dem weiten\nRäume und blieb Tausenden unverständlich. Dass dieser\nungeheure Raum auch der Würdigung des Gesanges Ein-\ntrag that, ist nicht zu läugnen; halb starker Vortrag oder\ngar wirkliches Piano war auf dem theuersten Platze, dem\nOrchester gegenüber, gar nicht zu hören.\nDer zweite Festtag (Montag, 22. Juli) zeichnete sich\ndurch den grossen Festzug aus, welcher dieses Mal noch\nvollständiger und glänzender war, als am Samstag. Alle,\ndie am Nachmittage dieses Tages in Nürnberg waren, wer-\nden vielleicht nie wieder etwas so volksthümlich Grossarti-\nges schauen, wie diesen festlichen Aufzug von fünf tau-\nsend fröhlichen Sängern.\nNürnberg kann mit Fug und Recht diese Festtage als\nglückliche und ruhmvolle in seine Chronik eintragen, und\ngern erkennen wir an, dass der Geist, der das Fest belebte,\naus dem Anblick der herrlichen Stadt, in welcher die Steine\nselbst das deutsche Volksthum predigen, und aus der über-\naus lebendigen Theilnahme ihrer Rürger und Bürgerinnen\nstets neue Kraft und Stärke gewann.\nAber auch den Sängern Ehre und Dank, die da keine\nAnstrengung, kein Opfer der Ruhe und Bequemlichkeit\nscheuten. Der Festzug, den die kräftigen Gestalten der\nTurner des nürnberger Turnvereins eröffneten, brauchte\nbeinahe anderthalb Stunde zum Vorüberziehen; acht bis\nzehn Musikchöre befanden sich in seinen Reihen, vor jedem\nVereine trugen Knaben auf hohen Fahnenstangen, an de-\nnen blau- und weissfarbige Bänder flatterten, Schilder, auf\nwelchen mit grossen gothischen Buchstaben der Name des\nGesangvereins und seiner Stadt zu lesen war; hinter die-\nsen dann die Mitglieder mit ihren Fahnen u. s. w.\nDer Raum erlaubt es nicht, alle V ereine hier aufzu-\nzählen, doch erwähnen wir die am zahlreichsten betheilig-\nten, um eine Vorstellung von der weitverbreiteten Theil-\nnahme, die das Fest hervorgerufen, zu geben. Die Städte\nAmberg, Ansbach, Apolda, Augsburg, Bamberg, Bayreuth,\nCoburg, Chemnitz, Constanz, Dresden, Eisenach, Erlangen,\nElberfeld, Frankfurt a. M. (16 Vereine), Fürth (6 Ver-\neine), Freiberg in Sachsen, Gotha, Hof, Innsbruck, Kassel,\nKiel, Landshut, Leipzig, Linz, Magdeburg, Mainz, Mann-\nheim, Meeran, München (4 Vereine), Nürnberg (11 Ver-\neine), Passau, Plauen, Pressburg, Regensburg, Rudolstadt,\nSalzburg, Schwabach, Schweinfuit, Schwerin, Straubing,\nStuttgart, Ulm, Weissenburg, Wien (Männergesang-Ver-\nein), Wiesbaden, Würzburg, Wunsiedel u. s. w. waren\nstark vertreten. Besondere Deputationen halten gesandt\nVereine von Basel, Bautzen, Berlin, Bern, Braunschweig,\nBremen, Darmstadt, Heidelberg, Karlsruhe, Köln, Königs-\nberg, London, Lübeck, Memel, Speyer, Teplitz, Weimar,\nZweibrücken u. s. w. Aus Konstantinopel war Henni-\nkofen als Vertreter der Teutonia, aus New-York Musik-\nDirector Eisfeld als Abgesandter des Liederkranzes da.\nDie zweite Haupt-Aufführung in der Tonhalle\nbegann gegen fünf Uhr. Sie brachte, wie die erste, wie-\nderum acht neue Compositionen.\nEin Hymnus: „Singt dem Herrn ein neues Lied\",\nvon V. E. Becker aus Würzburg, eröffnete die Reihe,\neine Composition, die sich durch Inhalt und tüchtige Form\nden besten des vorigen Tages an die Seite stellte. Es folgte:\n„Unser Hort\", Gedicht von Dr. Hölzl, Advocaten in\nStraubing (einer sehr beliebten, liberalen Persönlichkeit),\ncomponirt von Jul. Grobe, Dirigenten des Liederkranzes\nin Nürnberg. Es rief einen gewaltigen Jubelsturm hervor,\nden es vorzüglich den Worten:\nHand in Hand\nFürst und Volk fürs Vaterland,\nEine Flagge auf dem Meer,\nEine Fahne für das Heer,\nEinen Führer in der Schlacht,\nAchtung, die der Erdball zollt^\nDeutschlands Banner „Schwarz-Roth-Golda!\nzu danken hatte. Den Sturm besänftigte ein kurzes schö-\nnes Lied: „Frühlingsgruss an das Vaterland\", von Vin-\ncenz Lachner aus Mannheim, eine echt lyrische Com-\nposition. „Der deutsche Landsturm\", Gedicht von K.\nSchultes, componirt von Kücken in Stuttgart, erhielt\nebenfalls Applaus, der jedoch nicht so lebhaft war, als es\ndie frische Composition aus der effectvollen Factur Kücken's\nverdiente.\nDie zweite Abtheilung begann mit einer grösseren\nComposition von H. Neeb aus Frankfurt a. M., Gedicht\nvon Fr. Stoltze: „Frisch auf zum Siegen!\" Sie beginnt\nmit einem langsamen Satze, der durch eine hübsche Stei-\ngerung in ein feuriges Allegro übergeht, auf das am\nSchlüsse ein feierliches Andante maestoso eintritt, in wel-\nchem die Verse:\nLass deine Adler fliegen\nZum grossen heil'gen Kampf!\nWenn naht der Feind, dann zieht\nEin einig Deutschland zum Rhein,\nZum Kampf fürs Vaterland!\nund die effectvolle Musik einen solchen Eindruck machten,\ndass der Sturm schon vor dem musicalischen Schlüsse aus-\nbrach und der ganze letzte Satz wiederholt werden musste."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "245", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2240, "texte": "Herr Neeb wurde gerufen und ward selbst von der Be-\ngeisterung so hingerissen, dass er die deutsche Fahne wie-\nderholt über seinein Hauple schwenkte.\nDie Zuhörerschaft, im Parterre zahlreicher als am\nX %\nersten Tage, in den Logen weniger stark vertreten, war\nheute noch lebhafter aulgeregt, als gestern. So wurden\ndenn auch den beiden folgenden Gesängen: „Hör' uns,\nAllmächtiger, Führer der Schlachten\", von Th. Körner,\nedel und kräftig componirt von Möhring aus Neu-Rup-\npin, und dem Liede: „Ermanne dich, Deutschland!\" Ge-\ndicht von Wagner, in effectvollem Genre componirt von\nA. Storch in Wien, dröhnender Beifall und schmetternde\nFanfaren zu Theil, ja, das letztere wurde sogar ganz wie-\nderholt. Nach diesen krachenden Entladungen der Bei-\nfalls-Donnerwolken zog der letzte Chor, ein frommes\n„Danklied\", Musik von J. W. Kalliwoda, ruhiger\nvorüber.\nUnter den Leistungen der einzelnen Gesang-Vereine\nin beiden Abend-Concerten sind die Vorträge der Vereine\naus Coburg, Dresden, Innsbruck, Würzburg und Wien\nauszuzeichnen; namentlich machte der wiener Männer-\ngesang-Verein unter Leitung seines Obermeisters Her-\nbeck durch den künstlerisch bedeutenden Vortrag des\n„Waldliedes\" von Herbeck mit Begleitung von vier Wald-\nhörnern, die ebenfalls recht gut geblasen wurden, einen\nausserordentlichen Eindruck und ärntete andauernden und\nrauschenden Beifall, der diesmal rein der Tonkunst galt.\nTrotzdem, dass es auf einen so genannten Gesang-\nWettstreit um ausgesetzte Preise gar nicht abgesehen war,\nda das Comite einen solchen mit richtigem Tact fern von\ndem Feste deutscher Einigung gehalten, hatte dennoch ein\nGesang-Verein in Bern einen silbernen Becher, ein schö-\nnes Zeichen liebevoller Theilnahme des deutschen Stam-\nmes in der Schweiz, dem Fest-Ausschusse mit der Bestim-\nmung zugesandt, ihn demjenigen Vereine, der am besten\nsingen würde, als Ehrengabe zuzuerkennen. Da aber kein\nGerichtshof über die Leistungen gebildet war, so gab es\nin der Versammlung der Vereins-Vorstände am Dinstag\nNachmittags, wo die Sache zur Sprache gebracht wurde,\neinige Verlegenheit. Auf Hiller's Vorschlag, den auch\nAbt unterstützte, und dem die ganze Versammlung durch\nAcclamation beitrat, wurde der Becher dem Männerge-\nsang-Vereine von Wien zuerkannt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-08-03-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-08-03_01#c003", "volume": "bmtnabi_1861-08-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "245", "page_fin": "246", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.2.3", "titre_corps": "Beurtheilungen.", "titre_sommaire": "Beurtheilungen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "245", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.5", "debut_caractere": 2242, "fin_caractere_exclue": 5104, "texte": "Beurtheilungen.\nDeux Sonatines pour lePiano par G. Op.\n44. Breslau, Leukart, a 1 Thir. 15 Ngr.\nSie bestehen aus den durch Beethoven namentlich ein-\ngebürgerten vier Sätzen, sind leicht, erfordern aber, wie\nalles, was dieser geistvolle Meister geschaffen, eine aus\nYersländniss quellende Darstellung, reines, sicheres, exac-\ntes Spiel. Nr. 2 zumal klingt so wohlig, so zärtlich ins\nHerz hinein, ist ein so reizendes Spiel von Gedanken und\nGefühlen in Tönen, dabei so künstlich und doch ohne alle\nPrätention, dass die Notwendigkeit der zweiten Auflage,\nwelche aul dem Titel steht, ganz und gar einleuchtet.\nSonate fantastique pour Piano par Gottwald. Op. 1.\nDediee ä Mr. 11. de Pulow. Ebendaselbst.\nMan muss den Titel genau nehmen, will man dem\nComponisten gerecht werden. Bülow ist einer der bedeu-\ntendsten Vei treter der neuesten Schule der Tonkunst und\ndes Ciavierspiels; das erklart die fremdartige, sowohl for-\nmelle als geistige Anlage der Sonate. Es ist vorzugsweise\nnur ein Glied von einigen Tönen, aus denen sich der Ton-\nsetzer mittels unzählbarer Wendungen, Versetzungen u. s. w.\nsein neunzehn Seiten langes lonstück erbaut; dass es da\nan harmonischen Folgen, wie sie die angezogene Schule\nverlheidigt, nicht fehlen kann, ist selbstverständlich. Gott-\nwald hat übrigens Ideen und Gestaltungsfähigkeit; es ist\nzu bedauern, dass er sie nicht besser benutzt. Die Schwie-\nrigkeiten, die er übrigens hier bietet, erfordern eine unge-\nwöhnliche Spannkraft der Finger.\nGrande Sonate pour le Op.\n19. Ebendaselbst,\nUnendlich wohl wird es einem beim Spielen einer so\ndurchweg gediegenen Composition. Es entrollt sich darin\nein Gemälde voll Leben und Wahrheit nach dem Muster\nder edelsten Meister. Es ist die Laufbahn eines muthigen\nMannes, der, von hohen Ideen getragen, mächtig ins Le-\nben stürmt; nur zu bald wird er in seinem Laufe gehemmt\ndurch tausend und tausend Verhältnisse; dadurch entmu-\nthigt, haucht er seinen Schmerz in sanften Klagen an ein\nliebevolles Herz aus, ermannt sich aber bald wieder und\nbeginnt nur um so kühner, tollkühner, muss ich sagen,\nden gestörten Anlauf. Ob er durchgedrungen? ich kann\ndas aus dem Schlüsse der Composition nicht entziffern.\nJedenfalls hat die Composition bleibenden Werth.\nPhantasie für Piano und Violoncello von G. Vier-\nling. Op. 17. Ebendaselbst. Preis 1 Thlr.\nDer fertige Meister tritt uns bier entgegen; ihm ist\ndie Form und Regel keine Zwangsjacke, sie dient der\nKraft seines Geistes. Wie einfach ist das Thema, das er\ngewählt, und wie vielgestaltet enthüllt sich aus diesem\nKern eine bunte Fülle von schmucken Blättern und duf-\ntenden Blüthen, dass man sich erstaunt fragt: Wie konnte\naus so Unscheinbarem Solches werden? Was besonders\nwohl thut an diesem für Salon und Concertsaal gleich em-\npfehlungswerthen Stücke, ist auch das Maasshalten; gerade\nso lange musste die Composition fortgeführt werden, ge-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "246", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2589, "texte": "Rade hier musste sie schliessen, so wird man bei dem soli-\nden, regelrechten Baue sagen. Das Gesetz der Form ist\ndoch das heilsamste Ding von der Welt für denjenigen,\nder Geist hat; darum wirft sie auch nur der von sich,\nwelcher des letzteren entbehrt.\nDuo für Piano und Violine von Meinardus. Op. 5.\nEbendaselbst.\nDies ist ein Duo im grossen Stil und berechnet für\nSpieler, die eben so viel Geist als Kunstfertigkeit besitzen.\nEs theilt manche Vorzüge, die man der vorausgehenden\nComposition zusprechen muss; es zeugt von Bewältigung\nder Normen des Satzes und von Erfindungsgabe, fällt aber\nhier und da in dem contrapunktischen Bestreben in Kün-\nstelei und ist jedenfalls zu lang ausgesponnen. Das Ganze\ndurchweht ein Humor, eine Art neckischen Sinnes; es ist,\nwenn man so sagen darf, ein spannendes Spiel, das zwei\nsich gegenseitig abstossende und doch wieder anziehende\nNaturen mit einander spielen. Wortspiele, Scherze, Räth-\nsel, Zank und Versöhnung, Bonmots u. s. w. wechseln\nbunt ab. Das erklärt und rechtfertigt so Inhalt als Form\ndieser jedenfalls sehr beachtenswerthen, über die Gewöhn-\nlichkeit hervorragenden Composition.\nTrio I. und 11. für Piano, Violine und Violoncello.\nVon W. Bargiel. Preis ä 3 Thlr. Roh. Schu-\nmann gewidmet. Ebendaselbst.\nDurch diese Widmung an den berühmten Koryphäen\nder Romantik ist die Tendenz dieser Trio's, die mit zu\nden ausgezeichnetsten unter den neuesten gehören, genug-\nsam ausgesprochen; doch würde man sich schwer täu-\nschen, wollte man hier nur Gefühlsschwärmerei suchen.\nDie Regungen des Gemüthes treten uns in ihrer gesunde-\nsten Natürlichkeit entgegen, verklärt durch einen keuschen\nIdealismus. Nur Eines könnte Tadel verdienen, ein zu Tage\ntretender Eklekticismus des Gefühlslebens; es wechseln bei\naller Einheit des Grundinhaltes zu viele Empfindungen;\nes ist uns bisweilen, als wenn wir alle Stufen der Affecte\nprismatisch in Farben gebrochen vor unseren Augen schau-\nten. Doch wird der etwaigen Zerrissenheit, die dabei so\nleicht entstehen könnte, vorgebeugt durch eine Verstandes-\nthätigkeit, wie sie nicht geregelter auftreten könnte, durch\ngründliches musicalisches Wissen, und dadurch unterschei-\ndet sich Bargiel mächtig von der exclusiven Zukunftszunft.\nDer Vortrag beider Werke erfordert sehr geübte Musiker,\ndenen tieferes Verständniss, als man bei gewöhnlichen,\nwenn auch fertigen, Spielern findet, inwohnen muss. Das\nerste Trio muthet an Beethoven's letzte Trio's, das zweite\nlehnt sich mehr an Schumann an; doch thut das der Ori-\nginalität der Composition keinen Eintrag, die vielmehr ein\nbesonderer Vorzug derselben ist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-08-03-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-08-03_01#c004", "volume": "bmtnabi_1861-08-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "246", "page_fin": "247", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.2.4", "titre_corps": "Gounod’s Faust in Wiesbaden.", "titre_sommaire": "Gounod’s Faust in Wiesbaden.", "signature_source": "W. Wülfinghoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "246", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.6", "debut_caractere": 2591, "fin_caractere_exclue": 5260, "texte": "Gounod’s Faust in Wiesbaden.\n\nGestern wohnte ich der z weiten Aufführung- dieser\nvielbesprochenen Oper bei; auch Sonntag hatte ich sie ge-\nholt, und jetzt noch in den Eindrücken lebend, welche\ndas Werk auf mich gemacht, beeile ich mich, Ihnen dar-\nüber zu berichten.\nNicht beanspruchend, dass Sie meinem Propheten-\nblicke zu viel vertrauen mögen, wage ich die Behauptung,\ndass Gounod mit der Composition dieses Vorwurfes für\ndas deutsche Publicum einen glücklichen Wurf gethan hat,\nhauptsächlich weil die Faust-Idee bei uns so populär ist\nund es bleiben wird, so lange es ringende Menschen gibt,\ndie das Drängen unwiderstehlich fühlen, den engen Rah-\nmen des Erdenlebens zu überschreiten. Eben weil der\nStoff so echt menschlich und so ganz Eigenthum des deut-\nschen Volkes ist, erregt auch die Musik des Faust In-\nteresse, und dass die Handlung des ersten Theiles von Gö-\nthe's Faust der Oper zu Grunde liegt, wenigstens in den\nHauptscenen, steigert dieses Interesse, was trotz des Zornes\nder Poesiewächter doch bei dem grossen Publicum ganz\nnatürlich ist. Indess halte ich einen Franzosen durchaus\nnicht für fähig, einen so gewaltigen Stoff in seiner ganzen\nTiefe zu erfassen. In Gounod's Faust findet sich so viel\nmoderne, ausländische Spielerei, dass ich nicht zu sagen\nwage, er habe den Nagel auf den Kopf getroffen. Eines\nist ganz sicher, dass dem Componisten des Faust als hell-\nleuchtendes Gestirn Meyerbeer vorgeschwebt hat. Gounod\nhat sich ganz an Meyerbeer gebildet und kann ihn vielleicht,\nwenn er eben so viel Glück hat, mit der Zeit erreichen.\nAllein eben so wenig jeder Meyerbeer'sche Ton die Wahr-\nheit für sich hat, eben so wenig die Musik Gounod's.\nGounod ist noch einstweilen haushälterischer in der Ver-\nwendung der instrumentalen Kräfte, dagegen hat er sich\nmit den mächtigen Verbündeten: Decorationen, Verwand-\nlungen und Ballet, bereits so tief eingelassen, dass sie dem\nTondichter bald die Herrschaft gänzlich entreissen dürften.\nDa jedoch die Oper in diesen Blättern schon verschiedent-\nlich seit ihrer ersten Erscheinung in Paris und zuletzt be-\nsonders ausführlich in Nr. 15 besprochen worden ist, so\nbeschränke ich mich auf einige wenige Bemerkungen.\nDie Einleitung zum ersten Acte ist ernsten Charakters\nund bereitet würdig die erste Scene vor. Faust's Monolog\nist ganz specifisch Meverbeer; ich hebe nur die Compo-\nsition des: „Ein neuer Tag erscheint\", als Beleg hiefür\nheraus. Recht hübsch ist der erste Chor: „Ah, schlum-\nmernde Mägdlein\"; doch weit weniger frisch und natürlich\nfliessend der folgende Chor der Landleute: „Frisch auf\nins Feld\". Das Duo Nr. 2 zwischen Faust und Mephisto\nist ganz nach der Schablone der bekannten Scene am"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "247", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5244, "texte": "Kreuze im Robert zwischen Bertram und Raimbaut gear-\nbeitet. Der Gounod'sche Mephisto drückt sich nur nicht\nimmer so cavaliermässig aus, wie der räthselhal'te Vater\ndes Herzogs der Normandie. Faust's „Ein Wunsch mich\nbeseelt\" ist ganz ä la Abt, Kücken u. s. w. componirt.\nNachdem Mephisto die Erscheinung Gretchens bewirkt,\nFaust unterzeichnet und auf Gretchens Wohl getrunken,\ngeht die fast poliehinellhafte Verpuppung Faust's vor den\nAugen des Publicums vor sich (Verwandlung des Ge-\nlehrten-Habits in Junkertracht), welche als echte Harle-\nquinade auch nur eine hanswursthafte Wirkung erzielen\nkann. Herr Caffieri, der übrigens eine wundervolle\nStimme hat und auch in der Auffassung seiner Rollen dra-\nmatisches Feuer bekundet, sollte als Doctor und in Künste\nder Zauberei Eingeweihter das Experiment nicht so laien-\nhaft anstaunen. Besagter Kleiderwechsel erregte bei der\nersten Aufführung, in welcher er weniger glücklich und\nschnell von Statten ging, als bei der zweiten, ein nicht\nenden wollendes, störendes Gelächter, denn es war Sonntag.\nDer Schluss des ersten Actes ist effectvoll, doch regte\nsich gestern keine einzige Hand des Beifalls, weder wäh-\nrend noch nach demselben. In der Kirmess-Scene des zwei-\nten Actes ist nur der Studentenchor kräftig und frisch; An-\nderes ist wahrhaft carikirt, und der Schluss-Chor hat ein\nFlotow'sches Motiv zum Fundament. Mephisto's Couplets:\n„Ja, das Gold regiert noch die Welt\", sind sehr charak-\nteristisch, sogar sehr gut, erhielten aber keine Spur von\nBeifall. Nr. 6 ist ein Walzer und Chor: „Leichte Wölk-\nchen sich erheben\", der seine vorhandenen Brüder lange\nnicht erreicht; dagegen sind die Worte: „Mein schönes\nFräulein, darf ich's wagen, Meinen Arm und Geleit Ihr an-\nzutragen?\" und Gretchens: „Bin weder Fräulein, weder\nschön, Kann ungeleitet nach Hause geh'n\", wahrhaft rei-\nzend componirt und in einen bezaubernden Duft gehüllt,\nder allein schon im Stande ist, die magischen Bande zu\nweben, welche Faust und Gretchen von diesem Augen-\nblicke des ersten Sehens an umstricken.\nDie Couplets Nr. 7 im dritten Acte: „Blümlein traut,\nsprecht für mich\", haben viel Anklang an Taubert's und\nSchubert's Lieder in gleichem Genre, indess sie sind hübsch\nund brachten Herrn Schneider (Siebel) den ersten Bei-\nfall des Abends. Am Schlüsse ist auf das Wort „leise\" ein\nhoher, dazu forte ausgehaltener Ton unschön; doch kann\ndarüber nur der französische Text entscheiden. Faust's\nCavatine (Nr. 8): „Gegrüsst sei mir, o heil'ge Stätte\", ist\nein reizendes, für den Sänger dankbares Musikstück, die\nerste schöne Nummer der Oper. Eine obligate Violine zieht\nsich durch die Cavatine, welche Herr Caffieri vortrefflich\nsang, dennoch aber auch ohne jeglichen, ja, selbst ohne\nden geringsten Beifall blieb.\nTrau Deetz (seit Kurzem hier engagirt) errang sich\nBeifall mit der Ballade: „Es war ein König in Thüle\",\nden sie vollkommen verdiente. Frau Deetz möge nur ihre\nsonst schöne Stimme nicht zu gern in den tieferen Lagen\nforciren, sonst wird sie diese Sünde in der Höhe bald büs-\nsen. Sie ärntete wiederholten Beifall in der darauf folgen-\nden Scene und auch durch den zuletzt sehr matten Sing-\nwalzer. Nr. 11 (Duo zwischen Faust und Gretchen) ist\nschön componirt, aber immer stehen Meyerbeer's Gestal-\ntungen vor uns. Was Gretchen in Scene 13 von dem Fen-\nster ihrer Wohnung aus in die Mondnacht hinaus singt,\nist ganz wie von Richard Wagner componirt; Sie dürfen\nes mir glauben!— Frau Deetz und Herr Caffieri wurden\ngerufen.\nNr. 13, Fanfare und Chor (Rückkehr Valentin's mit\neiner Heer-Abiheilung), dem ein einleitender Marsch vor-\nhergeht, sind wahrhaft originel, wenngleich uns der Zu-\nschnitt des Rhythmus a la Verdi aufgefallen ist. Er be-\nwegt sich in fortgehender Steigerung des Forte wie des\nTempo und ist eine brillante Nummer, welche hier in bei-\nden Aufführungen einen Beifallssturm hervorrief und da\ncapo gemacht werden musste. Die Serenade des Mephisto\n(Nr. 14) ist eine barocke Composition, wie denn überhaupt\ndie Partie des Mephisto ein fortwährender Hohn und Spott\nauf alles, was Musik heisst, ist: auf Melodie, Rhyth-\nmus und Accent. Die Kirchen-Scene (Nr. 17) ist wirk-\nsam, besonders auch der Chor: „Wenn erscheint der Tag\ndes Herrn\", choralmässig gehalten, wogegen der Schluss-\nChor in Schreien ausartet.\nIm fünften Acte leisten die Maschinerie und der Deco-\nrationsmaler ihr Bedeutendstes, aber als eine Bereicherung\nin musicalischer Beziehung können wir ihn nicht betrach-\nten. In das „Schauen\" versenkt sich hier der ganze Mensch,\nund Viele werden ganz und gar vergessen, dass sie ge-\nkommen waren, eine Oper zu hören. Ei, was schwätz' ich\nda doch gleich: war gewiss die Mehrzahl in beiden Auf-\nführungen doch nur gekommen, um die Wunder der De-\ncorationen und Verwandlungen zu schauen, von denen die\nFama das Fabelhafteste erzählt hatte! Von neuen musicali-\nschen Motiven konnte ich im fünften Acte nichts entdecken.\nZum Schluss kann ich nicht anders sagen, als: Man\nerwartete weit mehr in musicalischer Beziehung von der\nOper; ich habe das Haus getäuscht und enttäuscht verlas-\nsen. Die Oper ist hier übrigens glänzend in Scene gesetzt\nund dürfte für diesen Sommer ein Zugstück werden.\nFrau Bürde-Ney wird demnächst hier auftreten.\nWiesbaden, den 10. Juli 1861.\n\nW. Wülfinghoff."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-08-03-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-08-03_01#c005", "volume": "bmtnabi_1861-08-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "248", "page_fin": "248", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "248", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5820, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBei dem Sängerfeste in Nürnberg wurden den Componisten\nFerdinand Hiller und Franz Lachner Diplome als Ehren-\nMitgliedern des deutschen Liederkranzes in New-York durch\nden zum Feste deputirten Herrn Musik-Director Eisfeld überreicht.\nVon Hoffmann von Fallersleben's „Geschichte des deut-\nschen Kirchenliedes\" ist so eben die dritte Ausgabe erschienen (bei\nRümpler in Hannover): „Geschichte des deutschen Kirchenliedes bis\nauf Luther's Zeit\". Nebst einem Anhange: „In dulei jubilo, Nun\nsinget und seid froh\". Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen\nPoesie.\nFrankfurt a. M. Die seit geraumer Zeit in der Schwebe\nhangende Capellmeister-Frage am hiesigen Theater hat endlich eine\nLösung gefunden. Herr Ignaz Lachner, vor einigen Jahren Ca-\npellmeister am hamburger Theater, letztlich in gleicher Eigenschaft\nam k. Hoftheater in Stockholm wirksam, ist zu Gustav Schmidts\nNachfolger auf ein Jahr erwählt worden. Ob dieses Wahlactes ist\nes zwischen den Mitgliedern des engeren Ausschusses zu einem\neclatanten Bruche gekommen, in Folge dessen Herr Wilhelm Speyer\nseine Demission genommen hat.\nWenn es sich bestätigen sollte, wie wir vernehmen, dass Seitens\ndes engeren Ausschusses einem anerkannt tüchtigen Orchester-Diri-\ngenten bestimmte Zusagen für die vacante Stelle gemacht worden,\nbevor es dem Vorsitzenden eingefallen, eine Concurrenz um die-\nselbe auszuschreiben, dass aber selbst dann noch der Betreffende in\ndem Glauben erhalten worden, die ihm schriftlich gemachte Zusage\nwerde ihre Geltung haben und er der Erwählte sein, dann diiifte\ndiese Procedur ein diplomatisches Meisterstück zu nennen sein. Der\nehrenhafte Charakter des Herrn Speyer bürgt dafür, dass etwas Ab-\nsonderliches vorgegangen sein müsse, wenn er sich veranlasst ge-\nfunden, die Solidarität bei diesem Wahlacte durch seinen Austritt\nzu dementiren. Durch diesen Schritt hat die Direction die einzige\nkunstverständige Capacität verloren.\nHoffentlich werden wir diesen Fall vor das Forum des grossen\nAusschusses gebracht sehen, dem es obliegt, das Schiedsrichter-Amt\nzu üben. Jedenfalls aber scheint es hoch an der Zeit zu sein, Herrn\nDr. von Guaita zu ersuchen, sich eine andere Liebhaberei zu\nAusfüllung seiner Mussestunden zu wählen. Die Erfahrung lehrt,\ndass ein Theater-Director, in dessen Praxis weder Billigkeits-Gefühl\nnoch freundliches Entgegenkommen bemerkbar sind, die beide, wenn\nrecht angewandt, weit mehr zu bewirken vermögen, als peremptori-\nsches Befehlen und Pochen auf die Contracts-Paragraphen, sich sel-\nber die grössten Hindernisse entgegenstellt; seine Anstalt wird im-\nmer, wie von einem zerstörenden Mehlthau überzogen, kränkeln. Ein\nTheater-Director endlich, der im Hochgefühle seiner souverainen\nAutorität die Kritik in genere missachtet, ist ein lebendiger Ana-\nchronismus, für den in unserem Zeitalter kein Spielraum mehr vor-\nhanden sein sollte. S.\nAbert in Stuttgart, der Componist von „Anna von Landskron\",\nhat der Hoftheater-Intendanz zu Berlin eine neue Oper eingereicht,\nderen Text einen deutschen Märchenstoff zum Sujet haben soll.\nRcgeilSlMir|£* Unter den musicalischen Genüssen der jüng-\nsten Zeit verdient die von unserem talentvollen Violoncellisten Hein-\nrich Pfeifer veranstaltete Soiree ehrenvolle Erwähnung. In der-\nselben zeigte er sich nicht nur als einen höchst gewandten und fein-\nsinnigen Ciavier- und Cellospieler, sondern auch als geübten, form-\ngerechten, phantasiereichen Componisten durch Vorführung eines\nMorceau de Salon für Violine, Violoncell und Piano. Neben ihm\nverdienen in ehrendster Weise genannt zu werden Herr Eugen\nDrobisch und Herr Palästrini, welch letzterer durch sein see-\nlenvolles, perlendes und reines Violinspiel alle Hörer erfreute. Ueber\nden ersteren, den würdigen Sohn des verstorbenen Meisters Drobisch,\nwerde ich nächstens gelegentlich einiger seiner zu Gehör gebrachten\ngrösseren Compositionen, als 2 Ouvertüren, 1 Sinfonie, 1 Trio, 2\nQuatuors, mehrerer Piecen aus einer Oper, berichten. Sein Talent\nund sein Fleiss verdienen Anerkennung und Aufmunterung. Er ist,\nwie ich so eben vernehme, als Concertmeister nach Meiningen, wo\nCapellmeister Bott so echt künstlerisch thätig ist, berufen worden.\nPreis-Ausschreiben»\nDer Unterzeichnete ladet hiermit Behufs würdiger Verherrlichung\ndes KrÖiiuiigsfestcs Sr. Majestät des Königs Wilhelm I. von\nPreussen die Herren Componisten aller Länder zur Einsendung\neines Triumph- oder Festmarsches im grossen sympho-\nnischen Stil, gleichviel, ob für Orchester, Infanterie- oder Caval-\nlerie-Musik, ein. Zu diesem Zwecke hat er einen Preis von zwan-\nzig Ducatcn für die als die beste anerkannte Composition ausge-\nsetzt. 1. Die Einsendung erfolgt an die Königl. Hof-Musikhandlung\nvon Ed. Bote & G. Book in Berlin bis längstens 31. August 1861.\n2. Der Marsch wird in Partitur ohne Namen des Componisten und\nmit einem Motto versehen eingesandt u. s. w. 3. Um Niemanden\nvon der Bewerbung auszuschliessen, können die Herren Preisrichter\nerst später bestimmt werden. 4. Die preisgekrönte Arbeit wird Eigen-\nthum oben genannter Verlagshandlung.\nBerlin, 20. Juli 1801. Gustav Bock, Hof-Musikhändler.\nPreisbewerbwng.\nFür die Einsendung der kirchlichen Compositionen zur\nBewerbung um den Preis (fünf goldene Medaillen und eine silberne),\nden die Verlagshandlung J. L Heugel & Comp, unter dem Pa-\ntronate des „Vereins für Kirchenmusik\" in Paris ausgeschrieben\nhat (s. Nr. 19 d. 81. vom 11. Mai), ist der Termin auf drei Mo-\nnate, vom 1. August d. J. ab, verlängert worden. Die von\ndeutschen Componisten eingesandten Werke verbleiben denselben\nals Eigenthum. Die Preisrichter-Commission bilden: Fürst Ponia-\ntowski, General Mellinet, Abbe Pelletier, Dietsch (Director der Kir-\nchen-Musikschule), Ambr. Thomas, Gounod, Benoist, d'Ortigue.\nGenauere Erkundigung auf Franco-Briefe an J. L. Heugel 2 bis\nnie Vivienne, Paris."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "241", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas deutsche Sängerfest in Nürnberg. Beurtheilungen: Deux Sonatines pour le Piano par G. Taubert. OD. 44\nSonate fantastique pour Piano par Gottwald.Op. 1. Grande Sona Op. 19. Phantasie für Piano\nund Violoncello von Gr. Vierling. Op. 17. Duo für Piano und Violine von Meinardus. Op. 5. Trio I. u. 11. für Piano, Violine und\nVioloncell von W. Bargiel. Gounod's Faust in Wiesbaden. Von W. Wülfinghoff. Tages- und U n ter h altun gs b latt.\n\nDas deutsche Sängerfest in Nürnberg.\nDer Gedanke, ein allgemeines deutsches Sängerfest\nzu veranstalten, war in unseren Tagen ein ganz natürli-\ncher Ausfluss der Stimmung aller Gebildeten im Volke für\ndie Vereinigung der deutschen Stämme zu Einem grossen\nGanzen. Alles, was dieser Stimmung Ausdruck, dem nach\nEinheit des Vaterlandes strebenden Geiste Nahrung und\nKräftigung geben kann, ist willkommen und wird überall\nmit Liebe und regstem Eifer aufgenommen und gefördert.\nIn dieser Beziehung war denn auch das Sängerfest in\nNürnberg durch die ungeheure Theilnahme, die es her-\nvorrief, ein schönes Zeichen der Zeit. Auf ein grosses Er-\ngebniss für die Kunst konnte es kaum abgesehen sein,\nwiewohl dennoch das Fest Veranlassung zu einigen Com-\npositionen für Männerchor gewesen ist, welche sich über\ndas Gewöhnliche erheben, mithin die Literatur für diesen\nZweig des Gesanges wirklich bereichert haben. Dass das\nkünstlerische Element vom volkstümlichen überwältiat\nwerden würde, war zu erwarten; warum aber sollte es\nsich die Tonkunst nicht zur Ehre anrechnen, Dolmetscherin\nder edelsten Gesinnungen und Gefühle, der Liebe zum\nVaterlande und der Sehnsucht nach Einigkeit und Macht\ndes ganzen deutschen Volkes zu sein? Ist doch die Musik,\nwelche unmittelbar aus der Brust des Menschen quillt, der\nGesang, am verwandtesten mit der Seele, aus der sie allein\nihren wahren Ausdruck schöpft und auf die sie wiederum\nden tiefsten Eindruck macht. Fassen wir in wenige Worte\ndas Gesammt-Ergebniss des Festes zusammen, so sagen\nwir mit Freuden, dass der Hauptzweck desselben: begei-\nsterter Ausdruck deutschen Volksthums durch\ndeutsche Dichtung und Gesang, in grossartiger\nWeise erreicht worden ist.\nDass die Vereinigung von Massen der Ausführenden,\ndas Herbeiströmen von Tausenden von Zuhörern und\nZuschauern, die festliche Bewegung einer ganzen Bevölke-\nrung von Stadt und Umgegend, ferner alles Aeussere, wie\ndie Herrlichkeit Nürnbergs, die Pracht der Festzüge, der\nüberaus günstige Himmel, gar mächtig zu dem erfreuli-\nchen Resultate des Ganzen mitwirkten, ist natürlich; Eines\nhob das Andere, und die Tonkunst bildete nur den Mittel-\npunkt eines Volkslebens, wie man es in so zwanglosem\nDurcheinander aller Stände und so gemüthlicher Fröhlich-\nkeit von Menschen, die sich dem Augenblicke hingeben\nund noch die seltene Eigenschaft besitzen, sich ihres Da-\nseins um des Daseins willen erfreuen zu können, nur bei\nunseren Stammgenossen in Süddeutschland finden kann.\nZur Feier eines deutschen Nationalfestes ist Nürnberg\nim höchsten Grade geeignet. Bewunderung ergriff uns,\nals wir unter Bewillkommungs-Jubel und Schmettern der\nF.anfaren am 20. Juli (Samstag) vom Bahnhofe in die Stadt\nzogen und diese Krone der deutschen Städte ihre archi-\ntektonische Pracht vor unseren Augen entfaltete, die an und\nfür sich-schon ihres Gleichen in Deutschland, ja, in dieser\neigentümlichen Art in ganz Europa nicht hat, und nun\nnoch dazu heute in einem Festschmucke prangte, der un-\nsere Phantasie in die Zeiten versetzte, wo das reichsstädti-\nsche Nürnberg die deutschen Kaiser empfing und ihnen\neinen glänzenden Einzug bereitete. Dieses Mal war es aber\ndie Tonkunst, für welche das herrliche Nürnberg, die\nMutter aller deutschen Kunst, ihr Feierkleid angelegt hatte.\nAn allen öffentlichen Gebäuden und allen Privathäusern,\nvon den Palästen bis zu den bescheidenen Wohnungen des\nBürgers herab, offenbarte sich in den Verzierungen durch\nLaub- und Blumengewinde vom untersten Stock bis in die\nhöchsten Giebel hinauf ein wahrhafter Kunstsinn, durch\ndessen allgemeines Walten die schönen Bauformen der\nHäuser um so besser hervortraten, und von hoch oben bis\nauf Mannshöhe von der Strasse aufwärts hingen Tausende\nvon langen Fahnen herab, die mit ihren breiten schwarz-\nrothgoldenen Streifen die nationale Bedeutung des Festes\nverkündeten, während eine Menge anderer in den baieri-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "242", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.2", "texte": "sehen Landesfarben dazwischen wehte, und oft in höchst\nsinnvoller Weise, wie z. 13. an dem Rathhause, die archi-\ntektonischen Linien durch eine Unzahl von Fähnlein in die\nAugen springen liess.\nUnd doch bedarf es in Nürnberg keiner Fahnen und\nFarben, um die deutsche Stadt zu kennzeichnen; denn\nhier sind nicht nur die altehrwürdigen weltberühmten Kir-\nchen, sondern jedes Haus ein Denkmal deutscher Bau-\nkunst: und nicht bloss von früheren Jahrhunderten her,\nnein, bis auf die neueste Zeit hat sich durch die nürnber-\nger Architekten, Heideloff an der Spitze, der Sinn für den\ndeutschen Baustyl und die Tüchtigkeit in der Ausführung\ndesselben fortgepllanzt bis auf unsere Tage, und die brei-\nten Strassen, nirgends nach der geradlinigen Perspective\ngezogen, bieten in ihren Wendungen so malerische und\nüberraschende Prospecte dar, auf welche überall der freie\nHimmel hereinsieht, da die Häuserreihen in allen Haupt-\nstrassen weit und luftig einander gegenüber stehen, dass es\nkeine Stadt gibt, in der das alte Schöne so harmonisch mit\ndem neuen Schönen vereinigt ist.\nDenken sich nun die Leser diese Strassen von Tau-\nsenden von Menschen belebt, die den unabsehbaren Zug\nder Sänger-Vereine vom Rathhause aus nach der vor dem\nLauffer-Thor gelegenen Tonhalle in rühmenswerthester\nOrdnung ohne störendes Gewühl und Gedränge durch ihre\ndichten Reihen ziehen Hessen und nur mit schallenden\nHochs bald diesen, bald jenen Verein aus allen Gegenden\ndes Vaterlandes begrüssten; denken sie sich die hohen, fast\ndurchweg vierstöckigen Häuser mit ihren Erkern und Bal-\nconen und den blühenden Frauengestalten in jedem Fen-\nster, überall die Freude auf dem Antlitz, die jubelnde Be-\ngrüssung mit wehenden Taschentüchern, Fähnlein und\nBlumensträussen, und mitten durch das schauende Volk\nden Zug von fünftausend frischen, munteren Männern und\nJünglingen mit ihren prachtvollen, von Gold schweren und\nvon Malerei und Stickerei prangenden Fahnen, hinter ih-\nnen die stolzen Träger der Ehrenpreise der Vereine, die\nEinen mit goldenen oder silbernen, oder köstlich in Elfen-\nbein und Holz geschnitzten Pocalen, Andere mit altdeut-\nschen riesigen Trinkhörnern, mit Denkmünzen und breiten\nSchärpen, dabei den Wiederhall der Kriegsmusik, die\nheute zur Verherrlichung des Friedens und seiner schön-\nsten Segnungen, der Kunst und der Vaterlandsliebe,\nnoch einmal so freudig erklang—und sie werden sich eini-\nger Maassen das Bild eines Festes vorstellen können, wenn\nes auch freilich die Wirklichkeit, wie sie sich vor den Au-\ngen aller Festgenossen entrollte, nicht erreichen kann;\ndenn zu dieser gehört die unmittelbare Anschauung jenes\nheiteren, gemüthlichen, zwanglosen Treibens, in welchem\nunsere süddeutschen Brüder leben und weben.\nDurch das Lauffer Thor, das mit seinem Thurm von\nriesigem Umfange eines der schönsten Denkmale mittel-\nalterlicher Befestigung ist, ging es nach dem Maxplatze,\nwo die Tonhalle erbaut war. Der Platz liegt etwa zehn\nMinuten vor der Stadt und macht mit seinen ausgezeichnet\nschönen Gruppen alter Bäume, den grossen Rasenflächen\nund den breiten Wegen ungefähr den Eindruck eines der\nParks von London. Einen schöneren Raum für ein Volks-\nfest kann es kaum geben; rings um die Sängerhalle im\nweiten Kreise standen Buden und improvisirte Restaura-\ntionen, Abends von zahllosen bunten Laternen beleuchtet.\nAls Hauptzierde des Platzes schaute das kolossale Ge-\nbäude der Tonhalle aus den hohen malerischen Baumgrup-\npen hervor. Die Vorderseite (die Breitseite) mit dem Haupt-\neingange, einem hohen Portal zwischen zwei Thürmen,\nim schönsten deutschen Baustyl errichtet, gewährte einen\nAnblick, der durch Höhe und Grösse der Proportionen\nund durch den künstlerischen Geschmack der Ausführung\naufs angenehmste überraschte, ja, in Erstaunen setzte,\nwenn man an das Material denkt, aus welchem der ganze\nBau errichtet, und an die kurze Zeit, in welcher er aufge-\nführt worden ist. Die Maassverhältnisse dieses Riesensaales\nmögen dem Leser eine ungefähre Vorstellung von seiner\nGrösse geben: er ist 390 Fuss lang, 180 Fuss breit und\nim Mittelschiff 54 Fuss hoch, bedeckt mithin einen Raum\nvon 70,000 Quadratfuss. Auch die innere Einrichtung und\nAusschmückung dieser riesigen Halle war zweckmässig und\ngeschmackvoll. Die schönste Zierde bildeten auch hier wie-\nder die Sängerfahnen, die hoch oben von der Galerie,\nwelche bloss zu diesem Zwecke angebracht war, herab\nhingen. In der Mitte der Halle stieg aus einem runden,\nmit Blumen verzierten Becken von Felsgestein ein kühlen-\nder Wasserstrahl in die Höhe, den eine zur Seite der Halle\naufgestellte Dampfmaschine emportrieb. Der Bau-Aus-\nschuss des Fest-Comite's hatte unter dem Vorsitze des\nstädtischen Baurathes Solger diesen prächtigen Sänger-\ntempel geschaffen, und der Baumeister Schellhorn ihn\nausgeführt.\nErst um neun Uhr Abends waren die Scharen der\nSänger auf dem breiten Räume der lonbühne, die allein\nschon einen gewaltigen Saal bildet, vereinigt. Die Halle\nwar an diesem Abende ganz mit Zuhörern gefüllt, die\nPlätze auf den Logen-Galerieen, der Bühne gegenüber und\nan den beiden Langseiten hin, gegen Eintrittsgeld, der\nweite Raum des Parterres durch die zur feierlichen Eröff-\nnung des Festes eingeladenen Einwohner Nürnbergs mit\nihren Familien. Denn die ganze ehrenwerthe Bürgerschaft\nhatte wahrlich das vollste Recht auf diese Einladung, da\nsie an fünf Tausend Sänger ohne alle Ausnahme gast-\nfreundschaftlich in ihren Wohnungen aufgenommen hatte."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "243", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.3", "texte": "So waren denn an diesem Abende wohl an 12- bis 15,000\nMenschen in der weiten Halle versammelt, und man kann\nsich vorstellen, was der Beifall unter den mannigfachsten\nFormen der Aeusserung hier für donner- und sturmähn-\nliche Schallwellen aufwühlte.\nUnter den musicalischen Empfangs- und Begrüssungs-\nstücken zeichneten sich ein schöner Fest marsch von\nVincenz Lachner, der Sängergruss der augsburger\nLiedertafel (Gedicht von Hertie, Composition von Frey,\nMitgliedern der Liedertafel) und die Instrumental-Einlei-\ntung zu Arndt's Vaterlandslied von F. Lux in Mainz aus.\nDie Festordnung bestimmte für die zwei Tage den 21.\nund 22. Juli die Probe Morgens um 7 Uhr, die Haupt-\nAulführung Nachmittags um 4 Uhr, die Vorträge ein-\nzelner Vereine Abends um 8 Uhr.\nDie Eintrittspreise (12 Fl. als Abonnement für alle\nAufführungen und zwei Proben, für einzelne Tage je nach\nden Platzen von 4 8 Fl. u. s. w.) waren durchweg zu\nhoch angesetzt; die Folge davon war, dass namentlich die\nLogenreihen dem Orchester gegenüber und an beiden\nLangseiten der Halle am ersten Tage schwach besetzt, am\nzweiten geradezu leer waren.\nWir übergehen die Festreden bei der ersten Haupt-\nAufführung und wenden uns zu den Vorträgen der er-\nsten acht von den sechszehn neuen Compositionen,wel-\nche unter der persönlichen Leitung der Componisten vom\nGesammtchor ausgeführt wurden. Nicht anwesend waren\nvon diesen nur der Herzog Ernst von Gotha, A. Methfes-\nsel, Kücken und Kalliwoda.\nAn die Ausführung der Gesammtchöre wird kein Mu-\nsiker, der weiss, was bei solchen Massen mit einer Probe\nzu erreichen ist, den Maassstab künstlerisch vollendeten\nGesanges anlegen wollen; Jeder aber wird eingestehen,\ndass im Ganzen auch an Präcision und Ausdruck so viel\ngeleistet wurde, als unter den gegebenen Verhältnissen\nbilliger Weise nur immer zu erwarten war. Namentlich\nwurden die kräftigen Stellen in den Vaterlandsliedern mit\nSchwung und Begeisterung gesungen.\nDie Reihe der neuen Wrerke eröffnete der 23. Psalm:\n„Der Herr ist mein Hirte\", von Jul. Otto, Musik-Direc-\ntor in Dresden; die Solostellen (d. h. überall in mehrfacher\nBesetzung der vier Stimmen im Verhältnisse eines Halb-\nchors zu dem Ganzen) vorgetragen von den Vereinen Or-\npheus, Liedertafel und Liederkreis aus Dresden, eine\ngrössere Composition in mehreren Sätzen. Ihr folgte ein\nFestgesang, gedichtet und componirt von dem ehrwür-\ndigen Altmeister A. Meth fessel in Braunschweig. Der\npatriotische Inhalt mit dem Schlüsse: „Weit jubelnd er-\nschallt das Lied von der deutschen Einheit!\" rief, wie alle\nähnlichen Gedanken in sämmtlichen Vaterlandsliedern jedes\nMal, einen Slurm von Applaus und von Hochs hervor, wie\nes sich gleich, wieder bei der dritten Nummer: „All-\nDeutschland\", von Müller von der Werra, cora-\nponirt von Franz Abt aus Braunschweig, zeigte. Die um-\nfangreichste und bedeutendste Composition war Ferdi-\nnand Hiller's Cantate: „An das Vaterland\", Gedicht von\nW. Müller von Königswinter, in welcher die Halb-\nchöre von den vereinigten vier Gesang-Vereinen von Mün-\nchen vorgetragen wurden. Alle vier Compositionen—sie\nbildeten die erste Abtheilung des Concertes—hatten einen\ngrossen Erfolg, der sich durch rauschenden Applaus und\nHochs auf die Componisten auf enthusiastische Weise\naussprach.\nDie zweite Abtheilung begann mit einer Composition\nvon Franz Lachner: „ Sturmes-Mythe\", Gedicht von\nLenau, welche einen ungeheuren Erfolg hatte und wie-\nderholt werden musste. Wir pflichten vollkommen der\nVolksslimme bei; ausser der gehaltvollen Composition hatte\nLachner noch zwei Dinge als wirksame Hebel des Beifalls\nfür sich : einmal, dass der von ihm gewählte Text:\nStumm und regungslos, in sich verschlossen,\nRuht die tiefe See dahingegossen, u s. w.\nein schönes und, die Wahrheit zu sagen, das einzige wirk-\nliche Gedicht im Textbuche war, und dann, dass den Ge-\nsang ein vollständiges Orchester von Saiten- und Blas-In-\nstrumenten begleitete, was nach dem immerwährenden\nGeschmetter der Trompeten und Posaunen dem Ohr sehr\nwohl that.\nHierauf ertönte G. von Mevern's Gedicht: „An die\n•J 7'\ndeutsche Tricolore\", mit den schwungvollen Tönen des\nHerzogs E. v. S., eine Composition, die mit Enthusiasmus\naufgenommen und deren letzte Strophe wiederholt werden\nmusste. Nach ihr erhielt das Lied: „An die Deutschen\",\nvon G. Elstermann, componirt vom Musik-Director\nTschirch in Gera, ehrenvollen Beifall, und den Schluss\nmachte: „Des Sängers Herz\", Gedicht von 0. Weiss,\ncomponirt von G. Emmerling, Dirigenten des Sing-Ver-\neins in Nürnberg. Gedicht und Composition waren beide\nrecht gut gemeint und erhielten auch Beifall; wir dürfen\naber doch nicht verschweigen, dass neben Werken von\nLachner, Hiller und anderen namhaften Componisten dieses\nLied für ein „deutsches Sängerfest\" zu unbedeutend er-\nschien.\nAlles strömte nun ins Freie, wo man sich dem bunten,\nvolksfestlichen Treiben hingab und einander in der That\nvon Nord und Süd und Ost und West begrüsste. Und\ndoch war die Volksmenge so gross und wogte so sehr hin\nund her, dass viele Bekannte, die um ihre gegenseitige\nAnwesenheit wussten,sich während des ganzen Festes nicht\ngefunden haben.\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "244", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.4", "texte": "Gegen neun Uhr füllte sich die Tonbühne und der\nZuhörerraum wieder, und die Vorträge verschiedener\neinzelner Vereine begannen. Es würde uns aber zu\nweit führen, wenn wir sie verfolgen sollten; ja, es wurde\ndies zum Theil geradezu unmöglich gemacht, indem nicht\nnur keine Textbücher, sondern auch nicht einmal Pro-\ngramme vorhanden waren, aus denen man hätte ersehen\nkönnen, was und von wem gesungen wurde. Die jedes-\nmalige mündliche Ankündigung verhallte in dem weiten\nRäume und blieb Tausenden unverständlich. Dass dieser\nungeheure Raum auch der Würdigung des Gesanges Ein-\ntrag that, ist nicht zu läugnen; halb starker Vortrag oder\ngar wirkliches Piano war auf dem theuersten Platze, dem\nOrchester gegenüber, gar nicht zu hören.\nDer zweite Festtag (Montag, 22. Juli) zeichnete sich\ndurch den grossen Festzug aus, welcher dieses Mal noch\nvollständiger und glänzender war, als am Samstag. Alle,\ndie am Nachmittage dieses Tages in Nürnberg waren, wer-\nden vielleicht nie wieder etwas so volksthümlich Grossarti-\nges schauen, wie diesen festlichen Aufzug von fünf tau-\nsend fröhlichen Sängern.\nNürnberg kann mit Fug und Recht diese Festtage als\nglückliche und ruhmvolle in seine Chronik eintragen, und\ngern erkennen wir an, dass der Geist, der das Fest belebte,\naus dem Anblick der herrlichen Stadt, in welcher die Steine\nselbst das deutsche Volksthum predigen, und aus der über-\naus lebendigen Theilnahme ihrer Rürger und Bürgerinnen\nstets neue Kraft und Stärke gewann.\nAber auch den Sängern Ehre und Dank, die da keine\nAnstrengung, kein Opfer der Ruhe und Bequemlichkeit\nscheuten. Der Festzug, den die kräftigen Gestalten der\nTurner des nürnberger Turnvereins eröffneten, brauchte\nbeinahe anderthalb Stunde zum Vorüberziehen; acht bis\nzehn Musikchöre befanden sich in seinen Reihen, vor jedem\nVereine trugen Knaben auf hohen Fahnenstangen, an de-\nnen blau- und weissfarbige Bänder flatterten, Schilder, auf\nwelchen mit grossen gothischen Buchstaben der Name des\nGesangvereins und seiner Stadt zu lesen war; hinter die-\nsen dann die Mitglieder mit ihren Fahnen u. s. w.\nDer Raum erlaubt es nicht, alle V ereine hier aufzu-\nzählen, doch erwähnen wir die am zahlreichsten betheilig-\nten, um eine Vorstellung von der weitverbreiteten Theil-\nnahme, die das Fest hervorgerufen, zu geben. Die Städte\nAmberg, Ansbach, Apolda, Augsburg, Bamberg, Bayreuth,\nCoburg, Chemnitz, Constanz, Dresden, Eisenach, Erlangen,\nElberfeld, Frankfurt a. M. (16 Vereine), Fürth (6 Ver-\neine), Freiberg in Sachsen, Gotha, Hof, Innsbruck, Kassel,\nKiel, Landshut, Leipzig, Linz, Magdeburg, Mainz, Mann-\nheim, Meeran, München (4 Vereine), Nürnberg (11 Ver-\neine), Passau, Plauen, Pressburg, Regensburg, Rudolstadt,\nSalzburg, Schwabach, Schweinfuit, Schwerin, Straubing,\nStuttgart, Ulm, Weissenburg, Wien (Männergesang-Ver-\nein), Wiesbaden, Würzburg, Wunsiedel u. s. w. waren\nstark vertreten. Besondere Deputationen halten gesandt\nVereine von Basel, Bautzen, Berlin, Bern, Braunschweig,\nBremen, Darmstadt, Heidelberg, Karlsruhe, Köln, Königs-\nberg, London, Lübeck, Memel, Speyer, Teplitz, Weimar,\nZweibrücken u. s. w. Aus Konstantinopel war Henni-\nkofen als Vertreter der Teutonia, aus New-York Musik-\nDirector Eisfeld als Abgesandter des Liederkranzes da.\nDie zweite Haupt-Aufführung in der Tonhalle\nbegann gegen fünf Uhr. Sie brachte, wie die erste, wie-\nderum acht neue Compositionen.\nEin Hymnus: „Singt dem Herrn ein neues Lied\",\nvon V. E. Becker aus Würzburg, eröffnete die Reihe,\neine Composition, die sich durch Inhalt und tüchtige Form\nden besten des vorigen Tages an die Seite stellte. Es folgte:\n„Unser Hort\", Gedicht von Dr. Hölzl, Advocaten in\nStraubing (einer sehr beliebten, liberalen Persönlichkeit),\ncomponirt von Jul. Grobe, Dirigenten des Liederkranzes\nin Nürnberg. Es rief einen gewaltigen Jubelsturm hervor,\nden es vorzüglich den Worten:\nHand in Hand\nFürst und Volk fürs Vaterland,\nEine Flagge auf dem Meer,\nEine Fahne für das Heer,\nEinen Führer in der Schlacht,\nAchtung, die der Erdball zollt^\nDeutschlands Banner „Schwarz-Roth-Golda!\nzu danken hatte. Den Sturm besänftigte ein kurzes schö-\nnes Lied: „Frühlingsgruss an das Vaterland\", von Vin-\ncenz Lachner aus Mannheim, eine echt lyrische Com-\nposition. „Der deutsche Landsturm\", Gedicht von K.\nSchultes, componirt von Kücken in Stuttgart, erhielt\nebenfalls Applaus, der jedoch nicht so lebhaft war, als es\ndie frische Composition aus der effectvollen Factur Kücken's\nverdiente.\nDie zweite Abtheilung begann mit einer grösseren\nComposition von H. Neeb aus Frankfurt a. M., Gedicht\nvon Fr. Stoltze: „Frisch auf zum Siegen!\" Sie beginnt\nmit einem langsamen Satze, der durch eine hübsche Stei-\ngerung in ein feuriges Allegro übergeht, auf das am\nSchlüsse ein feierliches Andante maestoso eintritt, in wel-\nchem die Verse:\nLass deine Adler fliegen\nZum grossen heil'gen Kampf!\nWenn naht der Feind, dann zieht\nEin einig Deutschland zum Rhein,\nZum Kampf fürs Vaterland!\nund die effectvolle Musik einen solchen Eindruck machten,\ndass der Sturm schon vor dem musicalischen Schlüsse aus-\nbrach und der ganze letzte Satz wiederholt werden musste."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "245", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.5", "texte": "Herr Neeb wurde gerufen und ward selbst von der Be-\ngeisterung so hingerissen, dass er die deutsche Fahne wie-\nderholt über seinein Hauple schwenkte.\nDie Zuhörerschaft, im Parterre zahlreicher als am\nX %\nersten Tage, in den Logen weniger stark vertreten, war\nheute noch lebhafter aulgeregt, als gestern. So wurden\ndenn auch den beiden folgenden Gesängen: „Hör' uns,\nAllmächtiger, Führer der Schlachten\", von Th. Körner,\nedel und kräftig componirt von Möhring aus Neu-Rup-\npin, und dem Liede: „Ermanne dich, Deutschland!\" Ge-\ndicht von Wagner, in effectvollem Genre componirt von\nA. Storch in Wien, dröhnender Beifall und schmetternde\nFanfaren zu Theil, ja, das letztere wurde sogar ganz wie-\nderholt. Nach diesen krachenden Entladungen der Bei-\nfalls-Donnerwolken zog der letzte Chor, ein frommes\n„Danklied\", Musik von J. W. Kalliwoda, ruhiger\nvorüber.\nUnter den Leistungen der einzelnen Gesang-Vereine\nin beiden Abend-Concerten sind die Vorträge der Vereine\naus Coburg, Dresden, Innsbruck, Würzburg und Wien\nauszuzeichnen; namentlich machte der wiener Männer-\ngesang-Verein unter Leitung seines Obermeisters Her-\nbeck durch den künstlerisch bedeutenden Vortrag des\n„Waldliedes\" von Herbeck mit Begleitung von vier Wald-\nhörnern, die ebenfalls recht gut geblasen wurden, einen\nausserordentlichen Eindruck und ärntete andauernden und\nrauschenden Beifall, der diesmal rein der Tonkunst galt.\nTrotzdem, dass es auf einen so genannten Gesang-\nWettstreit um ausgesetzte Preise gar nicht abgesehen war,\nda das Comite einen solchen mit richtigem Tact fern von\ndem Feste deutscher Einigung gehalten, hatte dennoch ein\nGesang-Verein in Bern einen silbernen Becher, ein schö-\nnes Zeichen liebevoller Theilnahme des deutschen Stam-\nmes in der Schweiz, dem Fest-Ausschusse mit der Bestim-\nmung zugesandt, ihn demjenigen Vereine, der am besten\nsingen würde, als Ehrengabe zuzuerkennen. Da aber kein\nGerichtshof über die Leistungen gebildet war, so gab es\nin der Versammlung der Vereins-Vorstände am Dinstag\nNachmittags, wo die Sache zur Sprache gebracht wurde,\neinige Verlegenheit. Auf Hiller's Vorschlag, den auch\nAbt unterstützte, und dem die ganze Versammlung durch\nAcclamation beitrat, wurde der Becher dem Männerge-\nsang-Vereine von Wien zuerkannt.\n\nBeurtheilungen.\nDeux Sonatines pour lePiano par G. Op.\n44. Breslau, Leukart, a 1 Thir. 15 Ngr.\nSie bestehen aus den durch Beethoven namentlich ein-\ngebürgerten vier Sätzen, sind leicht, erfordern aber, wie\nalles, was dieser geistvolle Meister geschaffen, eine aus\nYersländniss quellende Darstellung, reines, sicheres, exac-\ntes Spiel. Nr. 2 zumal klingt so wohlig, so zärtlich ins\nHerz hinein, ist ein so reizendes Spiel von Gedanken und\nGefühlen in Tönen, dabei so künstlich und doch ohne alle\nPrätention, dass die Notwendigkeit der zweiten Auflage,\nwelche aul dem Titel steht, ganz und gar einleuchtet.\nSonate fantastique pour Piano par Gottwald. Op. 1.\nDediee ä Mr. 11. de Pulow. Ebendaselbst.\nMan muss den Titel genau nehmen, will man dem\nComponisten gerecht werden. Bülow ist einer der bedeu-\ntendsten Vei treter der neuesten Schule der Tonkunst und\ndes Ciavierspiels; das erklart die fremdartige, sowohl for-\nmelle als geistige Anlage der Sonate. Es ist vorzugsweise\nnur ein Glied von einigen Tönen, aus denen sich der Ton-\nsetzer mittels unzählbarer Wendungen, Versetzungen u. s. w.\nsein neunzehn Seiten langes lonstück erbaut; dass es da\nan harmonischen Folgen, wie sie die angezogene Schule\nverlheidigt, nicht fehlen kann, ist selbstverständlich. Gott-\nwald hat übrigens Ideen und Gestaltungsfähigkeit; es ist\nzu bedauern, dass er sie nicht besser benutzt. Die Schwie-\nrigkeiten, die er übrigens hier bietet, erfordern eine unge-\nwöhnliche Spannkraft der Finger.\nGrande Sonate pour le Op.\n19. Ebendaselbst,\nUnendlich wohl wird es einem beim Spielen einer so\ndurchweg gediegenen Composition. Es entrollt sich darin\nein Gemälde voll Leben und Wahrheit nach dem Muster\nder edelsten Meister. Es ist die Laufbahn eines muthigen\nMannes, der, von hohen Ideen getragen, mächtig ins Le-\nben stürmt; nur zu bald wird er in seinem Laufe gehemmt\ndurch tausend und tausend Verhältnisse; dadurch entmu-\nthigt, haucht er seinen Schmerz in sanften Klagen an ein\nliebevolles Herz aus, ermannt sich aber bald wieder und\nbeginnt nur um so kühner, tollkühner, muss ich sagen,\nden gestörten Anlauf. Ob er durchgedrungen? ich kann\ndas aus dem Schlüsse der Composition nicht entziffern.\nJedenfalls hat die Composition bleibenden Werth.\nPhantasie für Piano und Violoncello von G. Vier-\nling. Op. 17. Ebendaselbst. Preis 1 Thlr.\nDer fertige Meister tritt uns bier entgegen; ihm ist\ndie Form und Regel keine Zwangsjacke, sie dient der\nKraft seines Geistes. Wie einfach ist das Thema, das er\ngewählt, und wie vielgestaltet enthüllt sich aus diesem\nKern eine bunte Fülle von schmucken Blättern und duf-\ntenden Blüthen, dass man sich erstaunt fragt: Wie konnte\naus so Unscheinbarem Solches werden? Was besonders\nwohl thut an diesem für Salon und Concertsaal gleich em-\npfehlungswerthen Stücke, ist auch das Maasshalten; gerade\nso lange musste die Composition fortgeführt werden, ge-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "246", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.6", "texte": "Rade hier musste sie schliessen, so wird man bei dem soli-\nden, regelrechten Baue sagen. Das Gesetz der Form ist\ndoch das heilsamste Ding von der Welt für denjenigen,\nder Geist hat; darum wirft sie auch nur der von sich,\nwelcher des letzteren entbehrt.\nDuo für Piano und Violine von Meinardus. Op. 5.\nEbendaselbst.\nDies ist ein Duo im grossen Stil und berechnet für\nSpieler, die eben so viel Geist als Kunstfertigkeit besitzen.\nEs theilt manche Vorzüge, die man der vorausgehenden\nComposition zusprechen muss; es zeugt von Bewältigung\nder Normen des Satzes und von Erfindungsgabe, fällt aber\nhier und da in dem contrapunktischen Bestreben in Kün-\nstelei und ist jedenfalls zu lang ausgesponnen. Das Ganze\ndurchweht ein Humor, eine Art neckischen Sinnes; es ist,\nwenn man so sagen darf, ein spannendes Spiel, das zwei\nsich gegenseitig abstossende und doch wieder anziehende\nNaturen mit einander spielen. Wortspiele, Scherze, Räth-\nsel, Zank und Versöhnung, Bonmots u. s. w. wechseln\nbunt ab. Das erklärt und rechtfertigt so Inhalt als Form\ndieser jedenfalls sehr beachtenswerthen, über die Gewöhn-\nlichkeit hervorragenden Composition.\nTrio I. und 11. für Piano, Violine und Violoncello.\nVon W. Bargiel. Preis ä 3 Thlr. Roh. Schu-\nmann gewidmet. Ebendaselbst.\nDurch diese Widmung an den berühmten Koryphäen\nder Romantik ist die Tendenz dieser Trio's, die mit zu\nden ausgezeichnetsten unter den neuesten gehören, genug-\nsam ausgesprochen; doch würde man sich schwer täu-\nschen, wollte man hier nur Gefühlsschwärmerei suchen.\nDie Regungen des Gemüthes treten uns in ihrer gesunde-\nsten Natürlichkeit entgegen, verklärt durch einen keuschen\nIdealismus. Nur Eines könnte Tadel verdienen, ein zu Tage\ntretender Eklekticismus des Gefühlslebens; es wechseln bei\naller Einheit des Grundinhaltes zu viele Empfindungen;\nes ist uns bisweilen, als wenn wir alle Stufen der Affecte\nprismatisch in Farben gebrochen vor unseren Augen schau-\nten. Doch wird der etwaigen Zerrissenheit, die dabei so\nleicht entstehen könnte, vorgebeugt durch eine Verstandes-\nthätigkeit, wie sie nicht geregelter auftreten könnte, durch\ngründliches musicalisches Wissen, und dadurch unterschei-\ndet sich Bargiel mächtig von der exclusiven Zukunftszunft.\nDer Vortrag beider Werke erfordert sehr geübte Musiker,\ndenen tieferes Verständniss, als man bei gewöhnlichen,\nwenn auch fertigen, Spielern findet, inwohnen muss. Das\nerste Trio muthet an Beethoven's letzte Trio's, das zweite\nlehnt sich mehr an Schumann an; doch thut das der Ori-\nginalität der Composition keinen Eintrag, die vielmehr ein\nbesonderer Vorzug derselben ist.\n\nGounod’s Faust in Wiesbaden.\n\nGestern wohnte ich der z weiten Aufführung- dieser\nvielbesprochenen Oper bei; auch Sonntag hatte ich sie ge-\nholt, und jetzt noch in den Eindrücken lebend, welche\ndas Werk auf mich gemacht, beeile ich mich, Ihnen dar-\nüber zu berichten.\nNicht beanspruchend, dass Sie meinem Propheten-\nblicke zu viel vertrauen mögen, wage ich die Behauptung,\ndass Gounod mit der Composition dieses Vorwurfes für\ndas deutsche Publicum einen glücklichen Wurf gethan hat,\nhauptsächlich weil die Faust-Idee bei uns so populär ist\nund es bleiben wird, so lange es ringende Menschen gibt,\ndie das Drängen unwiderstehlich fühlen, den engen Rah-\nmen des Erdenlebens zu überschreiten. Eben weil der\nStoff so echt menschlich und so ganz Eigenthum des deut-\nschen Volkes ist, erregt auch die Musik des Faust In-\nteresse, und dass die Handlung des ersten Theiles von Gö-\nthe's Faust der Oper zu Grunde liegt, wenigstens in den\nHauptscenen, steigert dieses Interesse, was trotz des Zornes\nder Poesiewächter doch bei dem grossen Publicum ganz\nnatürlich ist. Indess halte ich einen Franzosen durchaus\nnicht für fähig, einen so gewaltigen Stoff in seiner ganzen\nTiefe zu erfassen. In Gounod's Faust findet sich so viel\nmoderne, ausländische Spielerei, dass ich nicht zu sagen\nwage, er habe den Nagel auf den Kopf getroffen. Eines\nist ganz sicher, dass dem Componisten des Faust als hell-\nleuchtendes Gestirn Meyerbeer vorgeschwebt hat. Gounod\nhat sich ganz an Meyerbeer gebildet und kann ihn vielleicht,\nwenn er eben so viel Glück hat, mit der Zeit erreichen.\nAllein eben so wenig jeder Meyerbeer'sche Ton die Wahr-\nheit für sich hat, eben so wenig die Musik Gounod's.\nGounod ist noch einstweilen haushälterischer in der Ver-\nwendung der instrumentalen Kräfte, dagegen hat er sich\nmit den mächtigen Verbündeten: Decorationen, Verwand-\nlungen und Ballet, bereits so tief eingelassen, dass sie dem\nTondichter bald die Herrschaft gänzlich entreissen dürften.\nDa jedoch die Oper in diesen Blättern schon verschiedent-\nlich seit ihrer ersten Erscheinung in Paris und zuletzt be-\nsonders ausführlich in Nr. 15 besprochen worden ist, so\nbeschränke ich mich auf einige wenige Bemerkungen.\nDie Einleitung zum ersten Acte ist ernsten Charakters\nund bereitet würdig die erste Scene vor. Faust's Monolog\nist ganz specifisch Meverbeer; ich hebe nur die Compo-\nsition des: „Ein neuer Tag erscheint\", als Beleg hiefür\nheraus. Recht hübsch ist der erste Chor: „Ah, schlum-\nmernde Mägdlein\"; doch weit weniger frisch und natürlich\nfliessend der folgende Chor der Landleute: „Frisch auf\nins Feld\". Das Duo Nr. 2 zwischen Faust und Mephisto\nist ganz nach der Schablone der bekannten Scene am"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "247", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.7", "texte": "Kreuze im Robert zwischen Bertram und Raimbaut gear-\nbeitet. Der Gounod'sche Mephisto drückt sich nur nicht\nimmer so cavaliermässig aus, wie der räthselhal'te Vater\ndes Herzogs der Normandie. Faust's „Ein Wunsch mich\nbeseelt\" ist ganz ä la Abt, Kücken u. s. w. componirt.\nNachdem Mephisto die Erscheinung Gretchens bewirkt,\nFaust unterzeichnet und auf Gretchens Wohl getrunken,\ngeht die fast poliehinellhafte Verpuppung Faust's vor den\nAugen des Publicums vor sich (Verwandlung des Ge-\nlehrten-Habits in Junkertracht), welche als echte Harle-\nquinade auch nur eine hanswursthafte Wirkung erzielen\nkann. Herr Caffieri, der übrigens eine wundervolle\nStimme hat und auch in der Auffassung seiner Rollen dra-\nmatisches Feuer bekundet, sollte als Doctor und in Künste\nder Zauberei Eingeweihter das Experiment nicht so laien-\nhaft anstaunen. Besagter Kleiderwechsel erregte bei der\nersten Aufführung, in welcher er weniger glücklich und\nschnell von Statten ging, als bei der zweiten, ein nicht\nenden wollendes, störendes Gelächter, denn es war Sonntag.\nDer Schluss des ersten Actes ist effectvoll, doch regte\nsich gestern keine einzige Hand des Beifalls, weder wäh-\nrend noch nach demselben. In der Kirmess-Scene des zwei-\nten Actes ist nur der Studentenchor kräftig und frisch; An-\nderes ist wahrhaft carikirt, und der Schluss-Chor hat ein\nFlotow'sches Motiv zum Fundament. Mephisto's Couplets:\n„Ja, das Gold regiert noch die Welt\", sind sehr charak-\nteristisch, sogar sehr gut, erhielten aber keine Spur von\nBeifall. Nr. 6 ist ein Walzer und Chor: „Leichte Wölk-\nchen sich erheben\", der seine vorhandenen Brüder lange\nnicht erreicht; dagegen sind die Worte: „Mein schönes\nFräulein, darf ich's wagen, Meinen Arm und Geleit Ihr an-\nzutragen?\" und Gretchens: „Bin weder Fräulein, weder\nschön, Kann ungeleitet nach Hause geh'n\", wahrhaft rei-\nzend componirt und in einen bezaubernden Duft gehüllt,\nder allein schon im Stande ist, die magischen Bande zu\nweben, welche Faust und Gretchen von diesem Augen-\nblicke des ersten Sehens an umstricken.\nDie Couplets Nr. 7 im dritten Acte: „Blümlein traut,\nsprecht für mich\", haben viel Anklang an Taubert's und\nSchubert's Lieder in gleichem Genre, indess sie sind hübsch\nund brachten Herrn Schneider (Siebel) den ersten Bei-\nfall des Abends. Am Schlüsse ist auf das Wort „leise\" ein\nhoher, dazu forte ausgehaltener Ton unschön; doch kann\ndarüber nur der französische Text entscheiden. Faust's\nCavatine (Nr. 8): „Gegrüsst sei mir, o heil'ge Stätte\", ist\nein reizendes, für den Sänger dankbares Musikstück, die\nerste schöne Nummer der Oper. Eine obligate Violine zieht\nsich durch die Cavatine, welche Herr Caffieri vortrefflich\nsang, dennoch aber auch ohne jeglichen, ja, selbst ohne\nden geringsten Beifall blieb.\nTrau Deetz (seit Kurzem hier engagirt) errang sich\nBeifall mit der Ballade: „Es war ein König in Thüle\",\nden sie vollkommen verdiente. Frau Deetz möge nur ihre\nsonst schöne Stimme nicht zu gern in den tieferen Lagen\nforciren, sonst wird sie diese Sünde in der Höhe bald büs-\nsen. Sie ärntete wiederholten Beifall in der darauf folgen-\nden Scene und auch durch den zuletzt sehr matten Sing-\nwalzer. Nr. 11 (Duo zwischen Faust und Gretchen) ist\nschön componirt, aber immer stehen Meyerbeer's Gestal-\ntungen vor uns. Was Gretchen in Scene 13 von dem Fen-\nster ihrer Wohnung aus in die Mondnacht hinaus singt,\nist ganz wie von Richard Wagner componirt; Sie dürfen\nes mir glauben!— Frau Deetz und Herr Caffieri wurden\ngerufen.\nNr. 13, Fanfare und Chor (Rückkehr Valentin's mit\neiner Heer-Abiheilung), dem ein einleitender Marsch vor-\nhergeht, sind wahrhaft originel, wenngleich uns der Zu-\nschnitt des Rhythmus a la Verdi aufgefallen ist. Er be-\nwegt sich in fortgehender Steigerung des Forte wie des\nTempo und ist eine brillante Nummer, welche hier in bei-\nden Aufführungen einen Beifallssturm hervorrief und da\ncapo gemacht werden musste. Die Serenade des Mephisto\n(Nr. 14) ist eine barocke Composition, wie denn überhaupt\ndie Partie des Mephisto ein fortwährender Hohn und Spott\nauf alles, was Musik heisst, ist: auf Melodie, Rhyth-\nmus und Accent. Die Kirchen-Scene (Nr. 17) ist wirk-\nsam, besonders auch der Chor: „Wenn erscheint der Tag\ndes Herrn\", choralmässig gehalten, wogegen der Schluss-\nChor in Schreien ausartet.\nIm fünften Acte leisten die Maschinerie und der Deco-\nrationsmaler ihr Bedeutendstes, aber als eine Bereicherung\nin musicalischer Beziehung können wir ihn nicht betrach-\nten. In das „Schauen\" versenkt sich hier der ganze Mensch,\nund Viele werden ganz und gar vergessen, dass sie ge-\nkommen waren, eine Oper zu hören. Ei, was schwätz' ich\nda doch gleich: war gewiss die Mehrzahl in beiden Auf-\nführungen doch nur gekommen, um die Wunder der De-\ncorationen und Verwandlungen zu schauen, von denen die\nFama das Fabelhafteste erzählt hatte! Von neuen musicali-\nschen Motiven konnte ich im fünften Acte nichts entdecken.\nZum Schluss kann ich nicht anders sagen, als: Man\nerwartete weit mehr in musicalischer Beziehung von der\nOper; ich habe das Haus getäuscht und enttäuscht verlas-\nsen. Die Oper ist hier übrigens glänzend in Scene gesetzt\nund dürfte für diesen Sommer ein Zugstück werden.\nFrau Bürde-Ney wird demnächst hier auftreten.\nWiesbaden, den 10. Juli 1861.\n\nW. Wülfinghoff."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "248", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610803-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nBei dem Sängerfeste in Nürnberg wurden den Componisten\nFerdinand Hiller und Franz Lachner Diplome als Ehren-\nMitgliedern des deutschen Liederkranzes in New-York durch\nden zum Feste deputirten Herrn Musik-Director Eisfeld überreicht.\nVon Hoffmann von Fallersleben's „Geschichte des deut-\nschen Kirchenliedes\" ist so eben die dritte Ausgabe erschienen (bei\nRümpler in Hannover): „Geschichte des deutschen Kirchenliedes bis\nauf Luther's Zeit\". Nebst einem Anhange: „In dulei jubilo, Nun\nsinget und seid froh\". Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen\nPoesie.\nFrankfurt a. M. Die seit geraumer Zeit in der Schwebe\nhangende Capellmeister-Frage am hiesigen Theater hat endlich eine\nLösung gefunden. Herr Ignaz Lachner, vor einigen Jahren Ca-\npellmeister am hamburger Theater, letztlich in gleicher Eigenschaft\nam k. Hoftheater in Stockholm wirksam, ist zu Gustav Schmidts\nNachfolger auf ein Jahr erwählt worden. Ob dieses Wahlactes ist\nes zwischen den Mitgliedern des engeren Ausschusses zu einem\neclatanten Bruche gekommen, in Folge dessen Herr Wilhelm Speyer\nseine Demission genommen hat.\nWenn es sich bestätigen sollte, wie wir vernehmen, dass Seitens\ndes engeren Ausschusses einem anerkannt tüchtigen Orchester-Diri-\ngenten bestimmte Zusagen für die vacante Stelle gemacht worden,\nbevor es dem Vorsitzenden eingefallen, eine Concurrenz um die-\nselbe auszuschreiben, dass aber selbst dann noch der Betreffende in\ndem Glauben erhalten worden, die ihm schriftlich gemachte Zusage\nwerde ihre Geltung haben und er der Erwählte sein, dann diiifte\ndiese Procedur ein diplomatisches Meisterstück zu nennen sein. Der\nehrenhafte Charakter des Herrn Speyer bürgt dafür, dass etwas Ab-\nsonderliches vorgegangen sein müsse, wenn er sich veranlasst ge-\nfunden, die Solidarität bei diesem Wahlacte durch seinen Austritt\nzu dementiren. Durch diesen Schritt hat die Direction die einzige\nkunstverständige Capacität verloren.\nHoffentlich werden wir diesen Fall vor das Forum des grossen\nAusschusses gebracht sehen, dem es obliegt, das Schiedsrichter-Amt\nzu üben. Jedenfalls aber scheint es hoch an der Zeit zu sein, Herrn\nDr. von Guaita zu ersuchen, sich eine andere Liebhaberei zu\nAusfüllung seiner Mussestunden zu wählen. Die Erfahrung lehrt,\ndass ein Theater-Director, in dessen Praxis weder Billigkeits-Gefühl\nnoch freundliches Entgegenkommen bemerkbar sind, die beide, wenn\nrecht angewandt, weit mehr zu bewirken vermögen, als peremptori-\nsches Befehlen und Pochen auf die Contracts-Paragraphen, sich sel-\nber die grössten Hindernisse entgegenstellt; seine Anstalt wird im-\nmer, wie von einem zerstörenden Mehlthau überzogen, kränkeln. Ein\nTheater-Director endlich, der im Hochgefühle seiner souverainen\nAutorität die Kritik in genere missachtet, ist ein lebendiger Ana-\nchronismus, für den in unserem Zeitalter kein Spielraum mehr vor-\nhanden sein sollte. S.\nAbert in Stuttgart, der Componist von „Anna von Landskron\",\nhat der Hoftheater-Intendanz zu Berlin eine neue Oper eingereicht,\nderen Text einen deutschen Märchenstoff zum Sujet haben soll.\nRcgeilSlMir|£* Unter den musicalischen Genüssen der jüng-\nsten Zeit verdient die von unserem talentvollen Violoncellisten Hein-\nrich Pfeifer veranstaltete Soiree ehrenvolle Erwähnung. In der-\nselben zeigte er sich nicht nur als einen höchst gewandten und fein-\nsinnigen Ciavier- und Cellospieler, sondern auch als geübten, form-\ngerechten, phantasiereichen Componisten durch Vorführung eines\nMorceau de Salon für Violine, Violoncell und Piano. Neben ihm\nverdienen in ehrendster Weise genannt zu werden Herr Eugen\nDrobisch und Herr Palästrini, welch letzterer durch sein see-\nlenvolles, perlendes und reines Violinspiel alle Hörer erfreute. Ueber\nden ersteren, den würdigen Sohn des verstorbenen Meisters Drobisch,\nwerde ich nächstens gelegentlich einiger seiner zu Gehör gebrachten\ngrösseren Compositionen, als 2 Ouvertüren, 1 Sinfonie, 1 Trio, 2\nQuatuors, mehrerer Piecen aus einer Oper, berichten. Sein Talent\nund sein Fleiss verdienen Anerkennung und Aufmunterung. Er ist,\nwie ich so eben vernehme, als Concertmeister nach Meiningen, wo\nCapellmeister Bott so echt künstlerisch thätig ist, berufen worden.\nPreis-Ausschreiben»\nDer Unterzeichnete ladet hiermit Behufs würdiger Verherrlichung\ndes KrÖiiuiigsfestcs Sr. Majestät des Königs Wilhelm I. von\nPreussen die Herren Componisten aller Länder zur Einsendung\neines Triumph- oder Festmarsches im grossen sympho-\nnischen Stil, gleichviel, ob für Orchester, Infanterie- oder Caval-\nlerie-Musik, ein. Zu diesem Zwecke hat er einen Preis von zwan-\nzig Ducatcn für die als die beste anerkannte Composition ausge-\nsetzt. 1. Die Einsendung erfolgt an die Königl. Hof-Musikhandlung\nvon Ed. Bote & G. Book in Berlin bis längstens 31. August 1861.\n2. Der Marsch wird in Partitur ohne Namen des Componisten und\nmit einem Motto versehen eingesandt u. s. w. 3. Um Niemanden\nvon der Bewerbung auszuschliessen, können die Herren Preisrichter\nerst später bestimmt werden. 4. Die preisgekrönte Arbeit wird Eigen-\nthum oben genannter Verlagshandlung.\nBerlin, 20. Juli 1801. Gustav Bock, Hof-Musikhändler.\nPreisbewerbwng.\nFür die Einsendung der kirchlichen Compositionen zur\nBewerbung um den Preis (fünf goldene Medaillen und eine silberne),\nden die Verlagshandlung J. L Heugel & Comp, unter dem Pa-\ntronate des „Vereins für Kirchenmusik\" in Paris ausgeschrieben\nhat (s. Nr. 19 d. 81. vom 11. Mai), ist der Termin auf drei Mo-\nnate, vom 1. August d. J. ab, verlängert worden. Die von\ndeutschen Componisten eingesandten Werke verbleiben denselben\nals Eigenthum. Die Preisrichter-Commission bilden: Fürst Ponia-\ntowski, General Mellinet, Abbe Pelletier, Dietsch (Director der Kir-\nchen-Musikschule), Ambr. Thomas, Gounod, Benoist, d'Ortigue.\nGenauere Erkundigung auf Franco-Briefe an J. L. Heugel 2 bis\nnie Vivienne, Paris."}]}