{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-08-10-01", "volume": "bmtnabi_1861-08-10_01", "ocr_sha256": "5e0d8b1cafe9acc5f0293496ed72806c77badb3ae5c130163dcf15c02c057caf", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/08/10_01/bmtnabi_1861-08-10_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-08-10-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-08-10_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-08-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "249", "page_fin": "249", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "249", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 382, "texte": "Inhalt.\nDie Lieferungen der Händel-Gesellschaft für 1860. Beleuchtung eines Urtheils über Passionsmusik und über die Coloratur\nbei Händel. (Fortsetzung.) „Gesang und Oper\". I. 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S. Nr. 29 )\nDie Semele, ein weltliches Oratorium oder richtiger\neine Concert-Oper, schrieb Händel im Jahre 1743 bin-\nnen vier Wochen auf einen schon im Jahre 1707 ver-\nfassten Operntext von William Congreve. Aufgeführt\nwurde sie zum ersten Male am 10. Februar 1744. Das\nTextbuch trug die Aufschrift: „Die Geschichte von Semele.\nVerändert nach der Semele von W. Congreve\" u. s. w.\nDer Dichter hat nichts weniger als ein Meisterstück\ngeliefert, jedoch ist ihm Manches im Ausdruck und in der\nAufstellung musicalisch dankbarer Situationen gelungen.\nDer Inhalt ist kurz der, dass Semele von ihrem Vater\nKadmos mit Athamas vermählt werden soll, dessen sie sich\naus Liebe zu Zeus weigert. Zeus lässt sie durch seinen\nAdler nach dem liithäron entführen, wo er sie mit Pracht\nund Freude und Götterglanz umgibt. Ihre Freude wird\naber von der Bangigkeit vor Verlust dieses Glückes, das\nihr als einer Sterblichen droht, getrübt. Zeus zerstreut ihr\nHärmen durch Herzaubern ihrer geliebten Schwester Ino.\nHere aber, von Eifersucht und Hache getrieben, naht ihr\nunter Ino's Gestalt und verführt sie durch Arglist, dem\nGotte, der sie liebt, ihre Gunst zu versagen, bis er schwört,\nihr jeden Wunsch zu erfüllen. Zugleich üösst sie ihr ein,\nden verderbenbringenden Wunsch auszusprechen, Zeus\nmöge als Donnergott vor ihr erscheinen —, dann werde sie\nunsterblich sein. Der boshafte Plan gelingt, und Semele\nwird das Opler desselben. Die sehr frostige Episode der\nLiebe der Ino zum Athamas geht uns hier nichts an.\nDiese Semele macht nun G. zu einem „in allzu mo-\nderne Trivialität herabgezogenen Charakter\". Sie ist ihm\n,ein Wesen von eitler Selbstgefälligkeit, eine überströ-\nmend heitere Natur (!), wie man sich nach moderner\nVorstellung vielleicht die Mutter des Bacchus vorstel-\nlen würde; die Handlung zeigt sie nirgend in eine tiefe\nLeidenschaft zu dem menschgestalteten Gotte verloren, der\nsie auszeichnet; überall ist sie vielmehr nur von dem\nGedanken dieser Auszeichnung erfüllt (?!) und\nvon dem Wunsche, den Rang der Unsterblichen zu thei-\nlen.\" Ihre Eigenschaften sind ihm: „flüchtige Eitelkeit,\nflache Selbstgefälligkeit, fahrige Unruhe, leichte Beweglich-\nkeit, Tändelei, Neckerei, Kitzel des Uebermuthes—leicht-\nfertige Ader Coquetterie—Selbstbespiegelung, muthwil-\nlige Schadenfreude, verzücktes Selbstgefallen, coquettes\nWohlgefühl; ja, am Ende lacht sie den Gott aus, weil\nihr der Streich mit dem Schwur gelungen. Selbst die\nechte Empfindung tönt bei ihr wie aus einem seich-\nten Gemüthe.\" (!!)\nAlle diese Anführungen sind wörtlich den genann-\nten Aufsätzen (Nr. 148 und 149 der Kölnischen Zeitung)\nentnommen.\nUnd warum schildert uns G. die Congreve-Händel'-\nsche Semele als eine eitle Opern-Soubrette, die mit einem\nvornehmen Cavalier eine Amour hat und gern gnädige\nFrau werden möchte?—Nur darum, um die Coloratu-\nren in der Partie „als nothwendigen Ausdruck der\nNatur eines solchen Wesens\" zu rechtfertigen, ja, ihre\nAnwendung sogar einer absichtlichen „wahrheitlieben-\nden Selbstverläugnung des Genies\" (!,!) zuzu-\nschreiben !\nIn der Tliat, man müsste über diese Sophisterei, die\nmit einer bewundernswerthen Grübelei den Meister der\nTonkunst mit einem Truggewebe umspinnt, das ihn zu-\ngleich erhebt und erniedrigt, erstaunen, wenn sie nicht ein\nso trauriges Zeichen einer um sich greifenden verkehrten\nAesthetik der Musik wäre. Dergleichen spitzfindige Ver-\nstandesthäligkeit, welche in die Musik Dinge hineindeu-\ntet, an die der Componist gar nicht gedacht hat, kann\neinen ehrlichen Musiker gegen das Wort „Auffassung\""}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "250", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4443, "texte": "geradezu erbittern. Wenn z. B. derselbe ästhetische Kri-\nc?\ntiker bei der Analyse der Partie des Zeus sagt: „Die Mu-\nsik gibt dem Zeus den durchgehenden Ausdruck einer ge-\nwissen Hoheit, die wir nicht göttlich nennen können, denn\nder Gott tritt menschgestaltet auf, bei aller Herablassung,\ndie wir nicht menschlich nennen können, denn der Gott\ntriU nur mensch ges tal tet auf\" —und dann das „Fein-\ngefühl\" preis't, mit welchem Händel durch „eine Fremd-\nheit bei der innigsten Verbindung, eine Kälte, welche\ndie Gluth nicht ausschliesst (!), die Unnatur des Verhält-\nnisses wie unheimlich fühlbar macht\" —, wer muss da\nnicht lächeln, dass dem Meister, der mit dem musicali-\nschen Genie arbeitete, eine so raffinirte Rcllexion als\nQuell seiner Schöpfungen angedichtet wird?!\nDoch kehren wir zur Semele zurück. Ihre Partie, die\nohne Zweifel für eine ausgezeichnete Sängerin geschrieben\nist, hat in Allem fünfzehn Nummern, von denen G. nur\nvier in Betracht nimmt, weil die anderen nicht in seinen\nKram taugen. Es sind dies nämlich, wenigstens drei von\nihnen, diejenigen Arien, in denen die Coloratur vorherrscht.\nOb die übrigen Nummern entschlossene Treue gegen den\nGeliebten, süsse Seligkeit der Liebe, inniges Sehnen nach\ndauerndem Glücke, bange Ahnung drohenden Verlustes\nathmen, was kümmert das unseren Ausleger!\nSie tritt auf in dem Kampfe zwischen Liebe zu Zeus\nund PDicht gegen ihren Vater: „Weh' mir! wo bleibt mir\neine Zuflucht? wie entsetzlich ist mein Elend! O Zeus,\nstehe mir bei! Kann Semele deiner Liebe entsagen und\nsich der Leidenschaft eines Sterblichen hingeben?\"\nEs ist wahrlich nicht zu viel gesagt, wenn wir behaup-\nten, dass gleich dieses erste herrliche Recitativ allein die\nganze Charakteristik der Semele als einer Coquette und\neiner leichtfertigen, seichten Natur über den Haufen wirft;\nwas sage ich: das Recitativ? Die drei Tacte genügen dazu,\nwo die Harmonie bei dem Hülferufe an Zeus in\nübergeht:\nDem Recitativ folgt ein Larghetto, %-Tact in ein\nebenfalls tief empfundenes, fast kindliches Gebet: „0 Zeus,\nvoll Mitleid zeige mir, was ich wählen soll!\" —Das Reci-\ntativ ignorirt G.; über das schöne Larghetto lässt ihn die-\nses Mal denn doch das Gewissen nicht ohne die Bemer-\nkung hinweg: „der Componist legitimire sich gleichsam,\ndass er die Situation von allen Seiten begriffen habe\",\nwas freilich eine halbe Schmähung ist.\nNun fehlte aber der Arie nach der gewöhnlichen Form\nnoch der zweite Satz in etwas bewegterem Zeitmaasse,\nund bei diesem kehrte Händel mehr den reinen Musiker\nheraus und gewiss einer bedeutenden Coloratursängerin\ngegenüber; er fasste mit sichtbarem Vergnügen die Er-\nwähnung des Lerchengesanges auf:\n„ Tlie morning larJc to m\nAnd tunes to my distress his warbling throat,\nund vergass darüber die Hauptstimmung des Gedichtes,\nder Vocal ain warbling („Die Lerche stimmt zu meinem\nLeid ihre wirbelnde Kehle\"), der fast allein sangbare Laut\nim Englischen, kam dazu, und so entstand auf demselben\neine Coloratur von fünf, drei und noch einmal drei Tacten,\ndie vollkommen instrumental ist, die an geschmackloser\nSpielerei nichts zu wünschen übrig lässt:\nIm zweiten Theile {A-moll) dieses Satzes aber (den G. wie-\nderum ignorirt) kehrt der Componist ganz und gar zu dem\nCharakter der Stimmung zurück und gibt zu den Worten:\n„Jede unter- und jede aufgehende Sonne betrübt mich,\nich wehklage in gleicher Weise um ihre Entfernung und\num ihre Rückkehr\" —eine edle Melodie meist in getrage-\nnen Noten ohne die geringste Verzierung, welche durch\nrichtiges Zeitmaass (Andante) und schönen Vortrag mit der\nstill wogenden Bewegung der Violinen in gebundenen\nSechszehnteln uns unser Missbehagen an der Spielerei des\nersten Theiles fast ganz vergessen lässt.\nDoch was hilft Recitativ und Larghetto und der zweite\nTheil der Arie: „Die anspruchvolle und doch oberfläch-\nliche Weise, wie sich die Heldin in einem vornehmen\nGrame gleichsam spiegelt, zeigt uns gleich, mit wem\nwir zu thun haben; —alles Folgende macht die Richtig-\nkeit dieser Auffassung unzweifelhaft.\" (!)\nWirklich? —Es folgt zunächst ein Quartett, in wel-\nchem die Oberstimme (Semele) mit warmer, theilnehmen-\nder Empfindung ihre Schwester fragt: „Kann ich lindern\ndeinen Schmerz? um was klagst du?\" —alsdann (auf Atha-\nmas' Gebet um Here's Beistand zu seinem Ehebund) Se-\nmele's entschlossene Antwort: „Dich, Zeus, und dich allein\nbetet deine Semele an!\" worauf sie hinwegeilt, und Jupi-\nter's Donnern das Volk und die Priester verscheucht. Diese"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "251", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5403, "texte": "drei Tacte Recitativ sind charakteristisch und prächtig. G.\nignorirt sie! Den Act schliesst eine Arie in F-dur, Tempo\ndi Gavotta, in welcher Semele, vom Zeus auf den Kithä-\nron entrückt, Freude und Seligkeit athmet; der Chor der\nLiebesgötter, Zephyre u. s. w. nimmt dasselbe Thema auf\nund führt es mit vollerem Orchester (2 Hörnern, 2 Oboen)\ndurch. Das hübsche Musikstück, in dem zu jener Zeit be-\nliebten Rhythmus der Gavotte geschrieben, ist der Nummer\n37 im Josua (Othniel: „Heroes, when with glory burn-\ning\", ebenfalls in F-dur)zu vergleichen, unserer Mei-\nnung nach ihm vorzuziehen; namentlich ist der zweite Theil\nsehr heblich, und die Verzierungen, nicht übertrieben und\nvollständig im Charakter der Situation, sind hier ganz an\nihrer Stelle. G. erwähnt diese Nummer gar nicht.\nSo erscheint Semele in dem ersten Acte des Werkes.\nAus Text und Musik ihrer Rolle tritt uns ein Bild entge-\ngen, zu welchem die G.'sche Charakteristik sich wie eine\nCaricatur zum Original verhält.\nUnd doch ist die Verkennung des Originals in seiner\nErscheinung im zweiten Acte noch ärger, und würde\nlast unbegreiflich sein, wenn man nicht wüsste, dass die\ntiefblickenden musicalischen Zeichendeuter ihre „Auffas-\nsungen\" für „unzweifelhaft richtig\" halten und, um diese\num jeden Preis an den Mann zu bringen, das Unbequeme,\nStörende, Widersprechende bei Seite schieben und in das\nBenutzte ihre fixen Ideen hineinklügeln.\nIn der ersten Scene des zweiten Actes sehen wir die\nGattin des Zeus mit aller Gluth des Hasses die Vernich-\ntung der Nebenbuhlerin beschliessen—das bekannte gross-\nartige Recitativ: „Wach' auf, Saturnia!\" und (nach einer\nUnterbrechung durch Iris, welche die furchtbare Wache\nder Drachen vor Semele's Palast schildert) die Arie: „Fort,\nfort von hier!\" (in der leipziger Ausgabe in F-moll, in den\nbisherigen Sonderabdrücken—auch in Gumprecht's Alt-\nAlbum—in Fis-moll).\nDie zweite Scene versetzt uns in Semele's Palast. Sie\nerwacht aus dem Schlafe, ein süsser Traum hat sie be-\nglückt: „0 Schlaf, warum verlässt du mich? warum ent-\nführst du mir des Traumbilds Glück? O Schlaf, täusche\nmich wieder und führe meine ferne Liebe in meine Arme\nzurück!\" —Diese 28 Tacte 4/4, in gehö-\nren zu dem Schönsten, was Händel für Eine Stimme ge-\nschrieben hat; dieses kleine Arioso ist der reinste Hauch\nsehnsüchtiger Liebe; zu der süssen Melodie der Singstimme\nhat der Bass (Violoncelli) eine Begleitung, die selbst wie-\nder eine Melodie ist, und aus diesen beiden allein, die wie\nzwei Farbenstreifen immer näher und näher zusammen-\ngehen, bis sie zu einem einzigen mild leuchtenden in einan-\nder fliessen, ist das Ganze wunderbar einfach gebildet.\nUnd von der Semele, welcher der Dichter diese Worte\nund der Componist diese Töne gegeben, behauptet G.:\n„sie zeige sich nirgend in eine tiefe Leidenschaft verlo-\nren zu dem Gotte, der sie auszeichnet, sondern habe nur\nSinn für diese Auszeichnung\" und sei „eine über-\nströmend heitere Natur!\" Da aber seine Charakteristik bei\ndiesem Arioso doch gar gefährlich stolpert, so hilft er ihr\ndurch folgenden Hebel wieder auf die Beine: „In dem\nreizenden Gesänge tritt die leichtfertige Ader nach der\nLage der Einsamen, von Sehnsucht Gepeinigten natür-\nlich zurück.\" Das setzt der Logik seiner Charakter-De-\nduction die Krone auf!\nAuch nagt dieses fast wider seinen Willen ihm ent-\nschlüpfte Geständniss an seinem kritischen Gewissen, und\ner rächt sich dafür, indem er zunächst das folgende Reci-\ntativ an Zeus: ,0, I ass mich von nun an nicht mehr die\nQual der Trennung dulden; da du meine Seele zum\nLieben gebildet, so erspare mir trübe Zweifel und\nBangen und quälende Eifersucht!\" wieder ignorirt, denn\nseine Semele darf ja keine liebende Seele haben, und\nzweitens dadurch, dass er ihre Arie in für einen\n„flach sprudelnden Erguss neckischer Coquetterie\" erklärt.\nWir erlauben uns auch hier wieder, an der „unzwei-\nfelhaft richtigen Auffassung\" zu zweifeln. Zeus beschwört\ndie Geliebte, an ihn zu glauben; Menschentrug sei fern\nvon ihm; er sei nicht getrennt von ihr gewesen; „da Liebe\nbei dir war, so war ich da; denn Liebe und ich sind Eins.\"\nDiese Dialektik der Liebe erinnert an Aehnliches bei den\nMinnesängern, was neuerdings auch Richard Wagner in\nTristan und Isolde nachgeahmt hat. Der Dichter, der sich\ngewiss viel auf diese Wortspielerei zu Gute gethan, lässt\nSemele den witzigen Trost eben so, wie er gegeben ist,\nmit zurückgekehrter froher Laune und befriedigtem Her-\nzen aufnehmen; sie geht darauf ein und sagt: „Zärtliches\nVerlangen, wonniges Vergehen, Herzklopfen und Ver-\nschmachten, wenn das Liebe ist, so bist nicht bloss du,\nauch ich und Liebe sind Eins.\" Das will nun G. „innig,\nlieblich, wehmüthig, sehnsüchtig\" ausgedrückt haben. In-\nnig und lieblich gut, da stimmen wir bei, und diesen\nAusdruck hat auch die Arie vollkommen; Wehmuth und\nSehnsucht aber wäre hier, wo die Hauptstimmung ein Ge-\nfühl des Glückes ist, keineswegs an der Stelle. Allerdings\nist Semele rasch getröstet, was ihr G. eben so zum Vor-\nwurf macht, als dass sie „keine Spur von Furcht oder Ehr-\nfurcht vor dem Gotte anwandelt\"; (!!) aber das liegt ja\nnach ihren eigenen Worten im Charakter eines lie-\nbenden Herzens: „Ohne Grund zweifeln oder verzagen,\nrasch vertrauen, thöricht bangen, ist das Liebe,\nso\" u. s. w. (zweite Strophe). Freilich gibt der deutsche\nText der leipziger Ausgabe statt der vier letzten Worte:\n„herzlich schmerzlich, innig klagen\"; wir wollen hoffen,\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "252", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1976, "texte": "Dass diese Uebersetzung, welche den englischen Text kei-\nneswegs wiedergibt, bloss dem Beimspiel zu Liebe gewählt\nworden ist und nicht etwa als Stütze der beliebten Auf-\nfassung; denn das Letztere wäre geradezu ein Falsum, wel-\nches der innig heiteren Musik einen ganz widersprechen-\nden Text unterbreitet. Freilich bedeutet auch schon in der\nersten Strophe: With fond desirnicht: „mit Qual\nverlangen\". Erkennt man die Stimmung in dieser Scene,\nwelcher eine kindlich heitere, dabei doch innige Tändelei,\nin der sich zwei liebende Herzen gefallen, zum Grunde\nliegt (durchaus nicht ein „Freudvoll und leidvoll\"), erkennt\nman diese nach dem Originaltext auf richtige Weise, so\nwird die Melodie als eine sehr anmuthig liebliche erschei-\nnen, und selbst die eigentümliche, von der gewöhnlichen\nIländel'schen Form abweichende, zwar instrumentale, aber\ndurchaus nicht zopfartige, sondern graziöse Coioratur mit\nnichten „als eine flache Vergeudung des Textes, bei der\nHändel sein Genie absichtlich verläugnet habe\", (!) anzu-\nsehen sein. Die Farbe der Innigkeit wird dem reizenden\nBondo vorzüglich durch die weiche Tonart, die bei dem\nheiteren, sich wie auf Wellen der Lust wiegenden Ton-\nspiele von wunderbarer Wirkung ist, verliehen.\nNehmen wir dazu, dass der Chor der Grazien, Liebes-\ngötter u. s. w., unmittelbar folgend, die Motive des Bondo's\nwieder aufnimmt, und der Text des Chors über den Cha-\nrakter derselben auch dem, der ihn aus der Musik nicht\nheraus fühlen kann, keinen Zweifel übrig lässt:\n„Wie so freundlich, wie beglückend\nIst der Liebe Sorglichkeit,\nUnd die Freud', o, wie entzückend\nNach der Trennung bitt'rem Leid!u\nso muss man sich wundern, wie bei so deutlichen Iland-\nweisern nach dem rechten Wege Jemand dennoch auf\neinen falschen gerathen kann. Oder verläugnet Händel\nauch in dem Chor sein Genie, damit die Grazien und\nZephyre der „flachen Coquette\" zu Liebe ebenfalls flach\nund coquett erscheinen ? ? Auditum admissi risum ienea-\ntis amici!\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-08-10-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-08-10_01#c005", "volume": "bmtnabi_1861-08-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "252", "page_fin": "255", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.2.3", "titre_corps": "„Gesang und Oper“.", "titre_sommaire": "„Gesang und Oper“.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "252", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.4", "debut_caractere": 1978, "fin_caractere_exclue": 4940, "texte": "„Gesang und Oper“.\nI.\nUnter obigem Titel, mit dem Zusätze: „Kritisch-\ndidaktische Abhandlungen in zwanglosen Hef-\nten\", hat Maria Heinrich Schmidt im Verlage der\nHeinrichshofen'sehen Musicalienhandlung in Magde-\nburg eine Art von Zeitschrift herauszugeben begonnen,\nderen erstes und zweites Heft (1861) so eben erschie-\nnen sind.\nSo viel uns bekannt, war M. H. Schmidt früher ein\ngeschätzter Sänger (Tenorist) an namhaften Bühnen, wie\nLeipzig, Braunschweig u. s. w. und lebt jetzt als Gesang-\nlehrer in seiner Vaterstadt Lübeck.\nDer Zweck seines Unternehmens ist, „der Förderung\ndes Gesanges und der Oper zu dienen\", und wenn er die\nAnsicht ausspricht, dass man von der Gesangkunst zum\nTheil schon den Begriff verloren hat, und dass die Oper\nvon der Höhe, die sie als Kunstgattung einzunehmen hat,\ndurch Unverstand, Verkehrtheit, Ueberschreitung und un-\nedle und unkünstlerische Motive tief herabgekommen ist,\nso bezeichnet er damit schon hinreichend den Standpunkt,\nvon welchem aus er zu wirken wenn auch nicht hofft—\ndoch sich vorgesetzt hat. Denn er zweifelt, und wir mit\nihm, daran, dass diejenigen, durch die hauptsächlich eine\nnachhaltige Beform der Gesang- und Opern-Zustände her-\nbeizuführen wäre, die Sänger und alles, was daran hängt,\nsein Streben anerkennen und seinen Mahnungen Gehör\ngeben werden. Allein er ist zufrieden, wenn seine Hefte\nnur anregen und mehrere Stimmen wecken und vereini-\ngen, „um den Missbräuchen, der Halbheit, der verfälsch-\nten Wahrheit, der hohlen Anmaassung, dem faulen Schlen-\ndrian, dem speculirenden Charlatanismus frei und ohne\nBückhalt entgegen zu treten\".\nMan sieht aus diesem Begister der Uebel, die an der\nOper nagen, dass der Verfasser seine Leute kennt, und\nwir können ihm das Zeugniss geben, dass der Vorsatz,\nfrei und ohne Bückhalt zu reden, bei ihm nicht bloss eine\nBedensart ist, sondern dass er ihn ohne alle Bücksicht-\nnahme selbst auf die berühmtesten Persönlichkeiten zur\nvollen Wahrheit macht.\nDie Einleitung des ersten Heftes bringt eine kurze\nhistorische Betrachtung über den Gang der dramatischen\nGesangkunst in Deutschland. Sie ist hauptsächlich nur des\nSchlusses wegen da, in welchem es unter Anderem sehr\nrichtig heisst:\n„Zu der deutschen und der Bossini'schen kam zum\nUeberflusse noch die französische Spiel-Oper hinzu, die mit\nihrem declamatorischen Parlando wieder eine andere Ge-\nsang-Manier bedingt. Der deutsche Sänger war demnach\ngenöthigt, heute eine getragene, morgen eine colorirte\nund übermorgen eine declamatorische Musik zu singen.\nDass bei einer solchen Zersplitterung die deutsche Gesang-\nkunst nicht gewinnen konnte, begreift sich, denn eine jede\ndieser Methoden verlangt schon ein ganzes, redliches Stre-\nben, und wer alle durch einander cultiviren muss, kann\nnicht leicht in Einer Vorzügliches erreichen. Die Verwir-\nrung wurde indessen noch vollständiger, als die stimmver-\nderbenden Opern von Spontini, Auber, Meyerbeer, Ha-\nlevy, Marschner und Anderen erschienen, in welchen die"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "253", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5569, "texte": "physische Kraft des Sängers auf eine Weise in Anspruch\ngenommen wurde, dass die ästhetische Schönheit des Ge-\nsanges immer mehr zurücktrat und die ausgiebige Kraft\nder Stimme allen edleren Eigenschaften derselben vorge-\nzogen wurde. Damit gewann der Naturalismus das Feld,\nund das eigentliche Studium wurde überflüssig. Das bun-\nteste Durcheinander aller nur erdenklichen Stilarten wurde\nvon den Theater-Directionen principlos in Beziehung auf\ndie Kunst, rücksichtslos in Beziehung auf den Sänger, nur\nnach Bedürfniss und der Noth des Tages, dem Publicum\naulgetischt. Auch das redlichste Streben des Sängers, die\nglücklichste Fähigkeit war nicht im Stande, das alles zu\nbewältigen und zur künstlerischen Höhe auszubilden, was\nder Dienst von ihm verlangte; die Kräfte des Einzelnen\nwurden auf zu verschiedene, entgegengesetzte Weise in\nAnspruch genommen, das nöthige Studium zu sehr in die\nBreite gezogen, als dass es möglich gewesen wäre, nach\nallen Seiten hin das Beste oder nur Besseres zu erreichen;\nder Sänger musste sich begnügen, sich mit Allem leidlich\nabzufinden, und wenn er ja in einer Gattung besonders\nexceilirte, so hatte er das seinem Naturel zu verdanken,\nwelches sich vorzugsweise dafür qualificirte. In dieser be-\nanspruchten Vielseitigkeit haben wir auch den Grund zu\njener Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit zu suchen, zu\nwelcher sich die Sänger gezwungen sahen. Mit dem Ge-\nschenk der Spectakel-Oper aber sollten die Gesang-Zu-\nstände noch tiefer sinken. Hierzu nämlich wurde vor allen\nDingen Stimmkraft gebraucht, Stimmkraft um jeden Preis;\ndie Cultur war weniger nöthig. Hier half keine Schule,\nkeine Manier mehr, kein feiner, gebildeter Vortrag, keine\nästhetische Schönheit des Tones, keine Eleganz —: denn\ndiese Eigenschaften gingen rettungslos unter in dem Instru-\nmentenlärm, in all dem sinnverwirrenden Trödel, welcher\ndes Effectes wegen gewaltsam in die Oper hereingezogen\nwar; nur die ausgiebige Lunge konnte hier noch siegend\ndurchdringen und zu einer wenig ehrenvollen Geltung\nkommen. Die natürliche Folge davon war, dass man nicht\nmehr nach Sängern suchte, sondern nach Stimmen. Wo\nman so glücklich war, eine zu finden, gleichviel, ob beim\nAmboss oder beim Leisten, da wurde sie hervorgezogen\nund in die Kunstsphäre gebracht, um nach möglichst kur-\nzer Abrichtung einem dringenden Bedürfnisse in der Oper\nabzuhelfen. Was indessen so gewaltsam herausgetrieben\nwar, das konnte nicht von langer Dauer sein; die Stimmen\nwurden durch unsinnigen Gebrauch vor der Zeit vercon-\nsumirt, und die Besitzer derselben verliessen verhältniss-\nmässig eben so schnell ihre künstlerische Laufbahn, als sie\ndieselbe begonnen hatten. Mit den jungen Sängerinnen\nging es nicht besser. Hatte eine zu ihrem Unglück starke\nStimmmittel, so wurde sie zur Uebernahme der anstren-\ngendsten Partieen veranlasst; da nun aber kein Organ,\nbevor es in sich völlig reif und ausgebildet ist, anhaltende\nAnstrengung verträgt, zumal, wenn eine weise Beherr-\nschung und Schonung, welche Anfängerinnen selten oder\nnie zu eigen ist, dasselbe nicht schützend hütet, so waren\nauch diese in den meisten Fällen schon das Opfer ihres\nUnverstandes und ihrer Eitelkeit, wenn sie ihre höhere\nkünstlerische Entwicklung noch vor sich haben sollten. Das\nPublicum endlich wurde ebenfalls dadurch verdorben; es\nverlor das Ohr und den Sinn für die feinere Bildung, die\nästhetische Schönheit des Tones, und legte gleichfalls nur\nnoch Werth auf die materielle rohe Kraft; wirklich künst-\nlerische Eigenschaften wurden kaum noch geschätzt, oder\ndoch nur dann, wenn sie mit brillanter Stimme verbunden\nwaren; ja, selbst der gediegene Künstler verlor bereits mit\nder Frische seines Organs seine Gunst. Da es nun bei den\nBühnen auch keine künstlerische Ueberwachung gab, die\ndiesen forcirten Künstlern warnend, rathend und bildend\nzur Seite stand, diese vielmehr in ihrer vermeintlichen Gott-\nähnlichkeit ohne hinreichende menschliche Bildung sich alle\nnur möglichen Extravaganzen erlaubten, immer mehr ver-\nwilderten und des Prädicates „ „Künstler\"\", welches eine\nVereinigung von edlen Eigenschaften und Talenten in sich\nfasst, immer unwürdiger wurden, so konnte es nicht feh-\nlen, dass das Sprüchwort: „ „Wo die Künste verfielen, sind\nsie durch die Künstler verfallen\"zur traurigen Wahr-\nheit wurde.\n„Die Sänger sind im Ganzen rarer geworden, aber\nnicht künstlerischer. Und wer sich nicht aller gesunden\nEinsicht, alles unbefangenen Urtheils entschlagen oder sei-\nnen Standpunkt tief unter das Niveau der längst erreich-\nten Kunstanschauung herabdrücken will, der kann ihnen\nmit dem besten Willen keine blühende Lobrede halten.\nWohl gibt es noch achtungswerthe, ja, vortreffliche Ope-\nristen, deren Streben, Fähigkeiten und Verdienste zu allen\nZeiten die freudige Anerkennung der Besten herausgefor-\ndert hätten; aber die einzelnen hervorragenden Spitzen\ndürfen uns über die Gesammtheit der Sängerschar nicht\nblenden, denn mit dieser haben wir es zu thun. Diese nur\ngibt uns den Maassstab für die wirkliche allgemeine Ge-\nsangcultur, und bei Betrachtung dieser stehen wir vor einem\nwenig erbaulichen Resultate. Hierzu liefert uns den ersten\nBeleg das Opernpersonal der besseren, ja, der besten deut-\nschen Bühnen, welches in ihrer Totalität wohl an keiner\nohne solche Lücken ist, die nicht von dem Mangel tüchti-\nger Gesangkräfte ein lautredendes Zeugniss ablegten. Die\nBühnenleiter wähnen schon das Höchste erreicht zu haben,\nwenn sie einzelne Matadore besitzen, die durch ihre glän-\nzenden Eigenschaften ein Lustre über die ganze Oper ver-\nbreiten, weil es (gestatte ich zufällige fast zur"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "254", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5424, "texte": "Unmöglichkeit geworden ist, ein in allen Theilen treffliches\nEnsemble herzustellen, in dem eine gewisse Gleichmässig-\nkeit der Talente und der Methode zu einer künstlerischen\nEinheit führt, durch welche eine Opern-Vorstellung erst\nzu jener Vollendung erhoben werden kann, wie wir sie in\nBücksicht auf die geschichtliche Entwicklung der Oper so-\nwohl, als auf die allgemeine musicalische Intelligenz bean-\nspruchen dürfen. Die bei Weitem überwiegende Zahl der\nOpern-Auflührungen bietet nur ein Bild der virtuosen\nBichtung unserer Zeit, in welcher einzelne Kräfte hervor-\nragend alles Interesse in Anspruch nehmen und die noch\nübrigen pygmäenartig denselben nur zur Folie dienen. Wo\naber solche Anziehungskraft fehlt, da sind auch die Auf-\nführungen selten geeignet, ein höheres Interesse beim Pu-\nblicum zu erregen, geschweige denn zu erhalten. Bedenkt\nman nun, dass die heutigen Sänger in jeder Beziehung\nbesser gestellt sind, denn früher, und die Aufforderung,\nsich der Bühne zuzuwenden, dadurch um so verlockender\nwird, so müssen wir für den Mangel an tüchtigen Sängern\nnach einem anderen Grunde suchen. Im Allgemeinen gilt\nnun der, dass es in Deutschland an guten Stimmen fehle;\nallein dem ist entschieden nicht so. Wir besitzen im Gegen-\ntheil nicht allein so viele tüchtige Stimmkräfte, als zu un-\nserem künstlerischen Bedürfnisse nothwendig wären, wir\nkönnten auch noch andere Nationen von unserem Ueber-\nllusse mit versorgen. Finden wir doch bei allen, selbst klei-\nnen, Bühnen immer Sänger mit schönen Stimmen; aber\nsobald wir nach der Ursache forschen, warum diese für\ndie deutsche Oper nicht nützlicher werden, wird in den\nmeisten Fällen die Antwort lauten: „„Sie haben nichts\ngelernt!\"\" —Sie haben nichts gelernt! Mit diesen Worten\nsind wir an den Kernpunkt unserer Gesang-Zustände ge-\nkommen, und von ihm aus haben wir nun mit allen wei-\n✓\nteren Erörterungen auszugehen.\"\nHierauf entwirft der Verfasser die Schilderung eines\nkunstfertigen Bühnensängers gegenüber den jetzi-\ngen im besten Falle nur glücklich begabten Naturalisten\n(S. 13 25), und prüft dann an dieser Schilderung die\ngegenwärtige Generation der Sänger, deren Blossen er\nschonungslos, aber wahrlich ganz aus dem Leben und der\nErfahrung gegriffen, aufdeckt (S. 26 45).\nZu ihrer theilweisen Entschuldigung bespricht er dann\neben so offen die Dinge, welche zu dem um sich greifen-\nden Verderben beitragen, namentlich die mangelhafte, un-\nverständige Leitung der Bühnen, die Verwöhnung und In-\nconsequenz des Publicums, die Zustände der Kritik, endlich\ndie Beschaffenheit der Gesanglehre und der Gesanglehrer\n(S. 45 63).\nAll e diese Abschnitte enthalten des Wahren, Beherzi-\ngungswerthen und Interessanten gar Vieles, und es ist gut,\nwenn dergleichen in einer besonderen Schrift zusammen-\ngestellt wird, wenn auch dasselbe allerdings an vielen Or-\nten in der Hauptsache schon gesagt worden ist und der\nVerfasser den „Musik-Zeitungen\" in dieser Beziehung\nUnrecht thut oder sie nicht genau gelesen hat; wenigstens\nhat die Niederr he iiiisch eMusik-Zeitung und in den\nletzten Jahren auch die wiener Becensionen dasselbe\nThema oft und gründlich behandelt.\nZur Charakteristik des Buches mögen noch folgende\nStellen beitragen:\n„Die beneidenswerthe Freiheit des Künstlers, seine\neigentümliche Stellung in der menschlichen Gesellschaft,\nder Bausch künstlerischer Triumphe, vielfache Anregungen\nund Verlockungen, der stets geschärfte Ehrgeiz und vieles\nAndere noch steigern sein Temperament zu einer Beizbar-\nkeit, zu einer Leidenschaftlichkeit, die ihn manche Unbe-\nsonnenheit leichten, unbefangenen Sinnes begehen lassen.\nAber der innere Kern seines Wesens muss dabei ein ge-\nsunder und tüchtiger sein, welcher von diesen Aeusserlich-\nkeiten unberührt bleibt. Die künstlerische Ehre muss ihm\nwie ein heiliges Panier vorleuchten, auf das er nicht nur\nstets seine Blicke zu richten, sondern das ihn auch mit je-\nner Begeisterung zu erfüllen hat, die den Trieb zu feuri-\ngem Streben in ihm schärft und ihn auch nach dieser Seite\nhin reizbar und leidenschaftlich macht, und das ihn endlich\nvor jener Verlodderung schützt, die Talent, Charakter und\nhöhere Sittlichkeit zu gleicher Zeit untergräbt und ver-\nnichtet. Aber dies ist eben jener dunkle Schatten, der die\nlichte, freundliche Seite unserer Opern-Verhältnisse so be-\nklagensvverth trübt. Die künstlerische Ehre, das künstleri-\nsche Gewissen sind Vielen gänzlich unbekannte Mächte,\ndie nicht den allergeringsten Einlluss auf ihren Beruf, auf\nihre Wirksamkeit ausüben. Ungebildet, arrogant, eitel und\nbrutal, bietet ihnen das Bühnenleben nichts weiter, als eine\nerwünschte Gelegenheit, ein freies Leben zu führen, um\ndas leicht Erworbene leichtsinnig wieder los zu werden.\nWas gilt vielen unserer Operisten eine menschliche und\nkünstlerische Bildung! Sie fühlen nicht das geringste Be-\ndürfniss, einer solchen nachzustreben; begreifen sie doch\noftmals kaum, dass eine solche nöthig sei. Was ihnen die\nNatur freiwillig gegeben hat, das beuten sie aus; der dün-\nkelhafte Hochmuth vertritt bei ihnen die Stelle des klaren\nSelbstbewusstseins, die äussere, oberflächliche Routine die\nin sich gediegene, sorgsam durchdachte Leistung; den Stolz\ndes echten Künstlers, seinen Ruhm nur dem wahrhaften\nErfolg seiner Kunst anzuvertrauen, müssen allerlei schnöde\nMitlei ersetzen, und nicht selten sehen sie sich zu Contri-\nbutionen veranlasst, welche einen nicht unbedeutenden Tlieil\nihrer goldenen Früchte verschlingen."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3378, "texte": "„\\\\ ie selbst hochberühmte Künstler ihre darzustellen-\nden Charaktere studiren, davon nur Eine Probe statt vie-\nler. Ich bemerke dass ich damit keine Fiction gebe,\nsondern die treue Mittheilung dessen, was ich in Wirklich-\nkeit mit eigenen Augen wiederholt gesehen habe. Wählen\nwir dazu die allbekannte Rolle des Masaniello, eines Cha-\nrakters, der in seinen Hauptzügen sich eben so klar hin-\nstellt, als entwickelt. Kann es doch von der oberflächlich-\nsten Einsicht nicht verkannt werden, wie es vorzugsweise\nzwei schwere Gedanken sind, die sein Gemüth belasten :\ndie Belreiung seines geknechteten Volkes und der geheim-\nnissvolle Raub seiner geliebten Schwester. Als er zu An-\nlang des zweiten Actes in der Scene sichtbar wird, hält\nder Hscherchor, erschreckt durch sein verstörtes, gedrück-\ntes Aussehen, in seiner Freude inne und flüstert sich heim-\nlich einander zu: „„Masaniello erscheint, welch Bild des\nfinstern Grames! Was betrübt ihn wohl? Unser elendes\nSchicksal!\" u Der gemeinte denkende Künstler straft gleich\nvon vorn herein diese guten, einfältigen Leute Lügen, denn\nzart und elegant frisirt, geschniegelt und gebügelt, in sei-\ndenen knappen Schuhen, hüpft er vergnügt den auf die\nScene führenden Abhang herunter, und anstatt durch die\nAnsprache eines Fischers erst aus seinen tiefen Gedanken\naulgeweckt zu werden, begrüsst er seine Cameraden schon\nvorher mit der freundlichsten Miene. Fast komisch wirkt\nnun allerdings die fernere Rede des Fischers: „ „O, lass\ndie finstern Sorgen; dein Gesang erfreue uns, begeistre\nuns zu grossem Unternehmen!\"a Masaniello entspricht die-\nser Aufforderung mit den Worten: „„Wohlan! so sing'\nich euch das bekannte Fischerlied-—doch fasst genau\nder Worte Deutung!\"\" Die Beziehung muss also so\ndeutlich, wie möglich, geschehen, und er seine Umgebung\nscharfund eindringlich ins Auge fassen; ja, diese Beziehung\nmuss gegen das Ende des Liedes so unzweifelhaft werden,\ndass sie lür seine Cameraden, wenn auch keiner klar aus-\ngesprochenen, doch einer deutlichen Einweihung in seinen\nPlan gleichkommt. Mit solchen versteckten Intriguen aber\ngibt sich unser berühmter Sänger nicht ab. Er ist er und\nnicht der revolutionäre Fischer Masaniello. Desshalb auch\nstellt er sich, unbekümmert um alles unzufriedene Fischer-\ngesindel, dicht an die Rampe, um ohne alle tiefere Bezie-\nhung dem Publicum sein Liedchen vorzutragen, wohl wis-\nsend, dass er dann des gefälligen Beifalles dafür sicher\nsein kann. So geht es fort. Von einer Anlage, einer Ent-\nwicklung, einer Durchführung dieses in sich bestimmten\nCharakters ist nie und nirgend die Rede. In sich ohne allen\nZusammenhang und ohne jegliches Bestreben, einen solchen\nzu erreichen, tritt der Künstler als solcher überall aus dem\nRahmen des Ganzen heraus, um sich dem Publicum zu\nzeigen, und nicht, um einen Charakter darzustellen. Nichts\ndesto weniger gilt er, weil er die physischen Mittel zu die-\nser Rolle mitbringt und wacker hineinschmettern kann, für\neinen ausgezeichneten Masaniello. Man kann sich denken,\ndass feiner angelegte und complicirtere Charaktere keinen\nbesseren Repräsentanten in ihm finden. In ähnlicher Weise\nwürden noch manche unserer Gesanggrössen vor einer\neingehenden Kritik etwas Weniges zusam mensch rümpfen,\nwenn eine solche, materiellen Vorzügen gegenüber, gegen-\nwärtig noch den geringsten Einfluss hätte, oder nicht be-\nreits zu den seltenen Dingen gehörte.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-08-10-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-08-10_01#c006", "volume": "bmtnabi_1861-08-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "255", "page_fin": "256", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und 3 ntcrhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und 3 ntcrhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.7", "debut_caractere": 3380, "fin_caractere_exclue": 6480, "texte": "Tages- und 3 ntcrhaltungs-Blatt.\nBerlin« Das Friedrich-Wilhelms-Theater, durch den glänzenden\nCassen-Erfolg des „Orpheus\" ermuthigt, setzte ein zweites, grösse-\nres Werk Offenbach's, die dreiactige burleske Oper ~Genovefau\nin Scene, und hatte keine Opfer gescheut, um der Schaulust zu ge-\nnügen. Nachdem diese Burleske in Paris vom Repertoire verschwun-\nden, in Wien und in Königsberg durchgefallen war, wurde der Miss-\nerfolg allgemein vorhergesagt, und bestätigte gleich die erste Auf-\nfühiung diese Ansicht. Die N.-Ztg. sagt ganz richtig: „Von vorn\nhei ein ist festzustellen, dass die Genovefa dem Orpheus weitaus\nnicht ebenbürtig ist. Orpheus war eine Ironisirung der antiken Göt-\nterwelt, die an und für sich unverständlich und langweilig geblieben\nwäie, wenn sie nicht zu gleicher Zeit ein Spiegelbild des pariser\nLoiettenwesens gegeben hätte. Die Genovefa parodirt dieselbe zeit-\ngenössische Wirtschaft im Gewände des Mittelalters. Hier aber\nscheitert Offenbach an der Fatalität, dass er, weil er zu viele Dinge\nzugleich verspotten will, die Ruhe verliert, auch nur Eines recht zu\nverspotten Die Operette geisselt viele Schwächen der Gesellschaft,\naber sie springt mit nie rastender Unruhe von Einem zum Anderen,\nlässt dieses Motiv fallen, weil ihr eben ein anderes über den Weg\nläuft, und verarbeitet keines mit Stetigkeit und Ausdauer. Offenbach\nwill zu viel geben; bald parodirt er das Ritterwesen des Mittel-\nalters, bald die pariser Spielhöllen, Loretten-Boudoirs und die kai-\nserliche Politik; er witzelt jetzt über den Weltschmerz, gleich darauf\ngibt er eine französisch-sentimentale Melodie in einer Schäfer-Ro-\nmanze mit allem Ernste eines routinirten Opern-Componisten. Man\nwird irre, wo der souveraine Humor seine Gränzen findet. Offenbach\nverliert die Gewalt über die von ihm losgelassenen Elemente: sie\nwenden sich gegen ihn selber und drohen, ihm über den Kopf zu\nwachsen. Man kann nicht ungestraft stundenlang eine Hetzjagd von\nParodieen geniessen, die ohne Plan in toller Flucht an uns vorüber-\ngaukeln, ohne am Ende mit in den Taumel gerissen zu werden\nund dasselbe Recht der Verspottung auch an dem Verfasser zu\nüben. Es ist gefährlich, über Sentimentalität zu lachen und bald\ndarauf selbst sentimental zu werden, die heroische Oper mit ihren\nKnall-EfFecten zur Zielscheibe des Witzes zu machen und selber\ndie raffinirtesten musicalischen Effecte auf einander zu häufen.\nSchlimmer als Alles ist, dass Offenbach augenscheinlich zu rasch\nproducirt, in einem Tempo, mit welchem der Inhalt seines Schaffens\nnicht Schritt halten kann. Er schreibt sich selbst ab, und das ist\nschlimmer, als wenn er nur Andere abschriebe, es zeigt, dass er\nsich zur Zeit ausgeschrieben hat. Wir kennen jetzt schon\neine ganze Reihe seiner musicalischen nugcz canorce, klingende\nNichtigkeiten, von denen gar manche unläugbar von grossem\nLiebreiz sind; sie alle hallen in der Genovefa wieder, aber gedämpft,\nwie ein Echo, und abgeblasst, wie ein schlechter Abklatsch.\nCroquefer und Orpheus, die Laternen-Hochzeit und Pepito begrüssen\nuns als alte Bekannte. Die Aehnlichkeit, der Mangel an Originalität"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5527, "texte": "geht so weit, dass das zweite Finale des Orpheus Und der Genovefa\nwie ein Ei dem anderen ähnlich sieht, nur dass das eine ein gesun-\ndes, das andere ein Wind-Ei ist. Eine Polka-Melodie, so nachlässig\nund salopp, wie sie nur erfunden werden kann, wird durch Orche-\nstermassen, fortwährendes Crescendo und raffinirte Pikanterieen zu\neinem Bacchanale gesteigert, das allerdings seine Wirkung nicht\nverfehlt. Die Romanze von Schön Susehen, Graziosa's Lied klingen\nan anmuthige frühere Leistungen Offenbach's an \\ aber diese Sächel-\nchen alle bekommen erst Farbe, Duft und Glanz durch die Manier\ndes Vortrags. Eine Genovefa langweilig dargestellt, wäre geradezu\nein Unding. Das Publicum ermüdete ersichtlich gegen den Schluss\nhin und lehnte einigen gar zu bedenklichen Unsinn, trotz der tapfer\nkämpfenden Claque, entschieden ab.\"\nDer Referent der Spener'schen Zeitung vom 3. Juli sagt unter\nAnderem über Offenbachs „Genovefau: „Eine Kunstschöpfung darf\nman in keiner Weise erwarten; Offenbach bietet lediglich eine Art\nvon theatralischem Unsinn\"\"« Orpheus erschien als erste Blüthe\nder neuen Richtung und blendete durch äusseren Glanz des Spieles\nmit Melodie und Rhythmik; bei dem Nachfolger hat dieser Flitter-\nkram die überraschende Wirkung des neuen Genres beträchtlich\neingebüsst.\" Der folgende lobende Bericht in derselben Zeitung\nsteht „unter dem Strich\", d. h. ist ein bezahltes Inserat. Der\nBericht in der neu gestifteten Preuss. (Stern-) Zeitung, O. L. unter-\nzeichnet, steht in Widerspruch mit anderen achtbaren Zeitungen\nund findet sich eben so, wie eine andere „Reclame\", als „Inserat\"\nabgedruckt in der Beilage der Vossischen Zeitung. (!!!)\nDer zufällige Zusammenfluss von hervorragenden Tonkünstlern\nin Wiesbaden hat es möglich gemacht, dem vierten Concerte der\nBade-Administration am 26. Juli ein glänzendes Relief zu geben. Es\nhatten sich an der Production betheiligt: Frau Bürde-Ney (mit\nArien aus „Oberon\" und „Ernani\"), Herr Wachtel (mit Alien aus\nder „Zauberflöte\" und „Ernani\", dann Lieder-Vorträgen), Herr de\nDio (mit Phantasieen für das Violoncell), Herr Ferd. Hiller (mit\nMozart's D-moll-Concert und freier Improvisation am Ciavier) und\nLudwig Strauss (mit Vieuxtemps'schen und Einstichen Com-\nPositionen.\nMaiftiilieiiti. Der Schauspieler Herr Michaelis hat mit sei-\nner Gattin, der Sängerin Frau Mic ha e lis -N i m bs, die hannover-\nsche Hofbühne verlassen und sein hiesiges Engagement bereits an-\ngetreten. Frau Michaelis beginnt das ihre im September, nach den\nFerien.\nllt&sel« Eine Aufführung von Bach's „Johannes-Passion\" hat\nkürzlich zum ersten Male, nicht nur in Basel,, sondern in der Schweiz\nüberhaupt, Statt gefunden. Das Auditorium war sehr zahlreich, und\neinige Zuhörer selbst aus Paris herbeigekommen. Die Solo-Partieen\nwurden von den Herren Julius Stock hausen und K. Schnei-\nder (aus Wiesbaden) gesungen und von ausgezeichneten Dilettanten\nund einem Chor von 150 Stimmen unterstützt. Ganz besonders lo-\nbenswerth war das Gefühl von Verehrung für den grossen Compo-\nnisten, welches das Comite zur Wiederherstellung jener Instrumente,\nwie der Viola d'amour u. s. w , die zu Bach's Zeiten gebräuchlich\nwaren, bewog. Die Proben wurden seit sechs Monaten eifrig betrie-\nben. Das höchste Lob gebührt dem Herrn Dirigenten E. Reiter\nfür seine Energie und unermüdliche Ausdauer, so wie Herrn Rip-\npenpath-Stehlin für die Freigebigkeit, mit welcher er dem\nComite entgegenkam, die grossen Ausgaben desselben zu bestreiten;\nqhne die Hülfe dieses Gönners hätte wohl die Aufführung unterblei-\nben müssen.\nDie Vorbereitungen zu dem grossen Musikfeste in\nBirmingham sind jetzt beendigt; dasselbe wird am 27., 28., 29, und\n30. August Statt finden, Zum ersten Male nach langen Jahren ist\nkein einziges neueres Werk auf dem Programm, ein schla-\ngender Beweis von dem Verfall des schaffenden Talentes in der ,ge-\nsammten musicalischen Welt. Denn wäre in irgend einem Theile\nvon Europa eine einzige Composition erschienen, welche würdig\nwäre, auf dem birminghamer Feste gemacht zu werden*), so wüide\nsie sicher von dem thätigen, energischen und intelligenten Comite\naufgefunden und gewählt worden sein. Jedenfalls bat man eine ganz\nvortreffliche Auswahl getroffen. Für den ersten Tag ist Mendelssohn's\nOratorium „Elias\" bestimmt, für den zweiten „Samson\" von Händel,\nfür den dritten „Der Messias\", für den vierten „Israel in Aegypten\"\nund Beethoven's grosse D-dur-Messe. Ausserdem werden vier Abend-\nVorstellungen Statt finden, von welchen zwei zu Concerten gemisch-\nten Inhalts, zwei aber wiederum für Oratorien-Musik, die „Schö-\npfung\" von Jos. Haydn und den „Judas Maccabäus\" von Händel\nbestimmt sind. Es ist dieses der erste Fall, dass ein Oratorium in\nEngland in einem Abend-Concerte vorkommt. Als Solisten sind en-\ngagirt: Fräul. Titjens, Frau Rudersdorff, Frau Lemmens-\nSherrington, Fräul. Patti, Frau Sainton-Dolby, Fräul.\nPal m er, die Herren Sims Reeves, Montem Smith, Santley,\nGiuglini und Belletti; als Organist Stimpson und als Dirigent\nCosta.\nIn Leeds ist gleichzeitig ein grosses Musikfest angekündigt,\nwobei „Israel in Aegypten\" einen Abend ausfüllt, und worin Sims\nReeves und Form es, nebst einer neuen Sängerin, Miss Roden,\nals Solisten genannt werden. (London Illustr. News.)\n*) Die Engländer haben gar manche deutsche Werke von Schu-\nmann, Hiller u. A. noch nicht gehört, welche weit würdiger\nsind, auf dem Birmingham-Feste aufgeführt zu werden, als die\nneueren Compositionen englischer Componisten, welche in den\nletzten Jahren die Ehre hatten, dort (für Ein Mal) zu figuriren.\nDie Redaction."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "249", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie Lieferungen der Händel-Gesellschaft für 1860. Beleuchtung eines Urtheils über Passionsmusik und über die Coloratur\nbei Händel. (Fortsetzung.) „Gesang und Oper\". I. Tages- und Un ter hal tun gs blatt (Berlin, Offenbacli's ..Genovefa\" Wies-\nbaden, Concerte Mannheim, Herr und Frau Michaelis Basel, Aufführung von Bach's „Jobannes-Passion\" London, Musikfest in\nBirmingham).\n\nDie Lieferungen der Händel-Gesellschaft für 1860.\nBeleuchtung eines Urtheils über Passionsmusik und\nüber die Coloratur bei Händel.\n(Fortsetzung. S. Nr. 29 )\nDie Semele, ein weltliches Oratorium oder richtiger\neine Concert-Oper, schrieb Händel im Jahre 1743 bin-\nnen vier Wochen auf einen schon im Jahre 1707 ver-\nfassten Operntext von William Congreve. Aufgeführt\nwurde sie zum ersten Male am 10. Februar 1744. Das\nTextbuch trug die Aufschrift: „Die Geschichte von Semele.\nVerändert nach der Semele von W. Congreve\" u. s. w.\nDer Dichter hat nichts weniger als ein Meisterstück\ngeliefert, jedoch ist ihm Manches im Ausdruck und in der\nAufstellung musicalisch dankbarer Situationen gelungen.\nDer Inhalt ist kurz der, dass Semele von ihrem Vater\nKadmos mit Athamas vermählt werden soll, dessen sie sich\naus Liebe zu Zeus weigert. Zeus lässt sie durch seinen\nAdler nach dem liithäron entführen, wo er sie mit Pracht\nund Freude und Götterglanz umgibt. Ihre Freude wird\naber von der Bangigkeit vor Verlust dieses Glückes, das\nihr als einer Sterblichen droht, getrübt. Zeus zerstreut ihr\nHärmen durch Herzaubern ihrer geliebten Schwester Ino.\nHere aber, von Eifersucht und Hache getrieben, naht ihr\nunter Ino's Gestalt und verführt sie durch Arglist, dem\nGotte, der sie liebt, ihre Gunst zu versagen, bis er schwört,\nihr jeden Wunsch zu erfüllen. Zugleich üösst sie ihr ein,\nden verderbenbringenden Wunsch auszusprechen, Zeus\nmöge als Donnergott vor ihr erscheinen —, dann werde sie\nunsterblich sein. Der boshafte Plan gelingt, und Semele\nwird das Opler desselben. Die sehr frostige Episode der\nLiebe der Ino zum Athamas geht uns hier nichts an.\nDiese Semele macht nun G. zu einem „in allzu mo-\nderne Trivialität herabgezogenen Charakter\". Sie ist ihm\n,ein Wesen von eitler Selbstgefälligkeit, eine überströ-\nmend heitere Natur (!), wie man sich nach moderner\nVorstellung vielleicht die Mutter des Bacchus vorstel-\nlen würde; die Handlung zeigt sie nirgend in eine tiefe\nLeidenschaft zu dem menschgestalteten Gotte verloren, der\nsie auszeichnet; überall ist sie vielmehr nur von dem\nGedanken dieser Auszeichnung erfüllt (?!) und\nvon dem Wunsche, den Rang der Unsterblichen zu thei-\nlen.\" Ihre Eigenschaften sind ihm: „flüchtige Eitelkeit,\nflache Selbstgefälligkeit, fahrige Unruhe, leichte Beweglich-\nkeit, Tändelei, Neckerei, Kitzel des Uebermuthes—leicht-\nfertige Ader Coquetterie—Selbstbespiegelung, muthwil-\nlige Schadenfreude, verzücktes Selbstgefallen, coquettes\nWohlgefühl; ja, am Ende lacht sie den Gott aus, weil\nihr der Streich mit dem Schwur gelungen. Selbst die\nechte Empfindung tönt bei ihr wie aus einem seich-\nten Gemüthe.\" (!!)\nAlle diese Anführungen sind wörtlich den genann-\nten Aufsätzen (Nr. 148 und 149 der Kölnischen Zeitung)\nentnommen.\nUnd warum schildert uns G. die Congreve-Händel'-\nsche Semele als eine eitle Opern-Soubrette, die mit einem\nvornehmen Cavalier eine Amour hat und gern gnädige\nFrau werden möchte?—Nur darum, um die Coloratu-\nren in der Partie „als nothwendigen Ausdruck der\nNatur eines solchen Wesens\" zu rechtfertigen, ja, ihre\nAnwendung sogar einer absichtlichen „wahrheitlieben-\nden Selbstverläugnung des Genies\" (!,!) zuzu-\nschreiben !\nIn der Tliat, man müsste über diese Sophisterei, die\nmit einer bewundernswerthen Grübelei den Meister der\nTonkunst mit einem Truggewebe umspinnt, das ihn zu-\ngleich erhebt und erniedrigt, erstaunen, wenn sie nicht ein\nso trauriges Zeichen einer um sich greifenden verkehrten\nAesthetik der Musik wäre. Dergleichen spitzfindige Ver-\nstandesthäligkeit, welche in die Musik Dinge hineindeu-\ntet, an die der Componist gar nicht gedacht hat, kann\neinen ehrlichen Musiker gegen das Wort „Auffassung\""}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "250", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.2", "texte": "geradezu erbittern. Wenn z. B. derselbe ästhetische Kri-\nc?\ntiker bei der Analyse der Partie des Zeus sagt: „Die Mu-\nsik gibt dem Zeus den durchgehenden Ausdruck einer ge-\nwissen Hoheit, die wir nicht göttlich nennen können, denn\nder Gott tritt menschgestaltet auf, bei aller Herablassung,\ndie wir nicht menschlich nennen können, denn der Gott\ntriU nur mensch ges tal tet auf\" —und dann das „Fein-\ngefühl\" preis't, mit welchem Händel durch „eine Fremd-\nheit bei der innigsten Verbindung, eine Kälte, welche\ndie Gluth nicht ausschliesst (!), die Unnatur des Verhält-\nnisses wie unheimlich fühlbar macht\" —, wer muss da\nnicht lächeln, dass dem Meister, der mit dem musicali-\nschen Genie arbeitete, eine so raffinirte Rcllexion als\nQuell seiner Schöpfungen angedichtet wird?!\nDoch kehren wir zur Semele zurück. Ihre Partie, die\nohne Zweifel für eine ausgezeichnete Sängerin geschrieben\nist, hat in Allem fünfzehn Nummern, von denen G. nur\nvier in Betracht nimmt, weil die anderen nicht in seinen\nKram taugen. Es sind dies nämlich, wenigstens drei von\nihnen, diejenigen Arien, in denen die Coloratur vorherrscht.\nOb die übrigen Nummern entschlossene Treue gegen den\nGeliebten, süsse Seligkeit der Liebe, inniges Sehnen nach\ndauerndem Glücke, bange Ahnung drohenden Verlustes\nathmen, was kümmert das unseren Ausleger!\nSie tritt auf in dem Kampfe zwischen Liebe zu Zeus\nund PDicht gegen ihren Vater: „Weh' mir! wo bleibt mir\neine Zuflucht? wie entsetzlich ist mein Elend! O Zeus,\nstehe mir bei! Kann Semele deiner Liebe entsagen und\nsich der Leidenschaft eines Sterblichen hingeben?\"\nEs ist wahrlich nicht zu viel gesagt, wenn wir behaup-\nten, dass gleich dieses erste herrliche Recitativ allein die\nganze Charakteristik der Semele als einer Coquette und\neiner leichtfertigen, seichten Natur über den Haufen wirft;\nwas sage ich: das Recitativ? Die drei Tacte genügen dazu,\nwo die Harmonie bei dem Hülferufe an Zeus in\nübergeht:\nDem Recitativ folgt ein Larghetto, %-Tact in ein\nebenfalls tief empfundenes, fast kindliches Gebet: „0 Zeus,\nvoll Mitleid zeige mir, was ich wählen soll!\" —Das Reci-\ntativ ignorirt G.; über das schöne Larghetto lässt ihn die-\nses Mal denn doch das Gewissen nicht ohne die Bemer-\nkung hinweg: „der Componist legitimire sich gleichsam,\ndass er die Situation von allen Seiten begriffen habe\",\nwas freilich eine halbe Schmähung ist.\nNun fehlte aber der Arie nach der gewöhnlichen Form\nnoch der zweite Satz in etwas bewegterem Zeitmaasse,\nund bei diesem kehrte Händel mehr den reinen Musiker\nheraus und gewiss einer bedeutenden Coloratursängerin\ngegenüber; er fasste mit sichtbarem Vergnügen die Er-\nwähnung des Lerchengesanges auf:\n„ Tlie morning larJc to m\nAnd tunes to my distress his warbling throat,\nund vergass darüber die Hauptstimmung des Gedichtes,\nder Vocal ain warbling („Die Lerche stimmt zu meinem\nLeid ihre wirbelnde Kehle\"), der fast allein sangbare Laut\nim Englischen, kam dazu, und so entstand auf demselben\neine Coloratur von fünf, drei und noch einmal drei Tacten,\ndie vollkommen instrumental ist, die an geschmackloser\nSpielerei nichts zu wünschen übrig lässt:\nIm zweiten Theile {A-moll) dieses Satzes aber (den G. wie-\nderum ignorirt) kehrt der Componist ganz und gar zu dem\nCharakter der Stimmung zurück und gibt zu den Worten:\n„Jede unter- und jede aufgehende Sonne betrübt mich,\nich wehklage in gleicher Weise um ihre Entfernung und\num ihre Rückkehr\" —eine edle Melodie meist in getrage-\nnen Noten ohne die geringste Verzierung, welche durch\nrichtiges Zeitmaass (Andante) und schönen Vortrag mit der\nstill wogenden Bewegung der Violinen in gebundenen\nSechszehnteln uns unser Missbehagen an der Spielerei des\nersten Theiles fast ganz vergessen lässt.\nDoch was hilft Recitativ und Larghetto und der zweite\nTheil der Arie: „Die anspruchvolle und doch oberfläch-\nliche Weise, wie sich die Heldin in einem vornehmen\nGrame gleichsam spiegelt, zeigt uns gleich, mit wem\nwir zu thun haben; —alles Folgende macht die Richtig-\nkeit dieser Auffassung unzweifelhaft.\" (!)\nWirklich? —Es folgt zunächst ein Quartett, in wel-\nchem die Oberstimme (Semele) mit warmer, theilnehmen-\nder Empfindung ihre Schwester fragt: „Kann ich lindern\ndeinen Schmerz? um was klagst du?\" —alsdann (auf Atha-\nmas' Gebet um Here's Beistand zu seinem Ehebund) Se-\nmele's entschlossene Antwort: „Dich, Zeus, und dich allein\nbetet deine Semele an!\" worauf sie hinwegeilt, und Jupi-\nter's Donnern das Volk und die Priester verscheucht. Diese"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "251", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.3", "texte": "drei Tacte Recitativ sind charakteristisch und prächtig. G.\nignorirt sie! Den Act schliesst eine Arie in F-dur, Tempo\ndi Gavotta, in welcher Semele, vom Zeus auf den Kithä-\nron entrückt, Freude und Seligkeit athmet; der Chor der\nLiebesgötter, Zephyre u. s. w. nimmt dasselbe Thema auf\nund führt es mit vollerem Orchester (2 Hörnern, 2 Oboen)\ndurch. Das hübsche Musikstück, in dem zu jener Zeit be-\nliebten Rhythmus der Gavotte geschrieben, ist der Nummer\n37 im Josua (Othniel: „Heroes, when with glory burn-\ning\", ebenfalls in F-dur)zu vergleichen, unserer Mei-\nnung nach ihm vorzuziehen; namentlich ist der zweite Theil\nsehr heblich, und die Verzierungen, nicht übertrieben und\nvollständig im Charakter der Situation, sind hier ganz an\nihrer Stelle. G. erwähnt diese Nummer gar nicht.\nSo erscheint Semele in dem ersten Acte des Werkes.\nAus Text und Musik ihrer Rolle tritt uns ein Bild entge-\ngen, zu welchem die G.'sche Charakteristik sich wie eine\nCaricatur zum Original verhält.\nUnd doch ist die Verkennung des Originals in seiner\nErscheinung im zweiten Acte noch ärger, und würde\nlast unbegreiflich sein, wenn man nicht wüsste, dass die\ntiefblickenden musicalischen Zeichendeuter ihre „Auffas-\nsungen\" für „unzweifelhaft richtig\" halten und, um diese\num jeden Preis an den Mann zu bringen, das Unbequeme,\nStörende, Widersprechende bei Seite schieben und in das\nBenutzte ihre fixen Ideen hineinklügeln.\nIn der ersten Scene des zweiten Actes sehen wir die\nGattin des Zeus mit aller Gluth des Hasses die Vernich-\ntung der Nebenbuhlerin beschliessen—das bekannte gross-\nartige Recitativ: „Wach' auf, Saturnia!\" und (nach einer\nUnterbrechung durch Iris, welche die furchtbare Wache\nder Drachen vor Semele's Palast schildert) die Arie: „Fort,\nfort von hier!\" (in der leipziger Ausgabe in F-moll, in den\nbisherigen Sonderabdrücken—auch in Gumprecht's Alt-\nAlbum—in Fis-moll).\nDie zweite Scene versetzt uns in Semele's Palast. Sie\nerwacht aus dem Schlafe, ein süsser Traum hat sie be-\nglückt: „0 Schlaf, warum verlässt du mich? warum ent-\nführst du mir des Traumbilds Glück? O Schlaf, täusche\nmich wieder und führe meine ferne Liebe in meine Arme\nzurück!\" —Diese 28 Tacte 4/4, in gehö-\nren zu dem Schönsten, was Händel für Eine Stimme ge-\nschrieben hat; dieses kleine Arioso ist der reinste Hauch\nsehnsüchtiger Liebe; zu der süssen Melodie der Singstimme\nhat der Bass (Violoncelli) eine Begleitung, die selbst wie-\nder eine Melodie ist, und aus diesen beiden allein, die wie\nzwei Farbenstreifen immer näher und näher zusammen-\ngehen, bis sie zu einem einzigen mild leuchtenden in einan-\nder fliessen, ist das Ganze wunderbar einfach gebildet.\nUnd von der Semele, welcher der Dichter diese Worte\nund der Componist diese Töne gegeben, behauptet G.:\n„sie zeige sich nirgend in eine tiefe Leidenschaft verlo-\nren zu dem Gotte, der sie auszeichnet, sondern habe nur\nSinn für diese Auszeichnung\" und sei „eine über-\nströmend heitere Natur!\" Da aber seine Charakteristik bei\ndiesem Arioso doch gar gefährlich stolpert, so hilft er ihr\ndurch folgenden Hebel wieder auf die Beine: „In dem\nreizenden Gesänge tritt die leichtfertige Ader nach der\nLage der Einsamen, von Sehnsucht Gepeinigten natür-\nlich zurück.\" Das setzt der Logik seiner Charakter-De-\nduction die Krone auf!\nAuch nagt dieses fast wider seinen Willen ihm ent-\nschlüpfte Geständniss an seinem kritischen Gewissen, und\ner rächt sich dafür, indem er zunächst das folgende Reci-\ntativ an Zeus: ,0, I ass mich von nun an nicht mehr die\nQual der Trennung dulden; da du meine Seele zum\nLieben gebildet, so erspare mir trübe Zweifel und\nBangen und quälende Eifersucht!\" wieder ignorirt, denn\nseine Semele darf ja keine liebende Seele haben, und\nzweitens dadurch, dass er ihre Arie in für einen\n„flach sprudelnden Erguss neckischer Coquetterie\" erklärt.\nWir erlauben uns auch hier wieder, an der „unzwei-\nfelhaft richtigen Auffassung\" zu zweifeln. Zeus beschwört\ndie Geliebte, an ihn zu glauben; Menschentrug sei fern\nvon ihm; er sei nicht getrennt von ihr gewesen; „da Liebe\nbei dir war, so war ich da; denn Liebe und ich sind Eins.\"\nDiese Dialektik der Liebe erinnert an Aehnliches bei den\nMinnesängern, was neuerdings auch Richard Wagner in\nTristan und Isolde nachgeahmt hat. Der Dichter, der sich\ngewiss viel auf diese Wortspielerei zu Gute gethan, lässt\nSemele den witzigen Trost eben so, wie er gegeben ist,\nmit zurückgekehrter froher Laune und befriedigtem Her-\nzen aufnehmen; sie geht darauf ein und sagt: „Zärtliches\nVerlangen, wonniges Vergehen, Herzklopfen und Ver-\nschmachten, wenn das Liebe ist, so bist nicht bloss du,\nauch ich und Liebe sind Eins.\" Das will nun G. „innig,\nlieblich, wehmüthig, sehnsüchtig\" ausgedrückt haben. In-\nnig und lieblich gut, da stimmen wir bei, und diesen\nAusdruck hat auch die Arie vollkommen; Wehmuth und\nSehnsucht aber wäre hier, wo die Hauptstimmung ein Ge-\nfühl des Glückes ist, keineswegs an der Stelle. Allerdings\nist Semele rasch getröstet, was ihr G. eben so zum Vor-\nwurf macht, als dass sie „keine Spur von Furcht oder Ehr-\nfurcht vor dem Gotte anwandelt\"; (!!) aber das liegt ja\nnach ihren eigenen Worten im Charakter eines lie-\nbenden Herzens: „Ohne Grund zweifeln oder verzagen,\nrasch vertrauen, thöricht bangen, ist das Liebe,\nso\" u. s. w. (zweite Strophe). Freilich gibt der deutsche\nText der leipziger Ausgabe statt der vier letzten Worte:\n„herzlich schmerzlich, innig klagen\"; wir wollen hoffen,\n\nn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "252", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.4", "texte": "Dass diese Uebersetzung, welche den englischen Text kei-\nneswegs wiedergibt, bloss dem Beimspiel zu Liebe gewählt\nworden ist und nicht etwa als Stütze der beliebten Auf-\nfassung; denn das Letztere wäre geradezu ein Falsum, wel-\nches der innig heiteren Musik einen ganz widersprechen-\nden Text unterbreitet. Freilich bedeutet auch schon in der\nersten Strophe: With fond desirnicht: „mit Qual\nverlangen\". Erkennt man die Stimmung in dieser Scene,\nwelcher eine kindlich heitere, dabei doch innige Tändelei,\nin der sich zwei liebende Herzen gefallen, zum Grunde\nliegt (durchaus nicht ein „Freudvoll und leidvoll\"), erkennt\nman diese nach dem Originaltext auf richtige Weise, so\nwird die Melodie als eine sehr anmuthig liebliche erschei-\nnen, und selbst die eigentümliche, von der gewöhnlichen\nIländel'schen Form abweichende, zwar instrumentale, aber\ndurchaus nicht zopfartige, sondern graziöse Coioratur mit\nnichten „als eine flache Vergeudung des Textes, bei der\nHändel sein Genie absichtlich verläugnet habe\", (!) anzu-\nsehen sein. Die Farbe der Innigkeit wird dem reizenden\nBondo vorzüglich durch die weiche Tonart, die bei dem\nheiteren, sich wie auf Wellen der Lust wiegenden Ton-\nspiele von wunderbarer Wirkung ist, verliehen.\nNehmen wir dazu, dass der Chor der Grazien, Liebes-\ngötter u. s. w., unmittelbar folgend, die Motive des Bondo's\nwieder aufnimmt, und der Text des Chors über den Cha-\nrakter derselben auch dem, der ihn aus der Musik nicht\nheraus fühlen kann, keinen Zweifel übrig lässt:\n„Wie so freundlich, wie beglückend\nIst der Liebe Sorglichkeit,\nUnd die Freud', o, wie entzückend\nNach der Trennung bitt'rem Leid!u\nso muss man sich wundern, wie bei so deutlichen Iland-\nweisern nach dem rechten Wege Jemand dennoch auf\neinen falschen gerathen kann. Oder verläugnet Händel\nauch in dem Chor sein Genie, damit die Grazien und\nZephyre der „flachen Coquette\" zu Liebe ebenfalls flach\nund coquett erscheinen ? ? Auditum admissi risum ienea-\ntis amici!\n(Schluss folgt.)\n\n„Gesang und Oper“.\nI.\nUnter obigem Titel, mit dem Zusätze: „Kritisch-\ndidaktische Abhandlungen in zwanglosen Hef-\nten\", hat Maria Heinrich Schmidt im Verlage der\nHeinrichshofen'sehen Musicalienhandlung in Magde-\nburg eine Art von Zeitschrift herauszugeben begonnen,\nderen erstes und zweites Heft (1861) so eben erschie-\nnen sind.\nSo viel uns bekannt, war M. H. Schmidt früher ein\ngeschätzter Sänger (Tenorist) an namhaften Bühnen, wie\nLeipzig, Braunschweig u. s. w. und lebt jetzt als Gesang-\nlehrer in seiner Vaterstadt Lübeck.\nDer Zweck seines Unternehmens ist, „der Förderung\ndes Gesanges und der Oper zu dienen\", und wenn er die\nAnsicht ausspricht, dass man von der Gesangkunst zum\nTheil schon den Begriff verloren hat, und dass die Oper\nvon der Höhe, die sie als Kunstgattung einzunehmen hat,\ndurch Unverstand, Verkehrtheit, Ueberschreitung und un-\nedle und unkünstlerische Motive tief herabgekommen ist,\nso bezeichnet er damit schon hinreichend den Standpunkt,\nvon welchem aus er zu wirken wenn auch nicht hofft—\ndoch sich vorgesetzt hat. Denn er zweifelt, und wir mit\nihm, daran, dass diejenigen, durch die hauptsächlich eine\nnachhaltige Beform der Gesang- und Opern-Zustände her-\nbeizuführen wäre, die Sänger und alles, was daran hängt,\nsein Streben anerkennen und seinen Mahnungen Gehör\ngeben werden. Allein er ist zufrieden, wenn seine Hefte\nnur anregen und mehrere Stimmen wecken und vereini-\ngen, „um den Missbräuchen, der Halbheit, der verfälsch-\nten Wahrheit, der hohlen Anmaassung, dem faulen Schlen-\ndrian, dem speculirenden Charlatanismus frei und ohne\nBückhalt entgegen zu treten\".\nMan sieht aus diesem Begister der Uebel, die an der\nOper nagen, dass der Verfasser seine Leute kennt, und\nwir können ihm das Zeugniss geben, dass der Vorsatz,\nfrei und ohne Bückhalt zu reden, bei ihm nicht bloss eine\nBedensart ist, sondern dass er ihn ohne alle Bücksicht-\nnahme selbst auf die berühmtesten Persönlichkeiten zur\nvollen Wahrheit macht.\nDie Einleitung des ersten Heftes bringt eine kurze\nhistorische Betrachtung über den Gang der dramatischen\nGesangkunst in Deutschland. Sie ist hauptsächlich nur des\nSchlusses wegen da, in welchem es unter Anderem sehr\nrichtig heisst:\n„Zu der deutschen und der Bossini'schen kam zum\nUeberflusse noch die französische Spiel-Oper hinzu, die mit\nihrem declamatorischen Parlando wieder eine andere Ge-\nsang-Manier bedingt. Der deutsche Sänger war demnach\ngenöthigt, heute eine getragene, morgen eine colorirte\nund übermorgen eine declamatorische Musik zu singen.\nDass bei einer solchen Zersplitterung die deutsche Gesang-\nkunst nicht gewinnen konnte, begreift sich, denn eine jede\ndieser Methoden verlangt schon ein ganzes, redliches Stre-\nben, und wer alle durch einander cultiviren muss, kann\nnicht leicht in Einer Vorzügliches erreichen. Die Verwir-\nrung wurde indessen noch vollständiger, als die stimmver-\nderbenden Opern von Spontini, Auber, Meyerbeer, Ha-\nlevy, Marschner und Anderen erschienen, in welchen die"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "253", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.5", "texte": "physische Kraft des Sängers auf eine Weise in Anspruch\ngenommen wurde, dass die ästhetische Schönheit des Ge-\nsanges immer mehr zurücktrat und die ausgiebige Kraft\nder Stimme allen edleren Eigenschaften derselben vorge-\nzogen wurde. Damit gewann der Naturalismus das Feld,\nund das eigentliche Studium wurde überflüssig. Das bun-\nteste Durcheinander aller nur erdenklichen Stilarten wurde\nvon den Theater-Directionen principlos in Beziehung auf\ndie Kunst, rücksichtslos in Beziehung auf den Sänger, nur\nnach Bedürfniss und der Noth des Tages, dem Publicum\naulgetischt. Auch das redlichste Streben des Sängers, die\nglücklichste Fähigkeit war nicht im Stande, das alles zu\nbewältigen und zur künstlerischen Höhe auszubilden, was\nder Dienst von ihm verlangte; die Kräfte des Einzelnen\nwurden auf zu verschiedene, entgegengesetzte Weise in\nAnspruch genommen, das nöthige Studium zu sehr in die\nBreite gezogen, als dass es möglich gewesen wäre, nach\nallen Seiten hin das Beste oder nur Besseres zu erreichen;\nder Sänger musste sich begnügen, sich mit Allem leidlich\nabzufinden, und wenn er ja in einer Gattung besonders\nexceilirte, so hatte er das seinem Naturel zu verdanken,\nwelches sich vorzugsweise dafür qualificirte. In dieser be-\nanspruchten Vielseitigkeit haben wir auch den Grund zu\njener Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit zu suchen, zu\nwelcher sich die Sänger gezwungen sahen. Mit dem Ge-\nschenk der Spectakel-Oper aber sollten die Gesang-Zu-\nstände noch tiefer sinken. Hierzu nämlich wurde vor allen\nDingen Stimmkraft gebraucht, Stimmkraft um jeden Preis;\ndie Cultur war weniger nöthig. Hier half keine Schule,\nkeine Manier mehr, kein feiner, gebildeter Vortrag, keine\nästhetische Schönheit des Tones, keine Eleganz —: denn\ndiese Eigenschaften gingen rettungslos unter in dem Instru-\nmentenlärm, in all dem sinnverwirrenden Trödel, welcher\ndes Effectes wegen gewaltsam in die Oper hereingezogen\nwar; nur die ausgiebige Lunge konnte hier noch siegend\ndurchdringen und zu einer wenig ehrenvollen Geltung\nkommen. Die natürliche Folge davon war, dass man nicht\nmehr nach Sängern suchte, sondern nach Stimmen. Wo\nman so glücklich war, eine zu finden, gleichviel, ob beim\nAmboss oder beim Leisten, da wurde sie hervorgezogen\nund in die Kunstsphäre gebracht, um nach möglichst kur-\nzer Abrichtung einem dringenden Bedürfnisse in der Oper\nabzuhelfen. Was indessen so gewaltsam herausgetrieben\nwar, das konnte nicht von langer Dauer sein; die Stimmen\nwurden durch unsinnigen Gebrauch vor der Zeit vercon-\nsumirt, und die Besitzer derselben verliessen verhältniss-\nmässig eben so schnell ihre künstlerische Laufbahn, als sie\ndieselbe begonnen hatten. Mit den jungen Sängerinnen\nging es nicht besser. Hatte eine zu ihrem Unglück starke\nStimmmittel, so wurde sie zur Uebernahme der anstren-\ngendsten Partieen veranlasst; da nun aber kein Organ,\nbevor es in sich völlig reif und ausgebildet ist, anhaltende\nAnstrengung verträgt, zumal, wenn eine weise Beherr-\nschung und Schonung, welche Anfängerinnen selten oder\nnie zu eigen ist, dasselbe nicht schützend hütet, so waren\nauch diese in den meisten Fällen schon das Opfer ihres\nUnverstandes und ihrer Eitelkeit, wenn sie ihre höhere\nkünstlerische Entwicklung noch vor sich haben sollten. Das\nPublicum endlich wurde ebenfalls dadurch verdorben; es\nverlor das Ohr und den Sinn für die feinere Bildung, die\nästhetische Schönheit des Tones, und legte gleichfalls nur\nnoch Werth auf die materielle rohe Kraft; wirklich künst-\nlerische Eigenschaften wurden kaum noch geschätzt, oder\ndoch nur dann, wenn sie mit brillanter Stimme verbunden\nwaren; ja, selbst der gediegene Künstler verlor bereits mit\nder Frische seines Organs seine Gunst. Da es nun bei den\nBühnen auch keine künstlerische Ueberwachung gab, die\ndiesen forcirten Künstlern warnend, rathend und bildend\nzur Seite stand, diese vielmehr in ihrer vermeintlichen Gott-\nähnlichkeit ohne hinreichende menschliche Bildung sich alle\nnur möglichen Extravaganzen erlaubten, immer mehr ver-\nwilderten und des Prädicates „ „Künstler\"\", welches eine\nVereinigung von edlen Eigenschaften und Talenten in sich\nfasst, immer unwürdiger wurden, so konnte es nicht feh-\nlen, dass das Sprüchwort: „ „Wo die Künste verfielen, sind\nsie durch die Künstler verfallen\"zur traurigen Wahr-\nheit wurde.\n„Die Sänger sind im Ganzen rarer geworden, aber\nnicht künstlerischer. Und wer sich nicht aller gesunden\nEinsicht, alles unbefangenen Urtheils entschlagen oder sei-\nnen Standpunkt tief unter das Niveau der längst erreich-\nten Kunstanschauung herabdrücken will, der kann ihnen\nmit dem besten Willen keine blühende Lobrede halten.\nWohl gibt es noch achtungswerthe, ja, vortreffliche Ope-\nristen, deren Streben, Fähigkeiten und Verdienste zu allen\nZeiten die freudige Anerkennung der Besten herausgefor-\ndert hätten; aber die einzelnen hervorragenden Spitzen\ndürfen uns über die Gesammtheit der Sängerschar nicht\nblenden, denn mit dieser haben wir es zu thun. Diese nur\ngibt uns den Maassstab für die wirkliche allgemeine Ge-\nsangcultur, und bei Betrachtung dieser stehen wir vor einem\nwenig erbaulichen Resultate. Hierzu liefert uns den ersten\nBeleg das Opernpersonal der besseren, ja, der besten deut-\nschen Bühnen, welches in ihrer Totalität wohl an keiner\nohne solche Lücken ist, die nicht von dem Mangel tüchti-\nger Gesangkräfte ein lautredendes Zeugniss ablegten. Die\nBühnenleiter wähnen schon das Höchste erreicht zu haben,\nwenn sie einzelne Matadore besitzen, die durch ihre glän-\nzenden Eigenschaften ein Lustre über die ganze Oper ver-\nbreiten, weil es (gestatte ich zufällige fast zur"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "254", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.6", "texte": "Unmöglichkeit geworden ist, ein in allen Theilen treffliches\nEnsemble herzustellen, in dem eine gewisse Gleichmässig-\nkeit der Talente und der Methode zu einer künstlerischen\nEinheit führt, durch welche eine Opern-Vorstellung erst\nzu jener Vollendung erhoben werden kann, wie wir sie in\nBücksicht auf die geschichtliche Entwicklung der Oper so-\nwohl, als auf die allgemeine musicalische Intelligenz bean-\nspruchen dürfen. Die bei Weitem überwiegende Zahl der\nOpern-Auflührungen bietet nur ein Bild der virtuosen\nBichtung unserer Zeit, in welcher einzelne Kräfte hervor-\nragend alles Interesse in Anspruch nehmen und die noch\nübrigen pygmäenartig denselben nur zur Folie dienen. Wo\naber solche Anziehungskraft fehlt, da sind auch die Auf-\nführungen selten geeignet, ein höheres Interesse beim Pu-\nblicum zu erregen, geschweige denn zu erhalten. Bedenkt\nman nun, dass die heutigen Sänger in jeder Beziehung\nbesser gestellt sind, denn früher, und die Aufforderung,\nsich der Bühne zuzuwenden, dadurch um so verlockender\nwird, so müssen wir für den Mangel an tüchtigen Sängern\nnach einem anderen Grunde suchen. Im Allgemeinen gilt\nnun der, dass es in Deutschland an guten Stimmen fehle;\nallein dem ist entschieden nicht so. Wir besitzen im Gegen-\ntheil nicht allein so viele tüchtige Stimmkräfte, als zu un-\nserem künstlerischen Bedürfnisse nothwendig wären, wir\nkönnten auch noch andere Nationen von unserem Ueber-\nllusse mit versorgen. Finden wir doch bei allen, selbst klei-\nnen, Bühnen immer Sänger mit schönen Stimmen; aber\nsobald wir nach der Ursache forschen, warum diese für\ndie deutsche Oper nicht nützlicher werden, wird in den\nmeisten Fällen die Antwort lauten: „„Sie haben nichts\ngelernt!\"\" —Sie haben nichts gelernt! Mit diesen Worten\nsind wir an den Kernpunkt unserer Gesang-Zustände ge-\nkommen, und von ihm aus haben wir nun mit allen wei-\n✓\nteren Erörterungen auszugehen.\"\nHierauf entwirft der Verfasser die Schilderung eines\nkunstfertigen Bühnensängers gegenüber den jetzi-\ngen im besten Falle nur glücklich begabten Naturalisten\n(S. 13 25), und prüft dann an dieser Schilderung die\ngegenwärtige Generation der Sänger, deren Blossen er\nschonungslos, aber wahrlich ganz aus dem Leben und der\nErfahrung gegriffen, aufdeckt (S. 26 45).\nZu ihrer theilweisen Entschuldigung bespricht er dann\neben so offen die Dinge, welche zu dem um sich greifen-\nden Verderben beitragen, namentlich die mangelhafte, un-\nverständige Leitung der Bühnen, die Verwöhnung und In-\nconsequenz des Publicums, die Zustände der Kritik, endlich\ndie Beschaffenheit der Gesanglehre und der Gesanglehrer\n(S. 45 63).\nAll e diese Abschnitte enthalten des Wahren, Beherzi-\ngungswerthen und Interessanten gar Vieles, und es ist gut,\nwenn dergleichen in einer besonderen Schrift zusammen-\ngestellt wird, wenn auch dasselbe allerdings an vielen Or-\nten in der Hauptsache schon gesagt worden ist und der\nVerfasser den „Musik-Zeitungen\" in dieser Beziehung\nUnrecht thut oder sie nicht genau gelesen hat; wenigstens\nhat die Niederr he iiiisch eMusik-Zeitung und in den\nletzten Jahren auch die wiener Becensionen dasselbe\nThema oft und gründlich behandelt.\nZur Charakteristik des Buches mögen noch folgende\nStellen beitragen:\n„Die beneidenswerthe Freiheit des Künstlers, seine\neigentümliche Stellung in der menschlichen Gesellschaft,\nder Bausch künstlerischer Triumphe, vielfache Anregungen\nund Verlockungen, der stets geschärfte Ehrgeiz und vieles\nAndere noch steigern sein Temperament zu einer Beizbar-\nkeit, zu einer Leidenschaftlichkeit, die ihn manche Unbe-\nsonnenheit leichten, unbefangenen Sinnes begehen lassen.\nAber der innere Kern seines Wesens muss dabei ein ge-\nsunder und tüchtiger sein, welcher von diesen Aeusserlich-\nkeiten unberührt bleibt. Die künstlerische Ehre muss ihm\nwie ein heiliges Panier vorleuchten, auf das er nicht nur\nstets seine Blicke zu richten, sondern das ihn auch mit je-\nner Begeisterung zu erfüllen hat, die den Trieb zu feuri-\ngem Streben in ihm schärft und ihn auch nach dieser Seite\nhin reizbar und leidenschaftlich macht, und das ihn endlich\nvor jener Verlodderung schützt, die Talent, Charakter und\nhöhere Sittlichkeit zu gleicher Zeit untergräbt und ver-\nnichtet. Aber dies ist eben jener dunkle Schatten, der die\nlichte, freundliche Seite unserer Opern-Verhältnisse so be-\nklagensvverth trübt. Die künstlerische Ehre, das künstleri-\nsche Gewissen sind Vielen gänzlich unbekannte Mächte,\ndie nicht den allergeringsten Einlluss auf ihren Beruf, auf\nihre Wirksamkeit ausüben. Ungebildet, arrogant, eitel und\nbrutal, bietet ihnen das Bühnenleben nichts weiter, als eine\nerwünschte Gelegenheit, ein freies Leben zu führen, um\ndas leicht Erworbene leichtsinnig wieder los zu werden.\nWas gilt vielen unserer Operisten eine menschliche und\nkünstlerische Bildung! Sie fühlen nicht das geringste Be-\ndürfniss, einer solchen nachzustreben; begreifen sie doch\noftmals kaum, dass eine solche nöthig sei. Was ihnen die\nNatur freiwillig gegeben hat, das beuten sie aus; der dün-\nkelhafte Hochmuth vertritt bei ihnen die Stelle des klaren\nSelbstbewusstseins, die äussere, oberflächliche Routine die\nin sich gediegene, sorgsam durchdachte Leistung; den Stolz\ndes echten Künstlers, seinen Ruhm nur dem wahrhaften\nErfolg seiner Kunst anzuvertrauen, müssen allerlei schnöde\nMitlei ersetzen, und nicht selten sehen sie sich zu Contri-\nbutionen veranlasst, welche einen nicht unbedeutenden Tlieil\nihrer goldenen Früchte verschlingen."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "255", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.7", "texte": "„\\\\ ie selbst hochberühmte Künstler ihre darzustellen-\nden Charaktere studiren, davon nur Eine Probe statt vie-\nler. Ich bemerke dass ich damit keine Fiction gebe,\nsondern die treue Mittheilung dessen, was ich in Wirklich-\nkeit mit eigenen Augen wiederholt gesehen habe. Wählen\nwir dazu die allbekannte Rolle des Masaniello, eines Cha-\nrakters, der in seinen Hauptzügen sich eben so klar hin-\nstellt, als entwickelt. Kann es doch von der oberflächlich-\nsten Einsicht nicht verkannt werden, wie es vorzugsweise\nzwei schwere Gedanken sind, die sein Gemüth belasten :\ndie Belreiung seines geknechteten Volkes und der geheim-\nnissvolle Raub seiner geliebten Schwester. Als er zu An-\nlang des zweiten Actes in der Scene sichtbar wird, hält\nder Hscherchor, erschreckt durch sein verstörtes, gedrück-\ntes Aussehen, in seiner Freude inne und flüstert sich heim-\nlich einander zu: „„Masaniello erscheint, welch Bild des\nfinstern Grames! Was betrübt ihn wohl? Unser elendes\nSchicksal!\" u Der gemeinte denkende Künstler straft gleich\nvon vorn herein diese guten, einfältigen Leute Lügen, denn\nzart und elegant frisirt, geschniegelt und gebügelt, in sei-\ndenen knappen Schuhen, hüpft er vergnügt den auf die\nScene führenden Abhang herunter, und anstatt durch die\nAnsprache eines Fischers erst aus seinen tiefen Gedanken\naulgeweckt zu werden, begrüsst er seine Cameraden schon\nvorher mit der freundlichsten Miene. Fast komisch wirkt\nnun allerdings die fernere Rede des Fischers: „ „O, lass\ndie finstern Sorgen; dein Gesang erfreue uns, begeistre\nuns zu grossem Unternehmen!\"a Masaniello entspricht die-\nser Aufforderung mit den Worten: „„Wohlan! so sing'\nich euch das bekannte Fischerlied-—doch fasst genau\nder Worte Deutung!\"\" Die Beziehung muss also so\ndeutlich, wie möglich, geschehen, und er seine Umgebung\nscharfund eindringlich ins Auge fassen; ja, diese Beziehung\nmuss gegen das Ende des Liedes so unzweifelhaft werden,\ndass sie lür seine Cameraden, wenn auch keiner klar aus-\ngesprochenen, doch einer deutlichen Einweihung in seinen\nPlan gleichkommt. Mit solchen versteckten Intriguen aber\ngibt sich unser berühmter Sänger nicht ab. Er ist er und\nnicht der revolutionäre Fischer Masaniello. Desshalb auch\nstellt er sich, unbekümmert um alles unzufriedene Fischer-\ngesindel, dicht an die Rampe, um ohne alle tiefere Bezie-\nhung dem Publicum sein Liedchen vorzutragen, wohl wis-\nsend, dass er dann des gefälligen Beifalles dafür sicher\nsein kann. So geht es fort. Von einer Anlage, einer Ent-\nwicklung, einer Durchführung dieses in sich bestimmten\nCharakters ist nie und nirgend die Rede. In sich ohne allen\nZusammenhang und ohne jegliches Bestreben, einen solchen\nzu erreichen, tritt der Künstler als solcher überall aus dem\nRahmen des Ganzen heraus, um sich dem Publicum zu\nzeigen, und nicht, um einen Charakter darzustellen. Nichts\ndesto weniger gilt er, weil er die physischen Mittel zu die-\nser Rolle mitbringt und wacker hineinschmettern kann, für\neinen ausgezeichneten Masaniello. Man kann sich denken,\ndass feiner angelegte und complicirtere Charaktere keinen\nbesseren Repräsentanten in ihm finden. In ähnlicher Weise\nwürden noch manche unserer Gesanggrössen vor einer\neingehenden Kritik etwas Weniges zusam mensch rümpfen,\nwenn eine solche, materiellen Vorzügen gegenüber, gegen-\nwärtig noch den geringsten Einfluss hätte, oder nicht be-\nreits zu den seltenen Dingen gehörte.\"\n\nTages- und 3 ntcrhaltungs-Blatt.\nBerlin« Das Friedrich-Wilhelms-Theater, durch den glänzenden\nCassen-Erfolg des „Orpheus\" ermuthigt, setzte ein zweites, grösse-\nres Werk Offenbach's, die dreiactige burleske Oper ~Genovefau\nin Scene, und hatte keine Opfer gescheut, um der Schaulust zu ge-\nnügen. Nachdem diese Burleske in Paris vom Repertoire verschwun-\nden, in Wien und in Königsberg durchgefallen war, wurde der Miss-\nerfolg allgemein vorhergesagt, und bestätigte gleich die erste Auf-\nfühiung diese Ansicht. Die N.-Ztg. sagt ganz richtig: „Von vorn\nhei ein ist festzustellen, dass die Genovefa dem Orpheus weitaus\nnicht ebenbürtig ist. Orpheus war eine Ironisirung der antiken Göt-\nterwelt, die an und für sich unverständlich und langweilig geblieben\nwäie, wenn sie nicht zu gleicher Zeit ein Spiegelbild des pariser\nLoiettenwesens gegeben hätte. Die Genovefa parodirt dieselbe zeit-\ngenössische Wirtschaft im Gewände des Mittelalters. Hier aber\nscheitert Offenbach an der Fatalität, dass er, weil er zu viele Dinge\nzugleich verspotten will, die Ruhe verliert, auch nur Eines recht zu\nverspotten Die Operette geisselt viele Schwächen der Gesellschaft,\naber sie springt mit nie rastender Unruhe von Einem zum Anderen,\nlässt dieses Motiv fallen, weil ihr eben ein anderes über den Weg\nläuft, und verarbeitet keines mit Stetigkeit und Ausdauer. Offenbach\nwill zu viel geben; bald parodirt er das Ritterwesen des Mittel-\nalters, bald die pariser Spielhöllen, Loretten-Boudoirs und die kai-\nserliche Politik; er witzelt jetzt über den Weltschmerz, gleich darauf\ngibt er eine französisch-sentimentale Melodie in einer Schäfer-Ro-\nmanze mit allem Ernste eines routinirten Opern-Componisten. Man\nwird irre, wo der souveraine Humor seine Gränzen findet. Offenbach\nverliert die Gewalt über die von ihm losgelassenen Elemente: sie\nwenden sich gegen ihn selber und drohen, ihm über den Kopf zu\nwachsen. Man kann nicht ungestraft stundenlang eine Hetzjagd von\nParodieen geniessen, die ohne Plan in toller Flucht an uns vorüber-\ngaukeln, ohne am Ende mit in den Taumel gerissen zu werden\nund dasselbe Recht der Verspottung auch an dem Verfasser zu\nüben. Es ist gefährlich, über Sentimentalität zu lachen und bald\ndarauf selbst sentimental zu werden, die heroische Oper mit ihren\nKnall-EfFecten zur Zielscheibe des Witzes zu machen und selber\ndie raffinirtesten musicalischen Effecte auf einander zu häufen.\nSchlimmer als Alles ist, dass Offenbach augenscheinlich zu rasch\nproducirt, in einem Tempo, mit welchem der Inhalt seines Schaffens\nnicht Schritt halten kann. Er schreibt sich selbst ab, und das ist\nschlimmer, als wenn er nur Andere abschriebe, es zeigt, dass er\nsich zur Zeit ausgeschrieben hat. Wir kennen jetzt schon\neine ganze Reihe seiner musicalischen nugcz canorce, klingende\nNichtigkeiten, von denen gar manche unläugbar von grossem\nLiebreiz sind; sie alle hallen in der Genovefa wieder, aber gedämpft,\nwie ein Echo, und abgeblasst, wie ein schlechter Abklatsch.\nCroquefer und Orpheus, die Laternen-Hochzeit und Pepito begrüssen\nuns als alte Bekannte. Die Aehnlichkeit, der Mangel an Originalität"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "256", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610810-01.1.8", "texte": "geht so weit, dass das zweite Finale des Orpheus Und der Genovefa\nwie ein Ei dem anderen ähnlich sieht, nur dass das eine ein gesun-\ndes, das andere ein Wind-Ei ist. Eine Polka-Melodie, so nachlässig\nund salopp, wie sie nur erfunden werden kann, wird durch Orche-\nstermassen, fortwährendes Crescendo und raffinirte Pikanterieen zu\neinem Bacchanale gesteigert, das allerdings seine Wirkung nicht\nverfehlt. Die Romanze von Schön Susehen, Graziosa's Lied klingen\nan anmuthige frühere Leistungen Offenbach's an \\ aber diese Sächel-\nchen alle bekommen erst Farbe, Duft und Glanz durch die Manier\ndes Vortrags. Eine Genovefa langweilig dargestellt, wäre geradezu\nein Unding. Das Publicum ermüdete ersichtlich gegen den Schluss\nhin und lehnte einigen gar zu bedenklichen Unsinn, trotz der tapfer\nkämpfenden Claque, entschieden ab.\"\nDer Referent der Spener'schen Zeitung vom 3. Juli sagt unter\nAnderem über Offenbachs „Genovefau: „Eine Kunstschöpfung darf\nman in keiner Weise erwarten; Offenbach bietet lediglich eine Art\nvon theatralischem Unsinn\"\"« Orpheus erschien als erste Blüthe\nder neuen Richtung und blendete durch äusseren Glanz des Spieles\nmit Melodie und Rhythmik; bei dem Nachfolger hat dieser Flitter-\nkram die überraschende Wirkung des neuen Genres beträchtlich\neingebüsst.\" Der folgende lobende Bericht in derselben Zeitung\nsteht „unter dem Strich\", d. h. ist ein bezahltes Inserat. Der\nBericht in der neu gestifteten Preuss. (Stern-) Zeitung, O. L. unter-\nzeichnet, steht in Widerspruch mit anderen achtbaren Zeitungen\nund findet sich eben so, wie eine andere „Reclame\", als „Inserat\"\nabgedruckt in der Beilage der Vossischen Zeitung. (!!!)\nDer zufällige Zusammenfluss von hervorragenden Tonkünstlern\nin Wiesbaden hat es möglich gemacht, dem vierten Concerte der\nBade-Administration am 26. Juli ein glänzendes Relief zu geben. Es\nhatten sich an der Production betheiligt: Frau Bürde-Ney (mit\nArien aus „Oberon\" und „Ernani\"), Herr Wachtel (mit Alien aus\nder „Zauberflöte\" und „Ernani\", dann Lieder-Vorträgen), Herr de\nDio (mit Phantasieen für das Violoncell), Herr Ferd. Hiller (mit\nMozart's D-moll-Concert und freier Improvisation am Ciavier) und\nLudwig Strauss (mit Vieuxtemps'schen und Einstichen Com-\nPositionen.\nMaiftiilieiiti. Der Schauspieler Herr Michaelis hat mit sei-\nner Gattin, der Sängerin Frau Mic ha e lis -N i m bs, die hannover-\nsche Hofbühne verlassen und sein hiesiges Engagement bereits an-\ngetreten. Frau Michaelis beginnt das ihre im September, nach den\nFerien.\nllt&sel« Eine Aufführung von Bach's „Johannes-Passion\" hat\nkürzlich zum ersten Male, nicht nur in Basel,, sondern in der Schweiz\nüberhaupt, Statt gefunden. Das Auditorium war sehr zahlreich, und\neinige Zuhörer selbst aus Paris herbeigekommen. Die Solo-Partieen\nwurden von den Herren Julius Stock hausen und K. Schnei-\nder (aus Wiesbaden) gesungen und von ausgezeichneten Dilettanten\nund einem Chor von 150 Stimmen unterstützt. Ganz besonders lo-\nbenswerth war das Gefühl von Verehrung für den grossen Compo-\nnisten, welches das Comite zur Wiederherstellung jener Instrumente,\nwie der Viola d'amour u. s. w , die zu Bach's Zeiten gebräuchlich\nwaren, bewog. Die Proben wurden seit sechs Monaten eifrig betrie-\nben. Das höchste Lob gebührt dem Herrn Dirigenten E. Reiter\nfür seine Energie und unermüdliche Ausdauer, so wie Herrn Rip-\npenpath-Stehlin für die Freigebigkeit, mit welcher er dem\nComite entgegenkam, die grossen Ausgaben desselben zu bestreiten;\nqhne die Hülfe dieses Gönners hätte wohl die Aufführung unterblei-\nben müssen.\nDie Vorbereitungen zu dem grossen Musikfeste in\nBirmingham sind jetzt beendigt; dasselbe wird am 27., 28., 29, und\n30. August Statt finden, Zum ersten Male nach langen Jahren ist\nkein einziges neueres Werk auf dem Programm, ein schla-\ngender Beweis von dem Verfall des schaffenden Talentes in der ,ge-\nsammten musicalischen Welt. Denn wäre in irgend einem Theile\nvon Europa eine einzige Composition erschienen, welche würdig\nwäre, auf dem birminghamer Feste gemacht zu werden*), so wüide\nsie sicher von dem thätigen, energischen und intelligenten Comite\naufgefunden und gewählt worden sein. Jedenfalls bat man eine ganz\nvortreffliche Auswahl getroffen. Für den ersten Tag ist Mendelssohn's\nOratorium „Elias\" bestimmt, für den zweiten „Samson\" von Händel,\nfür den dritten „Der Messias\", für den vierten „Israel in Aegypten\"\nund Beethoven's grosse D-dur-Messe. Ausserdem werden vier Abend-\nVorstellungen Statt finden, von welchen zwei zu Concerten gemisch-\nten Inhalts, zwei aber wiederum für Oratorien-Musik, die „Schö-\npfung\" von Jos. Haydn und den „Judas Maccabäus\" von Händel\nbestimmt sind. Es ist dieses der erste Fall, dass ein Oratorium in\nEngland in einem Abend-Concerte vorkommt. Als Solisten sind en-\ngagirt: Fräul. Titjens, Frau Rudersdorff, Frau Lemmens-\nSherrington, Fräul. Patti, Frau Sainton-Dolby, Fräul.\nPal m er, die Herren Sims Reeves, Montem Smith, Santley,\nGiuglini und Belletti; als Organist Stimpson und als Dirigent\nCosta.\nIn Leeds ist gleichzeitig ein grosses Musikfest angekündigt,\nwobei „Israel in Aegypten\" einen Abend ausfüllt, und worin Sims\nReeves und Form es, nebst einer neuen Sängerin, Miss Roden,\nals Solisten genannt werden. (London Illustr. News.)\n*) Die Engländer haben gar manche deutsche Werke von Schu-\nmann, Hiller u. A. noch nicht gehört, welche weit würdiger\nsind, auf dem Birmingham-Feste aufgeführt zu werden, als die\nneueren Compositionen englischer Componisten, welche in den\nletzten Jahren die Ehre hatten, dort (für Ein Mal) zu figuriren.\nDie Redaction."}]}