{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-08-17-01", "volume": "bmtnabi_1861-08-17_01", "ocr_sha256": "26fdcf819aa9e7c8f028bb33ba66f775802d93c75ca496a673a4c4c7f56cce7d", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/08/17_01/bmtnabi_1861-08-17_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-08-17-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-08-17_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-08-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "257", "page_fin": "257", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "257", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 466, "texte": "Inhalt.\nDie Lieferungen der Händel-Gesellschaft für 1860. Beleuchtung eines Urtheils über Passionsmusik und über die Coloratur\nbei Händel. (Schluss.) Das Oratorium Theodora. „Gesang und Oper\". 11. Tages- und Un ter ha 1 tun gs b 1 all (Köln, Concert\nBerlin, Göthe-Ausstellung, Rechtsstreit Das erste deutsch-österreichische Sängerfest in Krems und Stein Paris, Journal-Urtheil über\ndeutsche Werke für Kirchenmusik London, Katharina Hayes f Petersburg, Alexis Lvoff)."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-08-17-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-08-17_01#c002", "volume": "bmtnabi_1861-08-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "257", "page_fin": "259", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.2.2", "titre_corps": "Die Lieferungen der Händel-Gesellschaft für 1860.", "titre_sommaire": "Die Lieferungen der Händel-Gesellschaft für 1860.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "257", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.1", "debut_caractere": 468, "fin_caractere_exclue": 3852, "texte": "Die Lieferungen der Händel-Gesellschaft für 1860.\nBeleuchtung eines Urtheils über Passionsmusik und\nüber die Coloratur bei Händel.\n(Schluss. S. Nr. 29 und 32 )\nMitten im Glück erwacht bei Semele die Bangigkeit\nüber die Vergänglichkeit desselben. Zeus hält über ihre\nbedenklichen Aeusserungen ein Selbstgespräch, das in der\nThat in dieser Situation etwas Komisches hat; die durch\nnichts motivirte und nichts sagende Coloratur seiner Arie\nmacht es vollends komisch. Es kann kaum einen schlagen-\nderen Beweis dafür geben, dass Händel zuweilen ohne alle\nRücksicht auf Text und Situation Coloraturen geschrieben\nhat, als diese Tenor-Arie, die jeder vernünftige Dirigent\nbei der Aufführung sicher weglassen wird. Der Gott, oder\nvielmehr der Sänger, macht seine Sechszehntel-Figuren\ndrei Mal auf das Wort: „eh' sie sich ganz erklärt\"; was\nist nun bei solcher offenbar rein musicalischen und dabei\ngeschmacklosen Coloratur dadurch gewonnen, dass man\nsagt: „Die Arie muss durchaus dramatisch, bei Seite, mit\nhalber Stimme gesungen werden, um die Absicht der\nschwer zu begreifenden Figuren deutlich zu ma-\nchen, die eine innere Aufregung bezeichnen, aber keine\ntiefe, keine peinliche, fast selbst eine heitere Aufregung,\nda der Gott sinnt, sich und Semele den peinlichsten Mo-\nment mit den wirksamsten Zerstreuungen abzu-\nwenden.\" (!)\nDoch genug und übergenug der Anführungen, um\ndarzuthun, wohin jene psychologisch-ästhetische Ausle-\ngungskunst führt, wenn sie auf die Musik angewandt wird.\nZur Hauptsache erinnern wir nur noch, dass auch in\nder nun folgenden Scene, die das Wiedersehen der beiden\nSchwestern schildert, in Semele's Partie nichts ist, was zu\nder irrigen Charakteristik ihres Wesens auch nur entfernt\nVeranlassung geben könnte. Erst durch die Erscheinung\nder Juno und durch ihre arglistige Vorspiegelung erhöhter\nSchönheit und göttlichen Glanzes wird in Semele's Herzen\ndie Eitelkeit geweckt, wird sie zu dem verhängnissvollen\nWunsche verführt. Um aber diesen Gegensatz gegen ihr\nfrüheres Wesen recht hervortreten zu lassen, «eben ihr\nDichter und Componist bei ihrem ersten Auftreten im\ndritten Theile ein klagendes Arioso {Largo, F-dur, 4/A\nwiederum ein reizend melodischer, sanft dahinfliessender\nGesang. Auch dem Kritiker in der Kölnischen Zeitung\n„klingt die feine Arie rührend und Mitleid erregend, aber\nes ist doch nicht ein tiefes Mitgefühl mit einem tiefen\nKummer, das sie einflössen könnte; auch diese echte\nEmpfindung tönt wie aus einem seichten Ge-\nrn üthe.\" (!!)\nAls sich Semele, durch Zauberei verschönert, in dem\nSpiegel erschaut, den Juno ihr vorhält, ruft sie mit Ent-\nzücken aus: „Mich selbst muss ich vergöttern, wenn ich\nim Schauen beharre; nie sah ich solchen Reiz!\"— Diesen\nsehr menschlichen und echt mädchenhaften Ausbruch des\nEntzückens benutzt nun Händel zu einer grossen Bravour-\nArie, in welcher die Coloratur allerdings an ihrer Stelle\nist, mitunter auch artigen Reiz hat, im Ganzen aber doch\nwieder nichts Anderes als eine brillante Concession an die\nSängerin mit Aufbietung der wunderlichsten Figuren ist,\ndie denen in den so genannten Zopf-Arien der Königin\nder Nacht nichts nachgeben. Z. B.:\nund die Wiederholung der Figur:\naus der Bravour-Arie (ebenfalls in F-dur) im ersten Theile,\nwo doch die Situation eine gänzlich verschiedene ist.\nDas liebliche Siciliano in Fis-moll, in welchem Semele\nihre Dankbarkeit gegen die vermeinte Schwester für den"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "258", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5040, "texte": "guten Rath in aller Einfalt und treuem Glauben ausspricht,\nerwähnt G. nicht, und auch wir müssen eilen, unsere Ge-\ngen-Analyse zu beschliessen, indem wir nur noch hinzu-\nfügen, dass wir wie sich aus allem, was wir beigebracht\nhaben, ergibt—auch die letzte Arie der Semele (Aliegro,\n3/4-Tact, D-dur), in welcher sie nach G.'s Ansicht den\nZeus „auslacht\", für eine Bravour-Arie erklären müs-\nsen, deren Coloraluren mit der hineingelegten Charakte-\nristik nichts zu thun haben. Ganz entschieden bestätigt\nwird dies durch die Form derselben; sie sind, wie fast alle\nübrigen der ganzen Partie, auf den Vocal a („Your octth\nit may alarm youu,„Dein Eid, so scheint's, verstört\ndich\") geschrieben, aber dermaassen instrumental,\ndass man wohl kaum irgendwo etwas Aehnliches findet,\nwie z. ß.:\nDie Wahl der Cantate Semele zur Herausgabe durch\ndie Händel-Gesellschaft verdient die vollste Billigung. Das\nWerk ist eines von denjenigen, welche sich zur Auffüh-\nrung in grossen Concerten ganz vorzüglich eignen; es sind\nChöre darin, die zu dem Schönsten gehören, was Händel\ngeschrieben hat, und die durch den eigentümlichen, dem\nGegenstände gemäss von anderen oratorischen Chören ganz\nverschiedenen Charakter, den sie athmen und, wie G. mit\nvollem Rechte sagt, zu bewundernswertem Ausdrucke\nbringen, jedes Publicum überraschen Werden. Zur wir-\nkungsvollen Ausführung gehören aber zwei bedeutende\nSängerinnen für die Partieen der Here (Alt oder Mezzo-\nsopran) und der Semele; die Sängerin der Here muss\nbei kraftvollen Stimmmitteln den dramatischen Ausdruck\nin ihrer Gewalt haben, und die Sopranistin muss über al-\nles verfügen können, was auf der einen Seite der innig\nund tief empfundene Vortrag der Melodie, auf der ande-\nren die kunstgerechte Meisterschaft in der Coloratur ver-\nlangt. '\nW er unsere Bemerkungen aufmerksam gelesen hat,\nfür den bedarf es nicht der Versicherung, dass sie durch-\naus nur der Sache wegen niedergeschrieben sind. Die\nSache selbst aber ist uns viel zu wichtig, als dass wir un-\nsere Ansicht darüber hätten unterdrücken sollen. Es muss\ndie Kunst des Musikers, ja, wenn man es ganz nüchtern\nausdrücken will, das Handwerk des Tonsetzers vor gänz-\nlicher Verkennung geschützt und zugleich die musicalischen\nIntentionen und Inspirationen desselben davor bewahrt wer-\nden, als Erzeugnisse einer vorbedachten Reflexion darge-\nstellt zu werden. Diejenigen, welche die letztere bis zu\nausgesponnenster Feinheit Behufs einer so genannten Cha-\nrakteristik bei den alten Meistern, und zwar aus Verehrung\nfür sie, geltend machen wollen, scheinen nicht zu fühlen,\nwie sehr sie dadurch den Verächtern der monumentalen\n\\\nKunstwerke, den Anhängern der Poesie- und Rellexions-\nMusik in die Hände arbeiten, was doch sicherlich keines-\nwegs ihre Absicht ist. Sie leisten aber dem System der\nneuesten Schule offenbar Vorschub, wenn sie das Musica-\nlisch-Schöne in den Classikern von aussen her, erklären\nund auf dieselbe Weise loben oder tadeln wollen, auf\nwelche die Jünger jener Schule ihre Art, zu componiren,\nzu rechtfertigen suchen.\nAusser der Semele bringt die Lieferung der Hän-\ndel-Gesellschaft für 1860 noch das Oratorium Theo-\ndora. Der beregte Artikel in der Kölnischen Zeitung sagt\ndarüber unter Anderem in Bezug auf den Inhalt*):\n„Es zählt eben so wie Semele in den höchsten Rang\nder Händel'schen Werke und ist in Deutschland völlig un-\nbekannt.—Es hat eine nüchterne englische protestantische\nFeder diese Legende aus einem massigen verständigen Sinne\ngefasst und behandelt; in Text und Musik ist nichts von\nder ungesunden Ueberfrömmigkeit, nichts von der bigotten\nVerzücktheit, die den poetischen Martyrersagen so häufig\nankleben. Man kann von dem heidnischen zu dem christ-\nlichen Drama übergehen und von diesem zu jenem zurück-\nwandern, und aller tendentiäre Geist wird schweigen; so\nsehr sieht das Kunstwerk da und dort auf seinen eige-\nnen Füssen und thut dem Einen Stoffe seine Gerechtigkeit\nwie dem anderen. Aber es ist allerdings, als träte man in\neine andere Welt herüber, wiewohl die heidnische Römer-\nzeit der Cäsaren, in der die Theodora spielt, eine Brücke\nbaut zwischen beiden. Der Statthalter von Antiochien, Va-\nlens, lässt die Feier des kaiserlichen Ehrentages ausrufen,\nmit Tod bedrohend alle, die sich ihr entziehen. Einer sei-\nner Officiere, Didimus, wagt, eine Fürsprache für die An-\ndersgläubigen einzulegen; er ist heimlicher Christ, der\nheimliche Verlobte und Schüler Theodora's, zugleich der\nFreund des Septimius, dem der grausame Auftrag der\nFahndung auf die Religionsfeinde gegeben ist, eines bra-\nven Soldatenherzens, das zwischen disciplinarischer Pflicht\nund duldsamer Gesinnung gelheilt ist. Die nächste Scene\nversetzt in den Kreis der Christen, Theodora's und ihrer\nFreundin Irene, beides, gleich den drei Männern, poetisch\nund musicalisch in der gleichen Consequenz fest gezeich-\nnete Charakterformen. Die Kunst der Zeit- und Locallar-\nbung, in der Händel so einzig ist, spielt in beiden gegen-\n\n*) Uns ist die Abtheilung, welche die Theodora enthält, noch\nnicht zu Gesicht gekommen. Die Redaction."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1766, "texte": "sätzlichen Scenen in ihrer höchsten Virtuosität. In diesen\nheiligen Cirkel bricht nun Septimius herein, Theodoren\ngewaltsam zum Dienste in dem Heiligthume der Venus\nhinzureissen; es ist eine weitbekannte, berühmte kleine\nArie (Engel, ewig licht und klar), mit der sie den bitteren\nWeg zunächst in den Kerker antritt. Man kehrt zu den\nRömerhaufen zurück, unter denen Valens wieder zu einem\nOpfer für Flora und Venus auffordert, dem Septimius aber\nbefiehlt, die gefangene Theodora noch einmal zur Füg-\nsamkeit zu mahnen, oder sie mit Gewalt znm Dienste der\nGöttin zu reissen. Nun öffnet Didimus dem Freunde Sep-\ntimius sein Herz und Geheimniss und bittet ihn, ihm die\nRettung der Verhafteten nachzusehen. Vor und nach die-\nser Scene weilt man wechselnd bei den Frauen. Didimus\ntritt in das Gefängniss und bleibt statt Theodora's im Ker-\nker zurück und verfällt selbst dem Todesurtheil, das nun\nzugleich über die Entllohene verhängt wird. Im dritten\nTheile, wo ihr dies kund wird, wo sie der Gedanke er-\nfasst, dass sie nur um diesen Preis des Lebens, nicht um\nden der Ehre und des Glaubens, den Freund erretten\nkönne, liefert sie sich selber aus und opfert sich, aber ohne\nden Freund befreien zu können. Dieser Act hat nicht mehr\ndie bewegte Action, wie die beiden früheren, aber der Aus-\nlauf in das Duett der beiden dem Tode Geweihten und\nden tiefsinnigen Schluss Chor schliesst das trefflich zusam-\nmengefasste cohärente Ganze in der erhebendsten Weise\nab, und entlässt den Zuhörer in jener harmonischen Be-\nfriedigung, die Händel's kunstsinniger Stempel jeder seiner\nTragödien aufzuprägen versteht.\"\nFür das Jahr 1861 sind Samson, Alexander-Fest und\ndie Trauer-Hymne auf den Tod der Königin Karolina an-\ngekündigt: drei der grössten Meisterstücke des Tonkünstlers."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-08-17-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-08-17_01#c006", "volume": "bmtnabi_1861-08-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "259", "page_fin": "263", "image_debut": 3, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.2.3", "titre_corps": "„Gesang und Oper“.", "titre_sommaire": "„Gesang und Oper“.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.3", "debut_caractere": 1768, "fin_caractere_exclue": 5185, "texte": "„Gesang und Oper“.\nII.\n(I. s. Nr. 32.)\nIn Bezug auf die Gesanglehrer nimmt der Verfasser\nauch kein Blatt vor den Mund und eifert mit vollem Rechte\ngegen die unberufenen und unverständigen Musiklehrer,\nwelche ihre geringe oder seihst tüchtige Befähigung zum\nInstrumental-Unterrichte auch für Gesang-Unterricht ge-\nnügend erachten. Er dringt auch hier auf praktische\nBefähigung und Erfahrung neben den übrigen musicali-\nschen und pädagogischen Erfordernissen. Sowohl gegen die\nInstrumentalisten, als gegen die ausschliesslichen Theore-\ntiker im Gesang-Unterrichte stellt er die ganz richtige An-\nsicht hin, dass die grosse Schwierigkeit der Gesanglehre\ndarin besteht, dass sie nicht, wie der andere Musik-Unter-\nricht, eine in sich geschlossene Methode anwenden kann,\nsondern diese immer nach der besonderen Eigentümlich-\nkeit der zu behandelnden Stimmen einzurichten hat.— Es\nist beim Gesang-Unterrichte allerdings nicht bloss die pä-\ndagogische Berücksichtigung der Individualität des Schü-\nlers nothwendig, sondern die Beachtung der besonderen\nBeschaffenheit des Materials, des Instrumentes, auf dem\neine gewisse Fertigkeit ausgebildet werden soll. Ciavier,\nVioline u. s. vv. bleiben für die mechanische Ausbildung\nüberall dieselben; Tasten und Griffbrett schafft der\nMensch, aber die Kehle und das ganze Gesang-Instru-\nment schafft die Natur. Desswegen müssen wir dem Ver-\nfasser Kecht geben, wenn er gegen die Pedanterci sich\nausspricht, welche, in Verkennung der grossen Verschie-\ndenheiten des menschlichen Stimm-Organs, für die kunst-\ngerechte Behandlung desselben zur Ausbildung für Gesang\nallgemeine und überall gültige Schul-Vorschriften aufstel-\nlen will. Es dürfte allerdings wahr sein, was er S. 56\nsagt: „Auch die Form des Mundes, der Zunge, des Gau-\nmens, der Zähne, und was sonst auf den Klang des Tones\neinwirkt, ist, wie die Form der Gesichtsbildung, eine sehr\nvon einander abweichende, und eine Mundstellung, die\nmeinem Tone den gesundesten und natürlichsten Klang\nverleiht, kann bei einem Anderen diesen geradezu unmög-\nlich machen.\" Wenn wir auch gern anerkennen, dass die\nneueren physiologischen Untersuchungen am Kehlkopfe\nu. s. w. über die Hervorbringung des Sprach- und Gesang-\ntones ein grosses wissenschaftliches Interesse haben, und\ndass deren Resultate, vernünftig und mit Vorsicht und\npraktischem Geschick angewandt, auch Einfluss auf den\nGesang-Unterricht haben können, so können wir doch kei-\nneswegs die sanguinischen Hoffnungen derjenigen theilen,\nwelche von diesen theoretischen Fortschritten eine neue\nAera für Stimmbildung oder gar Umfangs-Ausdehnung der\nStimmen erwarten. Wenn z. B. Dr. Schwarz das Verhält-\nniss der Mund- und Schlund-Oeffnung für die Vocale nach\nGraden festsetzt und bei a die Weite der Mundöffnuntr\n= 5 Grad und die Weite der Schlundöffnung = 1 Grad\nsetzt, bei e 4 Grad und 2 Grad u. s. w., und dann die\nVorschrift gibt: „Will nun ein Sänger einen dieser fünf\nVocale in gleicher Klangfarbe aushalten, so darf er nur\ndie für den betreffenden Vocal einmal angenommene Form\ndes Raumes, durch welchen die tönende Luft ausdiesst,\nunverändert beibehalten\" —, so ist Letzteres unzweifelhaft\nrichtig, aber was die vorausgeschickte Theorie zur Ein-\nübung, zum Sichermachen in diesem Beibehalten beiträgt,\nist = 0.\nIn dem zweiten Hefte (78 S.) geht Herr M. H.\nSchmidt zur Schilderung der Zustände der deutschen\nOper über. Er wahrt sich auch hier wieder seinen Stand-\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5194, "texte": "punkt, den praktischen, und wenn er von diesem aus un-\nseren Dichtern und Componisten es vor allem Anderen\nzum Vorwurf macht, dass sie höchst unpraktisch ver-\nfahren, so hat er wiederum Recht; denn dieser National-\nfehler der Deutschen ist in der dramatischen Tonkunst\nfast eben so sichtbar, wie in der Politik und das will\nviel sagen.\nDass zunächst die Dichter schlecht wegkommen, kann\nman erwarten; der Verfasser spricht dabei nur Allbekann-\ntes aus. Dass er aber auch den Componisten ihre Unge-\nschicktheit in allem Praktischen recht deutlich vor Augen\nhält, ist sehr löblich und gut, weil es nicht oft gen ug ge-\nsagt werden kann, wie viele von unseren Opern-Compo-\nnisten ihren Werken von vorn herein selbst das Grab\ngraben.\n„Es ist kaum glaublich\" —heisst es S. 7—, „welche\nUnkenntniss des Terrains, auf welchem die Componisten\nzu wirken haben, bei diesen zu finden ist, wie sie ohne alle\nUeberlegung den absurdesten und in Beziehung auf das\npraktische Bedürfniss ungeschicktesten Text hinnehmen\nund in dem selbstgefälligen Glauben, ihre Müsik werde\nalle Mängel desselben—wenn sie diese überhaupt erken-\nnen— vergessen machen, ihre besten Kräfte daran ver-\nschwenden, um von aller Mühe nichts zu ärnten, als eine\nbittere Enttäuschung.\"\nAber ausserdem spricht der Verfasser den deutschen\nComponisten im Allgemeinen auch die praktischen Erfor-\ndernisse zur richtigen musicalischen Behandlung der\nOper ab.\nZunächst rügt er ihre Unkenntniss der Gesangskunst,\ndie mehr oder weniger bei fast allen nach Mozart unver-\nkennbar hervortritt, woraus dann zu erklären, dass sie die\nKunst, sangbar und dankbar zu schreiben, nicht verstehen.\nDie Urtheile, die er über Weber, Spohr, Marschner\nin dieser Beziehung ausspricht, sind voll von treffenden\nBemerkungen. Man würde sich aber sehr irren, wenn man\nihn desshalb etwa für einen blinden Verehrer der so ge-\nnannten italiänischen Melodie halten wollte. Folgende Stelle\nwird ihn dagegen vollständig sichern:\n„W7ie missverstanden und anmaassend es sein würde,\"\nsagt er S. 33 u. II\".— „wenn unsere heutigen Sänger\nnoch verlangen wollten, der Componist solle jede höhere\nTendenz opfern, um ihrer Eitelkeit zu fröhnen, so unver-\nständig ist es, dem Sänger Dinge zuzumuthen, die auszu-\nführen ihm die natürliche Beschaffenheit seiner Stimme,\nseiner Kehle versagt, oder welche ihm die Ausübung sei-\nner Kunst ohne Noth erschweren.\n„Haben den Verfall der Gesangskunst nicht die Com-\nponisten selbst hervorgerufen? Ist es möglich, bei solchen\nAnforderungen an Umfang und Ausdauer der Stimme an\neine Schonung und Pflege derselben zu denken? bei sol-\nchen Zumuthungen an Ueberwindung eben so heimtücki-\nscher als zweckloser Schwierigkeiten, bei solch unmässi-\nger, erdrückender Instrumentirung noch in freier Schön-\nheit, in seelenvoller, hingebender Innigkeit, in voller er-\nschöpfender Beherrschung der gebotenen Aufgabe singen\nzu können? Nicht der Sänger, nein, viel unwürdiger, die\nLunge, die rohe materielle Kraft ist zur Herrin der Oper\ngeworden, und die Componisten einzig und allein haben\nsie dazu gemacht.\n„Um mich jedoch gegen jede Missdeutung sicher zu\nstellen und nicht etwa der Meinung Raum zu geben, als\nob ich in der Anforderung für den Sänger von einem für\ndiesen zu günstigen, folglich beschränkten Standpunkte\nausgehe, muss ich mich schon so deutlich, wie möglich,\nerklären.\n„Herr Brendel spricht die Behauptung aus, dasä\nBeethoven in seinem Fidelio grössere Anforderungen\nan die Sänger stelle, als irgend ein Zukunfts-Componist,\nund namentlich als Wagner.\n„Indem ich nun dieser Behauptung auf das entschie-\ndenste entgegentrete und die meinige dagegen aufstelle,\ndass im ganzen Fidelio kein Tact, geschweige denn ein\nMusikstück zu finden ist, mit dem ein wirklich gebildeter\nSängersich nicht ohne sonderliche Mühe abzufinden wüsste,\nwird sich mein Standpunkt für die Anforderungen des\nSängers auch auf das unzweideutigste manifestiren. Ich\nweiss recht wohl, dass sich der Vorwurf der Unsangbar-\nkeit zunächst an die Arie des Florestan wendet, indem man\nzugleich den Tadel damit verbindet, dass ein halb verhun-\ngerter Mensch noch eine Arie singen müsse, zu der eine\nso bedeutende Kraftanstrengung erforderlich sei. Schade\nnur, dass die Schuld hier einzig und allein an der unge-\nnügenden Erkenntniss und nicht an Beethoven liegt, der\ndiese Arie vielmehr mit überraschender Genialität psycho-\nlogisch und physich eben so wahr als erschütternd gezeich-\nnet hat. Freilich ist Florestan ein von Hunger und Kerker-\nleiden entkräfteter Mensch; aber die nervöse, an Wahn-\nsinn gränzende Aufregung, in welche ihn die Vision ver-\nsetzt, in der er seine geliebte Leonore, als einen ihm zur\nFreiheit winkenden Engel, erblickt, gibt ihm eben sowohl\neine fast übermenschliche Kraft, als einer Fieberkranken\ndie eintretende Nerven-Affection, in deren Wirkungen sie\nkaum von den kräftigsten Männern zu bändigen ist. Nach-\ndem aber Florestan den Culminationspunkt seiner Aufre-\ngung erreicht hat, stürzt er gebrochen auf sein Lager zu-\nrück, und Beethoven zeichnet nun aufs wunderbarste in\ndem Nachspiel, wie des Armen Lebensgeister schwinden,\nund er in einen todtenähnlichen Zustand zurücksinkt. Wenn\nder Sänger des Florestan nur die Noten singt, ohne Geist,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "261", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5652, "texte": "ohne tieferes Verständniss, ohne dramatische Erreeuns\nO O\nund ohne jenen Enthusiasmus, zu dem eine solche Aufgabe\nherausfordert und hinreisst, dann allerdings hat die Ober-\nflächlichkeit mit ihrem Urtheil Recht, und es ist ihr nicht\nzu verargen, wenn sie ihre eigene Kurzsichtigkeit dem Mei-\nster als Sünde zurechnet. Noch sei erwähnt, dass Beetho-\nven in dieser Arie den Tenor bis zur äussersten Gränze\nseines Umfangs gefühlt hat, was aber ebenfalls durch die\naussergewöhnliche Situation nicht allein gerechtfertigt, son-\ndern auch motivirt ist. Sonstige technische Schwierigkeiten,\nwelche sich gegen die Natur und Kunst eines tüchtigen\nSängers auflehnten, sind darin nicht gegeben. Stelle ich\njede Naturwidrigkeit in dieser Arie entschieden in Abrede,\nso ist ein solcher Vorwurf gegen den noch übrigen Theil\nder Oper um so weniger zulässig, als keine der anderen\nNummern ähnliche Schwierigkeiten für den Sänger dar-\nbietet. Nie treibt Beethoven im Fidelio die Stimmen über\nihre natürliche, ja, nicht einmal über ihre bequeme Gränze,\nund steigert dieselben nur da, wo der Affect, die wild stür-\nmende Leidenschaft, der Jubel der Wonne u. s. w. es noth-\nwendig macht; eben so wenig lässt er sie dauernd in einer\nanstrengenden Lage verweilen, wodurch die Kehlmuskeln\nbis zur Ermüdung geschwächt würden. Nirgends findet\nder Sänger aussergewöhnliche Schwierigkeiten oder ver-\nfängliche Intervalle; überall ist die Melodie eben so einfach\nals natürlich und lliessend, die Declamation bewunderns-\nwürdig correct und die Form der Musikstücke ohne er-\nschlaffende Ausdehnung. Auch die orchestrale Behandlung\nist bei höchster charakteristischer Färbung im Allgemeinen\ndiscret, ohne die Singstiminen zu decken, und wenn man\nin früherer Zeit Beethoven den Vorwurf machte, die Rache-\nArie des Pizarro sei zu stark instrumentirt, so ist ein sol-\ncher Vorwurf jetzt nicht mehr zulässig, seitdem die moder-\nnen Componisten ihn nicht nur darin weit überboten, son-\ndern die kräftige Behandlung des Orchesters theil weise zu\neinem unmotivirten Lärm und Speclakel gesteigert haben,\nwelcher sowohl alle Charakteristik ausschliesst, als er dem\nSänger die Möglichkeit entzieht, ihn noch zu beherrschen.\nEs ist hieraus ersichtlich, wie so ganz und gar unbegrün-\ndet die Behauptung ist, welche Brendel in Beziehung auf\ndie Unsangbarkeit des Fidelio aufstellt, und dass es ihm\nvielmehr nur darum zu thun war, in Beethoven eine ge-\nwiegte Autorität anzuführen, die ihm zur wirksamen Ab-\nwehr gegen die nur allzu sehr begründeten Vorwürfe die-\nnen sollte, welche in Betreff ihrer höchst mangelhaften\nGesangskunde neuere Componisten treffen. Man wird aber\nzu gleicher Zeit daraus entnehmen, in welchem Sinne ich\ngegen d ie Verhöhnung des Sängers protestire, und dass\nich nicht verlange, der Opern-Componist habe nur der\nEitelkeit jener Sänger zu.fröhnen, deren ganze Kunst sich\nauf ihre Kehlferligkeil beschränkt. Wohl aber beanspruche\nich die gewissenhafteste Berücksichtigung solcher Sänger,\nwelche neben ihrer eigentlichen Gesangskunst auch die aus-\nreichende 'Fähigkeit besitzen, den declamatorischen und\ndramatischen Theil ihrer Aufgabe zur vollsten Geltung zu\nbringen und dem Dichter und dem Componisten zugleich\nin erschöpfender Weise gerecht zu werden. Diese sind denn\ndoch nun einmal ohne Widerrede, so lange es ein musica-\nlisches Drama gibt, die Träger desselben, und werden es\nauch wohl für alle Zeiten bleiben, wenn auch immerhin die\nneue Schule dies abgeschmackt und lächerlich findet.\"\n„Freilich sagt diese\" so heisst es schon vorher (S.\n30, 31) —: „ „Was bleibt ihr Sänger zurück in der alten\nBeschränkung und Beschränktheit, wo sich Alles so gewal-\ntig entwickelt und die unbequemen Fesseln sprengt?\" \"\nIst denn in der musicalischen Kunst jede Schranke gefal-\nlen, jedes Naturgesetz aufgehoben? Mir ist noch kein\nSänger begegnet, dessen Stimme sich um ein paar Octa-\nven hätte erweitern lassen, wie ein Ciavier; an dessen\nKehle man Klappen hätte anbringen können, wie an Flö-\nten, Clarinetten, Hörnern und Posaunen, oder an dessen\nLungen man einen wirklichen Blasebalg applicirt hätte,\num lür die an ihn gestellten wahnwitzigen Anforderungen\ndie nöthige Ausdauer zu gewinnen. Die einfältige Natur\nder menschlichen Stimme ist verzweifelt conservativ geblie-\nben! Der Sänger hat durch die Ausbildung des Maschi-\nnenwesens, durch die Anwendung der Dampfkraft und alle\ngalvanischen und elektrischen Kräfte noch keine Erleichte-\nrung gewonnen. Der Umfang seiner Stimme ist heute noch\nderselbe, der er immer war, die so genannten Register\nscheiden sich noch an derselben Stelle, wie ehedem, und\nder Sänger hat noch stets die alte Mühe und Ausdauer\nnöthig, dieselben zu vermitteln, um eine gleichmässige\nScala zu gewinnen. Die Gesetze der Intonation haben sich\nin nichts geändert, und der Sänger muss sich, wie immer,\nmit den heimlichen, sehr subtilen Schwierigkeiten dersel-\nben vertraut machen. Auf eine deutliche und schöne Aus-\nsprache hat er nach wie vor seine grösste Mühe zu ver-\nwenden, und auf Kosten seiner Stimme sich durch alle\nmöglichen Gesangs-Stilarten zu würgen. DasStimm-Organ\nist fortwährend der empfindlichsten Natur und will mit der\ngrössten Sorgfalt herausgebildet werden; auch bedarf es\nzu seiner Entwicklung der naturgesetzmässigen Zeit, und\nwill geschont und gepflegt sein, um erhalten zu werden.\nDie Blüthezeit des Sängers ist immer noch eine kurze, und\nin der Regel der jugendliche Schmelz seiner Stimme be-\nreits verschwunden, wenn er etwas Achtungswerthes ge-\nlernt hat. Der Sänger hat noch bis jetzt, trotz aller Errun-\ngenschaften, zu seiner Kunst das selbstständigste musicali-\nsche Talent nöthig; er hat die kürzeste Zeil zu seiner Ent-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "262", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5370, "texte": "wicklung und mehr Schwierigkeiten zu überwinden, etwas\nTüchtiges, Hervorragendes zu bieten, als der Meister in\nirgend einer Musikgattung; denn in keiner derselben ha-\nben mehr unumgänglich nothwendige Bedingungen zusam-\nmen zu treffen, als in einer künstlerisch schönen Gesang-\nleistung, obgleich keine andere Leistung einer solchen Be-\nschränkung, einer ähnlichen Abhängigkeit von der Materie,\nder Technik, unterworfen ist. Alle allen, gesangskundigen\nMeister haben nun allerdings dafür auch eine rigorose\nRücksicht gehabt, und in Italien, der Wiege der Gesangs-\nkunst, schreiben noch heute die Componisten nicht nur\ngesangmässig, sondern sie suchen auch vorzugsweise das\nin Anwendung zu bringen, worin der Sänger exceiiirt, und\ndagegen das zu vermeiden, was ihm schwer wird, und zwar\naus dem einfachen Grunde, weil der Sänger nicht schön,\nnicht künstlerisch frei singen kann, wenn ihn technische\nUnbequemlichkeiten daran hindern.\n„Das sind nun freilich sehr einfältige Leute! die neue\ngeniale Anschauung gibt sich mit solchen Lappalien nicht\nmehr ab, sie ruft den Sängern zu: „ „Wir können uns in\nunserem kühnen Fluge nicht mehr um euch bekümmern,\nnicht ferner unseren Genius aus Rücksicht für eure alberne\nKehle in seiner Phantasie beschränken! Wir schreiben für\ndie Stimme, wie es uns in Kopf und Feder kommt; seht\nzu, wie ihr damit fertig werdet! Früher wäret ihr aller-\ndings die Herren des musicalischen Drama's, der Hörer\nwurde durch euch gerührt, gehoben, erschüttert, es wurde\nihm durch euch das Verständniss erschlossen; aber das ist\nabgeschmackt! Wir richten unsere dramatische Musik\ngleich so ein, dass das Instrumentale schon den ganz be-\nstimmten erschöpfenden Ausdruck gibt, euch also über-\nflüssig macht; und wenn wir keine Sänger haben, die un-\nsere Musik singen können, so werden Flöten, Clarinetlen,\nFagotte u. s. w. eure Stellen vertreten.\"\" Wahrlich!\nwären die heutigen Sänger in der Mehrzahl das, was sie\nsein sollten, wären sie in der grossen Kunst, deren Namen\nsie tragen, so heimisch, wie sie es sein müssten, d. h. wirk-\nliche Gesangskünstler, und nicht zum grössten Theile so\nverirrt, so verwahrlost, so bar aller Einsicht und höheren\nIntelligenz, aller idealen Kunstanschauung, aller Methode\nund edleren Strebens, sie würden bald die Componisten\nlehren, nicht allein gesangmässig, sondern auch dankbar\nzu schreiben.\"\nUnter den Rathschlägen für Componisten über die\nBehandlung der Oper im Allgemeinen sind unter anderen\nfolgende um so beachtenswerther, je mehr sie von den\nNeueren vernachlässigt werden.\n„Ist die scenische Einrichtung mit Bühnenkenntniss\nhergestellt, dann muss die Folge der Musikstücke geordnet\nwerden, wobei das praktische Geschick des Componisten\nsich thätig zu erweisen hat. Soloslücke, Ensembles, Chöre,\nAlles stehe an seinem Platz, namentlich sei der Bau der\nFinales der durchdachtesten Anordnung unterworfen, über-\nall gehe die dramatische Präcision mit der musicalischen\nHand in Hand. Kein Musikstück sei zu kurz, wo die\nlyrische Empfindung eine Ausbreitung zulässt\noder verlangt, keines zu lang, wo die Handlung\nvorwärts drängt; Alles habe Maass und wohlerwogenes\nZiel. Auch wo der Hörer der Ruhe bedarf, sei wohl\nüberlegt; denn eine allzu lange geistige Anspannung bringt\nnur Abspannung, und steht ein Musikstück nicht an der\nrechten Stelle, so dass dem Hörer die volle Aufmerksam-\nkeit, die Frische des Empfängnisses dafür fehlt, dann geht\noft des Componisten Liebstes und auf dessen Erfolg er am\nsichersten gerechnet hat, verloren.\"\nUeber die musicalische Ausdrucksweise in der Oper\nhaben uns folgende Stellen am meisten angesprochen:\nS. 22. „Während der eine Componist die Worte nur\nals Faden gebrauchte, womit er seine Tonreihen zusam-\nmenhielt, will sich der Andere jeglicher musicalischen Frei-\nheit und schmückenden Belebung enthalten und nur noch\ndie Melodie der Sprache gelten lassen.\n„Beide Bichtungen dürfen wir wohl in ihrer Extre-\nmität als extravagant bezeichnen; denn so weit die abso-\nlute musicalische Melodie, welche jede innere Verbindung\nmit den Worten verläugnet oder aufhebt, sich von der\neigentlichen dramatischen Musik entfernt, so eng und zu\neiner unnöthigen Dürftigkeit schrumpft diese in der Me-\nlodie der Sprache zusammen. Dort mangelt die Wahrheit\nund hier die freie Schönheit.\n„Beide Eigenschaften sind aber in keinem Kunstwerke\nzu entbehren, folglich auch in der Oper nicht. Der Opern-\nComponist soll daher beide in gleicher Weise berücksich-\ntigen. Bleibt er in wahrhaft künstlerischer Gesinnung beim\nSchaffen der Natur der Sache treu und frei von jener ver-\nführerischen Neigung, mit Absicht musicalische Effecte er-\nzielen oder sinnlich wirken zu wollen, dann wird er die\ndramatische Wahrheit erreichen. Ist er dabei reich genug\nan Erfindung und durchdrungen von der selbstständigen\nMacht seiner Kunst und von Begeisterung für seine Auf-\ngabe erfüllt, so wird er auch dem rein Musicalischen genug\nthun, um die Schönheit nicht vermissen zu lassen, und auf\ndiese Weise sowohl vor Ausschweifung und Unnatur, als\nvor armseliger Dürftigkeit bewahrt bleiben.\n„Dem Dichter eines Opernbuches können dieselben\nAnforderungen, welche an einen dramatischen Dichter\nüberhaupt zu stellen sind, nicht erspart bleiben. Nur muss\ner gleichsam aus der Seele des Musikers dichten und wis-\nsen, wie viel dieser für seine künstlerische Wirksamkeit\nübrig zu behalten hat. Seine Haupt-Aufgabe besteht dem-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "263", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5156, "texte": "/\nnach in jener Enthaltsamkeit, die bei vollständiger Anlage\nund scharfer Zeichnung des Drama's dein Tonsetzer die\nausführliche Belebung anheimstellt. Der Dichter muss in\n<ler Ausführung das vermeiden, wodurch der Musiker in\nseiner Theilnahme beengt oder beeinträchtigt wird. Alle\nAbstractionen, alle scharfsinnigen Combinationen, die an\nden Verstand des Zuhörers appelliren, hat er ebenfalls, als\ndem Charakter der Oper fremd, auszuschliessen, dafür\naber für Gefühls-Erregungen, Leidenschaften und leben-\ndige Situationen genügenden Stoff zu bieten; auch darf die\nDiction nicht zu vollkernig, zu reflectirend, sondern muss\nder musicalischen Behandlung fähig sein. Er bleibt trotz-\ndem, wenn er seine Aufgabe recht begreift und erfüllt,\ndurchaus selbstständig, und arbeitet zwar dem Componisten\nin die Hände, jedoch ohne sich demselben sclavisch unter-\nzuordnen.\n„Das Verhältniss des Tonselzers zum Dichter ist eben-\nfalls ein durchaus selbstständiges. Zwar hat er die künst-\nlerische Anregung, die schöpferische Begeisterung vom\nDichter zu empfangen, aber nicht nur, um ihm zu dienen,\nsondern um, vom Stoff getragen, ihn in freier Schöpfer-\nkraft und zugleich in jener ideellen Weise zu beleben und\nzu beseelen, wie es seine Kunst nicht nur erlaubt, nein,\ngebietet. Hat folglich der Componist eine Dichtung in\nsich aufgenommen und sich aufs innigste von ihr durch-\ndringen lassen, dann wird es ihm auch nicht möglich sein,\neine Musik zu schaffen, welche gleichsam nur neben dem\nlexte herläuft; es wird vielmehr ein unzertrennbares Gan-\nzes werden,, in dem sich zwei geistige Potenzen zu Einem\nGefühle, zu Einer Wirkung in einander verschmelzen.\nDass dieses nicht durch die so genannte Melodie der Spra-\nche erreicht werden kann, begreift s:ch, weil in dieser der\nComponist ängstlich den Accenten der Worte folgen muss\nund die musikalische Belebung dann weiter nichts ist, als\nein farbiges Nachziehen der vorn Dichter vorgezeichneten\nContoure. Und dies heisst nicht nur die musicalische Kunst\narm machen, nein, auch den Componisten unter den Dich-\nter herabwürdigen. Der Erstere aber bedarf der eigenen\nErhebung und fliegt mit dem Dichter verschlungen den\nkühnen Flug der Phantasie, jedoch nicht an dessen Füssen\nhangend, um von ihm hinauf getragen zu werden.\n»Man wende nicht ein, dass in der Melodie der Spra-\nche einzig und allein die dramatische Wahrheit, die un-\nfehlbar richtige musicalische Declamation bestehe; denn\ndie Musik folgt in dieses» Bedingungen höheren Gesetzen,\nals die Sprache, ohne sich desshalb der Wahrheit zu ent-\nfremden.\n„Will der Dichter aber ungeschmälert dramatischer\nDichter bleiben, will er nichts unausgesprochen lassen, was\nnur immer zur Charakterisirung seiner Personen dienlich\nund notwendig ist, nun, dann ist die musicalische Bele-\nbung überflüssig. Sobald es jedoch darauf abgesehen ist,\nauch (lii musicalischen Kunst noch eine Betheiligung zu\ngewähren, muss auch die ganze Conception von vorn herein\ndanach angelegt werden, um dem Componisten hinlängli-\nchen Baum zur freien künstlerischen Verwendung seiner\nMittel zu bieten.\n„Mit dieser Bedingung ist dann die so genannte Melo-\ndie der Sprache unmöglich gemacht; kein begabter Com-\nponist wird sich freiwillig des Reichthums seiner Kunst be-\ngeben, um sich peinlich an die Sylben des Dichters zu\nheften. Mit der Melodie der Sprache verzichtet auch der\nComponist auf die Idealisirung der Charaktere, und welche\nunbegränzte Macht gerade in dieser Beziehung der Musik\ngegeben ist, das tritt uns nirgends in ausdrucksvollerer\nWeise entgegen, als in Figaro's Hochzeit, der Zauberflöte\nund Fidelio. Was würde wohl aus diesen Opern geworden\nsein, wenn der Componist seinen Genius nicht frei hätte\nwalten lassen?\n„Wie gerechtfertigt daher auch immer die Forderung\nsein mag, dass der Componist dem Texte hinsichtlich\nder Situation versteht es sich von selbst —die grösste Auf-\nmerksamkeit zuwende und sich der rein musicalischen Wir-\nkung wegen nicht von der dramatischen Wahrheit ent-\nferne, so darf er doch eben so wenig auf jene höhere Be-\nseelung verzichten, die der Wahrheit einen Zauber ver-\nleiht, welcher nur der Musik gegeben ist. An die Blusion\ndes Hörers hat das gesungene Drama unter allen Um-\nständen zu appelliren, wenn sich die musicalische Behand-\nlung auch auf» knappste an die Worte hält; ein Mehr oder\nW eiliger sobald es nur nicht die Gränzen der Wahr-\nscheinlichkeit übersteigt, kann nicht von erheblichem Be-\nlang sein, und noch weniger berechtigen, ein neues Kunsl-\nprineip daraus abzuleiten.\"\nAuf den letzten Seiten (S. 53 78) spricht der Ver-\nfasser über die wesentlichen Eigenschaften des Opern-\nDirigenten und des Opern-Regisseurs.\nIm Ganzen sind beide Hefte, abgesehen von einigem\nMangel an übersichtlicher Disposition, welcher Wiederho-\nlungen und Einschiebungen veranlasst, inhaltsreich und\nmit lebendigem Interesse geschrieben, und wir wünschen\nihnen recht viele Leser, besonders unter denen, welche es\nnöthig haben, zum Bewusstsein über sich selbst und ihren\nBeruf zu kommen. Bei der Fortsetzung dürfte etwas\nmehr Conc.sion und mehr Berücksichtigung des in der\nmusicahschen Literatur über ähnliche Themata bereits\nVorhandenen zu wünschen sein."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-08-17-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-08-17_01#c007", "volume": "bmtnabi_1861-08-17_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "264", "page_fin": "264", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "264", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5686, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli« Den gegenwärtig hier versammelten Mitgliedern der\ndeutschen Kunstgenossenschaft zu Ehren hatte das Fest-\nComite am Mittwoch den 14. d. Mts. ein Concert im Gürzenich\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn F. Hiller ver-\nanstaltet. Das Programm brachte: HändeTs Hallelujah aus dem\nMessias; Weber1 s Oberon-Ouverture; „0, weint um sie\", für Solo,\nChor und Orchester von F. Hill er; Andante und Variationen für\nPiano und Violine (aus Op. 47) von Beethoven (die Herren Hil-\nler und von Königslöw); drei Lieder von Mendelssohn,\nWob er und Hiller (Fräulein Em. Genast); Zigeunerleben von\nSchumann; Sinfonie Nr. VII. in A-dur von Beethoven.\nBerlin* Besondere Theilnahme hat unter Sachverständigen die\nmusicalische Abtheilung der G ö t h e-Aus s t el 1 ung erweckt, in wel-\ncher die Coinpositionen Göthe'scher Dichtungen von den bedeutend-\nsten Meistern zusammengeordnet sind, von Mozart, Beethoven, Rei-\nchardt, Zelter, Curschman, Löwe, Schubert, Mendelssohn, Schumann,\nviele davon in den Original-Handschriften, welche auch für den\nLaien etwas Anziehendes haben. I>er Verein aller Künste um den\ngrossen Meister der deutschen Dichtung gewährt einen Eindruck von\nseltener Erhabenheit.\nGegen den Buchdruckerei-Besitzer Herrn Trowitzsch war die An-\nklage wegen Nachdrucks erhoben, weil er in die von ihm heraus-\ngegebene Sammlung „Sechs schöne neue Lieder\" einige Couplets aus\nden Possen „Berlin, wie es weint und lacht\" und „Doctor Peschke\"\naufgenommen hatte, deren Verlag dem Buchhändler Behrend von\ndem Dichter Kaiisch übertragen worden war. Nachdem der Process\nmehrere Stadien durchlaufen, hatte das Kammergericht den Ange-\nklagten zu 50 Thlrn. Geldbusse und zugleich zu einer Entschädi-\ngung des pp. Behrend auf Höhe von 10 Thlrn. verurtheilt. Das k.\nOber-Tribunal hat das Erkenntniss bestätigt und die Nichtigkeits-\nbeschwerde .zurückgewiesen.\nUeber das erste deutsch-österreichische Sängerfest\nzu Krems und Stein an der Donau (beide Städte hangen zusam-\nmen), das am 29. und 30. Juni Statt fand, ist uns eine kleine Bro-\nschüre (Wien, Druck von Jacob & Holzhauser) zugegangen, der wir\nFolgendes entnehmen: Es waren im Ganzen !24 Vereine von 195 bis\n10 Mitgliedern da und 11 waren durch Abgesandte (8 bis 2 Perso-\nnell) vertreten; zusammen i 034 Sänger. Eine Menge von deutschen\nFahnen wehte aus den Fenstern; die meisten Häuser waren auch\nmit Sinnsprüchen verziert, z. B.: „Das Haus hat keinen Herren heut,\nDen Sängergästen sei es geweiht!\" „Wer und woher? Das gilt\nuns gleich; Haus und Herz gehören euch!\" „Lied wird That\nFrüh oder spat!\" Es ist eine hübsche Sitte der süddeutschen\nSängervereine, dass jeder Verein seinen „Wahlspruch\" hat, gewöhn-\nlich mit einem Reim und vierstimmig componirt; bei der Ankunft,\nso wie beim Auftreten ertönt jedes Mal zuerst der Wahlspruch. So\nwar es in Krems (auch in Nürnberg). Es wurde im Freien ge-\nsungen, für die Sänger war eine Bühne errichtet, rings von Grün\numgeben, mit einem Geländer von künstlich verschlungenen Baum-\nästen vor der Brüstung, und von den Sitzplätzen des Publicums\n(3000) durch Blumenbeete und einen Springbrunnen getrennt. Die\nGesammtchöre gingen, wie es bei kaum einer Probe nicht anders\nmöglich war, höchst mittelmässig; der Dirigent Willvonseder aus\nKrems leistete alles, was zu leisten war. Am stärksten und besten\nvertreten waren Wien durch den Männergesang-Verein mit 195, den\nakademischen Verein mit 134, den Sängerbund mit 84, den Techni-\nker-Verein mit 45 Mitgliedern; Krems war mit 56, Linz mit 53\n(„Frohsinn\") und 41 (?,Sängerbund\") Mitgliedern vertreten. Alle Sän-\nger waren gastlich aufgenommen. Von den Einzel-Vorträgen zeichnet\nder Bericht den der Liedertafel „Frohsinn\" von Linz aus, dann\nden Männergesang-Verein und den Sängerbund von Wien, den Ver-\nein von Wels u. s. w. Zum Schlüsse wurde Arndt's Vaterlands-\nlied gesungen.\nParis* Das Journal Le Monde (früher I? Univers) enthält eine\nsehr anerkennende Beurtheilung der bedeutenden und für die Kir-\nchenmusik so wichtigen Verlags-Artikel von Pustet in Regens-\nbürg, die Musica divina, herausgegeben von Proske, und das\nEnchirldion Chorale von J. G. Mettenleiter. Beide Werke wer-\nden als eine glückliche Vorbedeutung und nothwendige Erscheinung\nfür die Verbesserung der religiösen Musik und des gregorianischen\nGesanges in der katholischen Kirche bezeichnet (Beides thut freilich\nin Frankreich sehr noth!), und „der Einfluss des gelehrten und mu-\nsikbegeisterten Deutschlandsist in allen musicalischen Dingen zu\nwichtig, als dass er sich nicht überall fühlbar machen sollte, wo\nsich die ernsten Fragen über die wahre Grundlage der Kirchenmusik\nerheben.\" Auch die treffliche Ausstattung der Werke von Seiten der\nVerlagshandlung wird gerühmt.\nIjOfldoil* Die berühmte Sängerin Katharina Hayes ist am\n13. August zu Sydenbam an den Folgen eines Blutsturzes gestor-\nben. Sie war erst 40 Jahre alt. In Irland geboren, sang sie vorzüg-\nlich irische und schottische Balladen sehr schön, war aber auch als\nConeertsängerin in England und besonders in America sehr gefeiert.\nPetersburg* General Alexis Lvoff hat seines vorgerück-\nten Alters halber den Czaaren um Entlassung von dem Posten des\nDirectors der kaiserlichen Capelle gebeten. Der Kaiser hat den\nWunsch gewährt, zugleich befohlen, dass in Anerkennung der her-\nvorragenden Dienste, welche Lvoff während des fünfundzwanzigjäh-\nrigen Dienstes der Kunst und insbesondere Russland geleistet, das\nihm die Erhebung der kaiserlichen Kirchencapelle zu einem berühm-\nten Institute verdankt, ihm die Ehrentitel eines „Senators und Maitr*\nde le eour\", so wie die damit verbundenen Emolumente auf Lebens-\nzeit erhalten bleiben. Geh Rath ist zu Lvoff's Nach-\nfolger ernannt."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "257", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDie Lieferungen der Händel-Gesellschaft für 1860. Beleuchtung eines Urtheils über Passionsmusik und über die Coloratur\nbei Händel. (Schluss.) Das Oratorium Theodora. „Gesang und Oper\". 11. Tages- und Un ter ha 1 tun gs b 1 all (Köln, Concert\nBerlin, Göthe-Ausstellung, Rechtsstreit Das erste deutsch-österreichische Sängerfest in Krems und Stein Paris, Journal-Urtheil über\ndeutsche Werke für Kirchenmusik London, Katharina Hayes f Petersburg, Alexis Lvoff).\n\nDie Lieferungen der Händel-Gesellschaft für 1860.\nBeleuchtung eines Urtheils über Passionsmusik und\nüber die Coloratur bei Händel.\n(Schluss. S. Nr. 29 und 32 )\nMitten im Glück erwacht bei Semele die Bangigkeit\nüber die Vergänglichkeit desselben. Zeus hält über ihre\nbedenklichen Aeusserungen ein Selbstgespräch, das in der\nThat in dieser Situation etwas Komisches hat; die durch\nnichts motivirte und nichts sagende Coloratur seiner Arie\nmacht es vollends komisch. Es kann kaum einen schlagen-\nderen Beweis dafür geben, dass Händel zuweilen ohne alle\nRücksicht auf Text und Situation Coloraturen geschrieben\nhat, als diese Tenor-Arie, die jeder vernünftige Dirigent\nbei der Aufführung sicher weglassen wird. Der Gott, oder\nvielmehr der Sänger, macht seine Sechszehntel-Figuren\ndrei Mal auf das Wort: „eh' sie sich ganz erklärt\"; was\nist nun bei solcher offenbar rein musicalischen und dabei\ngeschmacklosen Coloratur dadurch gewonnen, dass man\nsagt: „Die Arie muss durchaus dramatisch, bei Seite, mit\nhalber Stimme gesungen werden, um die Absicht der\nschwer zu begreifenden Figuren deutlich zu ma-\nchen, die eine innere Aufregung bezeichnen, aber keine\ntiefe, keine peinliche, fast selbst eine heitere Aufregung,\nda der Gott sinnt, sich und Semele den peinlichsten Mo-\nment mit den wirksamsten Zerstreuungen abzu-\nwenden.\" (!)\nDoch genug und übergenug der Anführungen, um\ndarzuthun, wohin jene psychologisch-ästhetische Ausle-\ngungskunst führt, wenn sie auf die Musik angewandt wird.\nZur Hauptsache erinnern wir nur noch, dass auch in\nder nun folgenden Scene, die das Wiedersehen der beiden\nSchwestern schildert, in Semele's Partie nichts ist, was zu\nder irrigen Charakteristik ihres Wesens auch nur entfernt\nVeranlassung geben könnte. Erst durch die Erscheinung\nder Juno und durch ihre arglistige Vorspiegelung erhöhter\nSchönheit und göttlichen Glanzes wird in Semele's Herzen\ndie Eitelkeit geweckt, wird sie zu dem verhängnissvollen\nWunsche verführt. Um aber diesen Gegensatz gegen ihr\nfrüheres Wesen recht hervortreten zu lassen, «eben ihr\nDichter und Componist bei ihrem ersten Auftreten im\ndritten Theile ein klagendes Arioso {Largo, F-dur, 4/A\nwiederum ein reizend melodischer, sanft dahinfliessender\nGesang. Auch dem Kritiker in der Kölnischen Zeitung\n„klingt die feine Arie rührend und Mitleid erregend, aber\nes ist doch nicht ein tiefes Mitgefühl mit einem tiefen\nKummer, das sie einflössen könnte; auch diese echte\nEmpfindung tönt wie aus einem seichten Ge-\nrn üthe.\" (!!)\nAls sich Semele, durch Zauberei verschönert, in dem\nSpiegel erschaut, den Juno ihr vorhält, ruft sie mit Ent-\nzücken aus: „Mich selbst muss ich vergöttern, wenn ich\nim Schauen beharre; nie sah ich solchen Reiz!\"— Diesen\nsehr menschlichen und echt mädchenhaften Ausbruch des\nEntzückens benutzt nun Händel zu einer grossen Bravour-\nArie, in welcher die Coloratur allerdings an ihrer Stelle\nist, mitunter auch artigen Reiz hat, im Ganzen aber doch\nwieder nichts Anderes als eine brillante Concession an die\nSängerin mit Aufbietung der wunderlichsten Figuren ist,\ndie denen in den so genannten Zopf-Arien der Königin\nder Nacht nichts nachgeben. Z. B.:\nund die Wiederholung der Figur:\naus der Bravour-Arie (ebenfalls in F-dur) im ersten Theile,\nwo doch die Situation eine gänzlich verschiedene ist.\nDas liebliche Siciliano in Fis-moll, in welchem Semele\nihre Dankbarkeit gegen die vermeinte Schwester für den"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "258", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.2", "texte": "guten Rath in aller Einfalt und treuem Glauben ausspricht,\nerwähnt G. nicht, und auch wir müssen eilen, unsere Ge-\ngen-Analyse zu beschliessen, indem wir nur noch hinzu-\nfügen, dass wir wie sich aus allem, was wir beigebracht\nhaben, ergibt—auch die letzte Arie der Semele (Aliegro,\n3/4-Tact, D-dur), in welcher sie nach G.'s Ansicht den\nZeus „auslacht\", für eine Bravour-Arie erklären müs-\nsen, deren Coloraluren mit der hineingelegten Charakte-\nristik nichts zu thun haben. Ganz entschieden bestätigt\nwird dies durch die Form derselben; sie sind, wie fast alle\nübrigen der ganzen Partie, auf den Vocal a („Your octth\nit may alarm youu,„Dein Eid, so scheint's, verstört\ndich\") geschrieben, aber dermaassen instrumental,\ndass man wohl kaum irgendwo etwas Aehnliches findet,\nwie z. ß.:\nDie Wahl der Cantate Semele zur Herausgabe durch\ndie Händel-Gesellschaft verdient die vollste Billigung. Das\nWerk ist eines von denjenigen, welche sich zur Auffüh-\nrung in grossen Concerten ganz vorzüglich eignen; es sind\nChöre darin, die zu dem Schönsten gehören, was Händel\ngeschrieben hat, und die durch den eigentümlichen, dem\nGegenstände gemäss von anderen oratorischen Chören ganz\nverschiedenen Charakter, den sie athmen und, wie G. mit\nvollem Rechte sagt, zu bewundernswertem Ausdrucke\nbringen, jedes Publicum überraschen Werden. Zur wir-\nkungsvollen Ausführung gehören aber zwei bedeutende\nSängerinnen für die Partieen der Here (Alt oder Mezzo-\nsopran) und der Semele; die Sängerin der Here muss\nbei kraftvollen Stimmmitteln den dramatischen Ausdruck\nin ihrer Gewalt haben, und die Sopranistin muss über al-\nles verfügen können, was auf der einen Seite der innig\nund tief empfundene Vortrag der Melodie, auf der ande-\nren die kunstgerechte Meisterschaft in der Coloratur ver-\nlangt. '\nW er unsere Bemerkungen aufmerksam gelesen hat,\nfür den bedarf es nicht der Versicherung, dass sie durch-\naus nur der Sache wegen niedergeschrieben sind. Die\nSache selbst aber ist uns viel zu wichtig, als dass wir un-\nsere Ansicht darüber hätten unterdrücken sollen. Es muss\ndie Kunst des Musikers, ja, wenn man es ganz nüchtern\nausdrücken will, das Handwerk des Tonsetzers vor gänz-\nlicher Verkennung geschützt und zugleich die musicalischen\nIntentionen und Inspirationen desselben davor bewahrt wer-\nden, als Erzeugnisse einer vorbedachten Reflexion darge-\nstellt zu werden. Diejenigen, welche die letztere bis zu\nausgesponnenster Feinheit Behufs einer so genannten Cha-\nrakteristik bei den alten Meistern, und zwar aus Verehrung\nfür sie, geltend machen wollen, scheinen nicht zu fühlen,\nwie sehr sie dadurch den Verächtern der monumentalen\n\\\nKunstwerke, den Anhängern der Poesie- und Rellexions-\nMusik in die Hände arbeiten, was doch sicherlich keines-\nwegs ihre Absicht ist. Sie leisten aber dem System der\nneuesten Schule offenbar Vorschub, wenn sie das Musica-\nlisch-Schöne in den Classikern von aussen her, erklären\nund auf dieselbe Weise loben oder tadeln wollen, auf\nwelche die Jünger jener Schule ihre Art, zu componiren,\nzu rechtfertigen suchen.\nAusser der Semele bringt die Lieferung der Hän-\ndel-Gesellschaft für 1860 noch das Oratorium Theo-\ndora. Der beregte Artikel in der Kölnischen Zeitung sagt\ndarüber unter Anderem in Bezug auf den Inhalt*):\n„Es zählt eben so wie Semele in den höchsten Rang\nder Händel'schen Werke und ist in Deutschland völlig un-\nbekannt.—Es hat eine nüchterne englische protestantische\nFeder diese Legende aus einem massigen verständigen Sinne\ngefasst und behandelt; in Text und Musik ist nichts von\nder ungesunden Ueberfrömmigkeit, nichts von der bigotten\nVerzücktheit, die den poetischen Martyrersagen so häufig\nankleben. Man kann von dem heidnischen zu dem christ-\nlichen Drama übergehen und von diesem zu jenem zurück-\nwandern, und aller tendentiäre Geist wird schweigen; so\nsehr sieht das Kunstwerk da und dort auf seinen eige-\nnen Füssen und thut dem Einen Stoffe seine Gerechtigkeit\nwie dem anderen. Aber es ist allerdings, als träte man in\neine andere Welt herüber, wiewohl die heidnische Römer-\nzeit der Cäsaren, in der die Theodora spielt, eine Brücke\nbaut zwischen beiden. Der Statthalter von Antiochien, Va-\nlens, lässt die Feier des kaiserlichen Ehrentages ausrufen,\nmit Tod bedrohend alle, die sich ihr entziehen. Einer sei-\nner Officiere, Didimus, wagt, eine Fürsprache für die An-\ndersgläubigen einzulegen; er ist heimlicher Christ, der\nheimliche Verlobte und Schüler Theodora's, zugleich der\nFreund des Septimius, dem der grausame Auftrag der\nFahndung auf die Religionsfeinde gegeben ist, eines bra-\nven Soldatenherzens, das zwischen disciplinarischer Pflicht\nund duldsamer Gesinnung gelheilt ist. Die nächste Scene\nversetzt in den Kreis der Christen, Theodora's und ihrer\nFreundin Irene, beides, gleich den drei Männern, poetisch\nund musicalisch in der gleichen Consequenz fest gezeich-\nnete Charakterformen. Die Kunst der Zeit- und Locallar-\nbung, in der Händel so einzig ist, spielt in beiden gegen-\n\n*) Uns ist die Abtheilung, welche die Theodora enthält, noch\nnicht zu Gesicht gekommen. Die Redaction."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "259", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.3", "texte": "sätzlichen Scenen in ihrer höchsten Virtuosität. In diesen\nheiligen Cirkel bricht nun Septimius herein, Theodoren\ngewaltsam zum Dienste in dem Heiligthume der Venus\nhinzureissen; es ist eine weitbekannte, berühmte kleine\nArie (Engel, ewig licht und klar), mit der sie den bitteren\nWeg zunächst in den Kerker antritt. Man kehrt zu den\nRömerhaufen zurück, unter denen Valens wieder zu einem\nOpfer für Flora und Venus auffordert, dem Septimius aber\nbefiehlt, die gefangene Theodora noch einmal zur Füg-\nsamkeit zu mahnen, oder sie mit Gewalt znm Dienste der\nGöttin zu reissen. Nun öffnet Didimus dem Freunde Sep-\ntimius sein Herz und Geheimniss und bittet ihn, ihm die\nRettung der Verhafteten nachzusehen. Vor und nach die-\nser Scene weilt man wechselnd bei den Frauen. Didimus\ntritt in das Gefängniss und bleibt statt Theodora's im Ker-\nker zurück und verfällt selbst dem Todesurtheil, das nun\nzugleich über die Entllohene verhängt wird. Im dritten\nTheile, wo ihr dies kund wird, wo sie der Gedanke er-\nfasst, dass sie nur um diesen Preis des Lebens, nicht um\nden der Ehre und des Glaubens, den Freund erretten\nkönne, liefert sie sich selber aus und opfert sich, aber ohne\nden Freund befreien zu können. Dieser Act hat nicht mehr\ndie bewegte Action, wie die beiden früheren, aber der Aus-\nlauf in das Duett der beiden dem Tode Geweihten und\nden tiefsinnigen Schluss Chor schliesst das trefflich zusam-\nmengefasste cohärente Ganze in der erhebendsten Weise\nab, und entlässt den Zuhörer in jener harmonischen Be-\nfriedigung, die Händel's kunstsinniger Stempel jeder seiner\nTragödien aufzuprägen versteht.\"\nFür das Jahr 1861 sind Samson, Alexander-Fest und\ndie Trauer-Hymne auf den Tod der Königin Karolina an-\ngekündigt: drei der grössten Meisterstücke des Tonkünstlers.\n\n„Gesang und Oper“.\nII.\n(I. s. Nr. 32.)\nIn Bezug auf die Gesanglehrer nimmt der Verfasser\nauch kein Blatt vor den Mund und eifert mit vollem Rechte\ngegen die unberufenen und unverständigen Musiklehrer,\nwelche ihre geringe oder seihst tüchtige Befähigung zum\nInstrumental-Unterrichte auch für Gesang-Unterricht ge-\nnügend erachten. Er dringt auch hier auf praktische\nBefähigung und Erfahrung neben den übrigen musicali-\nschen und pädagogischen Erfordernissen. Sowohl gegen die\nInstrumentalisten, als gegen die ausschliesslichen Theore-\ntiker im Gesang-Unterrichte stellt er die ganz richtige An-\nsicht hin, dass die grosse Schwierigkeit der Gesanglehre\ndarin besteht, dass sie nicht, wie der andere Musik-Unter-\nricht, eine in sich geschlossene Methode anwenden kann,\nsondern diese immer nach der besonderen Eigentümlich-\nkeit der zu behandelnden Stimmen einzurichten hat.— Es\nist beim Gesang-Unterrichte allerdings nicht bloss die pä-\ndagogische Berücksichtigung der Individualität des Schü-\nlers nothwendig, sondern die Beachtung der besonderen\nBeschaffenheit des Materials, des Instrumentes, auf dem\neine gewisse Fertigkeit ausgebildet werden soll. Ciavier,\nVioline u. s. vv. bleiben für die mechanische Ausbildung\nüberall dieselben; Tasten und Griffbrett schafft der\nMensch, aber die Kehle und das ganze Gesang-Instru-\nment schafft die Natur. Desswegen müssen wir dem Ver-\nfasser Kecht geben, wenn er gegen die Pedanterci sich\nausspricht, welche, in Verkennung der grossen Verschie-\ndenheiten des menschlichen Stimm-Organs, für die kunst-\ngerechte Behandlung desselben zur Ausbildung für Gesang\nallgemeine und überall gültige Schul-Vorschriften aufstel-\nlen will. Es dürfte allerdings wahr sein, was er S. 56\nsagt: „Auch die Form des Mundes, der Zunge, des Gau-\nmens, der Zähne, und was sonst auf den Klang des Tones\neinwirkt, ist, wie die Form der Gesichtsbildung, eine sehr\nvon einander abweichende, und eine Mundstellung, die\nmeinem Tone den gesundesten und natürlichsten Klang\nverleiht, kann bei einem Anderen diesen geradezu unmög-\nlich machen.\" Wenn wir auch gern anerkennen, dass die\nneueren physiologischen Untersuchungen am Kehlkopfe\nu. s. w. über die Hervorbringung des Sprach- und Gesang-\ntones ein grosses wissenschaftliches Interesse haben, und\ndass deren Resultate, vernünftig und mit Vorsicht und\npraktischem Geschick angewandt, auch Einfluss auf den\nGesang-Unterricht haben können, so können wir doch kei-\nneswegs die sanguinischen Hoffnungen derjenigen theilen,\nwelche von diesen theoretischen Fortschritten eine neue\nAera für Stimmbildung oder gar Umfangs-Ausdehnung der\nStimmen erwarten. Wenn z. B. Dr. Schwarz das Verhält-\nniss der Mund- und Schlund-Oeffnung für die Vocale nach\nGraden festsetzt und bei a die Weite der Mundöffnuntr\n= 5 Grad und die Weite der Schlundöffnung = 1 Grad\nsetzt, bei e 4 Grad und 2 Grad u. s. w., und dann die\nVorschrift gibt: „Will nun ein Sänger einen dieser fünf\nVocale in gleicher Klangfarbe aushalten, so darf er nur\ndie für den betreffenden Vocal einmal angenommene Form\ndes Raumes, durch welchen die tönende Luft ausdiesst,\nunverändert beibehalten\" —, so ist Letzteres unzweifelhaft\nrichtig, aber was die vorausgeschickte Theorie zur Ein-\nübung, zum Sichermachen in diesem Beibehalten beiträgt,\nist = 0.\nIn dem zweiten Hefte (78 S.) geht Herr M. H.\nSchmidt zur Schilderung der Zustände der deutschen\nOper über. Er wahrt sich auch hier wieder seinen Stand-\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "260", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.4", "texte": "punkt, den praktischen, und wenn er von diesem aus un-\nseren Dichtern und Componisten es vor allem Anderen\nzum Vorwurf macht, dass sie höchst unpraktisch ver-\nfahren, so hat er wiederum Recht; denn dieser National-\nfehler der Deutschen ist in der dramatischen Tonkunst\nfast eben so sichtbar, wie in der Politik und das will\nviel sagen.\nDass zunächst die Dichter schlecht wegkommen, kann\nman erwarten; der Verfasser spricht dabei nur Allbekann-\ntes aus. Dass er aber auch den Componisten ihre Unge-\nschicktheit in allem Praktischen recht deutlich vor Augen\nhält, ist sehr löblich und gut, weil es nicht oft gen ug ge-\nsagt werden kann, wie viele von unseren Opern-Compo-\nnisten ihren Werken von vorn herein selbst das Grab\ngraben.\n„Es ist kaum glaublich\" —heisst es S. 7—, „welche\nUnkenntniss des Terrains, auf welchem die Componisten\nzu wirken haben, bei diesen zu finden ist, wie sie ohne alle\nUeberlegung den absurdesten und in Beziehung auf das\npraktische Bedürfniss ungeschicktesten Text hinnehmen\nund in dem selbstgefälligen Glauben, ihre Müsik werde\nalle Mängel desselben—wenn sie diese überhaupt erken-\nnen— vergessen machen, ihre besten Kräfte daran ver-\nschwenden, um von aller Mühe nichts zu ärnten, als eine\nbittere Enttäuschung.\"\nAber ausserdem spricht der Verfasser den deutschen\nComponisten im Allgemeinen auch die praktischen Erfor-\ndernisse zur richtigen musicalischen Behandlung der\nOper ab.\nZunächst rügt er ihre Unkenntniss der Gesangskunst,\ndie mehr oder weniger bei fast allen nach Mozart unver-\nkennbar hervortritt, woraus dann zu erklären, dass sie die\nKunst, sangbar und dankbar zu schreiben, nicht verstehen.\nDie Urtheile, die er über Weber, Spohr, Marschner\nin dieser Beziehung ausspricht, sind voll von treffenden\nBemerkungen. Man würde sich aber sehr irren, wenn man\nihn desshalb etwa für einen blinden Verehrer der so ge-\nnannten italiänischen Melodie halten wollte. Folgende Stelle\nwird ihn dagegen vollständig sichern:\n„W7ie missverstanden und anmaassend es sein würde,\"\nsagt er S. 33 u. II\".— „wenn unsere heutigen Sänger\nnoch verlangen wollten, der Componist solle jede höhere\nTendenz opfern, um ihrer Eitelkeit zu fröhnen, so unver-\nständig ist es, dem Sänger Dinge zuzumuthen, die auszu-\nführen ihm die natürliche Beschaffenheit seiner Stimme,\nseiner Kehle versagt, oder welche ihm die Ausübung sei-\nner Kunst ohne Noth erschweren.\n„Haben den Verfall der Gesangskunst nicht die Com-\nponisten selbst hervorgerufen? Ist es möglich, bei solchen\nAnforderungen an Umfang und Ausdauer der Stimme an\neine Schonung und Pflege derselben zu denken? bei sol-\nchen Zumuthungen an Ueberwindung eben so heimtücki-\nscher als zweckloser Schwierigkeiten, bei solch unmässi-\nger, erdrückender Instrumentirung noch in freier Schön-\nheit, in seelenvoller, hingebender Innigkeit, in voller er-\nschöpfender Beherrschung der gebotenen Aufgabe singen\nzu können? Nicht der Sänger, nein, viel unwürdiger, die\nLunge, die rohe materielle Kraft ist zur Herrin der Oper\ngeworden, und die Componisten einzig und allein haben\nsie dazu gemacht.\n„Um mich jedoch gegen jede Missdeutung sicher zu\nstellen und nicht etwa der Meinung Raum zu geben, als\nob ich in der Anforderung für den Sänger von einem für\ndiesen zu günstigen, folglich beschränkten Standpunkte\nausgehe, muss ich mich schon so deutlich, wie möglich,\nerklären.\n„Herr Brendel spricht die Behauptung aus, dasä\nBeethoven in seinem Fidelio grössere Anforderungen\nan die Sänger stelle, als irgend ein Zukunfts-Componist,\nund namentlich als Wagner.\n„Indem ich nun dieser Behauptung auf das entschie-\ndenste entgegentrete und die meinige dagegen aufstelle,\ndass im ganzen Fidelio kein Tact, geschweige denn ein\nMusikstück zu finden ist, mit dem ein wirklich gebildeter\nSängersich nicht ohne sonderliche Mühe abzufinden wüsste,\nwird sich mein Standpunkt für die Anforderungen des\nSängers auch auf das unzweideutigste manifestiren. Ich\nweiss recht wohl, dass sich der Vorwurf der Unsangbar-\nkeit zunächst an die Arie des Florestan wendet, indem man\nzugleich den Tadel damit verbindet, dass ein halb verhun-\ngerter Mensch noch eine Arie singen müsse, zu der eine\nso bedeutende Kraftanstrengung erforderlich sei. Schade\nnur, dass die Schuld hier einzig und allein an der unge-\nnügenden Erkenntniss und nicht an Beethoven liegt, der\ndiese Arie vielmehr mit überraschender Genialität psycho-\nlogisch und physich eben so wahr als erschütternd gezeich-\nnet hat. Freilich ist Florestan ein von Hunger und Kerker-\nleiden entkräfteter Mensch; aber die nervöse, an Wahn-\nsinn gränzende Aufregung, in welche ihn die Vision ver-\nsetzt, in der er seine geliebte Leonore, als einen ihm zur\nFreiheit winkenden Engel, erblickt, gibt ihm eben sowohl\neine fast übermenschliche Kraft, als einer Fieberkranken\ndie eintretende Nerven-Affection, in deren Wirkungen sie\nkaum von den kräftigsten Männern zu bändigen ist. Nach-\ndem aber Florestan den Culminationspunkt seiner Aufre-\ngung erreicht hat, stürzt er gebrochen auf sein Lager zu-\nrück, und Beethoven zeichnet nun aufs wunderbarste in\ndem Nachspiel, wie des Armen Lebensgeister schwinden,\nund er in einen todtenähnlichen Zustand zurücksinkt. Wenn\nder Sänger des Florestan nur die Noten singt, ohne Geist,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "261", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.5", "texte": "ohne tieferes Verständniss, ohne dramatische Erreeuns\nO O\nund ohne jenen Enthusiasmus, zu dem eine solche Aufgabe\nherausfordert und hinreisst, dann allerdings hat die Ober-\nflächlichkeit mit ihrem Urtheil Recht, und es ist ihr nicht\nzu verargen, wenn sie ihre eigene Kurzsichtigkeit dem Mei-\nster als Sünde zurechnet. Noch sei erwähnt, dass Beetho-\nven in dieser Arie den Tenor bis zur äussersten Gränze\nseines Umfangs gefühlt hat, was aber ebenfalls durch die\naussergewöhnliche Situation nicht allein gerechtfertigt, son-\ndern auch motivirt ist. Sonstige technische Schwierigkeiten,\nwelche sich gegen die Natur und Kunst eines tüchtigen\nSängers auflehnten, sind darin nicht gegeben. Stelle ich\njede Naturwidrigkeit in dieser Arie entschieden in Abrede,\nso ist ein solcher Vorwurf gegen den noch übrigen Theil\nder Oper um so weniger zulässig, als keine der anderen\nNummern ähnliche Schwierigkeiten für den Sänger dar-\nbietet. Nie treibt Beethoven im Fidelio die Stimmen über\nihre natürliche, ja, nicht einmal über ihre bequeme Gränze,\nund steigert dieselben nur da, wo der Affect, die wild stür-\nmende Leidenschaft, der Jubel der Wonne u. s. w. es noth-\nwendig macht; eben so wenig lässt er sie dauernd in einer\nanstrengenden Lage verweilen, wodurch die Kehlmuskeln\nbis zur Ermüdung geschwächt würden. Nirgends findet\nder Sänger aussergewöhnliche Schwierigkeiten oder ver-\nfängliche Intervalle; überall ist die Melodie eben so einfach\nals natürlich und lliessend, die Declamation bewunderns-\nwürdig correct und die Form der Musikstücke ohne er-\nschlaffende Ausdehnung. Auch die orchestrale Behandlung\nist bei höchster charakteristischer Färbung im Allgemeinen\ndiscret, ohne die Singstiminen zu decken, und wenn man\nin früherer Zeit Beethoven den Vorwurf machte, die Rache-\nArie des Pizarro sei zu stark instrumentirt, so ist ein sol-\ncher Vorwurf jetzt nicht mehr zulässig, seitdem die moder-\nnen Componisten ihn nicht nur darin weit überboten, son-\ndern die kräftige Behandlung des Orchesters theil weise zu\neinem unmotivirten Lärm und Speclakel gesteigert haben,\nwelcher sowohl alle Charakteristik ausschliesst, als er dem\nSänger die Möglichkeit entzieht, ihn noch zu beherrschen.\nEs ist hieraus ersichtlich, wie so ganz und gar unbegrün-\ndet die Behauptung ist, welche Brendel in Beziehung auf\ndie Unsangbarkeit des Fidelio aufstellt, und dass es ihm\nvielmehr nur darum zu thun war, in Beethoven eine ge-\nwiegte Autorität anzuführen, die ihm zur wirksamen Ab-\nwehr gegen die nur allzu sehr begründeten Vorwürfe die-\nnen sollte, welche in Betreff ihrer höchst mangelhaften\nGesangskunde neuere Componisten treffen. Man wird aber\nzu gleicher Zeit daraus entnehmen, in welchem Sinne ich\ngegen d ie Verhöhnung des Sängers protestire, und dass\nich nicht verlange, der Opern-Componist habe nur der\nEitelkeit jener Sänger zu.fröhnen, deren ganze Kunst sich\nauf ihre Kehlferligkeil beschränkt. Wohl aber beanspruche\nich die gewissenhafteste Berücksichtigung solcher Sänger,\nwelche neben ihrer eigentlichen Gesangskunst auch die aus-\nreichende 'Fähigkeit besitzen, den declamatorischen und\ndramatischen Theil ihrer Aufgabe zur vollsten Geltung zu\nbringen und dem Dichter und dem Componisten zugleich\nin erschöpfender Weise gerecht zu werden. Diese sind denn\ndoch nun einmal ohne Widerrede, so lange es ein musica-\nlisches Drama gibt, die Träger desselben, und werden es\nauch wohl für alle Zeiten bleiben, wenn auch immerhin die\nneue Schule dies abgeschmackt und lächerlich findet.\"\n„Freilich sagt diese\" so heisst es schon vorher (S.\n30, 31) —: „ „Was bleibt ihr Sänger zurück in der alten\nBeschränkung und Beschränktheit, wo sich Alles so gewal-\ntig entwickelt und die unbequemen Fesseln sprengt?\" \"\nIst denn in der musicalischen Kunst jede Schranke gefal-\nlen, jedes Naturgesetz aufgehoben? Mir ist noch kein\nSänger begegnet, dessen Stimme sich um ein paar Octa-\nven hätte erweitern lassen, wie ein Ciavier; an dessen\nKehle man Klappen hätte anbringen können, wie an Flö-\nten, Clarinetten, Hörnern und Posaunen, oder an dessen\nLungen man einen wirklichen Blasebalg applicirt hätte,\num lür die an ihn gestellten wahnwitzigen Anforderungen\ndie nöthige Ausdauer zu gewinnen. Die einfältige Natur\nder menschlichen Stimme ist verzweifelt conservativ geblie-\nben! Der Sänger hat durch die Ausbildung des Maschi-\nnenwesens, durch die Anwendung der Dampfkraft und alle\ngalvanischen und elektrischen Kräfte noch keine Erleichte-\nrung gewonnen. Der Umfang seiner Stimme ist heute noch\nderselbe, der er immer war, die so genannten Register\nscheiden sich noch an derselben Stelle, wie ehedem, und\nder Sänger hat noch stets die alte Mühe und Ausdauer\nnöthig, dieselben zu vermitteln, um eine gleichmässige\nScala zu gewinnen. Die Gesetze der Intonation haben sich\nin nichts geändert, und der Sänger muss sich, wie immer,\nmit den heimlichen, sehr subtilen Schwierigkeiten dersel-\nben vertraut machen. Auf eine deutliche und schöne Aus-\nsprache hat er nach wie vor seine grösste Mühe zu ver-\nwenden, und auf Kosten seiner Stimme sich durch alle\nmöglichen Gesangs-Stilarten zu würgen. DasStimm-Organ\nist fortwährend der empfindlichsten Natur und will mit der\ngrössten Sorgfalt herausgebildet werden; auch bedarf es\nzu seiner Entwicklung der naturgesetzmässigen Zeit, und\nwill geschont und gepflegt sein, um erhalten zu werden.\nDie Blüthezeit des Sängers ist immer noch eine kurze, und\nin der Regel der jugendliche Schmelz seiner Stimme be-\nreits verschwunden, wenn er etwas Achtungswerthes ge-\nlernt hat. Der Sänger hat noch bis jetzt, trotz aller Errun-\ngenschaften, zu seiner Kunst das selbstständigste musicali-\nsche Talent nöthig; er hat die kürzeste Zeil zu seiner Ent-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "262", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.6", "texte": "wicklung und mehr Schwierigkeiten zu überwinden, etwas\nTüchtiges, Hervorragendes zu bieten, als der Meister in\nirgend einer Musikgattung; denn in keiner derselben ha-\nben mehr unumgänglich nothwendige Bedingungen zusam-\nmen zu treffen, als in einer künstlerisch schönen Gesang-\nleistung, obgleich keine andere Leistung einer solchen Be-\nschränkung, einer ähnlichen Abhängigkeit von der Materie,\nder Technik, unterworfen ist. Alle allen, gesangskundigen\nMeister haben nun allerdings dafür auch eine rigorose\nRücksicht gehabt, und in Italien, der Wiege der Gesangs-\nkunst, schreiben noch heute die Componisten nicht nur\ngesangmässig, sondern sie suchen auch vorzugsweise das\nin Anwendung zu bringen, worin der Sänger exceiiirt, und\ndagegen das zu vermeiden, was ihm schwer wird, und zwar\naus dem einfachen Grunde, weil der Sänger nicht schön,\nnicht künstlerisch frei singen kann, wenn ihn technische\nUnbequemlichkeiten daran hindern.\n„Das sind nun freilich sehr einfältige Leute! die neue\ngeniale Anschauung gibt sich mit solchen Lappalien nicht\nmehr ab, sie ruft den Sängern zu: „ „Wir können uns in\nunserem kühnen Fluge nicht mehr um euch bekümmern,\nnicht ferner unseren Genius aus Rücksicht für eure alberne\nKehle in seiner Phantasie beschränken! Wir schreiben für\ndie Stimme, wie es uns in Kopf und Feder kommt; seht\nzu, wie ihr damit fertig werdet! Früher wäret ihr aller-\ndings die Herren des musicalischen Drama's, der Hörer\nwurde durch euch gerührt, gehoben, erschüttert, es wurde\nihm durch euch das Verständniss erschlossen; aber das ist\nabgeschmackt! Wir richten unsere dramatische Musik\ngleich so ein, dass das Instrumentale schon den ganz be-\nstimmten erschöpfenden Ausdruck gibt, euch also über-\nflüssig macht; und wenn wir keine Sänger haben, die un-\nsere Musik singen können, so werden Flöten, Clarinetlen,\nFagotte u. s. w. eure Stellen vertreten.\"\" Wahrlich!\nwären die heutigen Sänger in der Mehrzahl das, was sie\nsein sollten, wären sie in der grossen Kunst, deren Namen\nsie tragen, so heimisch, wie sie es sein müssten, d. h. wirk-\nliche Gesangskünstler, und nicht zum grössten Theile so\nverirrt, so verwahrlost, so bar aller Einsicht und höheren\nIntelligenz, aller idealen Kunstanschauung, aller Methode\nund edleren Strebens, sie würden bald die Componisten\nlehren, nicht allein gesangmässig, sondern auch dankbar\nzu schreiben.\"\nUnter den Rathschlägen für Componisten über die\nBehandlung der Oper im Allgemeinen sind unter anderen\nfolgende um so beachtenswerther, je mehr sie von den\nNeueren vernachlässigt werden.\n„Ist die scenische Einrichtung mit Bühnenkenntniss\nhergestellt, dann muss die Folge der Musikstücke geordnet\nwerden, wobei das praktische Geschick des Componisten\nsich thätig zu erweisen hat. Soloslücke, Ensembles, Chöre,\nAlles stehe an seinem Platz, namentlich sei der Bau der\nFinales der durchdachtesten Anordnung unterworfen, über-\nall gehe die dramatische Präcision mit der musicalischen\nHand in Hand. Kein Musikstück sei zu kurz, wo die\nlyrische Empfindung eine Ausbreitung zulässt\noder verlangt, keines zu lang, wo die Handlung\nvorwärts drängt; Alles habe Maass und wohlerwogenes\nZiel. Auch wo der Hörer der Ruhe bedarf, sei wohl\nüberlegt; denn eine allzu lange geistige Anspannung bringt\nnur Abspannung, und steht ein Musikstück nicht an der\nrechten Stelle, so dass dem Hörer die volle Aufmerksam-\nkeit, die Frische des Empfängnisses dafür fehlt, dann geht\noft des Componisten Liebstes und auf dessen Erfolg er am\nsichersten gerechnet hat, verloren.\"\nUeber die musicalische Ausdrucksweise in der Oper\nhaben uns folgende Stellen am meisten angesprochen:\nS. 22. „Während der eine Componist die Worte nur\nals Faden gebrauchte, womit er seine Tonreihen zusam-\nmenhielt, will sich der Andere jeglicher musicalischen Frei-\nheit und schmückenden Belebung enthalten und nur noch\ndie Melodie der Sprache gelten lassen.\n„Beide Bichtungen dürfen wir wohl in ihrer Extre-\nmität als extravagant bezeichnen; denn so weit die abso-\nlute musicalische Melodie, welche jede innere Verbindung\nmit den Worten verläugnet oder aufhebt, sich von der\neigentlichen dramatischen Musik entfernt, so eng und zu\neiner unnöthigen Dürftigkeit schrumpft diese in der Me-\nlodie der Sprache zusammen. Dort mangelt die Wahrheit\nund hier die freie Schönheit.\n„Beide Eigenschaften sind aber in keinem Kunstwerke\nzu entbehren, folglich auch in der Oper nicht. Der Opern-\nComponist soll daher beide in gleicher Weise berücksich-\ntigen. Bleibt er in wahrhaft künstlerischer Gesinnung beim\nSchaffen der Natur der Sache treu und frei von jener ver-\nführerischen Neigung, mit Absicht musicalische Effecte er-\nzielen oder sinnlich wirken zu wollen, dann wird er die\ndramatische Wahrheit erreichen. Ist er dabei reich genug\nan Erfindung und durchdrungen von der selbstständigen\nMacht seiner Kunst und von Begeisterung für seine Auf-\ngabe erfüllt, so wird er auch dem rein Musicalischen genug\nthun, um die Schönheit nicht vermissen zu lassen, und auf\ndiese Weise sowohl vor Ausschweifung und Unnatur, als\nvor armseliger Dürftigkeit bewahrt bleiben.\n„Dem Dichter eines Opernbuches können dieselben\nAnforderungen, welche an einen dramatischen Dichter\nüberhaupt zu stellen sind, nicht erspart bleiben. Nur muss\ner gleichsam aus der Seele des Musikers dichten und wis-\nsen, wie viel dieser für seine künstlerische Wirksamkeit\nübrig zu behalten hat. Seine Haupt-Aufgabe besteht dem-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "263", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.7", "texte": "/\nnach in jener Enthaltsamkeit, die bei vollständiger Anlage\nund scharfer Zeichnung des Drama's dein Tonsetzer die\nausführliche Belebung anheimstellt. Der Dichter muss in\n<ler Ausführung das vermeiden, wodurch der Musiker in\nseiner Theilnahme beengt oder beeinträchtigt wird. Alle\nAbstractionen, alle scharfsinnigen Combinationen, die an\nden Verstand des Zuhörers appelliren, hat er ebenfalls, als\ndem Charakter der Oper fremd, auszuschliessen, dafür\naber für Gefühls-Erregungen, Leidenschaften und leben-\ndige Situationen genügenden Stoff zu bieten; auch darf die\nDiction nicht zu vollkernig, zu reflectirend, sondern muss\nder musicalischen Behandlung fähig sein. Er bleibt trotz-\ndem, wenn er seine Aufgabe recht begreift und erfüllt,\ndurchaus selbstständig, und arbeitet zwar dem Componisten\nin die Hände, jedoch ohne sich demselben sclavisch unter-\nzuordnen.\n„Das Verhältniss des Tonselzers zum Dichter ist eben-\nfalls ein durchaus selbstständiges. Zwar hat er die künst-\nlerische Anregung, die schöpferische Begeisterung vom\nDichter zu empfangen, aber nicht nur, um ihm zu dienen,\nsondern um, vom Stoff getragen, ihn in freier Schöpfer-\nkraft und zugleich in jener ideellen Weise zu beleben und\nzu beseelen, wie es seine Kunst nicht nur erlaubt, nein,\ngebietet. Hat folglich der Componist eine Dichtung in\nsich aufgenommen und sich aufs innigste von ihr durch-\ndringen lassen, dann wird es ihm auch nicht möglich sein,\neine Musik zu schaffen, welche gleichsam nur neben dem\nlexte herläuft; es wird vielmehr ein unzertrennbares Gan-\nzes werden,, in dem sich zwei geistige Potenzen zu Einem\nGefühle, zu Einer Wirkung in einander verschmelzen.\nDass dieses nicht durch die so genannte Melodie der Spra-\nche erreicht werden kann, begreift s:ch, weil in dieser der\nComponist ängstlich den Accenten der Worte folgen muss\nund die musikalische Belebung dann weiter nichts ist, als\nein farbiges Nachziehen der vorn Dichter vorgezeichneten\nContoure. Und dies heisst nicht nur die musicalische Kunst\narm machen, nein, auch den Componisten unter den Dich-\nter herabwürdigen. Der Erstere aber bedarf der eigenen\nErhebung und fliegt mit dem Dichter verschlungen den\nkühnen Flug der Phantasie, jedoch nicht an dessen Füssen\nhangend, um von ihm hinauf getragen zu werden.\n»Man wende nicht ein, dass in der Melodie der Spra-\nche einzig und allein die dramatische Wahrheit, die un-\nfehlbar richtige musicalische Declamation bestehe; denn\ndie Musik folgt in dieses» Bedingungen höheren Gesetzen,\nals die Sprache, ohne sich desshalb der Wahrheit zu ent-\nfremden.\n„Will der Dichter aber ungeschmälert dramatischer\nDichter bleiben, will er nichts unausgesprochen lassen, was\nnur immer zur Charakterisirung seiner Personen dienlich\nund notwendig ist, nun, dann ist die musicalische Bele-\nbung überflüssig. Sobald es jedoch darauf abgesehen ist,\nauch (lii musicalischen Kunst noch eine Betheiligung zu\ngewähren, muss auch die ganze Conception von vorn herein\ndanach angelegt werden, um dem Componisten hinlängli-\nchen Baum zur freien künstlerischen Verwendung seiner\nMittel zu bieten.\n„Mit dieser Bedingung ist dann die so genannte Melo-\ndie der Sprache unmöglich gemacht; kein begabter Com-\nponist wird sich freiwillig des Reichthums seiner Kunst be-\ngeben, um sich peinlich an die Sylben des Dichters zu\nheften. Mit der Melodie der Sprache verzichtet auch der\nComponist auf die Idealisirung der Charaktere, und welche\nunbegränzte Macht gerade in dieser Beziehung der Musik\ngegeben ist, das tritt uns nirgends in ausdrucksvollerer\nWeise entgegen, als in Figaro's Hochzeit, der Zauberflöte\nund Fidelio. Was würde wohl aus diesen Opern geworden\nsein, wenn der Componist seinen Genius nicht frei hätte\nwalten lassen?\n„Wie gerechtfertigt daher auch immer die Forderung\nsein mag, dass der Componist dem Texte hinsichtlich\nder Situation versteht es sich von selbst —die grösste Auf-\nmerksamkeit zuwende und sich der rein musicalischen Wir-\nkung wegen nicht von der dramatischen Wahrheit ent-\nferne, so darf er doch eben so wenig auf jene höhere Be-\nseelung verzichten, die der Wahrheit einen Zauber ver-\nleiht, welcher nur der Musik gegeben ist. An die Blusion\ndes Hörers hat das gesungene Drama unter allen Um-\nständen zu appelliren, wenn sich die musicalische Behand-\nlung auch auf» knappste an die Worte hält; ein Mehr oder\nW eiliger sobald es nur nicht die Gränzen der Wahr-\nscheinlichkeit übersteigt, kann nicht von erheblichem Be-\nlang sein, und noch weniger berechtigen, ein neues Kunsl-\nprineip daraus abzuleiten.\"\nAuf den letzten Seiten (S. 53 78) spricht der Ver-\nfasser über die wesentlichen Eigenschaften des Opern-\nDirigenten und des Opern-Regisseurs.\nIm Ganzen sind beide Hefte, abgesehen von einigem\nMangel an übersichtlicher Disposition, welcher Wiederho-\nlungen und Einschiebungen veranlasst, inhaltsreich und\nmit lebendigem Interesse geschrieben, und wir wünschen\nihnen recht viele Leser, besonders unter denen, welche es\nnöthig haben, zum Bewusstsein über sich selbst und ihren\nBeruf zu kommen. Bei der Fortsetzung dürfte etwas\nmehr Conc.sion und mehr Berücksichtigung des in der\nmusicahschen Literatur über ähnliche Themata bereits\nVorhandenen zu wünschen sein."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "264", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610817-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKolli« Den gegenwärtig hier versammelten Mitgliedern der\ndeutschen Kunstgenossenschaft zu Ehren hatte das Fest-\nComite am Mittwoch den 14. d. Mts. ein Concert im Gürzenich\nunter Leitung des städtischen Capellmeisters Herrn F. Hiller ver-\nanstaltet. Das Programm brachte: HändeTs Hallelujah aus dem\nMessias; Weber1 s Oberon-Ouverture; „0, weint um sie\", für Solo,\nChor und Orchester von F. Hill er; Andante und Variationen für\nPiano und Violine (aus Op. 47) von Beethoven (die Herren Hil-\nler und von Königslöw); drei Lieder von Mendelssohn,\nWob er und Hiller (Fräulein Em. Genast); Zigeunerleben von\nSchumann; Sinfonie Nr. VII. in A-dur von Beethoven.\nBerlin* Besondere Theilnahme hat unter Sachverständigen die\nmusicalische Abtheilung der G ö t h e-Aus s t el 1 ung erweckt, in wel-\ncher die Coinpositionen Göthe'scher Dichtungen von den bedeutend-\nsten Meistern zusammengeordnet sind, von Mozart, Beethoven, Rei-\nchardt, Zelter, Curschman, Löwe, Schubert, Mendelssohn, Schumann,\nviele davon in den Original-Handschriften, welche auch für den\nLaien etwas Anziehendes haben. I>er Verein aller Künste um den\ngrossen Meister der deutschen Dichtung gewährt einen Eindruck von\nseltener Erhabenheit.\nGegen den Buchdruckerei-Besitzer Herrn Trowitzsch war die An-\nklage wegen Nachdrucks erhoben, weil er in die von ihm heraus-\ngegebene Sammlung „Sechs schöne neue Lieder\" einige Couplets aus\nden Possen „Berlin, wie es weint und lacht\" und „Doctor Peschke\"\naufgenommen hatte, deren Verlag dem Buchhändler Behrend von\ndem Dichter Kaiisch übertragen worden war. Nachdem der Process\nmehrere Stadien durchlaufen, hatte das Kammergericht den Ange-\nklagten zu 50 Thlrn. Geldbusse und zugleich zu einer Entschädi-\ngung des pp. Behrend auf Höhe von 10 Thlrn. verurtheilt. Das k.\nOber-Tribunal hat das Erkenntniss bestätigt und die Nichtigkeits-\nbeschwerde .zurückgewiesen.\nUeber das erste deutsch-österreichische Sängerfest\nzu Krems und Stein an der Donau (beide Städte hangen zusam-\nmen), das am 29. und 30. Juni Statt fand, ist uns eine kleine Bro-\nschüre (Wien, Druck von Jacob & Holzhauser) zugegangen, der wir\nFolgendes entnehmen: Es waren im Ganzen !24 Vereine von 195 bis\n10 Mitgliedern da und 11 waren durch Abgesandte (8 bis 2 Perso-\nnell) vertreten; zusammen i 034 Sänger. Eine Menge von deutschen\nFahnen wehte aus den Fenstern; die meisten Häuser waren auch\nmit Sinnsprüchen verziert, z. B.: „Das Haus hat keinen Herren heut,\nDen Sängergästen sei es geweiht!\" „Wer und woher? Das gilt\nuns gleich; Haus und Herz gehören euch!\" „Lied wird That\nFrüh oder spat!\" Es ist eine hübsche Sitte der süddeutschen\nSängervereine, dass jeder Verein seinen „Wahlspruch\" hat, gewöhn-\nlich mit einem Reim und vierstimmig componirt; bei der Ankunft,\nso wie beim Auftreten ertönt jedes Mal zuerst der Wahlspruch. So\nwar es in Krems (auch in Nürnberg). Es wurde im Freien ge-\nsungen, für die Sänger war eine Bühne errichtet, rings von Grün\numgeben, mit einem Geländer von künstlich verschlungenen Baum-\nästen vor der Brüstung, und von den Sitzplätzen des Publicums\n(3000) durch Blumenbeete und einen Springbrunnen getrennt. Die\nGesammtchöre gingen, wie es bei kaum einer Probe nicht anders\nmöglich war, höchst mittelmässig; der Dirigent Willvonseder aus\nKrems leistete alles, was zu leisten war. Am stärksten und besten\nvertreten waren Wien durch den Männergesang-Verein mit 195, den\nakademischen Verein mit 134, den Sängerbund mit 84, den Techni-\nker-Verein mit 45 Mitgliedern; Krems war mit 56, Linz mit 53\n(„Frohsinn\") und 41 (?,Sängerbund\") Mitgliedern vertreten. Alle Sän-\nger waren gastlich aufgenommen. Von den Einzel-Vorträgen zeichnet\nder Bericht den der Liedertafel „Frohsinn\" von Linz aus, dann\nden Männergesang-Verein und den Sängerbund von Wien, den Ver-\nein von Wels u. s. w. Zum Schlüsse wurde Arndt's Vaterlands-\nlied gesungen.\nParis* Das Journal Le Monde (früher I? Univers) enthält eine\nsehr anerkennende Beurtheilung der bedeutenden und für die Kir-\nchenmusik so wichtigen Verlags-Artikel von Pustet in Regens-\nbürg, die Musica divina, herausgegeben von Proske, und das\nEnchirldion Chorale von J. G. Mettenleiter. Beide Werke wer-\nden als eine glückliche Vorbedeutung und nothwendige Erscheinung\nfür die Verbesserung der religiösen Musik und des gregorianischen\nGesanges in der katholischen Kirche bezeichnet (Beides thut freilich\nin Frankreich sehr noth!), und „der Einfluss des gelehrten und mu-\nsikbegeisterten Deutschlandsist in allen musicalischen Dingen zu\nwichtig, als dass er sich nicht überall fühlbar machen sollte, wo\nsich die ernsten Fragen über die wahre Grundlage der Kirchenmusik\nerheben.\" Auch die treffliche Ausstattung der Werke von Seiten der\nVerlagshandlung wird gerühmt.\nIjOfldoil* Die berühmte Sängerin Katharina Hayes ist am\n13. August zu Sydenbam an den Folgen eines Blutsturzes gestor-\nben. Sie war erst 40 Jahre alt. In Irland geboren, sang sie vorzüg-\nlich irische und schottische Balladen sehr schön, war aber auch als\nConeertsängerin in England und besonders in America sehr gefeiert.\nPetersburg* General Alexis Lvoff hat seines vorgerück-\nten Alters halber den Czaaren um Entlassung von dem Posten des\nDirectors der kaiserlichen Capelle gebeten. Der Kaiser hat den\nWunsch gewährt, zugleich befohlen, dass in Anerkennung der her-\nvorragenden Dienste, welche Lvoff während des fünfundzwanzigjäh-\nrigen Dienstes der Kunst und insbesondere Russland geleistet, das\nihm die Erhebung der kaiserlichen Kirchencapelle zu einem berühm-\nten Institute verdankt, ihm die Ehrentitel eines „Senators und Maitr*\nde le eour\", so wie die damit verbundenen Emolumente auf Lebens-\nzeit erhalten bleiben. Geh Rath ist zu Lvoff's Nach-\nfolger ernannt."}]}