{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-08-24-01", "volume": "bmtnabi_1861-08-24_01", "ocr_sha256": "07e241c528206c36c95e9e2a47036d3bfbf320eab785378fbbfd75a53daa50dd", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/08/24_01/bmtnabi_1861-08-24_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-08-24-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-08-24_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-08-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "265", "page_fin": "265", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "265", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 450, "texte": "Inhalt.\nAns Lorenzo da Ponte's Denkwürdigkeiten. 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Text zu Figaro's\nHochzeit.\nIch führte in Wien ein müssiges Leben, und das Geld,\nwelches ich von Dresden mitgebracht hatte, war beinahe\nganz ausgegeben; ich konnte aber nicht vergessen, dass\nich in Padua von schwarzen Oliven gelebt und mich wäh-\nrend einer gezwungenen vierzigtägigen Fastenzeit aus dem\nWasser der Brenta getränkt hatte. Ich begann also einzu-\nsehen, dass ich an Einschränkungen denken müsse; statt\neine Wohnung in der Stadt zu behalten, die mir zu theuer\nkam, wählte ich ein bescheidenes Zimmerchen bei einem\nSchneider in der Vorstadt Wieden.\nIch hatte durch das Gerücht vernommen, der Kaiser\nsei gesonnen, ein italiänisches Theater in seiner Haupt- und\nResidenzstadt wieder zu eröffnen. Metastasio war vor Kur-\nzem gestorben, und ich hatte den Ehrgeiz, mich zum Hof-\npoeten ernennen lassen zu wollen. Ich suchte Salieri auf;\ner begnügte sich nicht damit, meiner Hoffnung zu schmei-\ncheln, sondern bot sich sogar an, sich für mich bei dem\nGeneral-Intendanten der Schauspiele, Grafen Rosenberg,\nzu verwenden und, wenn's sein müsste, beim Kaiser selbst,\nder ihn mit einer ganz besonderen Gunst beehrte. Wirk-\nlich manövrirte er so gut, dass das erste Mal, wo ich die\nEhre hatte, dem Kaiser vorgestellt zu werden, dies nicht\ngeschah, um ihm meine Bitte vorzutragen, sondern um ihm\nmeine Danksagungen darzubringen. Obgleich das Lob Jo-\nseph's 11. aus Jedermann's Munde erklang, und er aller-\nwärts als der vollendetste Fürst genannt wurde, flösste mir\ndoch der Gedanke, dass ich vor ihm zu erscheinen aufee-\nfordert war, ein unüberwindliches Gefühl von Schüchtern-\nheit ein.\nIch hatte sagen gehört, dass er sehr häufig die Men-\nschen nach ihrem ersten Eindrucke beurtheilte. Es schien\nmir, als ob seine Prüfung nicht ganz ungünstig für mich\nausfiele; ich beurtheilte dies nach der Gnade seines Em-\npfanges; er geruhte, mich über meine Privat-Angelegen-\nheiten, mein Vaterland, meine Studien und über die Be-\nweggründe, die mich nach Wien geführt hätten, zu befra-\ngen. Ich antwortete auf Alles so kurz als möglich, und\nmeine fast lakonischen Antworten schienen ihm zu genü-\ngen. Die letzte Frage, die er an mich stellte, war, wie\nviel Dramen ich schon geschrieben hätte.\n. „Keines, Sire!\" antwortete ich.\n„Gut, gut,\" entgegnete er lächelnd, „da haben wir\nalso eine jungfräuliche Muse.\"\nAus Ehrerbietigkeit gegen Salieri vertraute ich diesem\ndie Musik zu meinem ersten Werke an; er war in der That\neiner der ersten Meister seiner Zeit. Ich legte ihm mehrere\nSujets und meine Plane vor, damit er eine Wahl treffen\nkönne. Leider fiel diese Wahl auf ein Sujet, dem alle\nGrundbedingungen eines Erfolgs abgingen: „Der Reiche\n\nI\n*) Denkwürdigkeiten des Lorenzo da Ponte von Ce-\nneda. Aus dem Italiäoischen übersetzt von Dr. Ed. Burck-\nhardt. Gotha, Verlag von W. Opetz. 186 h 348 S. 8. Das\nWerk erschien in einer flüchtigen Uebersetzung in Spindler's\n„Belletristischem Ausland\" 1847. Die uns vorliegende neue\nArbeit lies t sich recht gut. Da Ponte starb in hohem Alter\nden 17, August 1838 in New-York. O. Jahn sagt über\nseine Memoiren (Mozart, Bd. IV., S. 181): „Ich verdanke die\nBenutzung des seltenen Werkes (des Originals, das schon 1823\nerschienen ist) Herrn Scudo in Paris. Es sind darin einzelne\nIrrthümer, besonders in den Zeit-Angaben, nachweislich, und\nes ist auch kaum zu bezweifeln, dass da Ponte seine Person\nmitunter mehr als billig in den Vordergrund stellt. Nichts\ndesto weniger sind seine Berichte lehrreich und der Hauptsache\nnach auch gewiss richtig. Die Darstellung seines Aufenthaltes\nin Wien ist für das Folgende eine, aber mit der nöthigen Vor-\nsicht benutzte Hauptquelle.\"\nDa Ponte war 1749 in Ceneda im Venetianischen gebo-\nren. 1783 wurde er Theaterdichter in Wien, fiel unter Kaiser\nLeopold in Ungnade, ging 1792 nach London und 1805 nach\nAmerica. Es glückte ihm nirgends, sich eine sorgenfreie Exi-\nstenz zu begründen."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5488, "texte": "von einem Tage\". Ich begann meine Arbeit, allein es be-\ndurfte keiner langen Zeit, um mich von dem Unterschiede\nzu überzeugen, welcher zwischen dem Gedanken und der\nAnsführung besteht. Je weiter ich schrieb, desto grösser\nwuchsen die Schwierigkeiten unter meiner Feder und ver-\nvielfältigten sich ohne Ende. Das Sujet bot mir weder eine\ngenügende Anzahl von Charakteren, noch eine Abwechs-\nlung von Vorfällen dar, welche das Interesse desPublicums\nzwei bis drei Stunden lang so lange sollte die Auffüh-\nrung dauern —zu erhalten vermochte. Ich fand meine Sce-\nnen kalt, die Handlung matt, den Dialog trocken, meine\nGedanken trivial und die Gesangstücke schlecht herbeige-\nzogen. Wohl oder übel kam ich mit dem ersten Acte zu\nEnde; nur das Finale fehlte noch; dieses Finale, das sich\ngenau an das Werk anschliesst, muss allein das Stück\nresumiren und ein besonderes Interesse erregen. Hier soll\nsich das Talent des Musikers wie das der Schauspieler\ndarlegen und die ganze Wirkung des Stückes concentriren.\nMan kann sich die Verlegenheit vorstellen, in der ich mich\nbefand; zwanzig Mal wollte ich alles, was ich geschrieben,\nins Feuer werfen und meine Entlassung anbieten. Endlich,\nnachdem ich mir den Kopf zerbrochen, mein Gehirn abge-\nquält und mich allen Heiligen angelobt hatte, gelangte ich\nans Ziel: ich beendigte das Stück. Salieri sah es flüchtig\nin meiner Gegenwart durch und äusserte schliesslich: „Es\nist gut geschrieben; man muss es aber auf den Brettern\nsehen. Es sind sehr hübsche Arietten und Scenen darin,\ndie mir gefallen, dennoch werde ich einige leichte Umän-\nderungen darin vornehmen, mehr um des Effectes der Mu-\nsik willen, als aus einem anderen Grunde.\" Man kann sich\ndenken, welche Freude diese Worte in mir hervorriefen;\nund wie man sich gern das vorredet, was man wünscht,\nso fing ich zu glauben an, dass mein Werk in der That\nnicht so schlecht wäre, als ich es Anfangs beurtheilt halte.\nIn was bestanden jedoch diese „leichten\" Umänderungen?\nFast alle Scenen zu verstümmeln, zu verlängern oder kür-\nzer zu machen, neue Duette, Terzette und Quartette ein-\nzuschalten, mitten in einer Arie das Versmaass zu ändern,\nChöre einzuschieben u. s. w. Die Musik war fertig, das\nWerk sollte eben zur Darstellung kommen, als der bekannte\nAbbate Casti in Wien eintraf, ein Dichter, dessen Huf, den\ner zunächst seinen „Novelle galanti\" verdankte, in ganz\nEuropa wiederhallte; wie vortrefflich auch diese Novellen\nin Bezug auf Poesie waren, so scandalös waren sie hin-\nsichtlich der Moral.\nZu derselben Zeit kam auch Paesiello an, ein bekann-\nter und vom Kaiser geachteter Musiker, der bei den wie-\nner Kunstfreunden hoch angeschrieben war und sich ohne\nNebenbuhler glaubte. Paesiello äusserte den Wunsch, die\nMusik zu einem Drama zu schreiben. Seine Ankunft schlich-\nterte Salieri ein; der „Reiche von einem Tage\" wurde da-\nher bei Seite gelegt, und man sprach in Wien nur noch\nvon Casti und Paesiello. Man stelle sich die Erwartung der\nSchauspieler, des Grafen von Rosenberg, der Freunde Ca-\nsti's und endlich der ganzen Stadt vor; der Name Casti\nerklang von allen Lippen. „König Theodor\" —so lautete\nder Titel der ersten Oper Casti's wurde aufgeführt, und\nder Erfolg war gränzenlos. Wie konnte es auch anders\nsein! die Sänger waren untadelhaft, die Decorationen sü-\nperb, die Costumes prachtvoll, die Musik göttlich; und der\nPoet empfing, mit Lächeln auf den Lippen, alle die enthu-\nsiastischen Glückwünschungen, als gälten sie ausschliess-\nlich seinem Verdienste an dem Stücke.\nErst nach Salieri's Rückkehr aus Frankreich wurde\nder „Reiche von einem Tage\" zum Einstudiren vertheilt.\nDie Hauptrolle war der Storace bestimmt, die damals auf\ndem Höhepunkte ihres Talentes stand und Wien entzückte;\nallein diese Sängerin ward krank; es musste eine andere\nfür sie eintreten und, da man keine Wahl hatte, diejenige\ngenommen werden, die gerade zur Hand war. Unglück-\nlicher Weise war aber die Sängerin, welche zum Ersatz\neintrat, der ihr übertragenen Rolle durchaus nicht gewach-\nsen; das Stück fiel durch. Ich machte mir keine 111 usionen\nüber den Werth des „Reichen von einem Tage\" ; das Li-\nbretto war unbedingt schlecht, die Musik abscheulich ; aber\num die ganze Perfidie meiner Feinde wohl zu verstehen,\nwird es hinreichen, wenn ich sage, dass sie glauben ma-\nchen wollten, mir allein sei das Durchfallen zu verdanken.\nVon diesem Haufen Missgünstiger war nur allein Casti\nwegen seiner Ueberlegenheit, seiner Böswilligkeit und vor-\nzüglich wegen des hohen Schutzes zu fürchten, dessen er\nsich erfreute. Glücklicher Weise hatte ich den Kaiser für\nmich, der sich unter allen Umständen um so eifriger zeigte,\nmich zu vertheidigen, als meine Feinde Heftigkeit in ihren\nAngriffen bewiesen.\n„Dieser junge Mann\", sagte er eines Tages zu An-\ndrea Dolfin, dem venetianiscben Gesandten, der mich eben-\nfalls beschützte, „hat zu viel Talent, um sich nicht den\nNeid Casti's zuzuziehen; aber ich werde ihn schon halten.\nGestern noch suchte Rosenberg, nachdem sein Stück durch-\ngefallen war, mir einzureden, wir brauchten einen ande-\nren Poeten. Casti befand sich in meiner Loge und hoffte\nvielleicht, ich würde ihn zu dieser Stelle ernennen. Ich er-\nwiderte, ich wollte zuvor noch eine zweite Oper von da\nPonte hören.\"\nDer üble Erfolg meines ersten Auftretens hatte ge-\nnügt, mich zu entmuthigen und mich zu verhindern, mich\ndem Kaiser vorzustellen. Da er mich nun eines Tages zu-\nfälliger Weise auf seinem Wege, bei einem seiner Mor-\ngen-Spazirgänge, traf, blieb er bei mir stehen und sagte"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "267", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5180, "texte": "mit der grössten Güte zu mir: „Seien Sie überzeugt, es\nfehlt viel daran, dass Ihre Oper so schlecht ist, wie man\ngern glauben machen möchte. Fassen Sie wieder Muth\nund liefern Sie uns ein Meisterwerk, das sie zum Schwei-\ngen bringt.\"\nEr liess Martini sagen, er solle sich an mich wenden,\nund in Folge dessen besuchte mich dieser und fragte mich,\nob ich nicht ein Stück zu schreiben gesonnen wäre, das\nder Gesandtin von Spanien gewidmet werden sollte, die\nsich dadurch sehr geschmeichelt fühlen würde. [Da Ponte\nverfiel aber in eine Krankheit, und zwar durch eine Art\nvon Vergiftung, die ihm ein Landsmann aus Eifersucht\nbeigebracht hatte.] Es vergingen zwei Jahre, bevor ich\ngänzlich geheilt war und meine Arbeiten wieder vorneh-\nmen konnte. Als Stoff für das erste Drama, das ich Mar-\ntini bestimmte, hatte ich den „ Wohlthätigen Mürrischen\"\ngewählt. Ich machte mich ans Werk. Raum war dieser\nPlan Casti bekannt, als er sich auch, von dem doppelten\nVerlangen beherrscht, Hof-Poet zu werden und sich mei-\nner, den er als das einzige Hinderniss betrachtete, zu ent-\nledigen, beeilte, überall auszubreiten, der Stoff wäre für\neine Opera buffaschlecht gewählt. Er hatte die Kühnheit,\ndiese Worte vor dem Souverain zu wiederholen, der mir\nsagen zu müssen glaubte:\n„Da Ponte, Ihr Freund Casti behauptet, Ihr wohlthä-\ntiger Mürrischer würde nicht zum Lachen reizen.\"\n„Sire,\" antwortete ich, „ich wäre glücklich, wenn er\nihn zum Weinen reizte.\"\n„Das hoffe ich!\" setzte Joseph IL hinzu, der sogleich\nden Doppelsinn begriff.\nDie Oper wurde aufgeführt und gefiel von Anfang\nbis zu Ende. Man sah mehrere Zuschauer und den Kaiser\nselbst sogar die Recitative darin applaudiren. „W?ir haben\ngesiegt!\" sagte Joseph 11. leise zu mir, als er nach der\nersten Vorstellung neben mir in der Vorhalle der Logen,\nwo ich mich aufgestellt halte, vorüber ging. Diese drei\nWorte hatten höheren Werth für mich, als hundert Sei-\nten voll Lobeserhebungen.\nMein Erfolg und noch mehr die ausgezeichnete Gunst,\ndie mir Joseph 11. bezeigte, spornte meine poetische Be-\ngeisterung mehr und mehr an; ich fühlte mich nicht nur\nim Stande, meinen Verlästerern kühn die Stirn zu bieten,\nsondern auch ihre Anstrengungen zu verachten, und ich\nhatte die Genugthuung, alsbald die Componisten sich um\nmeine Libretto's bewerben zu sehen. Es lebten um jene\nZeit zu Wien nur zwei Maestri, die meiner Ansicht nach\ndieses Namens würdig waren: Martini, für den Augenblick\nder Günstling Joseph's 11., und Wolfgang Mozart, den ich\ndamals bei seinem Freunde, dem Baron von Wetzlar, ken-\nnen zu lernen Gelegenheit hatte; Wolfgang Mozart hatte,\nobschon von der Natur mit einem musicalischen Genie be-\ngabt, das vielleicht alle Componisten der Vergangenheit,\nGegenwart und Zukunft weit überstrahlt, in Folge der Ca-\nbalen seiner Feinde noch keine Gelegenheit gehabt, sein\ngöttliches Genie in Wien kund zu geben; er lebte hier\nobscur und verkannt, ähnlich einem Edelsteine, der, in der\ninnersten Erde vergraben, hier das Geheimniss seines Glan-\nzes verbirgt. Ich kann nie ohne Jubel und Stolz daran den-\nken, dass meine Beharrlichkeit und meine Energie zum\ngrossen Theile die Ursache waren, welcher Europa und\ndie Welt die vollständige Entdeckung der wundervollen\nmusicalischen Compositionen dieses unvergleichlichen Ge-\nnie's verdankt. Die Ungerechtigkeit, der Neid meiner Ne-\nbenbuhler, der Journalisten und der Biographen Mozart's\nwerden nie einen solchen Ruhm einem Italiäner wie mir\nzugestehen wollen; aber ganz Wien, alle, welche Mozart\nund mich in Deutschland, in Böhmen, in Sachsen gekannt\nhaben, seine ganze Familie, namentlich der Baron von\nWetzlar selbst, sein enthusiastischer Verehrer, in dessen\nHause der erste Funke dieser göttlichen Flamme auf-\nglimmte, sind Zeugen der Wahrheit dessen, was ich hier\nsage.\nNach dem glücklichen Erfolge des „Wohlthätigen\nMürrischen\" begab ich mich zu Mozart und erzählte ihm,\nwas zwischen Casti, Rosenberg und dem Raiser vorgefallen\nwar. Ich fragte ihn, ob es ihm gelegen sei, eine eigens für\nihn geschriebene Oper in Musik zu setzen.\n„Das würde mit unendlichem Vergnügen geschehen,\"\nantwortete er mir, „allein ich zweifle, dass ich die Erlaub-\nniss dazu erhalte.\"\n„Ich übernehme es, jede Schwierigkeit zu heben.\"\n„Gut dann, drauf los!\"\nIch dachte noch bei mir über die Wrahl der Sujets\nnach, die ich zwei so entgegengesetzten Talenten wie Mar-\ntini und Mozart übergeben wollte, als ich einen Befehl der\nIntendanz empfing, wonach ich ein Drama für Gazzaniga,\neinen ganz guten, aber aus der Mode gekommenen Com-\nponisten schreiben sollte. Um mich so schnell als möglich\ndieser langweiligen Aufgabe zu entledigen, wählte ich eine\nfranzösische Romödie: „Den hellsehenden Blinden\". In\nwenigen Tagen entwarf ich ein Stück, das weder durch\nden Text, noch durch die Musik einen Erfolg erzielte. Es\nwurde drei Mal aufgeführt, dann aber vom Theater zu-\nrückgezogen.\nDieser, obschon unangenehme, Fall that meinem Rufe\nkeinen Abbruch, und ich sann von Neuem über die Opern\nnach, die ich meinen beiden Freunden zudachte. Leicht\nbegriff ich, dass das unermessliche Genie Mozart's einen\ngrossen, vielgestaltigen, erhabenen Stoff eines Drama's er-\nheischte. Als ich mich eines Tages mit ihm unterhielt,\n\nH"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "268", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5215, "texte": "fragte er mich, ob ich nicht eine Oper nach Beaumarchais'\n„Hochzeit des Figaro\" schreiben könne. Der Vorschlag\ngefiel mir, und der Erfolg war schnell und allgemein.\nKurz vorher war das Stück Beaumarchais' auf Befehl\ndes Kaisers, als in einem unmoralischen Stile geschrieben,\nverboten worden. Wie konnte man es nun von Neuem in\nVorschlag bringen? Der Baron von Wetzlar bot mir in\ngewohnter Grossmuth einen anständigen Preis für mein\nGedicht an; er versicherte mir, dass er, falls es in Wien\nverboten würde, es über sich nehmen wolle, es in London\noder in Frankreich zur Aufführung zu bringen. Ich nahm\njedoch diesen Vorschlag nicht an, sondern machte mich\nim Stillen in der Erwartung eines günstigen Augenblickes\nans Werk, um es dem Intendanten oder dem Kaiser selbst,\nfalls ich den Muth dazu haben würde, vorzulegen. Martini\nwar der Einzige, den ich in mein Vertrauen zog, und er\nwar aus Achtung vor Mozart hochherzig genug, mir Zeit\nzur Vollendung meines Stückes zu lassen, bevor ich mich\nmit dem seinigen beschäftigte. Nach Verhältniss, wie ich\nden Text schrieb, setzte ihn Mozart in Musik; in sechs Wo-\nchen war Alles beendigt. Mozart's guter Stern wollte, dass\nein günstiger Augenblick sich darbot und mir gestattete,\nmein Manuscript direct dem Kaiser vorzulegen.\n„Was?\" sagte Joseph zu mir, „Sie wissen, dass Mo-\nzart, wie tüchtig auch immer in der Instrumental-Musik,\ndoch noch nichts für den Gesang geschrieben hat, mit\nAusnahme eines einzigen Stückes, das keine grosse Bedeu-\ntung hat.\"\n„Ich selbst\", erwiderte ich schüchtern, „würde ohne\ndie Gnade des Kaisers auch nur ein Drama in Wien ge-\nschrieben haben.\"\n„Wohl wahr; aber ich habe dieses Stück von Figaro\nder deutschen Schauspieler-Gesellschaft untersagt.\"\n„Ich weiss es; allein bei Umformung der Komödie zu\neiner Oper habe ich ganze Scenen weggelassen, andere\ngekürzt, und mich hauptsächlich beflissen, alles daraus ver-\nschwinden zu lassen, was den Anstand und den guten Ge-\nschmack verletzen könnte; kurz, ich habe ein Werk daraus\ngemacht, das eines Theaters würdig ist, welches Seine Ma-\njestät mit Höchstihrem Schutze beehrt. Was die Musik\nanlangt, so gleicht sie, so weit ich sie beurtheilen kann,\neinem Meisterwerke.\"\n„Gut denn; ich verlasse mich auf Ihren Geschmack und\nIhre Umsicht; geben Sie die Partitur zum Abschreiben.\"\nEinen Augenblick darauf war ich bei Mozart; ich\ntheilte ihm aber diese freudige Nachricht nicht eher mit,\nals bis eine Depesche ihm den Befehl überbrachte, sich mit\nseiner Partitur in den kaiserlichen Palast zu begeben. Er\nleistete Folge und trug dem Kaiser einige Bruchstücke vor,\ndie ihn entzückten. Joseph hatte in Sachen der Musik einen\nuntrüglichen Geschmack, wie überhaupt für alles, was zu\nden schönen Wissenschaften gehörte. Der ausserordentliche\nErfolg, welchen dieses Wunderwerk in der ganzen Welt\ngehabt hat, ist ein Beweis dafür. Trotzdem erhielt diese\nMusik, wie unerhört es auch klingt, doch nicht einstim-\nmigen Beifall. Die wiener Componisten, die es vernichtete,\nRosenberg, und namentlich Casti, ermangelten nicht, es\nzu verkleinern und herabzusetzen.\nIhr hinterlistiges Benehmen steigerte den gegenseiti-\ngen Hass, und wir, Mozart und ich, waren nicht ohne\nFurcht, ein Bündniss gegen uns zwischen unseren beiden\nFeinden und einem gewissen Bussini, Garderoben-Inspec-\ntor, einem zu allen Geschäften, nur nicht zu dem eines\nehrlichen Mannes, geeigneten Menschen, entstehen zu sehen.\nAls Bussini von dem Ballet, das ich in meinem „Figaro\"\neingeschoben, hatte sprechen hören, lief er in aller Eile\nzum Grafen und äusserte in einem missbilligenden Tone\nzu ihm : „Excellenz, der Poet hat ein Ballet in seine Oper\neingelegt.\" Der Graf liess mich rufen, und es entspann\nsich folgendes Gespräch zwischen uns:\n„Sie wissen doch, mein Herr, dass Se. Majestät keine\nBallets auf seinen Theatern duldet. Wohlan denn,\nich befehle Ihnen, das zu streichen, was Sie in Ihrem\nStücke angebracht haben, Herr Poet. Wo ist die\nScene?\"\n„Hier.\"\nEr riss jetzt zwei Blätter aus meinem Manuscripte und\nwarf sie ins Feuer; darauf gab er mir mein Libretto mit\nden Worten wieder zurück: „Sie sehen, mein Herr, wie\nweit meine Macht reicht!\" Gleichzeitig beehrte er mich\nmit einem: „Leben Sie wohl!\"\nIch ging auf der Stelle zu Mozart, der, als ich ihm\ndiesen Auftritt erzählte, so in Hitze gerieth, dass er gleich\nzum Grafen gehen, Bussini durchprügeln, dann zum Kai-\nser eilen und seine Partitur zurückziehen wollte. Ich hatte\ndie grösste Mühe von der Welt, um ihn zu besänftigen;\nendlich bat ich ihn um eine zweitägige Frist und ersuchte\nihn, mich handeln zu lassen.\nDie General-Probe war inzwischen angesetzt, und ich\nging im Voraus zum Kaiser, der mir auch versprach, sich\nins Mittel zu schlagen. In derThat geruhte er, dieser Probe\nbeizuwohnen, und der ganze hohe Adel Wiens begleitete\nihn. Unter einstimmigem Beifalle wurde der erste Act ab-\ngespielt; er schloss mit einer Pantomime, während welcher\ndas Orchester die Ballet-Nummern spielen sollte, da die\nTänze dazu verboten waren; das Orchester schwieg. „Was\nbedeutet diese Pause?\" fragte der Kaiser den hinter ihm\nsitzenden Casti. „Das kann Ew. Majestät wohl nur der\nVerfasser beantworten\", erwiderte der Abbate mit einem\nschadenfrohen Lächeln. Ich wurde gerufen; anstatt mich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "269", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3044, "texte": "aber zu rechtfertigen, legte ich eine Abschrift meines Ma-\nnuscriptes Sr. Majestät vor, worin die Scene, so wie ich sie\nursprünglich geschrieben, beibehalten war. Der Kaiser las\nsie durch und wollte wissen, warum die Tänze nicht Statt\nfänden. Ich beharrte von Neuem bei meinem Schweigen.\nEr sah ein, dass ich nicht mit der Sprache heraus wollte,\nund bat daher, zum Grafen sich wendend, um die Erläu-\nterung, die ich zu geben mich weigerte. „Es fehlen die\nTänze,\" antwortete stotternd Rosenberg, „weil das Thea-\nter Ew. Majestät kein Balletcorps hat.\" „Aber die an-\nderen Theater haben welche, und ich wünsche, dass alle\nTänzer, die ihm nöthig erscheinen, da Ponte zur Dispo-\nsition gestellt werden.\" Eine halbe Stunde später hatten\nwir vierundzwanzig Personen, sowohl Tänzer als Figuran-\nten. Das Ballet wurde aufgeführt. „Sehr schön!\" rief der\nKaiser, und dieser neue Beweis von Beifall verdoppelte den\nRachedurst im Herzen meines mächtigen Verfolgers.\nEndlich erschien der Tag der ersten Aufführung die-\nser Mozart'schen Oper; sie fand Statt zur grossen Beschä-\nmung der Maestri und zum nicht geringeren Aerger des\nGrafen und Casti's. Die Oper selbst hatte den glänzendsten\nErfolg; vor Allem gefiel sie dem Kaiser, wie allen wahren\nFreunden guter Musik; man pries sie als ein erhabenes, fast\ngöttliches Werk. Das Libretto bekam auch seinen Antheil\nan dem günstigen Erfolge, und mein bescheidener Mitbe-\nwerber Casti war der Erste, welcher auf seine Schönheiten\naufmerksam machte. Was waren aber diese Lobsprüche?\nVersteckter Tadel unter dem Schleier von Gutmüthigkeit.\n„Es ist zwar\", sagte er, „nur eine Uebersetzung von Beau-\nmarchais, aber es sind schöne Verse und mehrere ganz\nhübsche Sachen darin.\"\nDer Graf von Rosenberg, dessen Gunst zu verlieren\ner stark befürchtete, verlangte von ihm ein Drama für\nSalieri, der vor Neid verging, die Oper Mozart's zu über-\ntreffen. Um diese Zeit verfasste er Trofo-\nnio\" (die Höhle des Tropbonius), deren zweiter Act hin-\nsichtlich der Kunst viel zu wünschen übrig liess.\nDie Musik dazu war sehr schön, und die Anhänger\ndes Poeten posaunten dies allerwärts aus; dies konnte aber\nden Kaiser nicht bewegen, seine Ansicht zu ändern. Es\nblieb noch ein letzter Streich zu wagen, aber dieser Streich\nstürzte Casti vollends in der Gunst des Kaisers, welcher\nzwar seine Verse sehr liebte, keineswegs aber seine Per-\nson. Casti hatte eben die letzte Hand an seinen Dschingis-\nKhan gelegt, ein tatarisches Gedicht, das jedoch weit un-\nter seinen Novelle galantiund namentlich unter seinen\nanimaliparbnti\" steht; dieses Gedicht beschleunigte seine\nUngnade. Er liess es sorgfältig abschreiben und überreichte\nes selbst dem Souverain. Mit Recht oder Unrecht glaubte\nJoseph 11. darin eine beissende Satire auf Katharina 11.\nzu erkennen, die er hochschätzte und bewunderte. Er\nhess ihn m seine Loge rufen, überreichte ihm hier hundert\nZechinen und bemerkte dabei nur: „Zu den Reisekosten\".\nEine feine Art, ihm den Abschied zu geben. Casti verstand,\nwas dies heissen sollte, und reis'te in wenigen Tagen von\nWien ab."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-08-24-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-08-24_01#c003", "volume": "bmtnabi_1861-08-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "269", "page_fin": "271", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.2.3", "titre_corps": "Beurtheilungen.", "titre_sommaire": "Beurtheilungen.", "signature_source": "g", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "269", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.5", "debut_caractere": 3046, "fin_caractere_exclue": 5295, "texte": "Beurtheilungen.\n\nWoldemar Bargiel, Phantasie (III.) für Pianoforte.\nOp. 19. Breslau, Leuckart. Pr. 1 Thlr. 17V2Sgr.\nAus diesem Werke des sehr begabten Componisten\nspricht uns eben so wie aus seinen anderen Werken der\nletzten Zeit eine kraftvolle, reiche, wenn auch mitunter\netwas düstere, Phantasie lebhaft an. Wir können nicht\ngleichgültig bleiben, nachdem wir uns ans Ciavier gesetzt\nhaben; es reisst uns mit Macht fort, wir müssen dem Ton-\ndichter folgen durch Dick und Dünn, er weiss uns auf die\nmannigfaltigste Art zu fesseln—was heutzutage viel heissen\nwill und zu erfreuen—was noch seltener vorkommt—,\nso dass wir am Ende der etwas langen, aber äusserst an-\nregenden Wanderung mit Freuden eingestehen: Wir sind\nbelohnt!— Gehörten wir zu den Leuten, die bei Beurtei-\nlung eines neuen Werkes von einem noch nicht allgemein\nanerkannten Componisten zunächst mit trauriger Aengst-\nlichkeit nach den Einflüssen spüren, denen der Autor\netwa unterworfen sein möchte, und dann von diesem Ge-\nsichtspunkte aus eine kleinliche Kritik ins Blaue hinein aus-\nüben, so würden wir aus vereinzelten Anklängen mehr Auf-\nhebens machen. Wir suchen und schätzen aber zumeist\nkünstlerische Selbstständigkeit; ist sie gar in so reichem\nMaasse vorhanden, wie bei Bargiel, so freuen wir uns auf-\nrichtig und wünschen dem tüchtigen, denkenden Künstler\nGlück dazu, ohne mit ihm über Geringes zu rechten. Es\nunterliegt keinem Zweifel, dass Beethoven's Werke aus der\nletzten Periode eben so wie Schumann's lebhaft anregendes\nSchaffen auf Bargiel und gleichgesinnte jüngere Kunstge-\nnossen eine bedeutende, nachhaltige Einwirkung ausgeübt\nhaben; die Resultate sind aber sehr verschiedenartig. Wäh-\nrend Andere sich geistig gefangen gaben, behielt Bargiel\ndie Kraft, diese mächtigen und theilweise gefährlichen Ein-\nflüsse auf die rechte Weise künstlerisch in sich aufzuneh-\nmen und zu verarbeiten, und später aus der Fülle der ge-\nwonnenen Einsichten und Ansichten Neues, Reifes und\nEigenes zu geben. Die Phantasie besteht aus drei gros-\nsen Sätzen (I. Maestoso, C, C-moll; 11. Andante, C, As-dur;\n111. Molto moderato e dolce, C, C-dur). In allen Stücken\nfinden sich grosse einzelne Schönheiten, und der Total-Ein-\ndruck ist ebenfalls, wie schon oben bemerkt, ein durchaus"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "270", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5497, "texte": "günstiger. Vorherrschend ist, besonders im ersten Satze,\neine gewisse düstere Grossartigkeit, der man in den mei-\nsten Bargierschen Sachen begegnet. Tadeln wollen wir\ndiesen Hang nicht, weil er uns in Bargiel's künstlerischer\nNatur begründet erscheint; aber es kann auch hierin des\nGuten zu viel geschehen. Das Andante ist ein schönes Stück;\nfür die ausdrucksvolle, edle Führung der Melodie und die\nbedeutende Steigerung nach Cis-moll gebührt dem Compo-\nnisten grosse Anerkennung. Ganz originel ist der letzte\nSatz, der auch hinsichtlich der Form entschieden von den\nAllegro- und Rondo-Formen abweicht, ohne darum irgend-\nwie formlos zu werden. Ein neuer Beweis für die alte,\nleider so oft verkannte Wahrheit, dass es auf die Formen\nnicht ankommt, wohl aber auf Form. Jedes echte, wohl\nangelegte Kunstwerk trägt die Gesetze für seine organische\nEntwicklung in sich selbst, und die Hauptfrage ist nur,\nwenn Gedanken da sind, in wie fern der Componist es ver-\nstanden habe, denselben gerecht zu werden. In dem Bar-\ngierschen Finale sind Inhalt und Form gleich anziehend,\nund dabei ist, wir möchten sagen, der P hantasieen- Cha-\nrakter in eigentümlicher Weise, dem feiner Gebildeten\nwohl bemerkbar, gewahrt. Wir hoffen, durch diese Zei-\nlen ein wenig dazu beigetragen zu haben, auch in unserem\nLeserkreise dem Kunstwerke die Beachtung zu sichern,\ndie es verdient. —g.\nC. A. Mangold, Johanna d'Arc, Scene und Arie\nfür Sopran mit Orchester, nach Worten von Schil-\nler's Jungfrau von Orleans. Op. 63. Winterthur,\nBieter-Biedermann.\nEhe wir zur Beurtheilung der Composition übergehen,\nmüssen wir uns erlauben, auf die Anordnung des Textes\ndurch den Componisten einen prüfenden Blick zu werfen.\nWir haben es nicht, wie man aus dem Titel schliessen\nkönnte, mit der Composition eines einzelnen Monologs zu\nthun; um Stoff für ein möglichst mannigfaltiges Musikstück\nzu gewinnen, hat der Componist kein Bedenken getragen,\nviele weit zerstreute Verse aus dem Zusammenbange zu\nreissen und sie mit souverainer Willkür neu zu verbinden.\nDen Anfang macht die Erzählung vor dem Könige (I.Act,\nX. Auftritt), dann folgt aus dem Prolog (IV. Auftritt) der\nletzte Vers des Monologs und unmittelbar darauf—sollte\nman's glauben?! der erste Vers desselben Monologs\n(„Lebt wohl, ihr Berge\" u. s. w.). In buntem Wirrwarr\nreihen sich nun an einander Worte aus dem Prolog (IV.\nScene), dem 11. Acte (IV. Scene) und dem 111. Acte (IX.\nScene). Was soll man zu solch einem Verfahren sagen?\nSelbst zugegeben, dass einzelne Verse die neue Nachbar-\nschaft zur Noth ertragen, bleibt es doch mindestens rück-\nsichtslos gegen einen grossen Dichter, sein schön geordne-\ntes und durchdachtes Werk in dieser Weise zu zerstückeln,\nuntergeordneten musicalischen Zwecken zu Liebe; geradezu\nwidersinnig und höchst unlogisch erscheint es uns aber,\nwenn nach dem Gipfelpunkte des ersten Monologs dem\ndurch eine Beihe von Affecten stufenweise vorbereiteten\nbegeisterten Aufschwünge des Mädchens („Den Feldruf\nhör' ich mächtig\" u. s. w.) ganz harmlos und gemüthlich,\nals wäre nichts vorgefallen, der erste Vers desselben Mo-\nnologs wie verspätet heranschleicht! Ist es denn gleichgül-\ntig, ob ein Vers in einem dramatischen Meisterwerke hier\noder da steht?—Ist es etwa blosser Zufall, dass bei Schil-\nler der erste Vers erster und der letzte letzter ist? Haben\nwir nicht auch hier, wenn wir bewundernd die psycholo-\ngische Entwicklung und die schöne natur- und kunstge-\nmässe Steigerung in dem Monolog betrachten, den grossen,\nfein fühlenden Künstler zu verehren, der nichts bewusstlos\noder aus Laune thut, sondern auch das kleinste Wort an\ndie rechte Stelle setzt, wohin es gehört und allein wirken\nkann?—Immerhin möchten wir gern versuchen, über die\nverfehlte Anordnung des Textes hinweg zu sehen, wenn\nder Componist uns dafür entschädigte durch eine recht\nfrische, hinreissende Musik, schön melodisch in den ausge-\nbildeten Sätzen, schlagend und natürlich kraftvoll in den\nBecitativen. Leider lässt sich aber auch von der Composition\nnicht viel Günstiges sagen. Das Vorspiel, so wie der An-\nfang des ersten Recitativs ist hübsch; auch im Verlauf\nkommen gute Züge vor; kräftig und klar wirkt vorzüglich\ndas Motiv zu den Worten: „Die Krone muss ich sehen auf\nmeines Königs Haupt!\" Wenn wir aber trotzdem vor\nallen Dingen natürlichen Fluss vermissen, so ist damit noch\nlange nicht gesagt, dass wir Anhänger jener übermässig\nfliessenden, banalen oder trivialen Schreibweise seien, der\nman jetzt bei sehr ausgebildeter Technik so vielfach be-\ngegnet. Unsere Ansicht geht vielmehr dahin, dass natürli-\ncher Fluss mit der ausserordentlichsten Gedankentiefe sehr\ngut Hand in Hand gehen könne (man sehe doch Beetho-\nven'sche, Bach'sche Sachen u. s. w. an!), und es ist daher\nnur zu bedauern, dass das Nichtvorhandensein beider Eigen-\nschaften hier die innige Verbindung einiger Maassen er-\nschwert. Wir erwarten, das herrliche Lebewohl des krie-\ngerischen Hirtenmädchens in einer herzbewegenden, sich\nbreit entfaltenden, wirklichen Melodie zu hören, wir\nfreuen uns nach langem recitativischem Fasten darauf und\nhaben den besten Willen, uns mitfühlend in melodische\nSchönheit zu versenken und dem Componisten freudig zu\ndanken: aber was gibt er uns statt dessen? Nichts weiter\nals eine Reihe mehr oder weniger ausdrucksvoller melodi-\nscher Phrasen, nothdürftig zusammengehalten durch eine\nganz hübsche Begleitungs-Figur, die nur etwas zu sehr an\ndie berühmte Es-dur-Arie der Dorabella in Cosi fan lutte\nanklingt, um für neu gelten zu können. So wollen wir"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "271", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1153, "texte": "keine Johanna singen hören, so singt keine echte Jo-\nhanna!—\nAus den Andeutungen des Clavier-Auszuges, dessen\nmagere Octavenbässe an einzelnen Stellen uns etwas ante-\ndiluvianisch anwehen, scheint hervorzugehen, dass auf die\nInstrumenlirung und auf besondere Klang-Combinationen\nviele Sorgfalt verwandt ist. Wir möchten nur wünschen,\ndass man endlich einmal davon zurückkäme, gewisse Vor-\nstellungen oder Erscheinungen fast stereotyp mit denselben\nKunstmitteln musicalisch darzustellen; so müssen wir es\ndenn auch hier über uns ergehen lassen, dass bei jedesma-\nliger Erwähnung der Himmelskönigin oder der Sonne u. dgl.\nzitternde Accord-Wiederholungen in den Holzbläsern und\nhohe Lagen der Violinen uns gewisser Maassen bestätigend\nzunicken: So ist es; ihr könnt es nur glauben! Die wahre\nCharakteristik in der Gesang-Composition lässt sich auf\ndiese Weise am allerwenigsten erreichen; sei die Behand-\nlung des Orchesters noch so vorzüglich, sei die Kenntniss\nder Klangfarben noch so durchdringend, die Beherrschung\nder Instrumental-Effecte noch so bewundernswürdig,\nder charakteristisch-melodische Gesang bleibt Hauptsache,\nalles Andere Nebensache.\n\ng."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-08-24-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-08-24_01#c004", "volume": "bmtnabi_1861-08-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "271", "page_fin": "272", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.2.4", "titre_corps": "Aus Wiesbaden.", "titre_sommaire": "Aus Wiesbaden.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "271", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.7", "debut_caractere": 1155, "fin_caractere_exclue": 5129, "texte": "Aus Wiesbaden.\nOhne dem Rückschritte zu huldigen, möchte ich doch\nfür Ein Mal das Verfahren des Krebses einhalten und von\nder Gegenwart auf die früheren Concerte zurückblicken.\nDas sechste Concert der Curhaus-Administration führte\nuns drei der bedeutendsten Künstler vor: David von Leip-\nzig, Hans von Bülow von Berlin und den noch nicht\nübertroffenen Blaes aus Brüssel. David spielte ein Concert\nvon Viotti (A-moll) und eine eigene Phantasie über russische\nThemen mit einem solchen Feuer und mit der vollständig-\nsten Repräsentation deutscher Schule, dass ein nicht enden\nwollender Beifallssturm ihn dafür belohnte; ein Tusch des\nOrchesters erhöhte nur noch die allgemeine Begeisterung\nfür seine eminenten Leistungen. Herr von Bülow muss un-\nbedingt der hervorragendste Pianist unserer Zeit genannt\nwerden; er spielte die Sonate Les Adieux, l'Absence et le\nRetour von Beethoven, den Schiller-Marsch von Meyerbeer,\nvon Liszt arrangirt, und ein buntes Stück über Themen\naus Rigoletto, ebenfalls von Liszt. Die Technik ist ge-\nwaltig, sie ist den Herren geradezu über den Kopl ge-\nwachsen. In der Geschichte des Clavierspiels werden diese\nTasten-Heroen jene besondere Gruppe bilden, welche den\ngrössten Eifer zeigte, das Ciavierspiel aus den von der\nNatur des Instrumentes ihm angewiesenen Bahnen heraus-\nzudrängen, das Pianoforte zu einem Orchesterleib zu ma-\nchen und durch die Macht, den Glanz und den Aufwand\naller Mittel das Ohr in einen sinnverwirrenden Strudel\nfortzureissen. Die Cultur des Clavierspiels hält mit Gesang\nund der Oper der Gegenwart gleichen Schritt. Herr Blaes\nbläs't seelenvoll. Seine Vorträge sind eben so genial als\nkünstlerisch maassvoll, niemals die Gränzen des Tonlichen\nund des Schönen überschreitend, wohl aber des kaum\nThunlichen, das er aber alles spielend bewältigt. Auch die\nSängerin Mad. Blaes-Meerti ärntete reichlichen Beifall.\nHerr Reichhardt von der italiänischen Oper zu London\nmachte keinen sonderlichen Eindruck, wiewohl seine Stimm-\nmittel noch immer angenehm sind; seine Schule ist zwar\ngut, aber die Geschmacksrichtung des Herrn Reichhardt\nkönnen wir nicht anerkennen, zumal wie sie sich in seiner\neigenen Composition: „ Thon art so near and yet so far\",\nbekundete, einem Fabricale, von dem man wahrlich nicht\nbegreifen kann, wie man jenseit des Canals so viel Auf-\nhebens davon machen konnte.\nNun zurück zum fünften Concerte der Administration,\nwelches von Mitgliedern der italiänischen Operngesellschaft\ndes Herrn Merelli ganz allein ausgeführt wurde.\nSo viel gegründete Opposition der italiänische Gesang\nim Allgemeinen auch findet bei den noch musicalisch\ngesund gebliebenen Deutschen—, so muss ich doch offen\nund gern bekennen: die Italiäner sind unerreichbar in der\nKunst des Gesanges.\nDie Damen Carlotta und Barbara Marchisio\nsind mit so herrlichen Stimmmitteln begabt, wie man sie\nselten antreffen dürfte, haben eine so hohe künstlerische\nAusbildung erlangt, bekunden so grosses musicalisches Ta-\nlent, dass sie Jeden zur Bewunderung fortreissen. Eine wie\ndurch Sympathie, ja. durch Magie, möchte ich sagen, her-\nvorgezauberte Uebereinstimmung im Ausdrucke und in den\nkleinsten Nuancen legten sie in ihren Duetten an den Tag.\nNur durch und durch echt musicalische Naturen können\ndas erreichen. Dabei kein Schreien, wohl aber jeder Ton\nvon der Gluth einer italiänischen und ganz musicalischen\nSeele durchdrungen.\nFrau Calderon und Fräul. Marie Brunetti haben\nbeschränktere Mittel, als die Genannten. Die Signori Zac-\nchi und Galvani haben schöne Stimmen; bewundern\nmussten wir den Tenor des Letzteren. Die sämmtlichen\nVorträge riefen den grössten Enthusiasmus hervor. Es war\nan italian evening, wie die Engländer ihren Mendelssohn\nevening oder Beethoven night haben; der ganze Abend ge-\nhörte den Italiänern! Möchte ihnen auch der Morgen wer-\nden nach so langer, langer Nacht! II Maestro Orsini be-\ngleitete am Piano.\nEin ganz besonderes Vergnügen gewährt es mir, des\nvierten Concertcs der Administration Erwähnung zu thun;"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "272", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1816, "texte": "denn über F. Hill er, eine musicalische Persönlichkeit,\neben so gewichtig als Tonsetzer wie als Virtuose auf dem\nPiano, welches er seiner rein musicalischen, jungfräulichen\nSphäre nicht entreisst, konnte ich noch nicht berichten,\nweil bisher unsere Administration mehr die Koryphäen\nder Mode - die ja nur im Auslande zu holen sind be-\ngünstigte, als unsere deutschen Künstler zur Mitwirkung\nbei ihren mit enormem Kosten-Aufwand veranstalteten\nConcerten heranzog.\nHerr Hiller spielte das D-moll-Concert von Mozart\nmit einer Vollendung, einer Weihe, die alle wahrhaften\nMusikfreunde entzückte; der blasirte Theil des Publicums\nmag von der Grösse in der Natürlichkeit und Einfachheit\nseines Ciavierspiels gehörig gelangweilt worden sein. Die\neingelegten Cadenzen waren ein Zeugniss des reinsten Ge-\nschmacks und Verständnisses, wahrhaft genial in der Er-\nfindung und eben so genial in der Ausführung. Auch das\nImprovisations-Talent Hiller's erregte hohe Bewunderung.\nNeben Frau Bürde-Ney glänzten der Tenorist Herr\nWachtel, der Geiger Ludwig Strauss, und als liebli-\nches Gestirn am musicalischen Himmel, wenn auch weni-\nger glänzend, leuchtete Giovanni di Dio, Cellist.\nDas dritte Concert der Administration hatte hauptsäch-\nlich nur nachhaltigeres Interesse durch die eminenten Lei-\nstungen des Pianisten Louis Brassin, der eine reizende\nEtüde und eine Phantasie eigener Composition und Liszt's\nRhapsodie Nr. 2 vortrug, welche alle Kenner von dem\nstetigen, sehr lobenswerthen Fortschritte Brassin's über-\nzeugten. Die Technik hat für Herrn Brassin keine Schwie-\nrigkeiten mehr. Fräul. E. Genast errang sich wie immer\nverdienten Beifall; Fräul. B. Eichberg (Harfen-Virtuosin)\nund Fräul. A. Bid6 (Geigerin) erregten allgemeines In-\nteresse; Herr Wachtel riss das Auditorium bis zum\nSelbstvergessen hin.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-08-24-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-08-24_01#c005", "volume": "bmtnabi_1861-08-24_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "272", "page_fin": "272", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "272", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.8", "debut_caractere": 1818, "fin_caractere_exclue": 4925, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDer jetzt als Capellmeister am Stadttheater in Frankfurt a. M.\nangestellte bisherige schwedische Hof-Capellmeister Ignaz Lach-\nner hat in der Oper „Wilhelm Teil\" zum letzten Male in Stock-\nholm den Dirigentenstab geführt. Nach beendigter Vorstellung über-\nreichte der Componist A. Randel dem scheidenden Dirigenten im\nNamen der Hofcapelle und als Zeichen der Anerkennung seines drei-\njährigen verdienstvollen Wirkens an dem dortigen Theater einen\ngrossen silbernen Pocal mit der Inschrift: „Zur Erinnerung an den\nHof-Capellmeister und Ritter mehrerer Orden, Herrn Ignaz Lachner,\nvon seinen Freunden, Mitgliedern der königlichen 1 Hofcapelle in\nStockholm, den 22. Juni 1861.\" Von Seite des Opernsänger-Perso-\nnals überreichte darauf der Sänger Strandberg Herrn Lachner\neinen Brillantring mit der schwedischen Inschrift: „Minne af Stock-\nholms Scens lyriska Artister.\" (Minne, die Erinnerung.)\nAm 16. August beging der Hoforganist Schneider in Dres-\nden sein goldenes Amts-Jubiläum.\nDie für das Grab des verstorbenen Sängers Staudigl\nbestimmte Kolossal-Statue desselben schreitet ihrer Vollendung ent-\ngegen. Der Bildhauer Pilz hat den Kopf desselben nach einem Oel-\nbilde modellirt, welches kurz vor dem Tode Staudigl's gemalt wurde.\nDie Statue wird von vier Engeln umgeben sein und auf einem Gra-\nnitsockel ruhen.\nDer Stadtrath von Tri est hat eine Unterstützung für den Sohn\ndes unglücklichen Componisten Ricci, welcher kürzlich in Prag\ngestorben ist, bewilligt. Diese Unterstützung wird den kaum sieben\nJahre alten Knaben in den Stand setzen, seine musicalische Erzie-\nhung zu vollenden.\nPsuris* Dem Componisten Auber ist bei Gelegenheit der Preis-\nverteilung des Conservatoriums das Grosskreuz der Ehrenlegion\nverliehen worden.\nDer Componist Jakob Offenbach ist bei Gelegenheit des\nNapoleonsfestes (15. August) mit dem Ritterkreuz der Ehrenlegion\ndeeorirt worden.\nIn der grossen Oper in Paris traten in der jüngsten Vorstellung\ndes „Robert\" zwei junge Gesangs-Talente probeweise auf, welche\nzu guten Erwartungen berechtigen. Es sind dies der Tenor Dulau-\nrens und die Sopranistin Rey-Balla. Letztere besonders wusste\nals Alice das Publicum in hohem Grade für sich einzunehmen. Sie\nist eine schöne Erscheinung, hat brillante Stimmmittel und singt\nmit guter Schule.\nVor seinem Abgange von Vichy hat Napoleon der Sängerin Mad.\nStraus ein diamantenbesetztes Bracelet und dem Capellmeister des\nCasino-Orchesters, Bernardin, eine Gold-Medaille mit dem Bild-\nnisse des Kaisers zustellen lassen.\nDas Conservatorium der Musik in Paris zählt 81 Professoren\nund 934 Zöglinge. Das wiener Conservatorium dagegen ist von 179\nZöglingen besucht, während das Lehrpersonal aus 22 Schul-Inspec-\ntoren und 21 Lehrern besteht.\nliOilclovt. Jenny Lind, welche kürzlich in London in einem\nvon Lord Ward veranstalteten Wohltbätigkeits-Concerte sang, hat\nfür das nächste Jahr ein Engagement zu Concerten in Exeter Hall\nangenommen. Sie erhält für zehn Concerte 1000 Guineen.\nIn London starb, 71 Jahre alt, die Sängerin Susanna Byers.\nSie war zu ihrer Zeit eine der berühmtesten Oratoriensängerinnen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "265", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nAns Lorenzo da Ponte's Denkwürdigkeiten. L Da Ponte's Anstellung in Wien. Text zu Figaro's Hochzeit. - Beur-\nteilungen: Woldemar Bargiel, Phantasie (III.) für Pianoforte. Op. 19. C. A. Mangold, Johanna d'Arc, Scene und Arie für Sopran mit\nOrchester. Op. 63. Aus Wiesbaden (Rückblicke). Tages- und Un te rh al tun gs b latt (Ignaz Lachner Wien, Staudigl's\nGrabmal Paris, Ordens-Verleihungen, Grosse Oper London, Jenny Lind, Susanna Byers -j~).\n\nAus Lorenzo da Ponte’s Denkwürdigkeiten\n*).\nI.\nDa Ponte's Anstellung in Wien. Text zu Figaro's\nHochzeit.\nIch führte in Wien ein müssiges Leben, und das Geld,\nwelches ich von Dresden mitgebracht hatte, war beinahe\nganz ausgegeben; ich konnte aber nicht vergessen, dass\nich in Padua von schwarzen Oliven gelebt und mich wäh-\nrend einer gezwungenen vierzigtägigen Fastenzeit aus dem\nWasser der Brenta getränkt hatte. Ich begann also einzu-\nsehen, dass ich an Einschränkungen denken müsse; statt\neine Wohnung in der Stadt zu behalten, die mir zu theuer\nkam, wählte ich ein bescheidenes Zimmerchen bei einem\nSchneider in der Vorstadt Wieden.\nIch hatte durch das Gerücht vernommen, der Kaiser\nsei gesonnen, ein italiänisches Theater in seiner Haupt- und\nResidenzstadt wieder zu eröffnen. Metastasio war vor Kur-\nzem gestorben, und ich hatte den Ehrgeiz, mich zum Hof-\npoeten ernennen lassen zu wollen. Ich suchte Salieri auf;\ner begnügte sich nicht damit, meiner Hoffnung zu schmei-\ncheln, sondern bot sich sogar an, sich für mich bei dem\nGeneral-Intendanten der Schauspiele, Grafen Rosenberg,\nzu verwenden und, wenn's sein müsste, beim Kaiser selbst,\nder ihn mit einer ganz besonderen Gunst beehrte. Wirk-\nlich manövrirte er so gut, dass das erste Mal, wo ich die\nEhre hatte, dem Kaiser vorgestellt zu werden, dies nicht\ngeschah, um ihm meine Bitte vorzutragen, sondern um ihm\nmeine Danksagungen darzubringen. Obgleich das Lob Jo-\nseph's 11. aus Jedermann's Munde erklang, und er aller-\nwärts als der vollendetste Fürst genannt wurde, flösste mir\ndoch der Gedanke, dass ich vor ihm zu erscheinen aufee-\nfordert war, ein unüberwindliches Gefühl von Schüchtern-\nheit ein.\nIch hatte sagen gehört, dass er sehr häufig die Men-\nschen nach ihrem ersten Eindrucke beurtheilte. Es schien\nmir, als ob seine Prüfung nicht ganz ungünstig für mich\nausfiele; ich beurtheilte dies nach der Gnade seines Em-\npfanges; er geruhte, mich über meine Privat-Angelegen-\nheiten, mein Vaterland, meine Studien und über die Be-\nweggründe, die mich nach Wien geführt hätten, zu befra-\ngen. Ich antwortete auf Alles so kurz als möglich, und\nmeine fast lakonischen Antworten schienen ihm zu genü-\ngen. Die letzte Frage, die er an mich stellte, war, wie\nviel Dramen ich schon geschrieben hätte.\n. „Keines, Sire!\" antwortete ich.\n„Gut, gut,\" entgegnete er lächelnd, „da haben wir\nalso eine jungfräuliche Muse.\"\nAus Ehrerbietigkeit gegen Salieri vertraute ich diesem\ndie Musik zu meinem ersten Werke an; er war in der That\neiner der ersten Meister seiner Zeit. Ich legte ihm mehrere\nSujets und meine Plane vor, damit er eine Wahl treffen\nkönne. Leider fiel diese Wahl auf ein Sujet, dem alle\nGrundbedingungen eines Erfolgs abgingen: „Der Reiche\n\nI\n*) Denkwürdigkeiten des Lorenzo da Ponte von Ce-\nneda. Aus dem Italiäoischen übersetzt von Dr. Ed. Burck-\nhardt. Gotha, Verlag von W. Opetz. 186 h 348 S. 8. Das\nWerk erschien in einer flüchtigen Uebersetzung in Spindler's\n„Belletristischem Ausland\" 1847. Die uns vorliegende neue\nArbeit lies t sich recht gut. Da Ponte starb in hohem Alter\nden 17, August 1838 in New-York. O. Jahn sagt über\nseine Memoiren (Mozart, Bd. IV., S. 181): „Ich verdanke die\nBenutzung des seltenen Werkes (des Originals, das schon 1823\nerschienen ist) Herrn Scudo in Paris. Es sind darin einzelne\nIrrthümer, besonders in den Zeit-Angaben, nachweislich, und\nes ist auch kaum zu bezweifeln, dass da Ponte seine Person\nmitunter mehr als billig in den Vordergrund stellt. Nichts\ndesto weniger sind seine Berichte lehrreich und der Hauptsache\nnach auch gewiss richtig. Die Darstellung seines Aufenthaltes\nin Wien ist für das Folgende eine, aber mit der nöthigen Vor-\nsicht benutzte Hauptquelle.\"\nDa Ponte war 1749 in Ceneda im Venetianischen gebo-\nren. 1783 wurde er Theaterdichter in Wien, fiel unter Kaiser\nLeopold in Ungnade, ging 1792 nach London und 1805 nach\nAmerica. Es glückte ihm nirgends, sich eine sorgenfreie Exi-\nstenz zu begründen."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.2", "texte": "von einem Tage\". Ich begann meine Arbeit, allein es be-\ndurfte keiner langen Zeit, um mich von dem Unterschiede\nzu überzeugen, welcher zwischen dem Gedanken und der\nAnsführung besteht. Je weiter ich schrieb, desto grösser\nwuchsen die Schwierigkeiten unter meiner Feder und ver-\nvielfältigten sich ohne Ende. Das Sujet bot mir weder eine\ngenügende Anzahl von Charakteren, noch eine Abwechs-\nlung von Vorfällen dar, welche das Interesse desPublicums\nzwei bis drei Stunden lang so lange sollte die Auffüh-\nrung dauern —zu erhalten vermochte. Ich fand meine Sce-\nnen kalt, die Handlung matt, den Dialog trocken, meine\nGedanken trivial und die Gesangstücke schlecht herbeige-\nzogen. Wohl oder übel kam ich mit dem ersten Acte zu\nEnde; nur das Finale fehlte noch; dieses Finale, das sich\ngenau an das Werk anschliesst, muss allein das Stück\nresumiren und ein besonderes Interesse erregen. Hier soll\nsich das Talent des Musikers wie das der Schauspieler\ndarlegen und die ganze Wirkung des Stückes concentriren.\nMan kann sich die Verlegenheit vorstellen, in der ich mich\nbefand; zwanzig Mal wollte ich alles, was ich geschrieben,\nins Feuer werfen und meine Entlassung anbieten. Endlich,\nnachdem ich mir den Kopf zerbrochen, mein Gehirn abge-\nquält und mich allen Heiligen angelobt hatte, gelangte ich\nans Ziel: ich beendigte das Stück. Salieri sah es flüchtig\nin meiner Gegenwart durch und äusserte schliesslich: „Es\nist gut geschrieben; man muss es aber auf den Brettern\nsehen. Es sind sehr hübsche Arietten und Scenen darin,\ndie mir gefallen, dennoch werde ich einige leichte Umän-\nderungen darin vornehmen, mehr um des Effectes der Mu-\nsik willen, als aus einem anderen Grunde.\" Man kann sich\ndenken, welche Freude diese Worte in mir hervorriefen;\nund wie man sich gern das vorredet, was man wünscht,\nso fing ich zu glauben an, dass mein Werk in der That\nnicht so schlecht wäre, als ich es Anfangs beurtheilt halte.\nIn was bestanden jedoch diese „leichten\" Umänderungen?\nFast alle Scenen zu verstümmeln, zu verlängern oder kür-\nzer zu machen, neue Duette, Terzette und Quartette ein-\nzuschalten, mitten in einer Arie das Versmaass zu ändern,\nChöre einzuschieben u. s. w. Die Musik war fertig, das\nWerk sollte eben zur Darstellung kommen, als der bekannte\nAbbate Casti in Wien eintraf, ein Dichter, dessen Huf, den\ner zunächst seinen „Novelle galanti\" verdankte, in ganz\nEuropa wiederhallte; wie vortrefflich auch diese Novellen\nin Bezug auf Poesie waren, so scandalös waren sie hin-\nsichtlich der Moral.\nZu derselben Zeit kam auch Paesiello an, ein bekann-\nter und vom Kaiser geachteter Musiker, der bei den wie-\nner Kunstfreunden hoch angeschrieben war und sich ohne\nNebenbuhler glaubte. Paesiello äusserte den Wunsch, die\nMusik zu einem Drama zu schreiben. Seine Ankunft schlich-\nterte Salieri ein; der „Reiche von einem Tage\" wurde da-\nher bei Seite gelegt, und man sprach in Wien nur noch\nvon Casti und Paesiello. Man stelle sich die Erwartung der\nSchauspieler, des Grafen von Rosenberg, der Freunde Ca-\nsti's und endlich der ganzen Stadt vor; der Name Casti\nerklang von allen Lippen. „König Theodor\" —so lautete\nder Titel der ersten Oper Casti's wurde aufgeführt, und\nder Erfolg war gränzenlos. Wie konnte es auch anders\nsein! die Sänger waren untadelhaft, die Decorationen sü-\nperb, die Costumes prachtvoll, die Musik göttlich; und der\nPoet empfing, mit Lächeln auf den Lippen, alle die enthu-\nsiastischen Glückwünschungen, als gälten sie ausschliess-\nlich seinem Verdienste an dem Stücke.\nErst nach Salieri's Rückkehr aus Frankreich wurde\nder „Reiche von einem Tage\" zum Einstudiren vertheilt.\nDie Hauptrolle war der Storace bestimmt, die damals auf\ndem Höhepunkte ihres Talentes stand und Wien entzückte;\nallein diese Sängerin ward krank; es musste eine andere\nfür sie eintreten und, da man keine Wahl hatte, diejenige\ngenommen werden, die gerade zur Hand war. Unglück-\nlicher Weise war aber die Sängerin, welche zum Ersatz\neintrat, der ihr übertragenen Rolle durchaus nicht gewach-\nsen; das Stück fiel durch. Ich machte mir keine 111 usionen\nüber den Werth des „Reichen von einem Tage\" ; das Li-\nbretto war unbedingt schlecht, die Musik abscheulich ; aber\num die ganze Perfidie meiner Feinde wohl zu verstehen,\nwird es hinreichen, wenn ich sage, dass sie glauben ma-\nchen wollten, mir allein sei das Durchfallen zu verdanken.\nVon diesem Haufen Missgünstiger war nur allein Casti\nwegen seiner Ueberlegenheit, seiner Böswilligkeit und vor-\nzüglich wegen des hohen Schutzes zu fürchten, dessen er\nsich erfreute. Glücklicher Weise hatte ich den Kaiser für\nmich, der sich unter allen Umständen um so eifriger zeigte,\nmich zu vertheidigen, als meine Feinde Heftigkeit in ihren\nAngriffen bewiesen.\n„Dieser junge Mann\", sagte er eines Tages zu An-\ndrea Dolfin, dem venetianiscben Gesandten, der mich eben-\nfalls beschützte, „hat zu viel Talent, um sich nicht den\nNeid Casti's zuzuziehen; aber ich werde ihn schon halten.\nGestern noch suchte Rosenberg, nachdem sein Stück durch-\ngefallen war, mir einzureden, wir brauchten einen ande-\nren Poeten. Casti befand sich in meiner Loge und hoffte\nvielleicht, ich würde ihn zu dieser Stelle ernennen. Ich er-\nwiderte, ich wollte zuvor noch eine zweite Oper von da\nPonte hören.\"\nDer üble Erfolg meines ersten Auftretens hatte ge-\nnügt, mich zu entmuthigen und mich zu verhindern, mich\ndem Kaiser vorzustellen. Da er mich nun eines Tages zu-\nfälliger Weise auf seinem Wege, bei einem seiner Mor-\ngen-Spazirgänge, traf, blieb er bei mir stehen und sagte"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "267", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.3", "texte": "mit der grössten Güte zu mir: „Seien Sie überzeugt, es\nfehlt viel daran, dass Ihre Oper so schlecht ist, wie man\ngern glauben machen möchte. Fassen Sie wieder Muth\nund liefern Sie uns ein Meisterwerk, das sie zum Schwei-\ngen bringt.\"\nEr liess Martini sagen, er solle sich an mich wenden,\nund in Folge dessen besuchte mich dieser und fragte mich,\nob ich nicht ein Stück zu schreiben gesonnen wäre, das\nder Gesandtin von Spanien gewidmet werden sollte, die\nsich dadurch sehr geschmeichelt fühlen würde. [Da Ponte\nverfiel aber in eine Krankheit, und zwar durch eine Art\nvon Vergiftung, die ihm ein Landsmann aus Eifersucht\nbeigebracht hatte.] Es vergingen zwei Jahre, bevor ich\ngänzlich geheilt war und meine Arbeiten wieder vorneh-\nmen konnte. Als Stoff für das erste Drama, das ich Mar-\ntini bestimmte, hatte ich den „ Wohlthätigen Mürrischen\"\ngewählt. Ich machte mich ans Werk. Raum war dieser\nPlan Casti bekannt, als er sich auch, von dem doppelten\nVerlangen beherrscht, Hof-Poet zu werden und sich mei-\nner, den er als das einzige Hinderniss betrachtete, zu ent-\nledigen, beeilte, überall auszubreiten, der Stoff wäre für\neine Opera buffaschlecht gewählt. Er hatte die Kühnheit,\ndiese Worte vor dem Souverain zu wiederholen, der mir\nsagen zu müssen glaubte:\n„Da Ponte, Ihr Freund Casti behauptet, Ihr wohlthä-\ntiger Mürrischer würde nicht zum Lachen reizen.\"\n„Sire,\" antwortete ich, „ich wäre glücklich, wenn er\nihn zum Weinen reizte.\"\n„Das hoffe ich!\" setzte Joseph IL hinzu, der sogleich\nden Doppelsinn begriff.\nDie Oper wurde aufgeführt und gefiel von Anfang\nbis zu Ende. Man sah mehrere Zuschauer und den Kaiser\nselbst sogar die Recitative darin applaudiren. „W?ir haben\ngesiegt!\" sagte Joseph 11. leise zu mir, als er nach der\nersten Vorstellung neben mir in der Vorhalle der Logen,\nwo ich mich aufgestellt halte, vorüber ging. Diese drei\nWorte hatten höheren Werth für mich, als hundert Sei-\nten voll Lobeserhebungen.\nMein Erfolg und noch mehr die ausgezeichnete Gunst,\ndie mir Joseph 11. bezeigte, spornte meine poetische Be-\ngeisterung mehr und mehr an; ich fühlte mich nicht nur\nim Stande, meinen Verlästerern kühn die Stirn zu bieten,\nsondern auch ihre Anstrengungen zu verachten, und ich\nhatte die Genugthuung, alsbald die Componisten sich um\nmeine Libretto's bewerben zu sehen. Es lebten um jene\nZeit zu Wien nur zwei Maestri, die meiner Ansicht nach\ndieses Namens würdig waren: Martini, für den Augenblick\nder Günstling Joseph's 11., und Wolfgang Mozart, den ich\ndamals bei seinem Freunde, dem Baron von Wetzlar, ken-\nnen zu lernen Gelegenheit hatte; Wolfgang Mozart hatte,\nobschon von der Natur mit einem musicalischen Genie be-\ngabt, das vielleicht alle Componisten der Vergangenheit,\nGegenwart und Zukunft weit überstrahlt, in Folge der Ca-\nbalen seiner Feinde noch keine Gelegenheit gehabt, sein\ngöttliches Genie in Wien kund zu geben; er lebte hier\nobscur und verkannt, ähnlich einem Edelsteine, der, in der\ninnersten Erde vergraben, hier das Geheimniss seines Glan-\nzes verbirgt. Ich kann nie ohne Jubel und Stolz daran den-\nken, dass meine Beharrlichkeit und meine Energie zum\ngrossen Theile die Ursache waren, welcher Europa und\ndie Welt die vollständige Entdeckung der wundervollen\nmusicalischen Compositionen dieses unvergleichlichen Ge-\nnie's verdankt. Die Ungerechtigkeit, der Neid meiner Ne-\nbenbuhler, der Journalisten und der Biographen Mozart's\nwerden nie einen solchen Ruhm einem Italiäner wie mir\nzugestehen wollen; aber ganz Wien, alle, welche Mozart\nund mich in Deutschland, in Böhmen, in Sachsen gekannt\nhaben, seine ganze Familie, namentlich der Baron von\nWetzlar selbst, sein enthusiastischer Verehrer, in dessen\nHause der erste Funke dieser göttlichen Flamme auf-\nglimmte, sind Zeugen der Wahrheit dessen, was ich hier\nsage.\nNach dem glücklichen Erfolge des „Wohlthätigen\nMürrischen\" begab ich mich zu Mozart und erzählte ihm,\nwas zwischen Casti, Rosenberg und dem Raiser vorgefallen\nwar. Ich fragte ihn, ob es ihm gelegen sei, eine eigens für\nihn geschriebene Oper in Musik zu setzen.\n„Das würde mit unendlichem Vergnügen geschehen,\"\nantwortete er mir, „allein ich zweifle, dass ich die Erlaub-\nniss dazu erhalte.\"\n„Ich übernehme es, jede Schwierigkeit zu heben.\"\n„Gut dann, drauf los!\"\nIch dachte noch bei mir über die Wrahl der Sujets\nnach, die ich zwei so entgegengesetzten Talenten wie Mar-\ntini und Mozart übergeben wollte, als ich einen Befehl der\nIntendanz empfing, wonach ich ein Drama für Gazzaniga,\neinen ganz guten, aber aus der Mode gekommenen Com-\nponisten schreiben sollte. Um mich so schnell als möglich\ndieser langweiligen Aufgabe zu entledigen, wählte ich eine\nfranzösische Romödie: „Den hellsehenden Blinden\". In\nwenigen Tagen entwarf ich ein Stück, das weder durch\nden Text, noch durch die Musik einen Erfolg erzielte. Es\nwurde drei Mal aufgeführt, dann aber vom Theater zu-\nrückgezogen.\nDieser, obschon unangenehme, Fall that meinem Rufe\nkeinen Abbruch, und ich sann von Neuem über die Opern\nnach, die ich meinen beiden Freunden zudachte. Leicht\nbegriff ich, dass das unermessliche Genie Mozart's einen\ngrossen, vielgestaltigen, erhabenen Stoff eines Drama's er-\nheischte. Als ich mich eines Tages mit ihm unterhielt,\n\nH"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "268", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.4", "texte": "fragte er mich, ob ich nicht eine Oper nach Beaumarchais'\n„Hochzeit des Figaro\" schreiben könne. Der Vorschlag\ngefiel mir, und der Erfolg war schnell und allgemein.\nKurz vorher war das Stück Beaumarchais' auf Befehl\ndes Kaisers, als in einem unmoralischen Stile geschrieben,\nverboten worden. Wie konnte man es nun von Neuem in\nVorschlag bringen? Der Baron von Wetzlar bot mir in\ngewohnter Grossmuth einen anständigen Preis für mein\nGedicht an; er versicherte mir, dass er, falls es in Wien\nverboten würde, es über sich nehmen wolle, es in London\noder in Frankreich zur Aufführung zu bringen. Ich nahm\njedoch diesen Vorschlag nicht an, sondern machte mich\nim Stillen in der Erwartung eines günstigen Augenblickes\nans Werk, um es dem Intendanten oder dem Kaiser selbst,\nfalls ich den Muth dazu haben würde, vorzulegen. Martini\nwar der Einzige, den ich in mein Vertrauen zog, und er\nwar aus Achtung vor Mozart hochherzig genug, mir Zeit\nzur Vollendung meines Stückes zu lassen, bevor ich mich\nmit dem seinigen beschäftigte. Nach Verhältniss, wie ich\nden Text schrieb, setzte ihn Mozart in Musik; in sechs Wo-\nchen war Alles beendigt. Mozart's guter Stern wollte, dass\nein günstiger Augenblick sich darbot und mir gestattete,\nmein Manuscript direct dem Kaiser vorzulegen.\n„Was?\" sagte Joseph zu mir, „Sie wissen, dass Mo-\nzart, wie tüchtig auch immer in der Instrumental-Musik,\ndoch noch nichts für den Gesang geschrieben hat, mit\nAusnahme eines einzigen Stückes, das keine grosse Bedeu-\ntung hat.\"\n„Ich selbst\", erwiderte ich schüchtern, „würde ohne\ndie Gnade des Kaisers auch nur ein Drama in Wien ge-\nschrieben haben.\"\n„Wohl wahr; aber ich habe dieses Stück von Figaro\nder deutschen Schauspieler-Gesellschaft untersagt.\"\n„Ich weiss es; allein bei Umformung der Komödie zu\neiner Oper habe ich ganze Scenen weggelassen, andere\ngekürzt, und mich hauptsächlich beflissen, alles daraus ver-\nschwinden zu lassen, was den Anstand und den guten Ge-\nschmack verletzen könnte; kurz, ich habe ein Werk daraus\ngemacht, das eines Theaters würdig ist, welches Seine Ma-\njestät mit Höchstihrem Schutze beehrt. Was die Musik\nanlangt, so gleicht sie, so weit ich sie beurtheilen kann,\neinem Meisterwerke.\"\n„Gut denn; ich verlasse mich auf Ihren Geschmack und\nIhre Umsicht; geben Sie die Partitur zum Abschreiben.\"\nEinen Augenblick darauf war ich bei Mozart; ich\ntheilte ihm aber diese freudige Nachricht nicht eher mit,\nals bis eine Depesche ihm den Befehl überbrachte, sich mit\nseiner Partitur in den kaiserlichen Palast zu begeben. Er\nleistete Folge und trug dem Kaiser einige Bruchstücke vor,\ndie ihn entzückten. Joseph hatte in Sachen der Musik einen\nuntrüglichen Geschmack, wie überhaupt für alles, was zu\nden schönen Wissenschaften gehörte. Der ausserordentliche\nErfolg, welchen dieses Wunderwerk in der ganzen Welt\ngehabt hat, ist ein Beweis dafür. Trotzdem erhielt diese\nMusik, wie unerhört es auch klingt, doch nicht einstim-\nmigen Beifall. Die wiener Componisten, die es vernichtete,\nRosenberg, und namentlich Casti, ermangelten nicht, es\nzu verkleinern und herabzusetzen.\nIhr hinterlistiges Benehmen steigerte den gegenseiti-\ngen Hass, und wir, Mozart und ich, waren nicht ohne\nFurcht, ein Bündniss gegen uns zwischen unseren beiden\nFeinden und einem gewissen Bussini, Garderoben-Inspec-\ntor, einem zu allen Geschäften, nur nicht zu dem eines\nehrlichen Mannes, geeigneten Menschen, entstehen zu sehen.\nAls Bussini von dem Ballet, das ich in meinem „Figaro\"\neingeschoben, hatte sprechen hören, lief er in aller Eile\nzum Grafen und äusserte in einem missbilligenden Tone\nzu ihm : „Excellenz, der Poet hat ein Ballet in seine Oper\neingelegt.\" Der Graf liess mich rufen, und es entspann\nsich folgendes Gespräch zwischen uns:\n„Sie wissen doch, mein Herr, dass Se. Majestät keine\nBallets auf seinen Theatern duldet. Wohlan denn,\nich befehle Ihnen, das zu streichen, was Sie in Ihrem\nStücke angebracht haben, Herr Poet. Wo ist die\nScene?\"\n„Hier.\"\nEr riss jetzt zwei Blätter aus meinem Manuscripte und\nwarf sie ins Feuer; darauf gab er mir mein Libretto mit\nden Worten wieder zurück: „Sie sehen, mein Herr, wie\nweit meine Macht reicht!\" Gleichzeitig beehrte er mich\nmit einem: „Leben Sie wohl!\"\nIch ging auf der Stelle zu Mozart, der, als ich ihm\ndiesen Auftritt erzählte, so in Hitze gerieth, dass er gleich\nzum Grafen gehen, Bussini durchprügeln, dann zum Kai-\nser eilen und seine Partitur zurückziehen wollte. Ich hatte\ndie grösste Mühe von der Welt, um ihn zu besänftigen;\nendlich bat ich ihn um eine zweitägige Frist und ersuchte\nihn, mich handeln zu lassen.\nDie General-Probe war inzwischen angesetzt, und ich\nging im Voraus zum Kaiser, der mir auch versprach, sich\nins Mittel zu schlagen. In derThat geruhte er, dieser Probe\nbeizuwohnen, und der ganze hohe Adel Wiens begleitete\nihn. Unter einstimmigem Beifalle wurde der erste Act ab-\ngespielt; er schloss mit einer Pantomime, während welcher\ndas Orchester die Ballet-Nummern spielen sollte, da die\nTänze dazu verboten waren; das Orchester schwieg. „Was\nbedeutet diese Pause?\" fragte der Kaiser den hinter ihm\nsitzenden Casti. „Das kann Ew. Majestät wohl nur der\nVerfasser beantworten\", erwiderte der Abbate mit einem\nschadenfrohen Lächeln. Ich wurde gerufen; anstatt mich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "269", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.5", "texte": "aber zu rechtfertigen, legte ich eine Abschrift meines Ma-\nnuscriptes Sr. Majestät vor, worin die Scene, so wie ich sie\nursprünglich geschrieben, beibehalten war. Der Kaiser las\nsie durch und wollte wissen, warum die Tänze nicht Statt\nfänden. Ich beharrte von Neuem bei meinem Schweigen.\nEr sah ein, dass ich nicht mit der Sprache heraus wollte,\nund bat daher, zum Grafen sich wendend, um die Erläu-\nterung, die ich zu geben mich weigerte. „Es fehlen die\nTänze,\" antwortete stotternd Rosenberg, „weil das Thea-\nter Ew. Majestät kein Balletcorps hat.\" „Aber die an-\nderen Theater haben welche, und ich wünsche, dass alle\nTänzer, die ihm nöthig erscheinen, da Ponte zur Dispo-\nsition gestellt werden.\" Eine halbe Stunde später hatten\nwir vierundzwanzig Personen, sowohl Tänzer als Figuran-\nten. Das Ballet wurde aufgeführt. „Sehr schön!\" rief der\nKaiser, und dieser neue Beweis von Beifall verdoppelte den\nRachedurst im Herzen meines mächtigen Verfolgers.\nEndlich erschien der Tag der ersten Aufführung die-\nser Mozart'schen Oper; sie fand Statt zur grossen Beschä-\nmung der Maestri und zum nicht geringeren Aerger des\nGrafen und Casti's. Die Oper selbst hatte den glänzendsten\nErfolg; vor Allem gefiel sie dem Kaiser, wie allen wahren\nFreunden guter Musik; man pries sie als ein erhabenes, fast\ngöttliches Werk. Das Libretto bekam auch seinen Antheil\nan dem günstigen Erfolge, und mein bescheidener Mitbe-\nwerber Casti war der Erste, welcher auf seine Schönheiten\naufmerksam machte. Was waren aber diese Lobsprüche?\nVersteckter Tadel unter dem Schleier von Gutmüthigkeit.\n„Es ist zwar\", sagte er, „nur eine Uebersetzung von Beau-\nmarchais, aber es sind schöne Verse und mehrere ganz\nhübsche Sachen darin.\"\nDer Graf von Rosenberg, dessen Gunst zu verlieren\ner stark befürchtete, verlangte von ihm ein Drama für\nSalieri, der vor Neid verging, die Oper Mozart's zu über-\ntreffen. Um diese Zeit verfasste er Trofo-\nnio\" (die Höhle des Tropbonius), deren zweiter Act hin-\nsichtlich der Kunst viel zu wünschen übrig liess.\nDie Musik dazu war sehr schön, und die Anhänger\ndes Poeten posaunten dies allerwärts aus; dies konnte aber\nden Kaiser nicht bewegen, seine Ansicht zu ändern. Es\nblieb noch ein letzter Streich zu wagen, aber dieser Streich\nstürzte Casti vollends in der Gunst des Kaisers, welcher\nzwar seine Verse sehr liebte, keineswegs aber seine Per-\nson. Casti hatte eben die letzte Hand an seinen Dschingis-\nKhan gelegt, ein tatarisches Gedicht, das jedoch weit un-\nter seinen Novelle galantiund namentlich unter seinen\nanimaliparbnti\" steht; dieses Gedicht beschleunigte seine\nUngnade. Er liess es sorgfältig abschreiben und überreichte\nes selbst dem Souverain. Mit Recht oder Unrecht glaubte\nJoseph 11. darin eine beissende Satire auf Katharina 11.\nzu erkennen, die er hochschätzte und bewunderte. Er\nhess ihn m seine Loge rufen, überreichte ihm hier hundert\nZechinen und bemerkte dabei nur: „Zu den Reisekosten\".\nEine feine Art, ihm den Abschied zu geben. Casti verstand,\nwas dies heissen sollte, und reis'te in wenigen Tagen von\nWien ab.\n\nBeurtheilungen.\n\nWoldemar Bargiel, Phantasie (III.) für Pianoforte.\nOp. 19. Breslau, Leuckart. Pr. 1 Thlr. 17V2Sgr.\nAus diesem Werke des sehr begabten Componisten\nspricht uns eben so wie aus seinen anderen Werken der\nletzten Zeit eine kraftvolle, reiche, wenn auch mitunter\netwas düstere, Phantasie lebhaft an. Wir können nicht\ngleichgültig bleiben, nachdem wir uns ans Ciavier gesetzt\nhaben; es reisst uns mit Macht fort, wir müssen dem Ton-\ndichter folgen durch Dick und Dünn, er weiss uns auf die\nmannigfaltigste Art zu fesseln—was heutzutage viel heissen\nwill und zu erfreuen—was noch seltener vorkommt—,\nso dass wir am Ende der etwas langen, aber äusserst an-\nregenden Wanderung mit Freuden eingestehen: Wir sind\nbelohnt!— Gehörten wir zu den Leuten, die bei Beurtei-\nlung eines neuen Werkes von einem noch nicht allgemein\nanerkannten Componisten zunächst mit trauriger Aengst-\nlichkeit nach den Einflüssen spüren, denen der Autor\netwa unterworfen sein möchte, und dann von diesem Ge-\nsichtspunkte aus eine kleinliche Kritik ins Blaue hinein aus-\nüben, so würden wir aus vereinzelten Anklängen mehr Auf-\nhebens machen. Wir suchen und schätzen aber zumeist\nkünstlerische Selbstständigkeit; ist sie gar in so reichem\nMaasse vorhanden, wie bei Bargiel, so freuen wir uns auf-\nrichtig und wünschen dem tüchtigen, denkenden Künstler\nGlück dazu, ohne mit ihm über Geringes zu rechten. Es\nunterliegt keinem Zweifel, dass Beethoven's Werke aus der\nletzten Periode eben so wie Schumann's lebhaft anregendes\nSchaffen auf Bargiel und gleichgesinnte jüngere Kunstge-\nnossen eine bedeutende, nachhaltige Einwirkung ausgeübt\nhaben; die Resultate sind aber sehr verschiedenartig. Wäh-\nrend Andere sich geistig gefangen gaben, behielt Bargiel\ndie Kraft, diese mächtigen und theilweise gefährlichen Ein-\nflüsse auf die rechte Weise künstlerisch in sich aufzuneh-\nmen und zu verarbeiten, und später aus der Fülle der ge-\nwonnenen Einsichten und Ansichten Neues, Reifes und\nEigenes zu geben. Die Phantasie besteht aus drei gros-\nsen Sätzen (I. Maestoso, C, C-moll; 11. Andante, C, As-dur;\n111. Molto moderato e dolce, C, C-dur). In allen Stücken\nfinden sich grosse einzelne Schönheiten, und der Total-Ein-\ndruck ist ebenfalls, wie schon oben bemerkt, ein durchaus"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "270", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.6", "texte": "günstiger. Vorherrschend ist, besonders im ersten Satze,\neine gewisse düstere Grossartigkeit, der man in den mei-\nsten Bargierschen Sachen begegnet. Tadeln wollen wir\ndiesen Hang nicht, weil er uns in Bargiel's künstlerischer\nNatur begründet erscheint; aber es kann auch hierin des\nGuten zu viel geschehen. Das Andante ist ein schönes Stück;\nfür die ausdrucksvolle, edle Führung der Melodie und die\nbedeutende Steigerung nach Cis-moll gebührt dem Compo-\nnisten grosse Anerkennung. Ganz originel ist der letzte\nSatz, der auch hinsichtlich der Form entschieden von den\nAllegro- und Rondo-Formen abweicht, ohne darum irgend-\nwie formlos zu werden. Ein neuer Beweis für die alte,\nleider so oft verkannte Wahrheit, dass es auf die Formen\nnicht ankommt, wohl aber auf Form. Jedes echte, wohl\nangelegte Kunstwerk trägt die Gesetze für seine organische\nEntwicklung in sich selbst, und die Hauptfrage ist nur,\nwenn Gedanken da sind, in wie fern der Componist es ver-\nstanden habe, denselben gerecht zu werden. In dem Bar-\ngierschen Finale sind Inhalt und Form gleich anziehend,\nund dabei ist, wir möchten sagen, der P hantasieen- Cha-\nrakter in eigentümlicher Weise, dem feiner Gebildeten\nwohl bemerkbar, gewahrt. Wir hoffen, durch diese Zei-\nlen ein wenig dazu beigetragen zu haben, auch in unserem\nLeserkreise dem Kunstwerke die Beachtung zu sichern,\ndie es verdient. —g.\nC. A. Mangold, Johanna d'Arc, Scene und Arie\nfür Sopran mit Orchester, nach Worten von Schil-\nler's Jungfrau von Orleans. Op. 63. Winterthur,\nBieter-Biedermann.\nEhe wir zur Beurtheilung der Composition übergehen,\nmüssen wir uns erlauben, auf die Anordnung des Textes\ndurch den Componisten einen prüfenden Blick zu werfen.\nWir haben es nicht, wie man aus dem Titel schliessen\nkönnte, mit der Composition eines einzelnen Monologs zu\nthun; um Stoff für ein möglichst mannigfaltiges Musikstück\nzu gewinnen, hat der Componist kein Bedenken getragen,\nviele weit zerstreute Verse aus dem Zusammenbange zu\nreissen und sie mit souverainer Willkür neu zu verbinden.\nDen Anfang macht die Erzählung vor dem Könige (I.Act,\nX. Auftritt), dann folgt aus dem Prolog (IV. Auftritt) der\nletzte Vers des Monologs und unmittelbar darauf—sollte\nman's glauben?! der erste Vers desselben Monologs\n(„Lebt wohl, ihr Berge\" u. s. w.). In buntem Wirrwarr\nreihen sich nun an einander Worte aus dem Prolog (IV.\nScene), dem 11. Acte (IV. Scene) und dem 111. Acte (IX.\nScene). Was soll man zu solch einem Verfahren sagen?\nSelbst zugegeben, dass einzelne Verse die neue Nachbar-\nschaft zur Noth ertragen, bleibt es doch mindestens rück-\nsichtslos gegen einen grossen Dichter, sein schön geordne-\ntes und durchdachtes Werk in dieser Weise zu zerstückeln,\nuntergeordneten musicalischen Zwecken zu Liebe; geradezu\nwidersinnig und höchst unlogisch erscheint es uns aber,\nwenn nach dem Gipfelpunkte des ersten Monologs dem\ndurch eine Beihe von Affecten stufenweise vorbereiteten\nbegeisterten Aufschwünge des Mädchens („Den Feldruf\nhör' ich mächtig\" u. s. w.) ganz harmlos und gemüthlich,\nals wäre nichts vorgefallen, der erste Vers desselben Mo-\nnologs wie verspätet heranschleicht! Ist es denn gleichgül-\ntig, ob ein Vers in einem dramatischen Meisterwerke hier\noder da steht?—Ist es etwa blosser Zufall, dass bei Schil-\nler der erste Vers erster und der letzte letzter ist? Haben\nwir nicht auch hier, wenn wir bewundernd die psycholo-\ngische Entwicklung und die schöne natur- und kunstge-\nmässe Steigerung in dem Monolog betrachten, den grossen,\nfein fühlenden Künstler zu verehren, der nichts bewusstlos\noder aus Laune thut, sondern auch das kleinste Wort an\ndie rechte Stelle setzt, wohin es gehört und allein wirken\nkann?—Immerhin möchten wir gern versuchen, über die\nverfehlte Anordnung des Textes hinweg zu sehen, wenn\nder Componist uns dafür entschädigte durch eine recht\nfrische, hinreissende Musik, schön melodisch in den ausge-\nbildeten Sätzen, schlagend und natürlich kraftvoll in den\nBecitativen. Leider lässt sich aber auch von der Composition\nnicht viel Günstiges sagen. Das Vorspiel, so wie der An-\nfang des ersten Recitativs ist hübsch; auch im Verlauf\nkommen gute Züge vor; kräftig und klar wirkt vorzüglich\ndas Motiv zu den Worten: „Die Krone muss ich sehen auf\nmeines Königs Haupt!\" Wenn wir aber trotzdem vor\nallen Dingen natürlichen Fluss vermissen, so ist damit noch\nlange nicht gesagt, dass wir Anhänger jener übermässig\nfliessenden, banalen oder trivialen Schreibweise seien, der\nman jetzt bei sehr ausgebildeter Technik so vielfach be-\ngegnet. Unsere Ansicht geht vielmehr dahin, dass natürli-\ncher Fluss mit der ausserordentlichsten Gedankentiefe sehr\ngut Hand in Hand gehen könne (man sehe doch Beetho-\nven'sche, Bach'sche Sachen u. s. w. an!), und es ist daher\nnur zu bedauern, dass das Nichtvorhandensein beider Eigen-\nschaften hier die innige Verbindung einiger Maassen er-\nschwert. Wir erwarten, das herrliche Lebewohl des krie-\ngerischen Hirtenmädchens in einer herzbewegenden, sich\nbreit entfaltenden, wirklichen Melodie zu hören, wir\nfreuen uns nach langem recitativischem Fasten darauf und\nhaben den besten Willen, uns mitfühlend in melodische\nSchönheit zu versenken und dem Componisten freudig zu\ndanken: aber was gibt er uns statt dessen? Nichts weiter\nals eine Reihe mehr oder weniger ausdrucksvoller melodi-\nscher Phrasen, nothdürftig zusammengehalten durch eine\nganz hübsche Begleitungs-Figur, die nur etwas zu sehr an\ndie berühmte Es-dur-Arie der Dorabella in Cosi fan lutte\nanklingt, um für neu gelten zu können. So wollen wir"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "271", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.7", "texte": "keine Johanna singen hören, so singt keine echte Jo-\nhanna!—\nAus den Andeutungen des Clavier-Auszuges, dessen\nmagere Octavenbässe an einzelnen Stellen uns etwas ante-\ndiluvianisch anwehen, scheint hervorzugehen, dass auf die\nInstrumenlirung und auf besondere Klang-Combinationen\nviele Sorgfalt verwandt ist. Wir möchten nur wünschen,\ndass man endlich einmal davon zurückkäme, gewisse Vor-\nstellungen oder Erscheinungen fast stereotyp mit denselben\nKunstmitteln musicalisch darzustellen; so müssen wir es\ndenn auch hier über uns ergehen lassen, dass bei jedesma-\nliger Erwähnung der Himmelskönigin oder der Sonne u. dgl.\nzitternde Accord-Wiederholungen in den Holzbläsern und\nhohe Lagen der Violinen uns gewisser Maassen bestätigend\nzunicken: So ist es; ihr könnt es nur glauben! Die wahre\nCharakteristik in der Gesang-Composition lässt sich auf\ndiese Weise am allerwenigsten erreichen; sei die Behand-\nlung des Orchesters noch so vorzüglich, sei die Kenntniss\nder Klangfarben noch so durchdringend, die Beherrschung\nder Instrumental-Effecte noch so bewundernswürdig,\nder charakteristisch-melodische Gesang bleibt Hauptsache,\nalles Andere Nebensache.\n\ng.\n\nAus Wiesbaden.\nOhne dem Rückschritte zu huldigen, möchte ich doch\nfür Ein Mal das Verfahren des Krebses einhalten und von\nder Gegenwart auf die früheren Concerte zurückblicken.\nDas sechste Concert der Curhaus-Administration führte\nuns drei der bedeutendsten Künstler vor: David von Leip-\nzig, Hans von Bülow von Berlin und den noch nicht\nübertroffenen Blaes aus Brüssel. David spielte ein Concert\nvon Viotti (A-moll) und eine eigene Phantasie über russische\nThemen mit einem solchen Feuer und mit der vollständig-\nsten Repräsentation deutscher Schule, dass ein nicht enden\nwollender Beifallssturm ihn dafür belohnte; ein Tusch des\nOrchesters erhöhte nur noch die allgemeine Begeisterung\nfür seine eminenten Leistungen. Herr von Bülow muss un-\nbedingt der hervorragendste Pianist unserer Zeit genannt\nwerden; er spielte die Sonate Les Adieux, l'Absence et le\nRetour von Beethoven, den Schiller-Marsch von Meyerbeer,\nvon Liszt arrangirt, und ein buntes Stück über Themen\naus Rigoletto, ebenfalls von Liszt. Die Technik ist ge-\nwaltig, sie ist den Herren geradezu über den Kopl ge-\nwachsen. In der Geschichte des Clavierspiels werden diese\nTasten-Heroen jene besondere Gruppe bilden, welche den\ngrössten Eifer zeigte, das Ciavierspiel aus den von der\nNatur des Instrumentes ihm angewiesenen Bahnen heraus-\nzudrängen, das Pianoforte zu einem Orchesterleib zu ma-\nchen und durch die Macht, den Glanz und den Aufwand\naller Mittel das Ohr in einen sinnverwirrenden Strudel\nfortzureissen. Die Cultur des Clavierspiels hält mit Gesang\nund der Oper der Gegenwart gleichen Schritt. Herr Blaes\nbläs't seelenvoll. Seine Vorträge sind eben so genial als\nkünstlerisch maassvoll, niemals die Gränzen des Tonlichen\nund des Schönen überschreitend, wohl aber des kaum\nThunlichen, das er aber alles spielend bewältigt. Auch die\nSängerin Mad. Blaes-Meerti ärntete reichlichen Beifall.\nHerr Reichhardt von der italiänischen Oper zu London\nmachte keinen sonderlichen Eindruck, wiewohl seine Stimm-\nmittel noch immer angenehm sind; seine Schule ist zwar\ngut, aber die Geschmacksrichtung des Herrn Reichhardt\nkönnen wir nicht anerkennen, zumal wie sie sich in seiner\neigenen Composition: „ Thon art so near and yet so far\",\nbekundete, einem Fabricale, von dem man wahrlich nicht\nbegreifen kann, wie man jenseit des Canals so viel Auf-\nhebens davon machen konnte.\nNun zurück zum fünften Concerte der Administration,\nwelches von Mitgliedern der italiänischen Operngesellschaft\ndes Herrn Merelli ganz allein ausgeführt wurde.\nSo viel gegründete Opposition der italiänische Gesang\nim Allgemeinen auch findet bei den noch musicalisch\ngesund gebliebenen Deutschen—, so muss ich doch offen\nund gern bekennen: die Italiäner sind unerreichbar in der\nKunst des Gesanges.\nDie Damen Carlotta und Barbara Marchisio\nsind mit so herrlichen Stimmmitteln begabt, wie man sie\nselten antreffen dürfte, haben eine so hohe künstlerische\nAusbildung erlangt, bekunden so grosses musicalisches Ta-\nlent, dass sie Jeden zur Bewunderung fortreissen. Eine wie\ndurch Sympathie, ja. durch Magie, möchte ich sagen, her-\nvorgezauberte Uebereinstimmung im Ausdrucke und in den\nkleinsten Nuancen legten sie in ihren Duetten an den Tag.\nNur durch und durch echt musicalische Naturen können\ndas erreichen. Dabei kein Schreien, wohl aber jeder Ton\nvon der Gluth einer italiänischen und ganz musicalischen\nSeele durchdrungen.\nFrau Calderon und Fräul. Marie Brunetti haben\nbeschränktere Mittel, als die Genannten. Die Signori Zac-\nchi und Galvani haben schöne Stimmen; bewundern\nmussten wir den Tenor des Letzteren. Die sämmtlichen\nVorträge riefen den grössten Enthusiasmus hervor. Es war\nan italian evening, wie die Engländer ihren Mendelssohn\nevening oder Beethoven night haben; der ganze Abend ge-\nhörte den Italiänern! Möchte ihnen auch der Morgen wer-\nden nach so langer, langer Nacht! II Maestro Orsini be-\ngleitete am Piano.\nEin ganz besonderes Vergnügen gewährt es mir, des\nvierten Concertcs der Administration Erwähnung zu thun;"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "272", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18610824-01.1.8", "texte": "denn über F. Hill er, eine musicalische Persönlichkeit,\neben so gewichtig als Tonsetzer wie als Virtuose auf dem\nPiano, welches er seiner rein musicalischen, jungfräulichen\nSphäre nicht entreisst, konnte ich noch nicht berichten,\nweil bisher unsere Administration mehr die Koryphäen\nder Mode - die ja nur im Auslande zu holen sind be-\ngünstigte, als unsere deutschen Künstler zur Mitwirkung\nbei ihren mit enormem Kosten-Aufwand veranstalteten\nConcerten heranzog.\nHerr Hiller spielte das D-moll-Concert von Mozart\nmit einer Vollendung, einer Weihe, die alle wahrhaften\nMusikfreunde entzückte; der blasirte Theil des Publicums\nmag von der Grösse in der Natürlichkeit und Einfachheit\nseines Ciavierspiels gehörig gelangweilt worden sein. Die\neingelegten Cadenzen waren ein Zeugniss des reinsten Ge-\nschmacks und Verständnisses, wahrhaft genial in der Er-\nfindung und eben so genial in der Ausführung. Auch das\nImprovisations-Talent Hiller's erregte hohe Bewunderung.\nNeben Frau Bürde-Ney glänzten der Tenorist Herr\nWachtel, der Geiger Ludwig Strauss, und als liebli-\nches Gestirn am musicalischen Himmel, wenn auch weni-\nger glänzend, leuchtete Giovanni di Dio, Cellist.\nDas dritte Concert der Administration hatte hauptsäch-\nlich nur nachhaltigeres Interesse durch die eminenten Lei-\nstungen des Pianisten Louis Brassin, der eine reizende\nEtüde und eine Phantasie eigener Composition und Liszt's\nRhapsodie Nr. 2 vortrug, welche alle Kenner von dem\nstetigen, sehr lobenswerthen Fortschritte Brassin's über-\nzeugten. Die Technik hat für Herrn Brassin keine Schwie-\nrigkeiten mehr. Fräul. E. Genast errang sich wie immer\nverdienten Beifall; Fräul. B. Eichberg (Harfen-Virtuosin)\nund Fräul. A. Bid6 (Geigerin) erregten allgemeines In-\nteresse; Herr Wachtel riss das Auditorium bis zum\nSelbstvergessen hin.\n(Schluss folgt.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDer jetzt als Capellmeister am Stadttheater in Frankfurt a. M.\nangestellte bisherige schwedische Hof-Capellmeister Ignaz Lach-\nner hat in der Oper „Wilhelm Teil\" zum letzten Male in Stock-\nholm den Dirigentenstab geführt. Nach beendigter Vorstellung über-\nreichte der Componist A. Randel dem scheidenden Dirigenten im\nNamen der Hofcapelle und als Zeichen der Anerkennung seines drei-\njährigen verdienstvollen Wirkens an dem dortigen Theater einen\ngrossen silbernen Pocal mit der Inschrift: „Zur Erinnerung an den\nHof-Capellmeister und Ritter mehrerer Orden, Herrn Ignaz Lachner,\nvon seinen Freunden, Mitgliedern der königlichen 1 Hofcapelle in\nStockholm, den 22. Juni 1861.\" Von Seite des Opernsänger-Perso-\nnals überreichte darauf der Sänger Strandberg Herrn Lachner\neinen Brillantring mit der schwedischen Inschrift: „Minne af Stock-\nholms Scens lyriska Artister.\" (Minne, die Erinnerung.)\nAm 16. August beging der Hoforganist Schneider in Dres-\nden sein goldenes Amts-Jubiläum.\nDie für das Grab des verstorbenen Sängers Staudigl\nbestimmte Kolossal-Statue desselben schreitet ihrer Vollendung ent-\ngegen. Der Bildhauer Pilz hat den Kopf desselben nach einem Oel-\nbilde modellirt, welches kurz vor dem Tode Staudigl's gemalt wurde.\nDie Statue wird von vier Engeln umgeben sein und auf einem Gra-\nnitsockel ruhen.\nDer Stadtrath von Tri est hat eine Unterstützung für den Sohn\ndes unglücklichen Componisten Ricci, welcher kürzlich in Prag\ngestorben ist, bewilligt. Diese Unterstützung wird den kaum sieben\nJahre alten Knaben in den Stand setzen, seine musicalische Erzie-\nhung zu vollenden.\nPsuris* Dem Componisten Auber ist bei Gelegenheit der Preis-\nverteilung des Conservatoriums das Grosskreuz der Ehrenlegion\nverliehen worden.\nDer Componist Jakob Offenbach ist bei Gelegenheit des\nNapoleonsfestes (15. August) mit dem Ritterkreuz der Ehrenlegion\ndeeorirt worden.\nIn der grossen Oper in Paris traten in der jüngsten Vorstellung\ndes „Robert\" zwei junge Gesangs-Talente probeweise auf, welche\nzu guten Erwartungen berechtigen. Es sind dies der Tenor Dulau-\nrens und die Sopranistin Rey-Balla. Letztere besonders wusste\nals Alice das Publicum in hohem Grade für sich einzunehmen. Sie\nist eine schöne Erscheinung, hat brillante Stimmmittel und singt\nmit guter Schule.\nVor seinem Abgange von Vichy hat Napoleon der Sängerin Mad.\nStraus ein diamantenbesetztes Bracelet und dem Capellmeister des\nCasino-Orchesters, Bernardin, eine Gold-Medaille mit dem Bild-\nnisse des Kaisers zustellen lassen.\nDas Conservatorium der Musik in Paris zählt 81 Professoren\nund 934 Zöglinge. Das wiener Conservatorium dagegen ist von 179\nZöglingen besucht, während das Lehrpersonal aus 22 Schul-Inspec-\ntoren und 21 Lehrern besteht.\nliOilclovt. Jenny Lind, welche kürzlich in London in einem\nvon Lord Ward veranstalteten Wohltbätigkeits-Concerte sang, hat\nfür das nächste Jahr ein Engagement zu Concerten in Exeter Hall\nangenommen. Sie erhält für zehn Concerte 1000 Guineen.\nIn London starb, 71 Jahre alt, die Sängerin Susanna Byers.\nSie war zu ihrer Zeit eine der berühmtesten Oratoriensängerinnen."}]}