{"numero_id": "bm-bmtnabi-1861-10-05-01", "volume": "bmtnabi_1861-10-05_01", "ocr_sha256": "cd53d59b3bc0f551b42c8e81f71a41bda48bce4b99215ca49dab4ff7c4b5ab04", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1861/10/05_01/bmtnabi_1861-10-05_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1861-10-05-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-10-05_01#c001", "volume": "bmtnabi_1861-10-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "313", "page_fin": "313", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 441, "texte": "Inhalt.\nDer Beethoven'sche Nachlass in der königlichen Bibliothek zu Berlin. Von Anton Schindler. Das Musikfest zu\nBirmingham. Am 27., 28., 29. und 30. August 1861. (Fortsetzung, statt Schluss.) Noch ein Wort über Gläser. 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In Erinnerung der lügenhaften\nund verunglimpfenden Berichte und Aussagen, die, nach-\ndem 1845 die Erwerbung dieser Nachlass-Gegenstände\nfür die königliche Bibliothek Statt gefunden, alsbald dar-\nüber zu lesen waren, die dann im Jahre darauf einen nahe-\nzu grossartigen Charakter angenommen hatten; in Betracht\nferner, dass es unbezweifelt von Interesse ist, die Männer\nvon Auszeichnung zu kennen, welche die in Rede stehende\nSache in Schutz genommen, von denen es endlich einem\nnach obgewalteten, die Erwerbung gefährdenden Ge-\ngenwirkungen—dennoch gelungen ist, diesem seltenen Mu-\nsikschatze eine gesicherte Stätte in Berlin zu bereiten, nach-\ndem von Seiten des britischen Museums in London eben\nein ernster Schritt zu dessen Erwerbung geschehen war;\ndiese thatsächlichen Umstände legen mir die Pflicht auf,\nden geschichtlichen Hergang dieser Angelegenheit in ge-\ndrängter Kürze hiermit der Oeffentlichkeit vorzulegen;\nein längeres Aufschieben wäre auf Grund meines vorge-\nrückten Alters nicht zu rechtfertigen, zumal noch in Be-\ntracht kommt, dass Niemand ausser mir Zusammenhangen-\ndes und durch vorliegende Documente Verbürgtes über\ndiese Angelegenheit zu geben vermag. Das Niederschrei-\nben dieses in zwei gesonderte Zeitabschnitte zerfallen-\nden Hergangs mit all dem Wesentlichen, was eng damit\nin Verbindung steht, wird mir um so leichter, als einige\nvon jenen Männern noch unter den Lebenden wandeln.\nNur zwei davon sind seitdem hinübergegangen: Alexan-\nder von Humboldt und Prof. Dehn, Custos der musi-\ncalischen Abtheilung in der berliner königlichen Bibliothek.\nGeschichtliche Thatsachen sollen üherhaupt noch bei\nLebzeiten wenigstens einiger Zeugen und persönlich Theil-\nhabenden daran ins Reine gebracht werden, denn nur un-\nter dieser Bedingnng wird dem Vertrauen zur Wahrheit\ndes Ausgesagten kein Zwang angethan, zugleich aber den\nGegnern oder mit dem Sachverhalt nur oberflächlich Be-\nkannten die Gelegenheit zu irrigen Aussagen, die von Zeit\nzu Zeit immer wieder vorgebracht werden, entzogen. Dass\nPersönliches von geschichtlichen Dingen nicht zu trennen,\nist wohl überflüssig, zu bemerken.\nUnter den handschriftlichen Bestandteilen dieses Nach-\nlasses war es allein die Partitur der Oper Fidelio in ur-\nsprünglicher Gestaltung, die ich weniger als mein Eigen-\nthum, als vielmehr als ein von dem Schöpfer des Werkes\nder Kunstwelt bestimmtes Vermächtniss betrachtet habe,\nwozu mir die Worte des aus dem Leben scheidenden\nFreundes bei dessen Einhändigung Grund und Weisung\ngegeben hatten. Ich fühlte mich sonach in der Verfügung\nhierüber beschränkt. Alle anderen Originalien waren mein\nunbestrittenes Eigenthum, mit dem ich nach Gutdünken\nverfügen konnte; es waren lauter Geschenke, die mir\nBeethoven im Verlaufe der vielen Jahre unseres Zusam-\nmenseins als gelegentliche Beweise seiner Dankbarkeit für\ngeleistete Dienste und Aufopferungen mancher Art einge-\nhändigt hatte; wusste er doch, dass er mir keine grössere\nFreude machen konnte, als mit irgend einem seiner Auto-\ngraphe, die für ihn selber in der Regel wenig Werth ge-\nhabt*). Wäre dem nicht so, dann würden sich wohl Bru-\n\n*) Wenn einstens die ansehnliche Zahl der von Beethoven an\nmich gerichteten Briefe zu Jedermanns Einsicht vorliegen wird,\nso wird man in den aus den bekanntlich ereignissreichen Jah-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5773, "texte": "der und Neffe Beethoven's, deren Gesinnungen allgemein\ngekannt sind, gegen mich erhoben haben; Ersterer starb\n1847, der Andere 1858.\nEin gleicher Beweis war das Geschenk mit der Par-\ntitur von schottischen, irischen, spanischen, portugiesi-\nschen, französischen, dänischen und deutschen Volkslie-\ndern, sämmtlich jedoch ohne Text*). Auch diese Partitur\niielanete in die berliner Hof-Bibliothek, und erst in der\nc 5 0\njüngsten Zeit ist es den Bemühungen des Herrn Espagne\ngelungen, alle Texte hierzu aufzufinden. Seine Vorrede\nzum ersten Hefte besagt hierüber das Nähere. Wenn dem-\nnach in Nr. 10 des berliner „Echo\", bei Gelegenheit der\nAnzeige des ersten Heftes dieser Volkslieder, der Verfasser\ndes Aufsatzes „Beethoven's Nachlass\" beklagend voraus-\nschickt, dass von des Meisters Manuscripten sich das Meiste\nzerstreut hat und spurlos verschwinden wird, wie die er-\nsten Drucke von dessen früheren Werken bereits ver-\nschwunden sind, und dann wörtlich äussert: „Zum Glück\nhatte Schindler noch bei Lebzeiten Beethoven's und dann\nbei der Auction des Nachlasses mancherlei Werthvolles\nerworben ....\" —so ist das Letztere nach dem oben An-\ngeführten zu berichtigen. Dass ich mich in den Tagen der\nöffentlichen Versteigerung, bezeichnender: Verschleude-\nrung, der Beethoven'schen Effecten und sonstigen Hinter-\nlassenschaften nicht in Wien, sondern in Pesth befand, ist\nbereits in des Meisters Biographie ausgesagt, 11., 370. Ich\nhatte schon sattsam genug an der durch zwei „geschwo-\nrene\" Musik-Verleger vorgenommenen schmählichen Ab-\nschätzung vieler dieser Gegenstände, welche lautete, als\nhandelte es sich um alten Trödel eines wiener Musicanten*).\nLeider kamen nach diesen unerwarteten Erlebnissen mir\nselbst gemachte Vorwürfe zu spät, dass ich mir von dem\nlebenden Meister nicht noch mehrere der grossen Partitu-\nren, die noch vorhanden waren, übergeben liess, wozu es\nnur schicklicher Veranlassung und meines Wunsches be-\ndurft hätte; sie alle wären da und könnten für die Wis-\nsenschaft der Tonkunst wichtige Dienste leisten.\nI.\nBereits im Jahre 1842 hatte mein sehr verehrter\nFreund und Gönner, Herr David Hansemann in Aachen\n—1848 königlich preussischer Finanz-Minister—, meine\nBekanntschaft mit dem Custos Dehn vermittelt. Alsbald\nbegann ein Briefwechsel zwischen uns über kunstwissen-\nschaftliche Materien vergangener und gegenwärtiger Zeit.\nDass auch des in meinem Besitze sich befindenden Schatzes\nvon Beethoven'schen Aulographen bald gedacht worden,\nlässt sich wohl begreifen. Dehn sprach den Wunsch aus,\ndenselben ganz oder theilweise der königlichen Bibliothek\nüberlassen zu wollen, auf dass mit Sammlung von derlei\nKunstgegenständen endlich in Berlin ein ernster Anlang\ngemacht werde, denn noch besitze die Staats-Bibliothek an\nAutographen von Haydn, Mozart und Beethoven fast gar\nnichts. Ein anderer, mit gleichem Eiler von Dehn verhan-\ndelter Gegenstand in diesem Briefwechsel betraf die musi-\ncalische Zeitschrift „Cäcilia\", die nach mehrjähriger Un-\nterbrechung 1841 wieder in Schott's Verlag zu Mainz ins\nLeben getreten war, und zwar unter Dehn's Bedaction,\nein unserer Angelegenheit zur Seite gehender Fall, dessen\ngleich hier zur Stelle gedacht werden soll.\nZur Zeit dieser mit dem gelehrten Custos gepflogenen\nCorrespondenz war meine Stellung schon seit einigen Jah-\nren eine freie, unabhängige, was mein Aufenthalt in den\nJahren 1841 und 1842 zu Paris zeigt. Dehn hatte sich\nmit dem Aufgeben aller meiner künstlerischen Wirksam-\nkeit nicht einverstanden erklärt und wünschte wiederholt\nbaldige Bückkehr zur praktischen Thätigkeit im Orchester.\nAllein die im Verkehr mit dem Dilettantismus gemachten\nwidrigen Erfahrungen, die selbst den glühendsten Eifer\nersticken konnten, ferner der eben eingetretene Zeitpunkt\nhöchster Blüthe des alle W irksamkeit für das Bechte und\n\nren 1823 und 1824 datirenden Stellen finden, welche das hier\nAngeführte bestätigen, und ich darf wohl hinzusetzen: in fast\nrührender Weise. Ueberhaupt findet sich in nicht wenigen die-\nser Briefe die charakteristische Individualität des grossen Man-\nnes in seltener Weise ausgeprägt, und Göthe's Worte: „Wir\nlieben nur das Individuelle\" u. s. w., bekunden sich darin nur\ngar zu oft. Dur- und JfoZZ-Tonarten in stetem Wechsel, For-\nmat und Schriftzüge von der Miniature bis zum Grotesken,\ngeben vereint ein so naturwahres Portrait von dem grossen\nMeister, wie es mit Farben nicht zu erreichen ist.\n*) Es ist zu bemerken, dass Georg Thomson, der Sammler der\nschottischen und irischen Volkslieder, bei Uebersendung der\nMelodieen sämmtliche Texte zurückbehalten hat; nur bei ein-\nzelnen war eine charakterisirende Ueberschrift oder die An-\nfangsworte der ersten Strophe angegeben. Auch mag noch be-\nmerkt sein, dass Beethoven sich bereits im Jahre 1810 mit\nBearbeitung schottischer Volkslieder beschäftigt hat. Das er-\ngibt sich aus zwei vorhandenen Heften solcher Lieder in sau-\nberer Abschrift. Das eine davon, nun im Besitze des Herrn\nProf. Otto Jahn, ist in des Meisters Biographie, I., 250, er-\nwähnt. Dasselbe lag auch Herrn Espagne vor; das andere be-\nfindet sich bei mir. Auf dem Titelblatte des letzteren steht\nvon Beethoven's Hand: „53 schottländische Lieder — noch\nnicht corrigirtes Exemplar — 1810 — par Louis van Beetho-\nven.\" Diese beiden Hefte bilden sehr wahrscheinlich ein Gan-\nzes und enthalten die erste Hälfte der bearbeiteten Gesänge\nschottischer und irischer Abstammung. Zur Bearbeitung aller\nder anderen Volkslieder hat der edinburger Sammler nicht\nVeranlassung gegeben.\n*) Die neulich in Nr. 36 der Deutschen Musik-Zeitung veröffent-\nlichte „Verlassenschafts-Abhandlung\" der Mozart'schen Effecten\nund sonstigen Gegenstände vom December 1791 gibt einen Be-\ngriff von dem gleichen im November 1827 mit den Beethoven'-\nschen Effecten u s. w. vorgenommenen Acte."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "315", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5438, "texte": "Gute in der Tonkunst paralysirenden Virtuosenthums—,\ndiese Dinge hatten mich mit unwiderstehlichem Widerwil-\nlen gegen alle Musik erfüllt, so dass dem wohlmeinenden\nGustos stets ausweichend geantwortet wurde, stand doch\nvornehmlich letztere Erscheinung im schneidendsten Ge-\ngensatze zu der in mir lebenden Kunst-Religion. Dehn\nliess sich dessen ungeachtet nicht abschrecken, mit seinen\nWünschen immer näher zu rücken, bis er unterm 24. Mai\n1843 sich folgender Maassen aussprach:\n„Seit Rellstab's Anwesenheit in Paris habe ich die\nTheater-Artikel der Vossischen Zeitung übernommen und\nneulich bei einer sehr passenden Gelegenheit auf eine Stel-\nlung hingedeutet, die (ohne Sie zu nennen) so recht für\nSie passen würde.... Sie sollen hier selbstständig stehen\nals Director der bis jetzt so genannten „ „Königlichen Mu-\nsikschule\" u, die, wenn nur der rechte Mann an die Spitze\ngestellt wird, der Grund des beabsichtigten Conservato-\nriums werden kann.... Ich schliesse diesen Gegenstand\nfür heute mit der Mahnung: Kommen Sie baldmöglichst\nher!!! Bringen Sie einige Ihrer Schätze zur Vorlage mit!!!\"\nNoch eine andere Stelle aus jenem Briefe soll zu kla-\nrer Uebersicht des Zusammenhanges der in einander ver-\nflochtenen Dinge unserer Geschichte hier angezogen wer-\nden; dieselbe lautet:\n„Wie gern ich mit Ihnen auch der Gäcilia wegen\nin nähere Berührung träte, brauche ich Ihnen nicht erst\nzu sagen. Sie haben mich aber durch Ihren ersten Ab-\nsagebrief schon bange gemacht; dennoch wende ich mich\nnoch einmal an Sie und fordere Sie auf, doch einen Auf-\nsatz über die gegenwärtige Richtung der Cäcilia zu schrei-\nben; ich werde durch Ihr etwaiges Lob nicht stolz wer-\nden, werde aber aus den von Ihnen etwa angedeuteten\nMängeln meinen Nutzen ziehen. Ich weiss, dass Sie ohne\nirgend einen Rückhalt schreiben, und eben desshalb wende\nich mich an Sie.... Ich meine, Sie könnten das bald thun.\nWie es auch ausfällt, so bin ich Ihnen schon im Voraus\ndankbar.\"\nDie Neugierde zumeist, die königliche Musikschule\nkennen zu lernen, von deren Existenz mir bis dahin nichts\nbekannt war, liess mich nicht lange säumen, mich auf die\nReise zu begeben. Schon gegen Mitte des Juni traf ich in\nBerlin ein. Kaum hatte ich dem von Tausenden, allen\nZweigen der Tonkunst angehörenden Gegenständen um-\ngebenen Custos in der königlichen Bibliothek meinen Be-\nsuch abgestattet, als ich mich unverweilt Sr. Excellenz dem\nMinister des Innern, Herrn Grafen von Arnim-Boytzen-\nburg, vorstellte, dessen besondere Achtung ich mir wäh-\nrend seiner dreijährigen Function als Präsident der könig-\nlichen Regierung in Aachen erworben hatte. Diesem aus-\ngezeichneten Staatsmanne zunächst hatte ich es zu verdan-\nken, wenn ich während dieses kurzen Zeitraumes in mei-\nnem die aachener Musik-Verhältnisse betreffenden Oraa-\nnisirungs-Geschäfte, zu welchem Zwecke ich Seitens der\nStadt ausdrücklich berufen worden, in Kirche und Con-\ncertsaal bisweilen Beachtenswerthes leisten konnte; Graf\nvon Arnim wusste bei den bestehenden, wenig erfreulichen\nZuständen (auch in socialer Hinsicht) nicht bloss zu rathen,\nsondern auch nötigenfalls durch ein Kraftwort, nach ge-\nwisser Seite hin gerichtet, zu helfen.\nDie Mittheilung des Doppelzweckes, der mich in die\nResidenz geführt, fand bei dem Herrn Minister nicht nur\nbeilällige Aufnahme, auch sogleich freundlichen Rath. Die\nSache mit dem Beelhoven'schen Nachlasse ward von Sr.\nExcellenz wie eine Landes-Angelegenheit betrachtet. Da\nselbe jedoch unmittelbar vor des Königs Majestät gebracht\nwerden musste, so glaubte Graf von Arnim sie keinem An-\nderen empfehlen zu wollen, als seinem Freunde Alexander\nvon Humboldt, wesshalb er das Erforderliche sofort ein-\nzuleiten versprach. Als ich nach wenigen Tagen die Einla-\ndung erhielt, mich dieser obersten Excellenz im Bereiche\ndes Wissens vorzustellen, ward mir auch da eine Auf-\nnahme zu Theil, als wäre ich ein vieljähriger Bekannter.\nHumboldt war bereits von Allem unterrichtet, wozu auch\nHerr Meyerbeer wesentlich mitgewirkt hatte. Wie der\ngrosse Mann unsere Sache aufgefasst hat, soll durch eine\nStelle aus seinem ersten an mich gerichteten Briefe (deren\nvier vorliegen) gezeigt werden.\nAber auch von dem Plane Dehn's in Betreff der kö-\nniglichen Musikschule hatte Humboldt bereits Kenntniss,\nwollte jedoch erst später seine Ansichten darüber ausspre-\nchen; einstweilen rieth er desfalls zur grössten Vorsicht.\nIndess war mir der Stand der Dinge dort theils durch eigene\nEinsicht, theils durch offene Darlegung von Prof. Run-\ngenhagen schon aufs beste bekannt geworden. Wenn\nes dem Director eines königlichen Lehr-Instiluts gestattet\nist, die nicht unbedeutende Dotation desselben für sich al-\nlein zu verwenden, und anstatt tüchtige Lehrer für die ver-\nschiedenen Zweige des Unterrichts anzustellen, ihn nach\nArt der Lancaster'schen Methode von vorgeschrittenen\nSchülern abthun lässt, und dabei noch obendrein von hoch-\nstehenden Staatsbeamten geschätzt wird dann hört wohl\nAlles auf. So lagen die Verhältnisse in der königlichen\nMusikschule zu Berlin in damaliger Zeit. Daher hatte\nich desfalls schon meine Partie genommen, als mir Hum-\nboldt erklärte, in dieser Sache nicht mitwirken zu können,\n„weil er in ein Wespennest stossen würde, aus dem zwar\nnicht Wespen, sondern lauter Geheimräthe, Cameraden\nvon Herrn M...., springen würden, deren Gegenwirkun-\ngen am königlichen Hofe er schon oft zu erfahren gehabt,\nund sich vor diesen kleinen Königen zurückziehen musste\".\n\nt* ■ —.\n*"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5364, "texte": "Mit dieser peremptorischen Erklärung schien dieser Plan\nfür immer beseitigt zu sein, obgleich Dehn ihn noch nicht\naufgegeben wissen wollte, denn er glaubte eine Stütze da-\nfür an dem Minister des Innern noch zu finden.\nMittlerweile waren für die Hauptsache an drei Wo-\nchen nutzlos verstrichen. Herr von Humboldt drang nun\ndarauf, dieselbe zur Unterbreitung an den König gebracht\nzu sehen, damit sein Wirken dafür beginnen könne. Dar-\nüber schrieb er mir unterm 14. Juli. Die Schlussstelle die-\nses vier volle Seiten einnehmenden Briefes lautet wörtlich:\n„.... An Verzögerung dieses Bathes bin ich unschuldig,\nda Ihr gütiges Schreiben in meiner berliner Wohnung lie-\ngen geblieben war und mir Se. Excellenz Graf von Arnim\nversprochen hatte, Ew. Wohlgeboren aufzufordern, mir\ndie Eingabe an den König hieher zu senden. Die Correc-\nturen von Beethoven's Hand, seine Sorgfalt im Bhythmus\nbezeugend, die Conversationsbücher, welche Sie besitzen,\nscheinen mir von grosser Wichtigkeit, und die Pietät für\nden grossen Mann macht es der Begierung zur Pflicht, so\nmonumentale Erinnerungen als ein Heiligthum zu bewah-\nren.\" Es wird interessiren, zu vernehmen, dass Hum-\nboldt verschiedene dieser Beliquien (auch von den musi-\ncalischen, wiewohl er sich selber einen Ignoranten in\naller Musik genannt) zu eigener Ansicht gewünscht hat.\nDrei Nummern aus Fidelio, sauber von fremder Hand co-\npirt, aber mit unzähligen Correcturen im Bhythmus, in\nder Orchestrirung und auch in Stimmführung von des\nSchöpfers Hand versehen, ferner mehrere der Conversa-\ntionsbücher, die den täglichen Verkehr des tauben Mei-\nsters mit seiner Umgebung enthalten, haben die grösste\nAufmerksamkeit Humboldt's erregt. „So mache ich es\nauch,\" äusserte er beim Durchblättern der Fidelio-Musik,\n„darum kosten mich die Auflagen meiner Bücher so viel,\nweil mancher Druckbogen vor lauter Correcturen mehr-\nmals umgesetzt werden muss.\" Die Conversationsbücher\nnannte er ein „Unicum\" und erbat sich deren noch mehr,\nnachdem ich die gebrachten mit ihm durchgesehen und\ndie nöthigen Erläuterungen über dunkle Stellen gegeben\nhatte. Alle diese Theiie hat er lange bei sich behalten, ja,\ndie drei Nummern aus Fidelio hat er mir erst 1850 wie-\nder zurückgeschickt. Wiederholt liess er beim Durchlesen\nder Conversationsbücher den Wunsch hören, wenn der-\ngleichen doch auch von anderen Kunst- und Wissenschafts-\nmännern existirte, hinzufügend: „Meine besten Gedanken\nentfahren mir oft in der Conversation; wenn ich sie dann\nam Schreibtische wieder suche, so lassen sie sich nicht fin-\nden, oder sie kommen anders.\"\nSogleich, nachdem Herr von Humboldt die Sache in\ndie Hand genommen hatte, ward Custos Dehn zu einem\namtlichen Berichte über den Kunstwerth der vorzüglichsten\nTheiie des Nachlasses aufgefordert. Dieser Bericht sollte\ndie Eingabe an den König begleiten, zugleich auch dem\nerhabenen Förderer als feste Handhabe dienen. Auch hatte\nHumboldt das Verlangen ausgesprochen, dass alle Theil-\nhaber an der Sache über den überein-\nstimmen sollen, damit ein allfälliger Dissens ihm im Ver-\nfolge seiner Schritte allerhöchsten Ortes nicht hinderlich\nwerde. Ueber diesen Punkt ward eine Berathung mit Zu-\nziehung von Bungenhagen gehalten, und eine Leibrente\nals der für den Staat vortheilhafteste Modus festgestellt.\nAus Dehn's Bericht soll die Hauptstelle wortgetreu citirt\nwerden, denn sie gewährt einen klaren Begriff von der Be-\ndeutung der in Bede stehenden Sache und ist von allge-\nmeinem Interesse *).\nDer gelehrte Musiker erklärt sich, wie folgt:\n„Eine kunstgerechte Analyse der Partituren anerkann-\nter Meisterwerke ist von je her nicht nur von Kunstleh-\nrern, sondern auch von solchen Künstlern, die immer in\nihrer Fortbildung begriffen sind, als die wesentlichste Ba-\nsis der eigentlichen oder höheren Compositionslehre, nach-\ndem vorher der grammatische Theil derselben vollständig\nbeseitigt ist, anerkannt und anempfohlen worden. Der\nkunstverständige Leser einer Partitur geniesst das Geistes-\nproduct eines Meisters; es stellt sich ihm übersichtlich dar,\nund so gewährt ihm die Partitur, je nachdem er Nutzen\noder Vergnügen, oder endlich Beides zugleich, mit dem\nLesen beabsichtigt, ein mehrfaches Interesse. Wenn nun\ndies schon der Fall mit der gewöhnlichen vollständig ge-\ndruckten oder geschriebenen Partitur ist, welche andeutet,\nwas der Meister geleistet hat, so müssen viele der oben\nunter I. angeführten Partituren um so interessanter sein,\nweil in ihnen nicht nur das was, sondern zugleich auch\nangedeutet wird, wie, nach wie mancherlei Versu-\nchen in scharfsinnig ausgedachten verschiede-\nnen Wendungen eines musicalischen Gedankens\nund mit welch strenger Kritik seines eigenen\nWerkes, ein grosses, unerreichtes Genie wie Beethoven\nsein grösstes Kunstwerk geschaffen hat; wie er zu man-\nchem seiner Werke den scheinbar oft unbedeutenden Keim\ngelegt und aus ihm das nachherige riesenhafte Kunstwerk\ngleichsam atomistisch entwickelt und endlich als ein völlig\nabgerundetes Ganzes wie aus Einem Gusse aufgestellt hat.\nNicht weniger interessant und lehrreich sind die weiter\noben unter B. angeführten Skizzen zu musicalischen Com-\npositionen und die unter D. aufgeführten 136 Conversa-\ntionsbücher.\n\n*) Dieser Bericht trägt das Datum vom 18. Juli 1843. Dem Ver-\nfasser des Gegenwärtigen liegt eine von dem königlichen\nOber-Bibliothekar, Herrn Geh. Rath Dr. Pertz beglaubigte\nAbschrift davon vor."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5425, "texte": "„Wenn der Gesammt-Inhalt dieser Gegenstände der\nSchindler'schen Sammlung systematisch und kritisch ge-\nordnet würde, so könnte hiedurch für die Wissenschaft\nder Kunst unendlich viel gewonnen werden. Bis jetzt\nhabe ich, ungeachtet der emsigsten Nachforschungen in\nden grössten Bibliotheken Deutschlands und des Auslan-\ndes, keine ähnliche Sammlung aufgefunden; schwerlich\ndürfte sich auch von einem solchen Meister wie Beethoven\nso viel Interessantes auf einmal beisammen finden, wie es\nhier der Fall ist. Ein Band der unter A. 1. bemerkten\nPartitur und ein Band der Skizzen zur neunten Sinfonie\nist hinreichend, um die bisherige Lehre des musicalischen\nRhythmus, der Melopöie überhaupt und endlich auch der\nmusicalischen Rhetorik unter Anziehung der interessan-\ntesten Beispiele zu erweitern vollkommen hinreichend,\num recht deutlich zu beweisen, dass selbst ein Genie wie\nBeethoven beim Schaffen seiner Werke nicht einzig und\nallein seiner Erfindungsgabe vertraut, sondern vielmehr\nimmer dem Verstände die Rolle zutheilt, den genialen\nFunken zu läutern und zu einem Ganzen zu ordnen.\"\nSchon am 19. Juli legte ich diesen amtlichen Bericht\nsammt meiner Eingabe an den König in die Hände Hum-\nboldts. Das Ergebniss hat nicht lange auf sich warten las-\nsen; unterm 16. August erging eine königliche Cabinets-\nOrdre an mich, die „wegen des hohen Preises\" den An-\nkauf des Nachlasses ablehnte.\nAls ich diese Cabinets-Ordre meinem erhabenen An-\nwalt vorlegte, gerieth er über den darin angegebenen\nGrund des Ablehnens in heftige Aufregung, Verdacht wer-\nfend auf Gegenwirkung eines geheimen Rathes in der Um-\ngebung des Königs, „der grosse Summen für Ankauf ägyp-\ntischer Mumien, irdener Töpfe, Vasen und mittelmässiger\nGemälde verschleudere, während die vaterländischen Wis-\nsenschaften und Künste mit den Brosamen königlicher\nGnade sich begnügen müssten\" u. s. w. Ruhiger gewor-\nden, nannte er die königliche Ablehnung ein Missverständ-\nniss, das auf einem ungeschickten Vortrage beruhen könne,\nweiter den Wunsch ausdrückend, ihm etwas Zeit zur Re-\ncognoscirung des Terrains nach einer anderen Seite hin\nzu gönnen; vielleicht könne er alsdann zu einer zweiten\nEingabe an den König rathen.\nDa trat der im Planemachen nicht minder wie in con-\ntrapunktischen Combinationen geschickte Dehn mit einer\nModification seines früheren Planes hervor, dahin lautend,\nes müsse nun vor Allem dahin gewirkt werden, dem\nSchindler den Platz als Director der königlichen Musik-\nschule zu sichern; dann könne derselbe den Beethoven'-\nschen Nachlass dem Staate für eine kleine Aversional-\nSumme überlassen, und sei eine zweite Eingabe an den\nTT • » 0\nKönig sonach einzurichten. Herr von Humboldt schwankte\nAnfangs; alsbald aber fand er diesen Plan plausibel (ich\naber nicht, und zwar aus den oben angeführten Gründen),\ner sagte seine Mitwirkung unter der Bedingung zu, wenn\nder Herr Minister des Innern ihn bei seinen Schritten da-\nfür unterstützen wolle. Allein Graf von Arnim erklärte\nseine direcle Mitwirkung hierbei aus Gründen untun-\nlich und theilte mir dieselben unterm 4. September schrift-\nlich mit. Da machte Humboldt diesem Hin- und Herreden\nmit einem kategorischen Imperativ ein Ende. „Wir sind\nnicht belugt , erklärte er, „den Werth der grossen Sache\ndem Könige gegenüber herabzusetzen\", mich zugleich auf-\nfordernd, unverzüglich eine zweite Eingabe, in den Haupt-\npunkten ganz desselben Wortlautes, wie die erste, ihm zu\nüberbringen; er wolle sich vorläufig eines der vortragen-\nden Bäthe im königlichen Cabinelte versichern. Aber\nauch das Ergebniss dieser zweiten Eingabe hat nicht lange\nauf sich warten lassen. Schon unter dem 25. October er-\nfolgte das königliche „Bedauern\", dass der frühere Grund\nden Ankauf „unthunlich mache\".\nDieser unerwartete Ausgang konnte zuvörderst auf\nmich nicht anders denn peinlich einwirken. Fast gleiche\nWirkung machte er auf eine ansehnliche Zahl wackerer\nMusiker, die mein Verbleiben in einer der Kunst nützen-\nden Stellung in Berlin eben so gewünscht, wie das Ver-\nbleiben des Beethoven'schen Nachlasses daselbst. Und\nHerr von Humboldt? Die bald erfolgte Zusammenkunft\nmit ihm war die denkwürdigste, und liesse sich viel dar-\nüber mittheilen; denn er schüttete freilich in hoher Er-\nbitterung sein ganzes Herz über seine Stellung am kö-\nniglichen Hofe, die er eine für ihn unwürdige genannt,\ngegen mich aus. In dem Endergebnisse seiner Bemühun-\ngen fühlte er eine ihm persönlich widerfahrene Kränkung,\nindem früher der König selber, später seine Cabinetsräthe\nihm die besten Hoffnungen auf das Gelingen gemacht hät-\nten; es müsse eine Gegenwirkung Statt gefunden haben,\naber von welcher Seite? Dahinter wolle und müsse er\nkommen. Ich getraute mir nicht, ihm zu sagen, dass Dehn\nbald nach dem Erscheinen der ersten Cabinets-Ordre „aus\nsicherer Quelle\" vernommen haben wollte, dass eine di-\nrecte Gegenwirkung von Felix Mendelssohn ausgegan-\ngen sei, und dass der Custos nun erst mit dieser Entdeckung\nunverholen hervortrete, die auch bei Vielen Glauben finde.\nMehr noch: bald nachher war diese schwere Beschuldi-\ngung gegen Mendelssohn sogar in einem berliner Blatte\nzu lesen. Allein diese üblen Nachreden vermochten doch\njene nicht zu täuschen, denen nicht unbekannt war, wie\nes um die gegenseitigen Sympathieen von Dehn und Men-\ndelssohn eigentlich stehe, und wie wenig diese ausgezeich-\nneten Meister musicalischer Harmonie andererseits die\nschöne Kunst des gegenseitigen Vergebens und Vergessens"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1170, "texte": "verstanden haben. Uebrigens war Mendelssohn in all der\nZeit, als diese Erwerbungssache ihren ersten Act durchge-\nspielt, mit seinem Umzüge von Leipzig nach Berlin be-\nschäftigt, auch hatte er niemals irgend einen Bestandtheil\ndes Nachlasses vor Augen gehabt, was zu einer versuchten\nGegenwirkung allerhöchsten Ortes doch erforderlich gewe-\nsen wäre. Mehr bedarf es wohl nicht, um ihn selbst von\ndem leisesten Verdachte gereinigt zu sehen. Hingegen\nhörte ich manchen sehr achtbaren Mann sich dahin aus-\nsprechen, dass, hat je eine Gegenwirkung Statt gefunden,\ndiese nach Lage aller Umstände nur aus den Räumen der\nköniglichen Bibliothek ausgegangen sein könne.\nHiermit soll der erste Act dieser wenig erquicklichen,\nin gewissen Kunstbeziehungen aber doch nicht uninteres-\nsanten Geschichte mit dem Anfügen geschlossen sein, dass\nich meinen hohen Gönner Humboldt zum letzten Male am\n9. December vor meiner Abreise von Berlin gesehen habe,\nso wie, dass ich zwar um 700 Thlr. ärmer, dafür aber\num eine grosse Summe von Erfahrungen (auch solchen,\ndie ich nicht zu erfahren verlangt hatte) reicher zu Ende\ndes Jahres in meinem damaligen Wohnorte Aachen wie-\nder angelangt war."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-10-05-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-10-05_01#c003", "volume": "bmtnabi_1861-10-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "318", "page_fin": "319", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.2.3", "titre_corps": "Das Musikfest zu Birmingham.", "titre_sommaire": "Das Musikfest zu Birmingham.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.6", "debut_caractere": 1172, "fin_caractere_exclue": 5152, "texte": "Das Musikfest zu Birmingham.\nAm 27., 28., 29. und 30. August 1861.\n(Fortsetzung, statt Schluss. S. Nr. 39.)\nUeber das Einzelne der Aufführungen nur einige Be-\nmerkungen. Ohne das Oratorium Elias von Mendels-\nsohn ist kein Musikfest in Birmingham, wo der Compo-\nnist selbst es zum ersten Male aufgeführt hat, denkbar.\nUeber die Ausführung der Chöre in England ist in der\nNiederrheinischen Musik-Zeitung in früheren Jahrgängen\nschon oft gesprochen, sie ist seitdem nicht anders gewor-\nden; das Imposante dabei ist das klangvolle, mit lauter\nvorzüglichen Instrumenten ausgestattete Orchester und die\nMitwirkung der Orgel. Die Frische undSonorität der deut-\nschen, besonders der rheinischen, Stimmen darf man hier\nnicht suchen, und wenn der Berichterstatter der Musical\nWorld sagt, dass so ein englischer Festchor den Chören\nvon 1000 oder 2000 Mitwirkenden bei den Musikfesten\nin Deutschland, „wie neulich in Nürnberg\" (!), weit über-\nlegen sei, so zeigt er dadurch nur, dass er noch keine Ora-\ntorien-Aufführung in Deutschland gehört hat, sonst würde\ner diese nicht mit dem nürnberger Männergesang-Feste\nverwechseln. Der Schluss-Chor des ersten Theiles: „Dank\nsei Dir, Gott!\" wurde auf ein Zeichen des Präsidenten,\nGrafen von Shrewsbury, wiederholt. Derselbe erlaubte sich\nauch, die erste Alt-Arie der Frau Dolby zu ru-\nfen, und gab somit von oben herab, von wo dieser hässli-\nchen Sitte entgegengearbeitet werden müsste, ein schlim-\nmes Beispiel. Fräulein Tiljens sang die grosse Arie „Höre,\nIsrael,\" und die erste Stimme in den Ensembles recht gut.\nDas Terzett der drei Engel wurde von ihr, Miss Palmer\nund Frau Dolby sehr schön vorgetragen. Die Partie des\nElias wurde von Santley mit klangvoller Stimme und\nmeist edlem Ausdruck durchgeführt.\nEin „gemischtes Concert\" bei einem Musikfeste\nin England auszuhalten, ist für jeden Kritiker, der mit\nmusicalischer Bildung einen classischen Geschmack verbin-\ndet, zumal für einen Deutschen, eine Pein und für mich\neine wahre Unmöglichkeit, da mir bei gemachten Versu-\nchen stets physisch unwohl geworden ist. Damit Ihre Leser\ndies nicht für einen „schlechten Witz\" halten, so mögen\nsie sich in ihrer Phantasie nach dem ersten Abend-Con-\ncerte in Birmingham versetzen und in der ersten Abthei-\nlung hinter einander anzuhören träumen:\nDie ausserordentlich charakteristische Sinfonie Ros-\nsini's zur Belagerung von Korinth und hinterher ein Duett\naus Don Pasquale von Donizetti, worauf Behufs der\nRückführung auf den National-Standpunkt ein englischer\nSong, ein Gebet auf der See, folgt. Ein Terzett für So-\npran, Alt und Tenor von Cursehmann wird von einer\nArie Giuglini's aus Donizetti's Favorite über Bord ge-\nworfen, gleich darauf indessen der Ensemblegesang durch\nein fünfstimmiges altes Volkslied von Bishop gerettet.\nAher, o weh! die Freude währt nicht lange; denn mit\nVerdi's Traviata in der Person der Adelina Patti wird\njeder Standpunkt verrückt und die tobende Menge ent-\nzückt. Zur Abkühlung muss der gutmüthige Mozart sein\nLa ci darem la mano hergeben, Fräul. Titjens eine Scene\nvon Weber singen; zwischen beide Meister aber wird\nHerr Blumenthal geschoben, weil er neue Noten über\neinen alten Text von Thompson gesetzt hat, bis endlich\nMendelssohn's G-iwll-Concert die ganze bunte Gesell-\nschaft hinausfegt.\nAber sie kommt wieder! Mit der Freischütz-Ouver-\nture zieht sie ein, Sims Reeves präsentirt den Ladys Bal-\nfe's „frische Rose\", die Sherrington, Rudersdorf und Dolby\nergehen sich schwesterlich durch die blumigen Pfade auf\nder Spohr'schen Zauberinsel Azor's, bis Rossini's Ma-\nhomet-Belletti sie donnernd verscheucht. Frau Rudersdorf\nerholt sich indess von ihrem Schreck, und da man einmal\nim Orient und bei den Türken ist, so tritt sie mit Auber's\nHülfe als Circassierin auf. Vom Kaukasus nach Chamounix\nist kaum zwei Schritt, und so reihet sich Linda-Titjens mit\nihrem Geliebten hier ganz natürlich an, und Beide würden\nglauben, ungeheure Wirkung gemacht zu haben, wenn\nes nicht Damen gäbe, die im Mondschein nachtwan-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3584, "texte": "dein und durch Bellini's Heilmethode plötzlich erwa-\nchen und Alles in Staunen und Jubel versetzen, wie Ade-\nlina Patti. So viel Entzücken über Sopran-Tändelei empört\nGiuglirii und Belletti, sie schleudern Mercadante's Don-\nnerkeile aus der Wolke Elisa unter das Volk;\nes stutzt, aber durch Dinorah's Walzergesang mit ihrem\nSchatten und dem Schatten des ehemaligen Meyer beer\n(denn er selbst scheint nicht mehr zu leben) geht Alles im\nwollüstigen Strudel unter. Graf Almaviva (Santley) findet die\nGelegenheit günstig und fragt Fräul. Tiljens: Percte, eru-\ndel finorau. s. w., worauf sich in einem Finale von Mar-\ntini: „ Vadasi via di quäu zu Deutsch: „Macht, dass\nihr fortkommt!\" —Alles in Wohlgefallen auflös't.\nStellen Sie Sich das ganze Gewirr recht lebhaft vor,\nund wenn es Ihnen dann noch nicht ergeht, wie dem fah-\nrenden Schüler mit dem Mühlrad im Kopfe, so müssen\nIhre Gehörs- und Gefühlsnerven von Eisen sein.\nDie Aufführung von Händel's Samson am folgen-\nden Tage (28. August) war im Ganzen eine recht gute;\ndie Präcision der Chöre wurde auch vom grossen Publi-\ncum anerkannt, nur die herrlichen Trauergesänge des letz-\nten Theiles schienen einen grossen Theil desselben zu lang-\nweilen. Costa's Instrumentirung dürfte an vielen Stellen\nbescheidener auftreten. Das Concert dauerte lange, denn\nman gab den Samson ganz, d. h. ohne die bedeutenden\nAuslassungen, die in Deutschland nach der Mosel'schen\nBearbeitung gewöhnlich sind, wogegen Gervinus in der\nNiederrheinischen Musik-Zeitung schon früher mit Becht\ngeeifert hat. Hier hatte der erste Theil 14, der zweite 18,\nder dritte 22 Gesang-Nummern (ohne die Ouvertüre, die\nSinfonie und den Trauermarsch im dritten Theile), zusam-\nmen 54 Nummern. Die Vermehrung entsteht hauptsäch-\nlich durch die Partie des Riesen Harapha (Belletti), wel-\nche ausser einigen Ilecitativen zwei grosse Arien und ein\nDuett mit Samson (Sims Reeves) enthält. Doch sang auch\nFrau Rudersdorf (Daiila) eine Arie:\nim ersten Theile, die wir in Deutschland nicht gehört ha-\nben; dagegen blieb die Triller-Arie mit dem Violin-Solo,\ndie wir bei der Aufführung am Musikfeste in Düsseldorf\nunter Hiller's Direction vor zwei Jahren gehört haben, hier\nweg. Dass der Samson eine der besten Partieen von Sims\nReeves ist, gilt in England für ausgemacht, und es ist\nwahr, dass dieser treffliche Sänger noch immer Klang in\nseiner Stimme hat, den er sich durch richtige Behandlung\nund Schonung derselben erhalten hat; auf der Bühne hat\ner daher auch nie gefallen, weil er zum Schreien weder\nAnlage noch Lust hatte. Im Samson gelangen ihm die ly-\nrischen Stellen besser, als die dramatischen, obwohl nicht\nzu läugnen ist, dass er mit grosser Kunst die Kraft zu\nsparen wusste, um sie an einigen Stellen heroischen Cha-\nrakters recht schlagend anzuwenden. Frau Hudersdorf\ngehört auch zu denjenigen Sangerinnen, die das Gcheim-\nniss kennen, sieh und die Stimme zu conserviren, und was\ndie letztere verloren hat, durch Kunst und Vortrag zu er-\nsetzen. Glücklicher Weise waren dieses Mal die Jungfrauen\nihres Gefolges auch nicht mehr in der Blüthe der Jahre\nwenigstens nach den Stimmen zu urtbeilen —, und dann\nkommt der deutschen Künstlerin die englische Sitte zu gut,\nC 1 O '\nüberall conservativ zu sein, und folglich auch den Künst-\nlern, welche sich einmal einen gewissen Rang in der Mu-\nsikwelt erworben haben, ihre Gunst bis in die späteste Zeit\nzu erhalten. Nun, es ist dieser Brauch wenigstens liebens-\nwürdiger, als die ungestümmen Forderungen des Publi-\ncum« in Frankreich [und jetzt auch in Deutschland], das\nalle Jahre etwas Neues haben will.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-10-05-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-10-05_01#c004", "volume": "bmtnabi_1861-10-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "319", "page_fin": "320", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.2.4", "titre_corps": "Noch ein Wort über Gläser", "titre_sommaire": "Noch ein Wort über Gläser", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.7", "debut_caractere": 3586, "fin_caractere_exclue": 5261, "texte": "Noch ein Wort über Gläser\n(Vergl. Nr. 38 und 39.)\nWenn ein englisches Sprüchwort sagt: „Der Tod ist\nein grosser Verschönerer alles Thuns und Lassens des Ver-\nstorbenen\" u. s. w., und dieses Sprüchwort sich in den\nmeisten Nekrologen bewahrheitet, so ist letzteres sicher und\ngewiss nicht der Fall in dem Nekrolog von Franz Glä-\nser. Ueber einen so langen und bedeutenden Abschnitt wie\nGläser's Leben in Wien wusste der Verfasser nichts oder\nfast nichts zu sagen. Was er von Gläser's Bekanntschaft\nmit Beethoven und dessen Bedeutung für Gläser's Ent-\nwicklung anführt, ist völlig unwahr. Das, was in Bezug auf\nEinstudirung des Fidelio u. s. w. dort gesagt ist, ist eine\nVerwechslung mit der „Weihe des Hauses\" bei Eröffnung\ndes neuen Josephstädter Theaters im October 1822, wo\nBeethoven das Ganze selbst leitete, Gläser ihm aber zur\nSeite gewesen, um nöthigenfalls eintretende Störungen auf\nder Bühne sofort zu verbessern. Für das Orchester hatte\nSchindler zu sorgen. Ueber diesen Vorgang hat derselbe\nin der Biographie ausführlich gesprochen. An demselben\nTheater standen Beide drei und ein halbes Jahr zusammen\nund haben sich allzeit recht wohl vertragen. Gläser war\nals compositorisches Talent von nicht geringer Bedeutung,\nleider mangelte ihm die Erfindung; dafür verstand er das\n„Machen\" in virtuoser Weise. Das komische Genre in der\nOper betreffend, stelle ich ihn weit über Lortzing. Er hat\ndies in vielen seiner für die wiener Vorstadt-Theater ge-\nschriebenen so genannten „Volks-Opern\" durch die That\nbewiesen. Für den Ernst, das Tragische, lag in ihm nichts.\nWas sich jedoch bei besserer Pflege des Talentes auch\n\n*) Mitgetbeilt von einem früheren Collegen desselben."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1716, "texte": "nach dieser Seite hin entwickelt hätte, lässt sich nicht sa-\ngen. Unser Mann hatte den Fehler, es mit dem Componi-\nren ganz ausserordentlich leicht zu nehmen, Alles der Lo-\ncalität und dem Geschmack des Publicums zum Opfer zu\nbringen. Damit hat sich aber Gläser den besseren Theil\ndes Publicums zum Gegner gemacht, und wie Beethoven\nsolche Vielschreiberei apostrophirt hat, ist bekannt. So\nkonnte er in dem kurzen Zeiträume von 14 bis 15 Jah-\nren in Wien an vierzig solcher Volks-Opern zusammen-\nschreiben, wovon das Meiste im Rossini'schen Stile. Ein-\nzelne Nummern darin sind von wahrhafter Schönheit, ganz\nbesonders in „Arsenius\" und in der „Arsena\", welche\nZug-Opern waren und über alle österreichischeu Bühnen\ngegangen sind. Gläser musste oft den Vorwurf hören, er\nhacke Holz auf seinem Talente; allein das alles wurde\nleipht hingenommen, denn er war das gehätschelte Kind\nder gerade solcher Musik bedürftigen Theater-Directionen\nund der bewunderte Liebling des Publicums ob seiner\nenormen Productivität. Für den grossen Haufen des wie-\nner Publicums war letztere immer und allezeit die Haupt-\nsache, weil es immer etwas Neues gab. Als Dirigent war\nGläser ganz ausgezeichnet. Consequenz, feinen Geschmack\nund hohe Achtung vor dem Gesänge, weil er diesen gründ-\nlich verstand, zähle ich zu seinen hervorstechendsten Eigen-\nschaften. Auch ihm waren die unübertrefflichen Meister\nim Directionsfache, Weigl und Umlauf, Muster; oft gingen\nwir zusammen zu den Proben ins Kärnthnerthor-Theater,\num diese grossen Meister zu beobachten.—Das neue Lexi-\nkon bei Andre zählt F. Gläser „zu den bereits Verschol-\nlenen\"; diese biographische Notiz besteht aus 7 8 Zei-\nlen. Solche Lexikographie verdient wahrlich strenge Rüge."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1861-10-05-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1861-10-05_01#c005", "volume": "bmtnabi_1861-10-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "320", "page_fin": "320", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.8", "debut_caractere": 1718, "fin_caractere_exclue": 5093, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nS2ei*lifii. Se. Majestät der König hat den General-Musik-Di-\nrector Meyerbeer mit der Composition eines Festmarsches zur\nFeier der Krönung in Königsberg betraut. Dieser Marsch, welcher\nfür zwei coneertirende Orchester componirt worden ist, wird von den\nim Schlosshofe aufgestellten Infanterie- und Cavallerie-Mnsikcorps\nwährend des feierlichen Zuges ausgeführt werden. Am Abende findet\nim Moskowiter-Saale des königlichen Schlosses ein grosses Hof-Con-\ncert Statt, dessen Arrangement und persönliche Direction gleichfalls\nHerrn Meyerbeer übertragen ist.\nDie Theater-birection Würzburg macht unter dem 5. September\nbekannt: „Zur bevorstehenden Aufführung des Trauerspiels Spar-\nta cus von J. de Sechelles am Stadttheater zu Würzburg werden\nzwei Preise, jeder von einhundert Gulden rhein., für die dem Autor\nentsprechende musicalische Composition der beiden Chöre im zwei-\nten und fünften Acte (Schwur der Germanen und Gesang der ger-\nmanischen Frauen) ausgesetzt. Die resp. Componisten, welche ge-\nsonnen sind, eine Composition zu liefern (Termin bis 1. December\n1861), erhalten ein gedrucktes Exemplar des Stückes zugesandt. Alle\nZuschriften werden franco erbeten. Der Autor hat die beiden Preis-\nHonorare bei der unterzeichneten Direction bereits erlegt. Die\nDirection des Stadttheaters Würzburg: M. Ernst.\"\n** Hamburg. Unter der Direction des Musik-Directors Ot-\nte n wird hier am 8. November Beethoven's D-dur-Messe zur ersten\nhamburgischen Aufführung, und zwar Abends in der erleuchteten\ngrossen Michaeliskirche, gelangen. Der Chor, zu dem sich eine\ngrosse Zahl Theilnehmer von Braunschweig, Magdeburg und ande-\nren norddeutschen Städten gesellen wird, erreicht die Zahl von un-\ngefähr 400 mit 60 bis 70 Instrumentisten. Die treffliche schwedi-\nsche Hofsängerin Frau Louise Michal-Michaeli wird das So-\npran-Solo, Frau Sophie Gurau, geb. Schloss, den Alt, Herr\nSchulze den Bass singen. Ueber Tenor noch Ungewissheit. Der\ngrosse, ganz freie Kaum der Kirche fasst gegen 5000 Zuhörer. Die\nherrliche grosse Orgel wird mitwirken. Das Werk ergreift in den\nProben alle Singenden auf das tiefste. Eine Commission von ange-\nsehenen Kunstfreunden steht an der Spitze.\nDie durch den Tod des Capellmeisters Taux in Salzburg erle-\ndigte Stelle am Mozarteum u. s. W.ist Herrn Hans Schläger,\nChormeister des wiener Männer-Gesangvereins, verliehen worden.\nEin Arrangement, welches das Concert-Publicum gewiss dankbar\naufnehmen wird, hat zwischen den grösseren und stabilen wiener\nConcert-Unternehmungen Statt gefunden, nach welchem die Auffüh-\nrungstage so eingetheilt wurden, dass an keinem Tage eine Collision\nzweier Concerte Platz greifen wird. Es ist selbst auf die Hellmes-\nberger'schen Quartette Rücksicht genommen worden, da an den\nQuartett-Tagen kein grosses Mittags-Concert angesetzt werden wird.\nDie Mutter des vor einem Jahre gestorbenen Pianisten A. Goria,\nFrau Sophia Gertrud Goria, ist,76 Jahre alt, am 3. Septem-\nber in Paris gestorben. Sie war eine berühmte Sängerin an der ita-\nliänisehen Oper Napoleon's 1., als welche sie zuerst in Paris im\n„Don Juan\" und in „Figaro's Hochzeit\" sang. Ihrem Sohne hatte\nsie den ersten Musik-Unterricht ertheilt, bis er das Conservatörium\nbesuchen konnte, wo er im dreizehnten Lebensjahre den ersten Preis\nerrang.\nIn der vorigen Nummer d. 81. lies Seite 306, Spalte 1, Zeile 8\nvon unten 33/4, statt Loth."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "313", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDer Beethoven'sche Nachlass in der königlichen Bibliothek zu Berlin. Von Anton Schindler. Das Musikfest zu\nBirmingham. Am 27., 28., 29. und 30. August 1861. (Fortsetzung, statt Schluss.) Noch ein Wort über Gläser. Tages- und Un-\nterhaltungsblatt (Berlin, Krönungs-Festmarsch Würzburg, Preis-Ausschreiben Hamburg, Musik-Aufführung Salzburg, Ernen-\nnung Wien, Arrangement wegen Concert-Aufführungen Paris, Frau Sophia Gertrud Goria f).\n\nDer Beethoven’sche Nachlass in der königlichen\nBibliothek zu Berlin.\nVon Anton Schindler.\nDie durch Herrn FranzEspagne, Assistenten in der\nmusicalischen Abtheilung dieser Bibliothek, bewerkstelligte\nHerausgabe einer Reihenfolge von noch ungedruckten\nVolksliedern nach Beethoven's Handschrift (Leipzig, bei\nPeters) hat wieder die Aufmerksamkeit der Kunstwelt je-\nnem Nachlasse zugewandt und nebst Zweifeln an der Au-\nthenticität dieser Lieder auch noch über das Ganze man-\ncherlei irrige Bemerkungen hervorgerufen, die mitunter\nmich persönlich berühren. In Erinnerung der lügenhaften\nund verunglimpfenden Berichte und Aussagen, die, nach-\ndem 1845 die Erwerbung dieser Nachlass-Gegenstände\nfür die königliche Bibliothek Statt gefunden, alsbald dar-\nüber zu lesen waren, die dann im Jahre darauf einen nahe-\nzu grossartigen Charakter angenommen hatten; in Betracht\nferner, dass es unbezweifelt von Interesse ist, die Männer\nvon Auszeichnung zu kennen, welche die in Rede stehende\nSache in Schutz genommen, von denen es endlich einem\nnach obgewalteten, die Erwerbung gefährdenden Ge-\ngenwirkungen—dennoch gelungen ist, diesem seltenen Mu-\nsikschatze eine gesicherte Stätte in Berlin zu bereiten, nach-\ndem von Seiten des britischen Museums in London eben\nein ernster Schritt zu dessen Erwerbung geschehen war;\ndiese thatsächlichen Umstände legen mir die Pflicht auf,\nden geschichtlichen Hergang dieser Angelegenheit in ge-\ndrängter Kürze hiermit der Oeffentlichkeit vorzulegen;\nein längeres Aufschieben wäre auf Grund meines vorge-\nrückten Alters nicht zu rechtfertigen, zumal noch in Be-\ntracht kommt, dass Niemand ausser mir Zusammenhangen-\ndes und durch vorliegende Documente Verbürgtes über\ndiese Angelegenheit zu geben vermag. Das Niederschrei-\nben dieses in zwei gesonderte Zeitabschnitte zerfallen-\nden Hergangs mit all dem Wesentlichen, was eng damit\nin Verbindung steht, wird mir um so leichter, als einige\nvon jenen Männern noch unter den Lebenden wandeln.\nNur zwei davon sind seitdem hinübergegangen: Alexan-\nder von Humboldt und Prof. Dehn, Custos der musi-\ncalischen Abtheilung in der berliner königlichen Bibliothek.\nGeschichtliche Thatsachen sollen üherhaupt noch bei\nLebzeiten wenigstens einiger Zeugen und persönlich Theil-\nhabenden daran ins Reine gebracht werden, denn nur un-\nter dieser Bedingnng wird dem Vertrauen zur Wahrheit\ndes Ausgesagten kein Zwang angethan, zugleich aber den\nGegnern oder mit dem Sachverhalt nur oberflächlich Be-\nkannten die Gelegenheit zu irrigen Aussagen, die von Zeit\nzu Zeit immer wieder vorgebracht werden, entzogen. Dass\nPersönliches von geschichtlichen Dingen nicht zu trennen,\nist wohl überflüssig, zu bemerken.\nUnter den handschriftlichen Bestandteilen dieses Nach-\nlasses war es allein die Partitur der Oper Fidelio in ur-\nsprünglicher Gestaltung, die ich weniger als mein Eigen-\nthum, als vielmehr als ein von dem Schöpfer des Werkes\nder Kunstwelt bestimmtes Vermächtniss betrachtet habe,\nwozu mir die Worte des aus dem Leben scheidenden\nFreundes bei dessen Einhändigung Grund und Weisung\ngegeben hatten. Ich fühlte mich sonach in der Verfügung\nhierüber beschränkt. Alle anderen Originalien waren mein\nunbestrittenes Eigenthum, mit dem ich nach Gutdünken\nverfügen konnte; es waren lauter Geschenke, die mir\nBeethoven im Verlaufe der vielen Jahre unseres Zusam-\nmenseins als gelegentliche Beweise seiner Dankbarkeit für\ngeleistete Dienste und Aufopferungen mancher Art einge-\nhändigt hatte; wusste er doch, dass er mir keine grössere\nFreude machen konnte, als mit irgend einem seiner Auto-\ngraphe, die für ihn selber in der Regel wenig Werth ge-\nhabt*). Wäre dem nicht so, dann würden sich wohl Bru-\n\n*) Wenn einstens die ansehnliche Zahl der von Beethoven an\nmich gerichteten Briefe zu Jedermanns Einsicht vorliegen wird,\nso wird man in den aus den bekanntlich ereignissreichen Jah-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "314", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.2", "texte": "der und Neffe Beethoven's, deren Gesinnungen allgemein\ngekannt sind, gegen mich erhoben haben; Ersterer starb\n1847, der Andere 1858.\nEin gleicher Beweis war das Geschenk mit der Par-\ntitur von schottischen, irischen, spanischen, portugiesi-\nschen, französischen, dänischen und deutschen Volkslie-\ndern, sämmtlich jedoch ohne Text*). Auch diese Partitur\niielanete in die berliner Hof-Bibliothek, und erst in der\nc 5 0\njüngsten Zeit ist es den Bemühungen des Herrn Espagne\ngelungen, alle Texte hierzu aufzufinden. Seine Vorrede\nzum ersten Hefte besagt hierüber das Nähere. Wenn dem-\nnach in Nr. 10 des berliner „Echo\", bei Gelegenheit der\nAnzeige des ersten Heftes dieser Volkslieder, der Verfasser\ndes Aufsatzes „Beethoven's Nachlass\" beklagend voraus-\nschickt, dass von des Meisters Manuscripten sich das Meiste\nzerstreut hat und spurlos verschwinden wird, wie die er-\nsten Drucke von dessen früheren Werken bereits ver-\nschwunden sind, und dann wörtlich äussert: „Zum Glück\nhatte Schindler noch bei Lebzeiten Beethoven's und dann\nbei der Auction des Nachlasses mancherlei Werthvolles\nerworben ....\" —so ist das Letztere nach dem oben An-\ngeführten zu berichtigen. Dass ich mich in den Tagen der\nöffentlichen Versteigerung, bezeichnender: Verschleude-\nrung, der Beethoven'schen Effecten und sonstigen Hinter-\nlassenschaften nicht in Wien, sondern in Pesth befand, ist\nbereits in des Meisters Biographie ausgesagt, 11., 370. Ich\nhatte schon sattsam genug an der durch zwei „geschwo-\nrene\" Musik-Verleger vorgenommenen schmählichen Ab-\nschätzung vieler dieser Gegenstände, welche lautete, als\nhandelte es sich um alten Trödel eines wiener Musicanten*).\nLeider kamen nach diesen unerwarteten Erlebnissen mir\nselbst gemachte Vorwürfe zu spät, dass ich mir von dem\nlebenden Meister nicht noch mehrere der grossen Partitu-\nren, die noch vorhanden waren, übergeben liess, wozu es\nnur schicklicher Veranlassung und meines Wunsches be-\ndurft hätte; sie alle wären da und könnten für die Wis-\nsenschaft der Tonkunst wichtige Dienste leisten.\nI.\nBereits im Jahre 1842 hatte mein sehr verehrter\nFreund und Gönner, Herr David Hansemann in Aachen\n—1848 königlich preussischer Finanz-Minister—, meine\nBekanntschaft mit dem Custos Dehn vermittelt. Alsbald\nbegann ein Briefwechsel zwischen uns über kunstwissen-\nschaftliche Materien vergangener und gegenwärtiger Zeit.\nDass auch des in meinem Besitze sich befindenden Schatzes\nvon Beethoven'schen Aulographen bald gedacht worden,\nlässt sich wohl begreifen. Dehn sprach den Wunsch aus,\ndenselben ganz oder theilweise der königlichen Bibliothek\nüberlassen zu wollen, auf dass mit Sammlung von derlei\nKunstgegenständen endlich in Berlin ein ernster Anlang\ngemacht werde, denn noch besitze die Staats-Bibliothek an\nAutographen von Haydn, Mozart und Beethoven fast gar\nnichts. Ein anderer, mit gleichem Eiler von Dehn verhan-\ndelter Gegenstand in diesem Briefwechsel betraf die musi-\ncalische Zeitschrift „Cäcilia\", die nach mehrjähriger Un-\nterbrechung 1841 wieder in Schott's Verlag zu Mainz ins\nLeben getreten war, und zwar unter Dehn's Bedaction,\nein unserer Angelegenheit zur Seite gehender Fall, dessen\ngleich hier zur Stelle gedacht werden soll.\nZur Zeit dieser mit dem gelehrten Custos gepflogenen\nCorrespondenz war meine Stellung schon seit einigen Jah-\nren eine freie, unabhängige, was mein Aufenthalt in den\nJahren 1841 und 1842 zu Paris zeigt. Dehn hatte sich\nmit dem Aufgeben aller meiner künstlerischen Wirksam-\nkeit nicht einverstanden erklärt und wünschte wiederholt\nbaldige Bückkehr zur praktischen Thätigkeit im Orchester.\nAllein die im Verkehr mit dem Dilettantismus gemachten\nwidrigen Erfahrungen, die selbst den glühendsten Eifer\nersticken konnten, ferner der eben eingetretene Zeitpunkt\nhöchster Blüthe des alle W irksamkeit für das Bechte und\n\nren 1823 und 1824 datirenden Stellen finden, welche das hier\nAngeführte bestätigen, und ich darf wohl hinzusetzen: in fast\nrührender Weise. Ueberhaupt findet sich in nicht wenigen die-\nser Briefe die charakteristische Individualität des grossen Man-\nnes in seltener Weise ausgeprägt, und Göthe's Worte: „Wir\nlieben nur das Individuelle\" u. s. w., bekunden sich darin nur\ngar zu oft. Dur- und JfoZZ-Tonarten in stetem Wechsel, For-\nmat und Schriftzüge von der Miniature bis zum Grotesken,\ngeben vereint ein so naturwahres Portrait von dem grossen\nMeister, wie es mit Farben nicht zu erreichen ist.\n*) Es ist zu bemerken, dass Georg Thomson, der Sammler der\nschottischen und irischen Volkslieder, bei Uebersendung der\nMelodieen sämmtliche Texte zurückbehalten hat; nur bei ein-\nzelnen war eine charakterisirende Ueberschrift oder die An-\nfangsworte der ersten Strophe angegeben. Auch mag noch be-\nmerkt sein, dass Beethoven sich bereits im Jahre 1810 mit\nBearbeitung schottischer Volkslieder beschäftigt hat. Das er-\ngibt sich aus zwei vorhandenen Heften solcher Lieder in sau-\nberer Abschrift. Das eine davon, nun im Besitze des Herrn\nProf. Otto Jahn, ist in des Meisters Biographie, I., 250, er-\nwähnt. Dasselbe lag auch Herrn Espagne vor; das andere be-\nfindet sich bei mir. Auf dem Titelblatte des letzteren steht\nvon Beethoven's Hand: „53 schottländische Lieder — noch\nnicht corrigirtes Exemplar — 1810 — par Louis van Beetho-\nven.\" Diese beiden Hefte bilden sehr wahrscheinlich ein Gan-\nzes und enthalten die erste Hälfte der bearbeiteten Gesänge\nschottischer und irischer Abstammung. Zur Bearbeitung aller\nder anderen Volkslieder hat der edinburger Sammler nicht\nVeranlassung gegeben.\n*) Die neulich in Nr. 36 der Deutschen Musik-Zeitung veröffent-\nlichte „Verlassenschafts-Abhandlung\" der Mozart'schen Effecten\nund sonstigen Gegenstände vom December 1791 gibt einen Be-\ngriff von dem gleichen im November 1827 mit den Beethoven'-\nschen Effecten u s. w. vorgenommenen Acte."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "315", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.3", "texte": "Gute in der Tonkunst paralysirenden Virtuosenthums—,\ndiese Dinge hatten mich mit unwiderstehlichem Widerwil-\nlen gegen alle Musik erfüllt, so dass dem wohlmeinenden\nGustos stets ausweichend geantwortet wurde, stand doch\nvornehmlich letztere Erscheinung im schneidendsten Ge-\ngensatze zu der in mir lebenden Kunst-Religion. Dehn\nliess sich dessen ungeachtet nicht abschrecken, mit seinen\nWünschen immer näher zu rücken, bis er unterm 24. Mai\n1843 sich folgender Maassen aussprach:\n„Seit Rellstab's Anwesenheit in Paris habe ich die\nTheater-Artikel der Vossischen Zeitung übernommen und\nneulich bei einer sehr passenden Gelegenheit auf eine Stel-\nlung hingedeutet, die (ohne Sie zu nennen) so recht für\nSie passen würde.... Sie sollen hier selbstständig stehen\nals Director der bis jetzt so genannten „ „Königlichen Mu-\nsikschule\" u, die, wenn nur der rechte Mann an die Spitze\ngestellt wird, der Grund des beabsichtigten Conservato-\nriums werden kann.... Ich schliesse diesen Gegenstand\nfür heute mit der Mahnung: Kommen Sie baldmöglichst\nher!!! Bringen Sie einige Ihrer Schätze zur Vorlage mit!!!\"\nNoch eine andere Stelle aus jenem Briefe soll zu kla-\nrer Uebersicht des Zusammenhanges der in einander ver-\nflochtenen Dinge unserer Geschichte hier angezogen wer-\nden; dieselbe lautet:\n„Wie gern ich mit Ihnen auch der Gäcilia wegen\nin nähere Berührung träte, brauche ich Ihnen nicht erst\nzu sagen. Sie haben mich aber durch Ihren ersten Ab-\nsagebrief schon bange gemacht; dennoch wende ich mich\nnoch einmal an Sie und fordere Sie auf, doch einen Auf-\nsatz über die gegenwärtige Richtung der Cäcilia zu schrei-\nben; ich werde durch Ihr etwaiges Lob nicht stolz wer-\nden, werde aber aus den von Ihnen etwa angedeuteten\nMängeln meinen Nutzen ziehen. Ich weiss, dass Sie ohne\nirgend einen Rückhalt schreiben, und eben desshalb wende\nich mich an Sie.... Ich meine, Sie könnten das bald thun.\nWie es auch ausfällt, so bin ich Ihnen schon im Voraus\ndankbar.\"\nDie Neugierde zumeist, die königliche Musikschule\nkennen zu lernen, von deren Existenz mir bis dahin nichts\nbekannt war, liess mich nicht lange säumen, mich auf die\nReise zu begeben. Schon gegen Mitte des Juni traf ich in\nBerlin ein. Kaum hatte ich dem von Tausenden, allen\nZweigen der Tonkunst angehörenden Gegenständen um-\ngebenen Custos in der königlichen Bibliothek meinen Be-\nsuch abgestattet, als ich mich unverweilt Sr. Excellenz dem\nMinister des Innern, Herrn Grafen von Arnim-Boytzen-\nburg, vorstellte, dessen besondere Achtung ich mir wäh-\nrend seiner dreijährigen Function als Präsident der könig-\nlichen Regierung in Aachen erworben hatte. Diesem aus-\ngezeichneten Staatsmanne zunächst hatte ich es zu verdan-\nken, wenn ich während dieses kurzen Zeitraumes in mei-\nnem die aachener Musik-Verhältnisse betreffenden Oraa-\nnisirungs-Geschäfte, zu welchem Zwecke ich Seitens der\nStadt ausdrücklich berufen worden, in Kirche und Con-\ncertsaal bisweilen Beachtenswerthes leisten konnte; Graf\nvon Arnim wusste bei den bestehenden, wenig erfreulichen\nZuständen (auch in socialer Hinsicht) nicht bloss zu rathen,\nsondern auch nötigenfalls durch ein Kraftwort, nach ge-\nwisser Seite hin gerichtet, zu helfen.\nDie Mittheilung des Doppelzweckes, der mich in die\nResidenz geführt, fand bei dem Herrn Minister nicht nur\nbeilällige Aufnahme, auch sogleich freundlichen Rath. Die\nSache mit dem Beelhoven'schen Nachlasse ward von Sr.\nExcellenz wie eine Landes-Angelegenheit betrachtet. Da\nselbe jedoch unmittelbar vor des Königs Majestät gebracht\nwerden musste, so glaubte Graf von Arnim sie keinem An-\nderen empfehlen zu wollen, als seinem Freunde Alexander\nvon Humboldt, wesshalb er das Erforderliche sofort ein-\nzuleiten versprach. Als ich nach wenigen Tagen die Einla-\ndung erhielt, mich dieser obersten Excellenz im Bereiche\ndes Wissens vorzustellen, ward mir auch da eine Auf-\nnahme zu Theil, als wäre ich ein vieljähriger Bekannter.\nHumboldt war bereits von Allem unterrichtet, wozu auch\nHerr Meyerbeer wesentlich mitgewirkt hatte. Wie der\ngrosse Mann unsere Sache aufgefasst hat, soll durch eine\nStelle aus seinem ersten an mich gerichteten Briefe (deren\nvier vorliegen) gezeigt werden.\nAber auch von dem Plane Dehn's in Betreff der kö-\nniglichen Musikschule hatte Humboldt bereits Kenntniss,\nwollte jedoch erst später seine Ansichten darüber ausspre-\nchen; einstweilen rieth er desfalls zur grössten Vorsicht.\nIndess war mir der Stand der Dinge dort theils durch eigene\nEinsicht, theils durch offene Darlegung von Prof. Run-\ngenhagen schon aufs beste bekannt geworden. Wenn\nes dem Director eines königlichen Lehr-Instiluts gestattet\nist, die nicht unbedeutende Dotation desselben für sich al-\nlein zu verwenden, und anstatt tüchtige Lehrer für die ver-\nschiedenen Zweige des Unterrichts anzustellen, ihn nach\nArt der Lancaster'schen Methode von vorgeschrittenen\nSchülern abthun lässt, und dabei noch obendrein von hoch-\nstehenden Staatsbeamten geschätzt wird dann hört wohl\nAlles auf. So lagen die Verhältnisse in der königlichen\nMusikschule zu Berlin in damaliger Zeit. Daher hatte\nich desfalls schon meine Partie genommen, als mir Hum-\nboldt erklärte, in dieser Sache nicht mitwirken zu können,\n„weil er in ein Wespennest stossen würde, aus dem zwar\nnicht Wespen, sondern lauter Geheimräthe, Cameraden\nvon Herrn M...., springen würden, deren Gegenwirkun-\ngen am königlichen Hofe er schon oft zu erfahren gehabt,\nund sich vor diesen kleinen Königen zurückziehen musste\".\n\nt* ■ —.\n*"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "316", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.4", "texte": "Mit dieser peremptorischen Erklärung schien dieser Plan\nfür immer beseitigt zu sein, obgleich Dehn ihn noch nicht\naufgegeben wissen wollte, denn er glaubte eine Stütze da-\nfür an dem Minister des Innern noch zu finden.\nMittlerweile waren für die Hauptsache an drei Wo-\nchen nutzlos verstrichen. Herr von Humboldt drang nun\ndarauf, dieselbe zur Unterbreitung an den König gebracht\nzu sehen, damit sein Wirken dafür beginnen könne. Dar-\nüber schrieb er mir unterm 14. Juli. Die Schlussstelle die-\nses vier volle Seiten einnehmenden Briefes lautet wörtlich:\n„.... An Verzögerung dieses Bathes bin ich unschuldig,\nda Ihr gütiges Schreiben in meiner berliner Wohnung lie-\ngen geblieben war und mir Se. Excellenz Graf von Arnim\nversprochen hatte, Ew. Wohlgeboren aufzufordern, mir\ndie Eingabe an den König hieher zu senden. Die Correc-\nturen von Beethoven's Hand, seine Sorgfalt im Bhythmus\nbezeugend, die Conversationsbücher, welche Sie besitzen,\nscheinen mir von grosser Wichtigkeit, und die Pietät für\nden grossen Mann macht es der Begierung zur Pflicht, so\nmonumentale Erinnerungen als ein Heiligthum zu bewah-\nren.\" Es wird interessiren, zu vernehmen, dass Hum-\nboldt verschiedene dieser Beliquien (auch von den musi-\ncalischen, wiewohl er sich selber einen Ignoranten in\naller Musik genannt) zu eigener Ansicht gewünscht hat.\nDrei Nummern aus Fidelio, sauber von fremder Hand co-\npirt, aber mit unzähligen Correcturen im Bhythmus, in\nder Orchestrirung und auch in Stimmführung von des\nSchöpfers Hand versehen, ferner mehrere der Conversa-\ntionsbücher, die den täglichen Verkehr des tauben Mei-\nsters mit seiner Umgebung enthalten, haben die grösste\nAufmerksamkeit Humboldt's erregt. „So mache ich es\nauch,\" äusserte er beim Durchblättern der Fidelio-Musik,\n„darum kosten mich die Auflagen meiner Bücher so viel,\nweil mancher Druckbogen vor lauter Correcturen mehr-\nmals umgesetzt werden muss.\" Die Conversationsbücher\nnannte er ein „Unicum\" und erbat sich deren noch mehr,\nnachdem ich die gebrachten mit ihm durchgesehen und\ndie nöthigen Erläuterungen über dunkle Stellen gegeben\nhatte. Alle diese Theiie hat er lange bei sich behalten, ja,\ndie drei Nummern aus Fidelio hat er mir erst 1850 wie-\nder zurückgeschickt. Wiederholt liess er beim Durchlesen\nder Conversationsbücher den Wunsch hören, wenn der-\ngleichen doch auch von anderen Kunst- und Wissenschafts-\nmännern existirte, hinzufügend: „Meine besten Gedanken\nentfahren mir oft in der Conversation; wenn ich sie dann\nam Schreibtische wieder suche, so lassen sie sich nicht fin-\nden, oder sie kommen anders.\"\nSogleich, nachdem Herr von Humboldt die Sache in\ndie Hand genommen hatte, ward Custos Dehn zu einem\namtlichen Berichte über den Kunstwerth der vorzüglichsten\nTheiie des Nachlasses aufgefordert. Dieser Bericht sollte\ndie Eingabe an den König begleiten, zugleich auch dem\nerhabenen Förderer als feste Handhabe dienen. Auch hatte\nHumboldt das Verlangen ausgesprochen, dass alle Theil-\nhaber an der Sache über den überein-\nstimmen sollen, damit ein allfälliger Dissens ihm im Ver-\nfolge seiner Schritte allerhöchsten Ortes nicht hinderlich\nwerde. Ueber diesen Punkt ward eine Berathung mit Zu-\nziehung von Bungenhagen gehalten, und eine Leibrente\nals der für den Staat vortheilhafteste Modus festgestellt.\nAus Dehn's Bericht soll die Hauptstelle wortgetreu citirt\nwerden, denn sie gewährt einen klaren Begriff von der Be-\ndeutung der in Bede stehenden Sache und ist von allge-\nmeinem Interesse *).\nDer gelehrte Musiker erklärt sich, wie folgt:\n„Eine kunstgerechte Analyse der Partituren anerkann-\nter Meisterwerke ist von je her nicht nur von Kunstleh-\nrern, sondern auch von solchen Künstlern, die immer in\nihrer Fortbildung begriffen sind, als die wesentlichste Ba-\nsis der eigentlichen oder höheren Compositionslehre, nach-\ndem vorher der grammatische Theil derselben vollständig\nbeseitigt ist, anerkannt und anempfohlen worden. Der\nkunstverständige Leser einer Partitur geniesst das Geistes-\nproduct eines Meisters; es stellt sich ihm übersichtlich dar,\nund so gewährt ihm die Partitur, je nachdem er Nutzen\noder Vergnügen, oder endlich Beides zugleich, mit dem\nLesen beabsichtigt, ein mehrfaches Interesse. Wenn nun\ndies schon der Fall mit der gewöhnlichen vollständig ge-\ndruckten oder geschriebenen Partitur ist, welche andeutet,\nwas der Meister geleistet hat, so müssen viele der oben\nunter I. angeführten Partituren um so interessanter sein,\nweil in ihnen nicht nur das was, sondern zugleich auch\nangedeutet wird, wie, nach wie mancherlei Versu-\nchen in scharfsinnig ausgedachten verschiede-\nnen Wendungen eines musicalischen Gedankens\nund mit welch strenger Kritik seines eigenen\nWerkes, ein grosses, unerreichtes Genie wie Beethoven\nsein grösstes Kunstwerk geschaffen hat; wie er zu man-\nchem seiner Werke den scheinbar oft unbedeutenden Keim\ngelegt und aus ihm das nachherige riesenhafte Kunstwerk\ngleichsam atomistisch entwickelt und endlich als ein völlig\nabgerundetes Ganzes wie aus Einem Gusse aufgestellt hat.\nNicht weniger interessant und lehrreich sind die weiter\noben unter B. angeführten Skizzen zu musicalischen Com-\npositionen und die unter D. aufgeführten 136 Conversa-\ntionsbücher.\n\n*) Dieser Bericht trägt das Datum vom 18. Juli 1843. Dem Ver-\nfasser des Gegenwärtigen liegt eine von dem königlichen\nOber-Bibliothekar, Herrn Geh. Rath Dr. Pertz beglaubigte\nAbschrift davon vor."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "317", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.5", "texte": "„Wenn der Gesammt-Inhalt dieser Gegenstände der\nSchindler'schen Sammlung systematisch und kritisch ge-\nordnet würde, so könnte hiedurch für die Wissenschaft\nder Kunst unendlich viel gewonnen werden. Bis jetzt\nhabe ich, ungeachtet der emsigsten Nachforschungen in\nden grössten Bibliotheken Deutschlands und des Auslan-\ndes, keine ähnliche Sammlung aufgefunden; schwerlich\ndürfte sich auch von einem solchen Meister wie Beethoven\nso viel Interessantes auf einmal beisammen finden, wie es\nhier der Fall ist. Ein Band der unter A. 1. bemerkten\nPartitur und ein Band der Skizzen zur neunten Sinfonie\nist hinreichend, um die bisherige Lehre des musicalischen\nRhythmus, der Melopöie überhaupt und endlich auch der\nmusicalischen Rhetorik unter Anziehung der interessan-\ntesten Beispiele zu erweitern vollkommen hinreichend,\num recht deutlich zu beweisen, dass selbst ein Genie wie\nBeethoven beim Schaffen seiner Werke nicht einzig und\nallein seiner Erfindungsgabe vertraut, sondern vielmehr\nimmer dem Verstände die Rolle zutheilt, den genialen\nFunken zu läutern und zu einem Ganzen zu ordnen.\"\nSchon am 19. Juli legte ich diesen amtlichen Bericht\nsammt meiner Eingabe an den König in die Hände Hum-\nboldts. Das Ergebniss hat nicht lange auf sich warten las-\nsen; unterm 16. August erging eine königliche Cabinets-\nOrdre an mich, die „wegen des hohen Preises\" den An-\nkauf des Nachlasses ablehnte.\nAls ich diese Cabinets-Ordre meinem erhabenen An-\nwalt vorlegte, gerieth er über den darin angegebenen\nGrund des Ablehnens in heftige Aufregung, Verdacht wer-\nfend auf Gegenwirkung eines geheimen Rathes in der Um-\ngebung des Königs, „der grosse Summen für Ankauf ägyp-\ntischer Mumien, irdener Töpfe, Vasen und mittelmässiger\nGemälde verschleudere, während die vaterländischen Wis-\nsenschaften und Künste mit den Brosamen königlicher\nGnade sich begnügen müssten\" u. s. w. Ruhiger gewor-\nden, nannte er die königliche Ablehnung ein Missverständ-\nniss, das auf einem ungeschickten Vortrage beruhen könne,\nweiter den Wunsch ausdrückend, ihm etwas Zeit zur Re-\ncognoscirung des Terrains nach einer anderen Seite hin\nzu gönnen; vielleicht könne er alsdann zu einer zweiten\nEingabe an den König rathen.\nDa trat der im Planemachen nicht minder wie in con-\ntrapunktischen Combinationen geschickte Dehn mit einer\nModification seines früheren Planes hervor, dahin lautend,\nes müsse nun vor Allem dahin gewirkt werden, dem\nSchindler den Platz als Director der königlichen Musik-\nschule zu sichern; dann könne derselbe den Beethoven'-\nschen Nachlass dem Staate für eine kleine Aversional-\nSumme überlassen, und sei eine zweite Eingabe an den\nTT • » 0\nKönig sonach einzurichten. Herr von Humboldt schwankte\nAnfangs; alsbald aber fand er diesen Plan plausibel (ich\naber nicht, und zwar aus den oben angeführten Gründen),\ner sagte seine Mitwirkung unter der Bedingung zu, wenn\nder Herr Minister des Innern ihn bei seinen Schritten da-\nfür unterstützen wolle. Allein Graf von Arnim erklärte\nseine direcle Mitwirkung hierbei aus Gründen untun-\nlich und theilte mir dieselben unterm 4. September schrift-\nlich mit. Da machte Humboldt diesem Hin- und Herreden\nmit einem kategorischen Imperativ ein Ende. „Wir sind\nnicht belugt , erklärte er, „den Werth der grossen Sache\ndem Könige gegenüber herabzusetzen\", mich zugleich auf-\nfordernd, unverzüglich eine zweite Eingabe, in den Haupt-\npunkten ganz desselben Wortlautes, wie die erste, ihm zu\nüberbringen; er wolle sich vorläufig eines der vortragen-\nden Bäthe im königlichen Cabinelte versichern. Aber\nauch das Ergebniss dieser zweiten Eingabe hat nicht lange\nauf sich warten lassen. Schon unter dem 25. October er-\nfolgte das königliche „Bedauern\", dass der frühere Grund\nden Ankauf „unthunlich mache\".\nDieser unerwartete Ausgang konnte zuvörderst auf\nmich nicht anders denn peinlich einwirken. Fast gleiche\nWirkung machte er auf eine ansehnliche Zahl wackerer\nMusiker, die mein Verbleiben in einer der Kunst nützen-\nden Stellung in Berlin eben so gewünscht, wie das Ver-\nbleiben des Beethoven'schen Nachlasses daselbst. Und\nHerr von Humboldt? Die bald erfolgte Zusammenkunft\nmit ihm war die denkwürdigste, und liesse sich viel dar-\nüber mittheilen; denn er schüttete freilich in hoher Er-\nbitterung sein ganzes Herz über seine Stellung am kö-\nniglichen Hofe, die er eine für ihn unwürdige genannt,\ngegen mich aus. In dem Endergebnisse seiner Bemühun-\ngen fühlte er eine ihm persönlich widerfahrene Kränkung,\nindem früher der König selber, später seine Cabinetsräthe\nihm die besten Hoffnungen auf das Gelingen gemacht hät-\nten; es müsse eine Gegenwirkung Statt gefunden haben,\naber von welcher Seite? Dahinter wolle und müsse er\nkommen. Ich getraute mir nicht, ihm zu sagen, dass Dehn\nbald nach dem Erscheinen der ersten Cabinets-Ordre „aus\nsicherer Quelle\" vernommen haben wollte, dass eine di-\nrecte Gegenwirkung von Felix Mendelssohn ausgegan-\ngen sei, und dass der Custos nun erst mit dieser Entdeckung\nunverholen hervortrete, die auch bei Vielen Glauben finde.\nMehr noch: bald nachher war diese schwere Beschuldi-\ngung gegen Mendelssohn sogar in einem berliner Blatte\nzu lesen. Allein diese üblen Nachreden vermochten doch\njene nicht zu täuschen, denen nicht unbekannt war, wie\nes um die gegenseitigen Sympathieen von Dehn und Men-\ndelssohn eigentlich stehe, und wie wenig diese ausgezeich-\nneten Meister musicalischer Harmonie andererseits die\nschöne Kunst des gegenseitigen Vergebens und Vergessens"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "318", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.6", "texte": "verstanden haben. Uebrigens war Mendelssohn in all der\nZeit, als diese Erwerbungssache ihren ersten Act durchge-\nspielt, mit seinem Umzüge von Leipzig nach Berlin be-\nschäftigt, auch hatte er niemals irgend einen Bestandtheil\ndes Nachlasses vor Augen gehabt, was zu einer versuchten\nGegenwirkung allerhöchsten Ortes doch erforderlich gewe-\nsen wäre. Mehr bedarf es wohl nicht, um ihn selbst von\ndem leisesten Verdachte gereinigt zu sehen. Hingegen\nhörte ich manchen sehr achtbaren Mann sich dahin aus-\nsprechen, dass, hat je eine Gegenwirkung Statt gefunden,\ndiese nach Lage aller Umstände nur aus den Räumen der\nköniglichen Bibliothek ausgegangen sein könne.\nHiermit soll der erste Act dieser wenig erquicklichen,\nin gewissen Kunstbeziehungen aber doch nicht uninteres-\nsanten Geschichte mit dem Anfügen geschlossen sein, dass\nich meinen hohen Gönner Humboldt zum letzten Male am\n9. December vor meiner Abreise von Berlin gesehen habe,\nso wie, dass ich zwar um 700 Thlr. ärmer, dafür aber\num eine grosse Summe von Erfahrungen (auch solchen,\ndie ich nicht zu erfahren verlangt hatte) reicher zu Ende\ndes Jahres in meinem damaligen Wohnorte Aachen wie-\nder angelangt war.\n\nDas Musikfest zu Birmingham.\nAm 27., 28., 29. und 30. August 1861.\n(Fortsetzung, statt Schluss. S. Nr. 39.)\nUeber das Einzelne der Aufführungen nur einige Be-\nmerkungen. Ohne das Oratorium Elias von Mendels-\nsohn ist kein Musikfest in Birmingham, wo der Compo-\nnist selbst es zum ersten Male aufgeführt hat, denkbar.\nUeber die Ausführung der Chöre in England ist in der\nNiederrheinischen Musik-Zeitung in früheren Jahrgängen\nschon oft gesprochen, sie ist seitdem nicht anders gewor-\nden; das Imposante dabei ist das klangvolle, mit lauter\nvorzüglichen Instrumenten ausgestattete Orchester und die\nMitwirkung der Orgel. Die Frische undSonorität der deut-\nschen, besonders der rheinischen, Stimmen darf man hier\nnicht suchen, und wenn der Berichterstatter der Musical\nWorld sagt, dass so ein englischer Festchor den Chören\nvon 1000 oder 2000 Mitwirkenden bei den Musikfesten\nin Deutschland, „wie neulich in Nürnberg\" (!), weit über-\nlegen sei, so zeigt er dadurch nur, dass er noch keine Ora-\ntorien-Aufführung in Deutschland gehört hat, sonst würde\ner diese nicht mit dem nürnberger Männergesang-Feste\nverwechseln. Der Schluss-Chor des ersten Theiles: „Dank\nsei Dir, Gott!\" wurde auf ein Zeichen des Präsidenten,\nGrafen von Shrewsbury, wiederholt. Derselbe erlaubte sich\nauch, die erste Alt-Arie der Frau Dolby zu ru-\nfen, und gab somit von oben herab, von wo dieser hässli-\nchen Sitte entgegengearbeitet werden müsste, ein schlim-\nmes Beispiel. Fräulein Tiljens sang die grosse Arie „Höre,\nIsrael,\" und die erste Stimme in den Ensembles recht gut.\nDas Terzett der drei Engel wurde von ihr, Miss Palmer\nund Frau Dolby sehr schön vorgetragen. Die Partie des\nElias wurde von Santley mit klangvoller Stimme und\nmeist edlem Ausdruck durchgeführt.\nEin „gemischtes Concert\" bei einem Musikfeste\nin England auszuhalten, ist für jeden Kritiker, der mit\nmusicalischer Bildung einen classischen Geschmack verbin-\ndet, zumal für einen Deutschen, eine Pein und für mich\neine wahre Unmöglichkeit, da mir bei gemachten Versu-\nchen stets physisch unwohl geworden ist. Damit Ihre Leser\ndies nicht für einen „schlechten Witz\" halten, so mögen\nsie sich in ihrer Phantasie nach dem ersten Abend-Con-\ncerte in Birmingham versetzen und in der ersten Abthei-\nlung hinter einander anzuhören träumen:\nDie ausserordentlich charakteristische Sinfonie Ros-\nsini's zur Belagerung von Korinth und hinterher ein Duett\naus Don Pasquale von Donizetti, worauf Behufs der\nRückführung auf den National-Standpunkt ein englischer\nSong, ein Gebet auf der See, folgt. Ein Terzett für So-\npran, Alt und Tenor von Cursehmann wird von einer\nArie Giuglini's aus Donizetti's Favorite über Bord ge-\nworfen, gleich darauf indessen der Ensemblegesang durch\nein fünfstimmiges altes Volkslied von Bishop gerettet.\nAher, o weh! die Freude währt nicht lange; denn mit\nVerdi's Traviata in der Person der Adelina Patti wird\njeder Standpunkt verrückt und die tobende Menge ent-\nzückt. Zur Abkühlung muss der gutmüthige Mozart sein\nLa ci darem la mano hergeben, Fräul. Titjens eine Scene\nvon Weber singen; zwischen beide Meister aber wird\nHerr Blumenthal geschoben, weil er neue Noten über\neinen alten Text von Thompson gesetzt hat, bis endlich\nMendelssohn's G-iwll-Concert die ganze bunte Gesell-\nschaft hinausfegt.\nAber sie kommt wieder! Mit der Freischütz-Ouver-\nture zieht sie ein, Sims Reeves präsentirt den Ladys Bal-\nfe's „frische Rose\", die Sherrington, Rudersdorf und Dolby\nergehen sich schwesterlich durch die blumigen Pfade auf\nder Spohr'schen Zauberinsel Azor's, bis Rossini's Ma-\nhomet-Belletti sie donnernd verscheucht. Frau Rudersdorf\nerholt sich indess von ihrem Schreck, und da man einmal\nim Orient und bei den Türken ist, so tritt sie mit Auber's\nHülfe als Circassierin auf. Vom Kaukasus nach Chamounix\nist kaum zwei Schritt, und so reihet sich Linda-Titjens mit\nihrem Geliebten hier ganz natürlich an, und Beide würden\nglauben, ungeheure Wirkung gemacht zu haben, wenn\nes nicht Damen gäbe, die im Mondschein nachtwan-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "319", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.7", "texte": "dein und durch Bellini's Heilmethode plötzlich erwa-\nchen und Alles in Staunen und Jubel versetzen, wie Ade-\nlina Patti. So viel Entzücken über Sopran-Tändelei empört\nGiuglirii und Belletti, sie schleudern Mercadante's Don-\nnerkeile aus der Wolke Elisa unter das Volk;\nes stutzt, aber durch Dinorah's Walzergesang mit ihrem\nSchatten und dem Schatten des ehemaligen Meyer beer\n(denn er selbst scheint nicht mehr zu leben) geht Alles im\nwollüstigen Strudel unter. Graf Almaviva (Santley) findet die\nGelegenheit günstig und fragt Fräul. Tiljens: Percte, eru-\ndel finorau. s. w., worauf sich in einem Finale von Mar-\ntini: „ Vadasi via di quäu zu Deutsch: „Macht, dass\nihr fortkommt!\" —Alles in Wohlgefallen auflös't.\nStellen Sie Sich das ganze Gewirr recht lebhaft vor,\nund wenn es Ihnen dann noch nicht ergeht, wie dem fah-\nrenden Schüler mit dem Mühlrad im Kopfe, so müssen\nIhre Gehörs- und Gefühlsnerven von Eisen sein.\nDie Aufführung von Händel's Samson am folgen-\nden Tage (28. August) war im Ganzen eine recht gute;\ndie Präcision der Chöre wurde auch vom grossen Publi-\ncum anerkannt, nur die herrlichen Trauergesänge des letz-\nten Theiles schienen einen grossen Theil desselben zu lang-\nweilen. Costa's Instrumentirung dürfte an vielen Stellen\nbescheidener auftreten. Das Concert dauerte lange, denn\nman gab den Samson ganz, d. h. ohne die bedeutenden\nAuslassungen, die in Deutschland nach der Mosel'schen\nBearbeitung gewöhnlich sind, wogegen Gervinus in der\nNiederrheinischen Musik-Zeitung schon früher mit Becht\ngeeifert hat. Hier hatte der erste Theil 14, der zweite 18,\nder dritte 22 Gesang-Nummern (ohne die Ouvertüre, die\nSinfonie und den Trauermarsch im dritten Theile), zusam-\nmen 54 Nummern. Die Vermehrung entsteht hauptsäch-\nlich durch die Partie des Riesen Harapha (Belletti), wel-\nche ausser einigen Ilecitativen zwei grosse Arien und ein\nDuett mit Samson (Sims Reeves) enthält. Doch sang auch\nFrau Rudersdorf (Daiila) eine Arie:\nim ersten Theile, die wir in Deutschland nicht gehört ha-\nben; dagegen blieb die Triller-Arie mit dem Violin-Solo,\ndie wir bei der Aufführung am Musikfeste in Düsseldorf\nunter Hiller's Direction vor zwei Jahren gehört haben, hier\nweg. Dass der Samson eine der besten Partieen von Sims\nReeves ist, gilt in England für ausgemacht, und es ist\nwahr, dass dieser treffliche Sänger noch immer Klang in\nseiner Stimme hat, den er sich durch richtige Behandlung\nund Schonung derselben erhalten hat; auf der Bühne hat\ner daher auch nie gefallen, weil er zum Schreien weder\nAnlage noch Lust hatte. Im Samson gelangen ihm die ly-\nrischen Stellen besser, als die dramatischen, obwohl nicht\nzu läugnen ist, dass er mit grosser Kunst die Kraft zu\nsparen wusste, um sie an einigen Stellen heroischen Cha-\nrakters recht schlagend anzuwenden. Frau Hudersdorf\ngehört auch zu denjenigen Sangerinnen, die das Gcheim-\nniss kennen, sieh und die Stimme zu conserviren, und was\ndie letztere verloren hat, durch Kunst und Vortrag zu er-\nsetzen. Glücklicher Weise waren dieses Mal die Jungfrauen\nihres Gefolges auch nicht mehr in der Blüthe der Jahre\nwenigstens nach den Stimmen zu urtbeilen —, und dann\nkommt der deutschen Künstlerin die englische Sitte zu gut,\nC 1 O '\nüberall conservativ zu sein, und folglich auch den Künst-\nlern, welche sich einmal einen gewissen Rang in der Mu-\nsikwelt erworben haben, ihre Gunst bis in die späteste Zeit\nzu erhalten. Nun, es ist dieser Brauch wenigstens liebens-\nwürdiger, als die ungestümmen Forderungen des Publi-\ncum« in Frankreich [und jetzt auch in Deutschland], das\nalle Jahre etwas Neues haben will.\n(Schluss folgt.)\n\nNoch ein Wort über Gläser\n(Vergl. Nr. 38 und 39.)\nWenn ein englisches Sprüchwort sagt: „Der Tod ist\nein grosser Verschönerer alles Thuns und Lassens des Ver-\nstorbenen\" u. s. w., und dieses Sprüchwort sich in den\nmeisten Nekrologen bewahrheitet, so ist letzteres sicher und\ngewiss nicht der Fall in dem Nekrolog von Franz Glä-\nser. Ueber einen so langen und bedeutenden Abschnitt wie\nGläser's Leben in Wien wusste der Verfasser nichts oder\nfast nichts zu sagen. Was er von Gläser's Bekanntschaft\nmit Beethoven und dessen Bedeutung für Gläser's Ent-\nwicklung anführt, ist völlig unwahr. Das, was in Bezug auf\nEinstudirung des Fidelio u. s. w. dort gesagt ist, ist eine\nVerwechslung mit der „Weihe des Hauses\" bei Eröffnung\ndes neuen Josephstädter Theaters im October 1822, wo\nBeethoven das Ganze selbst leitete, Gläser ihm aber zur\nSeite gewesen, um nöthigenfalls eintretende Störungen auf\nder Bühne sofort zu verbessern. Für das Orchester hatte\nSchindler zu sorgen. Ueber diesen Vorgang hat derselbe\nin der Biographie ausführlich gesprochen. An demselben\nTheater standen Beide drei und ein halbes Jahr zusammen\nund haben sich allzeit recht wohl vertragen. Gläser war\nals compositorisches Talent von nicht geringer Bedeutung,\nleider mangelte ihm die Erfindung; dafür verstand er das\n„Machen\" in virtuoser Weise. Das komische Genre in der\nOper betreffend, stelle ich ihn weit über Lortzing. Er hat\ndies in vielen seiner für die wiener Vorstadt-Theater ge-\nschriebenen so genannten „Volks-Opern\" durch die That\nbewiesen. Für den Ernst, das Tragische, lag in ihm nichts.\nWas sich jedoch bei besserer Pflege des Talentes auch\n\n*) Mitgetbeilt von einem früheren Collegen desselben."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "320", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18611005-01.1.8", "texte": "nach dieser Seite hin entwickelt hätte, lässt sich nicht sa-\ngen. Unser Mann hatte den Fehler, es mit dem Componi-\nren ganz ausserordentlich leicht zu nehmen, Alles der Lo-\ncalität und dem Geschmack des Publicums zum Opfer zu\nbringen. Damit hat sich aber Gläser den besseren Theil\ndes Publicums zum Gegner gemacht, und wie Beethoven\nsolche Vielschreiberei apostrophirt hat, ist bekannt. So\nkonnte er in dem kurzen Zeiträume von 14 bis 15 Jah-\nren in Wien an vierzig solcher Volks-Opern zusammen-\nschreiben, wovon das Meiste im Rossini'schen Stile. Ein-\nzelne Nummern darin sind von wahrhafter Schönheit, ganz\nbesonders in „Arsenius\" und in der „Arsena\", welche\nZug-Opern waren und über alle österreichischeu Bühnen\ngegangen sind. Gläser musste oft den Vorwurf hören, er\nhacke Holz auf seinem Talente; allein das alles wurde\nleipht hingenommen, denn er war das gehätschelte Kind\nder gerade solcher Musik bedürftigen Theater-Directionen\nund der bewunderte Liebling des Publicums ob seiner\nenormen Productivität. Für den grossen Haufen des wie-\nner Publicums war letztere immer und allezeit die Haupt-\nsache, weil es immer etwas Neues gab. Als Dirigent war\nGläser ganz ausgezeichnet. Consequenz, feinen Geschmack\nund hohe Achtung vor dem Gesänge, weil er diesen gründ-\nlich verstand, zähle ich zu seinen hervorstechendsten Eigen-\nschaften. Auch ihm waren die unübertrefflichen Meister\nim Directionsfache, Weigl und Umlauf, Muster; oft gingen\nwir zusammen zu den Proben ins Kärnthnerthor-Theater,\num diese grossen Meister zu beobachten.—Das neue Lexi-\nkon bei Andre zählt F. Gläser „zu den bereits Verschol-\nlenen\"; diese biographische Notiz besteht aus 7 8 Zei-\nlen. Solche Lexikographie verdient wahrlich strenge Rüge.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nS2ei*lifii. Se. Majestät der König hat den General-Musik-Di-\nrector Meyerbeer mit der Composition eines Festmarsches zur\nFeier der Krönung in Königsberg betraut. Dieser Marsch, welcher\nfür zwei coneertirende Orchester componirt worden ist, wird von den\nim Schlosshofe aufgestellten Infanterie- und Cavallerie-Mnsikcorps\nwährend des feierlichen Zuges ausgeführt werden. Am Abende findet\nim Moskowiter-Saale des königlichen Schlosses ein grosses Hof-Con-\ncert Statt, dessen Arrangement und persönliche Direction gleichfalls\nHerrn Meyerbeer übertragen ist.\nDie Theater-birection Würzburg macht unter dem 5. September\nbekannt: „Zur bevorstehenden Aufführung des Trauerspiels Spar-\nta cus von J. de Sechelles am Stadttheater zu Würzburg werden\nzwei Preise, jeder von einhundert Gulden rhein., für die dem Autor\nentsprechende musicalische Composition der beiden Chöre im zwei-\nten und fünften Acte (Schwur der Germanen und Gesang der ger-\nmanischen Frauen) ausgesetzt. Die resp. Componisten, welche ge-\nsonnen sind, eine Composition zu liefern (Termin bis 1. December\n1861), erhalten ein gedrucktes Exemplar des Stückes zugesandt. Alle\nZuschriften werden franco erbeten. Der Autor hat die beiden Preis-\nHonorare bei der unterzeichneten Direction bereits erlegt. Die\nDirection des Stadttheaters Würzburg: M. Ernst.\"\n** Hamburg. Unter der Direction des Musik-Directors Ot-\nte n wird hier am 8. November Beethoven's D-dur-Messe zur ersten\nhamburgischen Aufführung, und zwar Abends in der erleuchteten\ngrossen Michaeliskirche, gelangen. Der Chor, zu dem sich eine\ngrosse Zahl Theilnehmer von Braunschweig, Magdeburg und ande-\nren norddeutschen Städten gesellen wird, erreicht die Zahl von un-\ngefähr 400 mit 60 bis 70 Instrumentisten. Die treffliche schwedi-\nsche Hofsängerin Frau Louise Michal-Michaeli wird das So-\npran-Solo, Frau Sophie Gurau, geb. Schloss, den Alt, Herr\nSchulze den Bass singen. Ueber Tenor noch Ungewissheit. Der\ngrosse, ganz freie Kaum der Kirche fasst gegen 5000 Zuhörer. Die\nherrliche grosse Orgel wird mitwirken. Das Werk ergreift in den\nProben alle Singenden auf das tiefste. Eine Commission von ange-\nsehenen Kunstfreunden steht an der Spitze.\nDie durch den Tod des Capellmeisters Taux in Salzburg erle-\ndigte Stelle am Mozarteum u. s. W.ist Herrn Hans Schläger,\nChormeister des wiener Männer-Gesangvereins, verliehen worden.\nEin Arrangement, welches das Concert-Publicum gewiss dankbar\naufnehmen wird, hat zwischen den grösseren und stabilen wiener\nConcert-Unternehmungen Statt gefunden, nach welchem die Auffüh-\nrungstage so eingetheilt wurden, dass an keinem Tage eine Collision\nzweier Concerte Platz greifen wird. Es ist selbst auf die Hellmes-\nberger'schen Quartette Rücksicht genommen worden, da an den\nQuartett-Tagen kein grosses Mittags-Concert angesetzt werden wird.\nDie Mutter des vor einem Jahre gestorbenen Pianisten A. Goria,\nFrau Sophia Gertrud Goria, ist,76 Jahre alt, am 3. Septem-\nber in Paris gestorben. Sie war eine berühmte Sängerin an der ita-\nliänisehen Oper Napoleon's 1., als welche sie zuerst in Paris im\n„Don Juan\" und in „Figaro's Hochzeit\" sang. Ihrem Sohne hatte\nsie den ersten Musik-Unterricht ertheilt, bis er das Conservatörium\nbesuchen konnte, wo er im dreizehnten Lebensjahre den ersten Preis\nerrang.\nIn der vorigen Nummer d. 81. lies Seite 306, Spalte 1, Zeile 8\nvon unten 33/4, statt Loth."}]}