{"numero_id": "bm-bmtnabi-1862-03-08-01", "volume": "bmtnabi_1862-03-08_01", "ocr_sha256": "06d061282acb269e77227f0bbae8d0bf0053739979cb9c71b0d99bae25627e1d", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1862/03/08_01/bmtnabi_1862-03-08_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1862-03-08-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-03-08_01#c001", "volume": "bmtnabi_1862-03-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "73", "page_fin": "73", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 401, "texte": "Inhalt.\nDas deutsche Lied. 11. Aus Kassel (Die Oper Die Concerte des Hof-Orchesters). Tages- und Unterhal-\ntungsblatt (Köln, Programm für das bevorstehende niederrheinische Musikfest Frau Clara Schumann nach Paris Wiesbaden, F.\nHiller's Oper „Die Katakomben\" Frankfurt am Main, Ciavierspiel der Frau Clara Schumann Ein bisher unbekanntes Violin-Quartett\nvon Franz Schubert Rotterdam, Quartett-Abende),"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-03-08-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-03-08_01#c002", "volume": "bmtnabi_1862-03-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "73", "page_fin": "77", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.2.2", "titre_corps": "Das deutsche Lied.", "titre_sommaire": "Das deutsche Lied.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.1", "debut_caractere": 403, "fin_caractere_exclue": 4145, "texte": "Das deutsche Lied.\nII.\n(I. s. Nr. 9.)\nWenn wir den Leser in dem vorigen Artikel mitten\nin das Buch hinein und fast bis an das Ende desselben ge-\nführt haben — denn nach dem dort mitgetheilten Epilog\ndes zweiten Buches folgt nur noch das dritte, im Vergleich\nzu den anderen kürzeste Buch —, so müssen wir den An-\nfang und die Gliederung des Ganzen jetzt nachholen.\nNach einer kurzen Einleitung bespricht das erste Buch\nin 3 Capiteln die Ausbildung der Form des Liedes im\nDurchgang durch den Minne- und Meistergesang zum Volks-\ngesange und durch diesen zum Kunstliede. (S. 13 — 76.)\nMan darf hier keine neuen Besultate geschichtlicher\nForschung erwarten; nicht das specifisch Historische, son-\ndern das Musicalische und das Musicalisch-Aesthetische\nbildet den Vorzug des Buches, wesshalb denn auch das\nerste Buch, das die Entwicklung der Form bis zum Ent-\nstehen des Kunstliedes verfolgt, nur 76 Seiten einnimmt,\nwährend die beiden anderen Bücher, in denen der musi-\ncalisch-kritische Gesichtspunkt vorherrscht, 214 Seiten\nfüllen. Allein auch die Darstellung im ersten Buche gibt\neine klare Einsicht in das, was der Verfasser gewollt hat,\nin die allmähliche Gestaltung der musicalischen Form des\nLiedes. Das Resultat fasst er in folgenden Schlussworten\ndes ersten Buches zusammen:\n„Unser deutsches Lied, das seinen Stoff aus den inner-\nsten Tiefen der Menschenbrust heraufholt, konnte erst dann\nemporblühen, als diese Tiefen aufgeschlossen wurden, als\nder Mensch durch das Christenthum zum Bewusstsern der\nSchätze kommt, welche sein Inneres birgt. Indem es ihn\ndann drängt, dieselben im Gesänge zu Tage zu fördern,\nsucht er nach einem eigenen Darstellungs-Material, und\ner schafft sich eine eigene Technik für die Bearbeitung\ndesselben. Die Anleitung hierzu wird dem deutschen Geiste\nin den so genannten „ „Jubeltönen\"\" durch die Kirche,\nund unter ihrem Einflüsse arbeitet die entfesselte Innerlich-\nkeit rüstig an ihrer künstlerischen Darstellung weiter. Diese\nscheidet sich bald nach zwei Seiten: in die künstlerische\neiner- und die volksmässige andererseits. Die kunstmässige\nnimmt die überkommenen künstlerischen Formen aus der\nVergangenheit in die Gegenwart herüber, sucht sie dem\nneuen Geiste anzupassen und kommt dadurch zu neuen\nFormgebilden. Im Minnesange und im Meistersange\nvollendet sich diese erste Phase des deutschen Liedes. Al-\nlein in beiden ist die Macht der Innerlichkeit noch nicht\ngewaltig genug, um die wirklich natürlich rechte Form\nfür die musicalische Darstellung zu finden; der gesammte\nGefühls-Inhalt kommt in der Sprach-Melodie noch so voll-\nständig zur Erscheinung, dass er keiner anderen bedar..\nDaher sind die Lieder der Minnesinger wohl sprachlich,\naber nicht musicalisch bedeutsame neue Schöpfungen, und\nihre Melodieen und noch mehr die der Meistersänger sind\nnach Bedürfniss und Vermögen umgestaltete Sequenzen-\nMelodieen.\n„Daneben ist der Volksgeist unablässig in gleicher\nRichtung thätig. Das Christenthum hat seine Sangeslust\nmächtig angeregt, und für den grossen Reichthum seiner\nInnerlichkeit erweis't sich bald sowohl die alte volksmäs-\nsige, wie auch die neue kirchliche Gesangsweise unzuläng-\nlich, und daher drängt es ihn, neues Material für die Dar-\nstellung der Strömungen seines Innern zu suchen und es\nnach neuen Principien zu ordnen. So gewinnt er die rechte\nForm des gesungenen Liedes im Volksliede und in ihm\nzugleich die Grundlage für die weitere Kunstentwicklung.\nDas Volkslied hat nur den Einen Factor, die Macht der\nInnerlichkeit, und es ist der wahrste und treueste Aus-\ndruck derselben. Was die Sprache nur in mehreren Stro-\nphen darzustellen vermag, das fasst die Melodie in einer\nzusammen zu schlagendem und gewinnendem Ausdruck.\nDadurch zwingt es den Kunstgesang, der sich in unfrucht-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5352, "texte": "bare Speculation verloren, umzukehren und sich der Natur\nwieder zuzuwenden. Indem die Künstler das Volkslied auf-\nnehmen und contrapunktiren, wird dieses hinübergeführt\nauf das Kunstgebiet und erzeugt dort eine neue Kunst-\nmusik. Es gibt den Künstlern Anregung und Anleitung,\nneue Lieder zu erfinden, und so entsteht die rechte Form\ndes Kunstliedes, welches das mit Bewusstsein ausführt,\nwas das Volk nach dem Instinkt vollbringt, und welches\ndarum tiefer und erschöpfender den Inhalt darzustellen\nvermag, als jenes. Aber auch jetzt noch, obgleich vom\neinzelnen Künstler geschaffen, ist das Kunstlied noch das\nLied der Massen ohne eigentlich individuelle Züge. Der\nKünstler lebt noch viel zu sehr in den Anschauungen sei-\nnes ganzen Volkes, um individuel empfinden zu können,\nund das gesammte Darstellungs-Material ist auch noch\nnicht verfeinert genug, um Träger individueller Empfindung\nzu werden. Das Hauptbestreben ist daher auch jetzt im-\nmer noch mehr auf die Form und auf die verfeinerte Dar-\nstellung dessen, was im Volksgemüthe sich lebendig schaf-\nfend erweis't, gerichtet, und an der besonderen Weise, in\nwelcher sich dies im Kunstliede darstellt, haben Individua-\nlität und äussere Einflüsse wohl Antheil, nicht aber auch\nam eigentlichen Inhalt. Ehe das Einzel-Subject sich in sei-\nner lyrischen Isolirung empfinden lernte, mussten erst gott-\nbegabte Männer die Leiden und Freuden der gesammten\nMenschheit austönen, und diese Periode beginnt, als die\ndramatischen Arbeiten das Lied verdrängten und die Aus-\nbildung der selbständigen Instrumentalformen mit Eifer\nbegonnen wurde.\"\nDas zweite Buch, das bei Weitem wichtigste, umfasst\nin sieben Capiteln die Ausbildung der Liedform zu\nder grossen Mannigfaltigkeit, zu welcher der In-\nhalt der Dichtung Veranlassung wurde, zum Theil\nauch der Forlschritt, der in der Form-Erweiterung ande-\nrer Compositions-Gattungen sich bekundete.\nDie verschiedenen Abschnitte betrachten das Lied un-\nter dem Einflüsse der Arie im Oratorium und der Oper:\ndas volkstümliche Lied; die Forderungen der neueren\nlyrischen Dichtung an das Lied; die Verleitung durch die\nneuere Lyrik zu scenischer Erweiterung und die aus dieser\nund dem gleichzeitigen Bückgang zur ursprünglichen Form\nerfolgte höchste Blüthe des deulsehen Liedes; dann die\neinseitigen Bestrebungen für Erweiterung des Liedes bis\nzur Missachtung und Verwilderung der Form; endlich die\naus dem Streben nach Popularität enstandene Richtung\nauf den Bänkelsang.\nHier ist Alles interessant und belehrend. Der Verfasser\nnimmt von vorn herein den höchsten Standpunkt für das\nLied ein, das er in seiner reinen Kunstform für Grundlage\nund Quell aller Musik bezeichnet; diesen Standpunkt hält\ner mit grosser Consequenz und eben so rücksichtsloser\nStrenge fest gegen alles, was der organischen Entwicklung\njener reinen Kunstform entgegen getreten und ihr verderb-\nlich geworden ist. Man darf sich daher nicht wundern,\nwenn er über manche musicalische Berühmtheiten sehr\naufrichtig und unumwunden seine Meinung sagt, so wie\nauch gegen ganze Gattungen des Gesanges eifert, wenn\nsie, wie z. B. der Männergesang, in den Hauptsachen ihrer\nBestimmung untreu geworden und eher verderblich als\nförderlich für das deutsche Lied gewirkt haben.\nIn Bezug auf die Natur des Männergesanges begegnen\nwir hier einer Ansicht, welche auch wir in dieser Zeitung\nöfter gegen die Vierstimmigkeit desselben ausgesprochen\nhaben.\n„Die Natur\" (heisst es S. 109 u. ff.) „scheidet\nden gesammten Gesangchor in zwei Haupt-Partieen, in\nFrauen- oder Knaben- und in Männerstimmen,\nund jede derselben wiederum in zwei Stimmgattungen, jene\nin Sopran und Alt, diese in Tenor und Bass. Dieser\nnatürlichen Scheidung nach kann es nur einen zweistim-\nmigen Frauen- und einen zweistimmigen Männerchor ge-\nben. Nun lehrt allerdings die Erfahrung, dass häufiger\nfast noch in beiden Chören Stimmen vorhanden sind, welche\nnur durch die sorgfältigsten Studien zu einer oder der an-\nderen jener Normalclassen erzogen werden können; aus\ndiesen würde sich für jeden der beiden Chöre eine dritte\nStimme ergeben, die nach Umfang und Klangfarbe vermit-\ntelnd zwischen beide tritt. Diese Ansicht, die auch bei den\nalten Italiänern, den feinen Kennern der Menschenstimme,\nihre Bestätigung findet, war in der Zelt er'sehen Lieder-\ntafel, ja, selbst bei Nägeli noch vorherrschend. Die mei-\nsten uns bekannten Männerlieder, welche aus jener hervor-\ngingen, sind ein- oder zweistimmige Sololieder mit Chor,\nund dieser tritt in der Begel nur dreistimmig auf.\n„Auch die bedeutendsten Lieder für Männerchor der\nneueren Zeit, wie die von Mendelssohn, sind vorherr-\nschend dreistimmig behandelt. Zur ausschliesslichen Herr-\nschaft gelangte die Vierstimmigkeit erst durch die jüngere\nberliner Liedertafel, als sich dem Männergesange so bedeu-\ntende Talente wie Bernhard Klein, Louis Berger\nund später Karl Löwe zuwandten. Bedeutenden Antheil\nan diesen Erfolgen haben die verwandten Bestrebungen\nCarl Maria von Weber's auf demselben Gebiete eben\nso, wie auf dem der dramatischen Musik, der Oper. Als\nKlein sich dem Männergesange zuwandte, war es jenem\nMeister schon gelungen, von der Bühne herab durch den\n„ „Freischütz\" * und die Musik und die Gesänge zur\n„ „Preciosa\"\" dem berückenden Zauber des Klang-Colorits\nund der unter seiner Herrschaft einzig und allein erfunde-\nnen Melodie Eingang zu verschaffen und sie volksthümlich"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5469, "texte": "zu machen. Auch in seinen Liedern der Freiheitskriege,\nin den Liedern aus Körner's „ „Leier und Schwert\"\"\nist es nicht die Macht der tief empfundenen, aus dem in-\nnersten Volksgemüthe heraustreibenden Melodie, welche\nihnen eine so weite Verbreitung und auch sicher einen so\nbedeutenden Antheii an dem grossen Freiheitskampfe ge-\nwährte, als vielmehr das glanzvolle, das Ohr so anziehende\nund berückende Klang-Colorit. -In ganz ähnlicher Weise\nerfasste Bernhard Klein das bei aller Gewalt doch so\neigentümlich weiche Klanggepräge des Männerchors und\nformte aus ihm echt künstlerische Gebilde.\n* Dagegen halfen J. C. F. Schneider's Män-\nner-Quartette und Chöre namentlich jene Zeit mit vor-\nbereiten, die sich nur mit dem Reiz der Mehrstimmigkeit\nbegnügte, auf alles Uebrige Verzicht leistend. Die Melo-\ndieen Schneider's, wohlgebildet, aber reizlos, haben viel\nzur Ertödtung des Sinnes für eine inhaltreiche Melodik bei-\ngetragen. An ihnen zu allermeist gewöhnte sich das Ohr,\n»darauf zu verzichten und sich durch den Reiz unterschie-\ndener Klang-EfFecte den Mangel ersetzen zu lassen, Die\ngesammte Männerlieder-Literatur schlägt jetzt mit wenig\nAusnahmen jene Richtung ein, welche das Lied für Män-\nnerchor als gesungene Instrumentalmusik erscheinen lässt,\nund die leider bis heute die herrschende geblieben ist.\n„Die Melodieen Kreutzer's sind phrasenhaft zer-\nstückelt und nur sinnlich wirksam, und die Harmonik und\nRhythmik seiner Lieder folgt dem gleichen Zuge. Diese ist\nso bunt, als möglich, und nirgends von der gestaltenden\nKraft, wie sie selbst im volkstümlichen Liede noch lebt,\nund jene verlässl vielfach, auch in den einfachsten Liedern,\nden ursprünglichen natürlichen Gang, sie folgt überall nur\ndem Bestreben, klangreich, sinnlich reizvoll zu sein. Hierauf\neinzig und allein beruht die scheinbare Volkstümlichkeit\ndieser Lieder. Das Volk hatte bereits schon aufgegeben,\njene höheren Mächte musicalischer Darstellung zu fordern;\nes begnügte sich mit dem sinnlichen Klange. Es ergötzt\nsich am Genüsse dieser klangvollen Lieder, aber sie selbst\nzu singen vermag es schon nicht mehr. Darum darf man\ndie Männergesang-Vereine, nachdem sie diesem Zuge ein-\nseitig lolgten, nicht mehr als Pflanzstätten des volkstüm-\nlichen Gesanges betrachten. Sie fröhnen selbst nicht mehr\nder ganz allgemeinen Gesanges-, sondern der noch nie-\ndrigeren Klangeslust.\n„Zwei Künstler noch versuchten, dem Männergesange\neine andere Richtung zu geben, indem sie aus echt deut-\nschem Gemüthe und in festem Anschluss an das Kunstlied\nheraus volkstümlich sangen: Karl Löwe und Felix\nMendelssohn-Bartholdy, aber erfolglos.\n„Die Männergesang-Vereine wurden jetzt die rechte\nHeimat des Dilettantismus, aber nicht jenes durchaus ehren-\nwerten, der, als nothwendiges Product einer gesunden\nKunstentwicklung, lief im Herzen des Volkes wurzelt, weil\ner sich mit liebevoller Hingebung in energischer, folge-\nrichtiger Kunstübung die volkstümlichen musicalischen\nDarstellungsmittel anzueignen strebt, sondern jenes Dilet-\ntantismus, der nur im müssiggängerischen Naschen Befrie-\ndigung findet. Alles, was nur irgendwie auf den anderen\nGebieten der Tonkunst im Volke Glück macht: Instrumen-\ntalsachen, wie die Ouvertüre zur Zauberllöte, Polka's und\nWal zer, ja, Opern, Ensemblesätze und Finale s, werden\nfür Männerchor arrangirt, und die Tenöre übernehmen\nganz ernsthaft die Ausführung der Frauen-Partieen, un-\ngenirt durch den Blödsinn, der in solchem Verfahren liegt.\nDie Literatur des Männergesanges kommt fast ausschliess-\nlich in die Hände jenes Musik-Proletariats, das weder an\nder Kunst noch an dem Volksgesange gross gezogen, vom\nKunslgesange einige Phrasen, und nicht einmal die klang-\nvollsten, aber immer die bedeutungslosesten entlehnt und\nhiermit den gesammten Bedarf der Männergesang-Vereine\nbestreitet. Der letzte Rest künstlerischer Gestaltung musste\nschwinden, als in den „ „Burschen- und Gesellenfahrten\"\n„„Der Mordgrundbruck\"\" und den verwandten Erzeug-\nnissen August Schäffer's und Max Kunz' jene mittel-\nalterliche Lanzknechtslaune herrschend wurde, die in ihrer\nneuen Auflage geradezu widerwärtig ist, weil sie überall\nda raffinirt roh werden musste, wo jene noch naturwüch-\nsig realistisch derb ist. Vergebens waren Friedrich Sil-\ncher, Ludwig Erk und Wilhelm Greef bemüht, das\nVolkslied wieder einzubürgern. Die Männergesang-Vereine\nverfolgten jene Richtung mit einem Eifer, dass ihnen Con-\nradin Kreutzer und Karl Zöllner mit ihren Phrasen\nund Instrumental-EfFecten gar bald zu Classikern wurden\nund dass nur an hohen Sonn- und Festtagen der Lieder-\ntafeln auch einige der überschwenglich sentimentalen Lie-\nder von Jul. Otto, Abt, Becker und Mo h ring, oder\ngar eines der gesunderen von Reissiger, Heinrich\nMarschner und Ferdinand Hiller ihre Programme\nziert. Wohl regte t'ich auch in diesen Vereinen noch ab\nund zu das Verlangen nach wirklichem Gesänge, allein die-\nsem konnte der vierstimmige Männerchor nur in jener po-\nlyphonen Weise Bernhard Klein's und Mendels-\nsohn's Rechnung tragen: ihr aber waren jene Vereine\nlängst entfremdet, und so entstand das schmachvollste Er-\nzeugniss dieser ganzen Richtung, das Lied mit Brumm-\nstimmen. Während eine Stimme, in der Regel der erste\nTenor oder ein Bariton, eine immer im echten Bänkelsän-\nger-Stil gehaltene Melodie ausführt, erniedrigen sich die\nanderen zur Ausführung einer halbstummen Begleitung,\nin einer Weise, welche die allgemeinsten Regeln des An-\nstandes verbieten. Es ist dies allerdings die letzte Conse-\n\n[•l"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5268, "texte": "quenz der ganzen Richtung. Weiter sind die Experimente\nmit dem rein sinnlichen Material kaum zu treiben; wenn\nes nicht etwa noch einer unternimmt, auch der Solostimme\ndas Wort zu entziehen und ein Lied ganz brummen zu\nlassen.\n„Mehr noch, als die ungenügende und meist verkehrte\nGesangsbildnng unserer Jugend in den Schulen, tragen die\nMännergesang-Vereine zu dem immer Fühlbarer werden-\nden Mangel an Tenorsängern bei.\n„Die durch die Zusammensetzung des Männerchors\nbedingte Scheidung des Tenors macht die Theilung seines\nohnehin nicht bedeutenden Umfangs nöthig. Die höhere\nHälfte fällt dem ersten, die tiefere dem zweiten Tenor zu.\nDie Töne des Stimmbruchs werden somit zur Gränze für\nbeide Stimmen, und die dadurch verursachte häufige Ver-\nwendung derselben muss ungeschulte Stimmen früh ruini-\nren, um so eher, als ihnen der Gebrauch des ganzen Um-\nfangs, der ihnen die nöthigen Ruhepunkte böte, versagt\nist. Dazu kommt noch, dass die Reschränkung auf einen\nso geringen Umfang ermüdend und abspannend auch auf\ngeschulte Sänger wirkt, und dass die den Gesang beglei-\ntenden geselligen Freuden der Stimme nichts weniger als\nförderlich sind.\n„Von wirklich volkstümlichen Liedern, die eine Seite\ndes allgemeinen Volksempfindens in noch künstlerischer\nForm darstellen, und die zum Theil durch jene Vereine\nweitere Verbreitung fanden, tragen wir noch nach; Graun's\n„„Auferstehen, ja, auferstehen\"\"; „„Wie sie so sanft\nruh'n\"\" von Friedrich Rurchard Reneken (geb. am 13.\nAugust 1760, gest. am 22. September 1822 als Pastor\nzu Wülfingshausen bei Hannover); „„Der alte Rarba-\nrossa\"\" von Joseph Gersbach (geb. am 22. December\n1787 zu Säckingen bei Mannheim, gest. am 3. December\n1830 als Musiklehrer des Schullehrer-Seminars in Karls-\nruhe); „ „Die Lorelei\"\" von Friedrich Silcher und wohl\nauch noch „ „Auf, Matrosen, die Anker gelichtet\"\" von\nAugust Pohlenz (zu Saalgast 1795 geboren und am 10.\nMärz 1843 als Musik-Director in Leipzig gestorben). Fer-\nner G. Reichardt's (geb bei Demmin in Vorpommern am\n13. November 1797) „„Was ist des Deutschen Vater-\nland?\" \" „ „Ich bin ein Preusse, kennt ihr meine Farben?\"\"\nvon August Neithardt; und „ „Wer ist der Ritter hochge-\nehrt?\"\", und „„Im Herbst da muss man trinken4\" von\nHeinrich Marschner.\"\nDass in dem zweiten Ruche die Charakteristiken von\nMozart, Reethoven, Weber, dann besonders ausführlich\nvon Schubert, Mendelssohn, Schumann als Lieder-Compo-\nnisten den meisten Raum einnehmen und die meiste Theil-\nnahme erregen, haben wir schon im vorigen Artikel er-\nwähnt. Ueberall hält sich der Verfasser auf lobenswerthe\nWeise-fern von Ueberschwenglichkeit und Phrasenmache-\nrei; er geht der Sache auf den Kern und bewahrt sich\nüberall den freien Rlick, der ihn bei aller Hochhaltung je-\nner Meisler doch nicht blind für ihre schwächeren Seiten\nmacht, was selbst bei der Schilderung Schumann's, den\ner am höchsten stellt, so wenig der Fall ist, dass er in den\nspäteren Liederheften (z. R. Lieder-Album für die Jugend,\nOp. 79, und namentlich in Op. 98, Lieder und Gesänge\naus Wilhelm Meister) noch weit schärfer, als dies früher\nin dieser Zeitung geschehen, den Mangel an Formschön-\nheit und die Herrschaft der Phantasie und der Combina-\ntionslust über die Technik rügt.\nDas dritte Ruch verfolgt das deutsche Lied in seinen\nweiteren kunstgeschichtlichen Reziehungen (S. 235—290).\nDas erste Capitel bespricht die Einwirkung des Lyrischen\nauf das Epische—die Romanze und Rallade; das zweite\nden Einfluss des Liedes auf die übrigen Vocalformen, auf\nOper und Oratorium; das dritte den Einfluss desselben\nauf die Entwicklung der Instrumental-Musik.\nAuch diese Capitel enthalten manches Anziehende;\ndoch gibt der Verfasser hier mehr Allgemeines, mehr\nWinke und Apergu's, als Ausführungen. Wir können\nhier nicht so vollständig, wie früher, mit ihm übereinstim-\nmen, wenn er z. R. Job. K. Gott fr. Löwe für den Schö-\npfer des eigentlichen musicalischen Ralladen-Stils-'erklärt,\nden Zumsteeg, Reichardt, Zelter und selbst Franz\nSchubert zwar gesucht, aber nicht gefunden haben, und\nden dann wieder Schumann, wie Alles nach des Ver-\nfassers Meinung, vervollkommnet hat. Doch müssen wir er-\nwähnen, dass er die letzten Umarbeitungen Uhland'scher\nRailaden nicht billigt und die ernstesten Zweifel nicht zu\nunterdrücken vermag, „ob es gerathen sei, den gefesteten\nRau der Rallade aus ihren Fugen zu treiben, und ob es\nkünstlerisch gerechtfertigt sei (Gewiss nicht!), ein episch-\nlyrisches Gedicht ohne Weiteres wie ein episch-dramati-\nsches zu behandeln oder für eine derartige fiehandlung\numzuarbeiten\". Auch die melodramatische Rehandlung der\nRallade in Schumann's Op. 122 scheint ihm künstlerisch\nnicht gerechtfertigt; aber dass diese Rehandlung die letzte\nnothwendige Consequenz der Lehre vom musicalischen\nWortausdruck, von der Herrschaft des Wortes im Drama-\ntischen sei, das scheint ihm entgangen zu sein.\nIn dem Capitel über die Gewalt des Liedes auf Oper\nund Oratorium konnte freilich die „Genoveva\" nicht als\nder Culminationspunkt der Oper betrachtet werden; da-\ngegen aber bezeichnet der Verfasser „Paradies und Peri\"\nals „das grösste und erste Product der neuen, in ihrem\nGange durch die Lyrik bestimmten Zeit\". Wenn er nach-\nher sagt, Schumann hätte in diesem Werke auch für das\nOratorium „den Weg vorgezeichnet\", und „von allen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2976, "texte": "Lebenden dürfte gegenwärtig Ferdinand Hiiler den-\nselben Weg am entschiedensten verfolgen\", so dürfte Mil-\nler selbst sehr bedeutend den Kopf dazu schütteln.\nDagegen unterschreiben wir wiederum völlig, wenn\nder Verfasser behauptet, dass nach Beethoven der Einlluss\ndes Liedes auf die grösseren Vocalformen mehr zersetzend\nals fördernd eingewirkt habe. Was er in dieser Beziehung\nüber Spohr und Weber, Meyerbeer und Wagner sagt,\nhat Hand und Fuss, so kurz es auch ist.\nMögen zum Schluss dieser Anzeige des sehr lesens-\nwerthen Buches die Aeusserungen über Wagner und Liszt\nstehen (S. 270 und 271).\n„Wagner tbut nach dieser Richtung wohl den letzten\nSchritt, und so müssen wir auch seiner hier noch mit eini-\ngen Worten gedenken. So sehr auch seine Anhänger das\nGegentheil versichern, in dem Streben, das musicalische\nDrama nur für die äussere Schaustellung zu schaffen, ist\nauch er dem Banne der grossen französischen Oper, gegen\nwelche er sich ursprünglich auflehnt, verfallen.\n„Noch mehr wie Meyerbeer ist er auf die blosse\nWirkung durch das sinnliche Material verwiesen, weil er\nMelodie und Rhythmus vollständig dem Wortausdruck\nopfert. Er beschränkt sich nur auf jene die Sprach-Accente\nhöchstens bis zum Recitativ steigernde Weise des Gesan-\nges, und das Wort erfährt allerdings dadurch eine Stei-\ngerung und Bedeutsamkeit, welche die blosse Recitation\nihr nicht geben kann, allein die ganze Musik ist dem Drama\ndoch auch nur äusserlich angehängt, wie dem Melodrama.\nGrössere Bedeutung kann sie in solcher Beschränkung auf\nihr niedrigstes Ausdrucks-Vermögen nicht erreichen.\n„Auch Liszt hat seinem Liederstil eine objective Fas-\nsung in symphonischen Dichtungen und in Messen und\nPsalmen zu geben versucht. Jener gedenken wir noch im\nnächsten Capitel; diese, die Messen und Psalmen, entspre-\nchen ganz dem bezeichneten Standpunkte. Ueberall be-\ngegnet uns ein feines Denken und Empfinden, das nach\nungewöhnlichem Ausdruck ringt, ohne diesen anders als\ndurch die vollständigste Auflösung des gesammten künst-\nlerischen Organismus erreichen zu können. Liszt wird in\nseinen Messen sogar auf contrapunktische Formen geführt,\nund er hat dadurch selbst jene Contrapunktisten und Theo-\nretiker gewonnen, welche überall nur das Handwerk ver-\nehren. Wir sind der Meinung, dass die canonischen For-\nmen von der freien Nachahmung bis zu der strengsten Mu-\nsterfuge nur Bedeutung gewinnen in ihrer durch Jahrhun-\nderte herausgebildeten Gestalt. Nur indem Thema und\nGefährte sich in einander fügen wie bei Bach, als im\nReim verbundene Verszeilen, und die dialektische Entwick-\nlung diesem Zuge folgt, erlangt die Fuge die Bedeutung\nder höchsten künstlerischen Form. Irgend ein Thema im\nQuinten- oder Quarten-Cirkel oder in anderen Intervallen-\nVerhältnissen willkürlich oder nach ausserhalb des natür-\nlichen Materials liegenden Principien einer Idee an die\nverschiedenen Stimmen zu vertheilen, entspricht doch dem\nWesen dieser Formen nur ganz oberflächlich, kaum ganz\nhandwerksmässig."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-03-08-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-03-08_01#c003", "volume": "bmtnabi_1862-03-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "77", "page_fin": "79", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.2.3", "titre_corps": "Aus Kassel.", "titre_sommaire": "Aus Kassel.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.5", "debut_caractere": 2978, "fin_caractere_exclue": 4755, "texte": "Aus Kassel.\n[Die Oper Die Concerte des Hof-Orchesters]\nDen ]. MKrz 1862.\nSchon im vorigen Jahre verfehlte ich nicht, Ihnen die\nVersicherung zu geben, dass bisher die traurige politische\nLage Hessens nur geringen Einlluss auf die Pflege und\nAusübung der edlen Tonkunst ausgeübt habe. Unser Thea-\nter, besonders aber die Oper, steht, abgesehen von einer\ngewissen Rücksicht bei Aufstellung des Repertoires, in\nvoller Blüthe; das Schauspiel hat freilich einen eng be-\ngränzten Wirkungskreis, da Stücke wie Egmont, Wilhelm\nTeil, Macbeth, Fiesko, Cabale und Liebe u. s. w. aus po-\nlitischen, andere wie Narciss, Anne Lise, Philippine Wel-\nser u. s. w. aus delicaten Gründen nach oben hin Anstoss\nerregen und daher niemals auf das Repertoire kommen.\nBei der Oper hat man sich begnügt, Angesichts der ita-\niiänischen Ereignisse die Stumme von Portici zu verban-\nnen, während man nach wie vor Rossini's „Teil\" ohne\nAnstoss über die Breiter schreiten lässt.\nDass unser Opern-Repertoire seit Beginn der Saison\nein im Ganzen gediegenes ist, mag Ihnen die Aufzählung\nder einzelnen Werke beweisen, die bis jetzt gegeben wor-\nden sind.\nMozart: Don Juan (3 Mal), Zauberflöte, Figaro's\nHochzeit, Entführung, neu einstudirt (3 Mal).\nBeethoven: Fidelio, neu einstudirt (3 Mal).\nWeber: Freischütz (2 Mal).\nKreutzer: Nachtlager in Granada.\nM£hul: Joseph in Aegypten (3 Mal).\nCherubini: Wasserträger.\nMaurer, L.: Aloyse, neu einstudirt (2 Mal).\nMarschner: Templer und Jüdin (2 Mal).\nLortzing: Czaar und Zimmermann, Undine.\nNicolai: Die lustigen Weiber von Windsor.\nWagner: Tannhäuser.\nFlotow: AI. Stradella, Martha.\nHalevy: Die Jüdin (2 Mal).\nMeyerbeer: Robert der Teufel (2 Mal), Hugenotten\n(3 Mal).\nAuber: Des Teufels Antheil, neu einstudirt (3 Mal).\nAdam: Der Brauer von Preston, neu einstudirt)."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5458, "texte": "Kossini: Barbier von Sevilla, Teil (2 Mal).\nBellini: Die Nachtwandlerin.\nDonizetti: Begimentstochter, Lucrezia (2 Mal), ßeli-\n»sar, Lucia.\nBeiss: Otto der Schütz, neu (3 Mal).\nOpfenbach: Orpheus in der Unterwelt, neu (5 Mal).\nIn den nächsten Wochen wird auch Spohr's Jessonda\nnach fast dreijähriger Buhe, sodann Marschner's Hans Hei-\nling wieder in Scene gehen. — Was die Aufführung der\nMehrzahl obiger Opern betrifft, so darf dieselbe als eine\nsorgfältige, bei einigen derselben aber, z. B. Zauberflöte,\nFigaro's Hochzeit, Fidelio, Joseph, Undine, als eine vor-\nzügliche gelten, da in derselben Besetzung und Ensemble\ngleich trefflich sind. In Bezug auf das Personal kann ich\nnur meine frühere Ansicht bekräftigen, dass das Ehepaar\nBübsamen die grösste Zierde desselben ist. Frau Bübsa-\nmen, durch mütterliche Pflichten seit drei Monaten von der\nBühne fern gehalten, wird demnächst zur Freude des Pu-\nblicums, welches ihrem Wiederauftreten mit Ungeduld\nentgegensieht, als Susanne wieder erscheinen. Von neuen\nErwerbungen für die Oper nenne ich vorzugsweise die\ndramatische Sängerin Frau Kapp-Young, welche im Be-\nsitze einer sehr umfangreichen, aber nicht in allen Lagen\ngleich sympathischen Stimme ist. Die talentvolle Dame,\nobgleich nicht mehr in erster Jugendblüthe, begann erst\nim vorigen Jahre ihre dramatische Laufbahn, und hat im\nLaufe dieser Saison in rascher Folge Pai tieen wie Donna\nAnna, Fidelio, Valentine, Elisabeth u. s. w. studirt und mit\nbestem Erfolge gesungen. Besonders überraschte sie allge-\nmein durch ihren Fidelio. Einen nicht minder schätzens-\nwerthen Gewinn hat unsere Oper in dem neuen Spiel-Te-\nnor Herrn Baumann von Frankfurt gemacht. Derselbe ist\ndurch und durch musicalisch gebildet, ein trefflicher, viel-\nleicht etwas zu lebhafter Darsteller, und als Mitglied der\nOper bereits eben so unentbehrlich als beliebt geworden.\nDie übrigen Mitglieder sind noch die alten, und darf ich\nmich daher einer wiederholten Aufzählung ihrer schätzens-\nwerthen Eigenschalten enthalten, und somit zu den Con-\ncerten, deren bereits vier Statt gefunden haben, übergehen.\nDas erste Abonnements-Concert betreffend, fühle ich\nmich vor Aiiem gedrungen, den ehrenvollen Erfolg zu be-\nstätigen, dessen sich Herr Hermann Levi aus Mannheim\nals talentvoller Componist und gediegener Pianist durch\nden Vortrag seines Concertes für Pianoforte und Orchester\nzu erfreuen hatte. Kann man auch in dem fraglichen Cla-\nvier-Concerte Mendelssohn'sche und Schumann'sche Ein-\nflüsse nicht verkennen, so lässt sich doch die Selbstständie-\nkeit des Componisten durchaus nicht wegläugnen, und ver-\ndient namentlich die treffliche Instrumentation des Werkes\ndie grösste Anerkennung, so wie die Factur im Allgemei-\nnen als eine durchaus gediegene bezeichnet werden muss.\nDass der junge Violinist Isidor Lotti aus Warschau einen\nnoch glänzenderen Erfolg erzielte, bedarf wohl kaum noch\neiner Versicherung; denn wo hat eine so fabelhafte Tech-\nnik, gepaart mit so schönem Tone, nicht bereits Aufsehen\nerregt? Er spielte das Concert in E-dur (erster Satz) von\nVieuxtemps und das Perpetuum mobile von Paganini.\nIm zweiten Abonnements-Concerte war es vor Allen\nHans von Bülow, der das allgemeinste Interesse für sich\nin Anspruch nahm; die Wahl der Musikstücke verdiente\nsolches aber auch nicht minder, als sein treffliches, geist-\nvolles Spiel. Imponirte er im Henselt'schen Concerte (F-\n--moll) mehr durch Technik und Ausdauer, so waren es in\nBeethoven's Sonate Op. 110 die ruhige Klarheit des Vor-\ntrags und die Tiefe der Auffassung, welche das complicirte\nWerk dem Publicum rasch zugänglich machten, die Mu-\nsikfreunde der verschiedensten Richtungen aber sofort für\nden Künstler einnahmen. Die Liszt'sche Phantasie („über\nungarische Melodieen\" für Pianoforte und Orchester\nManuscript), welche auf Bravour berechnet ist und sich\ndurch eine höchst farbenreiche Instrumentation auszeich-\nnet, konnte durch einen Interpreten wie Hans von Bülow\neine schlagende Wirkung auf das Auditorium kaum ver-\nfehlen. Der Concert-Flügel vonßechstein in Berlin zeich-\nnete sich durch Kraft und Fülle des Tones vor manchen\nin den letzten Jahren hier gehörten Instrumenten aus.\nDas dritte Concert brachte uns einen alten, hier im-\nmer gern gesehenen Gast, Alfred Jaell, der auch dieses\nMal wieder die freundlichste Aufnahme fand. Sein Vortrag\ndes Spohr'schen Quintetts in C'-moll (Pianoforte, Flöte,\nClarinette, Horn und Fagott) war eben so nobel als tech-\nnisch vollendet; er wurde von den ersten Mitgliedern der\nHofcapelle dabei auf das glücklichste unterstützt. In dem-\nselben Concerte spielte Herr Wipplinger das zwar schon\noft, aber immer gern wieder gehörte Mendelssohn'sche\nViolin-Concert, und zwar in so gediegener Weise und mit\nso gutem Erfolge, dass wenige Tage darauf seine Ernen-\nnung zum Concertmeister erfolgte.\nIm vierten Abonnements-Concerte führten zwei ein-\nheimische Künstler die Instrumental-Vorträge aus, nämlich\nHerr Concertmeister Graff und Herr Knoop. Ersterer,\nein Schüler von Vieuxtemps, besitzt eine respectable Tech-\nnik und grosse Eleganz des Vortrags und hat hier wieder-\nholt durch den Vortrag Vieuxtemps'scher und Beriot'scher\nCompositionen vielen Beifall geärntet. Weniger glücklich\nwar er jedoch mit dem Beethoven'schen Violin-Concerte,\nzu dessen Bewältigung ihm nicht sowohl Grösse des Tones\nals Tiefe der Auffassung, so wie vor Allem die technische\nBeherrschung der Aufgabe fehlen. Die von dem Künstler\neingelegten Cadenzen waren ein Mixtum compositum von"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3248, "texte": "Vieuxtemps, Joachim, Laub u. s. w., konnten daher nur\neinen ganz rhapsodischen Eindruck machen. Der Vortrag\nunseres ersten Violoncellisten Knoop erfreute sich der\nallgemeinsten und gerechtesten Anerkennung. Er verbin-\ndet mit einer nahezu vollendeten Technik einen grossen\nTon und eine stets natürliche, niemals hypersentimentale\nVortragsweise. ln demselben Concerte debutirte die\ngrossherzoglich hessische Hof-Opernsängerin Fräul. Kri-\nstinus, welche durch eine sonore und umfangreiche Alt-\nstimme und treffliche Gesangsbildung Aufsehen erregte.\nSie wurde wiederholt und stürmisch gerufen und dürfte\nfür unsere Oper, zumal das Fach einer Altistin dermalen\ngänzlich verwais't ist, eine treffliche Acquisition werden.\nInteressant war in demselben Concerte auch die gute Aus-\nführung des reizenden Finale's des ersten Actes von Mo-\nzart's Cosi fan iutie. Zum dritten Concerte muss ich\nnoch nachtragen, dass Cherub in Ts lieblicher Chor aus\n„Blanche de Provenceu eine besonders freundliche Auf-\nnahme land, so wie überhaupt unter der Leitung des an\nStelle des abgegangenen Musik-Directors Weidt berufenen\nMusik-Directors llempel die Leistungen unseres Chors\nan Präcision wie an Nuancirung ungemein gewonnen ha-\nben, was auch von dem Publicum bei jeder passenden\nGelegenheit anerkannt wird. In demselben Concerte trug\nder Hoftheater-Chor auch zwei von Schumann's „Lie-\ndern im Volkstöne\" vor.\nUeber die Orchester-Leistungen im Allgemeinen\nkann ich nur sagen, dass sie denjenigen der letzten Jahre\nin keiner Weise nachstanden und Vorbereitung wie Aus-\nführung derselben gleich sorgfältig waren. Herr Hof-Ca-\npellmeister Karl Reiss hat sich um das Concert-Institut\ngrosse Verdienste erworben, die um so höher zu schätzen\nsein dürften, als es keineswegs überall der Fall ist, dass\ndie Opern-Dirigenten eben so viel Mühe und Sorgfalt auf\ndie Concerte verwenden, als auf das Theater. Wie sehr\nseine Oper: „Otto der Schütz\", hier gefallen und bei\njeder Aufführung wärmeren Applaus gefunden, habe ich\nIhnen schon früher berichtet.\nUnter den Ouvertüren („Die Hebriden\" von Men-\ndelssohn, zum „Vampyr\" von Marschner, zu den\n„Abencerragen* von Cherubini) fand eine neue in D-\ndur von August Walter grosse Anerkennung. Von\nSinfonieen hörten wir die von F. Schubert in C-dur,\nvon Beethoven Nr. 8, von Niels W. Gade Nr. 4 (B~\ndur) und von Bob. Schumann Nr. 2 (C-dur). Die letzt-\ngenannte sprach an, wiewohl die wenigsten von den Zu-\nhörern nach einmaligem Hören volles Verständniss des\nWerkes gewonnen haben dürften.\nIm nächsten Concerte werden wir Ferdinand Laub\nzum ersten Male hier hören, und freut man sich allgemein\nauf die nähere Bekanntschaft dieses Irefl lichen Künstlers.\nAuch die hiesige Liedertafel hat durch Aufführung der\nbei dem vorjährigen deutschen Sängerfeste in Nürnberg\nexeculirten Chöre ein rühmliches Zeugniss von dem Stre-\nben und der Tüchtigkeit ihres Dirigenten, des Hof-Orga-\nnisten Schuppert, abgelegt.\nIn der Oper trat als Gast die schwedische Hofsängerin\nFrau Mi c h aI-Mi ch a el i zwei Mal (als Königin der Nacht\nund als 1V1 a rga reib e in den „Hugenotten\") mit grossem\nßeil'alle auf. Die Stimme ist zwar nicht mehr in erster\nJugendfrische und besonders in der Mittellage sehr dünn,\nSchule, Coloratur und Triller sind jedoch tadellos."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-03-08-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-03-08_01#c004", "volume": "bmtnabi_1862-03-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "79", "page_fin": "80", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "F. W", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.7", "debut_caractere": 3250, "fin_caractere_exclue": 5570, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nüiöln. Das Comite für das an den Pfingsttagen hier zu feiernde\nniederrheinische Musikfest hat folgende Werke zur Auffüh-\nrung bestimmt:\nAm ersten Tage: rSalomona, Oratorium von Händel,\nnach der Original-Partitur und mit der O rgel-Begleitung,\nwelcbe Mendelssohn für die Aufführung im Jahre 1835, die eben-\nfalls in Köln Statt fand, geschrieben bat.\nAm zweiten Tage: Ouvertüre und Scenen aus Gluck1»\n„Iphigenie in Aulis*4. Sanctus und Osanna aus der H-moll-\nMesse von Job. Seb. Bach. Sinfonie Nr. IX mit Chor von\nBeethoven.\nAm dritten Tage: Sinfonie von J. Haydn ..Hymne\nan die Nacht\" für Soli, Chor und Orchester von Ferdinand Hil-\nler. Ouvertüre zu „lluy Blas\" von Mendelssohn. Ver-\nschiedene Sologesang-Vorträge.\nDie Solo-Partieen haben übernommen: Frau Louise Dust-\nmann-Meyer aus Wien (Sopran); Fräulein Francisca Schreck\naus Bonn (Alt); die Herren Schnorr von Karolsfeld aus Dres-\nden (Tenor) und Becker aus Darmstadt (Bass).\nDirigent der Fest-Aufführungen : Capellmeister Ferd. Hiller.\nAnführer des Orchesters: die Concertmeister J. Grunwald und\nO. von Königslöw.\nFrau Schumann ist der Einladung, nach Paris zu kommen\nund dort Concerte zu geben, gefolgt und ist dahin abgereist. Das\nEtablissement Erard hat die Arrangements übernommen; der Saal\nist bereits für vier Concerte abonnirt.\nWiesbaden, 5. März. Zu dem grössten Bedauern der Kunst-\nfreunde in unserer Stadt und in den Naehbarstädten Mainz und\nFrankfurt hat die Wiederholung der mit so grossem Erfolg hier auf-\ngeführten Oper „Die Katakomben\" von Ferd. Hiller noch\nnicht Statt finden können, da Herr Schulz, welcher die Partie de«\nrömischen Präfecten singt, durch Krankheit am Auftreten verhindert\nist. So musste die zweite Aufführung schon vor acht Tagen auf\nmorgen Donnerstag den (>. d. Mts verschoben werden, kann jedoch\nnicht Statt finden, da der genannte Sänger noch nicht ganz wieder\nhergestellt ist. Es muss sich denn das Publicum bis Mittwoch\nden 12. gedulden, wo die Oper gegeben werden wird. Die Wieder-\nholung wird für diejenigen, welche der ersten Aufführung beige-\nwohnt haben, noch ein besonderes Interesse dadurch gewinnen, das*\nder Componist dem Vernehmen nach einige Kürzungen vorgenommen\nund im letzten Acte eine neue Scene (Duett zwischen Frau Deels\n[Clythia] und Herrn Schneider [Luciua]; eingelegt hat."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4645, "texte": "Der „Volksfreund\" schreibt über die Concerte der Frau Schu-\nmann in Frankfurt am Main: »Das Ciavierspiel der Frau Clara\nSchumann ist, wie ihr Auftreten, gross und edel. Wir dürfen füglich\nunterlassen, bei dieser Künstlerin in Einzelheiten einzugehen. Der\nEindruck, welchen ihre Vorträge machten, war hinreissend, bewälti-\ngend. Das Ä-moll-Concert von R. Schumann durchzieht, wie bei-\nnahe alle Werke des zu früh dahingeschiedenen Gatten, der Faden\ntiefer Melancholie. Es ist ein imposantes Tonwerk und wurde von\nder geistvollen Spielerin als solches vorgeführt. Das Concert, so\nwie ihr Notturno und Impromptu von Chopin und die D-moll-Qa-\nvotte von J. S. Bach erregten wahre Stürme des Beifalls, und das\nauf wiederholten Hervorruf von der Meisterin gespielte Spinnerlied\nvon Mendelssohn versetzte das Auditorium in wahrhaften Enthusias-\nmus, und es gewährt in der That in unserer kunsttrockenen Zeit\neine erhebende Freude, einem so echt poetischen Künstler-Gemüthe\nzu begegnen.\"\n(Ein bisher unbekanntes Violin-Quartett in B-dur\nvon Franz Schubert.) In dem dritten Quartett-Cirkel von Hell-\nmesberger und Genossen in Wien ist dieses Quartett gespielt wor-\nden. Die „Wiener Zeitung\" sagt; „Wie wir hören, soll dieses Quar-\ntett bereits vor mehreren Jahren von Herrn Spina, in dessen Be-\nsitzthum sich dasselbe befindet, Herrn Professor Hellmesberger über-\ngeben worden sein. Wie es nun möglich wurde, dass Herr Professor\nHellmesberger dieses Werk bis jetzt in seinem Notenschranke ver-\nschlossen hielt, ist etwas schwer zu begreifen. Dass er sich um das-\nselbe gar nicht sollte gekümmert haben, ist ihm wohl nicht zuzu-\nmuthen; wurde es aber ein einziges Mal von ihm und seinen Herren\nCommilitonen gespielt, so konnte man doch über seinen Werth keinen\nAugenblick zweifelhaft sein; gleichwohl muss dies der Fall gewesen\nsein, da man mit der Aufführung bis heute zögerte, was aber frei-\nlich einen wunderliehen Kunstgeschmack voraussetzt, besonders wenn\nman sich so mancher Novitäten erinnert, welchen dadurch factisch\nder Vorzug vor dem Schubert'schen Manuscript eingeräumt wurde.\nUnd es ist dies ein so reizendes, liebenswürdiges, in allen Theilen\nlebensvolles, dabei so einheitsvoll concipirtes, musicalisch streng or-\nganisch, sogar ungewöhnlich knapp gegliedertes Werk, dass wir (und\ndas Publicum nicht minder) auf das freudigste davon überrascht\nwaren. Es gehört zwar keineswegs in die Reihe der tieferen, den\nGenius Schubert1 s so ganz einzig aussprechenden Werke, wie z. B.\ndas (7-cZwr-Quintett, aber wir möchten es nicht missen, und an\nPrägnanz der Erfindung isrt es dem jüngst gehörten Octett des un-\nerschöpflichen Meisters bei Weitem überlegen. Wie schon angedeu-\ntet, wurde das Werk mit Enthusiasmus aufgenommen und hat also\nAussicht, demnächst in entsprechender Form der Nachwelt überge-\nben zu werden.\" Die „Deutsche Musik-Zeitung\" berichtet: „Es\nkam ein bisher unbekannt gebliebenes und ungedrucktes Streich-\nQuartett in B von Fr. Schubert zur Aufführung, welches sofort den\nlebhaftesten Beifall errang. Namentlich entzückte uns darin das\nAdagio in G-moll und das höchst eigentümliche lebhafte Finale;\nauch das Scherzo, welches jedoch aus einem anderweitigen Fragment\nan die Stelle des ursprünglichen, wie man uns mittheilt, allzu „länd-\nlerartigen\" Menuets eingeschoben wurde, ist ein sehr wirksames\nStück und musste wiederholt werden. Wir hoffen, da nunmehr die-\nses Quartett in Druck erscheinen wird, demnächst darauf zurück-\nzukommen.\"\nRotterdam, 26. Februar. Im Foyer-Saale des Theaters sind\nin diesem Winter Quartett-Abende für Streich-Instrumente von\nden Mitgliedern des Orchesters veranstaltet worden. Die Leitung\nderselben hatte der erste Violinist, Herr Rappoldi, übernommen.\nDie Kritik, wie verschiedenartig sie sich über andere Leistungen un-\nserer Künstler geäussert haben mag, bat diese Quartette einstimmig\ngelobt. Nicht nur die Berichterstatter hiesiger Zeitungen erkannten\ndie Vorzüglichkeit derselben an, sondern auch das einzige holländi-\nsehe Ehren-Mitglied der berliner Akademie der Künste, der bekannte\nGründer der Maatschappy tot Bevor der ing der Toonkunst, Herr\nYermeulen, äusserte sich wiederholt, dass in einer Reihe von\nJahren so vollendete Ausführungen classischer Kammermusik hier\nnicht gehört worden sind. Es wird mit Recht allen vier Instrumen-\ntalisten wegen des vortrefflichen Zusammenspiels und der feinen\nSchattirung des Vortrags Beifall gespendet, am reichlichsten jedoch\ndem Herrn Rappoldi. Die Freunde classischer Musik waren über\ndiesen unverhofften Genuss sehr erfreut, und es steht zu erwarten,\ndass auch andere niederländische Städte diese Künstler zu Pro-\nductionen einladen werden,\n\nF. W."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nDas deutsche Lied. 11. Aus Kassel (Die Oper Die Concerte des Hof-Orchesters). Tages- und Unterhal-\ntungsblatt (Köln, Programm für das bevorstehende niederrheinische Musikfest Frau Clara Schumann nach Paris Wiesbaden, F.\nHiller's Oper „Die Katakomben\" Frankfurt am Main, Ciavierspiel der Frau Clara Schumann Ein bisher unbekanntes Violin-Quartett\nvon Franz Schubert Rotterdam, Quartett-Abende),\n\nDas deutsche Lied.\nII.\n(I. s. Nr. 9.)\nWenn wir den Leser in dem vorigen Artikel mitten\nin das Buch hinein und fast bis an das Ende desselben ge-\nführt haben — denn nach dem dort mitgetheilten Epilog\ndes zweiten Buches folgt nur noch das dritte, im Vergleich\nzu den anderen kürzeste Buch —, so müssen wir den An-\nfang und die Gliederung des Ganzen jetzt nachholen.\nNach einer kurzen Einleitung bespricht das erste Buch\nin 3 Capiteln die Ausbildung der Form des Liedes im\nDurchgang durch den Minne- und Meistergesang zum Volks-\ngesange und durch diesen zum Kunstliede. (S. 13 — 76.)\nMan darf hier keine neuen Besultate geschichtlicher\nForschung erwarten; nicht das specifisch Historische, son-\ndern das Musicalische und das Musicalisch-Aesthetische\nbildet den Vorzug des Buches, wesshalb denn auch das\nerste Buch, das die Entwicklung der Form bis zum Ent-\nstehen des Kunstliedes verfolgt, nur 76 Seiten einnimmt,\nwährend die beiden anderen Bücher, in denen der musi-\ncalisch-kritische Gesichtspunkt vorherrscht, 214 Seiten\nfüllen. Allein auch die Darstellung im ersten Buche gibt\neine klare Einsicht in das, was der Verfasser gewollt hat,\nin die allmähliche Gestaltung der musicalischen Form des\nLiedes. Das Resultat fasst er in folgenden Schlussworten\ndes ersten Buches zusammen:\n„Unser deutsches Lied, das seinen Stoff aus den inner-\nsten Tiefen der Menschenbrust heraufholt, konnte erst dann\nemporblühen, als diese Tiefen aufgeschlossen wurden, als\nder Mensch durch das Christenthum zum Bewusstsern der\nSchätze kommt, welche sein Inneres birgt. Indem es ihn\ndann drängt, dieselben im Gesänge zu Tage zu fördern,\nsucht er nach einem eigenen Darstellungs-Material, und\ner schafft sich eine eigene Technik für die Bearbeitung\ndesselben. Die Anleitung hierzu wird dem deutschen Geiste\nin den so genannten „ „Jubeltönen\"\" durch die Kirche,\nund unter ihrem Einflüsse arbeitet die entfesselte Innerlich-\nkeit rüstig an ihrer künstlerischen Darstellung weiter. Diese\nscheidet sich bald nach zwei Seiten: in die künstlerische\neiner- und die volksmässige andererseits. Die kunstmässige\nnimmt die überkommenen künstlerischen Formen aus der\nVergangenheit in die Gegenwart herüber, sucht sie dem\nneuen Geiste anzupassen und kommt dadurch zu neuen\nFormgebilden. Im Minnesange und im Meistersange\nvollendet sich diese erste Phase des deutschen Liedes. Al-\nlein in beiden ist die Macht der Innerlichkeit noch nicht\ngewaltig genug, um die wirklich natürlich rechte Form\nfür die musicalische Darstellung zu finden; der gesammte\nGefühls-Inhalt kommt in der Sprach-Melodie noch so voll-\nständig zur Erscheinung, dass er keiner anderen bedar..\nDaher sind die Lieder der Minnesinger wohl sprachlich,\naber nicht musicalisch bedeutsame neue Schöpfungen, und\nihre Melodieen und noch mehr die der Meistersänger sind\nnach Bedürfniss und Vermögen umgestaltete Sequenzen-\nMelodieen.\n„Daneben ist der Volksgeist unablässig in gleicher\nRichtung thätig. Das Christenthum hat seine Sangeslust\nmächtig angeregt, und für den grossen Reichthum seiner\nInnerlichkeit erweis't sich bald sowohl die alte volksmäs-\nsige, wie auch die neue kirchliche Gesangsweise unzuläng-\nlich, und daher drängt es ihn, neues Material für die Dar-\nstellung der Strömungen seines Innern zu suchen und es\nnach neuen Principien zu ordnen. So gewinnt er die rechte\nForm des gesungenen Liedes im Volksliede und in ihm\nzugleich die Grundlage für die weitere Kunstentwicklung.\nDas Volkslied hat nur den Einen Factor, die Macht der\nInnerlichkeit, und es ist der wahrste und treueste Aus-\ndruck derselben. Was die Sprache nur in mehreren Stro-\nphen darzustellen vermag, das fasst die Melodie in einer\nzusammen zu schlagendem und gewinnendem Ausdruck.\nDadurch zwingt es den Kunstgesang, der sich in unfrucht-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.2", "texte": "bare Speculation verloren, umzukehren und sich der Natur\nwieder zuzuwenden. Indem die Künstler das Volkslied auf-\nnehmen und contrapunktiren, wird dieses hinübergeführt\nauf das Kunstgebiet und erzeugt dort eine neue Kunst-\nmusik. Es gibt den Künstlern Anregung und Anleitung,\nneue Lieder zu erfinden, und so entsteht die rechte Form\ndes Kunstliedes, welches das mit Bewusstsein ausführt,\nwas das Volk nach dem Instinkt vollbringt, und welches\ndarum tiefer und erschöpfender den Inhalt darzustellen\nvermag, als jenes. Aber auch jetzt noch, obgleich vom\neinzelnen Künstler geschaffen, ist das Kunstlied noch das\nLied der Massen ohne eigentlich individuelle Züge. Der\nKünstler lebt noch viel zu sehr in den Anschauungen sei-\nnes ganzen Volkes, um individuel empfinden zu können,\nund das gesammte Darstellungs-Material ist auch noch\nnicht verfeinert genug, um Träger individueller Empfindung\nzu werden. Das Hauptbestreben ist daher auch jetzt im-\nmer noch mehr auf die Form und auf die verfeinerte Dar-\nstellung dessen, was im Volksgemüthe sich lebendig schaf-\nfend erweis't, gerichtet, und an der besonderen Weise, in\nwelcher sich dies im Kunstliede darstellt, haben Individua-\nlität und äussere Einflüsse wohl Antheil, nicht aber auch\nam eigentlichen Inhalt. Ehe das Einzel-Subject sich in sei-\nner lyrischen Isolirung empfinden lernte, mussten erst gott-\nbegabte Männer die Leiden und Freuden der gesammten\nMenschheit austönen, und diese Periode beginnt, als die\ndramatischen Arbeiten das Lied verdrängten und die Aus-\nbildung der selbständigen Instrumentalformen mit Eifer\nbegonnen wurde.\"\nDas zweite Buch, das bei Weitem wichtigste, umfasst\nin sieben Capiteln die Ausbildung der Liedform zu\nder grossen Mannigfaltigkeit, zu welcher der In-\nhalt der Dichtung Veranlassung wurde, zum Theil\nauch der Forlschritt, der in der Form-Erweiterung ande-\nrer Compositions-Gattungen sich bekundete.\nDie verschiedenen Abschnitte betrachten das Lied un-\nter dem Einflüsse der Arie im Oratorium und der Oper:\ndas volkstümliche Lied; die Forderungen der neueren\nlyrischen Dichtung an das Lied; die Verleitung durch die\nneuere Lyrik zu scenischer Erweiterung und die aus dieser\nund dem gleichzeitigen Bückgang zur ursprünglichen Form\nerfolgte höchste Blüthe des deulsehen Liedes; dann die\neinseitigen Bestrebungen für Erweiterung des Liedes bis\nzur Missachtung und Verwilderung der Form; endlich die\naus dem Streben nach Popularität enstandene Richtung\nauf den Bänkelsang.\nHier ist Alles interessant und belehrend. Der Verfasser\nnimmt von vorn herein den höchsten Standpunkt für das\nLied ein, das er in seiner reinen Kunstform für Grundlage\nund Quell aller Musik bezeichnet; diesen Standpunkt hält\ner mit grosser Consequenz und eben so rücksichtsloser\nStrenge fest gegen alles, was der organischen Entwicklung\njener reinen Kunstform entgegen getreten und ihr verderb-\nlich geworden ist. Man darf sich daher nicht wundern,\nwenn er über manche musicalische Berühmtheiten sehr\naufrichtig und unumwunden seine Meinung sagt, so wie\nauch gegen ganze Gattungen des Gesanges eifert, wenn\nsie, wie z. B. der Männergesang, in den Hauptsachen ihrer\nBestimmung untreu geworden und eher verderblich als\nförderlich für das deutsche Lied gewirkt haben.\nIn Bezug auf die Natur des Männergesanges begegnen\nwir hier einer Ansicht, welche auch wir in dieser Zeitung\nöfter gegen die Vierstimmigkeit desselben ausgesprochen\nhaben.\n„Die Natur\" (heisst es S. 109 u. ff.) „scheidet\nden gesammten Gesangchor in zwei Haupt-Partieen, in\nFrauen- oder Knaben- und in Männerstimmen,\nund jede derselben wiederum in zwei Stimmgattungen, jene\nin Sopran und Alt, diese in Tenor und Bass. Dieser\nnatürlichen Scheidung nach kann es nur einen zweistim-\nmigen Frauen- und einen zweistimmigen Männerchor ge-\nben. Nun lehrt allerdings die Erfahrung, dass häufiger\nfast noch in beiden Chören Stimmen vorhanden sind, welche\nnur durch die sorgfältigsten Studien zu einer oder der an-\nderen jener Normalclassen erzogen werden können; aus\ndiesen würde sich für jeden der beiden Chöre eine dritte\nStimme ergeben, die nach Umfang und Klangfarbe vermit-\ntelnd zwischen beide tritt. Diese Ansicht, die auch bei den\nalten Italiänern, den feinen Kennern der Menschenstimme,\nihre Bestätigung findet, war in der Zelt er'sehen Lieder-\ntafel, ja, selbst bei Nägeli noch vorherrschend. Die mei-\nsten uns bekannten Männerlieder, welche aus jener hervor-\ngingen, sind ein- oder zweistimmige Sololieder mit Chor,\nund dieser tritt in der Begel nur dreistimmig auf.\n„Auch die bedeutendsten Lieder für Männerchor der\nneueren Zeit, wie die von Mendelssohn, sind vorherr-\nschend dreistimmig behandelt. Zur ausschliesslichen Herr-\nschaft gelangte die Vierstimmigkeit erst durch die jüngere\nberliner Liedertafel, als sich dem Männergesange so bedeu-\ntende Talente wie Bernhard Klein, Louis Berger\nund später Karl Löwe zuwandten. Bedeutenden Antheil\nan diesen Erfolgen haben die verwandten Bestrebungen\nCarl Maria von Weber's auf demselben Gebiete eben\nso, wie auf dem der dramatischen Musik, der Oper. Als\nKlein sich dem Männergesange zuwandte, war es jenem\nMeister schon gelungen, von der Bühne herab durch den\n„ „Freischütz\" * und die Musik und die Gesänge zur\n„ „Preciosa\"\" dem berückenden Zauber des Klang-Colorits\nund der unter seiner Herrschaft einzig und allein erfunde-\nnen Melodie Eingang zu verschaffen und sie volksthümlich"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.3", "texte": "zu machen. Auch in seinen Liedern der Freiheitskriege,\nin den Liedern aus Körner's „ „Leier und Schwert\"\"\nist es nicht die Macht der tief empfundenen, aus dem in-\nnersten Volksgemüthe heraustreibenden Melodie, welche\nihnen eine so weite Verbreitung und auch sicher einen so\nbedeutenden Antheii an dem grossen Freiheitskampfe ge-\nwährte, als vielmehr das glanzvolle, das Ohr so anziehende\nund berückende Klang-Colorit. -In ganz ähnlicher Weise\nerfasste Bernhard Klein das bei aller Gewalt doch so\neigentümlich weiche Klanggepräge des Männerchors und\nformte aus ihm echt künstlerische Gebilde.\n* Dagegen halfen J. C. F. Schneider's Män-\nner-Quartette und Chöre namentlich jene Zeit mit vor-\nbereiten, die sich nur mit dem Reiz der Mehrstimmigkeit\nbegnügte, auf alles Uebrige Verzicht leistend. Die Melo-\ndieen Schneider's, wohlgebildet, aber reizlos, haben viel\nzur Ertödtung des Sinnes für eine inhaltreiche Melodik bei-\ngetragen. An ihnen zu allermeist gewöhnte sich das Ohr,\n»darauf zu verzichten und sich durch den Reiz unterschie-\ndener Klang-EfFecte den Mangel ersetzen zu lassen, Die\ngesammte Männerlieder-Literatur schlägt jetzt mit wenig\nAusnahmen jene Richtung ein, welche das Lied für Män-\nnerchor als gesungene Instrumentalmusik erscheinen lässt,\nund die leider bis heute die herrschende geblieben ist.\n„Die Melodieen Kreutzer's sind phrasenhaft zer-\nstückelt und nur sinnlich wirksam, und die Harmonik und\nRhythmik seiner Lieder folgt dem gleichen Zuge. Diese ist\nso bunt, als möglich, und nirgends von der gestaltenden\nKraft, wie sie selbst im volkstümlichen Liede noch lebt,\nund jene verlässl vielfach, auch in den einfachsten Liedern,\nden ursprünglichen natürlichen Gang, sie folgt überall nur\ndem Bestreben, klangreich, sinnlich reizvoll zu sein. Hierauf\neinzig und allein beruht die scheinbare Volkstümlichkeit\ndieser Lieder. Das Volk hatte bereits schon aufgegeben,\njene höheren Mächte musicalischer Darstellung zu fordern;\nes begnügte sich mit dem sinnlichen Klange. Es ergötzt\nsich am Genüsse dieser klangvollen Lieder, aber sie selbst\nzu singen vermag es schon nicht mehr. Darum darf man\ndie Männergesang-Vereine, nachdem sie diesem Zuge ein-\nseitig lolgten, nicht mehr als Pflanzstätten des volkstüm-\nlichen Gesanges betrachten. Sie fröhnen selbst nicht mehr\nder ganz allgemeinen Gesanges-, sondern der noch nie-\ndrigeren Klangeslust.\n„Zwei Künstler noch versuchten, dem Männergesange\neine andere Richtung zu geben, indem sie aus echt deut-\nschem Gemüthe und in festem Anschluss an das Kunstlied\nheraus volkstümlich sangen: Karl Löwe und Felix\nMendelssohn-Bartholdy, aber erfolglos.\n„Die Männergesang-Vereine wurden jetzt die rechte\nHeimat des Dilettantismus, aber nicht jenes durchaus ehren-\nwerten, der, als nothwendiges Product einer gesunden\nKunstentwicklung, lief im Herzen des Volkes wurzelt, weil\ner sich mit liebevoller Hingebung in energischer, folge-\nrichtiger Kunstübung die volkstümlichen musicalischen\nDarstellungsmittel anzueignen strebt, sondern jenes Dilet-\ntantismus, der nur im müssiggängerischen Naschen Befrie-\ndigung findet. Alles, was nur irgendwie auf den anderen\nGebieten der Tonkunst im Volke Glück macht: Instrumen-\ntalsachen, wie die Ouvertüre zur Zauberllöte, Polka's und\nWal zer, ja, Opern, Ensemblesätze und Finale s, werden\nfür Männerchor arrangirt, und die Tenöre übernehmen\nganz ernsthaft die Ausführung der Frauen-Partieen, un-\ngenirt durch den Blödsinn, der in solchem Verfahren liegt.\nDie Literatur des Männergesanges kommt fast ausschliess-\nlich in die Hände jenes Musik-Proletariats, das weder an\nder Kunst noch an dem Volksgesange gross gezogen, vom\nKunslgesange einige Phrasen, und nicht einmal die klang-\nvollsten, aber immer die bedeutungslosesten entlehnt und\nhiermit den gesammten Bedarf der Männergesang-Vereine\nbestreitet. Der letzte Rest künstlerischer Gestaltung musste\nschwinden, als in den „ „Burschen- und Gesellenfahrten\"\n„„Der Mordgrundbruck\"\" und den verwandten Erzeug-\nnissen August Schäffer's und Max Kunz' jene mittel-\nalterliche Lanzknechtslaune herrschend wurde, die in ihrer\nneuen Auflage geradezu widerwärtig ist, weil sie überall\nda raffinirt roh werden musste, wo jene noch naturwüch-\nsig realistisch derb ist. Vergebens waren Friedrich Sil-\ncher, Ludwig Erk und Wilhelm Greef bemüht, das\nVolkslied wieder einzubürgern. Die Männergesang-Vereine\nverfolgten jene Richtung mit einem Eifer, dass ihnen Con-\nradin Kreutzer und Karl Zöllner mit ihren Phrasen\nund Instrumental-EfFecten gar bald zu Classikern wurden\nund dass nur an hohen Sonn- und Festtagen der Lieder-\ntafeln auch einige der überschwenglich sentimentalen Lie-\nder von Jul. Otto, Abt, Becker und Mo h ring, oder\ngar eines der gesunderen von Reissiger, Heinrich\nMarschner und Ferdinand Hiller ihre Programme\nziert. Wohl regte t'ich auch in diesen Vereinen noch ab\nund zu das Verlangen nach wirklichem Gesänge, allein die-\nsem konnte der vierstimmige Männerchor nur in jener po-\nlyphonen Weise Bernhard Klein's und Mendels-\nsohn's Rechnung tragen: ihr aber waren jene Vereine\nlängst entfremdet, und so entstand das schmachvollste Er-\nzeugniss dieser ganzen Richtung, das Lied mit Brumm-\nstimmen. Während eine Stimme, in der Regel der erste\nTenor oder ein Bariton, eine immer im echten Bänkelsän-\nger-Stil gehaltene Melodie ausführt, erniedrigen sich die\nanderen zur Ausführung einer halbstummen Begleitung,\nin einer Weise, welche die allgemeinsten Regeln des An-\nstandes verbieten. Es ist dies allerdings die letzte Conse-\n\n[•l"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.4", "texte": "quenz der ganzen Richtung. Weiter sind die Experimente\nmit dem rein sinnlichen Material kaum zu treiben; wenn\nes nicht etwa noch einer unternimmt, auch der Solostimme\ndas Wort zu entziehen und ein Lied ganz brummen zu\nlassen.\n„Mehr noch, als die ungenügende und meist verkehrte\nGesangsbildnng unserer Jugend in den Schulen, tragen die\nMännergesang-Vereine zu dem immer Fühlbarer werden-\nden Mangel an Tenorsängern bei.\n„Die durch die Zusammensetzung des Männerchors\nbedingte Scheidung des Tenors macht die Theilung seines\nohnehin nicht bedeutenden Umfangs nöthig. Die höhere\nHälfte fällt dem ersten, die tiefere dem zweiten Tenor zu.\nDie Töne des Stimmbruchs werden somit zur Gränze für\nbeide Stimmen, und die dadurch verursachte häufige Ver-\nwendung derselben muss ungeschulte Stimmen früh ruini-\nren, um so eher, als ihnen der Gebrauch des ganzen Um-\nfangs, der ihnen die nöthigen Ruhepunkte böte, versagt\nist. Dazu kommt noch, dass die Reschränkung auf einen\nso geringen Umfang ermüdend und abspannend auch auf\ngeschulte Sänger wirkt, und dass die den Gesang beglei-\ntenden geselligen Freuden der Stimme nichts weniger als\nförderlich sind.\n„Von wirklich volkstümlichen Liedern, die eine Seite\ndes allgemeinen Volksempfindens in noch künstlerischer\nForm darstellen, und die zum Theil durch jene Vereine\nweitere Verbreitung fanden, tragen wir noch nach; Graun's\n„„Auferstehen, ja, auferstehen\"\"; „„Wie sie so sanft\nruh'n\"\" von Friedrich Rurchard Reneken (geb. am 13.\nAugust 1760, gest. am 22. September 1822 als Pastor\nzu Wülfingshausen bei Hannover); „„Der alte Rarba-\nrossa\"\" von Joseph Gersbach (geb. am 22. December\n1787 zu Säckingen bei Mannheim, gest. am 3. December\n1830 als Musiklehrer des Schullehrer-Seminars in Karls-\nruhe); „ „Die Lorelei\"\" von Friedrich Silcher und wohl\nauch noch „ „Auf, Matrosen, die Anker gelichtet\"\" von\nAugust Pohlenz (zu Saalgast 1795 geboren und am 10.\nMärz 1843 als Musik-Director in Leipzig gestorben). Fer-\nner G. Reichardt's (geb bei Demmin in Vorpommern am\n13. November 1797) „„Was ist des Deutschen Vater-\nland?\" \" „ „Ich bin ein Preusse, kennt ihr meine Farben?\"\"\nvon August Neithardt; und „ „Wer ist der Ritter hochge-\nehrt?\"\", und „„Im Herbst da muss man trinken4\" von\nHeinrich Marschner.\"\nDass in dem zweiten Ruche die Charakteristiken von\nMozart, Reethoven, Weber, dann besonders ausführlich\nvon Schubert, Mendelssohn, Schumann als Lieder-Compo-\nnisten den meisten Raum einnehmen und die meiste Theil-\nnahme erregen, haben wir schon im vorigen Artikel er-\nwähnt. Ueberall hält sich der Verfasser auf lobenswerthe\nWeise-fern von Ueberschwenglichkeit und Phrasenmache-\nrei; er geht der Sache auf den Kern und bewahrt sich\nüberall den freien Rlick, der ihn bei aller Hochhaltung je-\nner Meisler doch nicht blind für ihre schwächeren Seiten\nmacht, was selbst bei der Schilderung Schumann's, den\ner am höchsten stellt, so wenig der Fall ist, dass er in den\nspäteren Liederheften (z. R. Lieder-Album für die Jugend,\nOp. 79, und namentlich in Op. 98, Lieder und Gesänge\naus Wilhelm Meister) noch weit schärfer, als dies früher\nin dieser Zeitung geschehen, den Mangel an Formschön-\nheit und die Herrschaft der Phantasie und der Combina-\ntionslust über die Technik rügt.\nDas dritte Ruch verfolgt das deutsche Lied in seinen\nweiteren kunstgeschichtlichen Reziehungen (S. 235—290).\nDas erste Capitel bespricht die Einwirkung des Lyrischen\nauf das Epische—die Romanze und Rallade; das zweite\nden Einfluss des Liedes auf die übrigen Vocalformen, auf\nOper und Oratorium; das dritte den Einfluss desselben\nauf die Entwicklung der Instrumental-Musik.\nAuch diese Capitel enthalten manches Anziehende;\ndoch gibt der Verfasser hier mehr Allgemeines, mehr\nWinke und Apergu's, als Ausführungen. Wir können\nhier nicht so vollständig, wie früher, mit ihm übereinstim-\nmen, wenn er z. R. Job. K. Gott fr. Löwe für den Schö-\npfer des eigentlichen musicalischen Ralladen-Stils-'erklärt,\nden Zumsteeg, Reichardt, Zelter und selbst Franz\nSchubert zwar gesucht, aber nicht gefunden haben, und\nden dann wieder Schumann, wie Alles nach des Ver-\nfassers Meinung, vervollkommnet hat. Doch müssen wir er-\nwähnen, dass er die letzten Umarbeitungen Uhland'scher\nRailaden nicht billigt und die ernstesten Zweifel nicht zu\nunterdrücken vermag, „ob es gerathen sei, den gefesteten\nRau der Rallade aus ihren Fugen zu treiben, und ob es\nkünstlerisch gerechtfertigt sei (Gewiss nicht!), ein episch-\nlyrisches Gedicht ohne Weiteres wie ein episch-dramati-\nsches zu behandeln oder für eine derartige fiehandlung\numzuarbeiten\". Auch die melodramatische Rehandlung der\nRallade in Schumann's Op. 122 scheint ihm künstlerisch\nnicht gerechtfertigt; aber dass diese Rehandlung die letzte\nnothwendige Consequenz der Lehre vom musicalischen\nWortausdruck, von der Herrschaft des Wortes im Drama-\ntischen sei, das scheint ihm entgangen zu sein.\nIn dem Capitel über die Gewalt des Liedes auf Oper\nund Oratorium konnte freilich die „Genoveva\" nicht als\nder Culminationspunkt der Oper betrachtet werden; da-\ngegen aber bezeichnet der Verfasser „Paradies und Peri\"\nals „das grösste und erste Product der neuen, in ihrem\nGange durch die Lyrik bestimmten Zeit\". Wenn er nach-\nher sagt, Schumann hätte in diesem Werke auch für das\nOratorium „den Weg vorgezeichnet\", und „von allen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.5", "texte": "Lebenden dürfte gegenwärtig Ferdinand Hiiler den-\nselben Weg am entschiedensten verfolgen\", so dürfte Mil-\nler selbst sehr bedeutend den Kopf dazu schütteln.\nDagegen unterschreiben wir wiederum völlig, wenn\nder Verfasser behauptet, dass nach Beethoven der Einlluss\ndes Liedes auf die grösseren Vocalformen mehr zersetzend\nals fördernd eingewirkt habe. Was er in dieser Beziehung\nüber Spohr und Weber, Meyerbeer und Wagner sagt,\nhat Hand und Fuss, so kurz es auch ist.\nMögen zum Schluss dieser Anzeige des sehr lesens-\nwerthen Buches die Aeusserungen über Wagner und Liszt\nstehen (S. 270 und 271).\n„Wagner tbut nach dieser Richtung wohl den letzten\nSchritt, und so müssen wir auch seiner hier noch mit eini-\ngen Worten gedenken. So sehr auch seine Anhänger das\nGegentheil versichern, in dem Streben, das musicalische\nDrama nur für die äussere Schaustellung zu schaffen, ist\nauch er dem Banne der grossen französischen Oper, gegen\nwelche er sich ursprünglich auflehnt, verfallen.\n„Noch mehr wie Meyerbeer ist er auf die blosse\nWirkung durch das sinnliche Material verwiesen, weil er\nMelodie und Rhythmus vollständig dem Wortausdruck\nopfert. Er beschränkt sich nur auf jene die Sprach-Accente\nhöchstens bis zum Recitativ steigernde Weise des Gesan-\nges, und das Wort erfährt allerdings dadurch eine Stei-\ngerung und Bedeutsamkeit, welche die blosse Recitation\nihr nicht geben kann, allein die ganze Musik ist dem Drama\ndoch auch nur äusserlich angehängt, wie dem Melodrama.\nGrössere Bedeutung kann sie in solcher Beschränkung auf\nihr niedrigstes Ausdrucks-Vermögen nicht erreichen.\n„Auch Liszt hat seinem Liederstil eine objective Fas-\nsung in symphonischen Dichtungen und in Messen und\nPsalmen zu geben versucht. Jener gedenken wir noch im\nnächsten Capitel; diese, die Messen und Psalmen, entspre-\nchen ganz dem bezeichneten Standpunkte. Ueberall be-\ngegnet uns ein feines Denken und Empfinden, das nach\nungewöhnlichem Ausdruck ringt, ohne diesen anders als\ndurch die vollständigste Auflösung des gesammten künst-\nlerischen Organismus erreichen zu können. Liszt wird in\nseinen Messen sogar auf contrapunktische Formen geführt,\nund er hat dadurch selbst jene Contrapunktisten und Theo-\nretiker gewonnen, welche überall nur das Handwerk ver-\nehren. Wir sind der Meinung, dass die canonischen For-\nmen von der freien Nachahmung bis zu der strengsten Mu-\nsterfuge nur Bedeutung gewinnen in ihrer durch Jahrhun-\nderte herausgebildeten Gestalt. Nur indem Thema und\nGefährte sich in einander fügen wie bei Bach, als im\nReim verbundene Verszeilen, und die dialektische Entwick-\nlung diesem Zuge folgt, erlangt die Fuge die Bedeutung\nder höchsten künstlerischen Form. Irgend ein Thema im\nQuinten- oder Quarten-Cirkel oder in anderen Intervallen-\nVerhältnissen willkürlich oder nach ausserhalb des natür-\nlichen Materials liegenden Principien einer Idee an die\nverschiedenen Stimmen zu vertheilen, entspricht doch dem\nWesen dieser Formen nur ganz oberflächlich, kaum ganz\nhandwerksmässig.\n\nAus Kassel.\n[Die Oper Die Concerte des Hof-Orchesters]\nDen ]. MKrz 1862.\nSchon im vorigen Jahre verfehlte ich nicht, Ihnen die\nVersicherung zu geben, dass bisher die traurige politische\nLage Hessens nur geringen Einlluss auf die Pflege und\nAusübung der edlen Tonkunst ausgeübt habe. Unser Thea-\nter, besonders aber die Oper, steht, abgesehen von einer\ngewissen Rücksicht bei Aufstellung des Repertoires, in\nvoller Blüthe; das Schauspiel hat freilich einen eng be-\ngränzten Wirkungskreis, da Stücke wie Egmont, Wilhelm\nTeil, Macbeth, Fiesko, Cabale und Liebe u. s. w. aus po-\nlitischen, andere wie Narciss, Anne Lise, Philippine Wel-\nser u. s. w. aus delicaten Gründen nach oben hin Anstoss\nerregen und daher niemals auf das Repertoire kommen.\nBei der Oper hat man sich begnügt, Angesichts der ita-\niiänischen Ereignisse die Stumme von Portici zu verban-\nnen, während man nach wie vor Rossini's „Teil\" ohne\nAnstoss über die Breiter schreiten lässt.\nDass unser Opern-Repertoire seit Beginn der Saison\nein im Ganzen gediegenes ist, mag Ihnen die Aufzählung\nder einzelnen Werke beweisen, die bis jetzt gegeben wor-\nden sind.\nMozart: Don Juan (3 Mal), Zauberflöte, Figaro's\nHochzeit, Entführung, neu einstudirt (3 Mal).\nBeethoven: Fidelio, neu einstudirt (3 Mal).\nWeber: Freischütz (2 Mal).\nKreutzer: Nachtlager in Granada.\nM£hul: Joseph in Aegypten (3 Mal).\nCherubini: Wasserträger.\nMaurer, L.: Aloyse, neu einstudirt (2 Mal).\nMarschner: Templer und Jüdin (2 Mal).\nLortzing: Czaar und Zimmermann, Undine.\nNicolai: Die lustigen Weiber von Windsor.\nWagner: Tannhäuser.\nFlotow: AI. Stradella, Martha.\nHalevy: Die Jüdin (2 Mal).\nMeyerbeer: Robert der Teufel (2 Mal), Hugenotten\n(3 Mal).\nAuber: Des Teufels Antheil, neu einstudirt (3 Mal).\nAdam: Der Brauer von Preston, neu einstudirt)."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.6", "texte": "Kossini: Barbier von Sevilla, Teil (2 Mal).\nBellini: Die Nachtwandlerin.\nDonizetti: Begimentstochter, Lucrezia (2 Mal), ßeli-\n»sar, Lucia.\nBeiss: Otto der Schütz, neu (3 Mal).\nOpfenbach: Orpheus in der Unterwelt, neu (5 Mal).\nIn den nächsten Wochen wird auch Spohr's Jessonda\nnach fast dreijähriger Buhe, sodann Marschner's Hans Hei-\nling wieder in Scene gehen. — Was die Aufführung der\nMehrzahl obiger Opern betrifft, so darf dieselbe als eine\nsorgfältige, bei einigen derselben aber, z. B. Zauberflöte,\nFigaro's Hochzeit, Fidelio, Joseph, Undine, als eine vor-\nzügliche gelten, da in derselben Besetzung und Ensemble\ngleich trefflich sind. In Bezug auf das Personal kann ich\nnur meine frühere Ansicht bekräftigen, dass das Ehepaar\nBübsamen die grösste Zierde desselben ist. Frau Bübsa-\nmen, durch mütterliche Pflichten seit drei Monaten von der\nBühne fern gehalten, wird demnächst zur Freude des Pu-\nblicums, welches ihrem Wiederauftreten mit Ungeduld\nentgegensieht, als Susanne wieder erscheinen. Von neuen\nErwerbungen für die Oper nenne ich vorzugsweise die\ndramatische Sängerin Frau Kapp-Young, welche im Be-\nsitze einer sehr umfangreichen, aber nicht in allen Lagen\ngleich sympathischen Stimme ist. Die talentvolle Dame,\nobgleich nicht mehr in erster Jugendblüthe, begann erst\nim vorigen Jahre ihre dramatische Laufbahn, und hat im\nLaufe dieser Saison in rascher Folge Pai tieen wie Donna\nAnna, Fidelio, Valentine, Elisabeth u. s. w. studirt und mit\nbestem Erfolge gesungen. Besonders überraschte sie allge-\nmein durch ihren Fidelio. Einen nicht minder schätzens-\nwerthen Gewinn hat unsere Oper in dem neuen Spiel-Te-\nnor Herrn Baumann von Frankfurt gemacht. Derselbe ist\ndurch und durch musicalisch gebildet, ein trefflicher, viel-\nleicht etwas zu lebhafter Darsteller, und als Mitglied der\nOper bereits eben so unentbehrlich als beliebt geworden.\nDie übrigen Mitglieder sind noch die alten, und darf ich\nmich daher einer wiederholten Aufzählung ihrer schätzens-\nwerthen Eigenschalten enthalten, und somit zu den Con-\ncerten, deren bereits vier Statt gefunden haben, übergehen.\nDas erste Abonnements-Concert betreffend, fühle ich\nmich vor Aiiem gedrungen, den ehrenvollen Erfolg zu be-\nstätigen, dessen sich Herr Hermann Levi aus Mannheim\nals talentvoller Componist und gediegener Pianist durch\nden Vortrag seines Concertes für Pianoforte und Orchester\nzu erfreuen hatte. Kann man auch in dem fraglichen Cla-\nvier-Concerte Mendelssohn'sche und Schumann'sche Ein-\nflüsse nicht verkennen, so lässt sich doch die Selbstständie-\nkeit des Componisten durchaus nicht wegläugnen, und ver-\ndient namentlich die treffliche Instrumentation des Werkes\ndie grösste Anerkennung, so wie die Factur im Allgemei-\nnen als eine durchaus gediegene bezeichnet werden muss.\nDass der junge Violinist Isidor Lotti aus Warschau einen\nnoch glänzenderen Erfolg erzielte, bedarf wohl kaum noch\neiner Versicherung; denn wo hat eine so fabelhafte Tech-\nnik, gepaart mit so schönem Tone, nicht bereits Aufsehen\nerregt? Er spielte das Concert in E-dur (erster Satz) von\nVieuxtemps und das Perpetuum mobile von Paganini.\nIm zweiten Abonnements-Concerte war es vor Allen\nHans von Bülow, der das allgemeinste Interesse für sich\nin Anspruch nahm; die Wahl der Musikstücke verdiente\nsolches aber auch nicht minder, als sein treffliches, geist-\nvolles Spiel. Imponirte er im Henselt'schen Concerte (F-\n--moll) mehr durch Technik und Ausdauer, so waren es in\nBeethoven's Sonate Op. 110 die ruhige Klarheit des Vor-\ntrags und die Tiefe der Auffassung, welche das complicirte\nWerk dem Publicum rasch zugänglich machten, die Mu-\nsikfreunde der verschiedensten Richtungen aber sofort für\nden Künstler einnahmen. Die Liszt'sche Phantasie („über\nungarische Melodieen\" für Pianoforte und Orchester\nManuscript), welche auf Bravour berechnet ist und sich\ndurch eine höchst farbenreiche Instrumentation auszeich-\nnet, konnte durch einen Interpreten wie Hans von Bülow\neine schlagende Wirkung auf das Auditorium kaum ver-\nfehlen. Der Concert-Flügel vonßechstein in Berlin zeich-\nnete sich durch Kraft und Fülle des Tones vor manchen\nin den letzten Jahren hier gehörten Instrumenten aus.\nDas dritte Concert brachte uns einen alten, hier im-\nmer gern gesehenen Gast, Alfred Jaell, der auch dieses\nMal wieder die freundlichste Aufnahme fand. Sein Vortrag\ndes Spohr'schen Quintetts in C'-moll (Pianoforte, Flöte,\nClarinette, Horn und Fagott) war eben so nobel als tech-\nnisch vollendet; er wurde von den ersten Mitgliedern der\nHofcapelle dabei auf das glücklichste unterstützt. In dem-\nselben Concerte spielte Herr Wipplinger das zwar schon\noft, aber immer gern wieder gehörte Mendelssohn'sche\nViolin-Concert, und zwar in so gediegener Weise und mit\nso gutem Erfolge, dass wenige Tage darauf seine Ernen-\nnung zum Concertmeister erfolgte.\nIm vierten Abonnements-Concerte führten zwei ein-\nheimische Künstler die Instrumental-Vorträge aus, nämlich\nHerr Concertmeister Graff und Herr Knoop. Ersterer,\nein Schüler von Vieuxtemps, besitzt eine respectable Tech-\nnik und grosse Eleganz des Vortrags und hat hier wieder-\nholt durch den Vortrag Vieuxtemps'scher und Beriot'scher\nCompositionen vielen Beifall geärntet. Weniger glücklich\nwar er jedoch mit dem Beethoven'schen Violin-Concerte,\nzu dessen Bewältigung ihm nicht sowohl Grösse des Tones\nals Tiefe der Auffassung, so wie vor Allem die technische\nBeherrschung der Aufgabe fehlen. Die von dem Künstler\neingelegten Cadenzen waren ein Mixtum compositum von"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.7", "texte": "Vieuxtemps, Joachim, Laub u. s. w., konnten daher nur\neinen ganz rhapsodischen Eindruck machen. Der Vortrag\nunseres ersten Violoncellisten Knoop erfreute sich der\nallgemeinsten und gerechtesten Anerkennung. Er verbin-\ndet mit einer nahezu vollendeten Technik einen grossen\nTon und eine stets natürliche, niemals hypersentimentale\nVortragsweise. ln demselben Concerte debutirte die\ngrossherzoglich hessische Hof-Opernsängerin Fräul. Kri-\nstinus, welche durch eine sonore und umfangreiche Alt-\nstimme und treffliche Gesangsbildung Aufsehen erregte.\nSie wurde wiederholt und stürmisch gerufen und dürfte\nfür unsere Oper, zumal das Fach einer Altistin dermalen\ngänzlich verwais't ist, eine treffliche Acquisition werden.\nInteressant war in demselben Concerte auch die gute Aus-\nführung des reizenden Finale's des ersten Actes von Mo-\nzart's Cosi fan iutie. Zum dritten Concerte muss ich\nnoch nachtragen, dass Cherub in Ts lieblicher Chor aus\n„Blanche de Provenceu eine besonders freundliche Auf-\nnahme land, so wie überhaupt unter der Leitung des an\nStelle des abgegangenen Musik-Directors Weidt berufenen\nMusik-Directors llempel die Leistungen unseres Chors\nan Präcision wie an Nuancirung ungemein gewonnen ha-\nben, was auch von dem Publicum bei jeder passenden\nGelegenheit anerkannt wird. In demselben Concerte trug\nder Hoftheater-Chor auch zwei von Schumann's „Lie-\ndern im Volkstöne\" vor.\nUeber die Orchester-Leistungen im Allgemeinen\nkann ich nur sagen, dass sie denjenigen der letzten Jahre\nin keiner Weise nachstanden und Vorbereitung wie Aus-\nführung derselben gleich sorgfältig waren. Herr Hof-Ca-\npellmeister Karl Reiss hat sich um das Concert-Institut\ngrosse Verdienste erworben, die um so höher zu schätzen\nsein dürften, als es keineswegs überall der Fall ist, dass\ndie Opern-Dirigenten eben so viel Mühe und Sorgfalt auf\ndie Concerte verwenden, als auf das Theater. Wie sehr\nseine Oper: „Otto der Schütz\", hier gefallen und bei\njeder Aufführung wärmeren Applaus gefunden, habe ich\nIhnen schon früher berichtet.\nUnter den Ouvertüren („Die Hebriden\" von Men-\ndelssohn, zum „Vampyr\" von Marschner, zu den\n„Abencerragen* von Cherubini) fand eine neue in D-\ndur von August Walter grosse Anerkennung. Von\nSinfonieen hörten wir die von F. Schubert in C-dur,\nvon Beethoven Nr. 8, von Niels W. Gade Nr. 4 (B~\ndur) und von Bob. Schumann Nr. 2 (C-dur). Die letzt-\ngenannte sprach an, wiewohl die wenigsten von den Zu-\nhörern nach einmaligem Hören volles Verständniss des\nWerkes gewonnen haben dürften.\nIm nächsten Concerte werden wir Ferdinand Laub\nzum ersten Male hier hören, und freut man sich allgemein\nauf die nähere Bekanntschaft dieses Irefl lichen Künstlers.\nAuch die hiesige Liedertafel hat durch Aufführung der\nbei dem vorjährigen deutschen Sängerfeste in Nürnberg\nexeculirten Chöre ein rühmliches Zeugniss von dem Stre-\nben und der Tüchtigkeit ihres Dirigenten, des Hof-Orga-\nnisten Schuppert, abgelegt.\nIn der Oper trat als Gast die schwedische Hofsängerin\nFrau Mi c h aI-Mi ch a el i zwei Mal (als Königin der Nacht\nund als 1V1 a rga reib e in den „Hugenotten\") mit grossem\nßeil'alle auf. Die Stimme ist zwar nicht mehr in erster\nJugendfrische und besonders in der Mittellage sehr dünn,\nSchule, Coloratur und Triller sind jedoch tadellos.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nüiöln. Das Comite für das an den Pfingsttagen hier zu feiernde\nniederrheinische Musikfest hat folgende Werke zur Auffüh-\nrung bestimmt:\nAm ersten Tage: rSalomona, Oratorium von Händel,\nnach der Original-Partitur und mit der O rgel-Begleitung,\nwelcbe Mendelssohn für die Aufführung im Jahre 1835, die eben-\nfalls in Köln Statt fand, geschrieben bat.\nAm zweiten Tage: Ouvertüre und Scenen aus Gluck1»\n„Iphigenie in Aulis*4. Sanctus und Osanna aus der H-moll-\nMesse von Job. Seb. Bach. Sinfonie Nr. IX mit Chor von\nBeethoven.\nAm dritten Tage: Sinfonie von J. Haydn ..Hymne\nan die Nacht\" für Soli, Chor und Orchester von Ferdinand Hil-\nler. Ouvertüre zu „lluy Blas\" von Mendelssohn. Ver-\nschiedene Sologesang-Vorträge.\nDie Solo-Partieen haben übernommen: Frau Louise Dust-\nmann-Meyer aus Wien (Sopran); Fräulein Francisca Schreck\naus Bonn (Alt); die Herren Schnorr von Karolsfeld aus Dres-\nden (Tenor) und Becker aus Darmstadt (Bass).\nDirigent der Fest-Aufführungen : Capellmeister Ferd. Hiller.\nAnführer des Orchesters: die Concertmeister J. Grunwald und\nO. von Königslöw.\nFrau Schumann ist der Einladung, nach Paris zu kommen\nund dort Concerte zu geben, gefolgt und ist dahin abgereist. Das\nEtablissement Erard hat die Arrangements übernommen; der Saal\nist bereits für vier Concerte abonnirt.\nWiesbaden, 5. März. Zu dem grössten Bedauern der Kunst-\nfreunde in unserer Stadt und in den Naehbarstädten Mainz und\nFrankfurt hat die Wiederholung der mit so grossem Erfolg hier auf-\ngeführten Oper „Die Katakomben\" von Ferd. Hiller noch\nnicht Statt finden können, da Herr Schulz, welcher die Partie de«\nrömischen Präfecten singt, durch Krankheit am Auftreten verhindert\nist. So musste die zweite Aufführung schon vor acht Tagen auf\nmorgen Donnerstag den (>. d. Mts verschoben werden, kann jedoch\nnicht Statt finden, da der genannte Sänger noch nicht ganz wieder\nhergestellt ist. Es muss sich denn das Publicum bis Mittwoch\nden 12. gedulden, wo die Oper gegeben werden wird. Die Wieder-\nholung wird für diejenigen, welche der ersten Aufführung beige-\nwohnt haben, noch ein besonderes Interesse dadurch gewinnen, das*\nder Componist dem Vernehmen nach einige Kürzungen vorgenommen\nund im letzten Acte eine neue Scene (Duett zwischen Frau Deels\n[Clythia] und Herrn Schneider [Luciua]; eingelegt hat."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620308-01.1.8", "texte": "Der „Volksfreund\" schreibt über die Concerte der Frau Schu-\nmann in Frankfurt am Main: »Das Ciavierspiel der Frau Clara\nSchumann ist, wie ihr Auftreten, gross und edel. Wir dürfen füglich\nunterlassen, bei dieser Künstlerin in Einzelheiten einzugehen. Der\nEindruck, welchen ihre Vorträge machten, war hinreissend, bewälti-\ngend. Das Ä-moll-Concert von R. Schumann durchzieht, wie bei-\nnahe alle Werke des zu früh dahingeschiedenen Gatten, der Faden\ntiefer Melancholie. Es ist ein imposantes Tonwerk und wurde von\nder geistvollen Spielerin als solches vorgeführt. Das Concert, so\nwie ihr Notturno und Impromptu von Chopin und die D-moll-Qa-\nvotte von J. S. Bach erregten wahre Stürme des Beifalls, und das\nauf wiederholten Hervorruf von der Meisterin gespielte Spinnerlied\nvon Mendelssohn versetzte das Auditorium in wahrhaften Enthusias-\nmus, und es gewährt in der That in unserer kunsttrockenen Zeit\neine erhebende Freude, einem so echt poetischen Künstler-Gemüthe\nzu begegnen.\"\n(Ein bisher unbekanntes Violin-Quartett in B-dur\nvon Franz Schubert.) In dem dritten Quartett-Cirkel von Hell-\nmesberger und Genossen in Wien ist dieses Quartett gespielt wor-\nden. Die „Wiener Zeitung\" sagt; „Wie wir hören, soll dieses Quar-\ntett bereits vor mehreren Jahren von Herrn Spina, in dessen Be-\nsitzthum sich dasselbe befindet, Herrn Professor Hellmesberger über-\ngeben worden sein. Wie es nun möglich wurde, dass Herr Professor\nHellmesberger dieses Werk bis jetzt in seinem Notenschranke ver-\nschlossen hielt, ist etwas schwer zu begreifen. Dass er sich um das-\nselbe gar nicht sollte gekümmert haben, ist ihm wohl nicht zuzu-\nmuthen; wurde es aber ein einziges Mal von ihm und seinen Herren\nCommilitonen gespielt, so konnte man doch über seinen Werth keinen\nAugenblick zweifelhaft sein; gleichwohl muss dies der Fall gewesen\nsein, da man mit der Aufführung bis heute zögerte, was aber frei-\nlich einen wunderliehen Kunstgeschmack voraussetzt, besonders wenn\nman sich so mancher Novitäten erinnert, welchen dadurch factisch\nder Vorzug vor dem Schubert'schen Manuscript eingeräumt wurde.\nUnd es ist dies ein so reizendes, liebenswürdiges, in allen Theilen\nlebensvolles, dabei so einheitsvoll concipirtes, musicalisch streng or-\nganisch, sogar ungewöhnlich knapp gegliedertes Werk, dass wir (und\ndas Publicum nicht minder) auf das freudigste davon überrascht\nwaren. Es gehört zwar keineswegs in die Reihe der tieferen, den\nGenius Schubert1 s so ganz einzig aussprechenden Werke, wie z. B.\ndas (7-cZwr-Quintett, aber wir möchten es nicht missen, und an\nPrägnanz der Erfindung isrt es dem jüngst gehörten Octett des un-\nerschöpflichen Meisters bei Weitem überlegen. Wie schon angedeu-\ntet, wurde das Werk mit Enthusiasmus aufgenommen und hat also\nAussicht, demnächst in entsprechender Form der Nachwelt überge-\nben zu werden.\" Die „Deutsche Musik-Zeitung\" berichtet: „Es\nkam ein bisher unbekannt gebliebenes und ungedrucktes Streich-\nQuartett in B von Fr. Schubert zur Aufführung, welches sofort den\nlebhaftesten Beifall errang. Namentlich entzückte uns darin das\nAdagio in G-moll und das höchst eigentümliche lebhafte Finale;\nauch das Scherzo, welches jedoch aus einem anderweitigen Fragment\nan die Stelle des ursprünglichen, wie man uns mittheilt, allzu „länd-\nlerartigen\" Menuets eingeschoben wurde, ist ein sehr wirksames\nStück und musste wiederholt werden. Wir hoffen, da nunmehr die-\nses Quartett in Druck erscheinen wird, demnächst darauf zurück-\nzukommen.\"\nRotterdam, 26. Februar. Im Foyer-Saale des Theaters sind\nin diesem Winter Quartett-Abende für Streich-Instrumente von\nden Mitgliedern des Orchesters veranstaltet worden. Die Leitung\nderselben hatte der erste Violinist, Herr Rappoldi, übernommen.\nDie Kritik, wie verschiedenartig sie sich über andere Leistungen un-\nserer Künstler geäussert haben mag, bat diese Quartette einstimmig\ngelobt. Nicht nur die Berichterstatter hiesiger Zeitungen erkannten\ndie Vorzüglichkeit derselben an, sondern auch das einzige holländi-\nsehe Ehren-Mitglied der berliner Akademie der Künste, der bekannte\nGründer der Maatschappy tot Bevor der ing der Toonkunst, Herr\nYermeulen, äusserte sich wiederholt, dass in einer Reihe von\nJahren so vollendete Ausführungen classischer Kammermusik hier\nnicht gehört worden sind. Es wird mit Recht allen vier Instrumen-\ntalisten wegen des vortrefflichen Zusammenspiels und der feinen\nSchattirung des Vortrags Beifall gespendet, am reichlichsten jedoch\ndem Herrn Rappoldi. Die Freunde classischer Musik waren über\ndiesen unverhofften Genuss sehr erfreut, und es steht zu erwarten,\ndass auch andere niederländische Städte diese Künstler zu Pro-\nductionen einladen werden,\n\nF. W."}]}