{"numero_id": "bm-bmtnabi-1862-03-15-01", "volume": "bmtnabi_1862-03-15_01", "ocr_sha256": "0a3d0f9732b8b61bcbcd2703a49add358391f30f085a8d478d47bed5e08aca24", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1862/03/15_01/bmtnabi_1862-03-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1862-03-15-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-03-15_01#c001", "volume": "bmtnabi_1862-03-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "81", "page_fin": "81", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt.", "titre_sommaire": "Inhalt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 359, "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Die Königin von Saba, Oper in vier Acten von CarnS und Barbier, Musik von Charles Gounod). 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Dennoch ist\nalles Monströse und Unsinnige, was wir in dem letzten\nJahrzehend im „Ewigen Juden\", „Jüngsten Gericht\",\n„Blutige Nonne\", „Herkulanum\" u. s. w. gesehen haben,\nnichts im Vergleich zu dem Ungeheuerlichen, Widersinni-\ngen, Ungeschickten und kolossal Langweiligen, was diese\nKönigin von Saba auf die Bretter bringt, welche einem\nGluck und Spontini einst zum Gestell ihres Ruhmes dien-\nten. Dieses Mal ist es denn doch auch den Franzosen selbst\nzu toll, und kein einziges Blatt wagt es, auch nur den lei-\nsesten Versuch zu einer Vertheidigung des Buches zu ma-\nchen. Und leider, oder vielmehr glücklicher Wreise, ist\nauch die Musik nicht im Stande, das Drama (!) auf ihren\nFlügeln empor zu heben; ich sage, glücklicher Weise,\nweil es nur der Kunst zum Verderben gereichen kann,\nwenn der Blödsinn des Textes durch die Composition in\neinen schimmernden Nebel gehüllt wird. Für diesen blauen\nDunst mögen Scenerie, Decoration und Ballet sorgen, was\ndenn auch hier in üppigster Weise Statt gefunden; aber\nes wäre eine Schande lür die Tonkunst, wenn ein so jäm-\nmerlicher Unsinn einen ihrer Priester zu wirklicher Musik\nbegeistern könnte.\nFreilich, wie es überhaupt nur möglich ist, dass ein\nComponist, und vollends ein Componist von solchem Ta-\nlent, solchem Verstand und solcher Bildung wie Gounod,\nsich entschliessen kann, die Heiligkeit seiner Aufgabe zu\nentweihen, die keusche Muse der Tonkunst zu zwingen,\nsich ihres Schmuckes zu entkleiden und einen Wechselbalg\nvon Drama damit zu behängen—das ist kaum begreiflich.\nEs beweis't leider die Entsittlichung der Künstler, ihren\nAbfall von dem Gultus des Schönen zu der Götzendienern\nder grossen Menge gegenüber, welche in dieser Beziehung\nihr Kaiser mit Hecht eine „entartete Nation\" nennen\nkönnte. Hat doch die dritte Vorstellung am Aschermitt-\nwoch zum Entsetzen der ganzen Kritik über 9000 l'rcs.\neingebracht! Will man noch besseren Beweis über den\no •\nWerth des Kunstwerkes?\nNun, setzen wir uns vor den Vorhang! Wir wissen\nschon ungefähr, was wir von dem „biblischen\" Inhalt des\nDrama's zu hallen haben, denn der Moniteur man be-\ndenke, welche Ehre, welche Protection! das officielle\nStaats-Organ, hat die Skizze desselben mehrere Tage vor-\nher „mitgetheilt\", offenbar in höherem Auftrage, dessen\nsich Herr de Rovray-Fiorentino als gewandter Schalk ent-\nledigt hat.\nDas Orchester bringt eine Einleitung zu Gehör,\nwelche ihr Motiv durch Cornets, dann durch Posaunen\nausspricht und zu einem grossen Eflect des Ganzen heran-\nwächst:— im Grunde ist es aber nur eine hübsch gemachte\nKlangwirkung, bei der in mir unwillkürlich ein sonderba-\nrer Verdacht aufstieg, der sich nachher vollkommen be-\nstätigte, der Verdacht, dass Richard Wagner nicht ver-\nv\"> \"\ngeblich in Paris gewesen sei.\nDer Vorhang geht auf. Wir befinden uns in der\nWerkstatt Adoniram's. Wer ist das? Das ist der Bau-\nmeister, Bildhauer in Marmor und Erz, Giesser, kurz, der\nMichel Angelo des Königs Salomo, der ihm den Tempel\nbaut und schmückt, und eben im Begriffe ist, das „Meer\nvon Erz\" zu giessen, „das auf zwöll Bindern stand, so\ndass alle ihre Hintertheile inwendig waren\" (I. Buch der\nKönige, Cap. 7). Aber Adoniram ist weit mehr als das,\ner stammt von „göttlichem Geschlecht\", commandu t „hun-\nderttausend Arbeiter\", hat dienstbare Geister in der Luit\nund geberdet sich aul Erden zuweilen der Alt, das>"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5192, "texte": "man—wje mjr Eingeweihte versichern —in ihm den er-\nsten Meister vom Stuhl der Loge zu Jerusalem ahnt. In\neinem recitativartigen Arioso beruft er sich auf seine gött-\nlichen Ahnen, was ihn aber nicht hindert, seinen socialisti-\nschen Zorn darüber auszusprechen, dass er einen Palast\nder Ueppigkeit und Wollust baue, und: „das nennt man\nschaffen für die Ewigkeit!\"\nDieser Gesang ist höchst gewöhnlich; er beginnt breit,\naber ohne die geringste Originalität, und dass am Ende\nzu dem Arioso-Stil des Ganzen ein Violin-Solo tritt, macht\nihn nicht besser. Nach der Opern-Schablone kommt\njetzt eine Romanze; ein Schüler (Sopran) erzählt dem Mei-\nster in zwei Couplets, dass „die Königin des Morgens\"\neinziehe und dass alles Volk und alle Arbeiter ihr entge-\ngen strömen. Die Claque intonirte Applaus für die ganz\nfarblose Melodie, die nur durch die Begleitung bei der\nzweiten Strophe etwas interessanter wird.\nJetzt treten drei Schwarze, d. b. schwarz Gekleidete,\nauf; es sind drei Arbeiter, unzufriedene pariser, ich wollte\nsagen: jerusalemer Socialisten. Sie verlangen „höheren\nLohn\"! Warum? „Weil die Menschen alle gleich sind!\"\nAdoniram rüffelt sie gehörig und lässt sie stehen. Sie\nschwören ihm Verderben. Man merke wohl dieses erha-\nbene Motiv des tragischen Ausgangs! Die ganze Scene\nkennen wir aus Meyerbeer's Propheten. Auch die Musik\nist, ohne eigentliche Reminiscenz, dennoch in den Formen\njener Scene so analog, dass ein hiesiger Kritiker sogar\nsagt: „Vielleicht lag diese Aehnlichkeit in Herrn Gounod's\nIntention!\"\nDie Scene verändert sich: prachtvolle Decoration,\nVorhalle und Giebel des Tempels, Prospect auf Jerusalem.\nPompöser Zug. Die Königin von Saba, geleitet von Sa-\nlomo, umgeben von glänzendem Hofstaate und einer Masse\nVolkes. Scene und Musik erinnern an den Marsch mit\nChor in Halevy's „Jüdin\", halten aber den Vergleich da-\nmit in musicalischer Hinsicht nicht aus.\nNun musst Du aber wissen, dass diese Carrirte und\nBarbierte Königin eine höchst unbiblische Abenteurerin,\ngenannt Balkis, ist, welche den weisen Salomo betrügt\nund sich mir nichts dir nichts in den hebräischen Michel\nAngelo verliebt und eine Revolution anzündet. Ahrist Du\nnicht die erhabene Tendenz: „Das Genie über den König!\"?\nUnd dieser Salomo, der glücklicher Weise hier Soliman\ngenannt wird, sonst würde die Authenticität der Bibel um\nalles Ansehen kommen, müsste Soliman das Schaf heissen,\nso läppisch benimmt er sich und so eine jämmerliche Rolle\nspielt er im ganzen Drama.\nDoch schreiten wir mit den Dichtern und dem Com-\nponisten weiter. Soliman schmachtet und zerschmilzt vor\nBalkis, er legt ihr sein Reich und sein Herz zu Füssen.\nSie hört ihn zwar an, gibt ihm auch einen Ring zum Zei-\nchen der Verlobung, begehrt aber den grossen Meister\nAdoniram zu sehen. Man schickt nach ihm, und der gute\nKönig benutzt die Zwischenzeit zu folgender Charakteristik\ndesselben:\nC'est nn bizarre personnage,\nSombre et reveur, presque sauvage,\nQue m'envoya le roi de Tyr;\nSon origine est un mystere:\nA milieu des bumains il semble solitaire!\nYous le verrez: il va venir.\nEr kommt, und Balkis entbrennt auf der Stelle für\nihn. Als er vollends mit seinen Armen geheimnissvolle Zei-\nchen in die Luft telegraphirt und auf diesen allmächtigen\nWink die Arbeiter herbeiströmen, ist sie der Bewunde-\nrung voll und hängt ihm eine reiche Halskette um.\nMusicalisch genommen, ist dieses Finale mit Geist be-\nhandelt; das Orchester ist reich und glänzend instrumen-\nlirt und die Stimmen sind mit Geschick in den harmoni-\nschen Guss des Ganzen eingefügt; aber, aber die er-\nstrebte Grossartigkeit liegt nicht im originellen Charakter,\nim kühnen Wurf melodischer Motive in Chor und Orche-\nster, sondern nur in blendender Klangwirkung, und dess-\nhalb wird sie eben so monoton, wie bei Wagner.\nIm zweiten Acte sollte alles Decorative und Maschi-\nnenkünstliche, das je da gewesen, übertroffen werden.\nWasserfälle, Meereswogen, feuerspeiende Berge sind ab-\ngenutzt: aber eine Masse von glühendem Erz, welche die\nForm sprengt und über die Bühne strömt, das war etwas\nNeues. Kurz, durch Verrälherei der drei Schwarzen sollte\nder Guss des „ehernen Meeres\" vor den Augen des Pu-\nblicums missglücken. Man sagt, der Kaiser habe das\nKunststück wegen Feuersgefahr untersagt; Andere be-\nhaupten, die Illusion sei durch die winzige Wirkung des\nVersuchs in der Probe bis zum Lächerlichen herabgedrückt\nworden. Kurz, die Scene blieb weg, und wir kamen da-\ndurch wenigstens eine halbe Stunde früher zu Bett.\nStatt der strömenden G.luth eröffnet den zweiten Act\neine hübsche Scene zweier Frauenchöre. Die Sabäerinnen\nbesingen die Morgendämmerung; zu ihnen treten die Jü-\ndinnen und begrüssen sie. Dann ergehen sie sich in einem\ndialogischen Wechselgesang, der zuletzt in Einen Chor zu-\nsammendiesst. Dies ist ein anmuthig melodisches, liebliches\nund frisches Musikstück von reinem Geschmack; es gefiel\nsehr und musste wiederholt werden. Balkis erscheint und\nlässt sich das unvermeidliche Ballet des zweiten Actes vor-\ntanzen. Es dauert dieses Mal entsetzlich lange, selbst für\ndie Pariser, trotzdem dass die Sabäerinnen aus den schön-\nsten Tänzerinnen gewählt sind und die reizende Zina darin\nauf und ab schwebt und die göttliche Livry mit einem"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4899, "texte": "Violin-Solo um die Welle tanzt. Das letztere, wie auch\nein Flöten-Solo und andere Einzelheiten sind nicht übel,\naber im Ganzen hat auch die Ballelmusik keinen rechten\nSchwung.\nEndlich langweilt sich Balkis, wie der grösste Theil\nder Zuschauer schon längst, und schickt das ganze Corps\nfort.\nSie hat die Kunde von dem Verrath der drei Schwar-\nzen vernommen, durch den der Guss des ehernen Meeres\nverunglückt ist, gesteht ihrer Vertrauten ihre heisse Liebe\nzu Adoniram, und da sie gerade gut bei Stimme ist, so\ndrückt sie ihre Gefühle in einer Art von Arie aus, die\naber sehr kalt aufgenommen wurde.\nDa tritt Benoni (jener Schüler Adoniram's) eilig auf\nsein Meister folgt ihm auf dem Fusse und erzählt,\ndass „mit Hülfe dienstbarer Geister, welche die ganze\nNacht gehämmert und geklopft haben\", der neue Guss\ndes Meeres von Erz gelungen sei und auch die Sphinxe\nvollendet aus den ungeheuren Sandformen erstanden sind.\nDas Orchester begleitet die ganze Erzählung mit Instru-\nmental-Malerei. Adoniram erscheint; vertraute Liebes-\nscene in der Musik mehr geschickt gemacht, als von\nwahrem Gefühl und Genie inspirirt. Zum Schluss des Actes\npomphaft instrumentirtes Ensemble zwischen Adoniram\n(Tenor) und drei Sopranen (Balkis, die Vertraute und Be-\nnoni). Im Hintergrunde das Schicksal in Gestalt der lau-\nernden drei Schwarzen!\nDritter Act. Wir sind in dem Garten Soliman's. Tanz\nund Chor, obwohl recht hübsch und interessant, zerstreuen\nden Armen nicht, der bereits vier Tage auf seine Verlobte\nwartet. Er sagt es uns selbst:\nOui, depuis quatre jours, hommes d'armes, l^vites,\nTout veille, tout est pret la flamme sur Taute!,\nEt quand l'heure est venue, au moment solennel,\nOh perfide Balkis! tu me fuis, tu m'evites:\nTu ris de ma cr^dulit^!\nJa, zum Lachen ist freilich die traurige Rolle, die er spielt.\nIndess gewinnt die Liebe in einem sehnsüchtigen Arioso\nmit Hülfe eines Violoncell-Solo's die Oberhand über den\nVerdruss. Auch dieses Stück in E-dur ist hübsch gemacht,\naber es erwärmt nicht, zumal da die Situation es unmög-\nlich macht, irgend ein Interesse an diesem Sultan zu neh-\nmen. Da kommen die drei Schwarzen und giessen das\nGift der Eifersucht in sein Herz. Es bewirkt einen Augen-\nblick einen lebhafteren Pulsschlag bei ihm, aber nicht\nlange; denn Adoniram erscheint an der Spitze von Volks-\nmassen, und der König kriecht vor dem Genie wieder zu\nKreuz. * .1\nAdoniram droht mit der Macht seiner Popularität:\nA cent mille ouvriers Adoniram dicte sa loi *\nJaillisse une etincelle, et Sion est en flamme:\nQui de vous osera porter Ja raain sur moi?\nSoli in Q ii will ihn versöhnen, um ihn dann leichter entfer-\nnen oder beseitigen zu können. Der Göltersohn schlägt\nalle Anerbietungen aus der Hand des „Ilirtensobnes\" aus,\nverbannt sich selbst in seinem Stolze und nimmt grossmü-\nthig von allen seinen Schätzen nichts mit, als — seinen\nMantel!\n„Je n omporterai que mon manteau!u\nDann zieht er ab; Soliman lässt ihn ziehen, hat aber nichts\ndagegen, dass die drei Schwarzen ihm eine Falle stellen.\nDa erscheint. Balkis. Man begreift freilich nicht, warum\nsie nicht mit dem Geliebten nach Arabien abgereis t, woran\nsie Niemand hinderte; allein sie ist zu gewissenhaft, sie\nwill erst ihren Verlobungsring wieder haben! Desshalb\nsingt sie dem Könige ein verführerisches Lied vor (wieder\nmit Violoncell-SoloÜ), das sehr lebhaft applaudirt wurde,\nlässt die Tafel mit köstlichen Speisen und Weinen be-\nsetzen, und da Soliman, halb berauscht, sich einige Frei-\nheiten erlauben will, winkt sie ihrer Amme, die ihm einen\nSchlaftrunk in den Becher practicirt. Die edle Königin von\nSaba zieht ihm ihren King vom Finger, und mit den Ab-\nschiedsworten :\nLa ruse m'enchaina (?), la ruse me ddlivre;\nAvec ce breuvage enchante\nTu buvais k longs traits le sommeil qui t'enivre\nEt qui me rend ma libertd !\nmacht sie sich aus dem Staube.\nUebrigens ist dieses Finale des dritten Actes dem\nComponisten noch am besten gelungen; es ist mehr Le-\nben und Schwung darin, als in den anderen Nummern,\nund trotz der gemeinen Situation erhebt sich die Musik\nzuweilen merkwürdiger Weise über das Gewöhnliche.\nDer vierte und letzte Act ist geradezu scheusslich. Im\nFelsenthal des Kidron erscheint Adoniram; wie Tamino\nsucht er rechts, links, im Hintergrunde einen Ausweg,\nüberall tritt ihm Einer von den drei Schwarzen entgegen.\nMit blanken Stilets schreiten die Banditen an ihn heran\nund erdolchen ihn eben. Das Orchester spielt dabei die\nHauptrolle; der Arme ruft in den letzten Zügen: „Balkis!\nBalkis!\" und drei dumpfe Paukenschläge verkünden, dass\ner den Geist aufgegeben.\nBalkis stürzt herein — irop indess hat sie doch\nnoch Gelegenheit zum Verzweifeln und durch ihr Wehe-\ngeschrei ihr Gefolge herbeizurufen; da das Ende der Oper\nein Tableau nölhig hat, so füllen sich die Berge mit\nFackelträgern, und es fehlt nur noch das bengalische\nFeuer, um die erste Opernbühne der Welt in einen Kunst-\nreiter-Circus zu verwandeln.\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5424, "texte": "Nach mehr als vier Stunden schiebt man sich um halb\nein Uhr Nachts aus dem Tempel, athmet die Luft mit\nvollen Zügen und was nimmt man mit nach Haus?\nNichts, gar nichts, höchstens eine Erinnerung an den\nFrauenchor im Anfang des zweiten Actes.\nDas Merkwürdigste ist, dass (trotz der vielen Instru-\nmental-Solo's) die Musik im Ganzen die monotonen For-\nmen, die psalmodischen Declamationen, mit Einem Worte:\ndie ganze Manier des Wagner'schen Opernstils copirt!\nUnd nun denke man sich diesen Stil auf einen Text, wie\nden geschilderten, angewandt! Dass Gounod einer der be-\ngabtesten französischen Componisten unserer Zeit ist, viel-\nleicht von allen der begabteste, das wird Niemand läug-\nnen; schon Vorjahren haben meine Briefe auf sein Talent\nund seine Richtung aufmerksam gemacht, und gegenwär-\ntig macht ja sein „Faust\" auf den deutschen Bühnen die\nRunde. Während des Tannhäuser-Sturmes nahm er ent-\nschieden Partei für Wagner; wenn er aber jetzt sich ab-\nmüht, durch die That in dessen Fusstapfen zu treten, so\nruft ihm eines der hiesigen kritischen Journale mit Recht\nzu: „Wir müssen es mit tiefem Bedauern, aber mit dem\nFreimuth, den man einem Genie, das sich verirrt, schuldig\nist, aussprechen, dass Herr Gounod sich in eine um so be-\ndauernswerthere Stilgattung geworfen hat, als es ihm zu\neiner verzeihlichen Durchführung derselben eben so sehr\nan Wagner's interessanten Excentricitäten, als an der\ndeutschen Tiefe fehlt.\" (France mus., Nr. 9.)\nAusführlicher spricht sich J. d'Ortigue (im Menestrel,\nNr. 15) aus: ' • •\n„Gounod hat allerdings in dieser Oper sein grosses\nTalent gezeigt; in Hinsicht auf die Factur, auf das Metier,\nauf die Geschicklichkeit kann das Werk nur seinen Ruf\nerhöhen. Allein es ist trotzdem nicht weniger wahr, dass,\nmit Ausnahme der beiden Frauenchöre und einiger Me-\nlodieen in der Ballelmusik, es rein unmöglich ist, in der\nganzen Partitur eine von jenen packenden Nummern nach-\nzuweisen, deren Motive sich auf der Stelle dem Gedächt-\nnisse einprägen, weil sie den Stempel eines geistvollen\nSchadens tragen, das aus der wahren Empfindung der\nSituation entsprungen ist.\n„Man kann freilich sagen: Wo soll bei einem Drama,\ndas keine poetischen Situationen darbietet, eine wirkungs-\nvolle Musik herkommen? Allein es handelt sich noch um\netwas Anderes. Ich stehe an, es auszusprechen, aber ich\nmuss mich doch dazu entschliessen. Hat Gounod sich nicht\nbis zu einem gewissen Grade durch die Tendenzen einer\nvielbesprochenen, aber unglücklichen Schule hinreissen\nlassen, welche aus dem musicalischen Drama jede formelle\nGliederung, jeden Wechsel der Gegensätze und der Bewe-\ngung und somit alles Leben verbannen und das Ganze in\neine vage und monotone Melopöenforra giessen will? Muss\nman das nicht glauben, wenn man sieht, wie er sich Mühe\ngibt, seine Recitative in die Länge zu ziehen, schleppend\nzu machen und nicht durch bestimmte Sonderung von den\nübrigen Gesängen zu unterscheiden? Es wäre traurig,\nwenn Gounod, durch gewisse Theorieen verführt, deren\ngrösster Fehler ist, dass sie der menschlichen Natur nicht\nRechnung tragen, die unterscheidende Eigenschaft seines\nTalentes verkennen sollte, welche ihm in Frankreich und\nim Auslande so ehrenvolle Theilnahme erworben hat: das\nTalent des melodischen Flusses, der Klarheit und Ver-\nständlichkeit und der reinen Formgestaltung. Möge er nicht\ngegen sein eigenes Fleisch wüthen!\"—\nEben so aufrichtig ist die Revue et Gazette musicale.\n„Die Partitur der Oper ist unendlich besser, als der Text;\nsie zeigt überall Talent, die Hand des geschickten, geist-\nvollen Meisters ist nirgends zu verkennen, und dennoch\nfehlt viel daran, dass es eine gute Partitur sei. Es weht\nund herrscht darin ein gewisser Systemgeist, und das Sy-\nstem besteht in der Vorliebe zu einer—mit seltenen Aus-\nnahmen stets gleich breiten, gleich unbestimmten, in\nRewegung, Rhythmus und Farbe gleich eintönigen Form\nder Melodie. Das kommt uns wie ein musicalischer Pan-\ntheismus vor. Wo Alles Gott ist, ist Nichts Gott. Beim\nAnhören dieser Musik war es uns, als sähen wir ein trü-\nbes Bild in duftigen, verschwimmenden Umrissen vorüber-\nschweben, dessen unsicher angedeutete charakteristische\nZüge man kaum wahrzunehmen, geschweige denn deutlich\nzu erkennen vermochte. Das Orchester ist beständig reich\nund voll, aber hervorstechende Motive darin sind selten.\"\nDagegen ist der Bericht von H. Berlioz eine wahre\nBlamage für ihn. Während alle musicalischen Blätter sich\nunbefangen äussern und sich völlig von der gewöhnlichen\nLiebedienerei gegen die Direction der kaiserlichen Oper\nemancipiren, kann man bei Berlioz kaum zwischen den\nZeilen lesen, dass er sich fürchterlich gelangweilt hat, was\ndoch Jedermann hier weiss. Das Einzige, woraus man in\nden Debats erkennen kann, dass die Königin von Saba\neine Fehlgeburt war, ist, dass Berlioz noch nie ein so fa-\ndes und nichtssagendes Feuilleton geschrieben hat, als die-\nses Mal. Nachdem er das Buch auf sechs Spalten analysirt\nhat, ohne irgend einen Tadel über ein so unsinniges Mach-\nwerk auszusprechen, fügt er mehr als bescheiden oder ge-\nfällig nur hinzu, „dass die Aufgabe, es in Musik zu setzen,\nihm sehr schwierig erscheine; Gounod habe jedoch als ge-\nschickter Musiker mit Glück die Haupt-Situationen des\nDrama's wiedergegeben; es sei nicht seine Schuld, wenn\ner nicht immer die.Klippe der Monotonie habe vermeiden\nkönnen.\" Das Letzte ist ganz unwahr; denn das Buch\nmag so schlecht sein, wie es wolle, an dem psalmodiren-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 906, "texte": "den, formlosen Einerlei der Musik ist es nicht schuld. Im\nUebrigen windet der berühmte Kritiker und Componist\nsich durch, klagt freilich auch über den anderthalbstündi-\ngen Ballet-Act, spricht auch wohl von instrumentalem Lu-\nxus, weiss aber für die Fehler glänzende Hüllen zu finden,\nwie er z. B. dem einen Chor „bei der grossen Menge von\nlangsamen Tempo's in der Partitur\" etwas weniger Feier-\nliches wünscht soll heissen: weniger Langeweile und\nmehr Leben.\nMan wird sagen: „Wie ist es aber möglich, dass ein\nPublicum, welches noch vor Kurzem seine Begeisterung\nfür Gluck und dessen Alceste so manifestirt hat, nach der\nReine de Sabaströmt?\" Darauf werde ich in meinem\nnächsten Briefe antworten. Für jetzt nur so viel. Berlioz\nsagte einmal, als er von Weimar zurückkam, über das\ndortige Treiben; „Tout ceb n'estpas serieux.u Das ist\ndas beste Motto auch auf den neuen pariser Gluck-Enthu-\nsiasmus.\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-03-15-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-03-15_01#c003", "volume": "bmtnabi_1862-03-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "85", "page_fin": "85", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.2.3", "titre_corps": "Clavier-Compositionen von Hans Seeling.", "titre_sommaire": "Clavier-Compositionen von Hans Seeling.", "signature_source": "L", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.5", "debut_caractere": 908, "fin_caractere_exclue": 4330, "texte": "Clavier-Compositionen von Hans Seeling.\nL.\nVon Hans Seeling, den wir als einen sehr bedeuten-\nden ausübenden Künstler auf dem Pianoforte vor einiger\nZeit kennen lernten, liegt uns eine Reihe von Musik-\nstücken vor, die zwar alle den Charakter der heutzutage\nbeliebten Gattung der so genannten Salonmusik tragen,\njedoch in dem Rahmen derselben mannigfache Bilder ge-\nben, welche ihr Leben einer besseren und mehr künstle-\nrischen Richtung zu verdanken haben, als man bei den\nmeisten Anbauern dieses Feldes der musicalischen Tages-\nLiteratur findet. Während es bei diesen nur von buntfar-\nbigen, geruchlosen Blumen wimmelt, die eben so schnell\nwelken, als sie aufgeschossen sind, können wir uns hier\nan der Pflege und dem Duft gar mancher anmuthigen und\ndauernden Pflanze erfreuen, zu der wir auch öfter gern\nzurückkehren.\nMan kann nicht sagen, dass Seeling eine durch Origi-\nnalität hervorstechende Eigentümlichkeit offenbare; es\nthut einem wohl, dass man nicht gewahr wird, dass er\ndanach sucht, und dass dennoch bei dem Festhalten an\nden besten Vorbildern dieser Gattung, wie Chopin, Men-\ndelssohn, Henselt, St. Heller u. s. w., sich ein gewisses\nsubjeclives Colorit kenntlich macht, das uns anspricht und\nfesselt. Zu den Stücken, auf welche das Gesagte vorzüg-\nlich passt, rechnen wir die Lorelei, Op. 2, das Not-\nturno in Op. 3, besonders auch das Allegro in\nOp. 5, zwei Poesieen, Op. 7, über Gedichte von Heine\nund Alfred Meissner. Andere Stücke, wie die Barcarole,\nOp. 9, die Idylle Op. 6, zwei Impromptu's, Op. 8, haben\nuns weniger angesprochen.\nAlle diese Sachen haben auch den Vorzug, dass sie\nnicht zu schwer auszuführen sind und doch vortreffliche\nGelegenheit geben, sich im Vortrage des modernen Stils\nund in der Technik zu üben. Sie sind desshalb Dilettanten\nund Dilettantinnen, die nicht bloss nach Operngeklimper\nund Tanzmusik haschen, zu empfehlen.\nAm bedeutendsten sind die zwölf Concert-Etu-\nden, Op. 10 , zwei Hefte, der Frau Wilhelmine Szar-\nvady, geb. Clauss, gewidmet (Preis je 1 Thlr. 15 Ngr.\nSowohl die Helte als die Etüden sind auch einzeln zu ha-\nben). Sie haben fast alle mehr den Charakter der Grazie\nund Weichheit, als der Schroffheit und des Sturmes und\nDranges, und wenn auch hier und da und\npitoso vorgezeichnet ist, so ist's eigentlich doch nicht so\narg damit gemeint. Daher denn auch nirgends Geklapper\nund Gehämmer, sondern fast durchweg gebundenes Spiel,\nLegato-Figuren, welche, einfach oder in Doppelgriffen, sich\nglänzend genug zeigen. Wir machen aus diesem, wenn\nman will, zahmeren Wesen seiner Etüden dem Compo-\nnisten keineswegs einen Vorwurf: im Gegentheil, wir sind\ndes ewigen Weltschmerzes und der Raserei und Klopf-\nfechterei herzlich überdrüssig und freuen uns, Virtuosen-\nstücke zu spielen, auf deren melodischem Strome man sich\nohne Gefahr des Schiffbruchs ins weite Meer hinaus wa-\ngen kann, während man doch das anregende Schauspiel\nder wogenden und schäumenden Wellen nicht entbehrt.\nNur Eine Etüde ist in lauter gebrochen anzuschlagenden\nAccorden geschrieben, curios, aber monoton. Die doppel-\ngriffigen sind besonders schön, am grossartigsten die letzte\n(Nr. 12 in Es-moll, 4/4, Appassionato assai), in welcher\nder durchgeführten dreistimmigen Triolen-Figur:\neine Art von Cantus firmusin ganzen Noten untergelegt\nist; es gehört aber ein tüchtiger Spieler dazu.\nDie genannten Werke sind alle zu Leipzig im Ver-\nlage von Bartholf Senff in schöner Ausstattung er-\nschienen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-03-15-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-03-15_01#c005", "volume": "bmtnabi_1862-03-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "85", "page_fin": "86", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.2.4", "titre_corps": "„Joseph Haydn und sein Bruder Michael“.", "titre_sommaire": "„Joseph Haydn und sein Bruder Michael“.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.5", "debut_caractere": 4332, "fin_caractere_exclue": 4531, "texte": "„Joseph Haydn und sein Bruder Michael“.\nDies ist der Titel eines Heftleins von 48 eng, aber\nzierlich gedruckten Octavseiten (Wien, bei Rud. Lechner,\n1861), dessen Verfasser sich unter dem Vorwort Dr."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5206, "texte": "Constant von Wurzbach nennt und ähnliche Arbei-\nten über Beethoven und Gluck gemacht hat, die uns nicht\nzu Gesicht gekommen sind.\nDie Lebensskizzen sind sehr dürftig; verdienstlicher\nsind die bibliographischen und literarischen Nachweisun-\ngen und die Angaben mehrerer Einzelheiten, was alles zu-\nsammen immerhin einem künftigen Biographen J. Haydn's\nnützlich sein kann. Unter den Quellen nennt der Verfasser\nöfters eine Schrift von Tb. G. von Karajan: „Joseph\nHaydnin London 1791 u nd 1792\", in welcher nach\nS. 57 Briefe Haydn's an eine seiner grössten Verehrerin-\nnen, Frau von Genzinger in Wien, aus den Jahren 1789\nbis 1792 abgedruckt sind. Diese Schrift kennen wir nicht;\nsie soll interessante Details über die zwölf londoner Sin-\nfonieen enthalten.\nEben so unbekannt dürfte sein, was wir S. 33 lesen,\ndass pariser Journale schon im Jahre 1805 eine Nachricht\nvon J. Haydn's Tode brachten (es konnte keine Verwechs-\nlung mit Michael Haydn sein, denn dieser starb auch erst\n1806), und dass Mozarl's Requiem bei dem Traueramte\nin Paris gemacht worden sei. Als es Haydn erfuhr, sagte\ner: „Die guten Herren! ich bin ihnen recht zu Danke ver-\npachtet lür die ungeahnte Ehre. Wenn ich nur die Feier\ngewusst hätte, ich wäre hingereis't, um die Messe zu diri-\ngiren.\"— Haydn's vieljähriger Copist war J. Elsler, der\nVater der berühmten Fanny Elsler; seine Handschrift wird\noft für die autographische Haydn's ausgegeben.\nEin Curiosum ist folgende Stelle aus dem Aufsatz eines\nPastors Triest über Haydn in der Leipz. Allgem. Musik-\nZeitung vom Jahre 1809, Nr. 24:\n„Aber in welcher Gattung von Tonkünsten ist Haydn\nwohl am grössten und musterhaftesten? Diese Frage muss\nman fast bei jedem bedeutenden Tonkünstler thun; denn\nman (ordert von ihm, dass er nicht bloss viel, sondern auch\nvielerlei schreibe. Nun ist es zwar gewiss, ein echter Künst-\nler erregt in jedem Fache seiner Kunst, das er bearbeitet,\nInteresse; aber es bleibt auch eben so ausgemacht, dass\nselbst das grösste Original-Genie, besonders zu einer Zeit,\nwo die Kunst aus einer kleinen Pflanze zu einem vielästi-\ngen Baume herangewachsen ist, nur in einem oder eini-\ngen Theilen derselben mit ausgezeichnetem Glück arbeiten\nkann. Und so lürchte ich denn nicht, gegen das Urtheil\nder meisten Kenner und Kritiker anzustossen, wenn ich\nfolgende Classification der Werke Haydn's aufstelle. Den\nersten Bang nehmen unbezweifelt seine Symphonieen\nund Quartetten ein, worin ihn noch Niemand übetrof-\nfen hat. Den zweiten seine Compositionen für'sCla-\nvier, doch hierin nur durch das Empfindungsvolle, Zarte\nund bei aller Künstlichkeit Fassliche hervorragend; denn\nin anderer Hinsicht möchten ihm (ausser Mozart) auch\nnoch manche neuere Clavier-Componisten, besonders Muzio\nCiementi mit seinem Feuergeiste (ja, vielleicht in der F\"olge,\nwenn sich das wild Schwärmende gelegt hat, ein Beetho-\nven), den Rang streitig machen. Hiernächst folgen seine\nKirchenstücke und zuletzt seine Theaterwerke, so\nweit nämlich diese bekannt geworden sind. Den Beleg zu\ndieser Bemerkung gibt unter Anderem sogar das Werk,\nwelches so ausserordentliche Sensation erregte (heinahe so\nviel, wie Mozart's Zauberflöte), nämlich Die Schöpfung.\nVon diesem Werke wage ich es, zu behaupten, dass es\nHaydn's echtem Kunstruhme (nämlich nicht dem, den der\ngrosse Haufe gibt) weder etwas entziehen, noch etwas zu-\nsetzen könne. Die Ehrfurcht gegen den grossen Mann darf\nuns nicht verblenden, die Forderungen der Aesthetik an\nein solches Werk zu übersehen. Und was kann diese wohl\nzu einer in Musik gesetzten Naturgeschichte oder Geogonie,\nwo die Gegenstände wie in einer magischen Laterne vor\nuns vorübergehen, was kann sie zu den immerwährenden\nObjectmalereien, zu dem Gemisch des Kirchen- und Thea-\nter-Stils (das zeigt uns, wie weit es mit jenem in den dor-\ntigen Gegenden schon gekommen ist), mit Einem Worte:\nzu der Tendenz des Ganzen sagen? Muss es nicht jeden\nVerehrer Haydn's schmerzen, die grosse Kraft dieses Man-\nnes zum Nachtheile der Kunst (denn solche Beispiele sind\noft gefährlich) an einen Text verschwendet zu sehen, der\nseiner nicht würdig ist? Nur dann dürften die überaus\nschönen, herrlichen Chöre uns gegen die ästhetischen Miss-\ngriffe der meisten übrigen Theile entschädigen, wenn man\nsich von den leszten (wie vielleicht Mancher bei der Anhö-\nrung gewünscht hätte) den Text wegdenkt.\" (!)\nIn den wenigen Blättern (S. 40 4B), welche Mi-\nchael Haydn gewidmet sind, dürfte das Verzeichniss seiner\nCompositionen das Interessanteste sein, obschon dessen In-\nhalt sich dem bei Weitem grösseren Theile nach schon in\nGerber's neuem Tonkünstler-Lexikon findet. Ausser Sin-\nfonieen, Quartetten, Ouvertüren und Sonaten ist die Zahl\nseiner Kirchen-Compositionen Legion! An 30 Messen, 3\ngrosse Oratorien, 114 Graduale, 4 Requiem, 5 Te Deum,\nmehr als 24 Offertorien u. s. w.! Was davon gedruckt ist,\nwurde ihm meist von Copisten abgestohlen und von diesen\nverhandelt; er selbst hatte und wollte auch keinen Gewinn\ndavon, was ein Ablehnungsschreiben an Breilkopf und\nHärtel bestätigt, das noch vorhanden ist. Ein Gehalt von\n600 Gulden war sein ganzer Reichthum und stellte ihn\nvollkommen zufrieden. Glückliche Zeiten und glückliche,\nauf Eines in der Welt concentrirte Charaktere!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-03-15-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-03-15_01#c006", "volume": "bmtnabi_1862-03-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "87", "page_fin": "88", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.2.5", "titre_corps": "Aus New-York.", "titre_sommaire": "Aus New-York.", "signature_source": "St", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4845, "texte": "Aus New-York.\n\nDen 15. Januar 1862*).\nIch hätte Ihnen längst einen ausführlichen Bericht\nüber das hiesige Musiktreiben gesandt, wenn nicht das\nKriegsgetümmel die Musen verscheucht oder wenigstens\nin Stille unterzukriechen gezwungen hätte. Zwar sind wir\nhier glücklicher Weise noch weit genug entfernt von den\nGefilden des blutigen Ruhmes, allein des Trommeins und\nPfeifens und des Lärmens und Bramarbasirens ist kein\nEnde, und den Musicanten bleibt nichts übrig, als mit den\nanderen allen in die Trompete und Posaune zu stossen.\nDa dies nun eben nicht meine Lieblings-Instrumente sind,\nso muss ich es für ein grosses Glück halten, dass wenig-\nstens die philharmonische Gesellschaft noch wie\neine grünende Oase aus der Wüste hervorragt und sich\nso gut wie möglich gegen den Sand abzudämmen sucht,\nmit dem der Sturmwind auch sie zu verschütten droht.\nHerr Theodor Eisfeld, der erst im Herbste vori-\ngen Jahres von seiner Reise in die deutsche Heimat zu-\nrückgekehrt ist, leitet die Concerte der Gesellschaft wieder\nmit der Umsicht und Energie, die wir an ihm gewohnt\nsind. Seit zwölf Jahren hat dieser tüchtige Künstler hier\neine hervorragende oder, noch richtiger: eine dominirende\nStellung eingenommen, in welcher er dem ganzen Musik-\nwesen in New-York eine edle Richtung auf das Gediegene\nund Classische zu geben rastlos und mit grossem Erfolg\ngestrebt hat. Trotzdem, dass die gesammte hiesige Musik-\nwelt dies vollständig anerkennt, oder vielleicht gerade dess-\nhalb, suchte eine kleine Anzahl von Neidern, vertrauend\nauf den Spruch: „Les absents ont toujours tort\", der hier\nmehr als irgendwo eine Wahrheit ist, seine längere Ab-\nwesenheit zu benutzen, um seinen americanischen Patrio-\ntismus zu verketzern und das Gerücht auszustreuen, er\nkäme nicht wieder. Aber siehe, er kam wieder, und das\nganze Resultat des Manövers beschränkte sich auf einige\nKapereien von Unterrichtsstunden! Je nun, wir leben ja\nin Kriegszeiten!\nWichtiger könnte es sein, wenn man, wie einige deut-\nsche Correspondenten von hier in der leipziger Neuen Zeit-\nschrift für Musik thun, ihm den Vorwurf machen könnte,\ner vernachlässige die Compositionen der Zeitgenossen, na-\nmentlich der neuesten Schule. Dieser Vorwurf ist aber ein\nganz ungerechtfertigter. Denn was kann denn die so ge-\nnannte Fortschritts-Partei mehr von ihm verlangen, als\ndass er die Erzeugnisse ihres Haupt-Repräsentanten, des\n„Bahnbrechers\" Franz Liszt, wie ihn Brendel nennt,\nin den philharmonischen Concerten sehr gut einstudirt zur\nAufführung bringt? Noch im letzten Concerte hörten wir\nvon den „symphonischen Dichtungen\" die Prehdes, die\nuns, abgesehen von Dingen, wie:\nund anderen Barbarismen, den Eindruck eines effeclvollen,\ninteressant instrumentirten Clavier-Potpourri's machten.\nDass aber das Publicum die „Festklänge\" und den „Tas-\nso\", die wir ebenfalls genossen haben, nicht wieder haben\nwill, was kann dafür der Dirigent?— Von anderen neue-\nren Componisten kamen die „Serenade\" von Johannes\nBrahms aufs Programm, deren düslerer Inhalt den mei-\nsten Musikfreunden auch nicht besonders munden wollte,\nund von Ferd. Hiller kommt nächstens die Ouvertüre\nzum „Traum in der Christnacht\" und das Clavicr-Concert\nin Fis-moll zum Vortrage.\nDass in dem letzten Concerte neben den Präludien\nMozart's Sinfonie Nr. 5 in D-dur (4 Sätze), Mendels-\nsohn's „Hebriden\" und Beethoven's Viohn-Concert\ndas Programm bildeten und vom Publicum mit ganz an-\nderem Enthusiasmus aufgenommen wurden, das wird doch\nvor den strengen Richtern der musicalischen Bildung der\nZuhörer hoffentlich Gnade finden!\nHerr E. Mollenhauer spielte das Beethoven'sche\nViolin-Concert, das hier zum ersten Male gehört wurde.\nEr spielte natürlich das ganze Concert mit seinen drei\nSätzen, und die wunderbare Composition fesselte das Pu-\nblicum von der ersten bis zur letzten Note dermaassen,\ndass es mit lautloser Aufmerksamkeit dem Vortrage folgte\nund das Ganze mit nicht enden wollendem Applaus und\nEnthusiasmus aufnahm. Das halten wir für einen wirk-\nlichen Fortschritt! Herrn Mollenhauer gebührt ein\nehrenvoller Dank, der ihm denn auch in dem wiederhol-\nten Beifallssturm zu Theil wurde; er hat sich ein grosses\nVerdienst erworben und das Wagniss, denn das war es\nin der That, mit Glanz bestanden. Er ist ein ganz ausge-\nzeichneter Violinist; seine Intonation istuntadelhaft rein,\nnie eine Schwankung, nie ein zweifelhafter Ton, dabei\neine höchst bedeutende Technik und der würdigen Auf-\nfassung gemäss ein edler und gediegener Vortrag.\nDas Orchester der philharmonischen Gesellschaft zählt\n22 Violinen, 11 Bratschen, 6 Violoncelle, 6 Contrabässe\nund die Blas-Instrumente; unter den letzteren 4 Hörner,\n3 Posaunen und Bass-Tuba, bei den Trompeten Herrn\nL. Schreiber im Ganzen 67 Mitglieder ohne den Diri-\ngenten. Die deutschen Musiker bilden bei Weitem die\nMehrzahl.\n\n*) Ist uns erst in voriger Woche zugegangen.\nDie Kedaction."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 265, "texte": "An einer italienischen Oper leiden wir bis jetzt noch\nnicht in dieser Saison. Es heisst, Herr Ullmann, der Na-\npoleon der Impresarii, wie man ihn hier nennt, sei zu\nSchiff, um in Europa neue Gesanggrössen zu fischen.\nGare ä l'hamecon!Wehe denen, die anbeissen!\n\nSt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1862-03-15-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabi_1862-03-15_01#c008", "volume": "bmtnabi_1862-03-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "88", "page_fin": "88", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.8", "debut_caractere": 267, "fin_caractere_exclue": 5921, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n14tfIn. Die fünfte Soiree für Kammermusik (am Dins-\ntag den I], d. Mts.) war eine der schönsten dieses Winters; sie ge-\nwährte allen Kunstfreunden ohne Ausnahme einen hohen, durch\nnichts gestörten oder schwankend gemachten Genuss, wie das stets\nnicht ausbleiben kann, wenn man classische Werke in solcher Aus-\nführung hört. Das Zusaminenspiel unseres gegenwärtigen Quartetts\nbietet in der That je länger, desto mehr eiu .so künstlerisch voll-\nkommenes Ganzes dar, dass ihm jetzt wohl nur wenige Quartett-Ver-\neine an die Seite gestellt werden dürften; übertrofFen wird es sicher\nvon keinem. Gewiss verdient die feine Ausführung in den ersten\nQuartett-Cirkeln von Paris ihren Ruf; allein, ganz unbefangen und\nohne allen Local-Patriotismus gesprochen, fehlt doch dort oft ein\ngewisses Etwas beim Vortrage von Mozart und Beethoven, das uns\nDeutsche hindert, uns dem Eindruck mit voller Sympathie hinzuge-\nben, während der Vortrag Haydn'scher Quartette allerdings unüber-\ntrefflich ist. Worin der verborgene Grund jener nicht ganz vollstän-\ndigen Befriedigung auch in Bezug auf Ciaviermusik liegt, ver-\nmögen wir freilich nicht zu definiren; aber wenn wir z. B. Be et-\nil oven's für Pianoibrte und Violoncell, wie eben am\nDinstag, von Hill er und A. Schmitt vortragen hören, so weht\nuns aus jedem Tacte eine so klare, wohlthuende Luft entgegen, dass\ndie Brust sich gehoben fühlt und die Bewunderung der vollendeten\nTechnik ganz und gar in der Empfindung der reinen Schönheit der\nComposition aufgeht.\nDie Sonate stand in der Mitte zwischen dem Violin-Quartett Nr»\n1 in Es-dur von Cherubini und dem Quintett Op. 29 in C-dur\nvon Beethoven (die Herren Grunwald, Derckum, von Kö-\nnig slow, Breunung, Schmitt). Das Quartett von Cherubiui,\ndas wir uns nicht entsinnen, früher hier gehört zu haben, gefiel sehr,\nwas bei den ansprechenden und originellen Motiven und der durch-\nsichtigen, rein wie in durchbrochenem Golde gearbeiteten Verschlin-\ngung der vier Stimmen bei jedem nicht verzogenen Publicum der\nFall sein wird. Begeisterung erregte die meisterhafte, von wahrhaft\nclassischem Geiste getragene Ausführung aller Sätze des Beethoven'-\nschen Quintetts, besonders aber des Adagio und des P'inale. Allen\nRespect vor den Nummern 100 bis 133! aber „es ist doch recht\nhübsch von einem grossen Herrn, so menschlich mit uns umzu-\ngehen\", wie er's in Opus 29 thut!\n*** Hannen. Am 8. März hatten wir hier in dem schönen\nConcordia-Saale ein Concert, welches, ohne dass Orchesterkräfte\ndazu aufgeboten worden, durch die Abwechslung der Productionen\nein sehr befriedigendes Ergebniss hatte und uns eigentlich zum er-\nsten Male recht schlagend bewies, welch einen Vorzug eine Orgel\neinem Concertsaale gibt. Herr Musik-Diiector Krause wurde in\ndiesem seinem Benefi/.-Concerte von den auswärtigen Künstlern Fräu-\nlein Julie Rothenberger aus Köln und Herrn Capellmeister und\nOrganisten Friedrich Lux aus Mainz unterstützt. Herr Lux er-\nöffnete das Concert mit dem Präludium und der Fuge über BACH\nvon J. S. Bach (mit eingelegter Cadenz) und bewährte sich durch\ndas edle und technisch vollendete, namentlich auch auf dem Pedal\nhöchst klare Spiel sofort als Meister der Orgel. Es folgten drei Ge-\nsänge a capella (Singverein und Liedertafel): Hauptmannes\n„Trauungsfeier\", Gade's „Wasserrose\" und Men d eis s o hn's „O\nsanfter, süsser Hauch\" rein und schön vorgetragen; das letztge-\nnannte musste wiederholt werden; das Gade'sche fiel gegen die bei-\nden anderen köstlichen Gaben etwas ab. Durch das Solo-Quartett\nim ersten, die Brief-Arie aus Don Juan, und Beethoven's „Trocknet\nnicht\" und „Freudvoll und leid voll\" riss Fräulein Rothenberger\ndas Publicum zu begeistertem Beifall hin; das letzte Lied musste\nsie wiederholen. Ihr seelenvoller Vortrag, so wie die Wahl sämmt-\nlicher Stücke verdienen die ehrenvollste Anerkennung. Auch die\nBallade Hannchen's aus dem vierten Theil von Haydn's „ Jahreszei-\nten\" (was den Schluss des Concertes machte, der etwas grossartiger\nhätte sein können) sang sie allerliebst. Herr Krause erfreute uns\ndurch die vortreffliche Ausführung der romantischen Clavier-Sonate\nin C-dur von C. M. von Weber und durch ein Präludium, Menuett\nund Toccata von seiner eigenen Composition. Hervorheben müssen\nwir noch besonders die Eröffnung des zweiten Theiles durch den\nVortrag einer Bearbeitung des Liedes 0 sanetissima für die Orgel,\ncomponirt und gespielt von Herrn Lux. Neben der trefflichen Stimm-\nführung, die für die Composition einnahm, erregte Herr Lux durch\ndie Behandlung der Orgel mit höchst interessanter, überraschender\nund wahrhaft ergreifender Registrirung ganz ungewöhnliches Auf-\nsehen und kaum enden wollenden Applaus. Sein Spiel war zugleich\nein Triumph für den Erbauer der Orgel, denn das Publicum er-\nkannte jetzt erst ganz, gemäss der Aeusserung des Herrn Lux selbst,\ndass diese Art der Intonirung sämmtlicber Stimmen der Bestimmung\neiner Concert-Orgel allein voilkommen entspreche.\nHerr Lux hatte die grosse Gefälligkeit, am Sonntag in der Kirche\nzu Unterbarmen vor einem engeren Kreise von Musikfreunden die\nSonate von Mendelssohn (Nr. 4, B-dur), Variationen von Ad. Hesse\nund eine freie Phantasie über einen Choral vorzutragen, so wie Mon-\ntag Abends im Concordia—Saale noch einige Stücke und auf Ver-\nlangen eine Wiederholung des O sanetissima zu spielen, wofür wir\nihm den grössten Dank schulden.\nDie darmstädter Oper soll unter Leitung des Herrn Directors\nTescher während der Ausstellung in diesem Sommer nach London\ngehen, um dort eine Anzahl deutscher Opern aufzuführen. Man\nnennt bereits Niemann, Ander, so wie einige andere musicalische\nBerühmtheiten, die zur Mitwirkung gewonnen sein sollen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.1", "texte": "Inhalt.\nPariser Briefe (Die Königin von Saba, Oper in vier Acten von CarnS und Barbier, Musik von Charles Gounod). Von\njj p, _ Clavier-Compositionen von Hans Seeling. Von L. — Joseph Haydn und sein Bruder Michael. — Aus New-York (Philharmo-\nnische Gesellschaft). — Tages- und Unterhaltungsblatt (Köln, Fünfte Soiree für Kammermusik — Barmen, Benefiz-Concert).\n\nPariser Briefe.\n\n[Die Königin von Saba, Oper in vier Acten von Carr<s\nund Barbier, Musik von Charles Gounod.]\nI.\nIch habe schon oft in meinen Analysen der Erzeug-\nnisse der französischen Opernfabrik unserer Tage aus ein-\nander setzen müssen, dass das so genannte lyrische Drama\nder Franzosen zur Caricatur geworden ist. Dennoch ist\nalles Monströse und Unsinnige, was wir in dem letzten\nJahrzehend im „Ewigen Juden\", „Jüngsten Gericht\",\n„Blutige Nonne\", „Herkulanum\" u. s. w. gesehen haben,\nnichts im Vergleich zu dem Ungeheuerlichen, Widersinni-\ngen, Ungeschickten und kolossal Langweiligen, was diese\nKönigin von Saba auf die Bretter bringt, welche einem\nGluck und Spontini einst zum Gestell ihres Ruhmes dien-\nten. Dieses Mal ist es denn doch auch den Franzosen selbst\nzu toll, und kein einziges Blatt wagt es, auch nur den lei-\nsesten Versuch zu einer Vertheidigung des Buches zu ma-\nchen. Und leider, oder vielmehr glücklicher Wreise, ist\nauch die Musik nicht im Stande, das Drama (!) auf ihren\nFlügeln empor zu heben; ich sage, glücklicher Weise,\nweil es nur der Kunst zum Verderben gereichen kann,\nwenn der Blödsinn des Textes durch die Composition in\neinen schimmernden Nebel gehüllt wird. Für diesen blauen\nDunst mögen Scenerie, Decoration und Ballet sorgen, was\ndenn auch hier in üppigster Weise Statt gefunden; aber\nes wäre eine Schande lür die Tonkunst, wenn ein so jäm-\nmerlicher Unsinn einen ihrer Priester zu wirklicher Musik\nbegeistern könnte.\nFreilich, wie es überhaupt nur möglich ist, dass ein\nComponist, und vollends ein Componist von solchem Ta-\nlent, solchem Verstand und solcher Bildung wie Gounod,\nsich entschliessen kann, die Heiligkeit seiner Aufgabe zu\nentweihen, die keusche Muse der Tonkunst zu zwingen,\nsich ihres Schmuckes zu entkleiden und einen Wechselbalg\nvon Drama damit zu behängen—das ist kaum begreiflich.\nEs beweis't leider die Entsittlichung der Künstler, ihren\nAbfall von dem Gultus des Schönen zu der Götzendienern\nder grossen Menge gegenüber, welche in dieser Beziehung\nihr Kaiser mit Hecht eine „entartete Nation\" nennen\nkönnte. Hat doch die dritte Vorstellung am Aschermitt-\nwoch zum Entsetzen der ganzen Kritik über 9000 l'rcs.\neingebracht! Will man noch besseren Beweis über den\no •\nWerth des Kunstwerkes?\nNun, setzen wir uns vor den Vorhang! Wir wissen\nschon ungefähr, was wir von dem „biblischen\" Inhalt des\nDrama's zu hallen haben, denn der Moniteur man be-\ndenke, welche Ehre, welche Protection! das officielle\nStaats-Organ, hat die Skizze desselben mehrere Tage vor-\nher „mitgetheilt\", offenbar in höherem Auftrage, dessen\nsich Herr de Rovray-Fiorentino als gewandter Schalk ent-\nledigt hat.\nDas Orchester bringt eine Einleitung zu Gehör,\nwelche ihr Motiv durch Cornets, dann durch Posaunen\nausspricht und zu einem grossen Eflect des Ganzen heran-\nwächst:— im Grunde ist es aber nur eine hübsch gemachte\nKlangwirkung, bei der in mir unwillkürlich ein sonderba-\nrer Verdacht aufstieg, der sich nachher vollkommen be-\nstätigte, der Verdacht, dass Richard Wagner nicht ver-\nv\"> \"\ngeblich in Paris gewesen sei.\nDer Vorhang geht auf. Wir befinden uns in der\nWerkstatt Adoniram's. Wer ist das? Das ist der Bau-\nmeister, Bildhauer in Marmor und Erz, Giesser, kurz, der\nMichel Angelo des Königs Salomo, der ihm den Tempel\nbaut und schmückt, und eben im Begriffe ist, das „Meer\nvon Erz\" zu giessen, „das auf zwöll Bindern stand, so\ndass alle ihre Hintertheile inwendig waren\" (I. Buch der\nKönige, Cap. 7). Aber Adoniram ist weit mehr als das,\ner stammt von „göttlichem Geschlecht\", commandu t „hun-\nderttausend Arbeiter\", hat dienstbare Geister in der Luit\nund geberdet sich aul Erden zuweilen der Alt, das>"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.2", "texte": "man—wje mjr Eingeweihte versichern —in ihm den er-\nsten Meister vom Stuhl der Loge zu Jerusalem ahnt. In\neinem recitativartigen Arioso beruft er sich auf seine gött-\nlichen Ahnen, was ihn aber nicht hindert, seinen socialisti-\nschen Zorn darüber auszusprechen, dass er einen Palast\nder Ueppigkeit und Wollust baue, und: „das nennt man\nschaffen für die Ewigkeit!\"\nDieser Gesang ist höchst gewöhnlich; er beginnt breit,\naber ohne die geringste Originalität, und dass am Ende\nzu dem Arioso-Stil des Ganzen ein Violin-Solo tritt, macht\nihn nicht besser. Nach der Opern-Schablone kommt\njetzt eine Romanze; ein Schüler (Sopran) erzählt dem Mei-\nster in zwei Couplets, dass „die Königin des Morgens\"\neinziehe und dass alles Volk und alle Arbeiter ihr entge-\ngen strömen. Die Claque intonirte Applaus für die ganz\nfarblose Melodie, die nur durch die Begleitung bei der\nzweiten Strophe etwas interessanter wird.\nJetzt treten drei Schwarze, d. b. schwarz Gekleidete,\nauf; es sind drei Arbeiter, unzufriedene pariser, ich wollte\nsagen: jerusalemer Socialisten. Sie verlangen „höheren\nLohn\"! Warum? „Weil die Menschen alle gleich sind!\"\nAdoniram rüffelt sie gehörig und lässt sie stehen. Sie\nschwören ihm Verderben. Man merke wohl dieses erha-\nbene Motiv des tragischen Ausgangs! Die ganze Scene\nkennen wir aus Meyerbeer's Propheten. Auch die Musik\nist, ohne eigentliche Reminiscenz, dennoch in den Formen\njener Scene so analog, dass ein hiesiger Kritiker sogar\nsagt: „Vielleicht lag diese Aehnlichkeit in Herrn Gounod's\nIntention!\"\nDie Scene verändert sich: prachtvolle Decoration,\nVorhalle und Giebel des Tempels, Prospect auf Jerusalem.\nPompöser Zug. Die Königin von Saba, geleitet von Sa-\nlomo, umgeben von glänzendem Hofstaate und einer Masse\nVolkes. Scene und Musik erinnern an den Marsch mit\nChor in Halevy's „Jüdin\", halten aber den Vergleich da-\nmit in musicalischer Hinsicht nicht aus.\nNun musst Du aber wissen, dass diese Carrirte und\nBarbierte Königin eine höchst unbiblische Abenteurerin,\ngenannt Balkis, ist, welche den weisen Salomo betrügt\nund sich mir nichts dir nichts in den hebräischen Michel\nAngelo verliebt und eine Revolution anzündet. Ahrist Du\nnicht die erhabene Tendenz: „Das Genie über den König!\"?\nUnd dieser Salomo, der glücklicher Weise hier Soliman\ngenannt wird, sonst würde die Authenticität der Bibel um\nalles Ansehen kommen, müsste Soliman das Schaf heissen,\nso läppisch benimmt er sich und so eine jämmerliche Rolle\nspielt er im ganzen Drama.\nDoch schreiten wir mit den Dichtern und dem Com-\nponisten weiter. Soliman schmachtet und zerschmilzt vor\nBalkis, er legt ihr sein Reich und sein Herz zu Füssen.\nSie hört ihn zwar an, gibt ihm auch einen Ring zum Zei-\nchen der Verlobung, begehrt aber den grossen Meister\nAdoniram zu sehen. Man schickt nach ihm, und der gute\nKönig benutzt die Zwischenzeit zu folgender Charakteristik\ndesselben:\nC'est nn bizarre personnage,\nSombre et reveur, presque sauvage,\nQue m'envoya le roi de Tyr;\nSon origine est un mystere:\nA milieu des bumains il semble solitaire!\nYous le verrez: il va venir.\nEr kommt, und Balkis entbrennt auf der Stelle für\nihn. Als er vollends mit seinen Armen geheimnissvolle Zei-\nchen in die Luft telegraphirt und auf diesen allmächtigen\nWink die Arbeiter herbeiströmen, ist sie der Bewunde-\nrung voll und hängt ihm eine reiche Halskette um.\nMusicalisch genommen, ist dieses Finale mit Geist be-\nhandelt; das Orchester ist reich und glänzend instrumen-\nlirt und die Stimmen sind mit Geschick in den harmoni-\nschen Guss des Ganzen eingefügt; aber, aber die er-\nstrebte Grossartigkeit liegt nicht im originellen Charakter,\nim kühnen Wurf melodischer Motive in Chor und Orche-\nster, sondern nur in blendender Klangwirkung, und dess-\nhalb wird sie eben so monoton, wie bei Wagner.\nIm zweiten Acte sollte alles Decorative und Maschi-\nnenkünstliche, das je da gewesen, übertroffen werden.\nWasserfälle, Meereswogen, feuerspeiende Berge sind ab-\ngenutzt: aber eine Masse von glühendem Erz, welche die\nForm sprengt und über die Bühne strömt, das war etwas\nNeues. Kurz, durch Verrälherei der drei Schwarzen sollte\nder Guss des „ehernen Meeres\" vor den Augen des Pu-\nblicums missglücken. Man sagt, der Kaiser habe das\nKunststück wegen Feuersgefahr untersagt; Andere be-\nhaupten, die Illusion sei durch die winzige Wirkung des\nVersuchs in der Probe bis zum Lächerlichen herabgedrückt\nworden. Kurz, die Scene blieb weg, und wir kamen da-\ndurch wenigstens eine halbe Stunde früher zu Bett.\nStatt der strömenden G.luth eröffnet den zweiten Act\neine hübsche Scene zweier Frauenchöre. Die Sabäerinnen\nbesingen die Morgendämmerung; zu ihnen treten die Jü-\ndinnen und begrüssen sie. Dann ergehen sie sich in einem\ndialogischen Wechselgesang, der zuletzt in Einen Chor zu-\nsammendiesst. Dies ist ein anmuthig melodisches, liebliches\nund frisches Musikstück von reinem Geschmack; es gefiel\nsehr und musste wiederholt werden. Balkis erscheint und\nlässt sich das unvermeidliche Ballet des zweiten Actes vor-\ntanzen. Es dauert dieses Mal entsetzlich lange, selbst für\ndie Pariser, trotzdem dass die Sabäerinnen aus den schön-\nsten Tänzerinnen gewählt sind und die reizende Zina darin\nauf und ab schwebt und die göttliche Livry mit einem"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.3", "texte": "Violin-Solo um die Welle tanzt. Das letztere, wie auch\nein Flöten-Solo und andere Einzelheiten sind nicht übel,\naber im Ganzen hat auch die Ballelmusik keinen rechten\nSchwung.\nEndlich langweilt sich Balkis, wie der grösste Theil\nder Zuschauer schon längst, und schickt das ganze Corps\nfort.\nSie hat die Kunde von dem Verrath der drei Schwar-\nzen vernommen, durch den der Guss des ehernen Meeres\nverunglückt ist, gesteht ihrer Vertrauten ihre heisse Liebe\nzu Adoniram, und da sie gerade gut bei Stimme ist, so\ndrückt sie ihre Gefühle in einer Art von Arie aus, die\naber sehr kalt aufgenommen wurde.\nDa tritt Benoni (jener Schüler Adoniram's) eilig auf\nsein Meister folgt ihm auf dem Fusse und erzählt,\ndass „mit Hülfe dienstbarer Geister, welche die ganze\nNacht gehämmert und geklopft haben\", der neue Guss\ndes Meeres von Erz gelungen sei und auch die Sphinxe\nvollendet aus den ungeheuren Sandformen erstanden sind.\nDas Orchester begleitet die ganze Erzählung mit Instru-\nmental-Malerei. Adoniram erscheint; vertraute Liebes-\nscene in der Musik mehr geschickt gemacht, als von\nwahrem Gefühl und Genie inspirirt. Zum Schluss des Actes\npomphaft instrumentirtes Ensemble zwischen Adoniram\n(Tenor) und drei Sopranen (Balkis, die Vertraute und Be-\nnoni). Im Hintergrunde das Schicksal in Gestalt der lau-\nernden drei Schwarzen!\nDritter Act. Wir sind in dem Garten Soliman's. Tanz\nund Chor, obwohl recht hübsch und interessant, zerstreuen\nden Armen nicht, der bereits vier Tage auf seine Verlobte\nwartet. Er sagt es uns selbst:\nOui, depuis quatre jours, hommes d'armes, l^vites,\nTout veille, tout est pret la flamme sur Taute!,\nEt quand l'heure est venue, au moment solennel,\nOh perfide Balkis! tu me fuis, tu m'evites:\nTu ris de ma cr^dulit^!\nJa, zum Lachen ist freilich die traurige Rolle, die er spielt.\nIndess gewinnt die Liebe in einem sehnsüchtigen Arioso\nmit Hülfe eines Violoncell-Solo's die Oberhand über den\nVerdruss. Auch dieses Stück in E-dur ist hübsch gemacht,\naber es erwärmt nicht, zumal da die Situation es unmög-\nlich macht, irgend ein Interesse an diesem Sultan zu neh-\nmen. Da kommen die drei Schwarzen und giessen das\nGift der Eifersucht in sein Herz. Es bewirkt einen Augen-\nblick einen lebhafteren Pulsschlag bei ihm, aber nicht\nlange; denn Adoniram erscheint an der Spitze von Volks-\nmassen, und der König kriecht vor dem Genie wieder zu\nKreuz. * .1\nAdoniram droht mit der Macht seiner Popularität:\nA cent mille ouvriers Adoniram dicte sa loi *\nJaillisse une etincelle, et Sion est en flamme:\nQui de vous osera porter Ja raain sur moi?\nSoli in Q ii will ihn versöhnen, um ihn dann leichter entfer-\nnen oder beseitigen zu können. Der Göltersohn schlägt\nalle Anerbietungen aus der Hand des „Ilirtensobnes\" aus,\nverbannt sich selbst in seinem Stolze und nimmt grossmü-\nthig von allen seinen Schätzen nichts mit, als — seinen\nMantel!\n„Je n omporterai que mon manteau!u\nDann zieht er ab; Soliman lässt ihn ziehen, hat aber nichts\ndagegen, dass die drei Schwarzen ihm eine Falle stellen.\nDa erscheint. Balkis. Man begreift freilich nicht, warum\nsie nicht mit dem Geliebten nach Arabien abgereis t, woran\nsie Niemand hinderte; allein sie ist zu gewissenhaft, sie\nwill erst ihren Verlobungsring wieder haben! Desshalb\nsingt sie dem Könige ein verführerisches Lied vor (wieder\nmit Violoncell-SoloÜ), das sehr lebhaft applaudirt wurde,\nlässt die Tafel mit köstlichen Speisen und Weinen be-\nsetzen, und da Soliman, halb berauscht, sich einige Frei-\nheiten erlauben will, winkt sie ihrer Amme, die ihm einen\nSchlaftrunk in den Becher practicirt. Die edle Königin von\nSaba zieht ihm ihren King vom Finger, und mit den Ab-\nschiedsworten :\nLa ruse m'enchaina (?), la ruse me ddlivre;\nAvec ce breuvage enchante\nTu buvais k longs traits le sommeil qui t'enivre\nEt qui me rend ma libertd !\nmacht sie sich aus dem Staube.\nUebrigens ist dieses Finale des dritten Actes dem\nComponisten noch am besten gelungen; es ist mehr Le-\nben und Schwung darin, als in den anderen Nummern,\nund trotz der gemeinen Situation erhebt sich die Musik\nzuweilen merkwürdiger Weise über das Gewöhnliche.\nDer vierte und letzte Act ist geradezu scheusslich. Im\nFelsenthal des Kidron erscheint Adoniram; wie Tamino\nsucht er rechts, links, im Hintergrunde einen Ausweg,\nüberall tritt ihm Einer von den drei Schwarzen entgegen.\nMit blanken Stilets schreiten die Banditen an ihn heran\nund erdolchen ihn eben. Das Orchester spielt dabei die\nHauptrolle; der Arme ruft in den letzten Zügen: „Balkis!\nBalkis!\" und drei dumpfe Paukenschläge verkünden, dass\ner den Geist aufgegeben.\nBalkis stürzt herein — irop indess hat sie doch\nnoch Gelegenheit zum Verzweifeln und durch ihr Wehe-\ngeschrei ihr Gefolge herbeizurufen; da das Ende der Oper\nein Tableau nölhig hat, so füllen sich die Berge mit\nFackelträgern, und es fehlt nur noch das bengalische\nFeuer, um die erste Opernbühne der Welt in einen Kunst-\nreiter-Circus zu verwandeln.\n\n[*]"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.4", "texte": "Nach mehr als vier Stunden schiebt man sich um halb\nein Uhr Nachts aus dem Tempel, athmet die Luft mit\nvollen Zügen und was nimmt man mit nach Haus?\nNichts, gar nichts, höchstens eine Erinnerung an den\nFrauenchor im Anfang des zweiten Actes.\nDas Merkwürdigste ist, dass (trotz der vielen Instru-\nmental-Solo's) die Musik im Ganzen die monotonen For-\nmen, die psalmodischen Declamationen, mit Einem Worte:\ndie ganze Manier des Wagner'schen Opernstils copirt!\nUnd nun denke man sich diesen Stil auf einen Text, wie\nden geschilderten, angewandt! Dass Gounod einer der be-\ngabtesten französischen Componisten unserer Zeit ist, viel-\nleicht von allen der begabteste, das wird Niemand läug-\nnen; schon Vorjahren haben meine Briefe auf sein Talent\nund seine Richtung aufmerksam gemacht, und gegenwär-\ntig macht ja sein „Faust\" auf den deutschen Bühnen die\nRunde. Während des Tannhäuser-Sturmes nahm er ent-\nschieden Partei für Wagner; wenn er aber jetzt sich ab-\nmüht, durch die That in dessen Fusstapfen zu treten, so\nruft ihm eines der hiesigen kritischen Journale mit Recht\nzu: „Wir müssen es mit tiefem Bedauern, aber mit dem\nFreimuth, den man einem Genie, das sich verirrt, schuldig\nist, aussprechen, dass Herr Gounod sich in eine um so be-\ndauernswerthere Stilgattung geworfen hat, als es ihm zu\neiner verzeihlichen Durchführung derselben eben so sehr\nan Wagner's interessanten Excentricitäten, als an der\ndeutschen Tiefe fehlt.\" (France mus., Nr. 9.)\nAusführlicher spricht sich J. d'Ortigue (im Menestrel,\nNr. 15) aus: ' • •\n„Gounod hat allerdings in dieser Oper sein grosses\nTalent gezeigt; in Hinsicht auf die Factur, auf das Metier,\nauf die Geschicklichkeit kann das Werk nur seinen Ruf\nerhöhen. Allein es ist trotzdem nicht weniger wahr, dass,\nmit Ausnahme der beiden Frauenchöre und einiger Me-\nlodieen in der Ballelmusik, es rein unmöglich ist, in der\nganzen Partitur eine von jenen packenden Nummern nach-\nzuweisen, deren Motive sich auf der Stelle dem Gedächt-\nnisse einprägen, weil sie den Stempel eines geistvollen\nSchadens tragen, das aus der wahren Empfindung der\nSituation entsprungen ist.\n„Man kann freilich sagen: Wo soll bei einem Drama,\ndas keine poetischen Situationen darbietet, eine wirkungs-\nvolle Musik herkommen? Allein es handelt sich noch um\netwas Anderes. Ich stehe an, es auszusprechen, aber ich\nmuss mich doch dazu entschliessen. Hat Gounod sich nicht\nbis zu einem gewissen Grade durch die Tendenzen einer\nvielbesprochenen, aber unglücklichen Schule hinreissen\nlassen, welche aus dem musicalischen Drama jede formelle\nGliederung, jeden Wechsel der Gegensätze und der Bewe-\ngung und somit alles Leben verbannen und das Ganze in\neine vage und monotone Melopöenforra giessen will? Muss\nman das nicht glauben, wenn man sieht, wie er sich Mühe\ngibt, seine Recitative in die Länge zu ziehen, schleppend\nzu machen und nicht durch bestimmte Sonderung von den\nübrigen Gesängen zu unterscheiden? Es wäre traurig,\nwenn Gounod, durch gewisse Theorieen verführt, deren\ngrösster Fehler ist, dass sie der menschlichen Natur nicht\nRechnung tragen, die unterscheidende Eigenschaft seines\nTalentes verkennen sollte, welche ihm in Frankreich und\nim Auslande so ehrenvolle Theilnahme erworben hat: das\nTalent des melodischen Flusses, der Klarheit und Ver-\nständlichkeit und der reinen Formgestaltung. Möge er nicht\ngegen sein eigenes Fleisch wüthen!\"—\nEben so aufrichtig ist die Revue et Gazette musicale.\n„Die Partitur der Oper ist unendlich besser, als der Text;\nsie zeigt überall Talent, die Hand des geschickten, geist-\nvollen Meisters ist nirgends zu verkennen, und dennoch\nfehlt viel daran, dass es eine gute Partitur sei. Es weht\nund herrscht darin ein gewisser Systemgeist, und das Sy-\nstem besteht in der Vorliebe zu einer—mit seltenen Aus-\nnahmen stets gleich breiten, gleich unbestimmten, in\nRewegung, Rhythmus und Farbe gleich eintönigen Form\nder Melodie. Das kommt uns wie ein musicalischer Pan-\ntheismus vor. Wo Alles Gott ist, ist Nichts Gott. Beim\nAnhören dieser Musik war es uns, als sähen wir ein trü-\nbes Bild in duftigen, verschwimmenden Umrissen vorüber-\nschweben, dessen unsicher angedeutete charakteristische\nZüge man kaum wahrzunehmen, geschweige denn deutlich\nzu erkennen vermochte. Das Orchester ist beständig reich\nund voll, aber hervorstechende Motive darin sind selten.\"\nDagegen ist der Bericht von H. Berlioz eine wahre\nBlamage für ihn. Während alle musicalischen Blätter sich\nunbefangen äussern und sich völlig von der gewöhnlichen\nLiebedienerei gegen die Direction der kaiserlichen Oper\nemancipiren, kann man bei Berlioz kaum zwischen den\nZeilen lesen, dass er sich fürchterlich gelangweilt hat, was\ndoch Jedermann hier weiss. Das Einzige, woraus man in\nden Debats erkennen kann, dass die Königin von Saba\neine Fehlgeburt war, ist, dass Berlioz noch nie ein so fa-\ndes und nichtssagendes Feuilleton geschrieben hat, als die-\nses Mal. Nachdem er das Buch auf sechs Spalten analysirt\nhat, ohne irgend einen Tadel über ein so unsinniges Mach-\nwerk auszusprechen, fügt er mehr als bescheiden oder ge-\nfällig nur hinzu, „dass die Aufgabe, es in Musik zu setzen,\nihm sehr schwierig erscheine; Gounod habe jedoch als ge-\nschickter Musiker mit Glück die Haupt-Situationen des\nDrama's wiedergegeben; es sei nicht seine Schuld, wenn\ner nicht immer die.Klippe der Monotonie habe vermeiden\nkönnen.\" Das Letzte ist ganz unwahr; denn das Buch\nmag so schlecht sein, wie es wolle, an dem psalmodiren-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.5", "texte": "den, formlosen Einerlei der Musik ist es nicht schuld. Im\nUebrigen windet der berühmte Kritiker und Componist\nsich durch, klagt freilich auch über den anderthalbstündi-\ngen Ballet-Act, spricht auch wohl von instrumentalem Lu-\nxus, weiss aber für die Fehler glänzende Hüllen zu finden,\nwie er z. B. dem einen Chor „bei der grossen Menge von\nlangsamen Tempo's in der Partitur\" etwas weniger Feier-\nliches wünscht soll heissen: weniger Langeweile und\nmehr Leben.\nMan wird sagen: „Wie ist es aber möglich, dass ein\nPublicum, welches noch vor Kurzem seine Begeisterung\nfür Gluck und dessen Alceste so manifestirt hat, nach der\nReine de Sabaströmt?\" Darauf werde ich in meinem\nnächsten Briefe antworten. Für jetzt nur so viel. Berlioz\nsagte einmal, als er von Weimar zurückkam, über das\ndortige Treiben; „Tout ceb n'estpas serieux.u Das ist\ndas beste Motto auch auf den neuen pariser Gluck-Enthu-\nsiasmus.\n\nB. P.\n\nClavier-Compositionen von Hans Seeling.\nL.\nVon Hans Seeling, den wir als einen sehr bedeuten-\nden ausübenden Künstler auf dem Pianoforte vor einiger\nZeit kennen lernten, liegt uns eine Reihe von Musik-\nstücken vor, die zwar alle den Charakter der heutzutage\nbeliebten Gattung der so genannten Salonmusik tragen,\njedoch in dem Rahmen derselben mannigfache Bilder ge-\nben, welche ihr Leben einer besseren und mehr künstle-\nrischen Richtung zu verdanken haben, als man bei den\nmeisten Anbauern dieses Feldes der musicalischen Tages-\nLiteratur findet. Während es bei diesen nur von buntfar-\nbigen, geruchlosen Blumen wimmelt, die eben so schnell\nwelken, als sie aufgeschossen sind, können wir uns hier\nan der Pflege und dem Duft gar mancher anmuthigen und\ndauernden Pflanze erfreuen, zu der wir auch öfter gern\nzurückkehren.\nMan kann nicht sagen, dass Seeling eine durch Origi-\nnalität hervorstechende Eigentümlichkeit offenbare; es\nthut einem wohl, dass man nicht gewahr wird, dass er\ndanach sucht, und dass dennoch bei dem Festhalten an\nden besten Vorbildern dieser Gattung, wie Chopin, Men-\ndelssohn, Henselt, St. Heller u. s. w., sich ein gewisses\nsubjeclives Colorit kenntlich macht, das uns anspricht und\nfesselt. Zu den Stücken, auf welche das Gesagte vorzüg-\nlich passt, rechnen wir die Lorelei, Op. 2, das Not-\nturno in Op. 3, besonders auch das Allegro in\nOp. 5, zwei Poesieen, Op. 7, über Gedichte von Heine\nund Alfred Meissner. Andere Stücke, wie die Barcarole,\nOp. 9, die Idylle Op. 6, zwei Impromptu's, Op. 8, haben\nuns weniger angesprochen.\nAlle diese Sachen haben auch den Vorzug, dass sie\nnicht zu schwer auszuführen sind und doch vortreffliche\nGelegenheit geben, sich im Vortrage des modernen Stils\nund in der Technik zu üben. Sie sind desshalb Dilettanten\nund Dilettantinnen, die nicht bloss nach Operngeklimper\nund Tanzmusik haschen, zu empfehlen.\nAm bedeutendsten sind die zwölf Concert-Etu-\nden, Op. 10 , zwei Hefte, der Frau Wilhelmine Szar-\nvady, geb. Clauss, gewidmet (Preis je 1 Thlr. 15 Ngr.\nSowohl die Helte als die Etüden sind auch einzeln zu ha-\nben). Sie haben fast alle mehr den Charakter der Grazie\nund Weichheit, als der Schroffheit und des Sturmes und\nDranges, und wenn auch hier und da und\npitoso vorgezeichnet ist, so ist's eigentlich doch nicht so\narg damit gemeint. Daher denn auch nirgends Geklapper\nund Gehämmer, sondern fast durchweg gebundenes Spiel,\nLegato-Figuren, welche, einfach oder in Doppelgriffen, sich\nglänzend genug zeigen. Wir machen aus diesem, wenn\nman will, zahmeren Wesen seiner Etüden dem Compo-\nnisten keineswegs einen Vorwurf: im Gegentheil, wir sind\ndes ewigen Weltschmerzes und der Raserei und Klopf-\nfechterei herzlich überdrüssig und freuen uns, Virtuosen-\nstücke zu spielen, auf deren melodischem Strome man sich\nohne Gefahr des Schiffbruchs ins weite Meer hinaus wa-\ngen kann, während man doch das anregende Schauspiel\nder wogenden und schäumenden Wellen nicht entbehrt.\nNur Eine Etüde ist in lauter gebrochen anzuschlagenden\nAccorden geschrieben, curios, aber monoton. Die doppel-\ngriffigen sind besonders schön, am grossartigsten die letzte\n(Nr. 12 in Es-moll, 4/4, Appassionato assai), in welcher\nder durchgeführten dreistimmigen Triolen-Figur:\neine Art von Cantus firmusin ganzen Noten untergelegt\nist; es gehört aber ein tüchtiger Spieler dazu.\nDie genannten Werke sind alle zu Leipzig im Ver-\nlage von Bartholf Senff in schöner Ausstattung er-\nschienen.\n\n„Joseph Haydn und sein Bruder Michael“.\nDies ist der Titel eines Heftleins von 48 eng, aber\nzierlich gedruckten Octavseiten (Wien, bei Rud. Lechner,\n1861), dessen Verfasser sich unter dem Vorwort Dr."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.6", "texte": "Constant von Wurzbach nennt und ähnliche Arbei-\nten über Beethoven und Gluck gemacht hat, die uns nicht\nzu Gesicht gekommen sind.\nDie Lebensskizzen sind sehr dürftig; verdienstlicher\nsind die bibliographischen und literarischen Nachweisun-\ngen und die Angaben mehrerer Einzelheiten, was alles zu-\nsammen immerhin einem künftigen Biographen J. Haydn's\nnützlich sein kann. Unter den Quellen nennt der Verfasser\nöfters eine Schrift von Tb. G. von Karajan: „Joseph\nHaydnin London 1791 u nd 1792\", in welcher nach\nS. 57 Briefe Haydn's an eine seiner grössten Verehrerin-\nnen, Frau von Genzinger in Wien, aus den Jahren 1789\nbis 1792 abgedruckt sind. Diese Schrift kennen wir nicht;\nsie soll interessante Details über die zwölf londoner Sin-\nfonieen enthalten.\nEben so unbekannt dürfte sein, was wir S. 33 lesen,\ndass pariser Journale schon im Jahre 1805 eine Nachricht\nvon J. Haydn's Tode brachten (es konnte keine Verwechs-\nlung mit Michael Haydn sein, denn dieser starb auch erst\n1806), und dass Mozarl's Requiem bei dem Traueramte\nin Paris gemacht worden sei. Als es Haydn erfuhr, sagte\ner: „Die guten Herren! ich bin ihnen recht zu Danke ver-\npachtet lür die ungeahnte Ehre. Wenn ich nur die Feier\ngewusst hätte, ich wäre hingereis't, um die Messe zu diri-\ngiren.\"— Haydn's vieljähriger Copist war J. Elsler, der\nVater der berühmten Fanny Elsler; seine Handschrift wird\noft für die autographische Haydn's ausgegeben.\nEin Curiosum ist folgende Stelle aus dem Aufsatz eines\nPastors Triest über Haydn in der Leipz. Allgem. Musik-\nZeitung vom Jahre 1809, Nr. 24:\n„Aber in welcher Gattung von Tonkünsten ist Haydn\nwohl am grössten und musterhaftesten? Diese Frage muss\nman fast bei jedem bedeutenden Tonkünstler thun; denn\nman (ordert von ihm, dass er nicht bloss viel, sondern auch\nvielerlei schreibe. Nun ist es zwar gewiss, ein echter Künst-\nler erregt in jedem Fache seiner Kunst, das er bearbeitet,\nInteresse; aber es bleibt auch eben so ausgemacht, dass\nselbst das grösste Original-Genie, besonders zu einer Zeit,\nwo die Kunst aus einer kleinen Pflanze zu einem vielästi-\ngen Baume herangewachsen ist, nur in einem oder eini-\ngen Theilen derselben mit ausgezeichnetem Glück arbeiten\nkann. Und so lürchte ich denn nicht, gegen das Urtheil\nder meisten Kenner und Kritiker anzustossen, wenn ich\nfolgende Classification der Werke Haydn's aufstelle. Den\nersten Bang nehmen unbezweifelt seine Symphonieen\nund Quartetten ein, worin ihn noch Niemand übetrof-\nfen hat. Den zweiten seine Compositionen für'sCla-\nvier, doch hierin nur durch das Empfindungsvolle, Zarte\nund bei aller Künstlichkeit Fassliche hervorragend; denn\nin anderer Hinsicht möchten ihm (ausser Mozart) auch\nnoch manche neuere Clavier-Componisten, besonders Muzio\nCiementi mit seinem Feuergeiste (ja, vielleicht in der F\"olge,\nwenn sich das wild Schwärmende gelegt hat, ein Beetho-\nven), den Rang streitig machen. Hiernächst folgen seine\nKirchenstücke und zuletzt seine Theaterwerke, so\nweit nämlich diese bekannt geworden sind. Den Beleg zu\ndieser Bemerkung gibt unter Anderem sogar das Werk,\nwelches so ausserordentliche Sensation erregte (heinahe so\nviel, wie Mozart's Zauberflöte), nämlich Die Schöpfung.\nVon diesem Werke wage ich es, zu behaupten, dass es\nHaydn's echtem Kunstruhme (nämlich nicht dem, den der\ngrosse Haufe gibt) weder etwas entziehen, noch etwas zu-\nsetzen könne. Die Ehrfurcht gegen den grossen Mann darf\nuns nicht verblenden, die Forderungen der Aesthetik an\nein solches Werk zu übersehen. Und was kann diese wohl\nzu einer in Musik gesetzten Naturgeschichte oder Geogonie,\nwo die Gegenstände wie in einer magischen Laterne vor\nuns vorübergehen, was kann sie zu den immerwährenden\nObjectmalereien, zu dem Gemisch des Kirchen- und Thea-\nter-Stils (das zeigt uns, wie weit es mit jenem in den dor-\ntigen Gegenden schon gekommen ist), mit Einem Worte:\nzu der Tendenz des Ganzen sagen? Muss es nicht jeden\nVerehrer Haydn's schmerzen, die grosse Kraft dieses Man-\nnes zum Nachtheile der Kunst (denn solche Beispiele sind\noft gefährlich) an einen Text verschwendet zu sehen, der\nseiner nicht würdig ist? Nur dann dürften die überaus\nschönen, herrlichen Chöre uns gegen die ästhetischen Miss-\ngriffe der meisten übrigen Theile entschädigen, wenn man\nsich von den leszten (wie vielleicht Mancher bei der Anhö-\nrung gewünscht hätte) den Text wegdenkt.\" (!)\nIn den wenigen Blättern (S. 40 4B), welche Mi-\nchael Haydn gewidmet sind, dürfte das Verzeichniss seiner\nCompositionen das Interessanteste sein, obschon dessen In-\nhalt sich dem bei Weitem grösseren Theile nach schon in\nGerber's neuem Tonkünstler-Lexikon findet. Ausser Sin-\nfonieen, Quartetten, Ouvertüren und Sonaten ist die Zahl\nseiner Kirchen-Compositionen Legion! An 30 Messen, 3\ngrosse Oratorien, 114 Graduale, 4 Requiem, 5 Te Deum,\nmehr als 24 Offertorien u. s. w.! Was davon gedruckt ist,\nwurde ihm meist von Copisten abgestohlen und von diesen\nverhandelt; er selbst hatte und wollte auch keinen Gewinn\ndavon, was ein Ablehnungsschreiben an Breilkopf und\nHärtel bestätigt, das noch vorhanden ist. Ein Gehalt von\n600 Gulden war sein ganzer Reichthum und stellte ihn\nvollkommen zufrieden. Glückliche Zeiten und glückliche,\nauf Eines in der Welt concentrirte Charaktere!"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.7", "texte": "Aus New-York.\n\nDen 15. Januar 1862*).\nIch hätte Ihnen längst einen ausführlichen Bericht\nüber das hiesige Musiktreiben gesandt, wenn nicht das\nKriegsgetümmel die Musen verscheucht oder wenigstens\nin Stille unterzukriechen gezwungen hätte. Zwar sind wir\nhier glücklicher Weise noch weit genug entfernt von den\nGefilden des blutigen Ruhmes, allein des Trommeins und\nPfeifens und des Lärmens und Bramarbasirens ist kein\nEnde, und den Musicanten bleibt nichts übrig, als mit den\nanderen allen in die Trompete und Posaune zu stossen.\nDa dies nun eben nicht meine Lieblings-Instrumente sind,\nso muss ich es für ein grosses Glück halten, dass wenig-\nstens die philharmonische Gesellschaft noch wie\neine grünende Oase aus der Wüste hervorragt und sich\nso gut wie möglich gegen den Sand abzudämmen sucht,\nmit dem der Sturmwind auch sie zu verschütten droht.\nHerr Theodor Eisfeld, der erst im Herbste vori-\ngen Jahres von seiner Reise in die deutsche Heimat zu-\nrückgekehrt ist, leitet die Concerte der Gesellschaft wieder\nmit der Umsicht und Energie, die wir an ihm gewohnt\nsind. Seit zwölf Jahren hat dieser tüchtige Künstler hier\neine hervorragende oder, noch richtiger: eine dominirende\nStellung eingenommen, in welcher er dem ganzen Musik-\nwesen in New-York eine edle Richtung auf das Gediegene\nund Classische zu geben rastlos und mit grossem Erfolg\ngestrebt hat. Trotzdem, dass die gesammte hiesige Musik-\nwelt dies vollständig anerkennt, oder vielleicht gerade dess-\nhalb, suchte eine kleine Anzahl von Neidern, vertrauend\nauf den Spruch: „Les absents ont toujours tort\", der hier\nmehr als irgendwo eine Wahrheit ist, seine längere Ab-\nwesenheit zu benutzen, um seinen americanischen Patrio-\ntismus zu verketzern und das Gerücht auszustreuen, er\nkäme nicht wieder. Aber siehe, er kam wieder, und das\nganze Resultat des Manövers beschränkte sich auf einige\nKapereien von Unterrichtsstunden! Je nun, wir leben ja\nin Kriegszeiten!\nWichtiger könnte es sein, wenn man, wie einige deut-\nsche Correspondenten von hier in der leipziger Neuen Zeit-\nschrift für Musik thun, ihm den Vorwurf machen könnte,\ner vernachlässige die Compositionen der Zeitgenossen, na-\nmentlich der neuesten Schule. Dieser Vorwurf ist aber ein\nganz ungerechtfertigter. Denn was kann denn die so ge-\nnannte Fortschritts-Partei mehr von ihm verlangen, als\ndass er die Erzeugnisse ihres Haupt-Repräsentanten, des\n„Bahnbrechers\" Franz Liszt, wie ihn Brendel nennt,\nin den philharmonischen Concerten sehr gut einstudirt zur\nAufführung bringt? Noch im letzten Concerte hörten wir\nvon den „symphonischen Dichtungen\" die Prehdes, die\nuns, abgesehen von Dingen, wie:\nund anderen Barbarismen, den Eindruck eines effeclvollen,\ninteressant instrumentirten Clavier-Potpourri's machten.\nDass aber das Publicum die „Festklänge\" und den „Tas-\nso\", die wir ebenfalls genossen haben, nicht wieder haben\nwill, was kann dafür der Dirigent?— Von anderen neue-\nren Componisten kamen die „Serenade\" von Johannes\nBrahms aufs Programm, deren düslerer Inhalt den mei-\nsten Musikfreunden auch nicht besonders munden wollte,\nund von Ferd. Hiller kommt nächstens die Ouvertüre\nzum „Traum in der Christnacht\" und das Clavicr-Concert\nin Fis-moll zum Vortrage.\nDass in dem letzten Concerte neben den Präludien\nMozart's Sinfonie Nr. 5 in D-dur (4 Sätze), Mendels-\nsohn's „Hebriden\" und Beethoven's Viohn-Concert\ndas Programm bildeten und vom Publicum mit ganz an-\nderem Enthusiasmus aufgenommen wurden, das wird doch\nvor den strengen Richtern der musicalischen Bildung der\nZuhörer hoffentlich Gnade finden!\nHerr E. Mollenhauer spielte das Beethoven'sche\nViolin-Concert, das hier zum ersten Male gehört wurde.\nEr spielte natürlich das ganze Concert mit seinen drei\nSätzen, und die wunderbare Composition fesselte das Pu-\nblicum von der ersten bis zur letzten Note dermaassen,\ndass es mit lautloser Aufmerksamkeit dem Vortrage folgte\nund das Ganze mit nicht enden wollendem Applaus und\nEnthusiasmus aufnahm. Das halten wir für einen wirk-\nlichen Fortschritt! Herrn Mollenhauer gebührt ein\nehrenvoller Dank, der ihm denn auch in dem wiederhol-\nten Beifallssturm zu Theil wurde; er hat sich ein grosses\nVerdienst erworben und das Wagniss, denn das war es\nin der That, mit Glanz bestanden. Er ist ein ganz ausge-\nzeichneter Violinist; seine Intonation istuntadelhaft rein,\nnie eine Schwankung, nie ein zweifelhafter Ton, dabei\neine höchst bedeutende Technik und der würdigen Auf-\nfassung gemäss ein edler und gediegener Vortrag.\nDas Orchester der philharmonischen Gesellschaft zählt\n22 Violinen, 11 Bratschen, 6 Violoncelle, 6 Contrabässe\nund die Blas-Instrumente; unter den letzteren 4 Hörner,\n3 Posaunen und Bass-Tuba, bei den Trompeten Herrn\nL. Schreiber im Ganzen 67 Mitglieder ohne den Diri-\ngenten. Die deutschen Musiker bilden bei Weitem die\nMehrzahl.\n\n*) Ist uns erst in voriger Woche zugegangen.\nDie Kedaction."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18620315-01.1.8", "texte": "An einer italienischen Oper leiden wir bis jetzt noch\nnicht in dieser Saison. Es heisst, Herr Ullmann, der Na-\npoleon der Impresarii, wie man ihn hier nennt, sei zu\nSchiff, um in Europa neue Gesanggrössen zu fischen.\nGare ä l'hamecon!Wehe denen, die anbeissen!\n\nSt.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n14tfIn. Die fünfte Soiree für Kammermusik (am Dins-\ntag den I], d. Mts.) war eine der schönsten dieses Winters; sie ge-\nwährte allen Kunstfreunden ohne Ausnahme einen hohen, durch\nnichts gestörten oder schwankend gemachten Genuss, wie das stets\nnicht ausbleiben kann, wenn man classische Werke in solcher Aus-\nführung hört. Das Zusaminenspiel unseres gegenwärtigen Quartetts\nbietet in der That je länger, desto mehr eiu .so künstlerisch voll-\nkommenes Ganzes dar, dass ihm jetzt wohl nur wenige Quartett-Ver-\neine an die Seite gestellt werden dürften; übertrofFen wird es sicher\nvon keinem. Gewiss verdient die feine Ausführung in den ersten\nQuartett-Cirkeln von Paris ihren Ruf; allein, ganz unbefangen und\nohne allen Local-Patriotismus gesprochen, fehlt doch dort oft ein\ngewisses Etwas beim Vortrage von Mozart und Beethoven, das uns\nDeutsche hindert, uns dem Eindruck mit voller Sympathie hinzuge-\nben, während der Vortrag Haydn'scher Quartette allerdings unüber-\ntrefflich ist. Worin der verborgene Grund jener nicht ganz vollstän-\ndigen Befriedigung auch in Bezug auf Ciaviermusik liegt, ver-\nmögen wir freilich nicht zu definiren; aber wenn wir z. B. Be et-\nil oven's für Pianoibrte und Violoncell, wie eben am\nDinstag, von Hill er und A. Schmitt vortragen hören, so weht\nuns aus jedem Tacte eine so klare, wohlthuende Luft entgegen, dass\ndie Brust sich gehoben fühlt und die Bewunderung der vollendeten\nTechnik ganz und gar in der Empfindung der reinen Schönheit der\nComposition aufgeht.\nDie Sonate stand in der Mitte zwischen dem Violin-Quartett Nr»\n1 in Es-dur von Cherubini und dem Quintett Op. 29 in C-dur\nvon Beethoven (die Herren Grunwald, Derckum, von Kö-\nnig slow, Breunung, Schmitt). Das Quartett von Cherubiui,\ndas wir uns nicht entsinnen, früher hier gehört zu haben, gefiel sehr,\nwas bei den ansprechenden und originellen Motiven und der durch-\nsichtigen, rein wie in durchbrochenem Golde gearbeiteten Verschlin-\ngung der vier Stimmen bei jedem nicht verzogenen Publicum der\nFall sein wird. Begeisterung erregte die meisterhafte, von wahrhaft\nclassischem Geiste getragene Ausführung aller Sätze des Beethoven'-\nschen Quintetts, besonders aber des Adagio und des P'inale. Allen\nRespect vor den Nummern 100 bis 133! aber „es ist doch recht\nhübsch von einem grossen Herrn, so menschlich mit uns umzu-\ngehen\", wie er's in Opus 29 thut!\n*** Hannen. Am 8. März hatten wir hier in dem schönen\nConcordia-Saale ein Concert, welches, ohne dass Orchesterkräfte\ndazu aufgeboten worden, durch die Abwechslung der Productionen\nein sehr befriedigendes Ergebniss hatte und uns eigentlich zum er-\nsten Male recht schlagend bewies, welch einen Vorzug eine Orgel\neinem Concertsaale gibt. Herr Musik-Diiector Krause wurde in\ndiesem seinem Benefi/.-Concerte von den auswärtigen Künstlern Fräu-\nlein Julie Rothenberger aus Köln und Herrn Capellmeister und\nOrganisten Friedrich Lux aus Mainz unterstützt. Herr Lux er-\nöffnete das Concert mit dem Präludium und der Fuge über BACH\nvon J. S. Bach (mit eingelegter Cadenz) und bewährte sich durch\ndas edle und technisch vollendete, namentlich auch auf dem Pedal\nhöchst klare Spiel sofort als Meister der Orgel. Es folgten drei Ge-\nsänge a capella (Singverein und Liedertafel): Hauptmannes\n„Trauungsfeier\", Gade's „Wasserrose\" und Men d eis s o hn's „O\nsanfter, süsser Hauch\" rein und schön vorgetragen; das letztge-\nnannte musste wiederholt werden; das Gade'sche fiel gegen die bei-\nden anderen köstlichen Gaben etwas ab. Durch das Solo-Quartett\nim ersten, die Brief-Arie aus Don Juan, und Beethoven's „Trocknet\nnicht\" und „Freudvoll und leid voll\" riss Fräulein Rothenberger\ndas Publicum zu begeistertem Beifall hin; das letzte Lied musste\nsie wiederholen. Ihr seelenvoller Vortrag, so wie die Wahl sämmt-\nlicher Stücke verdienen die ehrenvollste Anerkennung. Auch die\nBallade Hannchen's aus dem vierten Theil von Haydn's „ Jahreszei-\nten\" (was den Schluss des Concertes machte, der etwas grossartiger\nhätte sein können) sang sie allerliebst. Herr Krause erfreute uns\ndurch die vortreffliche Ausführung der romantischen Clavier-Sonate\nin C-dur von C. M. von Weber und durch ein Präludium, Menuett\nund Toccata von seiner eigenen Composition. Hervorheben müssen\nwir noch besonders die Eröffnung des zweiten Theiles durch den\nVortrag einer Bearbeitung des Liedes 0 sanetissima für die Orgel,\ncomponirt und gespielt von Herrn Lux. Neben der trefflichen Stimm-\nführung, die für die Composition einnahm, erregte Herr Lux durch\ndie Behandlung der Orgel mit höchst interessanter, überraschender\nund wahrhaft ergreifender Registrirung ganz ungewöhnliches Auf-\nsehen und kaum enden wollenden Applaus. Sein Spiel war zugleich\nein Triumph für den Erbauer der Orgel, denn das Publicum er-\nkannte jetzt erst ganz, gemäss der Aeusserung des Herrn Lux selbst,\ndass diese Art der Intonirung sämmtlicber Stimmen der Bestimmung\neiner Concert-Orgel allein voilkommen entspreche.\nHerr Lux hatte die grosse Gefälligkeit, am Sonntag in der Kirche\nzu Unterbarmen vor einem engeren Kreise von Musikfreunden die\nSonate von Mendelssohn (Nr. 4, B-dur), Variationen von Ad. Hesse\nund eine freie Phantasie über einen Choral vorzutragen, so wie Mon-\ntag Abends im Concordia—Saale noch einige Stücke und auf Ver-\nlangen eine Wiederholung des O sanetissima zu spielen, wofür wir\nihm den grössten Dank schulden.\nDie darmstädter Oper soll unter Leitung des Herrn Directors\nTescher während der Ausstellung in diesem Sommer nach London\ngehen, um dort eine Anzahl deutscher Opern aufzuführen. Man\nnennt bereits Niemann, Ander, so wie einige andere musicalische\nBerühmtheiten, die zur Mitwirkung gewonnen sein sollen."}]}